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Das geheime Verlangen des Marquess

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Auftakt zu einem Skandal

Eine Dame sollte stets nur ihrer Familie trauen. Es gibt einfach zu viele Menschen, die eine Frau ausnutzen wollen, die zu vertrauensselig ist.

Wie man einen Skandal vermeidet,

Morelands Originalmanuskript

28. November 1828

An Seine Allerhöchste Majestät, den König,

möge es Ihre Majestät erfreuen zu hören, wie grenzenlos glücklich ich bin, dass die lange ruhende Vereinbarung zwischen meinem Onkel und dem großen Herrscher Englands nun berücksichtigt wird. Wie es Ihrer Majestät zweifellos bewusst ist, muss die Countess in einer Umgebung betreut werden, die ihrem Wohlbefinden guttut.

Diese Umgebung findet sie nicht länger hier in Warschau. Die bevorstehende Krönung des Zaren zu unserem König bringt mehr politische Unruhen mit sich als gedacht. Das Gerede über die fehlenden Bürgerrechte in der konstitutionellen Monarchie unseres Königreiches wird wahrscheinlich zu einem Aufstand führen. Ich fürchte, es gibt zu viel Unruhe im Volk, als dass wir hoffen dürften, es würde sich anders entwickeln.

Was die Anfrage Ihrer Majestät betrifft, so ist meine Cousine tatsächlich von bemerkenswerter Schönheit und sehr gebildet. Sie spricht fließend Englisch, Italienisch, Deutsch, Latein und Französisch.

Während ich auf eine ehrbare Verbindung hoffe, die verhindert, dass sie zu einem politischen Druckmittel wird, könnte ihre Unfähigkeit zu gehen einer solchen hinderlich sein. Wenn sich meine Überlegungen in dieser Hinsicht als richtig erweisen, so wird dafür gesorgt, dass sie am Ende des Sommers nach Frankreich reisen wird, damit die Großzügigkeit Ihrer Majestät nicht zu sehr belastet wird.

Aus Respekt vor ihrer Mutter, die bereits vor langer Zeit verstorben ist, bitte ich, dafür zu sorgen, dass kein Mitglied des russischen Hofes sie aufsuchen darf.

Meine Familie und ich sind gerührt und dankbar, dass Ihr Euch dieser delikaten Angelegenheit angenommen habt, und hoffen, dass Ihr ihr die Möglichkeit verschafft, Frieden zu finden.

Stets Euer bescheidener Diener

Karol Józef Maurycy Poniatowski

Kurz nach seinem Eintreffen wurde dieser Brief vernichtet, um jene zu schützen, die darin erwähnt werden.

Erster Skandal

Passen Sie auf, auf welche Flirts Sie sich einlassen. Wie ehrenwert ein Mann auch immer erscheinen mag, es kann und darf ihm nicht getraut werden. Denn selbst der ehrenwerteste Mann will von einer Dame nur dasselbe, was ein erfahrener Schürzenjäger von einer Dirne in der Drury Lane will. Der einzige Unterschied ist, dass die Dirne für ihre Demütigung bezahlt wird, während eine Dame nur ruiniert ist. Von der gesamten Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, ist nicht annähernd so unterhaltsam und gewinnbringend wie eine Guinea für eine amouröse Dienstleistung zu bekommen.

Wie man einen Skandal vermeidet,

Morelands Originalmanuskript

Spät am Abend, 23.31 Uhr

16. April 1829

Grosvenor Square – London, England

Nachdem die Kutsche in der Schwärze der Nacht verschwunden war, zurück in Richtung Kutschenhaus, blieb Tristan Adam Hargrove, der vierte Marquess of Moreland, noch eine Weile auf der im Dunkel gelegenen Türschwelle seines Stadthauses stehen.

Er betrachtete die Tür, wohl wissend, dass – wenn er sie öffnete – kein Quincy kommen würde, um ihn zu begrüßen. Nichts würde ihn empfangen außer einer großen, leeren Eingangshalle und einer unheimlichen Stille, der entgegenzutreten er noch nicht bereit war.

Mit den Spitzen seiner behandschuhten Finger rückte er seinen Zylinder aus Rosshaar zurecht, drehte sich um und ging die Stufen wieder hinunter, die er gerade erklommen hatte. Mit wenigen Schritten hatte er die Straße überquert und schritt unter dem Blätterdach der Bäume dahin, die matt vom Schein der Gaslaternen beleuchtet wurden.

Obwohl es an der Zeit war, sich zur Ruhe zu begeben, war es ihm doch seit dem kürzlich erfolgten Ableben seines geliebten Hundes Quincy viel zu still im Haus geworden. Die Stille führte ihm nur zu deutlich sein Leben vor Augen: Er war noch immer Junggeselle, und jetzt war nicht einmal mehr sein Hund da, um ihm Gesellschaft zu leisten. Zum Glück konnte er sich jeden Tag beschäftigen und musste so nicht zu viel über seine trüben Aussichten nachdenken und auch nicht über die Tatsache, dass sein Hund gestorben war.

Montags traf er sich, nach einem langen Ritt durch den Hyde Park, mit seinem Sekretär. Dienstags besuchte er seine Großmutter. Mittwochs pflegte er sich bei Brooks aufzuhalten, wobei er Diskussionen über die Debatten im Parlament zu vermeiden suchte. Niemand behelligte ihn deswegen, denn sie alle wussten, dass seine politischen Ansichten ohnehin von den Wenigsten geteilt wurden.

Donnerstags verweilte er den ganzen Tag bei Angelos Fechtakademie und focht einen Zweikampf nach dem anderen, um in Form zu bleiben. Freitags verbrachte er seine Zeit im Britischen Museum, in der Nationalgalerie oder im Ägyptischen Museum und wurde derselben Ausstellungen niemals überdrüssig, obwohl er die Kuratoren weniger schätzte, als ein anständiger Mann das tun sollte.

Samstag beantwortete er seine Korrespondenz, darunter auch die Briefe, die sein Verleger an ihn weitergeleitet hatte, und obwohl er die meisten Abende den Bällen, Soireen und Dinners widmete in der Hoffnung, heiratsfähigen Damen zu begegnen, wurden die Einladungen ihm meistens von Menschen geschickt, die er verachtete oder nicht kennenlernen wollte. Er sehnte sich nach einer Gefährtin – aber so sehr dann auch wieder nicht. Sonntags benahm er sich wie ein anständiger Bürger und ging zur Kirche. Dort betete er um das, worum alle Männer beteten: ein besseres Leben.

Tristan betrachtete die Häuser, die ihn umgaben, sah die endlosen Reihen dunkler Fenster und wurde so daran erinnert, dass er sich ebenfalls zu Bett begeben sollte. Gerade als er umkehren wollte, um genau das zu tun, fiel sein Blick auf ein hell erleuchtetes Fenster weiter oben, das zu einem frisch vermieteten Stadthaus seinem gegenüber gehörte. Er zog die Brauen hoch und blieb abrupt stehen.

Dort saß, auf einem Stuhl vor dem Fenster, dessen Vorhänge geöffnet waren, eine junge Frau und bürstete ihr ebenholzschwarzes Haar. Sie bürstete es mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen, und dabei verrutschte der weite Ärmel ihres weißen Nachthemdes an ihrem schlanken Arm so, dass ihr elegant geschwungener Hals sichtbar wurde und den Blick auf ein ausgesprochen tiefes Dekolleté freigab. Die ganze Zeit über schaute sie verträumt hinauf in den wolkigen Nachthimmel.

In diesem winzigen Augenblick spürte Tristan deutlich, dass dieser herrliche Anblick vor ihm die göttliche Einmischung war, auf die er gewartet hatte, seit er alt genug war, um den Wert einer Frau zu erkennen. Verdammt, es fiel genügend goldenes Licht vom Himmel, dass ein Blinder es hätte sehen können. Es fehlte nur noch der leise Klang einer Flöte, zusammen mit sehnsüchtigen Geigentönen. Offensichtlicher hätte es kaum sein können, was Gott ihm da zu zeigen versuchte.

Liebe deinen Nächsten.

Obwohl der Realist in ihm ihn dazu drängte, endlich zu Bett zu gehen und dieses alberne Gefühl gar nicht zu beachten, flüsterte ihm der Romantiker, der von Zeit zu Zeit einmal auftauchte, zu, dass er bleiben sollte. Er trat näher an das Fenster, stellte sich in den Schatten der Bäume und konzentrierte sich auf das ovale Gesicht, sobald es besser zu sehen war. Die Frau war ganz und gar in das Licht in ihrem Schlafzimmer getaucht, das ihrem glatten, porzellanweißen Gesicht und dem Ansatz ihres dunklen Haares einen sanften schimmernden Glanz verlieh, der bezaubernd war.

Wer war sie? Was war das für eine Frau, die am Abend ihre Vorhänge offen ließ, damit alle Welt sie ohne korrekte Bekleidung sehen konnte?

Schon vor Wochen war ihm aufgefallen, dass dieses Haus, das monatelang leer gestanden hatte, endlich wieder vermietet war. Tagelang hatten mehrere Diener in königlichen Livreen Möbel und Koffer hineingetragen. Doch diese Frau sah er an diesem Abend zum ersten Mal.

Als er den Weg erreichte, der zum Eingang ihres Hauses führte, verlangsamte er seine Schritte, da er ahnte, dass er sich noch viele Jahre lang an diesen Abend erinnern würde.

Die Frau hielt inne. Sie ließ die Haarbürste sinken und blickte hinunter auf die Straße. Ein Teil ihres Gesichts wurde von Schatten verdunkelt. Tristan begriff, dass sie seine Gegenwart jetzt bemerkt hatte.

Er wusste nicht genau, warum er weiterhin dort wartete, als wäre er nicht bei klarem Verstand, aber er tat es. Vermutlich veranlasste ihn der Umstand, dass er über die Jahre so wenig Kontakt zu Frauen gepflegt hatte, dazu, seltsame Dinge zu tun, die nicht einmal er selbst verstand.

Sie zögerte, und dann winkte sie, als wäre es völlig normal, einem unbekannten Mann zuzuwinken, der um diese Zeit vor ihrem Schlafzimmerfenster herumlungerte.

Sein Herz raste, als er zu ihr aufsah. Verwechselte sie ihn mit jemand anderem? So musste es sein. Machte es ihm etwas aus, dass sie ihn für jemand anders hielt? Zum Henker, nein.

Er konnte nicht widerstehen und legte die behandschuhte Hand an die Hutkrempe zu einem höflichen Gruß, wobei er hoffte, dass sich kein Ehemann im selben Raum mit ihr befand. Ein Ehemann, der bereits seine Pistole mit Bleikugeln lud, während er die Hilfe seiner Frau in Anspruch nahm, um das Ziel anzuvisieren.

Die Frau hob den Zeigefinger, bat ihn so wortlos um Geduld, dann schob sie den Riegel des Fensters zurück – und zu seiner Überraschung öffnete sie es. Sie beugte sich hinaus und stützte sich lässig auf den Sims, als wäre sie Rapunzel persönlich. Der rüschenbesetzte Ausschnitt ihres weiten, weißen Nachthemdes verschob sich, sodass Tristan den goldenen Glanz eines Anhängers an einer Halskette sah – sowie das prachtvollste Paar Brüste, dem er je das Vergnügen gehabt hatte zu begegnen.

Tristan ballte die Hände zu Fäusten und zwang seinen Körper und seinen Geist, ruhig zu bleiben.

Wahrhaft kokett lächelte sie ihn nun an und sagte dann etwas mit einem sinnlichen fremdartigen Akzent, den er nicht zuordnen konnte.

„Es ist mir eine Freude, Sie endlich einmal kennenzu­lernen, Mylord. Sie leben doch in dem Haus gegenüber, nicht wahr?“

Er konnte nicht anders, er fühlte sich geschmeichelt, als er erkannte, dass sie tatsächlich ihm zugewinkt hatte. Während er versuchte, nicht ihre Brüste anzustarren, die ihn unter dem tiefen Ausschnitt ihres Hemdes zu verlocken schienen, erwiderte er: „Ja, das stimmt.“

Verlegenes Schweigen entstand.

Sollte er sie nach ihrem Namen fragen? Nein. Das wäre zu direkt und unangemessen vertraulich. Auch wenn er sich der Tatsache schämte, aber er wusste einfach nicht, was er sagen sollte.

Sie nickte kurz und sah dann hinauf zum wolkigen Himmel, wobei sie mit der Haarbürste ganz leicht gegen ihre Handfläche schlug. „Ein recht angenehmer Abend trotz all dieser Wolken, nicht wahr?“

Als Gesprächsthema war das Wetter der Tod jeder Unterhaltung. Warum konnte er nicht mutiger sein? Warum nicht – weltmännischer? Warum nicht … „Ja. Ja, das stimmt.“

„Und ist es in London immer so bewölkt?“

„Bedauerlicherweise ja.“ Mein Gott, wie peinlich.

Wieder schwiegen beide.

Ein melodisches Lachen erklang. „Ist das alles, was ich wert bin? Zwei oder drei Worte, mehr nicht?“ Sie deutete mit der Haarbürste auf ihn. „Ihr Engländer seid so schrecklich zurückhaltend. Woran liegt das?“

Er räusperte sich und blickte auf den dunklen Platz in der Hoffnung, dass niemand zusah, wie er sich selbst lächerlich machte. „Zurückhaltend? Nein. Nicht zurückhaltend. Sparsam mit Worten, das trifft es besser.“

Wieder lachte sie. „Ja. Sparsam. Das erklärt allerdings, warum hier niemand ein Talent zur Konversation besitzt. Darf ich die Frage stellen, wie sich eine Frau wie ich jemals mit einem Mann, so wie Sie einer sind, anfreunden soll, wenn jedes Gespräch hier in London so … steif zu sein scheint?“

Diese reizvolle Fremde irgendeiner Form von Klatsch auszusetzen, indem er dieses Gespräch fortsetzte, war das Letzte, was er wollte, aber Miesling, der er war, konnte er nicht widerstehen. In ihrem Verhalten lag eine spielerische Klugheit, die ebenso kühn wie irritierend war. Noch betörender war der reizvolle weiche Akzent. Anders als bei anderen Ausländern, deren Englisch unbeholfen, grob und schwer zu verstehen war, während sie versuchten, die richtigen Worte zu finden, sprach sie präzise, perfekt und sehr gewandt.

Tristan trat näher und umfasste das eiserne Geländer, das ihr Haus umgab. Er stemmte einen Fuß auf das untere Gestänge und seufzte leise. Er verfluchte die Distanz, die zwischen ihnen lag.

Er beobachtete sie mit glühenden Blicken, bewunderte die Art, wie ihr langes dunkles Haar ihr blasses Gesicht umrahmte und wie es in der sanften Brise leicht das Fenster streifte. Mit der geraden Nase und den vollen Lippen wirkte sie auf eine angenehme Weise exotisch, obwohl er in der Dunkelheit und dem Lichtschein, der von hinten auf sie fiel, die Farbe ihrer Augen nicht erkennen konnte.

Oh ja, sie war verführerisch. Ein bisschen zu sehr. „Ich fürchte, Madam, selbst wenn meine Fähigkeiten in der Konversation Ihre Erwartungen erfüllen würden, so könnten wir dennoch keine Freunde sein.“

„Aber warum denn nicht?“

Weil Freundschaft nicht das ist, was ich mir zwischen uns wünsche, hätte er am liebsten gesagt. Stattdessen lächelte er herausfordernd und neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Wie gern hätte er die Hand ausgestreckt und mit den Fingern über ihre Kehle gestrichen. „Ich halte es für das Beste, wenn ich meine Gedanken für mich behalte.“

Sie zog eine Braue hoch. „Flirten Sie etwa mit mir?“

„Ich versuche es.“ Und scheitere kläglich.

„Soll ich Ihnen dabei helfen?“

„Nein. Bitte nicht.“ Anders als die meisten Männer, die schönen Frauen nachliefen, vermied er solche Dummheiten nach Kräften. Denn er wusste, wohin das führte: in die Katastrophe. Wenn es um Frauen ging, musste er vernünftig sein und die Dinge anständig erledigen, damit sie ihm nicht außer Kontrolle gerieten. Und dies hier war nicht anständig. Und er hatte auch nicht das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Er musste sich zurückziehen und darüber nachdenken, wie er seiner neuen Nachbarin in Zukunft auf gebührende Art und Weise gegenübertreten konnte.

Er lehnte sich gegen das Geländer, auf dem er balancierte. „Ehe ich Gute Nacht sage, Madam – was ich, wie ich fürchte, tun muss –, werde ich Ihnen, da ich ein Gentleman bin, noch etwas sagen müssen, das, wie ich hoffe, nicht unhöflich wirkt.“

Sie lächelte. „Ich empfinde selten etwas als unhöflich.“

„Das ist gut.“ Er senkte die Stimme. „Trotz meines unbeholfenen Versuchs, Ihre Naivität auszunutzen, wofür ich mich nur entschuldigen kann – Sie sollten sich nicht so zur Schau stellen. Das gehört sich nicht. Bis morgen früh werden all Ihre Nachbarn, egal was sich zwischen uns abgespielt hat oder nicht, uns für ein Liebespaar halten, und Ihr Ruf wird ruiniert sein. Möchten Sie das?“

Sie zuckte die Schultern. „Was andere über mich sagen, interessiert mich nicht. Schließlich bin ich eine Ausländerin und noch dazu Katholikin, und deswegen werden mich ohnehin alle verurteilen, gleich, was ich tue. Obwohl ein Mann Ihres Standes vermutlich lacht über das, was andere womöglich über ihn reden, sollten wir diese Unterhaltung vielleicht beenden. Auf keinen Fall möchte ich Ihrer Reputation Schaden zufügen.“

Er umfasste das Geländer fester und unterdrückte das Verlangen, die Wand hinaufzuklettern, die Frau zu packen und für diese Nacht in sein Haus zu zerren. „Ich schlage vor, Sie hören auf, so leichtsinnig zu sein. London kann grausam sein, wenn es um den Ruf einer Frau geht.“

Sie verzog das Gesicht. „Wenn Sie sich so sehr um meinen Ruf sorgen, warum haben Sie dieses Gespräch dann überhaupt angefangen?“

„Ich?“ Er lachte. „Verzeihen Sie, aber ich habe dieses Gespräch nicht begonnen. Das waren Sie.“

„Theoretisch ja, das stimmt. Aber tatsächlich habe ich das nicht getan. Sie waren es.“

„Wie bitte?“, fragte er und runzelte die Stirn.

„Sie gingen zu meinem Fenster, nicht ich zu dem Ihren. Ob meine Vorhänge nun offen waren oder nicht, letzten Endes war es Ihre Entscheidung zu bleiben und mich in unangemessen bekleidetem Zustand zu beobachten. Als ich entdeckte, dass Sie nicht die Absicht hatten fortzugehen, nicht einmal, nachdem Sie festgestellt hatten, dass ich Sie bemerkt habe, war ich daher genötigt, mein Fenster zu öffnen und Sie in ein Gespräch zu verwickeln, da ich nicht wollte, dass Ihre Nachbarn das Schlimmste von Ihnen denken. Bedauerlicherweise sind Sie daher verantwortlich für den Ruin nicht nur meines, sondern auch Ihres Rufs. Würden Sie das nicht auch sagen?“

Verdammt. Das klang tatsächlich vernünftig.

Er presste die Handflächen fester gegen das Geländer, und der Schmerz half ihm, seine Spannung zu lösen. „Ich versichere Ihnen, gewöhnlich laufe ich nicht durch die Straßen und versuche …“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen.“ Sie lächelte. „Mir ist bewusst, dass Sie ein respektabler Mann sind, Mylord. Glauben Sie, ich hätte mein Fenster geöffnet, wenn ich nicht gewusst hätte, wer Sie sind, und nicht Ihren guten Leumund gekannt hätte? Auch wenn dies unsere erste persönliche Begegnung ist, so weiß ich doch alles über Sie und darüber, dass Sie sich stets wie ein Gentleman verhalten.“

Er lächelte über ihre anbetungswürdige Arglosigkeit und hob eine seiner behandschuhten Hände von dem Geländer. „Ich empfehle Ihnen, den Gerüchten, die Sie hören, nicht all zu viel Glauben zu schenken. Ich spiele nicht grundlos die Rolle des Gentleman, und ich versichere Ihnen, mit Respektabilität hat das nicht das Geringste zu tun.“

Sie legte den Kopf schief und betrachtete ihn aufmerksam. „Sie sind wirklich faszinierend.“

„Bin ich das?“

„Ja. Ich hoffe wirklich, dass wir beide dies hier fortsetzen können, bis zum Ende.“

Um ein Haar hätte Tristan das Geländer ganz losgelassen. Rasch hielt er sich wieder mit beiden Händen fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. War sie …? „Bis zum Ende? Bis zum Ende wovon?“

Sie bewegte sich vor dem Fenstersims ein wenig hin und her, sodass ihr Haar mitschwang. „Muss ich es aussprechen? Die Nachbarn könnten mithören.“

Damit war das Gespräch wirklich endgültig außer Kont­rolle geraten. Und die Schuld daran trug einzig und allein er. „Nein. Sagen Sie es nicht. Denken Sie es nicht einmal.“

Sie lehnte sich gegen den Sims, der Anhänger an ihrer Kette baumelte hin und her, und sah ihm in die Augen. „Offenbar denken Sie das Schlimmste von mir.“ Sie seufzte. „Obwohl ich Ihnen deswegen keinen Vorwurf machen kann. Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, was ich mir für uns erhoffe.“

„Bitte tun Sie das.“

„Bis zum Ende des Sommers brauche ich einen Ehemann, und Sie, Mylord, erfüllen die für diese Rolle entscheidenden Kriterien.“

„Ach, tue ich das?“ Er lachte ein wenig beunruhigt, ließ das eiserne Geländer los und sprang wieder auf den Bürgersteig. Es war an der Zeit zu gehen. Sonst würde er am Ende noch mit einer Ausländerin und Katholikin verheiratet sein, ehe die Nacht vorüber war. Seine evangelische Großmutter würde der Schlag treffen.

Während er weiter zurückwich, sah er ihr in die Augen und bekannte leise: „Hier in London gibt es Regeln dafür, wie die Dinge abzulaufen haben zwischen Männern und Frauen. Und ich muss gestehen, dass Sie und ich in diesem Augenblick jede einzelne dieser Regeln brechen.“

Sie seufzte. „Ihr Engländer habt Regeln für alles. Wie kommt es, dass überhaupt Menschen hier leben?“ Sie schnitt eine Grimasse, änderte ihre Position und stützte das Kinn auf. „Sagen Sie mir, wie wir vorgehen sollen, und ich verspreche, alle Regeln zu beachten, die es gibt oder auch nicht gibt.“

Offenbar stimmte etwas nicht mit ihr. Schöne, kluge Frauen erschienen nicht plötzlich in der Nachbarschaft eines Gentleman und boten ihm mitten in der Nacht durch ein Fenster begeistert eine Beziehung an. Jedenfalls keine ehrbare Beziehung.

Am besten tat er so, als wäre es ihm egal, bis er mehr über sie wusste. „Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, Madam, dass ich kein Interesse daran habe, dies hier fortzusetzen.“ Jedenfalls noch nicht.

„Ich muss widersprechen.“ Wieder deutete sie mit ihrer Haarbürste auf ihn. „Sie scheinen sehr interessiert zu sein. Anderenfalls wären sie niemals so lange geblieben.“

Er schnaubte verächtlich, musste sich aber eingestehen, dass sie ihn durchschaut hatte. „Gestatten Sie mir, mich zu verabschieden, ehe Sie in Eitelkeit versinken. Gute Nacht.“ Er nickte ihr kurz zu, wandte sich um und entfernte sich, wobei er sich dazu zwingen musste, sie zu verlassen. Er musste nach Hause gehen, ehe er etwas Lächerliches tat. Sich umdrehte zum Beispiel, zurückkehrte und sie fragte, ob er nicht für diese Nacht nach oben kommen könne.

„Ich bin nicht eitel!“, rief sie. „Ich traf nur eine Schlussfolgerung, die auf Ihrem Verhalten basierte.“

Er ging schneller, ehe sie ihn noch mehr durchschauen konnte.

„Können wir nicht wenigstens als Freunde auseinandergehen?“ Ihre Stimme hallte über den ganzen Platz. „Wir sind Nachbarn, Lord Moreland! Oder darf ich Sie Tristan nennen? Oder Adam? Oder ist Ihnen Hargrove lieber?“

Abrupt blieb er stehen. Woher zum Teufel kannte diese Frau seine sämtlichen Namen? Mit wem hatte sie gesprochen?

Er machte kehrt und eilte zu ihr zurück, fest entschlossen, eine Spur von Vernunft in ihren Kopf zu bringen. „Sprechen Sie leiser. Und um Ihren Ruf zu schützen, den Sie haben oder auch nicht – nennen Sie niemals weder mich noch irgendeinen anderen Mann bei seinem Vornamen. Das deutet viel zu viel an. Und jetzt schlage ich vor, dass Sie sich zurückziehen und wir einander aus dem Weg gehen, bis ich etwas anderes beschließe.“

Sie schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Einander aus dem Weg gehen? Warum denn?“

„Wir wollen nicht, dass andere denken, wir seien ein Paar.“

Sie senkte die Stimme. „Aber ich möchte, dass wir ein Paar werden.“

Er blickte zu ihr hoch und wünschte, er würde in ihren Kopf sehen und begreifen können, worauf sie es tatsächlich abgesehen hatte. Sein Geld? Seinen Titel? Was? Denn so attraktiv war er nicht. „Sie, meine Liebe, scheinen den festen Vorsatz zu haben, sich selbst zu zerstören.“

Sie sah zu ihm hinunter. „Sie wissen nichts über das, was ich vorhabe.“

„Oh, ich weiß mehr als genug. Sie sind sehr entschlossen, ein wenig zu sehr von sich selbst überzeugt, und besitzen bedauerlicherweise mehr Schönheit, als Sie gebrauchen können.“

Erstaunt musterte sie ihn. „Sie sind sehr seltsam.“

Er trat einen Schritt zurück und legte eine Hand auf seine Brust. „Sie finden mich seltsam?“

„Die meisten Männer empfinden Schönheit nicht als Nachteil.“

„Nun, ich bin nicht wie die meisten Männer.“

„Das ist mir nicht entgangen. Würden Sie sich die Mühe machen, mir zu erklären, woran das liegt?“

Er zeigte auf sie. „Bringen Sie mich nicht dazu, diese Wand hinaufzuklettern und Ihr Fenster dauerhaft zuzunageln. Dieses Gespräch ist beendet. Wir werden einander meiden, bis ich etwas anderes entscheide. Gute Nacht.“ Er holte tief Luft und machte erneut kehrt.

Sie klopfte mit ihrer Haarbürste auf den Fenstersims wie ein Richter, der ihn mit seinem Hammer zur Ordnung rufen wollte. „Eine Bemerkung würde ich gern noch anbringen. Darf ich?“

Er drehte sich wieder um und ärgerte sich über sich selbst, weil er bleiben und ihr zuhören wollte. „Natürlich. Was möchten Sie mir sagen?“

Sie zögerte, betrachtete ihre schlanken Finger, mit denen sie leicht über die Borsten ihrer Bürste strich. „Glauben Sie an Schicksal und Eingebung?“

Er furchte die Stirn, überrascht, dass sie jetzt so viel leiser sprach und so viel ernster wirkte. Das veranlasste ihn dazu, selbst einen sanfteren Ton anzuschlagen. „Ja. Sehr. Warum?“

Sie hielt inne. „Die Eingebung sagt mir, trotz ihrer abwehrenden Haltung, dass sie in ihrem tiefsten Herzen alles andere als gleichgültig sind. Ich muss gestehen, dass ich Ihnen sehr ähnlich war, bis ich lernte, das zu achten, was am wichtigsten ist. Sie sehen vor sich eine Frau, die die Welt verändern will, indem sie durch die Ehe mit einem Mann politischen Einfluss nehmen kann. Das Schicksal hat mich in Ihre Nähe geführt. Es war auch das Schicksal, das Ihre Schritte heute hier zu meinem Fenster gelenkt hat, und ich warte seit Wochen auf eine Gelegenheit, Ihnen vorgestellt zu werden. Erweisen Sie mir die Ehre, Ihnen beweisen zu dürfen, was ich wert bin, indem Sie mich und meine Pläne kennenlernen, und ich versichere Ihnen, Sie werden es nicht bedauern.“

Er lachte. Sie wäre ein Gewinn für das Parlament. Sie war hartnäckig. Er wies mit dem Finger auf sie. „Ich möchte eine Ehefrau. Keine Politikerin.“

Sie schwieg. Dann warf sie einen Blick über ihre Schulter, glitt von der Fensterbank und machte eine vage Bewegung mit der Hand. „Unser Gespräch muss enden“, flüsterte sie ihm zu und schaute ihn dabei eindringlich an. „Besuchen Sie mich morgen um vier Uhr. Ich bestehe darauf.“

Seine Kehle war wie zugeschnürt. „Ich fürchte, meine Pläne lassen das nicht zu, und ich würde lieber …“

„Pst! Morgen um vier. Seien Sie pünktlich!“ Sie warf die Bürste über die Schulter, schloss das Fenster, verriegelte es und beugte sich zur Seite, um sich an den Vorhängen zu schaffen zu machen, doch es schien ihr nicht zu gelingen. Eine ältere Frau erschien neben ihr, um ihr zu helfen.

Er zuckte zusammen und hastete davon, in Richtung seines Zuhauses. Morgen um vier? Ganz sicher nicht. Er hasste es, seine Pläne ändern zu müssen. Das mündete nur im Chaos. Deswegen würde er morgen um vier statt seiner selbst einen Diener schicken, der dieser Frau ein Exemplar seines Benimmbuches „Wie man einen Skandal vermeidet“ überreichte. Das wäre hoffentlich eine höfliche Botschaft, um sie davon zu überzeugen, dass er trotz ihres Gespräches ein sehr ehrenwerter Mann war.

Zweiter Skandal

Eine Dame mag in Versuchung geraten, sich mit weniger ehrenwerten Individuen einzulassen. Nicht, weil sie naiv oder dumm ist, sondern weil das Leben dieser Individuen ihr so viel interessanter erscheint als ihr eigenes. Diesem Wunsch muss sie um jeden Preis widerstehen. Das vorgeblich schillernde Dasein dieser Menschen ist nichts als ein unsichtbares Netz, das dazu bestimmt ist, Beute zu fangen. Tatsächlich haben diese Räuber keine andere Möglichkeit, als ihrer Beute schneidig, geistreich und liebenswürdig zu erscheinen. Anderenfalls würde es ihnen nie gelingen, das zu fangen, was sie wünschen. Ich muss gestehen, dass Raubtiere auch mich gelegentlich faszinieren. Aber natürlich nicht genug, um selbst zu einem zu werden.

Wie man einen Skandal vermeidet,

Morelands Originalmanuskript

28. April

Früher Morgen

Aus irgendeinem Grund schien die London Gazette, die Tristan jeden Tag genüsslich bei seinem Morgenkaffee las, nur aus Buchstaben zu bestehen, deren Sinn er nicht erfassen konnte. Nachdem er viel zu lange verständnislos daraufgestarrt hatte, faltete er die Zeitung zusammen und warf sie auf den lackierten Walnussholztisch vor ihm.

Wie es schien, hatte er die Fähigkeit zu lesen verloren, und er wusste verdammt gut, dass seine Nachbarin damit zu tun hatte. Zwar war es zwölf Tage her, seit sein Diener das Buch gebracht hatte, und obwohl Tristan seither nichts von ihr gehört hatte, bekam er sie nicht aus dem Kopf. Erschöpft holte er tief Luft, schloss den Gürtel seines bestickten orientalischen Hausmantels, beugte sich in seinem Stuhl nach vorn und griff nach seiner Tasse Kaffee.

Jeden Morgen verhalf ihm der Kaffee wieder zu einem klaren Kopf. Was er an diesem Morgen mehr als alles andere brauchte, denn er hatte nicht sehr gut geschlafen. Wenn überhaupt. Seitdem ihm klar geworden war, dass sein Schlafzimmerfenster direkt gegenüber von ihrem Schlafzimmerfenster auf der anderen Seite des Platzes lag, schlief er generell nicht mehr gut.

Fest entschlossen, bei seiner Entscheidung zu bleiben, hatte er an den vergangenen zehn Abenden jedes Mal, wenn er sich in sein Schlafgemach begab, die Vorhänge geschlossen und sich geweigert, auch nur in jene Richtung zu blicken. Doch seine Gedanken kreisten um diese heisere Stimme mit dem fremden Akzent, dem bezaubernden, blassen Gesicht, die Erinnerung, wie ihr Nachthemd sich an die weichen, vollen Brüste geschmiegt hatte, und an ihren üppigen Mund, den er so gern sehr viel besser kennengelernt hätte.

Und dann – in der vergangenen Nacht, in der elften um kurz vor elf Uhr, war seine Entschlossenheit dahingeschmolzen. Er hatte seine beste Reitgerte hervorgesucht und sie zusammen mit einem Fernrohr in sein Schlafzimmer gebracht.

Nachdem er jede Kerze im Zimmer mit den Fingern ausgedrückt hatte, war er an das Fenster getreten und hatte das Fernrohr vor die Augen gehoben, sodass er damit zu ihr hi­nübersehen konnte. Zu ihrem Glück – wenn auch leider nicht zu seinem – hatte sie gelernt, die Vorhänge geschlossen zu halten. Er konnte nur ein paar Schatten ausmachen, die sich dahinter bewegten, selbst nachdem er ihr Fenster mehr als zwanzig Minuten lang aufmerksam beobachtet hatte.

Unfähig, zur Ruhe zu kommen, zu schlafen oder vernünftig nachzudenken, entkleidete er sich, nahm die Reitgerte von der Fensterbank und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Nachdem er sich ein paarmal auf die Schenkel geschlagen hatte, um seinen Körper besser spüren zu können, warf er die Gerte beiseite und verschaffte sich selbst Lust und Erleichterung.

Dabei stellte er sich die ganze Zeit über vor, dass er nur mit einer Hose bekleidet vor ihr kniete. Sie bewunderte ihn, sagte ihm, dass er alles sei, was sie jemals brauche oder wolle, während sie verführerisch auf bloßen Füßen um ihn herumging, gekleidet in ihr fließendes Nachthemd, das ihr immer wieder von den Schultern rutschte.

Nie würde sie den Blick von ihm abwenden, während sie die Gerte in der Hand hielt, die er ihr gegeben hatte. Dann würde sie ganz leicht lächeln, sehr charmant, während sie mit der Gerte auf seine Schenkel oder seinen Rücken schlug, sodass er voller Vorfreude nach Luft ringen würde. Dann würde sie ihn weiter erregen, indem sie das Ende der Reitgerte in den Mund nahm und darauf biss, um ihm zu zeigen, wie sehr es ihr gefiel, mit ihm zu spielen.

Als sein ganzer Körper vor Verlangen zitterte, malte er sich aus, wie er aufstand, ihr das Nachthemd bis über die Hüften hochschob und ihr sagte, sie solle die Gerte loslassen und beide Hände gegen die Fensterscheibe stemmen. Er stellte sich vor, wie er in sie eindrang, während ihre weißen Hände an der Scheibe hinunterglitten, weil sie keinen Halt fand, während er immer und immer wieder von hinten in sie stieß.

Es war der beste Höhepunkt gewesen, den er seit sehr, sehr langer Zeit gehabt hatte. Was, jawohl, verrückt war. Aber so war sein Leben nun einmal: verrückt. Verdammt, hier stand er, achtundzwanzig Jahre alt, und abgesehen von ein paar Dutzend annehmbarer Nächte, die er mit Frauen verbracht hatte, die er nicht einmal hätte ansehen sollen, hatte er niemals wahre Leidenschaft in einer richtigen Beziehung erlebt. Das wollte er. Er hatte es immer gewollt. Sex nur um seiner selbst willen erschien ihm so … vulgär. Vor allem die Art von Sex, die ihm gefiel.

Tristan führte die Porzellantasse an seine Lippen, trank einen Schluck des heißen, starken Kaffees und hielt dann stirnrunzelnd inne. Er presste die Lippen zusammen, um den bitteren Geschmack zu vertreiben und unterdrückte den Wunsch, den Kaffee zurück in die Tasse zu spucken. Warum war sein Kaffee so schlecht?

Mit einem hörbaren Klirren stellte er die Tasse wieder auf die Untertasse und seufzte dann tief. Statt sich bei der Dienerschaft zu beschweren, stand er auf und ging nach oben in sein Ankleidezimmer. Er war ohnehin schon eine Stunde zu spät.

Nachdem ihm sein Kammerdiener beim Ankleiden geholfen hatte, musterte Tristan sich ein letztes Mal in dem großen Spiegel und stutzte, denn etwas stimmte nicht.

Seine Stiefel.

Er blickte hinab, hob den rechten Fuß, um das Leder besser sehen zu können, dann stellte er ihn wieder ab. Aus irgendeinem Grund waren seine Stiefel zerkratzt.

Er blinzelte und dann fiel ihm ein, dass dies die Stiefel waren, die er in der Nacht getragen hatte, als er sie getroffen hatte. Als er auf das Geländer gestiegen war, musste er sich die Stiefel ruiniert haben. Das hasste er beinahe so sehr, wie er es hasste, zu spät zu kommen. Offenbar ließ seine Konzentration nach.

Ehe er das Haus verließ, läutete Tristan ein letztes Mal nach seinem Kammerdiener und ließ den Mann die Stiefel nachpolieren. Er schlug die Vordertür hinter sich zu und ging dann zu seiner wartenden Kutsche, verärgert über seine Nachlässigkeit. Er ließ sich auf den gepolsterten Sitzen nieder und schlug dann gegen die Decke, als Zeichen für den Kutscher loszufahren. Danach holte er seine Taschenuhr hervor.

Es war beinahe Mittag. Verflucht. Sein ganzer Tagesplan war durcheinandergeraten. Tristan sah zu dem Haus an der gegenüberliegenden Seite des Platzes und seufzte grimmig. Er war schon eine Stunde zu spät. Es würde wohl keine Rolle spielen, wenn er jetzt noch wie zufällig an ihrem Haus vorbeifuhr. Vielleicht konnte er im Vorüberfahren einen Blick auf sie erhaschen und sich im hellen Licht des Tages davon überzeugen, dass sie doch gar nicht so attraktiv oder interessant war, wie er selbst hatte glauben wollen. Dann könnte er einfach weiterleben und musste nicht länger über sie nachdenken. Und ja, es war eine merkwürdige Art, so nüchtern an seine Faszination für eine Frau heranzugehen, deren Namen er nicht einmal kannte, aber er hatte sich schon immer darum bemüht, möglichst sachlich zu bleiben.

Er schob die Uhr zurück in seine Tasche, öffnete das Kutschenfenster und rief dem Kutscher zu: „Fahren Sie noch einmal um den ganzen Platz.“ Er zögerte. „Langsam.“ Dann überlegte er noch einmal. „Nicht zu langsam.“ Er wollte nicht, dass es zu offensichtlich war.

„Jawohl, Mylord!“, rief der Kutscher zurück.

Tristan rückte näher ans Fenster und wartete, während sie die benachbarten Häuser passierten. Und fuhren und fuhren und fuhren.

Er verzog das Gesicht und unterdrückte einen Fluch. Obwohl der Wagen viel zu langsam fuhr, so langsam, dass Tristan wirklich jedes einzelne Fenster sehen konnte, an dem sie vo­rüberkamen, und alle Möbel und Dienstboten jeder einzelnen Familie in der Gegend, verzichtete er darauf, den Kutscher noch einmal eine Anweisung zu erteilen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Schließlich erreichte die Kutsche das Ende des Platzes. Die Sonne, die teilweise hinter den Wolken versteckt gewesen war, schien jetzt hell auf das große, weiße Haus im georgianischen Stil.

Tristan beugte sich vor und musterte die lange Reihe der Fenster. Dabei tat er so, als bewunderte er nur die Architektur.

Zu seiner Enttäuschung war hinter keinem der Fenster auch nur eine Spur des Gesichts zu erkennen, das er zu sehen gehofft hatte. Als die Kutsche an den letzten vier Fenstern vorüberkam, erstarrte er, als er eine dunkelhaarige Frau in einem Sessel sah, die neben einem der Fenster saß. Sie hielt den Blick gesenkt, und ihre Hände tauchten im Fensterrahmen auf und verschwanden wieder, während sie offenbar mit einer Nadelarbeit beschäftigt war.

Es war sie.

Und anders als beim letzten Mal, als er sie gesehen hatte, trug sie das Haar jetzt zu einem schlichten Knoten aufgesteckt. Um ihre schmalen Schultern lag ein Schal aus alabasterfarbenem Kaschmir, der ihre Brüste bedeckte.

Sie sah von ihrer Nadelarbeit auf, und durch die Glasscheiben begegneten sich ihre Blicke. Sie hielt ihre Hände genau in jenem Moment ruhig, als er glaubte, sein Herz würde stillstehen.

Die Sonnenstrahlen fielen auf ihr Gesicht, sodass ihre graublauen Augen zu funkeln schienen, und sie blickte ihm in die Augen, während seine Kutsche weiterfuhr. Nie hätte er gedacht, dass die Augen einer Frau einen Mann dazu bringen konnten, sein ganzes Leben zu überdenken.

Sie bewegte sich in ihrem Stuhl, und er beugte sich vor, um sie so lange wie möglich anschauen zu können. Dabei nickte er kurz in ihre Richtung, um ihr zu zeigen, dass er zwar nicht bei ihr vorgesprochen hatte, aber dennoch hingerissen war von ihr.

Sie verzog die vollen Lippen zu einem verblüfften Lächeln, dann winkte sie ihm zu, ein Zeichen dafür, dass er sie besuchen sollte.

Um Himmels willen. Sie musste unbedingt begreifen, dass anständige Frauen nicht einfach so irgendwelche Männer zu sich winkten. Er schüttelte den Kopf, um ihr zu signalisieren, dass er noch nicht bereit war, sie zu besuchen. Er benötigte mehr Zeit.

Ihr Lächeln schwand. Sie zuckte die Schultern, senkte den Blick und widmete sich wieder ihrer Nadelarbeit.

Als seine Kutsche um die Ecke bog und den Platz verließ, lehnte Tristan sich wieder in seinem Sitz zurück und seufzte. Manchmal wünschte er sich wirklich, etwas spontaner sein zu können. Manchmal.

Am Stadtrand von London

Tristan lief die Stufen hinauf, die zu dem weitläufigen Wohnsitz seiner Großmutter führten, streckte den Arm aus und betätigte die eiserne Glocke, die neben dem Eingang hing. Es würde einen Moment dauern, und in dieser Zeit waren hinter ihm auf der Straße Kutschen zu hören, die quietschend vorüberfuhren, und das Getrappel von Pferdehufen. Er wartete und wartete, doch aus irgendeinem Grund machte niemand auf.

Er reckte sich und betrachtete die großen Fenster, wobei ihm auffiel, dass alle Vorhänge geöffnet waren. Seine Kehle war wie zugeschnürt, als er noch einmal läutete und dabei betete, dass alles in Ordnung sei. Dann endlich ging die Tür auf.

„Oh, dem Himmel sei Dank!“ Miss Henderson trat hinaus, packte ihn beim Ellenbogen und zog ihn ins Haus.

Tristan blieb stehen, und sein Zylinder rutschte nach vorn, als das Hausmädchen ihn losließ. Verblüfft sah er unter der Hutkrempe hervor und blickte sich in der Halle um, die mit Farntöpfen geschmückt war. „Miss Henderson.“ Er schob seinen Hut an den richtigen Platz zurück. „War das wirklich nötig? Ich hätte ohne Probleme allein hineingehen können.“

„Verzeihung, Mylord.“ Sie machte einen Schritt um ihn herum und schloss die Tür. „Da Sie immer so genau über alles Bescheid wissen möchten, sage ich es Ihnen ganz offen – Lady Moreland ist schon die ganze Woche sehr schlecht gelaunt. So habe ich sie noch nie erlebt, wirklich nicht. Und da Sie sich verspätet haben, ist sie jetzt geradezu außer sich.“

„Ich verstehe.“ Tristan warf einen Blick auf das Silbertablett mit Speisen, das unberührt am unteren Absatz der geschwungenen Treppe stand. Er wandte sich Miss Henderson zu. „Gibt es einen Grund, warum Sie die Aufgabe haben, die Tür zu öffnen? Sagen Sie nicht, dass Lady Moreland noch einen Butler entlassen hat.“

Sie seufzte. „Das hat sie getan. Sie hat den armen Mann vor die Tür gesetzt vor gerade zwei Tagen, nachdem er ihr ein Kompliment wegen ihres Aussehens gemacht hatte. Sie schert sich nicht im Geringsten um Männer, nicht wahr?“

Das war noch untertrieben. „Nein. Ich fürchte, dafür hat sie zu viel Schweres durchgemacht.“

Als Debütantin hatte seine Großmutter als außergewöhnliche Schönheit gegolten, in den Augen aller, auch in denen ihres Cousins, Seiner königlichen Majestät. Ihre Schönheit hatte ihr eine Heirat mit einem außerordentlich reichen Marquess beschert, was mehr ihrem Vater gefallen hatte als ihr selbst. Traurigerweise hatte die Verbindung zu jahrelangen Schlägen von der Hand ihres Ehemannes geführt, der selbst untreu gewesen war und vollkommen unberechenbare Anfälle von Eifersucht gehabt hatte. Dafür verantwortlich waren grausame Gerüchte, nach denen sie und ihr Cousin, Seine Majestät, mit dem sie stets in enger Verbindung gestanden hatte, ein Liebespaar seien. Was zu keinem Zeitpunkt der Wahrheit entsprochen hatte. Als Folge davon war Tristans arme Großmutter jetzt ebenfalls vollkommen unberechenbar.

Miss Henderson war endlich fertig damit, alle acht Schlösser an der Haustür zu verriegeln. „Der Butler war nicht der Einzige, der seine Papiere nehmen musste. Sie hat auch vier andere entlassen.“ Sie faltete die Hände zusammen und lächelte, sodass in ihren Wangen Grübchen erschienen. „Es ist immer schön, wenn Sie hierherkommen, Mylord. Dann ist es viel besser. Mir scheint, es besänftigt sie ein wenig.“

„Stimmt das?“ Er hatte nie den Eindruck, als sei seine Großmutter besonders sanft. Oder nachgiebig.

Er blinzelte, als er bemerkte, dass Miss Hendersons weiße Haube schief auf ihrem blonden, hochgesteckten Haar saß und dass ihre bestickte weiße Schürze beinahe ganz auf der linken Hüfte hing. Es war offensichtlich, dass sie überarbeitet war.

Er griff in seine Tasche und zog eine Zehn-Pfund-Note aus einem kleinen Bündel, das er immer bei sich trug. Den Geldschein hielt er ihr hin. „Hier. Das wird Ihnen helfen, diese schweren Zeiten durchzustehen. Ich weiß alles zu schätzen, was Sie für sie tun.“

Mit großen Augen betrachtete sie die Banknote. „Wirklich?“

Er wedelte damit vor ihrem Gesicht hin und her. „Ich biete niemals etwas an, das ich nicht hergeben möchte, Miss Henderson. Das ist eine meiner Regeln.“

Sie zögerte, dann nahm sie den Geldschein aus seiner Hand und knickste, während sie den Schein in ihre Schürzentasche steckte. „Sie sind zu freundlich, Mylord.“

Er nickte ihr kurz zu. „Wenigstens ein Mensch, der so denkt. Bitte unterrichten Sie Lady Moreland von meiner Ankunft.“

„Das werde ich tun.“ Miss Henderson zupfte ihre Schürze zurecht. Sie strich ihr graues Kleid glatt und knickste noch einmal. „Verzeihen Sie meine unordentliche Kleidung, aber da der Butler, die Haushälterin und zwei andere fort sind, bin ich etwas außer Fassung. Gewiss verstehen Sie das.“

„Mehr als Sie ahnen“, murmelte er. Nicht grundlos hatte er mit zwanzig Jahren das Haus seiner Großmutter verlassen, nachdem er nur fünf Jahre bei ihr verbracht hatte. Diese Frau hatte es stets gut gemeint, aber sie war sehr bestimmend gewesen, zwanghaft und besitzergreifend. Sie war es noch immer.

Miss Henderson deutete auf den großen Salon am anderen Ende der Halle, rückte ihre Haube gerade und eilte davon. Sie schnappte sich das Silbertablett von der untersten Stufe und stieg die Treppe hinauf. Von oben blickte sie zu Tristan hinunter und verschwand dann um die Ecke.

Das Ticken der französischen Wanduhr durchdrang die Stille. Er drehte sich um und betrachtete die verriegelte Tür hinter sich, die mehr eiserne Riegel besaß als die Bank von England.

Warum nur brachte er sich immer wieder in diese Lage? Schuldgefühle, vermutete er, und eine tiefe Zuneigung, die er wohl zu seinem Unglück immer für sie hegen würde. Denn trotz all der Fehler, die seine Großmutter hatte, und obwohl sie eine Einsiedlerin der schlimmsten Sorte war, hatte sie und nur sie allein ihn voller Mitgefühl durch die dunkelsten Jahre seiner Jugend begleitet.

Er wusste nun, dass kein Dienstbote ihm den Hut abnehmen würde, daher setzte er ihn ab und legte ihn nahe der Eingangstür auf einen Stuhl, ehe er sich in den Salon begab. Mitten im Zimmer blieb er stehen und betrachtete den geräumigen, leeren, in Gold, Creme und Gelb gehaltenen Raum. Stirnrunzelnd wandte er sich langsam erst nach links, dann nach rechts. Wo um alles in der Welt waren all die Porträts und Möbel hin?

Er schaute sich im ganzen Zimmer um. Bis auf einen Beistelltisch, der auf der Ecke eines Perserteppichs stand, waren alle Möbel, die er letzte Woche noch gesehen hatte, entfernt worden. Der einzelne noch verbliebene Tisch war bedeckt von unberührten Briefen. Direkt gegenüber davon entdeckte Tristan eine Feder und ein reich mit Silber und Onyx verziertes Tintenfass auf dem Sims des großen Kamins.

Er schüttelte den Kopf. Er wusste nie, was ihn erwartete, wenn er zu Besuch kam.

Ein Krachen aus dem oberen Stockwerk ließ die Wände erzittern. Erschrocken lief er zur Tür.

Nach einem Moment der Ruhe hörte er raschelnde Röcke und Stiefelschritte von der Treppe her kommen. Am Eingang zum Salon erschien Miss Henderson und knickste. Ihre geröteten Wangen waren tränenverschmiert. „Ihre Ladyschaft besteht darauf, dass Sie sie in ihren Gemächern besuchen, Mylord.“

Tristan musterte sie. „Geht es Ihnen nicht gut, Miss Henderson?“

Sie presste die schmalen Lippen zusammen, sagte aber nichts.

Das arme Ding. Wenigstens wurde sie dafür bezahlt, sich mit seiner Großmutter abzugeben. Das war bei ihm nicht der Fall. „Ich werde mein Möglichstes tun, sie zu mäßigen.“

Sie nickte und eilte davon.

Tristan verließ den Salon, hastete die Treppe hinauf und bog auf dem oberen Absatz nach rechts ab. Er ging an mehreren geschlossenen Türen vorbei, bis er an der vorletzten stehen blieb, die in ihr Schlafzimmer führte.

Einen Augenblick sammelte er sich und klopfte dann an. „Ich bin es“, rief er. „Moreland.“

Er erhielt keine Antwort. Daher ergriff er den runden Türknauf, drehte ihn um und drückte die Tür auf. Die Luft war abgestanden und roch nach Rosenwasser. Als er eintrat, hallten die Tritte seiner Stiefel wider. Er stieg über das umgekippte Silbertablett mit dem zermanschten Essen und dem zerbrochenen Porzellan, dabei ließ er den Blick über die blau-gold gestreifte Wandbespannung gleiten und das übergroße Himmelbett.

Dann hielt er inne und sah die große üppige Gestalt in dem kobaltblauen Hausmantel an, die vor dem Fenster stand. Seine Großmutter starrte nach draußen. Sie wandte sich gerade so weit um, dass er ihr Profil sehen konnte, das gepuderte Gesicht und die schneeweißen Locken.

Sie schwieg. Zweifellos war sie verstimmt, weil er sich verspätet hatte.

Er seufzte und trat dann zu ihr. „Ist es nötig, so hart mit Miss Henderson umzuspringen? Die arme Frau war in Tränen aufgelöst.“

„Ich war überhaupt nicht hart zu ihr“, erklärte sie in übertrieben sachlichem Ton. „Ich habe ihr nur klargemacht, dass ich es nicht schätze, wenn mein gutes Porzellanservice in tausend Scherben zerbricht, die ich nicht gebrauchen kann.“

Er lachte. „Wenn das das Schlimmste ist, was sie als Dienstbote anstellt, dann kannst du froh sein. Mir ist einmal das ganze Tafelsilber gestohlen worden.“

„Oh, das wird als Nächstes kommen, da bin ich sicher. Vielleicht sollte ich sie entlassen. Sie ist für meinen Geschmack viel zu emotional. Ich kann ihr nicht einmal irgendetwas ganz vernünftig erklären, ohne dass bei ihr die Tränen fließen.“

„Wenn du Miss Henderson entlässt, dann wird bald niemand mehr da sein, der dich bedienen könnte, ganz zu schweigen vom Öffnen der Tür. Ich schlage vor, du bringst ihr etwas mehr Mitgefühl entgegen. Sie ist vollkommen überarbeitet, und da ich dich kenne, vermute ich, dass sie auch unterbezahlt ist.“

„Ich rate dir, nicht so dumm zu sein, einen meiner Dienstboten mir gegenüber zu verteidigen. Tatsächlich bezahle ich sie sehr gut. Ich zahle ihr sogar mehr als ich sollte.“

Er seufzte. „Ich schlage vor, dass wir nicht noch mehr Zeit vergeuden. Heute muss ich mich früher auf den Weg machen als gewöhnlich.“

Sie zögerte, drehte sich aber noch immer nicht zu ihm um. „Warum? Dienstags bist du immer bei mir.“

Ja, und selbst das war für ihn manchmal zu viel Aufopferung.

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