Logo weiterlesen.de
Das fremde Haus

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Bentley Grove 11, Cambridge
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. Danksagung

Über die Autorin

Sophie Hannah ist eine junge britische Autorin, die für ihre Werke bereits zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Still, Still, ihr erster Psychothriller, galt in England als einer der besten Romane des Jahres und ist ebenso wie Schattenmesser, Nimmermehr und Totes Herz in 20 Ländern erschienen. Sophie Hannahs Bücher werden derzeit mit großem Erfolg für das britische Fernsehen verfilmt. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Cambridge.

 

Für 7GR

Bentley Grove 11, Cambridge

Abbildung

NICHT MASSSTABSGETREU: Nur zur Orientierung gedacht

Auf die korrekte Wiedergabe der abgebildeten Grundrisse wurde große Sorgfalt verwendet, dennoch sind alle Maßangaben lediglich als Näherungswerte zu betrachten. Es wird keine Garantie für eventuelle Fehler, Auslassungen oder die falsche Wiedergabe übernommen. Potentielle Käufer sollten berücksichtigen, dass die Grundrisse ausschließlich der grafischen Veranschaulichung dienen.

Bentley Grove 11, Cambridge

Abbildung

NICHTMASSSTABSGETREU: Nur zur Orientierung gedacht

oder die falsche Wiedergabe übernommen. Potentielle Käufer sollten berücksichtigen, dass die Grundrisse ausschließlich der grafischen Veranschaulichung dienen.

 

SAMSTAG, 24. JULI 2010

Man wird mich wegen einer Familie namens Gilpatrick umbringen.

Es sind vier: Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Elise, Donal, Riordan und Tilly. Kit nennt mir ihre Vornamen, als hätte ich irgendein Interesse daran, auf Förmlichkeiten zu verzichten und sie alle besser kennenzulernen, obwohl ich nur eins will, schreiend weglaufen. Riordan ist sieben, sagt er. Tilly fünf.

Halt die Klappe, würde ich am liebsten brüllen, aber ich habe viel zu große Angst, den Mund aufzumachen. Er ist wie zugenäht, als würde kein Wort ihn je wieder verlassen, nie wieder.

Das war’s. Ich weiß jetzt, wo und wie und wann und warum ich sterben werde. Zumindest begreife ich jetzt endlich das Warum.

Kit hat ebenso große Angst wie ich. Viel größere. Deshalb redet er unablässig, denn er weiß, wie alle, die jemals in Schrecken ausharren mussten – wenn Angst und Schweigen zusammenwirken, bilden sie ein Gemisch, das tausend Mal fürchterlicher ist als die Summe seiner Teile.

Die Gilpatricks, sagt er, und Tränen laufen ihm über das Gesicht.

Ich beobachte die Tür im Spiegel, der über dem Kamin hängt. So wirkt sie kleiner und weiter entfernt, als sie es täte, wenn ich mich umdrehen und sie direkt anblicken würde. Der Spiegel hat die Form eines mächtigen Grabsteins: drei gerade Seiten mit einem Rundbogen oben.

Ich habe nicht geglaubt, dass es sie wirklich gibt. Der Name klang erfunden. Kit lacht und schluchzt erstickt auf. Alles an ihm zittert, auch seine Stimme. Gilpatrick, so einen Namen würde man sich ausdenken, wenn man jemanden erfinden will. Mr Gilpatrick. Wenn ich nur geglaubt hätte, dass es ihn gibt, wäre nichts von alledem passiert. Wir wären in Sicherheit gewesen. Wenn ich nur …

Er verstummt und weicht von der geschlossenen Tür zurück. Er hat die Schritte gehört, die auch ich höre – schnelle Schritte, ein wilder Ansturm. Sie sind hier.

Eine Woche zuvor

1

SAMSTAG, 17. JULI 2010

Ich liege auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen, und warte darauf, dass Kits Atmung sich ändert. Dabei täusche ich selbst genau die langsamen, tiefen Atemzüge vor, die ich von ihm hören möchte, damit ich wieder aufstehen kann – einatmen und Pause, ausatmen und Pause –, und versuche mir einzureden, dass es eine harmlose Täuschung ist. Bin ich die einzige Frau, die so etwas macht, oder spielt sich das in Häusern überall auf der Welt so ab? Wenn ja, dann bestimmt aus anderen Gründen, normaleren Gründen – eine Ehefrau oder Freundin, die fremdgeht, könnte so etwas machen, um unentdeckt ihrem Liebhaber eine SMS schicken zu können oder heimlich noch ein letztes Glas Wein zu trinken, obwohl sie bereits fünf intus hat. Normale Dinge. Ganz normale Dinge, die jemand unbedingt tun zu müssen glaubt.

Keine Frau auf der Welt hat sich je in der Lage befunden, in der ich mich zurzeit befinde.

Das ist doch albern. Du befindest dich in keiner Lage, abgesehen von der, die du dir zusammenfantasiert hast. Man nehme: Zufälle und Wahnvorstellungen.

Aber ich kann mir einreden, was ich will, es hilft nichts. Deshalb muss ich es auch überprüfen, um mich zu beruhigen. Es ist nicht verrückt, es zu überprüfen, verrückt wäre es, auf diese Gelegenheit, es überprüfen zu können, zu verzichten. Und wenn ich mit eigenen Augen gesehen habe, dass nichts zu finden ist, kann ich das Ganze vergessen und akzeptieren, dass alles nur in meinem Kopf stattgefunden hat.

Ach wirklich?

Es sollte nicht mehr allzu lange dauern, bevor ich loslegen kann. Normalerweise schläft Kit schon Sekunden, nachdem das Licht gelöscht wurde, tief und fest. Wenn ich bis hundert zähle … aber ich kann nicht. Ich schaffe es nicht, mich auf etwas zu konzentrieren, das mich nicht interessiert. Wenn ich es könnte, wäre ich auch in der Lage, das Gegenteil zu tun und Bentley Grove 11 aus meinen Gedanken zu verbannen. Werde ich das je können?

Während ich warte, übe ich schon mal für die Aufgabe, die vor mir liegt. Mal angenommen, ich würde uns nicht kennen – was würde dieses Schlafzimmer über Kit und mich verraten? Riesiges Bett, ein gusseiserner Kamin, identische Nischen zu beiden Seiten des Kaminsimses, in denen unsere beiden identischen Kleiderschränke stehen. Kit mag Symmetrie. Als ich vorschlug, als Ersatz für unser normales Doppelbett das größte Bett zu kaufen, das wir finden konnten, meldete er Bedenken an, weil dann nicht genug Platz für unsere identischen Nachttische bleiben könnte. Ich erklärte mich bereit, auf meinen zu verzichten, aber Kit sah mich an, als wäre ich eine anarchistische Agitatorin, die auf die Zerstörung seiner wohlgeordneten Welt aus sei. »Man kann nicht auf der einen Seite des Betts einen Nachttisch stehen haben und auf der anderen Seite nicht«, erklärte er. Schließlich kamen beide weg. Nachdem er mir das Versprechen abgenommen hatte, es niemandem weiterzuerzählen, sagte er, so unpraktisch es auch sei, sich hinunterbeugen zu müssen, um Buch, Uhr, Brille und Handy unters Bett zu legen, ein Schlafzimmer, das »nicht richtig« aussähe, würde ihn noch weit mehr irritieren.

»Bist du sicher, dass du ein waschechter Hetero bist?«, neckte ich ihn.

Er grinste. »Entweder ja, oder ich tue nur so, damit jemand jedes Jahr für mich meine Weihnachtskarten schreibt und zur Post bringt. Du wirst die Wahrheit wohl nie erfahren.«

Bodenlange, cremefarbene Seidenvorhänge. Kit wollte Jalousien, aber ich setzte mich durch. Seidenvorhänge im Schlafzimmer, das war mein Wunsch, seit ich klein war – eins dieser »Sobald ich meine eigene Wohnung habe«-Versprechen, die ich mir selbst gegeben hatte. Und im Schlafzimmer müssen Vorhänge bis auf den Boden reichen, das ist meine Vorstellung davon, wie etwas sein muss, damit es richtig aussieht. Ich nehme an, jeder hat mindestens eine solche Regel, und wir alle halten unsere eigenen Regeln für vernünftig und die der anderen für völlig absurd.

Über dem Kamin hängt eine gerahmte Stickarbeit, die ein rotes Haus zeigt, umgeben von einem grünen Rechteck, das den Garten darstellen soll. Anstelle von Blumen wird das geschlossene Grün des Rasens von gestickten Worten in Orange aufgelockert: »Melrose Cottage, Little Holling, Silsford«. Darunter steht in kleineren gelben Buchstaben »Connie und Kit, 13. Juli 2004«.

»Aber Melrose ist überhaupt nicht rot«, pflegte ich regelmäßig zu protestieren, bevor ich es aufgab. »Es ist aus weißem Kalkstein erbaut. Glaubst du, Mutter hat sich ausgemalt, wie es wohl in Blut getaucht aussehen würde?« Als frischgebackene Hausbesitzer nannten Kit und ich unser Cottage »Melrose«. Inzwischen, nach all den Jahren, die wir hier leben, kennen wir es wie unsere Westentasche und nennen es nur noch »Mellers.«

Was würde ein unvoreingenommener Beobachter von der Stickarbeit halten? Würde er glauben, Kit und ich seien so bescheuert, dass wir unsere Namen vergessen könnten und das Datum des Hauskaufs? Dass wir uns deshalb diese Stickerei als Gedächtnisstütze an die Wand gehängt hätten? Würde er darauf kommen können, dass es ein selbst gemachtes Einzugsgeschenk von Connies Mutter ist, und dass diese Connie es kitschig und total krass findet und hart darum gekämpft hat, es auf den Dachboden zu verbannen?

Kit war es, der darauf bestanden hatte, dass wir es aufhängen, aus Loyalität gegenüber unserem Haus und meiner Mutter. Er meinte, unser Schlafzimmer sei der perfekte Platz dafür, da unsere Gäste es dort nicht zu Gesicht bekämen. Ich glaube, er nimmt das Stickbild gar nicht mehr wahr. Ich schon – jeden Abend vor dem Einschlafen und jeden Morgen beim Aufwachen. Es deprimiert mich aus einer ganzen Reihe von Gründen.

Wenn jemand in unser Schlafzimmer spähte, würde er nichts von alledem sehen – nicht die Diskussionen, nicht die Kompromisse. Er würde Kits fehlenden Nachttisch nicht sehen oder das Bild, das ich gern über den Kamin gehängt hätte, wenn die grässliche Stickerei mit dem roten Haus nicht wäre.

Was beweist, dass es einem gar nichts verrät, wenn man einen Blick in das Haus eines anderen wirft. Und somit hat auch das, was ich gleich tun werde, sobald Kit fest schläft, keinen Sinn. Eigentlich sollte ich einfach schlafen.

So leise ich kann, schlage ich meine Seite der Decke zurück, steige aus dem Bett und schleiche mich auf Zehenspitzen ins zweite Schlafzimmer, das wir in ein Büro umgewandelt haben. Wir leiten unsere Firma von hier aus, was ein bisschen absurd ist, wenn man bedenkt, dass das Zimmer gerade mal sieben Quadratmeter groß ist. Wie unser Schlafzimmer hat es einen Kamin. Es ist uns gelungen, zwei Schreibtische hineinzuzwängen, einen Bürostuhl für jeden von uns und drei Aktenschränke. Als die Eintragungsurkunde von der Handelsregisterbehörde eintraf, kaufte Kit einen Rahmen und hängte das Dokument an die Wand gegenüber der Tür, sodass der Blick zuerst darauf fällt, wenn man den Raum betritt. »Das ist gesetzlich vorgeschrieben«, erklärte er, als ich mich darüber beklagte, wie uninspirierend und bürokratisch das wirke. »Die Urkunde muss im Hauptsitz des Unternehmens ausgehängt werden. Willst du etwa, dass Nulli sein Leben als Gesetzloser beginnt?«

Nulli Secundus Ltd. Das bedeutet »unerreicht« oder »unübertroffen« und war Kits Wahl. »Damit fordern wir nur das Schicksal heraus und verurteilen uns zum Scheitern«, wandte ich ein, als wir besprachen, wie wir uns nennen sollten, denn ich stellte mir vor, wie viel schlimmer eine Insolvenz mit einem solchen Firmennamen sein würde. Mein Vorschlag war »C & K Bowskill Ltd.«. »Das sind doch unsere Namen!«, lautete Kits vernichtende Antwort, als wüsste ich das nicht. »Beweis doch mal ein bisschen Fantasie, um Himmels willen. Gründen wir das Unternehmen etwa, um pleitezugehen? Ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber ich persönlich will, dass es ein Erfolg wird.«

Aus was hast du noch einen Erfolg gemacht, Kit? Von dem ich nichts weiß?

Das ist lächerlich, Connie. Deine Lächerlichkeit ist unerreicht.

Ich berühre das Touchpad meines Laptops, und er erwacht zum Leben. Die Startseite von Google erscheint. Ich gebe »Haus kaufen« in die Suchmaske ein, drücke die Enter-Taste und warte. Der erste Treffer ist Roundthehouses.co.uk, das sich zum führenden Immobilienportal Großbritanniens erklärt. Ich klicke die Seite an und denke dabei, dass die Roundthehouses-Leute eher Kits Denken anhängen als meinem: Sie machen sich keine Gedanken über die Demütigung, die eine Insolvenz für sie bedeuten würde.

Die Seite lädt: Außenaufnahmen von zum Verkauf stehenden Häusern unter einem dunkelroten Band mit winzigen Bildern von Lupen darin, durch die körperlose Augenpaare blicken. Die Augen wirken unheimlich, fremdartig und erinnern mich an Menschen, die sich im Dunkeln verbergen, um einander auszuspionieren.

Ist das nicht genau das, was du gerade auch tust?

Ich gebe »Cambridge« in das Feld für den Ort ein und klicke in der Spalte »Immobilien suchen« auf »Kaufen«. Ein neues Fenster erscheint und bietet mir weitere Wahlmöglichkeiten. Ich arbeite mich ungeduldig hindurch – Suchradius: nur dieser Ort; Immobilienart: Einfamilienhaus; Anzahl der Schlafzimmer: egal; Kaufpreis: egal; seit wann auf dem Markt? Wann wurde Bentley Grove 11 wohl dem Makler übergeben? Ich klicke auf »in den letzten sieben Tagen«. Das Verkaufsschild, das ich heute auf dem Grundstück gesehen habe – oder vielmehr gestern, da es jetzt Viertel nach eins ist –, stand vor einer Woche noch nicht da.

Ich klicke auf »Suchen«, trommle mit meinen bloßen Füßen auf den Boden und schließe kurz die Augen. Als ich sie wieder öffne, sind mehrere Häuser auf dem Monitor zu sehen: ein Haus in der Chaucer Road für 4 Millionen Pfund und eins in der Newton Road für 2,3 Millionen. Ich kenne beide Straßen, sie gehen von der Trumpington Road ab, und der Bentley Grove ist ganz in der Nähe. Sie sind mir auf meinen vielen Fahrten nach Cambridge aufgefallen, von denen keiner etwas weiß.

Bentley Grove 11 ist das dritte Haus auf der Liste. Angeboten wird es für 1,2 Millionen Pfund. Es überrascht mich, dass es so teuer ist. Das Haus ist relativ groß, aber nichts Spektakuläres. Offensichtlich gilt dieser Teil von Cambridge als bevorzugte Lage, obwohl die Gegend auf mich immer einen ziemlich normalen Eindruck gemacht hat und der Verkehr auf der Trumpington Road häufiger stockt als fließt. Es gibt einen Waitrose-Supermarkt, ein indisches Restaurant, einen gehobenen Weinladen und etliche Immobilienmakler. Und etliche enorm teure Villen. Wenn der Preis für alle Häuser in diesem Teil der Stadt in die Millionen geht, bedeutet das doch, es muss genug Leute geben, die es sich leisten können, so viel zu bezahlen. Wer sind diese Leute? Sir Cliff Richard kommt mir in den Sinn, keine Ahnung warum. Wer sonst noch? Leute, denen Fußballvereine gehören oder die Ölquellen im Garten haben? Ganz bestimmt nicht ich oder Kit, und bei uns läuft es so gut, geschäftlich gesehen, wie wir es uns nur erhoffen können.

Ich schüttle diese Gedanken ab. Du bist doch verrückt. Du solltest jetzt schlafen, aber stattdessen hockst du im Dunklen über einen Computer gebeugt und fühlst dich Cliff Richard unterlegen. Reiß dich am Riemen, Frau!

Um die Details aufzurufen, klicke ich das Bild des Hauses an, das ich so gut kenne und doch überhaupt nicht. Ich glaube, kein Mensch auf der Welt hat so viel Zeit damit zugebracht, auf die Front dieses Hauses zu starren wie ich. Ich kenne jeden Ziegel. Es ist seltsam, schockierend fast, ein Foto des Hauses auf meinem Computer zu sehen – in meinem Haus, wo es nicht hingehört.

Du lädst dir den Feind ins Haus ein …

Es gibt keinen Feind, sage ich mir entschieden. Sei vernünftig, bring es hinter dich und geh wieder ins Bett.

Kit hat angefangen zu schnarchen. Gut. Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll, wenn er mich bei dieser Aktion erwischen würde, die sicherlich starke Zweifel an meiner geistigen Gesundheit aufkommen lässt.

Die Seite wird geladen. Ich habe kein Interesse an dem großen Foto links, das von der anderen Straßenseite aufgenommen wurde. Was ich sehen will, ist das Innere des Hauses. Eins nach dem anderen klicke ich die kleinen Bilder auf der rechten Seite des Bildschirms an, um sie zu vergrößern. Erst eine Küche mit Arbeitsflächen aus Holz, eine doppelte Spüle, blau gestrichene Fronten, eine Insel mit Holzplatte und blauen Fronten …

Kit hasst Kücheninseln. Er findet sie hässlich und angeberisch – ein aus den USA importierter affektierter Wohntrend. Bald werden sie so out sein wie avocadogrüne Badezimmer, sagt er. In unserem Haus stand auch eine Kücheninsel, die hatte er schon vierzehn Tage nach unserem Einzug entsorgt, um dann bei einem Tischler aus der Gegend einen großen runden Eichentisch in Auftrag zu geben.

Die Küche, auf die ich jetzt schaue, kann also nicht Kits Küche sein, nicht, wenn eine Insel darin steht.

Natürlich ist das nicht Kits Küche. Kits Küche ist unten – und zufällig auch unsere gemeinsame Küche.

Ich klicke ein Bild des Wohnzimmers an. Ich habe es schon einmal gesehen, wenn auch nur kurz. Bei einem meiner Besuche war ich so mutig – oder so dämlich, wie man’s nimmt –, das Gartentor zu öffnen, den langen Weg hochzugehen, der auf beiden Seiten von Lavendel gesäumt ist und den Vorgarten in zwei Teile teilt, um durchs Fenster zu spähen. Ich hatte solche Angst, beim unbefugten Betreten des Grundstücks erwischt zu werden, dass ich mich gar nicht richtig konzentrieren konnte. Ein paar Sekunden später trat ein alter Mann mit den dicksten Brillengläsern, die ich je gesehen habe, aus dem Nachbarhaus und wandte seine enorm vergrößerten Augen in meine Richtung. Ich hastete zum Auto zurück, bevor er mich fragen konnte, was ich hier zu suchen hätte. Und so blieb mir von dem Zimmer wenig mehr in Erinnerung als weiße Wände und ein graues, L-förmiges Sofa mit komplizierten roten Stickereien darauf.

Jetzt betrachte ich ebendieses Sofa auf meinem Computerbildschirm. Es ist eigentlich nicht grau, sondern mehr eine Art wolkiges Silber. Es sieht teuer aus, wie ein Unikat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch mehr solcher Sofas gibt.

Kit liebt Unikate. Soweit es irgendwie möglich ist, meidet er Massenprodukte. Alle Becher in unserer Küche sind individuell von einer Töpferin aus Spilling gefertigt und bemalt.

Jedes einzelne Möbelstück in dem Wohnzimmer auf meinem Monitor wirkt wie ein Einzelstück: ein Stuhl mit enormen geschwungenen Armlehnen, die aussehen wie die Unterseiten eines Ruderboots, ein ungewöhnlicher Glastisch mit so etwas wie einem liegenden Schaukasten mit sechzehn Fächern unter der Glasplatte. Jedes Fach enthält eine kleine Blüte mit einem roten Kreis in der Mitte und blauen Blütenblättern, die nach oben Richtung Glasplatte zeigen.

Alle diese Möbel würden Kit gefallen. Ich schlucke und sage mir, dass das gar nichts beweist.

Es gibt einen gekachelten Kamin, über dem eine große gerahmte Landkarte hängt, einen Kaminsims, Nischen zu beiden Seiten. Ein symmetrischer Raum, ein Raum ganz nach Kits Geschmack. Mir ist leicht übel.

Herrgott noch mal, das ist doch verrückt. Wie viele Wohnzimmer sind in diesem Land nach demselben Grundmuster gebaut: Kamin, Kaminsims, Nischen rechts und links davon? Es ist ein klassisches Design, auf der ganzen Welt verbreitet. Kit spricht es an, ebenso wie Millionen anderer Leute auch.

Es ist schließlich nicht so, als würde seine Jacke über dem Treppengeländer hängen oder sein gestreifter Schal auf einem Stuhl liegen …

Rasch, weil ich mit dieser Aufgabe fertig werden will, die ich mir selbst auferlegt habe, – im Bewusstsein, dass ich mich dadurch nicht besser fühle, sondern schlechter –, arbeite ich mich durch die übrigen Zimmer und vergrößere die Fotos. Flur und Treppe, mit beigem Teppichboden ausgelegt, ein klobiges Treppengeländer aus dunklem Holz. Ein Hauswirtschaftsraum mit himmelblauen Schrankfronten wie die in der Küche. Honigfarbener Marmor im Badezimmer – sauber und ostentativ teuer.

Ich klicke ein Bild des Gartens an. Der Garten hinter dem Haus ist viel größer, als ich erwartet hätte, schließlich habe ich das Haus immer nur von vorne gesehen. Ich scrolle zum Text unter den Fotos und erfahre, dass er etwas über viertausend Quadratmeter groß ist. Es ist die Art Garten, die ich wahnsinnig gern hätte: es gibt eine Terrasse mit einem Tisch und Stühlen, eine Hollywoodschaukel, eine riesige Rasenfläche, Bäume und dahinter üppige gelbe Felder. Ein idyllischer Blick in die Landschaft, fußläufig zehn Minuten vom Zentrum von Cambridge entfernt. Allmählich fange ich an zu verstehen, warum das Haus 1,2 Millionen kosten soll. Ich versuche, das, was ich sehe, nicht mit unserem Garten zu vergleichen, der ungefähr so groß ist wie eine halbe Einzelgarage. Er bietet gerade mal genug Platz, um einen schmiedeeisernen Gartentisch, vier Stühle und ein paar Pflanzen in Terrakottatöpfen unterzubringen.

Das war’s. Ich habe mir alle Fotos angesehen. Ich habe alles gesehen, was es zu sehen gibt.

Und nichts gefunden. Bist du jetzt zufrieden?

Ich gähne und reibe mir die Augen. Gerade will ich die Roundthehouses-Website schließen und wieder ins Bett gehen, als mir unter dem Foto des Gartens eine Reihe von Buttons auffällt: »Street View«, »Grundriss«, »virtueller Rundgang«. Den Blick von der Straße aus brauche ich nicht– den habe ich in den letzten sechs Monaten reichlich genossen –, aber ich könnte mir den Grundriss ansehen, wenn ich schon mal dabei bin. Ich klicke auf den Button und fast sofort danach auf das x, um die Seite wieder zu schließen, die gerade erschienen ist. Es wird mir nicht helfen, wenn ich weiß, welcher Raum sich wo befindet, mit dem virtuellen Rundgang ist mir besser gedient. Werde ich das Gefühl haben, selbst durchs Haus zu gehen, in jedes Zimmer zu sehen? Ja, das würde ich gerne tun.

Damit werde ich mich dann auch zufriedengeben.

Ich drücke auf den Button und warte darauf, dass der Rundgang lädt. Ein neuer Button erscheint: »Video«. Ich klicke ihn an. Zuerst wird die Küche gezeigt. Ich sehe das, was ich bereits auf dem Foto gesehen habe, und noch etwas mehr, als die Kamera mit einer 360-Grad-Drehung den übrigen Raum erfasst. Es folgt noch eine Drehung und noch eine. Das schnelle Rotieren macht mich schwindelig, als wäre ich auf einem Karussell, das nicht anhalten will. Ich schließe die Augen, ich brauche eine Pause. Ich bin so müde. Die Fahrt nach Cambridge und zurück fast jeden Freitag tut mir nicht gut. Nicht die körperliche Anstrengung laugt mich aus, sondern die Heimlichtuerei. Ich muss nach vorne schauen, endlich loslassen.

Als ich die Augen wieder öffne, ist alles voll roter Farbe. Erst weiß ich gar nicht, was ich da sehe, und dann … O Gott. Das kann nicht sein. Scheiße. O Gott. Blut. Eine Frau liegt mitten im Raum, mit dem Gesicht auf dem Boden, und auf dem beigen Teppich ist Blut, eine riesige Blutlache. Kurz denke ich in meiner Panik, dass es mein Blut ist. Ich schaue an mir hinunter. Kein Blut. Natürlich nicht – das ist nicht mein Teppichboden, das ist nicht mein Haus. Sondern Bentley Grove 11. Das Wohnzimmer, es dreht sich. Der Kamin, die gerahmte Landkarte darüber, die Tür zum Flur steht offen …

Die tote Frau, das Gesicht in einem Meer von Rot. Als wäre alles Blut, das in ihr war, aus ihr herausgequetscht worden, jeder einzelne Tropfen …

Ich gebe einen Laut von mir, der ein Schrei sein könnte. Ich versuche, Kits Namen zu rufen, aber es gelingt mir nicht. Wo ist das Telefon? Nicht auf der Ladestation. Wo ist mein Blackberry? Soll ich 999 anrufen? Keuchend strecke ich die Hand nach irgendetwas aus, ich weiß nicht genau nach was. Ich kann den Blick nicht vom Bildschirm wenden. Dort dreht sich immer noch das Blut, die Tote dreht sich langsam. Die Frau muss tot sein, es muss Blut sein. Nach außen hin rot, fast schwarz in der Mitte. Schwarzrot, dick wie Teer. Mach, dass es aufhört, sich zu drehen.

Ich stehe auf und werfe meinen Stuhl um. Mit einem dumpfen Aufschlag landet er auf den Boden. Ich weiche von meinem Schreibtisch zurück, will nur noch weg. Raus hier, raus hier, schreit eine Stimme in meinem Kopf. Ich stolpere in die falsche Richtung, ich bin nicht einmal in der Nähe der Tür. Sieh nicht hin. Nicht mehr hinsehen. Ich kann nicht anders. Mein Rücken stößt gegen die Wand, etwas Hartes drückt sich in meine Haut. Ich höre ein Krachen und trete auf etwas, das knirscht. Ein stechender Schmerz jagt durch meine Fußsohlen. Ich schaue hinunter und sehe zersplittertes Glas. Blut. Mein Blut diesmal.

Irgendwie schaffe ich es, aus dem Raum zu kommen und die Tür hinter mir zu schließen. Besser. Jetzt ist etwas zwischen dem und mir. Kit. Ich brauche meinen Mann. Ich stürze in unser Schlafzimmer, schalte das Licht ein und breche in Tränen aus. Wie kann er es wagen zu schlafen? »Kit!«

Er stöhnt. Blinzelt. »Licht aus«, murmelt er, benommen vom Schlaf. »Scheiße, was is’ los? Wie spät ist es?«

Ich stehe weinend da, und meine Füße bluten auf den weißen Teppich.

»Con?« Kit setzt sich schwerfällig auf und reibt sich die Augen. »Was ist los? Was ist passiert?«

»Sie ist tot«, sage ich zu ihm.

***

»Wer ist tot?« Er ist jetzt hellwach. Er langt unter das Bett, greift nach seiner Brille und setzt sie auf.

»Ich weiß nicht! Eine Frau«, schluchze ich. »Auf dem Computer.«

»Was für eine Frau? Wovon redest du?« Er wirft die Bettdecke von sich und steht auf. »Deine … Was hast du mit deinen Füßen angestellt? Sie bluten.«

»Ich weiß nicht.« Mehr bringe ich nicht heraus. »Ich habe einen virtuellen …« Es fällt mir schwer, zu atmen und gleichzeitig zu sprechen.

»Sag mir nur, dass es allen gut geht. Deiner Schwester, Benji …«

»Was?« Meine Schwester? »Es hat nichts mit ihnen zu tun, es ist eine Frau. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen.«

»Du bist ja weiß wie ein Laken, Con. Hattest du einen Albtraum?«

»Auf meinem Laptop. Sie ist dort, jetzt«, schluchze ich. »Sie ist tot. Sie muss tot sein. Wir sollten die Polizei rufen.«

»Schatz, da ist keine tote Frau auf deinem Laptop.« Kit will mich beruhigen, aber ich höre die Ungeduld aus seiner Stimme heraus. »Du hast schlecht geträumt.«

»Geh doch hin und sieh selbst!«, schreie ich ihn an. »Es ist kein Traum. Geh da rein und sieh selbst!«

Er schaut wieder auf meine Füße, auf die Blutspuren auf dem Teppich und den Dielen – eine gepunktete rote Linie, die zur Schlafzimmertür führt. »Was ist mit dir passiert?«, fragt er. Wirke ich schuldbewusst? »Was ist hier los?« Der besorgte Tonfall ist verschwunden, seine Stimme ist hart und voller Misstrauen. Ohne meine Antwort abzuwarten, marschiert er in Richtung Gästezimmer.

»Nein!«, stoße ich hervor.

Er bleibt im Flur stehen. Dreht sich um. »Nein? Ich dachte, du wolltest, dass ich mir deinen Computer ansehe.« Ich habe ihn wütend gemacht. Alles, was seinen Schlaf stört, macht ihn wütend.

Ich kann ihn nicht gehen lassen, bevor ich es erklärt habe oder zumindest versucht habe, es zu erklären. »Ich habe einen virtuellen Rundgang durch ein Haus gemacht. Durch Bentley Grove 11«, sage ich.

»Was?! Was soll der Scheiß, Connie!«

»Hör mir zu. Hör einfach zu, ja? Das Haus steht zum Verkauf. Bentley Grove 11 steht zum Verkauf.«

»Woher weißt du das?«

»Ich … ich weiß es einfach, okay?« Ich wische mir das Gesicht ab. Wenn ich angegriffen werde, darf ich nicht weinen. Ich muss mich darauf konzentrieren, mich zu verteidigen.

»Das ist einfach … Connie, das ist dermaßen abgefuckt, ich weiß gar nicht, wo ich …« Kit schiebt sich an mir vorbei, er will zurück ins Bett.

Ich packe ihn am Arm. »Du kannst nachher wütend sein, aber erst hör mir zu. Ja? Das ist alles, was ich von dir verlange.«

Er schüttelt mich ab. Ich hasse es, wie er mich ansieht.

Was hast du denn erwartet?

»Ich höre dir zu«, entgegnet er ruhig. »Du sprichst seit einem halben Jahr von Bentley Grove 11, und ich höre dir zu. Wann wird das endlich ein Ende haben?«

»Das Haus steht zum Verkauf«, erkläre ich so beherrscht wie möglich. »Ich habe es bei Roundthehouses gesehen, einem Immobilienportal.«

»Wann?«

»Eben gerade, kurz … vorher.«

»Du hast gewartet, bis ich eingeschlafen war?« Kit schüttelte angewidert den Kopf.

»Es gibt einen virtuellen Rundgang durch das Haus, und ich … ich dachte, ich könnte ja mal …« Es ist besser, wenn ich es nicht ausspreche. Obwohl er sich natürlich denken kann, was ich mir gedacht habe. »Da war eine Frau, im Wohnzimmer, sie lag mit dem Gesicht auf dem Boden, und alles um sie herum war voller Blut, eine riesige Blutlache …« Von der Beschreibung wird mir so übel, dass ich mich fast übergeben muss.

Kit tritt einen Schritt zurück und schaut mich an, als hätte er mich noch nie zuvor gesehen. »Also, damit wir uns richtig verstehen: Du bist auf die Roundthehouses-Seite gegangen, hast dir den virtuellen Rundgang von Bentley Grove 11 angesehen, einem Haus, das, wie du zufällig weißt, zum Verkauf steht, und dabei hast du eine tote Frau in einem der Zimmer entdeckt?«

»Im Wohnzimmer.«

Er lacht. »Das ist originell, sogar für dich.«

»Es ist noch auf dem Monitor«, entgegne ich. »Geh doch hin und überzeug dich selbst, wenn du mir nicht glaubst.« Ich zittere, mir ist plötzlich eiskalt.

Er wird sich weigern. Er wird ignorieren, was ich gesagt habe, und sich wieder hinlegen, um mich zu bestrafen, und weil es unmöglich wahr sein kann. Es kann keine Tote auf der Roundthehouses-Website geben, die in einer Riesenlache ihres eigenen Bluts liegt.

Kit seufzt. »Gut«, sagt er. »Ich sehe es mir an. Offensichtlich bin ich wirklich der Riesentrottel, für den du mich hältst.«

»Ich denke mir das nicht aus!«, rufe ich hinter ihm her. Ich will mit ihm gehen, aber mein Körper weigert sich. Jede Sekunde wird Kit das sehen, was ich gesehen habe. Ich kann das Warten kaum ertragen, da ich weiß, was gleich geschehen wird.

»Klasse«, höre ich Kit sagen. Er redet mit sich selbst. Oder vielleicht redet er auch mit mir. »Ich wollte mir schon immer mal mitten in der Nacht die Geschirrspülmaschine irgendwelcher fremder Leute ansehen.«

Geschirrspülmaschine. Es muss eine Programmschleife sein. Während ich weg war, hat das Video wieder von vorn angefangen. »Die obligatorische Kücheninsel«, murmelt Kit. »Warum machen die Leute das nur?«

»Das Wohnzimmer kommt nach der Küche«, sage ich und zwinge mich, auf den Flur hinauszutreten. Noch näher herangehen will ich nicht. Ich kann kaum atmen. Der Gedanke, dass Kit gleich das sehen wird, was ich gesehen habe, ist kaum auszuhalten – niemand sollte so etwas sehen müssen. Es ist zu schrecklich. Gleichzeitig ist es notwendig, dass er …

Dass er was? Dir bestätigt, dass es real ist, dass du es dir nicht nur eingebildet hast?

Ich bilde mir keine Dinge ein, die gar nicht da sind. Das tue ich nicht. Manchmal ängstigen mich Dinge, die mir vielleicht keine Angst machen müssten, aber das ist nicht dasselbe. Ich weiß, was wahr ist und was nicht. Mein Name ist Catriona Louise Bowskill. Wahr. Ich bin vierunddreißig Jahre alt. Wahr. Ich wohne im Melrose Cottage in Little Holling, Silsford, mit meinem Mann Christian, der immer schon Kit genannt wurde, genau wie ich immer Connie genannt wurde. Wir haben eine eigene Firma – sie heißt Nulli Secundus. Wir sind Daten-Management-Berater, oder vielmehr, Kit ist es. Mein offizieller Titel ist Finanzdirektorin und Geschäftsführerin. Kit arbeitet Vollzeit für Nulli Secundus. Ich Teilzeit, drei Tage die Woche. Dienstags und donnerstags arbeite ich im Geschäft meiner Eltern, Monk & Sons Fine Furnishings, unter einer altmodischeren Berufsbezeichnung: Buchhalterin. Meine Eltern heißen Val und Geoff Monk. Sie wohnen ein Stückchen weiter die Straße hinunter. Ich habe eine Schwester, Fran, die zweiunddreißig ist. Sie arbeitet ebenfalls für Monk & Sons: sie leitet die Gardinen- und Jalousien-Abteilung. Sie hat einen Lebensgefährten, Anton, und beide haben einen fünfjährigen Sohn, Benji. Alle diese Dinge sind wahr, und es ist ebenfalls wahr – auf genau dieselbe Weise wahr –, dass ich vor weniger als zehn Minuten einen virtuellen Rundgang durch ein Haus unternommen habe, Bentley Grove 11 in Cambridge, und eine tote Frau auf einem blutgetränkten Teppich liegen sah.

»Bingo: das Wohnzimmer«, höre ich Kit sagen. Als ich seinen Ton höre, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Wie kann er so gedankenlos daherreden, es sei denn …

»Interessanter Couchtisch. Etwas bemüht allerdings, würde ich sagen. Keine Tote, kein Blut.«

Was? Wovon redet er? Er irrt sich. Ich weiß doch, was ich gesehen habe.

Ich schiebe die Tür auf und zwinge mich, das Arbeitszimmer zu betreten. Nein. Das ist unmöglich. Auf dem Bildschirm dreht sich langsam das Wohnzimmer, aber es ist keine Leiche darin – keine Frau mit dem Gesicht nach unten, keine riesige rote Lache. Der Teppichboden ist beige. Als ich näher trete, sehe ich einen Flecken in der Ecke, aber … »Es ist nicht da«, sage ich.

Kit steht auf. »Ich gehe wieder ins Bett.« Seine Stimme ist eisig vor Wut.

»Aber … wie kann das einfach verschwinden?«

»Tu das nicht.« Er ballt die Hand zur Faust und schlägt gegen die Wand. »Wir werden das jetzt nicht ausdiskutieren. Ich habe eine gute Idee: reden wir nie wieder davon. Tun wir einfach so, als wäre es nie passiert.«

»Kit …«

»Ich kann so nicht weitermachen, Con. Wir können so nicht weitermachen.«

Er drängt sich an mir vorbei. Ich höre die Schlafzimmertür zuknallen. Zu geschockt, um zu weinen, setze ich mich auf den Stuhl, der noch warm ist von Kits Körper, und starre auf den Monitor. Als das Wohnzimmer verschwindet, warte ich, bis es wieder erscheint, für den Fall, dass die Tote und das Blut ebenfalls wieder auftauchen. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber das, was bereits geschehen ist, ist ebenfalls unwahrscheinlich, und es ist trotzdem passiert.

Ich sehe mir den virtuellen Rundgang vier Mal an. Jedes Mal, wenn die Küche ausgeblendet wird, halte ich den Atem an. Jedes Mal erscheint ein makelloses Wohnzimmer ohne Tote, ohne Blut. Schließlich, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll, klicke ich auf den x-Button in der rechten oberen Ecke des Bildschirms, um den Rundgang abzubrechen.

Das ist unmöglich.

Ein letztes Mal, diesmal ganz von vorn. Ich starte den Internet Explorer neu, gehe wieder zu Roundthehouses, vollziehe jeden meiner Schritte nach: finde erneut das Objekt Bentley Grove 11, klicke auf den Video-Button, setze mich hin und schaue es mir an. Keine Frau. Kein Blut. Kit hat immer noch recht. Ich liege immer noch falsch.

Ich knalle den Laptop zu. Ich sollte die Scherben auffegen und die echten Blutspuren auf meinem eigenen Teppich beseitigen. Ich starre auf die Eintragungsurkunde von der Handelsregisterbehörde, die in ihrem zersplitterten Rahmen auf dem Fußboden liegt. In meinem Schock über den Anblick der Toten muss ich sie von der Wand gerissen haben. Kit wird sich darüber aufregen. Als ob er nicht schon genug Gründe hätte, sich aufzuregen.

Eine Urkunde neu rahmen zu lassen ist leicht. Zu entscheiden, was ich wegen einer Toten unternehmen soll, die verschwunden ist, und die ich mir vielleicht sowieso nur eingebildet habe, ist nicht so einfach.

Soweit ich sehen kann, habe ich zwei Alternativen. Entweder versuche ich, es zu vergessen und mir einzureden, dass die grauenhafte Szene, die ich gesehen habe, nur in meinem Kopf existiert. Oder ich rufe Simon Waterhouse an.

Asservaten-Nr. : CB13345/432/19IG

CAVENDISH LODGE GRUNDSCHULE

Elternbrief Nr. 581

Datum: Montag, 19. Oktober 2009

Herbstgedanken von Mrs Kennedys Klasse

KASTANIEN SIND …

Seidenglatt,

Samtig und schokoladenbraun

Und außen rostig rot.

Ihre schimmernden Schalen sind hart,

Cremig und fühlen sich kühl an.

Ich liebe den Herbst, weil

Im Herbst die Kastanien von den Bäumen fallen.

Ich liebe Kastanien SO sehr!

von Riordan Gilpatrick

KASTANIEN

Sie fallen von den Bäumen

Und treffen einen am Kopf.

Man kann sie auf Bindfaden aufziehen,

Mit ihnen kämpfen,

Man kann sie sammeln,

Und aufs Regal legen.

Grün-braun-orangerot, das ist die Farbe von

Kastanien!

von Emily Sabine

Gut gemacht, ihr beiden – ihr habt wirklich den Herbst in unseren Köpfen lebendig werden lassen!

Danke!

2

17. 07. 10

DC Chris Gibbs, der gern wettet, hätte tausend zu eins dagegen gesetzt, dass es Olivia gelingen würde, den Concierge zu überreden, ihnen noch einen Drink zu servieren, obwohl die Hotelbar offiziell längst geschlossen hatte. Glücklicherweise hätte er damit falsch gelegen.

»Nur noch einen klitzekleinen Absacker«, hauchte sie, als würde sie jemandem ein Geheimnis anvertrauen. Was für eine Stimme. Sie wirkte irgendwie unnatürlich. Nichts an Olivia schien ganz natürlich zu sein.

»Also, vielleicht ja auch nicht so ganz klitzeklein«, berichtigte sie sich rasch, nachdem sie sich die prinzipielle Zustimmung gesichert hatte. »Einen doppelten Laphroaig für Chrissy und einen doppelten Baileys für mich, schließlich haben wir was zu feiern.«

Gibbs erstarrte. Noch nie hatte jemand ihn »Chrissy« genannt. Er betete, dass es nicht wieder vorkommen möge, wollte aber kein großes Ding daraus machen. Mist! Ob der Concierge jetzt wohl glaubte, dass er sich selbst Chrissy nannte? Hoffentlich machte sein Äußeres klar, dass er das nicht tat und auch nie tun würde.

Olivia lehnte sich dekorativ über die Bar, während sie wartete, wobei sie noch mehr von ihrem Weltklasse-Busen enthüllte. Gibbs merkte, dass der Concierge guckte, obwohl er so tat, als würde er das nicht tun. Alle Männer machten das, aber niemand so geschickt wie Gibbs, seiner nicht sehr bescheidenen Meinung nach.

»Kein Eis«, sagte Olivia. »Oh, und natürlich auch noch einen von dem, was Sie trinken – wir wollen doch den Mann hinter dem Tresen nicht vergessen! Einen doppelten von irgendwas leckerem Hochprozentigen für Sie!«

Gibbs war froh, dass sie ebenso betrunken war wie er. Nüchtern war sie ein bisschen viel für ihn gewesen, aber wie man mit Betrunkenen umging, wusste er. Er hatte schon genug Besoffene verhaftet. Zugegeben, die meisten trugen keine sonderbar geschnittenen Kleider aus Goldstoff, die zweitausend Pfund gekostet hatten. Er hatte es nicht glauben wollen, als sie es vorhin erwähnte, und das auch gesagt, aber sie hatte nur gelacht.

»Nett von Ihnen, Madam, aber ich brauche nichts, danke«, sagte der Concierge.

»Ohne Eis, hatte ich das schon gesagt? Ich weiß nicht mehr, ob ich es schon laut ausgesprochen oder nur gedacht hatte. Das passiert mir ständig. Keiner von uns beiden mag Eis, stimmt’s?« Olivia wandte sich an Gibbs, aber bevor er eine Chance hatte, sich dazu zu äußern, redete sie schon wieder mit dem Concierge. »Wir wussten gar nicht, dass wir irgendwas gemeinsam hatten – ich meine, schauen Sie uns doch an! Wir sind so unterschiedlich! – aber dann stellte sich heraus, dass wir beide Eis hassen.«

»Das tun viele«, meinte der Concierge lächelnd. Vielleicht gefiel ihm ja nichts besser, als die ganze Nacht aufzubleiben, angezogen wie ein Butler aus den Zwanzigerjahren, und einer pickfeinen lauten Frau und einem unfreundlichen Bullen, die beide schon viel zu viel intus hatten, Drinks zu servieren. »Aber andererseits, viele auch nicht.«

Gib uns die Drinks und erspar uns deine langweiligen Betrachtungen. Gibbs schnappte sich seinen Laphroaig und war schon auf dem Weg zurück zu ihrem Tisch, als er Olivia sagen hörte:

»Wollen Sie denn gar nicht fragen, was wir feiern?«

Er überlegte, ob es unhöflich war, sie dort allein stehen zu lassen, ob er lieber umkehren und sich wieder zu ihr gesellen sollte, brauchte aber weniger als eine Sekunde, um zu entscheiden, dass es ihm egal war. Wenn sie und der Jeeves-Doppelgänger sich gegenseitig zu Tode langweilen wollten, war das ihr Bier. Er hatte seinen Whisky, den Extra-Drink, mit dem er nie gerechnet hätte, mehr wollte er nicht.

»Wir waren heute auf einer Hochzeit, und wissen Sie was?«, dröhnte Olivias Stimme hinter ihm. »Sonst war niemand da! Abgesehen von Braut und Bräutigam, meine ich. Meine Schwester Charlie war die Braut. Chris und ich waren die beiden Trauzeugen und die einzigen Gäste.«

Nichts mehr mit »Chrissy« also. Gott sei Dank.

»Sie haben sich beide einen Trauzeugen ausgesucht«, fuhr Olivia fort. »Charlie hat mich gewählt und Simon hat … Entschuldigung, hatte ich Simon schon erwähnt? Er ist der Mann meiner Schwester – seit heute! Simon Waterhouse. Der Bräutigam.« Sie sagte es, als müsste der Concierge schon von ihm gehört haben.

Es ärgerte Gibbs ein wenig – wahrscheinlich nur, weil er blau war –, dass sie ihren Satz nicht beendet hatte: und Simon hat Chris ausgesucht. Es lag auf der Hand, obwohl sie es nicht gesagt hatte. Wenn beide sich einen Trauzeugen ausgesucht hatten und Charlie sich für Olivia entschieden hatte, dann musste Waterhouse sich für Gibbs entschieden haben. Nicht, dass das den Concierge irgendwas anging. Es war so, ob er es nun wusste oder nicht.

Gestern, bevor er nach Torquay gefahren war, hatte Gibbs seine Frau Debbie gefragt, was sie glaubte, warum Waterhouse wohl ausgerechnet ihn ausgesucht habe.

»Warum nicht?«, hatte sie erwidert, ohne den Blick von dem Hemd abzuwenden, das sie gerade bügelte, ganz offensichtlich völlig uninteressiert an einer Diskussion über diese Frage. Momentan war in ihrem Kopf für nichts anderes Platz als für ihre letzte künstliche Befruchtung. Am Dienstag waren die Embryonen übertragen worden – zwei Stück, die beiden gesündesten Exemplare. Gibbs betete zu Gott, dass sie am Ende nicht mit Zwillingen dastehen würden. Ein Kind wäre schon …

Schlimm genug? Nein, nicht direkt schlimm. Aber hart. Und wenn die Embryos nicht anwuchsen, wenn Debbie immer noch nicht schwanger war nach allem, was sie auf sich genommen hatten, und den Unsummen, die sie dafür bezahlt hatten – das wäre noch härter. Das Schlimmste war, endlos über ihre ungewollte Kinderlosigkeit reden zu müssen, was Gibbs unendlich langweilte, obwohl er das nicht zugeben durfte. Ihm war es mittlerweile egal. Auch er war der Meinung gewesen, dass es eine schöne Sache wäre, ein Kind zu haben, als er noch dachte, es würde ganz unkompliziert ablaufen. Aber wenn das nicht der Fall war, wenn es sich als endloser Albtraum erwies, warum dann weitermachen? Was war so besonders an seinen oder Debbies Genen, dass sie unbedingt weitergegeben werden mussten?

Olivia ließ sich auf den Stuhl neben ihm fallen. »Er hat die Flaschen auf den Tresen gestellt, falls wir noch etwas wollen. Die Rechnung können wir morgen bezahlen, hat er gesagt. Ein ganz reizender Mann!«

Vorhin hatte Gibbs gewünscht, sie würde die Stimme senken und mit dem Hervorgesprudel aufhören. Jetzt, wo sonst niemand mehr hier war, spielte es keine Rolle mehr. Die Musik war vor mehr als einer Stunde verstummt. Gleichzeitig waren die Wandleuchten gelöscht und das helle Oberlicht eingeschaltet worden. In der Bar herrschte eine Stimmung wie am Morgen danach, auch wenn, zumindest was Gibbs anbelangte, der Abend zuvor noch nicht zu Ende war.

»Also, wirst du es mir sagen?«, fragte er.

»Was sagen?«

»Wo sie sind. Waterhouse und Charlie.«

Wenn Olivia es wusste, fand Gibbs, hatte er ein Recht, es ebenfalls zu erfahren. Da sie beide Trauzeugen waren, sollten sie auch den gleichen Zugang zu allen relevanten Informationen haben.

»Wenn ich es dir um zehn Uhr, um elf, um Mitternacht und um eins nicht sagen wollte, warum sollte ich es dir jetzt sagen?«

»Du hast mehr Alkohol intus. Deine Abwehr ist schwächer.«

Olivia hob eine Augenbraue und lachte. »Meine Abwehr schwächelt nie. Je mehr sie zu schwächeln scheint, desto weniger tut sie es. Falls das irgendeinen Sinn ergibt.«

Sie beugte sich vor. Busen-Alarm.

»Warum nennst du ihn Waterhouse?«

»Das ist sein Name.«

»Warum sagst du nicht Simon zu ihm?«

»Keine Ahnung. Wir nennen uns eben bei unseren Nachnamen: Gibbs, Waterhouse, Sellers. Tun wir alle.«

»Sam Kombothekra nicht«, wandte Olivia ein. »Er nennt dich Chris – ich habe es selbst gehört. Er nennt Simon Simon. Und Simon sagt Sam zu ihm, aber du nicht – du nennst ihn immer noch Stepford. Das war früher dein Spitzname für ihn, und du bleibst dabei.« Sie kniff die Augen zusammen. »Du hast Angst vor Veränderungen.«

Gibbs fragte sich, was aus dem angesäuselten Hohlköpfchen geworden war, mit dem er noch vor ein paar Minuten zusammen getrunken hatte. Offensichtlich war sie nicht so hinüber, wie er gedacht hatte.

»Es ist ein guter Spitzname«, sagte er. »Für mich wird er immer Stepford bleiben.«

Nach diesem Drink würde er ins Bett gehen, ob die Flasche nun auf dem Tresen stand oder nicht. Eine Frau wie Olivia Zailer konnte sich unmöglich für das interessieren, was er zu sagen hatte. Dieses Wissen machte es ihm so schwer, mit ihr zu reden.

»Bist du nicht überrascht, dass ich weiß, wer wen wie nennt, obwohl ich gar nicht mit euch zusammenarbeite?«

»Eigentlich nicht.«

»Hm.« Sie klang unzufrieden. »Warum, glaubst du, hat Simon dich ausgesucht und nicht Sam? Als Trauzeugen.«

Gibbs achtete darauf, ja nicht den Eindruck zu erwecken, als sei ihm das wichtig. »Da kann ich auch nur raten«, entgegnete er.

»Warum er nicht Colin Sellers genommen hat, einen hingebungsvollen Ehebrecher, liegt auf der Hand«, fuhr Olivia fort. »Simon würde es als unheilbringend für Charlies und seine Ehe erachten, wenn ein gemeiner Hurer irgendeinen Anteil an der Zeremonie hätte.«

»Das ist albern«, sagte Gibbs. »Es ist Sellers’ Sache, was er macht.«

Der Hurer mit DC Colin Sellers in der Hauptrolle. DC Colin Sellers ist zurück in Der Hurer II. Gibbs lächelte. Eine ganz neue Welt für Verarschungen hatte sich gerade aufgetan. Er wünschte, es wäre ihm selbst eingefallen.

»Da Colin ausfällt, blieben Simon nur zwei Optionen, du oder Sam«, fuhr Olivia fort. »Anfangs habe ich mich gefragt, ob er vielleicht Sam nicht wollte, weil Sam gern plaudert. Er wusste, er und Charlie würden am Abend in den Flieger steigen und uns allein zurücklassen – mich und den anderen Trauzeugen. Der Gedanke, dass Sam und ich über ihn tratschen könnten, wäre unerträglich für ihn.«

»Stepford tratscht nicht«, sagte Gibbs.

»Normalerweise vielleicht nicht, aber mit mir schon, besonders nach ein paar Drinks. Und er würde sich einreden, dass es ja gar kein Tratsch ist, sondern wir nur über die beiden sprechen, wie man das halt so tut.«

»Du glaubst, ich wurde ausgewählt, weil ich nicht tratsche?«

»Tratschen?« Olivia kicherte. »Du machst ja kaum den Mund auf. Du hast es dir zum Prinzip gemacht, so wenig wie möglich zu sagen. Aber nein, das war nur meine erste Theorie.« Sie nahm einen Schluck Baileys. »Meine zweite Theorie war, dass Simon ihn wegen seines höheren Rangs ausgeschlossen hat – den Skipper zu fragen, ob er dein Trauzeuge sein will, könnte nach Anbiederung aussehen, obwohl es kein Anbiedern gewesen wäre – ich kenne niemanden, der so wenig dazu neigt, sich anzubiedern wie Simon, aber er könnte es nicht ertragen, dass jemand das von ihm denken würde.«

Also kam Sellers nicht infrage und Stepford auch nicht. Womit nur noch Gibbs übrig blieb.

»Dann kam ich zu dem Schluss – meine dritte Theorie –, dass Simon dich ausgesucht hat, weil er mehr Respekt vor dir hat als vor Sam, obwohl er Sam netter findet. Er hält dich für intelligenter. Oder vielleicht findet er, dass du ihm ähnlicher bist. Du bist ein Rätsel, wohingegen Sam ein offenes Buch ist.«

Gibbs konnte nicht begreifen, warum sie das so interessierte. Sie schien ebenso lange über die Frage nachgedacht zu haben wie er, und sie hatte mehr Erfolg gehabt: drei Antworten, während er keine einzige gefunden hatte.

»Schließlich konnte ich es nicht mehr aushalten, also habe ich Charlie gebeten, Simon zu fragen«, sagte sie.

Gibbs umfasste sein Glas fester. »Und?«

»Simon hat gesagt, dass er sich dir näher fühlt als Colin oder Sam.« Olivia lachte. »Was ich einfach zum Schreien fand. Ich wette, ihr beiden habt euch noch nie über etwas anderes unterhalten als über die Arbeit.«

»Haben wir auch nicht«, bestätigte Gibbs. Er leerte sein Glas und ging zum Tresen, um sich nachzuschenken, wobei er nicht bereit war, der plötzlichen Verbesserung seiner Stimmung Beachtung zu schenken oder über die Gründe dafür nachzudenken. »Wenn du so gern redest, warum sagst du mir nicht, wo das glückliche Paar ist?«, bohrte er nach. »Ich werde Waterhouses Mutti auch kein Sterbenswörtchen verraten.«

Gibbs war Kathleen Waterhouse nur einmal begegnet, bei der Verlobungsfeier. Sie hatte einen schüchternen, bescheidenen Eindruck gemacht – jemand, der mit dem Hintergrund verschmolz. Gibbs begriff nicht, warum ihr nicht erlaubt worden war, an der Hochzeit ihres Sohnes teilzunehmen und warum es so wichtig war, dass sie nicht herausfand, wo er die Flitterwochen verbrachte.

»Ich werde jede Frage beantworten, nur diese nicht.« Olivias Stimme klang entschuldigend. »Tut mir leid, aber Charlie hat es mich schwören lassen.«

»Andere Fragen stelle ich nicht. Das ist die Frage, die ich stelle, und ich werde sie weiter stellen. Obwohl ich zu wissen glaube, wo sie sind. Dazu braucht man kein großes Genie zu sein.«

»Das kannst du unmöglich wissen, es sei denn, du bist Hellseher.« Olivia wirkte besorgt.

»Du hast eben was von ›in den Flieger gestiegen‹ gesagt, um mich von der richtigen Fährte abzubringen. Sie sind nirgendwo hingeflogen, stimmt’s? Sie sind noch hier.« Gibbs grinste vor Zufriedenheit mit seiner Theorie.

»Hier? In Torquay, meinst du?«

»Hier: im Blue Horizon Hotel – dem letzten Ort, an dem ich sie erwarten würde, nachdem sie vor ein paar Stunden mit großem Brimborium aufgebrochen sind.«

Olivia verdrehte mit gespielter Genervtheit die Augen. Oder vielleicht war sie auch echt. »Sie sind nicht hier, und das ist nicht das Blue Horizon Hotel«, sagte sie. »Es ist das Blue Horizon.«

Wollte sie ihn verarschen? »Das habe ich doch gerade gesagt.«

»Nein, du hast gesagt, es ist das Blue Horizon Hotel.«

»Es nennt sich Blue Horizon und es ist ein Hotel«, sagte Gibbs ungeduldig. »Das macht es zum Blue Horizon Hotel.«

»Nein, tut es nicht.« Olivia musterte ihn, als käme er von einem anderen Planeten. »Blue Horizon ist der Name eines erstklassigen Hauses, was es auch ist. Wenn man Blue Horizon Hotel sagt, mutiert es zu einer billigen Frühstückspension an der Küste.«

»Aha. Vermutlich bin ich zu billig, um den Unterschied zu erkennen.«

»Nein, ich habe nicht gemeint … Gott, bin ich blöd! Jetzt habe ich dich gekränkt und du wirst wieder dichtmachen, wo ich dich doch gerade dazu gebracht hatte, etwas aufzutauen.«

»Ich werde ins Bett gehen müssen«, sagte Gibbs. »Ich kann dir nicht länger zuhören. Du bist wie die Sonntagsbeilage einer Zeitung – voll von allem möglichen Scheiß.«

Olivia riss die Augen auf. Sie starrte ihn schweigend an.

Verdammt. Ein echt stilvoller Ausklang des Abends.

»Hör zu, ich habe nicht gemeint …«

»Schon gut. Das habe ich vermutlich verdient«, bemerkte Olivia kurz angebunden. »Typisch – der Mann, der nicht spricht, schafft es, eine einzige Bemerkung fallen zu lassen, und zwar etwas Schreckliches über mich, das ich jetzt mindestens ein Jahr mit mir herumtragen muss, wobei ich mich so richtig beschissen fühlen werde.«

»Ich habe es nicht böse gemeint«, sagte Gibbs. »Es war nur eine Beobachtung.«

»Du willst wissen, wo Simon und Charlie sind? Fein. Ich kann dir etwas Besseres bieten als es dir zu sagen – ich kann dir ein Bild ihrer Villa zeigen.« Olivia zog ihr Handy aus der Handtasche und fing an, auf Tasten zu drücken. Erwartete sie jetzt von Gibbs, dass er sagte: »Nein, vergiss es, es spielt keine Rolle«? Wenn ja, musste er sie enttäuschen. Warum sollte er es auf einmal nicht mehr wissen wollen, nur weil sie aufgebracht und wütend auf ihn war?

Nach kurzem Tastendrücken hielt Olivia ihm ihr Handy vors Gesicht. »Da. Los Delfines – die Flitterwochen-Villa.«

Gibbs schaute auf das kleine Foto eines langen, zweistöckigen Gebäudes, das für die Unterbringung von bis zu zwanzig Personen erbaut zu sein schien. Die meisten Fenster mit Balkon. Gartenanlagen mit Bar und Grillbereich und ein Pool, der groß genug für einen olympischen Wettbewerb zu sein schien, alles unter gleißendem Sonnenlicht.

»Spanien?«, riet Gibbs.

»Puerto Banus. Bei Marbella.«

»All das nur für die beiden? Nicht schlecht.«

»Eine Versicherung gegen Unglücklichsein«, sagte Olivia. Sie hörte sich immer noch verärgert an. »Im Wert von fünfzehn Riesen. An einem solchen Ort könnte niemand unglücklich sein, oder?«

»Warum sollten sie unglücklich sein? Sie sind in den Flitterwochen.«

Gibbs dachte erst, sie würde nicht antworten. Dann sagte sie: »Seit Jahren ist Charlies motivierender Kummer, dass sie Simon nicht hat, in jedem nur erdenklichen Sinn. Jetzt sind sie verheiratet, und sie hat ihn. Manchmal hört man auf, etwas zu wollen, wenn man es erst mal hat.«

»Manchmal hört man schon vorher auf, es zu wollen«, sagte Gibbs.

»Ja? Ich nicht.«

»Der – wie hast du es noch mal genannt – motivierende Kummer meiner Frau Debbie ist, dass sie keine Kinder bekommen kann. Ich habe aufgehört, ein Kind zu wollen.«

»Und sie?«, fragte Olivia.

»Nein.« Wenn es nur so wäre.

»Na, da hast du’s. Du wolltest wahrscheinlich nie unbedingt eins.«

»Komm mit mir nach oben«, sagte Gibbs.

»Nach oben?«

»In mein Zimmer. Oder in deins.«

»Warum?«, fragte Olivia.

»Was glaubst du wohl?« Was soll das denn? Bist du total behämmert? Erkennst du eine schlechte Idee nicht, wenn du sie hast?

»Warum?«, wiederholte sie.

»Ich könnte sagen: ›Weil ich ausnahmsweise mal Sex mit einer Frau haben will, die nicht besessen davon ist, schwanger zu werden.‹ Oder ich könnte sagen: ›Weil ich besoffen und geil bin‹ oder ›Heute ist ein besonderer Anlass und morgen fängt das normale Leben für uns beide wieder an‹. Oder wie wär’s mit: ›Weil du die schönste, begehrenswerteste Frau bist, die mir je begegnet ist?‹ Riskant – du könntest mir nicht glauben.«

Olivia runzelte die Stirn. »Idealerweise solltest du die Antwortoptionen stumm durchgehen, in der Privatheit deines eigenen Kopfes. Du solltest sie nicht laut aussprechen.«

In der Privatheit deines eigenen Kopfes. Es war wegen der Dinge, die sie sagte. Obwohl er ihr das nie verraten würde. Er nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es auf den Tisch. »Sag ja«, sagte er. »Es ist ganz leicht.«

3

SAMSTAG, 17. JULI 2010

»Warum wollten Sie Simon Waterhouse sprechen?«, fragt der Polizist, der Sam heißt. Er hat irgendeinen langen, ungewöhnlichen Nachnamen, der mit K anfängt – er hatte ihn für mich buchstabiert, als er sich vorstellte. Ich hatte es nicht mitbekommen und wollte ihn nicht bitten, es zu wiederholen. Er ist hochgewachsen, sieht gut aus, hat schwarzes Haar und einen dunklen Teint. Er trägt einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd mit lila gestickten Streifen, die aussehen wie Perforationslinien. Keine Krawatte. Ich kann nicht aufhören, seinen Adamsapfel anzustarren. Er wirkt, als wäre er scharf genug, um die Haut zu durchtrennen. Ich male mir aus, wie er seinen Hals durchschneidet und eine Blutfontäne herausspritzt. Ich schüttle den Kopf, um die morbide Fantasie zu verscheuchen.

Will er, dass ich es ihm noch einmal erzähle? »Ich habe eine Frau gesehen, die mit dem Gesicht nach unten –«

»Sie missverstehen mich«, unterbricht er mich, mit einem Lächeln, das zeigen soll, dass die Bemerkung nicht unhöflich gemeint war. »Ich meinte, warum wollten Sie ausgerechnet mit Simon Waterhouse sprechen?«

Kit ist in der Küche und macht Tee für uns alle. Ich bin froh darüber. Es würde mir schwerer fallen, die Frage zu beantworten, wenn er zuhörte. Wenn ich mich nicht so furchtbar fühlen würde, könnte das Ganze witzig sein, wie irgendein absurdes Theaterstück: »Der Polizist, der zum Tee kam.« Es ist erst halb neun, wir sollten ihm Frühstück anbieten. Es ist nett von ihm, dass er so früh am Morgen gekommen ist. Vielleicht wird Kit ein paar Croissants mitbringen. Wenn nicht, werde ich es nicht anbieten. Ich kann an nichts anderes denken als an die Tote. Wer ist sie? Weiß irgendjemand außer mir, dass sie ermordet wurde, interessiert es irgendjemanden?

»Ich bin seit einem halben Jahr bei einer Homöopathin. Ich habe ein paar geringfügige gesundheitliche Probleme, nichts Ernstes.« War es nötig, ihm das zu erzählen? Ich unterlasse es hinzufügen, dass diese Probleme mit meiner emotionalen Gesundheit zu tun haben und meine Homöopathin auch psychologische Beraterin ist. Mein Wunsch, der Wahrheit auszuweichen, macht mich wütend – auf mich selbst, auf Kit, Sam K., auf alle und jeden. Es ist keine Schande, mal mit jemandem reden zu müssen.

Warum schämst du dich dann deswegen?

»Alice – das ist meine Homöopathin – hat vorgeschlagen, dass ich mit Simon Waterhouse spreche. Sie hat gesagt …« Sprich es nicht aus. Du wirst ihn gegen dich aufbringen.

»Reden Sie weiter.« Sam K. tut sein Bestes, freundlich und unbedrohlich zu wirken.

Ich beschließe, seine Bemühungen mit einer ehrlichen Antwort zu belohnen. »Sie hat gesagt, er sei anders als andere Polizisten. Sie sagte, er würde das Unglaubliche glauben, solange es wahr sei. Und es ist wahr. Ich habe in diesem Zimmer eine tote Frau liegen sehen. Ich weiß nicht, warum es … warum die Frau nicht mehr da war, als Kit sich das Video ansah. Ich kann es nicht erklären, aber das bedeutet ja nicht, dass es keine Erklärung gibt. Es muss eine geben.«

Sam K. nickt. Seine Miene ist undurchdringlich. Vielleicht hat er es sich zum Prinzip gemacht, Verrückte nicht zu entmutigen. Wenn er mich für verrückt hält, wünschte ich, er würde es klar und deutlich sagen: Sie spinnen ja, Mrs Bowskill. Ich habe ihm angeboten, mich Connie zu nennen, aber ich glaube, das will er nicht. Seitdem hat er mich gar nicht mehr mit Namen angeredet.

»Wo ist Simon?«, frage ich. Als ich ihn gestern auf dem Handy anrief, teilte seine aufgezeichnete Stimme mir mit, dass er nicht ans Telefon gehen könne. Er verriet weder warum noch wie lange, nannte aber eine Nummer, die man im Notfall anrufen könne: Sam K.s Nummer, wie sich herausstellte.

»Er ist auf Hochzeitsreise.«

»Oh.« Er hat mir nicht gesagt, dass er heiraten wird. Bestand vermutlich auch kein Anlass dazu. »Wann kommt er zurück?«

»Er ist vierzehn Tage fort.«

»Es tut mir leid, dass ich Sie um zwei Uhr nachts angerufen habe«, entschuldige ich mich. »Ich hätte bis zum Morgen warten sollen, aber … Kit war wieder ins Bett gegangen, und ich konnte einfach nicht nichts tun. Ich musste jemandem sagen, was ich gesehen hatte.«

Vierzehn Tage. Natürlich – so lange dauern Flitterwochen. Kit und ich haben sogar noch länger geflittert: drei Wochen Sri Lanka. Ich erinnere mich, dass meine Mutter wissen wollte, ob die dritte Woche »auch wirklich nötig« sei. Kit erwiderte höflich, aber entschieden, ja, das sei sie. Er hatte alles arrangiert und schätzte es gar nicht, wenn jemand daran herumkrittelte. Die Hotels, die er ausgesucht hatte, waren so schön, dass ich kaum glauben konnte, dass es Wirklichkeit war und kein Traum. Wir blieben jeweils eine Woche in einem Hotel. Kit nannte das letzte ›das wirklich nötig Hotel‹.

Simon Waterhouse hat ein Recht auf seine Flitterwochen, genau wie Kit ein Recht auf seinen Schlaf hat. Genau wie Sam K. das Recht hat, rasch und so früh wie möglich mit meinen Problemen fertig zu werden, damit er den Rest seines freien Samstags genießen kann. Es kann unmöglich sein, dass jeder Mensch, den ich kenne, mich im Stich lässt. Es muss an mir liegen.

»In der Voicemail-Nachricht hat er Ihren Namen nicht erwähnt, nur die Nummer«, sage ich. »Ich dachte, es wäre vielleicht irgendein Bereitschaftsdienst, wie Ärzte ihn haben.«

»Machen Sie sich keine Gedanken deswegen. Ehrlich. Es war eine angenehme Abwechslung, mal einen Notfall-Anruf von jemand anderem als Simons Mutter zu bekommen.«

»Geht es ihr gut?«, frage ich. Ich spüre, dass das von mir erwartet wird.

»Das ist Ansichtssache.« Sam K. lächelt. »Simon ist gestern gefahren, und seitdem hat sie bereits zwei Mal angerufen, weinend. Sie beteuerte, dass sie mit ihm sprechen müsse. Er hat ihr gesagt, dass Charlie und er ihre Handys nicht mitnehmen würden, aber ich denke, sie hat ihm nicht geglaubt. Und jetzt glaubt sie mir nicht, wenn ich sage, dass ich nicht weiß, wo er ist – obwohl es stimmt.«

Ich überlege, ob Charlie, mit der oder dem Simon Waterhouse in die Flitterwochen gefahren ist, ein Mann oder eine Frau ist. Auch wenn das überhaupt keine Rolle spielt.

Kit kommt mit dem Tee und einem Teller mit Schokoladenkeksen auf einem Holztablett. »Bedienen Sie sich«, sagt er zu Sam K. »Also, wie sieht’s aus?« Er will Fortschritte, Lösungen. Er will hören, dass seine Frau während seines zehnminütigen Aufenthalts in der Küche durch den Experten von ihrem Wahn kuriert wurde.

Sam K. setzt sich gerader hin. »Ich habe auf Sie gewartet. Lassen Sie mich etwas erklären …« Er wendet sich von Kit ab und mir zu. »Ich helfe Ihnen gerne, so gut ich kann, und ich werde den Kontakt mit den zuständigen Stellen herstellen, wenn Sie die Sache weiterverfolgen wollen, aber … ich selbst kann in der Sache nichts unternehmen. Das könnte auch Simon Waterhouse nicht, wenn er hier wäre, wenn er nicht auf Hochzeitsreise wäre, und selbst wenn …« Er verstummt und beißt sich auf die Lippen.

Selbst wenn das nicht die unwahrscheinlichste Geschichte wäre, die ich je gehört habe, und eigentlich unmöglich etwas dran sein kann. Das war es, was ihm auf der Zunge gelegen hat.

»Wenn eine Frau verletzt oder tot in einem Haus in Cambridge liegt, dann müssen Sie mit den Kollegen in Cambridge sprechen«, schließt er seine Ausführungen.

»Sie war nicht verletzt«, sage ich. »Sie war tot. So viel Blut kann ein Mensch gar nicht verlieren und noch am Leben sein. Und ich bin gern bereit, mit der zuständigen Stelle zu sprechen – nennen Sie mir einen Ansprechpartner und wie ich ihn erreichen kann, dann mache ich das.«

Hat Kit geseufzt, oder war das nur Einbildung?

»Gut.« Sam K. schenkt sich eine Tasse Tee ein und holt Notizbuch und Stift heraus. »Warum gehen wir nicht ein paar Details durch? Die Anschrift des infrage stehenden Hauses ist Bentley Grove 11, korrekt?«

»Bentley Grove 11, Cambridge. CB2 9AW.« Siehst du, Kit? Ich weiß sogar die Postleitzahl auswendig.

»Erzählen Sie mir genau, was passiert ist, Connie. In Ihren eigenen Worten.«

Wessen Worte sollte ich denn sonst benutzen? »Ich habe mir im Internet Immobilien angeschaut, auf der Roundthehouses-Seite.«

»Um welche Zeit war das?«

»Spät. Viertel nach eins.«

»Dürfte ich fragen, warum so spät?«

»Manchmal leide ich unter Schlafstörungen.«

Kurz entstellt ein höhnisches Grinsen Kits Gesicht, das niemand außer mir bemerkt. Mein Mann hat gerade gedacht, wenn das wahr ist mit den Schlafstörungen, ist es meine eigene Schuld, weil ich meinen Wahnvorstellungen nachgegeben habe, weil ich beschlossen habe, mich mit imaginären Problemen zu quälen. Er ist normal und geistig gesund, daher schläft er gut.

Wie kann es sein, dass ich ihn gut genug kenne, um seine Gedanken lesen zu können, und gleichzeitig fürchte, ihn überhaupt nicht zu kennen? Wenn ich eine Röntgenaufnahme seiner Persönlichkeit vorliegen hätte, würden dann nur die Teile zu sehen sein, von denen ich weiß, dass sie da sind – seine Überzeugung, dass der Tee besser schmeckt, wenn man ihn in einer Kanne zubereitet und zuerst die Milch in die Tasse gibt, sein Ehrgeiz und sein Perfektionismus, sein surrealer Sinn für Humor –, oder wäre in der Mitte eine fremdartige schwarze Substanz zu sehen, bösartig und grauenerregend?

»Warum ein Immobilienportal, und warum Cambridge?«, will Sam K. von mir wissen. »Überlegen Sie, nach Cambridge zu ziehen?«

»Ganz sicher nicht«, sagt Kit mit Nachdruck. »Wir haben gerade erst diesem Haus den letzten Schliff gegeben, sechs Jahre, nachdem wir es gekauft haben. Ich will es noch mindestens ebenso lange genießen. Ich habe Connie schon gesagt: Wenn wir in den nächsten sechs Jahren ein Baby bekommen, wird es in einer Schreibtischschublade schlafen müssen.« Grinsend greift er nach einem Keks. »Ich habe nicht so viel Arbeit in dieses Haus gesteckt, damit jemand anderes die Früchte erntet. Außerdem haben wir eine Firma, die wir von hier aus leiten, und Connie hat sich beim Briefpapier etwas mitreißen lassen. Wir können erst umziehen, wenn wir noch mindestens viertausend Geschäftsbriefe geschrieben haben.«

Ich weiß, was passieren wird, bevor es tatsächlich passiert: Sam K. wird sich nach unserer Firma erkundigen. Kit wird ausführlich antworten, denn es ist unmöglich, auf die Schnelle zu erklären, was wir machen, und mein Mann liebt das Detail. Es wird noch dauern, bis ich über die Tote sprechen kann.

Connie hat sich mitreißen lassen.

Hat er das absichtlich gesagt, um Sam K. den Eindruck zu vermitteln, dass ich ein Mensch bin, der sich leicht mitreißen lässt? Jemand, der sechs Mal mehr Geschäftsbriefpapier bestellt als nötig, könnte leicht auch eine Leiche halluzinieren, die in ihrem Blut liegt?

Ich höre zu, während Kit unsere Arbeit erläutert. Seit drei Jahren sind die etwas mehr als zwanzig Vollzeitmitarbeiter von Nulli Secundus für die London Allied Capital Bank tätig. Die Bankengruppe wird von der US-Regierung strafrechtlich verfolgt. Wie viele britische Banken hat sie über eine lange Zeit amerikanische Vorschriften gebrochen, die den Umgang mit finanziellen Unterstützern von Terrorismus regeln. Sie hat unwissentlich für Personen und Unternehmen, die auf der schwarzen Liste stehen, Transaktionen in Dollar abgewickelt. Die London Allied Capital überschlägt sich zurzeit fast, um das Unrecht wiedergutzumachen und sich beim OFAC lieb Kind zu machen, dem Office of Foreign Assets Control, der amerikanischen Behörde zur Kontrolle von Auslandsvermögen. Es ist ein Versuch, den Schaden zu minimieren, der fast mit Sicherheit eine Geldstrafe in Multimillionenhöhe sein wird. Nulli Sucundus wurde angeheuert, um datenfilternde Systeme zu entwickeln, die es der Bank in Zukunft ermöglichen werden, alle zweifelhaften finanziellen Transaktionen ans Tageslicht zu bringen, die in ihrer Geschichte verborgen liegen, damit die Bank gegenüber der amerikanischen Justizbehörde reinen Tisch machen kann.

Wie alle, denen Kit davon erzählt, wirkt Sam K. gleichermaßen beeindruckt und verwirrt. »Also haben Sie auch eine Niederlassung in London?«, fragt er. »Oder pendeln Sie?«

»Connie arbeitet nur hier, ich halb und halb«, antwortet Kit. »Ich habe eine Wohnung in Limehouse gemietet – eigentlich nur ein Loch mit einem Bett darin. Was mich anbelangt, ich habe nur ein Zuhause, und das ist Melrose Cottage.« Er schaut mich an, als er das sagt. Erwartet er, dass ich applaudiere?

»Ich kann mir vorstellen, dass eine kleine Wohnung in London hiermit kaum konkurrieren könnte.« Sam K. schaut sich in unserem Wohnzimmer um. »Es hat jede Menge Charakter.« Er dreht sich um und studiert den gerahmten Druck, der an der Wand hinter ihm hängt – ein Foto von King’s College Chapel mit einem lachenden Mädchen, das auf den Stufen sitzt. Weiß er, dass er ein Foto von Cambridge vor sich hat? Wenn ja, erwähnt er es nicht.

Der Druck war ein Geschenk von Kit. Ich habe das Bild immer gehasst. In der unteren Ecke des Passepartouts steht handschriftlich vermerkt: 4/100.

»Keine wirklich gute Bewertung«, bemerkte ich, als Kit es mir überreichte. »Vier Prozent.«

Er lachte. »Es ist der vierte von einhundert Drucken, du Närrchen. Es gibt nur hundert dieser Drucke auf der Welt. Ist das nicht wunderschön?«

»Ich dachte, du magst keine Massenerzeugnisse«, entgegnete ich und war fest entschlossen, undankbar zu sein.

Er war verletzt. »Das handschriftliche 4/100 macht den Druck einmalig. Deshalb werden Drucke nummeriert.« Er seufzte. »Es gefällt dir nicht, oder?«

Ich merkte, wie selbstsüchtig ich war, und tat so, als würde ich das Bild mögen.

»Meine Frau nennt Häuser wie diese ›kameratauglich‹«, sagt Sam K. »Ich fühle mich minderwertig, sobald ich über die Schwelle trete.«

»Sie sollten mal unsere Autos von innen sehen«, entgegnet Kit. »Oder vielmehr unsere beiden Mülleimer auf Rädern. Ich habe schon in Erwägung gezogen, sie mit geöffneten Türen neben der Tonne abzustellen, wenn die Müllabfuhr kommt – vielleicht würde die Gemeinde sich ja doch erbarmen und sie mitnehmen.«

Ich stehe auf. Blut strömt in meinen Kopf und das Zimmer schwankt, verschwimmt vor meinen Augen. Es ist ein Gefühl, als würden meine Körperteile sich voneinander lösen, abbrechen und davonschweben. Ein unklares Dröhnen erfüllt meinen Kopf. Das passiert mir immer wieder. Mein Hausarzt hat keine Ahnung, was die Ursache sein könnte. Er hat Blutuntersuchungen gemacht, Ultraschall, Computertomografie, alles Mögliche. Alice, meine Homöopathin, hält es für die körperliche Manifestation einer seelischen Belastung.

Es dauert ein paar Sekunden, bis der Schwindel vergeht. »Sie können ebenso gut wieder gehen«, sage ich zu Sam K., als ich wieder in der Lage bin zu sprechen. »Sie glauben mir ganz offensichtlich nicht, also warum sollten wir beide unsere Zeit verschwenden?«

Er sieht mich nachdenklich an. »Warum meinen Sie, dass ich Ihnen nicht glaube?«

»Vielleicht leide ich unter Wahnvorstellungen, aber ich bin nicht blöde«, fahre ich ihn an. »Sie sitzen hier, essen Kekse und reden über Mülltonnen und Inneneinrichtung …«

»Das hilft mir, ein bisschen mehr über Sie und Kit zu erfahren.« Mein Ausbruch lässt ihn ungerührt. »Ich will wissen, wer Sie sind, nicht nur, was Sie gesehen haben.«

Der holistische Ansatz. Alice wäre ganz auf seiner Seite.

»Ich habe gar nichts gesehen.« Kit zuckt mit den Achseln.

»Das ist nicht wahr«, widerspreche ich. »Du hast nicht nichts gesehen – du hast ein Wohnzimmer ohne die Leiche einer Frau gesehen. Das ist nicht nichts.«

»Warum ein Immobilienportal?«, fragt Sam K. erneut. »Warum Cambridge?«

»Vor ein paar Jahren haben wir überlegt, dorthin zu ziehen«, sage ich, unfähig, ihm in die Augen zu sehen. »Wir haben uns dagegen entschieden, aber … manchmal denke ich noch daran, und … ich weiß nicht, es war eine ganz spontane Sache – es gab keinen besonderen Grund dafür. Ich gucke alle möglichen komischen Sachen im Internet nach, wenn ich unruhig bin und nicht schlafen kann.«

»Also gestern Nacht sind Sie auf die Roundthehouses-Website gegangen und haben … was? Erzählen Sie es mir, Schritt für Schritt.«

»Ich habe mir Objekte angesehen, die in Cambridge zum Verkauf stehen, dabei bin ich auf Bentley Grove 11 gestoßen, habe die Details aufgerufen …«

»Haben Sie sich noch andere Häuser angesehen?«

»Nein.«

»Warum nicht? Warum ausgerechnet Bentley Grove 11?«

»Ich weiß nicht. Es war das dritte Objekt auf der Liste. Mir gefiel das Haus, also habe ich es angeklickt.« Ich setze mich wieder hin. »Erst habe ich mir Fotos der verschiedenen Zimmer angesehen, und als ich sah, dass es einen virtuellen Rundgang gab, dachte ich mir, den schau ich mir auch noch an.«

Kit drückt meine Hand.

»Wie hoch war der Kaufpreis?«, fragt Sam K.

Warum will er das denn wissen? »1,2 Millionen.«

»Könnten Sie sich das leisten?«

»Nicht mal annähernd«, antworte ich.

»Also, Sie haben nicht vor, nach Cambridge zu ziehen, und dieses Haus wäre sowieso für Sie unerschwinglich. Trotzdem waren Sie interessiert genug, um den virtuellen Rundgang zu machen, obwohl Sie sich bereits alle Fotos angesehen hatten?«

»Sie wissen doch sicher, wie das ist.« Ich versuche, nicht defensiv zu wirken. »Man klickt eine Sache nach der anderen an, obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür gibt, nur um …«

»Wilfing«, sagt Kit zu Sam K. »So nennt man das seit Neuestem, wenn man ziellos im Netz herumsurft, ohne zu wissen, was man dort eigentlich will. Ich mache das auch ständig, wenn ich eigentlich arbeiten sollte.« Er deckt mich. Erwartet er, dass ich ihm dankbar für seine Unterstützung bin? Es ist seine Schuld, dass ich mir überhaupt eine Geschichte ausdenken musste. Ich bin hier nicht diejenige, die lügt.

»Gut«, sagt Sam K. »Also, Sie haben einen virtuellen Rundgang durch das Haus gemacht.«

»Erst wurde die Küche gezeigt. Das Bild drehte sich ständig – das ermüdete meine Augen, also habe ich sie geschlossen, und als ich sie wieder aufmachte, sah ich das ganze … Rot. Mir wurde klar, dass ich das Wohnzimmer vor mir hatte, und darin lag die Leiche einer Frau.«

»Woher wussten Sie, dass es das Wohnzimmer war?«, unterbricht Sam K. mich.

Die Unterbrechung macht mir nichts aus. Sie beruhigt mich, zieht mich aus dem Entsetzen heraus, das noch so frisch ist, bringt mich zurück in die Gegenwart. »Ich hatte es schon auf den Fotos gesehen – es war dasselbe Zimmer.« Habe ich ihm nicht gerade erzählt, dass ich mir zuerst die Fotos angesehen habe? Sollte das eine Fangfrage sein?

»Aber auf den Fotos war keine Leiche und kein Blut, ist das richtig?«

Ich nicke.

»Lassen wir das Blut und die Leiche mal kurz beiseite. In jeder anderen Hinsicht sah das Wohnzimmer in dem Video genauso aus wie auf den Fotos, ist das richtig?«

»Ja. Ich bin mir da fast sicher. Ich meine, ich bin mir so sicher, wie es unter den Umständen möglich ist.«

»Beschreiben Sie das Wohnzimmer.«

»Wozu?«, frage ich frustriert. »Sie können sich doch bei Roundthehouses einloggen und es sich selbst ansehen. Warum bitten Sie mich nicht, die Frau zu beschreiben?«

»Ich weiß, es ist schwer für Sie, Connie, aber Sie müssen mir vertrauen. Alle Fragen, die ich stelle, stelle ich aus gutem Grund.«

»Sie wollen, dass ich das Wohnzimmer beschreibe?« Ich fühle mich wie auf einem Kindergeburtstag, als hätte man mich aufgefordert, irgendein blödes Spiel zu spielen.

»Bitte.«

»Weiße Wände, beiger Teppichboden. Ein Kamin in der Mitte einer Wand, mit Kacheln darum herum. Ich konnte die Kacheln nicht genau erkennen, aber ich glaube, sie hatten irgendein Blumenmuster. Sie waren zu altmodisch für das Zimmer.« Mir wird das erst jetzt klar, als ich es laut ausspreche, und ich empfinde Erleichterung. Kit würde vielleicht solche Kacheln für unser Haus aussuchen, das 1750 erbaut wurde, aber niemals für ein modernes Haus wie Bentley Grove 11, das nicht älter als zehn Jahre sein kann.

Er ist überzeugt davon, dass neue Häuser ganz und gar zeitgenössisch sein sollten, innen wie außen.

Bentley Grove 11 kann also nichts mit ihm zu tun haben.

»Fahren Sie fort«, sagt Sam K.

»Nischen rechts und links vom Kaminsims. Ein silbriges L-förmiges Sofa mit roten Stickereien, ein Stuhl mit komischen Holzlehnen, ein Glastisch mit Blumen in einer Art horizontalem Schaukasten unter der Glasplatte – blaue und rote Blumen.« Passend zu den Kacheln. Da war noch etwas, aber es will mir nicht einfallen. Was war es nur? Was habe ich noch gesehen, als der Raum sich langsam drehte? »Ach, und eine alte Landkarte über dem Kamin – gerahmt.« Das war es nicht, aber ich kann es trotzdem erwähnen. Was war sonst noch in dem Zimmer? Soll ich Sam K. sagen, dass da noch etwas war, ich aber nicht weiß, was? Würde das etwas bringen?

»Eine Landkarte wovon?«, fragt er.

»Das konnte ich nicht erkennen – dafür war sie auf dem Foto zu klein. In der linken oberen Ecke waren Schilde – zehn vielleicht.«

»Schilde?«

»Wie umgedrehte Grabsteine.«

»Du meinst Wappenschilde?«, fragt Kit. »Du meinst, wie ein Familienwappen?«

»Ja.« Genau das ist es. Mir war das richtige Wort nicht eingefallen. »Die meisten waren farbig und gemustert, aber eins war leer – nur ein Umriss.«

War das leere Wappenschild das fehlende Detail? Ich könnte so tun, als wäre dem so, aber damit würde ich nur mir selbst etwas vormachen. Mein Gehirn hat noch irgendetwas anderes aufgenommen, das in diesem Zimmer war, aber es weigert sich, es wieder herzugeben.

»Noch irgendetwas?«

»Ja, eine tote Frau in ihrem Blut«, sage ich und ärgere mich über die Aggressivität in meiner Stimme. Warum bin ich so wütend? Weil du machtlos bist, würde Alice sagen. Wir produzieren Wut, um uns die Illusion von Macht zu geben, wenn wir uns schwach und hilflos fühlen. Endlich höre ich die Worte, auf die ich gewartet habe. »Beschreiben Sie die Frau«, sagt Sam K.

***

Worte beginnen aus mir herauszuströmen, eine unkontrollierbare Flut. »Als ich sie und all das Blut sah, als mir klar wurde, auf was ich da blickte, schaute ich an mir selbst hinunter – das war das Erste, was ich getan habe. Ich war in Panik. Eine Sekunde lang dachte ich, ich würde auf dem Monitor ein Bild von mir selbst sehen – ich blickte an mir hinunter, um festzustellen, ob ich blutete. Später konnte ich es nicht mehr begreifen – wie war ich darauf nur gekommen? Sie lag auf dem Bauch – ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Sie war klein und zierlich, so wie ich. Sie hatte dunkles Haar, genauso wie ich, und es war glatt, so wie meins. Es war … wirr, fächerförmig ausgebreitet, als wäre sie gestürzt und …« Ich schaudere und hoffe, dass ich es nicht auszusprechen muss: tote Frauen können ihre Frisur nicht mehr in Ordnung bringen.

»Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, und eine Sekunde lang, bis ich mich wieder zurechtfand, dachte ich, sie wäre ich, dass ich diejenige war, die dort lag. Hören Sie doch auf mitzuschreiben!«, höre ich mich sagen. Zu laut. »Können Sie nicht einfach zuhören und sich später Notizen machen?«

Sam K. legt Block und Stift hin.

»Ich will das nicht unnötig aufbauschen«, fahre ich fort. »Ich wusste, dass sie nicht ich war, natürlich wusste ich das, aber … es war, als hätte meine Wahrnehmung mir einen Streich gespielt. Es muss der Schock gewesen sein. Sie lag da in ihrem Blut, furchtbar viel Blut, mehr, als ich je gesehen habe. Es wirkte wie ein großer roter Teppich unter ihr. Erst dachte ich, Blut kann es nicht sein, weil es so viel war, die Lache bedeckte fast ein Drittel des Raums, aber dann dachte ich … Also, Sie wissen es ja sicher. Sie haben bestimmt schon Tote in ihrem Blut liegen sehen, Menschen, die verblutet sind.«

»Himmel, Con«, murmelt Kit.

Ich ignoriere ihn. »Wie viel Blut ist es denn normalerweise?«

Sam K. räuspert sich. »Ich habe es noch nicht mit eigenen Augen gesehen, aber was Sie da beschreiben, klingt nicht unplausibel für ein Verblutungs-Szenario. Wie groß ist das Wohnzimmer?«

»24,4 Quadratmeter.«

Er wirkt überrascht. »Das ist sehr genau.«

»Es steht auf dem Grundriss.«

»Auf der Roundthehouses-Seite?«

»Ja.«

»Wissen Sie von allen Räumen, wie viele Quadratmeter sie haben?«

»Nein. Nur vom Wohnzimmer.«

»Sag ihm, was du gestern Nacht getan hast, nachdem ich wieder ins Bett gegangen war«, fordert Kit.

»Erst habe ich Simon Waterhouse angerufen, und als ich ihn nicht erreichen konnte, habe ich Sie angerufen«, erkläre ich Sam K. »Nach dem Gespräch mit Ihnen bin ich wieder zu meinem Laptop zurück, um … mir Bentley Grove 11 noch einmal anzusehen. Ich habe jedes Foto genau studiert, ebenso den Grundriss. Ich habe mir das Video wieder und wieder angesehen.« Ja, genau. Hiermit erkläre ich mich für obsessiv und verrückt.

»Sechs Stunden lang, bis ich aufgewacht bin und sie vom Computer weggezerrt habe«, sagt Kit ruhig.

»Ich verließ das Internet und wählte mich wieder ein, immer wieder. Einige Male habe ich den Laptop ausgeschaltet, den Stecker rausgezogen, das Gerät wieder angeschlossen und neu gestartet. Ich … ich war erschöpft und konnte nicht mehr ganz klar denken, und … irgendwie hatte ich die Vorstellung, wenn ich am Ball bliebe, würde ich es wieder sehen – die Leiche der Frau.« Bin ich zu ehrlich? Mein Verhalten gestern Nacht ist also ausgeufert – und? Macht mich das zu einer unzuverlässigen Zeugin? Hört die Polizei nur Leuten zu, die um zehn Uhr abends einen Getreidekaffee trinken, in ihren Flanellpyjama schlüpfen und den Rest der Nacht vernünftigerweise schlafend im Bett verbringen? »Ich habe noch nie zuvor eine Leiche gesehen. Einen ermordeten Menschen, der dann verschwindet. Ich stand unter Schock. Das tue ich wahrscheinlich immer noch.«

»Warum sagen Sie ermordet?«, will Sam K. wissen.

»Es ist schwer vorstellbar, wie sie durch einen Unfall so hätte enden können. Vermutlich hätte sie sich ein Messer in den Bauch stoßen, mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen und abwarten können, bis der Tod eintritt, aber das erscheint mir dann doch unwahrscheinlich. Es ist nicht gerade die naheliegendste Methode, wenn man Selbstmord begehen will.«

»Ist Ihnen eine Bauchwunde aufgefallen?«

»Nein, aber das Blut schien in der Bauchgegend am dicksten zu sein. Da war es fast schwarz. Ich muss wohl angenommen haben …« Ein tiefe teerige Schwärze, an den Rändern von hellerem Rot. Ein kleines Fenster, rechteckige Lichter auf der dunklen Oberfläche …

»Connie?« Kits Gesicht verschwimmt vor meinem. »Bist du okay?«

»Nein. Nein, nicht wirklich. Ich habe das Fenster gesehen …«

»Versuch nicht zu reden, bevor der Schwindelanfall vorbei ist.«

»… in dem Blut.«

»Was meint sie damit?«, fragt Sam K.

»Keine Ahnung. Connie, leg den Kopf zwischen die Knie und atme tief durch.«

»Mir geht’s gut.« Ich schiebe ihn beiseite. »Mir geht’s wieder gut. Wenn nichts von dem, was ich bisher gesagt habe, Sie und dich überzeugt hat, dann wird das es tun«, rufe ich. »Das Wohnzimmerfenster spiegelte sich in dem Blut. Als der Raum sich drehte, drehte sich auch das Blut und das kleine Fenster. Das beweist doch, dass ich es mir nicht eingebildet habe! Niemand würde sich so ein dämliches, pedantisches Detail ausdenken. Ich muss es gesehen haben. Es muss real sein.«

»Um Himmels willen.« Kit vergräbt das Gesicht in den Händen.

»Und ihr Kleid – warum hätte ich mir so ein Kleid ausdenken sollen? Es war blassgrün-lila und gemustert, ein Muster wie aus lauter Sanduhren, mit wellenförmigen Längsstreifen.« Ich versuche, es mit den Händen zu demonstrieren.

Sam K. nickt. »Trug sie Schuhe oder Strumpfhosen? Ist Ihnen Schmuck aufgefallen?«

»Keine Strumpfhosen. Ihre Beine waren nackt. Ich glaube, Schuhe trug sie auch nicht. Aber einen Ehering. Ihre Arme waren gestreckt, über dem Kopf ausgestreckt. Ich erinnere mich, dass ich auf ihre Hände gesehen habe und … Ja. Da war eindeutig ein Ehering.«

Und da war noch etwas anderes, aber mein inneres Auge weigert sich, den Blick darauf zu richten. Je angestrengter ich versuche, es auszumachen, desto stärker wird mir seine verborgene Gegenwart bewusst, wie eine dunkle Gestalt, die über eine scharfe Kante geglitten ist, außer Sicht.

»Was geschah, nachdem Sie die Leiche auf Ihrem Laptop entdeckt hatten?«, fragt Sam K. »Was taten Sie, nachdem Sie sich überzeugt hatten, dass Sie nicht bluteten?«

»Ich habe Kit aufgeweckt und ihn dazu gebracht, es sich ebenfalls anzusehen.«

»Als ich ins Zimmer ging, war eine Küche auf dem Bildschirm zu sehen«, sagt Kit. »Dann kam das Wohnzimmer, und da war keine Leiche, kein Blut. Das habe ich Connie mitgeteilt, und sie kam herein, um sich selbst davon zu überzeugen.«

»Die Leiche war weg«, bestätige ich.

»Ich habe den Rundgang nicht neu geladen«, erklärt Kit. »Er lief noch, als ich ins Arbeitszimmer kam, der Rundgang, den Connie aufgerufen hatte, in einer Wiederholungschleife. Ich will gar nicht behaupten, dass es unmöglich ist, an einem virtuellen Rundgang durch ein Haus etwas zu verändern – natürlich ist das möglich –, aber das würde nicht den aktuellen Durchlauf betreffen. Es ist schlicht nicht möglich –«

»Natürlich wäre es das«, schneide ich ihm das Wort ab. »Willst du etwa behaupten, dass ein virtueller Rundgang nicht so programmiert werden kann, dass bei jedem hundertsten oder tausendsten Durchlauf ein anderes Bild des Wohnzimmers gezeigt wird?« Na komm, Kit. Bist du nicht stolz auf deine Schülerin? Dir verdanke ich es, dass ich nicht länger unterschätze, was alles technisch machbar ist. Ein Computer, von der richtigen Person instruiert, kann fast alles tun.

»Nun?«, frage ich scharf. »Wäre das nicht möglich?«

Widerstrebend räumt Kit ein, dass das denkbar wäre. »Bitte sag, dass du nicht vorhast, den Tag damit zuzubringen, dir dieses Video tausend Mal anzusehen. Bitte.«

»Könnte ich den Laptop mal sehen?«, fragt Sam K.

Während Kit ihn nach oben bringt, tigere ich auf und ab, stelle mir das Wohnzimmer von Bentley Grove 11 vor und versuche, das fehlende Detail zu enthüllen. Die Frau war verschwunden. Das Blut war verschwunden. Und noch etwas anderes …

Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich Kits Rückkehr gar nicht bemerke, und so zucke ich zusammen, als er höhnt: »Ich weiß, jeder hasst Immobilienmakler, aber du hast es wirklich auf die Spitze getrieben. Nur hast du dir nicht überlegt, was das Ganze bringen soll. Warum sollte irgendein Bösewicht von Immobilienmakler, der in seinem Büro in Cambridge sitzt, den Wunsch hegen, eine ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das fremde Haus" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen