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Das kriminell gute Thriller Paket Februar 2019: 1400 Seiten Spannung

Das kriminell gute Thriller Paket Februar 2019: 1400 Seiten Spannung

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2019.

Inhaltsverzeichnis

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Das kriminell gute Thriller Paket Februar  2019: 1400 Seiten Spannung

Copyright

Kubinke und die Memoiren

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MATUS RACHE

Personen

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sein letzter Fehler

Die Hauptpersonen

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Sand im Mund

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Liebe unter Piranhas

Ein Schwan stirbt selten allein

Personen

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Anna verschwindet

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KILLER IN DER NACHT

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Archibald Duggan und zwei Whisky mit Gift

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Bei Vollmond kommt der Werwolf

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Further Reading: 10 Mörder im August - Zehn Krimis auf 1200 Seiten

Also By Alfred Bekker

Also By Horst Bieber

Also By Horst Bosetzky

Also By Walter G. Pfaus

About the Author

About the Publisher

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Das kriminell gute Thriller Paket Februar  2019: 1400 Seiten Spannung

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von Horst Bieber, Alfred Bekker, Uwe Erichsen, Walter G. Pfaus

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1400 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Kubinke und die Memoiren

Horst Bieber: Matus Rache

Horst Bieber: Sein letzter Fehler

Horst Bieber: Sand im Mund

Horst Bieber: Liebe unter Piranhas

Horst Bieber: Ein Schwan stirbt selten allein

Horst Bieber: Anna verschwindet

Uwe Erichsen: Killer in der Nacht

Horst Boesetzky (-ky): Archibald Duggan und zwei Whisky mit Gift

Walter G. Pfaus: Bei Vollmond kommt der Werwolf

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Kubinke und die Memoiren

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Ein Harry Kubinke Kriminalroman

von Alfred Bekker

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EIN MANN WOLLTE EIN brisantes Buch veröffentlichen und war vorher umgelegt worden. Jetzt mussten die Kommissare Harry Kubinke und Rudi Meier seinen Mörder finden. Und der Mann, auf dessen brisanter Lebensgeschichte das Buch beruhen sollte, war ebenfalls umgebracht worden.

Zwei Morde, ein Buch und viele offene Fragen...

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, Jack Raymond, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ein Mann wollte ein brisantes Buch veröffentlichen und war vorher umgelegt worden. Jetzt hatten mein Kollege Kommissar Rudi Meier und ich das Problem, dass wir seinen Mörder finden mussten.

Und der Mann, auf dessen brisanter Lebensgeschichte das Buch beruhen sollte, war ebenfalls umgebracht worden.

Zwei Morde, ein Buch und viele offene Fragen.

Und dabei war der Mörder in beiden Fällen ein alter Bekannter.

Ein alter Bekannter mit einer eindeutigen Handschrift.

Wir nannten ihn, den ‘Killer mit der Delle’.

Nicht deswegen, weil er selbst eine Delle gehabt hätte. Da war unseres Wissens keine körperliche Deformation, die man so hätte bezeichnen können, obwohl wir eigentlich über sein Aussehen gar nichts wussten.

Aber mit dem Namen, unter dem dieser Killer bekannt war, hatte sein Aussehen nichts zu tun.

Der bezog sich auf etwas anderes.

Alles, was wir nämlich von ihm hatten, waren die Projektile, die er benutzt hatte. Projektile, die an Tatorten gefunden worden waren und in Leichen gesteckt hatten.

Und diese Projektile wiesen eine ganz spezielle, charakteristische ‘Delle’ auf, die durch irgendeine Besonderheit der Tatwaffe verursacht wurde. Unsere Ballistiker hatten den Unbekannten also daher den ‘Killer mit der Delle’ genannt und da wir bis heute seinen Namen nicht kannten, benutzten wir eben diesen.

Der Killer mit der Delle war höchstwahrscheinlich ein Lohnkiller, der mutmaßlich für diverse Auftraggeber aus dem kriminellen Milieu Auftragsmorde verübt hatte.

Und jetzt standen eben zwei weitere Namen auf seiner Opferliste.

Es wurde Zeit, dass er aus dem Verkehr gezogen wurde.

Aber dazu mussten wir ihn erstmal kriegen.

Die andere Sache, die uns beschäftigte, war die Frage, wer den Killer mit der Delle wohl beauftragt haben mochte. 

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Der Killer mit der Delle hatte zuvor zwei Kiez-Größen umgebracht: Jimmy Talabani und Rasul Abu-Khalil, Anführer zweier Libanesen-Gangs. Jimmy hatte seinen Vornamen übrigens von seiner urdeutschen Mutter, die auf diese Weise ihre Spur in der Familien-Saga der Talabanis hinterlassen hatte.

Jetzt suchten wir natürlich nach Zusammenhängen.

Hingen die Morde mit diesen kriminellen Bandenchefs mit denen an Felmy und vielleicht zwei anderen Fällen zusammen, die wir im Moment zu untersuchen hatten? Mit den Morden an dem zwielichtigen Privatdetektiv Amadeo Felmy und dem Sensations-Reporter Arthur Malkowski nämlich?

Dass es derselbe Killer war, stand fest.

Ob es derselbe Auftraggeber war, wussten wir nicht.

Es lag durchaus nahe, aber wir wussten es eben nicht.

Im Moment sprach einiges für einen gewissen Alex Jermakov als Auftraggeber der Morde. Jermakov war Mitglied der Berliner Russen-Mafia und Leute wie die Abu-Khalis oder die Talabanis waren für ihn Konkurrenten und Feinde im Schattenbusiness der Bundeshauptstadt.

Verwunderlich war dabei nur, dass der Killer mit der Delle offenbar keinerlei Skrupel hatte, mit Talabani und Abu-Khalil seine ehemaligen Auftraggeber umzubringen.

Eigentlich machte man so etwas nicht.

Selbst diese Schweinehunde hatten noch sowas wie einen Ehrenkodex.

Aber diesen beurteilten offenbar nicht alle Angehörigen der Lohnkiller-Zunft gleich.

Okay dachte ich.

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3

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Es gab da wohl einige, die ganz froh waren, dass die Memoiren des Privatdetektivs Amadeo Felmy, aufgepeppt in Buchform gebracht vom Profi-Schreiber und Sensationsreporter Arthur Malkowski wohl niemals erscheinen würden, denn die Manuskriptdatei war unauffindbar.

Verschwunden.

Rudi und ich waren mit einer Mitarbeiterin der Agentur verabredet, die Malkowskis Buch an einen Verlag bringen wollte.

“Malkowski hat so tief in allen möglichen Sumpflöchern herumgewühlt, dass man sich nicht wundern muss, dass das jemandem nicht gepasst hatte”, meinte mein Kollege Rudi während der Autofahrt. “Und mit der brisanten Lebensgeschichte dieses Schnüfflers Amadeo Felmy hatte er sich genau das Richtige ausgesucht, um in tausend Fettnäpfchen zu treten.”

“Amadeo Felmy dürfte eine der schillerndsten Figuren sein, die es in Berlin in den letzten dreißig Jahren gegeben hat”, meinte ich.

Und das war nicht untertrieben. Ein Privatermittler mit dubiosen Kontakten in die Berliner Unterwelt, zu Prominenten und zur Politik. Er hatte für die Verhaftung eines libanesischen Clan-Führers gesorgt, aber man war sich nicht sicher, ob er nicht in Wahrheit auf der Lohnliste seines ärgsten Konkurrenten stand. Dubiose Waffendeals, Wiederbeschaffung von geraubten Kunstgegenständen mit gesetzwidrigen Mitteln und ein totgeprügelter Erpresser von Prominenten - all das und noch viel mehr stand in einem losen Zusammenhang mit Felmy.

Zuletzt war er eitel geworden und hatte sich überlegt, dass es doch schade war, wenn von diesem aufregenden, schillernden Leben nichts weiter blieb als ein volles Bankkonto. Also hatte er Malkowski bereitwillig Auskunft gegeben, damit der ein Buch über ihn schrieb.

Über wen ein Buch geschrieben wurde, der hatte es geschafft.

Wer schreibt, der bleibt, hieß es. Aber noch mehr galt das für diejenigen, über die geschrieben wurde.

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Angesichts des Staus in Berlin Mitte war Autofahrt vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Strenggenommen standen wir nämlich die meiste Zeit.

Aber wir wollen mal nicht spitzfindig sein.

Jedenfalls nicht in diesem Punkt. 

Wir fuhren zu unserer Verabredung.

Lydia Jaspersen wartete dort bereits auf uns. Sie trank einen Cappuccino und sah fragend in unsere Richtung, nachdem wir eingetreten waren.

Wir zeigten ihr unsere Ausweise und Rudi stellte uns kurz vor, bevor wir uns zu ihr an den Tisch setzten.

Lydia Jaspersen nahm daraufhin das Exemplar des Börsenblattes des deutschen Buchhandels, das verabredungsgemäß auf dem Tisch gelegen hatte, an sich und rollte es zusammen. „Sie sind spät dran!“

„Tut mir leid, aber der Verkehr...“, begann Rudi, aber sie schnitt ihm gleich das Wort ab.

„Sagen Sie bloß, Sie arbeiten den ersten Tag in Berlin, Herr...“

„Kommissar Meier.“

„Kommen wir zur Sache“, schaltete ich mich ein. „Sie haben sich an unsere Dienststelle gewandt.“

“Sie sah mich an.

“Kubinke war Ihr Name, nicht wahr?”

“Ja.”

“Haben Sie auch einen Vornamen?”

“Kommissar wäre mir Recht.”

“Ich verstehe. Distanzierter Typ.”

“Sagen Sie am Besten einfach, was Sie uns erzählen wollten.”

“Sicher.”

“Wir sind gespannt.”

“Sie kommen gerne schnell zur Sache!”

“Das ist richtig.”

Lydia Jaspersen nickte, trank ihren Cappuccino aus und beugte sich dann etwas vor. Ihre Stimme klang gedämpft. „Arthur Malkowski wollte aus den pikanten Erinnerungen von Amadeo Felmy ein Buch machen“, begann sie.

„Sie sagen das so, als wäre dieses Buch noch gar nicht geschrieben worden!“, wandte ich ein.

„Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wie weit Arthur mit seine Arbeit bereits vorangekommen war. Ich war seine Ansprechpartnerin innerhalb der Agentur und er hatte mir versichert, dass die Arbeit in wenigen Tagen abgeschlossen ist. Arthur wollte vorher keine Zeile davon aus der Hand geben, was ich auch verstehen kann. Es gibt immer undichte Stellen, auch in Agenturen und Verlagen. Und natürlich wollte Arthur verhindern, dass sich schon im Vorfeld jemand juristisch auf ihn einschießen kann, um das ganze Projekt zu verhindern.“

„Aber es gab schon einen Verlag?“, fragte ich.

„Wir haben das Projekt aufgrund eines Exposés verkaufen können.“

„Wir nehmen an, dass die Morde an Arthur Malkowski und Amadeo Felmy mit dem Inhalt des Manuskripts zu tun haben könnten!“

„Ja, Ihre Vermutung trifft vielleicht zu. Auch wenn ich Ihnen nichts Schriftliches vorlegen kann, habe ich doch mit Arthur regelmäßig über den Fortgang der Arbeiten gesprochen. Und dabei tauchte ein Name auf, der besonders brisant ist.“

„Und da wäre?“

„Johann Feldmann.“

Sie flüsterte diesen Namen fast nur noch und ich glaubte im ersten Moment, mich verhört zu haben.

„Sie sprechen von dem angehenden Bundestagsabgeordneten?“, hakte ich nach.

„Abgeordneter oder nicht, diese Frage werden die Wähler wohl ziemlich eindeutig beantworten, falls die Manuskriptdatei doch noch irgendwo auftaucht und das Buch erscheinen kann!“

„Wieso?“

„Amadeo Felmy hatte offenbar ein paar ziemlich brisante Details über Feldmann zu berichten, für den er übrigens auch eine Zeitlang als Bodyguard gearbeitet hat. Feldmann ist ja eigentlich Anwalt. Noch vor ein paar Jahren hat er sich von einigen Mafiagrößen regelmäßig mit Kokain und Call Girls versorgen lassen und hat ihnen dabei geholfen, ihre Drogengelder auf juristisch möglichst unangreifbare Weise zu waschen. Das ist Jahre her, heute ist Feldmann biederer Familienvater und ich könnte mir denken, dass er auf seine wilde Zeit nicht mehr gerne angesprochen werden möchte.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Feldmann würde sich nie selbst die Hände schmutzig machen, aber er hätte noch immer die nötigen Kontakte, um so etwas erledigen zu lassen.“

„Mehr als eine Vermutung ist das jetzt aber nicht“, stellte Rudi fest.

„Amadeo Felmy hat Feldmann vor ein paar Jahren, als dessen zweite, saubere Karriere gerade begonnen hatte, einen Erpresser vom Hals geschafft und genau diese Geschichte hätte neben all den anderen Eskapaden auch Eingang in das Buch gefunden. Arthur hat das erwähnt. Es hätte mit Sicherheit einen Vorabdruck in einer großen Zeitung gegeben und Feldmann wäre weg vom Fenster gewesen.“

Wenn es stimmte, was Lydia Jaspersen uns da gerade sagte, dann bekam der Fall vielleicht eine völlig andere Wendung.

Der Haken war nur, dass es keine greifbaren Beweise für diese Theorie gab.

„Wer soll dieser Erpresser gewesen sein und wie hat Amadeo Felmy ihn zum Schweigen gebracht?“, fragte ich.

Lydia Jaspersen sah nervös auf die Uhr. „Ein bisschen Arbeit muss doch noch für Sie bleiben oder finden Sie nicht?“, gab sie etwas spöttisch zurück. „Arthur hat mir keine Einzelheiten gesagt, aber soweit ich mir das zusammenreimen kann, war es wohl eine Mischung aus Einschüchterung und Gewalt.“

Lydia erhob sich, nahm ihre Handtasche und steckt das gerollte Exemplar des Börsenblattes des DEutschen Buchhandels hinein. Ihre Mittagspause schien zu Ende zu sein. „Damit wir uns richtig verstehen: Ich will da nicht mit hineingezogen werden und falls Sie in der Agentur Krach schlagen...“

„Und dass wir uns ebenfalls richtig verstehen: Das wird sich wohl kaum vermeiden lassen, Frau Jaspersen!“, unterbrach ich sie.

Sie sah mich einen Augenblick lang an, während sich auf ihrer Stirn eine Falte bildete, die ihren Ärger eindrucksvoll dokumentierte. „Sie setzen meinen Cappuccino sicher auf Ihre Spesenrechnung, nicht wahr?“

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Rudi und ich genehmigten uns einen Bagel in einem Stehcafé und fuhren dann zurück zur Dienstelle.

Auf dem Flur trafen wir den Kollegen Karlheinz Brakowski. Er kam gerade aus Kriminaldirektor Hochs Büro und grüßte uns knapp. „Ich höre, dass Ihre Ermittlungen gute Fortschritte machen“, meinte er.

„Wie man's nimmt“, sagte ich. „Aber soweit ich weiß, spielt Ihre Abteilung in diesem Fall keine offizielle Rolle mehr.“

„Ganz so sehe ich das nicht“, erwiderte Brakowski. „Schließlich gehen die meisten Hinweise aus der Bevölkerung bei uns ein und nicht an das BKA.“

„Hinweise?“, echote ich.

Ich dachte nur: Schön, dass wir davon auch mal was erfahren.

Aber mit der Zusammenarbeit unterschiedlicher Polizeibehörden und -abteilungen ist das eben so eine Sache.

Es ist eher die Ausnahme, als die Regel, dass das einigermaßen funktioniert.

Brakowski sagte: “Natürlich ist das meiste nur unbrauchbare Wichtigtuerei und es bedeutet einen großen Aufwand, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber manchmal findet sich so ein entscheidender Hinweis.“ Er nickte auf eine fast militärisch-zackige Weise. „Sie entschuldigen mich jetzt.“

Als wir Augenblicke später Kriminaldirektor Hochs Büro betraten, war unser Chef gerade dabei zu telefonieren. Allerdings hatte er trotzdem „Herein!“ gesagt und machte uns mit einem Handzeichen deutlich, dass wir bleiben sollten.

Mir fiel das Bild einer sommersprossigen Frau auf, das auf dem Konferenztisch lag.

Kriminaldirektor Hoch beendete sein Telefongespräch.

Er sah uns an.

Streng wie immer.

So war er nunmal.

Eine Säule des Rechtsstaats eben.

„Setzen Sie sich“, sagte Kriminaldirektor Hoch. „Die Zeichnung sehen Sie ja. Wir haben die junge Frau in die Fahndung gegeben. Walter sitzt gerade daran, einige äußere Merkmale mit den Daten von Verhafteten und Verdächtigen abzugleichen, die in irgendeinem Zusammenhang mit Talabani oder Abu-Khalil stehen. Aber das ist nicht so einfach.“

Talabani und Abu-Khalil - zwei libanesische Clans aus dem Wedding, deren Mitglieder ihre Finger tief in kriminellen Geschäften hatten. Beide hatten Felmys Memoiren zu fürchten. Und beide standen im Verdacht, den ‘Killer mit der Delle’ bereits in der Vergangenheit das eine oder andere Mal engagiert zu haben.

Leider ohne, dass man ihnen das gerichtssicher nachweisen konnte.

Leider.

Aber es gilt nun mal der Grundsatz ‘im Zweifel für den Angeklagten.’

„Vom Typ her sieht sie nicht gerade so aus, wie die Frauen, die Abu-Khalil ansonsten in den Clubs beschäftigt, die er kontrolliert“, meinte Rudi.

“Aber wir wissen aus sicher Quelle, dass sie erstens in verschiedenen Abu-Khalil-Clubs beschäftigt war und zweiten, dass sie Kontakt mit Malkowski hatte”, sagte Kriminaldirektor Hoch.

“Seine Informantin in der Szene”, vermutete ich.

“Und sie kannte Felmy!”, gan Herr Hoch zu bedenken. “Nur ist sie leider im Moment nicht auffindbar.”

„Sie müsste doch eigentlich zu finden sein! Denn dass da ein Zusammenhang vorhanden sein muss, steht für mich völlig außer Frage! Und was haben Sie Neues?“

Rudi fasste ihm kurz zusammen, was unsere Ermittlungen an neuen Anhaltspunkten erbracht hatten.

Unser Chef vergrub seine Hände in den Taschen seiner Flanellhose und machte ein ziemlich nachdenkliches Gesicht. „Wir wissen inzwischen, dass Amadeo Felmy mal für Muhammad Abu-Khalil gearbeitet und Johann Feldmann einen Erpresser vom Leib gehalten hat... Das ist wirklich interessant! Aber damit nimmt der Fall auch eine andere Dimension an.“

„Wegen Abu-Khalil – oder deswegen, weil ein Kandidat für den Bundestag darin verwickelt ist?“

„Wegen beidem! Aber um ehrlich zu sein, dachte ich in erster Linie an Feldmann. Ein kleiner Anwalt, der es nach oben geschafft hat, so stellt er sich gerne dar. Aber er hat exzellente Verbindungen.“

„Stimmt es, dass er früher Mafia-Verbindungen hatte und sich von seinen Unterwelt-Freunden mit Kokain und Call Girls versorgen ließ?“

„Gerichtsverwertbar war da wohl nichts. Aber angenommen, jemand könnte belegen, dass der Anwalt der kleinen Leute in Wahrheit von der Mafia ausgehalten wurde, dann wäre das sicher das Ende für seine politische Karriere.“

„Wir könnten ihn ja vielleicht einfach mal einen Besuch abstatten.“

„Nein, nicht in diesem Stadium der Ermittlungen!“, widersprach Kriminaldirektor Hoch. „Das würde zu viel Staub aufwirbeln. Ich schlage etwas anderes vor.“

Rudi und ich wechselten einen kurzen, überraschten Blick.

„Wie lautet Ihr Vorschlag?“, fragte Rudi.

„Lassen Sie mich etwas telefonieren. Wir werden ihn hier vernehmen.“

„Wie Sie meinen, Herr Hoch“, sagte ich. „Ach, eine Frage hätte ich da noch. Was wollte eigentlich Karlheinz Brakowski hier?“

„Ist es so ungewöhnlich, dass sich der stellvertretende Chef der Berliner Kripo mit dem Chef einer BKA-Abteilung trifft?“

„Nein – aber falls er Sie über den Fortgang der Ermittlungen in unserem Fall ausgefragt haben sollte, zeigt das ein ungewöhnlich großes Interesse, würde ich sagen.“

Kriminaldirektor Hoch lächelte mild. „Erstens lasse ich mich nicht ausfragen und zweitens haben Sie recht. Er hat nach dem Stand unserer Ermittlungen gefragt.“

“Und warum?”

Kriminaldirektor Hoch sah mich verwirrt an.

“Wieso nicht? Er unterstützt unsere Ermittlungen.”

“Tja, so kann man das natürlich auch sehen.”

“Sehen Sie das etwa anders?”, fragte Kriminaldirektor Hoch und dabei zeigte sich auf seiner Stirn ein ganz besonderes Stirnrunzeln. Ein Stirnrunzeln, dass sehr spezifisch war und das ich in dieser Form bisher noch bei keinem anderen Menschen bemerkt hatte.

Ihm war meine Skepsis gegenüber dem ach so interessierten Kollegen Karlheinz Brakowski nicht entgangen.

Hoch und ich kannten uns inzwischen eine halbe Ewigkeit.

So lange war er schon mein Vorgesetzter hier in Berlin.

Und das bedeutete, dass er mich ziemlich gut einzuschätzen vermochte.

Ich ihn umgekehrt allerdings auch, wenngleich sich mein Chef immer große Mühe gab, alles, was in seinem Inneren vor sich ging, möglichst vor der Außenwelt zu verbergen.

“Ich bin vielleicht etwas zu misstrauisch geworden”, sagte ich.

“Ja, vielleicht”, nickte Herr Hoch.

“Eine Art Berufskrankheit. Man beginnt, das Gras wachsen zu hören.”

“Solange Sie nur das Gras wachsen hören und nicht auch noch damit beginnen, weiße Mäuse zu sehen, habe ich dagegen nichts einzuwenden, Herr Kubinke.”

“Na, dann.”

“Halten Sie trotzdem Ihre Augen offen und folgen Sie Ihrem Instinkt.”

“Dazu brauchen Sie mich nicht extra auffordern.”

“Ich weiß.”

“Es ist einfach so: Besonderes Interesse muss einen besonderen Grund haben. So denke ich jedenfalls, Herr Hoch. Mein Instinkt sagt mir das. Und der irrt sich selten.”

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Zwei Stunden später saß Johann Feldmann in einem unserer Vernehmungsräume. Er war allerdings nicht allein gekommen, sondern hatte insgesamt drei Anwälte mitgebracht. Eigentlich war er ja selbst Anwalt und sicher versiert genug, um eine Zeugenvernehmung ohne Hilfe hinter sich zu bringen, ohne sich dabei irgendeine juristische Blöße zu geben. Dieser Anhang diente ganz offensichtlich dazu, uns von vorn herein einzuschüchtern.

Außer Feldmann, seinen Anwälten und Kriminaldirektor Hoch waren auch Rudi und ich bei dieser Vernehmung anwesend.

„Wir haben ein paar Fragen an Sie, die Amadeo Felmy betreffen, der vor kurzem ermordet wurde“, begann ich. „Sie werden sich vermutlich an ihn erinnern.“

„Ich möchte zunächst daran erinnern, dass ich freiwillig hier bin und dass ich mir vorbehalte, nichts von dem, was hier gesagt wurde, vor Gericht zu wiederholen“, erwiderte Feldmann.

„Sie werden als Zeuge vernommen – nicht als Beschuldigter, das ist richtig. Aber das entbindet Sie weder von der Pflicht, auszusagen, noch von der Pflicht zur Wahrheit. Sie dürfen schweigen, falls die Gefahr besteht, dass Sie sich selbst belasten. Aber das ist auch alles.“

“Gelaber, Gelaber!”

“Nein, das ist kein Gelaber.”

“Ach, nein?”

“Das sind die rechtlichen Grundlagen unseres Gesprächs.”

“Schön, dass Sie das jetzt nochmal zusammengefasst haben.”

“Dann schießen Sie los.”

„Ein informelles Gespräch – das ist alles, wozu ich mich bereit erklärt habe!“, beharrte Feldmann.

Kriminaldirektor Hoch nickte mir zu.

„Also, wie ist das mit Herrn Felmy?“, fragte ich.

„Er ist tatsächlich mal für mich tätig gewesen, das ist richtig. Aber das ist schon Jahre her.“

„Aus einer recht authentisch wirkenden Quelle haben wir erfahren, dass in dem Buch, das Felmy zusammen mit dem Reporter Arthur Malkowski geschrieben hat, auch ein Kapitel Ihnen gewidmet war.“

„So?“, fragte Johann Feldmann und sein Gesicht verzog sich. Er trug ein dunkles Jackett zu einem weißen Hemd und einer Krawatte.

„Unser Mandant verlangt, dass ihm, der Text des Buches vorgelegt wird, bevor er sich dazu äußert“, meldete sich einer der Anwälte zu Wort. Es handelte sich um einen kleinen, kompakt wirkenden Mann mit dünnem Haarkranz.

„Das ist uns leider nicht möglich“, musste ich gestehen.

„Dann dürfte dieses Gespräch beendet sein, denn wir haben in diesem Fall nichts mehr zu besprechen, wenn ich das richtig sehe.“

„Das sehen Sie falsch!“, schritt nun Kriminaldirektor Hoch ein. „Wir haben Ihre Verwicklung in den Felmy-Fall bisher mit größtmöglicher Diskretion behandelt. Falls Sie hier und jetzt für einen Eklat sorgen, wird das schon deshalb nicht unter der Decke gehalten werden können, weil wir dazu eine Erklärung herausgeben müssten...“ Kriminaldirektor Hoch, der bisher gestanden hatte, ging zum Tisch, stützte sich mit den Händen ab und beugte sich etwas vor, während sein Blick Feldmann fixierte. „Ich dachte, nach unserem Telefongespräch wäre klar gewesen, dass Sie in unser aller Interesse sich kooperativ verhalten wollten!“

Der Anwalt mit dem Haarkranz wollte gerade wieder das Wort ergreifen, da hob Feldmann eine Hand und bedeutete ihm damit zu schweigen.

„Schon gut, ich brauche Ihre Unterstützung im Moment nicht, Herr Wilder.“

Der Anwalt zuckte mit den Schultern. „Wie Sie meinen, Herr Feldmann.“

Der Anwalt verdrehte die Augen.

Ich auch.

Manchmal geschehen eben Dinge parallel.

Ich fand das erheiternd. Mein Kollege Rudi auch.

Aber sowohl Herr Feldmann als auch sein Anwalt schienen einen anderen Begriff von Humor zu haben.

So ist das eben.

Jedem Tierchen sein Plaisirchen - oder auch nicht.

„Nächste Frage, bitte!“, murmelte Feldmann und lehnte sich dabei zurück. Die arrogante Lässigkeit, die er dabei zur Schau stellte, gefiel mir ganz und gar nicht. Er lockerte noch etwas den Hemdkragen. Offenbar wurde ihm die Situation im wahrsten Sinn des Wortes etwas zu heiß.

Er rang erstmal nach Luft.

Wie eine alte Dampflok schnaufte er.

„Amadeo Felmy wollte ein paar wenig schmeichelhafte Dinge über Sie schreiben“, sagte ich.

“Meine Güte, ich bin nicht aus Zucker!”

„Es ging um Drogen, Callgirls und dergleichen.“

“Ja, und?”

“Ja, wie wär’s denn, wenn Sie uns dazu mal was sagen!”, meinte ich.

Er sah mich an wie ein Auto.

Dann machte er plötzlich eine heftige, wegwerfende Handbewegung. Eine Bewegung, die wohl ausdrückte, dass er diese ganze Angelegenheit am liebsten mit einem Wisch zum Verschwinden gebracht hätte.

Aber so einfach war das nicht.

Die Vergangenheit holte ihn jetzt ein. Und das schmeckte ihm nicht. Das konnte ich sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen.

„Das mit dem Kokain liegt lange zurück“, sagte Feldmann. „Ich war jung und habe viel gearbeitet. Da bin ich nicht der einzige, der mal eine Nase voll genommen hat – aber das ist vorbei! Ich bin los von dem Zeug! Meine Güte, ich spende eine Menge Geld für Drogenrehabilitationszentren und setze mich für die Drogenaufklärung an unseren Schulen ein, was wollen Sie mehr?“

„Und was ist mit den Call Girls?“, hakte Rudi nach.

“Prostitution ist doch in Deutschland legal.”

“Das schon.”

“Na, also! Wie hätte man mich dann damit erpressen können?”

“Ja, die Frage ist nur, ob die Wähler das auch so locker sehen.”

„Für das, was Sie sagen, gibt es keine Beweise!“, erklärte Feldmann. „Und sollte irgendjemand auch nur ein Wort in diese Richtung veröffentlichen, wird er ganz bestimmt in den nächsten Jahren jede freie Minute vor irgendeinem Gericht verbringen müssen!“

„Worum ging es denn dann bei der Erpressung, aus der Ihnen Felmy herausgeholfen hat?“

Diese Frage traf offenbar eine wirklich wunden Punkt bei ihm. Ich konnte das daran erkennen, wie sich sein Gesicht veränderte. Es wurde ganz starr und sein Blick schien mich in diesem Moment regelrecht zu durchbohren.

„Das alles ist lange her. Sehen Sie, ich habe Ihnen schon gesagt, ich war jung und kein Kind von Traurigkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine!“

„Vielleicht erklären Sie uns das etwas genauer!“

„Ich denke gar nicht daran!“

„Herr Feldmann, es geht uns darum, den Mörder von Amadeo Felmy und Arthur Malkowski dingfest zu machen! Wenn das Enthüllungsbuch, das die beiden geschrieben haben, ein Kapitel über Sie enthielt, dann ist darin sicherlich auch von dieser Erpressung berichtet worden. Niemand weiß, wer noch davon erfahren hat – und niemand garantiert Ihnen, ob nicht doch noch irgendwo eine Kopie der Manuskriptdatei aus der Versenkung auftaucht. Für jemanden in Ihrer Position ist das eine Zeitbombe und wenn Sie die noch entschärfen wollen, dann ist jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt, um reinen Tisch zu machen!“

Feldmann lächelte. „Sie brauchen sich um mich und meine Karriere keine Sorgen zu machen, Herr...“

„Kubinke“, erinnerte ich ihn an meinen Namen, der ihm zwar genannt worden war, den er sich aber nicht gemerkt hatte. Oder hatte merken wollen.

Ich bin da nicht nachtragend.

Er beugte sich wieder etwas vor, schien einen Moment nachzudenken und sagte dann: „Also gut, ich werde es Ihnen sagen, worum es ging. Ein Verrückter hat gedroht, meine damalige Freundin so zuzurichten, dass sie sich selbst nicht wiedererkennt, wenn ich ihm nicht eine bestimmte Summe zahle...“

„Und das hat Felmy für Sie geregelt?“, hakte Kriminaldirektor Hoch nach.

„Ja.“

„Und wie?“

„Ich habe ihn nicht gefragt. Ehrlich gesagt, wollte ich das so genau auch gar nicht wissen.“ Er machte eine Pause und fuhr schließlich doch noch fort. „Ich nehme an, Felmy hat ihn ordentlich verprügelt. Dafür war er damals bekannt.  Aber davon abgesehen, hat er einige Informationen über den Kerl gesammelt, die ihn in den Knast gebracht hätten, weil er  einiges an kriminellen Geschäften laufen hatte. Naja, und so hatte ich ihn der Hand. Er hat es nicht noch einmal versucht, sich mit mir anzulegen oder mein Geld zu bekommen!“

„Wie heißt dieser Mann?“

Feldmann wandt sich. „Hören Sie, ist das wirklich so wichtig?“

„Das müssen Sie schon uns überlassen“, meinte Kriminaldirektor Hoch.

Feldmann zögertet. Dann winkte er einen seiner Anwälte zu sich. Er flüsterte ihm etwas ins Ohr. Feldmann nickte anschließend. „Also gut, der Kerl hieß Norbert Barettko. Ein Junkie, der auf ein halbes Dutzend Drogen auf einmal stand und nicht genug davon kriegen konnte. Aber ich sehe nicht, wie Ihnen das weiterhilft, Amadeo Felmys Mörder zu finden!“

„Wir müssen einfach so viel wie möglich über jeden herausfinden, der ein Motiv haben könnte, Felmys Buch verhindern zu wollen. Die Datei ist verschwunden, das Laptop von Arthur Malkowski ebenfalls und daher nehmen wir an, dass das das eigentliche Ziel der beiden Morde war.“

„Und da denken Sie an so einen Junkie wie Norbert Barettko? Ich bitte Sie! Der liegt wahrscheinlich in irgendeiner Gosse und erwacht erst wieder zum Leben, wenn er sich die nächste Ladung Crack einschieben kann!“

„Wir dachten nicht an Barettko“, erwiderte ich kühl. „Sondern an Sie.“

„Schluss jetzt!“, fuhr erneut der Anwalt mit dem Haarkranz dazwischen. „Herr Feldmann hat nichts mehr zu sagen. Meine Herrschaften... Guten Tag!“

„Sie haben ein Motiv, Herr Feldmann“, fuhr ich unbeirrt fort. „Das können Sie nicht leugnen. Und wir würden Sie gerne von der Liste streichen, wenn die Fakten das hergeben! Aber dazu müssen Sie mit uns zusammenarbeiten.“

„Herr Feldmann, davon kann ich Ihnen aus juristischer Sicht nur abraten“, schaltete sich nochmals der Anwalt ein. Aber Feldmann machte eine wegwerfende Handbewegung. „Schon gut!“ Er wandte seine gesamte Aufmerksamkeit jetzt mir zu. „Was wollen Sie noch wissen, Herr Kubinke? Ich nehme an, wenn ich Ihnen für jeden beliebigen Zeitpunkt der letzten Wochen ein Alibi liefern kann, wird Sie das kaum zufriedenstellen, weil Sie ja vermuten, dass ich einen Killer beauftragt haben soll!“

„Waren Sie jemals in einem Lokal namens MAMMA MIA!!!, das einem gewissen Firat Amri gehört?“

“Was soll das sein? Eine Pizzeria, die einem Türken oder Araber gehört?” Er zuckte mit den Schultern. “Warum eigentlich nicht? Ich kenne auch eine Döner-Bude, deren Betreiber in Wahrheit Italiener ist...”

“Sie weichen aus!”

“Ach kommen Sie!”

“Beantworten Sie meine Frage: Waren Sie schonmal in diesem Lokal?”

„Ich glaube nicht. Ich esse fast nur auswärts, seit ich in der Politik etwas zu bewegen versuche. Glauben Sie, da kann ich mir jedes Lokal merken, in dem ich so tun muss, als würde es mir schmecken?“

„MAMMA MIA!!! mit drei Ausrufungszeichen.“

„Dann lautet die Antwort nein, denn etwas so Bescheuertes wäre mir im Gedächtnis geblieben.“

„Kannten Sie Jimmy Talabani?“

“Der ist jetzt auch tot, oder?”

“Ja.”

“Na, sowas!”

“Also - kannten Sie ihn?”

“Ich habe von ihm gehört. Aber haben viele. Der Talabani-Clan ist ja durchaus bekannt.”

“Weiter!”

Er atmete tief durch und lehnte sich zurück. „Fangen Sie jetzt wieder mit den alten Geschichten an?“

„Ja oder nein?“

„Sagen wir: Ich kannte ihn flüchtig. Es gab da mal einen Club, in den ich früher öfter gegangen bin. Ich glaube, ich habe mal einen von Talabanis Angestellten vor Gericht vertreten, weil ein betrunkener Gast sich beschwert hat, dass er zu grob angefasst wurde. Aber das ist wirklich schon lange her.“

„Haben Sie Amadeo Felmy in diesem Club kennen gelernt?“

„Nein, wie kommen Sie darauf? Der ist mir empfohlen worden als jemand, der diskret arbeitet. War wohl ein Irrtum, wie sich später herausgestellt hat. Aber ich nehme an, dass dieser Reporter ihm den Floh mit dem Buch ins Ohr gesetzt hat. Und wahrscheinlich brauchte Felmy auch Geld...“

„Sie scheinen die Sache mit dem Buch ja doch sehr intensiv verfolgt zu haben“, stellte Rudi klar.

„Hören Sie, ich hatte keine Ahnung, dass er auch über mich schreiben wollte! Ich dachte, es ginge da eher um die Prominenten, die er zeitweilig begleitete.“

„Sie sind inzwischen auch ein Prominenter“, gab Rudi zu bedenken.

„Tut mit leid, mehr kann ich dazu nicht sagen.“

„War es zufällig Muhammad Abu-Khalil, der Ihnen Felmys Dienste vermittelt hat?“

„Ja, der war es!“, gab Feldmann genervt zu und lockerte die Krawatte gleich noch etwas mehr.

„Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt zu Abu-Khalil?“, hakte ich nach.

„Jahre her. Das muss gewesen sein, als dieser Talabani umgebracht wurde und es erst so schien, als würde nun die Justiz vielleicht gegen den Abu-Khalil-Clan ermitteln. Muhammad hat mich gefragt, ob ich ihn vertreten würde, aber ehrlich gesagt hatte ich damals schon andere Pläne und habe das abgelehnt. Seitdem sind wir uns nicht mehr begegnet.“

“Schön, dass Sie sich plötzlich wieder erinnern können!”, sagte ich.

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RUSSIAN SHOP stand auf dem Lieferwagen. Darunter die russische Version in kyrillischen Buchstaben. Letztere war nicht ganz fehlerfrei, weil der Lackierer keine Ahnung von diesen Schriftzeichen gehabt hatte, aber dafür hatte er einen Sonderpreis gemacht.

Alex Jermakov fuhr auf einen Parkplatz an der Autobahn ein paar Kilometer nördlich von Oranienburg.

Jermakov hielt und stellte den Motor ab. Es war niemand hier. Er sah auf die Uhr, stieg aus und ging ein paar Schritte auf und ab.

Wenig später bog ein Van vom Highway ab. Er hatte getönte Scheiben. Man konnte nicht in den hinteren Teil des Wagens sehen, nur die Scheiben der eigentlichen Fahrerkabine waren von normaler Durchsicht.

Am Steuer saß eine Frau mit roten Haaren.

Na endlich!, dachte Jermakov.

Der Van hielt. Die hintere Tür öffnete sich selbsttätig.

„Ich habe gesagt, dass ihr pünktlich sein sollt!“, ätzte Alex Jermakov. „Wisst ihr was, eigentlich hätte ich meinen Preis pro Minute, die ich hier schon herumstehe, erhöhen sollen. Sagen wir um...“

„Die Video-Aufzeichnung!“, verlangte eine krächzende, heisere Stimme.

„Erst das Geld!“, verlangte Jermakov.

Ein braunes Kuvert wurde Jermakov aus dem Inneren des Vans entgegen geworfen. Jermakov fing es sicher auf und öffnete es. Er zählte die Geldscheine, die darin enthalten waren.

„Jetzt du!“, forderte die Stimme.

Jermakov blickte auf und steckte das Geld dann weg. „Ich betrachte das als erste Rate!“, grinste Jermakov. „Ich nehme an, dass das der Beginn einer längerfristigen Zusammenarbeit ist.“

„So was in der Art hatte ich schon befürchtet!“, wisperte es aus dem Van heraus.

Jermakovs Gesicht erstarrte zu einer Maske des Schreckens. Aus dem Innern des Vans zuckte Mündungsfeuer aus einem Schalldämpfer hervor. Zweimal machte es kurz hintereinander plop. Alex Jermakovs Körper zuckte wie unter Schlägen. Einen Augenblick stand er wie erstarrt da. Seine Hand steckte in der Seitentasche des verwaschenen Field Jacketts, das er trug. Offenbar hatte er noch eine Waffe daraus hervorreißen wollen. Ein Schuss löste sich, als Jermakovs Hand sich im Augenblick seines Todes um den Griff seines kurzläufigen Revolvers krampfte. Der Schuss ging durch den Jackenstoff hindurch und fuhr zwei Handbreit vor der Tür des Vans in den Betonboden des Parkplatzes.

Dann brach Jermakov zusammen und schlug der Länge nach zu Boden. Ein dumpfes Geräusch entstand dabei. Der Mann im Wagen stieg aus. Er trug eine Lederjacke mit der Aufschrift NOVA STAR an der Schulter. Darunter war ein weißer Stern zu sehen. Der Mann schraubte den Schalldämpfer von der Waffe herunter und steckte anschließend beides ein. Dann nahm er das Geld wieder an sich.

„Mach schon, wir müssen hier weg!“, rief die Rothaarige am Steuer.

„Einen Moment noch!“, murmelte der Mann mit der Lederjacke. Dann zog er sich Latexhandschuhe über und kniete neben dem Toten nieder. „Ich bin gleich fertig!“, versprach er.

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Rudi und ich waren bereits auf dem Weg in den Feierabend. Wir überlegten, ob wir noch irgendwo eine Kleinigkeit essen gehen sollten, aber irgendwie hatte keiner von uns so richtig Appetit.

„Die Vernehmung von Feldmann war ja wohl ein Schlag ins Wasser“, meinte Rudi.

„Wieso? Wir wissen jetzt, dass es zwischen Feldmann, Abu-Khalil und Talabani einen Zusammenhang gibt. Und er hatte ein sehr starkes Motiv, um Amadeo Felmy und Arthur Malkowski umzubringen beziehungsweise umbringen zu lassen.“

„Es wird so gut wie unmöglich sein, ihm das nachzuweisen, Harry. Und selbst wenn es uns wider Erwarten gelingen sollte, den Lohnkiller zu finden, der damit beauftragt wurde, sehe ich in diesem Punkt, schwarz.“

„Wenn dieser Lohnkiller bereit ist, eine Aussage zu machen, wandert Feldmann ins Gefängnis, anstatt eine Karriere als Abgeordneter zu beginnen!“

Ein Anruf aus dem Field Office erreichte uns. Unser Kollege Walter Stein war am Apparat.

„Ein gewisser Alex Jermakov ist erschossen auf einem Parkplatz nördlich von Oranienburg gefunden worden“, erklärte er uns. „Kalle und Hansi sind bereits am Fundort der Leiche. Aber es müsste dringend jemand zu Jermakovs Geschäft fahren! Dort hat sich offenbar ein Brandanschlag ereignet...“

„Wir sind schon unterwegs!“, versprach ich.

Ich trat das Gaspedal durch und schaltete die Sirene an. Bei der nächsten Gelegenheit bog ich ab.

„Was hältst du davon, Harry?“, fragte Rudi.

„Mir kam es gleich seltsam vor, dass der Kerl von der Snack Bar sich an die Rothaarige erinnern konnte, während Alex Jermakov angeblich nichts aufgefallen war!“

„Du meinst, er hat jemanden erkannt?“

„Entweder das – oder es gab doch eine Kamera im RUSSIAN  SHOP, auf dem irgend jemand sehr gut getroffen wurde.“

„Warten wir es ab, Harry, auf welche Weise Jermakov in der Sache mit drinhängt.“

Als wir den RUSSIAN Shop erreichten, standen bereits mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei und der Feuerwehr vor dem offenbar ausgebrannten Gebäude. Eine schwarze Rauchsäule drängte aus einem der zerborstenen Fenster heraus.

Wir parkten den Wagen in einiger Entfernung, denn die Feuerwehr hatte alles weiträumig abgesperrt, um den Einsatzfahrzeugen freien Zugang zu ermöglichen.

Wir trafen auf Polizeihauptkommissarin Charlotte Döxter, deren Polizeirevier hier den Großteil der Einsatzkräfte stellte.

Mit Gasmasken ausgerüstete Männer der Feuerwehr versuchten unterdessen ins Innere des Gebäudes einzudringen.

„Was ist hier passiert, Kollegin?“, wandte ich mich an Charlotte Döxter.

„Wissen wir noch nicht genau. Die Kollegen der Feuerwehr sind sich sicher, dass Brandstiftung vorliegt. Angeblich soll durch ein schwer einsehbares Fenster, das zum Hinterhof ausgerichtet ist, eine Scheibe eingeschlagen worden ist und ein Brandsatz ins Gebäude geworfen sei.“

„Hat jemand den oder die Täter beobachten können?“

„Leider nein. Und der Besitzer des Ladens, ein gewisser Herr Alex Jermakov, konnte bisher auch noch nicht ausfindig gemacht werden.“

„Doch, das konnte er“, korrigierte ich. „Man hat ihn auf einem Parkplatz bei Oranienburg gefunden – mit einer Reihe von Kugeln im Leib.“

„Wieso sind wir darüber noch nicht informiert worden?“, wunderte sich Charlotte Döxter. Sie schien ziemlich ärgerlich darüber zu sein. „Ich möchte klarstellen, dass diesmal die Panne im Informationsfluss nicht bei uns passiert ist!“

„Ist gut möglich, dass der schwarze Peter diesmal irgendwo in unseren Reihen zu finden ist“, gab ich zu, was Lieutenant Döxter etwas besänftigte. „War schon jemand von Ihren Leuten in Jermakovs Privatwohnung?“

„Ja. Er wohnt eine Straße weiter und in dem Apartment sieht  es ziemlich chaotisch aus. Die Tür stand offen, alles war verwüstet.“

„Ein Einbruch?“

„Ja, daran besteht kein Zweifel. Meine Kollegen haben die Wohnung vorerst versiegelt. Einer meiner Leute wird Sie begleiten.“

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Der Polizeimeister, der uns zu Jermakovs Wohnung brachte, hieß Brücker. Während wir gingen, telefonierte ich kurz mit Walter Stein und bat darum, dass man uns ein Team von Erkennungsdienstlern schickte. Das ganze Sache sah danach aus, dass hier um jeden Preis Beweise vernichtet werden sollten. Was den RUSSIAN SHOP anging, war zumindest dieser Zweck des Anschlags wahrscheinlich erfolgreich erfüllt worden.

Alex Jermakovs Wohnung hatte außer Küche und Bad noch zwei Zimmer, einer diente als Schlafzimmer, der andere war das Wohnzimmer. Überall herrschte ein unbeschreibliches Chaos, so als wäre alles durchwühlt worden.

„Fragen Sie mich nicht, wonach hier gesucht wurde“, meinte der Polizeimeister.

Ich zog mir Latexhandschuhe über. Der Anrufbeantworter blinkte. Vor einer halben Stunde hatte jemand hier angerufen – offenbar erst nachdem unbekannte Täter Jermakovs Wohnung verwüstet hatten. Jedenfalls hatte ich keinen Anlass zu vermuten, dass die Uhrzeitangabe des Gerätes nicht korrekt war. Ich lud die Anrufliste ins Menue, sodass sie in dem kleinen Display angezeigt wurde. Insgesamt dreimal war von derselben Nummer angerufen worden, jeweils im Abstand von fünf Minuten.

Ich drückte eine Taste und hörte die hinterlassenen Nachrichten ab.

„Alex, nimm endlich ab!“, sagte eine genervt klingende weibliche Stimme.

„Alex, verstehst du eigentlich nur Russisch oder was ist los? Wieso meldest du dich nicht?“, lautete die zweite Nachricht.

Die dritte bestand nur noch aus einem resigniert klingenden Seufzen.

„Sollten wir zurückrufen?“, fragte Rudi.

„Besser nicht“, meinte ich.

„Wieso?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Nenn es Instinkt, aber es könnte sein, dass wir die unbekannte Frau eher verscheuchen würden!“

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Die Adresse der Anruferin war mit Hilfe unserer Kollegen im  Präsidium schnell herausgefunden.

Die Nummer gehörte zu einem Festnetzanschluss, der einer gewissen Chantal Meharis gehörte. Sie wohnte nur ein paar Blocks entfernt. Rudi und ich gingen das kurze Stück zu Fuß, denn rund um den RUSSIAN SHOP waren aufgrund der Löscharbeiten auch ein paar Nebenstraßen von der Polizei abgesperrt worden oder ohnehin durch Fahrzeuge blockiert, sodass das die schnellste Variante war.

Überwachungsanlagen oder einen Sicherheitsdienst gab es in diesem Haus nicht. Es wirkte sehr heruntergekommen. An den Wänden im Treppenhaus waren Graffiti zu sehen, die zum Teil bereits mit obszönen Sprüchen überschrieben waren.

Der Aufzug war defekt. Die Wohnung von Chantal Meharis befand sich im siebten Stock und so blieb uns nichts anderes übrig, als das Treppenhaus zu nehmen.

Schließlich standen wir vor ihrer Wohnungstür.

Ich betätigte die Klingel. Es gab zunächst keine Reaktion. Niemand öffnete, aber auf der anderen Seite der Wohnungstür war für einen kurzen Moment etwas zu hören. Ich glaubte, dass es Schritte waren. Irgendetwas fiel zu Boden. Dann herrschte Totenstille.

Ich drückte noch einmal den Klingelknopf.

Nichts.

„Frau Meharis?“, fragte ich. „Sind Sie zu Hause? Mein Name ist...“

Weiter kaum ich nicht, dann donnerte der erste Schuss aus der Wohnung heraus. Es war ein großes Kaliber. Der Schuss krachte durch die Tür, riss dabei ein Loch von der doppelten Größe einer Männerfaust in das Holz der Tür und zog anschließend seine Bahn genau zwischen Rudi und mir hindurch. Irgendwo in der Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Flures blieb das Projektil stecken.

Rudi und ich schnellten zur Seite – Rudi nach rechts und ich nach links.

„Verschwindet, ihr Scheiß-Kerle!“, rief eine helle Frauenstimme, worauf eine Folge von vier weiteren Schüssen durch die Tür schlug.

Rudi und ich hatten inzwischen beide unsere Dienstwaffen in den Händen.

Wir warteten zunächst einmal ab.

„Hier spricht das BKA!“, rief ich dann. „Sie haben keine Chance, die Wohnung zu verlassen! Legen Sie die Waffe nieder.“

„Bist du dir sicher, dass es keine Feuerleiter auf dieser Seite des Gebäudes gibt?“, flüsterte Rudi in meine Richtung.

„Nein!“, wisperte ich zurück.

Augenblicke lang hörten wir nichts.

„Frau Meharis!“, rief ich. „Geben Sie auf, wenn Sie nicht wollen, dass das in einem Blutbad endet!“

Zunächst kam keine Antwort.

Rudi sah mich an und schüttelte den Kopf. Er griff zum Handy, um Verstärkung anzufordern und dafür zu sorgen, dass Chantal Meharis tatsächlich nicht auf die Idee kam, über Fenster und Balkon doch noch die Wohnung zu verlassen.

„Sind Sie wirklich vom BKA?“, fragte jetzt die Stimme.

Ich hörte ein Geräusch, das so klang, als ob jemand ein Magazin nachlud. Manchmal hat man nur einen Sekundenbruchteil, um die richtige Entscheidung zu treffen. Wenn mich mein Instinkt nicht getrogen hatte, dann war dies einer der wenigen Momente, in denen wir das Blatt schnell wenden konnten. Kurz entschlossen trat ich die Tür ein, ließ sie zur Seite springen und stand mit der Pistole in der Faust da. Der Lauf der Waffe war auf eine junge Frau gerichtet, die gerade damit beschäftigt war, eine Patrone in die Trommel  eines Revolvers zu stecken. Sie erstarrte mitten in der Bewegung und starrte geradewegs in den Lauf meiner Waffe.

„Weg damit!“, verlangte ich.

Für einen Moment rührte sie sich nicht.

Ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Ihr Haar war schulterlang und brünett. Eine Strähne hing ihr quer über das Gesicht. Die Augen waren weit aufgerissen und sie zitterte leicht. Sie schien große Angst zu  haben.

Dann ließ sie endlich ihre Waffe sinken und legte sie vorsichtig auf den Boden.

Ich näherte mich ihr.

Rudi kam jetzt auch in den Raum. Im nächsten Moment legte er der Frau Handschellen an und nahm ihre Waffe an sich.

Wir führten Chantal Meharis ins Wohnzimmer.

Rudi klärte sie über ihre Rechte auf und erklärte ihr, dass sie verhaftet sei. Ganz gleich, was sich noch herausstellen würde – eine Anklage wegen eines bewaffneten Angriffs auf zwei BKA-Kommissare kam auf jeden Fall auf sie zu. Vermutlich zusätzlich eine Anklage wegen unerlaubten Waffenbesitzes.

Ich telefonierte kurz mit den Kollegen, damit jemand kam, der sie abholte.

„Ich wusste nicht, dass Sie BKA-Beamte sind“, sagte sie. „Es tut mir leid, es war nicht meine Absicht, auf Sie zu schießen.“

„Für wen haben Sie uns denn gehalten?“

„Für...“ Sie sprach zunächst nicht weiter.

„Hat Alex Jermakov Sie vor jemandem gewarnt? Und wie kommen Sie auf die Idee, dass diese Leute nicht nur Ihren Freund, sondern auch Sie jagen sollten?“

Sie schluckte.

„Vielleicht sollte ich jetzt einen Anwalt verständigen.“

„Nein, Sie sollten einfach mit der Wahrheit herausrücken, damit Sie nicht auch mit ein paar Kugeln im Körper auf einem Parkplatz aufgefunden werden, wie Alex Jermakov!“

„Was?“, flüsterte sie.

Ihr Gesicht war jetzt bleich wie die Wand.

„Ich weiß noch nicht genau, was das genau für ein Spiel ist, auf das Sie beide sich da eingelassen haben, aber spätestens jetzt sollten Sie erkannt haben, dass es zu groß für Sie ist!“, meinte ich.

Sie schluckte. „Ich habe es geahnt...“, murmelte sie. „Ich habe es geahnt, verdammt!“ Tränen rannen ihr das Gesicht. Dann fasste sie sich. „Machen Sie mich los!“, verlangte sie.

„Das ist gegen die Vorschriften“, erklärte ich ihr.

„Ich will Ihnen zeigen, worum es hier geht! Wenn Alex tot ist, kann es auch niemandem mehr schaden.“

„Es gibt sehr wohl eine Überwachungskamera in Alex' Laden, nicht wahr?“, stellte ich fest.

Sie nickte. „Die Dinger sind so klein, dass man sie nicht sieht.“

„Und nachdem Ihr Freund begriffen hat, dass der Van mit der rothaarigen Frau, der vermutlich darauf zu sehen ist, etwas mit dem Mord im MAMMA MIA!!! zu tun hat, hat er versucht, dieses Wissen zu Geld zu machen.“

„Wie gesagt, machen Sie mich los, dann zeige ich es Ihnen.“

Ich wechselte kurz einen Blick mit Rudi. Mein Kollege nickte.

„Okay, Harry!“

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Chantal Meharis führte uns in einen Nebenraum. Dort lag auf einem niedrigen Schreibtisch ein Notebook.

„Einen Augenblick!“, sagte Chantal Meharis während sie das Gerät hochfuhr. „Alex hat mir eine Kopie der Daten übergeben, die ich dann auf eine virtuelle Festplatte im Internet hochgeladen habe. Das war sozusagen unsere Lebensversicherung. Aber wie man sieht, hat sie nicht funktioniert.“

„Das heißt, Sie hätten die Aufnahmen anschließend zugänglich gemacht“, folgerte ich.

Sie nickte. „Eine Mail mit einem Link an das BKA oder wen auch immer hätte die Betreffenden in den Knast gebracht – und eine Mail an den Auftraggeber vielleicht sogar ins Grab.“

Ein Video war nun auf dem Schirm des Notebooks zu sehen. Es zeigte den Van mit der rothaarigen Frau am Steuer. Ein Mann in Lederjacke stieg aus der hinteren Schiebetür. Trotz der Mütze und des hochgeschlagenen Kragens war das Gesicht für einen Moment sehr deutlich zu sehen.

„Woher wussten Sie, mit wem Sie zu tun hatten?“, fragte ich.

„Das Nummernschild des Vans ist im Bild. Herauszufinden, auf wen er zugelassen ist, war keine Schwierigkeit. Die entsprechenden Datenbanken sind nicht besonders gesichert. Bei größeren Behörden ist die Methode immer dieselbe: Man geht nicht durch das gut gesicherte Haupttor, sondern wählt einen Hintereingang. Und das sind die ungezählten Rechner einzelner Mitarbeiter und Dienststellen, bei denen die Werkseinstellungen nie verändert werden oder Passwörter benutzt werden, die man innerhalb von Augenblicken knacken kann!“

„Sie scheinen sich auszukennen!“, stellte ich fest.

Sie sah mich einen Moment an und gestand dann: „Wenn Sie meinen Namen durch Ihre BKA-DATA-REQUEST-Software jagen, werden Sie auf ein paar einschlägige Verurteilungen stoßen.“

„Und Sie haben es nicht geschafft, die zu tilgen?“, fragte Rudi. „Dann scheint BKA-DATA-REQUEST ja ganz gut gesichert zu sein.“

„Ganz im Gegenteil. Da BKA-DATA-REQUEST selbst das kleinste Wachtmeister-Büro irgendwo in Mecklenburg Vorpommern noch zugänglich ist, wo der Dienststellenleiter noch nie was von Computersicherung gehört hat, ist es für jemanden wie mich quasi frei zugänglich. Aber unglücklicherweise sind weibliche Hacker recht selten und so stehe ich unter stärkerer Bobachtung. Wenn ich jetzt an meinen Datensätzen herumpfuschen würde, wäre das Risiko recht hoch.“

„Auf wen ist der Wagen zugelassen?“, fragte ich.

„Ella Ohlmeyer.“

„Die Frau mit den roten Haaren!“

„Genau! Die Adresse, die sie bei der Zulassungsstelle angegeben hat, gehört zu einem Penthouse, das einem gewissen Rainer Buonarote gehört!“

„Der Mann, der aus dem Wagen stieg!“, murmelte ich.

„Ich hoffe, dieses Schwein wehrt sich bei der Verhaftung, sodass Sie Buonarote erschießen können!“, zischte Chantal Meharis. „Ach übrigens, wollen Sie auch noch wissen, welche Parkplätze in der Tiefgarage zu Buonarotes Wohnung gehören?“

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Wir überließen Chantal Meharis der Bewachung von Polizeimeister Brücker. Außerdem würden Kollegen sie in Kürze zum Präsidium bringen, wo sie zumindest die nächste Nacht in einer unserer Gewahrsamszellen verbringen würde.

Rudi und ich fuhren unterdessen zur Adresse von Rainer Buonarote.

Verstärkung war unterwegs. Und Walter Stein konnte uns am Telefon einiges über Rainer Buonarote berichten.

„Er hat für Muhammad Abu-Khalil gearbeitet!“, erklärte Walter über die Freisprechanlage. „In verschiedenen Clubs war er für ihn Türsteher, später galt er als Mann fürs Grobe. Insgesamt hat er ein paar Jahre im Gefängnis verbracht, es ging regelmäßig um Körperverletzung und ähnliche Dinge. Und dann gibt es da den Mord an einem Drogendealer, der wohl im falschen Revier zu wildern versuchte. Rainer Buonarote war in der Nähe und geriet auch in Verdacht. Ratet mal, wer ihn da herausgepaukt hat?“

„Uns ist im Moment nicht nach Rätselraten zumute, Walter“, gab Rudi zurück.

„Wenn du schon so fragst, Walter: Ich nehme an, dass ich einen Volltreffer lande, wenn ich jetzt den Namen von Johann Feldmann einwerfe!“

„Bingo, Harry!“

„Was ist mit der Rothaarigen, dieser Ella Ohlmeyer?“, hakte ich nach.

„Wir wissen nur, dass sie eine Weile für Abu-Khalil als Leibwächterin gearbeitet hat. Buonarote und Ohlmeyer arbeiten wohl seit einiger Zeit zusammen und sind auch privat ein Paar.“

„Na großartig!“, kommentierte Rudi. „Abu-Khalils Paar fürs Grobe, so hat es ja wohl den Anschein!“

„Noch etwas“, meldete sich Walter nochmal zu Wort. „Wir haben inzwischen ein paar weitere Ergebnisse aus der Ballistik auf dem Tisch. Dass Amadeo Felmy und Arthur Malkowski beide durch den sogenannten Killer mit der Delle umgebracht wurden, wird niemanden überraschen. Aber Firat Amri wurde mit einer anderen Waffe erschossen!“

„Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass dieser Buonarote der Killer mit der Delle ist“, erwiderte ich. „Der hätte unauffälliger agiert. In so fern passt das!“

„Aber das bedeutet auch, dass die Fälle vielleicht nicht so eng zusammenhängen, wie wir dachten!“, gab Rudi zu bedenken.

„Die Verbindung ist immer noch der Mord an Jimmy Talabani“, meinte ich. „Und dahinter steckt vermutlich ebenso Muhammad Abu-Khalil wie hinter der Ermordung von Firat Amri.“

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Das Haus, in dem Rainer Buonarote und Ella Ohlmeyer wohnten, hatte eine der größten Tiefgaragen in der Umgebung. Wir suchten jenes Parkdeck auf, auf dem sich die zu Buonarotes Wohnung gehörenden insgesamt drei Parkplätze befanden.

Ich stellte den Dienstwagen in eine freie Parklücke. Die gehörte einem anderen Bewohner des Hauses, der offenbar derzeit nicht zu Hause war.

Walter meldete uns, dass Verstärkung unterwegs sei. „Ein paar Minuten Geduld, Harry! Ihr solltet auf keinen Fall allein losschlagen! Buonarote ist gefährlich!“

„Vielleicht bleibt uns keine andere Wahl, Walter!“, gab ich zurück, als ich sah, dass sich Rainer Buonarote und Ella Ohlmeyer ihren Parkplätzen näherten. Diese waren mit einem Porsche, einem Lamborghini und jenem Van belegt, der von Alex Jermakovs Überwachungskamera aufgenommen worden war.

Rudi und ich näherten uns vorsichtig. Noch waren die beiden nicht auf uns aufmerksam geworden. Offenbar hatten sie vor, mit dem Porsche in die Stadt zu fahren, denn dessen Lichter blinkten auf, als Rainer Buonarote mit Hilfe seines Schlüssels aus der Ferne die Türen öffnete.

„Jetzt!“, murmelte ich an Rudi gewandt.

Wir zogen unsere Waffen.

„Kriminalpolizei! Sie sind verhaftet! Heben Sie die Hände!“, rief Rudi. „Sofort!“

Rainer Buonarote wirbelte herum.

Er griff unter seine Jacke, riss eine Pistole hervor.

Ein Schuss donnerte. Irgendwo zerbarst die Scheibe eines parkenden Fahrzeugs. Ich schoss beinahe im selben Moment wie  Buonarote. Meine Kugel traf ihn in die Schulter, ließ ihn einen Schritt nach hinten wanken. An dem Van, den wir schon auf der Aufnahme der Überwachungskamera in Jermakovs RUSSIAN SHOP gesehen hatten, rutschte er zu Boden.

Ella Ohlmeyer war wie erstarrt. Ihre Hand war in der Tasche ihres Kurzmantels verschwunden.

Rudi näherte sich ihr. „Schön langsam herausnehmen!“, forderte er.

Sie gehorchte.

Rainer Buonarote ächzte. Seine Hand ballte sich noch um die Pistole, aber sie gehorchte ihm anscheinend nicht mehr richtig. Er sah mich hasserfüllt an. Der Lauf meiner Waffe war geradewegs auf seinen Kopf gerichtet.

„Denken Sie nicht einmal daran, Herr Buonarote“, sagte ich. „Sie haben keine Chance!“

Der Griff um die Waffe lockerte sich.

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Die Kollegen trafen schließlich ein. Wenig später waren auch ein Einsatzwagen des Rettungsdienstes und unsere Kollegen Kalle Brandenburg und Hansi Morell am Ort des Geschehens.

Rainer Buonarote wurde unter Bewachung in die nächste Klinik geschafft. Ella Ohlmeyer hingegen würde die Nacht in einer der Gewahrsamszellen verbringen, die wir im Präsidium zur Verfügung hatten.

„Wenn die beiden klug sind, dann arbeiten sie mit der Justiz zusammen und liefern uns ihren Auftraggeber ans Messer!“, meinte Rudi. „Die Beweislage dürfte schließlich erdrückend sein!“

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Am nächsten Morgen wurde ich nicht durch das Schrillen meines Weckers wach, sondern durch mein Handy.

Und das zwei Stunden früher als üblich. Am anderen Ende der Verbindung war Kriminaldirektor Hoch. Dass er um diese Zeit schon im Büro war, wunderte mich nur mäßig. Er ging als letzter und war morgens meistens vor allen anderen in seinem Büro. Und sicherlich verbrachte er dort auch die eine oder andere Nacht. Seitdem unser Chef seine Familie durch ein Verbrechen verloren hatte, schien er kein Privatleben mehr zu haben, sondern hatte seine Kräfte vollkommen auf den Kampf für das Recht konzentriert.

„Tut mir leid, dass ich Sie heute schon so früh aus den Federn holen muss, Harry.“

„Schon gut, es wird sicher nicht ohne Grund sein!“

„Ella Ohlmeyer ist bereit zur Kooperation. Sie hat umfassend ausgesagt. Muhammad Abu-Khalil hat den Mord an unserem Informanten Firat Amri in Auftrag gegeben. Ein Motiv haben wir in dem Fall ohnehin schon.“

„Okay, ich rufe Rudi an.“

„Brauchen Sie nicht. Das habe ich schon getan. Der wartet vermutlich schon an Ihrer bekannten Ecke. Sie treffen sich mit den anderen in der Heisenberg Straße.“

„In Ordnung, Herr Hoch!“

Ich zog mich in Windeseile an. Wenig später holte ich Rudi an der bekannten Ecke ab.

Muhammad Abu-Khalil bewohnte ein großes Sandsteinhaus in der Heisenberg Straße. Wir parkten den Dienstwagen in einer Seitenstraße.  Dort standen bereits einige weitere Fahrzeuge unserer Kollegen. Wir trafen die Kommissars Stefan Carnavaro und Ollie Medina sowie Kalle Brandenburg und Hansi Morell. Vor dem Einsatz legten wir Kevlar-Westen und Head-Sets an, über die wir alle funktechnisch miteinander verbunden waren. Ob wir auf Widerstand stießen, konnte schließlich niemand im voraus sagen. Aber das lag durchaus im Bereich des Möglichen.

„Ich nehme zwar an, dass Muhammad Abu-Khalil mehr der Überzeugungskraft seine Anwälte traut als der Bereitschaft seiner Leibwächter, sich mit dem BKA zu schießen – aber man kann ja nie wissen“, meinte Stefan.

„So wie ich das sehe, wird die Argumentation von Abu-Khalils Anwälten sehr schnell an ihre Grenzen kommen“, vermutete ich.

Insgesamt dreißig Beamte nahmen an dem Einsatz teil. Alle Eingänge des Gebäudes wurden besetzt.

Wenig später standen wir vor dem Hauteingang und verlangten Einlass. Ein Hausangestellte öffnete uns.

Muhammad Abu-Khalil empfing uns in Gesellschaft von zwei Anwälten, seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn Rasul in einem weitläufigen Salon, der mit Antiquitäten völlig überladen war.

„Herr Muhammad Abu-Khalil, Sie sind verhaftet!“, eröffnete Stefan. „Alles, was Sie von nun an sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Auf das Recht auf einen Anwalt brauchen Sie ja wohl nicht gesondert hingewiesen zu werden, da Sie in dieser Hinsicht bereits in guter Gesellschaft sind!“

„Ich weiß nicht, was ihr Bullen vorhabt, aber bislang ist die Justiz noch jedesmal hereingefallen, wenn sie versucht hat, gegen einen ehrlichen Geschäftsmann wie mich eine Intrige zu starten.“

„Das ist keine Intrige, Herr Abu-Khalil – sondern eine vorläufige Festnahme unter dem dringenden Tatverdacht der Verabredung zum Mord!“, korrigierte Stefan. „Davon abgesehen haben wir einen Durchsuchungsbeschluss für Ihr Haus – sowohl für geschäftliche als auch für private Räumlichkeiten.“

Der stark übergewichtige Abu-Khalil schnappte nach Luft. „Darf ich erfahren, welchen Mord Sie mir diesmal anhängen wollen?“

„Firat Amri“, erklärte ich. „Aber wer weiß, vielleicht steigen da noch weitere Leichen an die Oberfläche.“

Er sah mich an und verengte dabei seine Augen zu schmalen Schlitzen, sodass eine tiefe Furche auf seiner Stirn entstand. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Amri starb, während er uns sagen wollte, wer Jimmy Talabani auf dem Gewissen hat!“, erwiderte ich. Ich sah durchaus Stefans missbilligenden Blick. Er fand es offenbar nicht so besonders geschickt, Abu-Khalil zu diesem Zeitpunkt darauf anzusprechen. Aber ich hatte einfach nicht widerstehen können, ihn zu provozieren. Manchmal führt so etwas zum Erfolg, wenn jemand was sagt, das ihm unter anderen Umständen nicht über die Lippen gegangen wäre.

„Jetzt kommen Sie tatsächlich wieder mit der alten Geschichte!“, rief Abu-Khalil. „Das ist nicht zu fassen!“ Er wandte sich an seine Anwälte. „Jungs, das wird ein leichter Job für euch! Heute Mittag sind wir wieder hier – und dann können wir eine Anklage wegen Amtsanmaßung und Rechtsbeugung gegen alle diejenigen anstrengen, die in irgendeiner Weise daran mitgewirkt haben, dass es zu dieser völlig illegalen Verhaftung überhaupt kommen konnte!“

Einer der Anwälte – ein schmächtiger Mann mit Knebelbart und eingefallenen grauen Wangen, schaltete sich jetzt in das Gespräch ein. „Herr Abu-Khalil, ich schlage vor, Sie sagen jetzt nichts mehr und überlassen das Reden...“

Abu-Khalil unterbrach ihn grob.

„Den Mund lasse ich mir von niemandem verbieten!“, ereiferte er sich. Seine Stimme überschlug sich dabei. Er wandte sich wieder mir zu und warf mir einen giftigen Blick zu, während unser Kollege Hansi Morell ihm die Handschellen anlegte. „Ich habe nichts mit dem Tod von Jimmy Talabani zu tun! Auch wenn mir unterstellt wird, dass ich davon profitiert hätte! Aber Sie werden mir das auch jetzt nicht nachweisen können!“

„Das werden wir sehen“, knurrte Stefan. „Abführen!“

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Wir verließen mit Muhammad Abu-Khalil in unserer Mitte das Gebäude. Kollegen warteten bereits mit einem Transporter aus unserer Fahrbereitschaft, um den Verhafteten zur Dienststelle zu bringen.

Der Transporter fuhr anschließend die Heisenberg Straße entlang. Ein Einsatzwagen fuhr vor ihm her, ein zweiter folgte ihm.

„Vielleicht klärt sich ja nun auch der Doppelmord an Arthur Malkowski und Amadeo Felmy!“, meinte ich. „Wäre doch möglich, dass Abu-Khalil zwei verschiedene Killer engagiert hat – den mit der Delle, um Talabani und später die beiden verhinderten Buchautoren umzubringen.“

„Da liegen Jahre dazwischen, Harry!“

„Ja, aber diese drei Morde wurden jedenfalls vom Killer mit der Delle verübt – wer immer das auch sein mag. Während dieser Rainer Buonarote...“

„Dass Abu-Khalil den losgeschickt hat, um Amri umzubringen, erscheint mir wie eine Art Schnellschuss...“

Da konnte ich Rudi nur zustimmen. Der Killer mit der Delle war bei Malkowski und Felmy eiskalt und sehr professionell vorgegangen. Malkowski war mit mehreren Schüssen traktiert worden – vermutlich um aus ihm herauszupressen, wo es eventuell noch Kopien der Manuskriptdatei gab.

„Stell dir das nur mal vor!“, hörte ich Rudi sagen. „Abu-Khalil erfährt durch einen Zuträger, was mit Firat Amri wirklich los ist, dass er seit Jahren als Informant des BKA dient und so weiter.“

„Vergiss nicht, dass er uns sagen wollte, wer Talabani auf dem Gewissen hat“, erinnerte ich meinen Kollegen. „Und das war unzweifelhaft der Killer mit der Delle!“

„Wie auch immer! Abu-Khalil schickt den erstbesten Mann los, den er mobilisieren kann!“

„Und das war Buonarote mit seiner rothaarigen Freundin?“

„Jedenfalls nicht der Killer mit der Delle, Harry!“

„Das heißt, er stand ihm aus irgendeinem Grund nicht mehr zur Verfügung.“

Mein Blick blieb plötzlich an einem Wagen auf der anderen Straßenseite hängen. Es handelte sich um einen unscheinbaren Ford. Am Steuer saß ein Mann, dessen Gesicht mir bekannt vorkam. Er starrte mich einen Augenblick lang an und damit verriet er mir, dass er mich auch erkannt hatte. Ein paar ewig lange Sekunden brauchte ich, um zu begreifen, wen ich da sah.

„Karlheinz Brakowski!“, murmelte ich.

„Wo?“, fragte Rudi.

„Na, da vorne! Ich hätte ihn fast nicht erkannt – ohne Uniform und in einem so unscheinbaren Zivilfahrzeug!“

„Der Mann scheint wirklich überall zu sein!“

„Nein, Rudi – der ist nur seltsamerweise immer dort, wo wir gerade sind! Und das kommt mir ehrlich gesagt immer eigenartiger vor!“

Wir überquerten die Straße und erreichten Brakowskis Wagen.

„So ein Zufall!“, begrüßte ich ihn.

„Sie haben endlich Muhammad Abu-Khalil hinter Schloss und Riegel gebracht, Kommissar Kubinke? Alle Achtung!“

„Das ist nicht mein Verdienst“, sagte ich. „In unserer Behörde arbeiten wir im Team!“

„Dann gilt mein Glückwunsch für's ganze Team!“

„Was machen Sie hier?“

Er lachte. „Braucht der stellvertretende Polizeichef von Berlin jetzt etwa ein Alibi?“

„Keine Ahnung!“

„Ich habe heute meinen freien Tag. So was kommt selbst bei jemandem in meiner Funktion hin und wieder vor. Hier an der Ecke gibt’s den besten Kaffee in Michelangelo's Shop.“

„Und woher wusste Sie, dass Abu-Khalil verhaftet wird?“, fragte ich.

„Ich bin eben immer gut informiert!“, gab er zurück. „Davon abgesehen sind ja auch meine Leute an der Aktion beteiligt. Und jetzt werden Sie mich sicher entschuldigen!“ Er grinste. „Oder wollen Sie mich jetzt etwa auf meine Rechte hinweisen?“

„Das wäre bei Ihnen doch sicher gar nicht nötig“, gab ich zurück.

„Ich könnte mich wohl kaum auf Nichtwissen berufen – aber Abu-Khalil schon! Ich hoffe, dass bei dessen Verhaftung alles ordentlich gelaufen ist, damit er nicht am Ende durch irgendeinen dusseligen Verfahrensfehler wieder auf freien Fuß kommt!“

„Keine Sorge, wir machen das nicht zum ersten Mal!“, mischte sich jetzt Rudi ein. Er warf mir einen Blick zu, der soviel ausdrückte wie: 'Was soll das ganze Geplänkel eigentlich, Harry!'

„Ich bin wirklich froh, dass diese Ratte jetzt in der Falle sitzt“, meinte Karlheinz Brakowski. Und die Art und Weise, in der er das zum Ausdruck brachte, ging weit über die professionelle Genugtuung hinaus, die jeder Polizist empfinden mochte, wenn seinen Kollegen ein wirksamer Schlag gegen das organisierte Verbrechen gelungen war.

Er lenkte seinen Wagen aus der Parklücke und fuhr die Straße entlang. An der übernächsten Kreuzung bog er links in eine Einbahnstraße ab.

„An dem Kerl scheinst du einen Narren gefressen zu haben, Harry – oder habe ich da irgendetwas falsch verstanden?“

„Ich frage mich, ob wir vielleicht alle etwas nicht so verstanden haben, wie es sein sollte, Rudi“, gab ich zurück.

„Wenn du mir jetzt noch in klaren Sätzen erklärst, was du damit meinst, wäre ich dir sehr verbunden!“

Ich zuckte mit den Schultern. „Das ist einfach ein seltsamer Typ und ehrlich gesagt, je öfter uns Brakowski im Verlauf dieses Falles schon über den Weg läuft, desto weniger weiß ich, was ich davon halten soll!“

„Konzentrieren wir uns lieber auf unsere Ermittlungen“, schlug Rudi vor. „Vielleicht ist Abu-Khalil ja genauso klug wie diese Ella Ohlmeyer und fängt an zu reden.“

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Unsere Verhörspezialist Marvin Schneyder nahm sich später Abu-Khalil vor, der wiederum seine Anwälte um sich geschart hatte.

Der Wortführer unter seinen juristischen Beiständen war allerdings eine hochgewachsene junge Frau mit hochmütigen Gesichtszügen. Sie traf erst später ein, allerdings weigerte sich Abu-Khalil vor ihrem Eintreffen mehr als lediglich Angaben zu seiner Person zu machen.

„Mein Name ist Ann-Kathrin Wanger“, sagte die Anwältin auf eine Weise, die wohl gleich klar machen sollte, dass sie sich als Herrin des Geschehens betrachtete. „Ich möchte fünf  Minuten mit meinem Mandanten allein sprechen. Danach können wir anfangen.“

„Bitte“, sagte Marvin Schneyder.

Rudi und ich waren ebenfalls anwesend und verließen zusammen mit Marvin Schneyder den Raum.

„Das wird ein harter Brocken, Harry!“, raunte mir Marvin Schneyder zu.

„Den Auftrag für den Mord an Firat Amri wird man ihm ziemlich sicher zuordnen können, sofern Ella Ohlmeyer bei ihrer Aussage bleibt“, erwiderte ich. „Aber da sind immer  noch die Morde an Arthur Malkowski und Amadeo Felmy, die eher in einem lockeren Zusammenhang mit Abu-Khalil stehen.“

„Es geht uns um den Killer mit der Delle!“, sagte Rudi. „Und ich halte es für sicher, dass Abu-Khalil weiß, wer das ist! Schließlich hat er ihn beauftragt, um Jimmy Talabani damals umzubringen!“

„...was er bestreitet, Rudi!“, gab ich zu bedenken.

Nachdem sich Abu-Khalil und seine Anwälte abgestimmt hatten, konnte das Verhör beginnen.

„Mein Mandant möchte eine Erklärung abgeben“, erklärte Ann-Kathrin Wanger. Ihr Gesicht wirkte dabei vollkommen regungslos.

„Ich würde eher vorschlagen, dass wir zunächst ein paar wesentliche Sachverhalte klären“, gab Marvin Schneyder zurück. „Aber bitte!“

„Mein Mandant verlangt vollständige Immunität in dem ihm zur Last gelegten Fall von Verabredung zum Mord zu Ungunsten von Herr Firat Amri. Dafür bietet er Ihnen die Aufklärung eines anderen Verbrechens, was zur Festnahme eines  Killers führen würde, der ansonsten weiterhin aktiv wäre.“

„Das ist nicht Ihr Ernst!“, erwiderte Malcom Schneyder. „Solche Zusagen könnte höchstens die Staatsanwaltschaft geben und ich halte das ehrlich gesagt in Ihrem Fall für äußerst unwahrscheinlich, Herr Abu-Khalil!“

„Jimmy Talabani hätte doch damals auch Immunität bekommen!“, erwiderte Abu-Khalil aufgebracht. „Und Jimmy hatte wirklich blutige Hände! Ich habe erfahren, wer ihn auf dem Gewissen hat!“

„Bis jetzt dachten wir, Sie hätten den Auftrag gegeben!“, mischte ich mich ein.

„Nein, das habe ich nicht. Ich hätte es, wenn mir klar gewesen wäre, dass Jimmy überlaufen wollte, das gebe ich zu. Und ich gebe auch zu, dass er mich mit seiner Aussage in Schwierigkeiten gebracht hätte. Aber mit seinem Tod habe ich nichts zu tun.“

„Komisch. Firat Amri wollte uns auch gerade sagen, wer Talabani auf dem Gewissen hatte und war wenige Augenblicke später tot.“

„Ja, so kann das gehen... Aber diesen Trumpf werde ich nicht ausspielen, ohne dass ich dafür eine Gegenleistung bekomme. Und genau genommen, ist das ein guter Deal für Ihre Seite! Denn was haben Sie schon gegen mich! Die Aussage dieser rothaarigen Frau, die wahrscheinlich keinen klaren Gedanken fassen kann, wenn sie nicht mit Kokain abgefüllt wurde. Wer weiß, ob Ihr Fall überhaupt zur Anklage angenommen würde! Sie müssten mit einem ebenso großen Debakel rechnen, wie damals, als man mir den Mord an Talabani anhängen wollte!“

„Gut, wir werden mit der Staatsanwaltschaft sprechen, aber ich nehme nicht an, dass Sie so viel herausholen werden“, erklärte Marvin Schneyder. „So wie ich das sehe, sind die Fakten im Fall Firat Amri so eindeutig, dass man Sie in jedem Fall verurteilen würde. Wenn Sie Glück haben, wird der Tatvorwurf etwas heruntergestuft, aber mehr scheint mir nicht drin zu sein.“

„Sie werden das kaum beurteilen können“, versetzte Ann-Kathrin Wanger schneidend. „Und damit ist das Gespräch beendet!“

„Einen Moment!“, fuhr ich dazwischen. Ich legte Fotos von Arthur Malkowski und Amadeo Felmy vor ihm auf den Tisch. „Dass Sie Amadeo Felmy kennen, wissen wir. Er hat für Sie gearbeitet. Und Arthur Malkowski...“

„Kein Kommentar“, unterbrach mich Ann-Kathrin Wanger.

„Die beiden wurden von demselben Täter getötet wie Talabani. Sie mussten befürchten, dass vielleicht auch ein paar unangenehme Zeilen zu Ihrer Person in dem Enthüllungsbuch stehen würden, das die beiden planten.“

„Amadeo Felmy war ein schmieriger kleine Schnüffler und Rausschmeißer!“, entfuhr es Abu-Khalil, wobei sein aufgedunsenes Gesicht so dunkelrot anlief, dass man glaubten konnte, dass er gleich platzen würde. „Der hat Geheimnisse gesammelt wie andere Leute Briefmarken und er wusste immer, wie er damit das meiste Geld machen kann!“

„Na also! Genau so etwas habe ich mir gedacht!“

„Aber Sie vergessen eins: Er war nicht dumm! Und wenn er auch nur eine einzige krumme Zeile über mich in sein verfluchtes Buch gebracht hätte, wäre ihm schon klar gewesen, was mit ihm passiert! Es gab für mich keinen Grund, ihm was zu tun! Denn ich habe ihm vertraut – und zwar aus dem plausibelsten aller Gründe: Er hat mich gefürchtet! Also erzählen Sie nicht so einen Blödsinn, Bulle!“

„Schon gut, Herr Abu-Khalil!“, schritt nun erneut Ann-Kathrin Wanger ein. „Der Kommissar will Sie nur zu einer unbedachten Äußerung provozieren!“

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Später saßen Rudi und ich in dem Dienstzimmer, das wir uns teilten. Ich trank einen Becher mit Kaffee und blickte auf den Bildschirm des Rechners.

„Bis Abu-Khalil sich mit der Staatsanwaltschaft geeinigt hat, können Tage vergehen“, meinte Rudi, der mir gegenüber saß und zum x-ten Mal die Dossiers durchging, die sich in diesem Fall inzwischen angesammelt hatten. Tatortfotos, ballistische Berichte, Berichte des Erkennungsdienstes. Vielleicht hatten wir ja irgend etwas Entscheidendes übersehen.

„Wer ist der Killer mit der Delle?“, sagte ich. „Das scheint mir die entscheidende Frage zu sein.“

„Ich weiß nicht so richtig, worauf du jetzt gerade hinaus willst, Harry?“

„Ich überlege gerade, wie das alles zusammenhängen könnte, wenn Abu-Khalil tatsächlich recht hat.“

„Du meinst, er könnte wirklich unschuldig an Talabanis Tod sein?“

„Wir haben immer gedacht, dass er der Auftraggeber des Killers mit der Delle war – aber wie ich schonmal sagte: Wieso hat er ihm dann nicht den Auftrag gegeben, Amri aus dem Weg zu räumen, nachdem er irgendwie herausgekriegt hatte, dass der ein Informant ist und andauernd Interna an das BKA verrät.“

„Harry, wir drehen uns im Kreis.“

Rudi ging kurz hinaus und holte sich auch einen Becher mit Kaffee. Als er zurück kam, sah er, das sich etwas auf dem Schirm meines Rechners befand.

„Du informierst dich über Karlheinz Brakowski?“, wunderte er sich.

„Ja, unser stellvertretender Chef ist auch so ein Punkt, über den ich einfach nicht hinwegkomme. Ich kann dir nicht sagen, was da nicht stimmt, aber da stinkt irgend etwa zum Himmel!“

„Harry, du verrennst dich!“

„Er war früher bei einer Abteilung, die gegen das organisierte Verbrechen gekämpft hat!“

„Und was ist dagegen einzuwenden? Die Kollegen gehören zu den besten – nur das sie weitaus weniger Mittel zur Verfügung haben als wir!“

„Wusstest du, dass Brakowski an mindestens sieben Fällen als Ermittler beteiligt war, bei denen der sogenannte Killer mit der Delle eine Rolle spielte?“

Rudi nippte an seinem Kaffee. „Nein, das wusste ich nicht“, musste er zugeben.

„Er geriet in eine Schießerei, bei dem mehrere Personen umkamen, von denen einer in Verdacht stand, der Killer mit der Delle zu sein. Aber als der nächste Mord mit derselben Waffe geschah, hat man die Nachforschungen eingestellt.“

„Wer war der Tote?“ fragte Rudi.

„Konnte nie festgestellt werden.“

Rudi zuckte mit den Schultern. „Du kannst Karlheinz Brakowski ja danach ausfragen, wenn er das nächste Mal hier im Bundesgebäude auftaucht, um sich bei Herr Hoch nach dem Fortgang unserer Ermittlungen zu erkundigen.“

In diesem Moment kam Kommissar Medina zu uns herein.

„Harry! Rudi! Macht euch fertig! Wir brauchen euch!“

„Was ist passiert, Ollie?“, fragte ich.

„Johann Feldmann wurde in seinem Haus aufgefunden – mit einer Kugel im Kopf.“

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Wenig später saßen wir wieder im Wagen und fuhren aus der Tiefgarage unserer Dienststelle heraus. Dabei folgten wir einem grauen Opel aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft, in dem unsere Kollegen Stefan Carnavaro und Ollie Medina saßen.

Der Opel hatte das Blaulicht auf dem Dach eingeschaltet und Rudi setzte wenig später auch eins auf das Dach unseres Jaguar-Hybriden.  Außerdem schalteten wir die Sirenen ein.

Johann Feldmann bewohnte ein gut abgeschirmtes Haus mit Blick auf einen See.

Hoher Stacheldraht schirmte das Gelände schon von weitem ab. Die umfangreiche Zierbepflanzung machte es unmöglich, das Haus zu sehen, es sei denn, man näherte sich von See her. Es gab Überwachungskameras und bei jemandem, der inzwischen derart in der Öffentlichkeit stand wie Johann Feldmann vermutlich sogar eine direkte Alarmleitung zum nächsten Polizeirevier.

Ein gusseisernes Tor öffnete sich selbsttätig.

Unsere Fahrzeuge fuhren die breite Einfahrt entlang, die zum Hauptgebäude führte. Darüber hinaus gab es noch eine Garage mit einem ganzen Dutzend Einstellplätzen und einen Pavillon, der wohl zur Durchführung von Gartenfesten diente. Der Rasen war englisch kurz. Etwa hundert Yards vom Haus entfernt gab es einen Bootssteg, an dem ein Motorboot mittlerer Größe und eine kleine Segelyacht vertäut waren.

„Alle Achtung! Johann Feldmann hatte hier einen sehr geschmackvollen Rückzugsort!“, meinte Rudi.

„So viel Geschmack hättest du ihm wohl gar nicht zugetraut!“, gab ich zurück.

„Jedenfalls kann man sich lebhaft vorstellen, wie er hier Sommerfeste für wohlhabende Gönner veranstaltete, die ihm seinen Wahlkampf finanziert haben!“

„Ich frage mich, wie sein Mörder die ganzen Sicherheitsanlagen überwinden konnte, Rudi. Aber vielleicht bin ich da etwas voreilig. Schließlich wissen wir noch nicht einmal die näheren Umstände der Tat.“

Ich stellte den Wagen zu den anderen Fahrzeugen unserer Kollegen, die bereits eingetroffen waren.

Wir stiegen aus. Ollie und Stefan hatten ihren Opel aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft ein gutes Stück näher zum Hauptportal abstellen können.

Wir holten die beiden rasch ein.

„Eins sage ich euch, dieser Fall wird große Wellen schlagen und wir werden alle aufpassen müssen, dass sie nicht über uns zusammenschlagen!“, meinte Stefan.

Wir gingen die Stufen des Portals hinauf. Ein uniformierter Kollege der empfing uns dort.

„Gehen Sie nach rechts. Dann kommen Sie in den Salon“, sagte der Uniformierte. „Die anderen Räume werden gerade von den Kollegen des Erkennungsdienstes unter die Lupe genommen.“

„In Ordnung“, nickte Stefan.

Vor uns öffnete sich die Tür und ein Zinksarg wurde hinausgetragen.

Dr. Heinz kam uns entgegen.

Ohne dass wir extra hätten nachfragen müssen, sagte uns der Gerichtsmediziner gleich, was los war.

„Fünf Schüsse, zwei in die Beine, einer in die Schulter, einer durch die Hand und einer in die Stirn.“

„So ähnlich wie bei Arthur Malkowski!“, stellte ich fest. „Wurde die Wohnung durchwühlt? Fehlt irgend etwas?“

„Ja, da hat jemand ziemlich gewütet, Harry“, nickte Dr. Heinz. „Alles andere seht ihr euch am besten an. Aber es ist wohl nicht zu viel vermutet, wenn man sagt, dass das Opfer durch die ersten Schüsse nur gequält werden sollte.“

„Um irgend etwas herauszupressen!“, erwiderte ich.

„Vielleicht war es auch einfach aus Rache für irgendwas, Harry!“, gab Ollie ziemlich nüchtern zu gedenken. „Wir wissen das einfach jetzt noch nicht.“

Insgeheim musste ich Ollie natürlich zustimmen. Vorschnelle Festlegungen waren der frühzeitige Tod jeder guten Ermittlungsarbeit. Die allermeisten Fehler, die Ermittler machten, entstanden auf diese Weise und obwohl ich mir immer Mühe gegeben hatte, nicht diesen Fehler zu begehen, wusste ich doch andererseits, dass es fast unmöglich war, ihm immer erfolgreich auszuweichen.

„Zwei Projektile gingen durch den Körper hindurch“, ergänzte Dr. Brent Heinz noch. „Die habe ich bereits in unser Labor geschickt.“

„Das ist gut“, sagte Rudi. „Dann wissen wir vielleicht etwas schneller, ob uns der Täter nicht vielleicht bekannt ist.“

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Wir gingen in den Salon.

Ein Kollege versuchte vergeblich, die Witwe zu trösten.

Währenddessen sprach eine Mitarbeiterin des Erkennungsdienstes Stefan an. An ihrem weißen Einweg-Overall, klebte ein Namensschild, auf dem 'Patricia Gernegroß' stand. Ich kannte sie flüchtig und wusste nur, dass sie einen Doktortitel in Chemie hatte. Stefan hatte öfter mit ihr zu tun gehabt.

„Begleiten Sie mich ins Wohnzimmer, wo die Leiche gefunden wurde, Stefan?“

„Sicher, wenn ich da nichts durcheinanderbringe.“

„Wir haben den Bereich so weit abgespurt, dass Sie da rein können. Dann kann ich Ihnen eine grobe Analyse des Tathergangs geben.“

„Okay.“

Ich wandte mich unterdessen an Frau Feldmann. „Kommissar Harry Kubinke, BKA. Ich möchte Ihnen mein tief empfundenes Beileid ausdrücken.“

„Danke, Herr Kubinke“, murmelte Frau Feldmann tonlos. Ihr Make-up war verlaufen.  Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und schluckte. „Ich bin heute Morgen aus Hamburg zurückgekehrt. Gott sei Dank sind die Kinder noch bei meinen Eltern, sonst wären sie dabei gewesen, als ich meinen Mann gefunden habe.“

„Er war also allein im Haus?“

„Ja. Er wollte an einer wichtigen Rede arbeiten, die er vor Parteifreunden halten musste.“

„Ich habe umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen gesehen. Ihr Haus ist gut gesichert und ich frage mich, wie es der Täter schaffen konnte, zu Ihrem Mann vorzudringen.“

„Mir ist aufgefallen, dass die Alarmanlage ausgeschaltet war.“

„Haben Sie auch Sicherheitspersonal angestellt?“

„Ja, aber dem hatte mein Mann freigegeben, weil unsere Kinder und ich nicht im Haus waren und die Anlage an sich auch völlig ausreichend ist. Schließlich haben wir eine direkte Alarmleitung zur Polizei. Das nächste Revier ist nur wenige Minuten entfernt. Und Johann wollte wirklich Ruhe haben. Es gab so Phasen, dann konnte er es einfach nicht leiden, wenn noch irgendjemand sonst im Haus war. Egal ob Hausangestellter Gärtner oder Sicherheitsleute.“

„Und die außer Kraft gesetzte Alarmanlage hat Sie nicht beunruhigt?“

„Nein. Manchmal trifft sich bei solchen Gelegenheiten kurzfristig mit irgendwem, wenn es sich nicht aufschieben lässt. Oder er hat sich was zu Essen von einem Catering Service bestellt. Dann hat er auch in der Vergangenheit schonmal vergessen, die Alarmanlage hinterher wieder einzuschalten.“

„Das heißt, er muss seinen Mörder gekannt und hereingelassen haben?“, hakte Rudi nach.

Sie nickte. „Eine andere Erklärung hätte ich nicht. Jedenfalls konnte ich nirgends Spuren eines Einbruchs bemerken. Erst als ich das Wohnzimmer betrat...“ Sie schluckte und sprach nicht weiter. Stattdessen schüttelte sie nur stumm den Kopf.

„Eine Frage hätte ich noch. Wie gut kannte Ihr Mann eigentlich Karlheinz Brakowski?“

Sie sah mich etwas irritiert an. „Ich weiß im Moment ehrlich gesagt nicht, wer das sein sollte, Kommissar Kubinke. Der Name kommt mir bekannt vor, aber seit mein Mann angekündigt hat, für den Bundestag zu kandidieren, haben wir beide die Hände von so vielen Leuten geschüttelt, dass ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen kann, ob jemand dabei war, der Brakowski heißt.“

„Es handelt sich um den stellvertretenden Polizeichef von Berlin. Er trägt meistens Uniform und hat ein eher militärisch wirkendes Auftreten, wenn Sie verstehen was ich meine!“

Ihr Gesicht veränderte sich. Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Doch, an den stellvertretenden Polizeichef erinnere ich mich. Der war auf mehreren unserer Gartenfeste. Richtig, der hieß auch Brakowski! Johann hat ihn mir sogar vorgestellt. Er hat uns übrigens von sich aus das Angebot gemacht, eine direkte Alarmleitung zur Polizei einzurichten. Er meinte, dass das unverzichtbar wäre, wenn mein Mann noch bekannter würde!“

„Womit er sicher Recht hatte!“

„Mehr kann ich Ihnen da nicht sagen! Wieso fragen Sie nach ihm?“

„Nur so. Ich danke Ihnen, Frau Feldmann. Wenn ich noch weitere Fragen habe, werde ich mich an Sie wenden.“

Sie hob den Blick und sah mich einen Moment lang mit einem sehr klaren Blick an. „Ich hoffe, Sie finden das Monster, das meinen Mann auf dem Gewissen hat!“

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Bist du verrückt?“, fragte mich Rudi kurz darauf, als wir zusammen mit einem Erkennungsdienst-Kollegen ins Freie gingen. Unser Kollege Kommissar Detlef Richards kam uns entgegen, der erst jetzt auf dem Anwesen der Feldmanns eingetroffen war.

„Warum, weil ich mich nach einem Bekannten des Mordopfers erkundigt habe, Rudi? Das ist doch Routine!“

„Nein, du hast nur im Nebel gestochert, Harry!“

„Rudi, ich weiß noch nicht, was da nicht stimmt, aber es ist doch wohl ziemlich auffällig, dass es da Verbindungen gibt! Vorausgesetzt, es stellt sich heraus, dass auch Johann Feldmann von dem Killer mit der Delle umgebracht wurde, können wir Karlheinz Brakowski ja mal um seine Meinung fragen. Schließlich war er diesem Kerl doch auf den Fersen, wenn ich das richtig sehe!“

Anschließend inspizierte wir zusammen mit dem Kollegen der Abteilung Erkennungsdienst den Bootssteg und die Yachten.

Der Kollege hieß Penderow und kannte sich mit der elektronischen Überwachungstechnik aus. Deswegen interessierte ihn auch weder der Bootssteg noch die daran vertäuten Boote, sondern einzig und allein die Frage, ob dieser Bereich des Grundstücks von den Kameras erfasst werden konnte.

Das war offenbar nicht der Fall – und weitere Absicherungen konnten wir auch nicht finden. „Der alte Fehler“, meinte Penderow.

„Was meinen Sie damit?“, fragte ich.

„Also von vorne und im Klartext“, begann Penderow. „Meine Kollegen und ich haben den Zeitpunkt ausgelesen, wann die Alarmanlage zuletzt abgeschaltet wurde. Das war gestern Abend so um 21.00 Uhr und passt mit dem Lieferzeitpunkt eines Pizza Service überein, der auf einer Quittung vermerkt ist, die wir gefunden haben. Außerdem waren im Abfall die dazugehörigen Verpackungen und eine halbe Pizza, die Herr Feldmann offenbar nicht mehr geschafft hat.“

„Danach hat Feldmann die Anlage nicht wieder eingeschaltet?“

„Nein.“

„Was ist mit den Kameras?“

„Die liefen weiter.“

„Das heißt, wenn noch jemand durch das Tor ins Haus gelangt wäre, dann wäre er gefilmt worden.“

„Wir sind die Aufzeichnungen im Schnelldurchlauf durchgegangen. Da ist niemand gekommen.“

„Und wie bitteschön ist der Täter dann zum Haus gelangt?“

Penderow deutete erst auf den Bootsanleger und machte dann eine ausholende Geste. „Dieser Bereich wird offenbar nicht erfasst. Und sehr wahrscheinlich gilt das auch für einen trichterförmigen Bereich, der sich bis zur Terrasse erstreckt. Das meinte ich damit, als ich sagte, es ist der alte Fehler: Das Haupttor ist gut gesichert, aber kein Mensch hat sich darum gekümmert, wer vielleicht vom See aus hier her gelangen könnte.“

„Aber trotzdem muss der Täter von Feldmann reingelassen worden sein – oder haben Sie und ihre Leute doch noch irgendwelche Spuren eines Einbruchs gefunden?“

Penderow schüttelte den Kopf. „Ich würde folgendes vermuten: Feldmann war im Wohnzimmer. Die Terrasse ist nachts beleuchtet. Der Täter ist über den See gekommen, hat sein Boot angelegt, ist auf die Terrasse gelangt und wurde dort von Feldmann hereingelassen.“

„So was macht man nur bei sehr guten Bekannten!“, stellte Rudi fest. „Leuten, denen man absolut vertraut.“

„Einem Polizisten zum Beispiel“, warf ich ein. Eine Bemerkung, die natürlich auf unseren Disput wegen meiner Frage in Bezug auf Brakowski zielte. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab das, wie ich mit Entsetzen feststellte.

Penderow war jedoch anderer Ansicht. „Kann ja auch sein, dass der Täter eine Waffe auf Herrn Feldmann richtete und ihn dadurch Zwang, die Terrassentür zu öffnen. Schließlich gibt es dort kein Panzerglas und wenn der Unbekannte von draußen einfach geschossen hätte, wäre die Scheiben der Fensterfront kein Hindernis gewesen!“

„Klingt für mich fast nach einer Art konspirativem Treffen, von dem keiner was erfahren sollte!“, meinte jetzt Rudi.

„Die Frage ist, wer wissen konnte, dass man auf diese Weise zum Haus gelangen kann, ohne gefilmt zu werden!“, meinte ich.

„Jemand, der die Anlagen hier gut kannte“, erklärte Penderow.

Rudi sah mich an. „Jetzt sag bitte nicht nochmal 'ein Polizist', Harry!“

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Am nächsten Morgen hatten wir das ballistische Gutachten, nachdem eindeutig feststand, dass auch Johann Feldmann durch den so genannten Killer mit der Delle getötet worden war.

Und noch etwas anderes stellte sich heraus. Offenbar hatte Johann Feldmann seit Jahren große Summen an ein Schweizer  Nummernkonto gezahlt. „Die Zahlungen haben angefangen, kurz nachdem Feldmann in die Politik eingestiegen ist und sie  haben sich im Laufe der Zeit immer weiter erhöht. Allerdings konnte ich feststellen, dass die Gelder von diesem Konto aus weitergeleitet wurden.“

„Dann verraten Sie uns doch bitte, wo sie gelandet sind“, forderte Kriminaldirektor Hoch unseren Spezialisten für Betriebswirtschaft auf.

„Sie landeten als anonyme Spenden auf dem Konto einer Stiftung, die Hinterbliebene von Polizisten unterstützt, die während ihres Dienstes ums Leben kamen. Der Sitz dieser Stiftung ist hier in Berlin.“

„Vielleicht ist das bei Feldmann so eine Art finanzielle Wiedergutmachung!“, meinte Rudi. „Ich meine, während er noch Anwalt für die Mafia war, da war sein Herz für die Polizei ja wohl nicht allzu groß!“

„Fragt sich nur, aus welchem Grund er plötzlich so großzügig war!“, meinte ich. „Wirklich nur, um als Saubermann dazustehen? Dann hätte er doch direkt an diese Stiftung gezahlt. Dieser Umweg über ein anonymes Konto ist doch äußerst merkwürdig.“

„Was ist eigentlich mit Abu-Khalil?“, mischte sich jetzt Stefan in das Gespräch ein. „Hat er sich bereits mit der Staatsanwaltschaft geeinigt?“

„Der windet sich immer noch“, erläuterte Kriminaldirektor Hoch. „Ich glaube, der hat noch nicht begriffen, dass er um einige Jahre Gefängnis einfach nicht herumkommt und eine komplette Immunität einfach illusorisch für ihn ist! Da hat er den Bogen juristisch schlicht und ergreifend überspannt. So viel ist eben nicht drin!“

„Mich interessiert diese Stiftung, Detlef. Was ist das für ein Verein?“, fragte ich. „Von wem wird sie geführt?“

„Oh, ich habe denen auch schon mal was gespendet“, sagte Detlef. „Allerdings haben die sich eher auf Großspender spezialisiert – frei nach dem Motto, dass reiche Leute ruhig etwas mehr für die Hinterbliebenen jener Polizisten tun könnten, die dafür den Kopf hingehalten haben, dass diese Herrschaften ihren Reichtum auch sicher genießen können.“

„Höre ich da einen spöttischen Unterton, Detlef?“, schaltete sich Kriminaldirektor Hoch stirnrunzelnd ein.

„War nicht so gemeint“, sagte Detlef. Er sah nochmal über seine Unterlagen. „Soweit ich das hier überblicken kann, sind das alles recht honorige Persönlichkeiten. Unser stellvertretender Polizeichef von Berlin zum Beispiel ist im Vorstand.“

„Karlheinz Brakowski?“, fuhr ich dazwischen.

„Ja, warum?“

„Herr Brakowski sollte vielleicht mal das eine oder andere erklären, finde ich!“

„Nein, Harry. Gehen Sie nicht den direkten Weg“, widersprach mir Kriminaldirektor Hoch. „Noch nicht...“

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Das stinkt doch zum Himmel, Rudi!“, meinte ich, während wir im Wagen saßen, um uns mit dem Kollegen Gregor Lindeman zu treffen. Lindeman war Brakowskis Vorgesetzter gewesen, als dieser in eine Schießerei verwickelt worden war, bei der Brakowski einen Mann erschossen hatte, der für kurze Zeit als der Killer mit der Delle galt.

Dieses Treffen mit Lindeman war der indirekte Weg, den Kriminaldirektor Hoch vorgeschlagen hatte und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich insgeheim zugeben, dass es vielleicht besser war, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und Brakowski frühzeitig aufzuscheuchen – was immer er auch zu verbergen haben und auf welche Weise er auch genau in diesen Fall verwickelt sein mochte.

„Bei allem Verständnis, Harry, bisher haben wir nichts, was wir Brakowski im juristischen Sinn vorwerfen können.“

„Ich habe das Gefühl, dass wir fast alle Teile dieses Puzzles vor uns auf dem Tisch liegen haben, aber wir haben sie bisher einfach noch nicht richtig zusammengesetzt!“, gab ich zurück.

„Das kommt schon noch, Harry! Und ich hoffe nicht, dass bis dahin noch irgendjemand eine Kugel im Kopf hat!“

„Abu-Khalil weiß bescheid“, legte ich mich fest. „Und was Abu-Khalil weiß, wusste offenbar auch Firat Amri!“

„Ich kann dir nicht ganz folgen, Harry!“

„Sie hatten dieselbe Quelle, Rudi!“

„Und wer sollte das gewesen sein?“

„Amadeo Felmy!“, sagte ich aufs Geratewohl. „Den kannten beide und wir haben nicht das geringste Anzeichen dafür, dass Abu-Khalil und Felmy sich wirklich verkracht hatten.“

„Und das geplante Buch?“, fragte Rudi.

Ich zuckte die Schultern. „Vielleicht musste Abu-Khalil das gar nicht fürchten. Ein paar Anekdoten über die Mafia-Clans, das empfinden manche von denen doch als eine Art Denkmal, vorausgesetzt es ist nichts dabei, wofür man sie noch belangen könnte.“

„Ja, so könnte es gewesen sein. Ich betone aber könnte, Harry.“

„Was ist mit Arthur Malkowski? Könnte der auch an der Sache dran gewesen sein und herausgefunden haben, wer der Killer mit der Delle ist? Vielleicht ist er während der Arbeit an dem Buch über Amadeo Felmy darauf gestoßen. Das Laptop und die Datei sind weg, es muss etwas damit zu tun haben, Rudi!“

„Warten wir mal ab, was Kolleg Lindeman sagt.“

Lindeman erwartete uns in seinem Büro auf seiner Dienstelle.

Er war ein freundlicher älterer Herr mit grauen Haaren und einem etwas zerzausten Schnauzbart.

„Setzen Sie sich. Kriminaldirektor Hoch hat mir schon im Groben gesagt, worum es geht“, sage Lindeman. „Wenn Sie einen Kaffee wollen....“

„Nein danke“, wehrte ich ab.

Lindeman grinste. „Das gehört zu den Vorzügen des Schreibtisch-Jobs, den ich seit einigen Jahren habe. Aber nachdem ich lange Zeit sozusagen in vorderster Front war, habe ich mir das verdient, wie ich finde.“

„Sie waren vor einigen Jahren der Vorgesetzte von Karlheinz Brakowski.“

„Ja, der Junge hat wirklich Karriere gemacht und ist irgendwann auch an mir vorbeigezogen. Aber ich muss ehrlich zugestehen, dass er einfach zu den Besten gehörte. Vor allem hatte er etwas, das mir fehlt. Zumindest in diesem Ausmaß...“ Lindemans Gesicht wirkte nachdenklich. Er stand auf, ging zur Kaffeemaschine, nahm einen Plastikbecher, füllte ihn voll  und nippte daran.

„Was meinen Sie genau damit?“, hakte ich nach.

Lindeman setzte sich wieder. „Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Er war immer erfüllt von einer besonderen Art von...“

„.... Ehrgeiz?“

„Nein, das war mehr. Viel mehr! Ehrgeizig war jeder in unserer Abteilung. Das muss man auch sein. Schließlich ist es gar nicht so leicht, beim Kampf gegen das organisierte Verbrechen, den langem Atem zu behalten. Aber wem sag ich das? Sie können sicher dasselbe Lied singen. Jeder von uns war erfüllt von dem Gedanken, unsere Stadt etwas sicherer zu machen und dafür zu sorgen, dass nicht ein paar starke Kriminelle sich über das Gesetz stellen können, indem sie sich die Fassade von sauberen Geschäftsleuten geben, obwohl  in ihrem Business die Geschäftsbücher in Wahrheit mit Blut geschrieben werden. Aber bei Brakowski war noch so eine fanatische Entschlossenheit dabei, die ihn dazu befähigte, etwas hartnäckiger, etwas härter, noch etwas zielstrebiger zu sein als die anderen. Insofern wundert es mich nicht, dass er es ganz nach oben geschafft hat.“

„Er scheint es besonders auf diesen Killer mit der Delle abgesehen zu haben“, stellte ich fest.

Gregory Lindeman verzog das Gesicht. „Ja, diese eiskalte Bestie läuft wohl immer noch frei herum und mordet für jeden, der dafür genug bezahlt.“

„Aber Brakowski glaubte, diesem Killer auf den Fersen zu sein!“

„Ja, es handelte sich um einen Mann, dessen Identität wir nie wirklich klären konnten. Er lebte unter dem Name Paul Ahlborg in Wilmersdorf. Karlheinz war überzeugt davon, dass er der Killer mit der Delle ist.“

„Wie waren die genauen Umstände dieser Schießerei, die es dann gab?“, fragte ich.

Lindeman lächelte. „Sie haben doch auch Zugang zu den Akten, oder?“

„Da steht nicht viel drin.“

„Es gibt auch nicht viel zu sagen. Brakowski wollte Paul Ahlborg stellen, als der sich mit ein paar Gangstern aus dem Wedding traf.“

„Auftraggebern?“

„Vielleicht. Das Ganze war natürlich Wahnsinn und Karlheinz hat in diesem Fall völlig auf eigene Faust gehandelt. Bevor die Verstärkung eintraf, war alles vorbei. Brakowski war der einzige, der die Schießerei überlebt hatte. Nja, seine Ergebnisse auf dem Schießstand waren immer schon beeindruckend gewesen. Und so, wie ich höre, trifft das immer noch zu!“

„So?“

„Naja, ich treffe manchmal ein paar von den Kollegen, die damals dabei waren. Und die sagen mir, dass Karlheinz Brakowski  immer noch Bestleistungen auf dem Schießstand erbringt, obwohl das in seinem jetzigen Schreibtischjob wohl nicht mehr so wichtig sein dürfte.“

„Nun, es scheint das als eine Art Sport zu begreifen!“

„Ja, vielleicht.“

„Hat Brakowski eigentlich auch mal über die Stränge geschlagen? Gesetze missachtet, Vorschriften einfach zur Seite gewischt...“

Lindeman nickte. „Da gab es ein, zwei Fälle wegen Misshandlungen, die bei Verhaftungen passiert sind – beziehungsweise passiert sein sollen. Es kam nie zu einem Prozess. Ich weiß noch, dass ich ihn mir mal deswegen zur Brust nehmen musste. Da hatte er einem Mann, von dem wir alle wussten, dass er ein stadtbekannter Dealer war, aber dem nie etwas nachgewiesen werden konnte, genug Drogen untergeschoben, um ihn für ein paar Jahre nach Moabit zu bringen. So etwas geht natürlich nicht.“

„Sie haben ihn gedeckt?“

„Sagen wir es so: Ich habe die Sache in Ordnung gebracht. Aber wenn ich daran denke, dann klingeln mir schon die Ohren! Vor allem, wenn ich daran denke, dass Karlheinz andernfalls nie so weit gekommen wäre.“

„Er weiß davon?“

„Nur ich und er. Aber ich würde das nicht ausgraben, um ihm zu schaden.“

„Eine letzte Frage, Herr Lindeman: Hat Brakowskis Jagdeifer in Bezug auf den Killer mit der Delle nach der Schießerei nachgelassen?“

„Allerdings! Das ist mir auch aufgefallen. Er hatte sich geradezu fanatisch in diesen Fall hineingesteigert, aber nach dieser Schießerei hatte er sich völlig verändert. Übrigens hat er unsere Abteilung dann auch wenige Monate später verlassen.“

„Gab es dafür einen Grund?“

Lindeman zuckte die Schultern. „Damals dachte ich, dass ihn die Schießerei vielleicht traumatisiert hatte.“

„Und heute?“

„Ich weiß es nicht, Herr Kubinke. Irgendwie umgab Karlheinz immer ein Geheimnis. Er ließ kaum jemanden an sich herankommen und nach diesem Vorfall war das völlig vorbei. Er hatte auch kaum noch jemanden, der ihm wirklich nahe stand. Seine wenige Freizeit hat er vermutlich allein auf seinem Motorboot verbracht.“

„Karlheinz Brakowski besitzt ein Boot?“, fragte ich.

„Ja. Früher jedenfalls, ob er es jetzt noch benutzt, weiß ich nicht. Ich bin einmal mitgefahren.“

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24

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Wohin fährst du Harry? Das ist die falsche Richtung!“, stellte Rudi fest, als wir wieder im Wagen saßen und ich in Richtung Charlottenburg abbog.

„Nein, das stimmt schon. Ich dachte, wir fahren jetzt doch mal zu Brakowski.“

„Und Herrn Hochs Anweisungen ignorieren?“

„Herr Hoch hat uns mit Gregor Lindeman zusammengebracht. Und das war auch gut so, ich sehe jetzt manches klarer.“

„So?“

„Auf jeden Fall werden wir ihm ein paar Fragen stellen müssen. Rudi, er ist nunmal mit Abstand der größte Experte, was diesen Killer mit der Delle angeht. Niemand kennt ihn so gut wie er...“

„Und woher willst du wissen, wo wir ihn finden?“

„Sein Büro und seine Privatadresse liegen für uns in der selben Richtung, Rudi.“

„Aber der Kerl ist doch sehr rührig. Wir wissen überhaupt nicht, wo der im Augenblick zu finden ist.“

„Wir haben seine Mobilfunknummer und könnten sein Handy orten.“

„Wäre es nicht einfacher, in seinem Büro nachzufragen? Da wird man doch seinen Terminkalender kennen.“

„Ich glaube, es ist besser, wir überraschen ihn.“

In diesem Moment erreichte uns ein Anruf aus dem Präsidium. Es war Kriminaldirektor Hoch.

„Muhammad Abu-Khalil hat sich endlich entschlossen zu reden. Und jetzt halten Sie sich fest!“

Wir hörten Kriminaldirektor Hoch sehr aufmerksam zu.

Anschließend setzte Rudi das Rotlicht auf das Dach des Dienstwagens, und ich schaltete die Sirene ein.

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25

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Karlheinz Brakowski lebte in einer Wohnung in Charlottenburg. Sie befand sich im dritten Stock eines Altbaus. Als wir bei ihm klingelten, meldete er sich über die Sprechanlage.

„Hier sind die Kommissare Kubinke und Meier. Wir hätten Sie gern nochmal gesprochen. Schließlich war es Ihnen doch sehr wichtig, über den Fortgang der Ermittlungen in Kenntnis gesetzt zu werden und es hat sich da jetzt eine dramatische Wende ergeben.“

„Ach, ja? Gut, kommen Sie herein. Ich habe allerdings nicht viel Zeit.“

„Wir auch nicht!“

Als er uns wenig später öffnete, stand er in einem Uniformhemd da, dessen Manschettenknöpfe noch nicht geschlossen waren.

Er führte uns ins Wohnzimmer. „Setzen Sie sich, aber wie gesagt, ich habe nicht viel Zeit. In einer halben Stunde beginnt eine Trauerfeier für einen verdienten Kollegen. Ich bin nur hier, um mir ein frisches Hemd anzuziehen.“

„Starb dieser Kollege durch ein Verbrechen – so wie die, für deren Hinterbliebene sich Ihre Stiftung einsetzt?“, fragte ich.

Er sah mich mit einem Stirnrunzeln an. Erfahrene Ermittler wie Brakowski haben oft einen untrüglichen Instinkt dafür, wenn etwas nicht stimmte. Irgend eine Nuance, die nicht so war, wie sie hätte sein sollen. Und ganz offenbar war Brakowskis Instinkt gerade alarmiert worden.

„Nein – der Kollege starb an einem Herzinfarkt und war seit zehn Jahren pensioniert. Aber das heißt nicht, dass man ihn ohne gebührende Ehrerbietung verscharren sollte, finden Sie nicht auch?“

Die Gereiztheit in seinem Tonfall war unüberhörbar.

Brakowski ging hinter seinen Schreibtisch, der mehr ein Zierstück zu sein schien, als dass er tatsächlich zur Arbeit benutzt wurde. Er blätterte in seinem Terminkalender. Dann stützte er die Hände auf den Tisch und sah uns an.

„Der Killer mit der Delle ist auch für Johann Feldmanns Tod verantwortlich“, eröffnete ich.

„Ich weiß, ich habe mich bei den Ballistikern erkundigt“, gab Brakowski zurück.

„Wussten Sie, dass Feldmann viel für Ihre Stiftung gespendet hat?“

„Feldmann? Der hätte es auch nötig gehabt! Ein ehemaliger Mafia-Anwalt, der jetzt so tut, als wäre er immer schon ein aalglatter Biedermann gewesen und hätte nichts anderes im Sinn gehabt, als dem Allgemeinwohl zu dienen!“

„Seltsam, dass Feldmann diese Summen über ein Schweizer Bankkonto gelenkt hat. Und noch seltsamer, dass dieses Schweizer Bankkonto gar nicht in seiner Verfügungsgewalt zu sein schien.“

„Wie wollen Sie das bei einem Nummernkonto so genau wissen, Kommissar Kubinke?“

„Unser Kollege Detlef hat da schon so seine Methoden. Zum Beispiel habe wir keine Kontoauszüge gefunden. Um es kurz zu machen: Wir nehmen an, dass Feldmann erpresst wurde und die Gelder nicht freiwillig gezahlt hat. Der Erpresser hat sie dann an ihre Stiftung weitergeleitet!“

„Was wollen Sie eigentlich?“

„Ich nehme an, dass jemand wie Sie einiges über Feldmann weiß, was ihm hätte schaden können. Das müssen ja nicht unbedingt juristisch verwertbare Fakten sein. Es reicht doch schon, wenn man ihn auf einem Video, das bei einer Razzia oder einer verdeckten Ermittlung zur Beweissicherung angefertigt wurde, in Gesellschaft von Prostituierten und Drogendealern sieht. Wenn das über die Kabelkanäle geflimmert wäre, dann hätte Feldmann seine politische Karriere wohl ziemlich bald vergessen können.“

„Das sind doch alles alte Geschichten, die waren doch bekannt. Der politische Gegner hätte die ausgraben können!“

„Herr Brakowski, ich weiß nicht genau, womit Sie Feldmann erpresst haben. Aber es steht für mich fest, dass Sie das taten. Sie fuhren mit Ihrem Boot zu Feldmanns Haus am See. Dort waren Sie ja immer wieder mal zu Gast gewesen. Sie gingen zur Terrasse, wussten genau, dass die Kameras Sie auf dem Weg vom Steg dorthin nicht aufnehmen konnten und Feldmann hat Ihnen die Terrassentür geöffnet. Anschließend haben Sie ihn erschossen.“

„Habe ich da etwas nicht mitbekommen, Herr Kubinke? Ich dachte, ich soll Feldmann erpresst haben. Wieso hätte ich ihn dann erschießen sollen?“

„Sagen Sie es uns. Vielleicht hat er den Spieß umgedreht und durch seine Mafia-Kontakte erfahren, wo Ihr dunkler Fleck ist, Herr Brakowski. Muhammad Abu-Khalil wusste davon und hat es offenbar auch weitererzählt. Inzwischen war er so klug zu erkennen, dass dieses Geheimnis ein schnelles Verfallsdatum haben könnte und sich entschlossen umfassend auszusagen.“

„Ach ja, was soll das denn bitteschön für ein Geheimnis sein? Langsam reicht mir diese Märchenstunde, die Sie da abhalten, Herr Kubinke! Ich habe keine Zeit dafür.“

„Seltsam, Sie waren sonst doch immer so interessiert daran, genau zu wissen, wie weit wir mit unseren Ermittlungen waren.“

„Herr Brakowski, Sie sind wegen mehrfachen Mordes verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie darauf verzichten...“, erklärte Rudi nun.

Brakowski zuckte vor, zog die Schublade seines Schreibtischs auf und riss eine Waffe hervor. Rudi und ich erstarrten. „Ich bin ein sehr guter Schütze“, sagte er dann.

„Das haben wir schon von anderen gehört, Brakowski“, erwiderte ich. „Sie sind der Killer mit der Delle. Abu-Khalil sagt, dass Sie damals nach der Schießerei die Waffe dieses Killers ausgetauscht hätten.“

„So? Abu-Khalil halten Sie in dem Punkt wirklich für eine zuverlässige Quelle?“

„Er weiß es von einem Schnüffler namens Amadeo Felmy, der für ihn gearbeitet hat. Der wollte zusammen mit Arthur Malkowski ein Buch über seine wilde Zeit schreiben und dieser Malkowski wusste das von dem Mitarbeiter in der Aservatenkammer, der Ihnen geholfen hat, die Waffen auszutauschen, bevor die ballistischen Tests durchgeführt werden konnten! Davon abgesehen kannte Abu-Khalil den echten Killer mit der Delle. Er hat ihn einige Mal beauftragt, wie wir vermuten. Er dürfte geahnt haben, dass da etwas faul ist. Spätestens als Talabani umgebracht wurde und man Abu-Khalil dafür verdächtigte!“

„Ja, Talabani...“, murmelte Brakowski. „Es ist eine Schande, dass man diesem Verbrecher so billig davonkommen lassen wollte!”

„Aber Sie haben dafür gesorgt, dass das nicht geschehen konnte.“

„Für manche Bestien ist unser Rechtssystem einfach zu human!“, erwiderte Brakowski und man sah ihm den ganzen Hass an, den er dabei empfand. „Diejenigen, die ich getötet habe, waren selber Mörder und Verbrecher! Ich habe sie zur Rechenschaft gezogen, weil es sonst niemand getan hätte! Jedenfalls nicht so, wie ich mir Gerechtigkeit vorstelle!“

„Feldmann haben Sie zuerst nur finanziell bluten lassen. Warum der Wandel? Warum musste er sterben?“

„Der Gedanke, dass so ein Mensch ein öffentliches Amt antreten könnte und als Vertreter des Volkes in den Bundestag  einzieht, war mir unerträglich. Ich habe ihm gesagt, er soll seine Kandidatur zurückziehen, aber da hat er nur gelacht... Er hätte gegen mich genau so viel in der Hand wie ich gegen ihn.“

„Und Malkowski? Warum musste der sterben? Der hat nie im Dienst irgendeines Verbrechers gestanden. Das war nur ein Reporter, der seinen Job gemacht hat!“, mischte sich Rudi ein. „Gehört das auch zu Ihrer Art der Gerechtigkeit?“

„Er hat seinen Job einfach nur zu gut gemacht und klebte seit der Schießerei damals an meinen Fersen...“

„Und als Sie davon hörten, dass er ausgerechnet zusammen mit Abu-Khalils Schnüffler Amadeo Felmy ein Enthüllungsbuch herausbringen wollte, da sind bei Ihnen die Sicherungen durchgegangen.“

„Nein, auch das war Gerechtigkeit, Kubinke. Denn Leute wie Arthur Malkowski sind es, die unsere Arbeit immer wieder erschweren. Sie prangern jede Verfehlung unserer Männer und Frauen in Uniform großartig an und machen einen Skandal daraus, aber sie sehen nicht, was Sie damit bewirken! Gleichzeitig werden drogensüchtige Pop-Stars und prügelnde Rapper von ihnen zu Helden hochgeschrieben! Ich wundere mich, dass Sie das nie erkannt haben wollen, Kubinke! Das ist Krieg und man steht entweder auf der einen oder auf der anderen Seite! Und Leute wie Malkowski sind nunmal Feinde... Sie sollten das verstehen!“

„Und Sie sollten versuchen, ein Gericht von Ihrem Standpunkt zu überzeugen – nicht mich!“

„So?“

„Also ich verstehe nur, dass ich mit Ihrer Art von Gerechtigkeit nichts zu tun haben will, Brakowski! Und jetzt legen Sie die Waffe weg. Sie haben keine Chance, da rauszukommen!“

Er hob die Waffe und richtete sie direkt auf meinen Kopf. „Sind Sie verkabelt, Kubinke?“

„Nein, leider nicht.“

„Sie enttäuschen mich! Eigentlich dachte ich, dass auf diese Weise mein Standpunkt für die Nachwelt erhalten bleibt. Denn ich bin überzeugt, dass viele mir zustimmen werden und meinen Durst nach Gerechtigkeit teilen!“

Die letzten Worte von Karlheinz Brakowski ließen mich das Schlimmste befürchten. Jemand, der so konsequent einem mörderischen Ideal folgte, dem war es womöglich auch vollkommen gleichgültig, welche Konsequenzen das für ihn persönlich haben konnte. Und nach allem, was wir über ihn erfahren hatten, war der Einsatz seines eigenen Lebens immer schon Bestandteil seines einsamen Kampfes gewesen.

Ich überlegte, zur Waffe zu greifen, aber Brakowski hatte in jedem Fall schneller abgedrückt und getroffen, als ich.

„Ihr Versäumnis eröffnet mir eine andere Möglichkeit“, sagte Brakowski schließlich. Er griff in die Schublade, ohne den Blick zu senken und hatte im nächsten Moment einen Schalldämpfer in der Hand. „Der Killer mit der Delle wird zwei BKA-Kommissare auf dem Gewissen haben. Und später wird man mich in seinem Motorboot finden – ebenfalls von derselben Waffe niedergestreckt, die man auf dem Grund des Sees ebenso wenig finden wird wie Arthur Malkowskis Notebook.“

„Machen Sie keine Dummheiten, Brakowski!“, sagte Rudi.

„Gut möglich, dass danach noch so mancher Berliner Bulle den Killer weiter jagen wird, weil er nicht daran glaubt, dass ein Mann wie ich sich über die Gesetze hinwegsetzen würde – selbst wenn es im Dienst der Gerechtigkeit ist!“, fuhr Brakowski fort. Ein bitteres Lächeln stand jetzt auf seinem Gesicht. Ich zweifelte nicht daran, dass er zu allem entschlossen war.

„Sie haben keine Chance. Unsere Leute sind längst unterwegs...“, begann ich und warf einen Blick zu Rudi hinüber.

„Dann werde ich mich beeilen müssen“, erklärte Brakowski.

Er setzte den Schalldämpfer auf die Waffe.

Diesen Moment nutzten wir.

Rudi und ich zogen im selben Moment unsere Waffen. Brakowski riss den Lauf seiner Pistole hoch, aber bevor er schießen konnte, traf ihn eine Kugel in der Schulter und er taumelte zurück gegen die Wand. Als er dann schoss, ging das Projektil ungezielt in die Decke.

Sein Arm gehorchte ihm nicht mehr richtig. Er zitterte. Er  versuchte noch einmal die Waffe hochzureißen, aber bevor er es schaffte, war ich bei ihm. Ich bog die Hand mit der Waffe zur Seite und entwand sie ihm. Rudi hielt derweil den Lauf seiner Waffe auf Brakowskis Kopf gerichtet.

„Na los, Kommissar Meier! Worauf warten Sie!“, ächzte er.

Aber Rudi schüttelte den Kopf. „Das wäre Ihr Stil – aber nicht der unsere!“, stellte er klar.

Rudi atmete tief durch.

Und ich auch.

ENDE

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MATUS RACHE

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von Horst Bieber

Herbert Matuschewski (Matu) beschließt, drei Freunden finanziell zu helfen. Sie sollen gegen Honorar Schmiere stehen, während er den Tresor in der Villa des Juweliers Fleisser ausräumt. So geschieht es. Doch am nächsten Tag findet die Haushälterin ihren Chef Fleisser ermordet in seinem Arbeitszimmer. Drei Tage später behauptet ein anonymer Briefschreiber, Matu sei an dem Abend bei Fleisser eingebrochen. Matu fährt wegen des Einbruchs ein und nimmt sich vor, nach seiner Entlassung den Anonymus zu finden und sich an ihm zu rächen. Und was Matu beginnt, bringt er auch zu Ende, auch wenn es dabei Tote gibt.

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Personen

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Herbert Matuschewski: allgemein nur Matu genannt, vorbestrafter Einbrecher und Schränker, gelernter Feinmechaniker, heute Verkaufsberater im Baumarkt Schödel am Tellheimer Zentrumsplatz

Annegret Fuhrmann: Matus ledige Kollegin im Baumarkt

Lena Fuhrmann: Annegrets Tochter, besucht die Textilfachschule

(Jo)Hannes Schorbach: Immobilienmakler und Anlageberater

Sina Kerff : Schorbachs Freundin, Geschäftsführerin im Club Royal am Breedener See

Anton Winkler: Kleiner Geschäftsmann mit großen Finanzsorgen

Elvira Winkler: arbeitet in der Nachtbar Orchidee.

Konrad Ellwanger: zockender, verschuldeter Maler und Fliesenleger

Frieda Ellwanger: Konrads Ehefrau, spielt Lotto

Die drei Männer treffen sich sonntags mit Matu zum Boccia-Spielen im Reschenpark und zum Frühschoppen in der Parkklause.

Martin Fleisser: Goldschmied und Juwelier. Sein privater Tresor im Mauerweg 19 wird ausgeräumt

Greta Lissen: Fleissers Haushälterin, hat Nebenverdienste und redet zu viel

Lydia Fleisser: Fleissers Nichte, tut nicht gut

Dr. Thomas Holk: Matus Rechtsanwalt und Verteidiger

Jule Springer: Kriminalhauptkommissarin

Ellen König: Kriminaloberkommissarin

Sigrid Bauer: Kriminalkommissarin

Die drei Frauen bilden das Referat 11, die früher so genannte Mordkommission, sie laufen im Tellheimer Präsidium unter dem Spitznamen das Schwarz-Weiß- oder Schach-Team.

Detlev Külz: Unterweltgröße, zu Recht der dreckige Detel genannt

„Buffalo Bill“: Spitzname für einen Hehler, der Opfer einer Sprengstoff-Falle wird.

––––––––

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ALLE NAME UND TATEN, Geschäfte und Lokale sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch die Stadt Tellheim existiert nur in der Fantasie des Autors.

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Erstes Kapitel

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Wann immer es das Wetter erlaubte, trafen sich die vier Männer sonntags gegen zehn Uhr im Reschenpark zum Boccia. Das Kugelspiel war ein geeigneter Vorwand, nach dem Spiel oder bei Nieseln, Wind und Kühle statt der Spielanlage die Reschenparkklause zu besuchen und sich in aller Ruhe einen Frühschoppen zu genehmigen. Alle vier tranken nicht viel und brachen meist nach zwei Runden auf. Vor Jahren hatten sie sich durch Zufall an der Boccia-Bahn getroffen und sich von einem älteren Mann überreden lassen, es doch einmal zu versuchen. Zu ihrem Erstaunen fanden die vier sehr unterschiedlichen Männer Gefallen an dem Spiel und verabredeten sich für den nächsten Sonntag. Daraus erwuchs eine mit Bier haltbar gemachte Freundschaft.

Herbert Matuschewski, von den anderen nur Matu genannt, gab den Ton an. Er hatte das gar nicht gewollt, es hatte sich so ergeben, und keiner der drei versuchte, ihm heute diese Position streitig zu machen. Matu war Mitte vierzig, ein gut aussehender sportlich-kräftiger Mann, nicht verheiratet, aber beileibe kein Frauenfeind. Er arbeitete als Verkaufsberater im Baumarkt Schödel am Zentrumsplatz, Abteilung Sicherheit, und verdiente ordentlich. Dass er wegen Einbruchs einmal zweieinhalb Jahre gesessen hatte, wusste keiner, und Matu achtete darauf, dass es auch keiner erfuhr, weder sein Boccia-Quartett noch seine schnell wechselnden Freundinnen, die er meistens im Baumarkt kennenlernte. Matu hatte Glück bei den Frauen und war geschickt und klug genug, sich immer ohne Zank oder wütende Verstimmung von ihnen zu trennen. Mit einer von ihnen, Amelie, blieb er auch nach der Trennung von Tisch und Bett so gut befreundet, dass er ihr von dem Erlös seiner Brüche seinen "Notgroschen" anvertraute, um für den Fall der Fälle nicht ganz ohne Geld zu sein. Matu hatte es nicht mehr nötig einzubrechen, aber er liebte den Kitzel, dem er drei- der viermal im Jahr nachgab, seit der ersten Verurteilung immer sehr vorsichtig und nur nach gründlicher Vorbereitung mit minimalen Risiko.

Seine vorletzte Beziehung, Milva, die ein paar Jahre in Frankreich gelebt hatte, nannte ihn einen "Bel Ami" - nicht schön, doch charmant, nicht klug, doch galant - "Du hast Glück bei den Frau'n." Zum Abschied schenkte sie ihm den Maupassant-Roman; er revanchierte sich mit einem Rubinring, der aus einem lohnenden Einbruch stammte, was Milva nie erfuhr. Amelie hätte er es gestanden, aber sie hätten den Ring dann nicht mehr ange-nommen.

Auch das verheimlicht Matu vor seinen Boccia-Freunden.

In puncto Erfolg beim anderen Geschlecht kam ihm Johannes, "Hannes" Schorbach am nächsten. Hannes, Anfang vierzig, von Beruf Makler und Anlageberater, war auch ledig, lebte aber seit Jahren mit einer auffallenden hellbrünetten Schönen in einer festen Beziehung. Sina Kerff war Geschäftsführerin im Club Royal am Breedener See, sprach neben Englisch und Französisch fließend Russisch und Ungarisch und half ihrem Freund Hannes, an neureiche Oligarchen und Parvenüs aus Russland und den Balkanländern gegen hohe Provision Immobilien, Beteiligungen, Anlagen und Anleihen zu verscherbeln. Matu vermutete nach Andeutungen, dass sie bei besonders schwierigen und zögerlichen Interessenten auch mal gratis eine horizontalen Zugabe lieferte, teils geschäftlich veranlasst, teils aus Gefühlsgründen, was der ins Geld verliebte, ziemlich skrupellose Hannes wusste und akzeptierte, woraufhin sie ihm seine zahlreichen Seitensprünge nicht verargte.

Was Sina partout nicht verstand, war seine Freundschaft mit den drei Sonntags-Bocciaspielern in einem öffentlichen Park. Sina mochte keine Menschen, die auf den Euro sehen und feste Dienstzeiten einhalten mussten.

Anton Winkler, Mitte dreißig, betrieb einen kleinen Laden für elektronische Bau- und Einzelteile am Looserkamp. Das Geschäft lief schlecht, woraus er kein Geheimnis machte. Gegen den Internethandel und die Großen im Gewerbe hatte er auf Dauer keine Chance. Er war kinderlos verheiratet und seine Frau Elvira, Ende zwanzig, blond, kurvenreich und sexy, arbeitete als Schönheitstänzerin, Barfrau und Oben-Ohne-Bedienung in der Orchidee und ging auch schon einmal mit Stammkunden in eines der Apartments, die über der Nachtbar lagen. Anton litt unter diesen Verhältnissen, hatte aber nicht den Mut oder die Kraft, sie zu ändern und bemühte sich, das alles vor seinen Freunden geheim zu halten.

Konrad Ellwanger, Anfang fünfzig, war Maler und Fliesenleger in der Firma Gebrüder Schustereit, die seit Jahren an der Insolvenzgrenze herumkrebste. Sollte sie schließen, würde es für Konrad Ellwanger eng werden. Der schlug sich schon mit allerlei berufsbedingten Zipperlein herum, Rücken- und Knieproblemen, chronische Bronchitis, dazu beginnende Arthrose in den Handgelenken. Sein "einziger Trost", wie er immer sagte, war es, dass seine beiden Kinder das Haus schon verlassen hatten. Moni(ka) Ellwanger arbeitete als Kindergärtnerin in der Kita der Moritzkirchengemeinde und würde wohl bald heiraten. Franz fuhr zur See und kam nur selten nach Tellheim auf Besuch.

Mutter Frieda, gelernte Friseuse, arbeitete nicht mehr regelmäßig, sondern frisierte in Privatwohnungen Bräute vor der Trauung und junge Damen, die sich verloben wollten und den Schwiegereltern vorgestellt werden sollten. Außerdem spielte sie Lotto, worüber sich Konrad bei jeder Gelegenheit lustig machte. Er zockte lieber regelmäßig und genauso regelmäßig ohne Erfolg. Unter seinen Schulden würde er bald ersticken. Üppig ging es bei keinem der vier Spieler zu, am besten schnitten noch Hannes Schorbach und Matu ab. Alle vier wohnten in Straßen nicht weit vom Reschenpark, hier waren die Mieten noch erschwinglich und der Autoverkehr erträglich.

Schorbach hatte angefangen, im Stadtteil Fünfkirchen ein Haus zu bauen, war aber nach einer gigantischen Fehlspekulation in Geldnöte geraten und hatte Grundstück und Fundament verkaufen müssen.

Nach der ersten Runde begann es zu nieseln, und Matu schlug vor, was man von ihm erwartete: "Ich denke, wir brechen ab und genehmigen uns etwas innere Feuchtigkeit."

In der Klause hatten sie eine Art Stammecke, möglichst weit weg vom Tresen und den anderen Gästen. Vier Biere rollten ohne Bestellung an. Nachdem der erste Durst gelöscht war, sagte Winkler leise: "Ich muss Euch was gestehen."

"???"

"Ich bin so absolut pleite, dass ich Euch bitten muss, mir mit ein paar Euros auszuhelfen."

"Was ist passiert, Anton?"

"Ich kann meine Stromrechnung nicht mehr bezahlen und diese Kerle drohen, mir die Leitung abzuklemmen."

"Diese Schweine!" - "Das sieh denen ähnlich. Für sich große Dienstwagen und Boni zum Jahresende, der kleine Mann zahlt es ja."

Den wahren Grund seiner plötzlichen Finanznot verschwieg Winkler. Elvira und er hatten fest damit gerechnet, dass am Samstag wieder Martin der Fummler in der Orchidee erscheinen und mit Elvira in ein Apartment gehen würde. Seine sexuellen Wünsche waren etwas ungewöhnlich, brachten aber in der Regel zwei Hunderter ein. Doch gestern war Martin nicht erschienen und spätestens am Montag musste Winkler die Strom-Rechnung bezahlen.

"Ich brauche unbedingt einen Nebenjob, damit Geld in die Kasse kommt", sagte Winkler kläglich. "Wenn's sein muss, laufe ich auf einem Hochseil ohne Netz quer über den Marktplatz."

"Und ich springe ohne Fallschirm vom Turm der Moritzkirche", schloss sich Ellwanger an.

"Bringt das was?", spottete Matu.

"Auf dem Hof gibt's ein kleines Planschbecken für die Kinder. Das darf ich nicht verfehlen."

"Und Moni muss vorher die Kinder heraus scheuchen."

"Wäre empfehlenswert, ja."

"Und was ist mit dir, Hannes, keine Geldsorgen?"

"Doch, doch, leider auch. Aber bei mir müsste es sich wirklich lohnen."

"Zum Beispiel?"

"Ein Einbruch in ein Juweliergeschäft. Oder eine Bank."

Matu horchte auf: "Hast du denn einen ordentlichen Hehler an der Hand? Ein Bruch, ohne geschnappt zu werden, ist eine Sache, die Sore günstig zu verkaufen und dabei nicht reingelegt zu werden, eine ganz andere."

"Ne", sagte Schorbach bekümmert, "einen Hehler habe ich nicht an der Hand."

Matu hatte seit langem einen, sogar einen zuverlässigen, aber das musste er den Grünlingen ja nicht auf die Nase binden. Aber offenbar waren alle bereit, etwas zu riskieren, um schnell an Geld zu kommen. Das sollte er sich überlegen. Nach der zweiten Runde brachen sie auf. Bei dreien wartete eine Frau mit dem Essen auf sie, Matu musste sich seine Rühreier mit Schnittlauch und Schinkenwürfeln selbst zubereiten, er war ein passabler Hobbykoch. Während er die Rühreier in sich hineinschaufelte, beschloss er, erst noch etwas zu recherchieren, bevor er sich entschied.

Matu hatte Greta Lissen vor einigen Wochen im Baumarkt kennengelernt. Sie kaufte mehrere Zahlenschlösser ein und ließ sich von ihm zeigen, wie man die Öffnungsziffern verändern konnte. Dabei fiel ihm auf, dass sie sich während der Demonstration unnötig dicht an ihn herandrängte. Er hatte nichts dagegen einzuwenden, sie war hübsch, schlank, gut gerundet und roch angenehm frisch nach einem blumigen Parfüm. Als er ihr ein Rendezvous vorschlug, stimmte sie sofort zu, meinte aber, sie könne nur mittwochs, an ihrem freien Nachmittag und Abend.

"Schade, das ist ja noch eine Ewigkeit hin", bedauerte er.

"Oder wir treffen uns sofort, jetzt gleich. Mein Chef ist ausnahmsweise zu Hause."

"Zu Hause? Ihr Chef?"

Greta war, wie sich herausstellte, eine Hausangestellte und hatte eine eigene kleine Wohnung in der Villa ihres Arbeitgebers, der heute wegen eines dicken Schnupfens nicht in sein Geschäft gefahren war. "Frei habe ich nur am Mittwochnachmittag und die Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag."

"Und die verbringt eine so attraktive Frau wie Sie doch bestimmt bei einem festen Freund", schmeichelt er.

Sie schnitt eine Grimasse: "Normalerweise ja, aber der Kerl denkt, er hat mich fest an der Leine und zieht und benimmt sich wie ein schlecht erzogener Ehemann, statt sich um mich zu bemühen. Deswegen habe ich eine längere Beziehungspause eingelegt."

Matu achtete in der Regel darauf, weder Ehemännern noch Freunden in die Quere zu kommen, aber hier war die Aufforderung zu deutlich. "In einer halben Stunde habe ich frei. Treffen wir uns vor dem Haupteingang?"

Schon auf der Fahrt in die Renzelstraße zog sie ihren weiten Rock sehr weit hoch. "Gefallen dir meine Beine", wollte sie wissen. Erstens gefielen sie ihm und zweitens hätte er in dieser Situation wohl kaum "Nein" sagen können. Vorsichtshalber fügte er aber noch an: "Auch alles andere, was daran hängt und darauf läuft." Zum Dank dafür fielen, sobald seine Wohnungstür geschlossen war, alle Hüllen. Es wurde ein wilder, lusterfüllter Abend und wäre wohl eine noch aufregendere Nacht geworden, wenn nicht kurz vor einem Höhepunkt ihr Handy gebimmelt hätte. Wer am Telefon war, musste er erraten, aber sie sagte mehrfach: "Tut mir leid, Chef, ich bin aufgehalten worden, ja, ja, Chef, ich nehme mir gleich ein Taxi und komme sofort."

"Mist", murmelten sie beide gleichzeitig.

Sie legte ihm einen Zettel mit ihrer Handynummer auf den Tisch, sprang in ihre Klamotten und verschwand blitzartig. Der Duft ihre Parfüms hing noch lange in der Luft. In der Rotweinflasche war noch ein großer Schluck zurückgeblieben, den Matu nicht umkommen ließ.

Am nächsten Mittwoch rief er vor seinem Dienstschluss Greta auf dem Handy an. Sie jubelte: "Das ist ja toll! Hast du Lust, zu mir zu kommen. Der Chef kommt erst gegen Mitternacht nach Hause, der hat mittwochs seinen Zunftabend, was immer feucht und spät wird."

"Und wo wohnst du?"

"Mauerweg 19 in Breeden."

"Donnerwetter, das ist doch direkt am Schloss, nicht wahr?"

"Ja und nein, direkt an der Mauer um das Schlossgelände."

An der Haustür staunte Matu noch einmal, als er das Klingelschild las: Martin Fleisser.

"Der Juwelier?", fragte er ungläubig.

Sie nickte nur.

Matu hatte einmal überlegt, das Hauptgeschäft Fleissers in der Langenfelder Allee zu "besuchen", den Plan aber aufgegeben, weil die Sicherheitsvorkehrungen zu massiv waren und er wenig später bei einem vergleichsweise harmlosen Bruch festgenommen wurde, was dann zu seiner ersten und bis jetzt einzigen Haftstrafe führte, von den mehrfachen Wochenendarresten als Jugendlicher zu schweigen. Seine Minusliste bei Polizei und Jugendamt wuchs. Im Knast begegnete ihm dann ein spindeldürrer "Arbeitskollege", Ottokar das Brecheisen, der erzählte, es gebe das Gerücht in ihrer Branche, Fleisser sei ein Hehler in großem Stil, was stimmen konnte, aber nicht zutreffen musste. Im Knast wurde viel erzählt. Als Matu nach der Entlassung aus der Haft seinen Stammabnehmer traf, fragte er, was an dem Gerücht dran sein konnte. Buffalo winkte ab. Fleisser sei bei keinem beliebt, aber bewiesen wäre noch keine dieser Behauptungen.

Greta verschleppte ihn in ihrer kleinen Wohnung sofort in das Schlafzimmer an. Er konnte seine Hosen nicht schnell genug fallen lassen. Hinterher steuerte er vorsichtig seine Interessen an. So ein riesiges Haus für eine Person, das sei doch die reine Verschwendung.

Sie widersprach nicht, sondern bot ihm an, eine "Schlossführung" zu machen. Jetzt lehnte er nicht ab, auch nicht, als sie erklärte, sie laufe gerne nackt durch das Haus, wenn Fleisser nicht da sei. "Und was passiert, wenn er unerwartet nach Hause kommt und dich dann nackt herumturnen sieht?"

"Dann würde er sich direkt über mich hermachen. Für sein Alter ist der Kerl noch erstaunlich geil und verdammt fit." Matu fragte nicht, woher sie das wisse.

"Was dir nicht gefallen würde?"

"Kommt darauf an, womit er es später wieder gutmachen will."

Eine so ehrliche, ungeschminkte Antwort hätte Matu nicht erwartet.

Die Hausführung ließ Fleissers Arbeitszimmer nicht aus, und Matu merkte sich das Fabrikat und den Typ des Tresors und erfüllte ihren Wunsch, als sie sich auf den Schreibtisch legte und die Beine spreizte. Er war kein Psychologe, aber selbst ihm wurde klar, dass zwischen Greta Lissen und Martin Fleisser etwas geschehen war, das sie nicht erklären wollte, was aber weiter schwelte. Ihre Behauptung, es handele sich um ein ganz normales Arbeitsverhältnis zwischen ihnen und sonst gar nichts, hatte Matu ohnehin nicht geglaubt. Aber da er für Greta keinerlei Gefühle aufbrachte, interessierte ihn die Wahrheit auch nicht. Sie bummste gerne und gut und wenn es ihr Spaß machte, vor Matu nackt durch das Haus zu laufen und mit dem wirklich hübschen Po zu wackeln, wollte er sie daran nicht hindern.

Als sie duschte, nahm er ihr Handy und notierte sich die Nummern, die sie in letzter Zeit häufiger angerufen hatte.

Buffalo meinte, wegen alter Tresore und Panzerschränke sollte er sich am besten mit Ottokar, dem Brecheisen, in Verbindung setzen, der in wenigen Tagen entlassen würde. Buffalo stellte eine Verbindung her, Matu traf sich mit dem Hageren und bezahlte ihn großzügig für zwei Lehrstunden "Wie öffne ich einen Schlözer & Tessmann aus den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert, Typ Kyffhäuser?" Ottokar würde ihm auch das nötigen Werkzeug leihen, vielleicht sogar verkaufen. Ihm drohte bei der nächsten Verurteilung Sicherungsverwahrung, und einem lebenslangen Knast fühlte sich das Brecheisen nicht mehr gewachsen. Matu verstaute alles in seinem Keller und legte den "Fall Fleisser" sozusagen vorerst einmal zur Seite, dachte erst wieder daran, als das Boccia-Quartett massiv über akute Geldsorgen zu klagen begann.

"Ich hätte vielleicht etwas", begann er am nächsten Sonntag in der Klause. "Allerdings kann es hinter Gittern enden und ihr müsstet euch mit einem Festhonorar zufrieden geben. Ich weiß nämlich nicht, was sich in der Villa befindet, und habe schon hohe Kosten für die Vorbereitung gehabt."

"Was könntest du uns denn bieten?", erkundigte sich Winkler.

"Zweitausend für jeden, gleich nach dem Job bar auf die Kralle."

"Und was müssten wir dafür tun?"

"Mit Funkgeräten Schmiere stehen und mich unter Umständen warnen, wenn da jemand in die Villa will."

"Du willst also einbrechen?", fragte Schorbach verwundert. "Das hätte ich von dir nicht geglaubt."

Matus harmlose Art und sein offenes Gesicht waren wichtige Bestandteile seines Nebenjobs. Einbrechen um des Geldes willen musste er nicht mehr, aber er liebte den Kitzel und die Gefahr, bereitete allerdings alle Brüche sehr umsichtig vor.

"In der Not frisst der Teufel Fliegen und für Freunde tut man doch auch vieles."

"Wann und wo?"

"Ich zeige euch am nächsten Mittwoch um 21 Uhr, welche Villa ich mir ausgesucht habe."

Eigentlich war es Leichtsinn; er hatte es nicht mehr gewagt, Greta anzurufen oder die Villa gründlich auszubaldowern. Greta kannte ihn und er wollte nicht riskieren, dass sie ihn zufällig sah, wenn er durch den Mauerweg stromerte. Buffalo hatte drei passende Funkgeräte auf Lager, half ihm sogar, sie umzubauen und versprach, in der übernächsten Woche am Mittwoch Werkzeug, Beute und alle Geräte zu übernehmen. Buffalo handelte nicht selbstlos, er würde einen netten Preis für seine Hilfe fordern und sich an Teilen der Beute schadlos halten. Sein Lieblingsspruch lautete: "Auch Hehler wollen leben und nicht nur trocken Brot essen." Das Brot verdiente er mit seinem riesigen Second-Hand-Store, und Leute wie Matu sorgten dafür, dass auch einmal Butter und Aufschnitt oder Käse auf die Scheiben kamen.

Am nächsten Sonntag waren alle gespannt, allein Schorbach murrte: "Nur zwei Riesen für das Risiko?"

"Welches Risiko?"

"Schließlich leisten wir Beihilfe."

"Wer will euch das nachweisen, wenn ihr den Mund haltet. Ihr spaziert abends in der Nähe des Schlossparks herum, wie viele andere harmlose Tellheimer auch."

Alle, auch Schorbach, trafen am Mittwoch pünktlich um 21 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Eingang zum Schlosspark ein, und Matu verteilte die Funkgeräte. "So, jeder muss so einen Knopfhörer im Ohr tragen. Die Geräte sind so programmiert, dass jeder jeden immer hört. Wenn einer Alarm geben will, drückt er diesen roten Knopf. Dann spricht er alleine, alle anderen Sender sind stumm geschaltet. Wenn ich durchgebe "Aktion beendet", kommt ihr zu meinem Auto auf dem Parkplatz zurück. Ich übernehme die Funkgeräte und gebe euch das Honorar. Alles klar?"

Fleissers Villa im Mauerweg 19 konnte auf vier Wegen erreicht werden, über die Grabengasse, die Haraldstraße und über Am Breedenbusch. Bis zum Mauerweg lief man vom Eingang des Parkplatzes knapp zehn Minuten, und unterwegs erprobten sie die Geräte.

"Achtung, scharfe weibliche Mine auf Kollisionskurs", alberte Winkler.

"Ausweichmanöver nach backbord", befahl Ellwanger.

"Gefahr vorbei", schloss Schorbach ab. "Treibmine von männlichem Räumer aufgenommen."

Für die drei Kumpel fanden sich Positionen, von denen aus sie "ihre" Zufahrt zum Mauerweg mühelos beobachten konnten.

An Sonntag waren alle Feuer und Flamme, auch Schorbach, was Matu etwas verwunderte. Aber allen war inzwischen wohl aufgegangen, dass sie für einen kurzen, mühe- und risikolosen Job viel Geld verdienen konnten. Am Mittwoch holte Matu vor der Fahrt in seinen Baumarkt die bestellten Geräte bei Ottokar dem Brecheisen und Buffalo ab: "Danke, Bill, dann bis heute Abend auf dem Parkplatz vor dem Schlosspark. Du kennst ja meinen Wagen, ich denke, du solltest in einigem Abstand parken."

Das verstand Buffalo ohne nachzufragen. Je weniger Leute ihn kannten und von seiner Bekanntschaft mit Matu wussten, desto besser für ihn und Matu, und Buffalo, der nur wenige echte Freunde hatte, verstand sich noch am besten mit dem Brecheisen Ottokar. Was rein geschäftlich begonnen hatte, führte allmählich zu einer Männerfreundschaft. Von Frauen hielt Buffalo ohnehin nicht viel, seine große Liebe hatte ihn im Zorn bei der Polizei verpfiffen und nie im Knast besucht oder mal geschrieben.

Der Tag im Geschäft verlief sehr ruhig, Matu hatte nicht viele Kunden zu beraten und half deshalb freiwillig mit, im Lager aufzuräumen, was seinem Chef Oskar Matzke, analog zur Blechtrommel als Steißtrommler gefürchtet, sehr positiv auffiel. Schließlich hatte er gegen einigen Widerstand durchgesetzt, dass Baumarkt-Schödel einen Vorbestraften einstellte. Auch Matu wusste, wie wichtig ein fester, gut bezahlter Arbeitsplatz für ihn war, sollte er einmal in Verdacht geraten. Denn seit er auf den Erlös seiner Brüche nicht mehr angewiesen war, betrieb er das Geschäft quasi als Hobby und Training, um nicht aus der Übung zu kommen. Weil dieses Motiv nicht auf dem Zettel der Kripo stand, geriet er auch nicht mehr in Verdacht.

Gegen 20 Uhr 30 suchte er sich auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang zum Schlosspark einen Platz und machte sich auf die Suche nach Buffalos Kleinwagen.

"Hals- und Beinbruch, Matu."

"Danke Billy. Bis nachher dann."

Die drei Kumpel trafen pünktlich ein, nahmen bei Matu ihre Funkgeräte in Empfang und dann marschierte ein unauffälliges Quartett Richtung Mauerweg. Matu hatte sein Werkzeug in einen Beutel gepackt, den er jetzt über der Schulter trug und später hinter sich her ziehen konnte. Alle versprachen, die Augen offen zu halten und umgehend Alarm zu geben. Matu achtete darauf, dass sie gut sehen konnten, welche Villa er ansteuerte.

Er staunte nicht schlecht. Das Haus schien tatsächlich leer, alle Fenster waren dunkel, ganz, wie diese unvorsichtige Greta ihm unter der Dusche erzählt hatte. Matu hatte sich nichts anmerken lassen, auch nicht, als sie den Namen ihres Arbeitgebers nannte.  

Aber er hatte sich gut gemerkt, was die ziemlich schwatzhafte Greta so alles erzählt hatte. Mittwochs, wenn die Hausangestellte Greta Lissen ihren freien Abend hatte und ihr Chef zu seinem "Zunftessen" mit Kollegen ging, stand die Villa des Juweliers und Goldschmieds Martin Fleisser im Stadtteil Breeden leer. Mit aller Vorsicht hatte Matu nach dem ersten Bett-Brause-Vergnügen das Objekt und die Umgebung ausgekundschaftet: Gretas Behauptungen stimmten. Die nächsten Nachbarn wohnten weit genug entfernt, um ihn nicht zufällig zu bemerken. Es gab keinen Hund und auch keinen Wachdienst. Es gab nicht einmal einen Bewegungsmelder, sondern nur metallische Rollläden vor den Fenstern.

Die letzten Meter bis zur Haustür kroch Matu auf dem Bauch dicht an der Hauswand entlang und zog den Beutel mit seinem Werkzeug hinter sich her. Der Rasen war lange nicht mehr gepflegt worden und bestand mehr aus weichem Moos denn Gras. Das Sicherheitsschloss war nicht schlecht, aber er kannte die Marke aus dem Baumarkt und brauchte keine Minute, es mit einem Generaldietrich ohne Beschädigung und Spuren von Gewalt zu öffnen.

Drinnen wagte er es dann, seine Taschenlampe kurz anzuschalten. Fleisser hatte seinen privaten Tresor in seinem Arbeitszimmer aufgestellt. Und das Zimmer fand er ohne langes Suchen im Erdgeschoss wieder, ein großer Raum mit Fenstergittern, ausgestattet mit einem Schreibtisch, Fernseher und Computer. Wegen der herabgelassenen Rollläden war es duster. Matu trug jetzt Plastikfingerhandschuhe und hatte sich eine stramm sitzende Baseballkappe aufgesetzt.

Der Tresor hatte einige Jahrzehnte auf dem Buckel und besaß noch eine altmodische Zahlenkombinationsverriegelung, dazu ein Schloss, für das Matu von Ottokar ein Hilfsgerät mitgebracht hatte, einen flachen Schieber aus Titan, an dem sich die "Schlüsselzähne" beliebig verstellen ließen. Der Rest war Übung und Geduld und Erfahrung mit einem elektronischen Stethoskop, das aus einem akkugespeisten Verstärker für das Mikrofon bestand, das die sonst nicht hörbaren Geräusche aus dem Inneren des Schlosses übertrug. Langsam drehte er den Einstellring, bis er im Kopfhörer das erste Kratzgeräusch vernahm, dass die Ringführung auf einen Schlitz in dem umgebenden Schutzmantel gestoßen war. Jetzt musste er die Schieber an seinem Hilfsgerät so lange verstellen, bis das erste Bartteil durch die Lücke den Schließmechanismus bewegen konnte. Selbst mit viel Übung brauchte Matu für jede Zahl gut drei Minuten, Fleissers Tresor hatte ein Schloss mit fünf Zahlen, die in der richtigen Reihenfolge hintereinander gefunden und dann durch einen richtig einge-stellten Schlüsselbartzacken bewegt werden mussten. Keine Arbeit für einen nervösen, ungeduldigen Menschen oder Anfänger, und keine Arbeit, die sich unter Zeitdruck schnell erledigen ließ. Matu hatte Routine, aber auch er musste sich einmal die Kappe abnehmen und den Schweiß auf seiner Stirn abwischen. Dann war es soweit, er konnte mühelos die Tresortür aufziehen und fluchte ausgiebig. Hinter der großen Tresortür waren im Innenraum mehrere Stahlfächer mit eigenen Schlössern eingerichtet. Die ließen sich nicht mit Bartzackenschieber und Stethoskop öffnen. Da half nur Gewalt und rohe Kraft eines Brecheisens beziehungsweise die akkugespeiste Bohr- und Fräsmaschine, die allerdings beim dritten Fach langsamer und schwächer wurde, so dass er doch eine Steckdose für ein Netzteil suchen musste. Die fand er unter dem Fensterbrett, und als er das Netzteil eingestöpselt hatte, stolperte er auf dem Rückweg über die Fräsmaschine und knallte mit der Brust gegen die raue Kante der offen stehenden Tresortür. Jetzt schwitzte er wie nach einem Marathonlauf, von seiner Stirn tropfte es regelrecht.

Matu war ein gründlicher Schränker und gab erst auf, als er alle sechs Fächer im Tresorinneren geöffnet hatte. Die Beute schaute er sich jetzt nicht an, sondern räumte alles in seinen Beutel, schloss die Tresortür, verstellte den Zahlenring und machte, dass er endlich aus dem Haus kam. Er hatte viel länger gebrauchte als kalkuliert, hauptsächlich wegen der separaten Fächer im Tresor. Und so hatte er gerade die Haustür ins Schloss gezogen, als er ein Auto hörte, das sich eindeutig der Villa näherte. Greta hatte doch behauptet, Fleisser käme von seinen Herrenabenden nie vor Mitternacht nach Hause. Matu legte sich auf den Boden und be-glückwünschte sich, dass er gerade noch rechtzeitig aus dem Haus herausgekommen war; der Wagen blieb vor der Garage stehen, zwei Autotüren klappten und gegen den Sternenhimmel erkannte Matu zwei Personen, die eng nebeneinander auf die Haustür zugingen, beide schienen nicht ganz sicher auf den Beinen. Die Frau kicherte und sagte unnötig laut: "Ist bei dir auch wirklich niemand zu Hause?"

"Nein, mein Schatz, wir sind ungestört."

Matu kannte die Stimme der Frau nicht, der Mann musste Fleisser sein, denn er zog einen Schlüsselbund heraus und begann dann zu fluchen. "Diese dumme Tussi hat schon wieder nicht abgeschlossen."

"Wen meinst du mit 'diese dumme Tussi'?"

"Meine Haushälterin. Sie hat heute ihren freien Abend und bleibt über Nacht bei ihrem Freund."

"...damit du ungestört weiblichen Besuch empfangen kannst, wie?"

Matu fand, dass sich Fleisser eine ziemlich dämliche Person angelacht hatte. Aber das war nicht sein Bier. Er wollte schon weiterkriechen, als zuerst in der Diele und dann in Fleissers Arbeitszimmer Licht anging, nachdem jemand die Rollläden hochgefahren hatte. Ein oder zwei Minuten später schrie die Frau auf. Was der Mann antwortete, konnte Matu nicht verstehen, aber zwanzig oder dreißig Sekunden danach krachte es im Haus so laut und gefährlich, dass Matu erstarrte, nein, er konnte sich nicht getäuscht haben, das war ein Schuss gewesen und nochmal zwanzig Sekunden später kam die Frau aus dem Haus gestürzt. Im Dielenlicht, das nach draußen fiel, konnte er sie zwar einen Moment sehen, aber nicht deutlichen erkennen. Die Frau hatte lange helle Haare und rannte an dem auf den Boden gepressten Matu vorbei, ohne ihn zu bemerken, er sah nichts, aber er roch ein starkes, aufdringliches Parfüm, das ihn an Sandelholz erinnerte. Für seinen Geschmack zu schwer und zu schwül.

Die Unbekannte spurtete auf Fleissers Auto zu, warf sich hinter das Steuer, ließ sofort den Motor an - sie hatte also Schlüssel - und startete wie ein Rennfahrer. Matu wartete einige Minuten, bevor er aufstand und zur Straße ging. Seine Vorsicht war größer als seine Neugier und deswegen ging er nicht mehr in ein Haus, in dem geschossen worden war. Wer zum Teufel war die Frau gewesen und wer zum Teufel hatte ihn nicht über Funk gewarnt, dass ein Auto in die Zufahrt zur Villa einbog?

Der Beutel über seiner Schulter war merklich schwerer als auf dem Hinweg. Er legte ihn in Buffalos Kofferraum und setzte sich dann in seinen Wagen, und drückte, als Buffalo weggefahren war, den roten Knopf an seinem Funkgerät und gab durch: "Aktion beendet."

Zehn Minuten später trudelten Schorbach, Winkler und Ellwanger nacheinander bei ihm ein, gaben das Funkgerät zurück und nahmen den Umschlag mit ihrem Honorar entgegen. Jeder fragte: "Alles glatt gegangen?" und Matu, der sich das reiflich überlegt hatte, antwortete jedem "Alles glatt gelaufen." Mit dem Trio würde er nie wieder ein krummes Ding drehen, aber das musste er ihnen nicht heute und nicht hier eröffnen. Im Moment war wichtiger, dass sie Buffalo nicht gesehen hatten, und der einzige, der seine Neugier nicht zügelte, war Schorbach: "Hat es sich denn für dich gelohnt?"

"Weiß ich noch nicht, ich habe es mir noch nicht angesehen. Besser an einem ruhigen Ort, wo mich keiner überraschen kann."

Schorbach schüttelte verständnislos den Kopf, fuhr aber dann auch los.

Matu schlief besser als befürchtet, träumte aber wild von einer Frau, die in Schuhen mit hohen Absätzen und eisenbeschlagenen Spitzen an ihm, der auf dem Boden lag, erst vorbeilief, dann zurückkam und ihm mehrfach mit aller Kraft in die Rippen trat. Vor Schmerz wachte er sehr früh auf. Matu vermutete, dass der Tresor nicht so viel enthalten hatte, wie er erhofft hatte. Ein Fach schien völlig mit Papieren, Briefen und Akten angefüllt gewesen zu sein, und die brachten erfahrungsgemäß wenig. Die Uhren, Schmuckstücke und die beiden kleinen Edelmetallbarren würde Buffalo schon optimal verticken. Schließlich bezog er einen Anteil vom Erlös.

Die Funkgeräte nahm er mit in seinen Baumarkt und deponierte sie unbemerkt in dem Container für Elektronikschrott. Der würde am kommenden Montag noch vor Mittag abgeholt werden. Kurz vor Mittag wurde Matu eine auffallend hübsche, schwarzhaarige und dunkeläugige Kundin geschickt, die eine Werkzeugmaschine gekauft hatte und hinterher zugab, dass sie noch nie so ein Ding in Händen gehalten hatte.

"Bis jetzt hat das mein Freund erledigt, aber der wildert zur Zeit in einem anderen Revier", erklärte sie offen. "Aber ich brauche die Lampe in der Küche." Zu allem Unglück habe sie auch noch zwei linke Hände mit zehn Daumen. Matu zeigte ihr, wie sie mit der Maschine umgehen müsse, warnte sie aber, als er hörte, was sie so alles reparieren und neu anlegen wollte.

"Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Verzichten Sie auf den Kauf der Maschine, und geben Sie das Geld besser für einen Handwerker aus. Es wäre doch schade, wenn sich so eine hübsche Frau verletzen und gar entstellen würde."

Sie lachte ihn an: "Der Rat ist gut, Herr...Herr...?"

"Matuschewski, Herbert Matuschewski. Aber alle Kollegen nennen mich nur Matu."

"Herr Matu, Sie sind nicht zufällig ein Handwerker, der mit solchen Maschinen umgehen kann?"

"Nein, Frau... Frau..."

"Minetti, Adina Minetti."

"Frau Minetti, der bin ich leider nicht." Das "leider" gefiel ihr, wie ihr deutlich anzusehen war. Sie versprach, mit einem einfachen Hammer und Nägeln auf einem alten Holzbrett zu üben und vielleicht später noch einmal wiederzukommen, wenn sich einige der Daumen in normale Finger verwandelt hätten. Jetzt lachte Matu: "Viel Glück und auf ein Wiedersehen mit heilen, hübschen Fingern."

Das Tagesjournal des dritten Programms begann mit der Sensationsmeldung, dass der Juwelier Martin Fl. in seiner Villa am Breedener Mauerweg erschossen aufgefunden worden war, und zwar von seiner Haushälterin Greta L., die nach ihrem freien Tag heute gegen zehn Uhr in die Villa am Breedener Schlosspark zurückgekommen war. Die Nacht hatte sie bei ihrem Freund Bodo W. in Lenkersdorf verbracht. Spuren eines Einbruchs gab es nicht, aber der Tresor im Arbeitszimmer des Juweliers war geöffnet und ausgeraubt worden. "Die äußerst fachmännisch ausgeführte Arbeit lässt nach Meinung der Kripo darauf schließen, dass hier ein erfahrener 'Schränker' am Werk war."

Matu nahm es als Kompliment und ärgerte sich nur, dass der Reporter kein Wort über den Inhalt des Tresors verlor. Nach Aussage der Haushälterin sollte der Juwelier Fl. wie fast jeden Mittwochabend bei einem Treffen mit Kollegen gewesen sein, das auch gestern kurz vor Mitternacht endete."

Das war ja nicht viel. Matu schaltete den Fernseher aus und öffnete eine Flasche Rotwein. Als erster rief Buffalo an, sehr beunruhigt und sehr vorsichtig. "Ich habe gerade das Tagesjournal gesehen."

"Ich auch."

"Du hattest mir doch gesagt, keine besonderen Vorkommnisse."

"Die gab es ja auch nicht. Was hinterher passiert ist, als ich weg war, weiß ich natürlich nicht."

Diese spontan erfundene Ausrede benutzt er auch bei Schorbach, Winkler und Ellwanger, die alle das Tagesjournal gesehen hatten und auf deren besorgte Fragen er verklausuliert antwortete, dass in der Villa keine Leiche herumgelegen hatte, als er sich unauffällig verzog. Was anschließend...

Nachts lag er lange wach und grübelte. Wenn er von der unbekannten Frau erzählte, gab er damit zu, dass er an und wahrscheinlich auch in der Villa Fleisser gewesen war, jeder Staatsanwalt würde das bei Matus Vorstrafen annehmen. Deshalb würde er darüber besser kein Wort verlieren.

Am nächsten Morgen zog er noch vor dem Frühstück los, um sich alle drei in Tellheim erscheinenden Tageszeitungen zu besorgen, deren Berichte über den Mord und den Einbruch er sorgfältig studierte. Keines der Blätter brachte neue Einzelheiten, die er noch nicht aus dem Tagesjournal vom Vorabend kannte. Einzig im Tageblatt stand eine hilfreicher Hinweis, der Freund Bodo W., bei dem die Haushälterin Greta L. die Nacht verbracht hatte, lebte in Lenkersdorf, und die Vorwahl des Ortes stimmte mit einer der häufiger gewählten Nummern überein, die sich Matu aus Gretas Telefonverzeichnis abgeschrieben hatte.

Der Samstag war im Baumarkt immer Großkampftag, die Väter erschienen und demonstrieren den Ehefrauen, Kindern und den Verkäufern, wieviel mehr sie von Werkzeug wussten und vom Bauen verstanden. Es kostete Matu immer Kraft, ruhig und höflich zu bleiben. Sie alle waren froh, wenn gegen 15 Uhr dreißig der Ansturm abebbte. Die Kollegin Annegret Fuhrmann hatte es besonders bös erwischt, sie war an ein Paar geraten, das nicht nur alles besser wusste, sondern sich auch darin einig schien, dass das ungeschulte und dämliche Personal von fachkundigen Kunden endlich eine Lektion verdiente. Kurz vor dem Ausbruch von Handgreiflichkeiten griff Matu ein und half der Kollegin Fuhrmann mit der nötigen Grobheit; das Paar verschwand laut zeternd und Annegret ließ sich dankbar von Matu zu einem Eis und einem Kaffee einladen. Sie war den Tränen nahe: "Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte." Sie hatte Matu schon mehrfach ihr Herz ausgeschüttet, allein erziehende Mutter. Der Vater der Tochter hatte das Weite gesucht, zahlte natürlich keinen Euro Unterhalt und die kapriziöse Lena steckte mitten in der Pubertät, also in jener Phase, in der die Eltern so komisch wurden.

"Soll ich euch zwei Frauen zum Abendessen einladen?", bot Matu an, der nach dem Unfalltod seines Vaters auch in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen war.

"Würdest du das wirklich tun? Ich sage sofort ja, und ein zweites Mal, wenn ich Lena herumgekriegt habe, mitzugehen. Ein Samstagabend ohne Disco, nur mit zwei Altersmumien, das wird Überredung kosten."

Mutter Annegret brachte nicht genug davon auf und rief ihn an: "Sie will ums Verrecken nicht mitgehen."

"Was hältst du dann davon, dass wir beide alleine gemütlich essen?"

"Sehr viel", seufzt sie. "Was sagt denn deine Freundin dazu, dass sie heute Abend allein ist?"

"Gar nichts. Ich hab' nämlich zur Zeit keine Freundin. Halb acht vor dem Roosenturm?"

"Prima, vielen Dank, Matu."

Vom Restaurant Roosen, das dem Turm den Namen gegeben hatte, schaute man über die ganze Altstadt, das Schloss in Breeden bis zum Fluss. Annegret hatte sich in Schale geworfen und war, wenn sie lachte, eine charmante, anziehende Frau. Sie lachte nur zu wenig, aber das lag daran, dass sie wenig zu lachen hatte, wie sie Matu beichtete. Ihr Gehalt im Baumarkt reichte nicht, aber wenn sie mit einem Zweitjob mehr verdiente, setzte sie das Schüler-BaföG für Lena auf's Spiel. Lena wollte nach der Mittleren Reife abgehen und hatte sich bereits um einen Platz an der Textilfachschule, Abteilung Design, beworben.

"Sie ist nicht faul, aber sie hat gewaltige Flausen im Kopf", stöhnte Annegret. Matu hatte, soviel er wusste, keine Kinder und hütete sich deswegen, kluge pädagogische Ratschläge zu erteilen. Hinterher gingen sie noch in die Winzerstube, und gegen Ende der ersten Flasche hatte sie genug Mut angesammelt, um ihn direkt zu fragen: "Geh'n wir noch zu dir?"

"Bist du sicher?"

"Ja." Sie kicherte plötzlich wie ein Backfisch: "Das Geld für die Pille soll sich doch endlich lohnen."

Er sah sie groß an und war, weil er die Stimmung nicht zerstören wollte, nicht ganz ehrlich zu ihr. Denn sonst hätte er gesagt: "Ich möchte schon mit dir schlafen, aber daraus wird keine längere Beziehung, Annegret."

Sie tranken noch einen Wein bei ihm und knutschten und kuschelten, wobei er sie Stück für Stück auszog. Sie war erstaunt, dass er sich so viel Zeit ließ und machte mit, leise und glücklich stöhnend und schwer atmend, bis sie bettelte: "Komm, Matu, ich bin so weit und kann es nicht mehr erwarten." Sie stand auf und zog ihn ins Schlafzimmer. Es wurde eine unruhige, aber eher zärtliche als stürmische Nacht. Viel Schlaf bekamen sie beide nicht. Sie ging nach dem Frühstück und sagte: "Danke, Matu, das war wunderschön. Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich doch noch eine Frau bin, über die sich ein Mann freut. Darf ich wiederkommen?"

Die Frage überraschte ihn so, dass er ohne Nachdenken sagte: "Ja, natürlich."

Während des Frühstücks hatte ihr Handy gebimmelt: "Ja?"

Amüsiert hatte Matu sie beobachtet.

"Okay, ich komme gleich."

Dann sah sie ihn an und begann zu kichern: "Große Katastrophe: 'Mama, wo bleibst du denn. Ist was passiert, ich mache mir Sorgen.'"

An der Boccia-Bahn wurde Matu von allen gespannt erwartet. Er hob beide Hände: "Ich weiß nicht, was da passiert ist. Damit habe ich, damit haben wir nichts zu tun. Für uns bleibt alles so, wie verabredet. Wer spielt mit wem?"

Das Wetter bot keine Ausrede für einen kleinen Frühschoppen. Der einzige, der auf Matus demonstrative Gelassenheit nicht so reagierte wie gewünscht, war Hannes Schorbach. Er wollte unbedingt herausfinden, ob sich der Bruch denn für Matu gelohnt hatte und glaubte ihm nicht, dass der bisher noch keinen Blick in den Beutesack geworfen hatte. "Aber du hast ihn wenigstens gut versteckt?"

Das nahm Matu doch fest an, Buffalo war ein vorsichtiger Mann, der noch nicht als Hehler aufgeflogen war und jetzt, nach Fleissers Tod, noch umsichtiger sein würde. Er hatte immer behauptet, er könne notfalls auch allein mit seinem Second-Hand-Store überleben.

Anton hatte ein angenehmes Gespräch mit seiner Elvira führen können. Obwohl der Fummler nicht mehr in der Orchidee erschienen war und keine hundert Euro abgedrückt hatte, konnten sie alle ausstehenden Rechnungen und Raten bezahlen. Und diese Aussicht war so erfreulich, dass sie beim Frühstück wie früher ihr Shorty auszog und sich auf seinen Schoß setzte.

Auch Konrad Ellwanger hatte ein angenehmes Sonntagsfrühstück mit seiner Frieda gehabt. Sie konnten der Tochter Moni das erbetene Geld für eine komplizierte Zahn-Brücke geben, deren Kosten die Kasse und auch die Zahn-Zusatzversicherung nicht vollständig zahlen würden. Frieda war früh aufgebrochen, weil eine junge Frau für den ersten Besuch bei den kommenden Schwiegereltern frisiert werden wollte.

In einer Spielpause erzählte auch Schorbach, wo er den gestrigen Abend verbracht hatte. Im Club Royal war nach langer Renovierung die Bar wieder eröffnet worden. Sina Kerff trug ein vorne und auf dem Rücken tief ausgeschnittenes Kleid und ließ sich von vielen Männern bewundern. Mit einem führte Hannes anschließend ein ernsthaftes Gespräch, wie man in heutigen Zeiten sein Geld sicher und einigermaßen zinsbringend anlegte. Beide waren sie mit dem Abend sehr zufrieden, als sie gemeinsam nach Hause fuhren.

"Ich habe übrigens einen Interessenten für die Wohnung", sagte sie plötzlich.

"Großartig. Einmal wird das Haus doch fertig werden." An ihrem Bungalow werkelten die Handwerker jetzt schon vier Monate länger als vertraglich vereinbart.

Matu schaute sich die Sportschau an, als sein Handy Laut gab.

Annegret fragte atemlos: "Kann ich kommen oder störe ich?"

"Einmal Ja, einmal Nein."

Diese Nacht verlief ausgesprochen stürmisch. Beide waren sie morgens nicht ausgeschlafen und gähnten noch bei dem zweiten Becher Kaffee um die Wette.

"So, ich muss bald gehen, Matu. Nein, Hände weg! Für solche Verzögerungen habe ich heute Morgen keine Zeit."

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Zweites Kapitel

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Auch das Schwarz-Weiß-Team war sehr pünktlich zum Dienst angetreten.

Sie hießen so, oder auch das Schachteam, weil alle drei Frauen Namen von Schachfiguren trugen. Die Hauptkommissarin Jule Springer leitete das Referat 11, die ständige Mordkommission, ihre Vertreterin war die Oberkommissarin Ellen König und als jüngstes Mitglied hatte vor zwei Monaten die Kommissarin Sigrid Bauer im R-11 angefangen. Sie war als erste gekommen und hatte schon die Post geöffnet, den wichtigsten Brief hatte sie oben auf den kleinen Stapel gelegt.

Jule Springer sah ihn sofort. Anonyme Schreiben waren nicht so selten, dass man sie unbedingt sofort oder gar als erste beachten musste, aber in diesem Fall war eine Ausnahme angesagt. Kein Absender, keine Unterschrift, "An die Mordkommission. Betrifft den Mord an Martin Fleisser im Mauerweg 19."

"Sehr geehrte Damen und Herren, am vergangenen Mittwoch ist Herbert Matuschewski, Renzelstraße 31, abends in die Villa Fleisser im Mauerweg 19 eingebrochen."

Sauber und fehlerfrei ausgedruckt auf einem Tintenstrahl- oder Laserdrucker.

"Tut mir Leid, Chefin, ich habe ihn ohne Handschuhe angefasst und aufgemacht."

Jule telefonierte schon: " Seidel? Jule hier. Wir haben was für euch, leider ohne Handschuhe angefasst."

"Bin schon unterwegs." Alexander Seidel war Leiter der Spurensicherung und ein glühender Verehrer der Hauptkommissarin, die ihn zwar freundlich behandelte, aber privatim mit dem Staatsanwalt Paul Hase fest und glücklich liiert war. Als Seidel mal das Wort " befangen" fallen ließ, hatte sie ihn halb böse, halb strahlend angefunkelt: "Die schönste Befangenheit, die ich mir vorstellen kann, Seidel." Damit war für sie das Thema gegessen und Seidels Hoffnung arg zerstört.

Das K-11 plus Spurensicherung war am vorigen Donnerstag in den Mauerweg gerast, wo sie eine in Tränen aufgelöste junge Frau antrafen, die sich als Greta Lissen vorstellte, Haushälterin bei dem Hauseigentümer Martin Fleisser, und vor einer halben Stunde von ihrem freien Tag in die Villa zurückgekommen. Aufgefallen war ihr zuerst, dass die Haustür nur ins Schloss gezogen und nicht abgeschlossen war. Das taten sie normalerweise automatisch, wenn sie oder Fleisser abends die Haustür verriegelten. Dann fiel ihr auf, dass die Tür zu Fleissers Arbeitszimmer offen stand. Und als sie in das Zimmer schaute, sah sie Fleisser tot auf dem Boden liegen.

Er war, wie der Polizeiarzt Helm nach einer ersten Untersuchung meinte, am Vorabend gegen 22 Uhr durch einen Schuss ins Herz getötet worden und sofort tot gewesen. "Ein Meisterschütze", lobte Helm.

"Oder ein Zufallstreffer", verbesserte Jule sofort. Es gab keine sichtbaren Spuren eines Kampfes. Der anscheinend unbeschädigte Tresor war geschlossen, der Computer auf dem Schreibtisch intakt. Alle Fenster im Erdgeschoss heil. Nur ein einziges Detail deutete darauf hin, dass in diesem Zimmer neben dem tödlichen Schuss noch etwas anderes passiert war: Vor dem Tresor lag ein einzelner, noch nicht zerknitterter Hundert-Euro-Schein auf dem Boden.

Greta Lissen behauptete, Fleisser habe den einzigen Schlüssel zum Tresor immer bei sich getragen, und zwar an dem Ring, an dem sich auch die Schlüssel zum Haus, zur Garage und für das Geschäft in der Langenfelder Allee befanden, außerdem ein separater Ring mit den Autoschlüsseln. Nein, sie wusste nicht, wer noch einen Schlüssel zu diesem Tresor besaß und kannte auch die Zahl für das Schloss nicht. Jule telefonierte vorsichtshalber mit ihrem staatsanwältlichen Hasen, und der setzte einen Technikertrupp in Marsch, um den Tresor gewaltsam zu öffnen. Selbst mit einem modernen Schweißgerät dauerte es noch eine halbe Stunde, bis der Handwerker voller Stolz die Tresortür aufzog. Die aufgebrochenen, aufgefrästen Türen der separaten Fächer verrieten, dass da jemand vor ihnen geschickter das Schloss der Haupttür überlistet hatte, bevor er sich mit Gewalt und roher Kraft über die Einzeltürchen im Inneren hermachte.

"Moment, Frau Springer", mischte sich der Handwerker ein. "Die sind nicht alle gewaltsam aufgebrochen worden. Mindestens diese vier sind fachmännisch aufgefräst worden."

"Von Hand?", wollte Jule wissen.

"Glaube ich nicht. Das wäre eine richtige Plackerei gewesen."

"Also mit einer Maschine?"

"Ja, würde ich denken."

"Für so eine Maschine braucht man doch Strom - oder?"

"Bei dieser Stahldicke kommen Sie mit einer Akkumaschine nicht weit." Der Mann deutete auf eine Steckdose unter dem Fenster hin. "Ich würde die da nehmen."

"Seidel, sei so nett und nimm dir diese Steckdosen genau vor. Und auf dem Hunderter könnte der Schränker auch Spuren hinterlassen haben."

"Geht in Ordnung."

Während die Spusi ihre zeitraubende Arbeit verrichtete, nahm sich Jule die immer noch zitternde und bebende Greta Lissen vor.

"Das Haus hat gestern Abend leergestanden?"

"Ja, ab etwa 18 Uhr. Um diese Zeit bin ich nach Lenkersdorf losgefahren."

"Und wo war zu der Zeit Martin Fleisser?"

"Der war bei einem Zunftessen."

"Zunftessen?"

"So nannte er scherzhaft das wöchentliche Treffen mit Kollegen, die alle Goldschmiedemeister sind und ein eigenes Geschäft in Tellheim haben."

"Und wo findet dieses Zunfttreffen statt?"

"Im Alten Ritter, so ab 19 Uhr 30."

"Und Sie haben mittwochs regelmäßig Ihren freien Abend?"

"Ja."

"Wie heißt und wo wohnt Ihr Freund?"

"Bodo Wertz und wohnt in Lenkersdorf, An der Schule 44."

Ellen König hatte mitgeschrieben und verschwand jetzt wortlos. Sie würde sich im Altern Ritter erkundigen, wann Fleisser gekommen und wann er gegangen war. Und anschließend würde sie in Lenkersdorf das Alibi der Haushälterin und ihres Freundes Bodo überprüfen.

"Frau Lissen, ich finde es nicht sehr klug, dass die Villa regelmäßig an ein und demselben Tag abends leerstand."

"Nein", stimmte Greta kläglich zu. "Aber der Chef konnte sein Zunfttreffen nicht verlegen und Bodo hat nur am Mittwoch Zeit."

"Hätte er nicht zu Ihnen kommen können?"

"Ja und Nein. Sie müssen zu meiner Wohnung oben hier durch die Diele und der Chef hatte mir ausdrücklich verboten, fremde Menschen ins Haus zu lassen. Davon wollte er auch bei meinem Freund keine Ausnahme machen."

"Hm. Wann kam denn Fleisser von seinen Zunfttreffen nach Hause?"

"Eigentlich immer so um Mitternacht."

"Eigentlich?"

"Das hing davon ab, wieviel er getrunken hatte und ob er eine Frau mitbrachte."

"Ihr Chef war nicht verheiratet?"

"Nein. Er liebte die Abwechslung, und schleppte immer wieder neue Frauen an."

"Die durften dann ins Haus?"

"Ja."

"Kennen Sie die Freundinnen Ihres Chefs?"

"Nein. Ich habe auch wenig Wert auf die Bekanntschaft gelegt, besonders nicht bei Frauen, die sich nach der ersten Nacht schon so aufführten, als hätte ich es mit der künftigen Hausherrin zu tun."

Das kam so scharf und so bissig heraus, dass sich Jule in Gedanken einen Knoten ins Taschentuch machte. Ganz spannungsfrei schien das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Haushälterin nicht gewesen zu sein.

"Frau Lissen, Ihr Chef hat doch sicher ein Auto?"

"Natürlich."

"Wissen Sie, wo das jetzt steht?"

"Entweder drüben in der Garage oder noch auf dem Hof des Alten Ritters. Wenn zu viel Alkohol geflossen war, ließ er den Wagen dort lieber über Nacht stehen und nahm sich ein Taxi."

Der Platz in der verschlossenen Garage war leer, und Jule rief Ellen König an, die sich sofort beim Personal des Ritters erkundigte: "Nein, Fleissers Auto steht hier nicht."

Greta Lissen kannte Typ, Farbe und Kennzeichen und Jule gab sofort eine Fahndung heraus.

"Frau Lissen, was ganz anders: Haben Sie eine Ahnung, was Ihr Chef in diesem Tresor aufbewahrte?"

"Nein, tut mir leid, darüber hat er nie gesprochen."

"Wer könnte uns das sagen?"

"Da bin ich überfragt. Daraus hat er immer ein Geheimnis gemacht."

"Besaß Ihr Chef eine Waffe?"

"Glaube ich nicht. Ich habe jedenfalls nie eine bei ihm gesehen."

"Hat Fleisser Verwandte, die Sie kennen? Wer wird das hier alles erben?"

"Das weiß ich nicht, das müssen Sie seinen Anwalt fragen. Dr. Mühlensiepen in der Kurprinzenstraße."

"Vielen Dank, das wäre es erst einmal." Greta Lissen zog sich erleichtert in ihre Wohnung zurück und Jule schaute sich den Rest der Tatortaufnahme an. Viele materielle Indizien nahmen Seidels Leute nicht mit. Einen bunten Faden aus der Diele, den sie vor der Garderobe auf dem Boden gefunden hatten, einen Hundert-Euro-Schein vom Fußboden des Arbeitszimmers, mehrere Baumwollfasern, die sich an einer rauen Innenkante der Tresortür verfangen hatten. Seidel verkündete stolz, dass sie an der Kunststoffeinfassung der Steckdose einen verwischten Fingerabdruck gesichert hatten, den sie vielleicht identifizieren konnten. "Wir schauen uns natürlich den Hunderter noch genau an."

"Zu gütig", murmelte Jule verkniffen. Sie war seltsam unzufrieden mit allem, was sie gesehen und auf ihr kleines Tonband diktiert hatte. Mit der Kollegin Sigrid Bauer zog sie durch das Erdgeschoss der Villa und suchte nach einem Adress- oder Telefonverzeichnis. "Soll ich mich bei den Nachbarn umhören?", fragte Sigrid eifrig.

"Machen Sie das! Ich fürchte nur, Sie werden nichts Nützliches erfahren."

Genau so kam es auch. Einige Nachbarn schienen bereit, über Fleisser zu klatschen und zu tratschen, aber konnten zum vergangenen Mittwoch keine konkreten Angaben machen. Bei der Nachmittags-Pressekonferenz musste sich Jule Springer auf die offenkundigen Tatsachen beschränken, was besonders den Kollegen vom Morgenblick und von BILD nicht ausreichte. Ellen König war aus Lenkersdorf zurückgekommen und bestätigte das Alibi der Greta Lissen. Eine Neuigkeit gab es, die sie bewusst zurückhielten: Martin Fleisser war zwar gegen 19 Uhr 30 im Alten Ritter erschienen, hatte aber während der Vorspeise einen Anruf auf seinem Handy erhalten und war gegen 20 Uhr 15 ziemlich hastig aufgebrochen. Das Personal konnte nicht sagen, wohin er mit seinem Wagen gefahren war und mit den anderen Goldschmiedemeistern und Juwelieren mussten sie noch sprechen. Von Fleissers Auto fehlte jede Spur. Die Leiche war noch am Freitag obduziert worden, und Jule hatte sich das Ergebnis in die Wohnung ihres Staatanwalts mailen lassen. Das Ergebnis überraschte sie nicht, nur ein Schuss aus größter Nähe genau ins Herz, entweder war da ein Könner am Werk gewesen oder es war ein Glücks- respektive Zufallstreffer. Auf der Kleidung des Toten gab es Schmauchspuren und Pulverrückstände. Alles bereits bei der Kriminaltechnik. Das Projektil hatte den Körper durchschlagen und war auf dem Rücken ausgetreten, sie hatten es auf dem Boden gefunden, aus einer 7,65 Millimeter Walther PPK, ebenfalls spurlos verschwunden, wie das Auto, das Handy und alle Schlüssel, die der Juwelier an dem Abend bei sich gehabt haben musste. Ein möglicher Hinweis auf den Schützen - in diesem Fall vielleicht eher eine Schützin -: Vom Hemd des Toten hatten sie zwei lange Haare abgelesen, hellbrünett, fast schon blond. Die DNA-Bestimmung dauerte noch an. Fleisser hatte zum Zeitpunkt seines Todes 0,4 Promille Alkohol im Blut. Obwohl sie auch am Freitag und Samstag das Personal des Geschäftes in der Langenfelder Allee gelöchert hatten: Keiner hatte eine Ahnung oder wollte mit seiner Vermutung herausrücken, was sich in dem Tresor im Mauerweg befunden haben könnte. Die Kriminalhauptkommissarin und der für sie zuständige Staatsanwalt pflegten einen Teil ihrer dienstlichen Besprechungen vorschriftswidrig beim gemeinsamen Frühstück, vor dem großen Spiegel im Bad oder im Bett abzuhalten:

"Mein Eindruck ist, dass Fleisser bei seinen Leuten nicht sehr beliebt war."

"Bin ich auch nicht. Von Ausnahmen natürlich abgesehen", brummte Hase.

"Vor allem konnte keiner eine halbwegs vernünftige Erklärung dafür bieten, warum Fleisser neben seinem Geschäftstresor noch einen privaten Panzerschrank in seiner Villa hatte. Der übrigens nicht versichert ist oder war."

"Ach nee."

Und jetzt stand Alexander Seidel beleidigt vor Jules Schreibtisch, schwenkte eine Prospekthülle mit dem anonymen Brief und dem Umschlag und maulte: "Will denn keiner wissen, was ich in unbezahlter Wochenendarbeit herausgefunden habe?"

"Doch, natürlich", sagte Sigrid Bauer laut, schlug den Stenoblock auf und zückte demonstrativ ihren Kugelschreiber. Natürlich hatte sie längst mitbekommen, dass der ledige Seidel für die Chefin schwärmte, obwohl die in festen Händen war, und Sigrid fand, dass Jule das unfair ausnutzte. Wie weit Sigrid, die Bäuerin, Seidel privatim schätzte, ließ sie nicht erkennen.

"Na also", knurrte Alexander. "Der Fingerabdruck lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Für eine gezielte Abfrage in AFIS reicht es nicht. Auf dem Geldschein gibt es Schweißspuren mit Hautschuppen, die sich wohl zu einem DNA-Vergleich benutzen lassen. Der bunte Faden aus der Diele, auf dem Fußboden vor der Garderobe, gehört mit Sicherheit zu einem Aufhänger einer Bluse oder einer sehr leichten Stoffjacke. Die Fasern von der Kante der Tresortür stammen von einem handelsüblichen roten Baumwoll-Shirt.

"Die Stoffjacke hat jemand zu hastig vom Haken gerissen", warf Sigrid ein.

"Gut möglich", sagte Seidel überrascht, dass sich ausgerechnet die nicht unflotte Neue im Elften für die Ergebnisse seiner Arbeit interessierte. "Die Gerichtsmedizin hat uns Stücke aus einem Oberhemd geschickt, die Untersuchung der Schmauchspuren und Pulverrückstände wird noch was dauern."

"Vielen Dank, Herr Seidel." Sie wagte noch nicht, ihn mit "Alex" anzureden,

"Gern geschehen."

Die gelegentlich etwas boshafte Ellen König bemerkte lobend: "Da hast du aber jemanden glücklich gemacht."

"Eine gute Tat pro Tag sollte der Mensch schon begehen."

"Meinst du? Das ist der Fluch der guten Tat, dass sie immer neue soll gebären."

Ellen König hatte nach dem anonymen Brief ihr "Kundenverzeichnis" aufgerufen.

"Da ist er ja. Herbert Matuschewski, Spitznamen Matu, zweieinhalb Jahre wegen Einbruch und schweren Diebstahl, gelernter Feinmechaniker, zur Zeit auf freiem Fuß, gemeldet in der Renzelstraße 31."

"Nichts wie hin", bestimmte Jule.

Als sie auf die Haustür der Nummer 31 zugingen, verließ eine Frau das Gebäude, auf die das Trio nicht achtete.

Matu glaubte, als es bei ihm klingelte, Annegret habe etwas vergessen und drückte den Öffner für die Haustür. Er wartet, bis seine Besucher im Treppenhau in Sicht kamen und verschluckte, was ihm auf der Zunge lag. Die Frauen kannte er nicht, aber diese Gesichtsausdrücke, dieses Auftreten kamen ihm irgendwie vertraut und unangenehm bekannt vor. Er hatte sich nicht getäuscht. Die vordere Frau sagte: "Guten Morgen. Sind Sie Herbert Matuschewski?"

"Ja, bin ich. Guten Morgen."

"Mein Name ist Jule Springer, Kriminalpolizei. Das sind meine Kolleginnen König und Bauer." Alle drei zückten wie auf Befehl ihre Dienstausweise und Matu seufzte.

"Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Dürfen wir reinkommen?"

"Bitte sehr." Er trat zur Seite. Wie gut, dass Annegret gerade noch rechtzeitig gegangen war. Auf seinem Esstisch stand noch das gebrauchte Geschirr. Die drei lächelten wissend, sagten aber nichts zu den beiden Gedecken.

"Herr Matuschewski, sagt Ihnen der Name Fleisser etwas?"

Matu konnte sich im letzten Moment zusammenreißen und sein Gesicht beherrschen. Das durfte doch nicht wahr sein. Wie...? Laut antwortete er trocken: "Die Zeitungen waren ja voll davon."

"Kannten Sie Martin Fleisser?"

"Nein."

"Waren Sie mal in seinem Geschäft in der Langenfelder Allee?"

"Nein. Aber wieso fragen Sie mich das alles?"

"Gleich. Wo waren Sie am vergangenen Mittwoch zwischen - sagen wir mal - 19 und 23 Uhr?"

Er überlegte pro forma. Wieso kamen die nach so kurzer Zeit zu ihm? Nur wegen seiner Vorstrafe? Da liefen in Tellheim eine ganze Reihe anderer Typen herum, die einiges mehr auf dem Kerbholz hatten als er. Jule Springer räusperte sich.

"Da bin ich hier gewesen."

"Sie meinen - hier in Ihrer Wohnung?"

"Ja."

"Haben Sie dafür Zeugen, Besucher, Nachbarn? Anrufe auf dem Festnetz?"

"Nein." Matu zuckte die Achseln. "Nur meinen Fernseher. Und nach der Fernsehen ein ziemlich öder Liebesroman. Warum kom-men Sie mit solchen Fragen ausgerechnet zu mir?"

"Herr Matuschewski, Sie haben Ihre Vorstrafe nicht vergessen?"

"Nein. Und in meiner Akte steht, dass ich gelernter Feinmechaniker bin. Und so einer hat laut Morgenblick den Fleisserschen Panzerschrank geknackt. Etwas dünn, finde ich."

"Mag sein. Aber wir haben heute einen anonymen Brief bekommen, dass Sie den Tresor geöffnet haben."

"Das glaube ich nicht."

"Doch, das dürfen Sie ruhig glauben. Haben Sie den Tresor bei Fleisser - übrigens sehr professionell - geöffnet?"

"Nein."

"Herr Matuschewski, wir haben keinen Durchsuchungsbeschluss und außer den genannten Indizien keinen Hinweis auf Ihre Täterschaft. Dürften wir uns trotzdem einmal in Ihrer Wohnung, im Keller und in Ihrem Auto umsehen? Wir suchen - das will ich Ihnen gar nicht verschweigen - nach einem roten Herren-Shirt."

Matu überlegte nicht lange: "Bitte, sehen Sie sich ruhig um. Die Schmutzwäsche liegt in einem Deckelkorb im Bad. Ach so, und hier, das sind der Kellerschlüssel und meine Wagenschlüssel. Das Auto steht auf der Straße. T - HM 987."

Die drei Frauen zogen los und verteilten sich auf die Zimmer. Die Oberkommissarin - wie hieß sie noch? - König kam als erste zurück. "Sie haben die Nacht nicht alleine verbracht?"

"Nein."

"Ich habe kein Recht, Sie nach dem Namen der Frau zu fragen. Aber könnte sie Ihnen vielleicht für den Abend des Mittwochs voriger Woche ein Alibi geben?"

"Nein", sagte Matu fest, aber nicht störrisch. "Erstens war sie nicht hier und zweitens weiß sie noch nichts von meiner Vorstrafe. Das würde ich ihr gerne selber bei passender Gelegenheit gestehen."

"Okay." Ellen König ging wieder und überließ Matu seinen trüben Gedanken. Wer hatte den anonymen Brief geschrieben? In Frage kamen Schorbach, Winkler und Ellwanger und vielleicht noch Buffalo, der sich damit allerdings schwer ins eigene Knie schießen würde. Bei Ottokar, dem Brecheisen, hatte Matu mit keiner Silbe erwähnt, wo der alte Schlözer & Tessmann - Tresor stand, den er gerne öffnen wollte. Und so weit er sich erinnerte, hatte auch keine Zeitung den Hersteller und den Typ des Panzerschranks erwähnt. Greta Lissen. War er bei ihr doch zu neugierig gewesen, so dass sie Verdacht geschöpft hatte?

Nach einer halben Stunde kamen die drei Kriminalbeamtinnen zu ihm in die Essecke: "Ihre Schlüssel. Und vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft - nein, wir haben nichts gefunden. Allerdings würden wir gerne dieses rote Shirt mitnehmen. Können Sie sich zufällig noch daran erinnern, wann und wo Sie das gekauft haben."

"So ungefähr. Vor zwei oder drei Jahren bei einer Sonderaktion, die man früher Winterschlussverkauf nannte. Bei Lenders am Zentrumsplatz, glaube ich. Da muss ich jetzt übrigens auch hin, mein Dienst beginnt in einer halben Stunde."

"Wo arbeiten Sie, Herr Matuschewski?"

"Im Baumarkt Schödel."

"Könnten Sie morgen Vormittag zu uns ins Präsidium kommen, damit wir ein formelles Protokoll machen können? Referat 11, im zweiten Stock."

"Geht in Ordnung."

Bevor er losfuhr, rief er doch erst noch bei seinem Anwalt an, den er sogar an die Strippe bekam. Dr. Thomas Holk war entsetzt: "Was wollen die Ihnen anhängen. Einen Mord?"

"Davon war keine Rede, nur von dem Einbruch bei Fleisser."

"Moment mal. Wer, sagten Sie, hat Sie heute besucht?"

"Drei Frauen. Springer, König, Bauer."

"Das Schwarz-Weiß-Team. Mord und Totschlag und Freiheitsberaubung. Nee, tut mir leid, Herr Matuschewski, die wollen sicher mehr, als nur einen Schränker überführen."

Das war genau die Auskunft, die einen Menschen auf der Fahrt zur Arbeit beruhigen konnte. Matu grübelte auf der Hinfahrt, während der Arbeit und auf der Rückfahrt, wie weit er Holk die Wahrheit gestehen sollte. Er konnte es mit der Ausrede versuchen, die er mehr spontan gegenüber seinen Helfern benutzt hatte: Als ich ging, lag da noch keine Leiche herum. Aber das hieß: Er musste den Bruch zugeben, und das hieß bei seinen Vorstrafen und seiner Straftatenlatte unvermeidlich auch mehrere Jahre Bau. Er konnte stur leugnen und hoffen, dass die Bullen keine Spuren von ihm am Einbruchsort entdecken würden. Er war sehr vorsichtig gewesen, aber der böse Zufall war ein fleißiges Eichhörnchen. Und wenn er erst nach der entsprechende Zeugenaussage mit der Wahrheit herausrückte, brauchte es mehr Glück, als er üblicherweise hatte, dass ihm der Vorsitzende das späte Geständnis abnahm: Bruch - ja, Mord - nein. Er steckte in einer perfekten Zwickmühle. Dass sich ein Einbrecher und ein Mörder denselben Abend ausgesucht hatten, war so wahrscheinlich wie der Jackpot im Lotto. Der immer wieder einmal geknackt wurde. Unwahrscheinlich hieß eben nicht unmöglich. Was sollte er tun? Er wusste, dass er nicht auf Fleisser geschossen hatte, aber wer war die Frau gewesen? Zu Hause setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb erst mal alles auf, an was er sich noch erinnerte. Lange, helle, glatte Haare, durchschnittlich groß, gute Läuferin, eine helle Stimme ohne Akzent. Ein merkwürdiges Parfüm, schwer und irgendwie schwül. Sie konnte Autofahren, aber wer hatte heute keinen Führerschein? Nach dem kurzen Dialog mit Fleisser steuerten beide das Bett an, und sie wünschte nicht, dass Greta sie sah. Warum nicht? Kannte Greta sie? Was sollte er tun?

Das Schwarz-Weiß-Team war auch nicht siegessicher. Sie hatten nicht ernsthaft damit gerechnet, bei Matu etwas zu finden. Wenn er während des Bruchs von Fleisser überrascht worden war und den Hausherrn erschossen hatte, würde er natürlich als erstes alles beseitigen oder verstecken, was ihn belasten konnte. Und selbst wenn die roten, von der Spusi gesicherten Fasern mit dem Gewebe des in Matus Wohnung gefundenen Shirts übereinstimmten, besagte das nicht viel: Massenware aus einer Schnäppchen-Aktion eines großen Kaufhauses mit Filialen in vielen Großstädten. Genau das bekamen sie von der Kriminaltechnikerin Hansen zu hören und von der KTU auch, dass der verwischte Fingerabdruck auf der Steckdosen-Einfassung für einen Vergleich nicht mehr zu gebrauchen war. Die vom Oberhemd des Toten abgelesenen langen Haare halfen auch nicht weiter. Die DNA-Analyse dauerte noch an. Etwas mehr Hoffnung machte man dem Schachteam bei dem Hunderter, der vor dem Tresor gelegen hatte. Auf der Oberfläche waren Schweißspuren gesichert worden. Für die komplizierte Auswertung mussten sie auf das genetische Labor des Landeskriminalamtes warten.

Fleisser Auto blieb verschwunden, ebenso seine Schlüssel, und die Waffe, aus der der tödliche Schuss abgegeben worden war. Wahrscheinlich lag auch Fleissers Handy, das sie noch vermissten, ebenfalls im Wagen. Das Projektil hatte den Körper durchschlagen und war auf das Metall des Tresors geprallt und dabei so deformiert worden, dass es zu mehr als der Kaliber- und Waffenbestimmung nicht mehr taugte.

Matu nahm sich den nächsten Vormittag frei und wimmelte, was ihm nicht leicht fiel, Annegret ab, die am Abend zu ihm kommen wollte.

"Bist du mich schon leid?"

"Nein, ich habe Ärger mit der Polizei."

"Wie das?"

"Annegret, ich habe wegen Einbruchs zweieinhalb Jahre gesessen, und nun wirft man mir vor, ich hätte bei einem neuen Bruch einen Menschen erschossen."

Sie schlug die Hände vor den Mund, um einen Schreckensschrei zu unterdrücken: "Das glaube ich nicht."

"Das ist leider die Wahrheit, aber es wäre schön, wenn du das vorläufig für dich behalten könntest."

Über ihre Reaktion musste er dann doch grinsen. "Natürlich, Matu, kein Wort. Also keine andere Frau?"

"Nein. Und den Mann habe ich auch nicht umgebracht."

"Das weiß ich doch, Matu, du doch nicht." So viel Vertrauen ehrte ihn. Oder sie? Wenn das Gericht doch auch so denken würde. Aber aus seiner Akte ging hervor, dass er als Jugendlicher und Heranwachsender oft Besserung gelobt und nie eingehalten hatte.

Am Abend schaute er sich einmal seinen Keller an, was seine Besucherinnen dort angestellt hatten. Unter "hinterher aufräumen" verstand er etwas anderes, aber sie hatten wenigstens alles zu kleinen Häufchen gestapelt. So war auch die fast schon vergessene Akte über den Unfalltod seines Vaters wieder zum Vorschein gekommen. Er ließ sie oben auf einem der Stapel liegen; wer wollte, durfte sie lesen; aber auf das Grab seiner Eltern musste er bald wieder einmal gehen. Für die Verlängerung der Liegezeit hatte er vor Jahren den gesamten Ertrag eines Bruches hinblättern müssen. Bufallo hielt ihn für plemmplemm. Er kannte seine Eltern nicht einmal dem Namen nach, sie hatten den Neugeborenen vor einer Kirchentür abgelegt.

Die Nacht wälzte er sich hin und her und kam zu keinem Entschluss. Seinem Anwalt würde er wohl die Wahrheit sagen müssen - sollte der doch entscheiden, ob es vernünftig war, mit der Behauptung, nein, ich war nicht in Fleissers Villa, nein, den Bruch habe ich nicht begangen, bei der Kripo aufzutreten.

Dr. Thomas Holk verdiente seine Brötchen lange genug auch mit Strafverteidigung, um sich auch von den wildesten Geschichten nicht überraschen zu lassen. Matu schaffte es immerhin, ihn zu verblüffen: "Keine Ahnung, wer die Frau gewesen sein könnte?"

"Nicht die geringste. Was soll ich nun bei der Vernehmung sagen?"

"Abwarten. Erstens dürfen Sie, wenn man Sie als Tatverdächtigen vernimmt, lügen, zweitens kann Sie niemand zwingen, sich selbst zu belasten, drittens will ich versuchen, noch vorher mit Jule Springer zu reden und viertens denken Sie daran: Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis und darf nicht vergessen, was er geflunkert hat. So, und nun will ich mal mein Glück versuchen, bei er schöne Jule eine Audienz zu bekommen."

Er hatte Glück, und weil sie sich aus manchen Verfahren kannten, vertrauten sie einander so weit, dass Holk ziemlich offen reden konnte.

"Matu war bei mir. Er hat natürlich Angst, dass Ihr Freund ihn wegen Raubmords anklagen will."

"Davon ist mein Hase noch weit entfernt. Die Haustür aufbekommen, das könnten viele Einbrecher. Aber den Schlözer & Tessmann ohne Gewalt zu öffnen, das schafft nicht jeder. Matu hat in der Haft mit einem Fachmann für solch alte Panzerschränke in einer JVA gesessen. Und wenn er zu der Zeit schon wusste, was ihn in Fleissers Arbeitszimmer erwartet, konnte er sich bei Ottokar, dem Brecheisen, Rat, Hilfe und Werkzeug besorgen."

"Haben Sie mit diesem Ottokar gesprochen?"

"Er leugnet, Matu überhaupt zu kennen. Das ist so ein alter wie sturer Mann."

"Die Geschichte sähe natürlich ganz anders aus, wenn neben Fleisser und Matu noch eine dritte Person zur Tatzeit am Tatort gewesen wäre."

"Nämlich?"

"Eine Frau zum Beispiel. Auch Frauen können schießen."

Jule überlegte, was sie preisgeben sollte und was ihr der Hase nie verzeihen würde. Holks Frage zeigte, dass er sich ohnehin auf der richtigen Spur bewegte, und wenn alles erst in der Hauptverhandlung herauskommen sollte, wo sie die volle Wahrheit sagen mussten, war der Staatsanwalt Hase mächtig blamiert.

"Sie haben es nicht von mir?"

"Natürlich nicht."

"Fleisser war an dem Mittwochabend zum wöchentlichen Essen mit - wie er sie nannte - Zunftkollegen im Alten Ritter erschienen, ist aber früh am Abend angerufen worden und hat daraufhin fast überstürzt die Gesellschaft verlassen.

"Wer angerufen hat, wissen Sie nicht?"

"Nein. Auto, Handy, Schlüssel - alles ist spurlos verschwunden."

"Hatte er es denn mit Frauen?"

"Und wie. Die Angestellten in seinem Geschäft nennen oder nannten ihn einen Hurenbock." Sie hob die Hand: "Einen Moment noch, Herr Holk. Vom Oberhemd des Toten haben wir zwei lange Haare abgelesen, durchaus möglich, dass es hellbrünette Frauenhaare sind. Und in der Dielengarderobe haben wir abgerissene Teile eines Jackenaufhängers gefunden, der wohl von einer bunten leichten Jacke stammt, wie Männer sie eigentlich selten tragen."

"Denkbar also, dass Fleisser an dem Abend eine Frau zu sich nach Hause geholt hat."

Sie nickte: "Und dabei hat er Matu überrascht, der annahm, auch an diesem Abend würde der Hausherr, wie sonst üblich, erst gegen Mitternacht heimkommen."

"Liebe Frau Springer, ich fürchte, Sie unterschätzen Matu. Ich glaube, der wird, wenn er überhaupt zugibt, in der Villa gewesen zu sein, steif und fest behaupten, als ich dort wegging, lag keine Leiche auf dem Fußboden."

"Ach ja. Das vermuten Sie?"

"Ich kenne ihn schon länger."

Das hässliche Wort "Mandantenverrat" verschloss ihm danach die Lippen. Deutlicher konnte Holk die Strategie der Verteidigung nicht bekannt machen. Jule verstand, auch der Hase hatte sofort verstanden. Und wenn sie nicht noch einen handfesten materiellen oder forensischen Beweis fanden, war an eine erfolgreiche Anklage wegen Raubmord nicht zu denken. Die Vorsitzenden der beiden großen Strafkammern waren bekannt dafür, dass sie bei der Annahme von Anklagen sehr strenge Maßstäbe anlegten. Hase machte seiner Jule keine Vorwürfe, dass sie sich auf das Gespräch mit Holk eingelassen hatte. Erstens war sie eine selbständige, selbstbewusste Frau, der klar war, was sie tat, und zweitens hatte sie der Anklage und dem Ankläger wahrscheinlich eine unangenehme Überraschung im Hauptverfahren erspart.

Matu war nicht so begeistert, als ihm Holk mit der erforderlichen Verschleierung das Ergebnis des Gesprächs berichtete.

"Das heißt doch, ich muss einfahren. Wenn nicht wegen Raubmord, dann wegen Einbruch."

"Ich fürchte - ja."

"Scheißspiel."

"Es kommt wohl noch schlimmer, Herr Matuschewski. Für den Bruch gibt es nur dann eine akzeptable Strafe, wenn Sie die Beute herausrücken."

Matu zog eine Flappe und Holk lachte. "Es hat sich also gelohnt?"

"Weiß ich noch nicht, ich habe mir den Inhalt des Tresors noch nicht angesehen."

"Das heißt, die Beute ist gut versteckt?"

Matu nickte und Holk schnitt eine Grimasse.

"Dann rate ich Ihnen, sie weiterhin nicht zu besichtigen und dem Gericht erst zu offenbaren, wenn wir dafür was bei der Strafzumessung herausschlagen können."

"Glauben Sie, die beobachten mich in Zukunft?"

"Nicht auszuschließen." Die Kollegen von Bruch und Klau hatte Matu einige Male an der Nase herumgeführt, sie sahen das sportlich und würden einige Mühe darauf verwenden, ihm das heimzuzahlen.

"Mist."

"Sie wissen doch, dass Sie irgendwann die Beute herausgeben müssen."

"Darum geht es nicht, ich habe eine neue Freundin, und wenn Jules Mannschaft mich beobachtet, gerät die Neue unschuldig mit in den Strudel."

"Das haben Beziehungen so an sich. Übrigens war es gut, dass Sie dem 11er erlaubt haben, Ihre Wohnung und Ihr Auto zu inspizieren.

Jule bereitete sich auf eine lange Sitzung vor, als endlich am späten Nachmittag Matu in ihr Zimmer kam.

Nach den Formalitäten wie Name, Alter, Beruf, Anschrift kam sie gleich zur Sache.

"Herr Matuschewski, sind Sie am vergangenen Mittwoch in die Villa Fleisser am Mauerweg 19 eingebrochen?"

"Nein."

"Sind Sie jemals in der Villa gewesen?"

Matu konnte nur hoffen, dass Greta eine putzfreudige Haushälterin war: "Nein."

"Sind Sie jemals mit Martin Fleisser zusammengetroffen?"

"Bewusst nie."

"Was soll das heißen?"

"Ich habe schon beim Juwelier Fleisser in der Langenfelder Allee eingekauft und weiß nicht, wer mich bedient hat."

"Okay. Und sonst?"

"Nein."

"Sie bleiben dabei, dass Sie am vergangenen Mittwoch abends allein in Ihrer Wohnung waren und ferngesehen haben?"

"Ja."

"Können Sie sich noch daran erinnern, was es gab?"

"Einen Moment." Er hatte diese Frag erwartet und sich darauf vorbereitet. "Nach der Tagesschau wurde im Ersten ein Spielfilm wiederholt. Den Titel habe ich vergessen. Eine ledige Mutter muss wegen einer Krebsoperation für mehrere Wochen ins Krankenhaus und kann ihre drei Kinder nur bei ihrem Bruder parken, einem pedantischen kinderfeindlichen Arschloch, das zuerst die Kinder tyrannisiert und dann von den Kindern, wie sich das für einen Kitschfilm gehört, zu einem perfekten Kindererzieher und liebevollen Onkel umerzogen wird. Niveau unterhalb Kita."

Jule grinste über die Beschreibung und ärgerte sich über das Wort "wiederholt", womit er ihr den Wind aus den Segeln genommen hatte.

"Sie kennen den Mauerweg?"

"Ja."

"Und woher?"

"Ich besuche ab und zu die Schlosskonzerte und gehe aus dem Anlass häufiger im Schlosspark spazieren."

"Wissen Sie, wer oder was Schlözer & Tessmann ist?"

"War", verbesserte er, "die Firma ist noch 1945 total zerbombt worden, und hat den Bau von Panzerschränken und Tresoren nicht mehr aufgenommen." Er sah sie offen an und schien zum ersten Mal ärgerlich. "Frau Springer, können wir uns das Theater nicht sparen? Sie wissen doch, dass ich im Baumarkt in der Abteilung Sicherheit arbeite und über Schlösser, alte und neue Geldschränke, Alarm- und Sicherungsanlagen ganz gut Bescheid weiß."

Sie seufzte. "Was meine Arbeit nicht eben leichter macht. Kennen Sie einen Ottokar, genannt das Brecheisen?"

"Ich weiß, dass wir zur gleichen Zeit in Bruchsal gesessen haben. Sicher habe ich dort ab und zu mit ihm gesprochen. Aber kennen - nein, das wäre zu viel gesagt."

"Wenn Sie nicht in die Villa Fleisser eingebrochen sind, können Sie mir natürlich auch nicht sagen, wo die Beute versteckt ist."

"So ist es."

Nach zwei Stunden ließ sie ihn gehen. Stur, höflich und unerschütterlich war er bei seiner Linie geblieben. Nein, er war am Mittwoch nicht bei Fleisser eingestiegen, und Jule hatte bei der dünnen Beweislage nicht gewagt, ihm direkt oder indirekt vorzuwerfen, er habe Fleisser erschossen.

Er hatte gerade ihr Zimmer verlassen, als das Labor des LKA anrief. Sie hatten die Schweißspur auf dem Geldschein und die daran hängenden Hautschuppen sichern können und das Ergebnis an die zentrale Sammelstelle nach Wiesbaden geschickt.

Jule Springer und Ellen König warteten noch auf den letzten für heute bestellen Zeugen, der erst nach Geschäftsschluss kommen konnte. Josef Reiter bestätigte, dass er Fleisser seit vielen Jahren kannte und den Konkurrenten nicht sonderlich geschätzt hatte.

"Wir haben gehört, dass er ein Schürzenjäger ist respektive war."

"Schürzen?"

"Ich weiß, Schürzen trägt man heute nicht mehr so häufig", meinte Ellen zwinkernd.

"Das hat ihn nicht gestört, er hat den Frauen gerne alles ausgezogen, was sie trugen."

"Gewaltsam?"

Reiter zögerte: "Nein, das hat man nie über ihn gemunkelt. Er hat lieber für sein Vergnügen gezahlt."

"Bei Professionellen?"

"Möglich. Fleisser war in dem Punkt sehr verschwiegen und, wie mir eine frühere Angestellte, die sich mit ihm eingelassen hatte, später gestand, nicht wählerisch."

"Kennen Sie eine dieser Halbprofessionellen oder Freundinnen?"

"Nein". Reiter rieb sich das Kinn. "Dazu kann ich Ihnen gar nichts sagen."

"Kennen Sie seine Freunde oder seine Familie?"

"Nein. Wir haben einmal bei einem letzten Glas Wein zusammengesessen, und da hat er mir erzählt, dass er am nächsten Tag Besuch von seiner Nichte erwarte, der einzigen Tochter seines einzigen Bruders." Reiter stockte. "Und dabei hat er eine komische Bemerkung gemacht. Dieses Luder wolle sich wahrscheinlich nur einmal ansehen, was sie respektive ihr Vater so alles erben würden. Dem Luder könnte das ja wohl nicht rasch genug gehen. Und ihr Vater, sein Bruder, sei ein Waschlappen."

"Das klingt nicht nach großer Geschwisterliebe."

"Nein, die gab es wohl nicht." Reiter zögerte einen Moment. "Aber der alte Fleisser, der Begründer des Geschäfts, muss ein merkwürdiger und nicht sehr angenehmer Kauz gewesen sein."

"Haben Sie Fleissers Frau noch kennengelernt?" fragte Jule, und Reiter erwiderte verkniffen. "Sehe ich so alt aus?! Nein, ein inzwischen verstorbenes Mitglied hat es mal erzählt."

"Was würden Sie urteilen? Lief Fleissers Geschäft gut?"

"Ja, doch, ganz gut, ich gebe es nicht gerne zu, aber vom Geschäft verstand Martin was. Mehr, als von seinem Handwerk."

Nach längeren Besinnungspausen erinnerte Reiter sich auch an den Vorname der Nichte. Laura - Ludmilla - nein, Lydia Fleisser. Und gelebt hatte sie in einer Stadt, von der Bewohner einer Nachbarstadt im Spott behaupteten, es gebe den Ort gar nicht. Diesmal schaltete ihre Jüngste: "Bielefeld."

Reiter schaute sie verwundert an: "Genau."

"Ich darf Ihnen versichern, dass meine Geburtsstadt tatsächlich existiert. Und was kann man von den Münsteraner schon anderes erwarten. In einer Stadt, in der es immer regnet, stets die Glocken läuten oder öder Sonntag ist."

Sie machten Schluss, bevor Sigrid, die Erzürnte, mit einem Obstmesser auf Reiter losging.

Rechtsanwalt Mühlensiepen zeigte sich sehr kooperativ. Ja, es gebe einen Bruder Georg, der in Bielefeld lebe und eine Tochter Lydia habe. Was Martin Fleisser über sein Erbe festgelegt habe, wisse er nicht. Aber das, was Ellen König da vorgetragen habe, klinge sehr logisch. Keine Kinder, keine Ehefrau, und als Verwandte nur ein Bruder und dessen Tochter. Da würde er auch denken, es fiele zu guterletzt alles an Georg und Lydia Fleisser.

"Ein ordentlicher Batzen?"

"Also, es ist schon für sehr viel weniger gemordet worden."

Dieser dumme Spruch beschäftigte Jule noch, als sich kurz vor Dienstschluss die Hauptkommissar, ihre beiden Kolleginnen, Staatsanwalt Hase und Kriminalrat Jonas Jansen zusammensetzten. Sie waren sich einige, für einen Haftbefehl langte es nicht und Matu wollte anscheinend alles auf eine Karte setzen und bestreiten, dass er überhaupt in der Villa Fleisser gewesen sei und, falls man ihm das doch nachweisen konnte, darauf beharren, dass er mit Fleisser nicht zusammengetroffen war, dass sich aber zur Tatzeit eine weitere Person in der Villa aufgehalten habe.

"Wie steht es mit der unbekannten Person?", erkundigte sich Jansen.

"Schlecht", gab Jule zu. "Es könnte natürlich eine neue Freundin gewesen sein, die während des Essens Fleisser angerufen hatte, damit er sie abgeholt und sie gemeinsam sein Bett in der Villa am Mauerweg ansteuerten."

"Wenn man sich so weit schon einig war, warum erschießt sie ihn? In seinem Arbeitszimmer, nicht einmal im Schlafzimmer?"

Allgemeine Ratlosigkeit und Achselzucken.

"Haben wir einen Hinweis auf den Schreiber des anonymen Briefes?"

Erneutes Kopfschütten.

"Er muss sich ja in der Nähe der Fleisser-Villa aufgehalten haben, vielleicht ein Helfer, ein Freund?"

"Null komma Null", musste Jule zugeben.

"Habt ihr Euch mal Matus Freunde angesehen?", wollte Hase wissen.

"Er hat kein Freunde, er scheint ein absoluter Einzelgänger zu sein", sagte Ellen König zerknirscht.

"Hobbies, gute Kontakte zu Nachbarn? Vereine? Initiativen? Kleingarten? Posaunenchor? Freiwillige Feuerwehr?"

"Nein."

"Homosexuell, Päderast?"

"Weder - noch."

"Was macht er eigentlich in seiner Freizeit?"

"Polizeilich nicht bekannt", murrte Jule.

Jansen kam auf den Casus knacktus zurück: "Das heißt, wir müssen ihm unbedingt nachweisen, dass er am Tattag zur Tatzeit in der Villa war."

Das Schachteam nickt wie auf Kommando: "Genau."

Und Jule nutzte die Gunst der Stunde: "Wir würden gern sein Telefon überwachen."

Dazu schwiegen Jansen und Hase vielsagend. Ein anonymer Brief reichte für den Erlass eines Haftbefehls so wenig aus wie zur Erlaubnis, ein Telefon zu überwachen. Und bei dem Versuch, Fleissers neue Freundin zu finden, waren sie keinen Schritt weitergekommen. Sie steckten in einer Sackgasse und wenn nicht Matu, dann war bestimmt sein Anwalt intelligent genug, das bald zu erkennen.

Doch dann meldete sich die KTU. Das Labor des Landeskriminalamtes hatte endlich Zeit gefunden, sich mit dem Geldschein zu beschäftigen, den sie vor dem Fleisserschen Tresor aufgelesen hatten. Es gab tatsächlich einen Schweißfleck mit DNA-Material, so, als ob ein schwitzender Mann sich zum Beispiel mit einem Plastikhandschuh fest über seine schweißnasse Stirn gefahren war und dabei drei Hautschuppen mitgenommen habe, bevor er sich bückte, um den Schein aufzuheben, auf die er unfreiwillig seine DNA übertrug. Warum er ihn dann doch liegen oder wieder fallen ließ, war unverständlich. Die DNA war sequentiert. Aber sie besaßen von Matu keine legal beschaffte Vergleichsprobe. Selbst nicht vor Gericht verwertbares Material hätte ihnen jetzt gereicht, um endlich sicher zu sein, dass sie nicht die ganze Zeit einer völlig falschen Spur nachliefen. Fleissers Auto, seine Schlüssel und die Mordwaffe waren und blieben verschwunden. Jule beriet lange mit Ellen, was sie tun sollten. Wenn sie jetzt vor Gericht nachweisen konnten, dass Matu in der Villa, am Tresor, gewesen war, stand damit immer noch nicht fest. dass er auch Fleisser erschossen hatte, zumal sie bislang keinen Menschen gefunden hatten, der je eine Waffe bei Matu gesehen hatte. Und Matus Anwalt würde vor Gericht immer wieder nachfragen, wer die dritte Person gewesen sei. Das lief bei einer Anklage wegen Raubmord, so sie denn von der Strafkammer angenommen wurde, auf einen Freispruch mangels Beweisen hinaus.

Der Meinung war auch der Hase. Immerhin sollten sie mit Einbruch durchkommen, obwohl es natürlich schöner wäre, wenn sie dem Gericht auch die gefundene Beute präsentieren könnten. Doch Matu dachte nicht daran, seine Beschatter zu Buffalo zu führen. Stattdessen waren sie ihm zweimal abends zur Bushaltestelle Löbersweg gefolgt, wo sich Matu

den Fußüberweg und die Fußgängerampel angeschaut hatte, als habe er so etwas noch nie gesehen.

Nach dem zweiten Abend warf Jule den Computer an und gab den Suchbefehl "Löbersweg & Matuschewski" ein. Kein Ergebnis.

Der Kollege Heiner Stellmichel, Leiter der Pressestelle, bot ihr mehrere Erklärungen an. Entweder lag das Ereignis mehr als zehn Jahre zurück, weiter waren die Archivakten noch nicht digitalisiert und jene Teile, die für eine Volltextrecherche nicht geeignet waren, noch nicht verschlagwortet worden. Oder es hatte ein Ereignis stattgefunden, das zwar polizeibekannt geworden und strafrechtlich relevant gewesen war. Aber die mögliche Straftat war inzwischen verjährt und das Material deshalb gelöscht worden. Auch große Festplatten drohten mal überzulaufen.

Stellmichel bot sich an, in den digitalen Archiven von Tageblatt, Landeszeitung und Morgenblick suchen zu lassen.

Die um Amtshilfe gebetenen Kollegen aus Biefeld meldeten sich. Bruder Georg hatte für den Tatabend ein unerschütterliches Alibi, Nichte Lydia wollte die Nacht mit einem Mann verbracht haben, den sie erst an dem Abend in einer Kneipe kennengelernt hatte und von dem sie nur wusste, dass er Lothar hieß. "Den Versuch eines Identikits anbei. Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass sie mir auf Bitten die richtige Uhrzeit sagt", hatte ein Kollege auf die Rückseite des Identikits-Ausdrucks gekritzelt. "Alles sehr hilfreich", stöhnte das Schachteam.

Hase fragte auf dem kleinen Dienstweg vor dem Badezimmerspiegel, ob er anfangen könnte, eine Anklageschrift zu entwerfen. Sie nickte: "Aber Vorsicht mit den Begriffen Mord oder Totschlag."

Nach der Kantine erschien der Kollege Stellmichel im Elften und legte Jule stolz mehrere Kopien auf den Schreibtisch. "Die Landeszeitung hat wirklich ein gutes Archiv", lobte er. Vor ziemlich genau 35 Jahren hatte es auf dem Fußgängerüberweg neben der Bushaltestelle Löbersweg einen Unfall gegeben, an dem ein Matuschewski beteiligt war. Ein unbekannter Fahrer hatte Fahrerflucht begangen, nachdem er Matus Vater auf dem Überweg tödlich verletzt hatte. Es gab Zeugen, aber deren Aussagen waren derart widersprüchlich, dass weder das Auto noch der Fahrer gefunden werden konnten. Es stand nicht einmal zweifelsfrei fest, ob auf dem Beifahrersitz des Cabrios eine Person gesessen hatte oder nicht. Das Verfahren gegen Unbekannt war nach einigen Monaten eingestellt worden.

"Hat das war für unsern Fall zu bedeuten?", wollte Hase wissen.

"Ich glaube nicht."

Vorsichtshalber begab sie sich auf eine Expedition in das Archiv, fand auch nach einer staubigen, langen und dreckaufwirbelnden Suche die Akte und war nach der Lektüre auch nicht schlauer.

Bei der nächsten "Konferenz" im Bad wollte der Hase wissen: "Und wenn Matus Anwalt ganz harmlos wissen will, was denn in dem Panzerschrank gelegen hat, was soll ich dann antworten?"

"Dass wir uns darüber Auskunft von seinem Mandanten erhoffen."

"Quatschkopf."

"Danke! Paul, wir wissen es einfach nicht. Fleissers Freunde - von denen es, wenn überhaupt, nicht viele gibt - schweigen und seine Feinde wissen angeblich von nichts."

"Ich seh' schon, es gibt allenfalls eine Verurteilung wegen Sachbeschädigung."

"Oder Fundunterschlagung, denk' an den Euroschein."

Matu hörte lange nichts mehr von der Kripo, und als ihm dann die Anklageschrift zugestellt wurde, meinte sein Anwalt: "Unsere Rechnung ist aufgegangen: Keine Silbe von Mord oder Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge."

Matu wollte darauf beharren, auch vor Gericht strikt zu leugnen, dass er in der Fleisser-Villa gewesen sei, aber Holk warnte ihn. "Man sollte die Gutgläubigkeit und den guten Willen einer Großen Strafkammer nicht überstrapazieren. Wir müssten dann zur Tatzeit eine vierte Person an den Tatort zaubern. Und das übersteigt die Vorstellungs-Bereitschaft eines jeden Richters."

"Und wenn ich in der Hauptverhandlung gestehe, dass ich den Tresor geöffnet habe?"

"Wirkt sich das bestimmt positiv auf's Strafmaß aus - allerdings wohl nur unter der Bedingung, dass Sie auch das Versteck der Beute verraten."

"Dann ziehe ich jemanden rein, der sich bis jetzt immer anständig mir gegenüber verhalten hat."

"Sind Sie da ganz sicher? Haben Sie schon vergessen, dass Sie den ganzen Ärger einem anonymen Briefeschreiber verdanken?"

Die Frage gab Matu zu denken, der schließlich hilflos fragte: "Und was raten Sie mir?"

"Zur Person müssen Sie aussagen, dann würde ich an Ihrer Stelle schweigen. Überlassen Sie das Reden mir!"

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Drittes Kapitel

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Über den Vorsitzenden in ihrem Verfahren war Thomas Holk nicht glücklich. "Zeller ist ein scharfer Hund", warnte er Matu, "wirkt leicht schläfrig, hört aber genau zu. Und in einem Punkt ist er ungeheuer empfindlich. Wenn er irgendwie Unhöflichkeit oder Respektlosigkeit wittert, wird er unangenehm. Also bitte, verehrter Mandant, lieber einmal demütig im Staub kriechen als motzig oder pampig werden. Nicht vergessen: ein Vorsitzender hat immer Recht."

Matu versprach, sich zu zügeln und Holks Ermahnung nie zu vergessen.

Am Abend vor Prozessbeginn kam Annegret zu ihm: "Ich hab's in der Zeitung gelesen. Es tut mir so leid, Matu. Wenn du willst, warte ich auf dich, oder meinst du, die sprechen dich frei?"

"Das hoffe ich, aber darauf verlasse ich mich nicht. Aber wenn es schief geht, habe ich eine große Bitte. Die Wohnung kann ich nicht halten, könntest du dich darum kümmern, dass die Sachen eingelagert werden? Falls es Probleme gibt, mein Anwalt heißt Dr.Thomas Holk, sitzt im Helgenhof und wird dir helfen."

Der Große Sitzungssaal war nur zur Hälfte besetzt, als Matu mit seinem Anwalt hereinkam und auf der Anklagebank Platz nahm. Genau gegenüber saß Staatsanwalt Paul Hase und eine junge Frau, die, wie Holk Matu zuflüsterte, eine Referendarin war. Die zweite Frau, die auf der Ecke saß, war die Protokollführerin, der Holk zuwinkte. "Ines bringt mir Glück", flüsterte er weiter. "Wenn sie Protokoll geführt hat, habe ich noch nie einen Prozess verloren."

Zeller und die anderen Richter betraten auf die Sekunde pünktlich den Saal, der große Zeiger der Uhr über der Richterbank, der auf die Zwölf gesprungen war, zitterte noch, als sie sich setzten.

Eröffnung, allgemeine Zeugenbelehrung und Verlesen der Anklage ging im Eilzugtempo über die Bühne. Von der Anklage, die Paul Hase wie ein Maschinengewehr herunterratterte, hätte Matu keinen Satz begriffen, wenn ihm Holk das Schriftstück nicht Satz für Satz vorher erklärt hätte. Schneller als gedacht war Matu an der Reihe und sollte zur Person aussagen. Holk stieß ihn an und Matu erinnerte sich, was sein Anwalt ihm geraten hatte. Er stand auf, schnurrte die Daten herunter und begann dann auf Zellers Aufforderung mit seiner "schulischen Laufbahn". Grundschule in Lauterbeck, dann Paul-Lange-Gymnasium. Zeller unterbrach ihn einmal: "Hatten Sie damals schon einen festen Berufswunsch? Ich meine jetzt nicht den Dampflokführer oder Straßenbahnfahrer."

Matu lachte unwillkürlich.

"Nein, nicht Lokführer, sondern Lokbauer. Ich wollte Maschinenbau studieren."

Zeller musterte ihn wohlwollend. "Sagen Sie dem Gericht auch, warum Sie das nicht getan haben?"

"Ja. Einen Tag nach meinem zehnten Geburtstag ist mein Vater bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Der schuldige Fahrer beging Fahrerflucht und ist nie gefunden worden. Mein Vater hatte Monate zuvor ein eigenes Unternehmen eröffnet und dafür große Kredite aufgenommen, die nun zurückgezahlt werden mussten. Meine Mutter kam mit den technischen und finanziellen Problemen nicht klar und musste verkaufen. Danach führte bei uns Schmalhans Regie und für mich hieß das, ich musste so schnell wie möglich eigenes Geld verdienen. Deswegen bin ich nach dem Einjährigen vom Gymnasium abgegangen und habe eine Lehre als Feinmechaniker begonnen."

"Die Sie auch abgeschlossen haben?"

"Ja, Herr Vorsitzender. Die Arbeit hat mir auch Spaß gemacht, gestört hat mich nur, dass viele andere Lehrlinge - so hießen sie allgemein noch - sehr viel mehr Geld zu Verfügung hatten als ich. Eines Tages hat mir einer angeboten, mich zur Beschaffung eines Nebenverdienstes mitzunehmen."

"Ihre Kollegen klauten Autos oder raubten sie aus, brachen ein oder begingen Diebstähle?"

"Ja."

"Und Sie haben mitgemacht?"

"Ja, Herr Vorsitzender."

"Wie lange ging das schon, als man Sie schnappte?"

"Gut ein Jahr."

"Sie sind damals mit Wochenendarrest davongekommen?"

"Ja."

Zeller räusperte sich und Matu fuhr fort: "Ich habe danach weitergemacht."

"Angeklagter, das verstehen wir nicht. Alle Ihre Lehrer und Ausbilder haben Sie damals als außergewöhnlich intelligent und einsichtig bezeichnet, Sie mussten doch wissen, wo das eines Tages enden würde."

"Ja, Herr Vorsitzender. So ganz klug war ich eben damals doch nicht. Ich musste bis auf 30 Mark allen Verdienst zu Hause abgeben, meine Mutter zahlte immer noch Schulden aus der Firmengründung meines Vaters zurück, die Lebensversicherung, die er abgeschlossen hatte, zahlte nicht, die Kumpels fuhren eigene Mopeds, hatten Freundinnen und feierten Partys." Matu hatte es so gleichmütig und ruhig vorgebracht, dass Zeller darauf nichts zu erwidern wusste.

"Dann wurden Sie angeklagt und zu 30 Monaten Haft verurteilt."

"Ja, Herr Vorsitzender."

Holk hatte schon zum Sprung bereit gestanden, um zu intervenieren, sollte Zeller erwähnen, dass bei der letzten Festnahme der Bande einer mit einem Springmesser auf einen Polizisten losgegangen war. Sobald Pucko für mehrere Jahre hinter Gittern saß, löste sich die Jugend-Bande auf. Matu bekam einen ordentlichen Job in einer Feinmechanischen Werkstatt in Nürnberg, gab sie auf und kam nach Tellheim zurück, als seine Mutter schwer erkrankte. Nach ihrem Tod suchte er sich einen anderen Job und wurde Verkaufsberater im Baumarkt Schödel am Zentrumsplatz, löste die elterliche Wohnung auf und fand eine eigene Wohnung in der Renzelstraße, in der heute noch lebte, und die er wahrscheinlich verlieren würde, wenn er zu Haft verurteilt werden solle.

Zeller wollte das Thema wechseln: "So, dann kommen wir mal zum Einbruch bei Fleisser."

Holk erhob sich: "Mit Verlaub, Herr Vorsitzender. Mein Mandant möchte zu Sache nicht aussagen und dazu auch keine Fragen beantworten."

Zeller war sichtlich enttäuscht: "Das ist sein gute Recht. Dann beginnen wir mit der Beweisaufnahme." Als sich Matu setzte, sah er sich im Zuschauerraum flüchtig um. Annegret Fuhrmann saß ungefähr in der Mitte, neben ihr eine junge Frau, die Matu für die Tochter Lena hielt.

Seinen ersten Treffer landete Rechtsanwalt Thomas Holk bei der Vernehmung der Hauptkommissarin Jule Springer: "Frau Zeugin, mir ist beim Studium der Anklageschrift nicht ganz klar geworden, was denn mein Mandant im Mauerweg nun alles gestohlen haben soll."

Jules Miene versprach so deutlich Mord, dass sich Zeller warnend räusperte: "Das wissen wir nicht. Wir haben keine Zeugen, keine Unterlagen darüber gefunden, was Fleisser alles in seinem privaten Panzerschrank aufbewahrt hat."

"Wenn mein Mandant nun behaupten würde, er sei mit leeren Händen abgezogen, könnten Sie nicht widersprechen?"

"Nein."

"Haben Sie ihn denn nicht danach befragt?"

"Doch, natürlich, aber zu der Zeit hat er immer behauptet, er sei gar nicht in der Villa Fleisser gewesen und habe vor allem keine Tresore geöffnet."

"Aber Sie sind davon überzeugt, dass er in Fleissers Arbeitszimmer war."

"Ja."

"Was Sie ihm nachweisen können?"

"Ja."

Das hatte Holk hören wollen, also erledige sich damit Matus Strategie, stur zu leugnen, von selbst.

"Frau Zeugin, unterstellen wir mal, mein Mandant gäbe zu, den Tresor geöffnet zu haben, wäre damit auch bewiesen, dass er Fleisser erschossen hat?"

"Nein", sagte sie nach einigem Zögern in der Hoffnung, Zeller würde eingreifen, der aber mit glänzenden Augen lieber zuhörte und spätestens jetzt wusste, dass sich die Anklage auf sehr dünnem Eis bewegte.

"Frau Zeugin, noch eine Unterstellung: Mein Mandant hat den Tresor aufgebrochen, mehr oder minder Beute eingesackt und die Villa verlassen, bevor Fleisser mit einer dritten Person seine Villa betritt. Ergeben die Spuren eindeutig, dass das nicht der Fall gewesen sein kann?"

Wieder schaute sie etwas hilflos auf Zeller, der aber so wenig wie Hase eingreifen wollte: "Nein."

Holk war zufrieden. Damit waren gleich zu Beginn der Beweisaufnahme die Weichen in seinem Sinne gestellt.

"Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, meinen Mandanten zu verdächtigen?"

Sie musste in den sauren Apfel beißen: "Durch einen anonymen Brief."

"Und das reichte, um sich auf ihn als möglichen Täter zu konzentrieren?"

"Nicht allein. Die Tatsache seiner Vorstrafen hat schon eine gewisse Rolle gespielt", entgegnete sie verbiestert. Zeller grummelte vernehmlich und Holk nahm die Attacke großmütig hin.

"Haben Sie den Schreiber identifiziert?"

"Nein."

"Aber ist es wahrscheinlich, dass er sich am Tatabend in der Nähe des Tatorts aufgehalten hat?"

"Wenn nicht wahrscheinlich, dann doch gut möglich", belehrte ihn die gereizte Jule Springer.

"Frau Zeugin, mein Mandant hat mir erzählt, dass Sie nach Eingang des anonymen Briefes mit zwei Kolleginnen zu ihm in die Wohnung gekommen sind. Richtig?"

"Ja."

"Sie sollen ihn gebeten haben, ob Sie sich in seiner Wohnung, in seinem Keller und in seinem Auto umsehen dürften. Richtig?"

"Ja."

"Hat er Ihnen das erlaubt oder auf einem Durchsuchungsbeschluss bestanden?"

"Ohne Anstand sofort erlaubt."

"Danke. Frau Zeugin, haben Sie materielle Hinweise darauf gefunden, dass sich zur Tatzeit noch eine dritte Person am Tatort aufgehalten hat?"

"Ja", sagte sie laut und vernehmlich. "Wann genau, wissen wir nicht, aber auf jeden Fall am Tatabend." Zeller tat überrascht und Staatsanwalt Hase rieb sich mit unglücklicher Miene das Kinn.

Jetzt mischte Zeller sich ein. "Darüber können und sollten wir später den Sachverständigen der Polizei befragen."

"Ja", stimmt Holk sofort zu. "Vielen Dank, Frau Zeugin, ich habe dann keine weiteren Fragen mehr."

Alle Hoffnungen Matus, doch noch an einer Haftstrafe vorbeizukommen, zerstoben mit der Aussage des Sachverständigen Dr.Frank Dietz vom Landeskriminalamt. Die drei Hautschuppen in dem Schweißfleck auf dem Geldschein stammten mit hundert Prozent Sicherheit von Herbert Matuschewski. Seidel hatte in seiner Aussage freiwillig eingeräumt, dass die roten Fasern an der Kante der Tresortür wenig Beweiskraft besaßen. Von Shirts aus diesem Bauwollstoff waren mindestens 150 000 Stück verkauft worden. Es gebe keine Möglichkeit, diese Fasern eindeutig dem Shirt zuzuordnen, das die Kripo bei dem Angeklagten sichergestellt hatte.

Alles andere war hervorragend in Matus Sinn verlaufen, keiner seiner Boccia-Kumpel war namentlich erwähnt worden, natürlich auch Buffalo nicht. Matu und eine Pistole - Fehlanzeige. Holk hatte eine Bombe in Form seiner einzigen von ihm geladenen Zeugin vorbereitet. Lydia Fleisser, die Nichte des ermordeten Martin, sträubte sich lange zuzugeben, dass sie eines Tages wohl alles erben würde, was Onkel Martin hinterlassen hatte. Oder, wie Thomas Holk etwas süffisant korrigierte, das, was ihr Vater dann noch nicht vergeudet hatte.

"Ist Ihnen inzwischen der Familienname Ihres Freundes Lothar wieder eingefallen?"

"Nein, tut mir leid, wir haben uns nach der ersten Nacht getrennt."

"Aber Sie können sich daran erinnern, wann Sie zum letzten Mal mit Ihrem Onkel Martin telefoniert haben?"

Das konnte sie: "An dem Abend, an dem er ermordet wurde."

Durch das Publikum und die Richter ging ein mächtiger Ruck. Holk lächelte grimmig in sich hinein. Nach der Aussage des Fachmannes Dietz hatte Holk keinen Grund mehr, die Hauptkommissarin Springer zu schonen. Oder ihren Freund, Staatsanwalt Hase.

"Aha, und was wollten Sie von ihm."

"Mich mit ihm treffen und ihn anpumpen."

"Moment mal", unterbrach Zeller. "Habe ich Sie richtig verstanden? Sie leben doch in Bielefeld."

"Ja."

"Und da wollen Sie mal so eben einen Onkel in Tellheim sprechen und anpumpen. Bei der Entfernung zwischen den beiden Städten?"

"Ach so, jetzt verstehe ich", gab sie sich erstaunt. "Ich habe nicht aus Bielefeld angerufen."

"Sondern?"

"Aus Lenkersdorf."

"Sie waren an dem Abend in Lenkersdorf?"

"Sage ich doch."

Holk stand wieder auf. "Wenn Sie erlauben, Herr Vorsitzender, ich glaube, ich kann das Rätsel lösen."

"Bitte, bitte!", schnaufte Zeller erleichtert.

"Sie waren an dem Tag zu Besuch in Lenkersdorf, Frau Zeugin?"

Sie nickte.

"Ich rate mal, bei Bodo Wertz."

Es dauerte, bis bei allen das Zehn-Cent-Stück gefallen war. Holk schmunzelte grimmig. "Sie waren nicht allein bei Wertz."

"Nein."

"Er hatte noch eine Greta Lissen zu Besuch."

"Nein", widersprach sie, "Nicht zu Besuch. Wir haben gearbeitet."

"Das verstehe ich nicht."

"Wertz dreht Pornofilme für das Internet, in denen ich mitspiele. Manchmal eben auch diese Greta Lissen. Sie spielt dann die Mutter, die ihre Tochter mit dem Freund überrascht."

Zeller grunzte: "Ich denke, sie ist seine Freundin."

"Ja, deswegen tut sie es auch ohne Honorar. Mich muss er bezahlen."

Jetzt ließ sich das Lachen nicht länger zurückhalten. Die Zuschauer wieherten und krümmten sich vor Vergnügen, und Zeller brauchte Minuten, bis wieder Ruhe eingekehrt war. Dann nickte er Holk zu:

"Sie haben also Ihren Onkel am Handy erreicht?"

"Ja, er hat sofort geknurrt, heute ginge es nicht. Er sei unterwegs zum See, um eine Freundin für die Nacht abzuholen.

"Unterwegs zum See?"

"Ja, das habe ich auch nicht verstanden, und bevor Sie weiterfragen - den Namen der Freundin hat er auch nicht genannt."

Zeller entließ die Zeugin und bat Holk und Hase nach vorn. Leise sagte er: "Eine großartige Nummer, Herr Verteidiger! Was sollte das?"

"Ich wollte nur für das Protokoll aktenkundig machen, wie unzureichend und schlampig in diesem Fall ermittelt worden ist."

"Das ist Ihnen gelungen!", knurte Zeller unfreundlich, und Hase zog den Kopf ein.

In seinem Plädoyer vermied Holk zu behaupten, Matu habe den Tresor nicht geöffnet, sagte aber auch kein Wort über unzureichende Ermittlungen und beantragte eine Freiheitsstraße unter 24 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt werden könnte.

Hase plädierte für fünf Jahre, und die Kammer verhängte nach auffallend kurzer Beratung 40 Monate Freiheitsentzug und Übernahme der Kosten. Matu wollte das Urteil anfechten, verzichtete aber, weil Holk ihm mit guten und vielen Gründen dringen abriet. Vor Haftantritt verfasste Matu ein umfangreiches Gedächtnisprotokoll über seine Beinahe-Begegnung mit Fleisser und dessen unbekannter Freundin, das er Holk zur Aufbewahrung übergab.

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Viertes Kapitel

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Die Haft fiel Matu schwer. Er hatte nach der ersten Verurteilung zu lange auf freiem Fuß gelebt, um sich an den ewigen Lärm, die Enge, und vor allem an den miefigen Geruch und das grauenvolle Essen zu gewöhnen. Er vermisste sein sonntägliches Boccia und dachte auch aus anderen Gründen sehr häufig an Schorbach, Winkler und Ellwanger. Einer der drei musste den anonymen Brief geschrieben haben. Buffalo hätte sich ja nur ins eigene Bein geschossen. Und Greta riskierte, wegen Beihilfe oder gar Anstiftung vor den Kadi zu kommen. Ob Fleisser gewusst oder auch nur geahnt hatte, dass seine Haushälterin in ihrer Freizeit als Pornostar eine zweifelhafte Karriere machte? Was trieb eigentlich Nichte Lydia?

Matu hatte einen Satz aus ihrer Aussage nicht vergessen. Ihr Onkel Martin habe gesagt, er sei 'unterwegs zum See, um eine Freundin für die Nacht abzuholen'. Was für ein See? Welche Freundin? Nach der Haft wollte er einiges recherchieren und vor allem den Verräter bestrafen, der den anonymen Brief geschrieben hatte.

Die ersten Monate waren ansonsten genau die Kette von Enttäuschungen, die er befürchte hatte. Er verlor seinen Job und seine Wohnung, dass sich Buffalo, Schorbach, Winkler und Ellwanger nicht bei ihm meldeten, war vernünftig. Briefe bekam er nur von Annegret Fuhrmann, die sich um seine Möbel gekümmert hatte und Kontakt zu Rechtsanwalt Thomas Holk pflegte. Sie schickte ihm ab und zu aufmunternde kleine Briefchen oder Karten in den Knast, wobei sie daran dachte, dass Fremde jedes Wort lasen. Tochter Lena war mit einem guten Zeugnis nach der Mittleren Reife abgegangen und hatte einen Platz an der Textilfachschule bekommen; Annegret arbeitete unverändert im Baumarkt Schödel. Sie suchte und fand eine neue, ruhigere Wohnung in der Lessingstraße, die offenbar auch Lena gefiel.

Von den anderen Knackis hielt sich Matu fern, so weit das im Bau überhaupt möglich war, und hatte Glück, dass man ihn in Ruhe ließ. Auch, als eine Bande junger Raufbolde versuchte, im Knast eine Art Herrschafts-Monopol einzurichten, wurde er verschont. Er rauchte nicht, er kiffte nicht, er kaufte weder Koks noch Pillen, er war ein eher schweigsamer Zeit- und Zellengenossen, was den lautstarken Prahlhänsen komisch vorkam; bei dem einzigen Versuch, ihn gewaltsam zum Mitmachen in ihrem Beschaffungs- und Versorgungsclan zu zwingen, hatte Matu Glück. Er konnte den mit einem Messer bewaffneten Wortführer mit einem Bilderbuchhaken auf die Matte schicken. Danach gab es keine weiteren Belästigungen mehr. Tagsüber langweilte sich Matu nie. Im Knast und vor allem in den Werkstätten gab es genug Maschinen, die immer und ewig repariert, neu justiert oder ausgewechselt werden mussten. Ein guter Feinmechaniker wurde immer und überall gebraucht, und er leistete gute Arbeit, was der Justizverwaltung des Landes einiges Geld ersparte. Nach zwei Jahren wurde er in eine Zweimann-Zelle verlegt, aber er traute dem Neuen instinktiv nicht und hielt von Anfang an Abstand, was den Knaben regelrecht zu deprimieren schien.

Sechs Monate vor seiner Entlassung erschien eine Sozialarbeiterin und wollte ihm helfen, nach der Haft eine Wohnung oder eine Unterkunft zu finden. Er gab ihr Annegrets Namen und die neue Adresse; dort sollte sie doch bitte einmal fragen, ob Annegret ihn wenigstens vorübergehend aufnehmen könne. Aber sie durfte nicht vergessen, auch die Tochter Lena um Einwilligung zu fragen.

Rechtsanwalt Holk kam selten zu ihm in den Knast. Er hatte auch nichts Erfreuliches zu berichten. Die Kripo suchte noch immer, wenn auch mit gebremster Energie, nach der Frau, die Fleisser an seinem Todestag mit ins Haus am Mauerweg gebracht hatte. Nach wie vor war unklar, was Fleisser in dem Tresor aufbewahrt haben mochte.

Geerbt hatte der Bruder Georg, der das Geschäft in der Langenfelder Allee verkaufte und nur die Villa am Mauerweg behielt, in die Tochter respektive Nichte Lydia eingezogen war, die sich mit obskuren, dubiosen Geschäften und Jobs irgendwie über Wasser hielt. Vater Georg wurde erwischt, seine Daten waren auf einer aus der Schweiz angekauften CD vermerkt, Anwalts- und Prozesskosten und Nachzahlungen an den Fiskus ruinierten ihn total. Im Gefängnis bekam er wenigsten regelmäßig zu essen und hatte ein Dach über dem Kopf.

Martin Fleissers Auto, seine Schlüssel, die Mordwaffe- alles blieb verschwunden. Matu riskierte nicht, sich nach Greta Lissen zu erkundigen, aber Holk erzählte von sich aus, dass die Haushälterin dank ihres "Freundes" Bodo Wertz Probleme hatte. Zwei der "Hauptdarstellerinnen" waren zum Zeitpunkt der Pornofilme noch minderjährig gewesen. Amelie Helbing, die Verwalterin seines "Notgroschens", hatte wohl von seinem Prozess in der Zeitung gelesen und meldet sich klugerweise nicht, noch waren schließlich die Gerichtskosten nicht bezahlt. Bei seinem letzten Besuch verkündete Holk, dass er sich mit Annegret Fuhrmann verständigt habe, sie werde Matu mit dem Auto hier in Maulbronn abholen, er sei leider wegen eines Prozesses verhindert, erwarte aber Matu möglichst bald in seiner Tellheimer Kanzlei. Matu rechnete ihm hoch an, dass er nicht einmal das Wort "Rechnung" aussprach, da stand sicher noch eine beträchtliche Summe offen, wie sich Matu vorstellen konnte.

Bald war es also so weit. In der Nacht lag Matu lange wach und überlegte, was er tun sollte, sobald er draußen war. Dass es für ihn schwer werden würde, nach zwei Haftstrafen einen neuen Job zu finden, hatte ihm die Sozialarbeiterin ungeschminkt verklickert. Und noch immer hatte er keine Ahnung, wer den anonymen Brief geschrieben hatte und warum.

Genau das fragte Kriminalrat Jonas Jansen die Hauptkommissarin Jule Springer, als er sie zufällig vor dem Aufzug traf.

"Wie kommen Sie darauf?", wollte sie verwundert wissen.

"Matuschewski wird in drei Tagen entlassen. Und eigentlich möchte ich nicht, dass sich ein wutschnaubender Matu auf die Suche nach dem anonymen Denunzianten macht und dabei Leichen für uns hinterlässt."

"Trauen Sie ihm das zu? Er ist doch ein intelligenter Mann und würde sich vorher fragen, ob es das Risiko lohnt."

"Was berichtet denn unser Informant. Sie haben doch einen in Matus Zelle verlegen lassen, nicht wahr?"

"Ja, habe ich, das war aber ein Schuss in den Ofen. Matu redet nicht mit unserem Mann, straft ihn mit totaler Missachtung, als habe er ihn durchschaut, redet nicht einmal im Schlaf und hat nicht mit einer Silbe angedeutet, was er nach seiner Entlassung unternehmen will."

Jansen lächelte schief: "Frau Kollegin, ich würde an Ihrer Stelle über den ganzen Fall noch einmal nachdenken."

Das sicherte Jule ihm zu, schon aus Eigennutz. Sie hatte die schmerzhafte und zweifellos karrierebremsende Kopfwäsche nicht vergessen, die ihr Jonas Jansen nach dem Prozess Matuschewski verpasst hatte.

In den nächsten Tagen ließ sie sich die Akte kommen, las eifrig und meinte am Abend vor Matus Entlassung zum Hasen:"Wenn es Matu nun gar nicht um Schmuck oder Steine oder Bargeld aus Fleissers Tresor ging?"

"Das könntest du am schnellsten beantworten, wenn du wüsstest, was er aus dem Tresor mitgenommen hat."

"Von der Beute ist bisher kein Stück aufgetaucht."

"Vielleicht solltest du Matu beobachten lassen, wohin er geht, wenn er nach Tellheim zurückgekommen ist."

"Der Fall Matuschewski ist abgeschlossen."

"Aber der Totschlag ist noch nicht verjährt. Die Ermittlungen ruhen, aber die Ruhe können wir jederzeit unterbrechen."

Auch Paul Hase hatte schlechte Erinnerungen an den Prozess. Nach Holks Paukenschlag mit der erbberechtigten Nichte auf Pornodreh in der Nachbarschaft hatte ihm der Leitende Oberstaatsanwalt eine dicke Zigarre verpasst, an der er lange gewürgt hatte.

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Fünftes Kapitel

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Matu freute sich, dass Schäfer heute Dienst in Fort Knox hatte. So nannten die Häftlinge den Raum, in dem sie bei Haftbeginn ihre Sachen abgaben und bei der Entlassung wieder abholten, wobei ihnen auch der Rest des dürftigen Lohnes ausgezahlt wurde. Schäfer war der einzige Vollzugsbeamte, mit dem Matu mal privat geredet hatte, ein weißhaariger, krank und müde aussehender Mann über Sechzig, der sich auf seine Pensionierung freute. Die Rabauken ließen Schäfer in Ruhe, seit sie herausgefunden hatten, dass er und Matu sich gut verstanden. Der eine Bilderbuchhaken trug sozusagen Früchte, wahrscheinlich auch, weil Matu den Angriff mit einem Messer nicht gemeldet hatte.

"Machen Sie's gut, Herr Schäfer. Und noch eine erträgliche Zeit bis zur Pension."

"Danke, Matu. Es wäre schön, wenn wir uns mal wiedersähen, aber Sie verstehen es richtig - nicht hier und bitte unter anderen Umständen. Alles Gute für Sie."

Vor dem Ausgang warteten mehrere Personen und Autos. Eine Frau kam rasch auf ihn zu gelaufen und warf sich ihm an die Brust, dass er beinahe umgefallen wäre. Annegret lachte, schluchzte und weinte gleichzeitig, der lange Kuss schmeckte salzig und als sie sich endlich von ihm trennte, sah er, dass eine junge Frau aus Annegrets Auto ausstieg und auf sie zukam.

"Deine Tochter?"

"Ja. Sie ist sehr neugierig auf dich."

"Wie alt ist sie jetzt?"

"Siebzehn."

Lena war eine recht hübsche, schmale Person auf langen Beinen, mit hellbraunen, kurz geschnittenen Haaren und einem fröhlichen Gesicht.

"Hallo, Matu", sagte sie gelassen, aber nicht herablassend oder unfreundlich, "du bist also der Mann aus den Träumen meiner Mutter. Ich bin Lena und freue mich für dich und sie, dass du draußen bist."

Matu, der sich vor Teenagern, deren Denke und Vokabular ein wenig fürchtete, war erstaunt, wie souverän sie die Situation meisterte. "Ich hab' auch gleich eine große Bitte an dich."

"Wenn ich die erfüllen kann..."

"Ich war noch nie in Maulbronn und würde mir gerne das Kloster ansehen. Mutter auch. Hast du was dagegen?"

"Überhaupt nicht." Vom Knast ins Kloster - braver konnte er doch nicht sein.

"Prima, dann mal los." Annegret fuhr. "An der nächsten Kreuzung ist ein Hinweisschild."

Freiwillig wäre Matu nach dem Knast nicht auf Klosterbesichtigung gegangen, aber warum eigentlich nicht? Hauptsache, andere Tapeten und selbst entscheiden dürfen, wohin man ging und wo man blieb. Man hatte ihm den Lohn für seine Arbeit in der Reparaturkolonne ausgezahlt, verdammt wenig, wie er fand, aber er konnte den Eintritt für alle bezahlen und die beiden Frauen nachher zu einem Kaffee einladen. Dank Lena betrachtete man sie wie eine Familie, die sich einen Tagesausflug gönnte. Als sie zum Auto zurückgingen, stutzte Annegret und blieb vor einem unauffälligen hellblauen Auto stehen. "Der hat eben auch vor dem Gefängnis gestanden und der ist mir wegen der Nummer aufgefallen. T - AF 1201. Das bin doch ich. Annegret Fuhrmann, geboren am 12. Januar - hm..." Sie brach ab und musterte Lena drohend: "Du sagst jetzt besser nichts, verstanden?"

"Alles klar, Mutter."

Der hellblaue Wagen verfolgte sie zurück bis Tellheim, nicht ungeschickt, mal in sehr großem Abstand, mal recht dicht hinter ihnen, aber Lena auf der Rückbank schaute oft nach hinten und meldete: "Da ist er wieder." Matu sagte nichts, dachte sich aber seinen Teil. Es wurde höchste Zeit, dass er sich bei Buffalo vergewisserte, was er eigentlich alles bei Fleisser eingesackt hatte.

Die Lessingstraße gefiel ihm, sehr viel ruhiger als die Renzelstraße. Es gab sogar alte Bäume. Das für ihn ausgesuchte Zimmer lag nach hinten, er schaute auf eine große Wiese, die, nach den Spuren zu urteilen, als Bolzplatz diente. Annegret hatte sich viel Mühe gegeben, für ihn lagen ein Pre-paid-Handy bereit und eine Monatskarte des Tellheimer Verkehrsverbunds TVV. Sie hatte für ihn Haus- und Wohnungsschlüssel machen lassen. Er bedankte sich aufrichtig und musste grinsen, als Lena trompetete: "Tut mir leid, ich muss euch allein lassen, ich habe noch einen Termin in der Schule."

Es war ein unbeschreibliches Gefühl von Luxus und Erleichterung, endlich einmal allein in einer normalen und sauberen Dusche zu stehen, Seife und warmes Wasser zu verschwenden. Sie wartete schon auf ihn, und sie schliefen miteinander als müssten sie vierzig Monate an einem Nachmittag nachholen. Erst als sie beide vor Erschöpfung nach Luft schnappten, ließen sie voneinander ab.

"Wunderschön", hauchte sie.

Bevor er sich das erste Bier in Freiheit leistete, rief er Buffalo über sein neues Handy an.

"Guten Tag", stellte sich Buffalo ein.

Matu nannte seinen Namen nicht. "Eintritt wie früher?"

"Unverändert."

"Dann bis bald."

Annegret hatte neben den beiden Bierflaschen noch eine Überraschung für ihn: "Ich würde an deiner Stelle mal mit Oskar Matzke reden."

"Und warum?"

"Mit deinem Nachfolger ist keiner im Baumarkt zufrieden. Und er sagt immer häufiger, er würde sich gerne einen anderen Job suchen."

"Ich werd's mir überlegen", erwiderte er ernsthaft.

Den nächsten Vormittag bummelte er durch die Stadt. Tellheim hatte sich in den wenigen Jahren mächtig verändert. An allen Ecken und Kanten waren Geschäfte, Galerien, Boutiquen entstanden. Dafür erkannte er manche Wohnstraßen nicht wieder. Unter dem Reschenpark war eine riesige Tiefgarage entstanden. Die Klause hatte einer Einfahrt weichen müssen, und die Bocciabahn hatte man einem Rosengarten mit Verkaufspavillon geopfert. Der Autoverkehr hatte spürbar zugenommen. Geparkt wurde nach dem Motto: "Was interessieren mich Verbote und Fußgänger?" Je weiter er nach Norden kam, desto weniger Neubauten und Grün. Buffalos Second-Hand-Shop, der sich aus unerfindlichen Gründen in Second-Hand-Store umbenannt hatte, war nach wie vor in einer alten Fabrikhalle untergebracht, die nicht schöner geworden war. Einen neuen Nachbarn hatte sie bekommen, ein Altpapierlager, und auf der anderen Straßenseite waren die beiden Altbauten neu eingedeckt worden. Bestimmte Kunden empfing Buffalo erst nach Einbruch der Dunkelheit. Matu rief Annegret an: "Es wird etwas später, ich muss noch was erledigen. Keine Sorge."

"Bitte, sei vorsichtig!" Sollte das heißen: "Lass' dich nicht erwischen?"

Die beiden Männer, die Matu, Annegret und Lena gestern von Maulbronn nach Tellheim verfolgt hatten, erstatteten gegen Mittag Bericht.

"Ich fürchte, sie haben uns erkannt."

"Wie konnte das passieren?", wollte Jule Springer wissen.

"Sie haben uns reingelegt.

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