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Das erste Mal… im Lehrerberuf

INHALTSVERZEICHNIS

 

Vorwort – Nichts für Leichtmatrosen

1

DIE SCHULE

 

Ballast abwerfen

 

an einer Lehrerkonferenz teilnehmen

 

seinen Platz im Lehrerkollegium finden

 

eine Vertretungsstunde halten

 

eine Pausenaufsicht übernehmen

 

 

eine Elternsprechstunde abhalten

 

 

an der Schule Sonderaufgaben übernehmen

 

 

zum Vertrauenslehrer gewählt werden

2

MEINE KLASSE

 

Vertrauen lernen

 

eine Klassenleitung übernehmen

 

eine Klassenkonferenz leiten

 

einen Elternabend ausrichten

 

einen Klassenrat vorbereiten

 

 

eine Klassensatzung ausarbeiten lassen

 

 

Zeugnisbemerkungen formulieren

 

 

eine Sitzordnung für die Klasse festlegen

 

 

einen Wandertag organisieren

 

 

eine Klassenfahrt planen

 

 

einen Beitrag zum Sommerfest vorbereiten

 

 

mit der Klasse Weihnachten feiern

3

DIE SCHÜLER

 

Vielfalt akzeptieren

 

auf schulische Pflichtverletzungen reagieren

 

Disziplinprobleme hautnah erleben

 

mit Gewalt in der Schule umgehen

 

mit Mobbing konfrontiert sein

 

 

Schüler mit AD(H)S unterrichten

 

 

Schüler mit Teilleistungsstörungen benoten

 

 

mit psychisch kranken Schülern arbeiten

 

 

einer Klasse aus dem Leistungstief heraushelfen

4

DER UNTERRICHT

 

Neugierig bleiben

 

eine Unterrichtseinheit planen

 

die Schüler in Gruppen arbeiten lassen

 

einen Lernzirkel planen

 

mit offenen Unterrichtsformen arbeiten

 

 

differenzierte Aufgaben stellen

 

 

ein Portfolio einsetzen

 

 

ein Unterrichtsprojekt planen

 

 

eine Arbeitsgemeinschaft anbieten

 

 

ein Feedback einfordern

 

Anmerkungen

NICHTS FÜR LEICHTMATROSEN

„Lieber Dr. Sommer! Zurzeit stehe ich vor einem sehr schwierigen Problem, wobei ich hoffe, dass Sie mir helfen können. Seit dem 6. Dezember bin ich mit einem Jungen zusammen, den ich sehr mag, was auch bei ihm der Fall ist. Nun möchte ich (er weiß es noch nicht) mit ihm schlafen. Doch habe ich davor auch Angst. Vielleicht liegt es daran, dass es bei mir das erste Mal sein wird.“1

In ihrer vermeintlichen Not wendet sich eine gewisse Bärbel an den Aufklärungsonkel der BRAVO.

Das erste Mal ist nicht nur für Teenager mit einem emotionalen Cocktail aus Aufregung, Neugier und Angst verbunden. Auch in der Biografie eines Lehrers sind zahlreiche erste Male zu meistern, die mit ähnlichen Erwartungen und Befürchtungen unterlegt sind: Da muss der erste Wandertag geplant, die erste Klassenkonferenz geleitet, der erste Elternabend überstanden werden. Da gilt es, eine Unterrichtseinheit zu planen, ein Projekt zu organisieren oder sich einem Feedback zu stellen. Vieles, was nach ein paar Jahren zur Routine wird, ist beim ersten Mal noch spannend und verwirrend.

„Das erste Mal“ versteht sich als ein Logbuch, das Sie durch Ihre ersten Jahre an der Schule begleiten will. Dazu sollen Sie zunächst mit den notwendigen Informationen versorgt werden. Denn der Schulalltag kann zu einem reißenden Meer werden, dessen Klippen und Untiefen nach präzisen Navigationskenntnissen verlangen. Nur wer über solche Kenntnisse verfügt, wird hier keinen Schiffbruch erleiden. Die Schule ist nun einmal nichts für Leichtmatrosen. Darüber hinaus erwarten Sie hier die notwendigen Tipps und Tricks, wie sie sich erfahrene Fahrensleute in vielen Lehrerjahren angeeignet haben. Im Rahmen Ihrer Ausbildung werden Sie davon nicht viel gehört haben. Aber Sie werden darauf angewiesen sein, wenn Ihr erstes Mal nicht auch Ihr letztes Mal gewesen sein soll.

Vom Lebensberater ihres Vertrauens erfährt Bärbel, wie sie die Angst vor dem ersten Mal besiegen und ihr Premierenfieber in den Griff bekommen kann:

„Offenheit ist wahnsinnig wichtig.“ Denn diese Offenheit wird „das erste Mal“ zum schönen Erlebnis werden lassen.2

Hier wird man dem Aufklärungsonkel der BRAVO nur beipflichten können.

Auch bei Ihren ersten Malen sollten Sie nicht den abgeklärten Routinier mimen, sondern sich dem einen oder anderen Ratschlag öffnen. Nur wer sich selbst zu seinen Wissenslücken bekennt, kann anderen ein guter Lehrer sein.

BALLAST ABWERFEN

Die Schule ist nicht nur ein Lernort, nicht nur eine pädagogische Einrichtung. Sie ist immer auch eine Behörde – mit allem, was einen solchen bürokratischen Apparat ausmacht. Deshalb geht es hier auch um Verwaltungsvorschriften und Abordnungsverfügungen, um Abrechnungsmodalitäten und Dienstanweisungen. Und noch bevor Sie dem ersten Schüler gegenübertreten, werden Sie einen ganzen Marathon von Belehrungen und Einführungen, von Konferenzen und Sitzungen hinter sich gebracht haben. Hier türmt sich ein bürokratischer Ballast auf, den mancher lieber ignorieren würde. Das aber könnte sich rächen: Wer sich nämlich mit den Spielregeln der Schulbürokratie nicht auskennt, den hat die Eigendynamik des Verwaltungshandelns schon bald eingeholt. Deshalb sollten Sie sich mit den hier geltenden Vorschriften und Regeln möglichst schnell vertraut machen. Damit Sie den Kopf wieder freibekommen – für Ihre ganz persönliche pädagogische Berufung. Denn die sollten Sie sich durch die Wucht administrativer Auflagen nicht beschädigen lassen.

 

AN EINER LEHRERKONFERENZ TEILNEHMEN

Wenige Tage, bevor Britta ihren Dienst an der neuen Schule antritt, erhält die angehende Lehrerin Post: Ein gewisser Uli stellt sich als künftiger Kollege vor, den es ebenfalls an diese Schule in einer ländlichen Kleinstadt verschlagen hat. Er schlägt vor, dass sich die „Neuen“ vor der ersten Konferenz im neuen Schuljahr treffen, um sich schon einmal zu beschnuppern und ihren ersten Auftritt vor dem Kollegium vorzubereiten. Der forsche Anfänger hat schon einmal für 13.00 Uhr einen Tisch im Café „Löblein“ reservieren lassen …

Britta hat es offensichtlich gut getroffen. Ihr bleibt das Schicksal vieler Anfänger erspart, die sich in der ersten Konferenz doch recht verloren vorkommen – weil sie hier von lauter gut erholten und entsprechend aufgedrehten Kollegen umgeben sind, aber noch nicht so recht dazugehören. Für Britta, wie für alle anderen Neulinge, werden solche Konferenzen bald genauso zum pädagogischen Alltag gehören wie die Pausenaufsicht, die Unterrichtsvertretung oder die Sprechstunde. Weil sich aber die Lehrerarbeitszeit ausschließlich an der Zahl der erteilten Wochenstunden bemisst, gilt die Konferenz nach außen und nach innen als eine unentgeltliche Zusatzleistung. Und entsprechend gering fällt die Begeisterung der Kollegen aus.

Nicht jede Konferenz läuft gleich ab. Zu unterscheiden sind hier …

allgemeine Konferenzen, bei denen administrative und organisatorische Fragen im Mittelpunkt stehen. Das ist z. B. in der Anfangskonferenz der Fall, zu der die Lehrkräfte oft schon am letzten Tag der Sommerferien in die Schule beordert werden.

pädagogische Konferenzen, bei denen es um die Gestaltung von Unterricht und Schulleben geht. Hier werden keine Erlasse verlesen, sondern Probleme diskutiert, die sich an der Schule selbst stellen. Das erklärt den besonderen Stellenwert solcher Konferenzen.

ad-hoc-Konferenzen, die spontan einberufen werden und in der Regel nicht länger als eine Stunde dauern. Solche Konferenzen können notwendig werden, wenn eine wichtige Entscheidung ansteht, die möglichst zeitnah gefällt werden muss.

Teilkonferenzen, an denen jeweils nur eine bestimmte Anzahl von Kollegen teilnimmt. Dazu zählen die Klassenkonferenzen oder die Sitzungen der jeweiligen Fachgruppe. Hier stehen sowohl Verwaltungsaufgaben wie pädagogische Probleme auf der Tagesordnung.

Pädagogische Tage, an denen sich das ganze Kollegium weiterbildet. Diese sind für die Schulentwicklung so wichtig, dass dafür auch einmal ein ganzer Schultag ausfallen kann. Nur besonders hartleibige Schulleiter lassen das Kollegium dafür am Wochenende antreten.

Viele Kollegen lassen eine solche Konferenz lieber über sich ergehen, als dass sie diese für die innerschulische Meinungsbildung nutzten. Das hängt auch damit zusammen, dass der Lehrerkonferenz in manchen Bundesländern nur geringe Kompetenzen zugestanden werden. So hat die Lehrerkonferenz an bayerischen Schulen lediglich darüber zu entscheiden, ob ein schulischer Verwaltungsakt rechtmäßig war, wie mit Beschwerden gegen einzelne Erziehungsmaßnahmen umgegangen werden soll oder welche Veranstaltungen für das nächste Schuljahr geplant sind.3

Da kann man es den Kollegen eigentlich nicht verdenken, wenn sie eine solche Konferenz möglichst schnell hinter sich bringen wollen. Als Neuling sollten Sie sich diesem Rückzug in eine allgemeine Apathie aber nicht unbedingt anschließen.

Denn hier steht Ihnen ein Forum zur Verfügung, …

um sich mit allen Kollegen bekannt zu machen (wenn Sie sich z. B. schon in der ersten Konferenz zu Wort melden und hier ihre bisherigen schulischen Erfahrungen einbringen).

um Ihre Bereitschaft zur Mitarbeit zu signalisieren (wenn Sie sich z. B. für eine Sonderaufgabe oder für die Teilnahme an einer Projektgruppe melden).

um herauszufinden, wie Sie sich innerhalb des Kollegiums positionieren wollen (wenn hier z. B. Konflikte zwischen Erneuerern und Blockierern ausgetragen werden).

Ihrer ersten Konferenz an der neuen Schule sollten Sie deshalb genauso offen, aufmerksam und neugierig entgegensehen wie eine Debütantin dem bevorstehenden Opernball. Noch lässt sich an dieser ersten Begegnung mit Ihren neuen Kollegen nicht ablesen, ob Sie sich hier wohlfühlen werden. Aber eine erste Orientierung bietet Ihnen diese Konferenz allemal. Noch leichter dürfte Ihnen das fallen, wenn sich die Neulinge vorher schon einmal treffen und dann während der Konferenz bereits als Team auftreten.

Es spricht eigentlich nur für Ihre professionelle Einstellung, wenn Sie sich bereits vor Dienstantritt ein Bild von Ihrer neuen Wirkungsstätte machen. Erkundigen Sie sich deshalb, wann die Lehrerkonferenz zum Abschluss des alten Schuljahres stattfindet, und laden Sie sich selbst zu dieser Konferenz ein. Sie können sich hier kurz vorstellen – und gleichzeitig signalisieren, dass Sie sich auf die Zusammenarbeit mit den neuen Kollegen freuen. So können Sie dem Kollegium vermitteln, dass Sie sich auf Ihren neuen Arbeitsplatz ernsthaft einlassen wollen und Ihre Abordnung nicht nur als Zwangsverschickung betrachten.

 

SEINEN PLATZ IM LEHRERKOLLEGIUM FINDEN

Deniz ist an seiner neuen Schule mit offenen Armen aufgenommen worden: Die Schulleiterin ist sichtlich froh darüber, endlich einen Lehrer mit Migrationshintergrund in ihren Reihen zu haben. 62 % der Schüler kommen aus Migrantenfamilien – da war das eigentlich längst überfällig. Mit dem unbekümmerten Charme des Anfängers nimmt Deniz vor Beginn der ersten Lehrerkonferenz auf einer der freien Sitzgelegenheiten Platz. Wenig später kommt es Deniz so vor, als nehme er ein verdächtiges Schnaufen wahr. Tatsächlich hat sich hinter ihm ein massiger Kollege aufgebaut, der den frisch gebackenen Lehrer verdächtig an „Onkel Otto“ erinnert – das Werbemaskottchen des Hessischen Fernsehens. Während sich Onkel Ottos Teint ins Violette verfärbt, ringt dieser offensichtlich mit Worten: „Das hier ist mein Platz.“ Zu einem differenzierteren Diskurs scheint der in seiner Selbstgewissheit zutiefst erschütterte Kollege nicht mehr in der Lage. Deniz bleibt da nur ein verlegenes Lächeln – und schon hat er den ungestüm beanspruchten Platz wieder geräumt.

Tatsächlich gilt es in vielen Kollegien als Todsünde, einem alteingesessenen Lehrer seinen Stammplatz streitig zu machen. Deshalb sollten Sie sich rechtzeitig erkundigen, ob es an Ihrer neuen Schule eine verbindliche Sitzordnung gibt oder ob hier das Prinzip der freien Platzwahl herrscht. Deniz dürfte aus dieser ersten Erfahrung mit der Zickenattitüde eines patriarchalen Pädagogen gelernt haben, dass es sich bei einem Lehrerkollegium um ein kompliziertes Patchwork von Empfindlichkeiten und Eitelkeiten handelt. Dennoch wäre es grundfalsch, sich in irgendwelche Nischen zu verkriechen und sich so den kollegialen Kontakten zu entziehen. Sie werden sich an Ihrer neuen Schule nur dann einbringen können, wenn Sie immer wieder den Kontakt zu den unterschiedlichen Kolonien und Milieus ihres Kollegiums suchen. Diese Milieus haben oft ihre eigenen Treffpunkte und Rückzugsmöglichkeiten. Dazu gehören

das Lehrerzimmer, wo sich die meisten Kollegen aufhalten und wo sie auf ganz unterschiedliche Stimmungslagen treffen.

die Kaffeeküche, in der es so locker und kumpelhaft zugeht wie in einer Wohngemeinschaft.

der Arbeitsraum, in dem sich die schweigsam vor sich hin brütenden Kollegen nicht durch irgendwelche Gespräche ablenken lassen wollen.

die Vorbereitungsräume, wo Sie die Sport-, Musik-, Physik- und Chemiekollegen antreffen.

die inoffizielle Raucherecke, wo man sich viel offener austauscht als im eigentlichen Lehrerzimmer.

Sie sollten sich mit der gesamten Topografie kollegialer Kontakte vertraut machen. Dann werden Sie bald herausgefunden haben, wo Sie sich selbst am wohlsten fühlen und wo Sie die Kollegen antreffen, mit denen Sie am liebsten zusammen sind. In der Regel dauert es nicht einmal ein halbes Jahr, bis sich die Neuen sortiert und auf die unterschiedlichen Milieus aufgeteilt haben.

So finden Sie fast an jeder Schule Kollegen, …

die hier schon seit ewigen Zeiten unterrichten. Sie identifizieren sich in einem hohen Maße mit ihrer Schule, reagieren auf Anregungen von außen eher skeptisch – ihre Neugier auf junge Kollegen ist eher gedämpft.

die Aktiven, von deren Engagement das gesamte Schulleben zehrt. Sie übernehmen alle nur denkbaren Sonderaufgaben, führen in den Konferenzen das große Wort und trauen sich den einen oder anderen Karrieresprung zu.

die in der Schule einen Familienersatz sehen. Sie verschönern das Lehrerzimmer mit kleinen Gesten der Heimeligkeit, lassen keinen Umtrunk und keine Feier aus und machen sich am letzten Schultag nur ganz zögerlich auf den Weg nach Hause.

deren Lebensmittelpunkt ganz woanders liegt. Sie schweben mit flatternden Rockschößen ins Klassenzimmer und sind nach dem Unterricht auch schon wieder verschwunden – ohne den Umweg über das Lehrerzimmer zu nehmen.

Sie sollten das erste Jahr an der neuen Schule nutzen, um sich selbst auszuprobieren. Nur so können Sie herausbekommen, welcher Gruppe des Kollegiums Sie sich zugehörig fühlen und wo Sie sich innerhalb dieses sozialen Organismus verorten. Unabhängig davon sollten Sie sich an den Aktivitäten des Gesamtkollegiums beteiligen – wenn Sie nicht gänzlich abgehängt werden wollen. Solche Aktivitäten sind unverzichtbar. Denn sie sorgen dafür, dass der Lehrkörper nicht in ein unübersichtliches Nebeneinander einzelner Cliquen und Freundeskreise zerfällt. Im Verlauf eines Schuljahres werden Sie immer wieder Gelegenheit haben, an solchen gemeinsamen Aktivitäten teilzunehmen.