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Das letzte Kapitel

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. ERSTER TEIL
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  1. ZWEITER TEIL
  2. 11. Kapitel
  3. 12. Kapitel
  4. 13. Kapitel
  1. DRITTER TEIL
  2. 14. Kapitel
  3. 15. Kapitel
  4. 16. Kapitel
  5. 17. Kapitel
  6. 18. Kapitel
  7. 19. Kapitel
  8. 20. Kapitel
  9. 21. Kapitel
  10. 22. Kapitel
  1. VIERTER TEIL
  2. 23. Kapitel
  3. 24. Kapitel
  4. 25. Kapitel
  5. 26. Kapitel
  1. FÜNFTER TEIL
  2. 27. Kapitel
  3. 28. Kapitel
  4. 29. Kapitel
  5. 30. Kapitel
  6. 31. Kapitel
  7. 32. Kapitel
  8. 33. Kapitel
  9. 34. Kapitel
  10. 35. Kapitel
  11. 36. Kapitel
  12. 37. Kapitel
  13. 38. Kapitel
  14. 39. Kapitel
  1. SECHSTER TEIL
  2. 40. Kapitel
  1. HISTORISCHE ANMERKUNGEN
  2. DANKSAGUNGEN

Über den Autor

Matthew Pearl wuchs in Fort Lauderdale, Florida, auf und studierte an der Yale Law School und an der Harvard University, der er später als Dozent für Literatur und Kreatives Schreiben erhalten blieb. Seine Romane DER DANTE CLUB und DIE STUNDE DES RABEN befanden sich wochenlang auf der New-York-Times-Bestseller-Liste und wurden in über dreißig Sprachen übersetzt. Heute lebt Matthew Pearl in Cambridge, Massachusetts.

Matthew Pearl

DAS LETZTE
KAPITEL

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Linda Budinger und Alexander Lohmann

1. KAPITEL

BENGALEN, INDIEN, JUNI 1870

Keiner der jungen berittenen Polizisten mochte diese Bezirke der Provinz Bagirhaut. Keiner von ihnen mochte den Dschungel, wo alles Mögliche geschehen konnte, ohne Grund und ungesehen, wie einige Jahre zuvor, als ein bedauernswerter Leutnant nackt ausgezogen, zusammengeschlagen und im Fluss ertränkt worden war, nur weil er versucht hatte, Steuern einzutreiben.

Die Beamten drückten die Fersen fester gegen die Flanken ihrer Pferde. Sie hatten keine Angst – sie waren nur vorsichtig.

»Sie müssen immer auf der Hut sein«, sagte Turner zu Mason. Sie wichen tief hängenden Zweigen und Ranken aus. »Für die Eingeborenen hier zählt ein Menschenleben gar nichts, glauben Sie mir. Da hat selbst der elendste Engländer ein größeres Gewissen.«

Mason lauschte den Worten seines Kameraden, der beinahe fünfundzwanzig Jahre alt war, und nickte nachdenklich. Er war beeindruckt von Turner: Turner hatte vor zwei Jahren mitgekämpft, als die Inder sich erhoben hatten, und er besaß noch zwei Brüder, die ebenfalls aus England herübergekommen waren, um in Indien zu dienen. Wenn sich einer hier auskannte, dann er.

»Vielleicht hätten wir mehr Männer mitbringen sollen, Sir.«

»Wie bitte? Mehr Männer, Mason? Wir zwei sind wohl Manns genug, um ein paar zerlumpte Dacoits einzubuchten. Vergessen Sie nicht: Das stolze Ross scheut weder Hecke noch Graben.«

Mason war aus Liverpool gekommen, und bei der Ankunft auf seinem neuen Posten in Bengalen hatte Turner ihm gleich angeboten, alle Einkünfte und Ausgaben brüderlich zu teilen und die freie Zeit mit Billard oder Krocket zu verbringen. Mason war achtzehn und dankbar, dass ein so erfahrener Veteran der bengalischen Polizei ihn unter seine Fittiche nahm. Turner kannte alle Plätze, an denen ein Polizist niemals allein unterwegs sein sollte – wegen der Coles, der Santhals’, der Assamee, der Kookies und der Bergstämme im Grenzgebiet. Manche der Räuberbanden unter den Stämmen waren Dacoits, Diebe; andere, so warnte ihn Turner, trugen Äxte und waren hinter englischen Köpfen her. »Die Inder schätzen das Leben nur, wenn sie es rauben können«, das war noch eines von Turners geflügelten Worten.

An diesem drückend heißen Vormittag waren sie glücklicherweise keiner so blutrünstigen Horde auf den Fersen. Sie ermittelten in einem einfachen, wenn auch frechen Raub. Am Vortag hatte jemand einen Zug von zwanzig oder dreißig Ochsenkarren durch einen Hagel von Steinen und Felsbrocken zum Anhalten gezwungen. In dem Durcheinander hatten Dacoits die Wagen umgekippt und waren mit kostbaren Kisten aus dem Konvoi geflohen. Als die Nachricht von dem Überfall bei der nächsten Polizeistation eintraf, war Turner sofort zu ihrem Vorgesetzten gelaufen und hatte sich mit Mason freiwillig gemeldet. Ihr Kommandant hatte sie ausgesandt, um einen bekannten Hehler zu befragen.

Jetzt ließen sie das Dickicht hinter sich und näherten sich einem kleinen strohgedeckten Haus, an dem ein Bach vorbeisprudelte. Aus dem Lehmkamin stieg eine dünne Rauchsäule und verlor sich in der Morgenluft. Mason griff nach dem Schwert an seinem Gürtel. Je zwei Männer der bengalischen Polizei teilten sich ein Schwert und einen leichten Karabiner, und Turner beanspruchte selbstverständlich das Gewehr.

»Mason«, stellte er mit leichtem Lächeln fest, als er die besorgten Blicke seines Kameraden bemerkte. »Sie haben keine Ahnung, was? Mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit haben sie die Waren schon abgeladen und sind abgehauen. Vielleicht in die Berge, wo unser Elaka – das bedeutet so viel wie ›Gerichtsbarkeit‹, Mason – wo unser Elaka nicht hinreicht. Und wenn sie doch erwischt werden, dann lügen sie einfach und behaupten, dass sie unschuldige Bauern sind. Ihre korrupten eingeborenen Richter lassen sie dann schon wieder laufen. Was halten Sie eigentlich davon, wenn wir mal auf Tigerjagd gehen? Mit ein paar Elefanten?«

»Sir!«, flüsterte Mason und unterbrach seinen Begleiter.

Sie erreichten die strohgedeckte Hütte, vor der ein hellrotes Pferd an einen Pfosten gebunden stand – wie Mason erfahren hatte, färbten die Eingeborenen in dieser Gegend ihre Pferde oft in unnatürlichen Tönen. Ein leises Rascheln beim Haus lenkte Masons und Turners Aufmerksamkeit auf zwei Männer, die zu der Beschreibung der Diebe passten. Einer von ihnen trug eine Fackel, und sie stritten.

Turner bedeutete Mason, sich still zu verhalten. »Der rechte ist Narain«, flüsterte er. Narain war ein bekannter Opiumdieb, der schon mehrfach vor Gericht gestanden hatte, aber bisher immer davongekommen war.

Schlafmohn wurde unter englischer Aufsicht in Bengalen angebaut und aufbereitet. Die Kolonialregierung versteigerte die Droge dann an Händler aus England, Amerika und anderen Ländern. Von dort gelangte das Opium nach China, wo es zwar verboten, die Nachfrage aber dennoch groß war. Dieser Handel warf für die britische Regierung enorme Gewinne ab.

Turner und Mason stiegen ab und trennten sich, um die Diebe von zwei Seiten in die Zange zu nehmen. Mason kroch durch die Büsche hinter dem Haus und dachte daran, wie viel Glück sie doch hatten: nicht nur, weil sie zwei der Diebe noch am Haus ihres vermuteten Komplizen vorfanden, sondern auch, weil ihr Streit als Ablenkung diente.

Auf Turners Signal hin sprang er aus dem Gestrüpp und hielt dem überraschten Narain das Schwert unter die Nase. Narain streckte sogleich zitternd beide Hände in die Höhe und warf sich flach auf den Boden. Der andere Dieb stieß Turner zur Seite und stürmte in den dichten Wald. Turner schwankte, richtete aber dennoch das Gewehr auf den Fliehenden und schoss. Dann feuerte er noch ein zweites Mal ungezielt in den Dschungel.

Die beiden Polizisten fesselten den Gefangenen und nahmen die Verfolgung des Flüchtigen auf, verloren aber bald dessen Spur. Sie suchten überall in dem unwegsamen Talgrund, bis sich Turner plötzlich auf etwas stürzte, was sich am Boden verbarg. Mason kam hinzu und erkannte, nicht ohne Stolz auf seinen Kameraden, dass Turner mit seinem Karabiner eine Kobra erschlagen hatte. Aber es war noch immer Leben in dem Tier, und als Mason sich näherte, richtete die Kobra sich erneut drohend auf, um zuzubeißen. Vergeblich, denn Mason wich ihr jedes Mal geschickt aus, bis sie schließlich genug zu haben schien und sich zischend davonmachte. Solche Gefahren lauerten im bengalischen Dschungel …

Die beiden Polizisten brachen die Suche nach dem anderen Dieb ab und kehrten zu Narain zurück, den sie an einen Baum gefesselt hatten. Sie nahmen ihn mit, brachten die Pferde zu dem Außenposten der Polizei zurück, wo sie sie ausgeliehen hatten, und stiegen dort mitsamt ihrem Gefangenen in den Zug, um Narain zum Bezirksposten zu bringen.

»Schlafen Sie etwas«, sagte Turner mit brüderlicher Sorge zu Mason. »Sie sehen mitgenommen aus. Ich kann allein auf den Dacoit aufpassen.«

»Danke, Sir«, antwortete Mason.

Mason war erschöpft nach dem ereignisreichen Morgen. Er fand eine leere Sitzreihe und schob sich den Hut über das Gesicht. Bald fiel er in einen tiefen Schlaf, mit dem Kopf unter einem klappernden Fenster, wo ein Hauch von Zugluft den Aufenthalt im Abteil beinahe erträglich gestaltete. Er erwachte durch einen furchtbaren, widerhallenden Schrei – einen Schrei, wie er ihn sonst nur in seinen Albträumen vom Dschungel Bengalens hörte.

Er schüttelte sich den Schlaf aus den Gliedern und sah Turner, der allein am Fenster stand und nach draußen starrte.

»Wo ist der Gefangene?«, rief Mason.

»Ich weiß es nicht!« Turner brüllte, und ein wilder Funke tanzte in seinen Augen. »Ich habe nur einen Moment lang in die andere Richtung geschaut, und da muss Narain aus dem Fenster gesprungen sein!«

Sie zogen die Alarmschnur, und der Zug hielt an. Mit der Hilfe eines Beamten der indischen Bahnpolizei suchten Mason und Turner zwischen den Felsen und fanden Narains zerschmetterte, blutige Überreste. Sein Schädel war bei dem Aufprall zertrümmert worden. Seine Hände waren immer noch mit Draht zusammengebunden.

In düsterer Stimmung ließen Mason und Turner den Körper zurück und stiegen wieder in den Zug. Während der restlichen Zugfahrt bis zu ihrer Station blieben sie stumm, von einem unmelodischen Summen Turners abgesehen. Erst kurz vor der Endstation stellte Turner eine Frage:

»Sagen Sie mir doch, Mason: Warum haben Sie sich bei der berittenen Polizei eingeschrieben?«

Mason versuchte, eine gute Antwort zu finden, war aber zu aufgewühlt. »Um etwas Staub aufzuwirbeln, nehme ich an. Wollen wir nicht alle, dass unsere Anwesenheit auf der Welt bemerkt wird?«

»Unsinn!«, erwiderte Turner. »Vergessen Sie nie den wahren Sinn der staatlichen Einrichtungen. Jeder Einzelne von uns ist hier, um am Ende die Zivilisation ein wenig voranzubringen, und aus keinem anderen Grund.«

»Sir, was heute geschehen ist …« Das Gesicht des jüngeren Mannes war weiß.

»Was passt Ihnen nicht?«, wollte Turner wissen. »Wir hatten Glück. Die Kobra hätte uns beide erledigen können.«

»Narain … der verdächtigte Dacoit. Sollten wir nicht … nun, ich meine, irgendwie die Namen und die Aussagen der Mitreisenden aufnehmen, für unseren Bericht? Falls es eine Anhörung gibt …«

»Verdächtig? Schuldig wollten Sie wohl sagen! Machen Sie sich darum keine Gedanken, Mason. Wir schicken einen unserer Einheimischen.«

»Aber werden wir nicht, wenn Dickens, meine ich …«

»Was murmeln Sie da in Ihren Bart? Reden Sie doch deutlicher.«

»Sir«, artikulierte der jüngere Beamte nun eindringlich, »im Hinblick auf Dickens …«

»Mason, das reicht! Sehen Sie nicht, dass ich müde bin?«, zischte Turner.

»Sir.« Mason nickte.

Turners Hals war steif geworden, und die Adern traten hervor, als er diesen speziellen Namen hörte: Dickens. Als wäre das Wort tief in seinem Inneren verfault und ihm jetzt wieder die Kehle hinaufgekrochen.

2. KAPITEL

BOSTON, AM SELBEN TAG, 1870

Die Arbeiter fluchten auf den Bürgermeister von Boston, die Sommerhitze, den Gouverneur von Massachusetts und die befreiten Neger. Und natürlich fluchten sie auch über die Schiffe. Die befreiten Neger fluchten genauso, nur dass sie über die Iren schimpften.

Es gab Monate, da sangen die Hafenarbeiter. Aber im Sommer fluchten sie.

»Verfluchte Penunzen!«, sagte einer der Arbeiter. Er führte nicht näher aus, ob er auf den eigenen mageren Lohn schimpfte oder auf das Geld in den Taschen der feisten Kaufleute, deren Güter sie schleppten.

Ein anderer Arbeiter fügte hinzu: »Verfluchte Penunzen! Zum Teufel damit!« Die Worte wurden mit lautem Jubel aufgenommen.

Noch bemerkten sie nicht den Fremden, der über den Pier auf sie zukam. Er war breit und hochgewachsen, und ein elfenbeinerner Zahnstocher hing ihm lässig zwischen den Lippen. Seine dunklen Augen bewegten sich lebhaft, forschten in den Gassen zwischen Hafenarbeitern und Eiltransport-Wagen. »He!«, rief er einer Gruppe von irischen Arbeitern zu, schaffte es allerdings nicht, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Daraufhin hob er den vergoldeten Spazierstock.

Das genügte.

Am oberen Ende des Stocks saß ein fremdartiges goldenes Götzenbild. Es zeigte den Kopf eines Tieres, dem ein Horn aus der Stirn wuchs. Das furchtbare Maul klaffte weit, feurige Funken stoben von der ausgestreckten Zunge. Der Anblick nahm die Betrachter gefangen, nicht nur wegen der schimmernden Hässlichkeit, sondern auch, weil es in einem solchen Gegensatz zu dem tatsächlichen Mund des Fremden stand. Dieser Mund lag zum großen Teil unter einem Schnurrbart verborgen, der sich von einem Ohr zum anderen spannte, und die Lippen des Mannes öffneten sich kaum, wenn er sprach.

»Ich muss«, sagte der Fremde zu den Hafenarbeitern, »einen jungen Burschen finden. Habt ihr ihn gesehen? Er hat einen schweren Anzug an und trägt ein Bündel Papiere.«

Tatsächlich hatten die Arbeiter jemanden gesehen, der dieser Beschreibung entsprach, vor wenigen Minuten erst. Der junge Mann hatte bei einem umgekippten Fass vor dem Salt House Halt gemacht, und der bloße Anblick seines dicken Anzugs ließ den Tag noch einige Grad heißer erscheinen. Mit einer gewissen Beklommenheit hatte er einen Packen Papiere unter dem Fass hervorgeholt und war dann mit den von schwarzer Schnur zusammengehaltenen Blättern zwischen den Arbeitern hindurchgestolpert. Natürlich hatten sie ihm Schimpfworte hinterhergerufen.

»Gut«, sagte der Fremde, als er das Erkennen in ihren Augen bemerkte. »Wo ist er hin?«

Die vier Hafenarbeiter bedachten einander mit ausweichenden Blicken. Es war nicht so sehr seine Frage, die ihren Unwillen erregte, sondern vielmehr seine entschieden britische Aussprache – und die Hautfarbe, die an braunes Pergament erinnerte. Unter seinem Hut lugte noch ein schokoladenbrauner Turban aus Baumwolle hervor. Ein kittelartiges Gewand reichte ihm bis über die Knie seiner seidenen Hosen, und eine wollene Schnur war als Gürtel um seine Taille gewickelt.

»Biste so was wie’n Hindu?«, fragte ein drahtiger Arbeiter ihn schließlich.

Der dunkelhäutige Fremde hielt inne und tat einen bedeutungsvollen Atemzug. Nur seine Augen wandte er dem Arbeiter zu, der die Frage vorgebracht hatte. Mit plötzlicher Wildheit stieß er ihm den Stock gegen den Hals und streckte ihn nieder. Seine Freunde stürzten hinzu, aber ein einziger Blick des Angreifers genügte, um die Möchtegern-Helfer innehalten zu lassen.

Der groteske Kopf auf dem Stock hatte krumme, rasierklingenscharfe Reißzähne. Diese bissen nun in das weiche Fleisch an der Gurgel des hingestreckten Arbeiters. Ein dünner Tropfen Blut rann zitternd den Adamsapfel hinab.

»Schau mich an. Schau mir in die Augen«, sagte der Fremde. »Du sagst mir jetzt, wohin der junge Bursche gegangen ist, sonst reiß ich dir deine irische Zunge genau hier durch die Kehle heraus, das schwör ich dir!«

Voller Angst, dass die Reißzähne sich noch tiefer in seinen Hals graben könnten, antwortete der Bedrohte mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung. Er hob den Arm und wies zitternd die Richtung, die der junge Mann eingeschlagen hatte. Seine Augen hielt er vor Furcht geschlossen.

»Braver kleiner Paddy«, sagte der Fremde.

Und es war kein Wunder, dass der Hafenarbeiter seine Augen geschlossen hatte. Von dieser niedrigen Warte aus gesehen, glänzten Zähne und Lippen des Fremden in einem unnatürlich hellen Rot, wie mit Blut befleckt. Als hätte der Mann gerade eben ein tollwütiges Tier zum Frühstück zerkaut!

Der dunkeläugige Fremde hatte die Information, die er brauchte, und bald nahm er die Spur seiner Beute wieder auf. Er folgte der Straße, die von dem großen Kai fort und tiefer hinein nach Boston führte. Dort fand er den Gesuchten wieder, der sich eben seinen Weg zwischen den Marktständen der Faneuil Hall suchte. Es sah so aus, als ob der junge Mann gegen einen starken Wind ankämpfen musste. Er bewegte sich unkontrolliert, doch etwas Dringliches lag in seinem verwirrten Blick; hätte jemand ihm größere Aufmerksamkeit geschenkt, er wäre zu dem Schluss gekommen, dass dieser Mann in einer bedeutsamen Mission unterwegs war – bedeutsam für Boston, bedeutsam für die ganze Welt! Er schaute besorgt über die Schulter zurück und umklammerte sein wasserfleckiges Päckchen fest mit beiden Armen.

Der Verfolger schob Fischhändler und Bettler zur Seite und bahnte sich seinen Weg durch die Gassen von Quincy Market.

»Bier im Glas!«, schrie ein Straßenhändler und wurde im nächsten Augenblick zu Boden gestoßen.

Am Ende des Marktes, als sie beide den Ausgang passierten, schloss der Jäger seine große Hand fest um den Ärmel seiner Beute.

»Du wirst es bereuen, dass du mir davongelaufen bist!«, knurrte er und zerrte an dem Arm.

»Nein!« Die Augen des jungen Mannes blitzten trotzig auf. »Osgood braucht es!«

Er holte mit dem freien Arm aus, als wollte er nach dem Angreifer schlagen – der hünenhafte Mann zuckte nicht einmal bei der Bewegung. Aber der Bursche schlug nicht zu, er griff nach seinem gefangenen Ärmel und riss an dem Stoff, riss den Anzug an der Schulter auseinander. Aus dem Griff des Fremden befreit, stolperte er vom eigenen Schwung getragen in wilden Pirouetten über die Straße und erreichte beinahe die Sicherheit der anderen Seite.

Ein unmenschlicher Schrei verschmolz mit einem furchtbaren krachenden Laut.

Ein Keuchen entfuhr der Kehle des Fremden mit dem goldenen Götzen. Er zog seinen runden Hut tiefer und schützte sich vor den Staubwolken, die ihm auf seinem Weg zum Bordstein in die Augen stiegen. Einen Augenblick lang hatte er Mühe, den jungen Mann wieder ausfindig zu machen. Dann aber sah er, was geschehen war. Eine große Menschmenge versammelte sich – viel zu viele Leute -, und der Beobachter stahl sich davon, als hätte er mit dieser Angelegenheit nie etwas zu tun gehabt.

Der dunkelhäutige Fremde war nicht der Einzige gewesen, der an diesem Morgen im lebhaften Treiben der Hafenanlagen auf der Jagd war. Zu diesem Zeitpunkt waren noch zwei oder drei andere unterwegs, inmitten des Gewimmels der Arbeiter, Hafenratten und Feiertagsflanierer. Ihre Gesichter waren ein vertrauter Anblick in den Hafenanlagen, in denen sie oft schon vor den Hafenarbeitern unterwegs waren. Am vertrautesten waren sie untereinander, auch wenn, so seltsam es klingen mochte, keiner von ihnen die Namen der anderen kannte.

Nicht die bürgerlichen Namen, jedenfalls. Da gab es Melasse, der nach dem Zuckersirup benannt war, weil er stets so zähen Schrittes unterwegs war. Esquire war ein farbiger Gentleman, der früher als Droschkenkutscher unterwegs gewesen war und jetzt in den Schwarzen Vierteln Fechten und Tanzen unterrichtete. Mieze war eine der Frauen in diesem erlesenen und schmutzigen Zirkel, und sie hätte mit ihrem Charme selbst Whisky Bill ein Glas abschmeicheln können – ein weiterer ihrer Rivalen.

Heute war es Melasse, in einem schwarzen Halstuch und einer Moleskin-Jacke, den nur noch eine Haaresbreite vom Erfolg trennte. Ein süßer Sieg! Während des Bürgerkriegs war er ein professioneller Handgeldjäger gewesen, der sich von reichen jungen Männern bezahlen ließ, die der Einberufung entgehen wollten und einen Ersatzmann für ihren Militärdienst stellen mussten. Unter verschiedenen Decknamen kassierte er seine Prämie und verdrückte sich dann eiligst aus jedem Regiment, dem er zugewiesen worden war. Die pulverdampfgeschwängerten Tage des Krieges ermöglichten es Melasse, in zweieinhalb Jahren fünftausend Dollar einzustecken. Seitdem hatte er sich angewöhnt, Haar und Bart in Farben zu tragen, die noch nie einem Menschen auf natürlichem Wege gewachsen waren. Dazu war sein Bart noch übermäßig lang, denn er hatte geschworen, sich nicht zu rasieren, ehe nicht ein Demokrat die Präsidentschaft erränge und die betrügerischen Republikaner endlich aus dem Amt vertrieben wären.

Dort. Unmittelbar vor Melasses Augen war versteckt, was er begehrte. Man hatte ihn per Telegramm aus Philadelphia angewiesen, diesen Schatz gegen eine erquickliche Belohnung zu beschaffen. Früher an diesem Morgen hatte er sich in einem der Fischhäuser am Hafen verborgen und mit seinem langen Fernglas beobachtet, wie der junge Mann im Anzug das Objekt versteckt hatte. Jetzt gehörte es ihm.

Ein Kaimeister hob ein herumliegendes Fass auf.

»Wenn Sie erlauben.« Melasse trat näher und lupfte seine Tweedkappe wie zu einem höflichen Gruß. »Ich kümmere mich darum, Sir.«

»Und was bist du für einer?«, fragte der Kaimeister mit ausgeprägtem deutschen Akzent. »Scher dich von meinen Fässern, Hafenratte.«

Mit seinem unverschnürten Stiefel trat Melasse das Fass um. Zu seiner Bestürzung kamen nur Fischgräten zum Vorschein und verteilten sich über den Boden. Er konnte es nicht glauben. Melasse beugte sich nieder und wühlte in dem Unrat. Als er aufblickte, stand Esquire über ihm und kicherte geziert.

»’squire, alter Gauner! Wo sind sie?«

»Nicht hier! Und nun beruhigen Sie sich, Melasse. Ich habe die Blätter auch nicht bekommen. Sie haben sie nicht, ich habe sie auch nicht, und die Mieze hab ich bei einem alten Schlepper stehen sehen, mit einem Gesicht, als hätt’s was aufs Pfötchen gegeben, weil sie am Butterfass genascht hat. Ich glaube, sie ist heute für C. unterwegs. Ich nehme an, die Seiten sind inzwischen sicher bei ihrem rechtmäßigen Besitzer eingetroffen. Verdammtes Pech.«

Der deutsche Kaimeister lief knallrot an. »Wenn Sie nicht sofort von meinem Kai verschwinden, ruf ich die Polizei!«

Melasse trat so heftig gegen das Fass, dass es in Stücke brach. Dann brüllte er dem Hafenarbeiter eine Warnung zu, auf Deutsch, und dieses Mal wich der Mann zurück.

»Whisky Bill? War er das?« Melasse wandte sich wieder Esquire zu.

»Nein, ’lasse.« Esquire antwortete würdevoll und ließ sich auf einer Bank nieder. Seine Füße baumelten in der Luft, während er aufs Wasser hinausblickte. »Bill ist an dieser Sache nicht beteiligt.« Eine leichte Brise kam auf, und die gleißende Sonne ließ die Segel in der Bucht schimmern. In der Ferne hörten sie wildes Verkehrsgetümmel, die Rufe der Kutscher und Peitschenknallen von Quincy Market.

Melasse wischte sich die stinkenden Hände an Mantel und Hose ab. Plötzlich hielt er inne. »Jemand ist dem Jungen gefolgt, so ein Kerl wie ein Walfänger. Braune Haut, eingefallene Wangen und ein Turban auf dem Kopf. Meinen Sie, eins der hohen Tiere hat ihn ebenfalls auf die Beute angesetzt, ’squire?«

»Ach, den hab ich auch gesehen«, antwortete Esquire düster. »Mit großen dunklen Augen wie zwei Löchern und einem Mund wie ein Skelett? Nein, das war keiner von uns, Melasse, so viel ist gewiss. Keiner, der auf Dollars und Nickel aus war.«

Ungefähr zur selben Zeit, in der Mitte des Dock Square, kam der Omnibus »Alice Gray« holpernd zum Stillstand. Fahrer und Fahrgäste stiegen aus und schauten nach der Ursache des Lärms – des lang gezogenen, schaurigen Krachens, das sie alle gerade eben unter dem Wagen gehört hatten.

»Gütiger Himmel!«

»Er muss mitgeschleift worden sein!«

»Plattgequetscht!«

»Die Damen! Bringen Sie die Damen hier weg!«

Unter dem letzten Rad lag ein blasser junger Mann in einem zerfetzten Anzug aus Wolle. Das erste Rad war über seinen Hals gerollt und das nächste über sein Bein, hatte es unterhalb des Knies beinahe abgetrennt.

Einer der Herren, die aus dem Bus stiegen, war als Erster bei dem Verletzten. Der Kopf des jungen Mannes zuckte ein wenig. Seine Pupillen zogen sich zusammen, und er öffnete den Mund. »Er lebt noch!«, schrie jemand. »Ist ein Arzt hier?«

»Ich bin Rechtsanwalt«, sagte der Herr, als müsse er die Frage verbessern, indem er eine andere beantwortete. »Sylvanus Bendall, Strafverteidiger!« Der Sterbende streckte die Hand aus und griff mit überraschendem Eifer nach dem Kragen des Anwalts. Ein Wort formte sich in seinem Mund, und noch eines. Bendall hörte sorgfältig zu, dann verließen den Jungen die Kräfte, und er verstummte.

Nach einer kurzen und gründlichen Untersuchung, die einem richtigen Arzt alle Ehre gemacht hätte, nahm der kniende Mann, der sich Bendall genannt hatte, den Hut ab und zeigte damit den Tod des jungen Mannes an. Ein hochgewachsener Herr wies auf das Bündel Papiere, das der Tote noch umklammert hielt. »Was hat er da? Sein Letzter Wille?« Er kicherte über seinen eigenen makabren Scherz.

»Na!«, sagte der Rechtsanwalt mit betontem Ernst. Er löste die Schnur, nahm ein Blatt aus dem Bündel und hielt sich ein Monokel vors Gesicht, um die Seite zu betrachten. »Ich habe schon viele Testamente gesehen, Sir, und dies hier ist keines! Für gewöhnlich weisen Testamente keine Illustrationen auf … sehen Sie hier«, murmelte er. Seine Lippen bewegten sich lautlos, als er einen Augenblick lang in dem Text las. Ganz langsam veränderte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht. »Ich glaube – tatsächlich! Ich glaube, dies hier ist … gütiger Himmel

»Ja was denn, Mann?«, fragte der hochgewachsene Zuschauer.

»Wer hätte zu sagen vermocht«, sagte Bendall, »ob er jemals Ehrgeiz oder Enttäuschung verspürt hatte?«

Der Rechtsanwalt monologisierte nicht über den Toten: Er las von den Seiten, die er den Händen des Mannes entnommen hatte. Sylvanus Bendall blickte von dem Blatt auf, und sein Gesicht strahlte.

3. KAPITEL

»Mr. Leypoldt, was für eine Freude«, begrüßte James R. Osgood seinen Besucher, und das stimmte tatsächlich. Leypoldt war der Herausgeber einer der bedeutsamsten Zeitschriften des Buchhandels. Durch seine herzliche Art und eine faire, unvoreingenommene Berichterstattung war der deutsche Immigrant von kleinem Wuchs im gesamten Verlagsgewerbe ungemein beliebt.

»Mr. Osgood, ich würde gerne die letzten Neuigkeiten aus Ihrem und Mr. Fields’ Verlagshaus mit meinen Lesern teilen.«

»Unser Verlag erhält derzeit überall erstklassige Besprechungen«, erklärte Osgood und klang dabei eher dankbar als stolz.

Der Besucher nahm ihn ins Kreuzverhör. »Ihre anstehenden Veröffentlichungen? Sehr gut, sehr gut. Wie viele Titel haben Sie in diesem Jahr bereits herausgebracht? Ich verstehe, sehr gut. Die gegenwärtige Zahl der Angestellten? Sehr gut. Wie ich sehe, beschäftigen Sie viele Mitarbeiter weiblichen Geschlechts.«

»Die Dinge verändern sich so schnell«, erwiderte Osgood.

»Wie Recht sie haben, in der Tat. So vieles verändert sich in unserem Gewerbe, Mr. Osgood! Ich erwäge soeben, auch den Titel unserer Zeitschrift zu ändern, damit eine stärkere Betonung des Handels darin zum Ausdruck kommt.«

Die Zeitschrift des Besuchers erschien derzeit unter dem Titel Trade Circular and Publishers’ Bulletin: A Special Medium of Inter-Communication for Publishers, Manufacturers, Importers, and Dealers in Books, Stationery, Music, Prints and Miscellaneous Goods Sold at the Book, Stationery, Music, and Print Stores.

»Wir stellen uns, kurz gesagt, etwas vor, das der Leserschaft unseres Landes im Gedächtnis bleibt. Ich dachte dabei an folgendes …« Leypoldt schrieb die Worte nieder: The Publishers’ Weekly Trade Circular.

»Unsere Firma wird auf jeden Fall weiter zu Ihren Abonnenten zählen«, stellte Osgood diplomatisch fest. »Für welchen Titel auch immer Sie sich entscheiden.«

»Vielen Dank, Mr. Osgood.« Eine Pause deutete an, dass Leypoldt nun auf das eigentliche Thema seines Interviews zu sprechen kam. »Viele Angehörige des Gewerbes, die unsere Berichterstattung verfolgen, fragen sich, Mr. Osgood, wie Sie im Wettbewerb mit so vielen der größeren Verlage in New York bestehen möchten. Und angesichts der zahlreichen billigen Nachdrucke englischer Ausgaben, welche die Auflagen ihrer Firma bedrohen.«

»Wir werden die besten Autoren auswählen, die besten Bücher drucken, und wir werden uns niemals mit einer geringeren Qualität zufriedengeben als mit jener, die uns dahin gebracht hat, Mr. Leypoldt, wo wir heute stehen.« Osgood verkündete das im Brustton der Überzeugung. »Ich bin davon überzeugt, wenn wir uns diese Prinzipien bewahren, werden wir auch Erfolg haben.«

Der Reporter, der ihm gegenübersaß, zögerte. »Mr. Osgood, unser Magazin möchte nicht nur über Bücher berichten, sondern, kurz gesagt, die Geschichte des Verlegens selbst erzählen – den Herzschlag des Buchhandels einfangen, seine Seele, wenn man es so ausdrücken möchte. Um die Zusammenarbeit in unserem Gewerbe zu befördern und um deutlich zu machen, was die Angehörigen unserer Zunft dazu drängt, dieser Berufung zu folgen. Warum sind wir keine Schmiede geworden oder Politiker? Wenn Sie eine solche Geschichte zu erzählen haben, dann würde ich sie in meinem Artikel sehr gerne wiedergeben.«

»Als ich Walden las, da wusste ich, dass ich Verleger werden wollte.« Osgood war kein besonders tiefgründiger Mensch, aber immer gerne gefällig. »Nicht etwa, dass ich als Einsiedler in den Wäldern leben wollte! Aber ich erkannte, dass sich hinter den ungewöhnlichen Einsichten dieses eigentümlichen Geistes, Thoreau, noch eine andere Person verbarg, weitab von Thoreaus Wäldern, eine Person, die große Mühen auf sich genommen hat, damit jeder Mensch in Amerika die Schriften dieses Einsiedlers lesen konnte. Und das nicht, weil diese Schriften sich sogleich als erfolgreich erweisen würden, sondern weil es bedeutsam sein könnte. Also schrieb ich einen Brief an Mr. Fields und bat darum, bei ihm in die Lehre gehen zu dürfen.«

»Und jetzt als Mann, was erhoffen Sie sie sich da von Ihrer Tätigkeit?«

Osgood dachte gründlich über diese Frage nach, als eine der Sekretärinnen eintrat. Die junge Frau, deren hübsches Gesicht von rabenschwarzem Haar umrahmt war, neigte den Kopf vor beiden Männern, wie zur Entschuldigung für die kühne Unterbrechung. Mit leichtem, aber selbstbewusstem Schritt trat sie an den Schreibtisch und flüsterte Osgood ein paar Worte zu.

Dieser lauschte aufmerksam und wandte sich dann an seinen Gast. »Mr. Leypoldt, wenn Sie mich bitte entschuldigen würden? Ich fürchte, es hat sich etwas ergeben und wir müssen unser Gespräch ein anderes Mal fortsetzen.«

Als der Reporter das Zimmer verlassen hatte, ließ Osgood den Stift zwischen Daumen und Zeigefinger kreisen und murmelte: »Ein Polizist ist hier?«

Seine Sekretärin Rebecca Sand sprach so leise, als könnte zufällig jemand mithören. »Ja, Mr. Osgood. Der Beamte wünscht eine vertrauliche Unterredung mit einem der Teilhaber, und Mr. Fields ist immer noch außer Haus. Er wollte nicht sagen, worum es geht.«

Osgood nickte. »Dann führen Sie ihn herein, Miss Sand.«

»Verzeihen Sie, Mr. Osgood. Ich habe mich nicht deutlich genug ausgedrückt«, sagte Rebecca. »Der Beamte wollte draußen auf Sie warten.«

Osgood strich sich mit einer Hand über den Nacken. Er fand diesen Wunsch eigenartig, und außerdem las er eine Spur von Verunsicherung in Rebeccas Miene. Doch ihm blieb keine Zeit, länger darüber nachzudenken. James Osgood grübelte nie lange über ungelöste Rätsel, wenn dringendere Fragen seiner Aufmerksamkeit bedurften.

Der Polizist stand vor dem Haupteingang bei dem Erdnussverkäufer, der die Gelegenheit nutzte und sich über eine Truppe Straßenmusikanten beschwerte, die mit ihrer Bettelei seine Kunden vertrieb.

Osgood stellte sich vor.

»Sind Sie der da?«, fragte der Polizist.

»Ich bitte um Verzeihung, Officer?«, erwiderte Osgood.

»Dieser Osgood von da oben?« Der Beamte wies mit dem Kopf auf das Schild: FIELDS, OSGOOD & CO., so stand es über dem Eingang zum dreistöckigen Gebäude an der Tremont Street 124.

»In der Tat, Sir«, antwortete Osgood. »James Ripley Osgood.«

»Schon gut, schon gut.« Der Polizist schüttelte brüsk den Kopf. »Das Ripley brauche ich nicht. Als ich nach einem Teilhaber der Firma fragte, hab ich wohl einen Gentleman von etwas mehr … etwas mehr …« Er suchte nach dem höflichsten und doch passendsten Ausdruck. »… von etwas gesetzterem Alter erwartet, denke ich!«

James Osgood war an so etwas gewöhnt. Er war ein gepflegter Mann von knapp fünfunddreißig Jahren, der trotz eines dünnen Oberlippenbarts nicht einmal wie dreißig wirkte. Er lächelte wohlwollend und überreichte dem Polizisten ein Buch. »Wenn Sie bitte diese kleine Aufmerksamkeit annehmen möchten, Officer Carlton. Eines der Besten, das wir im letzten Jahr herausgegeben haben.«

Ein Buch war für einen Verleger ein recht günstiges Geschenk, und es hob die Stimmung selbst des missmutigsten Empfängers, unter welchen Umständen auch immer es überreicht wurde. Das hatte Osgood von J. T. Fields gelernt, dem Seniorpartner des Verlags. Was auch immer es für ein Band war, so ein Buch wurde stets erst einmal in der Hand gewogen, sodann mit einem Ausdruck angenehmer Überraschung das Deckblatt geprüft und schließlich festgestellt, dass das Objekt genau den Interessen des Empfängers entsprach. Genau so wog auch Carlton das Buch und studierte den Titel. Eine Reise durch Brasilien, von Professor und Mrs. Agassiz.

»Ich habe mit meiner Frau schon oft darüber gesprochen, wie sehr mir Brasilien gefallen würde!«, rief der Polizist aus. Dann blickte er erstaunt auf und fragte: »Und woher kennen Sie meinen Namen, Sir?«

»Vor einigen Jahren haben Sie sich wegen eines geringfügigen Problems an unsere Firma gewandt.«

»Ja, in der Tat! Aber sind wir uns damals begegnet?«

»Das sind wir, Officer Carlton.«

»Nun«, stellte der Polizist entschieden fest, »dann müssen Sie die Art geändert haben, wie Sie Ihren Schnurrbart tragen.«

Tatsächlich hatte Osgood seit seinem zwanzigsten Lebensjahr nicht ein Haar an seinem Erscheinungsbild verändert. Trotzdem stimmte er der geäußerten Vermutung voll und ganz zu und fragte dann, was den Polizisten zu ihrer Firma führte.

»Ich möchte niemanden erschrecken, Mr. Osgood.« Der Polizist fand wieder zu seinem ursprünglichen düsteren Auftreten zurück. »Ich hatte Sie herausgebeten, weil ich dieses Mädchen nicht in Angst versetzen wollte – ich meine diese sehr junge Dame, die nur wenige Schritte von Ihrer Bürotür entfernt sitzt.«

»Ich denke, Sie werden feststellen, dass Miss Rebecca Sand nicht so leicht zu beunruhigen ist«, sagte Osgood.

»Ist das so? Sehr lobenswert! Ich schätze eine solche Charakterstärke, selbst bei einer Frau. Ich hoffe nur, Sie erweisen sich als ebenso unerschrocken.«

Der junge Verleger stieg hinten in die Kutsche ein, und der Polizist wies seinen Fahrer an, sie zur Leichenhalle zu bringen.

Niemand konnte sich einer gewissen Beklommenheit entziehen, wenn er die Räumlichkeiten des Leichenbeschauers von Boston betrat. Gleich nach ihrer Ankunft führte der Beamte Osgood durch ein stickiges Vorzimmer mit einem staubigen zweigeteilten Fenster. Sie stiegen eine schmale Treppe empor bis zu einem dunklen Raum im Stockwerk darüber. Dort drehte der Polizist eine Lampe heller und blickte ungeduldig auf seine Schuhe, als wäre nun Osgood an der Reihe, sie zu führen.

»Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, Mr. Osgood.«

Dann bemerkte der Angesprochene es: Officer Carlton schaute nicht auf seine Schuhe, sondern auf den Boden.

Osgood taumelte zurück, als drohe er zu stürzen, denn der Boden unter ihren Füßen war vollständig aus Glas gefertigt. Der Raum darunter maß ungefähr sechs Meter im Quadrat, und vier Steinplatten standen darin. Auf einer lag eine Frau, deren Haut durch die Cholera von scharfen Falten und dunklen Flecken gezeichnet war. Auf einer anderen hatte man einen alten Mann aufgebahrt, dessen Gesicht auf einer Seite verbrannt war, und daneben eine aufgedunsene Wasserleiche. Neben jedem Stein hing an einem Haken die Kleidung der Toten. Über jeden Körper floss ein steter, dünner Strom Wasser aus einer Reihe von Rohren.

»Das ist neu. Hier werden die Leichen ausgestellt, die noch nicht identifiziert werden konnten, wenigstens achtundvierzig Stunden lang. Erst dann und wenn bis dahin niemand Anspruch auf sie erhebt, setzen wir sie in einem Armengrab bei«, erklärte Carlton. »Das Wasser hält die Körper frisch.«

Die vierte Platte. Ein weißes Laken bedeckte den Körper unterhalb des Halses. Am Haken daneben hing ein vertrauter schwerer Anzug. Er war am linken Ärmel aufgerissen. Osgood nahm seinen Hut ab und presste ihn gegen die Brust. Er sah nach unten, und trübe Augen starrten leer zu ihm zurück.

Carlton beobachtete die Reaktion des Verlegers. »Sie kennen den jungen Mann also?«

Osgood musste sich anstrengen, um ihn wiederzuerkennen, so sehr hatte der Tod die Gesichtszüge entstellt. Er kämpfte gegen den Kloß in seiner Kehle an, ließ sich auf ein Knie nieder und berührte das kalte Glas zu seinen Füßen. Aus verschleierten Augen blickte er zu dem Polizisten auf. »Er ist einer meiner Angestellten. Sein Name ist Daniel, und er ist Juniorredakteur in unserem Verlag. Siebzehn Jahre alt.«

Osgood wusste nicht, wie er seine gewohnte Haltung bewahren sollte. Er war es gewesen, der Daniel drei Jahre zuvor als Büroboten eingestellt hatte. Gegen alle Widerstände hatte er ihm eine Chance gegeben, und Daniel erwies sich bald als ebenso aufrichtig wie hingebungsvoll – und das nicht nur zwei Wochen lang, was das übliche Maß für den ersten Enthusiasmus darstellte. Rasch war er in die Stellung eines Redakteurs aufgestiegen. Selbst Mr. Fields rief ihn bald bei seinem Namen »Daniel« – und nicht mehr nur »der da«, was die Abkürzung darstellte für »der arme Junge vom Lande, den Sie einstellen wollten«.

»Was ist geschehen?«, fragte Osgood den Polizeibeamten, als er wieder in der Lage war zu sprechen.

»Er wurde am Hafen von einem Omnibus überfahren.«

»Hatte er etwas bei sich?«, wollte Osgood wissen und versuchte, eine Erklärung zu finden für das, was geschehen war. Während er dort kniete, war Osgood dem Glas so nahe, dass sich sein eigenes Gesicht über den leblosen Umrissen seines Angestellten spiegelte.

»Nein, er führte nichts mit sich. Einer unserer Streifenpolizisten erinnerte sich daran, wie der Junge in Ihrem Gebäude ein- und ausgegangen ist, so sind wir zu Ihnen gekommen. Wissen Sie, wo er heute war?«

»Ja, natürlich. Er sollte wichtige Papiere am Hafen abholen und sie sogleich in unseren Tresor bringen.« Osgood zögerte, doch dann erinnerte er sich daran, dass er mit einem Polizisten sprach und nicht mit einem konkurrierenden Verleger. »Es waren die Korrekturabzüge der nächsten Teile von Das Geheimnis des Edwin Drood, die frisch aus London eingetroffen sind.«

Der Roman von Charles Dickens erschien in Fortsetzungen zu Beginn jeden Monats. Wie bei Dickens anderen Romanen auch sollte die schrittweise Veröffentlichung nach und nach immer mehr Leser anlocken, die diese Geschichte dann Freunden und Verwandten empfehlen würden, die sie bisher noch nicht kannten. Der Druck als Reihe gab den Lesern das Gefühl, mitten zwischen den Figuren zu stehen und dabei zu sein, während sich die Geschichte entfaltete. Wenn die letzte monatliche Fortsetzung erschienen war, würde der Roman noch einmal vollständig in Buchform veröffentlicht werden.

»Einen Augenblick!«, fiel der Polizist ihm ins Wort. »Ich habe die Geschicke des jungen Mr. Drood mit großem Interesse verfolgt – oder die Missgeschicke, sollte ich wohl eher sagen! Dies ist wohl nicht der beste Zeitpunkt, um danach zu fragen. Aber bitte, Mr. Osgood, sagen Sie mir doch: Wissen Sie, wie das alles für Eddie Drood ausgehen wird, nun, da Mr. Dickens verstorben ist?«

Das war genau die Frage, die Osgood weit mehr beschäftigte, als der Polizist sich das vorstellen konnte – wie sollte das alles weitergehen, nun, da Dickens verstorben war? Dennoch wusste er mit einem Mal keine Antwort mehr darauf. Nicht jetzt, nicht, während der gute Daniel vor ihm lag, reglos und mit zerschmetterten Gliedern auf einer kalten Steinplatte. Die Gestalt waberte eigentümlich unter dem Wasserfilm, der beständig darüber rann, ganz so, als könnte der Tote jeden Augenblick aufwachen.

»Daniel hat mein Vertrauen niemals enttäuscht«, stellte Osgood fest. »Dass er einem so sinnlosen Unfall zum Opfer fallen musste!«

»Mr. Osgood, das war kein einfacher Unfall«, erwiderte Carlton.

»Wie meinen Sie das?«

Carlton führte Osgood die Stufen hinab und in das Zimmer mit den unbekannten Toten hinein. Die Atmosphäre in dieser kleinen Kammer mit der Glasdecke war eine ganz andere als in dem Aussichtsraum darüber; es war der Unterschied, den man empfinden mochte, wenn man ein fremdartiges und gefährliches Tier durch die Stäbe seines Käfigs betrachtete oder wenn man diesen Käfig betrat. Der Boden war mit weißem und schwarzem Marmor getäfelt, und das strömende Wasser hielt ihn kühl. Aus der Nähe betrachtet wirkte der Bauch des jungen Angestellten unter dem Laken übermäßig aufgebläht.

»Ihr Angestellter hat anscheinend die Verpflichtungen, die Sie ihm übertragen haben, vernachlässigt und sich den unterschiedlichsten Rauschmitteln hingegeben. Vor seinem Tod war er vollkommen verwirrt und wanderte orientierungslos durch die Straßen, so haben es uns die Zeugen geschildert. Ihr Vertrauen zu enttäuschen – ich fürchte, eben das war das Letzte, was dieser junge Mann in seinem Leben getan hat.«

Osgood wusste, dass er seinen Ärger für sich behalten sollte, aber er konnte nicht: »Officer, ich würde vorschlagen, dass Sie ihre Zunge im Zaum halten. Sie verleumden einen Toten!«

»Ha!«, schnappte der alte Leichenbeschauer, Mr. Charles Barnicoat, der soeben um die Ecke bog und sein schweißbedecktes Gesicht mit dem Backenbart über den Körper beugte. »Officer Carlton spricht nur die Wahrheit aus. Was sollte er sonst sagen?«

»Ich kenne Daniel«, beharrte Osgood.

»Das Rückgrat krumm wie ein Fragezeichen, sehen Sie?«, stellte der Leichenbeschauer mit einem nachdrücklichen Nicken fest. »Das typische Merkmal bei gewohnheitsmäßigem Genuss von Opium.«

»Er wurde von einem Omnibus überfahren!«, rief Osgood.

Barnicoat zerrte heftig am Arm des toten Angestellten. Die Haut dort hatte einen erschreckenden blauen Farbton angenommen. »Brauchen Sie noch mehr Beweise?«, fragte er.

Was er rings um Barnicoats Finger herum sah, brachte Osgood sofort zum Schweigen. Mehrere kleine Löcher waren in den Arm gestochen.

»Was ist das?«, fragte der Verleger.

Barnicoat befeuchtete sich die Lippen. »Das sind die Spuren einer neuen Art Nadel, einer subkutanen Behandlung, wie es genannt wird. Unsere Ärzte haben im Krieg davon Gebrauch gemacht. Man benutzt es wie eine Lanzette, aber die Dosis kann genau bestimmt werden. Ärzte verwenden sie heutzutage, um bestimmte wirksame Arzneien durch die Haut und in das Zellgewebe zu injizieren. Aber das Besteck wird auch ohne ärztliche Zustimmung von erfahrenen Opiumabhängigen benutzt, wie Ihr junger Angestellter allem Anschein nach einer gewesen sein muss. Manche stechen sich diese Nadeln sogar direkt in ihre Adern, eine Sache, die ein Arzt niemals zulassen würde! ›Verzückung zum Mitnehmen‹, so nennen diese jungen Männer die Droge.«

»Gott schütze das Commonwealth«, intonierte Officer Carlton verdrießlich.

»Sie möchten die Helden ihrer Träume sein, anstatt im wirklichen Leben ihren Mann zu stehen«, predigte Barnicoat mit selbstgefällig vorgerecktem Kinn. »Lieber flüchten sie in Gedanken zu den Feuern Chinas oder Indiens, anstatt in der eintönigen Tretmühle ihres Lebens durch Boston zu trotten. Das ist eine Schande, doch es mindert ein wenig den Verlust, wenn kaum einer dieser jungen Herumtreiber mit solchen Gewohnheiten ein Alter von vierzig erreicht, etwas, was Sie oder ich mit ziemlicher Sicherheit schaffen können.«

Osgood fiel ihm ins Wort. »Daniel Sand war kein Herumtreiber. Und kein Opiumabhängiger!«

»Dann erklären Sie die Zeichen auf seinem Arm«, erwiderte Barnicoat. »Nein, der Omnibus und seine Fahrgäste, die aufgehalten wurden, sind weit mehr die Opfer dieses Zwischenfalls als der Junge. Und Sie sollten auf keinen Fall sich selbst die Schuld an seinem Schicksal geben, Osgood«, stellte Barnicoat in grober Direktheit fest.

»Was ist mit seiner Brust passiert?«, fragte Osgood. Er zwang sich dazu, die zermalmten Überreste seines Angestellten genauer zu betrachten. Zwei parallele Schnitte zeichneten Daniels Haut. »Das sieht fast nach einem Biss aus. Und sein Anzug. Er macht den Eindruck, als habe ihn jemand an der Naht abgerissen.«

Der Leichenbeschauer zuckte die Achseln. »Möglicherweise ist er in das Gestänge unter dem Bus geraten. Oder der Junge hat sich im Rausch selbst verletzt. Es ist traurig, darüber nachzudenken. Aber gerade junge Männer von niedriger Stellung erliegen sehr oft dieser Versuchung, und immer öfter sogar Frauen – wenn man diese heruntergekommenen Geschöpfe überhaupt noch so bezeichnen kann. Ich fürchte, dieser Junge zählt zu den Verlorenen.«

»Ehrlich gesagt, überrascht mich das nicht«, sagte Carlton zu Barnicoat. »Nachdem ich heute das Büro gesehen habe …«

Zorn brodelte in Osgoods Innerem, gegen Daniel und sein geheimes Leben, das sich anscheinend kaum noch leugnen ließ. Jetzt konnte er dieses Gefühl in eine andere Richtung lenken. »Seitdem ich hierhergekommen bin, haben Sie den guten Namen meines Angestellten beleidigt, und nun tun Sie dasselbe auch noch bei meinem Geschäft. Was genau wollen Sie über unser Büro zum Ausdruck bringen?«

Carlton hob eine Augenbraue, als wäre die Antwort nur allzu offensichtlich. »Nun, ein Büro, in dem die Männer mit unverheirateten Frauen beisammensitzen – das muss einen jungen Mann ja verderben! Zudem könnte ich mir vorstellen, dass es auch in den Frauen gewisse nicht beherrschbare körperliche Gelüste erweckt, die einen Gentleman erröten ließen.« Bei ihm selbst war von dieser Röte allerdings nichts zu sehen.

Osgood wollte den Polizisten gerade zurechtweisen, als er sich plötzlich an etwas erinnerte … Der Anblick von Daniel, der leblos auf der Steinplatte lag, hatte ihn derart aus der Fassung gebracht, dass ihm dieses Detail im ersten Augenblick gar nicht zu Bewusstsein gekommen war.

»O mein Gott. Rebecca!«, murmelte er.

»Genau, Rebecca! Das war der Name des kleinen Fräuleins, Mr. Barnicoat. Ein hübsches Ding mit rosigen Wangen, das gleich vor Mr. Osgoods Bürotür sitzt.« Carlton runzelte kummervoll die Stirn. »Tatsächlich scheint an diesem Ort fast alles voller Frauen zu sein. Merken Sie sich meine Worte, Mr. Barnicoat: Ehe wir uns noch versehen, haben diese hübschen, eigenwilligen Geschöpfe das Wahlrecht, und in ganz Boston bleibt dann keine mehr übrig, die einen Haushalt führen kann!«

»Rebecca«, flüsterte Osgood und umfasste sanft die steif werdende Hand seines Angestellten. »Rebecca ist Daniels Schwester.«

4. KAPITEL

Obwohl es schon seit dreizehn Jahren zur Stadt gehörte – ein Monat mehr oder weniger spielte da keine Rolle -, betrachtete der echte Bostoner das »New Land« noch immer als »neu«. Zuvor war das Gebiet eine öde Talmulde gewesen, bevor diese Hunderte von Morgen Land der Stadt zugeschlagen wurden und die Straßen und Bürgersteige dort allmählich westwärts wanderten. Was luxuriöse und repräsentative Häuser anging, galt die Gegend sogar als vielversprechender als das South End. Aber auch wenn die alteingesessenen Honoratioren der Stadt ganz gerne mal an den Märkten spekulierten, so spielten sie dabei doch nicht gerne mit dem Wert ihrer Nachbarschaft oder dem Erbe ihrer Kinder.

Sylvanus Bendall hingegen war aus anderem Holz geschnitzt. Er lud das Risiko nicht nur gern zu sich nach Hause ein, er nahm ihm sogar noch den Mantel ab, bürstete ihm die Stiefel und reichte ihm Tee in seinem Wohnzimmer. Als einer der Ersten hatte er eine der neuen Parzellen in der Back Bay erworben, so weit im Westen wie möglich, kaum dass das Land dort verkauft wurde. Jetzt wohnte er in der Newbury Street, die – wie der Name schon andeutete – vor wenigen Jahren nicht einmal existiert hatte. Bendall gefiel dieser Gedanke. Dann und wann und mindestens zweimal am Tag prahlte er sich selbst gegenüber damit, dass er Sir William Braxton nicht unähnlich war, jenem standhaften Engländer, der fünf Jahre lang allein auf dieser Halbinsel wohnte, ehe 1630 Gouverneur Winthrop eintraf und Boston gründete. Was für ein wildes und kraftvolles Land musste Boston in jenen Tagen gewesen sein, mit seinen drei mächtigen Hügeln, die inzwischen kaum noch zu erkennen waren und deren Gegenwart nur noch schwach im Namen der Tremont Street nachhallte. Doch vor Braxton, dem einsamen Pilger, mussten sie aufgeragt haben wie die Alpen.

Bendall stieß gerne ins Unbekannte vor. Genau wie am Ort des Omnibusunfalls vor einigen Tagen, als er auf dem Straßenpflaster seine guten Sommerhosen geopfert hatte, um bei dem Sterbenden zu knien. Bendall war es gewesen, der die Papiere untersucht hatte, die der Tote umklammert hielt, während alle anderen entgeistert herumstanden und nicht wussten, was sie tun sollten – und er hatte entdeckt, dass es sich um die letzte Episode von Mr. Dickens’ gegenwärtigem und, bedauerlicherweise, auch seinem letzten Roman handelte.

Die Schaulustigen am Ort des Unfalls hatten sich aufgeteilt in jene, die mehr an dem Toten interessiert waren, und solche, die am meisten von den geheimnisvollen Papieren fasziniert waren.

Von den Letzteren trug ein jeder Bendall – der die Papiere in die Höhe hielt wie ein Auktionator den Hammer – seine Gründe vor, warum gerade er es verdiente, ein oder zwei der Blätter aus dem Bündel zu erhalten. Ein schwärmerischer Ziegelbrenner führte an, dass er vor zweieinhalb Jahren alle Lesungen besucht hatte, die Dickens im Tremont Temple in Boston abhielt, und dass er dabei in einer Schlange ausgeharrt hatte, während es so kalt war, dass man das Quecksilber im Thermometer nicht einmal mehr sehen konnte. Ein anderer Mann, fröhlich und von rosiger Gesichtsfarbe, verwahrte gar die Abrisse seiner Eintrittskarten in der Familienbibel. Er schwor, wenn er das Genie jenes großen Romanciers nicht höher schätzte als jeder andere, würde er sich wünschen, Dickens wäre nie geboren worden. Eine dralle Dame zählte eine ganze Reihe von Haustieren auf – zwei Katzen, einen gelben Hund, einen Vogel -, die sie nach Figuren aus Dickens Werken benannt hatte (Pip und Nell, Rose, Oliver); ein Handwerker verkündete über die Leiche hinweg, er hätte Dickens’ David Copperfield viermal gelesen; dies allerdings wurde rasch überboten von weiteren Rufen, »sechsmal!«, »achtmal!« und »neunmal!«. Ein alter Mann brach in Tränen aus, über das traurige Schicksal des Unfallopfers, wie es zuerst schien – bis er flüsterte: »Der arme alte Dickens, ach, der großartige Dickens.«

Während die Zuschauer auf diese Weise untereinander um die Seiten stritten, traf Bendall eine einsame Entscheidung: Er selbst wollte der Hüter dieses Schatzes sein! Er packte die Seiten zusammen, ging schweigend davon und hielt nur inne, um dem Fahrer der »Alice Gray« seinen Namen zu hinterlassen – falls dieser in Schwierigkeiten geriet, weil er den Jungen überfahren hatte.

»Sylvanus Bendall«, sagte er zu dem nervösen Omnibusfahrer. »Merken Sie sich diese Wörter, und Sie werden Bostons Justiz niemals zu fürchten haben!«

Sylvanus Bendall. Das klang weit mehr nach dem Namen eines wagemutigen Abenteurers als nach einem bloßen Rechtsanwalt für die mittellosen und dem Unglück anheimgefallenen Schichten von Boston. Es war der Name eines Pioniers, der weit hinaus in das neue Land vorgestoßen war. Seine Freunde in Beacon Hill mochten ihre Taschentücher zücken bei dem Geruch aus den nahen Sümpfen und dem Staub der Baustellen. Aber Bendall blähte seine Nüstern wie ein stolzes Schlachtross, jeden Morgen, wenn er das Haus verließ.

Gewiss, die Back Bay war kein Garten Eden; es gab Probleme, denen er mannhaft entgegentrat. Und ein solches Problem erwartete ihn tatsächlich, als er heute nach Hause kam.

An der Seite seiner Veranda hatte jemand die Scheiben eingeschlagen. Bendall ging ruhig bis zum Haupteingang und drehte den Türgriff. Im Inneren herrschte ein Durcheinander: Schreibtische und Sekretäre waren umgekippt; auf der Treppe lagen Teller und Porzellangeschirr in Scherben. Bendall hielt sich dicht am Geländer aus Eichenholz und stieg ein Geschoss höher. Dort fand er sämtliche Bücher aus den Regalen gerissen. Er hörte ein Schlurfen und Lärm aus einem Nebenraum. Die Diebe waren noch da! Er packte Spazierstock und Regenschirm und hob beides zusammen in die Höhe wie ein japanischer Samurai seine Klingen. »Ich werde Ihnen den Kopf von den Schultern schlagen!«, rief er den Schurken eine faire Warnung zu.

Eine kleine, weißhaarige Frau schrie auf: »Mr. Bendall!«

Es war seine Haushälterin, die kurz vor ihm eingetroffen war, um das Abendessen zu bereiten. Nun stand sie da, wie erstarrt, mit einem Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht.

»Fürchten Sie nichts, meine liebe Mary, Sie sind nun bei mir in Sicherheit«, verkündete Bendall.

Es machte nicht den Anschein, als wäre irgendwas von Wert abhandengekommen. Die kostbaren Seiten jedenfalls waren unzweifelhaft in Sicherheit, denn er trug sie höchstpersönlich bei sich in der Weste.

»Soll ich einen Jungen nach der Polizei schicken?«, fragte Mary.

»Nein, nein«, antwortete Bendall.

»Aber die Polizei muss doch Bescheid wissen!«, wandte die Haushälterin ein.

»Ach, Mary! Sie lesen zu viele Räuberpistolen. Die Polizei mit ihrer rückständigen Geisteshaltung versteht nichts von der Back Bay. Ich werde die Wurzel dieses Übels selbst ausgraben.«

Und wieder eine kühne und unumstößliche Entscheidung von Sylvanus Bendall.

5. KAPITEL

Der Tod von Daniel Sands war nur eine der Krisen, die das belebte Bürogebäude von Fields, Osgood & Co. an der Tremont Street 124 heimsuchten. Es lag in der Natur des Verlagswesens, dass die Stimmung sich ständig von Krise zu Zuversicht und wieder zurück bewegte, und James R. Osgood war mit diesem Takt seines Gewerbes so vertraut wie ein guter Dirigent. Im März war es gewesen, drei Monate bevor Daniel Sand auf der Straße zu Tode kam, dass J. T. Fields, der ältere Teilhaber des Verlags, Osgood auf der Treppe angehalten hatte. Fields langer ergrauender Bart sowie ein beständiger grollender Unterton in seiner Stimme ließen ihn zu jeder Zeit übertrieben würdevoll wirken.

»Mr. Osgood, auf ein Wort.«

Auf ein Wort kündigte stets eine neue Last an, die auf Osgoods Schultern abgeladen werden sollte. Er kannte Fields besorgte Gesichtsausdrücke so gut wie die Räumlichkeiten des Verlags, und darum wusste er sofort, welcher Art der geschäftliche Notfall diesmal war. Seit fünfzehn Jahren stand er nun in den Diensten jenes Mannes, seit jenem ersten Brief, in dem er im lebhaften Überschwang des Konvertiten von Walden geschwärmt hatte. Vor fünf Jahren hatte Osgood die hellen, farbigen Einbände eingeführt, als Ersatz für die tristen kastanienbraunen, die sie davor bevorzugt hatten. Und fast zwei Jahre war es her, dass sein eigener Name auf dem Briefpapier erschienen war – und sich Ticknor, Fields & Co. wie in magischer Erfüllung seiner einstigen Wunschträume in Fields, Osgood & Co. verwandelt hatte.

Dennoch herrschte kein Mangel an Problemen. Hurd & Houghton, ihre Nachbarn, waren unter dem jungen George Mifflin von einem verlässlichen Drucker zu einem gewieften Konkurrenten geworden. Und die Harper Brothers in New York blieben mehr denn je ihr Hauptrivale.

»Es geht um Harper!«, rief Fields aus, als er mit Osgood alleine im Büro war. Er stützte die Ellenbogen auf ein kanzelartiges Pult in der Ecke des Zimmers, auf dem stets sein voluminöser Terminkalender lag. »Harper ist es, Osgood. Er heckt etwas aus.«

»Er heckt was aus?«

»Irgendwelche Intrigen eben. Ich weiß nicht, was«, räumte Fields ein. »Noch nicht«, fügte er hinzu, mit dem Anflug einer Drohung in der Stimme, als würde der Seniorpartner von Harper & Brothers, Major Harper, sie vom Kronleuchter aus belauschen. »Er ist so voller Groll und Missgunst gegen uns.« Fields stieß eine Schreibfeder in die Tinte und notierte sich einen Termin. »Fletcher Harper kommt bald aus New York hierher, um weitere Bostoner Autoren anzuwerben – sie uns abzuwerben, unverblümt gesagt. Er hat um einen Termin in unserem Hause gebeten. Sie sind der Richtige, um ihn zu empfangen. Ah, verdammte Hand! Ich muss eins der Mädchen zum Schreiben hereinrufen.«

Fields öffnete und schloss die Finger, die unter schmerzhaften Krämpfen litten. »Seit einem Jahr habe ich schon keinen Brief mehr selbst geschrieben, außer die an Mr. Dickens, natürlich. Meine übrigen Briefpartner müssen glauben, dass ich im Alter weibisch geworden bin.«

Osgood war immer noch überrascht, dass Fields diesen Besucher ihm überlassen wollte. Mit einem beiläufigen Blick auf seine Füße merkte er an: »Ich würde annehmen, dass Major Harper lieber mit Ihnen sprechen möchte, mein lieber Mr. Fields.«

Fields schwieg. Seine jüngste Gewohnheit, ganz unvermittelt zu verstummen, beunruhigte Osgood immer wieder. Der ältere Verleger trat hinter seinem hohen Schreibtisch hervor und widmete sich einer langsamen Atemübung. Schließlich fuhr er in ruhigerem Tonfall fort: »Jeder mag Sie, Osgood. Das ist ein Vorteil, den Sie sich hoffentlich noch lange bewahren, wenn ich mich schon längst in irgendeinem stillen Winkel zur Ruhe gesetzt habe. Ein Verleger, von dem man sagen kann, dass jeder ihn mag – das ist schon etwas! Normalerweise ergeht es uns wie den Rechtsanwälten, nur macht uns niemand für den Verlust einer Hypothek verantwortlich, sondern stattdessen für verlorene Träume.«

Osgood blickte auf und stellte erschrocken fest, dass Fields mit erhobenen Fäusten dastand. Wie zum Kampf bereit.

»Haben Sie schon mal geboxt?«, fragte Fields.

Osgood schüttelte verwirrt den Kopf: »Ich habe gefochten. In Bowdoin.«

»Ich habe meine ersten Boxstunden bei einem alten Faustkämpfer genommen, als ich als junger Bursche Botengänge für Bill Ticknor erledigte. Ich habe den Mann mit Büchern bezahlt, die Ticknor aussortiert hatte! Hätte Berufsboxer werden können, wenn ich dabei geblieben wäre. Zuerst eine kurze Gerade. So«, sagte Fields, während er einen Abtausch von harten Schlägen und raschen Ausweichbewegungen andeutete. »So tritt man einem der Harper-Brüder entgegen! Es gibt nur eines, was schlimmer ist als der künftige Krieg mit den Harpers, Osgood: Und das ist die Angst davor.«

Osgood behielt Recht mit seiner Voraussage: Als später im März der vereinbarte Tag für das Gespräch mit Fletcher Harper gekommen war und Osgood ihn in seinem besten Anzug und mit einem Kognak begrüßte, spähte der Besucher aus New York ungeduldig durch seine drahtgefassten Augengläser im Raum umher.

»Mr. Fields bedauert es sehr«, sagte Osgood, »aber unaufschiebliche Geschäftsangelegenheiten machen es ihm unmöglich, Sie heute selbst zu empfangen.«

»Oh! Muss er einen Ihrer Autoren davon abhalten, sich enttäuscht im Frog Pond zu ertränken?«

Osgood lachte höflich, obwohl Harper ernst blieb. Wie konnte ein Mann den eigenen Witz so mürrisch aufnehmen?

Man nannte Harper den »Major«, nicht wegen irgendwelcher Dienste im Krieg, sondern wegen des Kasernenhoftons, in dem er seine Büros in New York führte. Er kratzte sich seitlich am Kinn unter den langen Koteletten. »Haben Sie hier etwas zu sagen, James R. Osgood?«

»Major«, antwortete Osgood gelassen. »Ich bin ein Teilhaber dieser Firma.«

»Nun, der Juniorpartner, ja«, knurrte Harper. »Ich habe in Leypoldts Artikeln davon gelesen, nehme ich an. Und sind Sie ein aufrichtiger Mann?«

»Das bin ich.«

»Das ist gut, Mr. Osgood! Sie haben nicht gezögert mit der Antwort, also stimmt sie auch.« Harper nahm das Glas Kognak an. Er setzte es an die Lippen, hielt inne und hob es zu einem Trinkspruch. »Auf uns wenige, uns glückliche wenige, die Verleger dieser Welt! Menschen, die die Güte besitzen, den Schriftstellern zu einer Unsterblichkeit zu verhelfen, an der wir selbst keinen Anteil haben.«

Osgood hob sein Glas an, ohne etwas zu sagen.

»Ich habe einen Ruf in unserer Branche …« Harper leerte sein Glas in einem Zug und stellte es ab. »… als ein sehr unverblümter Mensch, und ich bin zu alt, um mich zu ändern. Also, zum Grund meines Besuchs: Ticknor und Fields – und damit meine ich natürlich Fields und Osgood -, diese Firma kann in der gegenwärtigen Form nicht überleben.«

Osgood wartete darauf, dass Harper weitersprach.

»Ihre Zeitschrift, die Atlantic Monthly, wirft ungeachtet ihrer Qualitäten kaum einen Penny Gewinn ab, nicht wahr? Schauen wir uns dagegen mal New York City an.«

»Was ist damit, Major?«

»Kommen Sie! Boston ist eine nette Stadt, das meine ich ehrlich. Nun, abgesehen von diesen priesterverseuchten Paddy-Siedlungen, die schlimmer sind als die, die wir in New York haben. Aber da kann man heutzutage wohl nicht viel machen. Wir öffnen unsere Grenzen, und schon sind wir verdorben. Nun, ich schweife ab in die Politik. Wir sprachen über Literatur. Die Schriftsteller, als Gattung betrachtet, sind immer öfter Geschöpfe vom New Yorker Schlag. Wir haben die billigeren Drucker, die billigeren Buchbinder und auch die billigeren Ideen jederzeit und sogleich bei der Hand. Der Ruhm eines Autors strahlt nicht mehr zwanzig Jahre oder länger, nach der Art Ihres Mr. Longfellow – nein, der Name eines Autors trägt ein Buch, womöglich zwei, aber dann muss etwas Frischeres, etwas Kühneres, etwas Größeres her und ihn ersetzen. Sie müssen Masse produzieren, Mr. Osgood.«

Osgood wusste genau, wie die Harper-Familie ihre Autoren behandelte, in ihrem Geschäftsgebäude am Franklin Square in New York. Eine eiserne Büste von Benjamin Franklin spähte dort abschätzig auf alle hinab, die ihr Königreich betraten – ganz so, als wolle er ausdrücken, dass er der letzte Schriftsteller gewesen war, der eines größeren Aufsehens wert gewesen wäre. In der Branche weithin bekannt war die Anekdote von Fitz-James O’Brien, der vor dem wuchtigen Harper-Bau auf und ab marschiert war, mit einem Schild in der Hand: »ICH BIN EINER VON HARPERS AUTOREN. ICH VERHUNGERE«, bis die Harpers ihm endlich die zustehenden Honorare auszahlten. Außerdem kursierten Geschichten darüber, mit welcher Befriedigung der Verlag jene erbärmlichen 145 Dollar 83 zurückgefordert hatte, die sie als Vorschuss an Mr. Melville für seine wunderliche Seefahrtsgeschichte Moby Dick oder Der Wal gezahlt hatten.

Für die Harper-Brüder bedeutete das Verlagsgeschäft in erster Linie Macht. Diese Macht hatte in den 1840er Jahren einen Höhepunkt erreicht, als James Harper, der Älteste von den vieren, Bürgermeister von New York City wurde, an der Spitze der antikatholischen Heimat-Partei. James begründete jene Organisation, die bald als Harpers Polizei bekannt wurde, und war selbst vor kurzem bei einem blutigen Unfall gestorben, als seine Kutsche zerbrach und sein Körper von den Pferden durch den Central Park geschleift wurde. Fletcher, der bis dahin für die Finanzen verantwortlich gewesen war, rückte an die Spitze des Verlags auf und erwarb den Spitznamen eines »Majors«.

Tief in seinem Inneren spürte Osgood den Drang, laut zu schreien, ein Gefühl, das er nur sehr selten empfand und das ihm in hohem Maße unbehaglich war. Als Ältester von fünf Geschwistern war er in dem steten Bewusstsein aufgewachsen, dass er zu jeder Zeit unerschütterlich und vernünftig bleiben und die Ordnung bewahren musste, selbst um den Preis seiner persönlichen Gefühle. Andere mochten ihren Empfindungen nachgeben, doch niemals er. So kannte man ihn während seiner Jugend in Maine, und das war auch der Eindruck, den er in ihrer Firma und überall ihm Rahmen seiner Geschäftskontakte hinterlassen hatte. Diese Eigenschaften, sein Fleiß und seine Zuverlässigkeit, hatten ihm im Alter von nur zwölf Jahren die Zulassung zum College eingebracht – auch wenn seine Familie, auf Bitten der Verantwortlichen von Bowdoin, abwartete, bis er sein vierzehntes Lebensjahr erreichte.

»Wir schätzen unsere heimischen Schriftsteller sehr«, versicherte Osgood seinem Besucher, so ruhig er es eben zuwege brachte. »Wir glauben, so könnte man es ausdrücken, dass unser Haus für unsere Autoren arbeitet statt umgekehrt.«

»Wenn Sie philosophisch werden wollen, Mr. Osgood, kann ich Ihnen kaum folgen.«

»Ich werde versuchen, mich deutlicher auszudrücken.«

»Dann erklären Sie mir doch, warum Mr. Fields mich nicht selbst empfangen wollte, sondern Sie stattdessen vorschickt. Weil«, fuhr Harper fort, ohne Osgood die Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, »Fields genau weiß, dass er schon am Abend seines Lebens steht. Sie hingegen sind der vorwärtsdrängende junge Mann, das Enfant terrible mit scharfem Blick und gewitzten Ideen. Sie können veraltete Gewohnheiten hinter sich lassen.«

Harper nahm sich kaum die Zeit, einmal Luft zu holen. »Totes Holz und Trödel, das werden Bücher in Zukunft sein. Bloße Handelsgüter, verstehen Sie, Mr. Osgood! Schon wächst die leere Fläche in den Buchhandlungen und füllt sich mit Zigarrenkisten, Indianerbildern und Spielzeug. Spielzeug! Nicht mehr lange, und es gibt mehr Spielzeug als Bücher in diesem Land. Dann wird man nach dem Autor eines neuen Buches so wenig fragen wie nach dem Hersteller von Anziehpuppen aus Papier. Der Name des Verlegers wird für das Produkt stehen, und unsere Aufgabe wird es sein, die Tinte eines Buches zu mischen wie ein Apotheker seine Wirkstoffe.

Ich möchte Ihnen ein Angebot unterbreiten: Schließen Sie Ihre Pforten hier in Boston! Fields, Osgood und Co. sollte diese rostige Nabe aufgeben und nach New York ziehen – und sich mit uns zusammenschließen, natürlich unter dem Namen Harper. Wir würden Ihnen selbstverständlich alle Freiheiten einräumen, um Ihre eigenen merkwürdigen literarischen Vorlieben zu pflegen. Und Sie müssten als Teil unserer großen Verlagsfamilie nicht den langsamen Niedergang dieser altehrwürdigen Firma verfolgen. Sie wären für uns was Ihre eigenen Söhne Ihnen bedeuten – Sie haben keine Kinder, Mr. Osgood? Ach! Ich erinnere mich, Sie sind Junggeselle. Eine Neuausgabe des kinderlosen Fields.«

Osgood tat diese letzte Bemerkung mit einem Nicken ab. »Ihre Idee dient einfach nicht den Interessen unserer Autoren, Major. Wir werden unsere Bücher stets als mehr ansehen denn als bloße Objekte, als etwas Klügeres und etwas Besseres. Ich glaube, ich spreche auch in Mr. Fields Sinne, wenn ich behaupte, dass wir lieber in dieser Weise fortfahren möchten, selbst wenn es bedeutet, dass wir nicht überdauern können. Ich fürchte, Sie werden dieses Unternehmen niemals von Boston lösen können.«

Osgood entschied, diese Unterredung rasch zu einem Ende zu bringen. Er griff auf einen von Fields Kniffen zurück und betätigte mit dem Fuß ein verstecktes Pedal unter dem Schreibtisch. Daniel Sand kam in den Raum, um Osgood von einem »Notfall« in Kenntnis zu setzen, der eine Fortsetzung des Gesprächs unmöglich machte. Aber Harper erhob sich und machte deutlich, dass er die Charade sehr wohl durchschaute.

»Sie müssen sich nicht weiter um dieses Schauspiel bemühen«, rief Harper aus, noch ehe der Angestellte Gelegenheit hatte, ein Wort zu sagen.

Daniel spielte sein eiliges Hereinstürmen dennoch zu Ende und schaute Osgood dann aus traurigen Augen an. Der bedeutete ihm mit einem Nicken, dass er wieder gehen konnte.

Ein düsterer Ausdruck trat auf Harpers Gesicht. »Ich kenne jeden Trick, jeden Plan und jede Absicht in diesem Gewerbe, Mr. Osgood, und ich kenne sie zehnmal besser als mein lieber Bruder, der verstorbene Bürgermeister. Gott möge seiner stolzen Seele gnädig sein. Wachen Sie auf! Die alten Praktiken werden Sie nicht retten vor der Wahrheit, die ich Ihnen heute überbracht habe.«

Sie musterten einander abschätzend.

Und dann lachte Harper plötzlich, aber auf eine Weise, die andeutete, dass er allein einen Grund zum Lachen hatte. »Nun, es stimmt wohl, was man so sagt. Höflichkeit ist eine Tugend, aber das Geschäft ist eine Notwendigkeit.«

»Wer sagt das, Major?«

»Ich. Und glauben Sie nicht, dass Mr. Fields und Sie selbst sich so sehr von uns unterscheiden, Mr. Osgood. Schöne Worte und hohe Ideale erheben Sie auch nicht über die Welt. Wir haben Sie beobachtet. Vergessen Sie es nicht: Auch wenn ein Engel schreiben sollte, muss doch der Teufel den Druck besorgen. Wenn Sie Ihren Glauben behalten wollen, hätten Sie Prediger werden sollen.«

»Major, ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag.« Osgood wartete schweigend ab, bis Harper keine andere Wahl blieb, als seine Sachen zusammenzusuchen.

Er wischte sich das Regenwasser vom Hut und stellte beiläufig fest: »Ach! Übrigens, ich habe gehört, diese neue Kriminalgeschichte, an der Dickens gerade schreibt, soll sehr fesselnd sein. Chapman in London bezahlt angeblich ein Vermögen dafür, damit er es herausgeben darf. Der Mord an Edward Drory?«

»Das Geheimnis des Edwin Drood, so hat er es wohl genannt.«

»Ja, genau, das war es! Ich bin schon gespannt, womit Dickens uns dieses Mal in den Bann schlagen wird.«

Dickens! – dieses Wort, dieser Name aller Namen, der Mann – bedeutete alles für den Verlag von Fields, Osgood & Co. Der Major wusste das genau, weswegen die Erwähnung des neuen Romans auch eine Drohung war.

Einige Jahre zuvor hatte Fields Charles Dickens, dem beliebtesten Schriftsteller der Welt, zwei bedeutsame Angebote unterbreitet: erstens, dass Dickens für eine große Lesereise in die Staaten kommen sollte, und zweitens, dass ihr Verlag der exklusive Verleger seiner Werke in Amerika werden sollte. Von seinem Landsitz in England aus stimmte Dickens beiden Vorschlägen zu, was sämtliche übrigen Verleger des Landes in Ärger und Verzweiflung stürzte – ganz besonders die Harper-Brüder.

Zwischen den Vereinigten Staaten und England gab es keine internationale Vereinbarung zum Urheberrecht. Darum konnte jeder amerikanische Verleger jedes britische Buch ohne Genehmigung des Autors herausgeben. Es gab jedoch eine Art Handelsbrauch: Wenn ein amerikanischer Verleger mit dem Autor eine Vereinbarung traf, die ihn zum Herausgeber des ausländischen Buches machte, dann respektierten das die übrigen amerikanischen Verlage. Die Harper-Brüder waren allerdings besonders berüchtigt für ihre billigen Raubdrucke – oft mit eigenmächtigen Veränderungen am Text, mitunter aus purer Nachlässigkeit, manchmal aber auch, um ein englisches Thema dem amerikanischen Publikum anzupassen. Diese nachgemachten Ausgaben wurden in Zügen verkauft, auf der Straße oder an Abonnenten – ohne die Fackel des Harper-Verlages auf der Titelseite.

Indem Major Harper in dieser Weise auf Das Geheimnis des Edwin Drood anspielte, erinnerte er seinen Konkurrenten daran, dass Harper die beträchtliche Investition, die Fields Osgood & Co. in Drood getätigt hatten, unterlaufen konnte, indem er den Markt mit den eigenen preiswerten Nachdrucken überflutete. Die Nachfrage nach Dickens neuem Buch wäre hoch, und wofür würde der typische amerikanische Leser sein hart verdientes Geld hergeben? Für das Buch von Fields, Osgood & Co., das zwei Dollar kostete – oder würde er lieber fünfundsiebzig Cent an einen von Harpers Straßenhändlern oder Hausierern bezahlen?

Und es gab nichts, was der Bostoner Verlag dagegen tun konnte.

Im Winter 1867/68 hatten Fields und Osgood für Charles Dickens eine Lesetour durch die Vereinigten Staaten arrangiert. Sie hatte fünf Monate lang gedauert und war ein enormer Erfolg gewesen, noch vor ihrem Ende ein historisches Ereignis. Tausende hörten Dickens Vortrag. Osgood hatte in dieser Zeit unermüdlich gearbeitet: Er verwaltete die Kasse, erfüllte jeden von Dickens mitunter launischen Wünschen und kümmerte sich zusätzlich um sämtliche Probleme, die unterwegs auftraten. Am Ende der Tour steckten einhunderttausend Dollar Gewinn in den Taschen des »Chief« – so wurde Dickens von seinem Manager Dolby genannt.

Auch Fields, Osgood & Co. verdienten an den Lesungen – fünf Prozent sämtlicher Bruttoeinnahmen. Der wahre Lohn für ihr Vertrauen in Charles Dickens sollte allerdings noch folgen, sobald sie Das Geheimnis des Edwin Drood veröffentlichen konnten.

Die ganze Welt wartete bereits auf das Buch, wie auf jeden anderen Roman von Dickens, seitdem sich der ehemalige Gerichtsberichterstatter mit den Papieren des Pickwick-Clubs und Oliver Twist vor fünfunddreißig Jahren einen Namen gemacht hatte. Nur Dickens schaffte es, Witz und Einsicht, Spannung und Mitgefühl zu gleichen Teilen in jedem seiner Bücher unterzubringen. Seine Figuren waren keine bloßen Scherenschnitte, auch keine kaum verhüllten Spiegelbilder seiner eigenen Person – nein, diese Figuren waren ganz sie selbst! Dickens Erzählungen forderten die Leser nicht dazu auf, den Aufstieg in eine höhere Klasse zu erstreben oder mit Hass auf jede andere Klasse als ihre eigene zu blicken. Dickens Texte ließen sie nach der Menschlichkeit streben, und nach dem Menschlichen in allem. Das war es, was ihn zum berühmtesten Autor der Welt gemacht hatte.

Sein neues Buch ließ schon fast fünf Jahre auf sich warten, nie zuvor war der Abstand zwischen zwei Büchern länger gewesen. »Das Publikum ist reif für das Werk!«, so hatte Fields es ausgedrückt. Drood berichtete von einem jungen Gentleman – Edwin Drood -, einer aufrichtigen Figur, wenngleich es ihr an Zielstrebigkeit fehlte. Er verschwindet spurlos, nachdem er die Eifersucht seines verschlagenen Onkels geweckt hat – John Jasper, einem angesehenen Bürger, der ein Doppelleben führt und dem Opium verfallen ist. In seinen Briefen an Fields versprach Dickens seinen Lesern ein »überaus neues und eigentümliches« Buch.

Ralph Waldo Emerson hatte gerade in Fields Büro gesessen, als Fields und Osgood Dickens’ Brief zu seinem neuen Roman gelesen hatten.

»Ich fürchte, Dickens hat mehr Talent, als gut für ihn ist«, verkündete Emerson in der ihm eigenen Art, die an ein altes Orakel erinnerte, das gelangweilt war von den eigenen Verkündigungen.

»Was meinen Sie damit, mein lieber Waldo?«, fragte Fields. Ein Verleger, der so lange im Geschäft war wie Fields, ließ sich niemals aus der Ruhe bringen, wenn ein Autor über einen anderen schimpfte.

»Sein Gesicht schüchtert mich ein!«, rief Emerson aus, mit Blick auf eine Photographie von Dickens an der Wand. Sie zeigte ein markantes, wenn auch wettergegerbtes Profil, dessen Blick feldherrngleich in die Ferne gerichtet war. »Sie und Mr. Osgood wollen mich von seinem liebenswürdigen Charakter überzeugen. Sie versichern mir ständig, dass sein Mitgefühl seine Begabung noch übertrifft. Ich aber glaube, dass er in seinen Talenten gefangen ist. Er ist ein viel zu vollkommener Künstler, als dass auch nur ein Funke Natur in ihm wohnen kann.«

Emerson erkannte nicht, wie sehr seine Verleger auf Dickens angewiesen waren, dass Autoren wie Longfellow, Lowell und Holmes allein nicht mehr ausreichten, um den Verlag überleben zu lassen – nicht einmal, wenn man Mr. Emerson hinzunahm, ihren anerkannten Weisen. Vor Jahren hatte diese in gegenseitiger Bewunderung verbundene Bostoner Gemeinschaft dem Verlagshaus Scharen von Lesern für ihre Romane und Gedichte zugeführt. Longfellows Aufsehen erregendes Werk, Das Lied von Hiawatha, floss während Osgoods erster Monate im Verlag wie von selbst von der Druckerpresse und durch die Türen aller Buchhandlungen! Heutzutage konnte Osgood bestenfalls noch Dr. Holmes überreden, eine blasse Fortsetzung vom Autokrat am Frühstückstisch zu schreiben; er konnte freundlich lächeln zu einem gut gemeinten Erbauungsroman von Mrs. Stowe, auch wenn das Buch nicht halb so mutig war wie Onkel Toms Hütte; oder er ermutigte Longfellow bei dessen langsamer Arbeit an seinem langen, tristen Gedicht über Jesus Christus, der Göttlichen Tragödie, obwohl damit weniger zu verdienen war als mit einer weiteren Neuauflage von Longfellows umstrittener Übersetzung der Göttlichen Komödie.

Osgood fühlte sich wie von Furien gehetzt: Kein Tag verging, ohne dass er sich Autoren stellen musste, die verärgert Freiexemplare verlangten oder die Trost brauchten, wenn ihre Bücher aus dem Programm genommen wurden und dem drohenden Vergessen anheimfielen. Sich enttäuscht im Frog Pond ertränken … Und das alles noch ohne dass Montague Midges, der zwei Büros weiter saß, höhere Honorare für die Autoren verlangte, damit er die Seiten ihrer Zeitschrift füllen konnte, des Atlantic Monthly. Osgood würde dann schauen, was Midges auf seinem Schreibtisch liegen hatte, die schleppenden, schwerfälligen Produkte literarischen Schaffens, von denen es stets unfehlbar hieß, sie seien »beinahe halb fertig!«, wie Bryants Übersetzung des Homer oder Taylors Faust. Keines von ihnen – selbst wenn sie eines Tages fertig gestellt wären – hatten realistisch gesehen Aussicht, auch nur die Kosten wieder einzubringen. Osgood trug die Verantwortung für ein Schiff, das in schwerer See krängte, während die Stürme immer heftiger tobten.

Dickens neues Buch konnte all das ändern.

In gewisser Weise hatte Harper Recht, so hatte Osgood am Tag ihrer Unterredung gedacht, auch wenn er es nie zugeben würde. Vielleicht war der Unterschied zwischen einem Verleger und einem Spielzeugmacher klein geworden, und vielleicht konnte der Name eines Autors keine zwanzig Jahre mehr strahlen. »Ausgenommen Charles Dickens«, sagte Osgood zu sich selbst. »Er überragt alle übrigen. Er macht Literatur zu Büchern und Bücher zu Literatur. Und Harpers Spielzeuge können zur Hölle fahren.«

Und dann, früh in diesem Sommer, traf die Nachricht ein.

»James!« Atemlos war Fields in Osgoods Büro gestürmt. »Gerade kam es über den Telegrafen! Gebe Gott, dass es ein Irrtum ist!«

Osgood geriet in Panik, bevor er noch wusste, worüber. Die Sekretärinnen blickten von ihren Schreibarbeiten auf und verwischten vermutlich in einem Augenblick ein Dutzend Wörter mit Tintenklecksen. Es kam so selten vor, dass Fields seinen jüngeren Geschäftspartner duzte, sich derartige Gefühlsausbrüche in Gegenwart der weiblichen Angestellten erlaubte oder dass er überhaupt jemals rannte! Dann bemerkte Osgood, dass eine der Sekretärinnen in die bloßen Hände schluchzte, ehe sie ein Taschentuch fand. Rebecca schaute zu Osgood herüber, als stünden ihr tausend Wörter auf den Lippen, die hinauswollten. Ihn überkam das mulmige Gefühl, dass es eine furchtbare Neuigkeit gab und jeder außer ihm sie bereits kannte.

Ein mitfühlender Ausdruck stand in Rebeccas grünen Augen und ließ Osgood wünschen, er könnte die Nachricht aus ihrem Mund erfahren, wie auch immer sie lauten mochte und wie übel sie war.

Aber schon schlug Fields die Bürotür hinter sich zu und gestikulierte wild. »Charles Dickens … tot!«, stieß er schließlich hervor.

Die Bostoner Zeitungen hatten die Nachrufe aus den Londoner Blättern erhalten, die diesen Morgen gekommen waren, und gleich ein Telegramm an den Verlag geschickt. Fields las laut daraus vor und betonte die Details, als ließe sich die ganze Angelegenheit durch einen raschen Plan doch noch zum Guten wenden: »Die Pupille des rechten Auges war stark geweitet, die im linken zusammengezogen, der Atem rasselnd, die Gliedmaßen schlaff bis eine halbe Stunde vor seinem Tod, als ein Krampf auftrat …«

Es hieß weiterhin, dass Dickens während seines letzten Tages am Geheimnis des Edwin Drood gearbeitet hatte und sich noch mit dem Stift in der Hand plötzlich schlecht fühlte. Er hatte eben die letzten Wörter der sechsten Episode der Geschichte vollendet – das halbe Wegstück durch den gesamten Roman, der auf zwölf Fortsetzungen angesetzt war. Kurz darauf brach er zusammen und erholte sich nicht mehr.

»Dickens tot!«, rief Fields aus und zitterte sichtlich. »Wie ist das …! Ich kann es nicht glauben! Eine Welt ohne Dickens!«

Die Nachricht verbreitete sich weiter. Männer und Frauen weinten oder saßen stumm und benommen in den Büros. »Charles Dickens ist tot«, wiederholten alle, die es hörten, jedem gegenüber, den sie sahen. So gut wie jeder im Verlagshaus war Mr. Dickens begegnet, als dieser vor zwei Jahren zu seiner Lesereise gekommen war. Auch wenn es schwer war, sich Charles Dickens als Freund vorzustellen, so fühlte man sich doch leicht als der seine. Er war so voller Leben – nicht nur sein eigenes, sondern auch das einer jeden seiner Figuren, die er bei seinem Besuch vor einem begeisterten Publikum hatte auferstehen lassen! Niemand, der Dickens jemals erlebt hatte, konnte ihn sich tot vorstellen. Ein Mann mit Ausrufezeichen als Augen, so hatte Osgood mal jemanden sagen hören. Wie konnte ein solcher Mann sterben?

»Charles … Dickens … vierzig Meilen …«, murmelte Fields vor sich hin, in die trübe Hoffnungslosigkeit hinein, nachdem sie fast eine Stunde schweigend zusammengesessen hatten. »Ich muss den Telegrafen im Auge behalten, falls sich alles als Fehler erweist.« Dickens war nur wenige Jahre älter gewesen als Fields, der selbst immer mehr unter seiner Migräne und den Handbeschwerden litt. Auf dem Weg nach draußen drehte er sich noch einmal nach Osgood um. »Vierzig Meilen, haben Sie gesagt!«

»Das habe ich«, antwortete Osgood sanft.

Es war im März 1868 gewesen, gegen Ende von Dickens Aufenthalt in Boston. Sie hatten gemeinsam bei den Fields in der Charles Street zu Abend gegessen, und irgendwie kam das Gespräch darauf, wie weit Charles Dickens Manuskripte reichen würden, wenn man alle Seiten einzeln der Länge nach aneinanderlegte.

Osgood berechnete sorgfältig die Anzahl der Romane und Erzählungen und schätzte rasch ihre durchschnittliche Länge ab. »Vierzig Meilen«, sagte er schließlich.

»Nein, Osgood«, hatte Fields ausgerufen. »Hunderttausend Meilen!«

»Danke, mein lieber Fields«, antwortete Charles Dickens mit der Würde eines Ritterschlags. Dann wandte er sich mit strenger Miene an Osgood, und seine großen blaugrauen Augen schienen sich tief in die Seele des jungen Verlegers zu graben, während seine Augenbrauen weit nach oben schossen. »Mr. Fields, ich bin geneigt, mit Ihrem jungen Teilhaber hier zu streiten, wenn er nicht seine Berechnung revidiert, wie viele Wörter ich im Laufe meiner Tage zu Papier gebracht habe. Gewiss doch mehr als vierzig Meilen!«

Das waren Fields und Osgood, auf den Punkt gebracht: Der jüngere Mann suchte die richtige Antwort, der Ältere gab die, die man hören wollte.

»Ist das kein eigentümliches Gefühl für Sie, Mr. Dickens?«, warf die bezaubernde Annie Fields ein und lachte über ihren Mann und seinen Geschäftspartner. »Wie können Worte von solchem Wert auf einer so unbedeutenden Fläche der Welt Platz finden?«

Der Schriftsteller hob seine großen Hände in einer ausdrucksstarken Geste, die sogleich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf ihn lenkte. Seine Gesichtszüge waren beständig in Bewegung, sodass man sie kaum richtig erkennen konnte, solange man ihn nicht im Schlaf erwischte. »Mrs. Fields, Sie verstehen mein eigenartiges Geschick. Sobald ich etwas veröffentliche, werden meine Wörter auf beiden Seiten des Ozeans ausgedrückt, abgeklopft und geplündert. Viele Leser und Buchhändler sind meine Verbündeten, und doch stehe ich allein. Mein Schicksal ist es, fürchte ich, ein Quijote ohne Sancho zu sein. So fallen meine Mitautoren, während unser Überlebenskampf voranschreitet. Und wir können nichts tun, als die Reihen zu schließen, voranzumarschieren und weiter zu kämpfen.«

Osgood erinnerte sich nun an diese Szene und fühlte sich dabei verwirrt und leer. Er folgte Fields den Flur entlang bis zu dessen Büro. Der ältere Verleger setzte sich auf die mit Manuskripten gefüllte Fensterbank und sank in sich zusammen. Er drückte die Stirn gegen das kühle Glas, bis es von seinem Atem beschlagen war.

Osgood hatte das Gefühl, wenn er eine Strategie für das Geschäft entwickeln konnte, anstatt in dumpfe Depression zu verfallen, wäre Fields ihm dankbar. Er wollte das Vertrauen rechtfertigen, dass der Ältere ihm erwiesen hatte, als er ihn zum Teilhaber machte. Immer noch hatte er Major Harpers Stimme in seinem Ohr, wie er drei Monate zuvor von der Juniorpartnerschaft gesprochen hatte, und, ja, daraufhin auch von Drood. Ich bin schon gespannt.

»Mr. Fields«, sagte Osgood. »Ich bin nun mehr denn je wegen der Harper-Brüder besorgt.«

»Ja, ja.« Fields Stimme klang träge. Er war in Trauer versunken. »Was? Ich verstehe es nicht, Osgood. Wie können Sie jetzt an Harper denken?«

»Wenn der Major erfährt, dass der neue Roman nur zur Hälfte vollendet wurde und Dickens verstorben ist … nun, Mr. Fields, Harper wird behaupten, dass die üblichen Gepflogenheiten nicht für unfertige Werke gelten. Er wird versuchen, uns den Drood

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