Logo weiterlesen.de
Das große Buch der Urlaubs-Krimis 2018

Das große Buch der Urlaubs-Krimis 2018

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Das große Buch der Urlaubs-Krimis 2018

Copyright

Alfred Bekker | UNTER MORDVERDACHT

Archibald Duggan und das Attentat

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

Ein Mann kommt raus

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

Grausame Rache

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

NERVEN WIE DRAHTSEILE

Copyright

Ein gefährliches Spiel

„Nerven wie Drahtseile“

Eine sichere Investition

Erstens kommt es anders, als...

Liebe, Geld und Gift

Planungsänderungen

Stunden der Angst

Todesgefahr für Angela

Wenn Tote reden

Wiedersehen in der Ewigkeit

Zwei Gräber für Helen

Blinder Hass

Mörderstrand – Krimis für die Ferien

Copyright

Travers und das Dynamit-Komplott

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

East Harlem Killer

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

DAS MÄDCHEN UND DER EINBRECHER

Copyright

Der Fotomörder

Das Dummchen

Foto – Alibi

Das Mädchen und der Einbrecher

Der Dilettant

Lebensretter

Ein schweigsamer Gast

Wintergarten

Diamantenroulett

Die Frau im Luxuswagen war eine Falle

Die Rechnung ging nicht auf...

Eine schlechte Köchin

Die Stimme am Telefon

About the Author

About the Publisher

image
image
image

Das große Buch der Urlaubs-Krimis 2018

image

von Uwe Erichsen & Alfred Bekker & Walter G. Pfaus & Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1000 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Unter Mordverdacht

Glenn Stirling: Archibald Duggan und das Attentat

Uwe Erichsen: Ein Mann kommt raus

Alfred Bekker: Grausame Rache

Walter G. Pfaus: Nerven wie Drahtseile

Uwe Erichsen: Travers und das Dynamit-Komplott

Alfred Bekker: East Harlem Killer

Walter G. Pfaus: Das Mädchen und der Einbrecher

Walter G. Pfaus: Schöne Frauen morden nicht

––––––––

image

ALFRED BEKKER IST EIN  bekannter Fantasy- und Jugendbuchautor, der darüber hinaus an zahlreichen Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X mitschrieb.

image
image
image

Alfred Bekker

UNTER MORDVERDACHT

image

––––––––

image

STEFANIE HIELT DEN Brief in die Höhe.

"Hier!" sagte sie mit bebender Stimme. "Dies habe ich in dem Jackett gefunden, das ich in die Reinigung bringen sollte!"

Wilfried Bogner atmete tief durch und trat einen Schritt näher an seine Frau heran.

"Liebling...", sagte er schwach, während sie vor ihm zurückwich.

"Fast dreißig Jahre sind wir verheiratet!" preßte Stefanie hervor. "Und nun dies! Eine andere Frau!"

"Können wir uns nicht vernünftig darüber unterhalten, Stefanie?"

"Ich weiß nicht, ob das noch Zweck hat", murmelte Stefanie matt.

Wilfried Bogner war jetzt noch näher herangekommen. Seine Hand hatte sich um ihren Arm gelegt.

"Laß mich! Laß mich zufrieden und rühr' mich nicht an!"

"Liebling, du bist ja völlig hysterisch! Man kann doch über alles reden!"

"Nein, nicht über alles. Ich habe nämlich auch meinen Stolz! Ich werde meine Sachen packen und über alles nachdenken!"

Erneut versuchte sie, sich loszureißen, aber er wollte sie nicht gehen lassen und so kam es zu einem regelrechten Handgemenge. Stefanie war völlig außer sich. Sie wußte kaum noch, was sie tat. Sie wehrte sich verzweifelt gegen Wilfrieds kräftige Hände, die sie noch immer festhielten.

"Stefanie..." Dann stolperte Wilfried Bogner plötzlich. Er kam zu Fall; sein Griff um Stefanies Handgelenk lockerte sich. Bogner schlug schwer zu Boden und kam mit dem Kopf hart gegen eine Schrankkante.

Er lag reglos am Boden. Vorsichtig näherte sie sich, beugte sich über ihn und drehte ihn dann herum. Er hatte eine klaffende Wunde an der Stirn und obwohl sie noch nie in ihrem Leben einen Toten gesehen hatte, war ihr sofort klar, daß Wilfried Bogner nicht mehr lebte.

Stefanie überlegte fieberhaft, was jetzt zu tun war. Sie hätte es ihrem Mann wahrscheinlich nie verzeihen können, daß er sie offenbar betrogen hatte. Aber sie hatte ihn keinesfalls umbringen wollen. Es war ein Unfall! hämmerte es in ihr.

Aber wer würde ihr das glauben? Da war einerseits die Frau, mit der Wilfried sie betrogen hatte. Eifersucht war immer ein gutes Mordmotiv und die Polizei würde nicht lange brauchen, um die Sache auszugraben. Und dann war da die Firma, die sie mit ihrem Mann zusammen aufgebaut hatte und die ihnen jeweils zur Hälfte gehörte. Sie hatten sich gegenseitig als Alleinerben eingesetzt. Ein zweites Motiv also - und eines zwingender als das andere.

Plötzlich klingelte es. Sie erschrak, ging dann aber doch zur Tür und blickte durch den Spion. Sie atmete auf. Gott sei dank! dachte sie. Es war Jürgen, ihr Sohn, der in der Firma inzwischen eine leitende Funktion innehatte.

"Es ist etwas furchtbares geschehen!" rief sie, als die Tür geöffnet hatte. Jürgen Bogner runzelte die Stirn.

*

image

"WIR MÜSSEN DIE POLIZEI verständigen", sagte Jürgen Bogner, nachdem ihm seine Mutter berichtet hatte, was geschehen war. "Von dem Handgemenge brauchen wir ja nichts zu sagen. Vater kann doch einfach gestürzt sein! Sicherheitshalber werde ich aber Dr. Werner anrufen."

"Den Chef unserer Rechtsabteilung? Aber warum ein Anwalt?"

"Es ist besser so, glaub mir!" Es dauerte nicht lange, bis ein gewisser Lorant von der Kriminalpolizei vor der Tür stand. Er sah sich den Tatort an, und meinte dann, daß die Spurensicherung der Arzt noch kommen würden. Als nächster kam allerdings ersteinmal Dr. Werner, der Rechtsanwalt.

"Vielleicht sollte ich etwas sagen...", meinte Stefanie dann an Lorant gewandt. Der Kriminalkommissar zog die Augenbrauen in die Höhe.

"Bitte, wie Sie möchten!"

"Meine Mandantin wird zunächst einmal keine Aussage machen!" mischte sich da Dr. Werner ein und wandte sich dann mit einem knappen, geschäftsmäßigen Lächeln an Stefanie. "Verzeihen Sie mir, Frau Bogner, aber ich fürchte, dieser Herr wird Ihnen am Ende jedes Wort im Munde herumdrehen! Da muß man auf der Hut sein!"

"Ist das auch Ihre Meinung, Frau Bogner?" erkundigte sich Lorant. Sie nickte, ohne dabei zu dem Kriminalbeamten aufzusehen.

*

image

FAST EINE GANZE WOCHE verging, ehe Lorant sich wieder bei Stefanie Bogner meldete.

"Haben Sie etwas dagegen, wenn ich nocheinmal bei Ihnen vorbeischaue, Frau Bogner?" fragte er am Telefon.

"Nein, natürlich nicht!"

Eine halbe Stunde später waren sie dann alle bei Bogners im Wohnzimmer versammelt: Stefanie Bogner und ihr Sohn Jürgen, Dr. Werner und natürlich Lorant.

"Der Fall ist so gut wie aufgeklärt", sagte der Kriminalbeamte. "Es tut mir leid, aber ich bin hier, um eine Verhaftung wegen Mordes vorzunehmen."

"Mord?" Jürgen Bogner runzelte die Stirn. "Es war doch ein Unfall!"

"Ja", fügte seine Mutter hinzu. "Es war nicht beabsichtigt. Sie haben sicher herausgefunden, daß mein Mann ein Verhältnis hatte..."

Lorant nickte. "Ja. Und wir wissen auch, daß Sie sich gegenseitig als Alleinerben eingesetzt haben. Es gab Spuren eines Kampfes, mikroskopische Spuren von Nagellack an der Kleidung des Toten..."

"Sie wollen meiner Mandantin einen Mord anhängen?" meldete sich Dr. Werner. Lorant wandte sich zu dem Anwalt herum und bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick.

"Es würde eigentlich alles zusammenpassen, nicht wahr? Die Wahrheit ist aber, daß ihm ein langsam wirkendes Gift gegeben wurde, dessen lateinischen Namen ich Ihnen ersparen möchte. Der Schlag gegen den Kopf hätte ihn vielleicht bewußtlos gemacht -  getötet hat ihn dieses Gift, das Sie, Herr Dr.Werner ihm verabreicht haben!"

"Ich... Ich protestiere!" schnaufte der Anwalt.

"Wilfried Bogner hatte die Angewohnheit, vor dem Weg vom Firmenbüro nach Hause noch eine Tasse Kaffee zu trinken, aber an diesem Tag wurde ihm der Kaffee nicht wie üblich von der Sekretärin, sondern von Ihnen gebracht!"

"Das ist kein Beweis!"

"Es gibt eine Apotheke in der Stadt, bei der vor einiger Zeit eingebrochen und genau jenes, recht seltene Gift entwendet wurde, das Herrn Bogner getötet hat. Es sind Fingerabdrücke gefunden worden, die wir nur mit Ihren zu vergleichen brauchen, Herr Werner!"

Jürgen Bogner wandte sich an den konsterniert wirkenden Anwalt. "Warum, Herr Werner?"

"Herr Werner war für die Firma zeichnungsberechtigt", antwortete Lorant an Werners statt. Werner veruntreute große Summen und Wilfried Bogner ist dahintergekommen. Ihre Karriere wäre zu Ende gewesen, nicht wahr, Herr Werner?"

Werner nickte wortlos.

image
image
image

Archibald Duggan und das Attentat

image

Krimi von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

Sie arbeiten mit allen Tricks und brutaler Verschlagenheit. In der Branche nennt man sie die Mordexperten, sie schrecken vor nichts zurück. Doch dann soll die ganze kolumbianische Regierung beseitigt werden, und Archibald Duggan wird vor eine praktisch unlösbare Aufgabe gestellt. Kann er den Massenmörder stellen, der bei der grausamen Szenerie Regie führt, bevor die bekannte Welt im Chaos untergeht?

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Ich habe wahnsinnige Angst“, sagte Jane Gilbert und verschränkte fröstelnd die Arme. Zusammen geduckt wie ein verschrecktes Rehkitz hockte sie auf dem geräumigen Sitz des Continental.

„Quatsch“, sagte der Mann am Volant. Sein scharf geschnittenes Gesicht war von Schweißperlen übersät. Kein Wunder bei dieser Augusthitze.

Jane Gilbert fror. Sie erschauerte in ihrer Angst. Sie sah auf den Mann, der gespannt auf die Fahrbahn blickte und ziemlich schnell die kurvige Bergstrecke nahm. Eigentlich – wie Jane meinte – etwas zu schnell.

„Rase doch nicht so, Dave!“, mahnte sie, aber er lächelte nur und blieb bei seinem Tempo.

„Es ist lächerlich, wie du dich mit einem Male aufführst, Jane“, sagte er, und seine tiefe Stimme klang so sonor wie sonst auf der Bühne. Jane kannte die Stimme, kannte den Mann, aus guten und schlechten Tagen. Es waren mehr schlechte als gute gewesen.

Daran dachte wohl auch Dave. Dave Morrison, der Hunderte von winzigen Nebenrollen in Fernsehfilmen gespielt hatte, meistens aber ohne Vertrag, hoffte auf das Morgen – wie auch Jane. Manchmal hatten sie zusammen auf einer kleinen Bühne gespielt, dritte Garnitur in Las Vegas oder Los Angeles. Zuletzt in Sacramento. Und nun diese Rolle. Etwas anders als sonst. Sehr viel anders. Seit ein paar Minuten hatte Jane diese furchtbare Angst, dass es ihre letzte Rolle sein könnte.

„Du machst dir unnötige Sorgen“, sagte Dave und jagte auf kreischenden Reifen um eine Haarnadelkurve. „Es ist einfach. Uns kann ja keiner. Oder ist es vielleicht ein Verbrechen, wenn man sich die Haare färbt wie eine andere, sich die gleichen Kleidungsstücke anzieht und auch das Gesicht etwas zurechtmacht? Nein, sage ich! Sieh dir diesen Trottel an, der pennt auch am helllichten Tag!“ Er wich einem Mercury aus, der mit einem älteren Ehepaar besetzt war, das vor lauter Naturschönheit die Verkehrsregeln offenbar vergessen zu haben schien.

Als Dave den Wagen wieder über eine Gerade jagen konnte, fuhr er fort: „Was geht uns dieser Detektiv an, der uns für zwei ganz andere hält? Nichts geht er uns an, Jane, nichts. Wir fahren bis zum Donnersee hinauf, sehen uns den ganzen historischen Quark an, bekommen ein bisschen Gänsehaut wie alle, die sich die Story von den Siedlern anhören, die sich hier zuletzt gegenseitig abgemurkst haben, und Schluss. Dann fahren wir wieder nach Sacramento, kassieren unsere zweite Rate, und das wär’s.“

„Und der Detektiv?“, fragte Jane ängstlich.

„Damit haben wir nichts. Soviel ich weiß, werden unsere Auftraggeber ihm eine kleine Falle stellen, aber was sie mit ihm machen werden.

„Du weißt es!“, sagte sie scharf.

Er zuckte die Schultern und warf einen kurzen Blick auf die blonde Jane. Sie sieht wirklich ganz fremd aus, dachte er. Tatsächlich fast wie das Mädchen auf dem Foto, nach deren Vorbild Jane zurechtgemacht worden war.

„Ich weiß nichts“, erwiderte er schroff.

Sie krampfte ihre linke Hand in seinen rechten Arm. „Dave, halt an! Halt an!“

Er lachte amüsiert. „Aber Jane, du weißt, dass ich mich beeilen muss, sonst holt er uns noch ein. Er war schon vor zehn Meilen nahe genug heran.“

Jane sah sich um, aber auf der langen Geraden war kein einziger Wagen hinter ihnen. „Dave, das ist irgendeine schmutzige Sache. Wir sollten es nicht mitmachen!“

Er lachte wieder, nur diesmal gequält. „Hast du vergessen, dass wir seit zwei Wochen nur noch von Sandwiches leben? Hast du an die Miete gedacht, die wir Sam seit drei Monaten schulden? Oder an die letzte Rate für den Wagen?“

„Dave, ich habe Angst ... ich ahne etwas Furchtbares! Das geht nicht gut. Wer weiß, in was wir uns eingelassen haben?“

Dave schüttelte den Kopf. „Wir sind zwei Schauspieler, die irgendeinem Verrückten für zweitausend Dollar den Gefallen tun, sich in irgendwelche uns unbekannte Figuren zu verwandeln und eine bestimmte Strecke zu einer ausgemachten Zeit mit dem Wagen zu fahren. Noch nicht einmal unser Wagen musste dazu herhalten. Also, Schatz, was willst du mehr? Ich bin ein Mr. X und du eine Miss Y. Das bringt uns nicht mal einen Dollar Strafe ein.“

„Ich weiß nicht“, erwiderte Jane unsicher und kaute auf ihren rot lackierten Nägeln herum. „Wenn man doch wüsste, wessen Rolle man überhaupt spielt. Wenn man wüsste, wer dieser Mr. X und diese Miss Y wirklich sind. Vielleicht ...“ Sie brach ab und sah entsetzt auf Dave.

„Ja, was vielleicht?“, fragt er seelenruhig.

„Vielleicht ist es gar kein Detektiv, der uns folgt. Vielleicht sollen wir für jemand anderen ... umgebracht ...“

Er lachte. „Quatsch, Darling! Ich weiß zufällig, dass es ein Detektiv ist. Sie wollen ihm eine verpassen. So, nun weißt du es. Achte auf die rechte Straßenseite. Gleich muss ein kleines Blockhaus kommen, mit Souvenirs und so. Ein Stück weiter ist ein Zweitonner geparkt, Farbe grau. Das sind unsere Leute. Wenn wir an denen vorbei sind, können wir uns auch Zeit lassen. Gleich ist es soweit. Pass nur auf, aber sieh nicht so offen hin!“

„Ich habe noch mehr Angst!“, wimmerte Jane und duckte sich noch tiefer in die Polster.

„Hör jetzt auf mit dem Geflenne, Jane, es macht mich schon ganz verrückt!“

„Wollen ... wollen die den Detektiv etwa ...“ Sie hielt inne und sah auf Dave, der mit keiner Miene zuckte. Sie gab sich einen Ruck und sprach die Frage aus: „Wollen die den Detektiv umbringen?“

„Ach was, einen Denkzettel werden sie ihm verpassen, vor allem werden sie dafür sorgen, dass er eine Weile von der Spur geht, auf die wir gesetzt worden sind, um den Kerl zu narren.“

„Und wer sind die Leute, die wir darstellen sollen?“

„Hör endlich auf! Du fragst einfach zu viel. Wir kriegen zweitausend Möpse, und damit stimmen unsere Kohlen. Was geht uns dieser blöde Detektiv an?‟

„Findest du? Da, der Souvenirstand!“

Ein kleines Blockhaus schmiegte sich an die Felswand. Riesige Tannen ragten dahinter hervor. Ringsherum die gigantischen Berge der Sierra Nevada. Ein prächtiges Motiv für Fotofreunde oder Maler. Jane Gilbert sah nur die Hütte und suchte gleich dahinter nach diesem grauen Zweitonner.

Sie entdeckte ihn erst, als sie schon fast daneben waren. Ihr war, als würde Dave noch mehr Gas geben. Hatte er auch Angst?

Sie blickte ans den Augenwinkeln auf den Pritschenwagen. Doch außer dem Fahrzeug entdeckte sie nichts. Es sah aus wie dort abgestellt. Kein Mensch weit und breit. Um diese Tageszeit machten die meisten Touristen sicher Siesta oder aßen noch. Vielen mochte es auch zu heiß sein, jetzt in der dünnen Luft spazieren zu fahren.

Dave starrte konzentriert auf die Straße. Sein Gesicht war wie gemeißelt. Dann und wann warf er einen Blick in den Rückspiegel, doch es folgte ihnen kein Wagen.

Jane schielte immer öfter auf die Tachonadel. Daves Tempo nahm jetzt selbstmörderische Formen an.

„Dave, ich bitte dich, fahr doch langsamer!“, flehte sie. Er überhörte es und riss den schweren Wagen durch eine scharfe Kehre.

Endlich kam wieder eine Gerade, die auf dem Plateau endete, das vor dem berühmten Donnersee lag. Dies war auch die Passhöhe. Ein kleines Stück noch, und die Berge öffneten sich zu einem Tor, dem Donnerpass. Dahinter verlief die Straße in Serpentinen abwärts bis hinunter in die Ebene von Nevada.

Dave nahm das Gas weg, als sie den gewaltigen Parkplatz erreichten, der auf dem Plateau angelegt war. Überall Souvenirstände, als Blockhäuser verkleidete, kleine Cafeterias, Inns, ein Motel, Bars und Coffeeshops.

Als der Wagen stand, erschien sofort ein Indianer, der sich in der alten Stammestracht sehr komisch vorkommen musste. Als der Mann begriff, dass ihn keiner fotografieren wollte, trollte er sich wieder.

„Bleib im Wagen!“, sagte Dave zu Jane und spähte unauffällig in die Runde. „Gleich wird wohl einer von denen kommen. Ich will nur noch die zweite Rate. Und wenn wir die tausend Bucks haben, werden wir uns verdünnisieren. Die Landschaft hier können wir uns ein andermal ansehen.“

Jane nickte zustimmend. Sie musste daran denken, was man sich heute noch über jene hundertfünfzig Siedler erzählt, die fast alle deutschstämmig waren, die aus dem Osten kamen, um durch eine Hölle ins goldene Kalifornien zu gelangen. Die Hölle war weiß und eisig. Hier oben am Donnerpass blieb der Treck liegen. November 1846. Hunger, Kälte, Tod. Sutters Helfer kamen zu spät, konnten nur wenige retten. Die anderen starben. Und die es überlebten, hatten Furchtbares erlebt.

Janes Haut zog sich bei dem Gedanken an das, was sie davon wusste, zur Gänsehaut zusammen. Trotz der Hitze war ihr noch kälter als vorhin schon. Und die Angst kroch ihr stärker als je zuvor den Rücken herauf.

Sie sah Dave an. „Dave“, bat sie weinerlich, „fahr weg hier! Schnell! Ich habe ein schlimmes Gefühl.“

Er wandte sich ihr zu, doch diesmal lachte er nicht. „Verdammt, es ist wirklich eine unheimlich Geschichte. Aber wir haben vereinbart, hier abzurechnen. Irgendwo muss der Bursche doch stecken, der mir die tausend Bucks bringen soll. Ich will nicht darauf verzichten!“

Er sah sich um, doch niemand näherte sich dem Wagen.

Plötzlich tauchte ein Streifenwagen der Polizei auf. Dave sah ihn zuerst, und auch die Nummer des Wagens, sowie die Aufschrift an der Tür.

„Die sind von der County Police. Verdammt!“, knurrte er und beobachtete den Wagen im Rückspiegel.

Das weiße Fahrzeug mit den roten Lampen und der Sirene auf dem Dach hielt an. Zwei Beamte saßen drin. Nun kam der Wagen wieder in Fahrt und hielt genau auf den Continental zu.

Dave ließ den Motor an.

„Dave, willst du fliehen?“, fragte Jane ängstlich.

„Fliehen? Vor denen? Die können uns gar nichts“, erwiderte er. Aber es klang nicht so überzeugend. Jane spürte das und blickte scheu auf den Polizeiwagen, der jetzt hinter ihrem Continental hielt. Ein Beamter stieg gerade aus. Ein langer Mann in Khakiuniform. Er trug einen breitrandigen Hut mit der Kokarde der County Police. Die Blechmarke, die der Beamte an der Brusttasche trug, glitzerte in der Sonne.

„Dave, sei vernünftig!“, raunte Jane.

Der Beamte stand jetzt neben Daves Fenster und beugte sich herab. Seine breite Hand klopfte an die Scheibe, die Dave eben noch geschlossen hatte.

Jane sah, wie Daves Hände zitterten. Dann öffnete er doch die Scheibe und sah auf den Beamten. Ein junger Mann war es, mit hagerem Gesicht.

„Ist dies Ihr Wagen, Sir?“, fragte er.

Dave zögerte eine Sekunde, eine verräterische Sekunde, ehe er sagte: „Nein, er ist geliehen. Warum?“

„Die Papiere des Wagens und Ihr Permit, bitte!“

Was jetzt in Dave vorging, ahnte Jane schon, bevor es zu einer Reaktion kam. Daves Gesicht verzog sich. Vielleicht dachte er an die ganzen Schwierigkeiten, die auftauchen würden. Vielleicht war es auch nur ein Kurzschluss. Oder er wusste eben doch mehr von dieser Sache, als er Jane gesagt hatte.

Unvermittelt gab Dave Gas.

„Nein!“, schrie Jane. Sie sah, wie der Beamte herumgeschleudert wurde, als der Wagen ihn streifte, und zu Boden stürzte. Hinten heulte die Sirene auf.

Dave raste los, über das Plateau, an den parkenden Wagen vorbei, streifte einen Buick, der gerade aus einer Parklücke fuhr, jagte weiter auf die Passhöhe zu.

Jane wusste nicht, was er wollte. Hinter dem Pass war der Staat Nevada. Dort konnte ihm die kalifornische Polizei nichts anhaben. Dreihundert Yard, zweihundert.

Die schotterbedeckten Berghänge mit ihrem ewigen Eis auf den Gipfeln, die Wasserscheide des Passes, dann zwei Uniformierte, die auf die Straße rannten und winkten, wieder zurücksprangen, vorbei. Der Continental raste über den Pass, nun ging es bergab. Und jetzt, als sich Jane umdrehte, sah sie das aufgeregte Blinken der beiden roten Polizeilampen. Die Sirene hörte sie wie aus weiter Ferne.

Die erste Kehre. Dave schoss wie ein Wahnsinniger herum. Jane schrie gellend auf. „Wir sind doch in Nevada! Halte doch an! Sie können doch nichts mehr tun!“

Aber der Polizeiwagen war hinter ihnen. Nevada oder nicht, den beiden Beamten – oder wie viele es sein mochten – schienen alle Kompetenzen in diesem Fall gleichgültig zu sein.

Daves Wagen hatte den einen Polizisten zu Boden geworfen. Der Mann blutete heftig am Kopf, so dass es schlimmer aussah, als es war. Daves Reaktion löste so eine Gegenreaktion des zweiten Beamten aus, der noch im Wagen gesessen hatte. Der Mann war in einer Verfassung, dass er Dave bis nach China gejagt haben würde.

Vielleicht ahnte es Dave. Vielleicht war er auch nur kopfscheu geworden. Jedenfalls trieb ihn nacktes Entsetzen. Er raste bergab. Das Schild von 22 % Gefälle übersah er. Und dann auch das Schild mit dem Totenkopf. Die Kurvenwarnung.

Jane kreischte, die Reifen schrien, als Dave mit aller Gewalt bremsen wollte. Der Continental war für solche Racings nicht gebaut. Er schleuderte, stellte das Heck quer, streifte die Felswand. Dave trampelte versessen auf die Bremse, doch der Schwung war gigantisch. Der Wagen kippte rasant um, glitt wie ein Schlitten auf den Steilhang an der Kurvenaußenseite zu, näher, immer näher an den Abgrund. Dann loses Erdreich, Schotter! Der Wagen richtete sich seitlich auf ... die linken Räder waren plötzlich zwischen Himmel und Erde über dem Abgrund. Bruchteile von Sekunden verharrte der Wagen so, dann verschwand er in der Tiefe.

Janes gellender Schrei ging im Gepolter des Gerölls unter. Zuletzt ein Knall wie von einem Schuss ... Stille. Tiefe, tödliche Stille.

Der bremsende Streifenwagen zerriss mit dem Reifengeräusch und der Sirene diese Stille. Der Polizist sprang heraus aus dem Wagen, lief die zehn Schritte bis zum Abgrund und sah mit verzerrtem Gesicht nach unten.

„Aus“, murmelte er. „Aus.“

image
image
image

2

image

Die Spur war heiß, und Archibald Duggan würde nicht mehr von ihr lassen. Aber die Sache war verpatzt, seit dem Vormittag schon. Erst hatte er das Auftauchen von Polizeistreifen für Zufall gehalten. Nachher erkundigte er sich über Sprechfunk bei der FBI-Agentur Sacramento, die ihm Hilfestellung gab, nach dem Grund.

Pech muss man haben, dachte Archibald Duggan, als er es hörte. Ausgerechnet der Wagen, in dem „sein“ Pärchen saß, war gestohlen. Und die gesamte County Police ging auf Großjagd. Eine Jagd, die Archibald – um nicht zu sehr aufzufallen – nicht abblasen konnte und wollte. Leider!

Drei Streifenwagen waren plötzlich zwischen seinem Buick und dem Continental des Pärchens. Er verfluchte das, obgleich alles seine Richtigkeit hatte, wenn er kühl nachdachte. Aber ein Jäger auf heißer Fährte ist besessen von der Jagd. Auch Archibald.

Sein scharf geschnittenes Gesicht wurde um einen Grad härter, als er sich überlegte, was das Pärchen tun würde, wenn es die Verfolger bemerkte.

Seit Wochen war Archibald auf dieser Fährte. Seit zwei Tagen wusste er, dass Chris Honnever und seine Freundin Lesly Shewbert einem Spionagering angehörten. Chris als Hintermann, die Shewbert als Werkzeug. Freilich als recht einflussreiches, denn sie war Donald B. Harrisons Sekretärin. Wer zwischen Nordpol und Antarktis irgendwo mit einem Bergwerk zu tun und das Wort Schrämm-Maschine gehört hatte, wusste, dass die IMCC zu den größten Bergwerksmaschinen-Herstellern dieser Erde zählt. Harrison war der Boss. Seine wandelnde Gedächtnisstütze hieß Lesly Shewbert. Der nicht sehr von Ehemoral gepeinigte Harrison nannte sie zärtlich Chouchou. Er musste ja wissen, warum.

Das Dumme war nur, dass Lesly sich zwar vom noch rüstigen Harrison umwerben ließ, ihn aber gleichzeitig ausnahm wie einen fetten Truthahn. Was er sagte, was an geheimen Werksplänen oder auch sonst von ihm ausgeplaudert wurde, ging brühwarm an Chris weiter. Und der liebe Chris sorgte schon dafür, dass es nicht irgendwo verschimmelte. Zumal die IMCC sehr viele Minen in den Entwicklungsländern ausrüstete. Im Auftrag der US-Regierung. Auf Informationen, die damit zusammenhingen, war Chris scharf wie roter Pfeffer.

Das alles wusste Archibald Duggan inzwischen. Als Geheimagent der ersten Garde gehörte das zu seinem Job. Aber dieser Chris hatte wohl auch kalte Füße bekommen und war heute an diesem herrlichen Augusttag zu einem Ausflug via Donnerpass aufgebrochen. Wie Archibald vermutete, bestimmt nicht nur, um sich die Donner-Saga anzuhören. Die Sache erschien Archibald eher wie eine hastige Flucht.

Eines störte ihn an der ganzen Sache: Die beiden waren – wie er nun wusste – in einem gestohlenen Auto geflohen. Das passte nicht ganz zu der Geschichte. Und die ganze Flucht war etwas plump gelaufen. So sicher sich dieser Chris vorher benommen hatte, so primitiv stellte er sich jetzt an.

Das vor Archibald fahrende Polizeifahrzeug beschleunigte sein Tempo. Archibald ärgerte sich erneut über die Umstände. Aber er konnte ja nicht wissen, dass er diesen khakibetuchten Jungs in den Polizeiwagen beinahe sein Leben verdankte. Woher sollte er es ahnen? Ein grauer Lieferwagen kam ihnen – artig und sehr vorschriftsmäßig – entgegen. Keine zwei Yard trennten Archibald von den drei Männern, die in dem Zweitonner saßen. Diese drei Männer hatten vorgehabt, mit dem Zweitonner einen „kleinen Unfall“ zu arrangieren, der Archibald einer Rakete gleich in die Tiefe katapultiert hätte. So viel Polizei war den drei Burschen im Zweitonner auf die Nerven gegangen. Sie zogen ab. Denn Archibald Duggan – so mochten sie denken – war ohnehin weit von der Spur, die er für so heiß hielt. Und Gelegenheiten gab es noch viele ... mehr als genug.

Eine Viertelstunde später stand Archibald dort, wo kurz zuvor noch der Polizist gestanden hatte. Und er blickte hinab in die gähnende Tiefe, sah eine Autounterseite, daneben etwas Weißes, sonst nichts.

Unweit von Archibald stand der Polizist neben seinem Kameraden, der einen Kopfverband trug, und weitere Polizisten versuchten den Abstieg in die Tiefe mit Hilfe eines langen Seils.

Archibald kam nicht um die Tatsache herum, dass er sich ausweisen musste. Er tat es, und als noch mehr Zuschauer anlangten, führte ihn ein ortskundiger Polizist bis zu einem Pfad, der mit etwas Akrobatik als Weg in die Tiefe betrachtet werden konnte.

Trotzdem dauerte es fast zwanzig Minuten, ehe Archibald unten ankam. Die an Seilen kletternden Polizisten wurden immer zahlreicher. Zwei der Uniformierten waren schon am Wagen. Sie hatten die Leichen bereits aus dem Wrack gezogen.

Das Mädchen war noch gut zu erkennen. Ein Blick genügte Archibald, um zu sehen, dass er einem Trick aufgesessen war. Dieses auf Blond gefärbte und auch sonst durch Schminkkunst veränderte Dame war nicht Lady Shewbert. Nachdem er den Mann näher angesehen hatte, war Archibald auch hier sicher: Das konnte nicht Chris Honnever sein. Zwei „Strohpuppen“ waren für die echten Gesuchten gestorben.

Die Untersuchung der Brieftasche des Mannes bewies es klar. Mahnungen, Rechnungen, Kopien von Schuldscheinen. Und alle auf den Namen Dave Morrison. Von Beruf Schauspieler.

Ein Polizist erkannte auch das Mädchen. „Die war schon im Fernsehen“, sagte er. „Vor vier Wochen, da hat sie in einem Krimi das Hausmädchen gespielt. Weiß es noch genau.“

Bald wusste es auch Archibald Duggan, wer in die Rolle von Lesly Shewbert geschlüpft war. Aber bei Jane Gilbert konnte er sich darüber nicht mehr beklagen. Für die letzte Rolle ihres Lebens waren die Gilbert und Dave Morrison nur zur Hälfte entlohnt worden.

Aber wo steckte Lesly Shewbert? Chris Honnever musste in ihrer Nähe sein.

„Ich muss wieder dort beginnen, wo ich gestern Abend aufgehört habe, nicht anders“, sagte sich Archibald verärgert und fuhr zurück nach Sacramento.

image
image
image

3

image

Golden Banks“, hieß das Hotel, in dem Archibald wohnte. Der geschäftstüchtige Besitzer hatte alles im „Goldgräber-Stil“ eingerichtet. Es gab auch eine regelrechte „Western-Bar“ mit der obligaten Langtheke, über zwanzig Hockern davor und Bedienung in Cowgirl-Tracht. Sinnigerweise trugen die Girls Miniröcke, und ohne Fransen wären es Mini-Minis gewesen.

Archibald nahm einen Longdrink, sann über sein heutiges Pech nach und wartete überdies auf einen bestimmten Anruf.

Außer ihm standen noch ein paar Männer an der Bar, zwei von ihnen hatten offenbar an diesem Tage mehr Glück gehabt als Archibald, denn sie feierten irgendeinen geschäftlichen Erfolg. Ihre Stimmung belebte sich von Glas zu Glas, und weil sie nicht nur sehr durstig waren, sondern die Gläser von den smarten Blondies auch mit dem hier sehr populären Habanero gefüllt wurden, ging das ziemlich schnell. Ihre Stimmen wurden immer lauter.

Archibald leerte sein Glas, schob dem Girl das Geld hin und wandte sich zum Gehen. Wie immer, wenn ein neuer Gast in die Bar kam, ertönte gerade das auf uralt gemachte Orchestrion mit „Yellow Rose of Texas“. Ein infernalisches Getöse, der Begriff Musik war fehl am Platze.

Ein neuer Gast trat ein. Betätigung des Orchestrions erfolgte durch Knopfdruck seitens des Portiers.

Archibald ging an dem „Neuen“ vorbei, einem bejahrten Graukopf, dessen Unternehmungslust förmlich nach Belustigung schrie. Er grüßte Archibald wie ein Provinzonkel, doch Archibald war in zu mieser Stimmung, um auf solche Floskeln einzugehen.

Er drückte die Drehtür auf; das Gedudel des Orchestrions verfolgte ihn noch bis ins Foyer der Bar, wo die ebenfalls auf Wildwest getrimmte Garderobiere ganz anachronistisch in einer Film-Illustrierten blätterte.

Der Portier gähnte diskret, blickte aber lauernd auf Archibald, von dem er sich offenbar noch einen Trinkgeldsegen erhoffte.

In diesem Augenblick wurde die vordere Schwingtüre aufgestoßen. Was nun geschah, erinnerte in jeder Phase an die Gangsterstücke aus Chicagos wilder Zeit.

Zwei Männer stießen die Schwingtüren zurück und lehnten sich auf jeder Seite dagegen. Durch die Gasse trat ein dritter Mann mit einer MP. Die Waffe im Anschlag, trat er noch einen Schritt vor und zog durch.

Der Portier war schon bei der ersten Bewegung der Tür mit hellseherischer Voraussicht hinter der Telefonzelle untergetaucht. Die Garderobiere musste ahnungslos sein. Mit offenem Mund, die Augen entsetzt aufgerissen, starrte sie auf die Männer.

Aber die sahen nur Archibald Duggan.

Archibald reagierte blitzschnell. Dass der Besuch ihm galt, war für ihn so gut wie sicher. Aber was tun?

Links stand die Barriere der Garderobe. Dahinter die entsetzte Frau. Rechts waren Automaten mit Süßigkeiten und Zigaretten. Auch der Zugang zum Hotel. Die Tür war nicht nur geschlossen, sondern für Archibald so weit wie ein Mond. Die drei Schritte bis dahin würde er nicht schaffen.

Die Garderobe war näher. Nur eineinhalb Schritt. Archibald sah, wie der Gangster in der Mitte die Mündung auf ihn richtete und stieß sich ab.

Mit einem Satz flog er über die Barriere, warf sich zu Boden, riss die Magnum aus dem Schulterhalfter, hörte über sich das Rattern der MP, das Prasseln der Schüsse in der Barrierenverkleidung, und schon flogen die ersten Holzfetzen über Archibald hinweg.

Archibald fragte sich, ob die Barriere wirklich schussfest war. Doch die Probe auf das Exempel wollte er nicht machen.

Er warf sich ein Stück nach vorn, sah zwei Beine, die sich hastig näherten und durch eine Lücke der Barriere zu sehen waren. Er schoss auf diese Beine.

Die Beine verschwanden jäh, und wieder knatterte eine Garbe Schüsse in Barriere und Wand.

Eine heisere Männerstimme schrie: „Meine Füße!“

Eine andere antwortete heftig: „Wirf endlich! Los!“

Dann schlug etwas nahe Archibald zu Boden. Ein stählernes Ei. Es rollte dicht zu Archibald heran. Da sah er im Dämmerlicht, was es war.

Entschlossen packte er zu, riss das Ding hoch und schleuderte es über die Barriere zurück.

Noch bevor sie aufschlug, explodierte die Eierhandgranate.

Archibald sprang auf und sah im Nebel des aufwallenden Gipsstaubs zwei Gestalten zur Tür eilen.

Die hintere Gestalt brach zusammen, die vordere erreichte die Tür. Archibald zögerte nicht mehr und schoss. In diesem Augenblick erlosch das Licht.

image
image
image

4

image

Der dunkelblaue Straßenkreuzer parkte mit laufender Maschine dicht vor dem Eingang zur „Golden Banks Bar“. Lebhafter Verkehr herrschte auf der Turks Street. Die Lichtreklamen funkelten und blitzten.

Der Mann am Steuer sah aufmerksam zur Schwingtür des Barfoyers. Eben waren seine Begleiter dort verschwunden. Die Schüsse waren hier draußen kaum zu hören. Der Lärm der Straße übertönte sie noch. Aber die Tür war jetzt zu. Sie pendelte nur noch ein wenig, und das beunruhigte den dunkelhaarigen Mann mit dem olivfarbigen Teint. Er gab ein wenig Gas, ließ den Wagen ein Stück vorrollen und sah wieder gebannt auf die Schwingtür.

Plötzlich flog sie weit nach außen auf. Etwas Grelles blitzte auf, gleichzeitig ein Knall. Der Blitz blendete den Mann für Sekunden, und als er wieder richtig sehen konnte, entdeckte er zwei Gestalten, die durch die Tür wollten. Die eine brach zusammen, die vordere taumelte weiter. Dann wurde sie von Geisterhand nach vorn gestoßen, und gleichzeitig erlosch jedes Licht hinten im Foyer. Die Türen schlugen zu, und davor lag die Gestalt.

Der Mann am Steuer stieß die Wagentür auf, war mit zwei Sprüngen bei dem Liegenden.

Passanten, die den Knall gehört hatten, kamen herbei. Irgendwo pfiff jemand schrill.

Der Mann riss den am Boden Liegenden hoch, schleifte ihn bis zum Wagen. Ein Passant, ahnungslos, wem er half, hob die Beine mit ins Auto hinein, wollte etwas fragen, aber da knallte ihm der Fahrer die Tür vor der Nase zu. Gas und weg! Der Motor brüllte auf, andere Autos, die gerade vorbeikamen und ums Haar mit dem aus der Parklücke jagenden Wagen kollidiert wären, hatten scharf gebremst.

Jemand schrie: „Gangster! Überfall!“

Der Mann am Steuer war bereits an der nächsten Kreuzung. Rot! Schon wollte er rechts abbiegen, da kam grün, und er raste geradeaus die Straße weiter. California Circle, wimmelnder Autoverkehr, alles schleppend langsam. Der Fahrer quetschte sich rücksichtslos dazwischen, bog links in die Überholbahn, erreichte die Einfahrt des Expressways und raste trotz Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 MPH mit mindestens hundertzehn Meilen weiter. An der Abfahrt Sacramento-Brücke verließ er den Expressway, fuhr über die Brücke, erreichte die Unterführung der CPRR und hielt kurz danach vor einem grauen Tor. Helle Neonlampen beleuchteten ein modernes Bürogebäude.

Der Mann schaltete an einem Knopf am Armaturenbrett. Das graue Tor öffnete sich sanft. Kaum war die Öffnung weit genug, fuhr der Mann durch. Hinter ihm schwang das graue Tor wieder zu.

Der Wagen glitt in die Kellergarage des Bürohauses. Ein Dutzend Autos standen im erhellten Raum.

Kaum hielt der schwere Montclair, trabten zwei Männer in Overalls heran. Beide athletisch gebaut, beide mit harten Gesichtern. Burschen, die auf die Matte gepasst hätten.

„Was ...“

Der Fahrer öffnete die Tür, deutete mit dem Daumen über die Schulter nach hinten. „Charly ist es.“

Sie sprachen kaum. Was nun kam, war geübt, konnte sie keine Sekunde in Verlegenheit bringen. Sie öffneten die Fondtüren, hoben den Reglosen heraus und legten ihn auf die Seite. Der eine lief los, und nach wenigen Sekunden war er mit einer primitiven Trage wieder da. Sie betteten den Bewusstlosen darauf, dann trugen der Fahrer und der eine der Männer ihn zum Lift. Der zweite Mann im Overall setzte sich hinters Steuer, wendete den Wagen und fuhr wieder auf die graue Tür zu. Auch er betätigte die Automatik. Das Tor öffnete sich, der Wagen glitt auf die Straße. Das Tor schloss sich.

Sie trugen Charly auf der Trage zum Lift, fuhren mit ihm vier Etagen hoch und brachten ihn dann über einen langen Gang, der nach Duftspray roch, an vielen Türen vorbei in einen Raum, an dessen Türe die Aufschrift „Bellman’s Chemical Corp. Laboratory“ stand.

Der Raum glich innen eher einer Unfallrettungswache.

Ein Untersuchungstisch wurde von der Wand geklappt. Der Fahrer drückte auf einen roten Knopf neben der Tür, dann summte eine Sprechanlage. Eine kratzige Stimme fragte: „Wer ist verletzt?“

„Charly, Rückenschuss, schlimm“, sagte der Fahrer.

„Ich komme“, tönte es aus dem Sprechgerät.

Kurz darauf betrat durch eine zweite Tür ein Mann im weißen Kittel das Zimmer. Er schob seine Brille zurück, sah den Fahrer an, dann den Verletzten, der inzwischen auf den Tisch gelegt worden war.

Nun erschien auch noch eine attraktive Blondine im Raum, auch sie im weißen Kittel. Sie nickte den Männern zu, sagte aber nichts.

„Es ist gut, Linda, fangen wir gleich an. Ihr könnt gehen“, sagte der Mann im weißen Kittel.

„Klappt es ohne Hilfe, Doc?“, fragte der Fahrer.

Der Doktor nickte. „Geht, Natter wartet auf euch!“

Die beiden gingen, und der Fahrer verabschiedete sich durch einen Schulterschlag von dem Mann im Overall. Während der in den Lift stieg, betrat der Fahrer ein Zimmer am anderen Flurende.

An der Tür hatte „Bellman’s Chemical Corp. Management“ gestanden. Doch im Zimmer war niemand. Ein Nierentisch, drei Stahlrohrsessel, eine Produktionskarte mit Leistungskurve an der Wand, zwei Bilder von Fabrikanlagen, sonst nichts – bis auf das Sprechgerät. Es summte kurz nach dem Eintritt des Mannes.

„Komm ’rein, Cervo!‟

Der Fahrer öffnete eine zweite Tür und betrat ein dezent eingerichtetes Chefbüro.

Hinter dem klobigen Schreibtisch thronte ein schwergewichtiger Mann, dessen Gesicht die Färbung eines Schlagflüssigen hatte.

„Setz dich! Es ist also schiefgegangen‟, sagte der Dicke kurzatmig.

Cervo nickte nur, setzte sich auf den Sessel gegenüber und nahm sich eine von den Zigaretten, die vor ihm am Rande des Schreibtisches standen.

„Erzähle! Ich kenne nur einen Teil. Hawkins hat nicht genug sehen können vom Hotel gegenüber.“

„Ich weiß auch nicht viel. Sie sind zu dritt ’rein, dann schwang die Tür zu, und gleich drauf hat’s geknallt. Es muss irgendwie schiefgegangen sein, denn Charly kam mit Jenkins zurück. Jenkins fiel, und dann hat es wieder geknallt. Hörte sich nach einer Magnum an. Charly hat es dabei erwischt. Ich konnte ihn gerade noch wegbringen. Es wimmelte da von Menschen.“

„Hat Charly im Wagen gesprochen?“

„Nein, nicht einmal gestöhnt. Er ist die ganze Zeit still gewesen.“

Die Sprechanlage summte. Der Dicke drückte auf einen Knopf. „Ja, Paul?“

„Sie haben Jenkins mit einer Decke über dem Kopf abtransportiert“, sagte eine tiefe Männerstimme. „Auch Merlin scheint hinüber zu sein. Duggan aber spazierte wie ein munterer Hirsch herum und ist eben zum Flugplatz gefahren.“

„Verdammt! – Es ist gut, Paul, gib mir durch, wenn sich da noch etwas tut. Was ist mit dem Portier?“

„Sie haben ihn zum FBI geschleppt. Duggan muss wohl etwas geahnt haben.“

„Danke, Paul, du hörst in einer halben Stunde von mir, was du tun sollst. Pass solange auf!“

Ein Knopfdruck, dann wandte sich der Dicke wieder Cervo zu. „Dieser verdammte Duggan. Ihr hättet ihn heute Mittag im Vorbeifahren aufs Kreuz legen sollen. Die Polizei war doch vor ihm und nicht hinter ihm.“

Cervo nickte. „Sicher, aber Jenkins meinte, das wäre zu riskant. Sie waren nur wenig vor ihm. Sie hätten das bestimmt gemerkt.“

„Das mit dem Continental war ein Fehler. Diesmal waren die Cops zu schnell. Und dieser Idiot, den wir auf Chris getrimmt haben, hat durchgedreht. Gut, nun ist er dahin und kann nicht singen. Zuviel wusste er sowieso nicht.“

„Aber Chris ist in Gefahr!“

Der Dicke zuckte die Schultern. „Weil er jetzt von Duggan gejagt wird? Das ist nicht so schlimm. Chris ist jetzt ...“ Er sah auf die Uhr. „Ja, er ist jetzt bestimmt schon in Bogota.“ Er sah Cervo scharf an, nahm die Goldrandbrille ab und begann sie zu putzen. „Es geht nicht um Chris. Aber Lesly macht mir Kummer. Selbst wenn Harrison von Blindheit geschlagen ist, wird die CIA schon dafür sorgen, dass er Lesly aus dem Rennen schiebt. Duggan hat inzwischen nicht nur sein Flugbillet für Bogota, er hat sicher auch schon den nötigen Funkspruch losgelassen. Und während wir hier sitzen, ist Harrison gewiss schon im Bild.“

„Aber Lesly sollte sowieso aussteigen, falls es hier schiefläuft.“

„Kannst du mir sagen, Cervo, wie ich ihr das mitteilen soll? Ich versuche vergeblich, sie zu erreichen. Nun, probieren wir es nochmals.“ Er drückte wieder die Taste des Sprechgerätes. „Mike, hast du inzwischen Lesly erreicht?“, fragte er ins Mikrophon.

Eine schnarrende Stimme antwortete: „Ich habe seit einer Viertelstunde Verbindung über die Welle 33 mit Anguso. Er sagt, die ganze Gesellschaft wäre im Hotel. Lesly hätte sich mit Harrison in seinem Zimmer eingeschlossen. Er kann sie nicht einmal telefonisch erreichen. Niemand hebt ab. Das Personal sagt, dass Harrison aufgetragen habe, ihn bis zum Morgen nicht zu stören.“

„Also noch sieben Stunden. Kann er nicht anderswie an sie herankommen?“

„Er sagt, es gäbe keine Möglichkeit. Harrison ist dort ein kleiner Gott. Anguso meint, es wären sogar Detektive aufgeboten, ihn zu schützen.“

„Was denn, weil er ein Bergwerk erneuert hat?“

„Die Leute in Kolumbien sehen das wohl so wie unsere Regierung hier. Sie messen dieser Entwicklungshilfegeschichte viel Bedeutung bei.“

Der Dicke nickte zufrieden. „An sich richtig. Deshalb wird es ihnen schwer an die Nerven gehen, wenn wir ihnen die Suppe versalzen. – Pass auf: Morgen früh werdet ihr Lesly dort herausholen lassen. Heraus und weg mit ihr. Sie muss völlig aus dem Griff der CIA oder diesen Knallköpfen dort in Bogota heraus. Wenn das nicht gelingen sollte, Mike, dann weißt du, was unser letztes Mittel sein muss.“

„Arme Lesly“, seufzte Mike. „Muss es sein? Wir haben sie alle sehr gerne hier.“

„Willst du, dass wir allesamt auffliegen?“

„Nein, ich sage es Anguso“, erwiderte Mike.

„Ende“, knurrte der Dicke und drückte die Taste.

Cervo sah den Dicken erschrocken an. „Muss das wirklich sein?“

Der Dicke zuckte die Schultern. „Noch nicht. Aber wenn dieses Huhn sich so weit gehen lässt, von Harrison eingeschlossen zu werden, bloß weil der seine Amouren ungestört erleben will, ist sie selbst ein gutes Stück schuld daran. Vielleicht meldet sie sich rechtzeitig bei Anguso. Dann geschieht ihr nichts.“

„Und Chris?“

„Chris wird schon aufpassen. Schließlich ist er ja einer von ums und kein Piepvogel wie Lesly.“

„Dieser verdammte Duggan. Wir sollten ihn doch noch irgendwo ...“ Cervo vollendete nicht, was geschehen sollte, aber der Dicke wusste, was er meinte.

„Jetzt ist es zu spät, aber Bogota ist eine Millionenstadt. Da stirbt es sich schnell!“

„Hoffentlich“, brummte Cervo.

„Natürlich, meine Junge, ich glaube, ich hätte dich damit beauftragen sollen.“ Des Dicken Blick glitt zu den sehnigen Unterarmen Cervos, musterte die glatten Gesichtszüge. Cervo war ein Mestize, ein Halbindianer. Einer seiner besten Männer. „Ich weiß etwas, Cervo: Du wirst es übernehmen, Duggan zu beschatten. Obgleich Jimmy und Anguso noch dort sind und deren Leute. Du wirst den Alleinauftrag von mir bekommen, und du wirst ohne die anderen ganz allein operieren. Ich veranlasse die Geschichte sofort. Mit der nächsten Maschine fliegst du ab. Und nur um Duggan wirst du dich kümmern, nur um ihn. Sonst nichts.“

Cervo nickte. „Und wie ich mich um ihn kümmere.“

„Keine Spuren, keine Reste. Du hast verstanden?“

Cervo nickte abermals. „Ich habe verstanden.‟

image
image
image

5

image

Archibald Duggan hat nichts gegen Katz-und-Maus-Spiele. Nur nahm er sich für diesmal vor, die Katze zu sein. Dass man ihn erledigen wollte, gab ihm zu denken.

Vor allem war es die Tatsache, dass Chris Honnever mit von der Partie war, die Archibald an einen großen Fisch glauben ließ. Chris Honnever war kein kleiner Bello, und wenn man ihn irgendwo eingesetzt hatte, musste es eine dicke Sache sein.

Was aber war daran so dick, dass der Boss der IMCC nach Bogota flog, um dort in der weiteren Umgebung ein von den USA aufgemöbeltes Bergwerk einzuweihen? Was war so dick daran, dass eine Geheimorganisation wie jene, zu der Chris Honnever gehörte, diesen Harrison überhaupt in die Zange nahm? Was verlockte zu dem Aufwand, eine Honigbiene wie Lesly Shewbert auf Harrisons Betriebsgeheimnisse anzusetzen? Das alles mutete wie ein kleiner Fall an. Archibald Duggan war nicht für kleine Fälle. Aber Chris Honnever würde erst recht nicht damit befasst werden.

Wo lag hier der Hund begraben?

Sie wollten ihn, Archibald Duggan, auslöschen. Das fand er fast begreiflich. Er war ihnen zu dicht auf die Hacken gekommen. Nun schön, aber das allein war es ja gar nicht.

Also Harrison und seine Firma? Bergwerksmaschinen waren nicht geheim. Eher das geheime Gehabe um die Lieferung an Kolumbien. Die Entwicklungshilfe. Aber auch das konnte doch von kleineren Kalibern bearbeitet werden. Hier und bei der Konkurrenz.

Nein, sagte sich Archibald, wenn Chris mitspielt, wenn sein „Club“ am Zuge ist, steckt mehr dahinter. Weit mehr. Planen die Mordexperten ein Attentat? Er musste es wissen. Und weil die Zentrale ganz offenbar nicht in Bogota, sondern in Sacramento saß, konnte er nicht jetzt schon nach Kolumbien fliegen. Erst musste er den Spieß umkehren, sich vom Gejagten zum Jäger machen und der Sache da auf den Grund gehen, wo sie ausgekocht wurde.

Er fuhr zum Flugplatz, war sicher, dass man ihn beschattete, traf sich mit zwei Beamten vom FBI und gab ihnen Anweisung, in Bogota die notwendigen Maßnahmen zu Harrisons Schutz einzuleiten.

Er selbst nutzte seinen Dienstausweis, um sich Flugtickets auf Regierungsrechnung für die Pan Am-Maschine nach Bogota zu besorgen. Obwohl die Maschine ausgebucht war, bekam er nach alter Vereinbarung zwischen CIA und sämtlichen US-Fluggesellschaften dennoch einen Flugschein.

Er würde ihn nicht brauchen. Aber wer wusste das außer ihm selbst?

Noch fast eine Stunde Zeit bis zum Abflug. Inzwischen führte Archibald ein paar Telefongespräche mit der FBI-Agentur in der City. Die Auskünfte waren aufschlussreich genug, aber wohin dieser blaue Montclair verschwunden war, hatte FBI ebenso wenig herausbekommen wie die Stadtpolizei.

Archibald bestieg die Maschine eine Viertelstunde vor Abflug. Der leichte Koffer, den er bei sich hatte, durfte in der Kabine verstaut werden. Ein weiterer leichter Koffer wurde von einem Flughafensteward in die kleine Ruhekabine der Besatzung gebracht. Niemand beachtete es – außer Archibald Duggan, der den Inhalt dieses Koffers genau kannte.

Archibald saß in der vordersten Sitzreihe, dicht hinter der Tür, die zu Cockpit, Funkraum und diesem Ruheraum führte. „Nur für Flugpersonal“ stand an dieser Tür.

Fünf Minuten vor dem Start erhob sich Archibald, sah sich um, dass ihn auch jeder der hinter ihm Sitzenden erkennen konnte, dann trat er durch die „verbotene“ Tür und schloss sie hinter sich.

Drinnen wurde er schon sehnlichst erwartet. Ein Mann in seiner Größe zog sich gerade die Jacke über. Eine Jacke, die fast so aussah wie die von Archibald. Oder überhaupt genauso.

„Die Krawatte sitzt nicht sehr korrekt, Phillips“, sagte Archibald lächelnd und rückte sie dem anderen gerade. „Ich bin bei mir selbst da sehr genau. Und den Scheitel mehr nach links!“

Phillips war blond wie Archibald Duggan. Sein Gesicht sah aus der Nähe etwas breiter aus, auch die Augenfarbe stimmte nicht. Doch es kam nur noch auf drei Minuten an.

Archibald blickte sich suchend um.

„Dort liegt die Kombination“, sagte Phillips und wies hinter sich.

Archibald zog sich die Kombination über, die außen voller Ölflecke war. Dann stülpte er sich eine Mechanikermütze über das Haar, setzte eine Sonnenbrille auf, die ihm Phillips reichte, und begab sich zum Pilotenausstieg, den diese Maschine hatte.

Zum Glück, denn wäre eine andere Maschine eingesetzt worden, bei der es diesen Ausstieg nicht gab, hätte sich dieser Trick vielleicht als Niete erwiesen.

Indessen zog Phillips sein Taschentuch aus der Hose, hielt es vors Gesicht, als müsse er niesen, und betrat den Passagierraum. Sofort setzte er sich auf Archibalds Platz.

Die Stewardess kam aus der Bordküche, der Steward ebenfalls. Das Schriftsignal zum Anschnallen und Einstellen des Rauchens kam. Die Bordtüren wurden geschlossen.

Als drei Sitzreihen hinter Phillips ein unscheinbarer Südländer bemerkte, dass sich vor ihm ein ganz anderer Mann als Duggan niedergelassen hatte, war es für ihn zu spät. Er konnte nicht mehr aus der Maschine. Und auch sein kleines Funkgerät würde jetzt wertlos sein. Die Antenne wäre aufgefallen, auch wenn alles wie ein Kofferradio aussah. Aber in einer startenden Maschine will keiner Musik aus Kofferradios hören.

Archibald Duggan verschwand, als die Düsen der Pan Am-Maschine aufheulten, im Personalraum für Mechaniker. Von dort entwischte er in den Umkleideraum und tauchte wenig später mit leichtem Hut, hellem Anzug und saloppen Schuhen wieder vor dem Flughafengebäude auf. Die Zusammenarbeit mit dem FBI hatte bisher großartig geklappt.

Ein Taxi, ebenfalls vom FBI gechartert und mit einem G-man als Fahrer besetzt, brachte Archibald in die City.

Als sie unterwegs waren, sagte der G-man, ohne von der Fahrbahn zu blicken: „Wir haben noch keine Spur von dem blauen Montclair. Aber er ist gesehen worden, als er hinter der Sacramento-Brücke in die CPRR-Unterführung schoss. Da hätte er fast einen Lieferwagen mitgenommen. Der Fahrer hat Anzeige erstattet. Es ist dieselbe Nummer.“

„Und wem gehört der Wagen?“

„Einem Toten. Einem Arzt, der schon vor drei Monaten gestorben ist.“

„Ist das alles?“, fragte Archibald unwirsch.

„Der Arzt hatte einen Erben. Der Erbe ist zur Zeit in Europa. Der Wagen war zum Vermieten einer Garage gegeben worden. Der Wagenmieter heißt laut Liste Co hoon. Oder Cahoon. So genau kann man es nicht entziffern. Die Adresse stimmt nicht, dort steht kein Haus. Der Wagen soll nächste Woche zurückgebracht werden. Die ganze Miete ist im Voraus bezahlt worden.“

„Das war’s sicher?,“ fragte Archibald Missmutig.

„Nein.“ Der G-man lächelte triumphierend. „Sie sollten das FBI nicht unterschätzen. In der Nähe der CPRR-Unterführung ist eine Pharmacy.“

Archibald schaltete sofort. „In dieser Apotheke hat jemand etwas geholt für den Verletzten?“

Der G-man nickte. „Ja, und zwar war es Blut. Konservenblut A positiv.“

„Wie schön. Und weiter?“

„Eine Blondine holte es. Sie schien etwas von der medizinischen Branche zu verstehen, meinte der Apotheker. Es waren übrigens zwei Konserven, also etwas über einen Liter. Das Mädchen ist uns genau beschrieben worden. Wir haben dem Apotheker Bilder vorgelegt, er hat einen Kopf erkannt.“

Gespannt wandte sich Archibald dem G-man zu. „Und?“

„Unser Chef vermutete es gleich, dass unser Goldfisch eine bekannte Frucht ist. Es ist Dr. Linda Brown, die vor zwei Jahren vom FBI aufs Kreuz gelegt wurde, als sie fleißig Rezepte schrieb ...“

„Kokain?“

„Unter anderem. Vor allem Morphium. Die Folge war ein lebhafter Handel. Wir ließen sie hochgehen. Es gab nur vier Monate, die auch noch auf Bewährung, weil sie einen kleinen Bruder mit durchschleppen musste. Außerdem Praxisverbot.“

„Darf man fragen, wo dieser süße Fisch seinen Futternapf hat?“

Der G-man nickte. „Wir haben sie fest im Auge. Und ich habe Befehl, Sie dorthin zu bringen. Mein Chef meint, dass es eigentlich Ihr Bier ist, und er will es Sie auch austrinken lassen.“

„Ein prächtiger Bursche, Ihr Chef!“, erwiderte Archibald. „Die Überraschung ist ihm fast noch besser gelungen als dem Santa Claus.“

image
image
image

6

image

Sie ist drin‟, sagte ein FBI-Beamter zu Archibald, als der vor dem Apartment-Haus stand. „Vor einer halben Stunde angekommen.“

„Es muss doch weh tun, wenn ihr hier warten müsst, dass ich die Sahne von der Milch hole?“, fragte Archibald lächelnd.

Der Beamte nickte. „Wahnsinnig, aber der Chef scheint Ihren Namen im goldenen Buch zu haben, dass er so freigiebig ist.“

„Ihr Chef ist wirklich ein Denkmal wert. – Haben Sie auch ein Foto?‟

„Vom Chef oder von Miss Brown?“

„Von dem Goldfisch natürlich.“

Der Beamte reichte Archibald eine Kopie. „Nicht übel. Fällt einem besonders auf, wenn man verheiratet ist“, sagte der G-man.

„Ja, ein hübscher kleiner Racker. Also gut, ich glaube, ihr könnt jetzt eurem Chef einen Besuch machen. Besten Dank für die Hilfe. Das sagen Sie ihm bitte.“

„Er wird sich freuen.“ Der Beamte stieg zu seinem Kollegen in das gecharterte Taxi und fuhr ab.

Archibald fuhr mit dem Lift in den vierten Stock. „Dr. Brown“ stand auf dem Messingschild an der Apartmenttür.

Ein Gong läutete, als Archibald auf die Klingel drückte. Kurz darauf rief eine dunkle Frauenstimme: „Moment bitte, ich komme gleich!“

Es dauerte einige Zeit, dann kam sie wirklich. Im duftigen Schlafrock, einen Hauch von Chanel Nr. 5 um sich, betörend in der Art, wie sie ihre Figur verhüllt hatte und dennoch alles vermuten ließ.

Sie war blond. Das Gesicht verriet trotz jugendlichen Aussehens eine gewisse Erfahrung, und ihr Blick zeigte Archibald, dass sie durchaus kein frisch entschlüpftes Häschen war.

„Sie sind Miss Dr. Brown?“, fragte Archibald, obgleich er absolut sicher war, wenn das Foto stimmte.

„Ich bin es, und wenn Sie eine Uhr haben, werden Sie bemerken, wie früh am Tage es ist. Besuchen Sie die Leute immer um diese Zeit?“, fragte sie kokett.

Zwei Uhr nachts war wirklich früh am Morgen. Archibald lächelte, zog seinen Ausweis heraus und trat unaufgefordert näher.

Sie sah auf den Ausweis, und nur eine knappe Sekunde lang zeigte sie Erschrecken. Reaktionsschnell fasste sie sich wieder, lächelte mehr als liebenswürdig und meinte: „Sie armer Mann, müssen nachts arbeiten, statt zu schlafen. Sie dürfen eintreten.“

Das hatte Archibald ohnedies schon getan.

Der kleine Korridor, das anliegende große Wohnschlafzimmer und die dort befindliche Einrichtung wirkten anheimelnd. Der gute Geschmack von Fräulein Doktor ließ sich nicht verleugnen.

„Sie dürfen sich auch setzen“, sagte sie, wies auf die mit gefärbtem Fell beschlagenen Sessel und setzte sich selbst auf das noch zugedeckte Couchbett.

Die einen lassen sich nieder, die anderen hocken sich hin, wieder andere setzen sich ganz einfach. Dr. Linda Brown ließ sich auf die Couch sinken, dass einem normal veranlagten Mann der Atem stockte. Archibald Duggan war nicht abgebrüht genug, um es zu übersehen. Im Gegenteil.

Er sah sie an. Ihr Schlafrock war etwas in die Höhe gerutscht und ließ Knie erkennen, die mancher Schönheitskönigin zur Ehre gereicht hätten.

Sie lächelte. Aber es war nicht das glucksende Lächeln einer dümmlichen Schönen. Linda Brown lächelte wie eine Frau, die Männer und Leben kennt, die zu kämpfen gewohnt ist und auf mehr als ihre Schönheit vertraut.

Archibald schätzte sie auf achtundzwanzig. Vielleicht war sie auch ein wenig älter. Bei ihr hieß das nichts. Sie würde vielleicht auch noch mit fünfzig eine äußerst anziehende Frau sein.

„Schade“, sagte Archibald laut und lächelte nun auch.

„Um mir das zu sagen, sind Sie nicht gekommen, Mister ...“

„Duggan. Archibald Duggan von der CIA.“

Sie nickte. „Und Sie sind sicher nicht zu Ihrem Vergnügen hier, oder?“

Archibald hatte Mädchen in ähnlichen Situationen kennengelernt, die an dieser Stelle versucht hätten, ihre Reize ins Feld zu führen.

Dazu war Miss Dr. Linda Brown offensichtlich nicht dumm genug. Sie zog sich den Schlafrock so nebenbei wieder über die Knie und sah Archibald dann fragend an. „Nun?“

„Vor zwei Jahren waren Sie ja im Wintersport tätig, wenn ich nicht irre.“

Sie tat, als verstünde sie dieses Rotwelsch nicht und fragte: „Wovon sprechen Sie?“

„Schnee. Kleines weißes Pulver.“

Sie nickte. „Ich bin dafür bestraft worden, und das geschah auch ziemlich heftig. Ich dachte, es wäre erledigt.“

„Ist es auch. Aber Sie wollen offenbar nicht aufgeben, Miss Brown.“

Sie zuckte die Schultern. „Ich habe mit Rauschgift nichts zu tun.“

„Nein, diesmal haben Sie sich Schlimmeres ausgesucht. Spionage ist nach unseren Gesetzen ein übler Job. – Sie sind vor kurzem erst nach Hause gekommen. Miss Brown, wo sind Sie gewesen?“

Sie antwortete viel schneller, als Archibald es erwartet hatte. „Ich war bei dem Kollegen, dem ich seit mehr als einem Jahr als Sprechstundenhilfe und in manchen Fällen auch als Assistentin helfe. Wir haben eine Operation ausgeführt.“

„Wo und wer ist dieser Arzt?“

„Er ist Chirurg, als Arzt hier gemeldet und zugelassen und praktiziert in der Donovan Street.“

„Dort waren Sie?“

Sie nickte.

„Von wann bis wann, und wer war der Patient, den Sie mit diesem Doktor ...“

„Der Kollege heißt Dr. Jacobson. Den Namen des Patienten kenne ich nicht. Er hatte eine Unfallverletzung am Rückgrat.“

image
image
image

7

image

Eine Schussverletzung, wollten Sie sagen?“

Sie zögerte einen Augenblick, sagte dann aber: „Ja, eine Schussverletzung. Es hieß, der Mann hätte eine Auseinandersetzung mit einem Arbeitskollegen gehabt.“

„Er verlor viel Blut, nicht wahr?“

„Er hatte viel Blut verloren, bevor er kam. Ich besorgte zwei Konserven und

„Wo?“

„In der Pharmacy neben dem GPRR Tunnel.“

Archibald nickte zufrieden. Das also war nicht gelogen. Es machte schon Spaß mit einem Menschen zu tun zu haben, der nicht dumm war. Linda Brown würde wahrscheinlich an wesentlicher Stelle lügen, aber dann sehr gekonnt. Die Stolperdrähte, die Archibald ihr gelegt hatte, waren ihr nicht zum Verhängnis geworden.

Sie erhob sieh, ging zur Hausbar im Eckschrank und wandte sich nach Archibald um. „Einen Drink für Sie?“

„Ja, Bourbon ohne“, erwiderte er.

Sie brachte ihm den Whisky, lächelte verbindlich und ließ sich wieder nieder, aber diesmal sehr zurückhaltend.

Sie tranken, und Archibald fragte danach: „Sie also kannten den Mann nicht?“

„Ich nicht.“

„Wie ist die Operation verlaufen?“

„Exitus letalis.“

„Auf dem Tisch?“

„Nein, er starb kurz danach. Das Rückenmark war hin, ein paar Knochensplitter hatten sich in die Leber gebohrt und sie perforiert. Es waren unstillbare Blutungen.“

„Sie mussten doch die Polizei verständigen. Oder dieser Dr. Jacobson.“

Sie nickte. „Ich bin sicher, dass er das auch getan hat. Als er sagte, dass der Patient ex ist, habe ich meine Sachen gepackt und bin gegangen. Es ist ja nicht gerade heller Nachmittag.“ Sie unterdrückte ein Gähnen.

„Richtig. Erstaunlich also, dass Sie zur Stelle waren, als der Verletzte so spät gebracht worden ist.“

„Nein, ist es nicht. Wir hatten noch einige Laborarbeiten. Es war Zufall, dass ich noch da gewesen bin.“ Sie trank wieder, dabei sah sie Archibald über den Rand des Glases hinweg sehr nachdenklich an.

„Miss Brown, haben Sie schon jemals einen blauen Montclair gesehen mit der Nummer zwo-drei-eins-sechs-fünf-acht A California?“

„Nein“, sagte sie schnell.

„Hören Sie, Miss Brown, wollen Sie eigentlich durchaus wieder ein Verfahren am Halse haben?“, erkundigte sich Archibald lächelnd. „Ich meine, das eine mit dem Schnee reicht doch fürs Leben. Sie haben noch zwei Jahre Praxisverbot. Wenn Sie abermals mit dem Gesetz in Konflikt kommen, werden es noch mehr Jahre. Sie haben einen Bruder, wie ich weiß.“

Sie wurde unsicher. Das mit dem Bruder musste wohl ein Volltreffer sein. In ihren Augen blitzte es verräterisch auf. „Ja, er ist gelähmt. Und auch sonst. Ich meine, er ist auch nervenkrank. Ich habe ihn in eine Pflegeanstalt bringen müssen. Es kostet sehr viel.“

„Ich verstehe. Ihr Kollege Dr. Jacobson hat sicher dafür Verständnis, was Ihr Honorar angeht, nicht wahr?“

Sie antwortete nicht.

Archibald spürte, dass sie sich in die Enge getrieben fühlte. Aber es war nur ein Gefühl. Obgleich er nicht wusste, warum sie so empfindlich reagierte, war er bereit, an diesem Punkte weiterzusuchen. „Dr. Jacobson ist kein gewöhnlicher Chirurg, nicht wahr. Er kann Ihre hohen Gehälter zahlen, weil er doch ein besonderer Arzt ist. Sagen Sie es, Miss Brown, wenn Sie nicht noch einmal unter die Räder kommen wollen!“

„Ich ... ich kann nicht darüber reden.“ Sie zeigte Angst in ihrem Blick. Die Selbstsicherheit war vorbei. Und noch immer wusste Archibald nicht, warum sie plötzlich Angst bekam. Vorhin war sie doch auch bei all den gefährlichen Fragen ruhig geblieben.

Er sah auch, dass die Hand zitterte, die das Glas hielt. Eine schöne schlanke Hand mit einem Rubinring am kleinen Finger.

„Er ist ein Arzt, der Geheimagenten behandelt. Ein Mann also, der für seine ärztliche Hilfe mit weit überdurchschnittlichen Einkünften rechnen kann und nur äußerst zuverlässige Mitarbeiter braucht, die gegebenenfalls sogar zu erpressen sind. Womit erpresst er Sie?“

Sie konnte sich kaum noch beherrschen. Als sie antwortete, war ihre Stimme ein wenig heiser vor Erregung. „Er erpresst mich nicht. Das ist eine Idee von Ihnen, Mr. Duggan. Er ist ein tadelloser ...“

„Bitte, unterschätzen Sie mich nicht. Packen Sie aus, Miss Brown! Ich will Sie vor Schlimmerem bewahren – noch haben Sie eine Chance!“

Sie schluckte. Gefasst erwiderte sie: „Mr. Duggan, ich weiß nicht, worauf Sie wirklich hinauswollen.  Aber das, was  Sie mir unterstellen, ist nicht  da. Ich  habe keinen Grund, mir etwas vorzuwerfen. Ich nicht. Ich kenne Dr. Jacobsons Privatleben nicht, auch nicht, was er sonst tut. Aber als Arzt kenne ich ihn. Er ist ein glänzender Chirurg und ...‟

„Ein gutes Gedächtnis hat er auch. Miss Brown, jetzt hören Sieauf zu lügen! Sie sind doch vorhin bei den Lappalien auch bei der Wahrheit geblieben. Ich will Sie nur vor den Erpressungen schützen ...“ Archibalds Versuchsballon erzielte die richtige Wirkung. Linda Brown hatte Intelligenz und Schönheit, aber nicht sehr starke Nerven.

Plötzlich überkam es sie. Ihr Gesicht zuckte, dann presste sie die Hände vor die Augen.

Archibald wollte gerade etwas Tröstliches sagen, als der Gong ertönte.

„Öffnen Sie!“, sagte Archibald, zog seine Magnum aus dem Halfter und ließ Linda an sich vorbei.

Sie wischte sich die Tränen ab und blieb noch zwei Sekunden vor dem Korridorspiegel stehen, um die Spuren ihrer Schwäche zu vertuschen. Dann öffnete sie die Tür.

Archibald stand so, dass er von der Tür nicht gesehen werden konnte. Er selbst aber sah durch die Fransen eines Vorhangs hin durch den Korridorspiegel, und in ihm den Besucher.

Es war ein untersetzter Mann mit Goldrandbrille, schmalem Gesicht und schmalen, fast mädchenhaften Händen.

„Ich bin überrascht! Was willst du noch hier?“, fragte Linda.

„Ist jemand bei dir?“, fragte der Mann mit kratziger Stimme.

Linda zögerte, und Archibald trat hinter dem Vorhang hervor. „Kommen Sie ruhig näher, Mister ...“

„Wer ist das?“ fragte der Besucher.

„Das ist Mr. Duggan von der CIA. – Mr. Duggan, hier haben Sie Dr. Jacobson.“ Linda war wachsbleich, als sie das sagte.

„Kommen Sie näher, Doktor. Besser konnte es sich nicht treffen!“

Dr. Jacobson verfärbte sich. Er warf einen bösartigen Blick auf Linda, dann sah er Archibald an. „Was soll das heißen?“

„Was heißt es schon? Sie wollten Miss Brown sprechen, Doktor. Nun, sie ist da, und ich bin auch da. Haben Sie Schwierigkeiten mit dem Totenschein für den Mann, der an einer Magnum-Kugel starb?“

Dr. Jacobson sah wieder Linda an. Doch die presste sich an die Wand, ohne irgendeinen der beiden Männer anzublicken.

„Linda, du hast uns verraten!“, sagte Jacobson. „Du verdammtes Luder!“

„Sie sind sehr unhöflich, Doktor! Sehr ungezogen. Kommen Sie jetzt näher. Meine Magnum zielt auf Ihren Oberschenkel. Ein Schussbruch ist Ihnen sicher, wenn Sie nicht gleich tun, was ich sage.“

Der Arzt gehorchte. Er ging an Linda vorbei ins Zimmer, ergriff plötzlich die Bourbonflasche und wollte sie auf Archibald schleudern. Der war mit einem Sprung bei Jacobson, schlug zu, und Jacobson flog mitsamt der Flasche über den Tisch, der unter ihm zusammenbrach. Benommen blieb Jacobson auf den Trümmern liegen, wischte sich übers Kinn, ließ die Flasche los und wollte aufstehen, aber der Schmerz im Rücken ließ ihn diesen Versuch abbrechen.

„Jetzt wollen wir reinen Tisch machen, Doktor“, sagte Archibald. „Miss Brown, gehen Sie bitte dort an die Wand. Ja, dort hinüber! Und nun, Jacobson, werden Sie singen!“

image
image
image

8

image

Der Dicke zündete sich eine Zigarre an.

„Los, was tat er dann?“, fragte er den kleinen, drahtigen Mann, der ihm im Chefbüro gegenüber saß und eine Tasse dampfenden Kaffees in der Hand hielt.

„Er ist zu Linda Brown gegangen, und seitdem ist er bei ihr.“

„Dieser Idiot! Soviel Dummheit, und die hat der Mann noch auf einer Universität vervollkommnet. Ist Hank noch dort?“

„Hank ist dort. Auch Hawkins. Sie brauchen nur über Funk zu sagen, was geschehen soll, wenn er wieder ’rauskommt.“

„Er hat vorhin schon gesagt, dass die Brown nervös geworden ist. Aber statt, dass er ihr morgen in aller Ruhe die Leviten liest, rennt dieser Affe mitten in der Nacht zu ihr. Was jedem Hohlkopf bereits auffällt, der außer der Brown noch in diesem Hause wohnt. Nein, nein, ist das ein Narr!“ Der Dicke paffte wogende Rauchwolken ins Zimmer, trommelte mit den feisten, von protzigen Ringen bestückten Fingern auf die Tischplatte und fragte dann, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen: „War noch Licht bei ihr, bevor er hineinging?“

„Man sieht es nicht. Sie hat dichte Rollos.“

„Hmm“, brummte der Dicke und überlegte, während die Zigarre wie ein Schornstein dampfte. „Sie ist natürlich wichtig. Sie weiß nicht viel, aber für uns ist sie im Moment mehr wert als die Shewbert. Der Doc auch, aber wenn er Zicken macht, ist er reif. Ich hatte gleich Bedenken gegen seinen Trick, die Brown an der Longe zu halten. Auf die Dauer ist das nichts. Sicher, sie hat damals diesen Ausbrecher behandelt und nicht gemeldet, aber dafür hat ja am Ende sogar der letzte Geschworene Verständnis. Meine Güte, das würde hierzulande jeder begreifen, dass sie bei diesem Kretin von Bruder sagenhafte Beträge aufbringen muss, um die Pflege zu bezahlen. Und sie selbst will ja auch leben. Das konnte nicht ewig ziehen. Jacobson hat es zu Tode geritten. Jetzt muckt sie auf. Dieser Idiot hätte ihr gleich mehr geben sollen, statt sie wie eine Sklavin zu behandeln.“

„Ich glaube, Sie müssen Hawkins irgendeine Anweisung geben. Die beiden sitzen im Wagen und sind über Funk zu erreichen.‟

„Quatsch! Ich fahre selbst hin. Jetzt! Ich werde mit ihr reden, und Jacobson kaufe ich mir notfalls morgen noch. So ein hirnverbrannter Narr!“

image
image
image

9

image

Archibald Duggan war ans Fenster getreten und hatte zwischen Rollo und Glas ein wenig Platz gemacht, um nach unten zu sehen. Er warf einen kurzen Blick auf die Straße, sah den Wagen auf der anderen Seite und ließ das Rollo wieder los.

„Sind Sie mit dem Auto da, Jacobson?‟

Der Chirurg lehnte, auf dem Boden sitzend, an der Wand, kreidebleich und mit Schweißperlen auf der Stirn.

„Nein‟, sagte er leise. „Oder doch, aber mit dem Taxi.“

„Ist Ihnen jemand gefolgt?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Jacobson kleinlaut.

Linda saß auf einem der Sessel. Dass sie auch jetzt – oder gerade jetzt – sehr attraktiv aussah, bemerkte wohl niemand hier. Auch nicht sie selbst. Ihr Schlafrock war, unbemerkt von ihr, aufgegangen, und ihr Negligé verriet viel von ihrer Schönheit. Aber weder Archibald Duggan noch Jacobson hätten jetzt ein Auge dafür gehabt.

Sie selbst wollte das bestimmt auch nicht herausfordern.

Jacobson hatte seine Story erzählt. Von Linda wurde sie bestätigt. Die Story eines Arztes, der rauschgiftsüchtig war, der Unmengen Geld im Spiel und für sein Laster verschwendete und schon seit Jahren für die Unterwelt – nun auch für diesen Geheimring – gearbeitet hatte. Jacobson hatte sich abgewöhnt, an seine Auftraggeber Fragen zu stellen. Er kannte einige von ihnen, berichtete von dem Büro der Bellman’s Chemical und dem, was dort sicherlich geschah, aber er wusste nicht, was diese Organisation wirklich tat. Doch er wusste, dass es einen Chris Honnever dort gab, und da wusste Archibald, dass er heute einen Glückstag hatte.

Er rief das FBI an, und dort setzte man eine Abordnung zum Bürohochhaus in Bewegung, in dem die Bellman’s Chemical ihren Sitz hatte.

Ein Wagen war unterwegs zu Lindas Wohnung, um sich des Arztes anzunehmen. Linda war tatsächlich erpresst worden. Weil sie einmal einen Ausbrecher behandelt hatte, der nach dem Überfall auf einen Kassenboten angeschossen war und ärztliche Hilfe brauchte. Irgendwer war auf Lindas Adresse gestoßen. Linda, in Geldnot, seit sie Praxisverbot hatte, half. Sie forderte viel Geld, und der Ausbrecher zahlte. Dr. Jacobson, damals ein intimer Freund Lindas, half mit Instrumenten aus. Linda operierte. Trotz ihrer Warnung vor septischen Komplikationen verließ der Verletzte ihre Wohnung, um weiterzufliehen.

Eine Woche später wurde er gefasst. Völlig am Ende und von einer nicht mehr zu überwindenden Sepsis befallen. Kein Penicillin, keine Antibiotika halfen, kein Blutaustausch, nichts. Der Mann starb im Hospital. Die Polizei suchte den Arzt, der den Verbrecher eine Woche vorher versorgt hatte. Sie suchte ihn über zwei Monate, dann gab sie es auf. In dieser Zeit hakte Jacobson ein. Die Erpressung begann, Linda arbeitete für ihn. Erst in der Unterwelt, dann für „Bellman’s Chemical“. Dass dieses ein Tarnname war, musste ein unbedarfter Mensch bemerken, wenn er in den dortigen Räumen weilte. So wie Linda, die jeden Tag dort war.

Man schickte sie kreuz und quer in Kalifornien herum. Immer waren irgendwo Leute der „Organisation“ in Schwierigkeiten. Jacobson kassierte und hielt Linda knapp an der Longe. Nur das Apartment zahlte er ihr, wenn auch mit einem nicht sehr fairen Hintergedanken. Aber sie hatte ein neues Schloss in die Tür einbauen lassen, und ihm nützte sein zweiter Schlüssel nichts mehr. In diesem Punkte gab sie nicht nach.

Sie musste auch Gesichtsoperationen durchführen. Da erfuhr Archibald eine Menge, und es wurde ihm auch klar, weshalb mancher dicke Fisch so glatt aus dem Netz wieder herausgekommen war, das das CIA für ihn aufgespannt hatte.

Heute hatte Linda mehr Geld von Jacobson verlangt und damit gedroht, dass sie seine Erpressungen nicht mehr fürchte. Im Streit war sie in der Nacht nach der Operation des Rückenschuss-Verletzten weggegangen.

Jacobson, der Linda nicht nur als Hilfe, sondern noch mehr als Frau begehrte, wollte es wieder einrenken. Vielleicht erhoffte er sich auch einen Sieg über die Frau selbst.

Nun hockte er an der Wand. Das Atmen fiel ihm schwer, und Linda hatte vorhin gemeint, ihm müsse eine Rippe gebrochen sein, womöglich zwei.

Archibald hatte da wenig Mitleid. Lindas Mitgefühl für Jacobson ging auch kaum über die Pflicht der Nächstenliebe hinaus. Zu sehr war sie von diesem Manne gepeinigt worden.

Für Archibald war Linda ebenfalls eine sehr bezaubernde Frau. Doch das konnte ihn bei aller Empfänglichkeit in diesem Punkte kaum interessieren. Linda kannte nicht nur die Männer, die hier in Sacramento zur „Organisation“ zählten, sie kannte auch jene, die sie selbst mittels Gesichtsoperationen zu „neuen Menschen“ gemacht hatte.

Archibald warf wieder einen Blick zwischen Rollo und Fenster auf die Straße. Dort parkte immer noch der Wagen, aus dessen Auspuff kleine Wölkchen kamen. Es konnten keine Intelligenzbestien sein, die sich mitten in der Nacht mit laufender Maschine irgendwo aufstellten. Zudem kannte Linda den Wagen.

Aber jetzt kam ein zweiter Wagen an. Erst dachte Archibald, das wären die Kollegen vom FBI. Doch dann sah er, wie vier Männer ausstiegen, wie einer nach vorn zum anderen Wagen ging und schließlich dort auch einer ausstieg.

Archibald rief Linda ans Fenster. „Sehen Sie da unten! Kennen Sie den Wagen oder einen seiner Männer?“

„Es ist sehr weit bei dieser Beleuchtung. Aber der Dicke! Der Dicke ist der Direktor... Der Boss!“ Sie war so erschrocken, dass sie instinktiv nach Archibalds Arm griff und ihn fest drückte. „Himmel, steh mir bei!“

„Ich werde Ihnen auch beistehen! Öffnen Sie nicht!“

Archibald ging ans Telefon, rief wieder das FBI an, und dort reagierte man blitzartig. Die Falle für Bellman’s Chemical Corporation klappte auf.

image
image
image

10

image

Gegen Mittag landete Cervo in Bogota. Kurz darauf befand er sich schon in der Calle del Liberador im Anwaltsbüro Ortega.

„Hallo, Anguso“, begrüßte Cervo einen hageren Mann von etwa vierzig Jahren, dessen Gesicht und Teint sehr viel Ähnlichkeit mit dem Cervos hatte. Auch Anguso besaß indianische Vorfahren. Außerdem war er ein Südamerikaner wie aus dem Bilderbuch: Schnurrbart, dunkle Augen, pechschwarzes Haar, Temperament.

Anguso machte ein finsteres Gesicht. „Was ist los, Cervo?“, fragte er. „Seit letzter Nacht halb drei haben wir keine Verbindung mehr zu euch.“

Cervo zuckte die schultern. „Ich bin nicht mehr ins Hauptquartier gegangen. Gleich nach drei flog meine Maschine.“

„Und wie lautet dein Auftrag?“, forschte Anguso. Er sah Cervo misstrauisch an.

„Ich rede nicht darüber. Aber er gilt nur einer Person.“

Anguso nickte. „Du meinst Duggan?“

Cervo schwieg.

„Duggan ist nicht hier. Jedenfalls saß er nicht in der Maschine, in die er eingestiegen ist. Frederico hat es mir berichtet. Duggan ist irgendwie wieder ausgestiegen und hat ein Double an seinen Platz gesetzt.“

Cervo verbiss sich einen Fluch.

Anguso schob die Zigarrenkiste zu Cervo hin. „Bedien dich! Jedenfalls habe ich Sorgen. Ein Gefühl sagt mir, dass deine Leute in Sacramento Mist gebaut haben. Immerhin, der Auftrag geht klar. Morgen früh ist die Einweihung. Bis die ganze Clique im Stollen ist, wird es Nachmittag werden.“

„Wer ist alles dabei? Ich meine, wer von der Regierung?“

Anguso lächelte. „Die ganze Regierung wird da sein. Ob der Präsident kommt, weiß ich noch nicht. Dann noch von den Gringos ein Unterstaatssekretär, dieser Harrison mit seiner Meute und natürlich der Botschafter der USA. Ein paar Figuren von den übrigen westlichen Botschaften. Jedenfalls wird es klappen.“

„Der Präsident sollte dabei sein“, meinte Cervo nachdenklich. „Es gibt hier viele Leute, die auf ihn hören, vor allem die Militärs.“

Anguso schüttelte den Kopf. „Nein. Er allein ist nichts. Wir haben dafür gesorgt, dass auch der Luftwaffenchef und General Chaco dabei sind. Das sind die einzigen außer den Politikern, die gefährlich sind. Morgen Abend wird keiner mehr von denen einen Piep machen. Wir putschen sofort nach Bekanntwerden des sogenannten Unglücks, ein paar hundert Demonstranten bekomme ich immer auf die Beine. Wir werden es den Yankees in die Schuhe schieben. Die Flugblätter sind auch schon fertig. Wenn alles klappt, übernehmen wir übermorgen schon die Regierung.“

„Wenn alles klappt ...‟

Anguso biss eine Zigarrenspitze ab, spie die Kappe aus und zündete die Zigarre an. „Wir sind nicht von gestern, Cervo. Die Sprengladung sitzt schon im Stollen. Und durch diesen Stollen müssen sie alle durch. Ich selbst werde als Steiger auftreten und die Zündung durchführen. Seit drei Wochen gehe ich in dieser Mine aus und ein. In der Leitung gelte ich als Experte für die Wetteranlage in der Mine. Du siehst, Cervo, es ist alles vorbereitet. Selbst wenn unsere Freunde in Sacramento hochgegangen sind, wird das hier nichts mehr ändern.“

„Was ist mit dem Mädchen, mit Lesly? Und wo steckt Chris?“

Anguso lachte. „Chris ist Mitglied der Yankee-Bauleitung. Unter anderem Namen sitzt er sozusagen am obersten Drücker in der Mine. Ein prächtiger Mann, nur einen Fehler hat er: Er ist ein Gringo.“

„Und Lesly?“

„Wir haben sie heute morgen gefasst. Als zwei Burschen von der CIA kamen, um sie hochzunehmen, war sie schon weg.“

„Tot?“

Anguso schüttelte den Kopf. „Wir sind nicht so hart wie euer Boss. Sie ist bei einem Freund auf dem Lande. Weit weg. Wenn alles vorbei ist, werden wir weitersehen. Sie gefällt mir gut.“

Cervo verzog das Gesicht. „Sie gehört zu Chris!‟, sagte er mahnend. „Vor dem musst du dich in Acht nehmen!“

Angusos Lächeln verriet, dass er Chris offenbar wenig fürchtete. „Sie gefällt mir, Amigo. Und wenn mir ein Mädchen gefällt, wird es mich auch gut finden. Mit und ohne Chris. Mehr interessiert es mich, was aus Duggan geworden ist. Du solltest ruhig hierbleiben und auf ihn warten. Ich habe das Gefühl, den sehen wir heute noch ...“

„Es würde mich sehr freuen. Dann könnte er sich das Hotelzimmer sparen.“

„Ich werde zwei meiner Leute ständig auf dem Flugplatz postieren. Es würde nichts schaden, wenn du auch dort bist. Denn Duggan kommt bestimmt heute oder morgen. Wenn es geknallt hat. ist er morgen erst da. – Weil die in Sacramento aber gar nichts mehr von sich geben, glaube ich, dass Duggan heute noch kommt. Gegen einundzwanzig Uhr landet eine Maschine aus San Francisco.“

„Ich werde mich darum kümmern. Du brauchst auch niemanden sonst zum Platz zu schicken. Ich komme mit Duggan allein zurecht.“

Anguso runzelte skeptisch die buschigen Brauen. „Hoffentlich hast du recht. Ich wäre da nicht so sicher.‟

image
image
image

11

image

Es war abgelaufen wie im Bilderbuch. Während der Dicke und seine vier Begleiter noch an Lindas Tür standen und nach dem dritten Schellen auf das Öffnen warteten, hatte das FBI unten bereits den zurückgebliebenen Fahrer kassiert.

Danach ging alles sehr schnell, und doch nicht schnell genug. Ausgerechnet der Dicke versuchte die Flucht, sprang auf die Feuerleiter, schoss auf einen der G-men und wurde selbst von zwei Schüssen getroffen. Er stürzte von der Feuerleiter in die Tiefe. Da gab es mit zwei Lungensteckschüssen kein Überleben mehr.

Der Tod des Dicken war ein bitterer Beigeschmack zum Sieg. Archibald Duggan verhörte beim FBI die übrigen Mitglieder der „Organisation“, doch die schienen nur das zu wissen, was das FBI schon bei der Haussuchung in den Büros der Bellman’s Chemical herausgefunden hatte.

Der Funker Paul, der vielleicht mehr gewusst hätte, lag besinnungslos im Krankenhaus, bewacht von Detektiven des FBI. Er hatte Gift geschluckt, doch der Polizeiarzt war schneller als der Tod gewesen. Nun hoffte das FBI, den Mann wieder auf die Beine zu bekommen.

„Nicht vor zwei Tagen kann er vernommen werden“, lautete die Auskunft der Ärzte.

In einem Punkte waren alle Aussagen übereinstimmend: In Bogota sollte eine große Sache starten. Aber was es war und wie und wo konnte niemand beantworten. Der Dicke war tot. Als Boss hätte er es gewusst. Der Funker schwebte in anderen Regionen.

Archibald kam auf seine ursprüngliche Idee zurück, Linda Brown nach Bogota mitzunehmen. Sie war zwar auch festgenommen worden, doch Archibald erwirkte beim Haftrichter die Sondergenehmigung, Linda mitnehmen zu dürfen.

Linda war schon in Bogota gewesen, und zwar mit Dr. Jacobson. Damals hatten sie ausnahmsweise einmal Gutes bewirkt, als die „Organisation“ beide einem dortigen Krankenhaus während einer Typhusepidemie „zur Verfügung stellte“. Dafür wurde der Organisation sicher manche andere Gefälligkeit seitens der dortigen Ärzte und Schwestern zuteil.

Linda wusste auch, wer Anguso war, obgleich sie das auf Anhieb nicht sagen wollte. Ganz offensichtlich hatte sie Angst. Aber der Haftrichter wie auch Archibald hatten ihr erklärt, was sie für sich gutmachen könnte, wenn sie jetzt mithelfen würde, den Spionagering völlig zu erledigen.

Die CIA-Leitung, die nun erst richtig begriff, wie wichtig dieser Fall zu sein schien, zeigte sich großzügig. Die Vermittlung höchster Stellen würde Linda die Rückgabe der Zulassung als Ärztin sichern, falls sie hier als Schlüsselfigur Hilfestellung leistete.

Archibald hatte schon alle Vorbereitungen getroffen, um mit Linda nach Bogota zu fliegen. Das FBI graste in mehreren Städten nach Mitgliedern der „Organisation“, die noch auf freiem Fuß waren. Eine Liste aller Mitglieder in den USA war gefunden worden. Seit Mittag war sie entschlüsselt

Linda Brown sollte bis zum Abflug um 14.15 Uhr beim FBI bleiben. Man hatte ihr eine Liege bereitgestellt, und dort schlief sie nach der ruhelosen Nacht.

Archibald hatte sich auch noch für zwei Stunden aufs Ohr gelegt und wurde von einem jungen FBI-Detektiv geweckt.

Verschlafen blinzelte er den jungen Mann an.

„Mr. Duggan, vor zehn Minuten ist der Funker kurz aufgewacht. Sie möchten sofort zum Chef kommen!“

Archibald zog sich hastig an, und weil auch er der Einfachheit halber beim FBI geblieben war, dauerte es nur wenige Minuten, bis er bei Frank Stinwell war, der nicht nur ein alter Freund von ihm war, sondern auch der FBI-Boss in Sacramento.

Ein ledergesichtiger Mann mit scharfen, hellen Augen. Er wartete, bis Archibald die Tür hinter sich geschlossen hatte.

„Archibald, ich habe eben mit deiner Firma telefoniert. Die wissen also schon Bescheid. Du bekommst noch ein Telexschreiben, verschlüsselt natürlich, und das muss auch gleich hier sein. Also hör mir zu! Der Funker ist nicht ganz bei Bewusstsein gewesen, aber er hat im Schlaf geredet. Und zwar hat er gesagt ...‟

Es klopfte. Ein Beamter trat ein, entschuldigte sich und übergab Archibald ein Fernschreiben in Code. Archibald, der den Code im Schlaf aufsagen konnte, las es wie einen normalen Text.

Für ihn deutlich lesbar stand da: Abreise sofort nach Bogota. Die Air Force stellt Ihnen die Chartermaschine CBA.12. Dr. Brown soll Sie begleiten. Es besteht dringender Verdacht, dass ein Anschlag auf das Team der US-Entwicklungshilfe geplant ist. Nach dem, was der Funker ausgeplaudert hat, muss es mit der Bergwerkseinweihung morgen zusammenhängen. Ermitteln Sie unverzüglich! Kolumbianische Behörden können nicht zur Unterstützung angerufen werden. Empfangen Sie in der Maschine weitere Orders.

„Okay, ich bin im Bilde.“ Archibald verbrannte das Fernschreiben, zerrieb die Asche und sah zu Frank Stinwell auf.

Der lächelte hart und meinte trocken: „Sicher brauche ich dir nun nicht mehr zu sagen, was der Funker erzählt hat?“

Archibald erhob sich. „Nein, ich glaube, das Resultat genügt auch. Ich muss jetzt weg.“

Stinwell grinste verschmitzt und sagte: „Wie ich deine Leute kenne, halten sie noch eine schöne Überraschung für dich bereit.“

Archibald sah den ledergesichtigen Mann an. „Wieso?“

Stinwell zuckte die Schultern. „Du weißt doch so gut wie ich, dass ich es dir nicht verraten darf. Du würdest mich auch nicht warnen können. Mehr kann ich dir nicht andeuten. Aber ich brauche dir nicht Adios zu sagen. Wir sehen uns heute bestimmt noch.“ Er lachte wieder, und Archibald knurrte böse, weil er nicht erriet, was dahintersteckte.

image
image
image

12

image

In der Maschine, die mit heulenden Düsen auf der Rollbahn stand, übergab ein Offizier der Air Force das versiegelte Kuvert an Archibald, der es unverzüglich aufriss und die Order las.

Er war noch dabei, als Stinwell in der Maschine auftauchte. Er lächelte Archibald zu, trat näher und sagte: „Du wirst vergeblich auf deinen Goldfisch warten, Archibald. Dr. Brown wird auf Weisung deines Hauptquartiers mit einer normalen Maschine reisen. Ich nehme an, du begreifst, was sich deine Häuptlinge da ausgedacht haben. Sie ist gegen Mitternacht in Bogota.“

Archibald hatte etwas Ähnliches auch in der Order gelesen. „Und was hast du zu tun?“

„Ich bin hier, dir das zu sagen. Schließlich trage ich für Miss Browns Wohlergehen die Verantwortung.“

Archibald war wütend. Er hatte sich seinen eigenen Plan ausgedacht, wie er mit Linda Brown als Lockvogel seine Gegner zu packen hoffte. Dass ihm die Zentrale – wie schon so oft – mit ihren Befehlen in die Quere kam, ärgerte ihn. Er hatte in seinem Leben immer viel aus eigener  Initiative gearbeitet, und er war entschlossen, es auch diesmal zu tun. Zu einem sturen Befehlsempfänger taugte er nicht.

„Wo ist Linda Brown jetzt?“, fragte er. „In meinem Wagen. Schließlich war ich dahingehend instruiert, dass etwaige Leute der Organisation, die noch frei herumlaufen, annehmen sollten, sie fliege mit dir. Sie wird nachher zum Schein auch einsteigen, dann aber heimlich wieder durch die Gepäckluke in einem Wagen verschwinden, den wir bereitstellen. Sie wird ...“

„Okay“, sagte Archibald knapp. „Ich bin im Bilde.“ Er lachte trocken, weil er sich vorstellte, welches Gesicht Stinwell gleich machen würde, wenn er bemerkte, wie Archibald ihn hereinzulegen gedachte.

Dann ging Stinwell und kam mit Linda wieder. Sie wusste offenbar nicht, was gespielt wurde, und sagte zu Archibald: „Hoffentlich passiert uns nicht noch etwas mit dem Flugzeug.“

Archibald zuckte nur die Schultern, sah Stinwell an und sagte gelassen: „Ich glaube, nun kannst du schon gehen. Miss Brown wird früh genug wieder bei dir sein.“

Linda sah ihn überrascht an. „Wieso?“

Archibald beschwichtigte sie mit einer Handbewegung. Stinwell nickte, grinste wieder und ging.

Kaum war er draußen, als Archibald dem Kopiloten den Wink gab, die Tür zu schließen. Dann ging er zum Cockpit, drehte sich an der Tür noch einmal um und rief Linda zu: „Es sind vierundzwanzig Plätze da. Setzen Sie sich auf einen davon und rühren Sie sich nicht von der Stelle!“

Der Pilot und der Navigator waren bei den Kontrollhandhabungen. Archibald sprach den Piloten an, begrüßte ihn und sagte: „Wie lange brauchen wir noch?“

„Wenn der Lieferwagen hinten weg ist, können wir los.“

„Der Wagen ist weg“, sagte Archibald. Denn er sah, dass Stinwell draußen gerade dabei war, das geschlossene Fahrzeug zum Flugzeug zu dirigieren.

„Da kommt doch noch einer“, meinte der Kommandant.

„Sprechen Sie mit dem Tower. Sie sollen den wegschicken, wir müssen nun endlich los!“

Der Pilot nickte zufrieden. Er hatte ja auch Weisung, den ihm unbekannten Mr. Duggan wie ein rohes Ei zu behandeln. Wenn dieser wichtige Mann jetzt schon losfliegen wollte, so konnte ihm das nur recht sein. Die Warterei taugte sowieso nichts.

Die Besatzung bestand aus vier Männern. Alles Angehörige der Air Force, jetzt aber in Zivil, weil man über Grenzen flog.

Archibald machte sich wenig Gedanken, welche Befehle der Kommandant der Maschine bekommen haben könnte. Er war entschlossen, Linda mitzunehmen, und dabei musste es bleiben.

Für Linda interessierte sich die Besatzung nur wenig. Von ihr war in dem Befehl keine Rede. Aber von Weisungsbefugnissen Archibald Duggans wurde gesprochen, und so etwas zog bei Offizieren. Wenn Duggan Begleiter mitnehmen wollte, musste er das selbst verantworten.

Und als draußen vom Flughafenpersonal Stinwells Lieferwagen gestoppt wurde, lachte Archibald nur in sich hinein.

Dann dröhnten die Motoren auf, die Reisemaschine der Air Force schaukelte auf die Startbahn, bekam Starterlaubnis und jagte los.

Stinwells protestierende Funksprüche kamen erst, als die Maschine schon auf zweitausend Meter Höhe war. Zu spät also, und Archibald sprach selbst über Funk mit Stinwell.

„Melde deinen Leuten, dass ich leider auf Miss Brown nicht verzichten kann, wenn ich meinen Auftrag ausführen soll.“

„Das kostet dich den Job, Archibald!‟, keifte Stinwell.

„Aber nur, wenn es schiefgeht. Wenn alles klappt, spricht kein Mensch mehr darüber!“

„Hol dich der Teufel!“, schrie Stinwell und brach das Funkgespräch ab.

image
image
image

13

image

Zum zweiten Male öffnete Cervo an diesem Tage die Tür des Anwaltsbüros. Die Hitze war jetzt am späten Nachmittag nahezu unerträglich. Anguso lag mehr, als er saß, in einem Sessel, trank eisgekühlten Orangensaft und ließ sich von einem Ventilator Frischluft zublasen. Er bewegte nur die Augen zu Cervo hin, sonst lag er wie hingebügelt.

Cervo ließ sich auf einem Sitzkissen nieder, fischte sich aus dem kleinen Gläserschrank auf Rollen ein Glas und kippte sich ebenfalls Saft ein. Als er getrunken hatte, sah er Anguso an und sagte: „Ich habe neue Nachrichten. Sie haben den Dicken geschnappt, und Duggan ist mit einer Air-Force-Maschine auf dem Weg hierher.“

Anguso machte eine zustimmende Handbewegung. „Er hat Linda Brown mit.“

„Ich bezweifle es. Stinwell vom FBI war auch da. Wenn das nur nicht wieder so ein schmutziger Trick ist.“

Anguso schüttelte den Kopf. „Nein, diesmal nicht. Sie ist bei ihm, und das ist unser Trumpf. Er denkt, sie ist sauer. Bestimmt denkt er das. Die anderen sind alle im großen Topf, und nur sie hat er draußen gelassen. Er hofft, durch sie auf uns zu stoßen. Sie kennt uns. Hat sie ihm sicher auch gesagt.“

„Und wenn sie nun wirklich sauer ist?“, zweifelte Cervo.

Anguso lachte verächtlich. „Quatsch doch nicht! Sie ist unsere beste Kraft. Die wickelt Duggan ein. Besser für dich, wenn du deinen Auftrag nicht ausführst. Was nützt es uns, wenn du Duggan einfach irgendwo niederknallst? Nichts nutzt das. Er soll ruhig etwas finden. Er muss es, weil der Dicke in Sacramento garantiert gesungen hat. Duggan also findet eine Sprengladung. Alle atmen auf, alle sind zufrieden, die Einweihung kann starten. Und genau dann jagen wir sie alle miteinander in die Hölle, auch Duggan. Linda wird dafür sorgen, dass er die falsche Sprengladung entdeckt. Sie wird ihn auch dazu bringen, mit den ganzen Regierungsbonzen in den Stollen zu gehen, den wir tatsächlich hochjagen.“

„Aber wie willst du Verbindung zu Linda aufnehmen?“

Anguso lachte laut auf. „Kein Problem, lass mich mal machen.“

„Und ich?“

„Du?“ Anguso schien zu überlegen. Dann war ihm etwas eingefallen. Er blinzelte Cervo von der Seite an, als er gerade zum Fenster hinsah. „Für dich habe ich eine besondere Aufgabe, Cervo. Eine, die einen Tiger wie dich erfordert.“

image
image
image

14

image

Archibald Duggan ging seine eigenen Wege. Statt nach Bogota zu fliegen, wies er den Flugkommandanten an, den grenznahen Flugplatz San Cristobal im Bergland von Venezuela anzufliegen. Der Vollmachten Duggans eingedenk gehorchte der Offizier. In San Cristobal charterte sich Archibald auf eigene Faust eine viersitzige Maschine, deren Halter und Piloten zwei ehemalige Kriegsflieger aus dem zweiten Weltkrieg waren, ein Deutscher und ein Brite. Einst Feinde, nun Kompagnons. Die beiden brachten Archibald und Linda im Nachtflug nach Tunja, einer mittleren Stadt im Hochland Kolumbiens. Von hier waren es nur noch hundertzwanzig Kilometer bis zu jener Mine, die von Entwicklungsgeldern wiederaufgebaut worden war.

In Tunja mietete sich Archibald von einem Arzt, dessen Adresse er sich vor dem Flug besorgt hatte, einen Jeep. Inzwischen war es bereits wieder hell geworden. Der Umweg über San Cristobal hatte Archibald viel Zeit gekostet. Jetzt kam es auf jede Viertelstunde an.

Linda war todmüde und schlief trotz der schlechten Straße, über die der Jeep ratterte, an Archibalds Schulter ein.

In Tunja hatte Linda um eine kleine Pause gebeten, um sich zu erfrischen. Archibald war ihr gefolgt und hatte den Waschraum, der im Flugplatzgebäude war, unter Kontrolle gehalten. Linda war auch wieder herausgekommen und hatte bei der Informationsstelle telefonieren wollen.

Archibald stand so geschickt, dass sie ihn nicht sehen konnte. Doch wohin Linda telefonieren wollte, bekam er nicht heraus. Der Clerk an der Information sagte, die Leitung sei für zwei Stunden unterbrochen. Und so nannte Linda die Nummer und den Ort gar nicht erst.

Später war sie zu Archibald zurückgekommen, ohne einen Ton über ihr misslungenes Vorhaben verlauten zu lassen. Archibald sagte ebenfalls nichts.

Nun fuhren sie zu jener Mine. In Archibalds Tasche befand sich der Pass eines amerikanischen Ingenieurs namens Edgar Duke. Den hatte er, von Linda unbemerkt, auch dem Zollbeamten in Tunja vorgelegt. Lindas Pass besaß er auch, doch der lautete auf den richtigen Namen der Ärztin.

Archibald hatte einen Verdacht, was Linda anging. Zu vieles sprach gegen diesen Verdacht, und auf Gefühle allein gab er nichts. Trotzdem hatte in ihm der versuchte Anruf Misstrauen erweckt.

Linda wirkte jetzt im Schlaf noch anziehender als sonst. Ihre Züge waren glatt, und um ihren Mund schien ein Lächeln zu spielen. Ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig bei jedem Atemzug.

Archibald warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war jetzt kurz nach halb fünf. Den Informationen nach begannen die Einweihung und die Besichtigung der Mine durch die Regierung Kolumbiens in etwa sechs Stunden. Vorher wurden nur Reden gehalten, und das über Tage. Eine Stunde brauchte Archibald noch bis zu der Mine.

Er hielt an und blickte die einsame Straße entlang. Rechts Berge, Geröll, selten ein Strauch. Links fiel das Gelände ab. Schotterhänge endeten vor einem Streifen Buschland im Tal. Weit und breit keine Menschenseele. Dabei war es jetzt schon bei den ersten Sonnenstrahlen heiß. Und es würde noch viel heißer werden.

Linda war aufgewacht. Sie hob den Kopf von Archibalds Schulter und sah zu ihm auf. „Wo sind wir?“

„Weit weg von einer Telefonzelle“, spottete Archibald.

Sie sah ihn verblüfft an. Dann lachte sie. „Ach so, haben Sie gesehen, dass ich telefonieren wollte? Natürlich, schließlich sind Sie ja Geheimagent. Aber schade um Ihre Mühe, Mr. Duggan. Ich bin eine Frau, notfalls auch eine Ärztin, aber keine Spionin. Sehen Sie mich an, Mr. Duggan, ich trage noch immer dasselbe Kleid wie in Sacramento. Ich hatte gehofft, man kann wenigstens irgendeinen Händler in der Nacht heraustrommeln, dass er ...“

„Ihnen ein Kleid bringt?“, vollendete Archibald. „Ist Ihnen auf die Schnelle nichts weiter eingefallen?“

„Es ist wahr!“, behauptete sie. „Sehen Sie doch, es ist völlig zerknautscht.“ Sie wies auf die Falten im Rock, gähnte dann und sagte: „Und wohin schleifen Sie mich an diesem Morgen? Fahren wir noch in den Urwald oder ...?“

„Liebes Mädchen, in einer Stunde sind wir in der Mine. Und Sie werden dort schön bei mir bleiben, bis ich Ihnen sage, wo Sie auf mich warten sollen. Sie wissen ja, wie dieser Anguso aussieht, nicht wahr?“

„Ich hoffe, ich erkenne ihn, wenn er auftaucht.“

„Vielleicht wollen Sie auch hier in Kolumbien bleiben?“, fragte Archibald lauernd. „Chancen dazu haben Sie bald genug. Hier stehen Sie nicht unter FBI-Aufsicht.“

„Daran habe ich auch gedacht“, erwiderte sie freimütig. „Aber mir ist aufgefallen, dass Sie an Frauen nicht einfach vorübergehen. Vielleicht habe ich mich deshalb anders entschlossen.“ Sie sah ihn unter halb geschlossenen Lidern an, in ihrer Art war sie jetzt unwiderstehlich.

Er spürte, was sie dachte. Und was sie von ihm wollte.

Sie setzte sich plötzlich wieder ganz auf ihren Sitz, sah geradeaus und sagte scharf: „Fahren Sie weiter! Sie haben es doch eilig, nicht wahr?“

Er rührte keinen Finger. „Sie hatten es doch eben ganz anders vor, Linda“, sagte er lächelnd. „Fürchten Sie, einen Fehler gemacht zu haben?“

Sie fuhr herum und sah ihn wütend an. „Sie sind ein Narr, Mr. Duggan! Sie bilden sich Dinge ein, die es nicht gibt. Nun fahren Sie endlich, oder wollen Sie hier abwarten, bis die Mine in die Luft fliegt? Sie können sich drauf verlassen, dass dort alles planmäßig verläuft. Dies ist ein Attentat von Mordexperten, und ein Massenmörder führt Regie!“

„Und wenn ich nun einfach den Dingen ihren Lauf ließe?“

Lindas Augen wurden schmal. „Mr. Duggan, Sie haben mich mitgeschleppt, obwohl es das FBI ganz anders mit mir vorhatte. Und bestimmt taten die das auf höhere Weisung. Ich habe das bestimmte Gefühl, dass alles, was Sie nun tun, gar nicht von Ihren Leuten gebilligt wird – oder irre ich mich da?“

„Im Augenblick haben Sie recht. Aber meine Chefs warten immer auf das Resultat. Ich habe sie daran gewöhnt, dass es sich bei mir lohnt, auf Resultate zu warten. Vielleicht habe ich auch noch einen anderen Grund.“

Sie sah ihn scheinbar gelangweilt an, doch in ihren Augen blitzte es verräterisch auf. „Noch ein Grund?“

Er legte seinen Arm um ihre Schultern. „Weiß du, Linda, wir beide sind ja verrückt. Du jagst für andere Leute in der Weltgeschichte herum, und ich tue das für meine Auftraggeber. Wir sollten damit aufhören.“

Sie zog die Brauen erstaunt hoch. „Aufhören? Ich habe aufgehört, aber Sie?“

Er nickte. „Du hast auch nicht aufgehört, sei nur ehrlich. Aber jetzt sollten wir beide Schluss machen. Einfach mit diesem Jeep noch einen Umweg fahren, bis die Zeit um ist – oder noch besser, wir rücken gleich ab. Wer will uns hier etwas wollen?“

Sie lachte ungläubig. „Du spinnst!“ Jetzt duzte sie ihn auch.

„Nein, Linda, ich spinne nicht. Du bist eine prächtige Frau, und ich habe von Tunja bis zu diesem gottverlassenen Winkel eine Menge Zeit zum Nachdenken gehabt. Lass uns einfach umkehren oder sonst wohin kutschen, und damit ist es aus. Ich habe noch etwas Geld, davon mieten wir uns ein Haus und ...“

„Du Narr!“, rief sie lachend. „Dann bekommen wir zehn kleine Kinderchen und werden alt wie Methusalem, wie? Und wovon, mein lieber zukünftiger Ehemann, willst du deine Familie ernähren?“

„Ach, ich kenne da eine ganze Menge Möglichkeiten. Zum Beispiel könnte ich eine Autowerkstatt eröffnen. Von Motoren verstehe ich eine Menge, und hierzulande bringt das Geld. Und du könntest ja eine Praxis aufmachen. Hier gilt die Sperre nicht.“

Sie nickte gedankenvoll. „Ja, das könnte ich hier.“ Plötzlich sah sie ihn an. „Du würdest das wirklich wollen? Es ist kein Bluff?“

Statt einer Antwort nahm er sie in die Arme, und als sie den Kopf zur Seite drehte und sagte „Erst antworten!“, fasste er ihr Kinn, sah ihr fest in die Augen und erwiderte: „Ich antworte ja schon.“ Und küsste sie.

Ihr Widerstand war kurz. Dann legte sie ihm die Hände um den Nacken und zog ihn fest an sich.

Als sie sich trennten, blieb Linda unverändert sitzen und hielt die Augen geschlossen. Archibald sah sie an, und einen Augenblick lang musste er daran denken, wie es wäre, wenn er wirklich all das täte und nicht nur bluffte.

„Werden dich deine Leute finden, wenn wir uns verkrümeln?“, fragte er.

Sie öffnete die Augen, lächelte und antwortete gelassen: „Es kommt auf uns an. Etwas geschickt müssen wir es schon anstellen.“

„Das müssen wir sowieso, sonst habe ich die CIA im Genick.“

„Da ist anzunehmen.“

Er küsste sie erneut und fragte danach: „Müssen wir wirklich auf deine Leute so sehr achten? Die sind doch bis auf die paar hier in Kolumbien alle gefasst. Warum sollten wir da ...?“

Sie schüttelte den Kopf. „Die paar hier in Kolumbien sind mehr als ein Dutzend, lieber Archibald.“ Sie schmiegte sich an seine Schulter. „Vielleicht bin ich verrückt, Archi, aber ich glaube, dass du aufhören willst. Ich will es ja selbst. Es ist alles so furchtbar.“

„Aber du hast doch mit denen kaum etwas zu tun. Nur weil du ein paar von den Burschen verarztet hast, brauchst du doch keine Angst zu haben. Für die bist du doch eine kleine Nummer.“

Sie sah ihn wieder an. „Archi, fahr jetzt gleich zurück! Fahr jetzt! Ich werde dir alles erklären. Du bist ein guter Agent gewesen, aber nicht gut genug. Vielleicht würdest du deinen Entschluss bereuen, wenn ich dir sage, wer ich wirklich bin. Komm, kehr um!“

Er nickte. „Gut, du hast recht.“

Sie musterte ihn etwas erstaunt. Offenbar hatte sie das nicht erwartet. Doch gleichzeitig gewahrte sie seinen Blick auf die Uhr.

„Wir sollten vielleicht das Unglück noch verhüten, auch wenn es unsere Pläne stört. Wir können nicht verantworten, die Katastrophe geschehen zu lassen. Schließlich sind es Menschen mit Familien, mit einem Zuhause. Was meinst du?“ Er sah sie an.

„Kehr um, Archi!“, bat sie und schlang wieder die Arme um seinen Hals. Sie wollte ihn küssen, doch Archibald spürte, dass sie mit der einen Hand unter seine Jacke fasste, genau dorthin, wo er den Magnum Revolver im Schulterhalfter stecken hatte.

Er ließ sie gewähren, und obwohl er merkte, dass sie die Waffe herauszog, tat er so, als gäbe er sich dem Kuss völlig hin. Ihre Lippen pressten sich gegen die seinen. Ihr linker Arm klammerte sich um seinen Halls. Sicher wäre ihm Lindas Manöver entgangen, hätte er nicht von Anfang an Verdacht geschöpft. Sie zog die Waffe äußerst geschickt heraus, und nun konnte Archibald nicht mehr warten.

Die Smith & Wesson Magnum war kein Spielzeug. Die 38er Magnumgeschosse hatten mehr Durchschlagskraft als die irgendeiner anderen Faustfeuerwaffe.

Blitzschnell griff er zu, erwischte Lindas rechtes Handgelenk, riss es zurück und wirbelte herum. Der Schuss löste sich und schlug knallend durch das  Glas des Tachometers. Die Nadel peitschte für Sekunden wild hoch, dann war dort ein Loch, wo vorher die Dreißig-Meilen-Marke gewesen war.

Linda schrie unter seinem groben Griff auf, ließ den Revolver fallen und versuchte sich zu wehren. Aber selbst zu Jiu-Jitsu langte es nicht. Archibald hielt sie mit einem Drehgriff am Arm, so dass sie zu nichts mehr fähig war.

„Loslassen! Loslassen!“, keuchte sie.

„Kleine Katze, das hast du dir herrlich ausgerechnet, nicht wahr?“

„Lass bitte los!“, jammerte sie.

Er ließ sie los. Sie sank in den Sitz zurück und massierte sich vorsichtig das rechte Handgelenk. Dann sah sie Archibald an. „Dafür wirst du sterben!“, schrie sie hasserfüllt.

Er nickte gleichgültig, nahm seinen Revolver und lud ihn auf. „Das sind harte Worte, Liebling. Vorhin hast du ganz anders gesprochen. Ich wusste nicht, dass du den Zucker mit Zyankali servierst, Baby. Warum warst du denn so voreilig?“

Sie schwieg verbissen. Selbst jetzt, als sie gerade einen Versuch hinter sich hatte, ihn umzubringen, musste er zugeben, dass sie eine fabelhaft aussehende Frau war.

„Wollen wir immer noch umkehren?“, fragte er lässig.

Sie lachte wild auf und fuhr ihn an: „Du hast es keine Sekunde vorgehabt. Ich wäre wirklich umgekehrt. Ich habe es jetzt noch satt, alles. Aber du hast nur diese Bonzen von der Regierung im Kopf. Redest von ihren Familien. Aber weißt du denn, wie viele Familien die unglücklich gemacht haben? Sie werden es weiter tun, wenn es uns nicht gelingt, sie zu beseitigen.“

„Das Wort Demokratie und der Begriff Freie Wahl sind dir fremd, wie?“, höhnte er.

„Nein“, erwiderte sie. „Aber woher weißt du, dass es das alles hier gibt? Die Regierung ist korrupt und nur für die Reichen tragbar. Das Volk in seiner Masse ...“

„Hör auf! Was ihr vorhabt, ist ein Verbrechen. Nichts weiter. Ein Bergwerk in die Luft sprengen, einige Dutzend Unschuldiger mit ins Grab stoßen, Familien unglücklich machen, das hat nichts mit Politik zu tun.“

„Geht es dich etwas an? Du bist ein Yankee!“, sagte sie böse. „Was hast du hier zu suchen?“

„Dein Klub ist so frei, die Sprengung den USA in die Schuhe zu schieben, mein Kleines. Man wird sagen, wenn es passiert ist, dass es die verdammten Yankees waren, die das alles aufgebaut haben. Und wenn etwas einstürzt, dann sind ja auch die Yankees schuld, weil sie es aufgebaut haben. So habt ihr es euch ausgedacht. Und weil die Yankees nun auch nicht gerade von gestern sind, werden sie aufpassen, dass es nicht zu dem kommt, was ihr politische Säuberung nennt. Siehst du, mein Goldkind, und jetzt bringt dein lieber Archi dich ganz schnell zur Mine. Deine Freunde werden überglücklich sein.“

Sie versuchte plötzlich aus dem Wagen zu springen. Archibald ergriff ihren linken Arm und riss sie zurück. „Bleib, mein Darling, bleib! Dein Typ wird noch verlangt.“ Er ließ den Jeep an und fuhr los.

image
image
image

15

image

Zipaquira lag vor ihnen im Tal. Die beiden Bahnstrecken, die hier zusammentrafen, glichen von der Höhe aus silbernen Bändern, die zu einer Schnur geflochten waren. Die roten Dächer der Stadt, die riesige Kirche und auf dem Berghang die Platinmine gaben der Stadt das äußere Gepräge.

In Serpentinen wand sich die Straße hinab ins Tal. Archibald fuhr langsam, weil er die Strecke nicht kannte und trotz seiner Eile nicht unbedingt als Verkehrsleiche enden wollte.

Linda saß wie versteinert und starrte durch die staubige Windschutzscheibe auf das Panorama, das sich ihren Blicken bot.

Plötzlich schien sie wie aus einem Trancezustand zu erwachen. „Archi“, sagte sie bittend, „Archi, verzeih mir! Ich habe mich wie eine Idiotin benommen. Glaub mir, ich dachte wirklich, du willst mich ...“

„Dachtest du?“

„Würdest du wirklich aufgeben, wenn wir das hier verhindern können?“, fragte sie.

Er sah sie an. „Darling, du bist hübsch, du bist auch klug, aber du unterschätzt mich trotzdem. Ich lasse mich nicht von dir verbraten, Kindchen. Also bleiben wir erwachsen und geben wir das Theater auf.“

„Was willst du mit mir machen?“

„Du wirst mich zu diesem Anguso bringen, oder wie der Kerl heißt. Zu ihm oder zu den anderen Vögeln von deinem Klub. Ich will ihnen ein Geschäft vorschlagen.“

„Sag es mir, dann kann ich dir sicher helfen.“

Er unterdrückte ein Lachen und sagte: „Ich habe mich bei meinen Vorgesetzten nicht deshalb in Ungnade gebracht, damit ich jetzt alles das mache, was sie von mir verlangt haben. Ich werde deshalb deinen Leuten vorschlagen, dass sie ihr Vorhaben mit der Mine abblasen sollen.“

„Da werden sie gerade auf deinen Ratschlag warten“, spottete Linda. Sie schlug die Beine übereinander, dass der Rock etwas nach oben verrutschte.

„Du bekommst mir noch Lungenentzündung, Kleines“, sagte er ironisch. „Über diese primitiven Scherze dürftest du doch hinaus sein. Also zur Sache: Deine Leute werden sehr wohl tun, was ich ihnen rate.“

„Ach“, machte sie und streifte den Rocksaum übers Knie. „Du denkst, dich zu hören wird sie umwerfen? Du meinst, es fasziniert sie geradezu, deine Stimme zu vernehmen? Du Narr! Wenn du dort auftauchst, bekommst du eine Kugel, und alles läuft wie geplant.“

„Wirklich? Auch wenn ich ihnen sage, dass du gesungen hast? Pass mal sehr gut auf, wie wir das alles einrichten!“

Sie wusste nicht, was er wirklich vorhatte, wurde auch unsicher und sagte gemacht burschikos: „Na, da bin ich aber gespannt, was dir da eingefallen ist.“ Sie deutete auf eine große Menschenmenge vor der Mine.

Fahnen wehten dort, auch die der USA. „Dort hat der Rummel schon angefangen. Mit scheint, du hast wenig Zeit für große Geschäfte, Archi, mein Junge.“ Sie lachte triumphierend, aber er blieb gelassen.

image
image
image

16

image

Er ist immer noch nicht da, und Linda natürlich eben sowenig“, meinte Cervo.

Anguso, der in seinem gelben Chevrolet saß und durch die Scheiben auf die Menge blickte, die sich auf dem Vorplatz der Mine versammelt hatte, brummte nur, gab aber sonst keine Antwort und schnippte einen Fussel von seinem dunklen Anzug. Überhaupt sah  er aus wie ein Grande. Ein wenig unsicher schaute auch er auf die Menge, die geduldig auf die Ankunft der hohen Gäste wartete.

Aus einem Dutzend Lautsprecherertönte Musik. Neben der Rednertribüne flatterten die Fahnen Kolumbiens, des Departements Cundinamarca und der USA. Eine Gruppe Geistlicher, die zur Einweihung und Einsegnung des wiedererstandenen Bergwerks gekommen war, spähte ungeduldig über die Menge zur Straße, die von der Stadt herauf zur Mine führte.

„Ich denke“, sagte Anguso, „dass Duggan es sich irgendwie anders überlegt hat. Er wird sonstwo gelandet sein und nun mit der Bahn oder dem Auto kommen. Es spielt auch keine Rolle mehr, aufhalten kann er nichts. Ich möchte nur sehr gerne noch den Trick mit der falschen Ladung landen. Dass die Regierungsleute noch nicht da sind, gibt mir zu denken. Vielleicht ist alles gestoppt worden.“ Er wandte sich Cervo zu. „Los, Cervo, geh jetzt! Es gehört nicht zu deinem Auftrag, dass du hier in meinem Wagen sitzt.“

Cervo stieg aus, und er wollte gerade vom Auto weggehen, als er plötzlich konsterniert auf die Wagenkolonne sah, die von der Stadt heraufkam. Auch die Menge vor dem Bergwerk hatte sie gesehen.

Ganz vorn waren Motorradfahrer mit weißen Helmen. Dann die schweren Limousinen der Regierung, dahinter ein Rattenschwanz anderer Wagen.

Die ersten Journalisten begannen zu fotografieren. Die ersten Zuschauer schwenkten kleine Fähnchen. Irgendwo schrie jemand einen Hochruf. Die Musikkapelle nutzte den Lärm, um die Instrumente anzublasen. Dann intonierte sie die Begrüßungshymne.

Die ersten Wagen schwenkten zum Platz ein. Die Menge jubelte, teilte sich, die Wagen verschwanden hinter der Menschenwand.

Niemand schien den Jeep zu bemerken, der sich von der Ostzufahrt her der Mine näherte. Der Mann, der ausstieg, sah aus wie ein Mineningenieur. Er trug auch den Schutzhelm und eine Kombination über dem Anzug. Die Frau, die ebenfalls ausstieg, passte allerdings weniger zu dieser Aufmachung. Aber sie sah strahlend schön aus, und wenn das kaum jemand beachtete, dann lag es daran, dass die Menge im Augenblick durch die Regierungsmitglieder abgelenkt war.

Ein junger Mann näherte sich inzwischen Angusos Wagen. Er beugte sich zum Fenster hinab und raunte: „Er ist da. Dort, Anguso!“

Anguso drehte sich um und sah Archibald Duggan mit Linda. „Na also! Geh hin und bitte ihn zu mir! Es konnte nicht besser kommen.“

Kurz danach näherte sich Archibald Duggan mit dem jungen Burschen und Linda dem Wagen Angusos,

„Wie einfach alles ist“, sagte Archibald. „Man braucht nicht zu suchen, alles findet sich von selbst. Ich sehe, ich bin rechtzeitig gekommen.“

Anguso lachte und stimmte Archibalds heiterer Gelassenheit zu. „Es ist ein Freudentag, nicht wahr? Hallo, Linda, mein Täubchen!“

Sie sah sich um. „Und Chris?“

Er lächelte. „Chris? Der ist jetzt nicht wichtig.“ Er wandte sich wieder Archibald Duggan zu. „Setzen Sie sich einen Augenblick zu mir in den Wagen, Mr. Duggan. Ich glaube, wir können ein Geschäft miteinander machen.“

Archibald dachte nicht im Traum daran, einzusteigen. Stattdessen öffnete er nur die hintere Tür und sagte zu Linda: „Steig du ein, Darling!“

Sie tat es, und hinter ihr schloss sich der Schlag. Als er sich wieder zu Angusos Fenster hinabbeugte, fragte er: „Und welches Geschäft?“

„Sie wissen sicher, was hier geschehen wird?“

„Sicher, und ich bin hier, um es zu verhindern.“

„Die Presse ist auch da.“ Anguso rieb sich das linke Auge und sah Archibald danach triumphierend an. „Ein Hinweis von uns, dass im Stollen eine Bombe liegt, würde bereits genügen. Die Panik würde mehr bewirken als die Explosion anrichten könnte. Aber es liegt tatsächlich eine Bombe da.“

„Wo?“, fragte Archibald, als erkundige er sich nach dem nächsten Zigarettenautomaten.

„Wenn wir das wüssten!“, höhnte Anguso. Sein Indianergesicht blieb dabei maskenhaft starr.

„Vielleicht wollen Sie mit mir zusammen in die Mine gehen, damit Sie das einmalige Vergnügen miterleben, eine Bombe knallen zu hören?“, fragte Archibald bissig.

Anguso zuckte die Schultern. „Ich sehe ein, dass dies ein Weg wäre. Aber – wie wollen Sie das je schaffen? Wir sind hier eine Menge Leute. Und Sie?“

„Linda war so frei zu plaudern. Ich weiß also auch etwas, und das konnte ich ...“

„Nichts habe ich ihm gesagt!“, beteuerte Linda erregt. „Er hat nicht einmal die Billigung von der CIA. Er hat alles auf den Kopf gestellt, was die ihm befohlen hatten. Die wollten mich in den Staaten behalten.“

Anguso lachte. „Na fein, und nun bist du hier. Duggan, Sie bluffen! Sie haben keinen Trumpf, aber Sie bluffen. Wie die meisten Yankees. Was setzen Sie dagegen, wenn ich Sie hier auf der Stelle angesichts der hochlöblichen Regierung hochnehmen lasse? Ich werde sogar die Presse rufen! Und ich werde sagen, dass Sie der Bombenleger sind. Sie legen es darauf an, unsere Regierung hochgehen zu lassen. Das werde ich sagen, und das ist mein Trumpf, Duggan! Ist Ihrer besser?“

„Ja, das ist er!“, stieß Archibald durch die Zähne, zog blitzschnell die Magnum und richtete sie auf Anguso. „Los, ’raus aus dem Wagen! Hände hoch!“

Anguso machte ein verblüfftes Gesicht, Linda begann schrill und hysterisch zu lachen. Der junge Bursche, der noch neben Archibald stand, brauchte zu lange, um eine Reaktion zu zeigen. Archibald hatte ihn im Schussfeld, und da gab es nicht viel mehr.

Hinter Archibald spielte die Musikkapelle, von Lautsprechern verstärkt, begeisterte Menschen sangen mit, jubelten oder schrien ganz einfach mit südamerikanischem Temperament durcheinander.

Anguso stieg angesichts der drohenden Revolvermündung aus. „Und nun?“, fragte er mit gespielter Lässigkeit.

„Umdrehen! Auch du, mein Junge!“ Archibald machte eine Bewegung mit der Revolvermündung auf den jungen Burschen zu, der prompt gehorchte.

Linda war im Wagen geblieben. „Komm, Täubchen“, sagte Archibald. „Wir wollen auf deine bezaubernde Mitwirkung nicht verzichten.“

Hinter Archibald schwieg die Musik, auch der Lärm ebbte ab. Dann donnerte eine verzerrte Stimme aus den Lautsprechern. Von Stolz und Würde der Nation war die Rede, von großen Taten eines freiheitsliebenden Volkes.

Linda kam nicht aus dem Wagen. Sie lächelte trotzig, rührte sich aber nicht von der Stelle.

Archibald tastete Anguso nach Waffen ab, fand eine zwölfschüssige Coltpistole, Kaliber 32 im Schulterhalfter und eine Ampulle mit Evipan-Natrium, ein Narkosepräparat.

Der junge Mann besaß nur ein Messer, ein sehr spitzes und schmales, dessen Spitze mit einer schwärzlichen Schmiere bedeckt war. Der Gedanke, dass es ein Gift sei, lag für Archibald auf der Hand.

Linda weigerte sich immer noch, aus dem Wagen zu steigen. Anguso war erstaunlich gelassen, nur der junge Kerl zeigte eine stärker werdende Unruhe.

Der Redner ließ seine Stimme immer noch durch die Lautsprecher tönen. Die Stimme hallte von den Wänden wider, es gab ein verzerrtes Echo. Manchmal wurde lebhaft geklatscht.

Als man wieder einmal klatschte, sagte Archibald: „Los, Anguso! Das Geschäft blüht!“ Er deutete mit der Revolvermündung auf einen Baustollen hin, der weitab vom Hauptstollen in den Berg führte. Hier standen noch Gerüste der Baubahn, die eine US-Firma angelegt hatte.

Anguso zögerte, Archibald blickte auf Linda, die plötzlich zur anderen Wagenseite aus dem Fenster sah. Im selben Augenblick tauchte über dem Wagendach ein Kopf auf. Ein schmaler Kopf mit olivfarbener Haut. Gleichzeitig krachte ein Schuss. Linda schrie im Wagen auf.

Archibald schoss nach dem Kopf, aber der war hinter dem Wagen verschwunden.

Da knallte es von links, wo noch andere parkende Wagen standen. Archibald sah ein Paar Füße hinter einem Kofferraum und schoss darauf.

Nahezu im selben Moment krachte ein Schuss von dort, wo der Mann mit dem Bronzegesicht verschwunden war.

Es sind also zwei, dachte Archibald.

Da wurde Anguso rebellisch. Auch der Junge versuchte, davonzukommen. Beide rannten auf die Menge zu. Auch dort hatte man etwas bemerkt. Die Leute der hintersten Reihen sahen sich um. Ein paar Uniformierte tauchten auf. Dann rannten von weiter oben drei kräftige Männer herbei, die so unverkennbar Nordamerikaner waren, dass Archibald sicher war, es müssten CIA-Kollegen sein. Doch er irrte.

Die beiden Gegner schossen nicht mehr. Denn nun drängte die Menge näher. Die Uniformierten bekamen Verstärkung. Einer der Polizisten schrie etwas. Dann er schienen drei der weiß behelmten Motorradfahrer auf dem Plan, allerdings zu Fuß und mit Dienstrevolvern in den Händen.

Anguso kam zurück und schrie mit beiden Händen fuchtelnd erregt: „Eine Bombe! Eine Bombe ist im Stollen. Er hat sie gelegt! Er da! Der Yankee! Ein Agent! Ein Feind des Vaterlandes!“

Die ersten Journalisten tauchten auf. Die Menge grölte und tobte. Ein Bombenleger, ein Gringo! Ein Saboteur! – Der ewig schwelende Hass auf die Nordamerikaner gewann die Oberhand. Und Anguso kreischte einpeitschend den Aufruhr in die Menge hinein.

Archibald sah sich in einer bedrohlichen Sackgasse. Erklärungen würden zu nichts führen. Und nun durchschaute er Angusos Trick. Es musste zwei Bomben geben. Denn Anguso verriet nicht das eine, wenn er nicht noch das andere hatte.

Geifernd schrie Anguso auf die Leute ein, besonders auf die Rotte Polizisten, die mit Karabinern auf Archibald zukamen. Und es bedurfte keiner besonderen Beobachtungsgabe, um festzustellen, dass sie auf Archibald scharf waren, auf Archibald und nicht auf Anguso.

Die drei Nordamerikaner, die noch herbeigeeilt waren, gehörten zum Werkschutz der Bauleitung, wie sie den Polizisten sagten. Der eine wies sich auch aus. Die beiden anderen stürzten sich auf Archibald.

Alle drei waren kräftige Burschen, wie gemacht für die MP, für Rausschmeißerposten bei Nachtlokalen oder die Equipe eines Schlageridols. Archibald Duggan fand es wenig sinnvoll, denen die Karten aufzudecken. Andererseits gab es für ihn so gut wie keine Chancen mehr. Höchstens der Botschafter konnte ihn jetzt noch herauspauken.

Das Gerücht, im Stollen sei eine Bombe, verbreitete sich mit Windeseile. Der Redner hatte ohnehin längst seine Worte unterbrochen, und jetzt spielte auch die Kapelle nicht mehr. Nur noch das Gekreische der Menge war zu hören, die sich wie eine Wand bedrohlich näher schob. Der Dank, von dem der Redner vorhin gesprochen hatte, der Dank an die reichen Freunde im Norden, verwandelte sich in wütenden Hass. Aufgebracht schrien die Menschen nach einem Galgen, um den Gringo zu hängen.

In ihrem Zorn geriet eine Gruppe Halbwüchsiger an die Ringergarde des Werkschutzes, die ja nur aus Nordamerikanern bestand. Es kam zu den ersten Schlägereien.

Ein aufgeregter Polizist feuerte über die Köpfe der Menge. Das löste den Aufruhr aus. Was vorhin noch begeistert geschrien und gejubelt hatte, war nun bereit, zu töten und zu erschlagen.

Der Wagen des US-Botschafters wurde demoliert. Polizei und Soldaten mussten die US-Amerikaner schützen. Und nicht nur diese. Aufrührer geiferten etwas von „bestochenen Regierungsbonzen“. Nun ging es erst richtig los.

Anguso, der alles ausgelöst hatte, war plötzlich dicht vor Archibald, zurück gedrückt von der heranwalzenden Menge. Die Polizisten waren dazwischen und versuchten sich Luft zu schaffen. Die ersten Steine flogen. Die Menge kochte, weil die Polizei sie hindern wollte, alle Yankees zu lynchen.

Archibald sah Linda, die aus dem Wagen geklettert war und vergeblich nach einem Ausweg suchte. Doch sie waren nun umringt von Menschen.

Irgendwer versuchte über die Lautsprecher die Menge zu beschwichtigen. Aber das forderte nur wütende Protestrufe heraus. Iberoamerikanisches Temperament schäumte über.

Archibald sah plötzlich einen dicken Stein auf sich zufliegen und duckte sich gerade noch rechtzeitig. Der Stein knallte hinter ihm aufs Dach von Angusos Wagen.

Ein zweiter Stein kam heran. Archibald konnte nicht mehr ausweichen. Doch da hob Anguso gerade schützend den Arm hoch. Der Stein geriet ihm gegen das Handgelenk. Anguso schrie auf, wurde herumgewirbelt und flog gegen Archibalds Brust.

Archibald sah, dass die Menge losstürmte. Die Polizisten fuchtelten mit den Gewehren. Einem wurde die Waffe aus der Hand gerissen, ein anderer schoss in die Luft, dann war alles ein wildes Knäuel.

Mit hartem Griff riss Archibald Anguso zu Boden und zog ihn hinter sich her unter das Auto.

Keine Sekunde zu früh. Denn schon brandete die tobende Meute über und um den Wagen hinweg. Sie droschen mit Stöcken auf die Karosserie ein, dass es sich unten wie Donnern anhörte.

Anguso hatte Angst, mehr noch vor Archibald Duggan als vor der Menge. Immer wieder schielte er furchtsam auf das Gewimmel von Beinen, als rechne er damit, dass man ihr Versteck plötzlich bemerken könnte. Doch es war zu viel Trubel. Einmal stürzte ein älterer Mann neben dem Auto nieder und blieb mit Blut in den Mundwinkeln reglos liegen. Alles andere tobte weiter, und mit einem Male, als sei ein Gewitter vorbeigezogen, war es ruhiger.

Archibald sah die Menschen weiter drüben, wo sie von Militär auf die Bergwand abgedrängt wurden.

Jetzt war es Zeit. „Los, Anguso, komm!“, sagte er und wischte sich den Staub vom Gesicht.

„Nein“, jammerte Anguso, „nein! Ich werde schreien, werde sie zurückrufen!“

„Los!“ Archibald packte ihn an der Jacke und riss ihn unter dem Wagen hervor. Und da sahen sie beide Linda. Ihr Haar war von Dreck und Blut verschmiert. Ihr Gesicht zerkratzt, das Kleid zerfetzt. Sie hielt die Hände vor die bloßen Stellen am Halsausschnitt und schluchzte. Völlig erschöpft lehnte sie mit dem Rücken gegen den Wagen, der fast schrottreif zerbeult war.

Weiter entfernt war jetzt das Militär mit Hilfe der Polizei dabei, die aufgewiegelte Menge auf die Stadt zu wegzutreiben.

Dort, wo vorher die Tribünen gestanden hatten mit den Autos der Regierung, bildeten Werkschutz und Militär einen Gürtel.

Archibald stieß Anguso vor sich her und winkte Linda. Sie folgte verstört. Archibald hielt wieder die Magnum in der Hand und schob damit Anguso auf den Werkschutz zu.

Zwei der Nordamerikaner kamen Archibald entgegen. Einer davon, ein baumlanger Mann, sah Archibald drohend an. Archibald holte seinen Ausweis aus der Tasche und sagte: „CIA. Dieser Mister hier wird uns zeigen, wo er die Sprengung ansetzen wollte.“

„Nein, ich weiß nichts!“, schrie Anguso.

Der Baumlange entblößte zwei Reihen weißer Zähne und meinte grinsend: „Das wirst du uns aber genau sagen, Kleiner!“ Dann ergriff er Anguso, wirbelte ihn wie eine Tänzerin herum und puffte ihn weiter.

image
image
image

17

image

Chris Honnever beobachtete, wie Archibald Duggan und mit ihm außer Anguso ein Dutzend Männer ins Bergwerk gingen. Er folgte ihnen, und als der Doppelposten vor der Zufahrt zum Hauptquerschlag seinen Ausweis forderte, zeigte ihn Chris.

Er lautete zwar auf einen anderen Namen, genauer gesagt, auf den des Minenassistenten Pineridge, doch Chris Honnever hatte damit wenig zu schaffen. Jetzt ging es um mehr. Der Verdacht, dass Anguso nun umfallen würde, aus Angst oder gegen ein Versprechen, wurde für Chris Honnever geradezu zwingend. Damit wuchs in ihm der Entschluss, Anguso aus dem Renner zu nehmen. Er musste nur auf Cervo achten. Irgendwo musste Cervo sein.

Chris Honnever hatte tatsächlich sehr viel Ähnlichkeit mit seinem Double, dessen Tod alles ins Fließen gebracht zu haben schien. Er war ein sportlicher Typ, der Figur nach Archibald Duggan ähnlich, doch etwas größer. Hinter Chris lag eine bislang erfolgreiche Agententätigkeit in aller Herren Ländern. Diesmal ging es ihm darum, sein Ziel, den bisherigen Auftraggebern zu einer anderen Regierung zu verhelfen und gleichzeitig eine Krise mit den USA heraufzubeschwören, auch dann noch zu erreichen, wenn die einheimischen Leute wie Anguso oder Cervo aufgeben würden.

Alles, was Chris bei sich trug, war ein kleines Funkgerät, wie Modellflugbastler es kennen. Wenn er damit einen bestimmten Funkimpuls abgab, würde irgendwo im Stollen eine Explosion erfolgen. Mehr war nicht nötig. Der Empfänger war auf den gleichen Kanal geschaltet. Da die Stollen hier waagerecht in den Berg führten und es noch keine Abtäufungen und Schächte gab, würde das funktionieren.

Chris hielt sich im Abstand hinter der Gruppe. Infolge der hellen Beleuchtung, die hinter den Wettertoren herrschte, sah er sie gut vor sich. Nun zweigten von dem Hauptquerschlag die ersten Hauptstollen ab, die wiederum wie eine dicke Wurzel Abbaustreben nach den Seiten vorstießen.

Der Hauptstreb war gemauert und durch Spannkonstruktionen gesichert. Die Stollen hatten Stahlabsicherungen, und die Strebs waren wie eh und je durch Stempel, Kappen und Spitzen gesichert. Moderne Schüttelrutschen sollten das Gestein auf ein Förderband bringen, das wiederum im Hauptquerschlag in ein gigantisches Transportband mündete. So sollte dann von allen Seiten das abgebaute Erz nur mit Bändern und nicht mit Wagen befördert werden. Grubengase waren hier nicht zu befürchten, eher angebohrte unterirdische Wasseradern, die zum Teil kochend heiß waren. Vor der Mine sollte noch eine Aufbereitungsanlage für das Erz aus dem Boden schießen, doch das würde frühestens in einem oder zwei Jahren soweit sein.

Chris beobachtete, wie Anguso die Gruppe in einen Stollen führte, der rechts abzweigte. Auch hier gab es jalousieartige Wettertüren, die nur von der Förderrutsche durchbrochen wurden.

Jetzt war Chris sicher, dass Anguso alles verraten würde. Denn der Weg führte zu der Sprengladung, die wirklich detonieren sollte. Die andere aber, die Archibald Duggan absichtlich finden sollte, befand sich weiter hinten in einem anderen Stollen.

Chris blieb stehen. Er würde nicht mehr in den Stollen hinein folgen. Sein Entschluss war jetzt unumstößlich. Es würde etwa zehn Minuten dauern, ehe die Gruppe an der Sprengladung war. Neun Minuten mussten genügen, sagte sich Chris Honnever. Danach würde ein Chaos herrschen, wenn man draußen die Detonation überhaupt wahrnehmen konnte. Die ihm verbleibende Zeit genügte sicherlich, die zweite Ladung auf sein Sendegerät einzustellen. Vorausgesetzt, die ganze Einweihung wurde infolge der Vorkommnisse nicht doch noch abgeblasen.

Er wartete und sah plötzlich, dass vom Eingang her wieder Männer kamen. Schließlich entdeckte er, dass auch eine Frau dabei war. Die Neonlampen leuchteten hell genug, um ihn auch bald das Gesicht der Frau erkennen zu lassen. Ein Verband leuchtete über ihrer Stirn. Sie trug jetzt eine Kombination und hatte einen gelben Schutzhelm über dem Haar. Trotzdem wusste Chris, dass es Linda Brown war.

Neben ihr ging ein jüngerer Mann, von dem Chris wusste, dass er ein als Steiger verkappter CIA-Agent war, der schon seit Tagen hier herumspionierte. Auf der anderen Seite Lindas ging Donald B. Harrison, der Direktor der Industriegruppe, die diese Mine wieder aufgebaut hatte.

Chris lächelte. Dem Leichtsinn dieses Mannes war es zu danken, dass alles hier so eingefädelt werden konnte, dass dieses Unternehmen für die Interessen von Chris Honnevers Auftraggebern zum unbezahlbaren Trumpf wurde.

Nur eines beunruhigte Chris sehr: Anguso hatte irgendwie dafür gesorgt, dass Lesly, seit Langem die Freundin von Chris, spurlos verschwand. Auch war Chris aufgefallen, wie fasziniert Anguso seine Freundin immer angesehen hatte.

Die Abneigung des Nordamerikaners seinem südländischen Kollegen gegenüber wuchs, wenn er nur daran dachte.

Harrison und dessen Begleitung kannten Chris als Mr. Pineridge. Linda würde sicher schweigen. Mit Linda verband Chris eine alte Freundschaft. Einmal waren sie einander sehr nahegekommen, aber dann war Jacobson dazwischengetreten. Und dem schien sie verfallen zu sein. Außerdem hatte Chris nach Asien gemusst, um einen Auftrag auszuführen. Zu lange war Linda diesem Jacobson überlassen geblieben. Dessen ruhmloser Einzug ins Polizeihospital hatte in Chris kein Bedauern hervorgerufen.

Chris wusste auch, was Anguso ebenfalls bekannt war: Linda war nicht das kleine Schäfchen, für das sie sogar der Dicke in Sacramento gehalten hatte. Linda hatte innerhalb der Organisation mit der Zeit die Rolle einer Art Politkommissarin gespielt, die darauf achtete, dass niemand absprang. Und dass keiner die wirkliche Zentrale verriet. Anfangs widerwillig, war sie der Versuchung zum Mitmachen immer mehr erlegen. Doch nun schien alles misslungen zu sein, denn Chris hatte über Funk nur sehr niederschmetternde Meldungen aus den Staaten bekommen. Offenbar war da oben alles geplatzt.

Aber hier in Kolumbien stand die Organisation noch. Hier konnte sie auch von ihren Auftraggebern noch kassieren, wenn es gelingen sollte, die Regierung wegzuputzen und den Verdacht des Attentats auf die USA zu lenken.

Fast wäre das Anguso vorhin schon im richtigen Augenblick mit einem Zuruf gelungen.

Die Männer und Linda kamen näher und blieben vor Chris stehen.

„Na, Mr. Pineridge“, rief der vitale Harrison überschwänglich. „Ich dachte, Sie hätten sich dem Entschärfungskommando angeschlossen. Ich werde nun langsam unruhig. Wie sieht es damit aus?“

„Keine Ahnung, ich wollte gerade nachsehen. Sie sind in diesen Stollen gegangen“, erwiderte Chris. Er zeigte auf die Wettertür und sah kurz auf Linda.

Linda erwiderte seinen Blick, aber er konnte aus ihrer Miene nichts ablesen, was ihm irgendwelche Hinweise gab. Er musste wieder an Jacobson denken, an den Dicken und an seine Vermutung, dass es womöglich Linda war, die Anguso veranlasst haben mochte, Lesly, seine Lesly, in der Versenkung verschwinden zu lassen. Er kannte da ein paar Geschichten von Linda, die mit solchen „Liquidierungen“ zusammenhingen. Auch Jacobson hatte solche „Hilfsdienste“ mittels Gift geleistet.

Es stimmte nicht, aber Chris wusste es nicht besser. Sein Verdacht gegen Linda ließ ihn sagen: „Dieser Bursche, den sie gefasst haben, scheint sehr gut zu wissen, wo eine Sprengladung sitzt. Sicher ist sie jetzt schon entschärft.“

„Wir sehen selbst nach. Kommen Sie nur, Mr. Pineridge!“, meinte Harrison und winkte seinen Begleitern, ihm zu folgen. „Wissen Sie, wenn wir nicht bald klare Verhältnisse schaffen, gibt das noch einen Riesenskandal. Die Einweihung muss heute über die Bühne. Und sobald die Sprengladung gefunden ist, können wir damit anfangen.“

Chris folgte als letzter der Gruppe in den Stollen hinein. Hier war es wesentlich dunkler, nur wenige Lampen brannten, fast wie in einer Vorstadtstraße.

Der Stollen wurde schmaler, bald auch niedriger, und allmählich blieb Chris mehr und mehr zurück.

Er sah nahe einer Lampe auf seine Uhr. Jetzt war es soweit. Er musste die Sendetaste drücken. Er gab noch eine Minute zu, dann zog er das Gerät aus der Tasche, um die Frequenz einzustellen.

image
image
image

18

image

Cervo war Chris gefolgt, ohne von ihm bemerkt zu werden. Als dann Harrison mit der übrigen Gruppe kam, lag Cervo unter dem Förderband und ließ die Männer und Linda an sich vorbei. Erst als sie mit Chris im Stollen waren, kam er hervor und lief ihnen nach. Kaum hörbar waren seine Schritte auf dem Querschlag.

Der dunkle Anzug des Mestizen war verschmutzt, doch das kümmerte Cervo jetzt wenig. Als er dann im Stollen war und der Gruppe folgte, sah er, wie sich Chris zurückhielt, schließlich sogar stehenblieb. Cervo kannte Angusos Auftrag, den dieser – wie Anguso gemeint hatte – wie ein Tiger ausführen müsse. Chris war Anguso im Wege. Und Cervo wusste, warum Anguso die zweite Sprengladung verraten wollte. Sie musste auch gefunden werden.

Dass Chris hier auftauchte, bedeutete für Cervo, dass Chris ungeachtet des Plans die Sprengung vorzeitig durchführen wollte, um Anguso, Duggan und die Männer – womöglich auch Linda – auszuschalten.

Cervo hatte die Schläue seiner indianischen Vorfahren. Und deren Instinkt. Wie ein Tiger schlich er sich von hinten an Chris heran.

Er sah den kleinen Zweikanalsender in Chris’ Händen und wusste Bescheid. Sein Instinkt hatte nicht getrogen.

Die Hand mit dem Messer zuckte hoch und fuhr wieder nieder. Chris schrie auf und brach zusammen. Zwischen seinen Schulterblättern quoll Blut hervor.

Cervo hob den Zweikanalsender auf, legte ihn aber nach kurzem Überlegen zurück, steckte sein Messer ein und lief leise, wie er gekommen war, davon.

image
image
image

19

image

Einer von den Werkschutzleuten verstand sich auf Sprengladungen. Und auch Archibald sah sofort, dass die Zündung über Funk gesteuert wurde. Anguso hatte ihnen die Ladung gezeigt, nun stand er reglos daneben und sah zu, wie Archibald mit zwei Griffen die Funkzündung außer Funktion setzte.

Dass gerade in diesem Augenblick siebzig Meter weiter Chris durch einen Messerstich am Auslösen der Zündung gehindert worden war, ahnte keiner der Männer hier.

Das Gerät war entschärft, doch nun war Archibald sicher, dass er irgendwo eine zweite Ladung finden musste. Anguso bestritt es, hatte es die ganze Zeit bestritten. Und doch musste es so sein.

Als Harrison mit seinen Begleitern und Linda kam, sagte Archibald: „Anguso, Sie haben schon eine Menge Unheil angerichtet. Ich selbst werde mit Ihnen neben den Ministern bleiben, damit auch Sie hochgehen, falls eine zweite ...“

Harrison hob beschwörend die Hände. „Lieber Mr. Duggan, nun hören Sie doch damit auf! Es herrscht ja ohnehin schon Panikstimmung. Nun haben wir die Bombe, was noch mehr?“

„Es gibt eine zweite Bombe“, sagte Archibald verbissen.

Die Männer ringsum sahen ihn zweifelnd an, vor allem Harrison und der Bergwerksdirektor. Nur Linda senkte den Blick und vermied es, Archibald irgendwie herauszufordern.

Anguso schwieg auch. Vielleicht glaubte er, dass seine immerwährenden Beteuerungen, es gäbe keine zweite Bombe, nur noch mehr Misstrauen hervorrufen könnten.

Harrison sah sich plötzlich suchend um. „Sagen Sie mal“, wandte er sich an einen seiner Begleiter, „da war doch eben Mr. Pineridge noch bei uns. – Und mir war vorhin doch auch, als hätte ich einen Schrei gehört.“

„Mister Pineridge!“, rief einer der Männer in den Stollen. doch es kam keine Antwort.

Der Name Pineridge sagte Archibald nichts. doch als er zehn Minuten später vor Chris Honnevers Leiche stand, wusste er, dass einer der härtesten Gegner hier verblutet war. Erstochen, dazu von hinten.

Anguso, den Archibald am Arm hielt, zitterte plötzlich, als er erkannte, dass es Chris Honnever war.

„Santa Virgen", stöhnte er.

„Ja, Santa Virgen, aber er ist tot, Anguso. Mausetot. Und sehen Sie mal, was er in der Hand hatte. Einen Sender. Einen Zweikanalsender. So feine Sachen sind gefährlich, wenn man damit in der Nähe einer Bombe hantiert. Warum wurde Chris Honnever ermordet? doch sicher von einem von euch, Anguso! Reden Sie!“

Bevor Anguso etwas sagen konnte, mischte sich Harrison ein. „Verehrter Mr. Duggan, lassen wir es doch dabei. Wir müssen weiterkommen. Ich kann die Regierung nicht länger hinhalten. Die Einweihung muss nun stattfinden. Wir haben doch die Bombe. Warum sollte es zwei geben?Die Besichtigung war doch nur in diesem und zwei anderen Stollen geplant. Der Besuch wird sicher sowieso recht kurz werden, nach allem, was passierte. Bitte, halten Sie uns jetzt nicht mehr auf!“

Archibald nickte. „Mr. Harrison, wenn nur ein Regierungsmitglied dabei getötet wird, ist das schon ein dicker Pfropfen für  die Diplomaten unseres Landes. Geht die Regierung drauf, haben wir ganz Südamerika gegen uns. Dann wird der ganze Subkontinent aufstehen und uns das alles in die Schuhe schieben. Wir müssen feststellen, ob es diese zweite Bombe nicht doch gibt! – Anguso, Sie wissen, dass es sie gibt! Los, sagen Sie jetzt die Wahrheit. Es ist Ihre Chance!“

Anguso schüttelte lächelnd den Kopf. „Es gibt sie nicht. Ich habe doch guten Willen gezeigt. – Ja“, fügte er, einer plötzlichen Eingebung folgend, hinzu, „Sie sehen ja, dass ich – und das will ich auch zugeben – dafür gesorgt habe, dass keinerlei Sabotage zum Zuge kam. Por Dios, ich bin meinem Lande treu. Nie würde ich wollen, dass unsere Regierung in die Luft fliegt. Was wir wollten, das war, die Gringos zu ... zu ...“

„Killen, das ist das richtige Wort.Nur ausgesprochen.“

Archibald wandte sich ab, und Harrison rief erregt: „Da hören Sie es doch! Es gibt keine zweite Bombe! Los, wir müssen anfangen! Wir müssen es endlich hinter uns bringen ...“

Schon lief er aufgeregt los. Der Bergwerksdirektor folgte ihm, schließlich auch die beiden übrigen Begleiter. Als Linda ebenfalls mitgehen wollte, sagte Archibald hart: „Du bleibst hier, Miss!“

Archibald hörte, wie Harrison zu einem seiner Begleiter sagte: „Ich verstehe immer

noch nicht, dass dieser Duggan den guten Pineridge Honnever nennt. Und das mit diesem komischen Funkgerät, was mag das nur zu bedeuten haben ...“

Archibald hatte keine Geduld mehr. Diedrei bulligen Begleiter vom Werkschutz und der

kolumbianische Geheimpolizist, die ihn begleitet hatten, schienen auch an einer zweiten Bombe zu zweifeln.

Der CIA-Kollege, mit dem Linda in die Mine gekommen war, dachte wie Archibald. Archibald kannte diesen Mann erst seit vorhin. Er hörte ihm an der Sprache den Südstaatler an, auch schien dieser Kollege sehr viel mexikanisches Blut in den Adern zu haben. Immerhin passte er in dieses Land, als sei er hier zu Hause.

Rod Marlino, wie der Agent hieß, war auch Archibalds Ansicht. Er stritt sich lebhaft mit dem kleinen kolumbianischen Geheimpolizisten, bis dieser entrüstet sagte: „Wenn Sie an eine zweite Bombe glauben, können es auch noch drei oder vier sein!“

Archibald nickte. „Ja, das ist drin. Ich bin dafür, die ganze Sache abzublasen!“

„Die Eröffnung?“, sagte der Geheimpolizist entrüstet. „Ausgeschlossen. Völlig ausgeschlossen! Das hieße ja soviel, als sei unsere Regierung feige. In Kolumbien ist Feigheit etwas ganz Furchtbares. Die nächsten Wahlen würden der jetzigen Regierung eine glatte Niederlage bereiten.“

„Besser eine Niederlage in der Wahl, als völlig darniederzuliegen. – Anguso, wo ist die zweite Bombe?“, fragte Archibald. Er packte den Mann blitzschnell am Kragen, drückte ihn hart an die Felswand und schüttelte ihn rau. „Wo ist sie?“, fuhr er ihn scharf an.

Anguso blieb fest. „Hören Sie auf! Das ist Misshandlung! Es gibt keine Bombe weiter, Sie Narr!“

„Es gibt sie wirklich nicht“, sagte Linda. Doch ihren Worten maß Archibald jetzt keine Bedeutung bei. Chris Honnever war ermordet worden, weil er die eine Bombe zünden wollte. Aber diese Bombe sollte gefunden werden, damit das Misstrauen schwand und die Einweihung nicht verhindert wurde. Also gab es noch die Bombe, die das zum Abschluss bringen sollte, was langwierig vorgeplant worden war.

Es müsste sie geben, sagte sich Archibald. Doch Anguso ließ sich nichts entlocken. Er wiederholte stereotyp dieselbe Behauptung, dass es keine zweite Bombe gäbe.

Archibald entschloss sich schon, tatsächlich mit Anguso zusammen vor den Regierungsmitgliedern her durch die Stollen zu gehen, um Anguso selbst in Gefahr zu bringen. Doch dazu sollte es nicht kommen.

Plötzlich gab es gut hundert Meter weiter zum Stollenausgang hin einen infernalischen Knall. Die Druckwelle warf die Männer zu Boden. Linda wurde von Anguso und Archibald umgerissen, sie schrie gellend, aber nachher musste sie husten, denn eine Welle wogenden Staubes überschüttete die acht Menschen. Steinbrocken stürzten vom Hangenden herab. Der Geheimpolizist schlug mit einem Wehlaut dicht vor Archibalds Gesicht auf den Boden. Sein Kopf lag unmittelbar vor Archibalds Augen. Aber es war stockdunkel, und Archibald erkannte den Mann nur an dessen jammernder Stimme und spürte am stoßenden Atem, der ihm ins Gesicht schlug, wie nahe er vor ihm sein musste.

Archibald erhob sich zuerst. Er hörte seine Begleiter stöhnen und ächzen, hörte sie wimmern und fluchen.

Aber er sah nichts, nicht die Hand vor Augen. Als er sein Feuerzeug aufflammen ließ, konnte er wenigstens seinen Schutzhelm finden. Er schaltete die Lampe ein und sah, dass Rod Marlino ebenfalls aufgestanden war. Jetzt flammte auch die Kopflampe des einen Werkschutzmannes auf. Dann die eines anderen. Und nun entdeckte Archibald den Geheimpolizisten, der am Kopf schwer verletzt war und heftig blutete.

Linda musste wohl auch etwas abbekommen haben, denn sie lehnte sitzend an der Wand, hielt sich mit beiden Händen den Kopf und stöhnte leise.

„Was ist mit dir, Linda?“, fragte Archibald.

„Ach, ich bin mit der verletzten Stirn gegen etwas geprallt. Es summt wie in einem Bienenstock.“

„Wir haben einen Schwerverletzten! Los, Linda, streng dich an!“

Da sagte Marlino: „Und nun haben wir auch noch einen zweiten Toten!“ Er deutete auf Anguso. Der lag reglos, das Gesicht nach unten, auf dem Boden.

Archibald kniete sich neben ihn und drehte ihn auf die Seite. Eine Verletzung konnte er erst gar nicht sehen, doch dann fand er den großen Blutfleck direkt über dem Gürtel.

Anguso war nicht tot. Nur bewusstlos vor Schmerzen schien er zu sein. Als Linda sich gerade um den Geheimpolizisten kümmern wollte, streifte Archibald vorsichtig Angusos Hemd hoch. Behutsam löste er die Unterkleidung von der Wunde. Alles war durchtränkt von Blut.

Marlino sagte: „Hier liegt der Brocken, der auf ihn geflogen ist. Hoffentlich kommt nicht noch mehr von oben ...“

Archibald richtete den Kopf auf, damit die Lampe zum Hangenden strahlte. Ein gewichtiger Brocken hatte sich oben gelöst, sicher infolge der Erschütterung der Detonation.

„Los, einer muss Hilfe holen!“, rief Archibald, und sofort machte sich einer der Werkschutzleute auf den Weg.

Archibald hatte indessen die Verletzung Angusos freigelegt. Es sah furchtbar aus. Durch die Wucht des Felsbrockens war die Bauchwand aufgeschlagen. Anguso musste innerlich zerquetscht sein.

Als Linda es sich ansah, schüttelte sie den Kopf. „Sinnlos, da ist nichts mehr zu retten“, sagte sie. „Hoffentlich wacht er nie mehr auf. Die Schmerzen sind grausam.“

Linda war jetzt voll und ganz Ärztin. Vielleicht wäre sie immer Ärztin geblieben, eine gute sicher. Doch einmal hatte sie aus Not für ihren Bruder etwas getan, das sehr hart geahndet worden war. Danach fand sie offenbar den Weg zum ordentlichen Leben nicht mehr wieder.

Anguso war die Gnade nicht vergönnt, einfach hinüberzuschlummern. Er wachte auf, keuchte erst, jammerte dann und begann schließlich vor Pein zu winseln.

Archibald musste wissen, ob es noch eine weitere Bombe gab. Er musste es wissen!

„Anguso, wo ist die Bombe? Sagen Sie es, damit wir Ihnen helfen können!“

Es gab keinen Zusammenhang zwischen der Bombe und einer Hilfeleistung für Anguso. Das wusste auch Archibald, aber Anguso würde vielleicht erst recht nicht reden, wenn er erst ahnte, dass er verloren war.

Angusos Schmerzen mussten furchtbar sein. Er verfärbte sich, und sein ganzer Körper schien sich zu verkrampfen. Dann ebbte die Schmerzwelle für kurze Zeit ab. Schweißperlen standen auf der Stirn des Sterbenden.

„Durst“, murmelte er.

Einer der Wachmänner hatte etwas zu trinken. Anguso war sowieso verloren, warum sollte er dürsten? Archibald gab ihm die Flasche, hielt sie an Angusos Lippen. Als der genug getrunken hatte und wieder eine neue Schmerzwelle kam, fragte Archibald erneut: „Sagen Sie es, Anguso!“

Doch Anguso sprach erst, als die Schmerzwelle nachließ.

Dann sagte er leise, so dass Archibald sich dicht über ihn beugen musste: „Stollen C ... dicht vor dem ... Querschlag ... ein Zeitzünder ... Cervo ... wird ihn einstellen ... wenn die Besichtigung beginnt.“

Ein Licht näherte sich. Als es ganz nahe war und Schritte aufklangen, sagte einer der Wachmänner: „Das wird Bill sein.“

Es war der Wachmann, den Archibald weggeschickt hatte. „Alles zu“, berichtete er. „Der Stollen ist eingestürzt. Wir kommen hier so leicht nicht ’raus. Nicht ohne Hilfe von draußen.“

„Ich wette, dass sie jetzt schon mit der Besichtigung anfangen.“ Rod Marlino lachte bissig.

„Niemals“, meinte einer der Wachmänner, „die haben doch auch den Knall gehört. Die buddeln uns ’raus!“

image
image
image

20

image

Draußen vor der Mine war die Ordnung wieder hergestellt. Die Musikkapelle spielte wieder Märsche, die Reden wurden zwar mit Verspätung, aber dennoch ungekürzt gehalten. Das Publikum benahm sich wieder gesittet. Eben verkündete der Bergwerksdirektor, dass man tatsächlich eine Bombe gefunden habe, die aber nicht von einem „Americano“, sondern von anarchistischen Elementen aus diesem Lande hier gelegt worden sei. Man habe den Schuldigen schon gefunden.

Jubel ertönte, die Musik spielte, alles war wieder in bester Stimmung.

Als Harrison sich zu einer Rede aufschwang, die er anstelle des Botschafters der USA hielt, wurde er mit Beifall überschüttet. Man hatte den so vorschnell verleumdeten Yankees etwas abzubitten.

Dann wurde das bewusste – inzwischen aufgespannte – weiße Band vom Präsidenten Kolumbiens durchschnitten. Eine Werksirene heulte. Im Ort unten ertönten die Glocken der riesigen Kirche, die Musik blies einen Tusch, und irgendwo in der Ferne grollte es wie Donner. Niemand nahm es wirklich wahr.

Und erneut wurde eine Rede gehalten, dann schritt der Priester voran, um das neue Bergwerk zu segnen. Eine leichte Staubwolke wehte den Eintretenden entgegen. Doch niemand fand es absonderlich. Die meisten der Gäste hatten ein Erzbergwerk noch nie von innen gesehen. Und Harrison, der es schon abnorm fand, dass plötzlich staubige Schwaden durch den Hauptquerschlag wehten, hütete sich, das zu äußern. Noch mehr Komplikationen konnte er nicht gebrauchen.

Weil die Staubentwicklung schnell nachließ, vergaß es auch Harrison, oder er wollte es vergessen.

Die Arbeitsmannschaft unter Leitung von US-Ingenieuren, die das Minengelände modernisiert hatte, stand inzwischen bereit, den Dank des Präsidenten und seiner Regierung zu empfangen. Es wurde von Leistung, Devisen und Export gesprochen, von Kapitalzuwachs und hehrer Freundschaft. Der Priester und seine Messdiener gingen wieder voraus, die anderen folgten.

Vor der kleinen Kapelle der Minenarbeiter, die rechts in den Fels eingelassen war, wurde wieder angehalten. Alle versammelten sich zu einer Messe, die der Priester abhielt. Ein Aufenthalt mehr auf dem Wege ins Verderben? Vielleicht die Rettung? Vielleicht auch nicht.

Cervo stand zwischen den Menschen vor der Kapelle, sang die Choräle mit, betete wie ein gläubiger Christ und dachte in Wahrheit an das Uhrwerk des Zeitzünders, den er vorhin eingestellt hatte. In 45 Minuten würde die Besichtigungsrunde den Stollen C erreicht haben. Die einzige Sorge, die Cervo hatte, waren die Journalisten. Sie bedrängten den Werkschutz, ihnen jene Stelle zu zeigen, wo die Bombe gefunden worden war. Und sie alle wollten diesen Amerikaner sprechen, der das Attentat verhindern konnte. Sie meinten Duggan.

Auch Harrison hatte nach Duggan gefragt, auch der US-Botschafter, doch Cervo hatte zwei Arbeitern gesagt, Duggan wäre weiter hinten in der Mine, um die Sicherheit der hohen Gäste durch scharfe Kontrollen zu gewährleisten. Die Arbeiter sagten es ihrem Vormann, der dem amerikanischen Ingenieur, und von diesem erfuhr es der Minendirektor, der es wiederum Harrison erzählte.

Cervos zweite Sorge war, man könnte vielleicht doch einen Abstecher zum Stollen 12 machen wollen, den er durch eine Sprengung abgeriegelt hatte. Zwar standen die Wettertüren noch wie zuvor, denn Cervo hatte sie vor der Sprengung geschlossen. So verdeckten sie die Schuttmassen, die den Stollen von der Außenwelt abschnitten. Wenn nun aber doch jemand hineinging?

Das Schicksal und Harrisons Hast kamen Cervo zu Hilfe. Harrison wollte nichts mehr von der Bombe hören. Er wollte diese Besichtigung hinter sich bringen, und seine Ungeduld steckte die anderen Gäste an. Es war ohnehin spät. Man hatte noch nichts gegessen. Unten in der Stadt waren riesige Tafeln gedeckt. Bestimmt warteten die Köche schon darauf, dass die Gäste endlich eintrafen.

Der Gedanke an das Essen, der Hunger, die überreizten Nerven und dazu noch Harrisons ständige Drängelei führten dazu, dass man die Runde hastig weiterging. Keiner hörte den Ausführungen zu, die der Bergwerksdirektor oder der leitende Bauingenieur zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten machten, auch der Präsident nicht.

Man absolvierte hier nur eine Pflicht, mehr war es nicht mehr. Und irgendwie steckte den Politikern noch die Angst vom Aufruhr am Vormittag im Nacken. Alle wollten, so bald es halbwegs mit Anstand ging, von hier weg.

Cervo frohlockte, sein Plan schien hundertprozentig aufzugehen, als die ganze Schar an Stollen zwölf vorbeiging, ohne nur einen Blick auf die Wettertüren zu werfen, hinter denen durch einen Stollenbruch abgeschlossen sieben Lebende und zwei Tote von der Außenwelt getrennt waren.

„Bitte, meine Herren, bitte!“, beschwor Harrison seine Begleiter. „Wir haben noch ein großes Programm, beeilen wir uns doch bitte!“

Sie gingen schnell weiter, und je schneller sie gingen, desto sicherer würden sie in ihren Tod laufen.

image
image
image

21

image

Anguso war tot. Das, was er Archibald von der zweiten Bombe gesagt hatte, waren seine letzten Worte gewesen.

Von dem Geheimpolizisten behauptete Linda, er wäre außer Lebensgefahr. Es sähe schlimmer aus, als es tatsächlich sei.

Aber sie alle steckten hier in einer Mausefalle, und irgendwann würde die Bombe in Stollen C explodieren. Dass die Besichtigung verschoben würde, daran wollte Archibald nicht glauben, so sehr ihm das die anderen einreden mochten.

Jetzt war es 15.14 Uhr. Die Bombe würde in Stollen C pünktlich 15.56 Uhr explodieren. Archibald wusste das nicht, doch so hatte Cervo das Uhrwerk eingestellt. Aber Archibald spürte, dass die Zeit wahnsinnig drängte, dass die Gefahr geradezu greifbar schien.

Er stellte sich vor, was es bedeutete, wenn es zu diesem Unglück käme. Schlagzeilen überall in der südamerikanischen Presse, Demonstrationen vor US-Botschaften, Hassgesänge, Demolierungen, Terrorakte gegen US-Bürger. Diplomatische Verwicklungen würden folgen. Und wieder würde es heißen, dass rüde Yankeepolitik die ärmeren Partner in Lateinamerika unter Druck setzen wolle.

Und die Wahrheit? Eine Handvoll abenteuerlicher Männer wollte die Regierung stürzen, wollte selbst die Macht übernehmen. Vielleicht steckten ein paar abgehalfterte Generale dahinter, vielleicht ein unterbezahlter Departmentschef. Oder machtlüsterne Großgrundbesitzer. Eine Terrororganisation, deren hiesiger Chef Anguso gewesen war, hatte den Fall gegen Bezahlung übernommen. Es war gelungen, dieser Organisation die Flügel und die Krallen zu stutzen. Wer aber war ihr Kopf ...?

Archibald kannte diese Art von Organisation aus langjähriger Praxis nur zu gut. Diese Leute zettelten einen Aufstand in Panama ebenso routiniert an wie eine Kette von Sabotageakten in einer Automobilfabrik. Meist waren es große Aufträge, die ausgeführt wurden. Mitunter gingen sie schief, oft aber glückten sie.

Diejenigen, die den Auftrag gegeben hatten, überstanden es mit sauberen Westen, auch wenn ein Anschlag missglücken sollte. Niemand konnte sie belangen. Für die Aufträge gab es nur äußerst selten Zeugen oder Beweise. Leichtsinn und Gleichgültigkeit unterstützten das Tun dieser Organisationen. Zum Beispiel Harrisons Zuneigung zu einer bildhübschen Sekretärin, die nichts war als ein Werkzeug. Und Harrison, selbst in einem Alter, dass er Lesly Shewberts Vater hätte sein können, glaubte mehr an seine überzeugende Männlichkeit als an die kaltblütige Skrupellosigkeit des Mädchens. Vielleicht träumte er jetzt noch von ihr und wunderte sich, weshalb die CIA sie eine Spionin nannte.

Archibald sah im Schein seiner Lampe auf die Menschen um sich. Die beiden Toten lagen weiter hinten, und der verletzte Geheimpolizist war auf ein paar Jacken gelegt worden. Linda kauerte neben ihm.

„Wir wollen sehen, ob wir irgendwie von uns aus einen Durchbruch schaffen können“, sagte Archibald. „Wir wissen, was die anderen nicht ahnen können. Und wenn sie uns nicht vermissen, werden sie alle sterben. Also müssen wir wenigstens alles versuchen. Kommt, Männer!“

Die anderen nickten nur. Ohne Widerspruch folgen sie Archibald zur Einsturzstelle.

Rod Marlino richtete seine Lampe besorgt auf das Hangende, das infolge der nahen Detonation gefährlich unsicher geworden zu sein schien.

Bill, der eine Wachmann, ein Hüne von Gestalt, sagte: „Wir sollten die Lampen bis auf eine löschen. Wer weiß, wie lange wir hier im Dunkel aushalten müssen.“

„Ja, das ist richtig“, stimmte Archibald zu, und nur er ließ seine Lampe am Helm brennen. In deren Lichtstrahl konnte er dann die ersten Bruchstücke sehen.

„Vorsicht vor dem Hangenden, es ist schlecht!“, warnte Bill.

Archibald sah es auch. Hier musste eigentlich erst ausgebaut werden, ehe man daranging, etwas von dem heruntergestürzten Geröll wegzuräumen.

Die Stollen waren durch Eisenbohlen abgesichert. Doch infolge der Sprengung waren diese auf einer Seite allesamt mit heruntergerissen worden. Links aber hingen sie noch oben fest. Darunter lag das Geröll längst nicht so hoch und dazu noch relativ lose. Auch befanden sich da nur kleinere Brocken, während rechts welche aus dem Schutt ragten, die nicht einmal zwei Pferde bewegt hätten.

„Links müssen wir es versuchen. Es gehen immer nur zwei Mann hin, die anderen bleiben weit genug zurück.“ Archibald wies auf die schräg nach rechts abgekippten Stahlbohlen, die einseitig noch von den Trägerstempeln gehalten wurden. „Wenn wir darunter kriechen, haben wir eine gewisse Sicherheit nach oben.“ Er sah Bill an. „Kommen Sie zuerst mit?“

„Okay, fangen wir an.“

15.22 Uhr.

Archibald kroch als erster unter den herabgesackten Träger, auf den die Last von einigen hundert Tonnen drückte. Dicht hinter ihm war Bill, dem nicht soviel Platz für seinen mächtigen Körper blieb wie Archibald.

Zu zweit begannen sie ohne große Vorrede Brocken um Brocken nach hinten zu geben, Hand in Hand, bis sich allmählich so etwas wie eine Gasse bildete, eher noch ein Tunnel, der nach oben von den schräg hängenden Bohlen und den senkrechten Trägern geschützt wurde.

Sie erzielten Fortschritte, aber es würden Ewigkeiten vergehen, ehe sie nur ein paar Meter geschafft hatten. Die Zeit aber verrann wie Schnee in der Sonne. Und dennoch gab es keine andere Möglichkeit. Schon diese hier war gewagt genug. Über Archibald knirschte und knackte es. Wenn jetzt ein Geröllstück ins Rutschen kam, war alles vorbei. Auch mit Archibald und Bill.

Inzwischen war es 15.30 Uhr.

Archibald hatte wie ein Besessener gearbeitet, und seine Finger waren blutig vom scharfkantigen Gestein.

„Ablösung!“, sagte Bill.

„Kriech zurück, aber pass auf!“, rief ihm Archibald zu.

Bill schob sich rückwärts, Archibald folgte ihm.

Plötzlich begann es im Gestein zu rumoren. Es knackte, ächzte, und Archibald begriff, dass langes Horchen tödlich für sie enden konnte. „Weg hier!“, schrie er Bill zu.

Sie waren kaum aus ihrem kurzen Tunnelstück, als es zu prasseln und zu dröhnen begann.

„Zurück!“, schrie Archibald den anderen zu, sprang auf die Füße und lief in den Stollen hinein. Rod Marlino stolperte im Dunkeln und stürzte. Archibald packte ihn an der Schulter und riss ihn mit sich.

Da wurde das Prasseln zum Gedröhn, zum Donner. Vom Hangenden kam es überall im Stollen herabgerieselt, hinter den Männern aber ergoss sich abermals das Geröll tonnenweise in den Stollen. Staub machte jedes Atmen für Sekunden völlig unmöglich. Die Männer pressten sich Jacken oder Tücher vor die Gesichter. Ätzend drängten sich die Staubpartikel in die Augen und auf die Schleimhäute, riefen quälenden Husten hervor und reizten zum Niesen.

Die Luft im Stollen wurde unerträglich. Das Atmen ward zur Qual. Selbst als sich der Staub endlich legte, war die Luft schwer und sauerstoffarm. Bill, der massige Hüne, lehnte hechelnd an der Wand, das Gesicht qualvoll verzogen. Atemnot! Auch die anderen bekamen schwer Luft.

Archibald sagte: „Lampen an! Entweder kommen wir binnen einer halben Stunde hier heraus, oder wir gehen zum Teufel.“ Diese gar nicht so lange Rede strengte ihn bereits derart an, als hätte er dreimal hintereinander einen Zentnersack gestemmt.

Sie gingen zurück, und bei jedem Tritt wirbelten ihre Schuhe neuen Staub auf. Keiner sprach. Aber ihre Lampen brannten wieder, und das Licht spendete ihnen etwas Trost. Was sie sahen, tröstete sie weniger.

Die mühsame Tunnelarbeit war umsonst. Mächtige Brocken, niedergerissene Streben und Stahlbohlen schienen ein unüberwindliches Hindernis zu bilden.

Als Archibald einmal nach oben blickte, gewahrte er zwischen der Höhlendecke und dem Geröll darunter eine offene Fläche. Vielleicht konnte ein Mann dort entlangkriechen.

Archibald sah auch im Lampenlicht, dass dicht über dem niedergeschlagenen Geröll Staub unentwegt aufwirbelte, als blase der Wind ihn hoch.

„Dort muss eine Öffnung sein“, sagte er. „Seht ihr es? Da ist Zugluft. Merkt ihr auch, dass euch das Atmen nun leichter fällt?“

Sie nickten. Auch Bill hatte es bemerkt, und schließlich auch Rod Marlino.

„Es muss hinter uns im Stollen eine Wetteröffnung geben.“

„Die gibt es“, sagte Bill. „Aber es ist ein Rohr, durch das niemand klettern kann, mehrere solcher Rohre an verschiedenen Stellen. Sie führen senkrecht nach oben und treten irgendwo aus dem Berg. Einen Ausgang, durch den wir durchkriechen könnten, gibt es hinter uns nicht. Aber vielleicht kann man es dort oben über dem Geröll versuchen.“

Archibald sah zweifelnd auf das Hangende. Dieser Dom, der sich da als Kuppel über der Einsturzstelle gebildet hatte, sah nicht sehr vertrauenerweckend aus. Wer konnte sagen, ob nicht die leiseste Erschütterung abermals zu einem Einsturz führen musste? Vielleicht gerade dann, wenn die Männer über das Geröll krochen.

Archibald sah auf seine Armbanduhr. Es war 15.36 Uhr.

image
image