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Das geheimnisvolle Tagebuch

Handlungen und Personen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder

toten Personen wären rein zufällig.

Personen

Martina Häfliger spielt Cello und irrt sich gewaltig, wenn sie behauptet, Geschichte sei langweilig.

David Sturzenegger durchforscht als Historiker leidenschaftlich gerne Archive und erfährt, dass Neugierde schmerzhafte Folgen haben kann.

Meta Kwiatkowska trägt schicke Hüte und entdeckt unerwartete Verwandtschaften.

Pani Danuta vermietet ihr Zimmer an Studentinnen und mischt sich resolut in deren Angelegenheiten ein.

Antoni Wierozumski liebt es, ausgiebig zu essen und dabei Vorträge über polnische Geschichte zu halten.

Dr. Jacek Nowomiejski schreckt vor nichts zurück, wenn es darum geht, das Andenken seines Vaters zu ehren.

Tomasz Kwiatkowski hebt Briefe seines Bruders auf, was er vielleicht besser unterlassen hätte.

Walter Flückiger fürchtet sich vor Leichen im Keller, ist aber nicht nachtragend.

Johann Hunziker träumt davon, eine Ortsgeschichte zu schreiben.

Pawel Kwiatkowski kämpfte für ein freies Polen und trat auch im Interniertenlager für seine Ideale ein.

Kapitan Mirosław Nowomiejski ging über Leichen und als Held in die polnische Geschichte ein.

Berta Gerber hütete ein Geheimnis bis ins Grab.

Ernst Flückiger setzte sich als Gemeindepräsident umtriebig für die internierten Polen ein, nicht immer ganz uneigennützig.

Kater Mikesch miaut oft kläglich, hat grüne Augen.

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte (1940), These IX

Er starrte auf das Bild. «Der Engel der Geschichte», flüsterte er. Und trotzdem, trotz all dieses Entsetzens hatte Walter Benjamin vom Funken der Hoffnung gesprochen. Der Historiker müsse die Geschichte gegen den Strich bürsten, um damit «im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen». Ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Hoffnung konnte es nur geben, wenn die alten Verbrechen aufgedeckt wurden. Der Angelus Novus würde als Racheengel erscheinen. Schon bald.

Zürich Schwamendingen, Mittwoch, 4. Mai

Der Tag war grau und trüb. Die kleine Schar Menschen stand fröstelnd auf dem Rasen, der vom vielen Regen matschig und verschlammt war. Martinas Halbschuhe waren schon durchnässt und vom Schirm, den ein älterer, ihr unbekannter Mann hinter ihr hielt, tropfte es ihr in den Kragen. Sie drängte sich näher an ihre Mutter. Der junge Friedhofsassistent hielt einen grossen Schirm über die Pfarrerin, die aus einem schweren braun eingebundenen Buch las. «Berta Gerber verbrachte ihre letzten Lebensjahre im Heim», sagte sie und blickte – so schien es Martina – vorwurfsvoll in die Runde. «Wir wissen nicht, wie viel sie von ihrer Umwelt noch wahrnehmen konnte, aber es ist tröstlich zu wissen, dass sie vom Pflegepersonal liebevoll umsorgt wurde. Berta hat es nicht immer einfach gehabt im Leben, aber sie hat sich stets ein sonniges Gemüt bewahren können.» Die Pfarrerin begann, einzelne Stationen aus dem Leben der Verstorbenen vorzutragen.

Martinas Gedanken schweiften ab. Berta, die Schwester ihres Grossvaters, war für sie wie eine liebe Grossmutter gewesen. Als Kind hatte Martina oft die Ferien bei ihr verbracht. Sie konnte sich gut an das Genossenschaftshäuschen in Zürich-Schwamendingen erinnern, an den Garten mit den Himbeersträuchern, an Möhrli, den kleinen, dicken Foxterrier, der auf einem Auge blind war, und an Alwin Gerber, Bertas zweiten Ehemann, den sie mit siebenundsechzig Jahren geheiratet hatte. Alwin ass jeden Morgen drei Knoblauchzehen und behauptete, dass man dadurch uralt werde. Er stank immer grässlich nach Knoblauch und war dann trotzdem schon mit zweiundachtzig Jahren gestorben. «Genau zwölf Jahre waren wir verheiratet», hatte Berta gesagt, «es waren die glücklichsten Jahre meines Lebens.»

Zwei Krähen zeterten auf einer Pappel und krächzten so laut, dass die Pfarrerin ihre Stimme erheben musste: «Was bleibt zurück von einem Leben?» Mit schmerzlich gerunzelter Stirn blickte sie die versammelten Trauergäste an. «Der menschliche Leib ist vergänglich, aber die Liebe und Fürsorge hinterlassen Spuren.» Martina verkroch sich noch mehr in ihren Mantel. Von der Nase eines kleinen Marmorengels auf einem Grabstein direkt vor ihr tropfte es. Neben ihr schneuzte eine ältere Frau kräftig ins Taschentuch. Sie hatte keine Ahnung, wer das war. Vielleicht eine Mitbewohnerin aus dem Altersheim.

Nach Alwins Tod lebte Berta noch einige Jahre allein in ihrem Häuschen. Martina ging zu jener Zeit ins Gymnasium und besuchte sie nur selten. Heute tat es ihr leid. Aber damals hatte sie halt andere Interessen gehabt: Partys, Ausgehen, erste Verliebtheiten. Als Berta dann an Demenz erkrankte, kam sie ins Pflegeheim. Zuerst ging Martina noch öfters hin, aber dann wurde es immer bedrückender. Bei ihrem letzten Besuch sass da nur noch ein Häufchen Mensch zusammengesunken im Sessel, murmelte vor sich hin und reagierte nicht mehr auf sie. Das war schlimm, sie hatte sich so hilflos und ohnmächtig gefühlt.

Hinter Martina hustete ein Mann ununterbrochen. «Nun hat Gott Berta Gerber zu sich heim gerufen», ertönte die Stimme der Pfarrerin, «sie hat alle Lebenskämpfe hinter sich und ihre ewige Ruhe gefunden.» Martina vernahm neben sich ein Schluchzen und sofort spürte sie, wie ihr selbst Tränen in die Augen stiegen. «Wir wollen nun alle das Vaterunser beten.» Martina faltete die Hände. Liebe Berta, dachte sie, wo immer du auch sein magst, ich hoffe, dass es dir gut geht. Und wer weiss, vielleicht hast du ja jetzt auch deinen Alwin und Möhrli wieder getroffen. Der Friedhofsassistent bückte sich und liess die Urne langsam in ein Loch gleiten, das im Rasen ausgehoben war. Der Regen war noch stärker geworden und prasselte laut auf die Schirme. Eine kurze Zeit stand die Trauergemeinschaft still am Grab und hastete dann zum Friedhofsausgang. Dort drückte die Pfarrerin allen besorgt und teilnahmsvoll die Hand. Martina murmelte ein Dankeschön und suchte Schutz unter einem Vordach.

«Kommst du auch noch ins Restaurant? Wir haben im ‹Hirschen› reserviert», sagte ihr Vater. Martina zögerte. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Lust auf ein Leidmahl. Und schon gar keine Lust auf Smalltalk mit irgendwelchen Verwandten, die sie seit Jahren nicht gesehen hatte. Aber da war eine Person, auf die sie neugierig war. Diese Frau im dunkelblauen Regenmantel mit dem kleinen runden Hut. Das musste Meta sein. Meta Kwiatkowska, Bertas uneheliche Tochter. Martina hatte erst vor drei Tagen von ihrer Existenz erfahren. «Was, ich habe eine Tante?», hatte sie ihren Vater entgeistert gefragt, als dieser wohl aus Unachtsamkeit erwähnte, dass bei einem allfälligen Erbe auch Meta zu berücksichtigen wäre. «Warum hast du mir nie von ihr erzählt?» Martina konnte es nicht fassen. Ihr Vater winkte ab: «Sie ist nur entfernt mit uns verwandt. Und ausserdem lebte sie im Ausland.» «Das ist doch kein Grund, sie einfach totzuschweigen!» «Wer redet denn hier von totschweigen! Sie selber hat ja nie den Kontakt zu uns gesucht, sich nie gemeldet, nie geschrieben. Und überhaupt», knurrte er, «was regst du dich so auf? Sonst interessierst du dich ja auch nicht besonders für die Verwandtschaft!» Er blätterte in der Zeitung und tat so, als sei das Thema für ihn erledigt.

«Wer ist ihr Vater? Warum hat Berta mir nie von ihr erzählt? Wo ist sie aufgewachsen?» «Ach, das sind alte Geschichten.» Er blickte angestrengt auf eine Schlagzeile und fuhr dann unwirsch fort: «Meta wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Ich wusste ja selber lange nichts von ihrer Existenz. Sie ist bei Pflegeeltern aufgewachsen und hatte keinen Kontakt zu ihrer Mutter.» Martina schaute ihren Vater stirnrunzelnd an: «Was war da los? Wieso hat man sie ihrer Mutter weggenommen?» «Berta war jung und ledig. Sie konnte nicht alleine für das Kind sorgen. Alleinerziehende Mütter waren damals noch nicht en vogue!» Sein bissiger Ton war nicht zu überhören. Trotzdem insistierte Martina weiter: «Wurde sie gezwungen, das Kind wegzugeben?» Ihr Vater zuckte die Achseln. «Berta hat nie darüber gesprochen, aber es war wahrscheinlich die einzig richtige Entscheidung. So viel ich weiss, hatte Meta es bei ihren Pflegeeltern sehr gut.» Martina biss sich auf die Lippen. Berta hatte ihr vieles aus ihrem Leben erzählt, aber diese Tochter immer verschwiegen. Warum? War die Scham so gross gewesen? Oder hatte sie Schuldgefühle gehabt?

«Und wer war der Vater?», wollte sie wissen. «Ein Ausländer. Nach dem Krieg ist er verschwunden.» «Aha, dann ist ja alles klar!» Ihr Vater blickte unwirsch auf. «Nun hör schon auf! Heute kann jede Frau so viele Kinder bekommen, wie sie will, von wem auch immer, und Väterchen Staat bezahlt. Aber damals, kurz nach dem Krieg, war das alles ganz anders! Pfäffikon war ein Dorf, wo jeder jeden kannte. Stell dir vor: ein uneheliches Kind! Da wurde ganz schön getratscht, die ganze Familie hat darunter gelitten!» «Und Berta? Was haben sie mit ihr gemacht?» Ihr Vater seufzte. «Berta ist weggezogen und hat auf diversen Bauernhöfen gearbeitet. Du darfst wirklich nicht vergessen, dass das alles im Jahr 1945 passiert ist!» Energisch faltete ihr Vater die Zeitung zusammen und verliess das Wohnzimmer. Martina verstand, dass es ihm peinlich war. Die Familie Häfliger – die perfekte Familie Häfliger – hatte in ihrer Vergangenheit einen dunkeln Fleck. Berta hatte Schande über die Familie gebracht, und man hatte das Problem entsorgt, das Enkelkind zu fremden Leuten gegeben, die Tochter aus dem Dorf verbannt. Und noch heute versuchte man, den Mantel des Schweigens über dieser Affäre gebreitet zu halten. Wie heuchlerisch und spiessig das alles doch war! Auch ihre Mutter versuchte, sie zu beschwichtigen: «Das ist doch alles schon so lange her, lass die alten Geschichten ruhen!»

Und nun stand sie dort beim Friedhofsausgang, diese «alte Geschichte». Das war sie also, Bertas Tochter Meta. Martina musterte sie verstohlen von der Seite. Sie war klein und schlank, hatte ein bleiches, etwas eingefallenes Gesicht mit breiten Wangenknochen und einem schmalen, spitzen Kinn. Die Haare waren braun und kinnlang geschnitten. Martina konnte nicht erkennen, ob sie gefärbt waren. Um die Augen hatten sich schon viele Fältchen gebildet. Meta stand sehr aufrecht am Grab. Eine Ähnlichkeit mit ihrer Mutter konnte Martina nicht ausmachen. Sie entschloss sich, am Leidmahl teilzunehmen. Hätte sie geahnt, was das alles nach sich ziehen würde, hätte sie einen weiten Bogen um das Restaurant Hirschen gemacht.

Leise sprechend und mit ernsten Gesichtern betraten die Gäste den Speisesaal. Die Luft war abgestanden, und es roch nach Beutelsuppe. Auf jedem Tisch stand ein kleiner weisser Topf mit violetten Orchideen. Martina blickte sich seufzend um. Sie wartete, bis Meta sich hinten an den Ecktisch gesetzt hatte und drängte dann rasch an ihrem Cousin vorbei. Meta blickte Martina freundlich lächelnd an: «Freut mich, dass wir uns endlich kennenlernen. Du bist sicher Martina. Ich habe schon viel von dir und deiner musikalischen Karriere gehört.» Martina winkte ab. «Von Karriere keine Rede. Ich unterrichte Cello am Konservatorium Zürich und spiele in einem Trio, das ich selber gegründet habe. Unsere erste CD wird demnächst erscheinen.» «Das ist doch wunderbar! Ich wollte immer Musik machen, bin aber leider nie dazu gekommen.»

Sie wandte sich ihrem Salat zu. Martina konnte aus den Augenwinkeln sehen, dass ihr Vater in ein Gespräch mit seinem Bruder vertieft war. Er blickte aber immer wieder zu ihr und Meta herüber. Man konnte ihm die brennende Neugierde ansehen, was wohl dort hinten am Ecktisch gesprochen wurde. Martina beschloss, nicht lange um den heissen Brei herumzureden. «Ich wusste lange nicht, dass es dich gibt», sagte sie. Meta lächelte. «Besser spät als nie!» Sie trug ein schwarzes, schlichtes Baumwollkleid mit Ärmeln, die knapp über die Ellbogen reichten. Am Kragen glänzte eine silberne Brosche, die einen fein ziselierten Vogel darstellte. Meta bemerkte Martinas interessierten Blick. «Eine Alpendohle – mein Lieblingsvogel», erklärte sie, «die Brosche habe ich auf einem Flohmarkt entdeckt, das war ein richtiger Glücksfall. Sie hat nur fünfzig Franken gekostet.» «Und bist du sicher, dass das eine Dohle ist und kein gewöhnlicher Spatz?» Meta lachte. «Ein bisschen kenne ich mich mit Vögeln aus, aber zugegeben, es könnte auch eine Amsel sein. Ich habe einfach entschieden, dass es eine Alpendohle ist. Ein Glücksbringer.»

Das Gespräch verlief sehr herzlich, und Martina vergass fast ganz, dass es sich um ein Leidmahl handelte. Meta erzählte von ihrem Leben in Kanada. Schon mit zwanzig Jahren war sie ausgewandert und hatte in einem kleinen Dorf in der Nähe von Montreal eine Schneiderei eröffnet. Eigentlich hatte sie Modistin gelernt, aber von Hüten alleine konnte sie nicht leben, und deshalb bot sie alles an, von Weisswäsche bis Vorhangservice. «Schneiderst du noch immer?» «Oh Gott, nein!», Meta verwarf die Hände, «dazu sind meine Augen nicht mehr gut genug. Nein, ich bin jetzt eine richtige Rentnerin, gehe ins Altersturnen und backe Kuchen für den Kirchenverein.» Martina hätte gerne noch mehr erfahren, aber weil sie um fünfzehn Uhr Unterricht hatte, musste sie aufbrechen. «Ach, wie schade», meinte Meta, «nun habe ich immer nur von mir erzählt, und weiss gar nicht, was du machst. Ausser natürlich, dass du Cellistin bist. Besuch mich doch einmal in Russikon!» Martina notierte sich Metas Telefonnummer und versprach, sich bald zu melden.

Im Tram dachte sie über Berta und Meta nach. Hatten die zwei Kontakt gehabt? Wie war Meta aufgewachsen? Wer war ihr Vater? Was hatte es wohl für Berta bedeutet, dass sie ihr Kind weggeben musste? Hatte Meta sich nach ihrer Rückkehr in die Schweiz wohl deshalb nie bei ihren Verwandten gemeldet, weil sie sich nicht aufdrängen wollte? Ahnte sie, dass man sie nicht ganz zur Familie Häfliger zählte? Martina schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Ob sie Meta wirklich besuchen sollte? Hatte sie nicht zu schnell etwas versprochen? Sie war ihr zwar sympathisch gewesen, aber eigentlich legte sie keinen grossen Wert auf Pflege von Verwandtschaftsbeziehungen. Und ausserdem hatte sie gar keine Zeit, nach Russikon zu fahren. Meta hatte es wahrscheinlich auch gar nicht ernst gemeint mit ihrer Einladung. Trotzdem, ein wenig neugierig war sie schon. Was war da eigentlich passiert, damals in Pfäffikon? Was wusste Meta davon?

Zürich, Donnerstag, 5. Mai

Lieber David

Bin deprimiert. War an der Beerdigung meiner Grosstante Berta. Alles war so traurig, kalt, lieblos, herzlos, furchtbar. Berta war keine entfernte Verwandte für mich, sondern ein liebes «Grosi». Meine richtigen Grossmütter sind leider beide schon vor meiner Geburt gestorben. Beim Leidmahl habe ich Bertas Tochter kennengelernt: Meta Kwiatkowska. Stell dir vor: Ich habe eine Tante (Halbtante, wie mein Vater pingelig betont) und weiss erst seit wenigen Tagen von ihrer Existenz! Meta wurde unehelich geboren, ihr Vater, ein Ausländer, habe sich damals aus dem Staub gemacht. Sie ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, und aus Gründen, die mir schleierhaft sind, wurde sie in unserer Familie verschwiegen. Ist das nicht verrückt?

Und sonst? Was gibt es aus meinem traurigen Leben zu erzählen? Ich bin erkältet, huste Tag und Nacht und fühle mich einfach miesepetrig. Wie ist es bei dir? Kommst du voran mit deinen Studien? Ist es bei euch auch so kalt? Hier Dauerregen. Ach David, weisst du was? Ich möchte so gerne, dass du hier wärst! Wir würden gemütlich auf meinem Sofa sitzen, Kaffee trinken und über fröhliche Dinge plaudern. Du dürftest mir auch einen Vortrag über irgendetwas Historisches halten. (Ach nein, das geht nicht, Geschichte ist ja nie fröhlich!)

Was bleibt mir zum Trost in meiner Einsamkeit? Ein grosses Stück Schokoladentorte, das mir eine Schülerin gebracht hat.

Pass auf dich auf, lass dich nicht von fremden Frauen ansprechen und schreib mir!

Martina

Krakau, Sonntag, 8. Mai

Liebe Martina

Wie viele Kilo hast du schon zugenommen? Bei so viel Trübsinn sind wohl mehrere Stücke Schokoladentorte deinen gierigen Schlund hinuntergerutscht! Doch im Ernst: Das tönt ja wirklich deprimierend, was du von dieser Beerdigung schreibst. War das Gespräch mit Meta wenigstens interessant? Ist sie nett? Dass ein «vergessenes und verschwiegenes» Familienmitglied plötzlich auftaucht, finde ich interessant. Ausgerechnet an einer Beerdigung! Das tönt irgendwie schauerlich! Gibt es ein düsteres Familiengeheimnis bei Häfligers?

Gestern bin ich umgezogen – zum Glück, im alten Zimmer hätte ich es nicht mehr länger ausgehalten. Stell dir vor: Jetzt wohne ich ganz vornehm im «Dom Profesorski» an der Ulica Garbarska. Ich weiss nicht, ob du dich erinnerst, wir sind dort mehrmals vorbeigekommen. Wenn du mit dem Tram jeweils Richtung Bronowice gefahren bist, hast du sicher manchmal einen Blick auf die Karmeliterkirche geworfen. Gerade dahinter befindet sich das Wohnheim. Die Lage ist wirklich super: Die Altstadt und das Historische Institut sind bequem zu Fuss zu erreichen. Hier wohnen Gastprofessoren und ausländische Assistenten. So weit ich bis jetzt den Überblick habe, sind es zurzeit zwei Deutsche, ein Ungar, ein Norweger und ein Litauer. Ich bin der einzige Schweizer. Das Zimmer ist klein, liegt aber sehr ruhig und schön mit Blick in den Hinterhof. Es ist sogar mit einer kleinen Kochnische ausgestattet. Nun kann ich mir selber etwas kochen, wenn ich keine Lust auf die Mensa habe. Auch sonst ist alles wunderbar, bin sehr zufrieden.

Morgen fahren wir für eine zehntägige Exkursion nach Lublin und Biłgoraj. In Biłgoraj findet eine Tagung statt zu Leben und Werk des Nobelpreisträgers Isaac Singer. Dort verbrachte er seine Kindheit und Jugend und lernte die traditionelle Lebensform polnischer Juden kennen. Das kann ich mir nicht entgehen lassen!

Ach, fast vergessen: Pani Danuta lässt herzlich grüssen. Sie fragt immer nach dir und lädt mich regelmässig zu Tee und Kuchen ein. Sie ist so lieb und herzlich! Und mit ihren achtzig Jahren noch völlig klar im Kopf. Ihr Deutsch ist einfach phänomenal! Sie hat dir sicher auch erzählt, dass sie es als junge Frau während der deutschen Besetzung gelernt hat. Um es nicht zu vergessen, hat sie immer wieder deutsche Bücher gelesen. Erstaunlich, dass sie keinen Hass auf diese Sprache entwickelt hat bei allem, was sie erlebt hat!

Liebe Martina, dass ich hier studieren kann, ist einfach toll. Ich bin so froh, dass ich das Stipendium bekommen habe. Krakau ist wunderbar und faszinierend! Aber das weisst du ja. Wäre so schön, wenn du auch hier wärst. Hoffentlich kannst du schon bald für ein langes Wochenende kommen!

Lass den Kopf nicht hängen! Ich umarme dich!

David

Krakau, Sonntag, 8. Mai

David blickte zum Fenster hinaus und strich sich nachdenklich übers Haar. Martina war wirklich zum völlig falschen Zeitpunkt in sein Leben getreten. Mitten in der Altstadt von Krakau war er ihr buchstäblich in die Arme gefallen. Er war oben auf der Treppe beim Denkmal des Dichters Adam Mickiewicz gesessen und beim Hinuntergehen so blöd gestolpert, dass er beinahe gestürzt wäre. Martina hatte ihn aufgefangen. Als er sich in Polnisch zu entschuldigen begonnen hatte, war sie ihm ins Wort gefallen: «Sorry, I don’t understand polish, I come from Switzerland.» «Was für ein Zufall! Ich bin auch Schweizer!», hatte David lachend gesagt und sie zu einem Kaffee eingeladen. Und dann hatten sie sich jeden Abend bis zu Martinas Abreise getroffen.

David lächelte still vor sich hin, als er daran zurückdachte. Hals über Kopf hatte er sich verliebt. Leichtsinnig und blindlings. Ausgerechnet in eine Schweizerin, wo doch die polnischen Frauen für ihre Schönheit berühmt waren. Martina hatte an einem internationalen Meisterkurs für junge Streichmusiker teilgenommen und bei Pani Danuta, einer äusserst liebenswürdigen Polin, gewohnt. Das war vier Wochen her. Und jetzt war sie wieder in Zürich, in ihrem normalen, kleinen Leben, wie sie es nannte. Er seufzte. Eine Beziehung auf Distanz war nicht gerade das, was er sich wünschte. Er würde für mindestens ein Jahr in Krakau studieren, und wer weiss, wohin es ihn später verschlug? Ob die Verliebtheit wohl halten würde? Trotz der langen Trennungszeiten? Einerseits hatte er das Gefühl, schon ganz vertraut mit ihr zu sein, anderseits wusste er noch so wenig von ihr.

Martina hatte vorgeschlagen, dass sie sich Briefe schreiben könnten, um sich so alles aus ihrem bisherigen Leben zu erzählen. Sie stellte sich das romantisch vor. Schliesslich hatten sie sich auf E-Mails geeinigt, denn für Briefe hatte er wirklich keine Zeit. «Schade», hatte sie gesagt, «an Briefen hätte ich schnuppern können, E-Mails riechen nicht.» Er klappte seinen Laptop zu. Ach was!, dachte er, es hat gar keinen Sinn, irgendwelche Pläne zu schmieden. Mal sehen, wie sich alles entwickelt.

Vor allem wollte er sich jetzt auf seine Forschung konzentrieren. Diese Exkursion bot eine wunderbare Einführung in sein Thema. In Lublin würden sie Vorträge zur Geschichte der Juden in Polen hören. David war ein leidenschaftlicher Historiker. Martina hatte über seinen Eifer gelacht, wenn er von Tadeusz Kościuszko, dem Freiheitskampf der Polen gegen die Teilungen des Landes unter Russland, Preussen und Österreich und anderen Ereignissen aus der polnischen Vergangenheit erzählte. Sie selber interessierte sich nicht besonders für Geschichte. Das sei das langweiligste Fach in der Schule gewesen. Und überhaupt sei es viel vernünftiger, die Vergangenheit ruhen zu lassen. «Da täuschst du dich aber gewaltig», hatte er ihr gesagt, als sie sich nach einem langen Spaziergang in den Planty auf einer Bank ausruhten. «Geschichte wirkt immer bis in unsere Gegenwart, sie steuert unser Handeln!» Doch Martina hatte nur spöttisch ihren Mund verzogen. «Was ich nicht weiss, macht mir nicht heiss!» David hatte eine leichte Verärgerung gespürt. «Warte nur ab, die Geschichte holt uns immer ein, früher oder später!» Aber Martina hatte das nicht gehört, sie war zum Verkaufsstand einer dicken, blonden Polin geeilt und hatte eine Brezel gekauft. David sah sie noch genau vor sich, wie sie genüsslich hineinbiss und ihm zulachte.

Das Glockengeläut der nahen Karmeliterkirche riss David aus seinen Gedanken. Er ging zum Fenster und blickte hinaus in den Hof. Die Sonne stand schon tief, und die Backsteinmauern der Nachbarhäuser leuchteten rot im Abendlicht. Zwei Krähen balgten sich um ein Stück Brot und flatterten wütend krächzend auf, als er das Fenster öffnete.

Zürich, Donnerstag, 12. Mai

Lieber David

Geht es dir gut? Wie läuft die Exkursion? Ich bin ganz neidisch und wäre gerne dabei! In der Konditorei, wo ich manchmal samstags nach dem Einkaufen einen Kaffee trinke, arbeitet eine Polin aus Lublin. Die Stadt sei hässlich, meinte sie. Bin gespannt, was du dort erlebst und ob es dir gefällt. Vielleicht können wir irgendwann zusammen dorthin reisen, und du kannst mir dann alles zeigen und erklären.

Hier läuft wieder mal alles schief. Trotz Inhalieren, Sirup, Wärmesalbe und Tabletten will der Husten einfach nicht verschwinden. Bin schon ganz erschöpft, weil er mich nicht schlafen lässt. Dabei ist hier endlich ein strahlender, warmer Frühling ausgebrochen. Alles blüht, die Blätter an den Bäumen schiessen hervor, als ob sie sich in einem Wettlauf befänden. Nur ich armes Huhn kränkle vor mich hin.

Ich möchte dir ja gerne ein lustiges, heiteres Mail schreiben, aber heute, lieber David, ist Jammertag angesagt. Würde ich in Jerusalem leben, würde ich jeden Tag zur Klagemauer pilgern und dort mein Ach und Weh auf kleinen weissen Papierchen in die Ritzen stecken. Nun aber bist du meine Klagemauer, und ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel. Welche schlechte Nachricht möchtest du zuerst hören? Hier nur einige Auszüge aus meinem geballten Elend: Der Auftritt unseres Trios Notturno am Kulturfestival in Göteborg ist ins Wasser gefallen. Wir hätten die Reise und das Hotel natürlich selber bezahlen müssen, und das kann Emil nicht. Er ist zwar ein begnadeter Pianist, aber leider immer knapp bei Kasse. Ich kann seinen Entscheid schon verstehen, trotzdem bin ich sehr enttäuscht. Es wäre so schön gewesen, wieder einmal Schweden im Sommer zu erleben, und es hätte mir wirklich Freude gemacht, an diesem Festival aufzutreten. Natürlich wäre es auch eine tolle Werbung für unsere neue CD gewesen! Nun ist unser nächster Auftritt Ende November im Gare du Nord in Basel. Wir spielen das berühmte Dumky-Trio von Antonin Dvorak und das Klaviertrio Nummer eins von Schostakowitsch. Ich hoffe, dass du dann kommen kannst!

Erinnerst du dich an Meta (das «Familiengeheimnis»)? Mein Vater will oder kann nichts Genaueres zu ihrer Geschichte erzählen. Er stellt sich stur, behauptet, dass mich das alles gar nichts angehe, und schliesslich sei er damals noch gar nicht auf der Welt gewesen. Meta habe sogar Glück gehabt, dass man sie nicht in ein Heim gegeben habe. Bei ihrer Pflegefamilie habe sie es sehr gut gehabt, und überhaupt solle ich mich mehr auf meine musikalische Karriere konzentrieren. Er hatte die Frechheit zu fragen, ob es mir wirklich genüge, mit einem drittklassigen (!) Trio durch die Schweiz zu tingeln! So ein Snob! Weisst du, mein Vater hatte einmal den Traum, Berufsmusiker zu werden. Bis zum Organisten in der Kirche hat er es geschafft. Aber im Herzen trägt er seine verwelkten Träume. Manchmal tut er mir leid, dann wieder bringt er mich zur Weissglut. Eigentlich ist er ja sehr stolz auf mich, aber er kann es so selten zeigen. Ach, das alles ist verzwickt! Ist eigentlich dein Vater auch eher mühsam? Du hast von deinen Eltern noch fast gar nichts erzählt.

Jedenfalls habe ich beschlossen, selber etwas in der Vergangenheit herumzuschnüffeln und habe deshalb Metas Einladung angenommen. Nächstens werde ich sie besuchen. Hoffentlich wird es nicht anstrengend. Du siehst: Nun bin ich auch Historikerin geworden, dein schlechter Einfluss wirkt bereits!

Leider kann ich in nächster Zeit nicht nach Krakau kommen, meine Finanzen erlauben es nicht. Letzte Woche habe ich nämlich erfahren, dass man mir im nächsten Semester acht Stunden meines Unterrichtspensums streicht! Es gibt anscheinend weniger Anmeldungen für Cellounterricht. Oder der Schulleiter hat wieder einmal eine neue Geliebte, die er beschäftigen muss! Doch das sind nur böse Gerüchte. Letztes Jahr hat hier eine Russin Querflöte unterrichtet, mit der er «näher bekannt» war. Die ist nun aber entschwunden, und man sieht ihn öfters mit einer Lettin, die leider Cello spielt. Offenbar hat er ein Faible für Osteuropäerinnen … Nun muss ich mich wieder bemühen, mehr Privatschüler zu finden. Das stinkt mir gewaltig! Seufz! Jammer!

Pani Danuta habe ich zu Ostern ein Paket mit Pralinés geschickt. Das Porto war teurer als der Inhalt!

Liebe Grüsse und Umarmungsküsse von

Martina, dem Häufchen Elend, das Trost und Zuspruch braucht!

Zürich, Freitag, 13. Mai

Martinas Freundin Claudia wohnte in einem Jugendstilhaus in der Nähe der Universität. Jedes Mal, wenn Martina sie besuchte, war sie neidisch auf die schöne, grosse Wohnung mit Erker und Stuckaturen an den Decken. Claudia war seit einem halben Jahr mit einem Zahnarzt verheiratet, studierte Mathematik und stand kurz vor dem Master. Jetzt sass sie mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Sofa und musterte Martina kritisch. «Er schreibt eine Dissertation über Ostjuden?» «Ja, warum nicht? Über irgendetwas müssen die Historiker ja schreiben!» «Interessiert das denn jemanden?» Martina lachte auf: «Das könntest du bei fast allen geisteswissenschaftlichen Themen fragen! Er jedenfalls ist begeistert, und das ist für mich die Hauptsache. Ich mag es nicht, wenn jemand nur wegen Jobaussichten und gutem Verdienst Ökonomie oder Jus studiert, obwohl ihn das Fach gar nicht interessiert.» Claudia beugte sich neugierig vor: «Und sonst, wie ist er? Hast du ein Foto von ihm?» «Nein, wir haben keine Fotos gemacht.» Das stimmte natürlich nicht, aber Martina wollte nicht, dass David begafft wurde wie ein Zootier. «Mir gefällt er, das ist die Hauptsache!»

«Und deine Eltern, sind sie enttäuscht, dass du dich in einen kleinen Geschichtsstudenten verliebt hast?» Martina hob warnend den Finger: «Er ist nicht klein!» Sie lächelte stolz. «Mindestens ein Meter achtzig gross, schlank, schöne Hände, dunkelbraune Haare, noch dunklere Augen und die schönste Bass-Stimme, die du je gehört hast!» «Er singt?» «Er war Sänger in einer Band, aber jetzt hat er das natürlich aufgegeben. In Krakau haben wir in jeder Kirche die Akustik ausprobiert und zweistimmige Choräle gesungen. Sehr zur Freude der Kirchenbesucher!»

Claudia lehnte sich zurück und schloss die Augen. «Wenn ich dich so höre …, da werde ich ganz schön neidisch. Jung verliebt! Das wäre ich auch gerne wieder einmal.» «Du hast doch Matthias!» Claudia nahm einen Schluck von ihrem Tee und warf Martina einen vielsagenden Blick zu. «Wir sind schon sieben Jahre zusammen!» Sie lachte und klopfte Martina beruhigend aufs Knie. «Keine Sorge, die grosse Ehekrise ist noch nicht ausgebrochen, aber nach so vielen Jahren stellt sich eine gewisse Routine ein. Geniess es, solange die Liebe jung und aufregend ist!» Martina spielte nachdenklich mit der Zuckerzange. «Ach weisst du, so toll ist das auch nicht: er in Krakau, ich in Zürich. Ich weiss gar nicht, ob wir unter diesen Umständen eine Chance haben.» «Wie lange bleibt er dort?» «Ein Jahr. Und dann ist es überhaupt nicht klar, wo er einen Job finden wird.» Claudia stand auf und öffnete das Fenster. Sie drehte sich um und schaute Martina prüfend an. «Es bleibt dir nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu sehen, wie sich alles entwickelt. Aber ich hoffe, dass du deine eigenen Pläne nicht aufgibst! Du wolltest doch deine Energie in das Trio Notturno stecken!» Martina spürte Ärger in sich aufsteigen. «Du sprichst schon wie mein Vater!» Claudia zuckte die Schultern. «Ihr spielt toll, es wäre einfach schade, wenn du alles, was du hier aufgebaut hast, aufgeben würdest!»

Als Martina an der Tramhaltestelle wartete, guckte sie missmutig in den blauen Frühlingshimmel. Der Besuch bei Claudia hatte ihr schlechte Laune gemacht. Blöde Kuh!, dachte sie, die missgönnt mir doch nur mein Glück. Offenbar läuft es mit Matthias ja nicht mehr so toll. Aber wenn sie ganz ehrlich zu sich selber war, musste sie zugeben, dass Claudia nur ihre eigenen Ängste und Zweifel angesprochen hatte. In Krakau war alles so einfach gewesen, so selbstverständlich, gewiss und schwerelos. Und jetzt? Wie würde das alles enden? Hatte sie selber genügend Geduld? Und David?

Lublin, Sonntag, 15. Mai

Hallo liebe Martina!

Hier meldet sich endlich der Trostspender, und dies schon um fünf Uhr früh! Wie geht es dir? Noch immer alles schwarz und elend? Schade, dass es mit Göteborg nicht klappt! Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, euer Trio international bekannt zu machen! Aber es gibt sicher wieder neue Möglichkeiten! Soll ich mich in Krakau kundig machen? Dort finden immer wieder Festivals statt. Und billiger als Schweden ist Polen sowieso! Liebe Martina, hartnäckig bleiben und nicht gleich aufgeben!

So, nun muss ich los. Heute haben wir keine Vorträge, sondern ich nehme an einer geführten Tour in die Umgebung teil. Um sechs Uhr fahren wir ab, und ich muss dringend vorher noch frühstücken. Gestern hat es den ganzen Tag geregnet, aber jetzt zeigt sich tatsächlich die Sonne. Schade, dass du nicht hier bist, ich würde am liebsten alles mit dir zusammen erkunden. Das holen wir nach!

Lass dich nicht unterkriegen! Viele aufmunternde Sonntagsküsse!

David

Russikon, Dienstag, 17. Mai

Es war ein wunderschöner Tag. Das Thermometer war auf achtzehn Grad gestiegen, der Himmel war von dieser blassblauen Farbe, die er nur im Frühling hat, und die Knospen an Sträuchern und Bäumen sahen aus, als wollten sie gleich platzen. Martina schaute aus dem Fenster des Busses und überlegte sich, ob sie nicht eine Wohnung in einer solch ländlichen Gegend suchen sollte. Das Leben in der Stadt war ihr einfach zu hektisch geworden. Überall drängten sich die Menschen, Trams und Busse waren ständig überfüllt, die Enge machte die Menschen aggressiv. Hier, auf dem Weg von Pfäffikon nach Russikon, fuhr man an Äckern und Wiesen vorbei. Man sah Bauernhäuser, weidende Kühe, Wälder und weit hinten am Horizont erhoben sich klar und prächtig die Glarner Alpen mit dem Glärnisch und seinem sagenumwobenen Gipfel, dem Vrenelisgärtli. Martina wusste sehr wohl, dass auch hier keine heile Welt war, aber sie stellte es sich schön vor, die Jahreszeiten in stärkerer Berührung mit der Natur zu erleben, den Duft nach Erde, frisch gemähtem Heu oder sonnigen Wiesen einzuatmen.

Aber als Cellolehrerin war es einfach viel praktischer, in der Stadt zu wohnen. In den vielen Zwischenstunden konnte sie nach Hause gehen, mit dem Tram brauchte sie nur zwanzig Minuten bis zu ihrer Wohnung. Und David? Sein Ziel war eine Professur für Osteuropäische Geschichte an einer Universität. «Basel oder Zürich?», hatte sie ihn gefragt? Da hatte David laut gelacht und ihr erklärt, dass es auf jede ausgeschriebene Stelle mindestens achtzig Bewerbungen gebe. Falls es überhaupt jemals klappen werde, müsse er dorthin gehen, wohin er berufen werde. Auswählen könne man nicht. Sein Traum war Wien. Natürlich wäre Wien als Musikstadt interessant, aber sie würde dort sicher kein Engagement in einem Orchester finden. Die Konkurrenz war zu gross, und sie hatte auch nicht die notwendigen Beziehungen. Wer interessierte sich schon für eine Cellistin mit Lehr- und Orchesterdiplom des Konservatoriums Winterthur? Ausserdem konnte sie erst wenige Erfolge bei Musikwettbewerben vorweisen: einen Förderpreis des Kantons Zürich, Preise der Hablitzel- und Collard-Stiftung, doch im internationalen Musikzirkus war sie – abgesehen vom ersten Preis «Enrico Mainardi» an der Universität Mozarteum Salzburg – nur eine ganz kleine Nummer, und das würde höchstwahrscheinlich so bleiben. Martina seufzte. Bedeutete das, dass sie eine Beziehung auf Distanz führen musste? Das wollte sie auf keinen Fall. Der ganze schöne Frühling ging dahin, und sie war allein. Missmutig schaute sie aus dem Fenster und empfand die Landschaft plötzlich als bedrückend und fremd.

Auf dem Monitor wurde als nächste Station «Russikon Platte» angezeigt, hier musste sie aussteigen. Einige Jugendliche, die laut miteinander schwatzten und lachten, stiegen ebenfalls aus. Sie trugen Rucksäcke und Sporttaschen. Wahrscheinlich besuchten sie das Gymnasium in Wetzikon.

Meta hatte ihr den Weg genau beschrieben. Rechts die Plattenstrasse entlang und dann die erste Querstrasse links, die den schönen Namen «Im Surebaum» trug. Das kleine, gelb angestrichene Haus stand etwas abseits der neuen Reihenhaus-Überbauung.

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