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Das geschenkte Wunder

Hilde Linsel-Ladewig

Das geschenkte Wunder


Für Niko , Mandy und Andrea ...hab euch lieb


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Das geschenkte Wunder

 

Die Fußgängerzone war voll mit Menschen. Hektische, gelangweilte, verträumte, entspannte, Paare, Mütter mit Kindern, Väter mit Kindern, Geschäftsleute, Lieferanten, Leute mit und ohne Weihnachtsstimmung – wie ein wirrer Haufen Ameisen huschten die Menschen um Lissy herum.

Seit Stunden saß sie auf einer dünnen Decke vor der Bäckerei, einen Pappbecher vor sich stehen und die Hände tief in die Taschen ihrer zerschlissenen Jacke vergraben. Vor der Boutique zu ihrer Linken war ein Ehepaar stehen geblieben und schaute sich die Auslagen an.

Erwartungsfroh hob Lissy ihren Becher und lächelte die beiden freundlich an. „Haben Sie vielleicht ein paar Cent für mich übrig?“, fragte sie.

„Übrig? Wer hat heutzutage schon noch etwas übrig?“, geiferte die Frau und wollte ihren Mann am Ärmel seines dicken und sicher kuschelig warmen Mantels weiterziehen.

„Cornelia, ich bitte dich!“, wies er sie wohlwollend, aber bestimmt zurecht.

„Wie heißen Sie, Kind?“, fragte er Lissy warmherzig.

Kind? Lissy schmunzelte innerlich. Ein Kind war sie schon lange nicht mehr. Das Leben auf der Straße hatte sie schnell und unbarmherzig gezwungen erwachsen zu werden. Wann war sie zuletzt unbeschwert und jugendlich-fröhlich gewesen? Seit drei Jahren schon nicht mehr.

„Ich heiße Lissy. Eigentlich Elsa-Marie. Aber man nennt mich Lissy“, gab sie Auskunft.

„In Ordnung, Lissy also. Ich würde natürlich niemals einem mir völlig fremden Menschen einfach so Geld schenken. Aber nun da ich Ihren Namen kenne...“, lächelte der Mann, kramte in der Tasche seines Mantels und warf ein paar Münzen in ihren Becher.

„Frohe Weihnachten“, wünschte sie noch dann brachte Frau Cornelia ihren Mann dazu weiter zu gehen.

Sie tauchten in dem Gewimmel unter und Lissy fischte das Kleingeld aus dem Becher. Aber neben einigen Centstücken lag auch ein Zehneuroschein darin. Zehn Euro?! Dafür hätte sie noch mindestens vier bis fünf Stunden hier sitzen müssen. Sie schaute vorsichtig nach links und nach rechts und kniff sich dann in den Arm.

„Au!“, entfuhr es ihr. Nein, sie träumte also nicht. Hastig holte sie den Geldschein heraus und wollte ihn in ihre Jacke stecken. Da bemerkte sie, dass noch etwas daran klebte. Sie faltete das Papier auseinander.

„Das gibt es ja nicht! Die haben Kohle ohne Ende, so wie die aussehen und...spielen Lotto?“, dachte sie bei sich und schüttelte den Kopf.

Sie stand auf und lief in die Richtung, in die das Ehepaar verschwunden war. Nichts. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.

„Hm...“, machte Lissy und steckte den Tippzettel gedankenlos ein. Dann ging sie in die Bäckerei vor der sie seit Stunden gesessen hatte und bestellte einen Becher heißen Kakao.

„Und haben Sie noch irgendwelchen Kuchen ...von gestern?“, fragte sie und achtete darauf dass es außer der Verkäuferin niemand hörte.

Die rundliche ältere Frau mit roten Apfelbäckchen lächelte und sagte, sie schaue mal eben nach. Das Mädchen tat ihr Leid. Tag für Tag saß sie da draußen. Bei Wind und Wetter. Immer freundlich und nie aufdringlich.

Dann kam sie zurück mit einer prall gefüllten Papiertüte. „Ein paar Berliner und zwei Schinkencroissants. Die wären nachher weggeworfen worden“, erklärte sie.

Wenn Lissy sich Tränen nicht absolut und rigoros verboten hätte, wäre sie vor Rührung fast übermannt worden. Sie schluckte tapfer und fragte: „Was bekommen Sie?“

„Gib mir nur die achtzig Cent für den Kakao...“, zwinkerte die Verkäuferin Lissy zu. Sie wusste, das Mädchen gönnte sich eigentlich nie etwas, aber sie wollte sie nicht mehr als nötig beschämen, indem sie ihr das Heißgetränk auch gratis überließ. Nur manchmal kam sie herein und fragte nach einem Becher heißen Wassers in den sie dann einen zerknautschten Teebeutel gleiten ließ.

Lissy durchsuchte ihren Kleingeldschatz nach besagter Summe und legte das Geld auf den Tresen. „Danke“, murmelte sie.

„Dafür doch nicht, Kindchen. Da hinten in der Ecke ist gerade ein Tisch frei geworden. Wärme dich etwas auf und lass es dir schmecken“, lächelte Frau Burgner, die Chefin der Bäckerei.

Lissy hockte sich ganz in die Ecke und holte eines der Croissants aus der Tüte und biss hinein. Sie schloss die Augen und genoss den ersten Bissen seit gestern Nachmittag. Eigentlich kam sie fast um vor Heißhunger, aber so etwas Gutes hatte sie seit Langem nicht und sie wollte den Geschmack voll und ganz auskosten.

Ehe sie ging steckte sie einige Servietten ein. Damit ersparte sie es sich für wertvolles Geld Taschentücher kaufen zu müssen. Schon seit Wochen schleppte sie einen Schnupfen mit sich herum, was aber in Anbetracht der Temperaturen die stetig gegen null Grad sanken, kein Wunder war. Schon sehr bald würde draußen schlafen nicht mehr möglich sein, es sei denn, sie wollte sich den Tod holen. Dann musste sie wieder zu den Obdachlosenunterkünften. Aber das schob sie – wie jedes Jahr – so lange es ging vor sich her.

Bis zum Einbruch der Dämmerung setzte sie sich dann wieder vor die Bäckerei, nahm aber kaum noch etwas ein. Allmählich raffte sie ihre Decke zusammen und schnürte sie am Rucksack fest. Ihr Rucksack war quasi ihr Leben, denn darin befand sich alles was sie besaß. Noch eine weitere Decke, ein paar Fotos, einige wenige schäbige Klamotten, ein Paar sehr abgetragene Schuhe – sonst nichts.

Viel war ihr nicht geblieben aus ihrem früheren Leben. Hals über Kopf hatte sie ihr Elternhaus vor etwas mehr als drei Jahren verlassen. Damals war sie fünfzehn gewesen. Ihre Mutter hatte wenige Monate zuvor ein zweites Mal geheiratet. Kurt war Lissy von Anfang an suspekt gewesen. Und in den ganzen zwei Jahren, in denen er seither zur Familie gehörte, war sie nie richtig warm mit ihm geworden. Obwohl das noch untertrieben war. Sie hasste ihn. Ihn und seine immer als harmlos getarnten Berührungen. Ständig musste er sie umarmen. Wenn sie gute Noten mit heim brachte oder sonst etwas getan hatte, das ihm gefiel. Mehr als einmal hatte sie mit ihrer Mutter darüber reden wollen. Doch sie tat alles als Hirngespinste eines pubertären Teenagers ab und unterstellte ihr, ihrer eigenen Tochter, sogar irgendwann einmal, sie sei ja nur eifersüchtig auf das neue Glück der Mutter.

Lissy kapitulierte nach und nach immer mehr vor der Blind- und Taubheit der Mutter.

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