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Das goldene Licht des Himmels

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Kapitel 32
  38. Kapitel 33
  39. Kapitel 34
  40. Kapitel 35
  41. Kapitel 36
  42. Kapitel 37
  43. Kapitel 38

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte und sich zu einer außergewöhnlichen Erzählerin entwickelte, die THE TIMES als »eine authentische Stimme ihrer Zeit« feierte. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Südengland, dem Schauplatz vieler ihrer Romane.

KAPITEL 1

1985

Felicity Mainwaring saß an ihrem Ankleidetisch und unterzog ihr Spiegelbild einer kritischen Musterung. Sie war fünfundvierzig Jahre alt und sah aus wie fünfzig. Strenge Diät und ein diszipliniertes Sportprogramm stellten sicher, dass sie kein Gramm überflüssiges Fett am Körper hatte, aber wo sie früher lediglich schlank gewesen war, war sie jetzt knochig. Sport mochte die Muskeln straff halten, doch er schützte nicht vor Falten und bewahrte weder die Jugend noch die Elastizität der Haut. Nach dem Schock angesichts des Krebstodes ihres Mannes vor einem Jahr war Felicity langsam ihr Alter anzusehen gewesen. Damals hatte sie begonnen, sich wegen der immer zahlreicheren grauen Strähnen das Haar zu färben, doch das ließ sie nun härter denn je erscheinen. Dass gerade das matte schwarze Haar sie älter aussehen ließ, das erkannte sie nicht. Ihr gefiel die Farbe recht gut, und als sie nun den Kopf leicht drehte, fand sie auch den strengen, geometrischen Schnitt, den sie bevorzugte, seit Mary Quant ihn in den Sechzigern zum ersten Mal populär gemacht hatte, recht ansprechend. Mark hatte die Frisur stets bewundert; die Frisur und die Tatsache, dass sie es – anders als ihre Freundinnen – geschafft hatte, ihren Körper straff zu halten und ihr Äußeres nie zu vernachlässigen. Ihr Erfolg hing zum Teil mit ihrer beider Entscheidung zusammen, kinderlos zu bleiben, was bedeutete, dass sie stets reichlich Zeit und Geld auf ihre Erscheinung hatte verwenden können. Selbst als bei Mark Krebs diagnostiziert worden und er kurz darauf gestorben war, hatte sie diese Entscheidung nie bereut. Möglicherweise hätten Kinder ihr nun einen gewissen Trost geschenkt, wahrscheinlicher war jedoch, dass sie selbst Trost gebraucht hätten, und Felicity zog es vor, sich um die Nummer eins, sich selbst, zu kümmern.

Es war ein entsetzlicher Schock gewesen. Mark hatte kaum jemals gesundheitliche Probleme gehabt. Und er war beruflich so erfolgreich gewesen! Seit seinem Examen am Britannia Royal Naval College war er innerhalb des U-Boot-Dienstes stetig aufgestiegen, und man hatte ihm eine große Karriere versprochen: Er war, wie es im Marinejargon hieß, »ein Flieger«. Er hatte all seine Konkurrenten wie Tom Wivenhoe, George Lampeter und Mark Webster überholt, den Blick fest auf den Rang eines Flaggoffiziers und auf Höheres gerichtet. Felicity hatte diesen Ehrgeiz geteilt. Sie hatte sich schon halb als Lady Mainwaring gesehen und sich mit großem Vergnügen ausgemalt, wie sie Cass Wivenhoe ihren gesellschaftlichen Erfolg unter die Nase reiben würde. Und jetzt war alles vorbei.

Felicity reckte das Kinn vor, kniff die Augen zusammen und untersuchte ihren Hals. Das war die Stelle, an der man das Alter am ehesten ablesen konnte. Felicity drehte sich bald in diese, bald in jene Richtung, ein wenig wie ein scharfäugiger Vogel, der sein Mittagessen einer Musterung unterzog, und betrachtete sich eingehend. Sie hatte es sich angewöhnt, Rollkragenpullover zu tragen, und die hochkragigen Blusen, die Prinzessin Diana in Mode gebracht hatte, entzückten sie geradezu. Sie fand sie sehr schmeichelhaft. Schließlich konnte sie sich unmöglich gehen lassen, nur weil ihr Mann gestorben war. Mark hätte ihre Entschlossenheit, weiterhin Flagge zu zeigen, gutgeheißen. Vielleicht war es für eine Frau, deren Mann stets so häufig fort gewesen war, ein wenig einfacher. Sie war an das Alleinsein gewöhnt und hatte sich schon vor langer Zeit mit einem Freundeskreis und allerlei Unterhaltungen versorgt, um Einsamkeit und Langeweile vorzubeugen, und wenn sie brutal ehrlich war, war Mark, geistesabwesend und ungesellig wie er war, am Ende als Ehemann ein wenig langweilig gewesen, da er all seine Kraft so entschlossen auf seine Karriere gerichtet hatte. Es verstand sich von selbst, dass dies durchaus in ihrem Sinne gewesen war. Sie vermisste ihn. Natürlich vermisste sie ihn. Sie hatten gut zusammengepasst: beide klug, skrupellos, selbstsüchtig. Da sie einander so ähnlich gewesen waren, hatten sie einander niemals etwas vormachen müssen, sodass ihr Zusammenleben überaus friedfertig verlaufen war.

Nun, es hatte keinen Sinn, immer wieder und wieder über die Dinge zu grübeln. Felicity legte letzte Hand an ihr geschickt aufgetragenes Make-up und lehnte sich zufrieden zurück. Zumindest war ihr George geblieben. Es war seltsam, dass ihr George, der nie geheiratet und sie während ihres Ehelebens so viele Male vor der Einsamkeit gerettet hatte, seit der Beerdigung seltener zur Verfügung stand als früher. Er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass es unter den gegebenen Umständen nicht klug sei, ihre Beziehung publik zu machen. Sie sollten damit besser noch ein Weilchen warten, hatte er gemeint. Felicity fand das durchaus nachvollziehbar. George war nach wie vor bei der Marine, und es würde seiner Karriere vielleicht nicht guttun, wenn er allzu schnell und allzu offensichtlich die Schuhe des Toten tragen würde. Nicht dass er sie in der Vergangenheit nicht oft genug anprobiert hätte – aber es war vernünftig, keine Risiken einzugehen. George, der in Kürze als Kommandeur eines Atom-U-Boots verabschiedet werden würde, erwartete danach wahrscheinlich eine Schreibtischtätigkeit im Verteidigungsministerium oder auf der HMS Warrior in Northwood, und wenn es so weit war, würde er nach einer Wohnung Ausschau halten müssen. Das wäre eine perfekte Lösung. London war groß und anonym, ganz im Gegensatz zu dem kleinen Dorf im Moor einige Meilen außerhalb von Tavistock, wo Felicity in ihrem großen, für Devon typischen Langhaus lebte und wo es in der näheren Umgebung von Marinefamilien nur so wimmelte.

Felicity stand auf. Sie würde sehr viel glücklicher sein, wenn George sich irgendwo niedergelassen hatte und – eine hochwillkommene Abwechslung – am anderen Ende einer Telefonleitung zu erreichen war. In der Zwischenzeit musste das Leben weitergehen. Sie blickte in den langen Spiegel vor sich, nickte anerkennend und nahm dann ihre Tasche vom Bett, um das Haus zu verlassen.

Commander George Lampeter beendete sein Frühstück, schob seinen Stuhl zurück und nickte zwei Offizierskameraden zu, dann ging er zu seiner Kajüte hinauf, wobei er auf dem Weg dorthin noch seine Post abholte. Während er die Tür hinter sich zuzog, betrachtete er die Briefe. Einer kam von Felicity und einer von seiner Mutter. Er seufzte und öffnete Felicitys Brief zuerst. Darin fanden sich verschiedene Gerüchte, die derzeit in Umlauf waren, ein Tadel, weil er sich nicht gemeldet hatte, und die Erinnerung daran, dass sie für eine Woche zu einer Freundin nach Exeter fahren würde. George legte den Brief auf sein Bett und schlitzte den zweiten Umschlag auf. Seine Mutter hoffte auf seinen Besuch, wenn das U-Boot wieder im Hafen lag. Keine der beiden Frauen wusste, dass das bereits der Fall war. George bewahrte sich seine Freiheit, indem er sich nicht in die Karten schauen ließ, und da er Szenen gleichermaßen hasste wie Schuldgefühle, neigte er dazu, engere Beziehungen zu vermeiden. Es schien, als wäre es seiner Mutter sehr wichtig, ihn zu sehen.

Ich bin, so schrieb sie ihm, inzwischen ziemlich sicher, in meinem Haus nicht länger zurechtzukommen. Es ist für mich allein viel zu groß. Außerdem kann ich die Arbeit im Garten und die Pflege des endlos langen Weges zum Haus nicht mehr schaffen. Er ist inzwischen mit Gras überwuchert. Wenn Du nicht den Wunsch verspürst, das Haus zu übernehmen, musst Du die notwendigen Vorkehrungen treffen, um es für mich zu verkaufen. Ich habe mich dazu entschlossen, in eine Seniorenwohnanlage zu ziehen, und ich würde sehr gern mit Dir darüber reden.

George seufzte abermals und strich sich mit der gepflegten Hand über das glatt rasierte Kinn. Er sollte seine Mutter tatsächlich besuchen. Sein Vater war vor einigen Jahren gestorben, und George war das einzige Kind. Sein Widerstreben führte er auf die einfache Tatsache zurück, dass seine Mutter nicht weit entfernt von Felicity lebte, ein Umstand, der ihm derzeit ein gewisses Unbehagen bereitete.

Seine Gefühle angesichts des Todes Mark Mainwarings hatten ihn einigermaßen überrascht. Er war natürlich entsetzt gewesen. Schließlich war Mark in seinem Alter gewesen, nicht weit über vierzig, und sein Tod hatte George die Vergänglichkeit allen Lebens bewusst gemacht. Auch andere beunruhigende und unerfreuliche Gedanken waren ihm damals durch den Kopf gegangen. Der arme alte Mark war noch kaum unter der Erde gewesen, als Felicity auch schon erste Andeutungen hatte fallen lassen, und George war sehr dankbar dafür gewesen, den Vorwand zu haben, wieder zur See fahren zu müssen. Mit einem Widerstreben, das er angesichts der Umstände ein wenig eigenartig fand, hatte sie ihm Recht gegeben, dass es ein Zeichen von schlechtem Stil sei, wenn sie ihre Beziehung plötzlich öffentlich machten – obwohl die meisten ihrer Bekannten inzwischen davon wissen mussten. Wie dem auch sei, sie hatte sich einverstanden erklärt, für den Augenblick Diskretion zu wahren. Aber was dann? Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass Felicity an Heirat dachte, und das nicht ohne Grund. George war einer von Marks engsten Freunden gewesen und hatte ihn während der letzten zwanzig Jahre durch sein sporadisch aufflackerndes Verhältnis mit Felicity immer wieder hintergangen. Es war also kaum überraschend, dass Felicity annahm, er wolle die Verbindung nun legalisieren. George war ziemlich schockiert festzustellen, dass er keineswegs sicher war, ob er sie Tag für Tag um sich haben wollte. Unter den richtigen Umständen konnte Felicity eine wunderbare Gefährtin sein. Sie hatte eine witzige, oft sarkastische Ader und war sehr athletisch im Bett, aber würde das in einer dauerhafteren Beziehung genug sein? George schätzte ein friedliches, wohl geordnetes Leben – ein weiterer Grund, warum er nie geheiratet hatte –, und Felicity konnte eine wahre Xanthippe sein, das wusste er sehr gut. Aber was konnte er tun? Er konnte ihr doch wohl kaum erklären, dass sie eine amüsante Geliebte sei, aber doch nicht das, was er sich als Ehefrau wünschte. Nun gut, er hatte im Laufe der Jahre verschiedentlich versucht, ihre Beziehung zu beenden, doch auf die eine oder andere Weise – häufig, weil sie ihm das Gefühl gab, ein Schuft zu sein – war er immer wieder zu ihr zurückgekehrt.

Er blickte noch einmal auf den Brief seiner Mutter, rief sich ins Gedächtnis, dass Felicity für einige Tage in Exeter sein würde, und traf eine Entscheidung. Er würde nach Devon fahren, um seine Mutter zu besuchen, und sich bemühen, die Dinge für sie zu regeln. Schließlich hatte er sich ohnehin gefragt, was er mit seinem Urlaub anfangen wollte, und es war nur recht und billig, sie zu beruhigen. Vielleicht würde er anschließend bei Felicity vorbeischauen, falls ihm der Sinn danach stand. George blickte auf seine Armbanduhr. Die Fahrt vom U-Boot-Stützpunkt Faslane nach Tavistock war lang, aber er konnte rechtzeitig zum Abendessen dort sein. Nachdem er seinen Entschluss getroffen hatte, machte George sich auf die Suche nach einem Telefon.

Nachdem Mrs. Lampeter wieder aufgelegt hatte, ging sie zielstrebig in die Küche ihres Old Station House. Obwohl George bereits dreiundvierzig Jahre alt war und sie selbst über siebzig, neigte sie noch immer dazu, in ihm den Schuljungen zu sehen, der in den Ferien nach Hause kam, und ihn entsprechend zu behandeln. Doch trübte das instinktive mütterliche Bedürfnis, ihn zu versorgen, keineswegs ihren Blick. Sie sah klar, ja sogar unbarmherzig, was er war. Sie kannte seine Schwächen und wusste, dass er ein freundlicher, unschlüssiger Mensch war mit einem ausgeprägten Hang dazu, Problemen aus dem Weg zu gehen. Diese Einstellung führte dazu, dass er in der Regel den einfachen Ausweg wählte. Sein modus vivendi bestand darin, den Kopf einzuziehen und zu hoffen, dass Probleme sich von selbst erledigen. In dieser Hinsicht war er natürlich genauso wie sein Vater. Mrs. Lampeter, die geschäftig zwischen Küche und Speisekammer hin- und hereilte, schnalzte mit der Zunge. Sie war altmodisch genug zu glauben, dass die richtige Frau die Lösung sei, hatte sich jedoch beinahe mit der Tatsache abgefunden, niemals Großmutter zu werden. Beinahe, aber nicht ganz. Über Felicity wusste sie genau Bescheid – sie war ihr ein Mal begegnet, und die beiden Frauen hatten auf den ersten Blick eine herzliche Abneigung gegeneinander gefasst. Als sie von Marks Tod gehört hatte, hatte sie eine Weile mit der schrecklichen Angst gelebt, George könne Felicity heiraten, aber nachdem ein Jahr ins Land gegangen war, ohne dass dergleichen geschehen wäre, hatte Mrs. Lampeter wieder aufgeatmet. George schwankte, das wusste sie recht gut, und sie war zu dem Schluss gekommen, dass er einen ordentlichen Tritt in den Allerwertesten benötigte. Ihrer Meinung nach wartete Felicity lediglich ab, bis eine schickliche Trauerphase verstrichen war, und Mrs. Lampeter hoffte, ihr zuvorzukommen.

Nachdem sie alles für das Abendessen vorbereitet hatte, kehrte sie zum Telefon zurück, spähte kurzsichtig in ihr Adressbuch, nahm den Hörer auf und wählte. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine junge, klare Stimme.

»Thea, meine Liebe. Esme Lampeter hier … Ja, sehr gut, vielen Dank. Könnten Sie Ihrer Großtante etwas von mir ausrichten, mein Kind? … Das ist richtig. Genau das ist es. Könnten Sie ihr sagen, dass ich ihre Einladung zum Mittagessen am Mittwoch mit Freuden annehmen würde, aber es gibt da ein kleines Problem. George wird zu Hause sein … Ja, mein Sohn. Sie haben ihn noch nicht kennen gelernt, doch er kennt natürlich Hermione … Meinen Sie wirklich? Würden Sie sie fragen? Ich sehe ihn nämlich so selten, dass ich ihn nur ungern hier allein lassen würde … Wie lieb von Ihnen! Also gut, wenn Sie sich sicher sind … Er kann mich rüberfahren. Ich fühle mich seit einiger Zeit ein wenig unbehaglich auf den Straßen … Und ich bin mir sicher, dass er sich ebenfalls sehr freuen wird, Sie kennen zu lernen, meine Liebe. Nochmals vielen Dank. Dann bis Mittwoch. Grüßen Sie Hermione von mir.«

Vor sich hin lächelnd, ging Mrs. Lampeter wieder in die Küche. Sie würde sich natürlich niemals einmischen. Das war nicht ihre Art. Aber ein kleiner Stoß in die richtige Richtung war etwas ganz anderes, etwas, das man vielleicht sogar als Pflicht ansehen konnte.

Thea hockte sich auf den Kaminschutz und blickte ins Feuer. Die Lampeters waren gegangen, und nach einem frühen Abendessen hatten sie und Hermione Barrable sich in die Bibliothek zurückgezogen. Der Aprilabend war kalt, und das Holzfeuer war keine Dekoration, sondern eine Notwendigkeit. Broadhayes war ein altes Granithaus am Rand des Dartmoors, unweit Moretonhampstead, und keiner seiner Bewohner hatte je den Mut gehabt, den mit Steinplatten gefliesten Boden aufzustemmen oder die dicken Mauern zu durchbohren, um eine Zentralheizung zu installieren.

Hermione Barrable war daran gewöhnt. Sie hatte fast sechzig ihrer zweiundachtzig Jahre dort gelebt und war gegen die Kälte unempfindlich geworden. Sommers wie winters hüllte sie sich in mehrere Schichten Kleidung und hatte so große Ähnlichkeit mit einem alternden sibirischen Bauern. Ihr Mann war schon lange tot, ebenso wie ihr geliebter älterer Bruder, der Theas Großvater gewesen war.

Thea, deren Vater eine Gemeinde in den Hügeln von Shropshire leitete, war in einem großen, zugigen Pfarrhaus aufgewachsen und ebenso immun gegen die Kälte wie ihre Großtante. Sie saß auf dem Kamingitter, weil das ihr Lieblingsplatz war. Mit ihrem rotgoldenen Haar schien sie in dem dunklen Raum beinahe ebenso sehr zu glühen wie das tosende Holzfeuer. Sie war eine hoch gewachsene junge Frau mit starkem Knochenbau und langen Gliedern. Das helle Haar hatte sie sich zu einem dicken Zopf geflochten, und ihre bernsteinbraunen Augen starrten blicklos in die tanzenden Flammen.

»George hat mir gefallen, Großtante«, bemerkte sie schließlich und lächelte.

»Hm?«, murmelte Hermione. Ihre alte Hand mit den langen, schmalen Fingern schwebte über ihren Patience-Karten auf dem kleinen Tisch. Sie sah nicht auf, aber das Murmeln hatte ermutigend geklungen.

»Die Art, wie er mit seiner Mutter umgegangen ist«, sagte Thea unerwartet. »Er war nicht herablassend und hat auch nicht so getan, als wäre sie ein lästiges Kind. Genauso verhalten sich viele Leute alten Menschen gegenüber, findest du nicht auch? Geradeso, als glaubten sie, dass Menschen, die ein bestimmtes Alter überschritten haben, wieder zu Kindern würden und dumm und hilflos wären. Es ist beleidigend.«

Hermione traf ihre Entscheidung, und die Karten wurden mit knappen, geschickten Bewegungen eine nach der anderen auf den Tisch gelegt. Thea fühlte sich im Umgang mit älteren Menschen wohler als mit Gleichaltrigen, was wahrscheinlich daran lag, dass ihre Mutter schon deutlich über vierzig gewesen war, als Thea, ihr einziges Kind, geboren wurde; das Mädchen hatte eine ausgesprochen behütete Kindheit genossen. Es war daher nicht überraschend, dachte Hermione, während sie eine Karte umdrehte, dass ihre Großnichte sich zu George hingezogen fühlte. In Theas Augen war er vermutlich ein recht junger Mann.

»Ich denke, es ist möglich«, meinte Hermione mit bewunderungswürdiger Zurückhaltung, denn im Allgemeinen bevorzugte sie die Wahrheit so schlicht und ungeschminkt wie nur möglich, »dass er ein wenig aufgeblasen ist.«

»Ein wenig aufgeblasen war er schon, nicht wahr?« Thea kicherte. »Als er uns vom Falklandkrieg erzählte, hat er sich eindeutig als Kenner und Insider gebärdet. Ich fand es ganz süß.«

Hermione zog die Augenbrauen hoch, als ginge ihr gerade ein Gedanke durch den Kopf, den sie sich einprägen wollte, dann wandte sie sich stirnrunzelnd einer wenig begehrenswerten Hofkarte zu. »Er wirkt natürlich sehr distinguiert«, erklärte sie großmütig.

Thea blickte nachdenklich drein. »Distinguiert … Das klingt ein wenig so, als wäre er kein junger Mann mehr«, bemerkte sie schließlich.

»Mein liebes Mädchen, das ist er auch nicht! Er muss schon vierzig sein. Wahrscheinlich sogar über vierzig.«

»Mir kam er nicht so alt vor.« Thea klang sehnsüchtig.

Hermione stieß einen winzigen Seufzer aus. Ihrer Meinung nach sollte Thea George sehen, wie er war, aber gleichzeitig wusste sie, dass Thea niemals mit einem jungen Mann ihres eigenen Alters warm werden würde. In ihren Erfahrungen war sie jungen Männern bei weitem überlegen. Mit dreizehn hatten ihre Eltern sie auf ein sorgfältig ausgewähltes Mädcheninternat geschickt, und mit siebzehn war sie dann nach Hause zurückgekommen, um ihre nach einem Schlaganfall teilweise gelähmte Mutter zu pflegen. Thea hatte sich dieser Pflicht mit einem für ein junges Mädchen ungewöhnlichen Mut gestellt. Als ihre Mutter dann drei Jahre später gestorben war, war sie zu reif gewesen, um das Rad zurückzudrehen und die unbefangenen Vergnügungen ihrer Altersgenossen zu genießen. Sie war bei ihrem ältlichen Vater geblieben, sorgte für ihn und führte ihm den Haushalt, und ihre Besuche bei Hermione waren die gleichen großen Höhepunkte in ihrem Jahresablauf wie in ihrer Kindheit, als sie hier in den Ferien ihren Vetter Tim, Hermiones Enkel, besucht hatte.

»Warum er wohl nie geheiratet hat?«, überlegte Thea laut, während sie sich vorbeugte, um noch ein Holzscheit aufzulegen. »Seine Mutter sähe es gern, wenn er einen eigenen Hausstand gründete. Sie zieht in eine Seniorenwohnanlage und wünscht sich, dass George das Haus behält und darin lebt.«

Die gute Esme war in dieser Hinsicht eine Spur zu deutlich geworden, fand Hermione. Sie hatte Georges Vorzüge vor Thea ausgebreitet, wie ein Pfau seinen Schwanz spreizte, aber das Mädchen hatte den Zweck dieser Taktik offensichtlich nicht durchschaut und das Ganze ziemlich ernst genommen. Hermione überlegte, welche Antworten sie Thea anbieten konnte, und versuchte zu entscheiden, ob sie ihre Großnichte in ihrem Interesse ermutigen sollte. Schließlich sollte das Mädchen ein eigenes Heim und eine Familie haben. Thea sollte ihr junges Leben nicht darauf verwenden, sich in den abgelegenen walisischen Sümpfen um ihren Vater und seine Gemeinde zu kümmern. Aber war George Lampeter wirklich der richtige Mann für sie? Sie hatte ihm offensichtlich gefallen. Und welche Chancen hatte Thea, ledige Männer kennen zu lernen, die sich von ihren recht ungewöhnlichen Qualitäten angezogen fühlten?

»Ich nehme an, dass Esme gern Großmutter werden würde«, bemerkte Hermione leichthin. Thea mochte vielleicht in die Falle gehen, aber sie, Hermione, würde dafür sorgen, dass das Mädchen zuvor ganz deutlich sah, worauf es sich da einließ. Thea musste diesen Schritt aus freiem Willen und mit offenen Augen tun. »Was die Frage betrifft, warum er nie geheiratet hat, wäre es durchaus möglich, dass er einfach seine Karriere verfolgt hat. Doch soviel ich weiß, hat es da eine Beziehung zu einer verheirateten Frau gegeben …«

»Ich verstehe.«

Thea blickte nachdenklich drein, und Hermione fragte sich, ob es richtig gewesen war, das Thema Felicity zur Sprache zu bringen. Esme hatte ihr eines Tages die ganze Geschichte offenbart, zu einer Zeit, da sie große Angst gehabt hatte, George könne Felicity heiraten. Die Tatsache, dass er sich ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes noch immer nicht dazu entschlossen hatte, sagte einiges; trotzdem musste Thea vorgewarnt werden. Hermione kam zu dem Schluss, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommen sollte.

»Anscheinend ist diese Frau jetzt seit einem Jahr frei, daher muss der Umstand, dass George noch immer ledig ist, etwas zu bedeuten haben.«

Theas Stirn glättete sich ein wenig.

Eins, zwei, drei wurden die Karten auf den Tisch gelegt, während die Holzscheite im Kamin raschelten, ein wenig knarrten und zischende Flammen den breiten Kamin hinauftanzen ließen.

»Er hat mich eingeladen, morgen zum Mittagessen zu ihnen zu kommen.« Sie lächelte wieder. »Und er hat sich erboten, herzukommen und mich abzuholen. War das nicht lieb von ihm?«

»Sehr lieb. Hast du ihm gesagt, dass du durchaus imstande bist, selbst zu fahren?«

»Hm, nein, das habe ich nicht.« Das Lächeln wurde breiter. »Auf diese Weise haben wir mehr Zeit zusammen. Und dann wird er mich zurückbringen müssen.«

Hermione begann zu lachen, denn ihr war aufgegangen, dass all ihre Warnungen nichts als heiße Luft sein würden, wenn Thea sich entschieden hatte. »Dann hoffe ich, dass du dich gut amüsieren wirst, mein Liebling. Diese verflixte Patience will einfach nicht aufgehen.« Sie raffte die Karten mit einer weit ausholenden Bewegung zusammen und mischte sie neu.

»Wie wärs mit einem Schlummertrunk?« Thea stand auf, reckte sich und schlenderte zu dem großen Käfig hinüber, der auf einem runden Mahagonitisch in der Ecke stand. »Percy ist sehr still.«

Sie betrachtete den afrikanischen Graupapagei, der schläfrig auf seiner Stange hockte.

»Er war heute sehr brav.« Hermione schob ihren Stuhl ein wenig zurück. »Keine biblischen Zitate. Was auch gut so ist. Die arme Esme erregt sich so leicht. Gegen Shakespeare hat sie nichts einzuwenden, aber mit einem Papagei, der aus der Bibel zitiert, kann sie sich nicht recht anfreunden. Verschuldet hat das natürlich vor allem dein Großonkel Edward. Er hat Percy neben anderen Dingen auch lange Passagen aus der Bibel beigebracht. Esme, die arme Seele, findet das nicht passend. Der Himmel weiß, warum. Percy ist ein sehr talentierter Papagei, und wir konnten keinen Grund dafür sehen, warum er in seiner Ausbildung eingeschränkt werden sollte. Hoffentlich ist George nicht ganz so empfindlich wie seine Mutter.«

»Wie meinst du das?« Thea drehte sich zu ihr um.

»Es war schon immer eine ausgemachte Sache, dass du Percy bekommst, wenn ich einmal sterbe.« Hermione schenkte ihr ein schelmisches Lächeln. »Der Gedanke, dass ein Papagei zwischen einem Mann und seiner Frau steht, würde mir gar nicht gefallen!«

KAPITEL 2

George ging auf dem »Bahnsteig« hinter dem Old Station House auf und ab. Die alten Bänke mit ihren harten Sitzen waren noch immer da; zwischen ihnen standen Fässer, aus denen schon bald Blumen quellen würden. Der alte Warteraum mit Fahrkartenschalter war in ein behagliches Wohnzimmer verwandelt worden, und von dort aus verfolgte Esme Lampeter ihren Sohn mit nervösen Blicken.

George zündete sich noch eine Zigarette an und blieb stehen, um auf das grasbewachsene Gleisbett zu starren. Wenn er sich doch nur hätte entscheiden können! Theas ungezierter Charme, ihre Offenheit und ihre Wärme hatten ihn vollkommen überwältigt. Ihre vernünftige, klarsichtige Einstellung zu den praktischen Dingen des Lebens wurde auf charmante Weise betont durch altmodische, ganz und gar nicht materialistische Auffassungen, die ihn ebenso faszinierten wie die junge Frau selbst. Er hatte noch nie jemanden wie sie kennen gelernt. Mit ihrem hohen Wuchs, ihrem muskulösen Körperbau, dem glänzenden Haar und den warmen braunen Augen stellte sie einen absoluten Gegensatz zu Felicitys dunklem Teint und ihren diamantscharfen, vogelähnlichen Gesichtszügen dar. Thea sprühte vor Gesundheit und überfließender Großzügigkeit. Man hatte beinahe das Gefühl, als könnte man sich die Hände an ihr wärmen, und George fühlte sich mit allen Fasern seines Seins zu ihr hingezogen. Und vor allem war da ihre Jugend. Sie konnte nicht älter als zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig sein.

Zwanzig Jahre jünger als Felicity, dachte er. Felicity. Na schön, das war der Haken. Aber schließlich, so hielt er sich vor Augen, war von Ehe niemals konkret gesprochen worden. Solange Mark noch gelebt hatte, war es ganz gewiss keine Frage gewesen. Sie will mich jetzt nur deshalb, weil sie ganz allein ist. Sie fürchtet sich vor dem Alter und der Einsamkeit. Und sie ist zu alt, um Kinder zu bekommen, ganz davon abgesehen, dass sie nie welche gewollt hat.

Er stellte sich vor, wie er zu Thea heimkehrte, in ein warmes, glückliches Haus, in dem seine Söhne – natürlich würde er Söhne haben – aufwuchsen, ein Haus, in dem man ihm Liebe und Fürsorge entgegenbrachte, und sein Herz weitete sich. Er dachte auch an Felicitys scharfzüngige Zurechtweisungen, an ihre Neigung, ihn wie einen kleinen Jungen zu behandeln, den man belohnte oder bestrafte, wenn er sich schlecht benahm, und er zog abermals versonnen an seiner Zigarette. Er hatte ihr nie in Aussicht gestellt, sie zu heiraten. Aber in seinem Hinterkopf nagte ganz leise der Gedanke, dass die lange Dauer ihrer Beziehung womöglich genau diesen Schluss nahelegte. Bewusst rief er sich einmal mehr Theas Bild ins Gedächtnis, und dieses Bild war so strahlend schön, dass es den unwillkommenen Eindringling restlos vertrieb.

George drehte sich um und ging den Weg zurück, über den er gekommen war. Natürlich würde er sich verdammt glücklich schätzen können, wenn sie seinen Heiratsantrag annahm – schließlich war er kein junger Mann mehr –, aber es gab untrügliche Zeichen dafür, dass Thea seine Gesellschaft sehr schätzte. Sie war kein Mensch, der sich verstellte, und ihr Verhalten ihm gegenüber hatte nichts von einem Flirt. Ein Mädchen mit modernen Ansichten hätte ihn abgeschreckt, doch in gewisser Hinsicht schien Thea ihm im Alter näher zu stehen als ihrer eigenen Generation. Er dachte an seine Kollegen und stellte sich ihre Gesichter vor, wenn er mit Thea an seiner Seite in die Messe geschlendert käme. Sie würden grün werden vor Neid. Außerdem – was konnte Felicity noch groß unternehmen, wenn er sie vor vollendete Tatsachen stellte? Trotzdem war es ein großer Schritt, ein gewaltiger Schritt. Er war es gewohnt, in der Messe zu leben und jede Freiheit zu haben, zu kommen und zu gehen, wie es ihm gefiel. Als lediger Mann war er stets sehr gefragt, wenn es bei einer Gesellschaft an einem zusätzlichen Tischherrn mangelte. Doch diese Dinge machten ihm nicht mehr so viel Spaß wie früher. Jetzt, da all seine Kollegen verheiratet waren und Kinder hatten, fühlte er sich oft isoliert. Die »Ersatzdamen«, die man als Tischdamen für ihn einlud, waren häufig desillusionierte, geschiedene Frauen, von denen einige ihn mit einem geradezu raubtierhaften Entzücken begrüßten, das ihm einige Angst einjagte. Junge Frauen und Mädchen fanden seinen altmodischen Charme ziemlich überholt, und Marks Tod im Verein mit seiner Begegnung mit Thea zwangen ihn jetzt, gründlich über die Zukunft nachzudenken.

Thea. Ihr Bild stieg in ihm auf: warm, strahlend, freundlich. Er rief sich ins Gedächtnis, wie sie ihn ansah und auf seine vorsichtigen, sehr vorsichtigen Annäherungen reagierte. Sein Herz schlug sprunghaft, und er fluchte leise vor sich hin. Lieber Gott! Er müsste wahnsinnig sein, wenn er diese Gelegenheit nicht nutzte und Thea ihrer Wege gehen ließ. Wenn er doch nur hätte sicher sein können, dass er sie glücklich machen konnte, dass er nicht zu alt war! Nun, er musste das Risiko eingehen. Sie war so ungewöhnlich, so anders als andere junge Frauen, dass es vielleicht funktionieren würde. Und was Felicity betraf … Er verbannte Felicity in den hintersten Winkel seiner Gedanken. Mit diesem Problem würde er sich später beschäftigen.

George holte tief Luft, drückte die Schultern durch und trat seine Zigarette aus. Er hatte sich entschieden.

Seine Mutter, die instinktiv oder möglicherweise aufgrund seiner Körpersprache wusste, dass er seinen Entschluss getroffen hatte, eilte zu ihm hinaus.

Er lächelte voller Zuneigung auf sie herab und legte einen Arm um sie. Sie sah ihn fragend an, und er nickte.

»Ich habe mich entschieden«, sagte er. »Ich werde Thea bitten, meine Frau zu werden. Ich weiß, es geht sehr schnell, aber es hat keinen Sinn, Zeit zu verschwenden. Was meinst du? Ist es noch zu früh? Wird sie mich nehmen?«

»Oh, Liebling.« Esme Lampeter blickte zu ihrem hoch gewachsenen, gut aussehenden Sohn auf, und eine Vielzahl verschiedener Gefühle regte sich in ihr: Erleichterung, Entzücken darüber, so mühelos ihren Kopf durchgesetzt zu haben, und eine grimmige Freude bei dem Gedanken daran, dass Felicity auf ihren Platz verwiesen werden würde. All diese Gefühle überwältigten sie, und sie brach in Tränen aus.

George klopfte ihr auf die Schulter. Er fühlte sich stark und glücklich und war zuversichtlich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Trotzdem wünschte er sich, als er seiner Mutter ins Haus folgte, das Old Station House hätte in sicherer Entfernung von Felicitys Cottage gelegen und ihm selbst hätte ein erfreuliches, sicheres Vierteljahr auf See bevorgestanden.

Wenn Thea Georges Benehmen während seiner zweiten Urlaubswoche eigenartig fand, so ließ sie sich jedenfalls zu keiner Bemerkung darüber hinreißen. Sein Heiratsantrag und die Tatsache, dass sie ihn angenommen hatte, erfüllten sie mit einem tiefen Glück und einer Heiterkeit, die nichts zerstören konnten. George und sie waren wie geschaffen füreinander, das hatte sie fast von Anfang an gespürt, und es schien ihr einfach eine natürliche Folge zu sein, dass sie sich im Stillen verlobt hatten und – genauso still – heiraten würden. Zugegeben, George war schnell zur Sache gekommen. Diese Tatsache überraschte sie ein wenig, da sie gedacht hatte, dass er nach all den Jahren als Junggeselle vielleicht einige Ermutigung gebraucht hätte, um ihn zu einem solchen Schritt zu bewegen. Nachdem er sich jedoch einmal entschlossen hatte, schien ihn nichts aufhalten zu können, ja, offenbar konnte er es schlicht und einfach nicht erwarten, den nächsten Schritt zu tun. Thea schlenderte über das Grundstück von Broadhayes und dachte lange und gründlich nach. Sie hatte sich unwiderruflich in George verliebt und sah keinen Sinn darin, die Hochzeit hinauszuzögern. In diesem Punkt wurde sie reichlich bestärkt von Esme, die nur die eine Sorge hatte, dass George kalte Füße bekommen könnte oder dass Felicity am Ende noch herausfand, was vorging, und versuchte, diese Eheschließung zu hintertreiben. Esme wünschte sich sehnlichst, George und Thea im Old Station House zu sehen, während sie sich in dem behaglichen kleinen Bungalow in Tavistock in der Nähe ihrer Bridge-Freundinnen niederließ. Für Thea, die jahrelang ihre Mutter gepflegt und ihrem Vater den Haushalt geführt hatte, war der Gedanke an ein eigenes Heim und einen hingebungsvollen, attraktiven Ehemann beinahe überwältigend. Sie war sich durchaus im Klaren darüber, dass die jungen Männer ihres eigenen Alters sie drollig und altmodisch fanden, und sie hatte bereits im Stillen befürchtet, niemals jemanden zu finden, der sie liebte und verstand. Und plötzlich war beinahe wie der Prinz aus dem Märchen George auf der Einfahrt nach Broadhayes erschienen.

An dieser Stelle lachte Thea leise auf. Das Ganze erschien ihr immer noch ein wenig wie ein Traum, und sie hatte das Bedürfnis, es mit beiden Händen zu greifen, bevor es sich in Luft auflöste oder – und diese Möglichkeit war erheblich realistischer und erschreckender – bevor die Geliebte, von der Hermione gesprochen hatte, wieder auf der Bildfläche erschien und George für sich beanspruchte. Außerdem – worauf sollten sie noch warten? Hermione billigte ihre Verbindung, und ihr Vater würde gutheißen, was immer sie glücklich machte. Sie hatte bereits am Telefon ausführlich mit ihm gesprochen, ohne zu wissen, dass Hermione ihr bereits zuvorgekommen war, und ihr Vater freute sich darauf, George kennen zu lernen. Nichts konnte sie auseinander bringen, das sagte Thea ihr Herz. Ihr Kopf mahnte jedoch, die Dinge voranzutreiben, bevor George den Mut verlor und den Gedanken an seine Freiheit in die Waagschale warf. Er hatte eine Herbsthochzeit in sechs Monaten vorgeschlagen, und es schien keinen guten Grund zu geben, noch länger zu zögern. Sie hatte ihren Entschluss gefasst.

George dankte allen Göttern dafür, dass Thea ein schlichtes, unverdorbenes Mädchen war, das um ihre Hochzeit so wenig Aufhebens wie möglich machen wollte. Er lebte in heiligem Schrecken vor der Möglichkeit, Hermione könnte eine formelle Ankündigung der Verlobung in der Times verlangen. Aber als sie nichts dergleichen vorbrachte, begann er, sich zu fragen, ob er die ganze Angelegenheit wirklich von Anfang bis Ende vor Felicity würde geheim halten können. Inzwischen musste sie von ihrem Besuch in Exeter zurück sein, und so verbrachte er die zweite Woche fast zur Gänze in Broadhayes; er fuhr früh morgens hin und kehrte am späten Abend zurück, wobei er so viele Nebenstraßen wie nur möglich benutzte und stets wachsam nach Felicitys kleinem, roten Wagen Ausschau hielt. Mit Sicherheit hatte sie mittlerweile am Stützpunkt angerufen und erfahren, dass sein U-Boot im Hafen lag. Gewiss hatte man ihr auch von seinem Urlaub erzählt. Jetzt wünschte er, er hätte ihr geschrieben und behauptet, sofort beim Verteidigungsministerium anfangen zu müssen oder eine Einladung erhalten zu haben, die er unmöglich ablehnen konnte.

Er fühlte sich verpflichtet, seine Mutter zu warnen; schließlich lag es durchaus im Bereich des Möglichen, dass Felicity sie anrief, um nach seinem derzeitigen Aufenthaltsort zu fragen. Und Esme ergriff unverzüglich die Initiative.

»Du musst ihr sofort schreiben«, erklärte sie, »du müsstest zu einem streng geheimen Auftrag aufbrechen. Behaupte, ihr keine Informationen darüber geben zu dürfen. Als Ehefrau eines Marinesoldaten wird sie das verstehen.«

George sah seine Mutter mit einigem Respekt an. »Wird sie sich nicht fragen, warum ich nicht angerufen habe?«, wandte er ein. »Das wäre doch sicher natürlicher, nicht wahr?«

»Du hast versucht, sie anzurufen«, erwiderte Esme prompt. »Da du jedoch keine Antwort bekommen hast, bist du zu dem Schluss gekommen, sie müsse verreist sein, und hast dich deshalb dazu entschieden, ihr zu schreiben.«

George starrte sie an, und sein Respekt grenzte jetzt an Ehrfurcht. »Das ist ziemlich gut, Mutter«, sagte er. »Sie wird denken, ich hätte mich bei ihr gemeldet, während sie in Exeter war.«

Esme strahlte ihn an, entzückt über seine schnelle Auffassungsgabe und seine offenkundige Bereitschaft, so viel wie nötig zu lügen, um sich aus Felicitys Fängen zu befreien. Sie hatte befürchtet, er könnte sich stur stellen und darauf beharren, dass Felicity informiert und mit offenen Karten gespielt werden musste. Sie hätte ihn besser kennen müssen, das wurde Esme jetzt klar. Sein leidenschaftliches Verlangen nach einem ruhigen Leben war so groß, dass es in seinen Augen beinahe jede Intrige rechtfertigte, um sich Felicity vom Hals zu halten.

»Es hat keinen Sinn, Probleme heraufzubeschwören«, fuhr Esme fort. »Wir wollen doch auf keinen Fall, dass Felicity Hals über Kopf hergestürmt kommt oder gar Thea zur Rede stellt.«

George spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Er stellte sich Felicity vor, wie sie, einem Raubvogel gleich, mit ausgestreckten Krallen über die ahnungslose, unschuldige Thea herfiel, und der Gedanke ließ ihn erbeben. Seine Mutter beobachtete ihn.

»Wenn du erst einmal verheiratet bist, sind ihr die Hände gebunden«, fügte sie tröstend, wenn auch naiv hinzu. »Wir müssen einfach irgendwie die nächsten Monate überstehen. Schließlich kennt sie weder Thea noch Hermione, und du darfst mit niemandem darüber sprechen, der ihr davon erzählen könnte.«

»Aber wir werden Einladungen verschicken müssen«, protestierte George. »Ich möchte einige meiner Freunde bei meiner Hochzeit dabeihaben. Und den alten Tom hätte ich gern als Trauzeugen. Nicht dass er und Cass besonders viel für Felicity übrig hätten. Felicity hasst Cass wie die Pest.«

Esme dachte schweigend nach. Die Buschtrommeln der Marine würden die Neuigkeit im Nu verbreiten. Einen Moment lang sah sie im Geiste Felicity vor sich, wie sie bei der Hochzeit auftauchte und eine Szene machte. –Als verschmähte Frau würde Felicity gewiss alle Register ziehen.

»Du musst eine Liste von Personen verfassen, die du einladen möchtest, und dann werden wir entscheiden, wie viele von ihnen zu Geheimhaltung verpflichtet werden können. Ich weiß, es klingt melodramatisch, aber wir müssen diese Zeit überstehen, ohne Felicity die Chance zu geben, Theas Vertrauen in dich zu zerstören. Hast du ihr von Felicity erzählt?«

»Natürlich nicht!« George wirkte erschrocken. »Das könnte ich nicht. Ehrlich, Mutter, hab ein Herz!«

»Oh, hm.« Esme stieß ein schwaches, grimmiges Lachen aus. »Ich würde mir keine allzu großen Sorgen machen. Wenn du es ihr nicht erzählt hast, können wir ziemlich sicher sein, dass Hermione dies erledigt hat!«

Thea zerbrach sich wegen Felicity nicht den Kopf. Trotz ihrer Jugend hatte sie eine überraschend klare Vorstellung von der Realität menschlicher Schwächen, und sie wäre erstaunt und sogar besorgt gewesen, wenn George in seinem Alter nicht einige Abenteuer hinter sich gehabt hätte. Für einen Mann von seinem Temperament war es sicher einfacher gewesen, eine Geliebte zu haben, als die Verantwortung und die Pflichten einer Ehe auf sich zu nehmen. Nun hatte er jedoch das Gefühl, diesen Schritt mit ihr wagen zu können. Dafür war Thea einfach nur dankbar.

»Die Ehe mit einem Junggesellen von über vierzig, der obendrein noch Marineoffizier war, könnte ihre schwierigen Momente haben«, hatte Hermione gemeint, aber als Thea vernünftigerweise einwandte, die meisten Ehen hätten ihre schwierigen Momente, hatte sie ihr zustimmen müssen. Also verbrachte Thea ihre Tage mit George und war nicht besonders überrascht, dass er keine Neigung zeigte, das Grundstück zu verlassen, denn der April war kalt, und wenn sie nach Shropshire zurückkehrte, hatte er ihr versprochen, ihr so bald wie möglich zu folgen, um ihren Vater kennen zu lernen und seine offizielle Einwilligung einzuholen – nicht dass Thea sie gebraucht hätte, aber sie hielten dies beide für eine Geste der Höflichkeit.

Zuerst musste er jedoch nach Faslane zurückkehren, um seine unmittelbare Zukunft zu regeln. Er war erst einige Stunden fort, als das Telefon klingelte. Esme kam aus dem Garten herbeigeeilt, um den Anruf entgegenzunehmen.

»Mrs. Lampeter? Hier ist Felicity Mainwaring. Ist George da?«

Esme dankte im Stillen dem Schöpfer, dass sie nicht zu lügen brauchte. »Leider nicht, Mrs. Mainwaring.«

»Ich habe gerade einen überaus eigenartigen Brief von ihm bekommen. Wissen Sie, wo er ist?«

»Soweit ich verstanden habe, ist er, wo immer er sein mag, nicht zu erreichen.« Esmes Stimme hatte einen kühlen Unterton.

»Aber er ist bei Ihnen gewesen? Wie ich sehe, ist der Brief hier abgestempelt worden.«

Esme verfluchte bei sich ihre Kurzsichtigkeit gleichermaßen wie Felicitys Scharfsinn. »Er ist für einige Tage runtergekommen, um ein paar Sachen zu holen. Soweit ich weiß, hat er versucht, Sie anzurufen, hat Sie aber nicht erreicht.«

Felicity stieß einen missvergnügten Seufzer aus. »Ich war für einige Tage verreist. Wie ärgerlich. Sie können mir also nicht sagen, wo er ist oder wann Sie von ihm zu hören erwarten?«

»Ich fürchte, nein«, antwortete Esme vollkommen aufrichtig. »Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich habe Gäste.«

Sie legte den Hörer auf und dachte nach. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass in Felicitys Stimme die Zuversicht einer Frau gelegen hatte, die sich Hoffnungen machte. Zu Marks Lebzeiten hätte sie niemals Georges Mutter angerufen, geschweige denn Informationen ihren Sohn betreffend eingefordert. Beunruhigt kehrte Esme zu ihrer Gartenarbeit zurück.

Felicity knallte den Hörer auf die Gabel und ging in die Küche. Es war etwas Merkwürdiges an Georges Brief gewesen, aber sie konnte nicht recht den Finger darauf legen. Natürlich hatte sie sich von Georges Mutter keine große Hilfe erhofft. Es war unwahrscheinlich, dass sie Felicity in irgendeiner Weise entgegenkam. Bei ihren wenigen Begegnungen hatte Mrs. Lampeter aus ihrer Antipathie ihr gegenüber keinen Hehl gemacht. Zweifellos hätte Esme Lampeter es lieber gesehen, wenn ihr Sohn heiratete und Kinder in die Welt setzte. Sie war genau die Art Frau, die eine begeisterte Großmutter wäre. Felicity verzog verächtlich die Lippen. Sie sah auf die Küchenuhr und beschloss, sich für das Mittagessen einen kräftigen Gin Tonic zu genehmigen. Als sie vor den Schrank trat, gingen ihr verschiedene eigenartige Formulierungen aus Georges Brief durch den Kopf: … alles furchtbar vertraulich … keine Ahnung, wann ich dich wiedersehen werde … unwahrscheinlich, dass ich mich bei dir melden werde … Es klang alles wie einem Agententhriller entnommen. Felicity konnte sich George einfach nicht in der Rolle eines Geheimagenten vorstellen und hatte am Stützpunkt in Faslane angerufen, nur um die Information zu bekommen, Commander Lampeter sei fort. Sie ging mit ihrem Drink zum Tisch, setzte sich hin und trommelte gereizt mit den Fingern auf die Tischplatte, während sie darüber nachsann, wen sie ausquetschen konnte, um seinen Aufenthaltsort herauszufinden. Abgesehen von der Heimlichtuerei und der unsinnigen Behauptung, Stillschweigen bewahren zu müssen, hatte ihr der Tonfall seines Briefes nicht gefallen. Es klang so, als gäbe er keinen Pfifferling darauf, wie lange es dauern würde, bevor sie wieder zusammen waren, und sie hatte in seinen Zeilen nicht den leisesten Hinweis auf Bedauern oder eine Entschuldigung entdecken können. Der Brief hätte ebenso gut an eine x-beliebige Bekannte gerichtet sein können, und Felicity war verärgert.

Sie wusste, dass er irgendwann dieser Tage beim Verteidigungsministerium seinen Dienst antreten würde, und dachte darüber nach, welche ihrer Freundinnen Ehemänner hatten, die im Augenblick dort beschäftigt waren. Natürlich arbeitete Tom Wivenhoe im Verteidigungsministerium, aber sie würde eher vor Neugier sterben, als die Wivenhoes anzurufen, um Informationen über George zu erbitten. Es würde schon schlimm genug sein, ihre Freundinnen danach zu fragen. In jedem Fall musste es absolut beiläufig geschehen: »Natürlich ist George jetzt auch beim Verteidigungsministerium. Hat Jon ihn schon getroffen?« Und so weiter. Aber warum glaubte sie, dass er beim Verteidigungsministerium war, obwohl er in seinem Brief etwas anderes angedeutet hatte? Während Felicity langsam an ihrem Drink nippte, dachte sie über diese Frage nach. Nach einer Weile wurde ihr klar, dass die Antwort einfach war: Sie glaubte schlicht und ergreifend kein Wort von dem, was er ihr geschrieben hatte. Nicht ein einziger Satz des Briefes klang wahr. Außerdem war der Brief im Ort abgestempelt worden, und zwar nachdem sie bereits aus Exeter zurückgekehrt war. George war hier gewesen, hatte jedoch nicht versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen, obwohl er gewusst hatte, dass er verreisen und sie lange Zeit nicht sehen würde.

Felicity schüttelte den Kopf und stand auf, um ihr Mittagessen vorzubereiten. Selbst während sie im Geiste die Kalorien in ihrem Sahnekäse berechnete und die Portion verringerte, um den Gin Tonic herauszuwirtschaften, legte sie sich einen Plan zurecht, wie sie herausfinden konnte, was George im Schilde führte und wie sie es ihm nachweisen konnte. Ob vielleicht eine andere Frau im Spiel war?, argwöhnte sie. Dabei hätte sie gedacht, er hätte in dieser Hinsicht seine Lektion gelernt. Felicity hackte den Schnittlauch mit einer grimmigen Wut, die nichts Gutes für George bedeutete, und ging im Geiste ihre möglichen Informationsquellen durch. Sie würde jeden Stein umdrehen, jeden nur erdenklichen Weg erkunden.

Felicity verzehrte ihr Mittagessen, ohne auch nur einen einzigen Bissen zu schmecken, und erhob sich schließlich – gerüstet zum Kampf. Ein unfehlbarer Instinkt sagte ihr, dass George sie entweder betrogen hatte – oder zu betrügen beabsichtigte –, und in ihre schmale, hochmütige Nase stieg der Geruch von Blut.

KAPITEL 3

Cassandra Wivenhoe setzte ihren Wagen rückwärts aus der zur Garage umfunktionierten Remise und fuhr die Einfahrt hinunter, vorbei an dem georgianischen Pfarrhaus, dass sie und Tom, ihr Mann, vor elf Jahren gekauft hatten. Sie bog nach links ab und machte sich auf den Weg in Richtung Plymouth, wo sie wie jeden Freitagabend Tom vom Zug aus London abholen wollte. Diese Fahrten gefielen ihr, obwohl sie im Winter in der Dunkelheit übers Moor fahren musste, geplagt von peitschendem Regen oder vielleicht dichtem Nebel, ganz zu schweigen von den gelegentlichen Schneestürmen.

Sie fuhr langsam und erfreute sich an der erwachenden Natur und den sich entfaltenden zarten grünen Blättern. Obwohl die höheren Lagen noch immer den eisernen Griff des Winters erkennen ließen, waren auf den tiefer gelegenen Teilen des Weges die Böschungen mit Primeln und Veilchen übersät. In den Hecken darüber leuchteten Weißdornblüten, und jetzt, da die kalten Winde des Aprils dem wärmeren Südwest des frühen Mais gewichen waren, sah es so aus, als wäre der Sommer endlich unterwegs.

Es war mehr als drei Jahre her, seit Charlotte, ihre älteste Tochter, bei einem Reitunfall ums Leben gekommen war. Einem Unfall? Oder war es Selbstmord gewesen? Cass würde es niemals erfahren. Nach jenem Tag hatte sie monatelang an ihre noch nicht ganz sechzehn Jahre alte Tochter gedacht, wie sie auf ihrem Pony in den wilden Sturm hinausgeritten war, den Steinbruch hinauf – einem, wie sie gewusst hatte, selbst unter guten Bedingungen gefährlichen Weg. War sie vor dem schrecklichen Autounfall davongelaufen, den sie in ihrer Unschuld verursacht hatte? Oder war das lediglich der letzte Tropfen in einer Reihe emotionaler Krisen gewesen? Es war bei der nervösen, sensiblen Charlotte stets unmöglich gewesen, ihr Verhalten richtig einzuschätzen.

Cass fuhr durch Clearbrook und dann hinaus auf das offene Moor. Langsam, sehr langsam hatte sie sich damit abgefunden. Während Tom auf See gewesen war, hatte sie stets nach dem Prinzip gelebt »Lebe jetzt, zahle später!« und beschwingte Flirts und Affären genossen, immer erfüllt von der Ahnung, dass auch er sich amüsierte, wo sich die Gelegenheit bot. Sie war Risiken eingegangen, die ihrem Leben Würze gegeben hatten, und dann war schließlich der Zahltag gekommen. Sie dachte an Kate Webster, mit der sie ein Leben lang befreundet gewesen war. Auch Kate hatte einen Marinesoldaten geheiratet, doch ihre Ehe hatte schließlich mit einer Scheidung geendet. Kate hatte sie immer davor gewarnt, dass sie eines Tages zur Kasse gebeten werden würde. Cass selbst war es gewesen, die ihr Tun als Erste im Scherz »russisches Roulette« genannt hatte, und Kate hatte darauf erwidert, dass sie eines Tages die Kugel erwischen würde. Aber es war Charlotte gewesen, die von der Kugel getroffen worden war: die ernsthafte, stille kleine Charlotte, die ihren Vater angebetet und ihre jüngeren Geschwister geliebt hatte, Charlotte, die stets Angst gehabt hatte, dass Cass’ Treulosigkeit eines Tages die Familie zerstören könnte. Die Kugel, die für Cass bestimmt gewesen war, hatte sie getroffen.

Sowohl Cass als auch Tom hatten nicht nur den Tod ihrer Tochter, sondern auch ihre eigene Schuld verwinden müssen. Während der entsetzlichen Tage und Wochen nach der Beerdigung hatten sie versucht, einander Trost zu schenken, während sie gleichzeitig von Reue und Scham gequält worden waren. Wenn Tom nicht mit Harriet zusammen gewesen wäre, wenn Cass nicht bei Nick gewesen wäre – hätten die Dinge dann eine andere Wendung genommen?

Für Tom war der Falklandkrieg genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen, und er hatte sich mit aller Macht auf die strategischen Aspekte des Krieges konzentriert, erleichtert, sich so ablenken zu können. Auch Cass war dankbar dafür gewesen. Gelegentlich, wenn Schuldgefühle und Unglück ihn überwältigt hatten, hatte Tom versucht, ihr alle Verantwortung zuzuschieben. Cass hatte sich dagegen gewehrt, aber da sie seinen Schmerz verstand und wusste, was ihn zu diesem Verhalten trieb, hatte sie geschwiegen und nicht versucht, ihm seinerseits kritische Fragen zu stellen. Sie wusste sehr wohl, dass er bei Harriet gewesen war, sie konnte sich aber keine gemeinsame Zukunft vorstellen, in der sie einander in Stücke rissen. Und schließlich war sie diejenige gewesen, die ihn in Harriets weit geöffnete Arme gedrängt hatte, weil sie gehofft hatte, auf diese Weise ihre eigene Affäre mit Nick verbergen zu können. Die Schuld lag bei ihr, und sie nahm diese Bürde an und versuchte, damit fertig zu werden. Cass verbrachte so viel Zeit wie möglich mit ihren anderen drei Kindern, und am Ende des Krieges hatte die Zeit das ihre dazugetan, sie alle so weit zu heilen, dass sie einen Neuanfang wagen konnten.

Es gab immer noch qualvolle Augenblicke der Trauer, aber zumindest waren sie jetzt, mehr als drei Jahre später, imstande, mit dieser Trauer und miteinander umzugehen, und sie hatten die Fäden ihres Lebens wieder miteinander verwoben. Das Leben ging weiter.

Cass fuhr auf das Bahnhofsgelände und hielt Ausschau nach Tom. Er wartete vor den Spiegelglastüren und hob die Hand, als er sie näher kommen sah. Cass hielt an und beobachtete ihn, während er über die Straße auf sie zueilte. Es war noch immer ein wenig eigenartig, ihn in seinem Londoner Anzug zu sehen statt in einer Marineuniform. Die letzten Jahre hatten seinem Gesicht Falten und seinem braunen Haar, das so dicht wie eh und je war, graue Strähnen beschert, aber heute hatte sich etwas bei ihm verändert, an seinem Gang und dem Ausdruck auf seinem Gesicht, und Cass sah ihn erwartungsvoll an, während er auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Er beugte sich zu ihr vor, um ihr den gewohnten flüchtigen Kuss auf die Wange zu drücken, und sie begrüßten sich auf die gewohnte Art und Weise.

»Hattest du eine gute Woche?«

»Nicht allzu schlecht. Und du?«

»Alles bestens. Und der Zug ist zur Abwechslung einmal pünktlich gekommen.«

Cass fuhr in Richtung Tavistock und wartete.

»Ich habe eine erstaunliche Neuigkeit. Du wirst nie erraten, was es ist.«

»Was denn?« Cass lenkte den Wagen umsichtig über die Kreuzungen des Mutley Plain.

Tom wartete, bis sie den dichtesten Verkehr hinter sich gebracht hatte. »George wird heiraten.«

»Gütiger Gott! Dann hat sie ihn also endlich bekommen. Nun, so erstaunlich ist das gar nicht, Liebling. Nach Marks Tod war das lediglich eine Frage der Zeit. Es überrascht mich nur, dass sie so lange gewartet haben.«

»Aha! Aber genau darum geht es ja. Er heiratet nicht Felicity.«

»Was?«

»Vorsicht! Du hättest beinahe diesen Radfahrer erwischt. Du wirst es niemals glauben. Anscheinend hat er seinen Urlaub bei seiner Mutter verbracht und dieses Mädchen im Haus einer Freundin kennen gelernt. Er hat sich jedenfalls Hals über Kopf in sie verliebt, bis über beide Ohren.«

Cass fuhr einige Sekunden schweigend weiter und versuchte, diese Information zu verdauen, während Tom die Wirkung seiner Neuigkeit mit immenser Befriedigung beobachtete.

»Unglaublich, nicht wahr?«

Cass schüttelte den Kopf. »Das wird Felicity niemals zulassen«, sagte sie schließlich. »Eher bringt sie ihn um. Erzähl mir nicht, dass sie davon weiß!«

»Nein, sie weiß es nicht. Und der arme alte George benimmt sich wie die Katze auf dem heißen Blechdach.« Tom kicherte. »Armer alter Junge. Ich kann nicht anders – er tut mir leid. Er hat buchstäblich die Hosen voll vor lauter Angst, dass sie ihm draufkommen könnte. Er hat mich strengste Geheimhaltung schwören lassen.«

»Was für eine Dummheit! Natürlich wird sie es erfahren. Wie kann man nur so närrisch sein! Warum hat er es dir erzählt, wenn er solche Angst hat?«

»Er möchte mich als Trauzeugen«, erklärte Tom. »Also musste ich Bescheid wissen. Was bedeutet, dass du es ebenfalls wissen musst. Aber er vertraut darauf, dass wir beide keiner Menschenseele ein Sterbenswörtchen verraten werden. Er lädt noch ein oder zwei andere zu der Hochzeit ein und hat sie ebenfalls Geheimhaltung schwören lassen.«

Cass brach in Gelächter aus. »Also ehrlich, Tom. Was für eine Farce! Nur George kann sich einbilden, damit durchzukommen. Was will er tun? Mit Felicity bis zum Vorabend der Hochzeit weitermachen, als wäre nichts geschehen, und ihr dann ein kleines Briefchen schicken, in dem er ihr für ihre aufmerksame Gastfreundschaft dankt, die nun nicht länger erforderlich ist?«

»Er trifft sich überhaupt nicht mit ihr. Er hat ihr erzählt, man hätte ihn zu einer streng geheimen Mission ausgesandt, und er hofft, dass er sich auf diese Weise bis nach der Hochzeit wird bedeckt halten können. Seiner Meinung nach wird es dann zu spät für Felicity sein, um ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen.«

Jetzt brach Cass erst richtig in Gelächter aus. Sie lachte so sehr, dass Tom unwillkürlich in ihren Heiterkeitsausbruch einstimmte, wenn er sie nicht gerade ermahnte, vorsichtiger zu fahren.

»Top secret!«, sagte sie, als sie durch Roborough fuhren und sie endlich wieder sprechen konnte. »Mehr brauche ich nicht zu wissen. Wenn er denkt, Felicity würde das glauben, dann ist er noch ein größerer Narr, als ich es bisher vermutet hatte. Sie wird ihn im Handumdrehen aufgespürt haben. Und die junge Frau, wer ist sie? Kennen wir sie?«

Tom schüttelte den Kopf. »Sie kommt nicht von hier. Ihr Name ist Thea, und anscheinend ist sie erst dreiundzwanzig. Der alte George freut sich wie ein Schneekönig.«

»Mein Gott! Wenn Felicity sie findet, wird sie sie bei lebendigem Leib auffressen. Wirklich Pech für George. Weiß Gott, ich kann Felicity nicht ausstehen, aber ich finde, er hätte ihr die Wahrheit sagen sollen. Nach über zwanzig Jahren hätte sie das verdient.«

Tom blickte unbehaglich drein. Als Mann sah er das anders; wenn Felicity all die Jahre lang bereit gewesen war, ihren Mann zu betrügen, hatte sie es seiner Meinung nach nun nicht besser verdient. Er fand, dass George jedes Recht hatte zu heiraten, wen er wollte, und wenn ein charmantes, attraktives Mädchen, das zwanzig Jahre jünger war als er, ihn nehmen wollte, dann konnte man George nur Glück wünschen. Er hatte George unverhohlen ermutigt. Jetzt rutschte er ein wenig unbehaglich auf seinem Sitz herum, und Cass sah ihn an.

»Ich nehme an, du hast ihn auch noch dazu gedrängt«, bemerkte sie hellsichtig. »Hm, ich kann dir eigentlich keinen Vorwurf daraus machen. Ich denke nur, dass es für George schlimmer kommen wird, wenn Felicity den Betrug herausfindet. Dann wird er wünschen, ihr die Wahrheit gesagt zu haben. Aber so oder so, er hat keine Chance. Der arme George. Und die arme Thea. Oh, hm, das lässt sich nicht ändern. Also, sprich weiter. Spuck alles aus. Du hast mir bisher noch nicht einmal die Hälfte der Geschichte erzählt.«

Kate Webster war ziemlich überrascht, als Cass sie am Montagmorgen anrief, sobald sie Tom zum Bahnhof gebracht hatte und wieder zu Hause war. Ihre Neuigkeiten seien zu umwerfend, um warten zu können, sagte sie, und, nein, am Telefon könne sie ihr das nicht erzählen.

»Ich will dein Gesicht sehen, wenn du es hörst«, meinte Cass.

»Also ehrlich, Cass …«

»Nein, ich will keine Ausreden hören. Deine alten Hunde interessieren mich nicht, und außerdem habe ich dich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Soll ich rüberkommen, oder kommst du her?«

»Nun ja, ich wollte ohnehin gerade nach Tavistock fahren, um einige Einkäufe zu erledigen …«

»Das ist noch besser. Wir treffen uns dann im ›Bedford‹ auf einen Kaffee. In einer halben Stunde?« Und ohne auf eine Antwort zu warten, hatte sie aufgelegt.

Jetzt saß Kate in der Hotellobby und lächelte vor sich hin. Nach dem Tod eines geliebten Kindes ist kein Mensch mehr so wie früher, dachte sie, aber trotz der Traumata der vergangenen Jahre hatte Cass sich im Grunde nicht verändert. Sie hatte sich ihre verblüffende Schönheit bewahrt, und darunter war sie dasselbe unbeschwerte, fröhliche Mädchen geblieben, das Kate vor achtundzwanzig Jahren im Internat kennen gelernt hatte.

Kate war es gewesen, der Cass ihr Herz ausgeschüttet und von ihren verborgensten Gefühlen erzählt hatte. Sie hatten zu dem Zeitpunkt schon so viel gemeinsam durchgemacht: Sie hatten beide jung geheiratet und mit dem Leben an der Seite eines Marineoffiziers fertig werden müssen. Cass hatte Kate während der unglücklichen Jahre ihrer Ehe mit Mark Webster zur Seite gestanden, und Kate hatte ihrerseits ängstlich zugesehen, wie Cass mit ihren diversen Geliebten und Tom jongliert hatte. Sie hatten ihre Kinder großgezogen, waren von einem Stützpunkt zum anderen gezogen, während ihre Ehemänner auf See gewesen waren, und sie hatten einander getröstet, als zuerst Kates Mutter gestorben war und dann Cass’ Vater, der General, der für sie beide ein Fels in der Brandung gewesen war. Cass war auch zur Stelle gewesen, als Kates Affäre mit Alex Gillespie an der Abneigung ihrer Zwillinge gescheitert war, und Kate war da gewesen, als Cass sich in Nick Farley verliebt hatte und ihr Leben sich in einen Scherbenhaufen verwandelt hatte: Nur wenige Tage, nachdem Nick Cass zurückgewiesen hatte, war Charlotte gestorben. Durch die Tragödie hatten Cass und Tom zueinander zurückgefunden; sie hatten die Torheit – und die Gefahr – ihrer ständigen Affären eingesehen und die enge, liebevolle Beziehung wieder aufgenommen, die sie unter der Oberfläche stets miteinander verbunden hatte. Sie hatten ihre Lektion auf die harte Tour gelernt, und sie gingen keine Risiken mehr ein.

Kate schenkte sich Kaffee nach. Man sah ihr jedes einzelne ihrer vierzig Jahre an. Sie hatte zwar hastig einen Kamm durch ihre drahtigen, kurzen Locken gezogen, die reichlich mit grauen Strähnen durchzogen waren, sich jedoch nicht die Mühe gemacht, ihre dunkelblaue Cordhose gegen etwas Besseres einzutauschen. Auch trug sie noch immer das Rugby-Hemd, das in den alten Schulfarben ihrer Zwillinge, Schwarz und Rot, gehalten war und das früher einmal Guy gehört hatte – oder war es Giles? Cass’ zwei Söhne besuchten inzwischen Blundells, die alte Schule der Zwillinge: Oliver bereitete sich auf seine Abschlussprüfungen vor, und Saul war in seinem zweiten Jahr. Die Zwillinge studierten inzwischen, und Kate, die stets unter Geldnot litt, arbeitete sich langsam durch ihre abgelegten Schulkleider.

Als jemand hereinkam, blickte sie auf und sah nicht Cass, sondern Felicity. Obwohl ihre Ehemänner alle drei gute Freunde gewesen waren, waren Kate und Cass nie allzu gut mit Felicity klargekommen, und Kate war überrascht, als Felicity an ihren Tisch trat, statt sie lediglich wie gewohnt mit einem frostigen Nicken zu begrüßen.

»Hallo, Kate«, meinte sie auf ihre schroffe Art. »Wartest du auf jemanden?« Sie betrachtete kurz Kates nachlässiges Erscheinungsbild, und Kate lächelte schwach.

»Ja, ich warte auf Cass«, antwortete sie. Sie war davon überzeugt, dass diese Mitteilung Felicity schneller verschrecken würde als alles andere, und staunte daher umso mehr, als sie auf einem der Stühle am Tisch Platz nahm.

»Das trifft sich gut«, erwiderte sie. »Du hast doch nichts dagegen, wenn ich mich für einen Moment setze? Ich würde gern kurz mit Cass reden.«

Kate wusste, dass Cass und Felicity wahrscheinlich seit drei Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt hatten. Jetzt konnte sie Felicitys Frage nur mit einem Nicken beantworten und war noch bestürzter, als Cass wenige Sekunden später erschien und bei Felicitys Anblick ein Ausdruck unverhohlenen Entsetzens auf ihre Züge trat, was Kate als eine übertriebene Reaktion empfand. Fast sofort gewann Cass ihre Fassung wieder, und als sie den Tisch erreichte, spürte Kate, dass ihre Freundin irgendein ausgesprochen starkes Gefühl unterdrückte.

»Hallo, Felicity«, sagte Cass und blickte auf die andere Frau hinab. »Ich habe dich ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?«

»Gut, danke. Und selbst?«

»Bestens.« Cass umarmte Kate. »Oh, schön. Du hast Kaffee bestellt. Ach je, nur zwei Tassen.«

»Zerbrich dir meinetwegen nicht den Kopf«, erklärte Felicity. »Ich bin mit einer Freundin verabredet. Ich wollte nur kurz Hallo sagen.«

Sie zögerte, und Cass zog die Augenbrauen hoch. »Das ist sehr freundlich von dir«, meinte sie. Sie setzte sich auf den dritten Stuhl und beugte sich vor, um sich Kaffee einzuschenken. Als sie sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte, zwinkerte sie Kate kaum merklich zu. »Also, wie sieht es aus bei dir? Es hat mir sehr leid getan, das von Mark zu hören.«

»Es läuft eigentlich nicht schlecht«, gab Felicity zurück. »Das Leben geht weiter, wie wir beide wissen. Wie geht es Tom?«

»Gut.« Cass nippte an ihrem Kaffee, und Kate spürte deutlicher denn je, dass irgendetwas im Gange war, das sie nicht verstand.

»Er ist jetzt beim Verteidigungsministerium, nicht wahr?«

»Hmm. Das stimmt. Er ist nur am Wochenende zu Hause, unter der Woche teilt er sich eine Wohnung mit Tony Whelan.« Cass kicherte leise, und auch Kate lächelte. Tony war einer von Cass’ ehemaligen Geliebten.

»Vermutlich sind im Augenblick einige von der alten Clique beim Ministerium.« Felicity beobachtete Cass genau. »Sie sind ja jetzt im richtigen Alter dafür, nicht wahr?« Sie nannte die Namen zweier U-Boot-Offiziere, die sie alle kannten. »Und George natürlich.«

»George?« Cass blickte überrascht auf. »George ist beim Verteidigungsministerium? Ich muss Tom unbedingt bitten, nach ihm Ausschau zu halten. Er freut sich immer, wenn er den alten George trifft.« Sie machte ein hochmütiges Gesicht. »Und ich natürlich auch!«

Kate sah Felicity an und wartete auf den gewohnten Ausdruck von Ärger, den sie nie beherrschen konnte, wenn Cass auf die Tatsache anspielte, dass George schon immer eine Schwäche für sie gehabt hatte. Heute geschah jedoch nichts Derartiges. Felicity beobachtete Cass noch immer, und ihre schwarzen Augen waren schmal, als wartete sie auf etwas.

»Dann hat Tom ihn noch nicht gesehen?«

»Wen? George?« Cass schüttelte den Kopf. »Er hätte es mir sicher erzählt, wenn er ihm begegnet wäre. George lässt mich ja immer grüßen. Wie dem auch sei, er hat gesagt, er wolle bei Tom und Tony einziehen, wenn er nach London versetzt wird. Die beiden haben ein freies Zimmer, und sie brauchen das zusätzliche Geld. Die Miete ist einfach Furcht erregend. Hat der hinterhältige Teufel sich am Ende doch eine eigene Wohnung genommen?«

Felicity wirkte sichtlich verwirrt. »Oh«, murmelte sie und stand dann abrupt auf. »Da ist Pat«, sagte sie. »Ich muss weiter. Wir sehen uns sicher irgendwann mal wieder.«

Sie blickten der schlanken, mit einer engen schwarzen Hose und einer kirschroten Jacke bekleideten Felicity nach, die zu einem Tisch am gegenüberliegenden Ende des Raumes ging, wo gerade eine andere Frau Platz nahm.

Kate drehte sich zu Cass um. »Also, worum geht es?«

Cass stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und begann dann zu kichern. »Was für ein Zufall!«, raunte sie. »Du wirst es nie erraten. Nicht einmal in hunderttausend Jahren. Sei ein Schatz und hol mir noch eine Tasse Kaffee, dann werde ich dir alles erzählen.«

KAPITEL 4

George erschien der Sommer endlos. Er lehnte Toms und Tonys Angebot, sich eine Wohnung mit ihnen zu teilen, mit der Begründung ab, dass Thea und er einen eigenen Hausstand vorziehen würden, wenn sie bei ihm in London war. Nachdem er seine Stellung beim Verteidigungsministerium angetreten hatte, hatte er sich eine kleine Mietwohnung gesucht und verbrachte jedes Wochenende bei Thea in Shropshire. Er weigerte sich, weiter zu denken als bis zu der Hochzeitszeremonie. Nach wie vor redete er sich ein, dass Felicity der Wind aus den Segeln genommen sein würde, wenn er und Thea erst verheiratet waren, und dass ihm dann keine Gefahr mehr drohte. Irgendwann würde er Thea alles beichten, und sie würde es verstehen und verzeihen, und er würde glücklich sein können. Es gelang ihm, all seine Schuldgefühle bezüglich seiner Beziehung mit Felicity in Schach zu halten. Dabei half es ihm ungemein, sich entschlossen auf Thea zu konzentrieren: auf ihre Jugend, ihre Unkompliziertheit und ihr glückliches Naturell, das frei war von Zynismus oder Düsternis und seine Wurzeln in einer ausgeglichenen Akzeptanz von Gut und Böse hatte. Für Thea hätten die Worte »das ist nicht fair« niemals irgendeinen Sinn ergeben. Das Leben war nicht fair, das hatte es nie zu sein behauptet, es versprach nichts. Sie nahm diese Tatsache hin und hielt Ausschau nach dem Guten, nach dem Glücklichen, dem Positiven; George hatte dies instinktiv erkannt und wollte es für sich selbst haben. Er wollte seinen klapprigen alten Wagen vor diesen hellen Stern spannen, und nichts und niemand würde ihn daran hindern.

Thea war derweil emsig damit beschäftigt, Vorsorge für die Zukunft ihres Vaters zu treffen. Hier war das Glück auf der Seite der Liebenden, auch wenn es in der Gestalt einer persönlichen Tragödie für einen anderen Menschen daherkam. Eine Witwe aus dem Ort hatte ihren einzigen Sohn durch einen Motorradunfall verloren und war ohne ihn nicht länger in der Lage, ihren Unterhalt zu bestreiten. Da sie ein getreues Mitglied der Gemeinde war, war Thea nach sorgfältigem Abwägen und einer Beratung mit ihrem Vater an die Frau herangetreten und hatte sie gefragt, ob sie als Gegenleistung für ein schönes Heim bereit sei, die Stellung als Haushälterin bei ihrem Vater anzunehmen.

Dieses Arrangement schien eine vernünftige, ja sogar glückliche Lösung für mehrere Probleme zu sein, und Thea war dankbar dafür. Es ist immer schwierig, das eigene Glück auf Kosten jener zu genießen, die wir lieben, und Thea war vernünftig genug zu wissen, dass sie nicht für immer bei ihrem Vater bleiben konnte und dass er dies wahrscheinlich auch nicht gewünscht hätte. Jetzt hatte sie alles getan, was möglich war, und konnte mit gutem Gewissen auf ihre eigene Zukunft blicken.

George erhielt gelegentlich Briefe von Felicity, die ihm von Faslane aus nachgeschickt worden waren, und fragte sich, wie lange es dauern würde, bis seine Tarnung platzte. Langsam schleppte sich der Sommer dahin, und der Tag der Hochzeit kam näher, bis George an einem warmen Nachmittag im September seinen Schreibtisch aufräumte, London verließ und sich auf den Weg nach Shropshire machte.

»Er hat es also geschafft.« Kate beugte sich über Cass’ Küchentisch und griff nach dem Zucker. »Ich muss sagen, ich bin erstaunt: Niemand hat geplaudert! Ich kann es fast nicht glauben.«

»Es ist pures Glück, dass keine von Felicitys Busenfreundinnen in London ist. Wohlgemerkt, es wissen nur ungefähr acht von seinen Freunden Bescheid. Es ist das bestgehütete Geheimnis der Welt.« Cass setzte sich, und Kate schob ihr die Zuckerdose hin. »Ich bin sehr froh darüber. Thea ist entzückend und ganz verliebt in den guten alten George, und er ist einfach vernarrt in sie. Es wäre unaussprechlich tragisch gewesen, wenn es Felicity gelungen wäre, dazwischenzufunken.«

»Sie wird es eines Tages herausfinden, und dann wird sie wie Dschingis Khan und seine Horden über die beiden herfallen.«

»Liebe Kate.« Cass rührte in ihrem Kaffee und lächelte vor sich hin. »Dich hätte man Cassandra nennen sollen! Das habe ich schon immer gesagt.«

Kate zuckte die Schultern. »Ich habe Thea noch nicht kennen gelernt, aber glaubst du ehrlich, dass sie Felicity gewachsen wäre? George war es jedenfalls nie. Mein Gott, Cass! Stell dir nur vor, wie wütend sie sein wird, wenn sie hinter sein falsches Spiel kommt. Und zum ersten Mal in meinem Leben kann ich nicht behaupten, dass ich ihr einen Vorwurf machen würde. Nach all diesen Jahren. Es ist schon ein starkes Stück, das musst du zugeben.«

»Ich gebe es zu. Das habe ich auch zu Tom gesagt, aber gleichzeitig kann ich mich eines verstohlenen Mitgefühls für George nicht erwehren. Es ist eine höllische Situation. Ich denke, er wird Visionen von Felicity haben, wie sie Thea in Stücke reißt oder ihr Arsen in den Champagner schüttet. Ich wünschte, du würdest zu der Hochzeit kommen.«

»Ich hasse Hochzeiten«, erklärte Kate. »All diese unschuldigen jungen Dinger, die feierliche Schwüre ablegen, ohne einen Schimmer zu haben, was alles aus dem Gestrüpp gekrochen kommen kann, um sie daran zu hindern, diese Schwüre zu halten.«

»Ich würde George nicht gerade als unschuldiges junges Ding bezeichnen.«

»Vielleicht nicht. Aber nach allem, was ich gehört habe, scheint Thea genau das zu sein. Dreiundzwanzig!« Kate schüttelte den Kopf und begann zu lachen. »Wie um alles in der Welt hat George das geschafft?«

»Um ehrlich zu sein, ich glaube, er weiß es selbst nicht. Tom meint, er würde in einem Nebel dankbaren Staunens umherlaufen.«

»Hm, ich wünsche ihm alles Gute. Ich sage nicht, dass er Felicity hätte heiraten sollen, aber ich finde doch, er hätte den Mumm haben müssen, ihr die Wahrheit zu gestehen.«

»Oh, ich bitte dich! Du kennst doch George. Er kann Szenen und Auseinandersetzungen nicht ausstehen. Und er hatte schon immer eine Todesangst vor Felicity. Ach, Kate! Was gäbe ich darum, ihr Gesicht zu sehen, wenn sie es erfährt!«

Sie blickten einander an und brachen in Gelächter aus.

»Lass uns hoffen, dass sie es nicht schon weiß, sonst wird sie morgen vor der Kirche auf der Lauer liegen. Vielleicht hätte ich die Einladung doch annehmen sollen …«

»Ich werde dir alles haarklein erzählen, wenn ich zurückkomme. Und wenn wir Kaffee getrunken haben, werde ich dir meinen Hut zeigen.«

Felicitys Suche nach der Wahrheit war durch den sich verschlechternden Zustand und folgenden Tod ihrer Mutter behindert worden. Die hochbetagte, wenn auch unbezwingbare alte Dame hatte einige Jahre lang in einem Pflegeheim gelebt und sich ausgerechnet diesen Augenblick ausgesucht, um ihren letzten Atemzug zu tun. Felicity verübelte ihr diesen Mangel an Rücksichtnahme und wütete im Stillen vor sich hin, wenn sie an die Stunden dachte, die sie am Bett ihrer Mutter und mit Beratungen mit dem Arzt und der Oberschwester verbracht hatte. Mutter und Tochter hatten ihr Leben lang miteinander gestritten. Felicitys Mutter hatte sich stets sehnlichst einen Sohn gewünscht. Erst nach einer Reihe von Fehlgeburten hatte sie sich mit der Existenz einer tyrannischen Tochter abgefunden und von Felicity und ihrem Vater erwartet, dass sie nach ihrer Pfeife tanzten. Die Enttäuschung über ihre Tochter vervielfachte sich noch, als sie herausgefunden hatte, dass Felicity nicht die Absicht hatte, sie mit Enkelsöhnen zu versorgen. Nach dem Tod ihres Mannes fand sie, Felicity sollte nach Hause zurückkehren und seinen Platz einnehmen, um sie von vorne bis hinten zu bedienen. Ihrer Meinung nach hätte Mark von seinem jeweiligen Posten aus ohne weiteres pendeln können, wenn er seine Frau zu sehen wünschte. Als die beiden sich schlichtweg geweigert hatten, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, hatte sich die Beziehung zwischen Felicity und ihrer Mutter noch weiter verschlechtert. Wenn die beiden Frauen zusammen waren, verbrachten sie ihre Zeit mit Streitigkeiten und Anschuldigungen, ein Zustand, der anhielt, bis die alte Dame ins Koma fiel.

Danach kreisten Felicitys Gedanken häufiger um Georges ungewöhnliches Verhalten als um das körperliche oder geistige Wohlergehen ihrer Mutter. Wenn man ihren Gemütszustand beim Verlassen des Krematoriums in Plymouth hätte zusammenfassen müssen, wäre es wahrscheinlich absolut zutreffend gewesen, ihn mit Erleichterung zu beschreiben.

Sie hatte auf ihre Briefe an George keine Antwort erhalten und auch kein Entgegenkommen von seiner Mutter erfahren, die an der lächerlichen Behauptung festhielt, er sei mit irgendeiner mysteriösen Aufgabe betraut worden und nach wie vor nicht erreichbar. Als Felicity die Fährte wieder aufnahm, war die Spur schon recht kalt, und schließlich kam die Wahrheit in Form eines Briefes von George, der inzwischen sicher verheiratet war und ihr mitteilte, dass er während seiner Reise – deren Sinn und Zweck zu enthüllen ihm nicht freistehe – eine junge Frau kennen gelernt habe, zu der er eine große Zuneigung entwickelt und die sich bereit erklärt habe, seine Frau zu werden. Der Brief war gespickt mit einer Vielzahl meisterhafter Untertreibungen:

Mir ist durchaus bewusst, dass dies ein großer Schock für Dich sein wird, geradeso wie es auch für mich ein Schock gewesen ist, aber ich hoffe, dass Du mir meine Chance auf ein Glück nicht missgönnst und mir alles Gute wünschen wirst.

Jeder, der Felicity kannte, hätte dies als eine sehr eitle Hoffnung erachtet. Natürlich war sie denkbar weit davon entfernt, ihm irgendetwas Erfreuliches zu wünschen. Stattdessen betete sie, dass alle Plagen Ägyptens – sowie einige weitere ihrer eigenen Erfindung, die weitaus gräulicher waren als alles, was der Allmächtige je hätte ersinnen können – George und seine unbekannte Braut befallen sollten. Zorn, Kränkung und Eifersucht erhoben sich in einer riesigen schwarzen Flut, die buchstäblich schäumte und brodelte, und einige Tage lang fiel sie einer schweren Migräne zum Opfer. Doch obwohl der Zorn ihr noch immer den Magen zusammenkrampfte, war sie schließlich in der Lage, nach außen hin Gelassenheit zur Schau zu stellen. Ihr aufgewühltes Gehirn wurde ruhiger und nachdenklich, und sie zog die eine oder andere Erkundigung ein, die ein gewisses Maß an Erfolg zeitigte.

An einem Tag im Januar fuhr sie über das durchweichte Moor, das feucht und dunkel unter dem bleiernen, weinenden Himmel lag, und machte sich auf den Weg zum Old Station House. Das Gatter war geschlossen, und Felicity stellte ihren Wagen ab, öffnete es und ging über den asphaltierten Vorplatz. Sie bemerkte, das Georges Rover in der Garage stand, während von dem kleinen Wagen seiner Mutter nichts zu sehen war, und erriet, dass ihre Informationen korrekt waren. Sie drückte auf die Klingel und wartete. Nach einigen Sekunden hörte sie Bewegungen im Haus, und eine hoch gewachsene junge Frau mit gesundem Teint und einem offenen Lächeln erschien in der Tür.

Konfrontiert mit dieser Vision einer beinahe aggressiven Jugendlichkeit, durchfuhr Felicity ein weiterer heftiger Stich unverwässerter Eifersucht.

»Guten Morgen«, begann sie und zwang sich mit einer beinahe sichtbaren Anstrengung zu einem Lächeln. »Ist Mrs. Lampeter zu Hause?«

Die junge Frau lächelte sie an. »Ich bin Mrs. Lampeter«, antwortete sie mit einem Tonfall, der eine Gratulation geradezu herausforderte. »Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen?«

»Sie müssen Georges Frau sein«, sagte Felicity und beherrschte dabei mühsam den Drang, sich auf Thea zu stürzen und sie mit bloßen Händen zu erwürgen. »Die Mrs. Lampeter, die ich kenne, ist deutlich älter.«

»Ich fürchte, sie ist nicht hier. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«

»Oh ja«, erklärte Felicity sanft. »Ich bin davon überzeugt, dass Sie mir sogar sehr gut helfen können. Mein Name ist Felicity Mainwaring.« Sie hielt aufmerksam Ausschau nach irgendwelchen Anzeichen einer Reaktion, aber Theas Gesichtsausdruck blieb freundlich und fragend. »Ich bin eine Freundin der Familie.

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