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Das große Buch der Regio-Krimis

Alfred Bekker, Horst Bieber

Das große Buch der Regio-Krimis

Romane und Erzählungen: Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alfred Bekker präsentiert: Das große Buch der Regio-Krimis

1100 Taschenbuch-Seiten Krimi-Spannung – 12 Romane und Erzählungen mit Tatorten in Berlin, Passau, Emden, Düsseldorf-Gerresheim, Bonn, dem Ruhrgebiet, Wien und Schmilka in Sachsen.

Dieses E-Book enthält die Krimis:

Alfred Bekker und Marten Munsonius: Killer im Käfig

Alfred Bekker mit M. Munsonius: Die Toten Augen von Schmilka

Alfred Bekker mit Rupert Bauer: Passauer Mords-Dessert

Alfred Bekker: Nach all den Jahren

Alfred Bekker: Ein Hai im Swimming-Pool

Hendrik M. Bekker: Preisnachlass wegen Geisterbefall

Hendrik M. Bekker: Die Anhalterin

Lence Vio: Kurze Lunte

Karl Plepelits: Und es jubeln die Rachegeister

Stephan Peters: Die Hexe von Gerresheim

Horst Bieber: ...acht, neun, aus!

Jo Ziegler: Ruhrpott-Dschungel

Alfred Bekker & Marten Munsonius: KILLER IM KÄFIG

© Alfred Bekker, CassiopeiaPress

All rights reserved.

Ein CassiopeiaPress E-Book.

Www.AlfredBekker.de

Er war kein Berliner.

Nicht mehr.

Aber er kam noch ab und zu in die Bundeshauptstadt, um zu arbeiten. Immerhin das hatte er mit den Bundestagsabgeordneten gemein.

Weil sich in seinem Gepäck eine Automatik mit aufgeschraubtem Schalldämpfer und genügend Munition befand, konnte er nicht mit dem Flugzeug anreisen, sondern war auf das Auto angewiesen.

Eigenartig, dachte er. Wenn du nach Berlin kommst, fällt dir immer dasselbe ein. Der Tag, an dem die Mauer brach. Du saßt vor dem Fernseher wie Millionen Deutsche in Ost und West. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird der Bundeskanzler interviewt. Du zappst auf die Privaten. Da sagt der Moderator vor jubelnden Berlinern: "Unsere öffentlich-rechtlichen Kollegen haben, wie ich höre, den Bundeskanzler vor dem Mikro. Aber wir haben einen gleichwertigen Ersatz: Harald Juhnke!"

Er schaltete einen Gang höher.

Der Motor heulte auf.

Jedesmal, wenn du nur daran denkst, musst du schon lachen!

Für jemand anderen würde es jetzt nichts mehr zu lachen geben.

Dafür würde er sorgen.

Das war sein Job.

*

Von der Oranienburger Straße, nahe der Synagoge waren es nur ein paar hundert Meter bis zu den Hackeschen Höfen.

Es war nicht sonderlich kalt, nur regnerisch. Ungemütliches Nieselwetter eben. Aber der Killer trug dennoch Handschuhe.

Schließlich waren seine feingliedrigen Hände ein Teil seines wichtigsten Handwerkszeugs. Und klamme Finger konnte er sich einfach nicht leisten. Der andere Teil seines Handwerkszeugs, eine speziell für ihn umgebaute Automatik – Geschenk eines russischen Gönners – befand sich gut verborgen in einem Holster unter seinem Mantel.

Der Mann war hochgewachsen und ziemlich kräftig gebaut. Der blonde Kurzhaarschnitt unterstrich die kantigen Gesichtszüge.

Er war sauber rasiert - ein wenig hatte er von einem Geschäftsmann an sich, mit Freizeit für eine kleine Stadttour.

Die Oranienburger Straße mit ihren zahlreichen Clubs, den Lokalen, der „Mitte Bar“ und dem „Café Orange“ ließ der Killer links liegen. Er kannte die Gegend zur Genüge, selbst den Straßenstrich, der aber dort endet, wo der Hackesche Markt einmündet. Der Killer hatte früher einmal als Knochenbrecher für einen der Zuhälter gearbeitet. Aber das war lange her.

Der Schöne Bodo war der Lude überall genannt worden, bis ihm ein Konkurrent ein Schrotgewehr ins Gesicht gehalten und abgedrückt hatte.

Der Schöne Bodo hatte überlebt und wohnte jetzt in einem Pflegeheim.

Wie eine Pflanze vegetierte er mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen dahin. Seine Girls waren an die Konkurrenz verteilt worden und für den Killler hatte es bedeutet, sich nach einem anderen Job umsehen zu müssen. Selbst in dieses brandheiße Geschäft einzusteigen, daran hatte er niemals gedacht. Es war einfach zu gefährlich, seit sich die Konkurrenz auf dem ehemaligen Ostblock im Reich der Bordsteinschwalben breitgemacht hatte. Die guten alten Zeiten waren vorbei. Jetzt wehte ein anderer Wind.

Eins der Girls vom Schönen Bodo hatte dem Killer damals einen Braunen gegeben.

Tausend Deutschmark.

Dafür hatte er den Kerl mit der Schrotflinte umlegen müssen. Sein erster Mordauftrag. Heute war er für eine derart lächerliche Summe nicht mehr zu haben. Und das hatte nur am Rande etwas mit der Teuerungswelle durch die Einführung des Euro zu tun.

Der Killer mit den wässrigen Augen ging zielsicher zu seinem Treffpunkt.

Der Wind frischte auf, und feiner Nieselregen hinterließ winzige Perlen auf seinen kräftigen Augenbrauen. So ein verdammter Mist!, dachte er. Das Wetter ändert sich. Da kriege ich bestimmt wieder meine Scheiß-Migräne... Ist nicht so gut, wenn man dann arbeiten muss. Er spürte ein leichtes Ziehen am Hinterkopf. Die ersten Vorboten. Hoffentlich ist alles erledigt, bevor die Scheiße richtig losgeht!, ging es ihm durch den Kopf.

Es schien, als würde der Blonde mürrisch auf die nassen Gehwegplatten starren. Dabei beobachtete er seine Umgebung trotzdem sehr genau. Am frühen Vormittag hatte sein Handy geklingelt. Das war eigentlich nichts Ungewöhnliches. Es sei denn, es klingelte danach gleich wieder. Und wieder. Insgesamt vier mal. Jedesmal ein Klingelzeichen mehr.

Der Blonde unterbrach seine Tätigkeit, verstaute die Digitalkamera in seiner Manteltasche und schaute auf die Uhr. Es gab jetzt einiges für ihn zu erledigen.

Schade – gerne hätte er noch einige Bilder gemacht. Der alte Südwest-Friedhof Stahnsdorf war in verwildertes Areal von eigentümlicher, morbider Schönheit. Der Killer liebte es in seiner Freizeit ( und davon hatte er zwischen zwei Aufträgen genug ) über Friedhöfe zu wandern. Ausnahmsweise schoss er hier nur mit der Kamera.

Den Plan für das Friedhofsgelände ließ er in seine Manteltasche, als er sich auf den Rückweg machte. Obwohl die Bestattungsfelder sich kaum vom Wald unterschieden, fand er zielsicher den Hauptweg.

Er hatte einige wirklich interessante Grabstellen ausfindig machen können.

Der Himmel bezog sich, obwohl am Morgen eine fahle Sonne wenigstens einen trockenen Tag versprochen hatte.

Vor ihm tauchte der Eingang des „Restaurants Hackescher Hof“ auf, und der Killer verscheuchte die kurze Tagträumerei aus seinem Kopf.

Selbst im Nieselregen waren die Höfe mit ihren renovierten Jugenstilfassaden ein magischer Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische. Der Blonde kannte alle acht Höfe flüchtig. Viele Ladenpassagen und noch mehr Menschen. Zu unübersichtlich. Er hatte seinem Kontaktmann das Restaurant gleich am Eingang vorgeschlagen.

Der Blonde setzte sich in die Nähe eines großen Fensters, um seine Umgebung drinnen wie draußen unter Beobachtung zu haben. Er bestellte einen Kaffee, zog die Handschuhe aus, ließ aber den geöffneten Mantel an. Die Waffe blieb weiterhin unsichtbar.

Er schaute auf die Uhr. In fünf Minuten würde ein halbwüchsiger junger Mann mit einem Stapel Zeitungen hereinkommen.

Er würde ihn erkennen.

Ein Russe, der kein Deutsch sprach. Der Killer würde eine Zeitung kaufen. Darin war ein brauner Umschlag versteckt. Mehr musste er vorerst nicht wissen.

Er holte die Kamera hervor. Er wippte kurz im Menue herum, bis die Gräber auf dem Display erschienen. Das fahle Morgenlicht ließ den Friedhof und die Grabsteine verwunschen aussehen. Er hatte Murnau gefunden, der jetzt selbst ein Gespenst unter all den filmischen Gespenstern war, die dieser große Regisseur erschaffen hatte.

Er wippte weiter. Zille, Lovis Corinth, Langenscheidt und zuletzt den berühmten Hanussen.

Er spürte, wie sich ihm jemand näherte. Das Lokal war um die späte Mittagszeit nicht mehr ganz so gut besucht. Zwischen den Tischen schlängelte sich ein pickelgesichtiger schwarzhaariger Jüngling durch die Reihen.

Der Blonde tat so, als bemerke er das gar nicht. Er beschäftigte sich weiter mit seiner Kamera. Aber seine fünf Sinne waren in höchster Alarmbereitschaft. Nur für den Fall, dass etwas bei der Kontaktaufnahme schief ging, war seine rechte Hand unauffällig unter seine Jacke geglitten, und die feingliedrigen Finger seiner rechten Hand ertasteten den kalten Stahl der Waffe. Mit der freien Hand legte er die Kamera auf den Tisch.

Sein Blick schweifte ab. Nach draußen. Selbst in dem feinen Nieselregen kamen genug Touristen in die Hackeschen Höfe. Sie drängten sich um die Stände, schlüpften in die kleinen Läden und sahen alle harmlos aus. Der Killer gab sich selbst Entwarnung.

Während er so tat, als beobachtete er das rege Treiben außerhalb des Restaurants, behielt er den jungen Mann im Visier.

Niemand wollte eine der angebotenen Zeitungen. Langsam näherte er sich dem Tisch des Blonden.

Er sagte etwas auf Russisch, was sich so anhörte, wie: „Möchten Sie eine Zeitung kaufen? Diese Zeitung!“ Und seine Hand glitt hinter den Stapel, und holte das letzte Exemplar hervor, und packte es auf das erste Exemplar von vorne...

Der Junge hatte große Augen. Das war kein Job, den er jeden Tag machte. Auch seine Haltung stimmte nicht.

Das war sein Kontaktmann!

Der Killer zauberte etwas Kleingeld aus seiner Hand, die eben noch die Waffe umklammert hielt.

Der Junge beeilte sich das Geld zu nehmen und verließ überhastet das Lokal.

*

Später, zurück in seinen Wagen gelangt, hatte er sich alles in Ruhe angesehen. Die Kamera landete im Handschuhfach – und dort würde sie auch eine ganze Weile bleiben.

Der Kontakt war reibungslos verlaufen. Auch der Killer war sich nicht sicher, ob seine Mittelsmänner nicht von der anderen Seite waren, oder eine rivalisierende Gang ihn nicht ausschalten wollte, oder ihn an die Behörden verriet.

War diese Übergabe, und der Eingang des Geldes erst reibungslos vonstatten gegangen, war der Rest für ihn fast ein Kinderspiel.

Der Blonde hatte zwar keine Kerben in seiner Automatik, aber die Zahl seiner Aufträge, seiner erfolgreich ausgeführten Aufträge, war beachtenswert. In gewissen Kreisen hatte er es zu einer Berühmtheit gebracht, die ihm quasi wie von selbst neue Aufträge bescherte. Ob in Berlin, oder im Kosovo – unter Soldaten oder Zivilisten, wo es brenzlig wurde, griff man als probates Mittel auch schon einmal zu einem „Killer“. Jedenfalls wurde er besser bezahlt, als in seiner Zeit als Knochenbrecher. Von anderen, noch bürgerlicheren beruflichen Tätigkeiten einmal ganz abgesehen.

Was könnte man über meinen Job sagen? Ich habe mit Menschen zu tun... Er kicherte. Das löste etwas die Anspannung.

Der Umschlag war dünn. Das Material war gut zusammengefasst. Einige Fotos. Ein paar verstreute Notizen, die wohl erst in letzter Minute hereingekommen waren.

Für den Killer war Joseph „Joe“ Grotzki ganz einfach ein Auftrag wie jeder andere. Er unterdrückte jede Gefühlsregung.

Es hatte ihm niemand gesagt, weshalb die Russen-Mafia Grotzki aus dem Weg haben wollte, aber der Blonde konnte es sich zusammenreimen. (Einige Notizen auf einer alten Schreibmaschine. Das „r“ war ein Stück höher angesetzt, als die restlichen Buchstaben!) Grotzki war nach den Notizen von Beruf Richter. Das erklärte schon fast alles. Gute Freunde und die Mitglieder eines Western Clubs durften ihn Joe nennen. Und einige Leute in der Unterwelt nannten ihn den "harten Joe". Grotzki versuchte, sich als Law-and-Order-Mann zu etablieren und man sagte ihm politische Ambitionen nach. Justizsenator, vielleicht sogar mal Regierender... Das wär's doch gewesen. Es gab so viele Leute, denen der "harte Joe" mal auf die Füße getreten hatte, dass sie kaum zu zählen waren. Wer wirklich hinter dem Auftrag stand, wusste der Killer nicht. War auch besser so. Einfach seinen Job machen und ansonsten auf die Affen vertrauen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Noch einmal zog er das Material über seine Zielperson aus dem Umschlag. Grotzki wohnte in Zehlendorf im gediegenen Villenviertel in der Fabeckstraße in Höhe der Krankenhausaußenstelle, die im Volksmund zu Westberliner Zeiten „US-Hospital“ genannt wurde. (Damals - ein gut florierender Umschlagsplatz für zollfreie Waren! )

Der Killer schaute sich die Farbfotos genau an.

Grotzki aus einem Hauseingang kommend.

Grotzki vor dem Berliner Dom.

Der Blonde konnte auf dem Portrait trotz der Unschärfe des Hintergrundes sogar noch den Fernsehturm erkennen. Ein Bild aus dem vergangenen Sommer.

Das letzte Bild zeigte Grotzki im Profil mit einigen anderen Personen. Grotzki schien nicht besonders groß zu sein. Der Killer grübelte einen Moment darüber nach, wo das Bild gemacht worden war. Die Hochhäuser wirkten verzerrt. Eine Vergrößerung und eine Spiegelung. Er fühlte sich in seine Zeit, die er in Miami verbracht hatte, zurückversetzt.

Aber in den Händen hielt er ein Bild der Moabiter Spreebogentürme. Keine besonders professionelle Vergrößerung, dachte er.

Doch es reichte.

Ein letzter Blick, die Adresse noch einprägen, dann vernichtete er das Material sorgfältig und stopfte die Reste in einen Benzinkanister, den er später entsorgen würde.

Der Umschlag enthielt noch zwei Restaurantquittungen und etwas „Handgeld“.

Wie praktisch, dachte der Killer. In einer halben Stunde würde er diese Rechnung in Frankfurt/Oder beglichen haben, eine Stunde später noch einen „Absacker“ und zwei Cola. Das gab ihm etwas Vorsprung. Heute Nacht würde er in Polen übernachten, und dann ging es weiter auf „Geschäftsreise“ nach Osten.

Er startete den Wagen wieder und reihte sich in den Verkehr ein. Am Botanischen Garten vorbei. In seiner Erinnerung zweigte die Fabeckstraße hier gleich rechts ab.

Dann wurde er etwas langsamer. Seine Augen suchten nach der richtigen Hausnummer.

Im Radio plärrte ein Song, der seine Aufmerksamkeit erregte.

Er drehte etwas lauter, lauschte dem dreckigen Text.

Der Refrain ging so:

„Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause... mein Block!

Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt... reichen vom 1. bis zum 16.Stock.“

Nicht schlecht, Melodie und Rotz, dachte der Killer, sind wohl echte Gangsta-Rapper. In Fahrtrichtung hatte er die Hausnummer entdeckt. Er wurde nicht langsamer, bog aber in die nächste Seitenstraße ab und suchte einen passende Parkmöglichkeit.

*

Seinen blauen Ford hatte er am Straßenrand hinter einem Lastwagen abgestellt.

Von dem Wagen drang der Duft frischen Kaffees in seine Nase.

Der Blonde schaute sich das Werbelogo an und dachte an einen bekannten Fernsehspot, wo es bei Weißbier heißt: „In Bayern daheim, in der Welt zuhause.“ Wohl nicht das Einzige, was die Bayern in die Welt transportieren.

Jetzt ging der Blonde die Zeile der Reihenhäuser entlang bis er wieder in die Fabeckstraße abbog.

Grotzkis Haus, zwischen Bauten aus der Jahrhundertwende gequetscht, war aus den frühen Siebzigern. Kein Klinker, nur verputzt, dachte der Killer. Das Haus eines Mannes, der es unauffällig liebte – aber leider nicht unauffällig genug, sonst hätte die Russenmafia ihm schließlich keinen Auftrag erteilt.

Mit der Rechten umklammerte er den Griff der Automatik, die in seiner tiefen Manteltasche verborgen war. Er musste vorsichtig sein, denn der Mann, mit dem er es zu tun haben würde, war nicht irgendwer, sondern einer, der auch einige Tricks kannte. Der Blonde hielt an, ließ den Blick die Häuserzeile entlang gleiten. Alles sah unverdächtig aus.

Eine ältere Frau ging die Straße entlang. Der Blonde wartete, bis sie um die nächste Ecke gegangen war und überquerte dann die Fahrbahn.

Jetzt musste alles ganz schnell gehen.

Einen Augenblick später stand er an der Haustür und klingelte.

Grotzki wurde wohl unvorsichtig, sonst hätte er einen scharfen Rottweiler gehabt. Nicht das dies bei der Durchführung des Auftrags ein echtes Hindernis dargestellt hätte, aber eine kleine Zeitverzögerung hätte es schon gegeben.

So beobachtete der Blonde den Türspion.

Aber niemand musterte ihn ungebührlich lang. Grotzki schien ahnungslos.

Wenn es stimmte, was seine Auftraggeber ihm über Joe Grotzki gesagt hatten, dann war er um diese Zeit wahrscheinlich in seinem Arbeitszimmer über einem Berg Akten, die er eifrig studierte. Genau die richtige Zeit für solch einen Besuch also...

Der Blonde klingelte ein zweites Mal und fasste die Pistole mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer fester. Endlich kam jemand und machte auf. Aber es war nicht Grotzki, der die Tür öffnete. Es war eine Frau, die den Killer ziemlich erstaunt ansah.

Sie war hübsch, fand der Blonde. Langes, rostbraunes Haar, dunkle Augen. Erinnerte ihn an eines der Girls vom Schönen Bodo. Schade um sie!, dachte der Killer. Aber es war ziemlich ausgeschlossen, dass er sie am Leben lassen konnte.

"Ist Joe... ich meine Herr Grotzki nicht da?", fragte er und versuchte den Anschein einer gewissen Vertrautheit zu erwecken .

"Häh?"

War sie auf Drogen oder nur schwerhörig?

"Ob Joe da ist!", wiederholte der Killer.

"Nein, tut mir leid", erwiderte die Frau, während sie den Killer einer eingehenden Musterung unterzog. Auf ihrer hübschen Stirn erschienen ein paar Falten, die eine deutliche Portion Misstrauen signalisierten. Zu schnell hatte sie dem unbekannten Besucher Auskunft darüber gegeben, dass sie wohlmöglich allein zu Hause war. Und das war in einer Stadt wie Berlin nicht anders wie in New York oder Paris oder London. Man erzählte einem wildfremden Menschen nicht einfach Details aus seinem Privatleben!

Der Blonde trat einen kleinen Schritt zurück, signalisierte eine gewisse Bereitschaft, die Privatsphäre der Frau zu respektieren. Nur keinen Stress.

Er setzte einen verwirrten Gesichtsausdruck auf, um die Situation ein wenig zu entschärfen.

Von der Frau hatte man dem Blonden in den Notizen nichts mitgeteilt. Er fluchte innerlich. Wenn er etwas nicht ausstehen konnte, dann war es Unprofessionalität. Sie hatten ihm ein Dossier zukommen lassen, in dem alles über Grotzkis Lebensgewohnheiten zusammengetragen war. Der Killer wusste über jede Kleinigkeit Bescheid. Nur die Frau, die war in dem Dossier nicht vorgekommen. Es hatte immer Gerüchte darüber gegeben, dass Grotzki schwul war. Offenbar waren sie falsch oder sogar von interessierter Seite gestreut worden. Wenn der Blonde etwas nicht leiden konnte, dann war es Unprofessionalität. Und das hier war unprofessionell.

"Was wollen Sie von Joe?", fragte die Frau.

"Ich muss ihn dringend sprechen."

"Sind Sie ein Bekannter von ihm?"

Der Killer zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde mit der Antwort.

"Ja", sagte er dann.

"Joe kommt gleich zurück", berichtete die Frau. "Er ist nur kurz Zigaretten holen gefahren."

"Gut."

Sie wusste nicht, wer Grotzki war. Sie konnte nichts von seiner Vergangenheit wissen oder von dem, was er jetzt tat. Das war dem Blonden sofort klar, denn hätte sie Bescheid gewusst, dann wäre ihr Misstrauen größer gewesen. Die andere Möglichkeit war, dass sie hervorragend schauspielern konnte. Der Blonde hob die Schultern.

"Kann ich bei Ihnen auf ihn warten?"

"Nicht so gerne. Ich bin allein und ich kenne Sie gar nicht. Außerdem ist das nicht meine Wohnung und ich weiß nicht, ob es Joe recht wäre, wenn..."

Aha!, dachte der Blonde. Grotzki kannte die Frau noch nicht lange. Vielleicht sogar erst seit dem gestrigen Abend. Aber das würde ihr auch nicht helfen.

"Es wäre ihm recht!", behauptete der Killer im Brustton der Überzeugung.

"Nein, das möchte ich nicht!", sagte sie mit überraschender Bestimmtheit. Sie versuchte die Tür zu schließen, aber der Blonde ahnte das voraus und stellte seinen Fuß dazwischen. Ein schneller Griff und er hatte die Automatik aus der Manteltasche herausgerissen. Der lange Schalldämpfer zeigte direkt auf den Oberkörper der jungen Frau und ließ sie schreckensbleich zurückweichen. Der Blonde trat ein und gab der Tür einen Stoß mit der Hacke, so dass sie geräuschvoll ins Schloss fiel. Die Frau schüttelte stumm den Kopf. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie wieder soweit beieinander war, dass sie etwas sagen konnte.

"Was wollen Sie?", fragte sie schluckend, während sie noch einen Schritt rückwärts machte und dabei gegen die Kommode stieß, die in dem engen Flur stand. Auf der Kommode stand das Telefon. Sie hatte den Hörer schon fast in der Hand, aber sie begriff, dass sie keine Chance hatte, irgend jemanden anzurufen, bevor ihr Gegenüber sein Geschoss auf die Reise geschickt haben würde.

"Ist noch jemand in der Wohnung?", fragte der Killer knapp. Sie schüttelte stumm den Kopf. Dann hob der Blonde die Schalldämpferpistole ein wenig an und drückte ab. Es gab ein Geräusch, das Ähnlichkeit mit einem kräftigen Niesen hatte und auf der Stirn der jungen Frau erschien ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Sie taumelte rückwärts und schlug der Länge nach hin.

Der Blonde atmete tief durch. Die Sache mit der Frau war nicht eingeplant gewesen, aber sie hatte nun einmal sein Gesicht gesehen. Und das war ihr Todesurteil gewesen. Der Blonde stieg über ihren leblosen Körper hinweg und achtete dabei peinlichst darauf, nicht in kleinen See aus Blut zu treten, der sich rasch in der Diele ausbreitete.

Hier im Flur gab es nichts Auffälliges, und sah er sofort sich im Rest der Wohnung um. Ein Zimmer nach dem anderen nahm er sich vor.

Er musste auf Nummer sicher gehen, aber die Frau hatte die Wahrheit gesagt. Sie war tatsächlich allein gewesen.

Der Killer steckte die Waffe ein, fasste die junge Frau unter den Armen und schleifte sie einige Schritte bis ins Wohnzimmer, wo er sie achtlos vor dem Fernsehtisch ablegte. Dann ließ er sich in einen der klobigen Ledersessel fallen und wartete. Die Diele war kurz, nicht mehr als 4 Meter – und ein Nachtlicht ließ er auch brennen. Es dauerte auch nicht lange, höchstens zehn Minuten. Dann waren an der Haustür Schritte zu hören. Ein Schlüssel wurde herumgedreht und jemand öffnete die Haustür. Das musste Grotzki sein.

Na endlich.

Wurde auch Zeit.

Der Killer hielt den Atem an. Konzentrierte sich.

"Jennifer?" Grotzki stand noch im Türrahmen der Eingangstür. Der Blonde erkannte ihn sofort von den Fotos, die man ihm gegeben hatte. Grotzki machte noch ein, zwei Schritte in die Wohnung. Die Haustür fiel krachend zu. Alles was nun geschah, ging blitzschnell. So schnell, dass Joe Grotzki nicht den Hauch einer Chance hatte.

Er schluckte.

"Heh, worum immer es geht... Wir könnten uns einigen!"

So habe ich den harten Joe ja noch nie reden hören!, dachte der Killer. Wenn das seine Parteifreunde noch erleben könnten... So mancher würde ihn im anderen Licht sehen.

Der Killer zielte.

Der "harte Joe" stierte ihn entgeistert an, öffnete halb den Mund, so als wollte er etwas sagen oder gar schreien.

Der einzige Laut, der in diesem Augenblick zu hören war, glich einem heftigen Niesen.

Mündungsfeuer leckte aus dem Schalldämpfer heraus.

Zweimal feuerte der Killer.

Grotzki sank getroffen zu Boden.

Mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht blieb er liegen.

Seine starren Augen blickten ins Nichts.

War nichts Persönliches!, dachte der Killer, als er an den Toten herantrat, ihn mit dem Fuß herumdrehte, um ihm nicht in die starren Augen blicken zu müssen. Ein verkrampftes Lächeln spielte um seine Lippen. Er dachte: Tausende von Taschendieben, Schwarzfahrern und Fixern werden aufatmen, wenn sie vom Tod des harten Joe hören!

*

Als der Killer seinen Job erledigt hatte, sah er sich noch ein bisschen im Haus um.

Es gab etwas Bargeld.

Ein paar Hunderter, die steckte er ein.

Er zog die Schubladen aus den Schränken und kippte den Inhalt auf den Boden.

Es sollte wie ein Einbruch aussehen.

Der Killer ging er ins Kellergeschoss und da erlebte er eine Überraschung.

In Grotzkis Keller befand sich ein voll ausgerüsteter Atomschutzraum. Ein Schild an der Wand verriet das. Es standen auch gleich ein paar Verhaltensregeln für den Ernstfall dabei. Die dicke Tür, die diesen Raum Luftdicht von der Außenwelt abschließen konnte, stand offen. Er ging hinein und inspizierte den Raum interessiert. Dabei fragte er sich, ob Grotzki wirklich Angst vor einem Atomkrieg gehabt hatte oder ob er nur auf die Steuervorteile und Fördergelder aus gewesen war, die es für solche Schutzräume früher gegeben hatte.

Der Killer zuckte die Schultern.

Es konnte ihm gleichgültig sein. Aber auf jeden Fall war dieser Raum ein idealer Platz, um die Leichen unter zu bringen.

Er konnte die Tür von außen verschließen und dann würde man eine Weile brauchen, um sie zu finden. Das bedeutete auch, dass die Polizei länger brauchen würde, um zu rekonstruieren, was in diesem Haus passiert war.

Für den Killer war das nur von Vorteil.

Er würde weitere Zeit gewinnen, um sich abzusetzen.

So ging er hinauf ins Erdgeschoss. Entschlossen nahm er Grotzkis Leiche über die Schulter und schleppte sie in den Keller. Der Eingang zum Schutzraum war ziemlich eng, wenn man eine Leiche auf den Schultern trug. Einer von Grotzkis Ärmeln verhakte sich im Türgriff und die dicke Sicherheitstür fiel mit einem zischenden Geräusch zu.

Der Killer legte die Leiche auf eine der Liegen, die man hier für den Ernstfall aufgestellt hatte. Dann ging er zurück zur Tür, aber bekam sie nicht auf. Es war wie verhext, aber was er auch versuchte, sie ließ sich nicht öffnen...

Der Killer wurde blass.

Er saß fest.

*

Die beiden Männer, die an Grotzkis Haustür klingelten trugen Kittel mit der Aufschrift 'Schlüsseldienst'. Der Jüngere der beiden klingelte bereits zum zweiten Mal und wurde schon ungeduldig. Aber es machte niemand auf.

"Vielleicht ist niemand zu Hause", meinte er.

"Dat kann nich sein!"

"Du siehst es doch!"

"Ey, wat issn ditte?", regte sich der Ältere auf und fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das schüttere Haar. "Diese Bonzen glauben doch immer, sie können machen, wat sie wollen! Dat ist wie bei uns früher inne DDR."

"Ja, ja..."

"Du weißt doch gar nich, wat dat is, Mustafa. Aber icke... Ick sach dir..."

"Sach lieber, was wir machen sollen."

"Ick hab einen anderen Termin extra abgesacht, weil's angeblich verdammt eilig war. Aber jetzt is der feine Herr nich da! Wunderbar! Echt wunderbar!"

"Immer cool bleiben, Horst!"

Horsts Gesicht bekam eine ungesunde dunkelrote Gesichtsfarbe.

"Wat hasse gesagt?"

"Verstehst du kein Deutsch?"

"Jetzt komm mir nicht so!"

"Ist doch wahr!"

"Pup mich nicht an, hörste? Ich kann dat nich haben!" Horst schüttelte den Kopf. Er atmete schwer und wischte sich über das Gesicht. Fast so, als könnte er damit auch seine Ärger hinwegwischen. "Handwerk hat goldenen Boden... Darüber kann ich echt nich mehr lachen. Wirklich!" Nach kurzer Pause fuhr er schließlich fort: "Ick habe jestern Nachmittag mit Herrn Grotzki telefoniert und er hat mir jesagt, dass er um diese Zeit zu Hause sei..."

"Vielleicht funktioniert die Klingel nich!" Der Jüngere ging ein paar Schritte seitwärts in Richtung des ersten Fensters. "Weswegen sind wir eigentlich hier, Horst?", fragte er dann.

Der Ältere lächelte. "Ein Leckerbissen für dich! Da kannste wat lernen, Mustafa. Es jeht um die Polung eines elektronischen Sicherheitsschlosses für die Tür zu einem Atomschutzraum."

"Polung?", fragte der Jüngere.

"Ja. Normalerweise funktionieren die Dinger so, dat sie sich von innen nur dann öffnen lassen, wenn außen keene Gefahr mehr durch Strahlung besteht. Aber wenn sie falsch jepolt sind, kann es passieren, dat sie jenau umgekehrt funktionieren und sich erst öffnen, sobald draußen alles verstrahlt ist!"

Der Jüngere hörte gar nicht mehr zu, sondern blickte wie gebannt durch das Fenster. "Ich glaube, wir rufen besser die Polizei", sagte er. "Da drinnen liegt 'ne Tote!

Alfred Bekker & Marten Munsonius: Die toten Augen von Schmilka

Der Himmel ist ein Ozean aus weiß und blau. In diesem Juli ist es besonders warm. Auf den Wanderwegen steht die Luft wie gefangen zwischen den alten Felsen und den waldreichen romantischen Schluchten. Nicht einmal die Insekten haben die Kraft die heiße Luft mit ihren Geräuschen zu erfüllen. In der Ferne kommt über die Anhöhe eine einsame Gestalt. Von der anderen Seite aus dem Tal kommt ein zweiter Wanderer, gefolgt von einer versprengten Gruppe weiterer Touristen. Sie gehen langsam aufeinander zu.

Eine Frau in den besten Jahren bist du, hat jemand mal zu mir gesagt. Aber das stimmt nicht. Die besten Jahre sind längst vorbei. Eine schwache Erinnerung. Schatten. Ein süßlicher Geruch, der die ganze Wohnung erfüllt. Und Fliegen. Es war alles mal ganz anders…

Es ist traurig.

Keiner von ihnen ist geblieben, dabei bin ich eine gute Gastgeberin.

Sie erschrecken schon, wenn sie das Haus betreten.

Ja, es ist ein sehr altes Fachwerkhaus, das etwas erhöht abseits der Hauptstraße steht. Ich habe es vor vielen Jahren geerbt und leider kein Geld es aufwändig zu restaurieren.

Nach der Wende kam ziemlich rasch die Schließung unseres Kombinats und dann starb meine Mutter, zu der ich in den letzten Jahren wenig Kontakt gehabt hatte, überraschend nach einem unglücklichen Sturz, und ich übersiedelte von Dresden zurück in meinen Geburtsort Schmilka.

Das Holz an den Wänden ist nachgedunkelt, die Möbel sind alt und in einigen Schränken ist der Holzwurm.

Weshalb beklagen sie sich alle über einen bestimmten Geruch, von dem sie nicht sagen können, wodurch er verursacht wird und von dem sie nicht wissen, woher er kommt? In diesem Haus in der Nähe der Schmilkaer Mühle lebten Generationen, ein angrenzender Stall wurde später ein erweiterter Teil des Wohnzimmers.

„Vielleicht daher dieser Geruch“, sage ich.

„Echt?“

„Ja.“

„Glaube ich nicht.“

Mein Zureden hilft nicht viel. Er will nicht bleiben um mit mir zu reden.

Ich weiß nicht warum.

Ist es zuviel, was ich da verlange? Das kann ich mir nicht vorstellen. Nur reden… Und doch, es ist immer dasselbe. Sie wollen nicht bleiben. Ich versuche, sie ein wenig auf andere Gedanken zu bringen, wenn ich von den Vorzügen Bad Schandaus erzähle, dem wunderbaren Kneippkurort mit seinen uralten Kirchen, den romantischen Museen und einem traditionellen Marktplatz.

Ich kann von Glück sagen, wenn sie sich wenigstens mit mir an den gedeckten Tisch setzen.

Ich zünde die Kerzen an. Eine nach der anderen, bis sie den Raum in ein warmes, weiches Licht tauchen, denn in den alten Häusern sind die Fenster nicht groß und auch bei Tag fällt nicht immer genügend Licht in die Stube.

Der Flackerschein der Kerzen fällt auf seine ebenmäßigen Züge und taucht sie in ein diffuses Licht. Sein Gesicht wirkt weicher, als es in Wirklichkeit ist. Seine Augen sind so wässrig blau, dass ich darin zu versinken drohe. Er hat schwarze Haare, und sein Kinn ist mit einem leichten Bartflaum bedeckt. Er erinnert mich an Matschek – damals.

Unseren Vorarbeiter im Kombinat. Ein kräftiger Mann, nicht mehr ganz jung, aber einer, der mir zuhörte. Und – dem ich zuhörte. Ich hing an seinen Lippen, wenn er von der goldenen Freiheit im Westen sprach, leise nur, denn man wusste nicht genau, wer vielleicht bei Horsch & Guck beschäftigt war. Das konnte sehr ungemütlich enden.

Matschek, er versprach mir die Freiheit, er versprach mir ein Leben in Saus und Braus, und er mochte meine Brüste.

Ich hätte es ahnen müssen. Es kam, wie es kommen musste. Am 10. November 1989 war Matschek zusammen mit einigen Kollegen nicht zur Arbeit erschienen, sondern mit den Trabbi nach Berlin, hieß es. Er kam nie wieder, und die Fabrik ist heute geschlossen.

Abgewickelt.

Arbeitslos.

Der Begriff erschreckte mich.

Ich wartete.

Nahm kurzfristige Jobs an und hoffte, dass Matschek eines Tages der Prinz war auf einem weißen Pferd, der mich aus meinen Dornröschenschlaf wach küsste. Ich kellnerte zuletzt in den neuen Kneipen im Schatten von Frauenkirche und Kreuzkirche in der Weißen Gasse. Die von Drüben kamen wussten nicht was Broiler sind, und ich wollte schließlich nur noch weg von dem ganzen Zirkus. Es kommt mir vor, als wäre es bereits fernste Vergangenheit, als ich den Brief öffne, ein amtliches Schreiben. Es ging um den Tod meiner Mutter und um eine Testamentseröffnung.

Ich stand auf einer der Elbbrücken – keine Träne in den Augen

– und sah hinüber zu der Ruine der Frauenkirche. Der Wiederaufbau war voll im Gange.

Aufbruch.

Ich würde zurückkehren in meinen Geburtsort.

Ohne Matschek.

Alles hinter mir lassen.

Matschek! Ich merkte nicht, wie ich den Brief wütend zerknüllte.

Ich konnte ihn nicht gehen lassen.

Ich konnte einfach nicht. Nicht schon wieder.

"Sie wollen wirklich schon gehen?"

Sein Gesicht wirkt verlegen.

"Ja."

"Aber..."

„Es ist schon spät.“

„Finde ich nicht.“

Ein verlegenes Lächeln. Schweißtropfen auf der Stirn.

"Ich muss mich auf den Weg machen. Verstehen Sie mich doch, es ist höchste Zeit..."

Noch einmal versuche ich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, seine aufkommenden Zweifel zu zerstreuen.

„Wir könnten morgen einen Ausflug ins Sandsteingebirge unternehmen.“

Er holt tief Luft. Ehe er etwas sagen kann, erzähle ich schnell weiter.

„Der Malerweg! Wir könnten auf den Spuren Casper David Friedrichs wandeln, die majestätischen Tafelberge haben ihn zu einigen seiner schönsten Landschaftsbilder inspiriert.

Oder Richard Wagners Lohengrin ist untrennbar mit der Sächsischen Schweiz verbunden…“ Er starrte mit ausdruckslosen Augen durch mich hindurch, als habe er mir gar nicht zugehört. "Sehen sie, ich habe den Tisch gedeckt!" Ich breite meine Hände in einer großzügigen Geste weit aus.

"Hören Sie, ich will Sie nicht kränken, aber..."

"Aber?"

"Ich weiß nicht, ob es richtig war, Ihre Einladung anzunehmen... Was ich sagen will ist..."

"Bitte, Sie können mir das nicht antun! Ich habe für Sie gekocht!"

"Das ist sehr nett, aber - "

"Alles ist vorbereitet... "

Er runzelt genau in diesem Moment die Stirn.

"Vorbereitet?"

Viele von ihnen haben genau in diesem Moment die Stirn gerunzelt.

Ich kann es unmöglich erklären, aber es ist so.

Ich habe kein gutes Gefühl.

"Es gibt Lachs in Kräuterbutter. Dazu einen guten Wein. Es wird Ihnen schmecken..."

Ich habe etwas Schlimmes getan.

Na ja, das haben die meisten Menschen in ihrem Leben vielleicht irgendwann schon mal getan. Aber das, was ich hier tat, ist von besonderer Scheußlichkeit. Ich weiß es, aber ich kann es nicht ändern.

Ich empfinde auch keine Schuld.

Es ist so gekommen.

Geschehen und vorbei.

Reden wir lieber über etwas anderes.

Ich sehe ihm in die Augen, diese leuchtend blauen Augen, die mich eigentlich ganz friedlich anblicken.

Er sitzt mir gegenüber, mit diesen Augen, mit seinem schmalen und energisch wirkenden Mund, mit dem feingeschnittenen Gesicht, das mich ein wenig an Matschek erinnert. Sein Mund lächelt nicht mehr. Er ist vielmehr unbeweglich, etwas starr, ich weiß auch nicht.

Ich hebe mein Glas und proste ihm zu.

Er schweigt.

Ich rede mit ihm. Oder besser: Ich erzähle ihm alles Mögliche. Über mich. Über meine Ansichten. Über die Erhabenheit des Elbsandsteingebirges, über die Stille abseits der bekannten Wanderwege, von dem Meer, das es vor mehr als einhundert Millionen Jahren gewesen sein mag, spanne ich den Bogen zu Gott und der Welt.

Nein, vielleicht doch nichts über Gott. Was ich damit sagen will ist Folgendes: Gott hat in dieser Geschichte eigentlich nichts verloren.

Ich sollte ihn aus dem Spiel lassen.

Um seinetwillen.

Mein Mund produziert Worte. Eins nach dem anderen, ohne Unterlass. Ganze Absätze. Einen kleinen Roman. Eigentlich bin ich sonst ein schweigsamer Mensch, vielleicht sogar schüchtern. Wie gesagt, ich lebe zurückgezogen mit meinen drei Katzen. Das Haus, in dem ich wohne, steht etwas einsam, nicht weit von dem Quellbach entfernt, der in die Elbe mündet.

Ich habe es für mich allein und das ist gut so.

Oft bin ich oben bei den felsigen Tafelbergen, umgeben von romantisch versponnenen Wäldern.

Die zerklüfteten Felsmassive laden zum klettern ein. Es herrscht ein starker Wind dort. Und erst die herrlichen Wanderwege, vorbei an Wasserfällen und Felsentore…Man trifft Leute dort. Touristen. Manchmal komme ich mit ihnen ins Gespräch und lade jemanden zu mir nach Hause ein.

Zum Essen.

Die meisten wollen nicht, aber bei einigen gelingt es mir.

Kein Mensch kann immer allein sein. Kein Mensch. Auch ich nicht.

Ein Tag vergeht. Und ein weiterer.

Ich lasse ihn am Tisch sitzen. Er blickt mich starr an, wenn wir uns unterhalten. Er wollte sich in das älteste Haus am Ort ein Urlaubsquartier buchen, der Mühle, die jetzt ein Ferienhaus ist. Ob er wohl gewusst hat, dass es das erste Gebäude im Ort war? 1655 – eine lange Zeit. Aber wir müssen alle manchmal etwas warten. Auch länger. Er hat jetzt viel Zeit.

Oder hätte ich ihn doch gehen lassen sollen?

Vielleicht.

Ich konnte es einfach nicht.

Es war mir unmöglich.

Ich brauchte ihn. Ich brauche Matschek.

Und ich hoffe nur, dass ich ihm nicht allzu sehr wehgetan habe. Jedenfalls hat er nicht geschrieen. Er war wohl sofort tot. Ganz bestimmt war er das. Und er würde nun bleiben. Mir zuhören. Mich nicht noch einmal einfach verlassen.

Am vierten oder fünften Tag nahm ich ihn mit großer Anstrengung mit hinüber und setzte ihn in einen der alten Ohrensessel, die bei mir im Wohnzimmer stehen. Wir saßen jetzt beieinander. Es war schön.

Jedenfalls besser, als wenn man alleine dasitzt.

Von Tag zu Tag gab es mehr Fliegen im Haus und mir war klar, woher das kam.

Ich betrachtete wehmütig sein Gesicht. Es schien Matschek immer weniger ähnlich zu sehen.

Schade, aber ich würde mich von ihm verabschieden müssen.

Ich schob es noch ein paar Tage vor mir her. Schließlich hatte ich mich an seine Gesellschaft gewöhnt. Er hörte mir wie früher zu. Manchmal erlaubte ich seiner Hand meine Brüste zu liebkosen. Wie früher.

Aber dann wollte er meine Brustwarze nicht loslassen, seine kalten und trockenen Finger hielten sie fest umklammert.

So blieb er wenigstens bei mir. Ich spürte es.

Und - dennoch, das Ende war unvermeidlich.

Ich löste ein paar Fußbodenbretter, unter denen ich eine Art Grube angelegt hatte und legte ihn zu den anderen. Friedlich liegt er dort und wird mich niemals wieder verlassen.

Alfred Bekker & Rupert Bauer: PASSAUER MORDS-DESSERT

Sie hatten sich zu einem gepflegten abendlichen Tête-à-tête verabredet.

"Ich kann auch über nacht bleiben", hatte Nadine gesagt.

"Sagt dein Mann nichts dazu?"

"Nein, Robert."

"Aber..."Er runzelte die Stirn.

"Die Wahrheit ist: Ich habe ihn schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen."

"Hattet ihr Streit?"

"Ja, ein bißchen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm kommt und er einfach davonläuft und nicht wieder auftaucht."

Jetzt saßen sie vor einem vorzüglichen Essen. Robert war ein guter Hobby-Koch und hatte sich gehörig ins Zeug gelegt.

Es war ein alter Jugendtraum von ihm, Koch in einem Restaurant der haute cuisine zu sein.

Am liebsten in seinem bevorzugten Speiselokal, dem Stiftskeller in der Heiliggeistgasse in seiner Heimatstadt Passau.

Dorthin führte er gerne seine Gäste aus. Es gab da drei Möglichkeiten in einem gepflegten Ambiente zu dinieren: Entweder am einem lauschigen Sommerabend im Stiftsgarten oder im rustikalen Keller. In letzterem fühlte man sich sofort ins Mittelalter versetzt.

Am liebsten aber speiste er im Bischofszimmer mit seiner uralten Wandtäfelung. Genau das Richtige als Herrenzimmer für die älteste deutschsprachige Vereinigung, die schon über 800

Jahre zählt. In einem Geheimfach in diesem Raum wird die Gründungsurkunde aus dem 12. Jahrhundert aufbewahrt.

Aber aus diesen Plänen war nichts geworden.

Er hatte Jura studiert und war Anwalt geworden.

Robert hatte Lachs mit Kräuterbutter auf den Tisch gebracht, und er sah mit Genugtuung, dass Nadine solche Kostbarkeiten zu würdigen wusste.

Sie hoben die Weingläser und prosteten sich zu.

"Auf meinen charmanten Gast", sagte Robert.

"Auf einen exzellenten Koch!", erwiderte Nadine freundlich lächelnd. "Und auf einen faszinierenden Mann!"

"Sagen wir einfach: Auf uns!"

Sie nickte.

"Ja, das ist gut. Damit bin ich auch einverstanden."

Zum Nachtisch gab es köstliche Eistorte. Robert hatte sie selbstverständlich eigenhändig kreiert.

Nadine dachte kurz an ihren Mann und daran, was er wohl sagen würde, wenn er sie hier mit Robert hätte sehen können.

Nadines Mann war temperamentvoll und sehr eifersüchtig. Und vor allem war er nicht bereit, Nadine freizugeben Nadine wiederum war keine sehr starke Persönlichkeit. Sie hatte zwar schon oft Robert gegenüber angekündigt, dass sie sich nun endlich von ihrem Mann trennen wollte, aber wenn es dann ernst wurde, schreckte sie regelmäßig davor zurück.

Das war ein Punkt, den Robert nur schwer schlucken konnte und den er auch nicht verstand.

Er mußte es hinnehmen, schon deshalb, weil ihm wirklich etwas an Nadine lag. Er würde ihr soviel Zeit geben, wie sie brauchte.

"Was weiß dein Mann eigentlich von mir?", fragte Robert.

"Er weiß, dass da etwas ist. Aber er weiß keinen Namen. Er kennt dich also nicht, jedenfalls soweit ich weiß." Sie lachte und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne. "Und das ist auch gut so, Robert!"

"Ich weiß nicht. Vielleicht würde es einiges klären..."

"Das glaube ich nicht! Ich kann dir sagen, was passieren würde, Robert!"

"Und was bitte?"

"Er käme hier vorbei, würde mit einem hochroten Kopf bei dir klingeln und dich dann gleich beim Kragen packen."

"Und dann?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Vielleicht - wenn er verhältnismäßig ausgeglichen ist -

würde er eine ernste Warnung aussprechen. 'Lassen Sie in Zukunft die Finger von meiner Frau!' oder so ähnlich würde sich das anhören."

Robert verzog das Gesicht.

"Dein Mann ist doch keine Figur aus diesen alten Wildwest-Filmen!"

"Er benimmt sich aber so."

Robert schien das Ganze zu amüsieren.

"Wie ginge es dann weiter?"

"Vielleicht würdest du einen Kinnhaken abbekommen, vielleicht auch eine ausgewachsene Tracht Prügel..."

"Klingt nicht sehr verlockend."

"Was würdest du tun, Robert?" Sie schien auch zunehmend Gefallen an dieser Art der Gedankenspielerei zu entwickeln.

"Mein Mann ist über eins neunzig groß und ein ziemlich breiter Schrank."

"Kein Problem, Nadine!"

Robert griff blitzschnell unter sein Jackett und zog eine Pistole hervor. Nadine erschrak.

"Mein Gott, Robert! Das... Das wusste ich bisher nicht!"

"Habe ich dir nicht erzählt, dass ich Sportschütze bin und eine Waffen besitze?"

"Doch, das wohl. Aber ich wusste nicht, dass du sie ständig bei dir trägst!"

Er zuckte mit den Schultern. "Ich habe oft genug die Opfer von Gewalttaten vor Gericht vertreten müssen. Wir leben in einer gefährlichen Zeit und ich möchte nicht eines Tages selbst zu diesen Opfern gehören."

Sie atmete tief durch. "Ja, das verstehe ich. Aber wenn man so etwas sieht, verschlägt es einem im ersten Moment einfach die Sprache..." Dann blitzte es in ihren Augen. "Würdest du meinen Mann erschießen, wenn er hier auftauchen würde?"

Er nickte. "Warum nicht? Wären damit nicht alle meine Probleme gelöst? Ich hätte dich endlich für mich gewonnen..."

Sie lächelte freundlich und fasste seine Hand. "Leider ist das wohl kein gangbarer Weg", meinte sie.

"Weshalb nicht?"

"Du scherzt! Aber im Ernst: Weil die meisten Morde irgendwann einmal aufgeklärt werden. Bei Autoeinbrüchen ist das anders, da hat man als Täter eine Chance. Aber nicht als Mörder, Robert."

Sie lachten beide herzhaft. Der Wein hatte sie bereits etwas beschwipst und ihre Zungen gelockert.

"Weißt du, weshalb die meisten am Ende gefasst werden?", fragte sie und gab auch gleich die Antwort: "Weil sie keinen wirklich guten Ort wissen, an dem man die Leiche verstecken kann!"

"Man könnte meinen, du hättest praktische Erfahrungen auf diesem Gebiet!"

"Nein. Ich habe nur jede Menge Romane gelesen." Um ihre Mundwinkel spielte ein schwer zu deutendes Lächeln.

"Angenommen, mein Mann wäre hier aufgetaucht, hätte dich zur Rede gestellt, vielleicht auch angegriffen und du hättest ihn erschossen... Wo hättest du die Leiche versteckt? In den Fluß geworfen? Im Garten vergraben?"

„Nun ja, ich wohne hier am Vogelfelsen, vergiß das nicht. Du hast doch schon oft den herrlichen Blick in das Inntal bewundert. Hier gibt es viele kleinen Grotten und Klüfte, die keinen Leichnam wieder hergeben würden. Es hat schon seinen Grund, warum dieses Gebiet hier Vogelfelsen heißt. In wenigen Wochen wäre nichts mehr von deinem Robert vorhanden. Nicht zu vergessen den Inn. Ein wenig weiter östlich zwischen der Eisenbahnbrücke und dem Fünferlsteg bildet der Inn viele Strudel und gibt nichts mehr her. Und gleich darüber ist der Stadtfriedhof. Ein wahrhaft idealer Ort!“ Er lachte leise vor sich hin.

"Bevor wir uns weiter darüber unterhalten, Schatz: Möchtest du zum Schluss noch einen Cappuccino?"

"Oh, ja, gerne."

"Gut, dann gehe ich schnell in die Küche und mach uns einen!"

Sie sah ihm nach und dann fiel ihr Blick auf die restlichen Stücke der Eistorte, die zu schmelzen begonnen hatten. Nein, es wäre doch wirklich zu schade drum gewesen! Die Torte musste schnellstens wieder eingefroren werden, wenn man sie noch retten wollte! Nadine zögerte nicht lange. Sie kannte sich in Roberts Bungalow, der wie ein Nest in den Vogelfelsen gebaut war, gut aus, fast wie zu Hause.

Sie nahm die Torte und lief mit ihr in den Keller, wo sich die Vorratskammer befand. Diese war direkt in den Felsen geschlagen. Nadine stand zwei Tiefkühlschränken gegenüber, die vermutlich mit Delikatessen angefüllt waren.

Nadine wusste nicht, in welchen die Torte gehörte.

Sie versuchte es beim rechten Eisschrank und öffnete die Tür.

Die Torte fiel ihr vor Schreck aus der Hand, als sie in das ihr wohlbekannte Gesicht ihres Mannes blickte.

Alfred Bekker: NACH ALL DEN JAHREN

An dem Tag, als Koslowski entlassen wurde, regnete es Bindfäden. Aber das konnte ihm heute nicht die Laune verderben.

Er hatte die Jahre abgesessen, die man ihm und seinen Komplizen damals, nach dem Banküberfall aufgebrummt hatte.

Koslowski war jetzt wieder ein freier Mann - und nicht nur das!

Bald würde er auch ein reicher Mann sein!

Koslowski lächelte, als er mit dem Handkoffer vor den Toren der Strafvollzugsanstalt stand und sich hinter ihm das Tor schloss.

Der Überfall damals, das war vollendete Stümperei gewesen. Zu dritt waren sie in die Bank gestürmt, hatten mit Revolvern herumgewedelt und 500.000 DM erbeutet.

So weit so gut.

Doch dann war alles schiefgegangen.

Ihre Flucht war schlecht vorbereitet gewesen und so hatte die Polizei nicht allzu viel Mühe gehabt, sie der Reihe nach einzufangen: den rothaarigen Schröder, den hitzköpfigen Paslak und ihn, Rudi Koslowski.

Während der Flucht hatten sie sich getrennt, um sich später an einem vereinbarten Treffpunkt zu beratschlagen. Koslowski hatte die Beute bei sich gehabt und war den Verfolgern am längsten ent- wischt.

Er war als Letzter festgenommen worden - nicht ohne zuvor noch nach einem guten Versteck für die Beute zu suchen.

Es hatte schnell gehen müssen, aber noch gerade geklappt.

Koslowki verzog das Gesicht. Niemand hatte das Geld bisher gefunden, nicht die Kripo und nicht seine Komplizen. Vor Gericht hatte Koslowski eisern geschwiegen, was ihm ein paar Jahre mehr eingebracht hatte.

Doch es würde sich lohnen...

Schröder und Paslak waren schon seit geraumer Zeit wieder auf freiem Fuß. Aber sie standen vor dem Nichts, während Koslowski einem Neuanfang in Rio entgegensah...

*

Ein Wagen kam heran.

Es war das Taxi, das Koslowski sich bestellt hatte. Das Taxi hielt und bevor Koslowski einstieg sah er sich einmal gründlich um.

Dann stockte er auf einmal.

Sein Blick blieb an einem Wagen haften, der auf der anderen Straßenseite geparkt hatte. Einen Sekundenbruchteil nur sah er das Gesicht des Fah- rers, dann war es zurück in den Schatten getaucht. Aber dieser kurze Augenblick hatte ihm völlig genügt, um es zu erkennen.

Koslowski fühlte seinen Puls bis zum Hals schlagen...

Schröder! dachte er. Das Gesicht des Rothaarigen würde er in seinem Leben nicht mehr vergessen...

Der Mann auf dem Beifahrersitz war dann wohl Paslak. Sie hatten ihm hier aufgelauert, in der Hoffnung, dass Koslowski sie zur Beute aus dem Überfall führen würde...

Koslowski kniff die Augen zusammen, warf seinen Koffer auf den Rücksitz des Taxis und rief zum Fahrer: "Sehen Sie zu, dass Sie den Wagen dort drüben abhängen, wenn er uns folgt!"

*

Der Taxifahrer war ein Meister seines Fachs, gerade so, als wäre es sein täglicher Job, irgend- welche Verfolger abzuhängen. Nachdem Koslowski ihm einen saftigen Aufschlag versprochen hatte, fuhr er wie der Teufel. Ihn hätten wir damals als Fahrer dabeihaben müssen, nicht diesen nervösen Paslak! dachte Koslowski bitter. Aber das war jetzt alles Schnee von gestern.

"Die Kerle sind nicht mehr hinter uns", meinte der Taxifahrer. "Wo soll's jetzt hingehen?"

Koslowski atmete tief durch und sagte es ihm.

Jetzt keine Zeit mehr verlieren! ging es ihm durch den Kopf.

Zum Geldversteck und dann auf und davon. Die Schakale, die hinter ihm her waren, würden seine Spur schon bald wieder aufgenommen haben - wahrscheinlich viel früher, als ihm lieb sein konnte.

*

Sie fuhren durch ein Wohngebiet und Koslowski runzelte die Stirn. Der Regen hatte indessen aufgehört.

"Wo soll ich Sie hier absetzen?" meinte der Taxifahrer.

"Was reden Sie da?" schimpfte Koslowski. "Bring- en Sie mich dorthin, wohin ich Ihnen gesagt habe!"

Der Taxifahrer seufzte.

"Das meine ich ja. Wir sind da. Dies ist die Straße, die Sie mir genannt haben!"

"Ach was, hier müssten Wiesen mit Bäumen sein. Und ein paar Bullen auf der Weide!"

Der Taxifahrer schüttelte den Kopf und lachte.

Und was er dann sagte, war für Koslowski wie ein Schlag vor den Kopf.

"Hier ist schon lange keine Wiese mehr! In den letzten Jahren hat man hier ein Wohngebiet errichtet!"

*

Koslowski mußte schlucken.

"Es hat sich alles so verändert...", murmelte er dann. "Ich war jahrelang nicht hier, müssen Sie wissen... Fahren Sie langsamer!"

Der Taxifahrer nickte.

Koslowskis Blick glitt die schmucken Bungalows entlang, die hier jetzt standen, oft genug von weiträumigen Grundstücken umgeben. Einige hatten sogar Swimming-Pools. Koslowski suchte nach Orientierungspunkten, nach Dingen, die sich nicht ver-

ändert hatten. Verzweifelung machte sich mehr und mehr in ihm breit. Wenn hier alles umgegraben worden war, dann waren die 500.000 DM von dem Über- fall am Ende gar auf einer Schutthalde gelandet!

Und dann sah er den Baum.

Ja, dachte er. Einen solchen Baum gab es nur einmal. Er war verkrüppelt und halb gespalten. Vermutlich war irgendwann einmal der Blitz hinein- gefahren. Es war genau der Baum, unter dessen knorrigen Wurzeln er damals das Geld vergraben hatte!

Der Baum war also noch da! Warum nicht auch das Geld?

Hoffnung keimte in ihm auf.

"Anhalten!" befahl Koslowski.

"Soll ich warten?"

"Ja", sagte Koslowski nach einigem Zögern.

Er konnte das Geld jetzt - am hellichten Tag - sowieso nicht holen. "Ich komme gleich wieder!"

Und damit stieg er aus. Wenig später stand er an dem hohen Zaun, der das Anwesen von der Straße trennte.

Ein Mann kam den Bürgersteig entlang, blieb ebenfalls vor dem Grundstück stehen und holte umständlich einen Schlüssel hervor, mit dem er das Zauntor öffnete.

"Ist das Ihr Haus?" fragte Koslowski.

"Nein", sagte der Mann. "Ich bin nur der Gärtner!" Er trat an Koslowski heran. "Ein schönes Anwesen, nicht wahr?"

"Ja, kann man wohl sagen." Und bei sich dachte er: Hier gibt es bestimmt eine Alarmanlage! "Wem gehört übrigens das Haus?

Einem Fabrikanten?"

"Aber nein!" meinte der Gärtner. "Sehen Sie, der Mann, dem dieses Haus jetzt gehört, war mein Vorgänger als Gärtner. Der ursprüngliche Besitzer hatte sich finanziell übernommen und konnte das Anwesen nicht halten, und da kam dieser Gärtner und kaufte es. Er soll im Lotto gewonnen haben oder so etwas in der Art..."

Koslowski verstand. "Ach, wirklich?" zischte er verkrampft.

Es hatte wohl nicht mehr viel Sinn, nach dem Geld zu graben... Koslowski atmete tief durch. "Sagen Sie, das Beet um den verkrüppelten Baum herum - hat das zufällig Ihr Vorgänger angelegt?"

Der Gärtner runzelte die Stirn. "Woher wissen Sie das?"

ALFRED BEKKER:EIN HAI IM SWIMMING-POOL

Es war eine Villa in traumhafter Umgebung. Die Leiche schwamm angekleidet im Swimming-Pool. Fünf Schüsse hatten den großen, kräftig wirkenden Mann mit den bereits angegrauten Haaren getötet.

"Ich habe alles so vorgefunden und sofort die Polizei angerufen", sagte seine Frau, eine elegant gekleidete Mittdreißigerin. Kommissar Gernot stand nachdenklich daneben und sah den Kolegen von der Spurensicherung zu, wie sie den Tatort absuchten. Ein bißchen hatte Gernot bereits über das Opfer erfahren. Jürgen Ritter, 38, Geschäftsmann. Das klang besser, als es war, denn Ritter war weithin als gnadenloser Kredithai verschrien gewesen.

"Haben Sie eine Idee, wer Ihren Mann ermordet haben könnte?"

"Nein", sagte Patricia Ritter sehr schnell.

"Überlegen Sie gut. Ich weiß, daß es für Sie jetzt nicht leicht ist, darüber zu reden..."

"Wissen Sie, mein Mann kämpfte im Geschäftsleben immer mit harten Bandagen..."

Gernot nickte. "Fünf Schüsse... Da hat jemand große Wut gehabt", stellte er etwas sachlicher fest. "Ich brauche die Kundenlisten Ihres Mannes."

"Mit der Firma habe ich nichts zu tun", sagte Patricia Ritter schulterzuckend. "Unsere Büros sind in der Stadt. Sprechen Sie doch mit Herrn Marksen, das ist der Partner meines Mannes.

*

Björn Marksen saß hinter einem dicken Eichen- schreibtisch und sah Kommissar Gernot durch dicke Brillengläser hindurch an. "Eine furchtbare Sa- che", murmelte er, nachdem der Kommissar geendet hatte."Und Sie denken, daß einer unserer Kun- den...?"

"Nun, Ihre Firma ist ja dafür bekannt, nicht gerade mit Samthandschuhen vorzugehen, wenn sie Ihre Schulden eintreibt", versetzte Gernot.

Marksens Gesicht wurde steinern. "Wir haben vielen Menschen geholfen", stellte er fest.

"Sie vergeben Kredite an Leute, die bei keiner Bank noch Geld bekommen würden und treiben sie da- mit vollends in den Ruin."

"Wollen Sie mich beschimpfen?" giftete Marksen.

"Ich brauche Ihre Kundenlisten und will mit den Mitarbeitern sprechen!" Kommissar Gernot zeigte Marksen einen Durchsuchungsbefehl. "Fangen wir mit Ihnen an. Wie wird sich Ritters Tod auf die Firma auswirken?"

Marksen runzelte die Stirn. "Sein Tod ist natür- lich ein unersätzlicher Verlust, das ist klar", sagte er einem Ton, den Gernot als Heuchelei emp- fand.

Gernot hakte nach. "Ich meine finanziell."

"Finanziell sind wir gegenseitig durch eine Lebensversicherung abgesichert", sagte Marksen. "A- Aber schließen Sie daraus jetzt nichts Falsches. Ich habe für die Tatzeit ein Alibi. Ich hatte Ge- burtstag und ein gutes Dutzend Gäste eingeladen."

*

In der Firma waren noch zwei Sekretärinnen sowie ein junger Mann mit schlaksiger Figur und scheuem Auftreten beschäftigt.

Er hieß Benrath und war für die Buchhaltung zuständig.

Besonders gesprächig war er nicht. Die beiden Sekretärinnen waren dafür um so redseliger. "In letzter Zeit wirkte Herr Ritter irgendwie bedrückt", meinte die eine von ihnen und ihre Kollegin war derselben Ansicht.

"Ja, er war auch oft beim Arzt. Ich weiß das genau, weil ich die Termine absprechen mußte."

"Bei was einem Arzt war er?" fragte Gernot.

"Bei einer Psychologin, Dr. Inge Borowski. Viel- leicht haben ihn die Drohanrufe so mürbe gemacht."

"Drohungen?" echote Kommissar Gernot. Die beiden Sekretärinnen sahen sich an, dann sagte die Ältere der beiden: "Das kommt immer wieder mal vor. Aber einer ist in letzter Zeit besonders aufgefallen... Er hat sich nie mit Namen gemeldet, aber ich habe seine Stimme wiedererkannt! Er heißt Holgar Ser- ner."

*

Kommissar Gernot trieb Serner in seiner Stammkneipe auf, wies sich aus und sagte ihm gleich, worum es ging. "Sie haben Ritter telefonisch bedroht. Ihm würde etwas passieren und so weiter..."

Serner hatte dicke Augenringe und ein eingefallenes Gesicht.

"Dieser Mann hat mich rui- niert!" sagte er bitter. "Er hat mir einen Kredit aufgeschwatzt und mir eingeredet, ich könnte damit mein Haus retten! Aber stattdessen ist der Schuldenberg groß geworden, daß ich zwei Leben bräuch- te, um ihn wieder abzuzahlen!"

"Ich habe mich erkundigt, Sie besitzen eine Sportpistole vom selben Kaliber wie die Kugeln, die in Ritters Körper steckten."

Serner trank sein Bier auf und seufzte. "Ich weine diesem Kerl keine Träne nach!" sagte er. Aber ich habe ihn nicht umgebracht."

"Wo waren Sie am Donnerstag abend zwischen sechs und acht?"

"Zu Hause. Allein."

Also kein Alibi, dachte Gernot. "Können wir zu Ihnen nach Hause gehen und Sie zeigen mir Ihre Waffe?"

"Ich habe die Waffe verkauft. Sie wissen, daß ich nicht gut bei Kasse bin und da kam jemand, der einen unwahrscheinlichen Preis dafür bot..."

"Wer war das?"

Serner hatte noch nicht geantwortet, da tönte plötzlich der Wirt durch den Schankraum. "Ist hier ein Kriminalkommissar?

Telefon für Sie!"

*

Am Abend besuchte Kommissar Gernot noch einmal den Tatort, die Villa der Ritters. Zu seiner Überraschung traf er dort neben Patricia Ritter auch Benrath, den unscheinbaren, schlaksigen Buch halter an. Den Gläsern nach, die auf dem Tisch standen, hatten die beiden Sekt getrunken.

"Gibt es etwas zu feiern?" fragte der Kommissar.

Benrath blickte zu Boden und Patricia Ritter rieb nervös die Hände aneinander.

"Was wollen Sie damit sagen?" zischte sie.

Der Kommissar blieb ruhig.

"Vielleicht feiern Sie ja die Nachricht, daß Ihre Lebensversicherung ausgezahlt wird, Frau Ritter ebenso wie die zugunsten von Herrn Marksen, der in dieser Runde eigentlich noch fehlt!" Gernot wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern fuhr fort: "Der Tod Ihres Mannes dürfte aufgeklärt sein."

"Wer hat ihn ermordet?" fragte Patricia Ritter und verschränkte dabei die Arme. Sie wirkte abwei- send. Gernot lächelte dünn.

"Niemand", erwiderte der Kommissar. "Die Obduktion hat ergeben, daß Ihr Mann an Tablettenvergiftung gestorben ist.

Selbstmord also. Nach Auskunft seiner Psychologin litt er schon seit langem an Depressionen..."

"Das ist doch Unfug!" fauchte Patricia. "Weswegen sollte er Depressionen haben?"

Gernot zuckte die Schultern. "Zum Beispiel, weil seine Frau ein Verhältnis mit seinem Buchhalter hatte... Außerdem ging es mit der Firma bergab und er wußte nicht, wie er die Talfahrt stoppen konnte. Er hat Tabletten genommen und ist gestorben. Aber bei Selbstmord zahlt keine Versicherung. Sie, Frau Ritter haben nicht zuerst die Polizei angerufen, sondern Benrath. Und der erinnerte sich an Serner, einen Sportschützen in finanzielle Nöten. Er fuhr hin, kaufte ihm die Waffe ab und dann wur- den damit die Schüsse abgegeben und alles so arrangiert, daß es wie Mord aussah."

Einen Augenblick lang sagte niemand etwas, dann brachte Benrath heraus: "Es war Marksens Idee. Ich habe ihn auf seiner Geburtstagsfeier angerufen und er meinte, das die Firma den Bach runtergeht, wenn die Polizei einen Selbstmord annimmt!"

Gernot nickte. "Ich muß Sie bitten, mit aufs Präsidium zu kommen."

Hendrik M. Bekker: Preisnachlass wegen Geisterbefall

Gruselkrimi aus Ostfriesland


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„Davids“, meldete sich Theodor Davids am Telefon. Einen Moment war nichts im Hörer zu vernehmen.

Dann begann ein Mann zu sprechen. Es begann für Theodor wie immer. Er bekam eine kleine Lebensgeschichte erzählt. Am Ende dann wurde der Termin vereinbart.

Theodor war ein Mittvierziger und seit fast zwanzig Jahren in der Maklerbranche tätig. Er überprüfte die Adresse während des Telefonats im Internet. Ostfriesland, nahe Emden.

Er würde sie sich erst morgen ansehen. Jetzt noch von Oldenburg rauf zu fahren war ihm zu lang. Die Stadt war der Erbverwalter und wollte die Immobilie schnell loswerden.

*

 

Es war ein stattliches Haus, eher die Villa eines Gutsbesitzers als ein alter Bauernhof.

Viel hatte Theodor bei der Stadtverwaltung nicht erfahren. Das Haus war vermutlich sehr alt, mit Grundmauern aus dem Mittelalter. Theodor ahnte, was das hieß: Schwer zu vermitteln, da alle Renovierungsarbeiten in Konflikt geraten konnten mit dem Denkmalschutz. Einerseits veränderte das Denkmalschutzsiegel die mögliche Käuferschicht, andererseits wurde sie damit auch kleiner. Viel Geld fand sich eben nur bei wenigen. Die letzte Besitzerin war an Herzversagen gestorben, nach einer Woche von ihrem Zivi gefunden worden, der regelmäßig nach ihr schaute.

Ein Auto hielt in der Einfahrt. Patrick „Paddy“ Schuman stieg aus.

„Was haben wir genau?“, fragte er.

„Alte Frau, tot. Das Haus gehört nun, mangels Erben, der Stadt. Es soll weg, du sorgst dafür, dass es leer wird. Vierzig Prozent für die Stadt. Es gibt ein paar Interessenten, denke ich. Ist allen lieber als eine Zwangsversteigerung“, erklärte Theodor kurzangebunden. Paddy nickte. Er arbeitete seit Jahren mit Theodor zusammen. Er war Gebrauchtwarenhändler und hatte einen großen, viel über das Internet handelnden Laden: „Von Antiquitäten bis Zündstoff“, und ein großes Lager in Bremen.

Sie gingen zur Tür und Theodor schloss auf.

„Geschmackvoll“, bemerkte Patrick. Sie betraten einen Flur mit dunklem roten Teppich und einer großen alten Standuhr. Patrick strich mit prüfendem Blick über das Holz der Uhr.

Sie wanderten durch die Räume, bald getrennt voneinander, jeder versunken in seine eigenen Gedanken, prüfend nach den eigenen Kriterien schauend.

Plötzlich stockte Theodor, als er eine Bewegung ausmachte. Etwas helles Weißes war aus dem Flur verschwunden, als er ihn betreten hatte.

Er folgte dem oder der, was es auch war, in die Küche. Er riss die Tür auf und sah sich um. Es gab nur zwei Türen, eine zur Vorratskammer und eine ins Esszimmer.

In der Vorratskammer war niemand. Sie war doppelt so groß wie ein Kleiderschrank und bis auf ein paar Einmachgläser in den Regalen völlig leer.

Theodor versuchte die nächste Tür. Als er sie öffnete, sank ihm das Herz in die Hose. Dort stand eine Frau mit schwarzem, glattem Haar in einem weißen Kleid vor ihm. Ihre Augen waren von einem so intensiven Blau, dass er sofort an Kontaktlinsen dachte. Sie sah ihn traurig an wie einen toten Verwandten. Er erwartete, dass sie gleich anfangen würde zu weinen, doch das Gegenteil geschah.

Ihre Züge verzerrten sich zu einer wütenden Fratze und sie schlug nach ihm.

Es fühlte sich an, als schlüge sie nicht mit der geballten Faust nach ihm, sondern als krachte ein Stück kaltes Eisen gegen seinen Brustkorb.

„Paddy“, rief er panisch, doch mehr als ein Keuchen brachte er nicht zustande, als er zurücktaumelte.

Beim zweiten Versuch gelang ihm ein lauter Ruf. Die Frau trat einen Schritt auf ihn zu. Theodor hatte Angst vor noch so einem Schlag und versuchte ihr zuvorzukommen. Er schlug nach ihrem Kopf, doch seine Hand glitt hindurch wie durch Nebel. Kurz wurde ihr Kopf dabei durchsichtig und schemenhaft, dann wieder fest und undurchsichtig.

„Was zum... “, schaffte Theodor noch zu sagen, bevor ihn ein weiterer ihrer Schläge traf. Erneut fühlte er sich wie von einer Eisenstange getroffen.

Inzwischen hatte Patrick den Raum betreten. Er sah die Frau, die auf Theodor zuging und den am Boden liegenden Theodor. Er zählte eins und eins zusammen.

„Hey Sie“, rief er. Die Frau blieb stehen und wandte sich nun ihm zu.

„Weg von ihm, klar? Ich schlage auch Frauen, das gehört für mich zur Emanzipation“, rief Patrick angriffslustig.

Die Frau verschwand. Theodor und Patrick blinzelten. Innerhalb eines Lidschlags war sie einfach weg.

„Was zum Geier?“, platzte es aus Patrick hervor.

Theodor stand langsam auf und rieb sich die Schulter.

„Du sagst es“, murmelte er.

„Wo ist die hin?“

„Keine Ahnung, Paddy.“

Plötzlich schrie Patrick auf. Er flog einen Meter nach vorne und konnte gerade noch rechtzeitig die Arme heben, um sich abzufangen.

Hinter ihm stand die Frau. Wütend sah sie die beiden an.

„Komm“, rief Theodor und zog Patrick auf die Beine. Er schrie es immer wieder, wie von Sinnen, obwohl die Frau sich mit völliger Ruhe und beinahe gleichmütig bewegte.

Sie rannten ins Esszimmer, von dort in den Flur und aus der Haustür.

Die Frau schien keine Anstalten zu machen, sie zu verfolgen.

Patrick wollte zu seinem Auto, doch Theodor zog ihn mit zu seinem.

„Keine Zeit“, war sein Kommentar. Sie hechteten hinein und Theodor fuhr mit aufheulendem Motor los.

Im Rückspiegel konnte er die Frau in der offenen Haustür entdecken. Ihm lief ein eiskalter Schauer den Rücken herunter.

„Was war das, was war das nur?“, murmelte Patrick und schwieg. Doch das Schweigen schien ihm noch weniger zu behagen und er fragte in die Stille hinein: „Was tun wir nur?“

Langsam ging Theodor vom Gas und begann sich wieder an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten.

Ja, was nun?, ging es ihm durch den Kopf.

„Zur Polizei“, stellte Theodor zu seiner eigenen Überraschung fest. Es war das Erste, was ihm einfiel.

Es verwunderte ihn ziemlich.

„Was?“

„Da ist eine Irre im Haus, die da nicht hingehört“, erklärte Theodor und versuchte sich und Patrick dabei zu beruhigen. „Wir sind hier nicht in einem Clint Eastwood-Film. Ich habe keinen Revolver. Ich lass das Leute regeln, die dafür bezahlt werden. Sie schmeißen sie raus.“

Patrick atmete mehrmals tief durch.

War sie nicht übermenschlich stark gewesen? Es war alles so schnell gegangen. Was war Einbildung, was Übertreibung?

Patricks Gesicht verlor langsam die starke Röte.

„Ja, ist gut“, stimmte er schließlich zu. „Emden ist das nächste Revier, oder?“

*

„Nun, wir waren da“, erklärte Wachtmeister Martins.

„Und?“, fragt Patrick ungeduldig. Seit zwei Stunden saßen er und Theodor auf der Wache in Emden und warteten auf die Rückkehr der Streife, die man zum Haus geschickt hatte.

Die beiden hatten zwar auf mehr bestanden, doch hatte man ihnen die Geschichte von der Frau nicht ganz abgekauft. Erstmal hatte man von ihnen einen Alkoholtest verlangt. Da der negativ ausfiel, war dann ein Wagen mit zwei Polizisten losgeschickt worden, um sich der Sache anzunehmen.

„Ja, nix“, stellte Wachtmeister Martins fest. „Keine Frau, keine Sachbeschädigung. Nur ‘ne geöffnete Tür und Ihr Auto, Herr Schuman. Das haben wir Ihnen auch mitgebracht, Schlüssel war ja am Bund, den Sie uns für das Haus gegeben hatten. Die Haustür haben wir auch verschlossen, nicht dass da doch noch einer was klaut. Sind zwar hier nicht in der Bronx, aber Gelegenheit macht Diebe.“

„Sie war nicht da?“, hakte Theodor nach.

Wachtmeister Martins schüttelte den Kopf.

„Ne, und jetzt wären wir dankbar, wenn Sie gehen. Kommen Sie wieder, wenn auch was zu tun ist. Mehr als ‘ne Anzeige wegen Hausfriedensbruch gegen Unbekannt ist hier nicht drin.“

*

Theodor verabschiedete sich von Patrick und fuhr nach Hause.

Mit einer Tasse Tee in den Händen setzte er sich schließlich vor den Fernseher und versuchte sich zu entspannen.

Sicher war das nur irgendeine Irre gewesen. Sie war nicht einfach verschwunden, sondern nur sehr schnell gewesen. So schnell, dass er es eben mit der Angst bekommen hatte. Das konnte ja mal passieren, und wenn man erst mal in Panik war ...

Gerade als er sich soweit hatte, dass er bereit war, alles auf Stress zu schieben, klopfte es an der Tür.

Theodor zuckte regelrecht zusammen und etwas Tee schwappte auf seine Hose.

Er stellte die Tasse ab und blickte stirnrunzelnd in Richtung Hauseingang. Wer mochte das so spät noch sein?

Es war seit einer Weile schon dunkel und er wohnte etwas außerhalb.

Vielleicht Patrick? Theodor beschloss, auch ihm einen guten Tee zu machen. Für Patrick aber vielleicht eher mit Schuss, damit er sich auch beruhigte.

Theodor öffnete die Tür und erstarrte. Das da war definitiv nicht Patrick!

Der Mann, der im Eingang stand, war nicht älter als Theodor. Der Mann hatte rabenschwarzes Haar, das er zu einem Zopf gebunden trug. Er war mit einer Cargohose, einem dunklen T-Shirt und einem Ledermantel bekleidet und blickte Theodor mit stechenden grauen Augen an.

„Theodor Davids?“, fragte er höflich. Er hatte eine tiefe Stimme, gut geeignet, um einen Ansager zu machen. Theodor nickte.

„Mein Name ist Emmius Brookmer. Ich hörte von ihrem Vorfall heute, den die Polizei nicht weiterverfolgen will. Ich biete Ihnen an, mich des Problems anzunehmen“, erklärte er.

Theodor hob skeptisch die Augenbrauen. „Das war vermutlich eine Landstreicherin, eine Diebin, die mir einen Schrecken eingejagt hat. Was wollen Sie da bitte groß tun? Sie verprügeln? Ich brauche keinen Rausschmeißer.“

Emmius verzog das Gesicht zu einem wissenden verschwörerischen Lächeln.

„Wir dürften beide wissen, dass es keine Landstreicherin war“, erklärte er.

„Was denn dann bitte? Etwa ein Geist?", fragte Theodor aufgebracht. Seine Stimme verrutschte dabei um eine Oktave nach oben.

„Ja, möglich ist es", erwiderte Emmius. Theodor klappte der Mund auf.

„Lassen Sie gut sein, Mann und schlafen Sie Ihren Rausch woanders aus.“

„Ich bin Emmius Brookmer vom Orden der Nachtwache“, erklärte nun der Fremde ruhig.

Er klang dabei fast feierlich.

„Ach, und Sie sind Geisterjäger?“

„Auch.“

„Was denn bitte sonst noch?“

„Die Nachtwachen jagen alle Geschöpfe der Nacht, die die Menschen plagen. Vampire, Werwölfe, Incubi und Geister sind genauso unsere Beute wie Kobolde, Wechselbälger oder verfluchte Gegenstände.“

Theodor wollte lachen, laut lachen über diesen armen, offensichtlich irren Mann.

Doch er zögerte. Etwas in ihm glaubte dem Mann. War denn die Frau heute nicht seltsam gewesen? Hatte ihr Schlag nicht etwas Fremdartiges, Übernatürliches gehabt?

„Woher wissen Sie davon?“, fragte Theodor, um etwas Zeit zum Nachdenken zu bekommen.

„Wir haben eine Ordensvertretung in Emden und bekommen Nachricht, wenn sich Dinge ereignen“, erwiderte Emmius ausweichend.

Er kratze sich am stoppeligen Kinn und schien nach den richtigen Worten zu suchen.

„Ich sehe ein und verstehe, dass Sie skeptisch sind“, setzte er an, „aber ich kann Ihnen vielleicht helfen. Geben Sie mir einfach eine Chance.“

In Theodors Kopf rasten die Gedanken, Zweifel und Neugier wechselten im Takt seines Herzschlags.

„Okay“, entschied er dann.

„Gut. Nehmen Sie die Hausschlüssel. Wir fahren sofort los.“

Als Emmius sich umwandte und zu dem offensichtlich ihm gehörenden Opel Kadett ging, konnte Theodor sehen, dass der Mann ein Schwert auf dem Rücken trug. Worauf hatte er sich da nur eingelassen?

*

Das Haus lag dunkel da. Die Nacht wurde von einem klaren Halbmond beschienen. Nur wenige Wolken trübten das Licht kurz.

„Herrlich, nicht?“, fragte Emmius.

„Was?“

„Der Sternenhimmel. Man kann hier, so weit von den Lichtern der Stadt, mit bloßem Auge manchmal Sternennebel am Himmel sehen.“

Auf Theodors befremdlichen Blick hin fügte Emmius hinzu: „Nur weil ich meinen Job mache, muss ich nicht blind sein für eine schöne Blume am Wegesrand.“

Theodor schüttelte langsam den Kopf. Er war im Nirgendwo mit einem Irren mit Schwert auf Geisterjagd.

Sie gingen zur verschlossenen Haustür. Das Abschließen hatte ja die Polizei erledigt.

Langsam wurde Theodor mulmig zumute.

„Wenn sie so nett wären“, bat Emmius mit Blick auf die Tür.

Theodor folgte seinem Blick einen Moment verdutzt, bevor er begriff.

„Ja, natürlich.“

Er öffnete die Tür und trat hinter Emmius ein.

„Und nun?“, fragte Theodor in die Stille hinein. Vor ihnen lag der Flur im Dunkeln.

Emmius sah sich kurz um, fand den Lichtschalter und betätigte ihn.

Im Licht sah der Flur plötzlich nur noch halb so unheimlich aus.

„Ist nur halb so gespenstisch, nicht?“, fragte Emmius.

Er ging den Flur entlang und sah in die abgehenden Räume.

„Jetzt muss sie nur noch auftauchen“, setzte er an. „Haben Sie etwas Bestimmtes berührt, als sie kam, oder“, weiter kam Emmius nicht. Hinter der Tür, die er öffnete, stand sie. Die Frau in Weiß.

Sie verzog das Gesicht zu einem Schrei und schlug nach ihm.

Theodor schrie entsetzt auf, als Emmius nach hinten gegen die Wand geschleudert wurde.

Die Frau trat durch die Tür auf Emmius zu, doch dann hielt sie inne.

Ihr Blick wandte sich Theodor zu und es blitzte in ihren Augen. Sie erkannte ihn, wurde Theodor plötzlich klar. Mit schnellen Schritten kam sie auf ihn zu. Gerade als ihre Hand ihn berühren wollte, trat eine Klinge aus ihr hervor. Sie schnitt durch sie hindurch wie durch Nebel und die Frau löste sich auf. Emmius stand nun da, das Schwert noch immer fest umklammert. Die silberne Klinge schien leicht zu leuchten.

Langsam verblasste es.

„Nächstes Mal würde ich an Ihrer Stelle einfach weglaufen oder ausweichen“, bemerkte Emmius und entspannte seine Haltung. Er behielt das Schwert locker in der Rechten.

„Nächstes Mal?“, fragte Theodor entsetzt. „War es das nicht? Ist sie nicht weg?“

Emmius schüttelte den Kopf.

„Die Magie, die die Seele hier hält, ist ungebrochen. Ich habe sie nur ... wie erkläre ich das Ihnen? Sie ist zerteilt, muss sich neu zusammensetzen und sammeln.“

Emmius nahm einen Ring aus der Tasche, den ein für Theodors Geschmack viel zu großer Bernstein zierte.

„Jeder Geist hat einen Grund, hier zu sein“, erklärte Emmius. „Manche sind es wegen Gefühlen, Rache, Liebe oder etwaigen offenen Rechnungen. Das ist aber selten. Manche sind hier, weil sie ein Zauber bindet. Danach suche ich damit.“

Er hielt den Beinsternring hoch.

„Direkt aus der Zweigstelle Emden geliehen. Er verstärkt mein Gespür für verzauberte Dinge. In einem normalen Haus sollte da dann auch nichts sein.“

Theodor nickte, als würde er alltäglich über derartig absurde Dinge reden.

Eine Weile wanderte Emmius scheinbar ziellos durch das Haus. Er nahm immer mal wieder etwas in die Hand, betrachtete es und stellte es dann zurück.

Theodor folgte ihm im Abstand von ein paar Metern. Einerseits wollte er weder stören noch etwas abkriegen. Wer garantierte ihm, dass diese Magie für ihn nicht irgendwie gefährlich war?

Andererseits wollte er in Emmiuss Nähe sein, falls der Geist erneut auftauchte.

Sie waren inzwischen im zweiten Stock. Emmius öffnete eine Tür in etwas wie ein Gästezimmer und erstarrte. Der Bernstein an seinem Ring glomm aus seinem Innersten heraus.

Ansonsten wurde das im Dunkel liegende Zimmer nur von der Frau in Weiß erhellt. Regungslos stand sie da und blickte aus dem Fenster. Trauer lag in ihren Zügen.

Sie schien in weite Ferne zu schauen.

Theodor hielt den Atem an aus Angst, sie könnte ihn bemerken.

Tatsächlich ging ein Ruck durch sie und sie blickte zu ihnen.

Doch kein Hass veränderte ihre Züge. Sie sah nur müde und enttäuscht aus.

Ihr Blick wanderte zur Decke. Dann plötzlich fixierte sie Emmius.

Sie löste sich auf, verblasste wie Rauch und war einfach weg.

„Warst du das?“, fragte Theodor und vergaß völlig, dass Emmius ein Fremder für ihn war.

Emmius schüttelte den Kopf.

„Das war sie. Vielleicht will sie uns etwas sagen!“

„Vielleicht?“

„Wäre jeder Geist gleich, wäre das alles viel einfacher. Da es mal Menschen waren, sind sie alle verschieden, alle etwas eigen, will ich mal sagen.“

„Und was, denkst du, wollte sie sagen?“

Er deutete auf die Decke.

„Dachboden?“, spekulierte Emmius. Er zuckte die Schultern.

„Es ist einen Versuch wert und besser als nichts tun“, stellte er pragmatisch fest. Es führte eine schmale, sehr steile Treppe zum Dachboden herauf.

Mit Taschenlampen bewaffnet stiegen sie hinauf, Emmius mit gezücktem Schwert, was bei der steilen Treppe alles andere als leicht war.

Der niedrige Dachboden war voller Gerümpel aus vielen Generationen. Im Dunkel schwebte der Geist.

Emmius fasste das Schwert fester, doch in dem Moment war der Geist schon wieder verschwunden.

Emmius ging zu der Stelle, an der der Geist gewesen war, und hielt den Ring hoch. Er leuchtete wieder, Theodor kam es sogar so vor, als ob er stärker leuchtete als zuvor.

„Das ist es“, hauchte Emmius. Theodor trat neugierig näher.

„Was ist es?“

„Die Lösung.“ Emmius deutete auf kleine Zeichen, die quer über einen alten Balken des Dachgestühls verliefen.

„Dieses Geschmiere? Ich denke, das waren die Kinder der Besitzerin, als sie klein waren“, sagte Theodor ungläubig. Manche Zeichen schienen sich zu wiederholen, fiel ihm auf.

Emmius leuchtete die Zeichen mit seiner Taschenlampe an und fuhr sie mit dem Finger nach.

„Das sind Hexenrunen. Sie berichten von einer Frau“, er zögerte. „Diese hier wurden von einer Hexe geschrieben, die jemanden bestrafen wollte. Sie hat die Tochter des Hausherren verflucht, als Geist hier auf ewig zu wandeln.“

„Wieso? Was hat sie getan?“

„Es gab da wohl einen Mann“, erklärte Emmius und entfernte ein paar Spinnweben, die ihm die Sicht versperrten.

„Der Mann umwarb die Frau, aber sie spielte mit ihm. Dann muss ihr Geist nun hier ewig ausharren.“

„Wieso steht das dort alles?“

„Hexenrunen sind kompliziert. Ich kann sie lesen, würde aber nicht wagen, sie zu verwenden. Ein Zauber damit muss Wer, Warum und eine Auflösung enthalten.“

„Auflösung?“

„Ein Ausweg. Wie man den Geist befreit, den Zauber bricht.“

„Und wie?“

„Das fehlt hier“, stellte Emmius resigniert fest. „Sie muss echt sauer gewesen sein. Es verstößt gegen die Regeln der meisten Hexenschwesternschaften. Damals war es sicher nicht anders, das hätte eine schlimme Strafe für sie bedeutet.“

Er sah sich die Runen genauer an. Dabei schüttelte er langsam den Kopf.

„Wie kann man den Geist nun befreien?“

„Hier“, sagte Emmius und drückte Theodor sein Schwert in die Hand.

„Ich werde geschwächt durch das Ritual, das ich vorhabe. Falls ich unterbrochen werde, kann das böse enden, vor allem für mich. Du musst mich verteidigen.“

„Wieso sollte der Geist das verhindern?“

„Sie wird es vielleicht nicht absichtlich tun, aber das Auflösen des Zaubers wird ihr vielleicht eine Form von Schmerz verursachen.“

„Aber... “, setzte Theodor an, doch Emmius brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

Emmius drehte den Ring, so dass der Bernstein in seiner Handfläche war, und hielt in nahe über die erste Rune.

„Magie ist Wille“, rezitierte Emmius leise. Theodor hatte nicht das Gefühl, dass Emmius mit ihm sprach. Es war eher wie ein Mantra, sein persönliches Vaterunser.

„Mein Wille verändert die Realität, denn er ist ein Teil von ihr. Wie ein Wassertropfen auf die Oberfläche schlägt und Wellen verursacht, so verursache ich etwas.“

Die letzten Worte waren bereits so leise, dass Theodor sie kaum verstand.

Emmius schien noch mehr zu sagen, doch es war nun zu leise.

Theodor wandte mühsam den Blick ab und sah sich auf dem Dachboden nach der Frau in Weiß um.

Er hoffte inbrünstig, dass er nichts sehen würde, was bedrohlich war. Er wimmerte leise, als er doch etwas sah. Sie. Langsam, fast gemächlich, kam sie auf ihn zu. Ihr Gesicht war eine Mischung aus Neugier und abgrundtiefer Abneigung.

„Bleib stehen“, sagte Theodor und versuchte dabei so selbstsicher wie möglich zu klingen.

Er war ein erwachsener Mann, verdammt! Wut stieg in ihm auf. Das würde er doch hinkriegen, dachte er.

Er warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah, dass Emmius die Augen geschlossen hatte. Er murmelte immer noch und inzwischen leuchtete der Stein am Ring stark.

Die Hälfte der Symbole war inzwischen verschwunden! Das Holz wirkte an diesen Stellen leicht verbrannt. Es erinnerte Theodor an vernarbte Haut.

Schmerz traf Theodor und ließ ihn zurücktaumeln. Der Geist hatte ihn geschlagen, es brannte wie Feuer, wo ihn die Faust berührt hatte. Er zwang sich zur Ruhe und umklammerte das Schwert mit beiden Händen.

Seine Knöchel traten weiß hervor.

Er holte aus und schlug, einen Schrei auf den Lippen, nach der Frau. Sie wich einen Schritt zurück und schlug erneut nach ihm.

Diesmal brachte ihn der Schmerz so aus der Fassung, dass er hinfiel.

Verzweifelt hielt er das Schwert umklammert.

„Emmius“, rief er entsetzt, doch dieser hörte ihn scheinbar nicht. Oder, ging es Theodor durch den Kopf, er ignorierte ihn.

Theodor riss sich zusammen und sprang auf. Er vollführte einen senkrechten Hieb gegen den Geist. Wieder wich sie ihm mit Leichtigkeit aus.

Verzweifelt hackte und schlug Theodor nach ihr, so dass er sie schließlich doch traf!

Sie stöhnte kurz auf, dann löste sie sich in Rauch auf.

Theodor blickte sich euphorisch nach Emmius um.

„Ich hab‘s geschafft!“, jubelte er triumphierend.

Emmius stand immer noch flüsternd und in sich versunken da. Theodor konnte sehen, wie das letzte Symbol regelrecht schmolz. Es schien einfach flüssig zu werden und mit dem Holz zu verschmelzen.

Emmius öffnete die Augen, Schweiß bedeckte seine Stirn.

„Es ist vollbracht“, stellte er mit schwacher Stimme fest. Als Theodor ihm die Klinge reichte, benutzte Emmius sie als Stütze.

„Glückwunsch“, bemerkte Emmius beiläufig. „Du hast den Geist vertrieben.“

Er steckte das Schwert schließlich weg und ging zur Treppe. Seine Schritte waren etwas unsicher, so als wäre er müde oder geschwächt.

Theodor folgte ihm eilig. So ganz geheuer war ihm das dunkle Haus doch noch nicht.

„Wenn wir sie befreit haben“, überlegte Theodor, als sie zum Ausgang des Hauses gingen, „warum griff sie dann an? Nur wegen der Schmerzen?“

„Schmerzen können eine ziemliche Motivation sein. Vielleicht waren es aber auch Jahrhunderte der Wut und Verzweiflung? Wie lange kann ein Verstand in einem Gebäude ausharren, ohne verrückt zu werden?“, spekulierte Emmius.

„Wo ist sie dann nun hin?“, kam Theodor ein Gedanke.

„Wie, wohin?“

„Himmel, Hölle, Nirwana? Wenn es Geister gibt ...“

„Das zu wissen ist nicht an uns“, erklärte Emmius entschieden. „Die Nachtwache ist ein evangelischer Orden. Wir sind zufrieden damit, dass wir es irgendwann herausfinden werden. Wir glauben an einen gerechten Gott.“

Theodor kratzte sich nachdenklich am Kinn.

„Geister“, murmelte er.

„Macht es dich nachdenklich?“

Theodor nickte. „Es wirft Fragen auf, wenn es Geister gibt.“

Emmius lächelte wölfisch. „Stelle dir dann mal vor, was es zu grübeln gibt, wenn das dein Beruf ist.“

„Wenn sie wiederkommt... “, setzte Theodor an, als sie die Haustür erreichten.

Emmius unterbrach ihn.

„Wird sie nicht. Falls aber doch, sei unbesorgt. Wir, die Nachtwache, werden davon erfahren.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und ging zu seinem Wagen. Theodor sah zu, wie er in der Dunkelheit verschwand.

ENDE

Hendrik M. Bekker: Die Anhalterin

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© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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Es war inzwischen völlig dunkel geworden, die Uhr teilte mir mit, dass wir uns elf Uhr näherten, und die dunkle Landstraße rauschte an mir vorbei. Es war eine laue Sommernacht, ich versuchte nicht einzudösen. Ich fuhr einen Chrysler Voyager, inzwischen schon einige Jahre alt, aber immer noch zuverlässig. Während ich mich gedanklich darauf freute, endlich wieder zu Hause zu sein, in dem kleinen Haus, das wir uns gekauft hatten, in Wybelsum, Ostfriesland, ging ich in Gedanken noch einmal das Gespräch am Vormittag durch. Ich hatte in Bremen mit einem Verlagsvertreter geredet und alles in allem einige gute Abmachungen hinbekommen.

Auf dem Rückweg hatte ich nun leider die Autobahn verlassen müssen, vier Staus lagen so, dass ich die gesamte Strecke eher auf der Landstraße schaffen würde, als über die Autobahn.

Plötzlich blitzte etwas entfernt auf, angeleuchtet von meinem Fernlicht. Zwei Streifen von einer Jacke reflektierten das Licht. Ich trat ein wenig auf die Bremse, nicht dass mir eine Betrunkene noch vor den Wagen fällt und ich mit hundert Sachen drüber bretter. Die Person bemerkte meinen herannahenden Wagen und streckte den Arm zu einer unverkennbaren Geste heraus.

Im Allgemeinen nehme ich keine Anhalter mit, nicht weil ich etwas gegen diese Art zu reisen habe, sondern eher weil ich genau weiß, dass ich beim Fahren so abgelenkt bin, dass jemand es leicht schaffen könnte mich zu überwältigen, wenn er es geschickt anstellt. Heute war es anders. Einer spontanen Laune folgend, wurde ich langsamer und hielt neben der Person. Sie trug tatsächlich eine Regenjacke, dunkelblau, mit grünen Reflektorstreifen. Es war ein junges Mädchen, vielleicht auch eine junge Frau, irgendwo zwischen Volljährigkeit und Abitur.

Ich überlegte, was ich sagen sollte, etwas wie: „Wissen deine Eltern, dass du hier bist“, wäre im besten Fall spießig gewesen, im schlimmsten Fall hätte es meiner Meinung nach wie eine Anmache geklungen, was, wenn man bedenkt, dass ich altersmäßig eher ihr Vater sein könnte, ungünstig gewesen wäre.

„Können Sie mich mitnehmen?“, fragte sie unvermittelt, als ich das Fenster herunter ließ.

„Wohin soll‘s denn gehen?“, erwiderte ich. Sie blickte einen Moment seltsam und sagte dann: „Emden, oder zumindest die Richtung.“

„Fahr ich“, erwiderte ich. Ich wohnte tatsächlich, von uns aus gesehen, „hinter“ Emden, so dass ich dort vorbeikommen würde. „Was willst du denn da?“

„Ich will nach Hause, da wohne ich, Friesenstraße 32, man vermisst mich sicher schon“, erwiderte sie. Ich nickte. Mehr wollte ich eigentlich nicht wissen, ich würde, wenn wir da waren, ihre Eltern fragen. Sie stieg ein und schweigend fuhren wir. Zwischendurch versuchte ich eine Unterhaltung zu beginnen, doch mehr als ihren Namen, Lena Sobroken, und dass sie die Musik im Radio ähnlich ätzend fand wie ich, bekam ich nicht aus ihr heraus.

Langsam näherten wir uns Mitternacht und sie wurde zunehmend unruhiger.

„Was ist?“, fragte ich, als es mir zu viel wurde. Musste sie auf die Toilette?

„Nichts, es ist nur so, dass ich um zwölf zu Hause sein muss“, erklärte sie. Wir hatten noch acht Minuten bis Mitternacht und würden in einer Viertelstunde da sein. Das zumindest verriet mir das Navi.

„Gibt‘s doll Ärger?“, fragte ich. Ich nahm an, dass die Eltern das wollten. Wobei ich langsam neugierig wurde, was sie soweit draußen gemacht hatte.

„Nein, es ist aber trotzdem wichtig, können Sie schneller fahren?“, fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf. „Hör mal, noch schneller, und ich kriege ein Knöllchen, und bisher bin ich ohne ausgekommen.“

Ich war inzwischen auf der Hauptstraße und musste mich konzentrieren, um keinen der Fußgänger zu überfahren, die mit einer Selbstverständlichkeit „eben mal“ die Straße überquerten, als könnte man meinen Wagen überhören.

Meine Armbanduhr piepte, Mitternacht. Ich bog in die Friesenstraße ein und blickte zur Seite. Der Platz neben mir war leer. Ich machte eine Vollbremsung und, Gott sei Dank, war niemand hinter mir, so dass ich keinen Unfall verursachte. Sie war weg. Ich stieg aus dem Wagen und kontrollierte den Kofferraum und die hinteren Bänke, immerhin bot der Wagen einiges an Platz sich zu verstecken. Doch nichts.

Ich stieg wieder ein und fuhr zur Friesenstraße 32, wo ein kleines rotes Backsteinhaus stand, in dessen Fenstern Licht brannte.

Als ich an der Tür klingelte, machte mir ein Mann um die 40 auf und blickte mich skeptisch an. „Ja bitte?“

„Entschuldigen Sie, das ist jetzt eine längere Geschichte, aber kennen Sie eine Lena Sobroken?“, fragte ich. Er wirkte auf einmal sehr niedergeschlagen und seine Schultern schienen ein Stück herabzusacken.

„Ja, die kenne ich“, erwiderte er traurig. „Sie schickt uns jedes Jahr jemanden“, erklärte er.

Ich hob fragend eine Augenbraue und er öffnete die Tür. „Kommen Sie rein“, sagte er und führte mich in eine kleine Küche.

„Nicht zu laut, bitte, meine Frau schläft schon. Sie nimmt es immer sehr mit, wissen Sie. Tee?“, fragte er. Ich nickte, völlig perplex. Er stellte mir eine Tasse Tee hin und setzte sich mir gegenüber.

„Was meinen Sie mit‚ jedes Jahr schickt sie jemanden‘?“, fragte ich.

„Was ich sage. Meine Tochter, Lena, starb vor fünf Jahren, wissen Sie. Sie war in Oldenburg mit Freunden auf einer großen Veranstaltung und ihre beste Freundin verlor sie aus den Augen. Einige Tage später fand die Polizei ihre Leiche in einem Feld. Jedes Jahr nun kommt an ihrem vermutlichen Todestag ein Mann oder eine Frau zu uns und berichtet uns von einem Mädchen, das als Anhalterin hierhin wollte und verschwunden sei.“

Ich redete noch eine ganze Weile mit Herrn Sobroken über den Fall, bis er mich verabschiedete und ich nach Hause fuhr.

Seltsam? Aber so steht es geschrieben.

ENDE

Kapitel 1:

Aufgehende Saat


„Ich hole nur kurz Zigaretten“, meinte ihr Prinz, ehe er die Wohnungstür hinter sich zuzog und verschwand. Doch inzwischen dauerte die Kürze schon zwei Tage an, denn seitdem hatte er sich nicht mehr bei ihr gemeldet.

Freilich überlegte sie, ob sie zur Polizei gehen solle. Aber weil es öfters vorkam, dass er mit seinen Kollegen oder anderen Bekannten bei einem Bier versackte, wartete sie ab.

Allerdings piesackte die lauernde Ungewissheit ihren Empfindungssitz, denn niemals zuvor war er auch nur eine Nacht weggeblieben. Überdies ging das Wochenende dem Ende entgegen und in der morgigen Frühe musste er wieder zur Arbeit gehen, worauf man sich bei ihm immer verlassen konnte.

Erneut zuckte ihr unruhiger Blick über die Bilder an den Wänden, auf denen sich das einstige Eheglück zeigte. Folgend stand sie in der Küche und setzte sich einen starken Kaffee auf. Kaum war er fertig, trank sie die achte Tasse an jenem Sonntag, denn sie wollte nicht schlafen. Immerhin sorgte sie sich um ihren Prinzen, weshalb sie es nicht versäumen wollte, wenn er nach Hause kam oder ihr zumindest eine Nachricht zukommen ließ.

Diesbezüglich war es entmutigend, denn es gab einfach keine Botschaft von ihm. Also fragte sie sich, was bloß geschehen sei. Wo blieb er nur? Hätte er nicht wenigstens anrufen können?

Wiederholt starrte sie zur Wohnungstür, durch die er gegangen war, um zur nächsten Gaststätte zu gehen. Somit ging er vor zwei Tagen über den städtischen Marktplatz und zückte sein Portmonee. Sogleich kramte er nach dem passenden Kleingeld, das er soeben für den Zigarettenautomat bereithielt.

Mit dem Erreichen der Gaststätte streckte er seine nikotinsüchtige Hand nach der Türklinke aus und öffnete die Eingangstür mit einem kräftigen Ruck. Unverzüglich fiel ihm beim Betreten des Gastraumes diese weibliche Versuchung auf, die rechter Hand allein am Tisch saß.

Achtsam prüften seine Pupillen, wie viele Gläser auf ihrem Tisch standen, um eine denkbare Begleitung auszumachen. Jedoch vertiefte sich die verzückte Annahme, dass sie allein war, denn es gab nur ein einziges Weinglas. Also zog die weibliche Versuchung all seine Gedanken auf sich und sein sexuelles Verlangen erwachte.

Während er auf den Zigarettenautomat zusteuerte, konnte er seinen interessierten Blick nicht mehr von ihr abwenden. Obendrein schien sie unerreichbar, weil sie ihn nicht eines einzigen Blickes würdigte. Folglich war er geknickt, als er die Zigaretten an sich nahm.

Anstatt nun zu seiner Frau zurückzukehren, musste er sich trotz der vermeintlichen Sinnlosigkeit an einen freien Tisch setzen, von dem aus er einen direkten Sichtkontakt zu der weiblichen Versuchung hatte.

Irgendwann musste sie zu ihm herübersehen, dachte er, bevor der Kellner fragte: „Was möchten Sie trinken?“

„Ich hätte gern ein kühles Bier und der bezaubernden Dame am gegenüberliegenden Tisch servieren Sie bitte ein Glas des Weines, den sie gerade trinkt!“, wies er den Kellner an.

„Selbstverständlich“, nickte der Kellner zustimmend und verschwand hinter der Theke.

Parallel dazu beobachtete der faszinierte Prinz, wie gelassen die Versuchung ihr Glas erhob, derweil sich ihre edlen Lippen schieden. Folgend saugte sie ganz langsam einen Schluck des feudalen Getränkes, wodurch sich ihre erotische Anziehungskraft wesentlich vergrößerte.

Endlich kam der Kellner mit dem Bier und wünschte: „Auf Ihr Wohl, mein Herr.“

Anschließend trat er an den Tisch der weiblichen Versuchung und servierte den Wein. Deswegen sah sie ihn verdutzt an, womit sich ein Moment der Unsicherheit zeigte. Errechnend ahnte der treulose Prinz, sie sei doch nicht unerreichbar.

Nachdem der Kellner der weiblichen Versuchung erklärt hatte, von wem das Glas Wein komme, schaute sie erstmals zu dem Prinzen hinüber. Insofern merkte er, wie sie ihn musterte. Dabei wurde ihm heiß und kalt, obgleich er Haltung bewahrte. Dagegen packte ihn in seinem Inneren diese fahrige Unruhe und brennende Fragen schändeten ihn. Was hielt diese abendliche Episode für ihn bereit? Entsprach er ihrem männlichen Idealbild oder verriegelte sie die Tür zu ihrem Bett?

Die rettende Erlösung folgte, indem sie ihm zulächelte und ihr Glas in seine Richtung schwenkte. Nach diesem Zuprosten nahm auch er sein Glas zu den Lippen und bejubelte den Moment mit einem gefälligen Poussieren seiner Augen.

Als die Gläser wieder standen, blieb der Blickkontakt bestehen. Ferner zwinkerte er ihr zu, was sie mit einem liebreizenden Lächeln beantwortete. Folglich ahnte er, um ihre Bekanntschaft zu machen, müsse er die Initiative ergreifen. Also nahm er seinen gesamten Mut zusammen und steuerte zielstrebig ihren Tisch an. Nun fragte er durchdacht: „Gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setze?“

„Bitte, setzen Sie sich!“, drang es durch ihre Lippen und spätestens jetzt war seine Frau vergessen. Also setzte er sich neben die weibliche Versuchung und suchte hastig nach dem vereinnahmenden Inhalt für ein anregendes Gespräch. Schließlich sei nichts schlimmer, als sich nach dieser geglückten Annäherung zu einem Langweiler zu entpuppen, beachtete sein Denkvermögen.

Vorsichtig erkundigte er sich: „Was verschlägt eine solch stattliche Dame in diese verschlafene Stadt?“

Schmunzelnd meinte sie: „Ich wohne hier.“

Diese Aussage betäubte seinen Verstand und verwundert ermittelte er: „Warum sind wir uns noch nie begegnet?“

Die Antwort schuldig bleibend erhob sie sich, wonach sie sich entfernte.

Nun überkam ihn eine berechtigte Furcht. Offenbar habe er sich ihr zu sehr aufgedrängt, peinigte es in seinem Hirn. Sicherlich ödete er sie mit seiner Neugier an und eine nächtliche Affäre endete, ehe sie begann. Entsprechend konnte er ihr nur noch hinterherstieren, womit er bereits Abschied nahm. Dabei erspähten seine Augen diese traumhafte Figur. Immerhin waren es die Maße eines Topmodels, die für zusätzliche Seelenqualen sorgten.

Allerdings ging sie lediglich auf die Toilette, woraufhin dieser letzte Hoffnungsschimmer, dass sie möglicherweise doch noch zurückkehre, ihn erfasste. Komme sie wieder, machte er sich bewusst, liege die Verwirklichung eines Seitensprunges einzig in ihrem Ermessen.

Abrupt endeten seine Gedankengänge, denn er konnte sich nur noch auf ihre erscheinende Gegenwart konzentrieren. Hierzu naschte er ihr unaufhaltsames Näherkommen, bis sie wieder an dem gemeinsamen Tisch saß.

Jetzt agierte sein Empfindungssitz selbständig, weshalb sich jegliche Verkrampftheit und die Suche nach den passenden Worten lösten. Sonach wurde die Atmosphäre immer impulsiver. Letztlich konnte auch die Schließung des Lokals einer sympathischen Zuneigung keinen Schluss aufzwingen und nachdem er beim Begleichen der Rechnung ihre Getränke komplett übernommen hatte, kaufte er noch eine Flasche ihres lieblichen Weines.

Sogar das bestellte Taxi wartete schon, als sie auf die Straße traten. Also setzten sie sich vergnügt auf die Rückbank und ließen sich zu ihrer Wohnung chauffieren.

Die Arme ineinander eingehakt liefen sie das Treppenhaus hinauf, bis sie vor ihrer Wohnung standen. Dort beobachtete er gierig jedes Detail ihres schlanken Körpers, indes sie in gebückter Haltung die Tür aufschloss. Fortfahrend bat sie ihn herein, wonach seine Erwartungen auf ein einschneidendes Erlebnis in die Höhe stiegen.

Doch zunächst lenkte sie ihn ins Wohnzimmer, in dem er sich auf die Couch setzte. Unterdessen ging sie in die Küche, um zwei Weingläser und einen Korkenzieher zu holen. Im Anschluss öffnete er die Flasche und schenkte den Wein in die Gläser ein.

Zeitgleich setzte sie sich neben ihn, womit seine Erwartungen bereits übertroffen wurden. Als sie sich nun auch noch bei ihm einschmiegte, wusste er, diese Nacht werde sein Leben verändern. Dann schauten sie sich innig in die Augen und führten die Gläser zum Mund. Kaum standen die Gläser wieder, nahm er sie behutsam in den Arm und küsste sie auf ihre sanften Lippen. Aber schon konnte er sich nicht mehr zurückhalten und es kam zu aneinanderschlagenden Maßlosigkeiten ihrer feuchten Zungen.

In diesen Momenten der geschlossenen Augen wusste er, sie sei für ihn bereit. Also schenkte er ein letztes Mal von dem Wein nach, um einen hohen Prozentsatz an beharrlicher Energie zu tanken, die er für die bevorstehende Nacht benötigte.

Während es anschließend zu weiteren Küssen kam, wollte er sie besitzen. Darum gondelten seine Hände über ihren zarten Körper und packten schließlich ihr Gesäß. Aber bevor er seinen Besitzanspruch auszukosten begann, erdröhnte ein lautes Geräusch im Zimmer.

Es war das Telefon, das schellte und die leidenschaftliche Atmosphäre zerschnitt. Entsprechend achtete er auf das Gesicht der weiblichen Versuchung, die sich von der Couch erhob. Dabei schenkte sie ihm keinerlei Beachtung.

Nun ging sie an ihr Telefon und flugs breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Jedoch änderte sich ihr Gesichtsausdruck, woraufhin ein regelrechtes Entsetzen aus ihren Augen funkelte. Zwar versuchte sie, das Gespräch zu beeinflussen, aber die Stimme am anderen Ende der Leitung redete unaufhörlich auf sie ein, sodass sie nicht zu Wort kam.

Plötzlich senkte sie den Telefonhörer und verweilte in einer völligen Starre.

In jenem Zeitraum wagte er nicht, sie anzusprechen, denn es war offensichtlich, dass sie eine äußerst schlechte Nachricht entgegengenommen hatte.

Seine Geisteskraft ermittelte innerhalb seiner grauen Zellen, ob sein sexuelles Verlangen an dieser Stelle abriss oder nicht. Allerdings fand er kein befriedigendes Ergebnis. Es blieb ihm nur die Hoffnung.

Endlich geschah etwas, denn ihr unfügsamer Blick streifte wild durch das Zimmer. Auf einmal hielt er inne, wonach sie ganz ersichtlich mit der Situation umgehen konnte. Also präsentierte sie schamlos ihren Körper, indem sie die gesamte Kleidung von sich warf.

Anbietend schritt sie ins Schlafzimmer, in dem sie sich auf das Bett fallen ließ und ihm zurief: „Auf was wartest du noch?“

Sofort sprang er auf, riss sich die Klamotten vom Leib und eilte ihr nach. Dabei erreichte sein Glied den steifsten Punkt. Nebenher fantasierte sein Hirn, was sich alsbald ereignen müsse, indessen er das Bett erreichte.

„Los, leg dich auf den Rücken!“, befahl sie.

Gehorchend lag er da, unterdessen sie in der Schublade des Nachttisches wühlte. Im Ergebnis ging seine Fantasie mit ihm durch, denn vor seinen Augen pendelten diese Handschellen, die mit rosafarbenem Plüsch überzogen waren. Daher verstand er, ihm widerfahre gleich ein bis zum heutigen Datum nie da gewesenes, scharfes Erlebnis.

Jetzt setzte sich die nackte weibliche Versuchung auf seine Brust und packte mit beiden Händen seinen rechten Arm, den sie in die Richtung der Querstreben des Kopfendes vom Messingbett drückte. Schon legte sie den geöffneten mehrzahnigen Metallring der Handschelle um sein Handgelenk und ließ ihn in den Schließmechanismus einrasten. Hinterher klinkte sie den anderen Ring an die äußerste Querstrebe ein.

Widerstandslos ließ er auch mit seinem linken Arm verfahren und billigte die fesselnden Höhepunkte.

Sogleich lutschte sie sich an seinem rechten Bein hinunter, dessen Bewegungsfreiheit sie mit einer weiteren Fessel einengte, indem sie das Fußgelenk an die äußerste Strebe des unteren Bettendes fixierte. Ebenso zähmte sie das linke Bein, wonach er sich freute, ihren Lüsten ungeschützt ausgeliefert zu sein. Erwartungsvoll stöhnte er: „Erbarme dich meiner Geilheit und verabreiche mir eine überdurchschnittliche Erlösung!“

Erhaben richtete sie sich auf und er genoss den Anblick ihres nackten Körpers, wozu er ächzte: „Nun mach schon!“

Doch der geforderte Akt blieb aus, wodurch sich sein Verlangen weiterhin steigerte. Hierzu gingen die Gedanken restlos mit ihm durch und er vermutete den goldenen Regen: „Oh ja, tu es endlich! Lass Gold auf mich herabregnen!“

Allerdings verwehrte sie auch dies. Aber wenigstens wandte sie sich ihm zu: „Hast du den Gipfel des Verlangens erreicht?“

„Ja“, flehte er, „nimm mich!“

Fehlinterpretierend schnürte sie die angeschwollene Aufrichtung mittels eines Zwirnfadens, den sie gemeinsam mit den Handschellen aus dem Nachttisch genommen hatte, ab. Im Ergebnis glaubte er, das Garn durchtrenne stellenweise sein Geschlecht. Außerdem waren die empfundenen Schmerzen unerträglich, wodurch er lauthals aufschrie: „Du Nutte, was hast du vor?“

Freilich wollte sie von den Nachbarn unbemerkt zum Höhepunkt kommen. Daher stopfte sie ihm einfach ein Taschentuch in den Mund, womit das Klagen verstummte.

Obendrein folgte ein fragwürdiger Rückzug, denn sie stand auf und verließ das Schlafzimmer. Insofern war er mit seinen Gedankengängen allein, denen er sich auch widmete. Gründlich suchte er nach einer anschaulichen Erklärung für diese Pein, aber er fand keine.

Hingegen schien sie ganz genau zu wissen, wie sich die nächtlichen Stunden weiterentwickeln sollten. Vorerst rastete sie im Wohnzimmer, in dem sie sich für die Fortführung des Begonnenen wappnete. In Anspruch nehmend streckte sie ihre rechte Hand nach einer Machete aus, die an der Wand direkt über der Couch hing.

Ihre Gesichtszüge waren starr, derweil sie den Griff der Machete umklammerte und zu ihrem Gast zurückkehrte. Ausgereift begehrten seine Gedanken, gebe es nur die geringste Möglichkeit, von hier zu verschwinden, wäre er längst bei seiner Frau. Aber es bot sich keine Gelegenheit. Folglich musste er weiterhin mit der weiblichen Versuchung vorliebnehmen, in deren rechter Hand er die bedrohliche Machete ausmachte.

Seine Augen flehten um Gnade. Gegenüber blickte sie unentwegt auf den abgeschnürten Penis, der trotz der ausgesetzten Durchblutung immer noch hoch emporstand. Folgend packte ihre linke Hand zu, indes die Machete zum Schlag ausholte. Hierbei visierten ihre Sehkräfte eine Stelle unterhalb des Zwirns an, woraufhin ein wuchtiger Hieb den aufgerichteten Penis separierte. Somit schnitt sich eine durchdringende Qual in sein gesamtes Nervenkostüm, bis sie sich in seinem Hirn sammelte und verkrallte. Folgerichtig wertete seine grauzellige Beengung die unbegreifliche Verunglimpfung aus, wonach er krakeelende Hilfeschreie durch das Zimmer sandte, die aber aufgrund der Knebelung ungehört abschwächten.

Damit war der treulose Prinz der Qual übergeben, wonach die weibliche Versuchung ins Wohnzimmer zurückging. Dabei schmückte der genommene Natur-Dildo fortwährend ihre Hand. Doch im Wohnzimmer verhärmten sich ihre Gesichtszüge. Letztlich stand ein Gang in die Küche an, um den Biomüll wegzuwerfen.

Einem körpereigenen Rausch erlegen tasteten die Pupillen des untreuen Prinzen durch das Zimmer seiner Ketten, um einen Weg nach draußen zu entdecken. Aber der gesuchte Ausweg war hermetisch abgeriegelt, weshalb er seine gespeicherte Lebenserfahrung befühlte, damit er vielleicht doch noch seine eigentlich nicht mehr überschaubare Lage berechnen konnte. Herleitend überkam ihm schnell die Erleichterung, denn er ahnte, dass sie ihren abscheulichen Schnitt längst bereue und ärztliche Hilfe herbeihole. Sicherlich werde der gleich eintreffende Notarzt mittels seiner schneidernden Fähigkeit die entwendete Männlichkeit retten, spekulierte er.

Nun gelang es dem Prinzen sogar, das Schlafzimmer zu verlassen. Folgend trat sein Begehr über die Gehörgänge ins Wohnzimmer, in dem er tatsächlich fremde Stimmen ausmachte. Aussagend war der Notarzt bereits anwesend, weswegen er auf dessen Erscheinen lauerte.

Im Endeffekt schien es trotzdem aussichtslos, denn die Zeit trieb ohne das erhoffte Werfen des ärztlichen Notankers fort. Stattdessen musste er erkennen, welcher Herkunft die vernommenen Unterhaltungen waren. Folglich stellten sie lediglich ein paar Filmsequenzen dar und die Stimme des Notarztes entlarvte sich als der auswendig gelernte Drehbuchtext irgendeines Schauspielers. Somit sah die Versuchung unbeeinflusst fern, indessen er zu Grunde ging.

Das gesamte Geschehen sei einfach unfassbar, dachte er noch, ehe sich in diesen stressigen Minuten sein gewaltiger Nikotinkonsum und der reichliche Alkoholmissbrauch rächten. Daher ereilte ihn ein starkes Druckgefühl hinter dem Brustbein. Anbändelnd strahlte diese Bedrängnis auf die linke Schulter samt dem Arm und dem Hals aus. Inzwischen war ihm übel und die Angst trieb ihm den Schweiß aus den Poren, bevor das plötzliche Erbrechen seine nackte Haut und das Bett beschmutzte. So verdeckte die Kotze seine auffällige Blässe, derweil er die eigene Atemnot diagnostizierte.

In dieser schmierigen Beklemmung sollte es einfach keine Stunde Null für ihn geben. Es war lediglich statthaft, dass jenes kontinuierliche Flimmern des Bildschirmes den Großteil der Wohnung mit der Missachtung seiner hilflosen Person belichtete. Immerhin schaute sie gerade einen Film, dessen Handlung auf ihre Tränendrüsen drückte, indes sie gemütlich auf der Couch saß und den restlichen Wein trank.

Dann kochte die emotionale Erregung über und ihre Wangen wurden benässt, währenddessen sein substanzielles Bewusstsein schwand. Letzten Endes gaben das Herz und der Kreislauf auf, womit seine sexuelle Gier unbefriedigt sowie endgültig im Bett einer beispiellosen Versuchung endete.



Kapitel 2:

Welkes Laub


An einem wolkenverhangenen Tag erblickte in der Stadt Beeskow, die achtzig Kilometer südöstlich von Berlin direkt an der Spree lag, ein Knabe das Licht der Welt. Demnach waren es die Schreie des neugeborenen Glenn, die durch das Beeskower Krankenhaus hallten und fast das Glas zum Springen brachten.

Der tragische Umstand, dass seine Mutter nicht gerade gut begütert war, sorgte nach der Entlassung aus dem Krankenhaus für den Einzug in das großelterliche Haus. Somit konnte Glenns Mama das wenige Geld, das sie verdiente, in den Gaststätten Beeskows verprassen, weil die Großeltern ständig für einen gut gefüllten Kühlschrank hafteten. Außerdem kleideten die herzlichen Grauhaare Glenn und dessen Mutter ein oder spendierten größere Anschaffungen, um die wohnliche Gemütlichkeit zu garantieren.

Auch das durch den mütterlichen Eigennutz entstandene Loch in Glenns Erziehung stopften die Großeltern, die sich durchweg um ihren Enkelsohn kümmerten. Tonangebend lenkten sie den kindlichen Werdegang auf geordnete Bahnen.

Glenns Vater, der ursprünglich aus Nordafrika stammte und bereits seit etlichen Jahren in West-Berlin wohnte, besuchte seinen Sohn jedes Jahr zum Geburtstag. Zu diesem Anlass fuhr er mit einem Wagen des Taxiunternehmens, bei dem er beschäftigt war, vor und beschenkte Glenn mit verschiedenen Süßigkeiten sowie modischen Kleidungsstücken. Dafür ließ er sich feiern, zumal niemand wissen konnte, dass er nur den billigsten Ramsch gekauft hatte.

Nachdem der Taxifahrer und sein Sohn eine Spritztour unternommen hatten, genügte der kleinste Grund, damit sich Glenns Eltern stritten. Dabei prügelte der Vater immer auf die Mutter ein, was Glenn als besonders furchtbar empfand, weil er beide Elternteile sehr liebte.

Zu fortgeschrittener Stunde kam es dann zum schmerzlichen Höhepunkt, weil der Vater die Heimfahrt antrat. Es war immer ein verlustreicher Abschied, bei dem Glenn mit verweinten Augen dem gelben Taxi-Schriftzug nachsah. Im Anschluss musste er ins Bett, um für die Schule ausgeschlafen zu sein. Überschlagend wertete er nun den Streit der Eltern aus, weshalb seine Auffassungsgabe mit einer tiefen Trauer erfüllt war. Außerdem quälte ihn diesmal die Geschichte seines Vaters, der aufgeregt berichtet hatte: „Neulich stand ich mit meinem Taxi vor einem Bahnhof und wartete auf Kundschaft, da beschimpften mich ein paar Jungen, die etwa so alt waren wie Glenn.“

„Bei solchen Kindern sollte man als Erwachsener gar nicht reagieren“, hatte die Mutter geäußert.

„Halt deine Fresse, wenn ich mit meinem Sohn rede!“, hatte der Vater geflucht, ehe er angehangen hatte, „die Bengel nannten mich Motherfucker, woraufhin ich aus dem Taxi sprang, um sie zu verprügeln. Doch ich erwischte sie nicht. Stattdessen stellte ich beim Einsteigen ins Auto fest, dass sie mich beraubt hatten.“

„Wie meinst du das, Papa!“, war Glenn erschrocken.

„Sie wollten mich nur aus dem Wagen locken. Es war ihnen klar, dass ich auf ihr Provozieren sofort reagiere und ihnen nachrenne, ohne zuvor mein Portmonee einzustecken“, hatte der Vater gezischt.

Glenns Erinnerung wich von ihm und er lag wieder im Bett. Folglich ballte er die Fäuste und schwor, niemand dürfe seinen Vater abziehen. Überdies erfassten rachsüchtige Grübeleien alle Teile seines Gehirnes, bis sich seine gedankliche Verblassung schärfte und er sich bereits inmitten seiner Schulklasse befand. Dadurch fühlte er, dass alle Augen auf ihn gerichtet seien. Scheinbar seien er und sein Vater abgestempelte Schwächlinge, denen man alles wegnehmen könne, zweifelte er. Seine Mitschüler betrachtend ordnete er sie ausnahmslos in das passende Täterbild ein, weshalb er sie augenblicklich verachtete. Fortan vermied die kindliche Ausprägung seines Verstandes jegliche Unterhaltung mit den Mitschülern und er kehrte tief in sich. Erst nach ein paar Tagen wandte er sich einzig und allein Udo zu, zu dem er seit geraumer Zeit ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte.

Mit dem Beginn der Sommerferien nahm die Mutter Glenn zu ihrer Arbeitsstelle mit, die ein großes Kombinat war, in dem eine industrielle Mast betrieben wurde. Folglich durfte er auf dieser Hühnerfarm seiner kindlichen Neugier nachgehen.

Schließlich führten ihn seine freilaufenden Erkundungen in eine riesige Halle, in der er gelb sah, denn der Boden war voller Küken.

Entgegen eines altersgerechten Verhaltens empfand er keine Freude beim Anblick des niedlichen Federviehs. Im Gegenteil, das Gelb erinnerte ihn an das abfahrende Taxi seines Vaters und die Nachgeschmäcke dessen Besuches. Zusammenbrauend drifteten Glenns Gedanken ab und er hatte eine kurze Lunte, durch die er wusste, was zu tun sei. Also setzte er wie ein drahtiger Leichtathlet einen Fuß vor den anderen, bis er die Halle viermal umrundet hatte. Im Anschluss verließ er den Zuchtraum. Allerdings tat er dies nicht, ohne sich noch einmal umzudrehen. Dabei zeigte sich ihm das Ausmaß seiner sportlichen Aktivität, denn das dargebotene Bild glich einem lebendigen Daunenteppich, dessen Umrandung regungslos war. Es war die Symbolisierung des Todes und er hatte sie vollbracht. Aufziehend erfüllte ihn ein grenzenloses Machtgefühl, wonach er unter freien Himmel trat und sich die lebensspendende Sonne auf die Haut scheinen ließ.

Doch diese Freimachung konnte Glenn nicht vor einem Unfall, den er auf der Heimfahrt mit dem Fahrrad erlitt, schützen. Es waren seine beflügelten Gedanken, die ihm die Sicht auf diese große Wurzel, die seinen Weg kreuzte, verwehrten. Entspringend schlitterte das Hinterrad weg und er brauste in den Wald, in dem es ihn über den Lenker wuchtete. Im Resultat zerfetzte die Hose, die ihm der Vater zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Betreffend ärgerte er sich, denn der Vater habe ihm die Hose gekauft, obwohl er vorher ausgeraubt worden sei.

Der einsetzende Kummer schuf ein eigennütziges Schema, denn sein betäubtes Fantasiegebilde schuf abermals eine kurze Lunte, die forderte, er solle sich erneut an unschuldige Geschöpfe vergreifen. Immerhin konnte er so über das Leben und den Tod entscheiden, wodurch er mächtiger war als das Pack, das seinen Vater beraubt hatte.

Am Nachmittag umarmte ihn die Ablenkung, denn er traf Udo auf dem Spielplatz, der sich inmitten einiger Häuserblöcke befand und zum ständigen Treffpunkt der beiden Freunde geworden war.

Unterdessen die Zeit verstrich, bemerkten sie, dass sie nicht allein seien. Schließlich war auch diese prachtvolle Katze anwesend, die nicht gerade den Eindruck erweckte, ein streunendes Tier zu sein. Im Gegenteil, das helle cremefarbene Fell, das in der Sonne glänzte, und die dunkelbraunen Points, die sich auf dem Gesicht, den Ohren, dem Schwanz und den Pfoten befanden, zeugten von der unverwechselbaren Siamrasse, die aus Gründen der kostspieligen Anschaffung garantiert einem der hier wohnhaften Mieter gehörte.

Schon bewegte sie sich geschmeidig auf die beiden Jungen zu, woraufhin Glenn seine rechte Hand nach ihr ausstreckte. Daraufhin näherten sich diese strahlend blauen, mandelförmigen Augen, sodass er behutsam begann, das Fell zu streicheln.

Nun schmiegte sie sich an seine Beine, woraufhin er das Nackenfell packte und sie in die Höhe hob.

Mit grimmigem Gesicht und strengem Tonfall forderte er Udo auf: „Halte die Katze fest!“

Udo war überrascht, aber er gehorchte trotzdem. Also nahm er das verängstige Tier an sich. Anschließend erfasste sein ahnungsloser Blick einen Strick, den Glenn aus der Hosentasche zog. Die daraus gebundene Schlinge legte er der schönen Katze um den Hals, bevor er von Udo verlangte: „Los, wir gehen zum Klettergerüst!“

Dort band Glenn das andere Ende der Schnur an die höchste Stelle der Stangenkonstruktion und ersuchte völlig lässig: „Du kannst die Katze jetzt loslassen.“

Damit endete die Schonzeit und die Angst des Tieres empfing ihren Lohn. Ringend setzte ein hektisches Zappeln ein, derweil Udo endlich erfahren wollte, warum dieses prächtige Tier sterben sollte. Allerdings verkniff er sich jegliche Fragen, nachdem er die leuchtenden Augen seines Freundes wahrgenommen hatte.

Dann erklang dieses grässliche ohrenbetäubende Gejammer, das durch die Luft hetzte und drohte, die Leute in den umliegenden Häusern aufzuschrecken. Doch Glenn reagierte und griff nach einem neben ihm liegenden Knüppel, mit dem er auf die baumelnde Katze einschlug. Insofern ließen nach dem fünften Schlag die Kräfte des gewürgten Tieres nach und eine trauernde Stille kehrte ein.

Für Glenn war diese scheinbare Selbstaufgabe noch nicht zufriedenstellend, weshalb er sich ein paar faustgroße Steine suchte, mit denen er das wehrlose Tier bewarf. Betreffend benötigte er nur zwei Würfe, um ein nochmalig elendes Wehklagen zu bewirken. Hinzu strampelte die Katze wild umher, womit ein verzweifelter Befreiungsversuch entstand, der in Udo das Erbarmen erweckte. Folglich war er nicht länger bereit, den Qualen zuzuschauen. Also griff er in seine Hosentasche und holte ein Taschenmesser heraus, mit dem er entschlossen an das leidende Tier herantrat. Er setzte einen Schnitt an, womit der Todeskampf endete, weil die scharfe Schneide den Strick durchtrennte. Nachfolgend rannte die flüchtende Katze, so schnell sie konnte.

Wenige Sekunden später war das edle Tier dem Sichtbereich der Peiniger entschlüpft und Glenn schwenkte seine Augen zu dem vertrauten Retter, dessen Weichheit er aber gelassen hinnahm. Schließlich verspürte er bereits durch die ausgeübte Macht seine Genugtuung, wodurch das Ende zur Nebensache wurde.

Endlich war wieder ein Jahr vorbei und Glenns nächster Geburtstag stand an. Folglich sehnte er den Besuch seines Vaters herbei, der aber nicht erschien. Es gab noch nicht einmal einen Brief, der das Fernbleiben erklärte. Deshalb traf mit dem Beginn der kommenden Woche ein innerlich zerrissener Junge zum Unterricht ein, auf dessen Ablauf er sich nicht im Geringsten konzentrieren konnte. Schließlich hatte ihm seine Prägungszeit zuviel abverlangt, weshalb seine Gedanken in einer großen Stadt fährteten. Betreffend weihte er am Nachmittag Udo ein: „Hör mal, ich werde einen wildfremden Menschen umlegen! Bist du dabei?“

Udo war schockiert, aber er wollte nicht als Feigling dastehen. Folglich erwiderte er: „Glenn, wenn das rauskommt, buchten sie uns ein.“

Glenn kicherte: „Die Bullen können eine solche Tat nicht aufdecken, weil es keine Verbindung zwischen uns und dem Opfer geben wird. Schließlich schlagen wir in einer beliebigen Stadt fernab von Beeskow zu.“

Udo wurde nachdenklich: „Wer weiß, wie lange es dauert, bis wir ein geeignetes Opfer finden. Wir benötigen einen vollen Tag, weshalb wir den Eltern eine passende Story auftischen müssen.“

Glenn fühlte sich verstanden: „Wir sagen einfach, dass wir den Berliner Tierpark besuchen.“

Udo versank in herrliche Erinnerungen, woraufhin seine Gedanken zum Alfred-Brehm-Haus stolzierten, vor dem er auf die riesigen Löwenstatuen kletterte. Hierzu erklomm er jedes kunstvoll gestaltete Detail, weswegen er immer seinen Eltern zurief: „Schaut her, wie wunderschön diese formvollendeten Statuen sind!“

Im Anschluss beobachteten er und seine Eltern die lebendigen Raubkatzen, von denen eine faszinierende Fesselung ausging. Entgegengesetzt waren auch die geschmeidigen Jäger gefesselt. Es war nicht der Umstand des umgebenen Käfigs, in dem sie systematisch das Gitter abliefen und die Schaulustigen anstarrten. Nein, es war vielmehr die Zeit, die sie einkreiste, bis sie endlich ihren würgenden Biss in das rohe Fleisch quetschen könnten.

Nachdem sich Udo sattgesehen hatte, verweilte er am Krokodilbrunnen, in den er ein paar Münzen warf. Hinterher steuerten er und seine Eltern einen nahe gelegenen Imbiss an, an dem sie sich stärkten. Hierbei lächelten sie sich an, denn der Ausflug in die ferne Tierwelt war erholsam und spaßig.

Doch beim nächsten Besuch solle es um die Lebenseinschränkung eines Menschen gehen, stieß es ihn in die Gegenwart zurück, wobei er ahnte, es sei kein Scherz. Immerhin verstand er Glenns konsequente Überzeugung als ehrlich. Damit blieb Udo nur noch übrig, sich eine gewisse Zeit zu verschaffen. Deshalb vertröstete er Glenn: „Einen solch abgedrehten Vorschlag muss ich mir in Ruhe überlegen.“

Fortan mied Udo Glenns Gegenwart. Zwar sahen sie sich in der Schule, aber er beachtete ihn einfach nicht. Außerdem blieb er dem Spielplatz und allen anderen gemeinsamen Treffpunkten fern. Dadurch hoffte er, dass Glenn seinen Vorschlag vergaß. Gegenüberstellend kam ein Tag, an dem sein Weg zu dem Spielplatz, wo sie sich immer getroffen hatten, führte.

Schon aus der Ferne sah Udo, dass Glenn dort war. Also trat er langsamen Schrittes an ihn heran und vernahm dessen herausgequälte Worte: „Hallo Udo, wir haben ja lange nichts miteinander zu tun gehabt.“

„Grüß dich, Glenn!“, erwiderte Udo, der ebenfalls genervt schien.

Nun hingen sie zusammen ab, weshalb Glenn punktierte: „Ich hoffe, du entscheidest dich für einen anstehenden Mord in Berlin. Dann werde ich endlich meinen heilenden Seelentrost finden.“

„Ja, mir geht es genauso“, gab Udo bereitwillig an, „es wird herrlich, wenn wir in der Großstadt zuschlagen.“

Udos geneigte Entschlossenheit hing mit einem Erlebnis vor wenigen Tagen zusammen. An jenem Datum hatte er sich auf den anstehenden Geburtstag seiner Mutter gefreut, zumal ihm seine Familie stets das Wichtigste war. Insofern sorgte dieses Fest für eine lustige Runde, in der die Gäste harmonisch schwatzten und tranken. Hinzu war in der Küche ein reichhaltiges Buffet aufgetafelt, von dem es sich die Gäste schmecken ließen, bevor sie sich protzig einer alkoholischen Orgie hingaben. Damit trafen kalte Getränke auf schweißige Ausdünstungen, wodurch ein Sturm der Lebendigkeit aufzog und Udo ins Bett wehte.

Er sei eben noch zu jung, dachte er, da betrat sein Vater das Zimmer. Wankend steuerte er das Bett seines Sohnes an und forderte lallend: „Los Udo, zeige mir deine schriftlichen Arbeiten sämtlicher Schulfächer!“

Normalerweise kümmerte sich immer die Mutter um die schulischen Angelegenheiten. Zumal sie auch ständig die Zensuren mit ihrer Unterschrift gegenzeichnete, weshalb einzig sie einen Überblick über die Leistungen ihres Sohnes hatte. Jedoch wusste Udo, dass eine Diskussion mit dem Vater sinnlos sei. Also gehorchte er und legte die pädagogischen Plagen offen.

Zunächst verlief alles ganz nett und er erntete viel Lob, bis das Familienoberhaupt den Drang verspürte, die Toilette aufzusuchen. Hierdurch war für Udo die Angelegenheit erledigt und er packte alle Aufzeichnungen zurück in die Schulmappe. Doch noch während er die Toilettenspülung hörte, betrat der Vater erneut das Zimmer.

Jetzt galt sein Interesse der Mathematik, was nicht dem Wunsch seines Sohnes entsprach. Immerhin überblickte Udo, wie sehr er bei der letzten schriftlichen Arbeit versagt habe.

Kaum lag diese Schmach seinem Vater vor, verschwand das Lächeln auf dessen Gesicht. Addierend entstand eine bedenkliche Konstellation, die vom Fusel getrieben mehrmals die flachen Hände des Vaters in Udos Gesicht schmetterte.

Erst als der Bube seine Hände schützend vor die Wangen hielt, verließ der trunkene Mann das Zimmer und unterhielt sich wieder bei bester Laune, Bier und Schnaps mit den geladenen Gästen.

Währenddessen litt Udo und ergründete das Warum. Schließlich fand er die Antwort, die für seelische Marterungen sorgte, denn er wurde wohl von der eigenen Mutter verraten. Dadurch standen ihm einige Tage des inneren Aufruhrs bevor, denn sein Verstand plagte ihn ausschließlich mit dieser Untreue. Daraus ergab sich eine Haltlosigkeit, die ihn jenseits von Gut und Böse stieß. Folglich verspürte er den Drang, jemanden zu bestrafen. Also zog es ihn zu Glenn.

Jedoch war die blutige Tat noch nicht heran. Stattdessen hielt der Frühling seinen Einzug und mit ihm kamen angenehme Temperaturen über das Land. Außerdem zeigte die Natur ihr schönstes Gesicht, weshalb es Glenn und Udo in die Wälder zog. Zielstrebig rüsteten sie sich mit einem Spaten und einer Schaufel aus, um eine unterirdische Höhle auszuheben. Fortschreitend erkoren sie ein kleines Waldstück, das unweit von Glenns Zuhause lag. Dort schnitt sich das dünne Metall ins Erdreich und nach einer Stunde waren sie einen Meter in die Tiefe gedrungen.

Danach verabschiedeten sie sich erschöpft voneinander und gingen nach Hause, wo sie duschten, ehe sie sich beim Abendbrot stärkten. Im Anschluss gingen sie zu Bett, um ihre Kräfte für den nächsten Tag zu sammeln.

Erneut war die Schule aus, weshalb sich Glenn und Udo weiter in den märkischen Boden gruben. Zum Abschluss an diesem Tag hatten sie bereits große Probleme, die entstandene Tiefe zu verlassen. Daher stand es fest, dass sie am morgigen Tag mit dem einseitigen Ausschälen der eigentlichen Höhle beginnen konnten.

Endlich waren wieder die Nacht und die Schule vorbei, da setzten sie zum Sprung in die Grube an. Aushöhlend trugen sie den Sand von der erwählten Wand ab, bis der zukünftige Eingang entstand. Damit gab es diesen auf dem Boden aufsetzenden Halbkreis, dessen Radius achtzig Zentimeter betrug. Von dort trieben sie einen drei Meter langen Tunnel ins Erdreich, von dem sie links und rechts die Erdmassen abschaben wollten.

Am folgenden Tag war es vollbracht und im Inneren konnten sie bequem sitzen. Allerdings war ihr Werk jetzt auch für neugierige Fremde interessant, weshalb sie es tarnten. Hierzu glätteten sie die Sandhaufen und verteilten ringsum ein paar morsche Äste und kleine Zweige. Für den Feinschliff sorgten kiloweise Kiefernnadeln, die sie überall verstreuten.

Damit war ein Geheimversteck entstanden, in dem sie täglich ausharrten und über die anstehende Tat in Berlin redeten.

Ebenso verhielt es sich an jenem Tag, als plötzlich Sand von der Decke rieselte. Deshalb forderte Udo: „Los Glenn, wir müssen unverzüglich die Höhle verlassen!“

„Mach dir mal nicht gleich in die Hose, du Angsthase!“, lachte Glenn und machte mit einer abfälligen Handbewegung seine Ignoranz deutlich. Er war eben absolut furchtlos und trotzte der Gefahr, währenddessen Udo es vorzog, aus der Unterkunft herauszutreten. Entkommend stand er am sicheren Rand, als die Konstellation in einem Abgrund gipfelte. Erkennbar stürzten die Erdmassen zusammen und eine finstere Last hielt Glenn dessen klägliches Dasein vor Augen.

Welche Gedanken ihn in seinen letzten Sekunden ergriffen, blieb Udo verborgen. Doch es war auch nicht wichtig, denn die Hilflosigkeit plagte ihn. Zwar schabte er die Sandmassen mit seinen bloßen Händen beiseite, aber es war sinnlos.

Seine eigenen Möglichkeiten der Rettung des Freundes waren derart begrenzt, dass er sich schnell entschloss, Hilfe zu holen. Jedoch führte ihn die Sorge zunächst auf einen ziellosen Weg, bis er endlich auf das Zuhause seines Freundes zuhielt.

Kreischend machte er auf sich aufmerksam und sputend ertasteten seine Pupillen den Großvater des Verschütteten. In der Folge schmetterte eine chaotische Formulierung der Aufklärung auf die Membranen des alten Mannes: „Glenn ist in der eingestürzten Höhle, ich konnte ihn nicht freigraben. Er ist verschüttet.“

Mit der Registrierung der schweren Situation, in der sich sein Enkelsohn befand, rief er kreidebleich seinem Nachbarn zu: „Alarmiere augenblicklich einen Rettungswagen und schicke ihn in das nahe gelegene Waldstück, weil dort Glenn mit dem Tod ringt!“

Danach rannte er mit Udo los und forderte: „Zeige mir sofort die Stelle, wo sich Glenn befindet!“

Flugs war die Grube erreicht und am Rand des beklemmenden Wahnsinns rechnete er mit dem Schlimmsten. Aber noch wollte er des Schicksals Fügung nicht wahrhaben, weshalb er kniend die lockeren Erdmassen beiseite schob.

Dann packte seine Hand tatsächlich einen Schuh, unterdessen sich die laute Sirene des Rettungswagens in seine Gehörgänge presste. Anschiebend forderte er Udo auf: „Zeige den herbeieilenden Helfern die Unglücksstelle!“, derweil er das Freilegen vorantrieb.

Kaum gesellten sich die Ersthelfer zu dem geschundenen Mann, gab dieser auf und brach in Tränen aus.

Es war einfach zuviel, weshalb er klagend die Hände vor das Gesicht hielt. Hinzu paarten sich animalische Schreie mit verzweifelten Seufzern und ein ehrliches Mitleid umgab ihn.

Trotzdem zerrten sie ihn beiseite, denn er war den Bergungsarbeiten im Weg. Folglich legten sie den kindlichen Körper rasch frei. Allerdings hatte der kurze Film der zügigen Rettung ein zu großes Zeitfenster beansprucht, weshalb der anwesende Notarzt nur noch den Tod des Jungen feststellen konnte.

Damit endete ein kurzes Leben auf tragische Weise und Glenns Mutter begann, sich selbstzerfleischende Vorwürfe zu machen. Immerhin hatte sie ihrem Kind nie die benötigte Liebe geschenkt. Stattdessen hatte sie nur ihr eigenes Leben gelebt. Überhaupt schien es, als sei Glenns gesamte Existenz sinnlos gewesen. Insofern war es nur ehrlich, als sie sich eingestand, Glenn werde sehr bald verblassen. Schließlich hatte ihr Sohn nichts Weltbewegendes hinterlassen. Wahrscheinlich kramte sie sein Antlitz nur noch an seinen künftigen Geburts- und Todestagen aus ihrem gedanklichen Archiv heraus. Ansonsten würde er aus dem Rahmen der Gegenwart herausfallen.

Anders verhielt es sich bei Udo. Für ihn geriet Glenn nicht in Vergessenheit. Genaugenommen waren da noch die Erzählungen über mögliche Opfer, wovon die geplante Fahrt nach Berlin die Krönung darstellte. Dieses fulminante Glanzstück legte in Udo eine Besessenheit frei, die in seine nächtliche Wirklichkeit ein abgestumpftes Repertoire pflanzte, woraufhin sich das Unfassbare anschloss. Folglich erspähten seine Sehorgane den todgeglaubten Glenn, der zielstrebig auf ihn zukam.

Natürlich fragte er sich, was hier geschehe. Also kramte er in der Gegenwart, um die Entschlossenheit dieser Auferstehung zu charakterisieren. Jedoch verstieß er die Beurteilung, weil Glenn mit fordernder Stimme fragte: „Was ist nun mit der mörderischen Fahrt nach Berlin?“

Genial, kitzelte es Udos Intellekt, da sei ja noch was. Letztlich wurde dieser gewünschte Ausflug dermaßen wichtig, dass jeglicher Unterschied zwischen Realität und Wahn verblasste. Daraus resultierend erkoren die beiden Freunde den morgigen Tag aus, um ihren angestauten Frust abzubauen, indem sie einen fremden Menschen kaltmachten.

Am frühen Nachmittag des Sterbedatums einer unschuldigen Person setzte sich in Beeskow der Zug nach Königs Wusterhausen in Bewegung und Glenn als auch Udo blickten in diese dunklen Kiefernwälder des märkischen Landes. Zwischendurch breiteten sich immer wieder diese weiten Felder aus, die von Menschenhand geschaffen wurden und rauschend von der heutigen Absicht sangen.

Von Königs Wusterhausen, das der Volksmund pusselig KW nannte, fuhren sie mit der S-Bahn in die Mauerstadt, in der sie am Alexanderplatz ausstiegen, um sich der Verunglimpfung zu widmen. Doch zunächst staunten sie über dieses touristische Zentrum, an dem der riesige Fernsehturm den Himmel kratzte. Ferner waren zwischen den großen Gebäuden tiefe Schluchten und schattige Schneisen entstanden, in denen man unbemerkt einzelne Individuen erwürgen könnte, wären nicht diese Massen zugegen. Also mussten sie geduldig agieren, weshalb sie schlendernd über den Alex promenierten.

Irgendwo außerhalb dieses Berliner Kernpunktes müsse das Massakrieren erfolgen, verinnerlichten sie noch, bevor sie von einer Ablenkung umhüllt wurden. Es waren diese aromatischen Düfte des reichhaltigen Imbissangebotes, die ihre aufkommenden Hungergefühle kraulten und sie ihren Selbstauftrag vergessen ließen. Überlegend mussten sie sich zwischen der Vielzahl des Appetitlichen entscheiden und schließlich eröffnete Glenn einer netten Verkäuferin: „Ich hätte gern eine Grilletta.“

Dieser Bestellung schloss sich Udo an: „Bereiten Sie mir bitte auch eine Grilletta zu!“

„Na klar“, lächelte die ansprechende Dame und wenig später überreichte sie die bestellten Ost-Hamburger, die man nur hinter vorgehaltener Hand so nennen durfte, weil der fortschrittliche Sozialismus niemals vom zerbröckelnden Imperialismus stehlen würde.

Am Stehtisch unter freiem Himmel prassten sie das westliche Ostprodukt, bis sich dieses gleichaltrige Mädchen zu ihnen gesellte. Nebenher verkündete ihr Lächeln, dass einer verbalen Kontaktaufnahme nichts im Weg stehe. Also ergriff Glenn die Initiative, indem er sie charmant ansprach: „Wie sieht es aus? Wir bewilligen dir eine kostenlose Bewirtung und im Gegenzug zeigst du uns die Stadt.“

Die Fremdenführung annehmend vereinbarten sie mehrere attraktive Anlaufpunkte, wovon der den Eltern erörterte Tierpark zur Wahrheit werden sollte. Diesbezüglich bestiegen sie die U-Bahn und fuhren dem ungezähmten Gesetz der Natur entgegen, wonach nur das Starke eine Lebensberechtigung hatte.

Jetzt galt es als sicher, dass die beiden Freunde ihre innerlich konzentrierte Aggression aus sich herausließen und die fundamentale Seligkeit erlangten. Überdies akzeptierten sie keine unnötige Zeitverzögerung ihrer Bemächtigung, weshalb die zahlenreich garantierten Besucher des Tierparks äußerst störend wirkten. Somit umgarnte Glenn das hilfsbereite Mädchen, um eine eher spärlich besuchte Sehenswürdigkeit vorzuziehen. Entsprechend folgte ein Rundgang durch ihren beheimateten Kiez, wo das Milieu der Arbeitergegend dunkle Gassen ausbreitete. Alles in allem war es ein Netz des Hinterhalts.

Schon renkte die linke Kniescheibe des behilflichen Mädchens aus, weil Glenns kurze Lunte einen wuchtigen Kick gegen das Bein gerammt hatte. Sogleich webte die ausgerenkte Patella einen qualvollen Schmerz durch ihren Körper, derweil sie den Halt verlor und stürzte.

Zunächst glaubte sie, es sei nur ein böser Traum. Doch kaum riss ihr Schinder die Arme hoch und proklamierte somit, wie böse er gerade gewesen sei, spürte sie die Gefahr für ihr Wohlergehen. Daraus ergab sich eine ihrem Alter entsprechende Reaktion, die sie die Hand vor die Augen halten ließ. Insofern hoffte sie, wenn sie ihren Peiniger nicht sehen könne, nehme auch er sie nicht wahr. Jedoch handelte es sich um eine sichtbare Fehleinschätzung, denn inzwischen umringte auch Udo die Gedemütigte, weil auch er seinen angestauten Frust, den sein schlagender Vater bewirkt hatte, loswerden wollte. Dabei war für ihn besonders vielversprechend, dass er zuvor einen Ast von einem Baum gepflückt hatte, dessen Länge und gebrochene Spitze eine ritterliche Lanze ergaben.

Außerdem hielt keiner der beiden Freunde das Verhältnis von zwei zu eins für feige. Nein, es sichere nur ihre Überlegenheit, freute sich Glenn, indessen er einen Boxhieb inmitten ihres Gesichtes platzierte. Das jetzt aus den Lippen und der Nase austretende Blut aktivierte Udo, dessen Lanze sich in den zuckenden Leib fraß, bis das letale Holz in den fortbestandsichernden Muskel biss.

Akut hörte das getroffene Herz auf zu schlagen und die Geschichte der geteilten Stadt musste ohne das zarte Pflänzchen der zutraulichen Freundlichkeit weitergeschrieben werden. Dies geistig bewältigend fühlte sich Udo großartig, ehe dieser plötzliche Lichtblitz für ein Schlottern sorgte.

Immerhin war es die Zeit einer authentisch atomaren Bedrohung, denn in Deutschland, Europa und der Welt standen sich zwei hochgerüstete Militärpakte gegenüber. Möglicherweise wärmten sich am heutigen Tag die Herren im kalten Osten mit zuviel Wodka. Vielleicht genügte aber auch in Übersee das ausgespuckte Gewicht eines wiedergekäuten Kaugummis, um einen lebensverachtenden Knopf zu drücken, damit nun der nukleare Holocaust entfacht werden konnte.

Dann vernahm Udo neben sich die Stimme seines Vaters, weshalb er sich zu ihm herumdrehte. Es folgte dieser Blick in die Augen, wonach er erleichtert feststellte, dass sein Vater den Lichtschalter getätigt hatte, um ihn für die Schule zu wecken. Besiegelt waren Glenn, das Mädchen und der Atomkrieg aus dem Jetzt zentrifugiert. Somit umhüllte ihn eine innere Aufgeräumtheit und er drückte seinen Vater, weil er glücklich war, ein Teil dieser Familie zu sein.

Synchron fragte sein Vater: „Was hast du denn geträumt? Es war so manch verächtliches Wort zu hören.“

Sich ahnungslos gebend schmunzelte Udo und machte sich für die Schule fertig.



Kapitel 3:

Grünes Gras


Nachdem der beste Freund im Inneren der Weltkugel ruhte, lebte Udo sein Leben in der urkräftigen Natur weiter. Dabei war ihm bewusst, das Entrinnen aus den Schlingen des Todes sei eine unterstützende Bestimmung, die er nutzten solle. Lebensbejahend breitete er sich aus, indem er im Gegensatz zu Glenn viele Freundschaften aufbaute.

Unterdessen die Bäume weitere Jahresringe maserten, blühte Udo restlos auf und gab sich dem Lernen sowie den Beziehungen zu seinen Mitschülern hin. Folglich belohnten ihn die Eltern mit interessanten Aufenthalten in sommerlichen Ferienlagern, in denen er eine wahre Kameradschaft kennenlernte. Gemeinschaftlich aßen die Kinder die leckere Kost aus der Großküche und gingen am nahe gelegenen See dem Badespaß nach, den einmal während eines vierzehntägigen Aufenthalts eine Neptuntaufe krönte. Den absoluten Höhepunkt bildete jedoch die geheimnisvolle Nachtwanderung mit anschließendem Lagerfeuer.

Stückweise setzten sich die beeinflussenden Fragmente seines Lebens zusammen, woraufhin er sich in die Volksgemeinschaft einfügte. Doch mit der pubertären Reifung suchte er seinen eigens definierten Platz in der Welt der Erwachsenen. Nachdenkend bemerkte er, dass ihm die Gesellschaft bereits zahlreiche Entscheidungen abnahm. Es war regelrecht erschreckend, dass er und die anderen Jugendlichen nur die eingeschränkte Wahl hatten, an den politisch orientierten Veranstaltungen der Schule teilzunehmen. Zwar hieß es immer, keiner müsse mitmachen, aber alle taten es, um sich Probleme zu ersparen. Es handelte sich eben um einen freiwilligen Zwang.

Mit dem Präzisieren der überschauenden Gedankengänge diskutierten sie in kleinen abgeschotteten Kreisen immer sorgfältiger über den Sinn der staatsbürgerlichen Pflichten. Entsprechend kam es ununterbrochen zu berechtigten Schuldsprüchen, denn sie erkannten, wer für jegliches Unheil verantwortlich sei. Die Konsequenz, verändernde Aktionen durchzuführen, mieden sie jedoch. Stattdessen taten sie es den älteren Generationen gleich, indem sie hofften, andere würden die Initiative ergreifen. Hingegen fielen sie nie auf und schlenderten auf dem Weg des geringsten Widerstandes.

Für Udo stand fest, ein solcher Taugenichts wolle er nicht werden. Nein, er wollte sich für seine Rechte einsetzen, obgleich er noch nicht wusste, wie ihm das gelinge.

Dann brach das achte Schuljahr an, das einen neuen Klassenkameraden in Udos Leben einfügte. Natürlich waren alle Augen auf die coole Erscheinung gerichtet, als der Lehrer abwertend mitteilte: „Hier ist ein neuer Mitschüler, der im Zuge einer Strafversetzung von einer anderen Schule zu uns kommt.“

Dabei erfassten alle, dass der Neue nicht in das gesellschaftliche Idealbild passe. Darüber hinaus gab sich der zahlenmäßige Anstieg auch so, denn nach dem Einläuten der Freizeit steckte er sich direkt vor dem Schulgelände eine Zigarette an, was die Lehrerschar provozierte. Offensichtlich ließ er sich von niemandem in seine Lebensgestaltung hineinreden, wodurch Udos Interesse geweckt war, ihn ausführlich kennenzulernen. Somit wurde aus dem Neuen eine Bereicherung namens Rodger.

Schnell kamen sich Udo und Rodger näher, denn sie begeisterten sich für dieselbe Musik, die den Sound schwerlastiger Gitarren in ihre Membranen hämmerte. Doch weil diese Klangfarbe für die roten Funktionäre ein entartetes Westprodukt darstellte, war die Besorgung des gewünschten Lärms äußerst schwer.

Allerdings hatte der Eiserne Vorhang einige Löcher bekommen, durch die alte Omas schlüpften, um ihre Enkelsöhne mit den gewünschten Schallplatten zu versorgen. Deshalb kam Udo in den Vorzug, sich die von Rodger angehäufte Sammlung zu kopieren. Unterhaltsam machte er sich mit dem Soundtrack zum Untergang des Systems vertraut, der mittels dem Heavy Metal, dem Punk und dem Oi durch das Land pogte. Natürlich gab es auch die dazugehörige Mode, die die aufsässige Jugend als den Totengräber des Staates präsentierte, dessen Existenz in den Texten ihrer diktierenden Musik nur noch dahinsiechte. Folglich schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann die Gesellschaft ihre immensen Kosten nicht mehr finanzieren konnte. Immerhin rissen überall neue Löcher auf, die gestopft werden mussten.

Jedoch gab es noch mehr bei der immer enger werdenden Bindung zwischen Udo und Rodger, die äußerst symbolträchtig für die aufsässige Jugend stand. Es war die Flucht aus dem grauen Alltag, wobei weder auf gesundheitliche noch auf strafrechtliche Folgen geachtet wurde.

Am Silvesterabend lud Rodger zur gewünschten Musik und zu alkoholischen Getränken, wozu auch Udo erschien. Auftakts war er noch ein wenig scheu, aber weil die hier saufende gesellschaftliche Randgruppe sehr entspannt war, brach das Eis der Zurückhaltung sehr schnell. Vergnügt beförderte er seine Stimmung mit zahlreichen Bieren auf eine stählerne Route, derweil die gesamte Kolonne über diese sonore Musikschiene der Aggression rollte. Daraus entstand eine freiste Aufgewühltheit, die den Trupp pünktlich zum Jahreswechsel unter lautem Poltern das Treppenhaus hinunterstürmen ließ. Somit hörte die Nachbarschaft, wer in dieser Nacht regierte.

Attackierend postierten sich zwei Vorhuten links und rechts der Haustür, um die Straße in beide Richtungen abzuleuchten, ehe das feste Schuhwerk der geschlossenen Abteilung im bedrohenden Moll auf der Fahrbahn musizierte.

Inzwischen roch Beeskow nach einer verbrannten Zündung und hüllte sich in einem dicken Qualm. Damit war die geeignete Prämisse geschaffen, um durch die Stadt zu patrouillieren. Würdevoll zog der Mob an der mittelalterlichen Stadtmauer entlang, bis er auf andere Leute stieß. Anknüpfend prasselte ein Böllerhagel auf die entgegenkommenden Menschen, die fluchtartig die Straße freimachten.

Bald beaufsichtigten nur noch sie ihren Heimatort, wonach man parkende Autos bestückte, indem man unbenutzte Böller in die Auspufftöpfe schob, damit urplötzliche Donnerschläge die zukünftigen Fahrer überraschen konnten. Nebenher führte ihr Weg an die über sieben Jahrhunderte alte Burg vorbei, wo ihre rechten Hände für krachende Detonationen sorgten. Parallel dazu umklammerten die linken Finger den weiteren Alkoholgenuss, bevor sie die Flaschen auf dem Asphalt zerschmetterten.

Schließlich erreichten sie die Sankt Marien Kirche, deren Bau im vierzehnten Jahrhundert begann und die trotz mehrerer Teilzerstörungen durch einige Kriege und andere Katastrophen noch heute weit über die Grenzen Beeskows hinaus sichtbar war. Deshalb verschafften sie sich an dieser historischen Stätte eine an den Fenstern schmulende Aufmerksamkeit, weil sie unter lautem Gegröle und Gelächter mittels einiger Raketen eine hell erleuchtete Nacht schufen.

Mit dem Ende des Zischens und Knallens betraten sie wieder den Partyraum, um sich restlos der adligen Verzauberung der deutschen Braukunst hinzugeben.

Ein paar Stunden später verabschiedete sich Udo mit einem lallenden Tonfall und wankte volltrunken nach Hause. Allerdings wurde dieser Ablauf zum Kunststück, denn neben seinem gebrechlichen Gang verfügte er auch über erschwerende Orientierungsprobleme. Von daher wirkten die Lichter der Straßenbeleuchtung selbst auf kürzester Distanz nur sehr schwach und wie er die lange, geradlinig gebaute Straße hinaufsah, erloschen die Laternen zusehends. Folglich tastete er sich durch die Finsternis, denn er wusste, irgendwo dort sei sein Ziel. Zu guter Letzt vermochte er aufgrund seines Durchhaltevermögens, sein Bett zu erreichen, in das er samt der Kleidung fiel.

Den Neujahrstag verbrachte er ausschließlich in der Horizontalen. Er stand nur auf, wenn er auf die Toilette musste. Dabei kam es nicht nur zum Urinieren. Nein, es plagte auch der Durchfall. Am schlimmsten war jedoch das krampfhafte Entleeren seines lädierten Magens. Besonders qualvoll war bei diesen stoßartigen Kotzanfällen dieser pressende Druck, der von innen schiebend auf seinem gesamten Schädel lastete.

Erst am zweiten Januar hatte sich sein Kreislauf wieder auf den Normalzustand zurückgestellt und das Leiden war vorbei.

Statt eine Lehre aus diesem Erlebnis zu ziehen, gab es fortan kein Halten mehr und mehrmals in der Woche kam es bei den täglichen Zusammenkünften im Park an dem flachen Vorsprung der Stadtmauer zu alkoholischen Gelagen mit dem Beeskower Mob. Dabei wurde Udo bewusst, dass es eine spaßige als auch konsequente Zunft sei, die sich erhalte, weil sie sich nicht wesentlich vergrößere. Absichernd konnte sich auch nicht die kränkliche Schwäche bei ihr einschleichen. Darin begründet erfüllte ihn ein aufrechter Stolz, denn er gehörte nun zu dieser heldenmütigen Runde, woraufhin er diese Billigung mit einer Schwertleite gleichsetzte.

Selbstbewusst zog Udo durch sein Dasein, von dem die Monate abfielen, als wären es welke Blätter. Trotzdem blieb der Spaß an seiner Seite, woran sich auch im neuen Schuljahr nichts änderte. Allerdings hielt diese Zeit eine kleine Änderung seiner gewohnten Existenz bereit, denn für Rodger begann der Ernst des Lebens. Zwar war er ein sehr wortgewandter Typ, aber hinsichtlich der orthographischen und grammatikalischen Schreibweise war er der deutschen Sprache nicht sonderlich mächtig. Ebenso war er auch in anderen Fächern nicht gerade ein Musterschüler. Also schmiss er die Schule und begann eine Maurerlehre, wodurch er finanziell auf eigenen Beinen stehen wollte.

An der Freundschaft zwischen Udo und Rodger änderte sich nichts. Sie hingen weiterhin zusammen ab und garnierten ihre Eintracht unentwegt mit zahlreichen Kelchen.

Bald hielt dieser konsumierende Bierverzehr auch für Udo einen neuen Lebensabschnitt bereit, denn die ewige Bestimmung des weltumspannenden Lebenskreises entschleierte die gleichaltrigen Mädchen und ließ sie im jungfräulichen Glanz knospen. Nebenher sorgten heiße Temperaturen für tiefe Einblicke, weil die knappen Kleidungsstücke viel nackte Haut offenlegten. Folglich kam es abends in seinem Bett zu ersten Selbstbefriedigungen, die ihm binnen Kurzem nicht mehr ausreichten. Stattdessen wucherte sein fleischliches Verlangen und er ersehnte ein Mädchen, dessen anders gebauten Körper er erkunden und streicheln könnte.

Zwar hatte er in seinem Kneipenmilieu bereits erste Damenbekanntschaften gemacht, aber eine Liebschaft mit einer solchen Frau lehnte er strikt ab. Vielmehr begehrte er ein keusches Aschenbrödel, dem er drei Haselnüsse schenken könnte. Zweckdienlich begleitete er Rodger und die Jungs zu einem Diskothekenbesuch.

Am späten Nachmittag des verabredeten Sonnabends trafen sich die Gefährten in einer Kneipe, in der Udos Gedanken erwartungsvoll um eine hübsche Prinzessin kreisten. Hingegen schlugen die Geistesblitze seiner Freunde in die gegnerische Front des donnernden Einsatzgebietes ein. Schließlich hatten sie das Ziel, andere Burschen kennenzulernen. Allerdings wollten sie nicht irgendwelchen erotischen Neigungen nachgehen, nein, sie suchten einen handfesten Feindkontakt.

Zunächst werteten sie ein paar vergangene Highlights aus. Dabei verhöhnten ihre einstigen Heldentaten die Gegner, die oft schon während der Zugfahrten auf die umliegenden Dörfer, wo sich die anvisierten Diskotheken befanden, provoziert und blutig geprügelt wurden.

Begleitet wurden diese verfehdeten Berührungen immer von der Hoffnung und der Angst. Dabei stand die Hoffnung stets auf der Seite der Gegner und sollte dafür sorgen, dass sie es schnell hinter sich hatten. Die Angst presste sich immer in die grauen Zellen des Schaffners, der es nie wagte, durch die Abteile zu gehen und die Fahrkarten zu kontrollieren.

Anschließend marschierten die Jungs in Richtung Diskothek, in der sie den anwesenden Gästen das Fürchten lehrten.

Ebenso erlebte nun auch Udo, wie sich der Brutalo-Mob im gesamten Tanzsaal verteilte und ein jeder ein sich anbietendes Opfer köderte. So dauerte es auch an diesem Abend nicht lange, bis der erste Fang anbiss. Naheliegend wurde Udo zum Zeugen einer tänzerischen Live-Show, denn einer der Jungs hielt an seinen ausgestreckten Armen ein Opfer fest und trat mit seinen Schuhspitzen mehrmals in dessen Gesicht. Dadurch traf ein Kick den Mund, weshalb die Lippen aufplatzten und das Blut in sämtliche Richtungen spritzte, ehe das losgelassene Opfer zusammensackte.

Unterdessen der Blick des kickenden Siegers den puren Hass versprühte, würgte das blanke Entsetzen alle unbeteiligten Beobachter. Dagegen war Udo bezaubert, denn er wusste, der Beeskower Mob bestehe aus solchen Kriegern, wie sie Wotan nach Walhall hole.

Nachdem noch weitere Aggressionen den Saal gesäubert hatten, wurde Entwarnung gegeben, wonach man sich zum Kränzchen ihrer Majestät Alkohol gesellte.

Für Udo bedeuteten die Ausschreitungen und die alkoholischen Köstlichkeiten, dass er es versäumte, die feenhafte Weiblichkeit zu bezirzen. Stattdessen beflügelte ihn dieses unvergleichliche Zusammengehörigkeitsgefühl, das er als den Superlativ rühmte. Hinzukommend feierte er an der Bar, an der er diverse hochprozentige Säfte becherte.

Unglücklicherweise verpasste er dadurch, den letzten Zug nach Beeskow zu nehmen. Hingegen nutzten die meisten Jungs die Gunst des bequemen Nachhausekommens und waren rechtzeitig zum Bahnhof aufgebrochen.

Jedoch war er nicht restlos vereinsamt, denn beim Blick zu seiner Rechten sah er den grienenden Kicker von vorhin. Also hob er sein Glas und prostete ihm zu, woraufhin sie gemeinsam ihre angereicherten Drinks schlürften.

Dann machte er sich klar, dass er mit diesem Zwei-Meter-Mann, den sie Brillen-Henry nannten, noch nie großartig geredet habe. Zweifelsohne lag es an den respektvollen Storys, die Rodger erzählt hatte. Es gehörte nämlich für Brillen-Henry zur Normalität, seine Brille jeden Montag zur Reparatur zu geben, weil er es aufgrund der nicht vorhandenen Hemmschwelle niemals für nötig hielt, bei den wochenendlichen Schlägereien die gläserne Linse abzunehmen. Im Gegenteil, er wollte keine Zeit verlieren und schlug sofort zu. Daher verdiente der Optiker gutes Geld mit dieser nostalgischen Nickelbrille, deren dünne Metallfassung mit ihren flexiblen Bügeln grundsätzlich intakt blieb. Lediglich die Brillengläser brachen. Allerdings hatte der begnadete Kicker für heute Glück, denn beim Kampf kam es zu keinerlei feindlicher Gegenwehr. So waren diesmal auch die geschliffenen Linsen unversehrt und die kommende Woche konnte etwas billiger anfangen.

Jetzt schaute sich Udo Brillen-Henry genauer an, wodurch er diese grindigen Fingergelenke sichtete. Somit fragte er sich, wie viele Schmerzen und ausgeschlagene Zähne durch diese Hautschichten geaast seien.

Authentisch verinnerlichte er diese mitleiderregenden Einzelschicksale, über die er sich aber auch schon amüsieren musste, denn es zählte nur der Triumph des Beeskower Mobs. Hinzu bedachte er die allgegenwärtige Gefahr, der sich die Beeskower Macht aussetzte. Immerhin galt es zu beachten, dass die Herren von der Staatssicherheit nicht nur guckten und horchten. Nein, denn sie griffen auch unerbittlich zu, sobald von der sozialistischen Norm auch nur geringfügig abgewichen wurde. Jedoch waren die körperlichen Auseinandersetzungen des heutigen Abends wohl außerhalb des Aktivitätsspektrums der Stasi, weil das System dadurch nicht gefährdet war. Überdies blieb das Volk wehrhaft, weshalb es der heranwachsenden Arbeiter- und Bauernklasse vergönnt schien, sich untereinander zu messen.

Unerwartet ging im Saal die große Beleuchtung an und die Belegschaft beschäftigte sich mit den Aufräumarbeiten. Daraufhin forderte Brillen-Henry: „Hey Barkeeper, mach mir und meinem Freund noch den letzten Absacker!“

Dieser Wunsch wurde anstandslos erfüllt und in sympathischer Manier deutete der Barkeeper: „Die Drinks gehen aufs Haus.“

Zeitnah prosteten sich Brillen-Henry und Udo zu und nach dem Genuss brachen sie auf. Damit gehörte den beiden die Landstraße, die durch märkische Wälder und Flure nach Beeskow führte. Und während sie mühselig ihrem Ziel entgegenschwankten, spielte der Wind mit den Baumkronen, die zänkisch knurrten. Vervollkommnend schimmerte ihnen auch noch dieses fragwürdige Augenpaar in den Rücken, das dem losgerissenen Fenriswolf zu gehören drohte. Allerdings definierte sich diese Schattenhaftigkeit bald als ein sich näherndes Auto, das sie nutzen wollten, um per Anhalter nach Hause zu gelangen. Doch allein der Anblick ihrer Wandergesellschaft eignete sich wohl nicht als Beifahrer, weshalb der nüchterne Fahrer das Gaspedal durchtrat. Somit fühlten sie sich beleidigt und schelteten den Kraftfahrer mit übelsten Beschimpfungen und Nachreden.

Benachbart wechselte die Farbenvielfalt dieser Nacht wieder in die Eintönigkeit, indessen sich ihr Voranschreiten durch die Finsternis schnitt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erblickten sie aus der Ferne die Lichter der Stadt, in die sie eine halbe Stunde später einrückten. Am Zentrum angelangt verabschiedeten sie sich mit einem festen Händedruck, der von einem netten Lächeln geehrt wurde, ehe ein jeder heimwärts stromerte.

Begleitend pfiffen die Spatzen es von den Dächern, wie miserabel ihr Zustand sei, derweil die emporsteigende Dämmerung das erwachende Leben ausbreitete. Jedoch empfanden es weder Brillen-Henry noch Udo als peinlich, denn sie hatten einfach nur den Datumswechsel intensiv genossen, statt ihn zu versäumen. Allerdings war nun das persönliche Pensum erfüllt und der schlaftrunkene Tag verlangte Udo viel ab. Gleichwohl vergingen das umspülende Schwitzen und die hämmernden Kopfschmerzen, weshalb er bereits das kommende Wochenende herbeisehnte.

Endlich war der nächste Sonnabend heran und diesmal widmeten sie sich dem Preußentum mit seiner Politik und Kultur. Zweckmäßig konnte ihr Ziel nur Potsdam heißen. Daher schritten sie nach einer unbelästigten Bahnfahrt durch die altväterliche Garnisonsstadt mit ihrem historischen Vermächtnis und dem Ensemble deutscher Erbstätten, wobei sie genauso wie seinerzeit Friedrich der Große ohne Sorge waren.

Für eine Gruppe angeberischer Fremdarbeiter, deren Weg sie kurz vor Sanssouci kreuzten, sollte sich die Begebenheit anders verhalten. Ausschlaggebend waren die herabschauenden Blicke der Fremden, worauf auch noch herausfordernde Anrempelungen gegen die Oberarme folgten.

Zweckdienlich blieben die Beeskower Mannen stehen und waren bereit, sich einer Schlacht zu stellen. Also warnte dieses unbezwingbare Garderegiment die aus der Ferne stammenden Provokateure, was aber deren dreiste Anspruchshaltung missachtete. Deshalb sah es gefährlich nach einer fernöstlichen Kampfsportart aus, solange es dem gegnerischen Anführer vergönnt war, mit seinen Händen vor Brillen-Henry umherzufuchteln. Allerdings war sich dieser lange Kerl noch nie zu fein, sich das eigene Blut aus dem Gesicht zu wischen, wonach er den Aufwiegler verlachte.

Diese Schmach konnte der streitsüchtige Fremde nicht auf sich sitzen lassen, weshalb er mit einem sarkastischen Unterton fragte: „Hey Playboy, bist du von beiden Seiten befahrbar? Zumindest siehst du aus, als ob du es mit Männern und Frauen treibst.“

Brillen-Henry interessierte dieses affige Gefasel nicht sonderlich, aber er wich auch nicht. Folglich platzierte der Fremde einen Schlag in Brillen-Henrys Gesicht, dessen Ausmaß zerstörerisch war. Beginnend fiel die Brille zu Boden, wobei die Gläser scherbten. Entsprechend ermächtige sich der empörte Beeskower des linken Ohres des gegenüberstehenden Rädelsführers, indem er das obere Ende der Ohrmuschel packte und ruckartig nach unten riss. Dadurch spalteten sich die Haut und der Knorpel, bis mit dem schmerzlichen Erreichen des Ohrläppchens das Spleißen vollzogen war.

Weiterlaufend hopste der geschundene Gegner von einem auf das andere Bein, derweil sein Mund das aus der Wunde tretende Blut beklagte. Hingegen war Brillen-Henry würdevoller, denn er schnippte den Schallauffangapparat auf das Straßenpflaster und trat bezwingend drauf.

Nichtsdestoweniger konnte einzig dieser Triumph die anstehenden Kosten beim Optiker nicht Genüge tun. Ersichtlich ballte Brillen-Henry die Fäuste und ein auf den klagenden Mund gerichteter Faustschlag bewirkte den Kummer des herausgedroschenen Zahnverlustes, woraufhin die emporsteigende Angst das Beißerchen auch noch verschluckte. Damit hatte der Gegner gnadenlos verloren und machte sich von dannen.

Insofern zog der Fremde in das kleine Preußen und dachte, er beherrsche dieses genügsame Land. Aber er wurde eines Besseren belehrt und fuhr prothesenbehaftet in sein Entstehungsgebiet zurück, wo er sich der Scheu hingab.

Nebenher erhob sich erhaben ein schwarzer Adler über dieses Feld der Ehre und streckte seinen Kopf weit vor, zugleich er gebieterisch die langen Flügel ausbreitete. Zusätzlich wirkte dieser eskortierende Flug rühmend, weil das exzellente Gleiten die Initialen „F“ und „R“ in den blauen Himmel schrieb.

Beeinflussend erklang nun der Ruf des Greifvogels, als spielte eine Querflöte, die Fridericus Rex persönlich blies. Demzufolge spornte dieser hohe Umstand den Beeskower Beistand an, sodass auch das Blut der übrigen Fremden den Rinnstein hinunterfloss.

Endlich betraten die Jungs Sanssouci und ihre Augen schmausten dieses epochale Besitztum. Beeindruckt naschten ihre Empfindungssitze kostbarste kulturelle Horte. Darin war in vorderster Ehrenerweisung das eingeschossige Sommerschloss des Alten Fritz enthalten, der diesen monarchischen Bau im Stil des Rokokos auf der Höhe eines Weinberges von dem Architekt Knobelsdorff errichten ließ.

Ästhetisch war dieses Weinberghaus inmitten der Natur geschmiegt und schenkte einen weiten Blick auf die ländliche Idylle. Dazu waren die hohen Fenstertüren, die die Innenräume mit dem Garten verbanden, begünstigend.

Repräsentativ für dieses friderizianische Rokoko war auch dieser von einer Kuppel überzogene Marmorsaal im Kern des Herrenhauses, wo der große König seine berühmten Tafelrunden abhielt.

Das gelbe Gewand des Schlosses schmückte sich mit üppigen sandsteinernen Figuren, die die Begleiter des römischen Weingottes Bacchus darstellten und der Werkstatt des Bildhauers Glume entsprangen.

Doch diese majestätische Parkanlage hielt noch weitere Perlen bereit. Einerseits kamen die Beeskower Kerls zum Chinesischen Teehaus, dessen fernöstliche Einflüsse schon aus der Ferne glänzten.

Anschließend führte ihr Marsch zum Neuen Palais, das sich in einer roten Robe erhob und ebenfalls zentral von einer herrschaftlichen Kuppel geadelt wurde. Im Ursprung war es zur Beherbergung von Gästen gedacht, weshalb es prächtige Festsäle und fürstliche Wohnungen beinhaltete.

Am späten Nachmittag endete die Besichtigung, wonach sie in einen Gasthof einkehrten, um sich zu sättigen. Aus diesem Grunde wurden schmackhafte Speisen bestellt und parallel zum Auftischen der gewählten Gerichte betraten mehrere Soldaten das Wirtshaus. Insofern offenbarte Udo: „Beim Anblick der schnittigen Uniformen fällt mir sogleich ein, dass es der Alte Fritz war, der den Preußen die Kartoffel zugänglich machte.“

Jetzt gab es eine rühmende Zustimmung und dann ließen sich die Beeskower Kerls insbesondere die dargereichten Kartoffeln auf der Zunge munden.

Zu nächtlicher Stunde, als Udo schon lange im Bett lag, spulte er noch einmal zurück. Enthusiastisch lächelte er, denn trotz der blutigen Auseinandersetzung kamen die Beeskower Jungs von der Polizei unbehelligt davon.

Jedoch hätte im ungünstigsten Fall niemand vor dem Wurf in den Kerker zurückgeschreckt. Es war eben eine verschworene Gemeinschaft, deren Zusammenhalt stärker war, als es die Internationale des Sozialismus jemals sein konnte. Dieser Freundeskreis musste einfach weiterhin treu zueinander stehen, selbst wenn es sich irgendwann um ein Unrecht handeln würde.

Den Rest seiner schulischen Pflichterfüllung riss Udo genervt herunter, weshalb von einer Sorgfalt keine Rede mehr sein konnte. Schließlich rührte die gegenwärtige Wichtigkeit woanders her. Also war seine Anwesenheit im Unterricht nur noch sporadisch, um seine Eltern zu beruhigen.

Dann verklang dieses nötigend belehrende Potpourri, wonach ihn seine Lehrstelle nach Hoyerswerda trug, wo er eine Ausbildung zum BMSR-Techniker begann. Damit kehrte er Beeskow den Rücken, weil er nur an den Wochenenden die Strapazen der stundenlangen Bahnfahrt auf sich nehmen konnte, um sich mit seinen Freunden auf der Vermählung der Königin Gewalt und des Königs Alkohol zu vergnügen.

Ansonsten tüftelte seine Existenz am Kennenlernen neuer Wesensarten, wobei in der Berufsschule eine fragwürdige Erscheinung zündete. Es war dieser Lehrer, der bereits in der ersten Unterrichtsstunde lehrte, was er von Udo und den anderen Azubis hielt. Dazu passend gab es zunächst eine alltägliche Begrüßung, wonach die Augen der gesamten Klasse auf den Pädagogen gerichtet waren, der nun seinen Namen verkündete. Im direkten Anschluss verrückte das redliche Bild der Normalität, denn provokant tat er allen kund: „Ihr seid keine Menschen. Nein, ihr befindet euch im Prozess der Menschwerdung, der erst mit dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung abgeschlossen ist.“

Für die meisten Jugendlichen war diese Herabwürdigung ein erniedrigender Rufmord, der als glühender Splitter in ihren Hirnen steckte und dessen siedende Hitze sich in die Empfindungssitze brannte. Gegenteilig handelte es sich für Udo um ein verbales Produkt der Lappalien, das den Namen eines Erzeugnisses nicht einmal verdiente. Allerdings sollte er noch oft den Duft dieser Diskriminierung riechen und bald philosophierte der gebildete Herr an der Tafel: „Ich hasse Lehrlinge.“

Letztlich schmiedete diese ablehnende Art des Lehrers eine Vereinigung unter den Azubis, durch die sich sogar die fremde Stadt öffnete. Immerhin kannte Udo vereinzelte Leidensgenossen aus dem Internat, das sich am Rand von Hoyerswerda befand. Also gesellte er sich nach dem gegenseitigen Beschnuppern, das durch ein unauffälliges Beobachten und eine hartgesottene Coolness im gemeinsamen Speisesaal vor sich ging, zu den genehmen Jungs. Daher taute er auf, obwohl anfänglich die verschiedenen Dialekte des Landes störend wirkten. Jedoch verstand sich die gefundene Interessengleichheit spätestens beim Austauschen der neusten musikalischen Errungenschaften, deren stahlharten Sound sie sich beim gegenseitigen Kopieren durch ihre Sinne hämmerten. Dabei stellten sie begeistert fest, diese kompromisslose Knüppelmusik sei eine der westlichsten Waffen überhaupt.

Insofern legte sich das einleitende Chaos des heurigen Lebensabschnittes und die Gemeinschaft der Gleichgesinnten festigte sich. Das stärkste Freundschaftsband war zweifelsohne der Weingeist, der schnell für einen beständigen Ablauf sorgte. Genusssüchtig steuerten sie jeden Montag diese Kneipe an, in der die Preise barmherzige Geringfügigkeiten aufwiesen. Dort versoffen sie regelmäßig ihre finanziellen Vorräte für die ganze Woche und nachdem sie am Dienstag eine Auszeit nahmen, organisierte am Mittwoch ein Thüringer Spezialist aus dem Supermarkt an der Ecke den Tagesbedarf des berauschenden Schnapses. Die Barzahlung betrug für den Einkäufer aus Suhl lediglich drei Minuten Angst und kaum hatte er sich an der abkassierenden Verkäuferin vorbeigeschlichen, floss im Internat der Alkohol die Kehlen runter.

Den Donnerstag ruhten sie wieder, damit sie Freitagnacht sowie am Wochenende munter mit den heimischen Freunden feiern konnten.

So vergingen die Monate und die Lehrmeister hatten kein Programm, mit dem sie diese Wochenstrukturierung ändern konnten. Selbst das Ost-Fernsehen, das offiziell eine positive Zensur erhielt, war kein wechselnder Beitrag, um die Azubis wieder auf die staatsbürgerliche Richtung zu bringen. Es war denn, sie schalteten auf den Schwarzen Kanal. In diesen unterhaltsamen Minuten knieten sie begeistert vor dem Fernsehgerät, weil es an Dreistigkeit nicht zu überbieten war, wie der Mann mit dem Adelstitel die Interviews und Reden klassenfeindlicher Politiker zusammenschnitzlerte. Dabei verzichtete er vollends auf jegliche Rechtfertigungsversuche seiner auserwählten Feindbilder, weil er nur seine eigene wahrheitsgetreue Überzeugung akzeptierte.

Mit der sommerlichen Schließung der Berufsschule zitierten die Stammbetriebe ihre nach Hoyerswerda entsandten Azubis zurück, weshalb Udos Historie für ein paar Wochen im Kreis seiner Getreuen weitergeschrieben wurde. Somit stand ein Praktikum in seinem Stammbetrieb an, allerdings nicht ohne zuvor den wohlverdienten Jahresurlaub anzutreten. Also fuhr die Beeskower Garde mit dem Zug an die Ostsee, wo sie auf der Insel Usedom im Erholungsort Zinnowitz ankerte.

Kaum hatte der Zug am Bahnhof angelegt, wurden für Brillen-Henry selbst kürzeste Umwege zur Zumutung. Deshalb nutzte er nicht die Türen, die zum Ein- und Aussteigen vorgesehen waren, sondern er kletterte einfach aus dem Fenster. Dafür erntete er von den Jungs einen riesigen Applaus, hingegen andere Urlauber verständnislos die Köpfe schüttelten. Und die Intoleranz hielt an, denn trotz des vielversprechenden Wetters brachte es der Mob nicht weiter als in die Bahnhofskneipe. Damit musste das Meer warten und man erfrischte sich von innen.

Erst am frühen Abend, man hatte wieder einmal diverse Biere und Schnäpse zu sich genommen, wankte die heitere Gesellschaft zum rauschenden Strand. Dazu liefen sie die prachtvolle Einkaufsmeile entlang, die sich mit feudalen Herrenhäusern schmückte. Jedoch schienen die prunkvollen Jahre für so manche Villa gezählt, denn ein teilweiser Zerfall war unübersehbar.

Von den trunkenen Jungs kümmerte sich niemand um den vereinzelten Niedergang des Glanzes. Stattdessen widmeten sie sich melodischen Gelächtern, die aber niemanden störten, weil die familienorientierten Touristen bereits in den Hotelanlagen und auf den Campingplätzen verschwunden waren. Ungehindert strandete die angesäuselte Schar an der Waterkant, wo sie die jetzt vernachlässigten Strandkörbe so zusammenstellte, dass ein windgeschütztes Nachtlager entstand. Zum Schluss lagen sie in den Körben, dessen Lehnendächer in Liegeposition gebracht und die Fußstützen herausgezogen waren. Hinzu hüllten sie sich in ihre Schlafsäcke, die so ziemlich ihr einziges Gepäck waren, und fanden unter der Schirmherrschaft der Volltrunkenheit friedlich in die Nachtruhe.

In den frühen Morgenstunden wurden die Jungs durch vorsichtiges Klopfen von der Stadtreinigung geweckt. Ferner erklärten die Ordnungsmacher freundlich: „Es ist an der Zeit, die Strandkörbe zu räumen, weil binnen kurzem die ersten Familien kommen, für die euer Anblick nicht in das sozialistische Erholungsbild passt.“

Sich fügend erhoben sich die wachen Charaktere und als sich Udo kurz streckte, sah er erstaunt diese Unmengen anderer Jugendlicher, die ebenfalls in Strandkörben geschlafen hatten. Jedoch verinnerlichte er dieses Schauspiel nicht weiter, denn Brillen-Henry schlug vor: „Los Jungs, wir decken uns in der Kaufhalle mit Flüssignahrung ein!“

Selbstverständlich waren alle einverstanden, obwohl es an unterschiedlichen Interessen lag. Manche wollten lediglich mit einem Bier ihren Nachdurst löschen, während sich andere schon wieder auf den Geschmack der hohen Prozentzahlen freuten.

Aber es lauerte ein Hindernis, denn kaum standen sie mit ihrem vollen Einkaufswagen außerhalb des Geschäfts, erwies sich das Abtransportieren als extrem schwierig. Schließlich waren sie keine Mutationen, die mit mehr als zwei Armen die kostbaren Güter forttragen konnten. Doch Brillen-Henrys Ideenreichtum war unerschöpflich, weshalb er seinen Schlafsack ausbreitete. Daher wurde der gesamte Einkauf mittig platziert, wonach sechs Träger die konzentrierten Flaschengeister packten und wegschleppten.

Am Zielort ankommend konnten die Jungs neben den primären Trinkgelagen auch dem sekundären Urlaubsgrund nachgehen, indem sie sich mit dem puren Badespaß beschenkten.

Anfangs unterschied sich unter der wärmenden Sonne ihr naives Gekicher kaum von dem Kreischen kindlicher Sprösslinge, die hier mit ihren Eltern umhertummelten. Aber schnell sahen die Kinderaugen etwas Aufregendes in den spaßigen Jungs und sie näherten sich. Damit war für die fürsorglichen Erziehungsberechtigten die Grenze der Akzeptanz überschritten und sie trugen ihre Schützlinge fort. Nachdrücklich verließen sie sogar ihre Liegeplätze und suchten das Weite. Offensichtlich hatten sie eine regelrechte Angst vor den Spukgestalten, die in den Flaschen auf ihre Freilassung warteten.

Zu vorabendlicher Stunde lichteten sich auch die Reihen der übrigen Strandbesucher und bei den Jungs breitete sich allmählich ein knurrendes Hungergefühl aus. Also verließen sie den Berg des gläsernen Leerguts und kehrten in ein kleines Wirtshaus ein. Es war eine gemütliche Örtlichkeit, in der ein paar Fischer beim Skat saßen, derweil sie an ihren Tabakspfeifen zogen.

Jetzt kam auch schon der Gastwirt und fragte entkrampft: „Womit kann ich euch verköstigen?“

Bald darauf stießen sie mit kühlen Bieren an und warteten geduldig auf die deftigen Speisen.

Schon gingen ihnen die Augen über, denn die einzelnen Portionen reichten für zwei. Trotzdem verschlang ein jeder das bestellte Essen und dankbar gaben sie dem Gastwirt, dem Koch und den Kartenspielern eine Runde Bier samt Schnaps aus. Daraus entsprang ein behagliches Beisammensein, das erst weit nach Mitternacht endete.

Eine Woche später war der große Auftritt vorbei, denn der Vorhang des endenden Urlaubes schloss sich für die meisten der Beeskower Jungs. Dieserhalb blieb es nur noch Udo, Brillen-Henry und Rodger vergönnt, weiterhin auf der Insel zu gastieren. Also setzten sie sich unnachgiebig in Szene, bis sie in jener Nacht einer totalen Desorientierung verfielen.

Einleitend suchten sie vergebens den Strand, weshalb schließlich sie gefunden wurden. Dazu hielt ein grüner LKW genau vor ihnen, womit ihnen die uniformierte Staatsmacht den Weg versperrte.

Da sich die Jungs keines Vergehens bewusst waren, erbaten sie sich die Auskunft: „Wo ist das Problem?“

Doch die Polizei blieb stumm und richtete unverzüglich ein provisorisches Büro auf der Ladefläche ein. Anschließend holten die Polizisten jeden einzeln in den Dienstraum, wo sie kompromisslos erklärten: „Du passt keinesfalls in unsere fortschrittliche Gesellschaft.“

Es folgte die Feststellung der Personalien, bevor die Polizisten noch ein Kompott verteilten, dessen Geschmack ein bitteres Usedom-Verbot auf Lebenszeit mit sich zog.

„Innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden haben Sie die Insel verlassen“, keifte ein Polizist Udo an, „ansonsten chauffieren wir Sie, was bedeutend teurer wird.“

Diese ungerechtfertigte Willkür nahm keiner der drei Freunde hin, wonach es unerbittlich Knüppelhiebe setzte. Dadurch blieb es nach dem körperlichen Zusammenbruch nicht aus, dass diese tyrannische Prozedur zum Erfolg führte.

Selbstverständlich trennte die totalitäre Macht die drei Jungs von Anbeginn, womit sie jede aussichtsreiche Gegenwehr von vornherein abwendete.

Erst nachdem es bei den Burschen Verbote und zahlreiche Schläge gesetzt hatte, ließen die kommunistischen Söldner von ihnen ab und suchten weiter nach unpassenden Individuen. Bezüglich vereinten sich die drei Freunde wieder und anstatt ihre Wunden zu lecken, trugen sie es mit einem kichernden Humor. Sich amüsierend verhöhnten sie diese Weltrevolutionäre und schritten geschlossen durch Zinnowitz, bis sie zum Strand gelangten. Dort richteten sie ihr Nachtlager her und ließen sich von ihren Träumen in Richtung Freiheit treiben.

Nach dem morgendlichen Wecken der Stadtreinigung planschten sie noch ein wenig in der Ostsee. Folglich waren sie gänzlich fit, ehe sie in sich gekehrt zum Bahnhof zogen, weil sie den Badeort verlassen mussten. Daraus ergaben sich zwei Stunden des Wartens, die sie scheidend in der Bahnhofskneipe zubrachten.

Allmählich geriet ihre nächtliche Angelegenheit mit dem Staat in die Vergessenheit und sie scherzten ununterbrochen, da verkündeten die mitleidigen Blicke der einheimischen Bevölkerung, dass sie genau wisse, was geschehen sei. Auch die Unterhaltungen, die Udo mühevoll erhaschte, zeugten von dem Zorn gegenüber der diktatorischen Demokratie. Begreifend wusste er, wer die Sympathie der Allgemeinheit habe, denn es sei einzig das Volk selbst. Hingegen waren die Regierenden und ihre Bediensteten längst abgewählt.

Schließlich war ihre Zeit an der Ostsee abgelaufen, weshalb sie die Zeche zahlten und den eingefahrenen Zug bestiegen.

Nachmittags kamen sie in Beeskow an, wo sie unmittelbar beim Aussteigen feststellten, dass niemand ernsthaft nach Hause wollte. Stattdessen zog es sie in die nächstgelegene Kneipe, in der auch schon ein paar bekannte Gesichter grienten. Immerhin wussten die dazugehörigen Hirne von der Ostseefahrt und deren ursprünglich geplanter Dauer, womit es klar war, etwas Unvorhergesehenes musste sich ereignet haben.

An dem losbrechenden Gelächter verzückten sich auch die drei Heimkehrer und unter einer ohrenbetäubenden Lustigkeit präsentierten sie den Grund ihrer Abreise. Folglich erheiterte sich das anwesende Bankett mit klingenden Gläsern, weshalb Udo erst inmitten der Nacht feuchtfröhlich in die elterliche Wohnung polterte.

Verwundert über die vorzeitige Ankunft ihres Sohnes erwachten seine alten Herrschaften und schmulten an der Schlafzimmertür. Jedoch verzichteten sie auf ein klärendes Gespräch und ließen ihn zu Bett gehen. Allerdings wollten sie am kommenden Tag schon erfahren, warum er verfrüht eintraf. Somit sah er sich genötigt, von überfüllten Zeltplätzen und einem kinderreichen Touristenangebot zu lügen, was für ein verblüfftes Erstaunen sorgte. Trotzdem schenkten sie seinen Worten den erhofften Glauben.

Zweckmäßig musste nun Beeskow für den freizeitlichen Spaß herhalten, bis der Urlaub zu Ende ging. Folgend sah es aus, als könnte Udos Dasein momentan keine weiteren Höhepunkte bieten, denn das Praktikum in seinem Stammbetrieb stand an. Aber der Vorabend sollte seiner amüsanten Existenz einen tiefen Eindruck gestatten.

Anfänglich beschenkte ihn dieser Tag in gewohnter Manier, denn er traf sich mit den Jungs an dem Vorsprung der ...

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