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Das ist unser Haus

Über Barbara Sichtermann & Kai Sichtermann

Barbara Sichtermann, 1943 geboren, spielte zunächst Theater. 1968 zog sie nach Berlin und studierte Sozialwissenschaften und Volkswirtschaft. Seit 1978 arbeitet sie als freie Autorin über Frauenpolitik, die Stadt Berlin und die Revolte von 1968. 2015 erhielt sie den Theodor-Wolff-Preis.

Kai Sichtermann, 1951 geboren, ist freier Musiker und Buchautor. 1969 zog er nach Berlin und gründete 1970 mit Rio Reiser Ton Steine Scherben, deren Mitglied er bis zur Auflösung 1985 war. Seit der Neugründung 2014 geht er mit den ehemaligen Mitgliedern R. P. S. Lanrue, Funky Götzner und wechselnden Musikern wieder auf Tour.

Informationen zum Buch

Legal – illegal – scheißegal: Hausbesetzer erzählen die Geschichte des Häuserkampfs

Als die Revolution nicht stattfand, als aus dem fröhlichen Widerstand der Studenten gegen die Pantoffelrepublik ihrer Eltern nichts wurde, schickte sich eine neue Generation an, die Städte mit viel Phantasie »zu erobern«. Das ist ihre Geschichte, in der unter anderen Daniel Cohn-Bendit und Klaus der Geiger zu Wort kommen und viele Beteiligte.

Nicht nur in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln, Freiburg und Zürich tobte seit den 1970er Jahren der Häuserkampf. Kai Sichtermann, Gründungsmitglied der legendären Band Ton Steine Scherben, war mittendrin. Gemeinsam mit seiner Schwester, der Publizistin Barbara Sichtermann, befragte er nun die wichtigsten Protagonisten von damals. Sie erzählen, wie alles anfing, was die Bewegung bewirkte und welche Kämpfe die Hausbesetzer im Laufe der Jahrzehnte ausgefochten haben.

»Das ist unser Haus« ist »oral history«, Lese-, Bilder- und Geschichtsbuch über eine Zeit, die angesichts stetig steigender Mieten und Wohnungspreise hochaktuell ist. Wem gehört die Stadt und wie stellen wir uns die Städte der Zukunft vor?

Barbara Sichtermann
Kai Sichtermann

Das ist unser Haus

Eine Geschichte der Hausbesetzung

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© Michael Kipp/Umbruch Bildarchiv

»FÜNFZIG NEHMEN SICH EIN HAUS«

DIE EPOCHE 1970 BIS 1995

Hintergründe

»Geradeso ist es mit der Wohnungsnot. Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. […] Das Resultat ist, dass die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, dass Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind; denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.«1

Dies schrieb unter dem Titel »Zur Wohnungsfrage« Friedrich Engels im Jahre 1872, exakt ein Jahrhundert, bevor in Frankfurt, Berlin, Hamburg, Köln und vielen anderen »modernen großen Städten« der sogenannte Häuserkampf begann. In ihren Grundzügen war die Misere dieselbe geblieben. Zwar baute man in den Stadtzentren vor allem Bürotürme und weniger Warenlager, zwar steuerte man den Strukturwandel in Richtung »autogerechte Stadt«; auch blieben Arbeiter nicht die einzigen Opfer dieses Wandels, auch die Mittelschicht war bedroht. Im Wesentlichen aber hatte der Kollege und Freund von Karl Marx die Dinge richtig vorausgesehen. Und er blieb in seiner Streitschrift den Begründungszusammenhang der »Wohnungsfrage« nicht schuldig. Solange das Privateigentum an Grund und Boden fortbestehe und von der herrschenden Klasse mit Gewalt verteidigt werde, schrieb Engels, könne die Wohnungsnot nicht abgewendet werden. Ein Jahrhundert weiter bestätigten Hausbesetzer in ganz Europa seine Theorie.

Die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg war vorbei, und die Ära der Verwandlung erhalten gebliebener oder restaurierter Innenstädte in »Spekulationsfelder« hob an. In Frankfurt am Main ging es besonders resolut zur Sache. Hier erzielte der Grund und Boden von den 1950er bis zu den 1970er Jahren einen »kolossal steigenden« Extremwert – er wuchs um das 200fache und mehr. Die Spekulanten im Zusammenspiel mit den Banken, die ihnen günstige Kredite einräumten, und dem Magistrat, der Zuschüsse gewährte, übernahmen das Zentrum. Hier wollten sie ihre Bürohochhäuser hinstellen, die eine prachtvolle Gewerbemiete abwerfen würden, und die kleinen Leute, die noch dort wohnten, sollten sich an den Stadtrand verziehen. Ganz so, wie die Entwicklung bei Engels skizziert worden war.

Die Bürgerinitiativen und Mietergruppen, die sich daraufhin bildeten und aus denen die Hausbesetzerszene hervorging, hatten wahrscheinlich ihren Engels gelesen. Denn im Zuge der studentischen Proteste ab 1967 waren die beiden Autoren des »Kommunistischen Manifests«, Marx und Engels, auch in Westdeutschland wieder salonfähig geworden – wenn auch zuvörderst im akademischen Rahmen. Aber die kritische Jugend an den Universitäten, die dem restaurativen Klima und der reaktionären Politik im Nachkriegsdeutschland den Kampf angesagt hatte, verbreitete ihre Sicht der Dinge mit Megafonen über die gesamte Republik. Und in diesem Kontext wurden Marx und Engels als prophetische Gewährsleute häufig zitiert. Wie war das mit dem Privateigentum? War es nicht die Wurzel allen Übels? Und sollte man nicht, wie Marx es verlangt hatte, »radikal« dagegen vorgehen? Der Wohnungskampf hat diesen Hintergedanken nie verloren: dass es nicht angehe, ein knappes, nicht vermehrbares Gut wie den Boden, insbesondere dort, wo viele Menschen sich ihn teilen müssen, in den Großstädten, privaten Eigentümern zu überlassen.

Dass auch kommunale Eigentümer, sprich: die Stadt als politische Körperschaft, deren Auftrag es doch sein sollte, für das Wohl der breiten Bevölkerung zu sorgen, meist derselben Kapitalverwertungslogik folgten wie die Privatwirtschaft und ihre Planung an den Bedürfnissen von Banken und Industrie orientierten, hatte allerdings die Idee der Verstaatlichung, bei der Marx und Engels stehengeblieben waren, diskreditiert. Man suchte nach einem dritten Weg: eine Vergesellschaftung des Stadtraumes, eine Gestaltung der Zentren, die Wohnen und Arbeiten zusammenführen sollte, was vor allem hieß: Wohnen in der City. Wohnen in den alten Kiezen, die, meist citynah, von Abriss (»Flächensanierung«) bedroht waren und in denen die überkommene Infrastruktur mit Kneipen, Läden, Kleingewerbe, Kinos, Ballhäusern, Versammlungsorten und Grundschulen nur restauriert zu werden brauchte, um modernen Standards zu genügen. Und in diesen historischen, meist in der Gründerzeit gewachsenen Quartieren mit ihrem unwiederbringlichen Wohnwert nahm der Häuserkampf in Deutschland seinen Anfang, am frühesten und heftigsten in Frankfurt.

Ein Flugblatt des Frankfurter »Häuserrates« fragte denn auch: »Wer kann schon in Büros wohnen?«, und sagte damit, dass die Innenstadt veröden werde, wenn Investoren und Stadtpolitiker mit ihren Plänen durchkämen. Die redeten sich damit raus, dass die alten Häuser in der Innenstadt »den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen« und dass die Neubauten am Stadtrand ja doch so viel komfortabler seien. Ein anderes Flugblatt – Titel: »Der Wohnungskampf geht weiter« – zählte die tollen Vorteile auf, mit denen die Planer winkten, wenn sie lästigen Altmietern den Umzug in eine Trabantenstadt schmackhaft machen wollten: Die Wohnungen seien etwas kleiner, die Wände dünner, die Räume niedriger, das schon, dafür aber seien die sanitären Anlagen allererste Güte. Die trockene Antwort des Flugblatts: »Wir wohnen aber nicht in Klos.« Konsequenz: »Einen Mieter schmeißt man raus. Fünfzig nehmen sich ein Haus.«2

In der Studentenbewegung hatte man damit angefangen, den Rasen zu betreten, auch wenn ein Schild darauf hinwies, dass es verboten sei. Das heißt, es war so etwas wie Zivilcourage in der Jugend erwacht, und man ließ es drauf ankommen, wenn der Schritt auf den Rasen oder die Besetzung eines Hauses gegen Recht und Ordnung – mit Betonung auf Ordnung – verstieß. Diese Bereitschaft: »Nein!« zu sagen, der Obrigkeit zu misstrauen, den Gehorsam zu verweigern und gar Widerstand zu leisten, war eine wichtige Voraussetzung für den Häuserkampf. Sie hatte sich in der politischen Linken bei Ostermärschen, Streiks, universitären Institutsbesetzungen und Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen herausgebildet. Lelle Franz, Immer-noch-Bewohnerin des ersten in der Bundesrepublik besetzten Hauses, hielt die erbitterte Militanz, in die sich der Frankfurter Häuserkampf in nur drei Jahren hineinsteigerte, für einen Fehler. Aber auch für sie gab es einen Moment, in dem sie einen Stein in die Hand nahm (S. 120).

Rechtfertigungen

Die Begründungen der »Fünfzig«, die »sich ein Haus nehmen«, waren einleuchtend und überzeugten selbst große Teile der ansonsten braven, loyalen Bevölkerung. Zum einen gab es in den 1970er und 80er Jahren neben wachsender Wohnungsnot einen enormen Leerstand. Der konnte nicht ausbleiben, wenn die Entmietungsstrategien der Spekulanten mit dem Planungswirrwarr der Bürokratien und unsicheren Finanzierungsaussichten zusammenstießen. Besonders deutlich zeigte sich das in der »unsicheren« Stadt par excellence, West-Berlin. Die schrumpfende, überalterte Bevölkerung der geteilten Stadt sah das mit an und wunderte sich. Sie spürte instinktiv, dass die Hausbesetzer mit ihrem frechen Schritt in leerstehende, nutzbare Räume eine passende Antwort auf das Treiben der »Gangster da oben« gefunden hatten. Zwar hielt die Mehrheit der »Bild«-Zeitungs-Berliner zu ihrem Senat und dem jeweiligen Polizeipräsidenten, aber es gab auch Zuspruch, wenn die Besetzer, zum Beispiel des »Georg-von-Rauch-Hauses«, sich mit Tauziehen und Glückskeksen der Nachbarschaft vorstellten.

Auch wer mit den Buchstaben des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland nicht sonderlich vertraut war, kannte zumindest den Passus, in dem es heißt: Eigentum verpflichtet. Und galt das nicht ganz besonders für das Eigentum an Grund und Boden? War das nicht eine durch und durch sozialpflichtige Angelegenheit? Friedrich Engels hätte hier den Kopf geschüttelt und gesagt: Da können sie noch so viele Verpflichtungen in ihr Grundgesetz reinschreiben, es nützt alles nichts. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln (der Boden ist davon ein wichtiger Teil) gehört abgeschafft. Die Bewohner Berlins haben hundert Jahre später diesen Satz von der Sozialpflichtigkeit trotzdem geglaubt, und erstaunlich viele haben es richtig gefunden, dass jugendliche Besetzer die Hauseigentümer quasi daran erinnerten, was sie an Pflichten mit dem Grundeigentum auf sich genommen hätten. Und ihr Vertrauen wurde letztlich nicht vollends enttäuscht. Die Hausbesetzer haben dazu beigetragen, dass man in den Stadtparlamenten und -regierungen umdachte und umsteuerte und Leerstand künftig vermied. Noch wichtiger war die ergänzende Interpretation, die überzeugende Rechtfertigung der Hausbesetzer: Wenn ihr Grundeigentümer eure längst abgeschriebenen Häuser, weil ihr Neubauten mit höherer Rendite an deren Stelle setzen wollt, entmietet und leerstehen und verkommen lasst, dann geht ihr das Risiko ein, dass wir dazwischengrätschen, die Räume einnehmen und den Skandal öffentlich machen. Habt ihr verstanden? Wir versalzen euch die Suppe. Und das machen wir immer wieder, ihr werdet uns nicht so leicht los.

Motive und Utopien

Bei der ersten Besetzergeneration mischte sich die Entschlossenheit, praktische Kritik an den Agenten des kapitalistischen Wohnungsmarkts und seinen politischen Helfershelfern zu üben, mit dem Bedürfnis, das Ziel Autonomie, sprich Selbstverwaltung und Selbstbestimmung, was Wohnform, Lebensstil und Arbeitsweise betrifft, durchzusetzen. Man wollte sich nichts mehr sagen lassen, man wollte selbst was sagen. Man wollte keine Anweisungen mehr befolgen, man wollte ein Zusammenleben, das ohne Anweisungen, ohne Oben und Unten auskommt. Man wollte keine vorgezeichneten Lebenspfade mehr abschreiten, man wollte völlig neue Wege bahnen. Der stereotype Tages- und Lebenslauf: aufstehen, zur Arbeit gehen, schuften, heimkommen, Bier trinken, in der »Wohnfabrik« (so Detlef Hartmann, S. 292) schlafen und irgendwann sterben, sollte durchbrochen werden, um einen völlig neuen Horizont zu eröffnen. Wolf Biermanns Verse: »Das kann doch nicht alles gewesen sein/Das bisschen Sonntag und Kinderschreien,/Das muss doch noch irgendwo hingehen …«3, wurden ernst und wörtlich genommen. Die Wohnungsbesetzer und HäuserkämpferInnen wollten hier und jetzt, praktisch und unmittelbar ein neues Leben beginnen: Wer singen wollte, sollte das tun, solo oder mit anderen im Chor, wer tischlern oder klempnern oder Autos reparieren wollte, sollte das ebenfalls machen, möglichst im Team, und die Leute mit den vielen Büchern sollten erzählen, wie es früher war und wie es später mal sein könnte. Man wollte zusammenleben und zusammen arbeiten, in Kommunen und für selbst erdachte und verwaltete Projekte, jenseits der überlebten Kleinfamilienmodelle und des öden Angestelltenalltags. Das Private sollte als politisch verstanden werden und das Politische als Sache eines jeden. Die Utopie zog immer mit ein. Dabei darf man nicht vergessen: Das elementare Bedürfnis nach einem Dach über dem Kopf, »das Grundrecht auf Wohnraum«, stand auf der Forderungsliste der Besetzer stets obenan. Und viele Häuserkämpfer brauchten auch zuerst einmal das: eine Bleibe. Andere wieder hatten ein Zuhause, und ihnen ging es vor allem darum, durch eine Hausbesetzung den Zerstörern des Stadtbildes und den Verursachern von Wohnungsnot den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Die Bewegung war immer zugleich praktisch und utopistisch, pragmatisch und idealistisch, basisorientiert und überbauverhaftet, und diese Widersprüchlichkeit, diese Spannung machte womöglich ihren besonderen Reiz und auch ihren Erfolg aus.

Neben der Besetzung von Wohnhäusern richtete sich das Interesse der Häuserkämpfer in den meisten anderen Städten auch oder vornehmlich auf Bauten, die nicht zu Wohn-, sondern zu Produktionszwecken errichtet worden waren – wie zum Beispiel die Stollwerck-Fabrik in Köln, ein riesiges Areal, das nach der Stilllegung zu Wohnzwecken umgewidmet werden konnte, anstatt dem Erdboden gleichgemacht zu werden. Klaus der Geiger berichtet, wie das damals vor sich ging – ab S. 175. Krankenhäuser, Kasernen, Schwesternheime, Sägewerke, Feuerwachen, Eisenbahngebäude, Theater, Warenhäuser – viele Zweckbauten, Fabrikanlagen und öffentliche Einrichtungen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden von den Häuserkämpfern »vor der Abrissbirne bewahrt«. Dieses Verdienst ist neben den bereits genannten von bleibendem Wert. Am Mariannenplatz in Berlin stünde heute womöglich – Schreck, lass nach – ohne die Besetzer einer dieser scheußlichen 1970er-Jahre-Betonklötze statt des anmutigen Diakonissen-Hauses von Ludwig Persius aus dem Jahre 1847. Es ist heute ein Künstlerhaus.

Die Hausbesetzer, die streetfighting women, sie wollten Häuser erhalten – ja retten, und diese konservative Stoßrichtung der Bewegung war eine wertkonservative im buchstäblichen Sinne –, sie wollten einen Wert erhalten, der den auf Rendite fixierten Eigentümern nichts bedeutete, für sie selbst aber, für das Stadtbild, für das Wohnumfeld, für den Charakter des Viertels und sein urbanes Leben hoch bedeutsam war. Andrej Holm erwähnt in seinem Buch »Wir bleiben alle!«, welches die Konflikte der Gentrifizierung darstellt, dass die Baulöwen und Investorengruppen, die in Großstädten Häuser aufkaufen, um einen steigenden Gewinn aus Vermietung und Verpachtung zu ziehen, vollkommen unbekümmert um die Baugeschichte und deren ästhetische Maßstäbe seien. Sie verstünden nichts davon, und es interessiere sie nicht. Das hatte man sich fast schon gedacht. Und es ist skandalös, wie leichtfertig die jeweiligen Stadtoberen mit ihrem Verantwortungsbereich umgegangen sind, wobei sie mit ihren schäbigen Ausreden rund um Investitionen und Arbeitsplätze keinen Deut besser waren als die bildungsfernen Heuschrecken. Die nimmt Chris Striefler in seinem Bericht über die Kölner Hausbesetzungen sogar ironisch in Schutz. Spekulanten müssten spekulieren, das sei nun mal ihr Job. Die Besetzer hätten die konträre Aufgabe: zu verhindern, dass die Bagger gewinnen, es jedenfalls zu versuchen. Dass der Sieg der Abrissbirne wie zum Beispiel in Frankfurt an der Ecke Bockenheimer Landstraße/Schumannstraße von den Häuserkämpfern als Sturz in den Abgrund der Tragödie empfunden wurde, ist, wenn man es so sieht, verständlich. Und dass die Denkmalschutzgesetze in den Städten zeitgleich mit dem Aufkommen der Besetzerszene überall reformiert wurden, dürfte kein Zufall sein.

Noch in einem anderen Sinne waren die Rebellen wertkonservativ. Zu ihrem Lieblingswort wurde nach der Anfangsphase, in der selbstverständlich kämpfen in allen Verlautbarungen das wichtigste Wort war, das Verbum bleiben. Es drückte eine ganze Welt aus. Die Welt der Verteidigung der besetzten Gebäude, der Zukunftsungewissheit, des Festhaltenwollens an Autonomie und Utopie. Bleiben, ein Verb, wie es konservativer kaum geht, taucht in der Hochphase der Kämpfe während der 1980er Jahre immer wieder auf; unzählige Straßennamen wurden mit dem Zusatz »bleibt« auf Transparenten und Fotos verewigt. Am bekanntesten wurde wohl in Hamburg der Slogan »Hafen bleibt«, eine Kurzform für: Die Häuser in der Hafenstraße bleiben in Besetzerhand. Und weitergehend für: Wer immer im Senat dies verhindern und uns rausschmeißen, wer immer uns als Polizist mit Helm und Schlagstock auf den Leib rücken will, der wird sich umgucken – im wahrsten Sinne: nach Verstärkung. Denn er wird hier nicht reinkommen. Und wenn er’s doch schafft, wird er auf Bewohner stoßen, die sich nicht von der Stelle bewegen, wenn sie nicht sogar … Geben wir es zu: der Widerstand hätte noch militanter werden können. An Gegenwehr wurde gedacht, sie wurde auch geübt. »Ihr kriegt uns hier nicht raus!«, hieß es in der zweiten Zeile des »Rauch-Haus-Songs« von Ton Steine Scherben (TSS). Ein neues Buch über City-Aneignung heißt »Wir bleiben alle!«, so genannt nach einer Berliner Kampagne aus dem Jahre 2008.4 Bleiben war ein großes Wort geworden. Durch ihre Slogans in Verbindung mit »Bleiben« bestanden die Besetzer auf ihrer Entschiedenheit, an dem einmal eroberten Terrain festzuhalten – gegen die polizeiliche, sprich staatliche Übermacht. Weil sie sich im Recht fühlten. Das geschriebene Recht mit dem Schutz des Privateigentums im Zentrum war nicht auf ihrer Seite, das war ihre Schwäche. Aber das moralische Recht, gegen Wohnungsnot und Leerstand anzukämpfen, das war auf ihrer Seite, und das war ihre Stärke. Und während sie an ihrer Stärke festhielten und dabei ihrer Schwäche wegen doch oft verdrängt wurden, demonstrierten sie, dass die Staatsgewalt nicht etwa ihr unbezweifelbares moralisches Recht schützte, sondern – das Privateigentum. Engels hätte sich nicht gewundert.

Medienstrategien

In diesen Zusammenhang gehört das besondere Verhältnis der Besetzer zu den Medien. Öffentlichkeit war schon von der Studentenbewegung mit großem Pathos als ein Raum reklamiert worden, den bürgerliche Medien verwalteten und kontrollierten und der von den Rebellen angeeignet und erweitert werden müsse. Die Hausbesetzer schlossen hier an und machten folgende Erfahrung: Mit ihren Aktionen kamen sie immer prompt in die Schlagzeilen, aber wenn es um die Einzelheiten ging, überwogen, jedenfalls in der Wahrnehmung der Rebellen, die Schmähungen und Verdrehungen sehr schnell die Bereitschaft zur Analyse. Die Besetzerbewegung zog daraus den Schluss: Wir müssen es selber machen. Wir müssen eigene Medien entwickeln, um unsere Message zu verbreiten. Und sie schritten zur Tat: mit Plakaten, Transparenten, Wandbemalungen, Graffiti, Flugblättern, Broschüren und illegalen Rundfunksendern. Und durch Widerstand. So besetzten sie in Hamburg die Redaktion des »Stern«, der Dumm- und Gemeinheiten über sie gedruckt hatte. Auch die im Grunde sympathisierende »Tageszeitung« bekam ihr Fett weg. In Hamburg rückte der Piratensender der Hafenstraße das durch die etablierten Medien verzerrte Weltbild gerade. Und in Berlin erinnerte man sich an die Blockade der »Bild«-Zeitung, die dem Attentat auf Rudi Dutschke Ostern 1968 auf dem Fuße gefolgt war. »Bild hat mitgeschossen«, hieß es damals. Barbara und Kai Sichtermann, die dieses Geschichtsbuch der Hausbesetzung geschrieben und herausgegeben haben, wurden im Vorfeld der Buchpremiere von »Bild am Sonntag« gefragt, ob sie zu einem Interview bereit seien. Liebe Kollegen von »Bild am Sonntag«, heutzutage ist Werbung alles, das wissen wir, und niemand, der ein Buch verkaufen will, verpasst die Gelegenheit, ein Stück vom knappen Gut Aufmerksamkeit zu ergattern. Wir hoffen gleichwohl auf Euer Verständnis, dass wir Euer Angebot ausschlagen mussten.

Aber zurück zu den 1980er Jahren. In Berlin wurde mit der Zeitung »Agit 883« und mit Zeitschriften wie »radikal«, »InfoBUG«, »Südost-Express« und »Interim«, hier beispielhaft genannt für eine rege Untergrundpresse, Gegenöffentlichkeit hergestellt. Auch Cafés, Kneipen, Mieterläden, Szenetreffs, Auditoria maxima und die Straße waren Orte der Kommunikation, an denen die Besetzer auftraten und ihre Aktionen erklärten. Es gab auch mediale Innovationen, und deren Focus lag im Süden. In Freiburg hat die »Medienwerkstatt« durch Mitschnitte von Hausbesetzungen und Polizeiübergriffen und durch Komposition poetischer Revolutionsballaden Mediengeschichte geschrieben. Die Videokunst mit der Handkamera war damals neu und nicht mehr so kostspielig, und die Leute von der Werkstatt, Bertram Rotermund, Mirjam Quinte und Pepe Danquart nutzten die Chance. Ihre Filme »Züri brännt«, »Freiburg – Polizeiburg« und »Paßt bloß auf« sind immer noch ein Muss für alle, die diese Zeit verstehen wollen. Sie gelten nicht nur politisch-inhaltlich, sondern auch ästhetisch als Meilensteine. Die Macher wurden damals nach Oberhausen zu den Internationalen Kurzfilmtagen eingeladen – aber sie lehnten ab. Sie wollten nicht diejenigen sein, die die eingeschlafenen Füße dieses Festivals wachkitzelten, sie wollten ihr eigenes Festival gründen. Der öffentlich-rechtliche Südwestfunk war gespalten: Es gab mutige Redakteure, die es richtig fanden, mit der Medienwerkstatt zusammenzuarbeiten, aber auch Verhinderer, die warnend die Hände erhoben. Wir dokumentieren eine Reportage von Reinhard Hübsch über die erregten Debatten um Hausbesetzungen in Freiburg, Basel und Zürich und um die Frage: Ist der Rechtsstaat in Gefahr? Die Sendung wurde 1981 nicht ausgestrahlt – aus Angst, sie könne zur Eskalation der Gewalt beitragen. (S. 204 ff.)