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Das gierige Bündnis

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Inhalt

  1. GRUSSWORT
  2. EINLEITUNG
  3. Kapitel 1
    Dämmstoff Styropor
    ein gefährliches Leichtgewicht
  4. Kapitel 2
    Das organisierte Schulchaos
    die Nachhilfe als Reparatursystem
  5. Kapitel 3
    Außenstellen der Bedürftigkeit
    das Geschäft mit Altkleidern
  6. Kapitel 4
    Krankenhauskeime
    Wie das Leben von Patienten aufs Spiel gesetzt wird
  7. Kapitel 5
    Mieter in Not
    Wenn Wohnungen zu Renditeobjekten werden
  8. Kapitel 6
    Radarfallen
    der Blitzer-Bluff
  9. Kapitel 7
    Der große Müll-Schwindel
    Profite auf Kosten der Bürger
  10. Kapitel 8
    Das Geschäft mit dem Tod
    Wie uns die letzte Freiheit genommen wird
  11. Nachwort
  12. Dank

GRUSSWORT

In den Abendnachrichten des zwölften Jahrhunderts hätte man wohl einiges über einen gemeingefährlichen Dieb zu hören bekommen. Ein gottloser Wegelagerer, der die öffentliche Ordnung gefährde. Kurz – zu seiner Zeit mag der Held kein Held gewesen sein.

Hätte es Robin Hood heute leichter? Der Legende nach nahm er Gold und Gut mit Gewalt von den Reichen, um es unter den Armen auszuteilen. Da werden manche sagen, der Robin unserer Tage heiße Wolfgang Schäuble. Andere tippen auf Edward Snowden, der das geheime Gut Wissen raubt und allen zugänglich macht.

Michael Moore füllt Kinosäle mit seinen Recherchen über die waffenstarrende US-Gesellschaft. In manchen deutschen Konzernen hingen Steckbriefe von Günter Wallraff. Nein, auch diese Helden sind vielen zu aufrührerisch, sie bedrohen die hergebrachte Ordnung. Das ist ein schmutziger Job, doch einer muss ihn machen. Journalisten können sich mit dem Ahn aus dem Sherwood Forest trösten: Es dauerte ein paar hundert Jahre, bis aus dem Geächteten ein Geachteter wurde. Zeit genug, sich den Themen und Recherchen zu widmen.

So, wie Dieter Könnes sich mit Zivildienst, Umwelttechnik, Betriebswirtschaftslehre und schließlich Sportwissenschaft ordentlich den Köcher füllte. Nichts davon so heftig, dass ihm sein gesunder Menschenverstand abhanden gekommen wäre. Gelegentlich kommt Dieter in die Redaktion und schimpft sich frisch erworbenen Alltagsärger vom Herzen. Dann ist gut beraten, wer flugs mitschreibt und den Text mit Recherchen anfüttert: Wir nennen es Themenvorschlag. Das Könnes kämpft-Team schätzt seinen Frontmann als leidenschaftlichen Journalisten. Der britische Nachrichtenmoderator Jeremy Paxman setzte eine weltweit beachtete Marke, als er eine höchst peinliche Frage an einen Minister vierzehn Mal wiederholte. Oder schlicht: bis zur Antwort. Dieter Könnes hat einen beachtlichen Paxman-Wert inzwischen. Man mag das »athletischen Journalismus« nennen, Dieters Statur und Liebe zum Sport unterstreichen dies. Kürzlich nahm er an einer Redaktionssitzung frisch verschwitzt in kurzen Hosen teil; er war mit dem Mountainbike von Heim und Familie am Niederrhein nach Köln herübergefahren.

Niederrhein. Nicht Sherwood Forest. Nicht alle Vergleiche gehen ganz auf. So auch der nicht: Robin Hood hat es nie gegeben. Dieter, dafür verbürgen wir uns an dieser Stelle, gibt es zu unserer großen Freude sehr wohl. Sie haben eine spannende, aufschlussreiche Lektüre mit ihm vor sich. Viel Freude beim Lesen!

Herzlich,

Friedrich Küppersbusch

EINLEITUNG

Vielleicht gehören Sie zu den mehr als 50 Prozent der Eltern, die ihr Kind in die Nachhilfe geben. Auch wenn es nicht ständig Fünfen hagelt – ein Uni-Abschluss für den Nachwuchs sollte es nach Möglichkeit schon sein.

Oder Sie gehören zu den Menschen, die überlegen, ihr Haus zu dämmen. Natürlich wegen des Umweltschutzes! Aber auch weil es langfristig viel Geld sparen soll.

Ganz bestimmt fragen Sie sich jedoch fast täglich, wie Sie Ihren Müll trennen müssen. Das ist ja auch vernünftig, denn die Mühe soll ja einer guten Sache dienen. Ich müsste eigentlich am besten wissen, wie zu trennen ist, schließlich habe ich Anfang der Neunzigerjahre eine Ausbildung zum Umwelttechniker gemacht. Doch das ist lange her. Und heute verstehe ich die Abfallwirtschaft genauso wenig wie alle anderen.

Wie die meisten vertraue ich dem System. Die Verantwortlichen werden schon wissen, was sie tun. So denken wir oft genug, in einer Mischung aus gesundem Pragmatismus und Bequemlichkeit.

Ohne Vertrauen geht es ja schließlich auch nicht. Ihr Chef muss Ihnen vertrauen, dass Sie Ihren Job gut machen. Oder Sie vertrauen Ihren Mitarbeitern, dass sie ehrliche Arbeit leisten. Nur so kann ein Betrieb arbeiten, nur so kann eine Gesellschaft funktionieren. Wir Bürger vertrauen Menschen, deren Job es ist, Deutschland am Laufen zu halten: den Politikern als Gestaltern eines Gemeinwesens und den staatlichen Einrichtungen, die die politischen Vorgaben im Alltag von uns Bürgern konkret umsetzen.

Wir sind aber nicht nur Bürger, wir sind auch Verbraucher. Und als Verbraucher haben wir schon lange gelernt, dass ein allzu großes Grundvertrauen gegenüber Konzernen und ihren Versprechen nicht wirklich angebracht ist. Produktvergleiche und Warnungen vor Mogelpackungen sind zu einem eigenen Genre in der Berichterstattung der Medien geworden. »Augen auf im Straßenverkehr« lautet im übertragenen Sinn immer wieder die Botschaft. Wir Konsumenten als kritische Verbraucher möchten darauf ebenso wenig verzichten wie auf den Wetterbericht.

So weit, so gut, könnte man sagen. Das gehört eben alles zur Marktwirtschaft dazu. Doch etwas stimmt nicht mehr im Gleichgewicht der Kräfte.

In den vergangenen Jahren hat ein schleichender Prozess zu folgenschweren Umbrüchen geführt. In immer mehr Bereichen des täglichen Lebens können wir nicht mehr erkennen, dass wir getäuscht und regelrecht ausgenommen werden. Denn es gibt eine Allianz, von der wir nicht mal etwas ahnen. Ganz einfach weil wir es nicht vermutet hätten: Staat und Privatwirtschaft haben ein Bündnis gebildet, das uns viele Milliarden Euro kostet. Es ist ein Bündnis ohne Vertrag. Es beruht auf einem unausgesprochenen Einverständnis und dient dem gegenseitigen Nutzen.

Um es klarzustellen: Ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Staat und Politik ist nicht angebracht. Vieles funktioniert in Deutschland nach wie vor sehr gut. Doch wenn man genau hinsieht, dann lässt sich erkennen, dass viele wichtige Entwicklungen – beispielsweise in der Bildung, dem Klimaschutz oder dem Gesundheitswesen – in eine falsche Richtung laufen.

Gerade der Politik und den staatlichen Einrichtungen, die vom Bürger als eine Art »guter Hirte« verstanden werden, kommt bei dieser Fehlentwicklung eine entscheidende Rolle zu: zum einen durch ihr Versagen, zum anderen durch den unstillbaren Hunger nach weiteren Steuern, Abgaben und Gebühren.

Der politische Wille wird nicht selten mit falschen Weichenstellungen fehlgeleitet, zum Beispiel durch wirkungslose Subventionen und falsche Anreize. Und da ist die deutsche Regulierungswut mit all ihren Verordnungen und Erlassen, die dann oft nur schlampig umgesetzt und ungenügend kontrolliert werden. Auch wenn dahinter noch die gute Absicht stehen mag – hier sind Spielräume für privatwirtschaftliche Interessen entstanden, die mit kühler Strategie ausgenutzt werden. Denn eines ist klar, und wer will es Firmen zunächst verübeln: Das größte Interesse von privaten Unternehmen ist die Gewinnmaximierung, koste es, was es wolle. Oder um im Bild zu bleiben: Der Wolf macht auch in diesem eigentlich geschützten Raum reiche Beute – weil er hungrig ist und vor allem, weil es der Hirte zulässt.

Da wäre beispielsweise die Bildungspolitik. Sie schafft es zwar, sich um die Einführung von G8 und Inklusion zu kümmern. Versäumt es aber, die Schulen so zu organisieren, dass Kinder aus eigener Kraft den Lehrstoff bewältigen können. Die Folgen sind unglaublich: Hedgefonds haben den Nachhilfemarkt erobert. Immer mehr Eltern sind also gezwungen, tief in die Tasche zu greifen, um ihre Kinder – das ist bittere Ironie – in staatlich unkontrollierte Institute zu schicken.

Ein weiteres Beispiel ist die Dämmstoffindustrie. Sie hat mit Styroporplatten für Hausfassaden nicht nur einen neuen Markt geschaffen, sondern mit langjähriger Lobbyarbeit auch die Politik bei der Erstellung diverser Verordnungen beeinflusst. Auch hier hält sich der Staat bei der Kontrolle auffallend zurück: Stattdessen kontrolliert die Industrie ihre eigenen Standards selbst.

Doch auch staatliche Einrichtungen auf allen Ebenen kassieren ab. Und an dieser Stelle wird aus dem eigentlich guten Hirten bisweilen ein gieriger. Denn leere Kassen müssen gefüllt werden, und Behörden sind dabei nicht weniger kreativ und trickreich als Unternehmen. Damit sie aber nicht den Unmut der Bürger auf sich ziehen, verbergen sie ihre wahren Motive. Schlimmer noch: Sie tarnen die für den Verbraucher überteuerten oder gar überflüssigen Ausgaben gern als notwendig und als eine gute Sache zum Wohle der Gemeinschaft. Ihre willigen Helfer und Mittäter finden sie wiederum in der Privatwirtschaft. Das gierige Bündnis hat damit sein Ziel und Zweck gefunden: Beide Seiten profitieren.

Wenn etwa statt der Polizei die Kommunen das Einhalten der Höchstgeschwindigkeit überwachen – geht es den Kommunen dabei um die Verkehrssicherheit oder doch nur ums Geld? Eigentlich sollte es um die Verkehrssicherheit gehen. Aber wenn Kommunen privaten Unternehmen die Messung und gleich auch noch die Platzierung der Radarmessanlagen überlassen, worum geht es dann wirklich?

Eine Frage, die auch für die Müllbeseitigung gilt, oder muss ich besser sagen: beim Recycling? Ich habe schon zu meiner Zeit als Umwelttechniker lernen müssen, dass ich nicht von Abfall sprechen soll, sondern von Wertstoffen, die, das deutet die neue Bezeichnung an, Geld einbringen können. Nicht umsonst heißt dieser Industriezweig »Abfallwirtschaft«.

Auch hier zeigen meine Recherchen, dass die Interessen von Politik und Unternehmen Hand in Hand gehen. Und auch hier wird gegenüber dem Verbraucher nicht mit offenen Karten gespielt.

Hirte und Wolf – sie haben sich also längst zusammengetan. Zu einem gierigen Bündnis. Für uns Verbraucher bleibt dabei nur die schwächste Position übrig. Denn wir können nur schwer etwas dagegen machen. Und dabei haben wir auch noch die teuerste Position: Denn wir sollen es sein, die am Ende alles zahlen.

***

Alle Reportagen in diesem Buch basieren auf Filmen, die in den Jahren 2012 bis 2015 für den Westdeutschen Rundfunk entstanden sind. Dabei hat jedes meiner für das Buch ausgewählten Themen während der vergangenen Jahre nichts an Aktualität und gesellschaftlicher Brisanz verloren.

Immer wieder hat mich die Wucht der Reaktionen aufhorchen lassen. Mit welchem Getöse und juristischem Aufwand Unternehmen immer wieder versucht haben, uns von Wiederholungen bei den Ausstrahlungen und von weiteren Recherchen abzuhalten, war bemerkenswert. Kein Vorwurf war dabei zu konstruiert, keine Anwaltskanzlei zu teuer. Und clevere Medienanwälte wissen, wie sie den Ball spielen müssen: Der Druck, der gern von ihnen über den Weg der Hierarchien von ganz oben bis nach unten in die Redaktionen ausgeübt wird, war zwischenzeitlich immens. Das ist nach wie vor eine beliebte Methode, Journalisten mundtot zu machen oder ihnen zumindest die Lust an der Recherche zu verderben.

Aber da wo Rauch ist, ist meistens auch Feuer. Dieses Wissen ist für mich Motivation und Ansporn, um weiterzumachen. Der Satz »und jetzt erst recht« fiel in meinem Rechercheteam daher immer häufiger.

Der Grund zum Weitermachen ist ganz einfach: Als Journalist möchte ich die Dinge genau so darstellen, wie sie sind. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist das Ziel meiner Fernsehreportagen – und auch dieses Buches.

KAPITEL 1

Dämmstoff Styropor:
ein gefährliches Leichtgewicht

Das Dämmen von Gebäuden ist ein Markt schierer wirtschaftlicher Kraft. Vierzig Millionen Quadratmeter Dämmung, so der Fachverband »Wärmedämmverbundsysteme«, werden derzeit jährlich in Deutschland verbaut, fast 900 Millionen Quadratmeter der deutschen Hauswände sind bereits verpackt. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 4,8 Milliarden Euro jährlich mit Fassadendämmung umgesetzt werden. Eingesetztes Material: zu achtzig Prozent Polystyrol, besser bekannt als Styropor. Weißes Erdöl.

Es ist ein Markt vermeintlich guter Argumente: Die Politik appelliert an das Öko-Gewissen der Bürger, die Konzerne locken mit finanziellen Einsparungen. Ein Markt, auf dem mit vielen Tricks und falschen Zahlen gearbeitet wird. Die Entzauberung dieses Werkstoffes und die Irreführung der Verbraucher stehen im Zentrum meiner Recherchen.

Auf das Thema gekommen bin ich durch die Überlegung, mein eigenes Haus dämmen zu lassen. Ich unterhielt mich damals mit einem Architekten, der ein Verfechter einer Dämmung mit Styropor war. Meine Frau und ich guckten uns ein fassadengedämmtes Musterhaus mit vorgesetztem Klinker an, fanden das auch ganz schön. Klar, man offerierte uns eine Kostenkalkulation. 20 000 Euro wäre unser Preis gewesen. Was wir aber nicht bekamen, war eine Modellrechnung, die das Einsparpotenzial in Euro und Cent bezifferte. Nichts war konkret – außer dem Betrag, den wir zahlen sollten.

Das überzeugte uns nicht, und Fragen taten sich auf. Seitdem ist mein Blick geschärft und fällt immer wieder auf Baustellen. Besonders auf solche, auf denen sich Berge weißer Kunststoffblöcke auftürmen: Styropor.

Wenn ich durch Köln schlendere, sehe ich Gründerzeitfassaden, die vor hundert Jahren der Ästhetik wegen gekonnt aus unterschiedlichen Gesteinsarten gestaltet wurden. Ich sehe Stuck und farblich abgesetzte Mauerstrukturen. Wird gedämmt, werden alle Verzierungen und Feinheiten von den guten Argumenten des Umweltschutzes überdeckt. Was einmal Baukunst war, verschwindet hinter dem Bau-Kunststoff Styropor.

Wer vor solch einer Baustelle mal Halt macht und sich ein paar Minuten des Zuschauens gönnt, der sieht, wie die Architektur unter dem großen, weißen Gleichmacher verschwindet. Überklebt vom Deckmäntelchen des Umweltschutzes. Frisch verputzte Einheitswände, die oft gleich aussehen und die sogar gleich klingen. Beispiel Dresdener Neumarkt: Dort sehen die wiederaufgebauten, historisch anmutenden Häuser zwar nicht gleich aus, aber wer ans Mauerwerk klopft, hört den Hall der Moderne. Er klopft vor verputzte Fassadendämmung und stellt fest: So klingt hohl.

Es gibt gesellschaftliche Themen, die fast omnipräsent sind und das gute Gewissen herausfordern. Zu diesen Themen gehört die Ökologie. Und besonders aktuell ist der Bereich der Fassadendämmung.

Fassaden zu dämmen erscheint logisch. Und nichts bestätigt die Logik mehr als die tägliche Erfahrung: Was mache ich mit kleinen Kindern, wenn es kalt ist? Ich ziehe ihnen warme Schuhe an, setze ihnen eine Mütze auf und hülle sie in einen warmen Mantel. Uns, den Verbrauchern, wird erklärt, dass Häuser ebenso zu schützen sind: Keller, Dach, Fassade.

Die Vertreter des Umweltschutzes, die Politiker, Unternehmer und Handwerker nehmen uns an die Hand; sie werden zu guten Freunden der Familie, sie werden Begleiter der Erziehung unserer Kinder, und wir sind bereit, für Heizung, Dach, Fassade Geld auszugeben. Zumal uns der Staat mit günstigen Krediten unter die Arme greift. Umweltschutz und Kostenersparnis: Das ist die perfekte Synthese.

Ich bin Familienvater, Besitzer eines Hauses und halte mich für weitestgehend aufgeklärt, was den Verbrauch natürlicher Ressourcen betrifft. Ich bin aber auch Journalist und neige dazu, zu abstrahieren. Die Argumente fangen dann manchmal an, in gegensätzliche Richtungen zu laufen.

Was ist, wenn die Fassadendämmung nur ein lukratives Geschäft für die Unternehmen ist?

Die milliardenschwere Dämmstoffindustrie wirbt aggressiv mit hohen Heizkosteneinsparungen: Bis zu fünfzig Prozent, so wird versprochen, sollen allein durch die Dämmung der Fassade erreicht werden. Im Laufe meiner Untersuchungen werde ich diese und andere Behauptungen hinterfragen. Ich werde herausfinden, dass es sich bei der scheinbar positiven Fassadendämmung um einen Markt handelt, auf dem mit falschen Versprechen gearbeitet wird. Hier werden Forschungsergebnisse zurückgehalten, ganze Scharen von Rechtsanwälten losgeschickt, um Kritiker mundtot zu machen. Es ist ein Markt, der das gute Gewissen und die Überzeugungen von Millionen enttäuscht, nur weil man damit Geld verdienen kann. Dabei wird er von einer Politik flankiert, die, kritischen Argumenten gegenüber hohlraumversiegelt, Abermillionen von Steuergeldern für eine Industrie lockermacht, deren Lobbyisten als Gralshüter einer hoch angesehenen Sache gelten – der Ökologie. Oder ihrer Pfründe. Wer da Ahnungslosigkeit vermutet, ist selber ahnungslos.

Von all dem hat Cordula Henze* nichts gewusst.

Guter Gedanke, schlechte Argumente

Kurz nachdem ich angefangen habe, die Versprechen der Dämmindustrie infrage zu stellen, bin ich auf dem Weg nach Erkrath bei Düsseldorf. Die hohen Energiekosten haben die Bewohner eines Mehrfamilienhauses zum Nachdenken gebracht – unter ihnen Cordula Henze, die sich nach einer Sendung über Fassadendämmung per E-Mail in der Redaktion gemeldet hatte. Ihr Haus ist nicht gedämmt. Wir verabreden uns, ich möchte mir das Gebäude einfach mal anschauen. Ich fahre nach Erkrath.

Es ist ein Haus aus den Siebzigerjahren, weiß geputzte Flächen wechseln sich mit rotem Klinker ab. »Nicht ganz schön«, denke ich beim Näherkommen, »aber auch nicht ganz schmucklos.« Ausdruck einer Architektur, die den Zweck des Wohnens mit Bezahlbarkeit und einem gewissen ästhetischen Standard verbindet. Immerhin. Das Haus macht einen guten Eindruck. Warum hier einen Handwerker bestellen?

Cordula Henze wohnt mit ihrem Freund in einer Eigentumswohnung, einer von sieben. Sie empfängt mich vor der Tür und erklärt mir, dass die Eigentümer fast alle der Meinung seien, ihr aller Haus dämmen zu lassen. Am besten klassisch, mit Styroporplatten. Nur entschieden habe man sich noch nicht. Sie nimmt mich mit in die Eigentümerversammlung, die sich in einem Restaurant trifft.

Die Gruppe ist schon relativ weit in ihrer Entscheidungsfindung, das Angebot eines Fachbetriebs ist bereits eingeholt. Es beläuft sich auf 28 000 Euro für das Dämmen der Vorderseite und der Rückseite des Gebäudes – allerdings ohne Dach.

»Wissen Sie irgendetwas über Fassadendämmung, außer dass sie helfen soll, wenn man sie hat?«, frage ich.

»Nee!«

Die Antwort gibt genau das Problem wieder. Irgendwann hat mal jemand behauptet, dass das Isolieren von Hausfassaden etwas Positives ist. Heute glauben es alle. Was hinter der Idee steckt und ob sie wirklich stimmt, kann kaum jemand sagen.

Ich verabschiede mich. Aber ich kündige ein Wiederkommen an. Wenige Tage später tauche ich wieder auf – mit meiner Kollegin Sabine Binkenstein im Schlepptau. Sie ist gelernte Bauingenieurin und eine in Servicesendungen gefragte Expertin. Wir schlendern auf das Haus zu. »Das ist das Objekt«, sage ich beim Näherkommen und zeige auf die Immobilie, klinkerrot und ungedämmt. Ich sehe ihr die Skepsis jetzt schon an, sie taxiert den Bau.

Cordula Henze begrüßt uns. Wir begleiten sie in ihre Wohnung. »Ist eine Fassadendämmung hier sinnvoll?«, frage ich meine Kollegin. Sabine Binkenstein schaut sich um. Sie sammelt Eindrücke. Schon auf dem schmalen Balkon kommen ihr Zweifel.

»Also, der Rollladenkasten muss schon mal weg«, sagt sie, »denn die Fassadendämmung muss konsequent jedes Bauteil erfassen, weil sonst Wärme verloren geht. Und hier auf dem Balkon verlieren Sie dann wirklich Platz, weil die Dämmung achtzehn bis zwanzig Zentimeter dick sein wird.«

Das steht schon mal fest: Achtzehn bis zwanzig Zentimeter sind für diesen Balkon so etwas wie eine Sturmflut für Sylt – nämlich Landraub.

Dann vergewissert sich die Bauexpertin, dass das Dach nicht gedämmt und der Keller nach oben hin nicht isoliert ist; hier geht also Wärme verloren. Sie ist Praktikerin durch und durch. Das Ergebnis ihrer Begutachtung: »Bei diesem Haus kommen Sie bei einer Wärmedämmung, die wirklich etwas bringt, auf etwa 60 000 bis 70 000 Euro – wenn man es richtig macht und alles einbezieht.«

Das ist nicht das, was Cordula Henze hören möchte. »Mit einer so hohen Summe haben wir gar nicht gerechnet!«, sagt sie konsterniert.

Sabine Binkenstein und ich verabschieden uns von ihr – ich mit dem Versprechen, mich noch mal zu melden. Mich interessiert natürlich die Entscheidung der Eigentümerversammlung.

Cordula Henzes Hausgemeinschaft liegt mit ihrem Vorhaben voll im Trend. Die Idee der Wärmedämmung ist so gut wie einfach: Wärme, die drinnen ist, soll auch dort gehalten werden. Und das heißt laut Dämmstoffindustrie vor allem eines für die Verbraucher: Heizkosten und damit Geld sparen. Die Hersteller überbieten sich in Einsparversprechen. Der Fachverband »Wärmeverbundsysteme« wirbt mit fünfzig Prozent Heizkostenersparnis allein durch die Fassadendämmung.

Am nächsten Tag, in der Redaktion, schaue ich mir einen Werbefilm des Fachverbandes an. Was sich hier zeigt, ist die Masche aus Anmache und Überredungskunst, die bestens funktioniert: »Wissen Sie, was Sie sind?«, fragt dort ein Mann im grauen Anzug. »Selbst schuld! Solange Sie Jahr für Jahr zigtausende Euro durch Ihre Wände heizen. Deshalb: Dämmen statt streichen! Und das mit staatlicher Hilfe. Einfach Antrag stellen, Fachhandwerker aussuchen und – Heizkosten einsparen.«

Und schon hat man’s billig warm! Ich bin fast versucht, laut aufzujauchzen.

Wir sind auf der Suche nach einer geeigneten Baustelle für Außenaufnahmen und telefonieren in der Redaktion mit verschiedenen Bauunternehmen. Letztlich klappt die Verabredung mit Manfred Dörfler*, den ich in Hürth bei Köln treffe. Schon beim Aussteigen aus dem Auto sehe ich, dass die Baustelle das Anforderungsprofil für eine solche Recherche erfüllt: ein Mehrfamilienhaus; der Rohbau wird gerade aufwändig verpackt. Dörfler hat sich mit seiner Firma auf die Dämmung von Hausfassaden spezialisiert.

Auf meine Frage, warum er hier so aufwändig dämmt, antwortet er: »Weil das so vorgegeben wird. Wir müssen im Rahmen der Energiesparverordnung Ressourcen einsparen, und das kann man heutzutage vor allen Dingen gut über die Wärmedämmung machen.«

Er erzählt mir, dass allein für dieses Gebäude 3000 Dämmplatten verbaut werden. Das Material: Polystyrol, besser bekannt als EPS und unter dem Markennamen Styropor, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von der BASF entwickelt wurde.

Ich frage ihn, welche Handwerker die Fassadendämmung als Leistung anbieten. Es wird ja schließlich Qualifikationen geben, die man vorweisen muss, um dämmen zu dürfen, denke ich.

»Mitunter sind das überraschende Berufe«, meint er, »zum Beispiel Fliesen- und Mosaikleger. Aber auch jeder Malerbetrieb darf Fassaden dämmen, und die tun das auch oft, weil sie darin ein Geschäft wittern, das boomt.«

»Macht sich das in der Qualität bemerkbar?«

Er nickt: »Es gibt in der Verarbeitungsqualität doch deutliche Unterschiede.«

Der Grund: Es herrscht ein harter Konkurrenzkampf im Baugewerbe, viele springen auf den Zug. Dann gehen wir auf die Rückseite des Gebäudes, und Manfred Dörfler zeigt mir, worauf es bei der Dämmung ankommt.

Mir fällt auf, dass das Styropor in Deckenhöhe durch einen Streifen von der nächsthöheren Etage getrennt ist.

»Das ist Mineralwolle, oder?«, teste ich mich selbst.

Er bestätigt mich: »Richtig!«

»Warum macht man das?«

»Das sind brandschutztechnische Auflagen. Sie sind in den jeweiligen Landesbauverordnungen verankert und sind tunlichst einzuhalten. Mineralwolle verhindert das Überschlagen eines eventuellen Feuers von der einen in die andere Etage.«

»Wird dieser Brandschutz immer beachtet?«

Dörfler schüttelt den Kopf: »Ich selber habe es neulich an der Baustelle eines Mitbewerbers beobachtet, dass dieser Brandschutzstreifen an einer Stelle, wo er eigentlich zwingend hätte eingebaut werden müssen, fehlte. Und das ist …«, er überlegt kurz.

»… mehr als fahrlässig?«, vervollständige ich den Satz.

»Da geht’s mitunter um Menschenleben«, sagt Dörfler.

»Warum dämmt man dann nicht das ganze Haus mit Mineralwolle?«

»Aus Kostengründen. Manche Leute fragen das bei uns an, und wenn wir dann beide Systeme gegenüberstellen, hat sich das eigentlich immer schnell erledigt – weil Mineralwolle als Dämmstoff doppelt so teuer ist wie Polystyrol.«

Brandkatastrophe am Flughafen

Mir fallen die Bilder vom Düsseldorfer Flughafenbrand 1996 ein, der größten Katastrophe, die sich jemals auf einem deutschen Flughafen ereignet hat. Bei Schweißarbeiten an einer Dehnungsfuge hatten Funken u. a. die Deckendämmung aus acht Zentimeter dickem Polystyrol in Brand gesetzt. Giftiger Rauch verbreitete sich durch die Lüftungsschächte, und Feuer schnitt den Weg nach draußen ab.

»Thermische Zersetzung«, sagt ein Sachverständiger dazu.

Das Unglück forderte siebzehn Menschenleben. »Aus allen Knopflöchern kam starker, rußiger, sehr schwer atembarer Rauch«, erinnert sich Willi Rupp* von der Düsseldorfer Feuerwehr in einem Film, den ich im Internet finde.

Ich nehme Kontakt zu Bernd Haarmann auf, dessen Name ich von einem Pyrotechniker erfahren habe, der mir etwas über Brandexperimente mit Styropor erzählen sollte. Haarmann war damals als Brandschutzexperte vor Ort. Noch am selben Tag rufe ich ihn an und schlage ein Treffen direkt am Flughafen Düsseldorf vor. Er sagt zu. Nach der Begrüßung lassen wir uns durch die Menge treiben. Im Gebäude umgibt uns die Rollkoffer-Wirklichkeit von Reisenden, diese Mischung aus Vorfreude auf den Strand oder den Geschäftsabschluss. Normalität ist ein Geschenk. Aber am 11. April 1996 gab es in diesen Hallen eine Katastrophe.

»Was war damals das Problem?«, möchte ich von Haarmann wissen.

»Dass brennbare Materialien als Dämmstoffe in die Zwischendecke eingebaut wurden«, sagt er.

»Was war das für ein Material?«

»Wir sind damals davon ausgegangen, dass es Polystyrol war.«

»Also Styropor.«

»Ja, Styropor«, bestätigt er.

Heute jedenfalls ist dort kein Styropor mehr verarbeitet.

»Was passiert im Brandfall, gerade dann, wenn da solche Materialien verarbeitet worden sind?«, frage ich weiter.

»Diese Materialien entflammen, schmoren auch, und es entstehen Unmengen von Rauchgasen. Tiefschwarze, auch mal gelbliche – und hochtoxisch.«

»Was ist das größere Problem, das Gas oder die Entflammbarkeit?«

»Das Gas«, antwortet Haarmann, »zwei, drei Atemzüge, Sie fallen um und merken nichts mehr. Die Menschen sind an diesen Rauchgasen erstickt.«

»Teufelszeug?«

»Ja, normal sollte es verboten werden, aber wir haben keine gesetzliche Handhabe, hier in Nordrhein-Westfalen bei Ein- oder Zweifamilienhäusern zu sagen: Ihr dürft kein brennbares Material zur Dämmung nehmen!«

Ich kann es nicht glauben: »Keine Vorschriften?«

»Nein«, sagt er, Vorgaben gebe es nur bei Sonderbauten wie für öffentliche Gebäude, Kaufhäuser, Krankenhäuser, Hotels.

Das Styropor, das beim Düsseldorfer Flughafenbau verwendet worden war und das erheblichen Anteil am grauenhaften Verlauf des Unglücks hatte, war damals ohne Genehmigung verbaut worden. Zudem handelte es sich um eine EPS-Variante, also um expandiertes Polystyrol, der kein Flammschutzmittel hinzugefügt worden war – sie galt also nicht als schwer, sondern bloß als normal entflammbar. Die Nachrichten berichteten damals ausführlich darüber.

Überall sollen in den nächsten Jahren Rauchmelder zum Einsatz kommen, selbst in Privathaushalten. »Aber bei der Fassade darf ich mir brennbares Material ans Haus kleben?«, frage ich Haarmann irritiert.

»Ja, dürfen Sie.«

»Das ist doch absurd.«

Haarmann erinnert an Silvester: »Lassen Sie da nur mal jemanden einen Knaller hinter die Fassade stecken, und der zündet den an – da geht Ihnen die Fassade ab. Alles schon da gewesen.«

Wer ist eigentlich der Gesetzgeber, frage ich mich. Dieser nach allen Seiten hin abwägende Regelerlasser. Der, der verbietet, und der, der vor allem erlaubt. Lieschen Müller ist es nicht, und Otto Normalverbraucher ist es auch nicht. Auch Max Mustermann würde nie die Erlaubnis erteilen, brennbare, im Falle eines Feuers schwer toxische Dämmplatten zu verbauen. Was ist das für ein Unsinn, denke ich, wenn gleichzeitig Vorschriften erlassen werden, bei der Sanierung älterer Gebäude bestimmte Fenstergrößen einzubauen, damit der mit Sauerstoffflaschen bewehrte Feuerwehrmann im Notfall leichter in die verqualmten Wohnungen kommt?

»Warum darf dieser Dämmstoff denn weiterhin an Tausenden Häusern verbaut werden?«, frage ich den Brandsachverständigen. Haarmann weist auf die Interessen hin, die die Dämmstoffindustrie an diesem Markt hat – und auf deren Lobbyistenarbeit.

Achtzig Prozent aller Hausbesitzer, die ihr Haus dämmen, entscheiden sich für Polystyrol. Das Material ist billig – aber es brennt, wenn es einmal Feuer gefangen hat. Öffentliche Gebäude dagegen dürfen nur mit nicht brennbarem Material gedämmt werden – obwohl es deutlich teurer ist. Was mich umtreibt, ist die Kosten/Nutzen-Rechnung. Sicher gibt es Leute, die sich in Ausgaben für eine Fassadendämmung gestürzt haben, letztlich aber feststellen, dass sich die Investition nicht gelohnt hat. Ich muss sie nur finden. Ein Recherchetag in der Redaktion bringt mich weiter. Im Zuge verschiedener Telefonate mit Mietervereinen komme ich auch in Kontakt mit Tobias Scholz vom Dortmunder Mieterverein. Der hat natürlich nichts dagegen, wenn ein Wohnungsunternehmen sich zum Wohle der Mieter engagiert. Aber er kennt den Fall einer Modernisierungsmieterhöhung, der nur eine sehr, sehr geringe Einsparung gegenübersteht. Scholz ist sicher: »Hier hat sich das für die Mieter in Bezug auf den Energieverbrauch nicht gerechnet.«

Das ist das Beispiel, nach dem ich suche. Es geht um eine Siedlung im Dortmunder Vorort Scharnhorst, die vor fünf Jahren aufwändig saniert worden ist. Alle Hausfassaden sind seitdem mit Polystyrol gedämmt. In einem dieser Wohnblocks leben die Rentner Kurt Weiher*, Martin Scholz* und Ludwig Schurig*, mit denen ich mich verabrede. Die drei Mieter begrüßen mich mit der Wucht westfälischer Unzufriedenheit.

Selbstverständlich waren sie mit einer Fassadendämmung ihres Wohnblocks einverstanden, als ihre Wohnungsgesellschaft das Vorhaben vorstellte. Auch teilten sie das Allgemeinwissen, dass Dämmung nütze. Sie sind Praktiker, und Praktiker sind Leute, für die das Ruhrgebiet steht. Der Blick geht geradeaus, die Worte auch.

Heute sind die Rentner um eine Erfahrung reicher. Denn durch das Dämmen der Fassade hat sich die Durchlässigkeit ihrer Portemonnaies um rund fünfzig Euro monatlich erhöht. Statt 240 Euro pro Monat zahlen sie nun 290 Euro Kaltmiete. Der Energieverbrauch ist im Gegenzug allerdings nur minimal gesunken. Umwelteffekt und Kostenersparnis gleich null, dafür eine Mieterhöhung von über zwanzig Prozent – kein Win-win-Geschäft also.

Wir sitzen zusammen in Ludwig Schurigs Wohnung, es gibt Kaffee. Kleine Küche, Eckbank und Platzdeckchen. Ich merke: Sie haben das Gefühl, dass sie sich nicht wehren können. Das macht sie ehrlich sauer.

»Was hat man Ihnen versprochen, als die Energiesparmaßnahmen anstanden?«, frage ich.

»Dass wir Energie einsparen«, brummt Weiher, »also auch Kosten. Und dass sich der CO2-Ausstoß verringert.«

Weiher baut sich langsam auf. Ihm ist der Zorn über die als Umweltschutz- und Sparmaßnahme verbrämte Mieterhöhung deutlich anzusehen.

»Es ist nicht das umgesetzt worden, was man uns versprochen hat«, schimpft er, »die haben uns, auf Deutsch gesagt, verarscht – das sage ich klipp und klar! Die haben uns versprochen, dass die Kosten gesenkt werden, dass die Wohnungen wärmer werden. Klar, der Außenbereich ist schöner geworden, da sage ich auch nichts zu. Aber …«

An diesem Küchentisch filtert das Trio die Realität, bis die Wut als Bodensatz übrig bleibt. Die Fassadensanierung in Scharnhorst ist vor allem eine gute Investition für den Vermieter. Wertsteigernd, zumindest hübsch anzusehen. Und was sagt Weiher zu der Maßnahme?

»Ich sehe das nicht auf meinem Konto!«

Jedenfalls nicht als Plus.

Bei Internetrecherchen im Zusammenhang mit Fassadendämmung taucht immer wieder der Name der »Deutschen Energie Agentur« auf, kurz »dena«. Sie liefert die überzeugungsstarken Studien, deren Aussagen das Geschäft mit der Dämmung vorantreiben. Die Agentur residiert in Berlin und versteht sich als objektiver Berater der Politik, der Industrie und der Verbraucher. Sie ist damit die erste Bühne und der Paradeplatz für Lobbyisten. Ich verabrede mich mit dem Geschäftsführer Stephan Kohler zu einem Gespräch. Wir steigen dafür der Agentur witzigerweise aufs Dach. Es ist bepflanzt und bietet sogar eine Sitzbank zum Verweilen. Leider ist der graue Himmel gut abgedämmt gegen Blau.

Bei diesem Gespräch muss ich mich an immer höhere Zahlen gewöhnen, was Einsparungen anbelangt. Kohler tritt in Vorlage.

»Also, wir können an Gebäuden nachweisen – und zwar praktisch –, dass wir siebzig Prozent an Wärmeenergie einsparen können, wenn wir heute, Stand der Technik, Wärmeverbundsysteme einsetzen«, sagt er.

Das wäre mal eine Zahl für die drei westfälischen Mieter gewesen, fällt mir ein, wenngleich schon klar ist, dass ein Wärmeverbundsystem mehr umfasst als nur eine Fassadendämmung.

Der dena-Geschäftsführer erwähnt eine Studie, an der mir bei der Recherche aufgefallen ist, dass sie vom Chemiekonzern BASF, einem der größten Dämmstoffhersteller, unterstützt wird.

»Ist das eher ein Zufall, oder ist das eine freundliche Unterstützung?«, will ich von ihm wissen. Es fallen die üblichen Vokabeln: fachlich, neutral, verlassen können, auf jeden Fall.

Und am Ende seiner Ausführungen kommt von Kohler der bemerkenswerte Satz: »Uns hat noch nie einer nachweisen können, dass die Fakten und die Analysen irgendwie von einer Interessengruppe geprägt waren.«

Es hört sich an wie ein Eigenlob für ausgeprägte Geschicklichkeit.

Abschied von der frischen Luft

Für die Deutsche Energie Agentur wäre möglicherweise eine Siedlung im Hannoveraner Stadtteil Bothfeld von Interesse. Diese Siedlung hatte vor Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Drei Häuser sollten dort gedämmt werden. Doch nach nur einer Sanierung wurde das Vorhaben gestoppt – weil die Heizkostenabrechnung des gedämmten Hauses so gut wie keine Kostenverringerung aufwies. Da ich ohnehin auf dem Weg nach Hildesheim bin, um mich mit dem Bauingenieur Prof. Dr. Jens Fehrenberg zu treffen, mache ich kurz in Bothfeld halt – nur um mir den Wohnblock anzuschauen, der schon früh den Gedanken ad absurdum führte, man könne mit Fassadendämmung großartig Heizkosten sparen.

Mit dem an der Hildesheimer Hochschule lehrenden Sachverständigen Fehrenberg gibt es außerdem einen Spezialisten, der bereits vor zwanzig Jahren nachgewiesen hat, dass Häuser mit Fassadendämmung nicht unbedingt weniger Energie verbrauchen als ungedämmte Häuser. Seine Beweisführung interessiert mich, weil das Ergebnis die Frage aufwirft, warum sich Industrie und Politik jahrzehntelang über seine Bedenken hinweggesetzt haben.

Wir setzen uns in der Cafeteria der Hochschule zusammen. Ich erzähle Fehrenberg, einem großen, hageren Mann mit grauem Sakko und dunklem Rollkragenpullover, von meinem Besuch in Bothfeld.

»Stimmt es, dass die Wärmedämmung an diesem einen Haus nichts gebracht hat?«

Er bestätigt das: »Ja. Das kann man sehr schön an der Heizkostenabrechnung dieser drei Häuser sehen, die ja nahezu gleich groß sind. Über viele Jahre waren die drei Häuser ungedämmt, dann wurde 1989 ein Haus mit einem Wärmeverbundsystem versehen. Seitdem können wir feststellen, dass sich die Heizkostenabrechnungen nicht geändert haben.«

»Aber das ist doch der Hauptgrund, warum die meisten Leute dämmen wollen. Sie wollen Geld sparen«, sage ich.

»Ja«, bestätigt der Professor, »aber das ist ja ein verbreiteter Irrtum, dass durch Wärmedämmung automatisch auch Energie gespart wird.«

»Hat man denn in dem gedämmten Haus überhaupt keine Energie gespart?«, frage ich ihn.

»Möglicherweise ist Energie gespart worden«, antwortet Fehrenberg, »aber es hat sich auf die Heizkosten nicht ausgewirkt. Insofern sind die Bürger letztendlich betrogen worden – um die Investitionen.« Denn: »Wärmedämmung verhindert nicht das Durchtreten von Energie, sondern verlangsamt das Ganze nur.«

Hinzu kämen allerdings noch andere Faktoren. Zum Beispiel ein verändertes Nutzerverhalten, das man immer wieder beobachten könne.

Denn: »Wenn Häuser gedämmt sind, sind die Wände plötzlich etwas wärmer, dann wird öfter gelüftet. Und über die Lüftung können Sie natürlich die ersparte Energie auch wieder nach draußen schicken.«

Das richtige Dämmmaß entspricht also nicht dem Grad des sich Wohlfühlens bei den Bewohnern, schließe ich daraus. Der Mensch will – Luft. Und was vorher gespart wurde, geht durchs Fenster wieder raus.

»Lüften ist ganz wichtig«, erklärt Fehrenberg weiter, »weil der Wasserdampf, den wir in der Wohnung erzeugen, natürlich nach außen abtransportiert werden muss. Wenn Sie das nicht tun, dann erhöhen Sie damit Ihren Energiebedarf. Weil nämlich feuchte Luft mehr Energie benötigt als trockene, um auf die gleiche Temperatur hochgeheizt zu werden.«

Atmen, duschen, kochen hat eben seinen Preis.

Die Techniker-Lösung für derlei Probleme kenne ich: »Dann sagen die Kritiker: Das kriegen wir hin, baut einfach eine Lüftungsanlage ein.«

»Genau«, stimmt der Sachverständige zu, »das wird ja auch der Trend der Zukunft sein, dass die Fenster gar nicht mehr zu öffnen sind, dass wir Festverglasung vorsehen und dass alles andere maschinell gemacht wird.«

Hört sich so an, als degeneriere die bis dato frei verfügbare frische Luft dann zu bloßem, zugeführtem Sauerstoff – was mich einer Lebensqualität berauben würde. Fehrenbergs Blick in die Zukunft wirkt ebenfalls etwas getrübt.

»Dann kommen ganz interessante neue Dinge auf uns zu«, prognostiziert er, »zum Beispiel Keimprobleme in den Lüftungsanlagen, Reinigungsprobleme der Lüftungsanlagen, Kontrolle, Wartung und so weiter.«

Ich ahne: Für die Beseitigung und Durchführung werden dann Fachleute benötigt. Die kosten. Fenster aufmachen könnte durchaus die billigere Variante sein.

»Aber warum denkt denn jeder da draußen, ich spare durch Fassadendämmung?«, will ich wissen.

Fehrenberg lehnt sich zurück und fängt an zu lachen. »Weil Sie das jedes Wochenende in der Zeitung lesen. Wenn Sie die Zeitungsbeilagen aufschlagen – Bauen und Wohnen –, dann wird Ihnen suggeriert: Packen Sie Ihr Haus ein, und Sie sparen bis zu 70 Prozent Energie!«

Ich verstehe: Die Werbung verstellt sozusagen den Weg der Erkenntnis, weil sie Erfahrungswerte unterschlägt und damit verschweigt, wie man es besser machen könnte. Diese Werte aber hat Fehrenberg selbst zusammengetragen. Das Ergebnis ist keines, mit dem die Dämmstoffindustrie oder die Energieagentur werben könnten. In seinem Beispiel nimmt er für ein Haus pro Jahr 2500 Euro Energiekosten an. Da aber nur ein Teil der Energie über die Fassade verloren geht, kann der Hausbesitzer durch die Fassadendämmung maximal 400 Euro einsparen. Kostet die Fassadendämmung 20 000 Euro, rechnet sich die Investition nach fünfzig Jahren. Im Idealfall, der wohl nur in der Theorie existiert, nach fünfunddreißig Jahren. Fatal bloß, dass Fachleute davon ausgehen, dass eine vorgesetzte Dämmwand durchschnittlich etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre hält …

Und dann wird das Material als Müll verbrannt, weil Styropor, das einmal an Wänden geklebt hat, nicht mehr wiederverwendet werden kann.

Bei Atomkraftwerken spricht man von Ewigkeitskosten, womit man beispielsweise die Folgekosten meint, die durch die Endlagerung radioaktiver Materialien entstehen – nach menschlichen Begriffen ist das für immer. Wenn ich mich in meinem, sagen wir mal, biologischen Mittelalter befinde und sich die Kosten für eine Hausdämmung erst in fünfzig Jahren amortisieren, was sind denn dann die Aufwendungen für mich? Meine persönlichen Ewigkeitskosten – nichts anderes.

»Dann rechnet sich eine Hausdämmung ja so gut wie nie«, stelle ich fest.

Fehrmann nickt: »Ja, das ist alles, was ich sage. Ich bin ja nicht dagegen, und es ist auch sinnvoll, dass wir etwas tun, um Energie einzusparen – sparen will sowieso jeder. Aber wenn Sie sich als Laie einen Marktüberblick verschaffen, dann setzt sich in Ihrem Kopf automatisch fest, dass Verpacken erst mal die Nummer 1 ist.«

Marktüberblick ist Medienüberblick ist Werbung.

Der Experte rät: Wer Energie sparen will, sollte erst an Heizung, Dach, Keller und Fenster denken. Was ein guter Tipp für Cordula Henze wäre.

Fehrenberg hat Spaß am Erklären, ohne zu skandalisieren, ohne ein Besserwisser zu sein. Ich bin sicher, mit seiner ruhigen Art wäre der Bauingenieur, hätte er sich für eine Karriere in der Schule entschieden, Vertrauenslehrer geworden. Ich bedanke mich bei ihm und mache mich auf den Weg nach Köln.

Dass Polystyrol ein Brandbeschleuniger ist, ist spätestens seit der Flughafenkatastrophe 1996 in Düsseldorf bekannt. Und auch heute befassen sich die Hersteller offenbar noch mit der Beherrschbarkeit von Feuer, das diesen Werkstoff erreicht hat. Zurück in Köln erfahre ich von einem Großversuch im sächsischen Weißwasser, der wichtige Erkenntnisse liefern soll. Um mehr herauszufinden, rufe ich den wissenschaftlichen Leiter des Projekts an.

Ich stelle mich vor und sage ihm, dass ich im Rahmen meiner Recherche auf diesen Versuch in Weißwasser gestoßen bin, den er mit betreut hat.

Mich überrascht der barsche Ton der Antwort: »Der Versuch mit dem Wärmeverbundsystem hat nicht stattgefunden.«

Ich frage erstaunt nach: »Der hat gar nicht stattgefunden?«

»Nein!«

»Können Sie mir noch sagen, wer an diesem Versuch beteiligt gewesen wäre, oder …«

»Ja, die Wohnungsgesellschaft in Weißwasser.«

»Mehr nicht?«, hake ich nach.

»Das ist genau der Punkt, zu dem ich mich nicht äußere.«

Ich merke: Die Sache beginnt, sich von selbst auf eine andere Ebene zu heben, denn ich weiß ohnehin, dass neben der Feuerwehr Weißwasser und der Wohnungsbaugesellschaft auch die Firma Sto an dem Versuch beteiligt war. Sto ist einer der größten Dämmstoffhersteller in Deutschland. Mir wird klar: Was da los war, kriege ich nicht am Telefon recherchiert.

Tanken, hinfahren.

Eine Spurensuche

Jedes Mal, wenn ich irgendwo hinter irgendeinem Mauerverlauf auf ehemaliges DDR-Gebiet fahre, kommt es mir vor, als wechsele ich mehr als nur die Grenze eines Bundeslandes. Es ist eher so, als würde ich die Seite eines Geschichtsbuches umschlagen. Immer noch. Zeit und Solidaritätsbeitrag haben bei mir jedenfalls noch nicht gereicht, um das zu ändern. Ich sickere immer noch ein in ein Gefühl der Ostalgie. Es gibt keine Grenze mehr, aber hinter der ehemaligen ist es immer noch anders als davor. Die Wartburgs und Trabbis sind zwar aus dem Straßenbild verschwunden, aber es gibt die Alleen, die großen Gehwegplatten in den Städten, Spuren von Unternehmen mit Namen wie »Wismut«, dann steht da noch irgendwas Verblassendes mit »Freundschaft« …

Die Kleinstadt Weißwasser in Sachsen, genauer in der niederschlesischen Oberlausitz, wenige Kilometer vor der polnischen Grenze, ist mein Ziel. Hier hat sich etwas abgespielt, was ich zum Ausgangspunkt meiner Recherche zum Thema Wärmedämmung gemacht habe. Es dreht sich um einen Hausbrand im Dezember 2012 und um ein anschließendes Brandexperiment. Bei dem Hausbrand handelte es sich um ein Gebäude, das mithilfe einer vorgehängten und hinterlüfteten Fassade aus PVC-Hartschaum gedämmt worden war, bei dem Experiment um ein mit Styropor gedämmtes Haus.

Der Test diente im Nachklapp zum Ernstfall dazu, herauszufinden, wie man die Gefährlichkeit von Kunststoffmaterialien im Brandfall am besten in den Griff bekommen könnte. Er wurde abgesagt, und man benötigt nicht allzu viel Fantasie, um zu ahnen, wer daran Interesse gehabt haben könnte. In diesem Fall das Dämmunternehmen Sto aus Baden-Württemberg. Aber der Reihe nach.

Weißwasser im Kaleidoskop der Fremdenverkehrsbehörde: Die Stadt mit 20 000 Einwohnern liege in »reizvoller Heide- und Teichlandschaft«. Die Behörde wirbt für eine Tour mit der Waldeisenbahn zum Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau, lädt ein zu einem Besuch im Rhododendronpark in Kromlau. Ich sehe beim Fahren aber auch Plattenbauten beim Stehen zu.

Ich war hier noch nie. Ist vielleicht ein bisschen unfair, mir die erste Dosis Weißwasser gerade im heranziehenden Winter zu verpassen. Weißwasser wirbt für sich, und mir kommt die Werbung vor wie eine Verniedlichungsform fürs Grobe, eine Entschuldigung nach einer novembertristen Anreise.

Ist das unfair? Ja, ist es.

Weißwasser hat Platte. Außerdem hatte Weißwasser in der Nähe und bis 1992 auch Braunkohletagebau. Ich hoffe, dass die Gegend ihr Narbengesicht inzwischen genauso stolz trägt wie Gelsenkirchen oder Dortmund im Westen der Republik. Braunkohletagebau Bärwalde, auch nett. Ich will fair sein und verspreche, noch mal zurückzukommen. Lausitz, Muskau, Kromlau, Bärwalde.

An der Straße der Jugend bin ich mit Sabine Larbig verabredet. Sie ist Redakteurin der ortsansässigen Zeitung. Lokalredakteure sind oft kleine gemeinsame Nenner im Interesse ihrer Stadt, sie gucken unter die Bruchstriche. Sie melden nicht nur, sie reflektieren Nachrichten, ordnen sie ein. Ich möchte mit ihr über das abgesagte Brandexperiment reden.

Anlass des nachgeschobenen Feuerversuchs war der Brand eines mithilfe von PVC-Hartschaum gedämmten Gebäudes in der Nachbarschaft im Dezember 2012. Damals gab es zehn Verletzte. Was zu diesem Zeitpunkt keiner ahnte: Dieser Brand wirft heute mehr Fragen auf als nur die nach der Ursache. Wissenschaftliche, wirtschaftliche und, ja – auch moralische. Dieser Brand und seine Geschichte sind in der Lage, auch das Vertrauen von Menschen zu erschüttern, die zusammen Milliarden von Euro in leichte, weiße Blöcke investierten. Es gibt nicht wenige Fachleute, die heute sagen: Die Investition sei ein schwerer Fehler. In Kellenhusen, in Straubing und eben auch in Weißwasser. Überall dort, wo Styropor Häuser dämmt. Denn Styropor kann eine Zündschnur übelster Art sein, schwer zu löschen.

Nach dem Brand wollte Weißwasser Vorbild sein. Im Mai 2013 verabredeten sich der deutsche Dämmkonzern Sto, die ansässige Wohnungsbaugesellschaft und die Feuerwehr Weißwasser dazu, einen Teil eines unbewohnten Wohnblocks mit Styropor zu verkleiden und ihn – wie den unverkleideten anderen Teil auch – in Brand zu setzen. So hätte man die Intensität des Feuers vergleichen und Erkenntnisse darüber sammeln können, wie sich das Material verhält. Und die Feuerwehr hätte erfahren können, wie man es löscht. Es sollte ein gelenktes Inferno an einem Lernort werden – unter wissenschaftlicher Begleitung. Doch es kam nicht dazu. Ein abgesagter Versuch, eine verpasste Chance. Oder ein verordnetes Verhalten?

Sabine Larbig und ich stehen auf einer matschigen Rasenfläche von der Größe der links und rechts benachbarten Plattenbauten, und mir tut es fast leid um ihre neuen grünen Schuhe. Hier sollte im Mai 2013 das Brandexperiment stattfinden, das zwei Tage vorher abgesagt worden war. Für den Versuch hatte das Unternehmen Sto eigens die Fassade des gesamten Wohnblocks gedämmt. Die Sto AG mit 4800 Mitarbeitern gilt als einer der Marktführer im Bereich der Wärmedämmverbundsysteme und erwirtschaftet etwa die Hälfte des Umsatzes von 1,2 Milliarden Euro auf diesem Geschäftsfeld. Der Gewinn lag im vergangenen Jahr bei etwa hundert Millionen Euro. Angesichts der Summe dürfte die Investition in Höhe von 30 000 Euro für die Verkleidung des leergezogenen Hauses zu verschmerzen sein.

Von dem Wohnblock ist heute nichts mehr zu sehen. Potemkinsches Dorf in der Rückabspulung: extra und teuer fürs Experiment rausgeputzt, dann nach abgebrochener Beweisführung eilig weggeputzt. Warum?

Wir gehen ein Stück auf festgefahrenem Schotter. Macht irgendwie den Eindruck einer ehemaligen Straße.

Sie bestätigt mich: »Das war die Zufahrtsstraße für die Wohnblöcke, die hier einmal standen, aber vor etwa vier Monaten abgerissen worden sind.«

Ich schaue rüber zu einem Wohnblock, der wie ein riesiger Ziegelstein in der Landschaft liegt. »Das heißt, so ein Block, wie wir ihn da sehen, hat hier gestanden?«

»Genau.«

»Sie haben als Redakteurin damals diesen Versuch begleitet. Was war der Grund, ihn hier durchzuführen?«

»Im Prinzip ging es darum, unter echten Bedingungen, also außerhalb von Laboren, zu beobachten, was bei so einem Wohnungsbrand passiert. Das Besondere an diesem Versuch war: Hier sollte ein echtes Haus in Brand gesteckt werden.«

Ich vergewisserte mich: »Und das wurde professionell durchgeführt?«

»Das wurde alles professionell aufgebaut«, antwortete sie, »aber leider kam es nicht mehr dazu. Es wurde ja kurzfristig abgesagt.«

»Wie kurzfristig?«, hake ich nach.

Sabine Larbig zögert: »So ein, zwei Tage vorher.«

Etwas öffentlich abzuflämmen, um Materialeigenschaften und die Kontrollierbarkeit eines Feuers zu testen, kommt einem Offenbarungseid nahe. Wir reden hier schließlich von einem gehörigen Feuer in der Nachbarschaft von Menschen, deren Wohnhäuser ebenfalls mit Polystyrol gedämmt worden sind. Der Eindruck liegt nahe: Das muss nicht automatisch zu einem guten Ergebnis führen. Man könnte es auch so ausdrücken: Der Brennwert von Styropor liegt um ein Vielfaches höher als der nur geringe Dämmwert. Und damit fehlen der Wohnungsbaugesellschaft gegenüber der Nachbarschaft die guten Argumente für eine Mieterhöhung. Wer wohnt schon gern umhüllt von Brennpaste?

»Und«, frage ich Sabine Larbig, »wie hat man argumentiert?«

»Es gab eine gemeinschaftliche Erklärung des Herstellers und des Wohnungsbauunternehmens, dass dieser Brandversuch abgesagt wird – ohne nähere Begründung, warum und wieso. Einfach nur abgesagt.«

Für mich klingt das eindeutig nach Beweismittel-Vorvernichtung. Jedenfalls ist das Ganze merkwürdig. Jeder hätte doch von den Erkenntnissen dieses Feldversuchs etwas gehabt. Sabine Larbig und ich hängen offenbar den gleichen Gedanken nach.

»Sollten die Ergebnisse vielleicht negativ ausfallen, zum Beispiel für einen Hersteller irgendeines Baustoffs, dann könnte es schon sein, dass er solche Erkenntnisse nicht veröffentlicht haben will«, sagt sie.

Kurz danach trennen wir uns, und sie rettet ihre neuen Schuhe aus dem Morast.

Eigentlich wären die Umstände des abgesagten Versuchs leicht zu recherchieren. Es gibt einen Anlass, es gibt Fragen und einige wenige Personen, die Stellung nehmen könnten. Wenn sie es denn täten. Die Geschäftsführerin der Wohnungsbaugesellschaft jedenfalls will sich von mir nicht interviewen lassen. Sie wimmelt mich trotz mehrerer Versuche immer wieder ab. Allerdings ist die Feuerwehr Weißwasser bereit, mit mir über das abgebrochene Experiment zu reden. Ich treffe Feuerwehrmann Fred Winter* und einen Kollegen in einer Wohnsiedlung vor einem ganz bestimmten Haus. Beide kommen im Einsatzwagen.

»Wissen Sie, warum der Versuch abgesagt worden ist?«, frage ich Winter.

»Nein«, antwortet er, »dazu kann ich keine Aussage machen.«

»Aber als Feuerwehr hätte Sie das schon interessiert?«

»Ja klar, wir haben voll mitgemacht, die Kameraden haben sich in der Vorbereitung des Versuchs richtig ins Zeug gelegt. Aber es kam ja leider nicht dazu.«

Von der heißen Phase der Vorbereitung direkt ins Abklingbecken des vorzeitigen Abbruchs. Auch ein Versuch.

Warum wir uns ausgerechnet hier treffen? Weil am 22. Dezember 2012 eine Wohnung des Hauses hinter uns in Brand geraten war.

»Das Feuer hat sich damals rasant zu einem Vollbrand ausgebreitet«, erinnert sich Winter. Er guckt die sanierte Fassade hoch.

»Beim Eintreffen der Feuerwehr schlugen die Flammen bereits komplett aus den Fenstern raus«, erzählt er weiter, »und das Beängstigende war, dass sie sehr schnell auf die Fassade übergriffen. Und genauso schnell, wie die Fassade Feuer gefangen hat, haben sich die Flammen bis ganz oben ausgebreitet.«

Winter, nun ganz in seinem Metier: »Das Feuer griff sämtliche Balkonverkleidungen an, sodass die Plaste oder das Material, was da verbaut worden war, anfing zu tropfen und sich dann hier wie ein brennender See ausbreitete. Das Zeug läuft breit und spritzt.«

Tausende Euro Anschaffungs- und Handwerkerkosten für die Fassade aus PVC-Hartschaum tropfen ab, verdampfen in toxischem Qualm. Das war offenbar der Moment für ihn, in dem sich Beobachtung zu Erfahrung verdichtete.

»Und wie löscht man so was, Wasser drauf und fertig?«, frage ich ihn. Nein, natürlich nicht.

»Das zu löschen ist ganz schwierig«, antwortet der Feuerwehrmann. Winter zückt ein Handy und zeigt mir die Amateuraufnahmen von dem Feuer.

Man sieht, wie hohe Flammen die Wand des Mehrfamilienhauses hochschlagen und das Dach erreichen. Ein Feuer am Rande einer Katastrophe, festgehalten vom Handy eines Nachbarn. Handys sind heute schnell gezückte und immer geladene Dokumentationsrevolver, und dieser Nachbar wird so etwas wie ein inoffizieller Mitarbeiter bei der Aufklärung eines Feuers.

»Da ist eener runtagehopst«, ruft jemand aus dem Off – vermutlich der filmende Nachbar. Einen Moment sieht man einen Schatten vor den hellen Flammen fallen. Minuten später ist die Feuerwehr da und löscht. Die Bilanz: zehn Verletzte, davon einer schwer. Fünf der Menschen mussten über die Drehleiter gerettet werden.

Heute sieht man nichts mehr von den Schäden, die die Lokalzeitung in der Ausgabe am Tag nach dem Unglück mit Fotos dokumentierte, und es scheint so, als sollte die neue helle, vorgehängte und hinterlüftete Fassade den Mietern beim Verblassen der Erinnerungen helfen.

Winter und ich unterhalten uns über den Unterbau der Fassade. Zwischen Mauerwerk und Dämmfassade zirkuliert Luft, ebenfalls eine Art Dämmung. Fatal nur: Dieser schmale Zwischenraum fungiert bei einem Brand wie ein Kamin. Die Flammen gieren nach Sauerstoff, sie saugen ihn an, und die nachströmende Luft treibt das Inferno vor sich her. Ich frage nach Brandschutzriegeln, die ab einer bestimmten Geschosshöhe ein Überspringen des Feuers aufs nächste Geschoss verhindern sollen. Die gibt es, bestätigt Winter. Aber der Sog zog damals die Flammen drüber weg. Echte Hochleistungsphysik. Ich verabschiede mich von ihm.

Was war das hier in Weißwasser, denke ich auf dem Weg zum Auto. Bei allen Gesprächen hatte ich das Gefühl, als hätten alle mehr wissen, mehr sagen können. Hier komme ich nicht weiter. Im Grunde genommen ist der Eindruck für mich nur die Bestätigung dafür, dass Sto Druck gemacht hat. Gemerkt hab ich dies während eines Gesprächs mit einem Mitarbeiter der den Versuch begleitenden Universität. Er wollte sich zu dem abgesagten Experiment nicht äußern, wirkte genervt und eingeschüchtert.

Seine Aussage: »Der Versuch war nicht wissenschaftlich fundiert und damit nicht aussagekräftig.«

Null weitere Fragen bitte.

Ich mache mich auf den Weg nach Stühlingen in Baden-Württemberg, dem Sitz des Unternehmens Sto am Rande des Schwarzwaldes. Das Hinkommen gestaltet sich wie die Anreise zu Tolkiens Mittelerde. Der Schwarzwald hat viele versteckte Orte, und Stühlingen ist einer davon. Nur wenige hundert Meter vor der schweizerischen Grenze übernimmt Sto die ausdrückliche Herrschaft über den Ort. Wie ein UFO liegt das Unternehmen im schwarzwälderischen Draußen, ein Familienbetrieb, der Stühlingen eigentlich entwachsen ist.

In der Konzernzentrale bin ich mit Dr. Andreas Weier, dem Chef der Forschungsabteilung, verabredet. Es hat lange gedauert, bis es zu diesem Termin gekommen ist. Denn Sto ist bekannt dafür, gegenüber Journalisten skeptisch zu sein. Die Firma sagt, dass sie den Brandschutz sehr ernst nehme und deshalb in dem Bereich auch forsche. Wir sind schnell im Thema, und ich merke, dass ich Weier mit meinen Fragen zum abgebrochenen Versuch überrasche.

»Das Brandexperiment wäre doch eigentlich auch im Sinne von Sto gewesen. Warum ist denn damals der Versuch in Weißwasser abgesagt worden?«, will ich von ihm wissen.

»Der Versuch in Weißwasser ist aus meiner Sicht …«, er stockt, »… ich weiß es nicht, warum der abgesagt worden ist.«

Ja, was denn jetzt? Weier spricht mit dem Pressesprecher des Unternehmens. Der will, wenngleich Öffentlichkeitsarbeiter, nichts öffentlich sagen. Er überlässt es Weier. Der sagt, die beteiligten Wissenschaftler hätten Bedenken wegen der Aussagekraft des Versuchs geäußert. Daraufhin hätte auch Sto sich zurückgezogen.

»Wir stellen uns jedem Brandtest in vernünftiger Umgebung, der auch was aussagt«, zieht Weier markant nach.

»Und was war in Weißwasser unvernünftig an der Umgebung?«, frage ich.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, antwortet er, »w

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