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Das helle Licht der Sehnsucht

Inhalt

  1. Über die Autorin
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Danksagungen
  6. Teil Eins
    1. 1. Kapitel
    2. 2. Kapitel
    3. 3. Kapitel
    4. 4. Kapitel
    5. 5. Kapitel
    6. 6. Kapitel
    7. 7. Kapitel
    8. 8. Kapitel
    9. 9. Kapitel
    10. 10. Kapitel
    11. 11. Kapitel
  7. Teil Zwei
    1. 12. Kapitel
    2. 13. Kapitel
    3. 14. Kapitel
    4. 15. Kapitel
    5. 16. Kapitel
    6. 17. Kapitel
    7. 18. Kapitel
    8. 19. Kapitel
    9. 20. Kapitel
    10. 21. Kapitel
    11. 22. Kapitel
    12. 23. Kapitel
    13. 24. Kapitel
    14. 25. Kapitel
    15. 26. Kapitel
  8. Nachwort

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt seit über 25 Jahren mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane sind in England stets auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden.

Für all die Kinder auf der ganzen Welt, die in Kinderheimen Demütigung und Gewalt erfahren haben. Ich fühle mit ihnen, und ich hoffe, dass diese Geschichte ihrer traurigen Vergangenheit zumindest ansatzweise gerecht wird und ihnen helfen kann, mit dem Erlebten abzuschließen.

Danksagungen

Mein Dank geht an Bruce Blyth in Perth, Australien, für seine Hilfe, sein Wissen, seine Ratschläge und seine Begeisterung. Lieber Bruce, ohne deine Passion und deinen Einsatz hätte ich dieses Buch niemals schreiben können. Seit Jahren setzt du dich für die Überlebenden von Bindoon ein, du unbesungener Held und integrer, mitfühlender Mensch. Dir kann keiner das Wasser reichen, mein Freund und Held.

Dank auch an Ted und Betty Sanderson in Esperance, Westaustralien, die mir gestattet haben, in ihrer Erinnerung herumzustochern, sowie für ihre Beratung auf dem Gebiet der Landwirtschaft. Kommt mich bald in England besuchen!

Vielen Dank Faye und Geoff Sanderson aus Grass Patch, Westaustralien, die so viel Geduld hatten mit einem Grünschnabel wie mir und seinen vielen naiven Fragen. Ich werde meinen Aufenthalt auf eurer Farm immer in schöner Erinnerung behalten und voller Zuneigung daran zurückdenken. Falls mir bei Einzelheiten, die den landwirtschaftlichen Betrieb betreffen, Fehler unterlaufen sind, seht es mir bitte nach. Ich bin eben nur eine Stadtpflanze.

Herzlichen Dank an den Child Migrant Trust in Nottingham, England, für die unbezahlbaren Zeitungsausschnitte und die Empfehlung hilfreicher Bücher für meine Recherchen. Der Child Migrant Trust hat es sich zur Aufgabe gemacht, Verwandte jener Kinder ausfindig zu machen, die nach Australien geschickt wurden, und bezuschusst deren Reisekosten. Der Leiterin Margaret Humphreys ist es zu verdanken, dass viele, viele dieser Kinder mit ihren Verwandten in England zusammengeführt werden konnten. Die Lektüre ihres Buches Empty Cradles kann ich jedem, der mehr über das Kinderverschickungs-Programm erfahren möchte, nur dringend ans Herz legen.

Abschließend möchte ich noch folgenden Personen meinen ganz besonderen Dank aussprechen: Peggie Rush, Mary Eather, John Carvill und Paddy Dorrain. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich euch alle bewundere und wie dankbar ich euch dafür bin, dass ihr mir von eurer schlimmen Vergangenheit erzählt habt. Euer Vertrauen hat es mir überhaupt erst ermöglicht, dieses Buch zu schreiben. Was ihr mir erzählt habt, ist mir lange im Gedächtnis haften geblieben, sodass ich meine Notizen nach meiner Rückkehr nach England kaum gebraucht habe. Ich habe für jeden Einzelnen von euch und für alle anderen Kinder, die diese schlimmen Zeiten durchgemacht haben, geweint. Ich hoffe, dass meine Tränen und auch jene der Leser Leid und Ungerechtigkeit, die euch angetan wurden, ein wenig mildern können.

Teil Eins

1947 – 1955

1. Kapitel

Mai 1947 Hither Green, South London

Edna Groomes und Iris Brown unterbrachen ihren Plausch, als Anne Taylor die Leahurst Road heraufgetrippelt kam. Ihre hohen Absätze morsten in klapperndem Stakkato die unüberhörbare Nachricht »Seht her, seht mich an«. Und so schauten sie hin und beneideten sie um ihre Schönheit, ihr naturblondes Haar, ihre tadellose Figur und ihre Jugend.

Edna und Iris waren beide erst Anfang dreißig, nur sechs Jahre älter als Anne, aber die Wickelschürzen, die wie Turbane um den Kopf geknoteten Tücher und ihre rundlichen Gestalten mit den hängenden Schultern ließen sie um vieles älter aussehen.

»Wahrscheinlich ist die wieder auf’m Weg zum Friseur«, schnaubte Edna, gab noch etwas Scheuermilch auf den Putzlumpen und fuhr fort, ihren Briefkasten zu wienern. »Hängt die halbe Zeit da rum. Die hat nichts anderes im Kopf als die Frage, wie sie aussieht.«

Iris legte die Hände auf die Hüften und lächelte giftig, als Anne näher kam. »Wie geht es den Kindern?«, fragte sie spitz. »Hocken wohl wie immer in der guten Stube, was?«

»Den Kindern geht es gut, danke der Nachfrage«, entgegnete Anne hocherhobenen Hauptes, ohne den Schritt zu verlangsamen. »Und, ja, sie sind im Haus. Ich erlaube ihnen nicht, auf der Straße zu spielen und die Nachbarn zu belästigen.«

Der brüske Tonfall der kultivierten Stimme und der Seitenhieb auf Ednas und Iris’ Kinder, die weiter unten in der Straße lärmend Kricket spielten, verschlug den beiden älteren Nachbarinnen vorübergehend die Sprache. Als Iris diese wiedergefunden hatte, war Anne bereits in die Manor Lane abgebogen und aus ihrem Blickfeld verschwunden.

»Hochnäsige Ziege«, schimpfte Iris und setzte sich auf das Mäuerchen, das den knappen Meter Vorgarten vor dem zweistöckigen Reihenhaus einfasste. »Spielt die feine Dame und hat seit Monaten eine Affäre mit Tosh aus dem Pub. Ich hätt nicht übel Lust, Reg was zu stecken.«

»Halte dich da lieber raus«, erwiderte Edna, hörte auf zu putzen und setzte sich zu ihrer Freundin auf die Mauer. Sie holte ein Päckchen Turfs aus der Schürzentasche.

Die beiden Frauen steckten sich eine Zigarette an und ließen sich die Frühjahrssonne ins Gesicht scheinen. Es war der erste warme Tag in diesem Jahr. Der Winter neunzehnhundertsiebenundvierzig war der härteste seit Menschengedenken gewesen, und von Januar bis Anfang April hatte Schnee gelegen. Erst jetzt, in der ersten Maiwoche, konnte man endlich ohne warme Jacke vor die Tür gehen.

Abgesehen von der Sonne deutete in der Leahurst Road allerdings nichts weiter auf den Frühling hin, denn in der ganzen Straße gab es keinen einzigen Baum, und die winzigen Vorgärten waren nicht Blumenrabatten, sondern Mülltonnen und Fahrrädern vorbehalten. Nicht einmal Unkraut und Gras unten in der Nähe der Haltestelle Hither Green, wo eine Bombe eine Lücke in die lange Reihe viktorianischer Häuser gerissen hatte, zeigten ein erstes zaghaftes Grün. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich die Lee Manor School, aber es war Samstag, sodass das zweieinhalb Meter hohe Tor geschlossen war und den Blick auf die hübschen gelben Osterglocken in den Kästen an den Fensterbänken verdeckte.

Edna zog noch einmal kräftig an ihrer Zigarette, ehe sie fortfuhr: »Bist du ganz sicher, dass sie was mit Tosh aus dem Pub hat? Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass eine Frau wie sie sich mit so ’nem Widerling einlassen würde. Ich für meinen Teil würde den Kerl nicht mit der Kneifzange anpacken.« Tosh war an die fünfzig und untersetzt, hatte schütteres Haar und eine krumme Nase, ein Andenken an seine vergangene Profiboxer-Laufbahn.

»Aber Kohle hat er«, entgegnete Iris viel sagend. »Die Taylor hält sich für was Besseres und spekuliert wahrscheinlich darauf, dass er sie wo unterbringt, wo’s ihr besser gefällt. Wird er aber nicht. Der rückt nix raus.«

»Warum sollte sie sich einen Kerl wünschen, der sie von hier wegbringt? Reg säuft nicht, und er hat immer Arbeit«, wandte Edna ein.

Iris verdrehte die Augen angesichts der Naivität ihrer Freundin. »Bist du blind und taub?«, rief sie aus. »Jeder weiß, dass die beiden sich ständig in den Haaren liegen. Mrs. Gardener, die unter den Taylors wohnt, sagt, dass bei den beiden fast jeden Abend die Fetzen fliegen. Weil sie die Kinder vernachlässigt«, flüsterte sie in verschwörerischem Tonfall. »Im Winter, als noch Schnee lag, mussten sie mehrmals stundenlang zähneklappernd draußen vor der Tür warten, bis ihre Mutter nach Hause kam. Ich wette, dass die beiden nie eine anständige Mahlzeit bekämen und auch nichts Sauberes zum Anziehen hätten, wenn Reg nicht wäre. Sie gibt alles Geld für Klamotten und Friseur aus, und warum sollte sie das wohl tun, wenn sie nicht drauf aus wär, sich einen anderen zu angeln?«

Edna wusste, dass Iris Recht hatte, was die Kinder betraf. Die beiden kleinen Mädchen hatten des Öfteren nach der Schule bibbernd draußen in der Kälte gestanden; sie selbst hatte sie einige Male zu sich ins Warme geholt. Was das Übrige betraf, fand sie Iris ein wenig gehässig, sodass sie sich nicht weiter dazu äußerte. Sie mochte Reg Taylor; er hatte spontan seine Hilfe angeboten, als es im Winter bei ihr zu Hause einen Rohrbruch gegeben hatte, während Sid noch auf der Arbeit gewesen war.

»O ja, ich weiß, dass Reg ein netter Kerl ist«, fuhr Iris fort, als hätte sie Ednas Gedanken gelesen. »Aber Anne ist mit Vorsicht zu genießen. Sperrt die Kinder den ganzen Tag in der Wohnung ein, während sie sich das Haar machen lässt. Das kann doch nicht angehen.«

Dieser Ansicht waren auch die beiden Taylor-Mädchen, die ihrer Mutter vom Fenster aus nachblickten. Sie sahen sie an Mrs. Groomes und Mrs. Brown vorbeigehen, und sobald sie um die Ecke gebogen war, holten sie sich den Ersatzschlüssel vom Kaminsims und stahlen sich aus dem Haus, wohl wissend, dass ihre Mutter frühestens in zwei Stunden zurück sein würde. Sie machten sich auf nach Manor House Gardens, dem hübschen Park mit dem Teich in der Mitte, der nur zehn Minuten entfernt war. Sie gesellten sich zu einigen anderen Kindern unten am Ufer des River Quaggy, der durch den Park strömte, bis der Parkwächter sie entdeckte.

Alle sechs Kinder, die mit dem Bau eines Staudammes beschäftigt waren, hoben ruckartig den Kopf, als er sie von der etwa zwanzig Meter entfernten Brücke aus ungehalten anrief. Dulcie Taylor wartete nicht ab, was ihre Spielkameraden taten, sondern nahm ihre jüngere Schwester May bei der Hand, zog sie hinter sich her die Böschung hinauf und zwängte sich dann hinter dieser durch die Lücke im Zaun, durch die sie vorhin bereits geschlüpft waren, um ans Wasser zu gelangen.

»Schnell, versteck dich hier drunter«, keuchte Dulcie und schob May unter einen dichten Strauch auf der anderen Wegseite, um sofort hinter ihr herzukriechen.

Sekunden später radelte der Parkwächter in seiner braunen Uniform an ihnen vorbei. Dulcie legte May eine Hand auf den Mund und flüsterte ihr ins Ohr, sie solle sich nicht von der Stelle rühren, bis er außer Sichtweite war. Sie konnten ihn keine dreißig oder vierzig Meter entfernt von ihrem Versteck mit den anderen Kindern schimpfen hören, und so blieben sie, schwer atmend vor Furcht, im Gebüsch hocken.

Dulcie war achteinhalb, und May war zwei Tage zuvor fünf geworden. Die Schwestern sahen sich sehr ähnlich mit ihren blonden Zöpfen, der hellen Haut und den großen blauen Augen. Trotzdem bezeichneten die Nachbarn nur May als »das hübsche kleine Ding«. Nicht, dass Dulcie unscheinbar gewesen wäre, auch wenn sie etwas dünn und schlaksig war, mit zwei neuen Vorderzähnen, die in ihrem schmalen Gesicht noch etwas groß wirkten. Vielmehr lag es daran, dass May sich bei allen beliebt machte, indem sie viel lächelte und sehr mitteilsam war. Auch blickte sie nicht ständig so besorgt drein wie ihre ältere Schwester.

Dulcie war tatsächlich ein Kind, das sich ständig irgendwelche Sorgen machte, und es passte eigentlich gar nicht zu ihr vorzuschlagen, unerlaubterweise in den Park zu gehen, während ihre Mutter außer Haus war, oder etwas so Gefährliches zu tun, wie am Fluss zu spielen. Normalerweise war sie ein schüchternes, gehorsames Mädchen und nahm die Verantwortung für ihre jüngere Schwester sehr ernst. Aber der heutige warme Sonnenschein nach den Monaten nasskalten Wetters hatte dazu geführt, dass der latente leise Groll auf ihre Mutter übergekocht war. Sie sah nicht ein, warum sie und May an einem so schönen Tag im Haus sitzen sollten, während ihre Mutter, die sich nicht einmal die Mühe machte, ihnen etwas zum Abendessen zu kochen, zum Friseur ging.

Dulcie fühlte sich eigentlich anderen gegenüber nicht benachteiligt. Sie wusste, dass während des langen harten Winters alle Entbehrungen hatten erdulden müssen; Tiere waren auf den Feldern erfroren, und alte Menschen, denen der Brennstoff ausgegangen war, waren in ihren unbeheizten Wohnungen ebenfalls Opfer der anhaltenden Kältewelle geworden. Die Lebensmittelrationen waren weiter eingeschränkt worden und inzwischen sogar noch geringer als während der Kriegsjahre. Hinzu kam, dass durch heftige Schneefälle die Auslieferung von Lebensmitteln behindert worden war.

Trotz ihrer Jugend wusste sie zu schätzen, dass ihre Familie das Glück hatte, eine ordentliche Wohnung ihr Eigen nennen zu können, während viele Leute immer noch damit beschäftigt waren, ihre von Bomben beschädigten Häuser wieder in Stand zu setzen, oder sogar in Behelfsunterkünften leben mussten. Dulcie hatte sich daran gewöhnt, dass sie im Winter in der Schule Mantel und Mütze aufbehalten musste; die Lehrerin hatte ihnen erklärt, dass es äußerst schwierig sei, Kohlen für die Öfen zu beschaffen. Es machte ihr auch nichts aus, dass sie und May aus demselben Grund oft gleich nach der Schule zu Bett gehen mussten. Sie hatte sich mit rissiger Haut an den Füßen und Händen abgefunden und gelernt, ihren knurrenden Magen zu ignorieren. Aber was sie weder akzeptieren noch verstehen konnte, war das absolute Desinteresse ihrer Mutter gegenüber ihrer eigenen Familie.

Anne kaufte lieber neue Kleider als Lebensmittel. Sie saß den ganzen Tag herum und lackierte sich die Fingernägel oder las Illustrierte, anstatt sich um den Haushalt zu kümmern. Dulcie konnte gut verstehen, dass Dad ärgerlich wurde, wenn er von der Arbeit nach Hause kam und feststellte, dass es wieder einmal nichts zu essen gab oder er ihre Schuluniformen waschen und bügeln musste, weil Mum es versäumt hatte. Wie er war Dulcie zu dem Schluss gekommen, dass er, May und sie selbst Anne gleichgültig waren, und Abend für Abend, wenn sie den Kopf unter das Kopfkissen stecken musste, um die Wortgefechte der Eltern nicht mit anhören zu müssen, wünschte sie beinahe, Mum würde ihre ständigen Drohungen, sie zu verlassen, endlich wahr machen – dann würden daheim wenigstens wieder Ruhe und Frieden einkehren.

Erst an diesem Morgen hatte Anne sich in Lewisham ein weiteres neues Kleid gekauft. Dulcie hatte darauf hingewiesen, dass ihre und auch Mays Schuhe drückten, aber darauf hatte ihre Mutter nur entgegnet, sie müssten sich noch ein paar Wochen gedulden. Auf dem Heimweg hatte Dulcie gefragt, ob ihre Mutter am Nachmittag mit ihnen in den Park gehen würde, weil in der Schule jemand erzählt hatte, dass bei den Enten auf dem Teich Küken geschlüpft seien. Aber Mum hatte geschimpft, sie fordere immer nur, und im Übrigen habe sie, Anne, einen Termin beim Friseur.

Dulcie wusste, dass es sinnlos war, darum zu bitten, allein in den Park gehen zu dürfen. Dad erlaubte es nicht, und er wollte auch nicht, dass sie draußen auf der Straße spielten. Sie konnte verstehen, warum. Dad war selbst mehr oder weniger auf der Straße groß geworden, und er wollte, dass seine Töchter es besser hatten. Außerdem war er fair; er war nie zu müde, um mit ihnen in den Park oder nach Blackheath zu gehen, wenn er heimkam. Auch wenn er ursprünglich etwas anderes geplant hatte, war er an einem besonders schönen Tag immer bereit, seinen Töchtern zuliebe umzudisponieren.

Und das war auch der Grund, weshalb Dulcie beschlossen hatte, das Verbot ihrer Mutter zu missachten. Es war ein Protest gegen Annes Egoismus, gepaart mit einem Hauch Abenteuerlust und Freiheitsdrang.

Jetzt bereute sie ihren Entschluss. Ihre Schuhe waren völlig durchnässt und voller Schlamm, und May sah sogar noch schlimmer aus: Bei ihr waren auch Rock und Strickjacke schmutzig. Und wenn der Parkwächter sie erwischte, würde es ein Donnerwetter geben, und Mum würde einen Tobsuchtsanfall bekommen, wenn sie heimkamen.

Endlich sah Dulcie, wie der Parkwächter davonging. Mit einer Hand schob er das Rad, und mit der anderen zog er einen der Jungen neben sich her, mit dem sie vorhin am Wasser gespielt hatten. Als sie sicher waren, dass er zu weit weg war, um sie zu sehen, krochen die Mädchen unter dem Busch hervor. Dulcie eröffnete ihrer Schwester, dass sie nach Hause gehen müssten.

»Aber ich will nicht«, protestierte May trotzig. »Wir haben die Enten noch gar nicht gesehen. Und Mum kommt noch lange nicht zurück.«

»Wir müssen unsere Sachen auswaschen und trocknen, bevor sie heimkommt, sonst merkt sie etwas. Oder Dad.«

Bei dem Gedanken an ihren Dad bekamen sie beide ein wenig Angst. Er war niemals brutal, versohlte sie nicht, wie es die Väter einiger Schulkameraden taten, aber er würde sehr zornig werden, wenn er erfuhr, dass sie trotz seines ausdrücklichen Verbotes im Park gewesen waren.

Dulcie war ein aufmerksames und nachdenkliches Kind, und wenn sie Granny in Deptford besuchten, verstand sie, warum ihr Vater sich für sie und May etwas Besseres wünschte als das, was er selbst in seiner Kindheit gehabt hatte. Deptford war ein armes Viertel mit alten Mietskasernen und schmutzigen Straßen, und die meisten der kleinen Reihenhäuser wie jenes, in dem ihre Großmutter wohnte, teilten sich gleich mehrere Familien. Dad hatte ihr einmal erzählt, dass der Großteil seiner Freunde aus Kindertagen Diebe und Verbrecher geworden seien und er selbst in seiner Jugend so hart gearbeitet habe, weil er um jeden Preis von dort habe wegkommen wollen. Dulcie nahm an, dass er aus demselben Grund ihre Mum geheiratet hatte: weil sie schön war und sich so gewählt ausdrückte.

Allerdings konnte sie auch anders. Mum sagte oft gemeine, verletzende Dinge darüber, wie ungehobelt und ungebildet Dads Familie sei. Dad konterte für gewöhnlich damit, dass ihre Eltern engstirnige Snobs seien und es versäumt hätten, sie auf die Realitäten des Lebens vorzubereiten.

Als sie in die Leahurst Road einbogen, sah Dulcie entsetzt das Fahrrad ihres Vaters vor dem Haus stehen. Entweder war es schon viel später, als sie gedacht hatte, oder aber ihr Vater war früher daheim als gewöhnlich. Er war Bauarbeiter und zurzeit auf einer Baustelle in der Eltham Road beschäftigt, sodass er normalerweise am Samstag nicht vor sechs nach Hause kam. Jetzt steckten sie wirklich in der Klemme. Von Mum hätten sie sich wahrscheinlich nur eine Ohrfeige eingefangen, und Dad hätte sie nichts erzählt, denn sonst wäre er wütend auf sie geworden, weil sie Dulcie und May so lange allein gelassen hatte.

»Dad ist zu Hause«, sagte Dulcie ängstlich zu ihrer Schwester, die das Rad noch nicht bemerkt hatte. »Jetzt sind wir dran.«

May setzte eine Ist-mir-doch-egal-Miene auf. »Ich habe keine Schuld. Es war deine Idee, in den Park zu gehen.«

Dulcie hätte sie am liebsten geschüttelt. Es stimmte zwar, dass es nicht Mays Idee gewesen war, aber es war wieder einmal typisch für sie, dass sie jemand anders den schwarzen Peter zuspielte. »Verrate wenigstens nicht, dass wir am Fluss waren«, schärfte Dulcie ihr ein. »Wir behaupten, wir wären auf schlammigem Rasen hingefallen.«

May blieb abrupt stehen. »Aber das wäre eine Lüge!«, rief sie aus und riss die blauen Augen weit auf. »Das müsstest du beichten!«

Dulcie war schon zur Kommunion gegangen und hatte May unvorsichtigerweise erzählt, dass sie fortan dem Pfarrer all ihre Sünden beichten musste.

»Aber nur eine ganz kleine«, entgegnete Dulcie. »Und es ist eine Notlüge. Ich möchte nur nicht, dass Dad sich im Nachhinein noch Sorgen macht, weil wir an einer gefährlichen Stelle gespielt haben. Ich werde in der Kirche beichten, aber verpetz mich ja nicht!«

May musterte sie nachdenklich. »Ich sage nichts, wenn du mir die Hälfte von deinen Süßigkeiten gibst.«

Dulcie seufzte. Wenn sie sich nicht darauf einließ, würde May alles tun, um sie in größte Schwierigkeiten zu bringen. Dad brachte ihnen samstags immer etwas Süßes mit, aber heute Abend würden sie sowieso nichts bekommen, weil er sie sofort ins Bett schicken würde, und die Hälfte von nichts war nichts, oder? »Okay«, antwortete sie. »Aber komm ja nicht zu mir, wenn du einmal Hilfe brauchst.«

Sie gingen weiter. Dulcie schlug vor Furcht das Herz bis zum Hals. Dad hatte sie zwar bisher noch nie ernsthaft geschlagen, aber in Anbetracht der Schwere ihres Vergehens war sie auf alles gefasst.

Dulcie schloss die Tür nicht mit dem Ersatzschlüssel auf. Dad würde es sicher noch verwerflicher finden, wenn er wüsste, dass sie ihn an sich genommen hatte. Also läutete sie, und einige Sekunden später hörte sie drinnen bereits Schritte auf der Treppe.

»Wir brauchen nichts, danke«, sagte er, als er die Tür öffnete und sie auf der Schwelle stehen sah. Er schloss die Tür wieder.

Das war einer seiner kleinen Scherze, so zu tun, als kenne er sie nicht. Offenbar war er bester Laune und dachte, sie wären mit ihrer Mutter unterwegs gewesen. Normalerweise rief Dulcie, wenn er sie so empfing: »Lass mich rein, Schweinchen Schlau«, und er antwortete: »O nein, böser Wolf, niemals, nicht bei allen Borsten an meinem Rüssel. Dich lasse ich nicht rein.« Aber Dulcie war nicht in Stimmung für dieses Spiel.

Sie holte tief Luft und hob die Klappe des Briefkastens an. »Lass uns rein, Daddy, wir waren unartig. Wir sind im Park gewesen, obwohl Mummy uns aufgetragen hat, im Haus zu bleiben.«

Sofort wurde die Tür wieder geöffnet, und ihr Vater blickte mit strenger Miene auf sie herab.

Reg Taylor war sehr groß, fast einen Meter neunzig, mit Schultern wie ein Kleiderschrank. Er strahlte eine Kraft aus, die andere Männer nervös machte und davon abhielt, sich mit ihm anzulegen. Dazu hatte er raspelkurzes Haar, eisblaue Augen und eine kräftige, eckige Kieferpartie. Er sah aus wie ein Schläger – bis er lächelte und die ganze Wärme seines wahren Charakters zu Tage trat. Aber jeder, seine Kinder eingeschlossen, wich eingeschüchtert zurück, wenn er so böse dreinblickte wie jetzt.

»Es tut mir Leid«, murmelte Dulcie leise. »Aber es war so schön draußen, und wir wollten nur die Entenküken sehen.«

Reg musterte die beiden vom Scheitel bis zur Sohle und registrierte den Matsch an ihren Kleidern und Schuhen. Er erkannte sofort, dass sie am Flussufer gewesen waren. »Kommt rein«, meinte er. »Zieht die Schuhe aus und lasst sie im Flur stehen, ich mache sie später sauber.«

Er ging zur Treppe, während sie im Hauseingang ihre Schuhe auszogen. Dann blieb er unvermittelt stehen und blickte zurück. »Wo ist eure Mutter?«

Dulcie schluckte. Wenn ihr Dad »Mutter« sagte anstatt »Mum«, war das ein sicheres Zeichen dafür, dass er ärgerlich auf sie war. »Beim Friseur«, antwortete sie.

Er gab eine Art Grunzen von sich und ging ohne ein weiteres Wort nach oben. Die Mädchen stellten ihre Schuhe ordentlich auf die Matte und folgten ihm dann nach oben, wobei sie sich nervös bei der Hand hielten.

Die Wohnung umfasste drei Zimmer, ein Bad und eine Küche. Als sie vor achtzehn Monaten aus einer viel kleineren Zwei-Zimmer-Wohnung in New Cross hierher umgezogen waren, war ihnen das neue Zuhause vorgekommen wie das Paradies. In New Cross waren Herd und Spüle auf dem Gang gewesen. Außerdem hatten sie sich das Klohäuschen mit mehreren anderen Familien teilen und das öffentliche Badehaus benutzen müssen. Es war furchtbar aufregend gewesen zuzusehen, wie Dad tapezierte und strich und die düstere Wohnung in ein richtiges Heim verwandelte, mit ihm zusammen Möbel zu kaufen und Mum Vorhänge und Kissenbezüge nähen zu sehen. Es machte nichts aus, dass die Möbel aus zweiter Hand waren und der Teppich im Treppenhaus fehlte. Dad sagte immer wieder, dass sie auf dem aufsteigenden Ast seien.

Damals war Dulcie noch alles perfekt erschienen. Dad hatte sich zu Beginn des Krieges freiwillig gemeldet und war die ersten Jahre ihres Lebens fort gewesen, aber nun war er wieder daheim, arbeitete auf dem Bau und kam jeden Abend nach Hause. Die Lee Manor School befand sich gleich gegenüber ihrer Wohnung, ein Stück weiter die Straße hinunter, im Umfeld der Haltestelle Hither Green gab es hübsche Geschäfte, und bis zum Park und zur Bücherei war es nur ein Katzensprung. Das Schönste aber war gewesen, dass Mum so richtig glücklich war, dass sie einen wahren Freudentanz aufführte, sang, lachte und Dad drückte. Dulcie hatte geglaubt, es würde immer so bleiben.

Tatsächlich war die Freude nur von kurzer Dauer gewesen. Schon bald hörte Mum auf zu lachen und zu singen, lag in ihrem Morgenmantel auf dem Sofa und rauchte eine Zigarette nach der anderen, so wie sie es während des Krieges oft getan hatte. Sie vernachlässigte die Hausarbeit, Schmutz- und Bügelwäsche stapelten sich, und sie schien sich für nichts anderes mehr zu interessieren als dafür, wie sie aussah, wenn sie das Haus verließ.

»Kommt rein«, rief Dad, als sie den Treppenabsatz draußen vor dem Wohnzimmer erreicht hatten.

Zögernd traten sie ein. Ihr Vater saß auf der Couch. Das Wohnzimmer war sehr groß, und es gab ein Erkerfenster mit Blick auf die Straße. Abends, wenn die Vorhänge zugezogen waren, die Tischlampe brannte und ein Feuer im Kamin prasselte, wirkte die cremefarbene Tapete mit den goldenen Schnörkeln richtig edel. Auch morgens, wenn die Sonne hereinschien, sah es hübsch aus, aber jetzt fiel kein Sonnenstrahl durch das Fenster, und der Raum wirkte so trist und traurig wie der Ausdruck auf dem Gesicht ihres Vaters.

Dulcie erkannte sofort, dass er schon länger zu Hause war. Er hatte seinen Arbeits-Overall gegen graue Hosen und ein sauberes Hemd getauscht, und er hatte auch schon die kalte Asche vom Vorabend entfernt und im Kamin neues Holz aufgeschichtet, das nur noch angezündet werden musste, wenn es zu kalt wurde.

»Ich werde nicht fragen, warum ihr nicht auf eure Mutter gehört habt«, begann er und musterte sie streng. »Ich weiß schon, warum. Aber verratet mir doch bitte, was passiert wäre, wenn ihr von einem Auto überfahren worden oder in den Fluss gefallen wärt.«

Beide Mädchen standen mit hängendem Kopf da.

»Das ist der Grund, weshalb ich euch verboten habe, allein aus dem Haus zu gehen«, fuhr Reg fort. »Seht ihr, falls etwas Schlimmes passieren würde, wüsste ich nicht, wo ihr seid. Könnt ihr euch vorstellen, welche Sorgen eure Mutter und ich uns machen würden, wenn ihr nicht nach Hause kämt? Wo sollte ich euch suchen? Manchmal werden kleine Mädchen von bösen Männern mitgenommen, darum ist es so wichtig, dass wir immer wissen, wo ihr gerade seid.«

Er breitete die Arme aus, und als den Mädchen aufging, dass er sie entgegen ihrer Erwartung doch nicht bestrafen würde, liefen sie erleichtert zu ihm hin. Er zog sie auf seine Knie und drückte sie fest an sich.

»Ihr dürft so etwas nie wieder tun«, sagte er mit seltsam brüchiger Stimme, seine kratzigen Wangen an ihren samtweichen Gesichtern. »Ihr beide seid mir das Kostbarste auf der Welt, und ich bin nur deshalb so streng mit euch, weil ich nicht möchte, dass euch etwas zustößt.«

»Wirst du uns bestrafen oder ohne Abendessen ins Bett schicken?«, fragte May mit zitternder Stimme.

»Diesmal nicht«, entgegnete er, und Dulcie hörte eine Spur von Belustigung aus seiner Stimme heraus. »Aber wenn ihr so etwas noch einmal macht, lege ich euch übers Knie, darauf könnt ihr euch verlassen. Übrigens bin ich schon über eine Stunde zu Hause. Wärt ihr hier gewesen, wäre ich mit euch in den Park gegangen, und vielleicht hätten wir sogar ein Eis gegessen. Aber jetzt gibt es zur Strafe weder Eis noch Süßigkeiten.«

Er schickte sie auf ihr Zimmer, damit sie sich saubere Kleider und trockene Strümpfe anzogen. Als sie das Zimmer verließen, sah Dulcie, wie er zum Tisch ging und die Fläschchen Nagellack und andere Kosmetikartikel an sich nahm, die ihre Mutter am Morgen dort hatte liegen lassen.

Ein langer, schmaler Flur führte vom Wohnzimmer aus am Treppenhaus, dem Elternschlafzimmer, Küche und Bad vorbei bis zum Kinderzimmer auf der Rückseite des Hauses. Die Mädchen liebten ihr Zimmer, auch wenn das Doppelbett, in dem sie zusammen schliefen, fast den ganzen Platz beanspruchte. Die hübsche Tapete war mit rosafarbenen Rosen bedruckt, und auf dem Bett lag eine rosafarbene Daunendecke. Sie konnten in den Garten hinabsehen, der zur Erdgeschosswohnung gehörte, und ihr Zimmer war so weit entfernt vom Wohnzimmer, dass sie beim Spielen auch einigen Lärm machen konnten, ohne dass ihre Eltern sich beschwerten. Am Nachmittag fiel Sonne durch das Fenster herein, und es war immer wärmer als im Wohnzimmer, da die alte Mrs. Gardener, die die Wohnung einen Stock tiefer bewohnte, das darunter liegende Zimmer durchgehend beheizte.

Nachdem sie Röcke, Strickjacken und Strümpfe gewechselt hatten, blieben sie zum Spielen in ihrem Zimmer und kletterten mit ihren Puppen auf das Bett. May wirkte völlig unbeschwert und plapperte mit ihrer Puppe Belinda, die sie vorgab, mit einem Spielzeugfläschchen zu füttern. Dulcie hingegen war immer noch sehr angespannt, weil sie wusste, dass ein Streit zwischen den Eltern unausweichlich war, sobald Mum heimkam. Sie schämte sich, dass diesmal niemand anders als sie selbst Auslöser der Auseinandersetzung sein würde.

Sie brauchte nicht lange zu warten. Kurz nachdem die Uhr im Wohnzimmer vier Uhr dreißig geläutet hatte, kam Mum mit klappernden Absätzen die lackierte Treppe herauf.

»Ich bin zurück, Mädchen«, rief sie.

May wollte vom Bett springen und zu ihr laufen, aber Dulcie hielt sie zurück. »Warte, bis Daddy mit ihr gesprochen hat«, flüsterte sie.

Sie hörten, wie Dad eine sarkastische Bemerkung über Mums Haar machte. Anschließend mussten die Eltern ins Wohnzimmer gegangen sein und die Tür hinter sich geschlossen haben, da die Mädchen ihre Stimmen nicht mehr hören konnten.

Dulcie entspannte sich nach und nach, als das Geschrei ausblieb, mit dem sie fest gerechnet hatte. Sie holte sich das Buch von Enid Blyton, das sie aus der Bücherei ausgeliehen hatte, legte sich neben May auf das Bett und fing an zu lesen.

»Warum kannst du nicht zum Friseur gehen, wenn die Mädchen in der Schule sind?«, fragte Reg seine Frau, als er ihr eine Tasse Tee reichte und sich ihr gegenüber in einen Lehnsessel setzte. Er wollte nicht schon wieder mit ihr streiten, aber als er ihr vom Ungehorsam der Mädchen erzählt hatte, hatte sie nur gelacht, als wäre das Ganze völlig unwichtig. »Es war nicht fair, von ihnen zu erwarten, an einem so schönen, sonnigen Tag im Haus zu bleiben.«

»Du bist doch derjenige, der nicht will, dass sie draußen spielen«, entgegnete sie von oben herab und zündete sich eine Zigarette an. »Außerdem musste ich mir das Haar machen lassen, weil ich heute Abend arbeite.«

Reg runzelte bei dieser Eröffnung ärgerlich die Stirn. Allein die Art, wie sie dasaß, so gelassen und elegant, mit übergeschlagenen Beinen, ein Schuh lose von ihrem Fuß baumelnd, reizte ihn ungemein. Aber bei allem Zorn war er wie immer auch fasziniert von ihrem klassisch-ovalen Gesicht, den Zügen so makellos wie die einer Porzellanpuppe, den großen kornblumenblauen Augen und dem weichen sinnlichen Mund.

Als sie sich im Dezember neunzehnhundertsiebenunddreißig bei einer Tanzveranstaltung im »Empire« am Leicester Square kennen gelernt hatten, war sie nur hübsch gewesen. Siebzehn Jahre jung mit riesigen Augen und seidigem blonden Haar. Sie hatte ihn an ein Rehkitz erinnert, und er war sich neben ihr so grobschlächtig und hässlich vorgekommen. Und sogar jetzt, da er um ihre Herzlosigkeit und ihren Egoismus wusste, war er immer wieder von neuem von ihrer Schönheit überwältigt.

So viele junge Mütter hatten im Krieg ihr gutes Aussehen eingebüßt; Entbehrungen, Gefahr, Sorge und der ständige Mangel an nahrhaften Lebensmitteln hatten sie in unscheinbare, verbrauchte, vorzeitig gealterte Frauen verwandelt. Nicht so Anne. Sie war heute sogar noch fraulicher, ihr seidiges Haar war gestylt wie das einer Hollywood-Diva, die hübschen, aber wenig ausdrucksvollen Züge waren zu atemberaubender Schönheit ausgereift, und in ihren Augen lag ein betörender, herausfordernder Ausdruck. Obwohl es ihn ärgerte, dass sie so viel Geld für neue Kleider, Kosmetika und den Friseur ausgab, war er andererseits stolz darauf, dass sie auf sich achtete und noch so gut aussah.

»Du arbeitest heute Abend!«, rief er aus. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich am Abend mit euch ins Kino gehe!«

Sie zuckte nur die Schultern und paffte weiter. »Das können wir doch verschieben. Du hast den Mädchen doch noch gar nichts erzählt.«

»Hätte es denn einen Unterschied gemacht, wenn ich es ihnen erzählt hätte?«, fragte Reg wütend und hob die Stimme. »Als ob es dir auch nur das Geringste ausmachen würde, sie zu enttäuschen. Ich habe eingewilligt, dass du in der Mittagszeit im Pub arbeiten kannst. Aber doch nicht samstagabends, verdammt noch mal.«

»Tosh braucht mich, und ich brauche das Geld«, entgegnete sie, jetzt in der Defensive.

»Ach so, Tosh braucht dich, ja?«, spottete Reg. »Gemessen daran ist es natürlich unwichtig, dass dein Mann und deine Kinder den Abend allein verbringen müssen. Und es ist ja auch so schrecklich vernünftig, den Lohn eines ganzen Abends für einen einzigen Friseurbesuch auszugeben. Darf ich fragen, was es heute zum Abendessen gibt? Oder sollen wir mit knurrendem Magen schlafen gehen, nur weil du hinter der Bar stehen musst?«

Ihr ausweichender Blick verriet ihm, dass er ins Schwarze getroffen hatte, und da verlor er den letzten Rest seiner Geduld. »Du hättest besser etwas zu essen gekauft, Anne!«

»Reg dich nicht künstlich auf, Reg«, meinte sie herablassend und stand vom Sofa auf. »Ich hatte einfach keine Zeit, etwas zum Abendessen einzukaufen. Ich schicke Dulcie Fisch mit Pommes holen.«

Etwas an der Art, wie sie nach ihrer Handtasche griff, weckte seinen Argwohn. Er sprang auf und schnappte sie sich noch vor ihr. Reg nahm ihre Geldbörse heraus und leerte den Inhalt auf den Tisch. Sie enthielt nur zwei halbe Kronen, eine Zwei-Schilling-Münze, ein Six-Pence-Stück und ein paar Kupfermünzen.

»Ich habe dir gestern Abend acht Pfund gegeben«, sagte er aufgebracht. »Wofür hast du das ganze Geld ausgegeben?«

Als er von der Arbeit gekommen war, war er in die Küche gegangen, um sich ein Brot zu schmieren, hatte aber nur einen Laib altbackenes Brot, ein Ei, ein winziges Stück Käse, Milch und Margarine gefunden.

»Ich habe für morgen Rindfleisch gekauft«, antwortete sie trotzig.

Reg zog sie hinter sich her in die Küche, damit sie ihm das Fleisch zeigte. Im Fleischfach befand sich tatsächlich ein kleines Stück Rindfleisch, aber Reg erkannte an der gräulichen Farbe, dass es vom Markt stammte und so zäh sein würde wie Schuhsohlen. »Und was sollen wir dazu essen?«, fragte er.

»Ich hole morgen Gemüse«, entgegnete sie und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. »Die Kinder haben so gequengelt, dass ich das Gemüse vergessen habe.«

»Zeig mir, was du dir gekauft hast«, brummte er und zog sie am Arm ins Schlafzimmer.

»O Reg, sei doch nicht so«, bettelte sie und fing an zu weinen. »Ich habe ein neues Kleid gebraucht. Ich ersetze das Haushaltsgeld von meinem Lohn und kaufe mir nichts Neues mehr, versprochen.«

»Zeig es mir!«, knurrte er und schob sie auf den Kleiderschrank zu.

Sie nahm ein blaues Kleid heraus, und obwohl Reg von Mode nicht viel Ahnung hatte, erkannte er an der aufwändigen Stickerei am Oberteil und auf der Vorderseite des Rockes, dass es sehr teuer gewesen war.

Das war zu viel. Er wusste, dass beide Mädchen dringend neue Schuhe brauchten, und auch ihre Unterwäsche fiel bald auseinander. Er verlor die Beherrschung und wurde zum ersten Mal handgreiflich. Er schlug Anne ins Gesicht.

»Du eitles, selbstsüchtiges Ding«, schimpfte er. »Du lässt deine eigenen Kinder in zu kleinen Schuhen herumlaufen und hungrig zu Bett gehen, nur damit du im Pub eine Schau abziehen kannst.«

Sie blickte schweigend zu ihm auf, die blauen Augen weit aufgerissen und sichtlich schockiert, dass er die Hand gegen sie erhoben hatte, und plötzlich kam er sich ganz schäbig vor.

»Ich wollte dich nicht schlagen«, fuhr er hastig fort. »Aber bei Gott, du hast es verdient, Anne! Bleib nur hier und wirf dich in Schale für diesen schmierigen Tosh, der hat in etwa dein Niveau. Ich kaufe den Kindern etwas zu essen und gehe dann allein mit ihnen ins Kino.«

Er machte auf dem Absatz kehrt, verließ das Zimmer und knallte die Schlafzimmertür hinter sich zu.

Nachdem Reg mit den Kindern die Wohnung verlassen hatte, stand Anne auf, ließ sich ein Bad ein und kühlte ihre Wange mit einem nassen Waschlappen.

»Ich bin erst siebenundzwanzig«, sagte sie laut zu ihrem Spiegelbild. »Mir steht doch sicher mehr zu als das hier?« Als Anne Reg kennen gelernt hatte, war sie siebzehn gewesen und hatte aus der spießigen, kleinbürgerlichen Welt ihrer Eltern ausbrechen wollen. Sie war als Einzelkind so behütet aufgewachsen, dass sie sich magisch angezogen gefühlt hatte von dem zehn Jahre älteren Reg.

Er war Bauarbeiter und sprach mit schwerem Südlondoner Akzent, trug einen handgenähten Anzug von der Sorte, wie sie Schwarzhändler trugen, und sein Gesicht sah aus, als wäre es von Fäusten modelliert worden. Als er im »Empire« beim Tanzen die Arme um sie legte, spürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben, was Verlangen war. Er hatte etwas ungeheuer Männliches an sich, eine Ausstrahlung, von der sie ganz weiche Knie bekam, und obwohl eine ihrer Freundinnen sie später beiseite nahm und warnte, dass er zu alt für sie und vermutlich sogar gefährlich sei, hörte sie nicht auf sie.

Sie und Reg hatten sich wieder verabredet, waren sich näher gekommen, und nach einiger Zeit war sie dann schwanger geworden.

Anne stieg in die Wanne und lehnte sich entspannt zurück, ein Tuch um das Haar geschlungen, damit es nicht nass wurde. Nachdenklich blickte sie an ihrem nackten Körper hinab. Kein einziger Schwangerschaftsstreifen, und die Brüste waren noch ebenso fest wie mit siebzehn.

»Warum musste ich auch schwanger werden?«, murmelte sie.

Reg hatte sie damals nicht etwa gedrängt, mit ihm zu schlafen, nein, sie selbst hatte die Initiative ergriffen. Er hatte warten wollen, bis sie heiraten konnten, aber Küssen und Streicheln war Anne nicht genug gewesen, ebenso wenig wie ihre geheimen Treffen. Vielleicht verhielt es sich ja tatsächlich so, wie ihre Mutter später behauptet hatte; vielleicht hatte sie schon damals gewusst, dass ihre Eltern ihn nur dann tolerieren würden, wenn sie Schande über sich brachte und heiraten musste.

Anne verzog schmerzlich das Gesicht bei der Erinnerung an die hässliche Szene an jenem Frühsommerabend neunzehnhundertachtunddreißig. Reg hatte sie nach Hause begleitet, um die unangenehme Pflicht mit ihr zu teilen, ihren Eltern die unerfreuliche Nachricht beizubringen.

Ihr Vater war die ganze Zeit mit dem Rücken zum Kamin stehen geblieben, die Lippen in seiner Missbilligung zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

»Sie bekommt ein Baby von Ihnen!«, rief er aus. »Sie müssen sie vergewaltigt haben. Niemals würde meine Tochter einem Kerl wie Ihnen gestatten, sie anzurühren. Nicht freiwillig.«

Ihre Mutter war noch schlimmer. Sie saß völlig niedergeschlagen auf der Couch und schluchzte so laut, als stünde der Weltuntergang bevor.

Reg seinerseits war wunderbar. Er blieb völlig ruhig und bestand darauf, dass sie ihn bis zuletzt anhörten.

»Ich weiß, dass Sie mich ablehnen, weil ich zehn Jahre älter als Anne und ein einfacher Bauarbeiter aus Deptford bin, während Sie sich mindestens einen Rechtsanwalt oder Arzt für Ihre Tochter gewünscht haben. Aber ich liebe sie, und sie liebt mich, und wir wollen sofort heiraten.«

Ihr Vater zeterte; ihre Mutter weinte sich die Augen aus und beleidigte Reg, indem sie ihn einen gewöhnlichen Emporkömmling schimpfte. Aber Reg ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Geben Sie mir eine Chance, mich zu beweisen«, bat er. »Ich werde für Anne und unser Baby sorgen. Es wird ihnen an nichts mangeln. Ich bitte Sie lediglich, Anne zu erlauben, mich zu heiraten, wenn Sie der ganzen Familie die Schande eines unehelichen Kindes ersparen wollen.«

Natürlich hatten ihre Eltern eingewilligt. Wie Reg ganz richtig erkannt hatte, wollten sie den Makel eines unehelichen Kindes abwenden. Aber sie versuchten nicht einmal, Reg zu mögen, rümpften die Nase über ihre kleine Wohnung in Lee Green und weigerten sich, sie dort zu besuchen. Als im Dezember jenes Jahres Dulcie auf die Welt kam, war von Krieg die Rede, es folgte die Mobilmachung, und Anne konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihre Eltern ihre Hoffnung darauf setzten, dass Reg das Leben ließ, weil ihre Tochter dann zu ihnen zurückkehren würde, nach Hause, wo sie ihrer Meinung nach hingehörte.

Aber Reg überlebte den Krieg. Es war ihre Mutter, die im Blitzkrieg bei einem Luftangriff ums Leben kam, als sie, bei einem Einkaufsbummel in Lewisham von den Bombern überrascht, zum nächsten Luftschutzbunker hastete.

»O Mummy, du warst in deinen Ansichten so engstirnig, dass du nicht einmal versuchen wolltest, das Gute in Reg zu sehen«, seufzte Anne und stand auf, um sich einzuseifen. »Wenn ihr mir verziehen hättet, wäre vielleicht alles anders gekommen.«

Anne ließ sich wieder ins Badewasser sinken und dachte zurück an den Tod ihrer Mutter. Als Dulcie sieben Monate alt gewesen war, war sie evakuiert und zusammen mit drei anderen jungen Müttern in einem großen Landhaus bei Hastings untergebracht worden. Mit den anderen Müttern zur Gesellschaft und älteren Frauen aus dem Dorf, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite standen, fühlte sie sich sicher und war glücklich, und zum ersten Mal in ihrem Leben traf sie eigenständig Entscheidungen und lernte, auf eigenen Füßen zu stehen. Als Reg sie dort besuchte, bevor er mit seiner Einheit aufs Festland geschickt wurde, sprachen sie davon, sich nach dem Krieg dauerhaft in Sussex niederzulassen. Aber das Glück, das sie dort gefunden hatte, hatte ein jähes Endes, als ihre Mutter im August neunzehnhundertvierzig im Bombenhagel umkam.

Ihr Vater konnte das Alleinsein nicht ertragen und verlangte von Anne, heimzukommen und ihm den Haushalt zu führen, ungeachtet dessen, dass er seine Tochter und Enkeltochter damit in Gefahr brachte. Er weinte die ganze Zeit und erwartete von Anne, dass sie ihn bediente, so wie ihre Mutter es getan hatte, wobei er sich ständig über Dulcie beklagte und beleidigend über Reg äußerte. Derweil ging ein wahrer Bombenhagel auf London nieder und verwandelte die Stadt jede Nacht von neuem in ein Chaos aus schrillen Sirenen, ohrenbetäubenden Detonationen und Feuer.

Das Zusammenleben mit ihm zermürbte Anne. Sie wollte zurück nach Sussex, aber aus Pflichtgefühl suchte sie sich eine Bleibe in seiner Nähe und mietete schließlich die kleine Wohnung in New Cross. Als ihr Vater dann drei Jahre später starb, zeigte sich, wie wenig ihre Opfer und ihre Zukunft ihm bedeutet hatten, denn er hinterließ alles, Haus und Ersparnisse, seinem jüngeren Bruder. Anne und die Kinder gingen leer aus.

Als Anne aus der Wanne stieg, schwammen ihre Augen in Tränen. Reg hatte ihr schon dutzende Male gesagt, sie solle die Vergangenheit loslassen, und sie wünschte auch, sie könnte es. Das Problem war nur, dass die Vergangenheit sie nicht losließ. Stattdessen wirkte sie wie ein schleichendes Gift, das Anne in einen Menschen verwandelte, der sie gar nicht sein wollte.

Bevor sie sich anzog, holte sie den Gin aus ihrem Versteck hinten im Kleiderschrank und genehmigte sich einen Schluck direkt aus der Flasche. Der Schnaps brannte in ihrer Kehle und trieb ihr Tränen in die Augen, aber sofort breitete sich wohlige Wärme in ihr aus und verdrängte die bedrückende Leere.

Zwei Stunden später, um acht, stand sie im »Station Hotel«, zapfte Bier und lächelte dabei, als wäre sie die glücklichste Frau auf der Welt. In der schicken Bar war wie jeden Samstagabend ebenso viel los wie in der angrenzenden einfacheren Kneipe, und im Festsaal im rückwärtigen Teil des Hotels feierte ausgelassen eine geschlossene Gesellschaft.

Tosh, der Hotelier, stand in einer Ecke der Bar, in der einen Hand einen großen Whiskey und in der anderen eine Zigarre. Er beobachtete Anne aufmerksam. Es gefiel ihm, wie sie sich bewegte, nein, ihre knackige Figur unter dem eng anliegenden Kleid war nicht zu verachten. Aber ganz besonders gefiel ihm die Gewissheit, dass sie ihm wieder gehören würde, noch bevor die Nacht vorbei war.

Niemand, am allerwenigsten Tosh selbst, wusste, wie er zu diesem Spitznamen gekommen war; sein richtiger Name war Albert Bright. Er war im Jahr neunzehnhundert in Stepney geboren und hatte den Spitznamen aus Kindheitstagen beibehalten, als er Profiboxer geworden war. Obwohl er es in der Boxwelt nie nach ganz oben geschafft hatte, hatte er doch genug Geld gemacht, um sich einen kleinen Pub in Mile End zu kaufen, und nachdem er während des Krieges kräftig auf dem Schwarzmarkt mitgemischt hatte, hatte er schließlich genug beisammen gehabt, um das Hotel zu erwerben.

Das imposante edwardianische Gebäude Ecke Leahurst Road, gleich gegenüber der Bahnhaltestelle Hither Green, war die reinste Goldgrube. In der unmittelbaren Umgebung waren Kneipen rar, und Handlungsreisende betrachteten die Zimmer in den Obergeschossen als strategisch günstig gelegene Basis für Besuche in der Innenstadt und im West End. Darüber hinaus verfügte das Hotel über zwei Festsäle, die für Hochzeiten und andere Anlässe vermietet wurden.

Tosh war verheiratet gewesen, aber seine Frau war vor zwölf Jahren mit einem Seemann durchgebrannt. Er hatte sie nicht vermisst, nur sein Stolz hatte gelitten, aber seitdem begegnete er Frauen mit Argwohn. Tosh wusste, dass er nicht besonders attraktiv war: Er war untersetzt und stämmig, hatte eine Halbglatze, und seine Nase hatte auch ein paar Haken zu viel abbekommen. Trotzdem machten die Frauen ihm schöne Augen. Sie behaupteten, dass er ihnen gefiel, weil er Stil habe und sie zum Lachen bringe, aber er wusste nur zu gut, dass sie es allein auf sein Geld abgesehen hatten.

Anne Taylor war da keine Ausnahme. Sie suchte nach einem Ausweg aus einer Ehe, die sie langweilte. Allerdings war sie da bei ihm an der falschen Adresse. Sie mochte die umwerfendste Braut sein, die er je gehabt hatte, schön wie ein Frühlingsmorgen und richtig damenhaft, aber er hatte nicht die Absicht, sich zwei fremde Kinder aufzuhalsen und sich noch dazu mit einem Kerl wie Reg anzulegen.

Allerdings hatte er nichts dagegen, noch eine Weile mitzuspielen. Allein bei dem Gedanken daran, mit ihr zu schlafen, jagte ihm ein heißkalter Schauer den Rücken hinunter, und in einem ruhigen Moment winkte er sie zu sich herüber.

»Möchtest du mal Pause machen?«, fragte er. »Janet kann aus der Kneipe rüberkommen und dich ablösen. Wir könnten nach oben gehen und was trinken.«

Anne stöhnte innerlich, da sie sehr genau wusste, was Tosh wirklich von ihr wollte. Nicht zum ersten Mal bereute sie, sich auf eine Affäre mit ihm eingelassen zu haben. Sie hatte im vergangenen Dezember angefangen, mittags im Pub zu arbeiten, und Tosh hatte sich mit Komplimenten bei ihr eingeschmeichelt. Schon bald blieb sie nach der Schließung des Pubs am frühen Nachmittag, und bei ein oder zwei Drinks erzählte Tosh ihr von seiner Zeit als Boxprofi, von den eleganten Nachtclubs und den berühmten Leuten, mit denen er damals verkehrt hatte. Sie spürte, dass er diesen glamourösen Zeiten immer noch nachtrauerte, und dachte bei sich, dass er mit der richtigen Frau an seiner Seite zu dem alten Lebensstil zurückkehren könnte. Von da an musste sie ständig an ihn denken, stellte sich vor, sie wäre diese Frau, die in einem umwerfenden Abendkleid und einem sündhaft teuren Nerzmantel von ihm in die angesagtesten Clubs der Stadt ausgeführt würde.

Weihnachten wurde es bitterkalt, und dann fing es an zu schneien. In der Wohnung war es so eisig, dass sich sogar auf der Innenseite der Fensterscheiben Eis bildete, und es war eine Qual, sich auszuziehen und zu baden, ganz zu schweigen davon, Wäsche zu waschen und zu trocknen und die Geschäfte abzuklappern nach etwas, woraus sich eine halbwegs ordentliche Mahlzeit zubereiten ließ. Reg schien die Kälte nichts auszumachen, und er verstand nicht, dass sie so viel Aufhebens darum machte. Zum Glück hatte sie den Job als Bedienung im Pub gehabt, denn dort war es angenehm warm, und ein paar Drinks und Schmeicheleien milderten ihre Verzweiflung.

Tosh war so aufmerksam und besorgt um sie. Er gab ihr oft ein paar Koteletts oder Hackfleisch mit nach Hause, wenn sie ihre Fleischration aufgebraucht hatte, und manchmal steckte er ihr eine Pfundnote zu und schickte sie zum Friseur. Und so führte nicht Verlangen, sondern die Anerkennung, die er ihr zollte, dazu, dass sie sich auf ein paar harmlose Küsse und Zärtlichkeiten mit ihm einließ.

Mitte Februar gestattete sie ihm dann das erste Mal, mit ihr zu schlafen. Auch dazu kam es eigentlich nur, weil daheim die Wasserrohre zugefroren waren und er ihr ein Bad oben in seiner Privatwohnung angeboten hatte. Sein Bad war ein Traum. Ein großer Radiator sorgte für wohlige Wärme, das Wasser kam heiß aus dem Hahn, und die zwei großen Gin, die sie sich vor dem Bad genehmigt hatte, versetzten sie in einen Zustand der Glückseligkeit, in dem ihr vorübergehend alles andere gleichgültig war. Sie lag seit fast einer Stunde in der Wanne, als Tosh hereinkam, in der einen Hand ein vorgewärmtes flauschiges Handtuch für sie und in der anderen einen großzügigen Drink. Er wickelte sie in das Handtuch und trug sie in sein Schlafzimmer. Und auch wenn er kein so berauschender Liebhaber war, sorgten der Reiz des Verbotenen, die Sinnlichkeit von Wärme und Komfort und nicht zuletzt der Gin dafür, dass das Zwischenspiel zu einer reizvollen Angelegenheit wurde.

Anne war froh, dass sie nicht katholisch war wie Reg, weil sie sonst ihren Ehebruch hätte beichten müssen. Aber sie büßte auch so für ihre Untreue, da sie jeden Nachmittag, nachdem sie mit Tosh geschlafen hatte – und es war nie wieder so schön wie beim ersten Mal –, den Mädchen und vor allem Reg unter die Augen treten musste. Anne wusste, dass sie ihre Familie vernachlässigte, indem sie nicht kochte und auch die Wohnung nicht in Ordnung hielt, aber anstatt sie dazu anzuspornen, sich zu bessern, bewirkten die Schuldgefühle bei ihr das genaue Gegenteil: Je mehr Reg sich beklagte, desto weniger tat sie, und jeden Abend, wenn sie zu Bett ging, träumte sie von einem Leben im Luxus, sah sich in erlesenen Kleidern aus Samt und Seide und mit einem funkelnden Diamantenkollier um den Hals am Arm eines Mannes, der auf die schöne Frau an seiner Seite stolz war.

Sie wusste, dass es herzlos und gemein war, aber manchmal stellte sie sich sogar vor, Reg würde sterben. Nicht, dass sie seinen Tod gewollt hätte; sie sehnte sich nur nach Freiheit, so wie in ihrer Kindheit. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie ihn so oft bis zur Weißglut reizte, indem sie sich neue Kleider kaufte. Sie hatte nie bewusst darüber nachgedacht, wollte einfach nur umwerfend aussehen, aber möglicherweise versuchte sie damit unbewusst zu erreichen, dass er irgendwann genug von ihr hatte und sie verließ.

»Komm!«, sagte Tosh ungeduldig und wiederholte seinen Vorschlag, nach oben zu gehen und gemeinsam etwas zu trinken.

Anne zwang sich zu einem Lächeln. »Eine Pause wäre nicht schlecht«, meinte sie, obwohl sie an diesem Abend nicht die geringste Lust hatte, mit ihm zu sprechen oder gar zu schlafen. Aber sie musste ihn bei Laune halten, für den Fall, dass Reg tatsächlich Nägel mit Köpfen machte und sie hinauswarf.

Oben in seinem Wohnzimmer schenkte Tosh ihr einen großen Gin-Tonic ein. Früher einmal war Anne tief beeindruckt gewesen von seiner Wohnung mit der edlen Textiltapete, der Bar, der Musiktruhe und den edlen Sofas, aber an diesem Abend erschien sie ihr ebenso vulgär wie er selbst. Gleich nachdem er ihr den Drink eingeschenkt hatte, knöpfte er seine Hose auf.

»Ich bin heute Abend nicht in Stimmung«, erklärte sie und wandte den Blick ab. »Reg und ich hatten Streit. Zu Hause wird es immer schlimmer. Er hat mich sogar geschlagen.«

Sie hatte erwartet, dass Tosh seine Hose wieder zuknöpfen, sich zu ihr setzen und ihr versichern würde, dass er sich, falls nötig, um sie kümmern werde, aber weit gefehlt. Stattdessen trat er direkt vor sie, legte ihr eine Hand auf den Hinterkopf und dirigierte ihren Mund zu seinem Penis.

Es war entwürdigend – keine Zärtlichkeit, kein liebes Wort, kein Gedanke an sie, nur pure animalische Lust.

Als Tosh sich schließlich neben ihr auf das Sofa fallen ließ und versuchte, den Arm um sie zu legen, schüttelte Anne diesen ab. Tränen der Erniedrigung traten ihr in die Augen.

»Wag es ja nicht, noch einmal so mit mir umzugehen«, weinte sie. »Ich bin keine Hure.«

»Tut mir Leid, Schätzchen«, entgegnete er, aber sie konnte keinen Hauch von Reue auf seinen Zügen erkennen. »Ich habe die Kontrolle verloren. Ich revanchiere mich später.«

»Ich kann nicht länger bleiben«, erwiderte sie und wünschte, sie könnte jetzt gleich gehen. »Ich sagte ja bereits, dass es zu Hause nicht zum Besten steht. Ich fürchte, Reg könnte sogar so weit gehen, mich rauszuwerfen.«

»Na ja, die eine oder andere Nacht kannst du mir gern das Bett wärmen«, gab er grinsend zurück, als wäre das Ganze nur ein Scherz.

In Anne kochte Wut hoch. »Bedeute ich dir denn gar nichts?«, fragte sie gereizt. »Ich habe dir erzählt, dass Reg mich heute geschlagen hat. Ich fühle mich mies und habe Angst, und du hast alles nur noch schlimmer gemacht. Ich wünschte, ich hätte nie angefangen, für dich zu arbeiten. Seitdem habe ich nichts als Ärger.«

»Komm schon, Babe«, meinte er, zog sie in die Arme und küsste sie. »Du weißt doch, dass ich große Stücke auf dich halte, ich bin nur nicht gut im Umgang mit Herzschmerz und so. Ich sage nur eins: Du musst dich unbedingt wieder mit deinem Alten vertragen. Du musst an die Kinder denken. Und jetzt bleib hier sitzen, trink etwas und rauch eine, bis du dich beruhigt hast. Ich muss zurück in die Bar.«

Anne gehorchte, aber Toshs Worte und seine Haltung hatten nicht eben dazu beigetragen, sie zu beruhigen. Im Gegenteil: Sein Benehmen hatte ihr nur noch mehr schlechte Erinnerungen beschert und ihre Wut weiter angefacht.

Reg hielt seine beiden Töchter an der Hand, als sie durch die schwach erleuchtete Unterführung unter der Haltestelle Hither Green gingen. Sie hatten in einem Café Eier mit Pommes gegessen und waren anschließend im Park-Kino gewesen. Das schon recht alte Lichtspielhaus zeigte nur selten neue Filme, lockte sein Publikum aber mit Doppelvorstellungen beliebter Klassiker. An diesem Abend war erst Dumbo und anschließend Daddy Long Legs mit Shirley Temple gespielt worden. Während der ersten Vorführung, Dumbo, hatten die Mädchen wie gebannt auf die Leinwand gestarrt, aber während des zweiten Films war May so unruhig geworden, dass Reg nichts anderes übrig geblieben war, als zu gehen. Den ganzen Weg den Hügel hinunter hatte Dulcie sich darüber beklagt, dass May ihnen den Abend verdorben hätte.

»Das reicht jetzt, Dulcie«, wies Reg sie zurecht. »May ist erst fünf und kann sich eben noch nicht so lange konzentrieren. Wir werden uns Daddy Long Legs irgendwann noch mal ansehen.«

»Können wir Mummy besuchen gehen?«, fragte May, als sie die Unterführung verließen. Sie waren nur selten nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs, und das hell erleuchtete »Station Hotel« sah nicht nur einladend aus, sondern klang auch so mit der Musik, die durch die Türen bis auf die Straße drang.

»Natürlich nicht«, entgegnete Reg. »Kindern ist das Betreten von Bars verboten.«

»Aber ich habe sie noch gar nicht in ihrem neuen Kleid gesehen!«

Dulcie warf ihrer Schwester einen eindringlichen Blick zu; manchmal hätte sie schwören können, dass May geistig zurückgeblieben war. Sie musste doch wissen, dass das neue Kleid der Anlass für den heutigen Streit zwischen Mum und Dad gewesen war. Gleich würde sie auch noch erzählen, dass der Parkwächter sie fast erwischt hätte.

»Sie zieht es ganz sicher morgen wieder an«, sagte Reg und klang dabei zu Dulcies Verwunderung gar nicht böse. Vielleicht hatte er Mum ja inzwischen verziehen. Sie fand, dass ihre Eltern sich manchmal ganz schön komisch benahmen. Granny hatte auch mehr als einmal gesagt, sie seien verschieden wie Tag und Nacht. Wenn sie nicht stritten, turtelten sie wie frisch Verliebte, küssten und drückten sich unablässig. Dieses Getue war ihr ebenso peinlich, wie die Streiterei sie beunruhigte. Sie wünschte, ihre Eltern könnten so sein wie Mary Abbotts Eltern, die nur ein paar Häuser weiter wohnten. Sie gingen immer freundlich miteinander um, weder übertrieben liebevoll noch gemein. Allerdings war Mr. Abbott sehr klein und schmächtig, und seine Frau war groß, dick und unansehnlich. Vielleicht war das ja der Grund?

»Jetzt aber ab ins Bett«, forderte Reg, als sie die Wohnung betraten. »Während ihr euch auszieht, bereite ich euch noch eine warme Milch zu.«

Als er in der Küche vor dem Herd darauf wartete, dass die Milch warm wurde, schaute Reg sich um und verzog seufzend das Gesicht. Die Wände waren voller Fettspritzer, der Linoleumboden war Wochen nicht mehr gewischt worden, und Tischdecke und Gardinen hätten dringend gewaschen werden müssen. Als sie vor achtzehn Monaten eingezogen waren, hatte er den Raum ganz weiß angestrichen und den Küchenschrank und den Fensterrahmen leuchtend gelb lackiert. Anne war so begeistert gewesen, dass sie aus gelbem Baumwollstoff Tischtuch und Vorhänge genäht und sogar ein paar Topfpflanzen für das Fensterbrett besorgt hatte. Warum hatte sie alles so verkommen lassen? Sah sie den Schmutz nicht, oder war ihr inzwischen alles egal?

Er liebte sie immer noch so sehr wie am Tag ihrer Hochzeit, und auch seine Träume waren noch dieselben. In ein paar Jahren wollte er sein eigenes Bauunternehmen gründen und ihnen ein hübsches kleines Häuschen in einem Londoner Vorort kaufen. Vielleicht würde Anne wieder die Alte werden, wenn sie dort lebte, wo sie hingehörte.

Reg war eins von acht Kindern. Seine Kindheit und Jugend war überschattet worden von Hunger, Armut und einem ewig betrunkenen, gewalttätigen Vater. Trotzdem hatte Reg schon als sieben- oder achtjähriges Kind gespürt, dass es einen Weg in eine bessere Welt geben musste, und den hatte er dann gesucht. Während seine Geschwister sich damit begnügt hatten, leere Büchsen durch die Straßen zu kicken oder am Flussufer Schlammkuchen zu backen, hatte er lange Spaziergänge durch den Greenwich Park unternommen, um sich die eleganten Häuser in Blackheath anzusehen und ihre wunderschönen Gärten zu bewundern.

Seine Mutter schien zu verstehen, was er empfand, und als er vierzehn war, überredete sie einen Maurermeister, ihn zu seinem Lehrling zu machen, obwohl sie sich selbst das Leben damit noch schwerer machte, als es ohnehin schon war. Während Regs Freunde nach und nach auf die schiefe Bahn gerieten, hielt er sich eisern an seine Arbeit. Und auch nach zwölf Stunden kräftezehrenden Betonmischens und Steineschleppens auf der Baustelle besuchte er noch die Abendschule. Er gab sich nicht mit Kenntnissen im Mauern zufrieden, sondern lernte auch Putzer, Schreiner und Installateur, was ihm auch in den schweren Jahren der Depression Arbeit sicherte, sodass er seine inzwischen verwitwete Mutter und die jüngeren Geschwister finanziell unterstützen konnte.

Er war siebenundzwanzig, als er Anne kennen lernte, und obgleich er vor ihr schon viele Freundinnen gehabt hatte, war es ihm mit keiner Beziehung wirklich ernst gewesen. Anne mit dem duftenden Haar, den feinen Manieren und der gepflegten Ausdrucksweise vermittelte ihm dasselbe Gefühl wie die Prachtbauten in Blackheath, die er als Kind bestaunt hatte. Er errötete wie ein Schuljunge, sein Puls raste, und er hing an ihren Lippen. Und ihr ging es nicht anders. Sie nahm den Zug oder den Bus, um sich mit ihm zu treffen, schickte ihm Liebesbriefe, wenn er außerhalb von London arbeitete, umgab ihn mit der Art lieblicher Romantik, von der er bislang geglaubt hatte, es gäbe sie nur in Groschenromanen. Schon nach wenigen Wochen machte er ihr einen Antrag, noch bevor sie das erste Mal miteinander schliefen, weil er überzeugt davon war, dass sie füreinander bestimmt waren.

Sie hatten es schwer gehabt, das ließ sich nicht leugnen. Die Ablehnung ihrer Eltern, dann die Trennung im Krieg, der tragische Tod ihrer Mutter und das Theater mit ihrem Vater, und das alles als junge Mutter mit zwei kleinen Kindern. Andererseits hatten alle Frauen es im Krieg schwer gehabt, und inzwischen war das Schlimmste überstanden, und sie hatten sogar ein anständiges Zuhause. Die Mädchen waren klug und gesund. Warum also hatte sie das Interesse an ihnen allen verloren?

Die Milch war jetzt warm genug. Reg verteilte sie auf zwei Tassen, rührte in jede einen Teelöffel Zucker und brachte sie dann den Mädchen auf ihr Zimmer. Sie saßen im Bett und warteten schon auf ihn. Er musste lächeln. Sie sahen aus wie zwei Engel in ihren weißen Nachthemden und mit dem ordentlich gebürsteten Haar, das ihnen seidig über die Schultern fiel.

»Erst beten«, mahnte er, setzte sich ans Fußende des Bettes und sah zu, wie sie ein Rosenkranz-Gesetz beteten. Er lächelte wieder, als er bemerkte, dass May aus halb geschlossenen Augen zu ihrer Schwester hinüberlinste und versuchte, diese nachzuahmen. Sie konnte sich den Text einfach nicht merken, bewegte nur stumm die Lippen und murmelte hier und da ein »Ave Maria«, während Dulcie das Gebet auswendig kannte und fehlerfrei aufsagte. Er fühlte sich in die eigene Kindheit zurückversetzt. Damals hatte er davon geträumt, Ministrant zu werden, weil es keinen Ort gab, an dem er sich lieber aufhielt als in der Kirche. Er liebte die friedliche Stille dort, den Geruch nach Weihrauch, Holzpolitur und Blumen. Er erinnerte sich, dass er inbrünstig um ein Wunder gebetet hatte, darum, dass sein Vater aufhörte zu trinken und dass sie von Deptford wegzogen, irgendwohin, wo es schön war. Seine Gebete wurden nicht erhört. Er war siebzehn, als sein Vater tot in einer dunklen Straße gefunden wurde; er war auf dem Heimweg vom Pub einem Herzinfarkt erlegen. Doch es war kein Geld da, um wegzuziehen.

Als er nun Dulcie betrachtete, fragte er sich, ob sie auch einen heimlichen Wunsch hatte, um dessen Erfüllung sie betete. Sie war ein Denker, ein Beobachter, hielt sich gern im Hintergrund und überließ das Rampenlicht anderen. Dabei besaß sie so viele Fähigkeiten: Sie konnte von allen Kindern ihrer Klasse am besten lesen, konnte zeichnen und malen, nähte fast ebenso gut wie ihre Großmutter und besaß eine ungewöhnliche Auffassungsgabe.

May war ganz anders. Sie war nicht halb so weit, wie Dulcie es in ihrem Alter gewesen war, was allerdings auch daran liegen mochte, dass die ältere Schwester ihr so vieles abnahm. May stand gern im Mittelpunkt, was ihr dank ihrer offenen, sorglosen Art auch immer wieder mühelos gelang. Sie war ausgesprochen kontaktfreudig und lachte gern. Er ahnte, dass sie, auch wenn sie nicht so intelligent war wie ihre Schwester, es verstehen würde, Gelegenheiten beim Schopf zu packen, da sie schon mit fünf Jahren sehr genau wusste, was sie wollte.

Er liebte die beiden über alles und war sich darüber im Klaren, dass er den Verfall seiner Ehe aufhalten musste, bevor er seinen Kindern Schaden zufügte.

»Lieber Gott, bitte beschütze Granny«, fügte Dulcie noch hinzu, als sie mit dem Rosenkranz-Gesetz fertig war. »Und mach Mummy wieder froh.«

Reg hatte plötzlich einen Kloß im Hals, und seine Augen brannten. Er beugte sich über die Mädchen, küsste sie, sagte Gute Nacht und verließ eilig das Zimmer. Es hatte eines Kindes bedurft, ihm die Augen zu öffnen. Anne war unglücklich, und es war an der Zeit, dass er ergründete, was die Ursache hierfür war.

Reg war eingenickt, wachte aber auf, als er das Klappern von Annes hohen Absätzen auf der Straße vor dem Haus hörte. Er stand aus dem Sessel auf, zog den Vorhang ein wenig beiseite und beobachtete sie. Auch wenn sie nach einem langen Abend müde war, bewegte sie sich voller Anmut und Stolz. Sie hielt den Kopf hoch erhoben und den Rücken kerzengerade. Ihr Haar schimmerte im Licht der Straßenlaternen, und das neue Kleid betonte ihre verführerischen Rundungen noch. Im Grunde kümmerte ihn das Geld nicht, das sie für das Kleid ausgegeben hatte. Er wollte nur, dass sie hereinkam, ihn umarmte und ihm sagte, dass sie ihn liebe, so wie sie es früher getan hatte.

Er ging in die Küche und setzte Teewasser auf. Wenn sie miteinander redeten, konnten sie vielleicht ihren Streit vergessen, zu Bett gehen und sich lieben.

Das Wasser begann eben zu kochen, als sie die Treppe heraufkam. Sie sah mehr als nur müde aus: Völlig erschöpft und ausgelaugt hängte sie die Handtasche über den Pfosten des Treppengeländers. Sie tat ihm Leid. »Ich brühe gerade Tee auf«, erklärte er, bevor er in die Küche zurückkehrte. »Setz dich und leg die Füße hoch, ich bringe dir gleich eine Tasse.«

Als er ins Wohnzimmer kam, saß sie zusammengesunken auf dem Sofa und war sichtlich nervös, als rechnete sie damit, dass er ihren Streit von vorhin fortführte.

»Es tut mir wirklich sehr Leid, dass ich dich geschlagen habe«, versicherte er weich, als er ihr den Tee reichte.

»Ich habe dich provoziert«, entgegnete sie. »Es ist unwichtig.«

»Was ist nur los mit uns?«, fragte Reg leise und setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel. »Wir müssen dahinter kommen, was es ist, denn so können wir nicht weitermachen.«

»Es liegt nicht an dir, Reg, ich allein bin schuld«, sagte sie müde. »Ich bin nicht die Richtige für dich. Ich kann nicht die Frau sein, die zu sein du von mir erwartest.«

»Und was glaubst du, erwarte ich von dir?«, hakte er sanft nach.

Sie antwortete nicht gleich, sondern runzelte die Stirn, als versuchte sie, sich selbst Klarheit zu verschaffen. »Du wünschst dir eine perfekte Hausfrau und Mutter«, entgegnete sie dann. »Eine Frau, die tagein, tagaus putzt wie deine Mutter, das Essen fertig hat, wenn du nach Hause kommst, und nie aus den eigenen vier Wänden herauskommt.«

Reg lachte. »Wenn ich das haben wollte, könnte ich zu meiner Mutter ziehen. Du liegst völlig falsch. Ich kann sehr wohl mit etwas Unordnung leben und auch auf mein Essen warten. Was ich mir aber wohl wünsche, ist eine Frau, die sich freut, mich zu sehen, wenn ich heimkomme, eine Mutter, die mit ihren Kindern spricht und spielt, und eine Ehefrau, die meine Zukunftsträume teilt und nicht das Geld verschwendet, von dem ich sie realisieren möchte.«

»Aber genau das ist doch der Punkt, Reg«, brach es aus ihr hervor. »Du lebst nur für die Zukunft. Sei sparsam, sei vernünftig, warte noch, hab Geduld. Ich kann aber nicht mehr; ich will jetzt leben.«

»Mit mir?«

Die Frage entfuhr ihm ganz von allein, ohne dass er sie bewusst formuliert hatte. Aber als sie ausgesprochen war, erkannte er, dass das die wichtigste Frage überhaupt war. Wollte sie überhaupt mit ihm zusammen sein oder nicht?

Sie zögerte, und schon das allein traf ihn bis ins Mark. »Du willst nicht mehr mit mir zusammenleben, habe ich Recht?«, meinte er leise.

Sie barg das Gesicht in den Händen. »Warum hast du das gefragt?«, flüsterte sie durch die Hände. »Diese Frage ist unmöglich zu beantworten.«

»Das ist sie nicht. Ein einfaches Ja oder Nein würde genügen.«

»Aber es ist eben nicht schwarz oder weiß.«

»Warum nicht?«, wollte er wissen und war selbst überrascht, wie ruhig er klang.

»Weil ich manchmal auch glücklich bin, mit dir zusammen zu sein.«

»Aber manchmal auch nicht?«

Sie nickte.

»Dann lass uns über die Momente sprechen, in denen du nicht glücklich mit mir bist«, fuhr er fort. »Was fühlst du dann?«

»Ich fühle mich, als säße ich in der Falle. Wie ein Hamster im Laufrad«, platzte sie heraus.

»Das Gleiche könnte ich von mir sagen«, bekannte er schulterzuckend. »Ich muss jeden Tag zur Arbeit, das ist eine richtige Tretmühle. Ich würde auch lieber am Meer sitzen, mit einem Motorrad über einsame Landstraßen fahren oder mich im Pub sinnlos betrinken, aber ich habe keine andere Wahl, als zur Arbeit zu gehen, wenn ich nicht möchte, dass wir alle verhungern.«

»Ich wusste, dass du mich nicht verstehen würdest«, entgegnete sie düster. »Du reduzierst immer alles darauf, wie hart du für uns arbeitest.«

»Das tue ich nicht. Ich gehe bereitwillig für uns alle arbeiten, und ich träume von der Zeit, da es mir vielleicht möglich sein wird, mir ein Motorrad zu leisten oder im eigenen Garten in der Sonne zu liegen. Meine Träume schließen uns alle ein. Wovon träumst du?«

»Davon, frei zu sein!«

Anne erhob bei diesen Worten die Stimme, und Reg wusste, dass sie von Herzen kamen.

»Frei von mir?«

»Ja. Nein. Ach, ich weiß auch nicht«, erwiderte sie und brach prompt in Tränen aus.

Reg ließ sich einen Moment Zeit, um diese Worte zu verdauen. Sein Instinkt sagte ihm, dass ihre erste Antwort die ehrlichste gewesen war, dass sie nur nicht den Mut gehabt hatte, dazu zu stehen.

»Willst du damit andeuten, dass du die Scheidung möchtest?«, fragte er so leise, dass seine Stimme kaum mehr war als ein Flüstern. »Dass du unsere Ehe nach all den Jahren beenden möchtest? Warum, Anne? Was ist mit den Kindern?«

»Warum musstest du davon anfangen, kaum dass ich durch die Tür war?«, fuhr sie ihn unvermittelt an. »Ich bin so müde, dass ich nicht mehr klar denken kann.«

So oder so ähnlich zog sie sich aus der Affäre, jedes Mal, wenn es unbequem wurde. Für gewöhnlich ließ Reg es ihr durchgehen, doch nicht heute Abend.

»Aber ich kann klar denken«, beharrte er. »Du weißt, warum du unglücklich bist. Du brauchst es mir nur zu erklären; wie sollte ich dir sonst helfen? Denk nach und versuch, den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem es angefangen hat.«

Sie musterte ihn kühl. »Das war vermutlich damals, als Mutter starb. Alles war bestens, bis ich gezwungen war, nach London zurückzukommen und bei Dad zu wohnen. Von da an folgte eine Krise auf die andere, und du warst nie da.«

»Dafür konnte ich nichts«, hielt er ihr entgegen. »Da mussten alle durch. Mir ist klar, dass es sicher nicht leicht war mit einem Baby, der Rationierung, den Bomben und allem. Ich bin nach Hause gekommen, sooft es ging.«

»Aber es war trotzdem nicht oft genug«, brach es aus ihr hervor. »Ich hatte furchtbare Angst und war schrecklich einsam. Dulcie war ein Häufchen Elend, und mein Vater hat sich ständig nur beklagt. Ich konnte keine Nacht durchschlafen. Jeden Abend, wenn wir in den Luftschutzbunker gingen, dachte ich, ich würde umkommen und dann wäre niemand da, der sich um Dulcie kümmert.«

Jedes Mal, wenn sie stritten, fing Anne davon an, und Reg war der Ansicht, dass es zu nichts führte.

»Aber es wurde besser, nachdem du nach New Cross gezogen bist«, erinnerte er sie. »Du schienst viel gelöster mit den beiden Mädchen in der unteren Wohnung.«

»Diese Biester«, entfuhr es ihr.

»Du hast doch gesagt, du hättest sie gemocht!«, rief Reg überrascht aus.

»Das war, bevor ich erkannte, wie sie wirklich waren. Sie waren blöde Gänse und haben sich hinter meinem Rücken über mich lustig gemacht.«

Das war neu; bisher hatte Anne nie ein böses Wort über die beiden Mädchen verloren.

»Inwiefern?«

»Weil ich mich stets bemüht habe, alles ordentlich zu halten und hübsch zu machen, und weil ich immer auf dich gewartet habe. Sie haben sich darüber amüsiert, wie ich gesprochen und mich gekleidet habe; sie haben gesagt, alle Soldaten seien ihren Ehefrauen und Liebsten untreu. Ich kam mir so kindisch und dumm vor.«

Reg erinnerte sich noch gut daran, dass er damals beim Fronturlaub ein wenig beunruhigt gewesen war, dass Anne sich mit den zwei jungen Fabrikarbeiterinnen angefreundet hatte. Sie waren Mitte zwanzig und machten jedes Mal anzügliche Witze, wenn er auf der Treppe an ihnen vorbeikam. Außerdem hatten sie für seinen Geschmack etwas zu häufig Herrenbesuch. Aber er hatte das Gefühl gehabt, dass sie Anne aufmunterten. Jetzt erst ging ihm auf, dass die beiden bei seinem nächsten Urlaub nicht mehr da gewesen waren und Anne es seinerzeit bereits aufgegeben hatte, in der Wohnung eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. War zwischen diesen beiden Urlauben etwas vorgefallen, wovon sie ihm nie erzählt hatte?

»Ist damals etwas passiert?«, fragte er. »Vielleicht quält es dich nicht mehr, wenn du es mir erzählst.«

»Aber dann wird es dich dafür umso mehr quälen«, entgegnete sie grimmig.

»Ich glaube kaum, dass ich mich allzu sehr über etwas aufregen werde, das Jahre zurückliegt«, meinte er mit einem schiefen Lächeln.

»Wenn du es denn unbedingt wissen willst. Eines Abends überredeten sie mich, mit ihnen auszugehen. Als wir heimkamen, war ein Polizist bei uns in der Wohnung. Eine Nachbarin hatte gemeldet, dass ich ausgegangen sei und Dulcie allein gelassen hätte.«

Als sie Regs schockierten Gesichtsausdruck sah, fügte sie hastig hinzu, dass sie nur eine Stunde weg gewesen sei und das nur dieses eine Mal vorgekommen wäre, vorher nicht und auch hinterher nicht mehr. Die beiden jungen Frauen hätten nicht lockergelassen und sie überredet.

Reg bezweifelte, dass es das erste und einzige Mal gewesen war. Es war äußerst unwahrscheinlich, dass jemandem aufgefallen sein sollte, dass sie ihre Tochter dieses eine Mal allein gelassen hatte. So etwas fiel nur auf, wenn man das Kind öfter und über längere Zeit weinen hörte. Aber auch wenn er es verwerflich fand, dass eine Mutter ihr Kind sich selbst überließ, noch dazu in einer Zeit, da Bombenangriffe an der Tagesordnung waren, wäre es sinnlos, so viele Jahre später deswegen einen Aufstand zu machen. Was ihn verwirrte, war, dass sie es ihm nach all dieser Zeit überhaupt beichtete.

Reg musste plötzlich daran denken, wie oft er dem Priester eine kleine Sünde gestanden hatte, um eine viel schlimmere für sich zu behalten. Damit hatte er sich wenigstens von einem Teil seiner Schuld reingewaschen. Hielt sie es genauso?

Er sah zu, wie sie eine Zigarette aus der Packung nahm. Ihre Hände zitterten so sehr, dass es ihr kaum gelang, das Streichholz anzureißen. Es war offensichtlich, dass er einige sehr schmerzliche Erinnerungen heraufbeschworen hatte. Er beugte sich vor, nahm ihr die Zündhölzer aus der Hand und gab ihr Feuer. »Willst du mir nicht sagen, was damals wirklich passiert ist?«

»Das habe ich gerade getan«, entgegnete sie trotzig.

»Du hast mir einen Teil erzählt«, widersprach er ruhig. »Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es da noch viel mehr gibt und du dich nur nicht traust, es mir zu erzählen.«

»Warum musst du immer so verdammt selbstgerecht sein?«, fuhr sie ihn an. »Du bist stolz darauf, nicht so geworden zu sein wie deine Brüder, stolz, Handwerker zu sein, stolz auf jede verdammte Kleinigkeit. Das macht mich ganz krank.«

»Tut mir echt Leid«, gab er spöttisch zurück. »Vielleicht wäre es dir lieber, wenn ich mich jeden Abend betrinken würde? Oder wenn ich Müllmann wäre oder Straßenkehrer und du am East End leben müsstest.«

Sie warf ihm einen sonderbaren Blick zu, die Augen halb geschlossen, einen verächtlichen Zug um den Mund, und er wusste gleich, dass er etwas zu hören bekommen würde, das ihm ganz und gar nicht gefiel.

»Wenn du es unbedingt wissen willst: Ich hatte eine Affäre mit einem amerikanischen Flieger. Und, wie fühlst du dich jetzt? Bist du froh, dass du mich dazu gebracht hast, es dir zu erzählen?«

Reg fühlte sich wie nach einem Schlag in die Magengrube. Aber es war nicht nur das, was sie gesagt hatte, sondern auch das Wie – kalt und darauf abzielend, ihn zu verletzen.

Reg starrte sie fassungslos an. Ihre Augen waren wie blaues Eis, ohne eine Spur von Gewissensbissen.

»Okay, du hattest also eine Affäre«, meinte er nach kurzem Schweigen mit vor Erschütterung rauer Stimme. »Ich wüsste nur gern, warum du mir das ausgerechnet heute erzählst. Willst du, dass ich dich so sehr hasse, dass du vor dir selbst rechtfertigen kannst, mich zu verlassen?«

»Du wolltest wissen, was los ist, und ich habe es dir gesagt«, antwortete sie und hob dabei herausfordernd das Kinn. »Wenn du die Wahrheit nicht ertragen kannst, hättest du nicht fragen sollen.«

Reg sah vor seinem geistigen Auge, wie Anne am Arm eines Fliegers die Treppe der Mietskaserne in New Cross hinabstieg, während Dulcie oben ganz allein in ihrem Bettchen lag. Das Bild veränderte sich, und er sah, wie Anne mit dem Amerikaner schlief und Dulcie ihnen, am Daumen lutschend, zusah. Das war mehr, als er ertragen konnte.

Abrupt stand er auf und ging ans Fenster. Als er sich ihr wieder zuwandte, liefen ihm Tränen über die Wangen. »Ich könnte damit leben, dass du mir untreu warst, wenn ich wüsste, dass du es ehrlich bereust und es mir nur erzählt hast, um unsere Ehe zu retten. Aber du willst sie gar nicht retten, habe ich Recht? Du willst unsere Ehe kaputtmachen und mich dazu!«

»Oh, armer, armer Reg«, spottete sie. »Du hast dich auf mich gestürzt, kaum dass ich zur Tür herein bin, fest entschlossen, irgendetwas auszugraben. Und jetzt soll ich mich mies fühlen, weil ich deine Fragen ehrlich beantwortet habe! Herrgott, ich war zwanzig Jahre alt, meine Mutter war gerade getötet worden, mein Vater hatte sich von mir abgewandt, ich musste mich ganz allein mit einer kleinen Tochter durchschlagen, und mein Mann war nie da. Ich habe nur bei jemandem etwas Trost und Wärme gesucht, das ist alles. Das ist wohl kaum eine Todsünde.«

Reg ließ sich auf einen Stuhl fallen, stützte die Ellbogen auf den Tisch und barg das Gesicht in den Händen. Ein Teil seines Verstandes sagte ihm, dass sie Recht hatte. Unzählige seiner eigenen Freunde und Kameraden hatten im Krieg Trost in den Armen anderer Frauen gesucht. Er selbst hatte mehrmals kaum widerstehen können.

Er schaute sie durch die gespreizten Finger an und hoffte auf Tränen oder sonstige Zeichen des Bedauerns. Aber sie gähnte nur und wickelte sich eine Haarsträhne um einen Finger. Sie hätte nicht gleichgültiger sein können.

Und dann, ganz plötzlich, ging ihm ein Licht auf.

»Du hast einen Liebhaber, nicht wahr?« Er sprang auf und stürzte auf sie zu. »Willst du zu ihm?«

»Natürlich nicht«, entgegnete sie verblüfft.

Er beugte sich über sie, die Hände rechts und links von ihrem Kopf auf der Rückenlehne des Sofas, das Gesicht ganz dicht vor ihrem. »Ich weiß, dass ich Recht habe. Ich mag ja eine etwas lange Leitung haben, aber irgendwann schalte ich doch. Die neuen Kleider, die vielen Friseurtermine, die Gleichgültigkeit mir und den Kindern gegenüber. Darum hast du die Affäre im Krieg zugegeben, nicht etwa, weil dich Gewissensbisse geplagt hätten, sondern weil du gehofft hast, mich damit so wütend zu machen, dass ich dich auf die Straße setze. Gib es zu! Du ... du ...«

Sie brauchte gar nichts zu sagen; die Wahrheit stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie war nie eine gute Lügnerin gewesen. Wenn man sie bei einer Flunkerei ertappte, errötete sie, und in ihre Augen trat ein gehetzter Ausdruck. »Nein, Reg, du liegst völlig falsch«, widersprach sie wenig überzeugend.

Reg richtete sich auf, und sie sprang vom Sofa auf und wich vor ihm zurück zum Kamin.

»Schwöre beim Leben der Kinder, dann werde ich dir vielleicht glauben«, forderte er.

Schwer atmend und mit flackerndem Blick standen sie sich gegenüber.

»Schwöre«, befahl Reg noch einmal. »Aber ich denke, nicht einmal du bist so abgebrüht, beim Leben deiner Kinder zu schwören, wenn du nicht die Wahrheit sagst.«

Er sah ihr die Unentschlossenheit an, sah, wie sie mehrmals zum Sprechen ansetzte, schwören wollte, es aber nicht wagte. »Du kannst es nicht, habe ich Recht?«, meinte er verächtlich. »Du lässt ein kleines Kind allein, um dich mit einem Yankee zu amüsieren, du entwendest Geld aus meiner Brieftasche, während ich schlafe, du kaufst dir teure Kleider, obwohl deine Kinder dringend neue Schuhe brauchen, aber wenigstens bist du noch nicht so tief gesunken, bei ihrem Leben zu schwören – und zu lügen.«

Ihr Mund zitterte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Für Reg war das die endgültige Bestätigung seines Verdachts.

»Lass gut sein, diesmal werden dir deine Tränen nichts nützen«, murmelte er. »Verschwinde nur einfach aus dieser Wohnung und lass dich hier nie wieder blicken.«

»Du kannst mich nicht mitten in der Nacht auf die Straße setzen«, jammerte sie. »Bitte beruhige dich doch, Reg. Ich werde morgen Früh gehen, aber lass mich bis dahin bleiben.«

»Wo liegt das Problem? Wird dein Liebhaber sich denn nicht freuen, dich zu sehen?«

Sie fiel vor seinen Augen förmlich in sich zusammen.

»Wer ist es, Anne? Wo triffst du dich mit ihm?«

»Spielt das eine Rolle?«, fragte sie unter Tränen.

»Allerdings. Falls es sich nämlich um einen armen Einfaltspinsel handelt, wie ich einer war, der auf deine feine Ausdrucksweise und dein hübsches Gesicht hereingefallen ist, sollte man ihn warnen, wie berechnend und verlogen du tatsächlich bist. Wenn er sich aber ins Fäustchen gelacht hat, weil du ihm aufs Zimmer gefolgt bist, verdient er eine Tracht Prügel. Wenn du die Kinder jemals wiedersehen willst, verrätst du mir besser, wer er ist.«

In diesem Moment erkannte Anne, dass sie Reg völlig falsch eingeschätzt hatte. Die vorsichtige Art, wie er begonnen hatte, in der Vergangenheit herumzustochern, als sie von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte sie glauben gemacht, er lege Wert auf eine freundschaftliche Lösung ihrer Probleme. Sie hatte die Scheidung im Sinn gehabt, und in ihrer Dummheit hatte sie sich vorgestellt, es würde so laufen, wie sie es bei anderen Paaren erlebt hatte: Sie würde mit den Mädchen in der Wohnung wohnen bleiben, während Reg sich eine andere Bleibe suchte.

Sie hätte es besser wissen müssen. Ein Mann wie Reg gab niemals kampflos auf, das entsprach einfach nicht seiner Natur. Er hatte sich sein Leben lang alles erkämpft. Wie unsäglich dumm von ihr zu versuchen, ihn mit ihrer Untreue zu verletzen. Damit hatte sie nur erreicht, ihn seiner letzten Illusionen sie betreffend zu berauben. Sie hatte ihn verletzt, ja, so sehr, dass er alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen.

Sie durfte nicht zulassen, dass Reg eifersüchtig herumlief und Hinz und Kunz befragte. Es gab da draußen schon genug Leute, die hinter vorgehaltener Hand tuschelten, dass sie mit Tosh angebandelt hatte.

»Ich habe ihn im Pub kennen gelernt«, schluchzte sie. »Du kennst ihn nicht. Er ist Handlungsreisender und nicht von hier.«

Regs grimmiges Gesicht verdüsterte sich noch mehr. Drohend kam er auf sie zu.

»Du Schlampe«, rief er. »Du hast dich am Nachmittag mit ihm in irgendwelchen Hotelzimmern herumgetrieben, während ich malocht habe, damit du dir neue Kleider leisten und zum Friseur gehen konntest. Wie konntest du nur?«

»Es ist einfach passiert«, entgegnete sie weinend. »Ich war so unglücklich.«

»Was soll denn das für eine Entschuldigung sein?«, zürnte Reg. »Du hast mich auch unglücklich gemacht, trotzdem habe ich nie eine andere Frau angesehen. Und jetzt geh. Geh, bevor ich mich vergesse!«

»Nein, Reg, bitte wirf mich nicht raus«, wimmerte sie. »Es tut mir Leid, und es ist auch Schluss mit ihm.«

»Es ist mir egal, ob es vorbei ist oder nicht. Du wirst jetzt gleich das Haus verlassen, und ich werde dich nie wieder durch diese Tür hereinlassen. Und du wirst weder deine Handtasche mitnehmen noch deinen Mantel, die Hausschlüssel oder sonst was. Du kannst so zu ihm gehen, wie du bist.«

»Aber die Mädchen«, versuchte sie, ihn doch noch zu erweichen, wohl wissend, dass die Kinder seine Schwachstelle waren. »Das kannst du ihnen nicht antun. Du kannst ihnen nicht die Mutter nehmen.«

»Für die beiden ist es besser, ohne Mutter aufzuwachsen als in dem Bewusstsein, dass diese eine Schlampe ist«, konterte er und schob sie zur Tür. »Und jetzt mach, dass du rauskommst!«

Er riss die Tür auf, stieß Anne hinaus ins Treppenhaus und stellte sich, je eine Hand rechts und links am Türrahmen, in die Türöffnung, um sie daran zu hindern, die Wohnung wieder zu betreten.

»Wenn du das tust, werde ich vor Gericht um sie kämpfen«, schluchzte sie. »Ich werde sie dir wegnehmen, du wirst schon sehen, und ich werde sie irgendwohin bringen, wo du sie nie finden wirst.«

Als sie sich umwandte und die Treppe hinuntersteigen wollte, wurde ihr bewusst, dass sie keine Schuhe trug. Sie drehte sich um und wollte ihn anflehen, ihr wenigstens die Schuhe zu geben, als sie sah, dass er nicht mehr die Tür versperrte. Sie wollte an ihm vorbeilaufen, um ihre Schuhe aus dem Wohnzimmer zu holen.

»Welche Argumente könntest du vor Gericht schon anbringen, um den Richter dazu zu bewegen, dir das Sorgerecht zuzusprechen?«, fuhr er sie an.

»Zum einen könnte ich argumentieren, dass May gar nicht deine Tochter ist«, konterte sie. »Sie ist die Tochter des amerikanischen Fliegers.«

Noch als sie dies aussprach, erkannte sie, dass sie zu weit gegangen war. Es stimmte, und das war auch der eigentliche Grund, weshalb sie Gewissensbisse plagten, die sie seit damals unglücklich machten, aber sie hatte sich immer geschworen, dieses Geheimnis mit ins Grab zu nehmen.

Reg heulte wie ein waidwundes Tier auf und griff nach ihr. Schockiert von ihrer eigenen Enthüllung und in panischer Angst vor dem, was er ihr antun könnte, duckte Anne sich unter seinen erhobenen Armen hindurch und lief zur Treppe. Aber er holte sie noch auf dem Treppenabsatz ein, und seine Hände legten sich um ihren Hals. Verzweifelt trat sie mit den bestrumpften Füßen nach seinen Schienbeinen.

Reg blickte hinab auf ihre weit aufgerissenen Augen, sah die Todesangst in ihnen und ließ sie los. »Hau ab, bevor ich mich vergesse«, flüsterte er und wandte sich ab.

Er hörte sie keuchend nach Luft schnappen, dann ein dumpfes Poltern. Er fuhr herum. Verdattert sah er, wie sie zusammengerollt die Treppe hinunterkugelte. Er sah Strümpfe, Strumpfbänder und ein weißes Höschen aufblitzen, dann ihr blondes Haar, das durch die Luft flog wie eine Hand voll goldenes Lametta.

»Anne!«, rief er entsetzt und lief ihr nach. Aber er kam zu spät. Mit einem knirschenden Geräusch prallte sie unten gegen die Wand und blieb reglos auf dem Fußboden liegen.

»Das wollte ich nicht«, sagte er und hockte sich neben sie. »Rühr dich nicht von der Stelle, ich rufe einen Krankenwagen.«

Aber ein feines Rinnsal Blut lief ihr aus dem Mund und über die blasse Wange. Ihre Augen waren glasig. Reg ließ sich auf die kalten Steinfliesen sinken und schrie seine ganze Qual heraus.

2. Kapitel

Dulcie wurde von der schrillen Stimme ihrer Mutter geweckt. Sie hörte sie etwas von einem Gerichtsstreit sagen und davon, jemanden irgendwohin bringen zu wollen, wo Daddy ihn niemals finden würde. Das Ganze machte ebenso wenig Sinn wie das meiste, was ihre Eltern sich im Streit an den Kopf warfen, und sie wollte sich eben das Kissen über den Kopf ziehen, um nichts mehr zu hören, als Dad losbrüllte.

»Welche Argumente könntest du vor Gericht schon anbringen, um den Richter dazu zu bewegen, dir das Sorgerecht zuzusprechen?«, hörte sie ihn fragen, so deutlich, als stünde er am Fußende des Bettes.

Dulcie war schlagartig hellwach, denn ganz offensichtlich ging es um May und sie. Die Schlafzimmertür stand einen schmalen Spalt offen, und etwas Licht aus dem Flur fiel herein. Als sie sich aufsetzte, wurde auch May wach, kuschelte sich aber nur enger an ihre Schwester.

»Zum einen könnte ich argumentieren, dass May gar nicht deine Tochter ist!«, rief Mum laut, laut genug, um die ganze Straße aufzuwecken. »Sie ist die Tochter des amerikanischen Fliegers.«

Hierauf folgte ein unheimliches Gebrüll ihres Vaters, gefolgt von Kampfgeräuschen. »Hau ab, bevor ich mich vergesse«, hörte sie Dad schimpfen, und darauf folgte ein, zwei Sekunden später ein seltsames Poltern, als fiele etwas Schweres die Treppe hinunter.

Als ihr Dad rief: »Anne!«, wusste sie, dass ihre Mutter gestürzt sein musste. Sie hörte, wie Dad die Treppe hinunterrannte, und May klammerte sich ängstlich an sie. Dulcie befreite sich aus der Umklammerung ihrer kleinen Schwester, lief hinaus ins Treppenhaus und blickte über das Geländer nach unten.

Von dort, wo sie stand, konnte sie nur Dads Füße und ein Stück seines Pos sehen, so, als kniete er am Fuß der Treppe. Als er markerschütternd aufschrie, lief sie am Geländer entlang und die Treppe hinunter.

»Daddy!«, rief sie unwillkürlich, als sie sah, wie er sich über ihre Mum beugte.

Er wandte ihr das Gesicht zu, und obwohl der Hauseingang nur schwach erleuchtet war, konnte sie das Entsetzen in seinen Augen erkennen. Erschrocken rannte sie zurück nach oben, schnappte sich May, die eben aus der Wohnung kam und sich verschlafen die Augen rieb, und flüchtete mit ihr auf ihr Zimmer. Sie warf die Tür hinter sich zu.

»Was ist denn?«, fragte May mit vor Furcht piepsiger Stimme in der Dunkelheit. »Was hat Mummy über mich gesagt?«

Dulcie machte Licht und schloss ihre Schwester in die Arme. Sie hatte keinen Schimmer, was sie tun sollte; ihre Kehle war wie zugeschnürt vor Angst, und sie bekam kaum noch Luft. Sie hatte selbst gehört, wie Dad geschrien hatte, er würde sich vergessen, wenn sie nicht abhaute. Hatte er sie getötet?

Das erschien unmöglich, und trotz ihrer eigenen Furcht wusste sie, dass sie sich um May kümmern musste. Das war von der Geburt ihrer kleinen Schwester an ihre Aufgabe gewesen. Sie hatte sie in den Schlaf gewiegt, hatte Mum Bescheid gesagt, wenn die Windeln gewechselt werden mussten, und als May dann älter war, hatte sie mit ihr gespielt, sie gefüttert und aufgepasst, dass sie sich nicht wehtat.

»Leg dich wieder ins Bett«, drängte sie. »Ich passe auf dich auf.«

Sie schlüpfte zu May unter die Bettdecke und hielt sie ganz fest, wobei sie angestrengt auf jedes Geräusch von unten aus dem Treppenhaus lauschte. Dad stieß immer noch diese unmenschlichen Laute aus. Dann hörte sie das Klicken der Haustür, und abrupt trat Stille ein, als wäre er aus dem Haus gegangen.

Das war sogar noch Angst einflößender. War er weggelaufen und hatte sie ganz allein gelassen? Lag Mum immer noch schwer verletzt am Fuß der Treppe?

Im Haus war es totenstill, und nach einigen Minuten des Nachdenkens beschloss sie, ganz tapfer zu sein und nachzusehen. Sie flüsterte May zu, sie solle im Bett bleiben, sie, Dulcie, sei gleich zurück. Dann kletterte sie aus dem Bett und schlich den Flur entlang zur Wohnungstür, über den Treppenabsatz und die Treppe hinunter.

Mum lag noch da, mit dem Rücken an der Wand. Dulcies Nachthemd flatterte; ein eisiger Luftzug wehte durch das Treppenhaus, als stünde die Haustür offen.

Nervös schlich sie weiter. »Mummy!«, rief sie leise. »Kannst du mich hören?«

Als Dulcie die viertletzte Stufe erreicht hatte, konnte sie ihre Mutter deutlich sehen. Die Augen standen offen, und etwas Dunkles lief ihr aus dem Mund, tropfte auf ihr neues Kleid und hinterließ hässliche Flecken.

Dulcie wollte so gern hingehen und sie berühren, traute sich aber nicht. Wenn auf dem Schulhof Kinder hinfielen, weinten sie immer. Warum gab Mum keinen Ton von sich?

Da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, setzte sie sich auf die Treppe, legte die Hände aneinander und schloss die Augen. »Heilige Maria, Mutter Gottes«, begann sie, aber weiter kam sie nicht. Der Text wollte ihr einfach nicht einfallen, weil sie an nichts anderes denken konnte als daran, dass man Mums Strumpfbänder und ihr Spitzenhöschen sehen konnte. Sie wollte runtergehen und das Kleid über ihre Schenkel ziehen, damit sie nicht so schutzlos neugierigen Blicken irgendwelcher Passanten ausgesetzt war, aber ihre Beine gehorchten ihr nicht.

Dulcie saß auch noch reglos da, als ihr Vater in den Hausflur gelaufen kam. Er hielt inne, als er sie sah.

In seinen Augen lag immer noch ein seltsames Flackern, so, als hätte er geweint, aber er machte ihr keine Angst mehr. »Was machst du hier?«

»Ich weiß nicht, Daddy«, antwortete sie und sagte sich einen Moment, das alles wäre nur ein böser Traum und er würde sie ins Bett zurücktragen. Aber als sie an ihm vorbeischaute, sah sie, dass Mum immer noch auf dem Boden lag. »Kannst du Mummys Beine zudecken?«

Sie sah, wie er zu Mum ging, ihr zärtlich die Wange streichelte und ihr das Kleid bis über die Knie zog. Und plötzlich verstand sie.

»Ist sie t-t-tot?«, stammelte sie und brachte das Wort kaum über die Lippen.

Er nickte, kam zu ihr und hockte sich vor sie auf die Treppe. »Es war ein Unfall, Liebes. Sie ist die Treppe hinuntergefallen. Ich habe gerade Hilfe geholt.«

Dulcie fing an zu zittern, und Dad nahm ihre Hände in seine. »Ich möchte, dass du ins Bett zurückgehst, Schatz. Es wird jeden Moment Hilfe kommen. Wirst du dich für mich um May kümmern?«

Dulcie nickte.

»Es kann sein, dass die Polizei mich mitnimmt«, fuhr er mit rauer Stimme fort. »Wenn sie das tut und ich keine Gelegenheit mehr habe, mit dir zu sprechen, musst du die Beamten dazu bringen, dass sie euch zu Oma fahren.«

»Aber warum sollten sie dich mitnehmen?«, fragte sie verwirrt. »Hast du denn etwas Schlimmes getan?«

Er beugte sich hinab und legte die Stirn auf ihre Knie, die sie unter dem Nachthemd angewinkelt hatte. »Ich habe sie nicht gestoßen, Dulcie, das musst du mir glauben, auch wenn jemand das behauptet. Wir haben gestritten, ja, aber es war ein Unfall.«

»Ich habe euch streiten hören«, bekannte sie leise. Sie wusste nicht, ob sie ihm sagen sollte, dass sie auch gehört hatte, wie er Mum gedroht hatte, sich zu vergessen, wenn sie nicht abhaute.

Er hob den Kopf und sah ihr fest in die Augen. »Ich habe sie geliebt, Dulcie. Sie hat mich sehr, sehr wütend gemacht, aber ich hätte ihr nie etwas antun können.«

Dulcie brauchte hierauf nichts mehr zu erwidern, da in diesem Augenblick Sirenen ertönten, die rasch lauter wurden.

Dad küsste sie auf die Stirn und zog sie auf die Füße. »Geh jetzt zurück ins Bett und hab keine Angst. Vertrau mir. Es wird alles wieder gut.«

3. Kapitel

Dulcies erster Gedanke, als Miss Denning sie und May die Kieszufahrt zum katholischen Kinderheim hinaufbrachte, war, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm werden würde, wie sie befürchtet hatte. Das große rote Backsteingebäude sah elegant aus mit den großen Fenstern, den spitzen Gauben und der breiten Treppe, die zu einer großen Veranda hinaufführte. An einem tristen Wintertag wirkte kein Ort besonders anziehend, aber die großen Bäume im Vorgarten ließen ahnen, dass es im Sommer dort sehr schön sein musste. Alles in allem sah das Heim nicht aus, als könnte dort etwas Schlimmes passieren.

Dulcie dachte an die Worte ihrer Großmutter, die ihr ihren ganz persönlichen Trick verraten hatte: »Wenn man ein fröhliches Gesicht macht«, hatte sie ihr augenzwinkernd gesagt, »fühlt man sich bald auch danach.« Also gut, sie war bereit, es zu versuchen, auch wenn es schwer fiel, immerhin war entgegen dem Versprechen ihres Vaters in jener Nacht gar nichts gut geworden. Vielmehr hatte man ihn des Totschlags für schuldig befunden und zu zwölf Jahren Haft verurteilt, was bedeutete, dass er auch bei guter Führung frühestens in acht Jahren entlassen werden würde. Und dann war auch noch Granny krank geworden, sodass sie sich nicht mehr um sie kümmern konnte – das meinte zumindest die Fürsorge, die dann auch verfügt hatte, dass sie und May in einem Heim untergebracht werden sollten.

Dulcie schluckte tapfer, schaute zu Miss Denning auf und lächelte. »Es sieht hier nett aus.«

Die Sozialarbeiterin war im ersten Moment verblüfft vom Sinneswandel des kleinen Mädchens. Dulcie hatte auf der ganzen Fahrt von Deptford kein Wort von sich gegeben, aber ihre Leidensmiene hatte Bände gesprochen. Tatsächlich war Miss Denning selbst nicht ganz wohl, da sie um das strenge Regiment im Kloster wusste. Und doch war es im Frühling und Sommer sehr hübsch dort, und das ärmliche Deptford war sicher nicht der richtige Ort für zwei so gut erzogene Mädchen wie diese.

Das Haus war achtzehnhundertachtzig von einem wohlhabenden Geschäftsmann als Wohnhaus errichtet worden, und das weitläufige Grundstück, das einen Obstgarten, einen Tennisplatz und einen sorgfältig angelegten Rosengarten umfasste, war seinerzeit für seine Schönheit berühmt und wurde gleich von mehreren Gärtnern gepflegt. In den Zwanzigerjahren hatte das Haus eine Vorschule für Kinder der Oberklasse beherbergt, und der gepflegte Zustand der Gärten war erhalten worden. Als die Kirche das Gebäude dann Anfang der Dreißigerjahre erworben und dort ein Kinderheim eingerichtet hatte, waren bis auf einen alle Gärtner entlassen worden, und allein war es dem armen Mann nicht möglich, die viele Arbeit zu bewältigen, sodass er seine Bemühungen auf den Vorgarten konzentrierte und das Grundstück hinter dem Haus mehr oder weniger verwildern ließ.

Auch im Inneren des Hauses waren alle Spuren einstigen Glanzes verschwunden. Seinerzeit musste die eichegetäfelte Halle mit der breiten Treppe sehr elegant gewesen sein, die polierten Holzböden waren mit edlen Teppichen ausgelegt und wurden von Lüstern angestrahlt, aber heute waren die Fußböden nackt und abgenutzt, und die Beleuchtung ließ auch zu wünschen übrig. Reihen von Eisenbetten füllten die einstmals prunkvoll eingerichteten Empfangszimmer, und ausgebleichte billige Baumwollvorhänge hatten den schweren Samt und Brokat alter Zeiten an den großzügigen Fenstern abgelöst. Die alten handbedruckten Tapeten waren Temperafarbe gewichen, und die einzigen Bilder an den Wänden zeigten religiöse Motive. Hinzu kam, dass der alte Heizkessel nicht mehr richtig funktionierte und es im ganzen Haus oft sehr kalt war.

Die meisten Mädchen, die hier lebten, hatten nie ein richtiges Zuhause gekannt; viele von ihnen waren von Geburt an in Heimen untergebracht, sodass nur sehr wenige wussten, was ihnen entging. Miss Denning war klar, dass es unmöglich war, in einem rein weiblichen Umfeld die Atmosphäre einer ganz normalen Familie zu schaffen, doch sie kannte die Schwestern und wünschte, sie würden sich mehr bemühen, freundlicher, liebevoller und mitfühlender mit ihren Mündeln umzugehen.

Aber es war Mr. Taylors Wunsch gewesen, dass seine Töchter hier untergebracht wurden. Er glaubte, dass die abgeschottete Welt der Schwestern seinen Töchtern eine geistige Führung garantieren und die Schule ihnen eine Bildung vermitteln würden, was zusammengenommen beiden einen besseren Start ins Leben sichern würde. Miss Denning hoffte, dass er Recht behielt, schluckte ihre Vorbehalte herunter und erwiderte Dulcies Lächeln.

»Das ist die richtige Einstellung, Dulcie«, meinte sie. »Natürlich wirst du deine Granny vermissen, aber schon bald wirst du viele neue Freundinnen gefunden haben, und ich bin ganz sicher, dass deine neue Schule dir so gut gefallen wird wie Lee Manor.«

Sie stieg mit den Mädchen an der Hand die drei Stufen zur Eingangstür hinauf und läutete. Ein paar Sekunden später wurde ihnen von einer Schwester geöffnet, die noch sehr jung zu sein schien. Sie hatte rosige Wangen und ein freundliches Gesicht.

»Guten Morgen, Schwester Grace«, sagte Miss Denning, erfreut, dass sie von der nettesten Schwester des Klosters empfangen wurden. »Das sind Dulcie und May Taylor. Die Mutter Oberin erwartet uns.«

Die Schwester schenkte ihnen ein strahlendes Lächeln, forderte sie auf einzutreten und erklärte, die Mutter Oberin werde sie in ihrem Salon empfangen. Nachdem sie Miss Denning aufgefordert hatte, den Koffer erst einmal an der Tür stehen zu lassen, ging sie ihnen voraus durch die große getäfelte Halle und klopfte an einer verschlossenen Tür.

Dulcie schaute sich aufmerksam um und versuchte, alles gleichzeitig in sich aufzunehmen. Sie fand die Halle etwas spartanisch eingerichtet und düster, aber die lebensgroße Statue der Jungfrau Maria auf dem Treppenabsatz war irgendwie tröstlich, ebenso wie das große Gemälde an der Wand, das Jesus inmitten einer Kinderschar zeigte. Die Stille war unheimlich, und sie fragte sich, wo all die anderen Kinder sein mochten.

In dem kleinen Empfangszimmer der Mutter Oberin war es sehr warm, aber der Raum an sich war ebenso karg wie die Halle. Das Mobiliar beschränkte sich auf einen Schreibtisch unter dem Fenster, vier Stühle vor dem Kamin und ein Bücherregal. Die Nonne war uralt, das schmale, von der weißen Haube eingefasste Gesicht so runzlig wie eine Backpflaume. Sie blieb am Feuer sitzen und drehte ihnen lediglich den Kopf zu, als sie eintraten. Die Mutter Oberin begrüßte die Mädchen und forderte sie auf, ihren Namen und ihr Alter zu nennen. Dann wandte sie sich an Miss Denning und erkundigte sich nach den Kinderkrankheiten, die sie bereits gehabt hatten, ohne die Mädchen vorher zu fragen, ob sie sich setzen wollten.

Dulcie warf einen nervösen Blick auf ihre Schwester. May hatte auf der ganzen Fahrt von Deptford geredet wie ein Wasserfall und albern gekichert; sie hatte sogar boshaft erklärt, sie sei froh, von dort wegzukommen, weil es bei Granny so komisch gerochen habe. Dulcie war böse gewesen angesichts dieses Undanks. Es stimmte, dass das kleine Haus ihrer Großmutter im Armenviertel von Deptford feucht gewesen war, aber Granny hatte sie lieb gehabt und im vergangenen halben Jahr alles für sie getan, was ihr in Anbetracht ihres Alters und ihrer angegriffenen Gesundheit sicher nicht leicht gefallen war. Aber May war verwöhnt, und wenn sie eins nicht ertragen konnte, dann war es, ignoriert zu werden. Dulcie erkannte an dem vernichtenden Blick, mit dem sie die zwei Frauen beobachtete, dass sich einer ihrer Wutanfälle anbahnte.

Um dem zuvorzukommen, rückte Dulcie näher an sie heran und ergriff ihre Hand, aber anstatt ihre Schwester zu beruhigen, bewirkte die Geste genau das Gegenteil. Mays Unterlippe fing an zu zittern. »Ich will heim«, jammerte sie.

Beide Frauen schauten überrascht zu ihr herüber, so, als hätten sie die Mädchen bis zu diesem Moment völlig vergessen.

»Schluss damit«, sagte die Mutter Oberin. »Das hier ist von jetzt an dein Zuhause, und du wirst dich benehmen wie alle meine Mädchen. Ich werde Schwester Teresa rufen; sie soll euch zu den anderen bringen.«

»Aber es gefällt mir hier nicht«, entgegnete May und quetschte sogar ein paar Tränen hervor.

»Das ist doch albern«, erwiderte Miss Denning, nahm sie in die Arme und drückte sie. »Du hast ja noch gar nichts gesehen.«

Dulcie war überrascht, als May sofort aufhörte zu weinen: Normalerweise zog sie das Theater in die Länge, wenn sie ein Publikum hatte, aber vielleicht war sie ja zufrieden damit, dass sie Miss Dennings Aufmerksamkeit erregt hatte und die alte Nonne aufstand und eine Glocke neben dem Kamin betätigte.

Fast sofort wurde die Tür geöffnet, und eine weitere Nonne kam herein. Die Mutter Oberin erklärte ihr mit wenigen Worten, dass sie die erwarteten Neuzugänge seien.

»Ich bin Schwester Teresa«, stellte sich die Nonne vor. »Sagt Miss Denning Auf Wiedersehen und kommt mit, ich bringe euch zu den anderen.«

Sie hielt den Mädchen die Hand hin, eine freundliche Geste, aber Dulcie zuckte zurück. Sie wusste selbst nicht, warum, die Nonne war weder besonders hässlich noch sehr alt, sondern einfach eine korpulente Frau mittleren Alters mit sehr dunklen Augen, die sie an zwei Stücke Kohle erinnerten.

Schwester Teresa lächelte sie an und kam einen Schritt auf sie zu. »Am ersten Tag haben alle ein wenig Angst«, meinte sie mit weicher Stimme, in der ein leichter irischer Akzent mitschwang. »Das geht bald vorbei.«

Sie kam näher, beugte sich zu ihnen herab und fragte lächelnd nach ihren Namen. Sie versicherte ihnen sogar, dass sie Miss Denning bald wiedersehen würden. May erwiderte das Lächeln und ergriff bereitwillig die dargebotene Hand. Dulcie blieb nichts anderes übrig, als es ihr gleichzutun.

»So ist es besser«, lobte die Frau. »Und jetzt kommt mit, ich mache euch mit den anderen Mädchen bekannt.«

Miss Denning küsste sie zum Abschied auf die Wange und versicherte ihnen, dass sie sich keine Sorgen um ihre Granny zu machen bräuchten und sie sie bald wieder besuchen würde. Sie legte Dulcie eine Hand auf den Kopf und murmelte etwas davon, dass sie auf May Acht geben und ihr helfen solle, an ihre Großmutter zu schreiben.

Mays gute Laune war wiederhergestellt, und sie fing an, munter draufloszuplappern, kaum dass sie den Raum verlassen hatten. Sie erzählte der Schwester, dass sie ein ganz neues Schürzenkleid und sieben neue Paar Haarbänder im Koffer habe und dass Granny ihr gesagt hätte, dass ihre Zähne ganz schwarz werden würden, wenn sie sie nicht regelmäßig putzte.

Dulcie fand es sonderbar, dass Schwester Teresa nicht lachte; ihr war bisher noch niemand begegnet, den May nicht zum Lachen brachte. Aber die Schwester schien gar nicht zuzuhören, sondern hastete schweigend mit ihnen einen schmalen Flur entlang. Als sie an eine halb verglaste Tür am Ende des Ganges gelangten und May fragte, wann es Abendessen gebe, blieb die Nonne abrupt stehen und blickte grimmig auf das kleine Mädchen hinab.

»Du denkst nur an dich«, entgegnete sie scharf. »So etwas mag ich an Kindern nicht.«

Dulcie fand May auch oft selbstsüchtig, aber es gefiel ihr nicht, dass jemand anders ihre Schwester dahingehend kritisierte. Sie wollte eben erwidern, dass May erst fünfeinhalb und von Natur aus ein Plappermaul sei, überlegte es sich jedoch anders. Die Nonne sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Die Feindseligkeit in den schwarzen Augen erschreckte sie, und plötzlich verstand sie, warum sie im ersten Moment instinktiv vor ihr zurückgezuckt war. Die Hand, die ihre festhielt, kam ihr auf einmal kalt und knochig vor, und sie musste an die Hexe aus dem Märchen denken, die Hänsel und Gretel in ihr Pfefferkuchenhaus gelockt hatte.

»Sie hat nur etwas Angst«, brachte Dulcie zur Verteidigung ihrer Schwester vor.

»Nein, habe ich nicht«, erwiderte May empört. »Ich habe vor gar nichts Angst.«

Schwester Teresa bedachte sie mit einem Blick, von dem Milch sauer geworden wäre, öffnete die Tür und schob sie beide auf einen kleinen Hof, der von einstöckigen Nebengebäuden eingeschlossen war. Auf der anderen Hofseite konnten sie Kinder auf einem eingezäunten Tennisplatz sehen.

»Ab mit euch.« Schwester Teresa versetzte ihnen noch einen leichten Schubs. »Ihr bleibt auf dem Platz, bis zum Essen geläutet wird.« Hierauf blies sie in eine Trillerpfeife, und auf dem Platz wurde es sofort mucksmäuschenstill. »Carol!«, rief sie. »Zwei Neue. Achte auf sie!«

Das waren ihre ersten Minuten in Sacred Heart. Sie mussten den Hof ganz allein durchqueren und auf den Platz gehen, wo sie von vierzehn Mädchen im Alter von fünf bis elf Jahren umringt wurden, die alle die gleichen Regenmäntel aus marineblauem Gabardine trugen, dazu graue Wollsocken und braune Schnürschuhe.

Dulcie fühlte sich etwas besser, als sie die freundlich lächelnden Gesichter der Mädchen sah, die versuchten, Namen und Alter der Neuankömmlinge zu erraten und den Ort, aus dem sie kamen. Carol, die Schwester Teresa beauftragt hatte, sie und May unter ihre Fittiche zu nehmen, schien die Älteste zu sein; sie nahm sie bei der Hand und machte sie mit den anderen Mädchen bekannt.

Carol war sehr dünn und unscheinbar. Ihr braunes Haar war in Höhe der Ohrläppchen schnurgerade abgeschnitten, und ihre Vorderzähne standen vor wie die eines Kaninchens. Sie bewunderte Dulcies und Mays blondes Haar und ihre Wollmäntel, verdarb Dulcie aber gleich darauf die Freude über die Komplimente, als sie sagte, sie hoffe, Schwester Teresa würde ihnen nicht am Abend zur Badezeit das Haar abschneiden und ihnen dieselbe Uniform verpassen wie allen anderen auch.

»Ich mache euch besser mit den Regeln vertraut«, fuhr sie fort. »Wir müssen hier drin bleiben.« Sie machte eine Handbewegung, die den eingezäunten Platz umfasste. »Wer in den Garten geht, bekommt den Stock zu spüren.«

May fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie das hörte, und sie lief sofort zum Zaun und blickte sehnsüchtig auf den dahinter liegenden etwas ungepflegten Garten.

»Ich meine das ernst«, versicherte Carol und blickte beklommen von Dulcie auf May. »Du machst ihr das besser klar, die Schwestern beobachten uns nämlich vom Obergeschoss aus. Helen ist vor einer Woche drüben gewesen, um ein paar Kastanien zu sammeln. Zeig uns deine Hände, Helen!«

Ein Mädchen von etwa acht Jahren mit karottenrotem Haar und Sommersprossen hielt Dulcie die Hände hin. Helens Handflächen wiesen auch nach Tagen noch verblasste Striemen auf, die von einem Rohrstock stammten. »Mich erwischst du nicht wieder außerhalb des Zaunes!«, erklärte sie.

Carol fuhr fort, sie mit der Hausordnung vertraut zu machen. »Wir werden jeden Samstag und an jedem schulfreien Tag nach dem Frühstück hier rausgeschickt, wenn es nicht gerade regnet. Ihr müsst aufs Klo gehen, bevor wir rausgeschickt werden, wir dürfen nämlich erst wieder zum Mittagessen rein. Mittags läutet eine der Schwestern eine Glocke, und dann müssen wir uns alle in einer Reihe aufstellen. Sprechen ist streng verboten. Wir hängen unsere Mäntel auf, gehen auf die Toilette und waschen uns die Hände. Anschließend warten wir auf das nächste Läuten, bevor wir in den Speisesaal gehen. Der ist im Untergeschoss. Wenn du auch nur ein Wort sagst, musst du ganz still in der Ecke stehen, bis die anderen fertig sind, bevor du dein Essen bekommst. Aber bis dahin ist es kalt und schmeckt noch widerlicher als warm.«

Sie lachte. »Samstags ist das Mittagessen am schlimmsten, dann gibt es immer überbackene Makkaroni. Aber iss ja alles auf, sonst bekommst du es am nächsten Tag wieder vorgesetzt. Kalt natürlich.«

Dulcie glaubte, Carol wolle sie auf den Arm nehmen.

»Ich werde es nicht aufessen, wenn es eklig schmeckt«, erklärte May. Sie war eben vom Zaun zurückgekehrt und hatte den letzten Teil des Gesprächs mitbekommen.

»Dann bekommst du es wieder und wieder aufgetischt, so lange, bis du es aufisst.« Carol blickte auf das ihr zugekehrte empörte Gesichtchen. »Ich musste einmal eine Fleischpastete essen, die schon angeschimmelt war. Ich bin davon sogar krank geworden.«

Die anderen Mädchen erzählten weitere ganz ähnliche Horrorgeschichten, und schließlich erkannte Dulcie, dass es kein Spaß war, sondern bitterer Ernst. »Und sprechen dürfen wir auch nicht?«, fragte sie fassungslos.

Carol schüttelte den Kopf. »Kein Wort, abgesehen vom Tischgebet und wenn eine Schwester einen anspricht. Wir dürfen erst wieder reden, wenn wir am Nachmittag zurück auf den Spielplatz kommen.«

»Das wird für May schwierig werden; sie redet wie ein Wasserfall«, entgegnete Dulcie nur halb im Scherz.

Carol blickte auf May hinab und lächelte, so wie es jeder tat, der das kleine Mädchen kennen lernte. »Verkneif es dir, bis wir wieder draußen sind«, warnte sie. »Wenn du Schwester Teresa wütend machst, hackt sie ständig auf dir rum, auch wenn du noch klein bist.«

May erbleichte, ausnahmsweise einmal sprachlos.

»Ich hatte erwartet, dass mehr Mädchen hier sein würden«, sagte Dulcie und schaute sich um. Sie wechselte bewusst das Thema, damit Carol May nicht noch mehr Angst machte.

»Wir sind nur die Jüngsten«, entgegnete Carol. »Die älteren Mädchen sind drinnen.« Sie zeigte mit dem Daumen über die Schulter auf das Haus. »Sie arbeiten. Waschen, putzen und so. Ich kann es kaum erwarten, endlich elf zu werden, damit ich in ihre Gruppe eingestuft werde.«

Dulcie konnte nicht verstehen, warum Carol sich wünschte, im Haus arbeiten zu dürfen, aber nach einer halben Stunde dämmerte es ihr. Die Sonne schien, doch es war bitterkalt, und auf dem Platz gab es absolut nichts, womit man sich hätte beschäftigen können. Es gab keinen Ball, kein Springseil, ja nicht einmal Kreide, um Himmel und Hölle zu spielen.

Um sechs Uhr am Abend atmete Dulcie erleichtert auf, als Carol verkündete, bald sei Schlafenszeit. Sie war es leid, lächeln zu müssen, die endlosen Fragen der anderen Mädchen zu beantworten und zu versuchen, May davon abzuhalten, bestimmte Dinge auszuplaudern. Sie wollte weinen, sehnte sich danach, dass jemand sie in die Arme nahm und ihr versicherte, dass das nur ein böser Traum war, der bald vorüber sein würde.

Sie hatte bislang noch nicht viel vom Heim zu sehen bekommen, nur den Speisesaal, den Garderobenraum und nun das Spielzimmer, das sich im ersten Stock befand. Eins der anderen Mädchen hatte gesagt, dass die Schwestern hier oben schliefen und sich auch die Bäder und die Kapelle auf diesem Stock befanden. Offenbar lagen die vier Schlafsäle alle im Erdgeschoss. Vielleicht wäre sie ja nicht so verängstigt, wenn man sie einmal herumgeführt hätte, um ihr alles zu zeigen.

Irgendwie war es ihr gelungen, am Mittag die tatsächlich widerlichen überbackenen Makkaroni herunterzuwürgen, am Nachmittag die Kälte auf dem Hof zu ertragen und die Enttäuschung darüber zu verdauen, dass es zum Abendessen nur Brot und Margarine gab. Hiernach war sie auch nicht überrascht gewesen, als das »Spielzimmer«, in das sie sich nach dem Abendmahl begeben mussten, sich als schmuckloser Raum entpuppte, der nur mit zwei alten Sofas möbliert und mit einer einzelnen Kiste ausgestattet war, in der sich nutzloses, kaputtes Spielzeug befand. Wenigstens war es hier warm. Die älteren Mädchen waren eben erst zu ihnen gestoßen, da sie nach dem Abendessen abspülen und die Tische für das Frühstück neu eindecken mussten. Sie waren fröhlich und balgten sich kichernd um Sitzplätze auf den Sofas, aber Dulcie entgingen die rissigen schwieligen Hände nicht.

Dulcie wünschte, mehr wie May zu sein, die scheinbar nichts aus der Fassung bringen konnte. Beim Abendessen hatte sie die Schwestern so strahlend angelächelt, dass eine ihr sogar freundlich den Kopf getätschelt hatte. Für sie war es das Paradies, mit so vielen älteren Mädchen zusammen zu sein, die sie bewunderten, und Dulcie zweifelte keine Sekunde daran, dass sie spätestens in einer Woche jedermanns Liebling sein würde.

Sie beobachtete, wie May zu den älteren Mädchen hinüberging. Sie trugen die gleichen grauen Wollröcke und braunen Pullover wie die jüngeren Heimkinder, sahen jedoch jede für sich individueller aus, da einige von ihnen schon richtig frauliche Brüste hatten und ihr Haar außerdem gepflegter und sorgfältiger frisiert war als das der Kleinen. Dulcie hatte am Nachmittag erfahren, dass Carols unvorteilhafter Haarschnitt eine Strafe der Schwestern war für jeden, der sein Haar in ihren Augen vernachlässigte. Langes Haar wurde nur erlaubt, wenn es ordentlich gekämmt und eingeflochten wurde. Carol empfahl Dulcie, wie ein Luchs auf ihre Haargummis zu achten, da Schwester Grace, die Nonne, die sie heute empfangen hatte, die Einzige war, die je Ersatz beschaffen konnte. Dulcie war nicht geneigt zuzulassen, dass man ihr oder May das Haar schnitt; sie hoffte nur, dass sie genug Zeit haben würde, morgens ihr eigenes Haar und das ...

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