Logo weiterlesen.de
Das fünfunddreißigste Jahr

 

 

Wir sind alle in uns selber eingeengt und zusammengekauert und sehen nicht weiter, als unsere Nase reicht.

Montaigne, Essais I, xxvi

Der Polarschwimmer

Das kalte Wasser trifft mich wie ein Schlag – anstatt mich wachzurütteln, betäubt es mich beinah. Die nachmittägliche Wechseldusche soll mich von meiner Müdigkeit befreien, dem manchmal geradezu unstillbaren Bedürfnis, mich hinzulegen und die Zeit am helllichten Tag schlafend vergehen zu lassen. Mir wird schwindlig, als das Wasser sich über meinen Kopf und Nacken ergießt. Die roten und blauen Kunststoffwellen des Duschvorhangs verschwimmen für Momente zu einem Irrlicht. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht am Vorhang festhalte und ihn aus seiner Verankerung reiße. Da ich weiß, dass diese Betäubung wieder vergeht, drehe ich das Wasser nicht ab, sondern nehme den Duschkopf in die Hand, damit alle Teile meines Körpers unmittelbar mit dem Wasser in Berührung kommen, das wie ein auf wenige Zentimeter begrenzter, heftiger Platzregen aus dem Duschkopf hervorschießt. Das geht jedoch nicht so koordiniert vor sich, wie es sich anhört, sondern chaotisch. Ich weiß genau, was zu tun ist, welche Wirkung ich zu erwarten habe, aber der Stress, mit dem sich mein Organismus konfrontiert sieht, lässt meine Handlungen improvisiert ausfallen, geradezu stümperhaft. Das Atmen fällt mir schwer, ich japse nach Luft, stoße kurze Laute aus, weil Sprache mir beim Atmen hilft und auch dabei, mich aufzubäumen. Das ist keine Übertreibung. Die andauernde Müdigkeit zwingt mich zu Boden, drückt meine Lider zusammen und bringt mich dazu, in Anwesenheit meiner Kollegen im Büro ständig zu gähnen und mir die Augen zu reiben. Sie verstopft alle Kanäle, die mich mit der Außenwelt effizient kommunizieren lassen, lässt mich unkonzentriert und abwesend wirken, irgendwie fehl am Platz. Vielleicht wäre es anders, wenn ich zwanzig Jahre älter wäre. Aber mit Mitte dreißig erscheint diese hartnäckige Erschöpfung und Antriebslosigkeit wie eine persönliche Niederlage – etwas, das ich selbst heraufbeschworen habe, sei es durch meinen Lebenswandel, meine Ernährung oder meinen Mangel an Ambition.

 

Der Fernseher erhellt den Raum mit einer eisigen Materialschlacht, in deren windumtoster Starre ein halbnackter, gleichzeitig zerbrechlich und hochkonzentriert wirkender Mann sich seiner Aufgabe stellt. Der Mann trägt eine dunkelblaue Badehose, eine schwarze Schwimmbrille und eine weiße Badehaube, die an den Seiten mit der britischen Flagge versehen ist. Was er sich vorgenommen hat, geschieht nicht nur in seinem Namen, auch nicht in dem der englischen Channel Swimming Association, deren Regeln das Tragen eines Neoprenanzugs beim Schwimmen verbieten, gleich, wie gering die Wassertemperatur auch sein mag. Der Mann, der als erster Mensch den Versuch unternimmt, den geografischen Nordpol auf einer Strecke von einem Kilometer zu durchschwimmen, ist weniger ein Extremsportler als ein Nachfahre von Entdeckern wie Livingstone und Shackleton. Wenn er mit seinen gleichmäßigen Kraulbewegungen das Wasser durchmisst, kommt die sportliche einer zivilisationsgeschichtlichen Leistung gleich, an deren Ende heutzutage ein Eintrag in die Geschichtsbücher oder ins Guinnessbuch der Rekorde steht, keine Ausdehnung kolonialer Landnahme.

Die Kamera zoomt auf den von der Kälte rot angelaufenen Körper des Schwimmers, seine Fleischlichkeit nimmt den Bildschirm in Beschlag, sodass die Eisschollen im Hintergrund wie eine imposante Dekoration wirken. Entfernt sich der Schwimmer aus der Bildmitte, driftet er in den Hintergrund und wird ein in dieser Umgebung weicher, ungeschützter und qualvoll unvollkommener Teil des arktischen Kälteensembles. Sein Anblick könnte einem grobkörnigen Philosophen als Beweismaterial für die Geringfügigkeit des Menschen angesichts des natürlichen Ganzen oder des Universums dienen. Er mutet wie eine potenzielle Beute für Raubtiere an – und tatsächlich schützen Wachen mit Gewehren die Vorbereitungen der Crew vor hungrigen Eisbären.

Es ist bei weitem nicht der erste Rekordversuch, den sich der Schwimmer, der ein Jahr jünger ist als ich, vorgenommen und erfolgreich durchgeführt hat. 2006 schwamm er als erster Mensch die Themse der Länge nach ab. Er benötigte für die 325 Kilometer 21 Tage und wollte nicht nur einen Rekord aufstellen, sondern auch auf die zahlreichen niederschlagsarmen Trockenperioden aufmerksam machen, die England seit einiger Zeit heimsuchen. Da die Themse zu wenig Wasser führte, war er gezwungen, die ersten 42 Kilometer des Flusslaufs zu Fuß zurückzulegen. Auch der Nordpolversuch steht im Zeichen eines höheren Sinns als des rein sportlichen: Der Schwimmer will auf die Auswirkungen des Klimawandels und die Tatsache aufmerksam machen, dass die Arktis in fünfzig Jahren im Sommer eisfrei sein wird und in ein Rohstofflager verwandelt werden könnte. Man ist versucht, diese Geste zu belächeln, die im Kontext der Veränderungen, die mit Klimawandel und Globalisierung einhergehen, so verloren erscheint wie der halbnackte Schwimmer inmitten der Eisschollen, die ihn mit der spielerischen Kraft von Kleinkindern nebenher zerquetschen könnten. Gleichzeitig rückt sie die Maßverhältnisse zurecht und gibt dem Menschen etwas von seiner natürlichen Größe wieder. Der Akt des menschlichen Triumphs über die widrigen natürlichen Umstände verliert die Aura des Heldenepos und kehrt zu seinen Wurzeln zurück: dem Überlebenskampf, der Existenzsicherung.

 

Es ist tatsächlich weniger die Müdigkeit, die mich beunruhigt, als das Unwissen, was ihre Ursache sein könnte. Ich bin beim Arzt gewesen, habe mir das Blut abnehmen, den Blutdruck messen, einen Hormonspiegel erstellen lassen und mich auf einem Laufband einem Belastungstest unterzogen. Die Ergebnisse weisen keine besorgniserregenden Abweichungen vom statistischen Durchschnitt auf. Im Gegenteil, den ermittelten Werten zufolge bin ich in einem sehr guten, fitten Zustand – was im Grunde nicht verwunderlich ist, da ich nicht rauche, im Vergleich zu früher wenig Alkohol trinke, mir Fastfood nicht schmeckt und ich mich zumeist mit dem Fahrrad oder zu Fuß fortbewege. Auch leide ich nicht – wie ein Bekannter von mir – an einer Krankheit wie Epilepsie. Die Tabletten, die er zweimal am Tag zu sich nehmen muss, führen nicht nur zu einer heftigen Belastung seiner Leber und Nieren, sondern auch zu periodischen Müdigkeitsphasen, die ihn jeden Monat vier bis fünf Tage lang plagen, wobei es im Winter schlimmer ist als im Sommer. Ich beneide ihn wahrlich nicht um seine Krankheit. Dennoch genießt er mir gegenüber den Vorteil, dass es in der Relation von Wirkung und Ursache für ihn keine unbekannte Größe gibt, während ich dahingehend im Trüben fische.

Wenn es keine körperlichen Ursachen gibt, so heißt es, muss es psychische geben. Diese Behauptung, die jedermann leicht über die Lippen geht, führt in meinem Fall zu noch größerer Verwirrung. Ein niedriger Blutdruck, eine hormonelle Störung, eine Stoffwechselerkrankung, eine Dysfunktion der Schilddrüse, ja ein Hirntumor – alles wäre mir als Erklärung plausibler erschienen als ein traumatisches Erlebnis in meiner Kindheit, das mich über die Kluft der Jahre hinweg in einer Buchhandlung heimholt und mich das Buch, in dem ich gerade noch wach und interessiert geblättert habe, ermüdet aus der Hand legen und mich in mein Bett zurückwünschen lässt. Was würde mir ein Psychologe sagen? Dass es sich um eine Art Mittdreißiger-Müdigkeit handelt, die hauptsächlich Männer befällt, die sich nach dem Studium in ihrem Leben nicht zurechtfinden und sich unbewusst in die sorgenfreie Traumatmosphäre der Plazenta zurücksehnen? Das erscheint mir ebenso überzogen wie die Möglichkeit, an einer Depression zu leiden. Dazu ist die Symptomatik, scheint mir, bei mir viel zu schwach ausgeprägt. Die Müdigkeit stellt eine Behinderung meines Alltags dar, nicht diesen Alltag selbst. Ich schlafe gut, habe einen – wenn auch unbefriedigenden – Job, habe ab und zu eine Beziehung (oder wenigstens eine Affäre) und zweifle zwar immer an dem Weg, den ich eingeschlagen habe, ohne jedoch darüber zu verzweifeln.

Bis zu einer endgültigen Diagnose bleibt mir vorerst nichts anderes, als selbst an den Symptomen herumzudoktern. Wechselduschen zu nehmen, wobei ich Kneipps Vorgaben befolge und mit dem kalten Wasser bei den Füßen beginne und mich langsam zum Herzen hinbewege. Ein Bekannter hat mir Tropfen empfohlen, die ihm ein Heilpraktiker für seine Kreislaufbeschwerden verschrieben hat. Meine Mutter hat mir ein Rosmarin-Tonikum geschickt, mit dem ich mich einreiben soll. Es soll ebenfalls den Kreislauf stärken und die Durchblutung fördern. Ob ich mich mit diesem doch recht intensiven Geruch noch unter die Leute wagen kann, ist eine andere Frage.

Vielleicht ist alles viel einfacher. »Du bist ein melancholischer Einzelgänger«, hat meine Exfreundin Sonja vereinfachend über mich gesagt, was im Zusammenhang mit meinen Symptomen nichts anderes bedeutet, als dass die Ursache dafür nicht in oder an mir zu finden ist – die Ursache bin ich selbst.

 

Die Durchschwimmung des geografischen Nordpols ist nicht die erste polare Erfahrung des Rekordschwimmers. 2005 durchquerte er bereits die Whalers Bay von Deception Island, einer Insel in der Nähe der subantarktischen Shetlandinseln, deren Oberfläche aus der Spitze eines unterseeischen Vulkans besteht und einen Durchmesser von vierzehn Kilometern hat. An ihrer Küste befand sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die größte Trankocherei der südlichen Hemisphäre, was zur Folge hatte, dass die Wale in der Region beinahe ausgerottet wurden. Am Grund der Bucht haben sich die Skelette abertausender erlegter Wale in der Tiefkühltruhe des Eiswassers erhalten.

Der Schwimmer hatte sich bewusst dieses Massengrab ausgesucht, um auf das Artensterben und die Ausbeutung der natürlichen polaren Ressourcen hinzuweisen. Für ihn sind die Walskelette – so sagte er, bevor er ins Friedhofswasser sprang – äquivalent zu dem, was mit der Arktis im großen Stil geschehen wird, wenn sie erst einmal eisfrei ist.

Der Schwimmer wurde auf seinem Weg von zwei Kameras begleitet, eine über und eine unter Wasser. Die Kamera über Wasser folgte den monotonen, beinahe einschläfernden Kraulbewegungen des Schwimmers, zoomte auf sein Gesicht, aus dem nichts abzulesen war, weder Anstrengung noch Ermattung. Was jedoch nicht nur an der Schwimmbrille lag, die die Augen verdeckte und dem Gesicht damit viel von seiner Individualität und Ausdruckskraft nahm, sondern auch daran, dass der Körper wie eine aufgezogene mechanische Konstruktion wirkte, deren Resultat die Schwimmbewegungen waren. Die Unterwasserkamera schwenkte zwischen dem bleichen Körper des Schwimmers und den blankpolierten Riffen, die nicht aus Korallen, sondern aus Skeletten bestehen, hin und her. Sie wurde zum Moderator in einer stumm geführten Diskussion darüber, wie der Mensch gegen seine Biosphäre vorgeht, wie er seinen Lebensraum zu beherrschen sucht, indem er ihn vernichtet. Der Schwimmer, dessen Lebendigkeit die erdrückende Präsenz des Todes unter ihm unterstrich, war in dieser Diskussion das Mikrofon, in das niemand spricht. Fakten besitzen nun einmal die enervierende und den Menschen herausfordernde Eigenschaft, für sich selbst zu sprechen. Nicht der Rekord, der am Ende zu Buche stand, sondern das erschwommene Gesprächsprotokoll, das das Stumme zum Sprechen brachte, stellte die eigentliche Leistung des Schwimmers dar. Vielleicht ist es das, was ihn ins Wasser zieht: diese kurzfristige Auslöschung seiner selbst, die ihn eine Leistung erbringen lässt, bei der die Grenzen zwischen Selbstermächtigung und Selbstverzicht verschwimmen.

 

Es ist nicht vorherzusagen, wie lange die Wirkung der Wechseldusche anhält. Einmal ist sie nach einer halben Stunde verpufft, ein anderes Mal trägt sie mich durch den Tag. Ein doppelter Espresso kann ein Helfer beim Munterwerden und Wachbleiben sein, er kann aber auch wie ein Gegengift wirken und den Vorhang, den ich gerade von meinem Gesicht weggezogen habe, mit einem Ruck wieder vorziehen. Es ist also eine Art Glücksspiel, das über den weiteren Verlauf des Tages entscheidet, wenn ich die Espressokanne vom Herd hole, den Kaffeesatz aus dem Metallfilter entferne und in den Biomüll werfe, den Filter mit dem zuvor in der Kaffeemühle gemahlenen Kaffee fülle und die Platte auf dem Gasherd anwerfe. Ich bin keine Spielernatur, weshalb es wohl die reine Gewohnheit ist, die mich einen Espresso machen lässt, obwohl die Gefahr besteht, dass ich davon wieder müde werde. All das, was ich mir unter der Dusche förmlich erarbeitet habe, ist dann wie weggeblasen.

Während sich das Wasser über der Gasflamme erhitzt, um dann über den Filter in den oberen Behälter der Kanne zu gelangen, gehe ich ins Bad, um mich zu rasieren. Die Rasur ist notwendigerweise mit einem Blick in den Spiegel verbunden. Die Prozedur dauert seit kurzem länger als gewohnt, da mir der Spiegel nicht mehr jenes Bild zurückwirft, an das ich mich seit dem Ende der Pubertät gewöhnt habe. Misstrauisch betrachte ich mich, halte dabei die Dose Rasierschaum in der Hand. Wie viele neue graue Haare sich wohl auf meinem Kopf finden lassen? Die Falten auf der Stirn erscheinen mir noch tiefer als beim letzten Mal. Es hilft nichts, sie meiner grüblerischen Veranlagung anzulasten, das lässt sie auch nicht verschwinden. Auch die Tränensäcke scheinen mir einen Tick ausgeprägter als bei der letzten Rasur. Ich habe mich natürlich seither immer wieder mal im Spiegel gesehen, aber die Energiesparlampe taucht mein Badezimmer in ein kaltes Licht und stellt jede reale oder eingebildete Veränderung meines Körpers derart bloß, als ob ich dem Blitzlichtgewitter einer Meute Paparazzi ausgesetzt wäre, die sich vom Aas menschlicher Entblößungen nährt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Ich werde alt. Was weniger problematisch ist, als es sich anhört. Schließlich altere ich ja vom Tag meiner Geburt an, manche würden sogar sagen: seit sich die Zygote, die sich aus einer Samenzelle meines Vaters und einer Eizelle meiner Mutter bildete, erfolgreich in der Gebärmutterschleimhaut eingenistet hat. Womit ich hingegen ein großes Problem habe, ist, wie sichtbar der Alterungsprozess seit einiger Zeit vonstatten geht, nachdem er lange Jahre, ja Jahrzehnte im Grunde genommen unsichtbar vor sich ging. Diese Offensichtlichkeit hat etwas Verletzendes, geradezu Obszönes. Ich werde langsam ein alter Sack, und jeder kann es sehen. Ich würde mir die Haare raufen, wenn ich nicht befürchten müsste, dass die Strähnen, die ich mir dabei ausreiße, nicht mehr nachwachsen. Es gibt eigentlich nichts, was ich mir groß vorwerfen muss. Schließlich nimmt jeder seine Jugend so lange für selbstverständlich, bis sie zu Ende ist. Dumm nur, dass sich dieses Ende nicht ankündigt, sodass man sich bei allem Abschiedsschmerz langsam daran gewöhnen kann, alt zu werden. Es kommt vielmehr wie ein schwerer Unfall: Eine Sekunde davor war man noch gesund, in der nächsten hat man mit den Folgeschäden zu kämpfen.

Die Haare auf meiner Brust haben schon mehrmals die Farbe gewechselt. Ursprünglich waren sie spärlich und blond, dann dunkelblond. Als ich mit diesem Farbton eines trüben Herbsttages endlich meinen Frieden schließen wollte, wuchs mir plötzlich ein brauner Pelz auf der Brust, bei dem ich lange befürchtete, er könnte auf den Rücken überspringen. Eine Horrorvorstellung! Schließlich fühlen sich die meisten Frauen von einem üppig behaarten Männerrücken geradezu abgestoßen. Aber der Wildwuchs beschränkte sich glücklicherweise auf meine Brust, er breitete sich nicht einmal auf meinem Bauch aus. Die längeren Haare, die mir ab und zu auf dem Rücken sprossen, wurden von Frauen entschlossen ausgerissen. Auf meiner Brust gibt es inzwischen sogar mehr graue Haare als auf meinem Kopf, irgendwann wird ein graues Stoppelfeld entstanden sein, was mich in diesem Fall nicht besonders stört, sofern sich weiterhin weibliche Finger und Lippen darin verirren. Mit meinem Gesicht ist das anders. Eitelkeit spielt sicher eine Rolle und ist zuallererst eine Frage der Quantität: Die Anzahl der Menschen, die mein Gesicht zu sehen bekommen, steht in keinem Verhältnis zu jener überschaubaren Menge, die sich mit meiner nackten Brust konfrontiert sieht. Kriminaltechnisch sind zur Feststellung der Identität auch die Fingerabdrücke und das Zahnbild von großer Bedeutung. Im zwischenmenschlichen Bereich sind es jedoch zumeist Teile des Gesichts, nicht Finger oder Zähne, die man sich in Erinnerung ruft, wenn man an einen Menschen denkt. Je mehr ich dieser Argumentation folge, desto mehr erkenne ich: Es ist gar nicht der Schock meines alternden Gesichts, der mich fassungslos macht, sondern vielmehr die Schlüssigkeit meines Spiegelbilds: die Tatsache, dass ich genau so aussehe, wie es in mir aussieht. Mein Spiegelbild ist nicht nur ein Fahndungsfoto der Zeit, es ist ein Abbild meines Innenlebens.

Als ich das Brodeln in der Küche höre, halte ich den Rasierschaum immer noch in der Hand, habe meine Wangen und mein Kinn jedoch immer noch nicht damit eingerieben. Die ganze Zeit über habe ich nichts anderes getan, als mich anzustarren, um dabei in Gedanken abzuschweifen, die jedoch treffsicher immer wieder bei mir landen. Zu dumm, das Ganze. Banal. Aber das sind Wahrheiten oft, wenn sie erst einmal des Pathos beraubt sind, mit dem sie sich gerne schmücken.

Der Duft des frisch gebrühten Kaffees hat sich über die Küche hinaus bis ins Vorzimmer ausgebreitet. Ich atme tief durch die Nase ein, um zu erahnen, ob der schwarze Genuss mir gut oder weniger gut tun wird. Ich komme etwas zu spät, der Kaffee geht bereits über, es hat sich eine kleine braune Lache auf dem weißen Email des Herds gebildet. Vorsichtig nehme ich die Kanne von der Flamme. Ich habe mich schon oft verbrannt und werde es sicher noch oft genug tun. Die Außenseite der Espressotasse, in die ich den Kaffee gieße, bedeckt ein Ausschnitt aus dem Stadtplan von Peking. Die Untertasse zeigt wiederum ein Detail aus einem anderen Stadtplan: Manhattan. Tasse und Untertasse habe ich auf dem Flohmarkt gekauft, sie durchtrennen das engmaschige Netz meiner Selbstbeobachtung und befördern mich für Momente an Orte, deren hervorstechende Eigenschaft es ist, nichts mit mir zu tun zu haben. Schon als ich sie vor zwei Jahren zum ersten Mal sah, verspürte ich diese Wirkung, die bis heute nicht nachgelassen hat. Ich denke an Pekings verbotene Stadt, den Central Park, und mache mich auf die Reise.

 

Die Lufttemperatur beträgt minus zehn Grad, die Wassertemperatur minus 1,7 Grad. Der Schwimmer trägt Badelatschen, wie es sie an jeder Ecke zu kaufen gibt. Auch Badehose und -haube wirken gewöhnlich, nichts deutet auf eine technisch hochgerüstete Spezialausrüstung hin, obwohl ein Team vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Kapstadt anwesend ist, das den Kaltwasserschwimmer schon bei früheren Vorhaben begleitete. Wenn das Fernsehteam nicht wäre, das das Ereignis auf Film bannt, könnte man das Ganze beinah für eine private Veranstaltung halten: Jemand hat eine Wette verloren und muss nun den leichtsinnig vereinbarten Einsatz dafür entrichten. Vielleicht ist der Eindruck der Normalität aber nur folgerichtig: Was den unregelmäßigen Besuchern von Fitnessstudios und Fußballplätzen extrem erscheint, ist für den Extremsportler normal. Seine Leistungen sind in Wahrheit nichts Außergewöhnliches, gar Unnormales, sondern eine in extreme Dimensionen ausgeweitete Normalität.

Der Schwimmer vollführt Kraulbewegungen, als müsste er, der seit seinem siebten Lebensjahr an Schwimmwettbewerben teilnimmt, sie sich noch einmal extra ins Gedächtnis rufen, als wären sie ihm nicht schon in Fleisch und Blut übergegangen wie das Zähneputzen. Ein Schuss stört diese Phase der Konzentration, dann ein zweiter. Auf einer gegenüberliegenden Scholle ist ein Eisbär gesichtet worden. Er ist wahrscheinlich hungrig, da ihm die Robbenjagd im Sommer schwerfällt und er erst im zugefrorenen Packeis des arktischen Winters auf seine Kosten kommt. Die Wachen geben Warnschüsse ab, damit er nicht auf die Idee kommt, herüberzuschwimmen. Als weitere Schüsse fallen, macht sich der Bär, für den das Team einen üppig gedeckten Tisch darstellt, davon. Der Schwimmer sagt, dass es unvorstellbar sei, dass der Eisbär in dreißig, vierzig Jahren ausgerottet sein könnte. Er hat bis dahin Musik auf seinem MP3-Player gehört, wenig später entfernt er die Stöpsel aus seinem Ohr und zieht den dunkelblauen Anorak aus. Dabei kommt doch noch die bis dahin verborgene Hochtechnologie zum Vorschein, die bei Unternehmungen dieser Art unausweichlich ist. Der Mensch hat bei aller guten Absicht doch nur sich selbst zum Ziel. Es geht hier nicht nur um Sport, auch nicht darum, auf den Rückgang des Packeises hinzuweisen, sondern auch um eine weitere Reise an die Grenzen menschlicher Belastbarkeit. Der Schwimmer bekommt eine etwa zwanzig Zentimeter lange, schwarze Antenne auf einen Gurt montiert, der an seinem Oberkörper befestigt ist. Wenig später, wenn er sich im Wasser fortbewegt, wird sie wie eine mickrig ausgefallene Rückenflosse aussehen. Die Antenne dient dazu, verschiedenste Daten wie Körpertemperatur, Puls und Atmung zu messen und auf dem Notebook der Wissenschaftler anzuzeigen.

Dann ist es so weit: Ten seconds to swim. Als der Schwimmer – umrahmt von den Anfeuerungsrufen seines Teams – ins Wasser geht, die ersten Schwimmbewegungen vollführt und die Kamera für Augenblicke ganz nahe an sein Gesicht zoomt, ist das Unglaubliche, dass er nicht hyperventiliert, wie es ein normaler Mensch tut, wenn ihn unter der Dusche ein überraschend kalter Wasserstrahl trifft oder wenn er nach der Sauna ins Freie geht und sich mit Schnee abreibt. Auf dem Bildschirm wirkt der Schwimmer nicht anders als ein Mann, der nach der Arbeit ins Schwimmbad geht und ein paar Runden dreht. Kein flackernder Blick, keine hechelnde Atmung. Der Wissenschaftler vor seinem Notebook ist über die empfangenen Daten hocherfreut: alles im grünen Bereich. Es relativiert die Leistung des Schwimmers nicht, wenn er hinzufügt, dass er über eine Fähigkeit verfügt, die noch an keinem anderen Menschen beobachtet worden sei: Während ein normaler Mensch nur wenige Minuten im Eiswasser überlebt, kann der Schwimmer seine Temperatur bei Bedarf um zwei Grad anheben – ein Vorgang, den der Wissenschaftler »Antizipative Thermogenese« nennt. Seine Körpertemperatur wird nach der Durchschwimmung des geografischen Nordpols 4,6 Grad unter Normaltemperatur liegen – ein halber Grad weniger, und er wäre wahrscheinlich gestorben.

Vielleicht käme mir das alles ja nicht so normal vor, wenn ich nicht vor dem Fernseher sitzen, sondern das Ereignis aus nächster Nähe mitverfolgen würde. Die Kälte am eigenen Leib spüren würde und den Wahnsinn, den es bedeutet, ihr unbekleidet gegenüberzutreten. Nackt kommen wir zur Welt – aber angesichts der arktischen Verhältnisse ist Nacktheit etwas, das an den Tod erinnert, nicht an die Geburt. Obwohl ich mir am Nachmittag selbst kaltes Wasser über den Körper rinnen lasse, bleibt mir die Dimension der Überwindung des inneren Schweinehundes und das Ausmaß des Schmerzes beim Anblick des Mannes im Wasser unbegreiflich. Empathie beruht streng genommen auf einem Missverständnis: Man muss wissen, wovon die Rede ist, um sich in jemand anderen hineinversetzen zu können. Schmerz in verschiedenen Variationen gespürt haben, um den Schmerz eines anderen nachvollziehen und einordnen zu können. Leicht möglich, dass es für mich gar keinen Sinn ergäbe, vor Ort zu sein. Momentan hätte ich mit Sicherheit weder die körperlichen noch die geistigen Voraussetzungen, um an einem solchen Vorhaben teilnehmen zu können. Wahrscheinlich wäre ich von der Kälte so eingenommen, dass nicht nur das Wasser um mich herum, sondern auch meine Neugier und mein Mitleid gefrieren würden und ich ausschließlich mit den Eiszapfen beschäftigt wäre, in die sich meine Zehen und Finger allmählich verwandeln.

Später wird der Polarschwimmer in Interviews sagen, dass sein Körper beim Eintauchen ins Wasser »sofort in Flammen« stand oder »lichterloh gebrannt« habe. Ein brennender Schmerz ist nicht selten die Begleiterscheinung eines brennenden Ehrgeizes oder einer brennenden Neugier. Entflammen kann ich mir vorstellen, es ist etwas, was mir bis vor kurzem nicht allzu schwerfiel. Aber brennen? Wie schafft man das, ohne zu einem Drogenkonsumenten zu werden oder einem schrulligen Esoteriker? Die Vorstellung, ich müsste bereit sein, meine Haut zu riskieren, um etwas Besonderes zu erreichen, widerstrebt mir. Mir schwant, dass bei einem solchen Einsatz am Ende nicht genug von mir übrig bleibt, um mich meines Triumphs zu erfreuen. Einfacher ausgedrückt: Ich sehne mich nach Veränderung, scheue jedoch die Unannehmlichkeiten, die sie mit sich bringt, wie die Pest. Gleich, ob es sich dabei um meinen Job handelt, der mich unterfordert und mir zu wenig Geld einbringt, oder um meine letzte Affäre, die ich, weil ich nicht gern allein bin und es angenehm ist, regelmäßig Sex zu haben, einfach laufen ließ, obwohl ich wusste, dass sie zu nichts führen, keine nennenswerte Spur in meinem Leben hinterlassen wird.

Ich habe mir die Dokumentation über den Polarschwimmer angesehen, weil ich mich ihm aufgrund meiner nachmittäglichen Wechselduschen auf eine lächerliche Weise nahe fühlte. Als er nach achtzehn Minuten und fünfzig Sekunden und einer zurückgelegten Strecke von einem Kilometer aus dem Wasser steigt und damit als erster Mensch den geografischen Nordpol durchschwommen hat, weiß ich, dass seine Normalität und die meine eine Welt trennt, eine von Schneestürmen durchtoste, schier unendliche Eisfläche, die zu durchmessen mir unmöglich ist, die zu betreten und in Augenschein zu nehmen mir jedoch sicher guttäte und für mein Leben von einiger Bedeutung sein könnte.

 

Die Dusche und der Kaffee haben ihre Wirkung nicht verfehlt und ich beschließe, mich doch noch mit Carsten zu treffen, einem alten Freund und zeitweiligen WG-Mitbewohner. Wir haben uns aus den Augen verloren, er hat bald nach dem Studium geheiratet und eine Familie gegründet. Nun ist er von zuhause ausgezogen, die Scheidung steht im Raum, ihre Abwicklung scheint nur noch eine Frage der Aufteilung des Vermögens und des Sorgerechts für die Kinder.

Ich war einigermaßen überrascht, seine Stimme am Telefon zu hören, mir war gleich klar, dass etwas in seinem Leben gerade nicht so lief, wie er sich das vorgestellt hatte. Wenn Leute sich plötzlich melden, von denen man seit Jahren nichts gehört hat, hat der Anlass meist nichts mit einem selbst zu tun, sondern ausschließlich mit dem Leben derjenigen, die den Kontakt suchen. Eine Ehe ist zerbrochen; man hat einen menschlichen oder materiellen Verlust erlitten, der das Leben aus den Fugen geraten lässt; oder man leidet einfach an der trüben Eintönigkeit des Alltags, die die Vergangenheit in hellen Farben leuchten lässt, auch wenn der einzige Unterschied darin besteht, dass man damals noch jünger war. Ich habe schon mehr als eine E-Mail von Jugendfreunden erhalten, die mit mir über die »guten alten Zeiten« sprechen wollten, sie zumeist jedoch gar nicht oder aber ausweichend beantwortet.

Die Frage, die sich stellt, ist, warum Carsten ausgerechnet mich anrief. Unsere Freundschaft – so denn etwas davon übrig ist – entstammt einer Zeit, in der sich vieles nur um den Spaß drehte, den man hat, bevor der Ernst des Lebens beginnt. Carsten war in vielem ernsthafter gewesen als wir anderen, Beruf und Familie bedeuteten für den angehenden Juristen nicht das Ende des süßen Lebens, sondern eine höhere, reifere Form davon (so stellte er es sich zumindest vor). Er hatte immer das Vorbild seiner Großeltern vor Augen gehabt, die ihre diamantene Hochzeit feierten. Die Ehe ist wie ein Schiff auf hoher See, man kann nicht einfach von Bord gehen, wenn ein Sturm aufzieht, lautete eine der Maximen seines Großvaters, die Carsten sich zu eigen gemacht hatte. Mit derartigen Ansichten war er in unserer WG das weiße Schaf, eine Art Geheimagent des Establishments, über den sich Alex – ein anderer Mitbewohner – gerne lustig machte: Wenn schon ein Schaf, dann doch bitte so schwarz wie das Arschloch des Teufels, meinte er. Dass Carsten sich in unserer WG manchmal wie der Gast auf einer Party fühlen musste, zu der man ihn nicht eingeladen hatte, war nur folgerichtig – schließlich war er nur deshalb bei uns gelandet, weil er nichts anderes gefunden hatte. Dass er geblieben war, war vor allem Alex ein Rätsel, das er sich mit Carstens »reaktionärer Anhänglichkeit« erklärte. Er sah in ihm – in krassem Gegensatz zu sich selbst – den Traum aller Schwiegermütter und verpasste ihm den Spitznamen »Schwiegercarsten«.

Was Carsten am Telefon sagte, klang weder verbittert noch sentimental, was vielleicht auch daran lag, dass er nicht derjenige war, der verlassen wurde. Er hatte eine Frau kennengelernt, sich verliebt. Wie er davon erzählte – in einer Abfolge blockartiger Hauptsätze –, das klang so, als hätte er keinen Einfluss darauf gehabt, als wäre er von der Liebe gefunden worden, ohne dass er nach ihr gesucht hatte. (Ein Gedanke, der das Gewissen in so einem Fall natürlich ungemein erleichtert, da man kein Betrüger ist, sondern gewissermaßen ein klassischer Spielball der Götter, wenn auch in gottloser, materialistischer Zeit.) Er war nicht der Typ für eine Geliebte, Lügen und heimliche Treffen in Hotels, er konfrontierte seine Frau mit der Wahrheit, weitaus schneller und entschlossener als andere Männer in seiner Lage, was man auch so interpretieren konnte, dass es ihm wichtiger war, wie er vor sich selbst dastand als vor seiner Frau. Die hätte vielleicht mit einer Affäre umgehen können, wenn diese umgehend beendet worden wäre – die Tatsache, dass ihr Mann eine andere liebte, war jedoch so kränkend, dass mit seinem Geständnis der Schlussstrich unter seine Ehe gezogen und nicht einmal eine Bedenkzeit oder ein Ultimatum ausgesprochen worden war.

Carsten war mir immer wie jemand erschienen, für den Worte wie Treue oder Rechtschaffenheit keine hohle Phrasen, sondern etwas so Lebendiges und Greifbares waren wie Pflanzen oder Tiere. Dass ausgerechnet er seine Frau und seine Kinder verlassen hatte, um einer akuten Verliebtheit nachzugehen, kommt mir nahezu unvorstellbar vor – als wenn ein Bild, das jahrelang unbemerkt an seinem Platz an der Wand hing, plötzlich seinen Rahmen sprengte. Weniger die Freude, ihn wiederzusehen, als vielmehr die gemeine Neugier, herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, lässt mich nun seine Handynummer wählen, obwohl ich unser Treffen am Vormittag abgesagt hatte. Er freut sich (wenn auch ohne Überschwang), dass es nun doch klappt.

Einige Zeit später stehe ich vor seiner Wohnungstür. Carsten war aus der ehelichen Doppelhaushälfte am Stadtrand ausgezogen und wohnte nun übergangsweise in der leerstehenden Wohnung eines Bekannten. Wir sind gerade auf der Suche, sagte er später zu mir und meinte damit sich und seine neue Freundin, wobei ich mir nicht sicher war, ob er es wirklich ernst meinte oder ob er einfach nicht anders konnte, als es ernst zu meinen. Ob es in Bezug auf die Liebe vielleicht nur dieses eine Programm auf seiner Festplatte gab, auf das er zurückgreifen konnte.

 

Ich klingle und höre, wie jemand in kleinen, hastigen Schritten den Gang entlangläuft. Die Altbauwohnung liegt im Stadtzentrum, der Aufschlag der Füße klingt schwer und dumpf auf den hölzernen Dielen, obwohl es sich um die Füße eines Kindes handelt, das keine dreißig Kilo wiegt. Die Tür geht auf und ich schaue auf einen blondgelockten Jungen hinunter, der mich aus seinen blauen Augen groß anschaut und mich fragt, wer ich bin, ohne zu ahnen, dass er bei mir mit dieser Frage in gewisser Hinsicht den Nagel auf den Kopf trifft. Mein Blick bleibt auf dem Kind haften, es hat ein hübsches, neugieriges, wenn nicht freches Gesicht und sieht weder Carstens Frau Heike (die brünett ist und klare, sachliche Züge hat) besonders ähnlich noch Carsten, der zwar dunkelblond ist und graublaue Augen, aber weiche, beinah teigige Züge hat, die sich zu einem Gesamteindruck vermischen, der keine hervorstechenden Einzelheiten kennt (man könnte auch sagen: keine Angriffsflächen bietet). Er taucht hinter dem Jungen auf, fährt ihm durchs Haar und macht uns miteinander bekannt. Woraufhin der Junge, der Lucas heißt, sich gegen die Beine seines Vaters lehnt und »Hallo« sagt, während Carsten mir die Hand gibt, als wäre ich ein Arbeitskollege, der erst seit kurzer Zeit in der Firma ist und den er zum ersten Mal zu sich nach Hause eingeladen hat.

Als ich die Wohnung betrete, herrscht für einen Moment Unklarheit, ob ich die Schuhe ausziehen soll. Carsten schüttelt nach kurzen Bedenken den Kopf, nicht nötig, sagt er, worauf Lucas protestiert: »Warum muss ich die Schuhe ausziehen und er nicht?« Die Worte kommen stockend, jedoch geballt aus dem Mund des Kindes, es sind kleine Sprachpakete, die aus einer dunklen Röhre auf ein Förderband purzeln und an jenen vorbestimmten Ort befördert werden. Carsten sieht mich unentschlossen an. »Kinder brauchen Regeln, an die sie sich halten können«, sage ich mit jener Altklugheit, die jeder praktischen Erfahrung entbehrt und die meine Mutter an mir hassen gelernt hat, und ziehe mir die Schuhe aus. Habe ich das wirklich gesagt? Wo habe ich das aufgeschnappt? Vielleicht von Sabine, einer weiteren Freundin aus Uni-Tagen, deren Sohn zwar erst ein paar Wochen alt ist, die sich jedoch mit Ratgebern eingedeckt hat, die ausführlich schildern, was zu tun ist, wenn das Kind eingeschult wird. »Lass mir doch meinen Wahn«, schmollte sie, als ich sie auslachte. »Kein Problem«, antwortete ich. »Ist ja schließlich nicht dein erster.«

»Hier.« Carsten drückt mir ein Paar Hausschlappen in die Hand. Ich beuge mich zu ihm vor, sein zugleich fremdes und vertrautes Gesicht taucht vor mir auf wie eine Erinnerung, die lange in einer Spalte des Gedächtnisses verborgen lag, und ich suche in diesem Gesicht nach Spuren jenes Lebens, das Carsten irgendwie hinter sich lassen will (und irgendwie wohl auch nicht). Falten. Tränensäcke. Dünnes Haar. Wäre ich froh darüber, wenn er erschöpfter aussähe als ich? So kleinherzig dieser Gedanke ist, kommt er mir doch in den Sinn. Ich kann (oder will) mir Carstens bürgerliches Leben und die Doppelhaushälfte, in der es sich abspielte, nicht anders vorstellen als etwas, das auf lange Sicht wie nebenbei und seltsam geräuschlos dem Verschleiß entgegenarbeitet, der Erschöpfung durch Routine, schließlich dem Konsum. Der Alltag erhöht einen nicht, er lässt einen vielmehr in die Knie sinken oder aber aufs Sofa, vor dem der LCD-Fernseher steht (oder neuerdings an der Wand hängt). Carsten hat den Absprung in meinen Augen gerade noch rechtzeitig geschafft, ein paar Jahre später, und es wäre vielleicht zu spät gewesen. Die Familie ist von Anfang an auch ein Projekt irgendwo zwischen Bank und Baumarkt. Geld und Beton sind ein stabilerer Dämmstoff als Gefühle oder Spermien, erst recht, wenn das Projekt nach einigen Jahren zum eigentlichen Partner geworden ist. Spätestens, wenn zwischen Tisch und Bett kein Unterschied mehr besteht und sich die Lust aus dem Haus schleicht wie ein Gast, für den sich niemand zuständig fühlt, beginnen sich Mama und Papa zu verwandeln. Ihre Geschlechtsteile verkümmern, bis sie schließlich abfallen wie verdorrte Blätter. An ihrer Stelle beginnt sich eine Art Kloake auszubilden, ähnlich wie bei Lurchen oder Schlangen. In Umrissen war sie schon vorher erkennbar, nun wird aus einem sekundären ein primäres Geschlechtsmerkmal. An diesen Kloaken leckt keine Zunge mehr, kein Schwanz penetriert ihre Empfangsbereitschaft (von banalen Zwischenfällen im Umfeld von Messen und Weihnachtsfeiern abgesehen). Statt sich zu umarmen, umarmen Mama und Papa Geschirrspülmaschinen und Nappaledersofas. Statt sich ihre Zungen in den Mund zu stecken, stecken sie sie in Autos und Notebooks. Der Eingang zur Kloake ist die Schnittstelle, an der Mensch und Ware miteinander verschmelzen, eins werden. Die Waren und ihr Besitz werden zum Zentrum der Lust, alle Träume von Leidenschaft und Liebe werden aufs angenehmste unter ihnen begraben. Die Waren haben keine Gegenwart, für sie gibt es nur den Komparativ: Mehr! Besser! Größer! Sauberer! Sicherer! Gesünder! Schöner! Asche und Glut: Wer die Wahl hat zwischen Resignation und Gier, der wählt die Gier, verschleiert sie vor sich selbst jedoch als »Lebensstandard« oder »Vorsorge«. Der Kluge baut vor, die Medien nennen es »Besitzstandswahrung«. Wer es einmal über die vierzig geschafft hat, für den gibt es keine Sehnsucht mehr, die langfristig nicht von BMW, Prada, Whirlpool, Saeco, Louis Vuitton, Manufactum, Apple und Rolex gestillt werden kann.

Eine Vorhölle – so zumindest stelle ich es mir vor, was vielleicht damit zu tun hat, dass meine Mutter lange bei einem Anwalt gearbeitet hat, der auf Scheidungen spezialisiert war. Sie hat mir ausführlich von den Schmerzen erzählt, die Paare einander zufügen, vom Kampf um den Besitz, von der gegenseitigen Verachtung und der Hemmungslosigkeit, mit der sie die gemeinsamen Kinder als Mittel zum Zweck benutzen, den anderen zu bestrafen. In gewisser Weise hatte ich aufgrund dieser Scheidungsgeschichten bereits im Alter von sechzehn Jahren keine Illusionen mehr, was die Ehe betraf.

Carsten muss länger als geplant auf Lucas aufpassen, Heike wurde aufgehalten, weshalb wir uns bei ihm und nicht in einer Kneipe treffen. Für Carsten handelt es sich nicht um eine Pflicht, sondern um ein Glück. Viele Frauen reagieren auf den Entzug der Liebe mit dem Entzug der Kinder. Aus ihrer Sicht hat der Mann die Kinder genauso betrogen wie sie selbst. Seine Frau bildet da eine Ausnahme, was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie frisch die Wunde ist. Carsten weiß aber auch, dass er sich keinen Fehler mehr leisten darf und sich in allem großzügig zeigen muss, wenn er will, dass es so bleibt. Er muss es wissen, er ist schließlich Rechtsanwalt.

»Es wäre von Vorteil, wenn ich noch viel zerknirschter wäre, mich noch schuldiger fühlen würde, als ich es ohnehin tue. Aber wie du weißt, bin ich nicht gut darin, mich zu verstellen«, sagt Carsten, als wir wenig später in der Küche sitzen und einen Espresso trinken. Das Mobiliar ist sparsam, nur das Notwendigste – Tisch, Stühle, Geschirr, dazu Buntstiftzeichnungen an der Wand, wahrscheinlich von seinen Kindern, die Clowns darstellen sollen, Fußballspieler, Löwen und Delfine.

»Hast du eine Kaffeemaschine?«, fragt er, nachdem er mir eingeschenkt hat.

Ich schüttle den Kopf und werfe einen Blick auf seine gusseiserne, im Schein der Küchenlampe blinkende Espressokanne, ein Klassiker italienischer Fabrikation, ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das fünfunddreißigste Jahr" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen