Logo weiterlesen.de
Das leise Kratzen in der letzten Rille

JOHANNES FINKBEINER

DAS
LEISE
KRATZEN
IN DER
LETZTEN
RILLE

ABSURDITÄTEN
AUS DEM LEBEN EINES
TAUGENICHTS

ROMAN

Image

FINK

1. Kapitel

Savićević riss ein Magritte-Plakat von der Wand und warf es weg, denn es gefiel ihm nicht mehr. Man konnte seine Meinung ja auch mal ändern. Dann hängte er mit seinen drei T-Shirts eine Trikolore auf den Wäscheständer, dachte kurz nach und ging schließlich in die Küche, um ein Bier zu trinken. Er hatte sehr gut geschlafen.

Savićević war 28 Jahre alt und hatte dichte blonde Haare; im Nacken waren sie etwas länger und bogen sich zwei Hörnchen ähnlich hinter den Ohren hervor. Im linken Ohr trug er einen kleinen, silbernen Ring, den er eigentlich gerne loswerden wollte. Es war ihm aber zu lästig, ihn herauszunehmen. Seine Augen waren grüngrau.

Seit ein paar Monaten wohnte er in einem Bungalow am Ufer des Eau des Goûts, dem größten Strom der Föderativen Republiken Europas. Die Adresse war Franz K. Stanzel-Straße 1. In den achtziger Jahren hatte er durch Sportwetten ein großes Vermögen verdient, von dem er seither lebte. Besonders bei UEFA-Cup-Rückspielen von Werder Bremen hatte er den richtigen Riecher gehabt. Das Geld erlaubte es ihm, frei über seine Zeit zu bestimmen.

Er war sehr glücklich über diesen Umstand, denn auf Arbeiten hatte er keine Lust – sein Leben war ihm wichtiger. Seine Zeit nutzte er vor allem dafür, ein, zwei Bier zu trinken, Platten zu hören oder mit seinen Tieren in die Disko zu gehen. Er hatte sich auf exotische Arten spezialisiert, da er mit Hunden nicht viel anfangen konnte und Hamster ihm leid taten. Seine Lieblingstiere waren Faultiere. Er selbst ähnelte ihnen insofern ein wenig, als er ziemlich oft im Bett anzutreffen war und in einem etwas unorthodoxen Rhythmus lebte, der ihm bisweilen Unannehmlichkeiten bescherte. Die meisten seiner Nachbarn waren nämlich Beamte und hassten Savićevićs Vorliebe, spätnachmittags aufzustehen, und schrieben deswegen Beschwerdebriefe an die zuständige Behörde.

Montags um 6:30 Uhr kam dann immer Herr Sträuber vom Ordnungsamt und klingelte ihn aus dem Bett. Spätes Aufstehen sei unerlaubt; da könne ja jeder kommen, und das könne schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Kostenzusageübernahmeerklärung sei unverzüglich einzureichen. Savićević kannte solcherlei sinnlosen Müll nur aus dem Fernsehen, und da es obendrein viel zu früh für eine stringente Argumentation in drei Schritten war, entgegnete er nur kurz, aber treffend: „Arschloch!“ Damit schubste er ihn hinaus, knallte die Tür zu und legte sich wieder hin. Sträuber brüllte dann meistens irgendwelche unverständlichen Hassausdrücke und drohte schließlich damit, neben Savićevićs Bungalow ein Atomkraftwerk bauen zu lassen – dies war die einzige Drohung, mit der man ihn beeindrucken konnte. Aufgebracht fügte er hinzu: „Nehmen Sie endlich eine ehrliche Arbeit auf! Sie liegen ja nur auf dem Lotterbett!“

Savićević hörte von alldem jedoch nichts mehr, denn er war längst wieder eingeschlafen. Im Übrigen fand er keineswegs, dass er auf dem Lotterbett lag; er hatte genug damit zu tun, über alles Mögliche nachzudenken.

Die meisten seiner Tiere lebten direkt neben seinem Bungalow in einem dreistöckigen Gebäude, wo sie eine Art autonome Gemeinschaft gebildet hatten. Bei sich im Bungalow hatte Savićević die Tiere einquartiert, zu denen er den persönlichsten Kontakt hatte. Es waren Gökhan, sein ältestes Faultier, Pynchon, ein Schwarzer Panther, die Kobra Topstar und M’Boma, ein afrikanisches Spitzmaulnashorn. Abgesehen von seinen Tieren hatte Savićević zwei Freunde, die er allerdings nur selten zu Gesicht bekam, da sie weit weg wohnten: Es waren Brinkmann, ein stromaufwärts in K.-Stadt wohnender Physiker, der in jüngster Zeit die Absurdität des Lebens bewiesen hatte und dadurch berühmt geworden war, und der Fahrradmechaniker Abduschaparow.

Und dann gab es noch Lie. Savićević dachte fast immer an Lie. Sie hatten sich bei einem schulübergreifenden Lesewettbewerb kennengelernt. Savićević war 14 Jahre alt gewesen und besuchte damals das Uwe-Bein-Gymnasium in Ouagadougou. Lie machte zu der Zeit ein Auslandsjahr in Bayern. Bei jenem Lesewettbewerb waren sie beide in die Endausscheidung gekommen, die an einem Samstag im April in Stuttgart-Heslach stattfand. Lie gewann den Wettbewerb überlegen mit einem tadellos vorgetragenen Textausschnitt aus Ich werde auf eure Gräber spucken. Savićević dagegen verhaspelte sich vor Aufregung beim Lesen der Kurzgeschichte Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah. Lie hatte ihm gegenüber gesessen, und da er immerzu in ihr sommersprossiges Gesicht schauen wollte, hatte er sich in kürzester Zeit mehrere leichte Lesefehler eingefangen.

Am Abend waren sie zusammen ins Hi tanzen gegangen, und Lie war sehr spendabel gewesen; sie hatte ein ordentliches Preisgeld abgesahnt, rund eine Viertelmillion Superhero. Trotzdem hatte sie es sich nicht nehmen lassen, eine Flasche Champagner zu klauen, die eine Gruppe von Künstlern am Nebentisch bestellt, dann aber nicht abgeholt hatte. Den Champagner hatten sie auf dem Heimweg getrunken. Er schmeckte schlecht, doch das war ihnen egal gewesen. Savićević hatte bei einem gewissen Tiev, der mit einem schwunghaften Spielkonsolenhandel sein Leben verdiente, ein Zimmer gemietet. Lie hatte bei Savićević geschlafen und ihn am nächsten Morgen angelächelt. Sie hatte vorsichtig das Kissen unter seinem Kopf zurechtgerückt – es war ein wenig weggerutscht – und gesagt: „Bis zum nächsten Mal, Savićević.“ Dann hatte sie Gökhan, der damals noch ein agiler Jungspund war, über das Fell gestrichen und war einfach gegangen. Savićević fand es gemein von ihr, dass sie seine Schläfrigkeit so schamlos ausgenutzt hatte. (Endgültig aufgewacht war er an jenem Morgen durch ein ohrenbetäubendes Trommeln. Es war Tiev, der auf den störanfälligen Telefunken-Fernseher einschlug, um weiter FIFA 98 zocken zu können.)

Immer wenn Lie wieder weg war, fühlte er eine seltsame Leere. Bier erschien ihm dann unwichtig und zu Atomenergie hatte er plötzlich keine Meinung mehr. Er ging daher davon aus, dass er in Lie verliebt war. Einmal hatte er es Lie auch gesagt: „Ich will, dass du mir einen Kuss gibst, Lie. Ich bin nämlich in dich verliebt.“ (Er hatte nicht gesagt „Ich liebe dich“, da er große Scheu vor diesem Satz hatte. Später, bei anderen Frauen, war es ihm zwei Mal passiert, dass er das einfach so dahingesagt und danach bereut hatte, da es gelogen war. Das erste Mal, als er sehr betrunken gewesen war; das zweite Mal, nachdem er sehr guten Sex gehabt hatte.) „Kriegst du aber nicht!“, hatte Lie geantwortet und gelacht. „Noch nicht!“ Sie hatte sich dabei ein bisschen auf die Unterlippe gebissen und dann angefangen, mit den Händen ihr Milchkaffeeglas zu streicheln.

Seither trafen sie sich selten, aber regelmäßig, und Savićević war jedes Mal sehr aufgeregt, wenn er sie sah. Aber nie passierte etwas, und es frustrierte ihn manchmal. Sie trafen sich, Lie lachte und dann war sie wieder weg. Mit der Zeit bereute Savićević es, sie nicht einfach geküsst zu haben. Vielleicht wäre dann alles einfacher gewesen. So hatte er einfach angefangen auf Lie zu warten. Das Warten war auch gar nicht so schlecht. Denn es war ja ein angenehmes Gefühl, auf etwas Schönes zu warten. Aber manchmal fühlte er sich dennoch wie die Lattenroste im Treppenhaus von Brinkmanns Hochhaus. Lie machte zwar immer mal wieder rätselhafte Andeutungen, wie zum Beispiel: „Es könnte sein, dass ich mich bald in dich verliebe.“ Aber mehr kam dann schließlich doch nicht. Sie ließ ihn zappeln und lachte. Savićević wartete trotzdem weiter. Man konnte die Zeit ja anderweitig überbrücken.

Lie sieht so gut aus! Wäre gut, sie mal wieder zu besuchen, dachte er und nahm einen großen Schluck Bier. Er verdrängte den Gedanken jedoch schnell wieder und setzte sich auf die Fensterbank. Er trank das Bier aus, öffnete ein zweites und überlegte.

„Bock auf Disko heute Abend?“, wandte er sich nach einer Weile an Gökhan, der an der Deckenlampe hing und die Seele baumeln ließ. Gökhan ging gerne in Diskotheken, das wusste Savićević. Heute aber schien er nicht sonderlich angetan von dem Vorschlag; fast angewidert drehte er sich weg. Etwas angefressen von Gökhans Abfuhr ging Savićević in den Salon hinüber. Die Stimmung unter den Tieren war seit einiger Zeit schlecht. Das beunruhigte ihn. Er selbst fühlte sich auch ein wenig ausgebrannt, war sich aber nicht sicher, ob das eine auf das andere zurückzuführen war. Er dachte ungern daran, dass auch sein Vermögen zur Neige ging, und versuchte dies zu verdrängen. Die Miete für den Bungalow betrug eine halbe Million Superhero pro Quartal, und obendrein hatte die Tierfutterbehörde die Tierfuttersteuer erhöht, um die Tierbesitzer in Schwierigkeiten zu bringen. Außerdem musste er Tiersteuer, Tierkotsteuer und Tierkotbeseitigungssteuer zahlen. Er dachte daran, bald arbeiten gehen zu müssen, und übergab sich bei dem Gedanken in einen Blumentopf.

Savićević überlegte weiter: Ich könnte M’Boma fragen. Vielleicht hat er Lust auf Disko. Andererseits war ich erst gestern mit ihm beim Tierarzt wegen einer Zecke. Wahrscheinlich kommt Disko da noch zu früh. Aber hier will ich auch nicht bleiben. Ich brauche dringend mal wieder Abwechslung. So langsam fällt mir die Decke auf den Kopf.

Savićević rülpste leise. Er war seit einigen Tagen nicht mehr im Urlaub gewesen, daher waren Gedanken dieser Art natürlich verständlich. Von Zeit zu Zeit wurde ihm das Leben in seinem Bungalow zu eintönig; überdies war in dieser Gegend das Temperament der Bevölkerung für seine Begriffe zu überschäumend. Da im Übrigen auch das Klima bald unwirtlich werden würde – worauf er überhaupt keine Lust hatte, denn er hatte eine Kälte-Allergie – und seine Tiere gut alleine klarkamen, beschloss er kurzerhand, sich auf den Weg zu Brinkmann zu machen. Er wollte ihn fragen, ob er Bock habe, mit in Urlaub zu fahren.

 

2. Kapitel

Um zu Brinkmann zu gelangen, musste man zunächst drei Tage auf einem Boot den Eau des Goûts hinauf bis nach S.-Stadt fahren. Von dort aus waren es dann noch ein paar Kilometer Fußmarsch am Fluss entlang. Das Ganze war keine ungefährliche Angelegenheit, da auf den Booten meistens Finanzbeamte mit Kickboards waren, welche die Passagiere erst einkreisten, dann angriffen und schließlich mit ihren Aktenbergen erstickten.

Um sicher zu gehen, packte Savićević ein paar seiner wichtigsten Sachen in seine rote Tasche, die er noch von seiner Zeit als Zivildienstleistender hatte. Da in diesem beschissenen Warenkapitalismus Geld bekanntlich der Maßstab aller Dinge war, steckte er zunächst einmal ein Drittel seines Vermögens ein, dann noch ein paar Klamotten und einige weitere Gegenstände: zwei Bücher – Die Versteigerung von No. 49 und Wo die wilden Kerle wohnen –, eine Platte von J. J. Johnson und eine von Sonny Rollins, die er jedoch sofort wieder herausholte und in den Mülleimer stopfte, da sie ihm nicht mehr gefiel, ein altes Diktiergerät, den Film Absolute Giganten (VHS), einen Fußball (der ‚Tango‘, den er beim WM-Endspiel 1986 auf der Tribüne des Azteken-Stadions nach einem Befreiungsschlag von Hans-Peter Briegel gefangen hatte), eine alte zerrissene Eintrittskarte zu einem Motörhead-Konzert, eine Kopie des Gemäldes Die Artistin von Ernst Ludwig Kirchner in Kleinformat, seine Taschentrompete, eine Video-Aufnahme des UEFA-Cup-Achtelfinal-Rückspiels Werder Bremen gegen Spartak Moskau, einen polierten Rennlenker von Cinelli, eine olivgrüne Partisanenmütze, ein Opinel und eine Silvesterrakete, die er noch übrig hatte. Dann zog er ein hellgelbes Seidenhemd, Blue Jeans und weiße Nike-Turnschuhe vom Typ ‚Air Force One‘ an, die er einmal am Flughafen gefunden hatte.

Topstar und Pynchon hatten sich schon bereit gemacht. Es verstand sich von selbst, dass die beiden mitkommen würden, da Savićević nie ohne sie verreiste.

Bevor sie aufbrachen, aßen sie Kartoffelsalat. Savićević pflanzte noch schnell einen Avocadokern in einen Blumentopf, um bei seiner Rückkehr wenigstens eine kleine Freude zu haben, denn er wusste jetzt schon, dass das Ende des Urlaubs wie immer trist und deprimierend sein würde. Dann ging es los. Ein schmaler Pfad führte vom Bungalow zum Eau des Goûts hinunter, wo mehrere Linienboote vor Anker lagen. Als Anwohner hatte Savićević eine sogenannte ‚Carte des Goûts‘ und bekam daher ein paar lumpige Prozente Ermäßigung; die Tiere dagegen mussten den dreifachen Fahrpreis bezahlen. Wie befürchtet war schon eine beachtliche Menge Finanzbeamter an Bord. Sie hatten sich auf dem Hauptdeck versammelt und fuhren in einer Reihe auf ihren Kickboards, wobei sie, aus der Vogelperspektive betrachtet, eine Acht beschrieben.

Savićević, Topstar und Pynchon bezogen ihre Plätze auf Deck drei. Die Tiere hatten Schlafsäcke mitgenommen und würden auf dem Boden schlafen, Savićević in einer Hängematte. Als nach einiger Verzögerung auch Frachtgut und Bordverpflegung schließlich verladen waren, legte die George Best ab und glitt, begleitet von einem schicken Sonnenuntergang und dem gleichförmigen Rattern des Radantriebs, in die Weiten des Eau des Goûts hinaus.

Keiner der drei hatte Lust, sofort schlafen zu gehen. Pynchon wollte noch ein bisschen lesen, während Savićević und Topstar es vorzogen, hinauf auf das Unterhaltungsdeck zu gehen, um sich einen Überblick über die Reisegesellschaft zu verschaffen.

Oben herrschte ausgelassene Stimmung. Die meisten Reisenden tranken englischen Rotwein und im Hintergrund lief anspruchsvolle Punkrockmusik. Auf einer Großleinwand lief Police Python 357 mit Yves Montand. Die beiden setzten sich auf zwei hellblaue Plastikstühle, die an einem Tisch vor einer kleinen Bar platziert waren. Savićević lehnte sich zurück und hörte dem Wasser zu, das sich ungefähr so anhörte wie die Snare von Art Blakey. Topstar rollte sich langsam zusammen und gähnte.

Savićević schaute das Wasser an und stellte sich vor, wie es wäre, alleine auf der Welt zu sein – die Vorstellung gefiel ihm. Von Zeit zu Zeit wurde es ihm lästig, mit Menschen zu kommunizieren, und er fand Gespräche manchmal anstrengend und nutzlos. Dann dachte er jedoch, dass es eigentlich ganz praktisch war, dass es noch andere Menschen gab, denn so konnte man sich unterhalten, sich streiten, Quatsch machen oder zusammen ein Bier trinken.

Eine Weile ließ er sich noch so treiben und dachte an Lie. Dann holte ihn die Realität wieder ein, denn er wurde durch etwas Besonderes abgelenkt. Eine Frau saß im Halbschatten der Bar auf einem weißen Karton, und ihre hellbraune Haut glänzte weich im Schein der matten Barbeleuchtung. Sie hatte den Kopf leicht gedreht und sah mit unfixiertem Blick auf das Wasser. Ihr Haar war fast schwarz, etwas länger als schulterlang, sehr voll und ein bisschen durcheinander; ihre Brüste waren sehr rund, mittelgroß und drückten gegen die etwas zu enge rote Sportjacke, deren Reißverschluss bis oben zugezogen war. In der einen Hand hielt sie eine Zigarette; mit der anderen umfasste sie den schwarzen Ledergriff einer kofferähnlichen Box aus orangefarbenem Plastik. Ihre nackten Füße krallten sich in den Deckboden und ließen dabei kleine Adern hervortreten.

Savićević stand auf und ging zur Bar hinüber.

„Was ist das?“ Er zeigte auf die orangefarbene Box, deren Griff sie noch immer fest umklammerte.

Die Frau nahm einen langen Zug von ihrer Zigarette, drehte dann langsam den Kopf und blickte ihm in die Augen. Ihre waren gelbgrau und blitzten.

„Ich habe ihn immer dabei. Es ist ein Plattenspieler. Leider sind mir alle meine Platten beim Einchecken auf den Boden gefallen. Einer der Finanzbeamten ist mit seinem Kickboard darüber gefahren. Die Platten sind alle kaputt! Aber ich habe die Hüllen noch.“

Sie legte die Box auf die Seite und klappte den Deckel hoch. Neben dem Plattenteller war noch etwas Platz. Plattenhüllen, ein paar Klamotten und vereinzelte Bücher waren dort in wildem Durcheinander hineingestopft. Auf dem Teller drehte sich ein rotgrün gestreifter Slip; der Tonarm hatte sich aus der Verankerung gelöst und tänzelte auf dem Stoff. Sie drückte die Stop-Taste, pustete behutsam Staub von der Nadel, setzte den Tonarm zurück – sie benutzte sogar den Lift – und kramte dann drei der Hüllen aus dem Bündel hervor, um sie Savićević zu zeigen. An den grellen Farben der Plattencover konnte man erkennen, dass es wohl alte Funk-Musik war.

„Schade um die Platten! Ich habe auch eine dabei. Die könnten wir hören, wenn du Lust hast. Wir fahren übrigens in Urlaub und haben noch einen Platz frei. Kommst du mit?“

Sie kramte weiter in dem Knäuel herum und zog schließlich ein kleines Metallkästchen heraus.

„Ja“, sagte sie beiläufig. Savićević war ziemlich überfordert von den gelben Augen und verstand nicht so recht, was mit ihm passierte.

„Wie heißt du?“, fragte er schließlich.

„Fink“, sagte sie.

Savićević stutzte kurz und erwiderte dann: „Geschmeidig! Ich hatte zwar gehofft, dass dein Name mit V anfängt, aber es macht nichts. Fink ist auch gut! Ich heiße Savićević.“

„Wenn du willst, kannst du es mit V schreiben.“

Sie sahen sich eine Weile an. Finks Augen blitzten schon wieder, und ihr Mund öffnete sich leicht. Dann berührten sich ihre Lippen kurz und ließen danach einen kleinen Spalt offen, durch den ihre Zähne silbrig-weiß hindurchschimmerten.

„Ich würde dir gern dieses Ersatzsystem geben – für alle Fälle.“ Sie hielt ihm das Metallkästchen hin. „Ich handhabe das wie mit dem Ersatzschlüssel für meine Wohnung. Das heißt, ich habe ja gar keine. Aber wenn ich eine hätte, würde ich den Schlüssel immer jemandem geben, der sich für Platten interessiert und nett zu mir ist.“

Savićević nahm das System und steckte es in seine Tasche, aus der er mit der gleichen Bewegung den Cinelli-Lenker herausholte. Er fragte sich, was er damit eigentlich wollte – zumal er ihn auch nicht mehr sonderlich schön fand – und warf ihn kurzerhand über Bord. Topstar wünschte ihnen eine gute Nacht und verließ das Unterhaltungsdeck. Schon nach ein paar Minuten kam er aber zurück wie ein ungedeckter Scheck.

„Auf Deck drei spielen sich tumultartige Szenen ab. Die Finanzbeamten haben einen Streit vom Zaun gebrochen und bewerfen die Passagiere mit Lochern und Heftmaschinen.“

„Jaja. Wen juckt das? Es sind Arschlöcher, und es gibt Wichtigeres.“

Während Savićević das sagte, nahm er vorsichtig Finks Slip vom Plattenteller und legte sorgfältig die Platte auf.

„Eine schöne Platte“, sagte Fink, als nach Ablauf der B-Seite nur noch das leise Kratzen der Nadel in der letzten Rille zu hören war. „Am besten hören wir sie gleich noch mal an.“

Vielleicht gehörte Fink auch zu der Art Menschen, dachte Savićević, die, wenn sie ein schönes Lied entdeckt hatten, nicht mehr aufhören konnten, es zu hören, und so lange die gleiche Platte laufen ließen, bis sie es nicht mehr ertragen konnten. Auch Savićević machte das manchmal so, und er fand es oft schade, wenn ihm irgendwann ein Lied plötzlich auf die Nerven ging, obwohl es dies eigentlich nicht verdiente. Sie drehte die Platte noch einmal um und legte die Nadel wieder auf. Er freute sich jetzt sehr auf den Urlaub.

 

3. Kapitel

Es musste schon ziemlich spät sein. Die meisten Passagiere hatten das Unterhaltungsdeck bereits verlassen – wahrscheinlich um schlafen zu gehen. Die Hintergrundmusik war längst verstummt, so dass Finks Plattenspieler nun die einzige Geräuschquelle war. An der Bar saßen zwei Männer mittleren Alters und tranken Wodka.

„Hier habt ihr noch ein paar Bier. Ich gehe endgültig schlafen“, sagte Topstar. „Gute Nacht übrigens.“

Er schlängelte sich durch die herumstehenden Stühle und Tische und verschwand im Dunkel.

„Woher kommst du?“, fragte Savićević irgendwann. Sie hatten beide ein Bier aufgemacht.

„Aus der Tiefe des Raumes“, sagte Fink und lachte. Nach einer kurzen Pause fügte sie an: „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Hab’s vergessen.“

Sie schwiegen wieder und sahen auf den Fluss.

„Was ist deine Lieblingsstadt?“, fragte Fink dann.

„Ich hab’ keine“, sagte Savićević. „Die schönsten Städte sind die, die man nicht kennt, denke ich.“ Er zögerte kurz. „Alle Hafenstädte sind gut. Aber ich brauche die Stadt nicht unbedingt. Mein Bungalow gefällt mir und irgendwann wird mir sowieso alles lästig. Dann ziehe ich schnell um. Aber das kommt nicht daher, dass ich es an einem Ort nicht mehr schön finde. Ich bin nur ein bisschen süchtig nach Ortswechseln und habe meistens Bock auf Urlaub.“

„Gute Süchte!“, sagte Fink. „Aber wieso bleibst du dann überhaupt länger irgendwo, wenn du eh schon weißt, dass du bald wieder gehst? Wäre es nicht besser, du würdest nur noch herumfahren?“

„Ja, vielleicht. Aber meine Tiere machen das nicht mit. Sie machen sich ja schon lustig, weil ich meistens im Urlaub bin. Was für sie zählt, ist eine feste Bleibe, zumindest für ein paar Monate. Sie sind in der Beziehung ziemlich spießig. Als wir zuletzt aus Hamburg weggezogen sind, gab es fast einen Aufstand, und ich musste sie mit Bio-Futter besänftigen.“

„Weißt du eigentlich, wohin wir in Urlaub fahren?“

„Nein, woher soll ich das wissen? In K.-Stadt möchte ich meinen Freund Brinkmann treffen. Sonst habe ich nichts Besonderes geplant. Erstmal relaxen und ein, zwei Bier trinken.“

Fink sah ihn interessiert an. Savićević bekam plötzlich Angst vor ihren Augen, und sagte schnell: „Du hast schöne Haare.“

Sie lachte. „Lässt du mich in deiner Hängematte schlafen?“

„Ja. Wir sind ja jetzt im Urlaub. Aber man könnte es auch anders begründen.“

Der Barmann läutete die letzte Runde ein, worauf die beiden Männer an der Bar hastig einen neuen Wodka bestellten. Einige Möwen, die auf der Reling saßen, wurden von der Glocke, die eigentlich völlig unnötigen Lärm machte, aufgeschreckt und flatterten orientierungslos herum – vermutlich hatten sie geschlafen. Warum hatte der Barmann den beiden Typen nicht einfach leise mitgeteilt, dass die letzte Runde anbreche? Schließlich waren sie die einzigen verbliebenen Gäste.

Savićević öffnete ein neues Bier. „Hast du außer deiner Box nichts mitgenommen?“

„Nein. Ich habe auch nicht mehr als die Box und das, was darin ist. Ich möchte so wenig wie möglich besitzen.“ Sie zündete eine neue Zigarette an. „Früher hatte ich sehr viele Sachen, sehr teure, aber eigentlich überflüssige Sachen. Das war, als ich noch viel Geld mit literarischen Übersetzungen verdient habe. Ich hatte einen Porsche, finnische Design-Möbel und eine verchromte Kaffeemaschine von Saeco. Ein BWL-Student hat mir alles geklaut. Danach wurde mir bewusst, dass ich das ganze Zeug gar nicht brauche. Die Sachen, die ich noch hatte, hab’ ich alle verschenkt. Den Job hab’ ich übrigens irgendwann hingeschmissen, weil er mir zu eintönig war. Seither arbeite ich drei Monate pro Jahr in U.-Stadt als Kranführerin auf einer Baustelle – das gefällt mir besser. Ich kann mich dabei besser entfalten. Die einzigen Sachen, die ich noch behalten habe, sind mein Plattenspieler samt Platten, wobei die ja jetzt leider Geschichte sind, ein paar Bücher und Klamotten. Und diese Halskette.“

Sie öffnete ihre Sportjacke und zeigte auf ein dunkelbraunes Lederband, das eng um ihren Hals gebunden war, und auf welches abwechselnd schwarze Holzperlen und kleine Alligatorzähne gereiht waren.

„Woher hast du die?“, fragte Savićević.

„Ich habe sie in Paris mit einem Straßenmusiker gegen ein Diamantencollier getauscht. Sie ist schön, nicht wahr?“

„Ja, ist sie.“

Fink hörte nicht auf, ihn anzusehen. Savićević wusste nicht, ob er es genoss oder ob es ihm unangenehm war. Ihm gefiel das Glitzern von Finks Augen und dass sie gelbgrau waren. Er lehnte sich zurück und betrachtete den Himmel. Man konnte keine Sterne sehen. Schade, dachte Savićević. Sterne wären jetzt genau das Richtige. Er schloss die Augen und stellte sich einen Sternenhimmel vor, aber dann bekam er so eine Art Entzugserscheinung und schaute schnell wieder Fink an. Sie saß ruhig an der Reling und blies mit ihrer Zigarette Ringe in die Nachtluft, ohne ihren Blick von ihm abzuwenden.

„Komm!“, sagte sie plötzlich und zog ihn hoch. Einige der leeren Flaschen fielen um.

„Warte! Ich glaube, du hast mich hypnotisiert.“

„Das sind nur meine Augen.“

Die Bar hatte mittlerweile geschlossen; niemand war mehr auf dem Deck. Er wurde mehr von ihr geschoben, als dass er ging. Über das Deck, die erste Treppe hinunter, die zweite, dann ganz nach hinten, wo er schließlich Topstar und Pynchon in ihren Schlafsäcken erkannte und langsam wieder wusste, wo er sich befand.

„Hier, meine Hängematte“, sagte er und hielt ihr ein grünes Stoffknäuel hin. Erschöpft ließ er sich neben Pynchon auf den Boden sinken und atmete tief ein. Er fühlte sich immer noch sehr verschickt.

Fink befestigte geschickt die beiden Enden an den dafür vorgesehenen Metallhaken. „Ich bin fertig. Du kannst dich hineinlegen“, hörte er sie noch sagen.

Am nächsten Morgen fiel ihm ein, wie er noch versucht hatte, sich aufzurichten und dabei fast wieder hingefallen wäre, und wie sie ihm geholfen hatte, sich in die Hängematte zu legen. Dann hatte sie sich dazu gelegt und sich an ihn gedrückt, und er hatte an ihren Haaren gerochen. Irgendwann – es war wohl schon in der Morgendämmerung gewesen – war plötzlich ein heftiger Kuss über seine Lippen hergefallen. Aber dann war auch der Kuss müde geworden und hatte sich neben sie in die Hängematte gelegt.

 

4. Kapitel

Pynchon kam die Treppe vom Hauptdeck herauf. Er zog eine Papiertüte aus seinem Rucksack und stellte sie in die Mitte ihres Schlaflagers.

„Hier, Brötchen und Kaffee. Bedient euch!“ Savićević, dessen struppige Haare in alle Richtungen abstanden, saß auf einer verrosteten Ankerwinde und gähnte.

„Danke!“ Er war völlig übermüdet. Es war sehr ungewohnt für ihn, schon morgens wach zu sein. Aber nach mehreren vergeblichen Versuchen, wieder einzuschlafen – er konnte sich selbst nicht erklären, warum es nicht geklappt hatte – war er schließlich aufgestanden. Fink schien noch zu schlafen. Sehr ruhig lag sie da und nahm scheinbar keinerlei Notiz von dem emsigen Treiben, das überall auf dem Schiff zu beobachten war. Matrosen schleppten Wein- und Bierkisten auf das Unterhaltungsdeck, und Schiffsjungen lackierten die Reling. Köche und Tellerwäscher riefen sich über vier Decks hinweg gegenseitig Beschimpfungen wie „du Fickspecht“ oder auch nur „du alte Scheiße“ zu. Savićević hätte gerne Finks Gesicht gesehen, aber es war eingehüllt in das grüne Leinen der Hängematte.

Sie frühstückten in aller Ruhe. Der Kaffee war gut. Die Sonne schien, und ein leichter Wind blies. Müde, aber sehr zufrieden lehnte sich Savićević zurück und ließ seinen Blick über das Schiff schweifen. Da erblickte er das Chaos, das steuerbords auf Deck drei herrschte: Überall lagen Glasscherben, zersplitterte Holzstücke und geborstene Plastikteile herum, das Ganze noch überzogen von unzähligen Aktenordnern und lose herumflatternden Papieren. Eine Putzkolonne hatte sich darangemacht, die traurigen Reste des Vorabends zu beseitigen, schien aber nicht recht zu wissen, wo sie anfangen sollte. Es war ein widerwärtiger Anblick.

„Die Arschlöcher.“

„Ja, die Arschlöcher“, sagte Pynchon.

„Ja, es sind Arschlöcher!“, sagte Topstar.

Damit war erstmal alles gesagt, und sie schwiegen.

„Es sind leider Arschlöcher.“ Fink hatte offenbar ihre Unterhaltung mitgehört und lugte nun verschlagen aus der Hängematte hervor. Man sah nur ihre Augen, aber Savićević wusste, dass sie lächelte. Topstar kroch an die Reling und sah auf das Hauptdeck hinunter.

„Ich mach mal einen kleinen Rundgang. Wir sehen uns später auf dem Unterhaltungsdeck. Tschüs.“ Auch Pynchon verabschiedete sich fürs Erste, um zu lesen. Er hatte im Lesen den Schwarzen Gürtel; gerade las er Das Totenschiff von B. Traven, und wenn er ein Buch erst einmal angefangen hatte, interessierte ihn alles andere herzlich wenig.

Fink war aufgestanden und hatte sich hinter Savićević gesetzt. Sie streifte mit den Augenbrauen seinen Nacken.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das leise Kratzen in der letzten Rille. Absurditäten aus dem Leben eines Taugenichts" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen