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Das ewige Feuer der Liebe

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1. KAPITEL

Nervös zupfte Alessia Battaglia ihren Schleier zurecht. Die hauchzarte Spitze berührte ihren empfindlichen Nacken wie der zärtliche Kuss eines Liebhabers.

Sie glaubte, es tatsächlich zu fühlen.

Heiße Lippen auf nackter Haut. Eine fordernde Hand auf ihrer Hüfte …

Rasch öffnete sie die Augen und beugte sich hinab, um die cremefarbenen Satinschleifen auf den eleganten Brautschuhen zu richten.

Eine Hand ihres Geliebten lag um ihren Knöchel, während er mit der anderen die hochhackige Sandalette abstreifte. Splitterfasernackt lag sie vor ihm, um zum ersten Mal den Zauber körperlicher Liebe zu erfahren – keine Zeit für Scham und Zweifel, sondern nur Sehnsucht und heißes Verlangen, nach Jahren hoffnungsvoller Träume und Fantasien.

Alessia schluckte, nahm ihr Rosenbukett vom Stuhl neben sich auf und sah, dass einige blutrote Knospen unter der achtlosen Behandlung gelitten hatten. Gedankenverloren strich sie über die samtigen Blütenblätter und wurde erneut von quälenden Erinnerungen überschwemmt.

Der Mund ihres Liebhabers auf ihrer Brust, ihre Hände in seinem dichten, schwarzen Haar …

„Alessia?“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus, bevor sie sich zu ihrer Hochzeitsplanerin umdrehte, die mit einer Hand am Headset in der Tür stand. „Es ist so weit.“

Sie nickte. Ihre Absätze klackerten laut auf dem Marmorboden, während sie den kleinen Raum hinter der Sakristei verließ, um durch einen schmalen Durchlass zum offiziellen Eingang der Basilika zu gelangen. Dort war es inzwischen menschenleer und sehr still. Alle Gäste hatten bereits im Gottesdienstraum Platz genommen und warteten auf den Beginn der Zeremonie.

Die Braut atmete ein letztes Mal tief durch. Dann setzte sie mechanisch einen Fuß vor den anderen. Zwischen massiven Säulen mit vergoldeten Kapitellen leuchteten farbenprächtige Wandmalereien. Für den Bruchteil einer Sekunde verharrte Alessia, als suche sie Zuspruch und Frieden in den biblischen Szenen.

Ein Bild zeigte den Garten Eden – und Eva, die Adam einen Apfel reichte.

„Bitte, nur eine Nacht!“

„Nur eine, Cara mia?“

„Das ist alles, was ich zu geben habe …“

Ein verlangender Kuss voller Seligkeit, heißer als in jeder Fantasie.

Alessias Herz schlug schmerzhaft in der Brust, als sie sich vom Paradies losriss und ihren Weg in Richtung der massiven Doppelflügeltür fortsetzte.

Dort nahm ihr Vater sie in Empfang. Dunkel und massig stand er da und sah ihr entgegen. In dem teuren, etwas zu engen Maßanzug verkörperte Antonioni Battaglia den Typ des respektablen Großbürgers, der er absolut nicht war, was jedermann wusste. Die bevorstehende Hochzeit – so formell und traditionell, wie es nur ging – war ein weiterer Ausdruck seines Machthungers und Geltungsbedürfnisses. Und er gedachte die angestrebte Position mithilfe des Familiennamens und Vermögens des ebenso mächtigen wie berüchtigten Corretti-Clans noch weiter auszubauen.

Allein darum stand Alessia jetzt hier.

„Du siehst aus wie deine Mutter“, empfing Antonioni Battaglia seine Tochter.

„Danke“, murmelte sie und fragte sich, ob das wirklich stimmte oder ihr Vater es nur sagte, weil er glaubte, es gehöre einfach dazu. Denn Wehmut oder Zärtlichkeit waren keine Attribute, die sie je mit ihm in Verbindung gebracht hätte.

„Ein wichtiger Tag für unsere Familie.“

Das kam der Sache schon näher. Alessia war sich sehr wohl bewusst, dass durch ihre Heirat auch für ihre Geschwister gesorgt sein würde. War das nicht ohnehin ihre Aufgabe gewesen, seit ihre Mutter im Kindbett gestorben war? Pietro, Giana, Marco und Eva bedeuteten ihr alles. Es gab nichts, was sie gescheut hätte, um ihren Geschwistern ein möglichst sorgenfreies Leben zu sichern.

Trotzdem überschatteten Wehmut und sehnsüchtige Erinnerungen diesen Moment, der doch der glücklichste ihres Lebens sein müsste. Erinnerungen an ihren Geliebten … an seine Lippen, seine Hände, seine Leidenschaft.

Wenn nur ihr Liebhaber und der Mann, der hinter den Türen der Sakristei darauf wartete, ihr das Jawort zu geben und abzuverlangen, ein und derselbe wären.

„Ich weiß …“, flüsterte sie und versuchte, das überwältigende Gefühl von Einsamkeit und Leere in ihrem Innern zu ignorieren.

Die schweren Türflügel schwangen auf und gaben den Blick auf den unendlich scheinenden Weg zum Altar frei. Die ersten Töne eines feierlichen Orgelwerks erklangen, und aller Blicke wandten sich ihnen zu. Hunderte von Gästen waren aus der ganzen Welt zusammengekommen, um die Vereinigung der zwei mächtigsten Familien Siziliens mitzuerleben: der Battaglias und der rivalisierenden Correttis.

Alessia hielt sich sehr gerade und versuchte, ruhig zu atmen. Doch die enge Korsage schnürte ihr die Luft ab, und die vielen Meter Satin wurden mit jedem Schritt schwerer. Es war ein schönes Kleid, eine ausgefallene Designer-Kreation, die aber nicht zu ihr passte, so wie die ganze pompöse Hochzeit.

Ihr Vater blieb an ihrer Seite, reichte ihr aber nicht seinen Arm. Er hatte sie ihrem Bräutigam bereits übergeben, als er seine Vereinbarung mit Salvatore Corretti unterschrieb. Deshalb verzichtete er auf überflüssige, sentimentale Gesten. Das war ganz Antonioni Battaglia, wie man ihn kannte: immer ein Auge aufs Geschehen haben, um sicherzustellen, dass auch alles glattlief, sprich, dass seine Tochter tat, was er verlangte.

Alessia blinzelte irritiert, als ihr Vater stehenblieb, schaute auf und begegnete Alessandros Blick. Ihr Bräutigam. Der Mann, dem sie in wenigen Minuten ihr Eheversprechen geben würde. Dio Perdonami. Gott vergebe mir.

Ohne Brautbukett in der Hand hätte Alessia sich bekreuzigt.

Und dann fühlte sie seine Anwesenheit, als hätte er die Hand nach ihr ausgestreckt und sie berührt. Sie wandte den Kopf zur Seite, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Matteo … ihr Liebhaber. Und gleichzeitig Cousin und Rivale ihres zukünftigen Mannes.

Wie stets verschlug sein Anblick ihr den Atem. Groß, muskulös, mit markanter Kinnlinie und ungebändigtem schwarzem Haar war er der attraktivste und aufregendste Mann, den sie je gesehen hatte. Die perfekt geschnittenen, sinnlichen Lippen verhießen süße Qualen und das Paradies auf Erden. Der maßgeschneiderte Anzug unterstrich seine herausfordernde Männlichkeit seltsamerweise noch.

Und doch war es nicht derselbe Mann, in dessen Bett sie erst vor wenigen Wochen gelegen hatte. Wie er dastand, angespannt und mit brennendem Blick, jagte er ihr fast Angst ein. Sie hatte angenommen, es würde ihm nichts ausmachen, dass sie Alessandro versprochen war und ihre eine Nacht voller Leidenschaft nur ein erotisches Intermezzo bleiben konnte.

Obwohl … insgeheim musste Alessia sich eingestehen, dass die Vorstellung ziemlich schmerzhaft und deprimierend war. Aber immer noch besser als dieser hasserfüllte Blick.

Wie anders hatte Matteo sie damals angesehen, hungrig und wie besessen von einer verzehrenden Leidenschaft, die ein wildes Echo in ihrem Innern auslöste. Und dann die unverhüllte Lust in seinen wundervollen Augen, als sie ihn berührte, ihn schmeckte …

Während Alessia ihren Bräutigam ansah, spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers, dass Matteo sie immer noch beobachtete. Am liebsten wäre sie einfach zu ihm gegangen und hätte sich in seine Arme geworfen. So war es schon immer gewesen. Seit sie Matteo Corretti das erste Mal begegnet war, übte er diese unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus.

Und für eine wundervolle Nacht hatte sie ihm gehört … ein magisches Erlebnis, das sich nie wiederholen würde.

Sie strauchelte, knickte um und konnte sich erst im letzten Moment fangen. Erneut schaute sie zur Seite, und wieder begegnete sie Matteos sengendem Blick.

Maledizione! Warum war es nur so heiß hier drinnen? Ihr Schleier drückte unerträglich, der Spitzenkragen drohte sie zu ersticken. Abrupt blieb sie stehen und rang nach Luft, während der stumme Krieg in ihrem Innern sie zu zerreißen drohte.

Matteo Corretti kochte vor Wut, während er mit ansehen musste, wie Alessia auf Alessandro zuging, der nicht nur sein Cousin und Geschäftskonkurrent war, sondern jetzt zudem noch sein Rivale und erklärter Feind.

Alessia Battaglia durfte Alessandro nicht heiraten!

Sie gehörte allein ihm. Sie war seine Geliebte, seine Frau … die schönste und hinreißendste, die er in seinem ganzen Leben getroffen hatte. Und das lag nicht nur an dem warmen Goldton ihrer samtweichen Haut oder den anbetungswürdigen Lippen. Es waren ihre innere Schönheit, ihre Hingabe und Leidenschaft, die ihn von jeher fasziniert und verwirrt hatten. Die leuchtenden Augen, das helle Lachen, jede noch so banale Geste zeugten von ungeheurer Lebensfreude und Vitalität, wie er selbst sie nie empfunden hatte.

Anstatt ein Monster zu sein, als die man ihm sämtliche Mitglieder des Battaglia-Clans immer verkauft hatte, war sie in seinen Augen ein Engel – und das, seit er sie als junger Bengel zum ersten Mal gesehen hatte. Er hatte sie beobachtet, von ihr geträumt und sich nach ihrer Nähe gesehnt. Aber er war ihr nie nahe gekommen. Denn damit hätte er ein Tabu gebrochen.

Die erbitterte Blutfehde zwischen den Correttis und Battaglias bestand seit über fünfzig Jahren, und weder sein Vater noch sein Großvater hätten es toleriert, wenn er auch nur ein Wort mit der Tochter des Feindes gewechselt oder sie gar berührt hätte. Er hatte sich an das Verbot gehalten, bis auf ein einziges Mal …

Und dann, nach all den Jahren, wurde Alessia Battaglia von ihrem Vater wie eine Preisstute an Alessandro verschachert, nur weil Salvatore als Familienoberhaupt des Corretti-Clans sich davon einen Vorteil versprach. Matteo ballte seine Hände zu Fäusten und versuchte, sich zu beherrschen. Seit Jahren hatte er es nicht mehr zugelassen, dass ihn etwas derart in Rage brachte, weil er fürchtete, zu explodieren und die Kontrolle über sich zu verlieren. Wenn das geschah, konnte er für nichts garantieren. Das durfte nicht sein, nie wieder! Aber wenn Alessandro seine Braut nun berührte oder sogar küsste? Daran wagte Matteo erst gar nicht zu denken.

Plötzlich schien Alessia zu stolpern, blieb stehen und richtete ihre großen dunklen Augen zunächst auf ihn, dann auf ihren Bräutigam. Danach schaute sie wieder ihn an. Ein heißer Schauer rann über seinen Rücken. Diese Augen! Sie verfolgten ihn bis in seine Träume.

Alessia ließ kraftlos die Hand sinken, das Rosenbukett entglitt ihren Fingern und fiel zu Boden. Nach einer atemlosen Sekunde raffte die Braut ihr Kleid vorn zusammen und hastete den langen Gang zwischen den Kirchenbänken zurück. Der Spitzenschleier wehte hinter ihr her wie eine weiße Fahne, und dann drehte sie sich ein letztes Mal um. Der ängstlich flehende Blick traf Matteo mitten ins Herz.

„Alessia!“ Er konnte nicht anders. Ohne sich Rechenschaft über sein Tun abzugeben, stürzte er hinter ihr her. „Alessia!“

Erstaunte und empörte Reaktionen der anwesenden Gäste mischten sich mit seinem verzweifelten Ruf. Ein heftiger Tumult brach aus. Viele waren aufgesprungen, drängten sich in den Gang und blockierten seinen Weg, doch Matteo kämpfte sich rücksichtslos durch die Menschenmassen, ohne einzelne Gesichter wahrzunehmen oder zu registrieren, wer ihn zurückzuhalten versuchte. Er hatte nur Augen für die fliehende Braut.

Als er es endlich bis vor die Basilika geschafft hatte, saß Alessia bereits auf dem Rücksitz der Limousine, die das Brautpaar nach der Trauung in die Flitterwochen hätte bringen sollen. Sie kämpfte mit ihrem voluminösen Kleid, um es ganz ins Wageninnere zu bekommen, doch sobald sie ihn sah, schwand der angespannte Ausdruck auf ihrem Gesicht.

„Matteo.“

„Was hast du vor, Alessia?“

„Ich … ich muss hier weg“, stammelte sie und warf einen ängstlichen Blick über seine Schulter.

Kein Zweifel, sie hatte Angst vor ihrem Vater, und nach allem, was Matteo über Antonioni Battaglia wusste, war ihre Furcht absolut berechtigt. Ein wilder Beschützerinstinkt flammte in ihm auf. „Wo willst du hin?“

„Zum Flughafen. Da treffen wir uns.“

„Alessia …“

„Matteo, bitte! Ich werde auf dich warten.“ Damit schlug sie die Tür zu. Die Limousine scherte aus der Parklücke, als ihr Vater vor der Kirche erschien.

„Sie!“, donnerte er und hätte Matteo fast umgerannt. „Was haben Sie getan?“

Direkt hinter ihm tauchte Alessandro auf, mit schneeweißem Gesicht und flammendem Blick. „Maledizione, Matteo! Was hast du dir dabei gedacht?“

Alessias Hände zitterten, als sie der Boutique-Verkäuferin das Geld gab. Noch nie zuvor war sie in so einem Laden gewesen. Ihr Vater hätte ihn als gewöhnlich bezeichnet. Nichts für eine Battaglia, und doch hatte Alessia genau das bekommen, wonach sie gesucht hatte: Jeans, T-Shirt und einfache Sneakers, wie jede junge Frau, die auf ihr Geld achten musste, sie tragen würde.

Als ob ihre Familie das Geld hätte, um den eigenen, hochgestochenen Ansprüchen zu genügen! Soweit sie zurückdenken konnte, nahm ihr Vater überall Darlehen auf, um den Anschein zu erwecken, es gehe ihnen immer noch so gut wie in alten, längst vergangenen Zeiten. Sein Amt als Minister für Handel und Gewerbe verlieh ihm zwar einen gewissen Status, doch längst nicht so wie zu Zeiten von Alessias Großvater, wo das Geld noch in Strömen geflossen war, wenn auch aus mehr als zweifelhaften Quellen.

„Darf ich Ihre Umkleidekabine benutzen?“, fragte Alessia, nachdem sie gezahlt hatte.

Die Verkäuferin nickte, ohne ihre Neugier verbergen zu können. Kein Wunder angesichts einer zitternden Braut ohne den dazugehörigen Bräutigam, die ihr Traumkleid gegen Jeans und Turnschuhe austauschte! In der Bank hatte man nicht anders reagiert. Alessias Magen krampfte sich zusammen, als sie daran dachte, dass sie die Kreditkarte ihres Vaters für die Flucht benutzt hatte.

„Mein Name ist Battaglia“, erklärte sie der konsternierten Bankangestellten in dem arroganten Ton, den ihr Vater in der gleichen Situation gebraucht hätte. „Selbstverständlich habe ich das Recht, mit dieser Karte Bargeld abzuheben.“ Denn das war unbedingt notwendig, um keine Spuren zu hinterlassen.

Dass Alessia aus einer Familie stammte, die sich auf der falschen Seite des Gesetzes bewegte, war in diesem Fall sogar hilfreich. Ihr ganzes Leben lang hatte sie beobachten können, dass sicheres Auftreten und ein starkes Selbstbewusstsein geradezu unerlässlich waren, um zu bekommen, was man wollte, auch wenn es einem nicht wirklich zustand. Das Geld in ihrer Tasche war dafür das beste Beispiel.

Alessia zog den Vorhang der Kabine zu und stieg aus ihrem opulenten Brautkleid, das ihr Vater ausgesucht hatte. Die jungfräuliche Braut in traditionellem Weiß.

Wenn er die Wahrheit wüsste …

Kurz darauf erschien sie in Jeans und engem schwarzem ­T-Shirt und fasste das lange Haar mit einem schlichten Gummi im Pferdeschwanz zusammen. „Das Kleid können Sie behalten und meinetwegen verkaufen“, sagte sie, während sie ohne Strümpfe in die Sneakers schlüpfte. Dann stand sie auch schon auf der Straße und konnte endlich wieder durchatmen. Die Limousine hatte Alessia bereits vor der Bank weggeschickt, wobei sie nicht vergaß, dem Chauffeur ein großzügiges Trinkgeld für seinen Part an ihrer Flucht zu geben. Jetzt reichte eine lässige Handbewegung, um ein Taxi zu rufen, das sie zum Flughafen bringen sollte.

Alessia nahm auf dem Rücksitz Platz und umklammerte die Handtasche auf ihrem Schoß wie einen Rettungsanker. „Aeroporto di Catania, per favore.“

„Naturalmente, Signorina.“

Matteo hielt sich nicht unnötig vor der Basilika auf, sondern entging den unangenehmen Fragen seines Cousins, indem er sich in seinen offenen Sportflitzer schwang und mit röhrendem Motor in Richtung Flughafen davonschoss.

Sein Herz schlug hart in der Brust, das Blut strömte glühender Lava gleich durch seine Adern. Er fühlte sich völlig neben sich, ein Zustand, den er nie wieder hatte erleben wollen. Und doch war es ihm gerade in letzter Zeit öfter passiert, und jedes Mal hatte es mit Alessia zu tun gehabt. Diese Gefühle erinnerten ihn daran, wozu er fähig war, wenn die schwarze Kälte in seinem Innern mit brennender Leidenschaft kollidierte: Er verlor die Kontrolle über sich.

Alessia war sein Schwachpunkt, eine Gefahr, der er sich nie hätte aussetzen dürfen und der er nie wieder begegnen durfte.

Dunkle Augen, die im Spiegel hinter der Bar seinen Blick suchten … Augen, die er überall wiedererkannt hätte. Er stellte seinen Drink ab, wandte sich um und ging auf sie zu. Ihr Anblick verschlug ihm den Atem.

„Alessia.“ Es war das erste Mal in dreizehn Jahren, dass er sie direkt ansprach.

„Matteo.“ Aus ihrem Mund hörte sich sein Name wie Musik an.

Einen Monat war es jetzt her, seit ihrer Nacht in New York City. Bisher hatte er es für ein zufälliges Treffen gehalten, aber jetzt …

Vier lange Wochen, und immer noch hatte er den Geschmack ihrer Haut auf der Zunge, fühlte die süße Schwere ihrer Brüste in seinen Händen und hörte ihr lustvolles Stöhnen, während sie sich gegenseitig zum Gipfel der Ekstase trieben.

Seither hatte er keine andere Frau mehr begehrt.

Sie hatten es kaum bis in seine Hotelsuite geschafft, so scharf waren sie aufeinander gewesen. Mit zitternden Fingern hatte er die Tür hinter sich abgeschlossen und Alessia mit seinem Körper gegen die nächste Wand gedrückt. Sie trug ein langes Kleid mit einem Schlitz an der Seite, der ein schlankes, gebräuntes Bein enthüllte. Sie hatte ihren nackten Schenkel um seine Hüfte geschlungen, er eine Hand unter ihren knackigen Po gelegt und Alessia fest gegen seine fordernde Männlichkeit gepresst.

Es fühlte sich himmlisch an, aber es war nicht genug. Und es würde nie genug sein!

Matteo stoppte an einer roten Ampel und trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen aufs Lenkrad. Heißes Verlangen, hungrige, unstillbare Begierde … seit jener Nacht waren sie seine ständigen Begleiter.

Endlich war sie nackt gewesen. Ihre prallen Brüste drängten sich gegen seinen Oberkörper. Er musste sie haben. Die Gier nach ihr machte ihn fast wahnsinnig.

„Bereit für mich, Cara?“

„Immer für dich …“

Er nahm sie, bebend vor Lust, aber es war anders als erwartet. Sie schrie leise auf, ihre Nägel bohrten sich in sein Fleisch, aber nicht aus Vergnügen.

Sie war Jungfrau! Und sie gehörte ihm, allein ihm!

Doch es war nur eine Lüge gewesen, denn am nächsten Morgen war Alessia verschwunden, und er hatte sie erst wiedergesehen, als er von New York nach Sizilien zurückkehrte.

Er war zu einem Familienfest eingeladen worden, hatte aber nicht erwartet, dort gleich die gesamte Corretti-Sippe anzutreffen. Und noch weniger, dass es sich um Alessandros und Alessias Verlobung handelte. Eine exquisite Party, die das Ende der Fehde zwischen den Battaglias und den Correttis markieren sollte und Gelegenheit bot, auf eine Partnerschaft zur Renovierung der Hafengebiete von Palermo anzustoßen.

„Wie lange sind du und Alessia verlobt?“, hatte er seinen Cousin gefragt, während sein Blick auf Alessia ruhte.

„Oh, schon seit einer Weile, aber wir wollten es erst offiziell bekannt geben, wenn alle Details geklärt sind.“

„Verstehe. Und wann soll die feierliche Vereinigung stattfinden?“

„In einem Monat. Es gibt keinen Grund mehr, noch länger zu warten.“

Wut und Empörung mischten sich bei der Erinnerung an das Gespräch mit dem Verlangen, Alessia so schnell wie möglich zu treffen. Als sie mit ihm ins Bett gegangen war, war sie bereits mit Alessandro verlobt gewesen. Sie hatte gewusst, dass sie einen anderen Mann heiraten würde, während sie sich von ihm entjungfern ließ.

Und er hatte sie den ganzen letzten Monat an Alessandros Seite sehen müssen, im Wissen, dass seinem schärfsten Rivalen das Einzige gehörte, was er mehr begehrte als alles andere auf der Welt. Immer wieder wurde er von gewalttätigen Fantasien heimgesucht und hätte seinem Cousin am liebsten gezeigt, was dem Mann passierte, der berührte, was ihm gehörte. Selbst jetzt noch verursachte ihm der Gedanke von Alessandros Hand um Alessias schmale Taille heftige Übelkeit.

Was hat diese Frau nur aus mir gemacht? Dieser eifersüchtige Besitzanspruch, die brennende Leidenschaft, die ihn langsam in den Wahnsinn trieb …

Es passte nicht zu dem Mann, der er bisher gewesen war. Eigentlich war er ein Vernunftmensch, der sich an Logik und Fakten hielt, für den Pflicht und Ehre schwerer wogen als Emotionen jeglicher Art. Denn sobald er seine gnadenlose Selbstkontrolle lockerte und Gefühle zuließ, wurde er unberechenbar.

Er war eben ein Corretti, aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sein Vater und Großvater, einem besonders harten Holz, das ihn Handlungsweisen tolerieren ließ, die den meisten Menschen panische Angst oder Abscheu einflößen würden.

Abrupt lenkte Matteo seinen Sportwagen an den Straßenrand, stellte den Motor aus und schloss gequält die Augen. Er umklammerte das Lenkrad so hart, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Sein Atem kam in kurzen, rauen Stößen.

Das ist nicht mein wahres Ich! Er kannte sich selbst nicht, sobald er mit Alessia Battaglia in Berührung kam. Daraus konnte nichts Gutes entstehen. Sein Leben lang hatte er dagegen angekämpft, die Rolle zu spielen, die von ihm als einem echten Corretti erwartet wurde und versucht, einen anderen Weg einzuschlagen als sein Vater und Großvater.

Alessia war Gift für ihn. Sie hatte es bereits bewiesen.

Matteo fluchte laut, startete den Wagen erneut, machte eine scharfe Wende und fuhr in entgegengesetzter Richtung zum Flughafen. Dabei drückte er den Knopf seiner Telefonanlage und wurde automatisch mit seiner Sekretärin verbunden.

„Lucia?“

„Si?“

„Stellen Sie bis auf Weiteres keine Anrufe zu mir durch.“

Drei Stunden wartete Alessia jetzt bereits.

Dass ihr Vater und seine Leute noch nicht am Flughafen aufgetaucht waren, lag sicher daran, dass er nie auf den Gedanken kommen würde, sie könne sich derart gegen ihn auflehnen und damit einen Riesenskandal verursachen.

Nervös rutschte sie auf ihrem Plastikstuhl hin und her und wischte sich über die Wangen, obwohl diese längst trocken waren. Sie hatte einfach keine Tränen mehr. Sobald ihr dämmerte, dass Matteo nicht kommen würde, hatte sie angefangen zu weinen. Und die Tränen waren noch heftiger geflossen, nachdem sie in der Flughafenapotheke einen Schwangerschaftstest gekauft, sich in den Waschraum zurückgezogen hatte und zusah, wie sich die beiden Streifen in dem Röhrchen rosa verfärbten.

Sie fühlte sich zu Tode erschöpft und von aller Welt verlassen.

Nein, das stimmt nicht ganz! dachte Alessia mit einem zitternden Lächeln. Nicht ganz allein. In wenigen Monaten werde ich ein Baby haben …

Momentan erschien ihr das Ganze noch surreal und bedeutete keinen großen Trost. Nur eins war klar: Sie konnte auf keinen Fall zu Alessandro zurück. Und auch nicht zu ihrer Familie. Sie erwartete ein Kind vom falschen Kandidaten. Von einem Mann, der sie nicht wollte. Dabei hatte er in jener Nacht gar nicht genug von ihr bekommen können.

Der Gedanke machte sie wütend. Matteo hatte sie gewollt, und nicht nur einmal! Sonst wäre es auch gar nicht zu der Schwangerschaft gekommen. Während der heißen Liebesstunden im Bett hatten sie mit Kondom verhütet, nur später, als sie gemeinsam duschten und das Verlangen sie erneut überwältigt hatte …

Keiner von ihnen war in der Lage gewesen zu denken, Vernunft walten zu lassen.

Seufzend stand sie auf und griff nach dem einzigen Besitz, der ihr geblieben war: die Tasche, die sie glücklicherweise auf dem Rücksitz der Limousine deponiert hatte, bevor sie die Basilika betreten hatte. Alessia zog ihr Flugticket hervor und trat an den Abfertigungsschalter.

„New York?“, fragte der Angestellte.

„Ja … New York.“

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