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Das eingeschossige Amerika

Ilja Ilf Jewgeni Petrow

Das eingeschossige Amerika

Eine Reise mit Briefen aus Amerika

Aus dem Russischen von Helmut Ettinger

Mit einer Vorbemerkung von Alexandra Ilf und einem Vorwort von Felicitas Hoppe

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Begründet von
Hans Magnus Enzensberger

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ISBN 978-3-5477-5320-9

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Die Originalausgabe erschien im Jahr 2006 erstmals vollständig unter dem Titel Das eingeschossige Amerika. Briefe aus Amerika

Das eingeschossige Amerika von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow ist August 2011 als dreihundertzwanzigster/dreihunderteinundzwanzigster Band der Anderen Bibliothek erschienen und ist als limitierte Originalausgabe vergriffen.

In gedruckter Form erhältlich im Abonnement www.ab-abo.de oder als gedruckte Ausgabe unter:

https://www.die-andere-bibliothek.de/Extradrucke/Das-eingeschossige-Amerika::624.html

Übersetzung: Helmut Ettinger

Herausgabe: Christian Döring

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

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DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern ….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

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Alexandra Ilf

»Stalin schickt Ilf und Petrow ins Land der Coca-Cola«

Die in diesem Band zusammengestellten Reportagen sind das Ergebnis einer Reise Ilja Ilfs und Jewgeni Petrows durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Autoren des berühmten Doppelromans »Zwölf Stühle/Das goldene Kalb« unternahmen sie als Korrespondenten der Zeitung Prawda, in deren Feuilleton seit Anfang 1932 regelmäßig Beiträge aus ihrer Feder erschienen.

Ilf und Petrow brachen am 19. September 1935 in Moskau auf. Über Polen, die Tschechoslowakei und Österreich gelangten sie nach Frankreich. In Paris legten sie einen Zwischenstopp von mehreren Tagen ein, um die Herausgabe ihrer Bücher zu regeln. Am 2. Oktober verließen sie Le Havre auf dem Dampfer Normandie, der am 7. Oktober in New York eintraf. Dreieinhalb Monate hielten sich die beiden Schriftsteller in den Vereinigten Staaten auf. In einem kleinen mausgrauen Ford durchquerten sie den gesamten nordamerikanischen Kontinent zweimal – von Ost nach West und von West nach Ost. »Zusammen mit Millionen Automobilen rollten auch wir von Ozean zu Ozean – ein Sandkörnchen im Benzinsturm, der seit so vielen Jahren über Amerika tobt!«

Das Programm war prall gefüllt. Ilf und Petrow fassten die Reise so zusammen: »Wir besuchten fünfundzwanzig Staaten und mehrere Hundert Städte, wir atmeten die trockene Luft von Wüsten und Prärien, fuhren über die Rocky Mountains, erlebten die Indianer, sprachen mit jungen Arbeitslosen, alten Kapitalisten, radikalen Intellektuellen und revolutionären Arbeitern, mit Dichtern, Schriftstellern und Ingenieuren. Wir besichtigten Fabriken und Parks, bestaunten Straßen und Brücken, erklommen die Sierra Nevada und stiegen in die Carlsbader Höhlen hinab. Insgesamt legten wir 10 000 Meilen1 zurück.«

1 Die hier gemeinte Englische Meile beträgt 1,609344 km – d. Ü.

Die Arbeit an diesem Buch begann schon in den USA. Statt am Abend nach der Ankunft in ihrem Quartier der Ruhe zu pflegen, griffen Ilf und Petrow regelmäßig zur Feder oder setzten sich an die Schreibmaschine. Sie folgten dem Rat ihres Begleiters und Freundes Mr. Trone (im Buch nennen sie ihn Adams) und kritzelten nicht nur von früh bis spät Reiseeindrücke in ihre Notizbücher, sondern füllten auch dicke amerikanische Kladden mit ausführlichen Aufzeichnungen. Dazu Ilf in seinem Tagebuch: »Wenn man nicht jeden Tag oder gar zweimal täglich festhält, was man gesehen hat, dann ist es bald vergessen und nie wieder zurückzuholen.« Bei alledem fanden Ilf und Petrow auch noch Zeit, ihren Familien in der Heimat Briefe zu schreiben. Sätze daraus tauchen immer wieder im Buchtext auf.

Bereits einen Monat nach Abfahrt der Schriftsteller aus New York ins Land, am 24. November 1935, erschien in der Prawda ihre erste Reportage unter dem Titel »Der Weg nach New York«. Einen Monat zuvor hatte Ilf in seinem Tagebuch notiert: »Wir haben begonnen, für die Prawda zu schreiben …« Während des ganzen Jahres 1936 brachte die Zeitung weitere sechs Reiseberichte: am 5. Januar »Begegnungen in Amerika«, am 18. Juni »Reise ins Land der bürgerlichen Demokratie«, am 4. Juli »New York«, am 12. Juli »Elektrische Gentlemen«, am 5. September »Das berühmte Hollywood« und am 18. Oktober »In Carmel«.

Wie eine Zusammenfassung des Buches erscheinen uns heute die elf Fotoreportagen von Ilf und Petrow, welche die Zeitschrift Ogonjok im April 1936 unter dem Titel »Fotografien aus Amerika« abzudrucken begann. Dabei handelte es sich um Bilder von Ilja Ilf mit ausführlichen Begleittexten. Sie vermittelten den Lesern eine (wenn auch recht flüchtige) Vorstellung von Amerika und den Menschen, die den beiden Schriftstellern begegnet waren. Während der Reise machte Ilf insgesamt über eintausend Aufnahmen.

Der Buchtext entstand im Sommer 1936.

Oft wird gefragt, wie die beiden Autoren zusammenarbeiteten. »Wie schreiben wir eigentlich gemeinsam? Ständig reden wir von uns in der Mehrzahl. Wir haben gesagt, wir haben gedacht … Das bereitet uns schon selber Kopfschmerzen«, meinte Ilf einmal ironisch. Sie hatten die seltene Gabe, gemeinsam zu denken und zu formulieren. »Dieses Buch war die erste Arbeit, an die wir uns getrennt setzten«, erinnerte sich Petrow. »Zwanzig Kapitel hat Ilf und zwanzig habe ich geschrieben. Sieben haben wir dann nach alter Gewohnheit gemeinsam formuliert.«

Das fertige Werk durften als Erste die Leser der Literaturzeitschrift Snamja (Nr. 10 und 11, 1936) zur Kenntnis nehmen. Im Frühjahr 1937 erschien es auch in Nr. 4 und 5 der Roman-Gaseta. Zugleich brachte es der Verlag Chudoschestwennaja literatura als Buch heraus. Ilja Ilf, der am 13. April 1937 verstarb, konnte noch eines der ersten Exemplare im blauen Einband in den Händen halten.

Was ist das für ein Buch?

Es gibt Reisebeschreibungen, die nicht nur etwas über ein Land, sondern auch über den Reisenden selbst aussagen. Man könnte sie als psychologisch bezeichnen. Die klassischen Beispiele dieses Genres von Sterne, Heine und Andersen, von den Russen Karamsin oder Fonwisin sind eher der Belletristik als dem Sachbuch zuzuordnen. Das gilt auch für Ilfs und Petrows Werk. Es ist kein Reiseführer durch die USA, sondern echte erzählende Prosa über dieses »Land in ständiger Bewegung« von zwei sensiblen, scharf beobachtenden Autoren. »Wir wussten: Nur nichts übereilen. Keine vorschnellen Schlüsse. Erst einmal so viel wie möglich sehen. Wir arbeiteten uns durch das Land wie durch die Kapitel eines dicken, spannenden Romans, bei dem der Leser ständig der Verlockung widerstehen muss nachzuschauen, wie er ausgeht.«

Im Russland der zwanziger und dreißiger Jahre war man gewohnt, die kapitalistischen USA kritisch zu sehen. Der Dichter Jessenin nannte New York ein »eisernes Mirgorod«. Gorki taufte es in einer seiner Kurzgeschichten »Stadt des gelben Teufels«, womit er das Gold im Auge hatte. Majakowski wollte »Amerika ein wenig säubern und dann ein zweites Mal entdecken«. Für diese Schriftsteller war das noch ein inneres Bedürfnis. Aber Mitte der dreißiger Jahre konnte daraus schon ein direkter Auftrag werden.

Wir wissen nicht, mit welchen Instruktionen des Prawda-Chefredakteurs Mechlis Ilf und Petrow nach Amerika reisten. Sollten sie vor dem Hintergrund des Siegeszuges des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion die USA einer vernichtenden Kritik unterziehen, das Unvermögen und die Perspektivlosigkeit des Kapitalismus, das Primitive und Vulgäre der amerikanischen Lebensweise, die Verlogenheit der bürgerlichen Presse und die gewaltsame Vernichtung der amerikanischen Filmkunst entlarven? Oder war der Besuch der Tatsache geschuldet, dass in dieser Zeit zwischen der Sowjetunion und den USA unter Präsident Franklin Roosevelt zum ersten Mal normale diplomatische Beziehungen hergestellt wurden?

Wie dem auch sei, ob es nun einen gesellschaftlichen Auftrag gab, oder nicht, eines ist sicher: Was herauskam, war kein Auftragswerk.

Amerika nahm Ilf und Petrow freundlich auf. Den fortschrittlichen Intellektuellen waren die beiden Satiriker ein Begriff. Der Roman »Das goldene Kalb« erschien in New York zweimal – 1932 und 1935. Auch »Das eingeschossige Amerika« kam 1937 kurz nach dem Erscheinen der sowjetischen Ausgabe in englischer Übersetzung heraus. Ilf und Petrow trafen mit Hemingway, Upton Sinclair, John Dos Passos, Lincoln Steffens, Henry Ford und mit Regisseuren in Hollywood zusammen. Dort schrieben sie das Szenarium für einen Film nach Motiven ihres Romans »Zwölf Stühle«.

Beide hatten nicht die Absicht, eine Satire, Groteske oder »Kritik« des Lebens in den USA zu schreiben. »Amerika ist nicht die Premiere eines neuen Stückes, und wir sind keine Theaterkritiker. Wir haben lediglich unsere Eindrücke von diesem Land und unsere Gedanken darüber zu Papier gebracht.« »Vielleicht haben wir Amerika ja nur als Außenseiter erlebt. Aber dann ist es eben so, und wir berichten, was wir gesehen haben«, bekannte Ilf aufrichtig.

»Das eingeschossige Amerika« erschien auf dem sowjetischen Büchermarkt. Nach den Reaktionen zu urteilen, stieß das Buch bei den »einfachen« Lesern (so nannten sie sich selbst) auf lebhaftes Interesse.

Womit konnte ein solches Werk die sowjetischen Leser der dreißiger Jahre fesseln? Damit, dass es ihnen erzählte, wie andere Menschen in einem fremden Land lebten.

Im Russland jener Zeit gab es weder Wolkenkratzer, Cafeterias noch Striptease, einen Service, Grapefruit oder Grapefruitsaft, keine entwickelte Autoindustrie, keine elektrische oder andere Werbung, weder Hotdogs noch Toilettenpapier, elektrische Haushaltsgeräte und vieles andere mehr. Heute gehört das zum Alltag.

Viel Zeit ist vergangen, seit Ilf und Petrow von Bord des Dampfers Normandie zum ersten Mal die Wolkenkratzer von New York erblickten, die aus dem Ozean aufstiegen »wie stille Rauchsäulen«. Seitdem hat sich Amerika verändert, und mit ihm unser Land, ja die ganze Welt.

Heute haben auch wir in Russland Schutzgelderpresser, exotische Früchte, einen Präsidenten, Makler, Dealer und Killer, ein Weißes Haus, »nackte Mädchen, die nach Liebe dürsten«, Hamburger und andere Genüsse. Äußerlich gesehen, gibt sich unser Land alle Mühe, so zu werden wie Amerika: Thriller von Hollywood-Format, die allgegenwärtige Werbung und vieles andere hat auch bei uns Einzug gehalten. Was wir nach wie vor nicht haben, sind gute Straßen, ein funktionierender Service, exakte und pünktliche Arbeit sowie vieles andere mehr. Auch das gehört zu unserem Alltag.

Mit Recht kann man fragen, weshalb ein über siebzig Jahre altes Buch heute noch einmal erscheinen soll.

Weil Ilf und Petrow Amerika und die Amerikaner richtig gesehen und begriffen haben. Ja, in Amerika gibt es alles. Zwei Ozeane, achtundvierzig Bundesstaaten. Himmel und Hölle. Frappierende Kontraste. Reichtum und Armut, Wolkenkratzer und Elendsquartiere, höchstes Lebensniveau und geistige Leere. Ein Triumph des Absurden.

Warum sprechen Ilf und Petrow vom »eingeschossigen Amerika«? Und die Wolkenkratzer?

»Eingeschossig« ist von den Autoren nicht abwertend gemeint: »Sehr viele Menschen stellen sich Amerika als das Land der Wolkenkratzer vor, wo Tag und Nacht über und unter der Erde Züge rattern, auf den Straßen Motoren heulen und und ständig das Geschrei verzweifelter Börsenmakler ertönt, die zwischen den Wolkenkratzern umherlaufen und mit permanent fallenden Aktien wedeln. Dieses Bild ist seit langem fest und unverrückbar.« Dem halten Ilf und Petrow entgegen, dass »Amerika überwiegend ein Land der ein- und zweigeschossigen Häuser« ist. »Der größte Teil der Bevölkerung lebt in Kleinstädten …«

Im Unterschied zu ihren sowjetischen Vorgängern wollen Ilf und Petrow kein »eisernes Mirgorod« zeigen, sondern ein anderes, das »eingeschossige« Amerika und die Amerikaner, wie sie wirklich sind, ohne sie schönzufärben oder zu diskreditieren.

Manches dort gefiel ihnen, anderes nicht. Manches wollten sie gern in ihrem Lande haben, anderes verurteilten sie scharf. Sie haben versucht, hinter die Kulissen zu schauen. Und man kann ihnen keinesfalls Unaufrichtigkeit vorwerfen, wenn sie schreiben: »Von der Sowjetunion sprachen wir ständig, zogen Parallelen, stellten Vergleiche an.« »Immerzu verspürten wir den dringenden Wunsch, uns zu beschweren, oder, wie es sowjetischen Menschen eigen ist, Vorschläge zu machen.«

Bei alledem ist ein sehr wohlwollendes und merkwürdigerweise kaum ideologiebefrachtetes Buch herausgekommen. »Die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten – das ist ein unerschöpfliches Thema. Unsere Aufzeichnungen fußen lediglich auf Reisebeobachtungen. Wir wollten in der sowjetischen Gesellschaft das Interesse an Amerika, an der Beschäftigung mit diesem großen Land befördern.« (Wenn der Leser wissen möchte, was die Autoren von der amerikanischen Demokratie gehalten haben, dann möge er in Kapitel 45 nachlesen.)

Selbst in so großer Entfernung von der Sowjetunion waren das Leben in Russland und dessen Literatur bei Ilf und Petrow ständig präsent. Sie freuten sich darüber, dass in einem New Yorker Kino der sowjetische Film »Der neue Gulliver« lief. Eine Unterkunft der Heilsarmee sahen sie als Gorkis »Nachtasyl« auf Amerikanisch. Die Moskauer Schriftsteller, die beide aus Odessa stammen, ließen mit Genuss solche Namen amerikanischer Städtchen auf der Zunge zergehen wie »… Moskau, das entzückende kleine Moskau, wo in der Apotheke ein Frühstück Nr. 2 – heiße Plinsen mit Ahornsirup – serviert wird, wo zu einem Mittagessen süße Salzgürkchen gehören und wo im Kino ein Gangsterfilm läuft, ist ein typisch amerikanisches Moskau. Es liegt im Staate Ohio, und in anderen Staaten gibt es weitere zwei davon … Es gibt auch mehrere Odessas. Kein Problem, dass Odessa nicht am Schwarzen Meer, ja an überhaupt keinem Meer liegt. Wie hat es einen Odessaer nur in eine so ferne Weltgegend verschlagen können?« Den amerikanischen Gangsterboss Al Capone verglichen sie mit dem Droschkenkutscher Komarow, einem Moskauer Serienmörder der zwanziger Jahre. Oder sie meldeten wichtigtuerisch: »Wie Tschitschikow haben auch wir dem Stadthauptmann einen Besuch abgestattet …« Und schließlich ein Schrei der gequälten Seele: »An diesem Silvesterabend haben wir besonderes Heimweh nach Moskau, nach unseren Verwandten und Freunden gehabt. Wie gern hätten wir wieder einmal ein ordentliches Glas Wodka gekippt, mit Hering und Schwarzbrot nachgegessen, gefeiert und dabei fröhliche, sinnlose Trinksprüche ausgebracht.«

Das Buch ist fesselnd und in makellosem Stil verfasst. Mit dem ihnen eigenen Humor und zugleich mit unfroher Ironie beschreiben Ilf und Petrow bekannte Aspekte des amerikanischen Alltags: »Hinter der Glasscheibe [des Automaten] steht traurig ein Teller mit Suppe oder Fleisch, ein Glas Saft. Glas und Metall blitzen, aber die ihrer Freiheit beraubten Würstchen und Frikadellen machen einen merkwürdigen Eindruck. Sie tun uns leid wie Katzen auf einer Ausstellung.« Oder: »… Die Pornografie ist derart mechanisiert, dass sie schon an eine Fabrik erinnert. Dieses Schauspiel ist so unerotisch wie die Serienproduktion von Staubsaugern oder Rechenmaschinen.« Und: »Es dröhnt der Jazz, als gäbe er sich alle Mühe, das Rattern der Hochbahn nachzuahmen.« Natürlich kommen sie auch um die witzige Gestalt von Mr. Adams-Trone nicht herum, einem komischen Kauz, einem ›Pickwicker‹ und zugleich einem gebildeten, umsichtigen Mann mit fortschrittlichen Ansichten, der die zweimonatige Autofahrt der beiden Schriftsteller durch das Land organisierte und angenehm gestaltete.

Man könnte sich noch lange über die literarischen Qualitäten des Buches verbreiten, über die offizielle Kritik, die mehrfach daran geübt wurde. Man könnte auf die Streichungen verweisen, die Zensoren vornahmen, von den Vorbildern für das Ehepaar Adams erzählen, den Brief Ilfs und Petrows an Stalin nach ihrer Rückkehr aus den USA erwähnen. Man könnte die vielen verschiedenen Übersetzungen des Buchtitels in andere Sprachen aufzählen, zum Beispiel die grellrote Werbebanderole der Pariser Ausgabe mit der Aufschrift: »Stalin schickt Ilf und Petrow ins Land der Coca-Cola«.

Heute ist dieses ehrliche, kluge, nicht ideologisch gefärbte Buch über Amerika und seine Bewohner nötiger und aktueller denn je.

Die vorliegende Ausgabe enthält den Buchtext in der Fassung der Autoren ohne alle Eingriffe der Zensoren, dazu Briefe von Ilf und Petrow, die sie während der Reise an ihre Familien geschrieben haben (ein großer Teil der Briefe Ilja Ilfs wird hier zum ersten Mal veröffentlicht), sowie Reaktionen von Lesern auf die erste Ausgabe des Buches im Jahre 1937.

Felicitas Hoppe

Kolumbus geht an Land

»Dass Sie Amerika entdeckt haben, will noch gar nichts heißen. Wichtig ist, dass Amerika Sie entdeckt«, schreiben Ilf und Petrow 1936 in einer kurzen Satire mit dem Titel »Kolumbus geht an Land«, als sie ihre große Reise ›cross country‹ hin und zurück, von Ost nach West und von West nach Ost, mit einem Abstecher nach Mexiko und in die Südstaaten, bereits längst hinter sich haben. Womit sie nicht nur Amerika und ihre eigene Reise, sondern das Reisen insgesamt auf eine bündige Formel bringen. Und das unaufhörliche Schreiben darüber, das auch dann nicht aufhören wird, wenn längst alles gesagt scheint. »Es gibt Reisebeschreibungen, die nicht nur etwas über ein Land, sondern auch über die Reisenden selber aussagen«, so Ilfs Tochter Alexandra in ihren Vorbemerkungen zu dem hier vorliegenden Buch. Und sie fährt fort: »Die klassischen Beispiele dieses Genres (…) sind eher der Belletristik als dem Sachbuch zuzuordnen.«

Das gilt auch für »Das eingeschossige Amerika«, denn es ist nicht allein die Genauigkeit der Beobachtung, die Bestandsaufnahme, das wache fotografische Auge, was die Qualität des vorliegenden Textes ausmacht, nicht das also, was man landläufig ›Reportage‹ nennt, sondern allem voran die Kraft der Verwandlung, die die persönliche Beobachtung zu Literatur macht (welchen Grades auch immer), zu dem, was Alexandra Ilf ›Belletristik‹ nennt, die nicht deshalb schön ist, weil sie beschönigt, sondern weil sie mithilfe der »präzisierenden Hefe der Phantasie«, wie es Bohumil Hrabal einmal ausdrückte, die Dinge in ein anderes, weit erhellendereres Licht taucht als jede Reportage es könnte. Dies und nichts anderes ist es, was die Lektüre von »Das eingeschossige Amerika«, heute nicht weniger als damals, nicht nur zu einem großen Vergnügen, sondern jenseits aller Zeitzeugenschaft, zu einem eigenwilligen Reiseroman macht, obwohl Ilf und Petrow diese Bezeichnung vermutlich gar nicht für sich in Anspruch genommen hätten.

Entdecken wir also hinter dieser nur scheinbar naiven und höchst eigensinnigen Beschreibung der ›Neuen Welt‹ von 1936 zwei russische Schriftsteller, die aus einer ganz anderen ›neuen Welt‹ kommen und uns, anders als in ihren Briefen, nur selten verraten, wie es ihnen unterwegs wirklich ergeht in einem Land, das sie zum ersten Mal bereisen, dessen Sprache sie keineswegs mächtig sind (auch wenn sie das zu verbergen suchen) und das sie gleichermaßen begeistert, irritiert und verwirrt. Diskretion und die weitgehende Abwesenheit persönlicher oder ideologischer Denunziation gehören ebenso zu den Stärken des Buches wie die Abwesenheit jenes subjektiv impressionistischen Reisegefühls, das Leser von zeitgenössischen Reiseromanen so oft unbefriedigt zurücklässt. Und doch wird die Reportage, bei allem Ehrgeiz zur scheinbar nüchtern ironischen Berichterstattung, im Lauf des Erzählens auf so schöne wie vertrackte Weise Fiktion.

Ein Narr also, wer glaubt, Amerika zu sehen, wenn er lesenderweise mit Ilf und Petrow und ihrem persönlichen Reiseführer, einem nach Russland eingewanderten litauischen Ingenieur (im Text auf geniale Weise in die so wunderbare wie unverwechselbare Figur des Mr. Adams verwandelt) und seiner amerikanischen Frau (die mindestens ebenso wunderbare und noch weit genialere Mrs. Adams alias Becky, die Einzige nämlich, die tatsächlich einen Führerschein hat!) in einem kleinen grauen Ford das große Land west- und wieder ostwärts bereist. Und ein noch größerer Narr, wer glaubt, Amerika nicht zu sehen, weil er glaubt, ›sein Amerika‹ so viel besser zu kennen als jene ahnungslosen russischen Gäste.

Denn hier sieht der Gast und lässt sich das Sprechen darüber nicht nehmen, auch wenn sich, Himmelsrichtung egal, bis heute hartnäckig jene seltsame Meinung hält, dass, wer zum ersten Mal ein Land bereise und dort nur kurzfristig zu Besuch sei, sich darüber nicht äußern könne, weil der ›erste Blick‹ nur bedingt Gültigkeit habe, weil er kindlich, naiv, unberufen sei. Von Erwartung und Vorurteil geprägt. Man unterschätze aber die Kraft des Vorurteils nicht, das uns gelegentlich weiter bringt als jene diplomatisch politische Korrektheit, die den Verkehr miteinander nicht selten so gut wie unmöglich macht, weil wir uns den Blick aufeinander mit nichts als Höflichkeiten verstellen.

Entgegen der herrschenden Meinung, die ständig von Kennerschaft spricht, wiegt nämlich, wie in jeder menschlichen Begegnung, auch auf Reisen (und auf Reisen besonders) der erste Blick weit schwerer als alles andere, weil man im Vorbeigehen, im Vorüberfahren auf endlosen Straßen, weit mehr sieht und mehr zu erzählen hat als alle selbstberufenen Zeugen zusammen, die (aus Not die einen, aus Neigung und Aussicht auf Vorteil die anderen) seit Jahren hier leben, in ängstlicher Anwärterschaft auf Einwohnerschaft, und darum vorgeben, alles besser zu wissen als der, der zum ersten Mal reist und sieht. Der Gast sieht nun mal anders als der Gastgeber, wo nicht mehr, so doch klarer, denn die Konturen treten schärfer hervor, gerade weil er nur auf der Durchreise ist und keine Zeit zu verlieren hat – das macht ihn, auf höchst produktive Weise, unberechenbar frei.

Von dieser Unberechenbarkeit, von der Freiheit und Naivität des Gastes, ist der vorliegende Text getragen und wird damit zu einem Gespräch zwischen jenen, die zum ersten Mal reisen, und ihrem schon vor Jahren eingewanderten Führer Mr. Adams, der während der Reise andauernd glaubt, eine Lanze für seine Wahlheimat brechen zu müssen: »Ja, ja, Gentlemen, es wäre töricht zu glauben, Amerika sei durch und durch standardisiert, hier jagten die Menschen nur dem Dollar nach, spielten Bridge oder Poker. Nein, nein, Gentlemen!«

Im Lauf der Reise und ihrer Erzählung wird die Geschichte zwischen Gentleman und Gentlemen zu weit mehr als einer Addition der Beobachtungen der Erstreisenden Ilf und Petrow. Tatsächlich wird sie, je länger und weiter sie reisen, allmählich zur Geschichte ihres Gastgebers und Routenplaners, der sich, auf so begeisterte wie gequälte Weise, zum wiederholten Mal auf dieselbe Reise begibt und dabei zum Gast im eigenen Land wird, in einem Land, das er »wie seine Westentasche« kennt, also längst für ›entdeckt‹ hält, und das trotzdem niemals das eigene ist. Vermutlich ist genau das auch der Grund dafür, warum er einfach nicht aufhören kann zu sprechen, wie alle, die sich ihrer Sache nicht sicher sind und denen das scheinbar vertraute Gelände plötzlich wieder ›terra incognita‹ wird. Der Gedanke gefalle uns oder nicht: Wir alle sind Reisende der ersten Stunde.

Allerdings ist Mr. Adams mehr als nur ein literarischer Trick, also nicht, wie man anfänglich annehmen könnte, nur dazu erdacht, den roten Erzählfaden der Reise zu spinnen. In Wahrheit ist er, handwerklich ausgedrückt, wie geschaffen für einen Roman, also einfach eine gute Figur, vielleicht sogar die schönste von allen. Ein Geschenk an den Leser wie an seine beiden Erfinder, denen er über kurz oder lang zum willkommenen Spiegel wird, weil Mr. Adams alles in sich vereint, was die beiden reisenden Gäste beschäftigt: den Auswanderer und den Einwanderer, Abschied und Ankunft, die Kunst der Anverwandlung und des Vergessens gegen das Heimweh und die Erinnerung. Und die noch viel größere Kunst der unmöglichen Moderation zwischen zwei Kulturen, die, wie man die Geschichte auch wendet und dreht und wie sehr sich die beiden Gesichter auch gleichen (Imperium Ost und Imperium West), am Ende eben doch unversöhnlich bleiben: »Wenn Amerika sowjetisch wäre, dann wäre es das Paradies.«

Aber: »Amerika ist ein Land, das in all seinem Denken und Handeln Einfachheit und Klarheit liebt. Reich sein ist besser als arm sein. Und statt Zeit auf das Nachdenken über die Ursachen der Armut zu verschwenden und diese zu beseitigen, versucht der Amerikaner mit allen Mitteln, eine Million zu verdienen.«

Natürlich wird einem aufmerksamen Leser nicht entgehen, dass es im Text wimmelt von jenen kleinen Tributen, die die Reisenden ihrer Heimat zollen, als hätten sie Angst, es könne womöglich ein Zweifel daran aufkommen, dass es nirgends schöner sein kann als zu Hause, auch wenn es zu Hause (man lese Ilf und Petrow, die gesammelten Werke) alles andere als schön ist. (Denn zu Hause in der Sowjetunion geht es längst um Leben und Tod.)

Dass Amerika weder paradiesisch noch sowjetisch ist, versteht sich von selbst. Und doch bleiben die an die Heimat gezollten Tribute allgemein, formelhaft, gebetsmühlenartig und täuschen an keiner Stelle über die Faszination hinweg, die das Gastland auf seine Besucher ausübt. Der größte Narr ist also jener sowjetische Leser, der, als Ilfs und Petrows »Amerika« erstaunlicherweise tatsächlich erscheint, vom Verlag in die Pflicht genommen und auf sein Leseerlebnis hin befragt, um auf Nummer sicher zu gehen, seinerseits einen Katalog von Fragen vorlegt:

»Ich lese gerade das Buch von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, ›Das Eingeschossige Amerika‹. Das Buch interessiert mich sehr. Ich bitte die Redaktion, mir auf einige Fragen zu antworten: Soll man dieses Buch als einen Reisebericht der Autoren ansehen oder ist es einfach ein fantastischer Roman? Wenn es ein fantastischer Roman ist, dann muss man, um so etwas zu schreiben, sehr viel mehr über Amerika wissen. Wenn es eine Erzählung ist, dann wird die Lage der Werktätigen wenig beleuchtet. (…) Schreiben Sie mir bitte, welches Ziel sich die Autoren mit diesem Werk gestellt haben. Wenn ich eine Antwort auf diese Fragen habe, dann teile ich Ihnen meine Eindrücke ausführlicher mit. (…)«

Hier, knapp siebzig Jahre später, meine Antworten: 1. Es ist, was sonst, ein fantastischer Roman, dieses Genre beherrschen die Russen seit je. 2. Es kommen viele Werktätige vor. Allerdings selten als Helden. 3. Das Ziel der Autoren: Darüber kann ich keine nähere Auskunft geben. Teilen Sie uns bitte trotzdem Ihre Eindrücke mit.

Das ist, zugegeben, billiger Spott auf Kosten des Lesers, der auf mich zurückfällt, auf den nachgeborenen Besserwisser, weil ich beim Lesen jene Geschichte überspringe, die sich nicht überspringen lässt, jene Phase der großen Annäherung zwischen den USA und der Sowjetunion, noch keine Rede vom ›Kalten Krieg‹, dafür von Technikbegeisterung und Neugier getragen und von dem uns heute absurd erscheinenden Glauben an den ›neuen Menschen‹, der hier wie da, auf jeweils höchst unterschiedliche Weise, so mühelos zu erschaffen schien und, Gottseidank, niemals erschaffen wurde.

Und doch gibt es, bei aller Vorsicht und jenseits aller Versuche einer genauen Lektüre im historischen Kontext, etwas, das weit über diesen Kontext hinausgeht und das hier nicht unerwähnt bleiben soll: Es macht einfach großen Spaß, dieses Buch zu lesen, weil der Leser, von der ersten Seite an, unwiderruflich mit von der Partie ist, weil es eine fast kindliche Freude bereitet, mit Ilf und Petrow ein Schiff zu besteigen (die ›Normandie‹), den Atlantik zu überqueren und ein Schiff zu begehen, das man niemals von außen sieht. Weil man Freude an den Mitreisenden hat (›Familie Butterbrot‹) und, wenn plötzlich ein Sturm aufkommt, den Bodenbelag zu betrachten beginnt, dessen Vorzüge man erst zu schätzen weiß, »wenn das Schiff zu schaukeln beginnt. Die Schuhsohlen kleben geradezu daran fest. Das schützt zwar nicht vor der Seekrankheit, bewahrt einen aber vor Stürzen.«

Die Schiffsreise ist nur der Anfang, die Exposition einer großen Reiseschule des Sehens und Hörens, die zu Wasser beginnt und sich später an Land, mit derselben Genauigkeit der Beobachtung und Einfühlung fortsetzt: »Zum ersten Mal im Leben hörten wir, wir ein Handtuch klingt, die Seife, der Teppich auf dem Fußboden, das Papier auf dem Schreibtisch, Vorhänge und selbst ein auf das Bett geworfener Kragen. Alles in der Kabine tönte und dröhnte. Wenn der Passagier sich eine Sekunde in Gedanken verlor (…), begannen seine Zähne zu klappern. (…) Allein in unserer Kabine entdeckten wir an die hundert verschiedene Geräusche.«

Und dann sind wir da, in der ›neuen Welt‹, Abenteuer und Geheimnis zugleich: »Über geschlossene Gänge gelangten die Passagiere in die Zollhalle, erledigten die Formalitäten und traten auf die Straße hinaus. Das Schiff, das sie über den Ozean gebracht hatte, bekamen sie auch jetzt nicht zu Gesicht.« Und: »Als wir endlich gehen konnten, war es schon Abend. Ein weißes Taxi mit drei leuchtenden Laternen auf dem Dach, das wie eine nostalgische Kutsche wirkte, brachte uns zum Hotel.«

Wie eine »nostalgische Kutsche« wirkt auch jener legendäre »kleine graue Ford«, mit dem, einen Monat später, Ilf und Petrow in der Begleitung von Mister und Misses Adams ihre große Reise durch den nordamerikanischen Kontinent antreten. Kurz vor Reisebeginn besuchen die Russen (auf Vermittlung von Ernest Hemingway!) noch das berüchtigte Gefängnis von Sing Sing, eine Schlüsselszene, nicht nur was Mister Adams betrifft, der plötzlich unbedingt wissen will, wie sich ein ›Todeskandidat‹ fühlt: » (…) ›Nein, nein, Gentlemen, murmelte er dabei, es dauert nicht lange.‹ Er nahm auf dem geräumigen Sitz Platz und schaute uns triumphierend an. (…) Den Helm bekam Mr. Adams nicht aufgesetzt, aber er bettelte so lange, bis man ihm wenigstens das nackte Ende des Kabels auf seinen schweißglänzenden Kopf legte. Für eine Minute wurde uns angst und bange. Aus Mr. Adams’ Blick dagegen sprach nichts als grenzenlose Neugier. Man sah sofort, dass er zu dem Menschenschlag gehört, die alles selbst erleben, mit eigenen Händen betasten, selbst sehen und hören wollen.«

Die so alte wie grausame Erkenntnis, dass Fortschritt und Vernichtung nah beieinander liegen und wie wenig, egal wo, ein Menschenleben tatsächlich zählt, begleitet uns auf der ganzen Reise. In Mister Ripleys ›elektrischem Haus‹ begegnen wir wenig später dafür den Sonnenseiten der Elektrizität und dem, was ›Publicity‹ bedeutet, ein Phänomen, das die beiden Russen besonders beschäftigt: »Nachdem uns Mr. Ripley noch rasch eine elektrische Maschine zum Schlagen von Eiern gezeigt hatte, forderte er uns auf, mit ihm nach oben ins Schlafzimmer zu gehen. Dort zog er sein Jackett aus und legte sich aufs Bett. (…) ›Sie brauchen keinerlei Bewegungen zu machen. Sie schnallen sich nur an und schalten den Strom ein. Der Apparat massiert Sie auf das gründlichste durch.‹« Eine Vorführung, die sowjetische Leserinnen überzeugte: »Ob Amerika mir gefallen hat? Überhaupt nicht. Das Einzige, worum ich die Amerikaner beneide, das sind die Ehrlichkeit der Leute und der Einsatz der Elektrizität, besonders in der Hauswirtschaft, da ich nur Hausfrau bin und viel Zeit mit Primuskochern und Petroleumlampen verbringen muss.«

Ein anderes beeindruckendes Kapitel schildert den Besuch bei Henry Ford, der, aus Prinzip, kein Büro besitzt (denn das ist Macht: immer überall und nirgends zugleich sein) und ein Museum über Edison aufbaut, in dem die große Geschichte des großen Fortschritts eindrücklich dokumentiert werden soll: »In diesem armseligen Holzhaus mit knarrenden Dielen (…) wurde die Technik unserer Tage geboren. Spuren von Edisons Genie und seinem titanischen Fleiß sind heute noch zu sehen. (…) Als wir das Laboratorium betraten, empfing uns ein krausköpfiger alter Mann mit glühenden schwarzen Augen (…), ein ehemaliger Mitarbeiter Edisons, offenbar der Einzige, der noch lebte. (…) Der Alte zeigte uns die erste Glühlampe, die in der Welt aufleuchtete. Er spielte uns das Ereignis regelrecht vor: Wie sie um das Lämpchen herumsaßen und auf das Ergebnis warteten. Alle Glühfäden flammten für einen Moment auf und brannten sofort durch. Schließlich aber war einer gefunden, der nicht erlosch. Sie saßen eine Stunde, und die Lampe brannte immer noch. Sie saßen zwei Stunden, und die Lampe glühte weiter. Da blieben sie die ganze Nacht sitzen. Das war der Sieg. ›Ohne Edison keine Wissenschaft!‹, rief der alte Mann aus.«

Und ohne Ilf und Petrow kein Amerika! Also reisen wir weiter, von Osten nach Westen, über Chicago (wo man traurigen ausgewanderten russischen Geigern im Konzertsaal zuhören kann und über das Verhältnis der Amerikaner zur Kunst erfährt, was Alexis Tocqueville schon hundert Jahre früher wusste, als er über die Demokratie in Amerika schrieb – nämlich dass sie keins haben: »Die Darbietung war tadellos. Im Saal löste sie keine sichtbaren Emotionen aus.«), bis in die Heimat Mark Twains nach Hannibal (»In diesem Sessel (…) hat Tante Polly immer gesessen, und durch dieses Fenster ist der Kater Peter gesprungen, als Tom Sawyer ihm Rizinusöl eingeflößt hatte.«) und von dort aus immer weiter nach Westen, durch die Wüste, durch den Grand Canyon, bis in den ›Goldenen Staat‹, in das gelobte Land Kalifornien, nach San Francisco und schließlich nach Hollywood.

Darüber ist weiter kein Wort zu verlieren, nicht weil sich das Sprechen darüber nicht lohnt, sondern weil es viel schöner ist, selbst zu lesen, was uns allen bekannt ist. Oder zumindest bekannt vorkommt. Denn es ist ja, wie immer, das scheinbar Bekannte, das die Lust an jeder Lektüre erhöht und das Vergnügen des Lesens steigert, weil wir abzugleichen versuchen, was wir glauben, selber gesehen zu haben. Wer Amerika kennt, erkennt alles wieder und sieht trotzdem alles anders und neu, durch die Lupe einer Vergangenheit, die zur Kenntlichkeit hin vergrößert, dass wir selbst dieser Mister Adams sind (für den Fall, dass wir einen Führerschein haben, womöglich auch seine Frau!), der erste Mensch in der neuen Welt, weshalb es natürlich das Beste wäre, wir könnten sofort ein Schiff oder Flugzeug besteigen und noch am selben Tag ein Auto mieten (es muss kein Ford sein), um, ich weiß nicht, zum wievielten Mal, selber von Osten nach Westen zu fahren. Denn plötzlich möchte ich wieder wissen, was stimmt und was nicht, was wahr ist, was falsch, was erlogen und was nur ehrlich erfunden, was Anekdote, was Ideologie. Vor allem aber möchte ich sehen, was ich übersehen habe, als ich zum ersten Mal dort war.

Aber das alles werde ich niemals erfahren, genauso wenig wie ich erfahren werde, wie Ilf und Petrow sich wirklich fühlten, als sie mit Mister und Misses Adams durch das eingeschossige Amerika reisten. Die Geschichte verwandelt sich. Und kommt trotzdem, indem sie sich ständig verwandelt, immer auf dasselbe zurück. Weshalb es nicht weiter überrascht, dass wir, wenn wir Ilf und Petrow lesen (oder Tocqueville), das Gefühl haben, irgendwie ›up to date‹ zu sein.

Denn nichts ist bewältigt, nichts vergessen, die indianischen Ureinwohner so wenig wie die viel beschworene ›Rassenfrage‹, und in Hollywood tragen die Frauen bis heute, ganz egal, in welchem historischen Film, die aktuelle Tagesfrisur. Kein Grund zu spotten. Aber nachdenken kann man darüber schon, warum Ilf und Petrow, als sie den legendären ›Russenhügel‹ besuchen, wo sie zu Gast bei den ›Molokanern‹ sind (eine ausgewanderte russische Sekte), die Lieder von vor hundert Jahren hören, von Sängern, die kein Wort Englisch können: »Der gewaltigste der Molokaner, ein älterer Mann mit Metallbrille und graumeliertem Bärtchen, holte plötzlich tief Luft und begann mit ungewöhnlich starker Stimme zu singen, so laut, dass es uns zunächst beinahe schien, er singe nicht, sondern schreie:

Matt bin ich vor Gram und Sorge,

Dieser Schlange fürchterlich,

Brenne ab, mein kleiner Kienspan.

So wie du verbrenn auch ich.

Alle Männer und Frauen fielen ein. Sie taten das ebenso wie ihr Vorsänger – mit voller Stimme. Der Gesang hatte keinerlei Nuancen. Die Leute sangen Fortissimo, nur Fortissimo, mit all ihrer Kraft, als wollten sie einander überschreien. (…) Ungeachtet der Lautstärke lag Wehmut darin. (…) Dieses Lied hatten die Menschen an der Wolga gesungen (…), jetzt sangen sie es hier in San Francisco, im Staate Kalifornien. Würde man sie nach Australien, Patagonien oder auf die Fidschi-Inseln vertreiben, dann sängen sie es wohl auch dort. Das Lied stellte alles dar, was ihnen von Russland geblieben war. (…) Mr. Adams (…) stimmte in den Gesang der Molokaner ein.«

2006 erschien unter dem Titel »Ilf and Petrov’s American Road Trip« in New York eine stark gekürzte Neuauflage der Reiseberichts der beiden Russen, die neben Textauszügen und zahlreichen Fotos, die Ilf mit seiner Leica machte, auch einen Essay von Alexander Rodschenko enthält, in dem der berühmte Fotograf anmerkt, die Fotografien Ilfs entbehrten der ironischen Aussagekraft ihres beiliegenden Reiseberichts. Schwerer als diese etwas mäkelige Kritik eines Meisters am ›ersten Blick‹ eines Laien wiegt allerdings die Tatsache, dass die sorgfältige Edition sich auf die ›Reportage‹ beschränkt und Mr. und Mrs. Adams weitgehend auslässt, mithin die präzisierende Hefe jener Phantasie, die nur aus menschlicher Begegnung erwächst. Umso schöner also, dass es jetzt eine deutsche Ausgabe gibt, die sich erlaubt, den so ernsthaften wie komischen Text in voller Länge zu drucken und uns Ilf und Petrow zeigt als die, die sie sind, auch wenn sie dabei manchmal die Zähne zeigen. Denn: »Die Amerikaner lachen und blecken ständig die Zähne. Nicht weil gerade etwas Lustiges passiert ist, sondern weil das zu ihrem Stil gehört.«

Ein Stil, den der sterbende Schriftsteller Lincoln Steffens, seinen Besuchern Ilf und Petrow zufolge, auf dem Totenbett folgendermaßen kommentierte: »Ich kann nicht länger hier bleiben«, sagte er leise und drehte seinen Kopf zum Fenster, als wirke die leichte freie Natur Kaliforniens erstickend auf ihn. »Ich kann dieses idiotische optimistische Lachen nicht mehr hören. (…) Während wir Pläne schmiedeten, lag Steffens, von dem Gespräch erschöpft, in seinem Bett, und eine seiner Hände ruhte auf der Schreibmaschine. Still, in weißem Hemd mit offenem Kragen, abgemagert, mit dünnem Hals und kleinem Bärtchen erinnerte er an den sterbenden Don Quichotte.«

Dass wir Amerika entdeckt haben, will gar nichts heißen, solange Amerika nicht Don Quichotte entdeckt, aber das kann dauern.

Erster Teil

AUS DEM FENSTER DER 27. ETAGE

1. Kapitel

Die ›Normandie‹

Um neun Uhr morgens fährt ein Sonderzug von Paris ab, der die Passagiere der Normandie nach Le Havre bringt. Ohne Zwischenhalt rollt er nach drei Stunden in das Abfertigungsgebäude des Hafens ein. Die Fahrgäste kommen auf einem geschlossenen Bahnsteig an, werden mit dem Lift in die oberste Etage des Bahnhofsgebäudes gefahren, durchschreiten dann mehrere Säle und gelangen durch einen Gang in ein großes Foyer. Dort bringen sie andere Fahrstühle zu den verschiedenen Decks, wie die Stockwerke hier heißen. Jetzt befinden sie sich bereits auf der Normandie. Wie die von außen aussieht, wissen sie nicht, denn das ganze Schiff bekommen sie nicht zu Gesicht.

Als wir den Lift bestiegen, drückte ein Boy in roter, goldbetresster Livree mit eleganter Bewegung einen Knopf. Der nagelneue, blitzblanke Fahrstuhl fuhr einige Meter nach oben, blieb zwischen den Etagen hängen und sackte dann unerwartet durch, ohne auf den Boy zu reagieren, der verzweifelt alle Knöpfe drückte. Nachdem er drei Etagen nach unten gefahren war, statt zwei nach oben, hörten wir einen sattsam bekannten Satz, nur diesmal auf Französisch: »Der Lift ist außer Betrieb.«

In unsere Kabine gelangten wir über die Treppe, die von einem unbrennbaren hellgrünen Kautschukbelag bedeckt war. Mit dem gleichen Material sind alle Korridore und Foyers des Dampfers ausgelegt. Der Schritt wird davon weich und geräuschlos. Sehr angenehm. Wirklich zu schätzen lernt man die Vorzüge dieses Belages erst, wenn das Schiff zu schaukeln beginnt. Die Schuhsohlen kleben geradezu daran fest. Das schützt zwar nicht vor der Seekrankheit, bewahrt einen aber vor Stürzen.

Die Treppe war gar nicht so, wie man sie sonst von Schiffen kennt, sondern breit und flach mit Stufen und Absätzen. Mit diesen Maßen hätte sie in ein Haus gepasst.

Auch die Kabine präsentierte sich anders als gewohnt. Ein geräumiges Zimmer mit zwei Fenstern, zwei breiten Holzbetten, Sesseln, Wandschränken, Tischchen, Spiegeln und allem Komfort bis hin zum Telefon. Dass die Normandie ein Schiff ist, gibt sie eigentlich nur bei Sturm zu erkennen, denn dann schwankt sie wenigstens ein bisschen. Bei ruhigem Wetter dagegen ist sie ein riesiges Hotel mit prächtigem Meerblick, das sich unerwartet von der Küste eines eleganten Kurorts gelöst hat und nun mit einer Geschwindigkeit von dreißig Knoten nach Amerika fährt.

Tief unten wurden uns von allen Etagen des Terminals letzte Grüße und Wünsche zugerufen. Auf Französisch, auf Englisch und Spanisch. Auch auf Russisch. Vom Schiff rief ein merkwürdiger Mann in schwarzer Seemannsuniform mit einem silbernen Anker und dem Davidstern am Ärmel, mit Barett und traurigem Bärtchen etwas auf Jiddisch. Später stellte sich heraus, dass es der Schiffsrabbiner war, den die General Transatlantic Company angeheuert hat, um die geistlichen Bedürfnisse eines Teils der Passagiere zu befriedigen. Für andere Teile stehen ein katholischer und ein protestantischer Geistlicher zur Verfügung. Muslime, Feueranbeter und sowjetische Ingenieure bleiben dagegen ohne jeden spirituellen Beistand. Die Reederei überlässt sie in dieser Hinsicht glatt ihrem Schicksal. Die Normandie besitzt eine ziemlich geräumige katholische Kirche mit trübem elektrischem Licht – sehr passend für das Gebet. Altar und Heiligenbilder können leicht mit Abdeckungen versehen werden, wodurch die Kirche im Handumdrehen zum Protestantismus konvertiert. Der Rabbi mit dem traurigen Bärtchen besitzt keinen eigenen Gebetsraum. Er hält seinen Gottesdienst im Kinderzimmer ab. Dafür stellt ihm die Company einen Gebetsmantel und besondere Tücher zur Verfügung, um die profanen Bilder von Häschen und Kätzchen zeitweilig verschwinden zu lassen.

Der Dampfer legte ab. Am Kai und auf der Mole drängten sich die Menschen. Für die Bürger von Le Havre war die Normandie noch ungewohnt, und jedes Auftauchen des transatlantischen Riesen geriet zu einer Sensation. Bald war die Küste Frankreichs im Dunst des trüben Tages verschwunden. Gegen Abend blinkten vor uns bereits die Lichter von Southampton. Eineinhalb Stunden lag die Normandie auf der Reede und nahm englische Passagiere auf, umflossen vom fernen, geheimnisvollen Licht der unbekannten Stadt. Dann hielt sie auf den offenen Ozean zu, wo unter ihr bald unsichtbare Wellen tosten, die ein heftiger Wind aufwühlte.

Im Heck, wo wir untergebracht waren, begann alles zu vibrieren – die Decks, die Wände, die Bullaugen, die Sessel, die Gläser über dem Waschbecken und dieses selbst. Das Schiff bebte so stark, dass Gegenstände Geräusche machten, von denen man solche nie erwartet hätte. Zum ersten Mal im Leben hörten wir, wie ein Handtuch klingt, die Seife, der Teppich auf dem Fußboden, das Papier auf dem Schreibtisch, Vorhänge und selbst ein aufs Bett geworfener Kragen. Alles in der Kabine tönte und dröhnte. Wenn der Passagier sich eine Sekunde lang in Gedanken verlor und die Gesichtsmuskeln erschlafften, begannen seine Zähne zu klappern. Die ganze Nacht schien uns, als wolle jemand unsere Tür aufbrechen, klopfe an die Fenster oder lasse ein polterndes Lachen erschallen. Allein in unserer Kabine entdeckten wir an die hundert verschiedene Geräusche.

Die Normandie absolvierte ihre zehnte Überfahrt zwischen Europa und Amerika. Nach der elften sollte sie ins Dock gehen, wo man sicher ihr Heck öffnen und die Konstruktionsfehler beseitigen würde, die die Vibration verursachten.

Am Morgen kam ein Matrose in unsere Kabine und verschloss die Bullaugen fest mit Metalldeckeln. Der Sturm gewann an Stärke. Ein kleiner Frachtdampfer strebte mit großer Mühe der französischen Küste zu. Manchmal verschwand er völlig hinter einer Welle, und nur die Mastspitzen waren noch zu sehen.

Bisher hatten wir die Vorstellung gehabt, der Seeweg zwischen der Alten und der Neuen Welt sei eine belebte Straße, wo man vielen lustig beflaggten Schiffen mit Musik begegnet. In Wirklichkeit ist der Ozean eine gewaltige Wasserwüste. Der kleine Dampfer, der 400 Meilen vor Europa mit den Wellen kämpfte, war das einzige Schiff, das uns während der fünftägigen Überfahrt begegnete. Die Normandie legte sich langsam und würdevoll von einer Seite auf die andere. In gleichmäßigem Tempo pflügte sie durch die hohen Wellen, die von allen Seiten gegen sie anrannten, und verbeugte sich nur hin und wieder vor dem Ozean. Das war nicht das Ringen einer schwachen Schöpfung von Menschenhand mit den entfesselten Elementen. Es war ein Kampf von Gleich zu Gleich.

Im halbrunden Rauchsalon hockten drei berühmte Ringer mit Blumenkohlohren, hatten ihre Jacketts abgelegt und spielten Karten. Unter ihren Westen quollen die Hemden hervor. Dicke Zigarren im Mundwinkel, dachten sie angestrengt nach. An einem anderen Tischchen spielten zwei Männer Schach und mussten dauernd die Figuren neu aufstellen, weil die beim Schlingern des Schiffes verrutschten. Zwei andere, das Kinn in die Hände gestützt, sahen gespannt zu. Wenn es jemandem bei diesem Wetter einfiel, ein Damengambit zu spielen, dann konnten das nur sowjetische Menschen sein. So war es auch. Die sympathischen Botwinniks stellten sich als Ingenieure aus der Heimat heraus.

Nach und nach schloss man Bekanntschaften, bildeten sich Grüppchen. Als gedruckte Passagierlisten verteilt wurden, entdeckten wir eine sehr lustige Familie: Mr. Butterbrot, Mrs. Butterbrot und dazu noch ein junger Mr. Butterbrot. Wäre Samuil Marschak auf der Normandie gefahren, dann hätte er wahrscheinlich ein Kindergedicht mit dem Titel »Der dicke Mr. Butterbrot« geschrieben.2

2 Anspielung auf Samuil Marschaks Kindergedicht »Das Eis«, in dem ein dicker Mann so viel Speiseeis isst, dass er sich in einen Eisberg verwandelt, auf dem die Kinder rodeln – d. Ü.

Dann fuhr unser Schiff in den Golfstrom ein. Ein warmer Nieselregen fiel, und in der schwülen Treibhausluft schwebten Rußflöckchen vom Rauch eines der Schornsteine der Normandie.

Wir machten uns auf, das Schiff zu erkunden. Der Passagier der Dritten Klasse bekommt davon kaum etwas zu sehen. Er darf weder die Erste noch die Touristenklasse betreten. Wer in der Touristenklasse fährt, sieht auch nicht viel von der Normandie, denn auch er darf bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Die Erste Klasse ist die Normandie. Sie nimmt fast neun Zehntel des gesamten Schiffes ein. Alles dort ist riesig – die Promenadendecks und Restaurants, die Rauch-, Spiel- und Damensalons, die Orangerie, wo fette französische Spatzen auf gläsernen Zweigen herumhüpfen und von der Decke Hunderte von Orchideen hängen, das Theater mit 400 Plätzen, der Swimmingpool, dessen Wasser von grünen Lampen erleuchtet wird, der Marktplatz mit einem ganzen Kaufhaus und Sporthallen, wo betagte glatzköpfige Herren, auf dem Rücken liegend, mit den Füßen Bälle in die Luft schlagen, dazu Säle, in denen dieselben Glatzköpfe, wenn sie vom Ballspielen oder vom Laufen auf der Tartanbahn erschöpft sind, in tiefen Sesseln ein Nickerchen machen. Gewaltig ist auch der Teppich im Hauptsalon, der über eine halbe Tonne wiegt. Selbst die Schornsteine der Normandie, die doch eigentlich dem ganzen Schiff gehören müssten, sind ausschließlich der Ersten Klasse vorbehalten. In einem sind die Hunde der Passagiere der Ersten Klasse untergebracht. Die hübschen Kerle sitzen dort in Käfigen und langweilen sich zu Tode. Die meisten werden seekrank. Ab und zu führt man sie auf einem besonderen Deck spazieren. Dann lassen sie ein schüchternes Bellen hören und blicken traurig auf den stürmischen Ozean.

Wir stiegen in die Küche hinunter. An einem siebzehn Meter langen elektrischen Herd werkelten Dutzende Köche. Ebenso viele nahmen Geflügel aus, schlachteten Fische, buken Brot und stellten Torten her. In einer besonderen Abteilung wurde koscheres Essen zubereitet. Ab und zu schaute der Schiffsrabbi herein, um sicherzugehen, dass übermütige französische Köche nicht etwa Stückchen von unkoscherem Trefa in die Speisen der Orthodoxen warfen. Die Vorräte wurden in Eiskammern aufbewahrt. Dort herrschte strenger Frost.

Die Normandie gilt als ein Meisterwerk der französischen Technik und Kunst. Ihre Technik ist in der Tat hervorragend. Die Geschwindigkeit des Schiffes, die Brandschutzvorrichtungen, den kühnen, eleganten Schwung des Rumpfes oder die Funkanlage kann man nur bewundern. Was die Kunst betrifft, da haben die Franzosen schon bessere Zeiten gesehen. Die Bemalung der Glaswände ist tadellos ausgeführt, aber die Gemälde auf dem Schiff stellen nun wirklich nichts Besonderes dar. Ebenso wenig die Reliefs, die Mosaiken, Skulpturen und das Mobiliar. Überall viel Gold, gefärbtes Leder, glänzende Metallbeschläge, Seide, Edelhölzer und prächtiges Glas. Viel Prunk und wenig Kunst. Genau das, was französische Künstler mit resignierendem Achselzucken triumphalistischen Stil nennen. Kürzlich wurde auf den Pariser Champs Elysées ein Café Triumph eröffnet, das genauso ausgestattet ist – wie ein plüschiges Boudoir. Schade! Hätten doch die großartigen französischen Ingenieure, als sie die Normandie bauten, ebensolche großartigen Künstler und Architekten zu Partnern gehabt! Schade vor allem deswegen, weil es die in Frankreich gibt.

Die wenigen technischen Mängel – die Vibration im Heckbereich, der Lift, der schon nach einer halben Stunde seinen Geist aufgab – und andere ärgerliche Kleinigkeiten kann man nicht den Ingenieuren anlasten, die dieses herrliche Schiff gebaut haben, sondern wohl eher den ungeduldigen Auftraggebern, die es so rasch wie möglich in Betrieb nehmen und sich um jeden Preis das Blaue Band für den Geschwindigkeitsrekord sichern wollten.

Am Abend vor der Ankunft in New York gab es ein Festessen und ein Unterhaltungsprogramm, das die Passagiere selbst gestalten sollten. Das Essen war wie immer, nur hatte man ein Löffelchen russischen Kaviar hinzugefügt. Außerdem wurden Piratenhüte aus Papier, Rasseln, Abzeichen in Form eines blauen Bandes mit der Aufschrift Normandie und Brieftaschen aus Kunstleder mit dem Logo der Transatlantic Company verteilt. Mit den kleinen Souvenirs will man die Passagiere davon abhalten, Inventar des Schiffes mitgehen zu lassen. Denn man weiß, dass die meisten Reisenden besessene Souvenirjäger sind. Auf der ersten Überfahrt der Normandie nahmen sie eine große Zahl von Messern, Gabeln und Löffeln als Andenken mit. Nicht einmal Teller, Aschenbecher und Karaffen blieben verschont. Es scheint also günstiger zu sein, ein Abzeichen für den Jackenaufschlag zu opfern als Löffel, die auf dem Schiff noch gebraucht werden. Die Passagiere freuten sich über die kleinen Dinge. Eine beleibte Dame, die während der ganzen Überfahrt allein an einem Tisch in der Ecke gehockt hatte, setzte sich geschäftig den Piratenhut auf, steckte sich das Abzeichen an die Brust und ließ ihre Rassel ertönen. Offenbar hielt sie es für ihre Pflicht, all die Wohltaten gewissenhaft zu nutzen, die ihr für das Ticket zustanden.

Das kleinbürgerliche Unterhaltungsprogramm fand am Abend statt. Die Passagiere versammelten sich im Salon. Das Licht ging aus, ein Scheinwerfer erleuchtete das kleine Podium, das, am ganzen Körper zitternd, ein abgehärmtes junges Mädchen in silberglänzendem Kleid bestieg. Das Orchester aus Berufsmusikern warf ihr mitleidige Blicke zu. Das Publikum ließ aufmunternden Applaus hören. Das Mädchen öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder. Geduldig spielte das Orchester die Einleitungstakte noch einmal. Die Leute sahen einander nicht ins Gesicht, als erwarteten sie etwas Schreckliches. Dann zuckte die junge Dame zusammen und hub zu singen an. Sie trug das bekannte Chanson »Parlez-moi d’amour« vor, aber so leise, dass ihr zartes Flehen wohl kaum an jemandes Ohr drang. Mittendrin brach sie plötzlich ab, schlug die Hände vors Gesicht und lief davon. Ein weiteres noch abgehärmteres weibliches Wesen erschien auf dem Podium. Sie war barfuß und trug ein einfaches schwarzes Kleid. Sie blickte noch ängstlicher drein. Das sollte eine Barfußtänzerin sein. Einer nach dem anderen stahlen sich die Zuschauer aus dem Saal. Mit unserer lebensfrohen, talentierten, lautstarken Laienkunst hatte das nicht das Geringste zu tun.

Am fünften Tag füllten sich die Decks des Dampfers mit Koffern und Kisten, die man aus den Kabinen holte. Alle Passagiere liefen nach Steuerbord, hielten ihre Hüte fest und starrten wie gebannt auf den Horizont. Die Küste war noch nicht in Sicht, aber die Wolkenkratzer von New York stiegen direkt aus dem Wasser auf wie stille Rauchsäulen. Welch gewaltiger Kontrast, nach der öden Weite des Ozeans plötzlich die größte Stadt der Welt vor sich zu haben. Im sonnendurchfluteten Dunst glänzten schwach die stählernen Kanten des Empire State Building mit seinen 102 Etagen. Möwen umflatterten das Heck der Normandie. Vier kleine, aber starke Schlepper begannen den riesigen Rumpf des Schiffes zu drehen, zogen und schoben ihn in Richtung Hafen. Backbords tauchte die kleine grüne Freiheitsstatue auf. Später war sie dann aus unerfindlichen Gründen plötzlich steuerbords. Wir wurden gedreht, und die Stadt drehte sich um uns, zeigte sich bald von der einen, bald von der anderen Seite. Schließlich blieb sie stehen – unmöglich groß, laut und uns noch völlig unverständlich.

Über geschlossene Gänge gelangten die Passagiere in die Zollhalle, erledigten die Formalitäten und traten auf die Straße hinaus. Das Schiff, das sie über den Ozean gebracht hatte, bekamen sie auch jetzt nicht zu Gesicht.

2. Kapitel

Der erste Abend in New York

Die Halle der Zollabfertigung am Kai der French Line ist riesig. Unter der Decke hängen große eiserne Buchstaben des lateinischen Alphabets. Jeder Ankömmling hat sich unter den Buchstaben zu stellen, mit dem sein Familienname beginnt. Dorthin wird sein Gepäck vom Dampfer gebracht, und dort wird es auch kontrolliert.

Der große Raum war erfüllt von den Rufen, dem Lachen, den Küssen der Angekommenen und der sie Erwartenden. Die nackten Stahlkonstruktionen ließen ihn wie eine Fabrikhalle erscheinen, in der Turbinen gebaut werden.

Wir hatten niemandem unsere Ankunft mitgeteilt, und keiner holte uns ab. Da standen wir nun unter unseren Buchstaben und warteten auf den Zollbeamten. Der erschien schließlich auch. Es war ein ruhiger, behäbiger Mann. Ihn beeindruckte überhaupt nicht, dass wir den Ozean überquert hatten, um ihm unsere Koffer vorzuführen. Höflich berührte er mit den Fingerspitzen die oberste Schicht unserer Sachen und schaute nicht weiter nach. Dann streckte er seine Zunge heraus, eine ganz gewöhnliche nasse Zunge ohne jedes technische Zubehör, und feuchtete damit große Etiketten an, die er auf unsere Koffer klebte.

Als wir endlich gehen konnten, war es schon Abend. Ein weißes Taxi mit drei leuchtenden Laternen auf dem Dach, das wie eine nostalgische Kutsche wirkte, brachte uns zum Hotel. Anfangs quälte uns der Gedanke, dass wir aus Unerfahrenheit ein schlechtes, altmodisches Gefährt bestiegen haben könnten, dass wir lächerlich und provinziell wirkten. Aber als wir ängstlich aus dem Fenster schauten, sahen wir, dass Fahrzeuge mit den gleichen albernen Lampen in alle Richtungen fuhren. Da beruhigten wir uns ein wenig. Erst später wurde uns klar, dass man sie auf dem Dach angebracht hat, damit die Taxis unter den Millionen anderer Automobile besser zu erkennen sind. Aus demselben Grunde haben die Taxis in Amerika auch die grellsten Farben. Sie sind orange, gelb wie Kanarienvögel oder weiß.

Von der Stadt New York war aus dem Auto so gut wie nichts zu erkennen. Wir fuhren durch ziemlich düstere, kaum beleuchtete Straßen. Von Zeit zu Zeit rumpelte etwas höllisch unter uns, dann wieder donnerte es über unseren Köpfen. Wenn wir an Ampeln hielten, nahmen die neben uns stehenden Wagen jede Sicht. Der Fahrer wandte sich mehrmals um und fragte immer wieder nach der Adresse. Offenbar irritierte ihn das Englisch, das wir sprachen. Zuweilen warf er uns einen aufmunternden Blick zu, als wollte er sagen: Keine Angst, Sie gehen nicht verloren! In New York ist noch keiner verloren gegangen.

Die 32 Etagen unseres Backstein-Hotels verschwanden im rötlichen Nachthimmel.

Während wir die kurzen Anmeldeformulare ausfüllten, standen zwei Mann vom Hotelpersonal liebenswürdig bei unserem Gepäck. Einer hatte einen blanken Ring mit dem Schlüssel des Zimmers um den Hals hängen, das wir gewählt hatten. Der Lift brachte uns in die 27. Etage. Wir fuhren im geräumigen, ruhigen Fahrstuhl eines Hotels, das nicht sehr alt und nicht sehr neu, nicht sehr teuer, aber leider auch nicht sehr billig war.

Das Zimmer gefiel uns, aber wir nahmen uns nicht die Zeit, es genauer zu betrachten. Wir wollten so rasch wie möglich auf die Straße, in die Stadt und ihr Getriebe. Die Gardinen an den Fenstern flatterten im frischen Seewind. Wir warfen unsere Mäntel auf die Couch, liefen in den schmalen Korridor hinaus, der mit einem gemusterten Läufer bedeckt war, und der Lift flog mit leisem Klicken wieder nach unten. Wir schauten uns bedeutungsvoll an. Was für ein Ereignis! Zum ersten Mal im Leben machten wir uns auf einen Spaziergang durch New York.

Eine dünne, fast durchsichtige Fahne mit den stars and stripes hing über dem Eingang. Auf der anderen Straßenseite stand der polierte Würfel des Waldorf-Astoria-Hotels. In Prospekten wird es als das beste der Welt gepriesen. Blendendes Licht fiel aus seinen Fenstern, und über dem Eingang hingen gleich zwei Nationalflaggen. Direkt auf dem Bürgersteig am Fahrbahnrand lagen die Zeitungen vom nächsten Tag. Passanten bückten sich, nahmen sich die New York Times oder die Herald Tribune und legten zwei Cent neben den Stapel. Der Verkäufer war nirgendwo zu sehen. Die Zeitungen hatte er mit einem Stück Ziegelstein beschwert. Genauso machen es die betagten Moskauer Zeitungsverkäuferinnen in ihren Sperrholzkiosken. An den Ecken der Straßenkreuzungen standen zylindrische Abfallbehälter. Aus einem stieg eine mächtige Flamme auf. Offenbar hatte jemand eine glimmende Kippe hineingeworfen, und der New Yorker Müll, der hauptsächlich aus Zeitungen besteht, hatte sich entzündet. Ein bedrohlicher roter Schein ergoss sich über die polierten Wände des Waldorf-Astoria. Die Passanten grinsten und ließen im Vorübergehen Bemerkungen fallen. Schon eilte ein Polizist mit entschlossener Miene an den Ort des Geschehens. Als wir sahen, dass der rote Hahn unserem Hotel nicht drohte, gingen wir weiter.

Da passierte uns ein kleines Malheur. Wir hatten vor, gemächlich zu spazieren, uns aufmerksam umzuschauen, dabei Neues zu entdecken, zu beobachten und aufzunehmen. Aber New York ist keine Stadt, in der man sich gemessenen Tempos fortbewegt. Die Leute gingen nicht, sondern liefen an uns vorüber. Da begannen auch wir zu laufen. Und konnten nicht mehr anhalten. Während des ganzen Monats, den wir in New York verbrachten, waren wir ständig in höchster Eile unterwegs. Das taten wir mit so geschäftiger Miene, dass uns selbst der bekannte Bankier und Unternehmer John Pierpont Morgan jr. darum beneiden konnte. Bei dem Tempo hätte er in diesem Monat wohl 60 Millionen Dollar verdient.

Wir liefen also los. Leuchtende Schilder mit Aufschriften wie »Cafeteria«, »United Cigars«, »Drug-Soda« oder ähnlich aufregenden, uns jedoch völlig unverständlichen Wörtern flogen vorüber. So kamen wir bis zur 42. Straße, wo wir schließlich innehielten.

In den Schaufenstern herrschte bereits tiefer Winter. In einem standen sieben elegante Damen aus Wachs mit silbernen Gesichtern. Sie alle waren in wunderschöne Karakul-Mäntel gehüllt und warfen einander rätselhafte Blicke zu. In dem Fenster daneben war ihre Zahl bereits auf zwölf angewachsen. Auf Skistöcke gestützt, standen sie in Sportanzügen da. Sie hatten blaue Augen, rote Lippen und rosafarbene Ohren. Anderswo sahen wir jugendliche Puppen mit grauem Haar oder elegante Herren aus Wachs in billigen, dafür verdächtig gut aussehenden Anzügen. Aber all die tollen Sachen in den Geschäften interessierten uns nicht. Etwas anderes fesselte unsere Aufmerksamkeit.

In allen Großstädten dieser Welt findet man Orte, wo Menschen durch ein Fernrohr den Mond betrachten. So ein Ding gab es auch hier in der 42. Straße. Es stand auf einem Automobil.

Das Teleskop war gen Himmel gerichtet. Es wurde von einem Mann betrieben, der das Gleiche auch in Athen, Neapel oder Odessa hätte tun können. Und er schaute auch genauso mürrisch drein wie die Betreiber von Straßenfernrohren überall auf der Welt.

Der Mond lugte durch eine Lücke zwischen zwei sechziggeschossigen Häusern. Aber der Neugierige, der gerade sein Auge an das Rohr presste, betrachtete nicht ihn, sondern schaute weit höher – auf die Spitze des Empire State Building, eines Wolkenkratzers von 102 Etagen. Im fahlen Licht des Mondes wirkte seine stählerne Spitze wie von Schnee bedeckt. Das Herz wurde einem kalt beim Anblick dieses edlen, jungfräulichen Bauwerks, das blinkte wie ein riesiges Stück künstlichen Eises. Lange standen wir schweigend da, die Köpfe in den Nacken gelegt. Die Wolkenkratzer von New York machen einen stolz auf die Menschen der Wissenschaft und der Arbeit, die diese prächtigen Bauten geschaffen haben.

Zeitungsverkäufer schrien sich die Seele aus dem Leib. Die Erde bebte unter den Füßen, und aus Gittern im Gehweg kam plötzlich ein heißer Hauch wie aus einem Maschinensaal. Da raste ein Zug der New Yorker Metro, hier Subway genannt, unter uns hindurch.

Aus Gullys, die mit Metalldeckeln verschlossen waren, stieg Dampf auf. Lange konnten wir nicht begreifen, woher dieser Dampf kam. Die Leuchtreklamen tauchten ihn in rotes Licht wie auf einer Opernbühne. Es schien, als könnte sich jeden Augenblick einer der Gullys öffnen, Mephisto herausfahren, sich räuspern und dann mit Bassstimme die Arie aus Gounods »Faust« anstimmen:

»Den Degen zur Seit’, die Feder am Hut,

die Tasche voll Geld, ja, keck und voller Mut

und angetan wie ein rechter Edelmann!«

Wir eilten weiter, die gellenden Rufe der Zeitungsverkäufer in den Ohren. Sie strapazieren ihre Stimme so sehr, dass sie, wie unser Schriftsteller Leskow einmal sagte, danach eine ganze Woche brauchen, um sie mit dem Spaten wieder auszugraben.

Die Beleuchtung der 42. Straße kann man beim besten Willen nicht mittelmäßig nennen. Und doch tauchte der Broadway, der von Millionen, vielleicht sogar Milliarden Glühlampen, sich drehenden und hüpfenden Leuchtreklamen aus Kilometern von farbigen Neonröhren erleuchtet wird, so unvermittelt vor uns auf wie zuvor New York aus der endlosen Weite des Atlantischen Ozeans.

Wir standen an der beliebtesten Ecke der Vereinigten Staaten, wo die 42. Straße den Broadway kreuzt. Vor uns lag der »Great White Way«, wie die Amerikaner den Broadway nennen.

Die Elektrizität hat man hier zu einem dressierten Zirkustier erniedrigt (oder erhöht, wie Sie wollen). Man hat sie dazu gebracht, Fratzen zu schneiden, über Hindernisse zu springen, zu zwinkern und zu tanzen. Aus Edisons solidem elektrischem Strom ist ein Seelöwe aus Clown Durows Zirkusnummer geworden. Er fängt und balanciert Bälle auf der Nase, stirbt, lebt wieder auf, kurz, tut alles, was man ihm befiehlt. Dabei kommt der Strom niemals zur Ruhe. Die Lichter der Reklame gehen an, drehen sich und erlöschen, um sogleich wieder aufzuflammen. Große und kleine, weiße, rote und grüne Buchstaben laufen ohne Ende davon, um nach einer Sekunde wieder aufzutauchen und ihren wilden Tanz von neuem zu beginnen.

Am Broadway sind die Theater, Kinos und Tanzsäle der Stadt konzentriert. Zehntausende Menschen schieben sich über die Bürgersteige. New York ist eine der wenigen Städte der Welt, wo die Bevölkerung auf einer bestimmten Straße spazieren geht. Die Eingänge der Kinos sind so grell erleuchtet, dass man glaubt, wenn auch nur eine einzige Birne hinzugefügt wird, dass das Ganze vom Übermaß des Lichts zerplatzt und zum Teufel geht. Aber diese Birne kann nirgendwo eingeschraubt werden, es ist einfach kein Raum für sie da. Die Zeitungsverkäufer erheben auch hier ein solches Geschrei, dass das Ausgraben ihrer Stimmen wahrscheinlich nicht eine Woche, sondern ganze Jahre harter Arbeit erfordert. Hoch oben am Himmel, an einer ungezählten Etage des Paramount Building, erstrahlt das Zifferblatt einer elektrischen Uhr. Weder Sterne noch Mond sind zu sehen. Das Licht der Werbung stellt alles andere in den Schatten. Autos ziehen in schweigendem Strom vorüber. In den Schaufenstern springen zwischen karierten Krawatten kleine leuchtende Preisschildchen umher und schlagen sogar Saltos. Das sind die Mikroorganismen im elektrischen Kosmos des Broadways. Mitten in all dem Tohuwabohu spielt ein stiller Bettler auf seinem Saxophon. Ein Gentleman im Zylinder geht ins Theater, an seiner Seite die unvermeidliche Dame im Abendkleid mit Schleppe. Wie ein Mondsüchtiger lässt sich ein Blinder von seinem Hund vorüberführen. Manche junge Männer sind ohne Kopfbedeckung unterwegs. Das ist jetzt Mode. Ihre straff nach hinten gekämmten Haare glänzen im Lampenlicht. Es riecht nach Zigarren, miserablen und teuren.

Als wir gerade daran denken mussten, wie fern von uns jetzt Moskau war, kamen die Lichter des Kinos Cameo in Sicht. Dort lief der sowjetische Film »Der neue Gulliver«.

Die Brandung des Broadways spülte uns mehrere Male vor und zurück und warf uns schließlich auf irgendeine Nebenstraße.

Wir kannten die Stadt überhaupt noch nicht. Deshalb können wir hier auch keine Straßennamen nennen. Wir erinnern uns nur, dass wir unter den Gleisen einer Hochbahn standen. Vor uns hielt ein Bus, und ohne lange nachzudenken, sprangen wir hinein.

Auch viele Tage später, als wir uns im Strudel von New York bereits einigermaßen orientierten, konnten wir nicht rekonstruieren, wohin uns der Bus an diesem ersten Abend entführt hatte. Es muss wohl das chinesische Viertel gewesen sein. Vielleicht war es aber auch das italienische oder das jüdische.

Wir gingen durch enge, übel riechende Straßen. Nein, hier war der elektrische Strom nicht dressiert, sondern ganz gewöhnlich. Er produzierte eine ziemlich trübe Beleuchtung und machte keinerlei Sprünge. Ein riesiger Polizist stand an ein Haus gelehnt. An seiner Mütze über dem breiten, befehlsgewohnten Gesicht blinkte silbern das Wappen der Stadt New York. Als ihm auffiel, wie unsicher wir uns auf der Straße bewegten, kam er uns entgegen. Da wir aber nichts von ihm wollten, nahm er seinen Posten an der Wand wieder ein – der würdevolle, stramme Hüter der öffentlichen Ordnung.

Aus einem schäbigen Häuschen drang trüber Singsang heraus. Der Mann an der Tür sagte uns, dies sei ein Nachtquartier der Heilsarmee.

»Wer darf hier übernachten?«

»Jeder. Hier wird niemand nach seinem Namen, seiner Beschäftigung oder seiner Vergangenheit gefragt. Wer hierher kommt, erhält ein Bett, Kaffee und Brot. Morgens noch einmal Kaffee und Brot. Dann kann er gehen, wohin er will. Die einzige Bedingung: Er muss am Abend- und Morgengebet teilnehmen.«

Der Gesang, den wir gehört hatten, zeugte davon, dass soeben diese einzige Bedingung erfüllt wurde.

Wir traten ein. Früher, vor etwa fünfundzwanzig Jahren, war hier eine chinesische Opiumhöhle gewesen. Ein düsterer, schmutziger Sündenpfuhl. Seitdem war Sauberkeit eingezogen. Die Exotik war verflogen, die Tristesse aber geblieben. Im oberen Teil der ehemaligen Absteige wurde gebetet, unten befand sich der Schlafraum – nackte Wände, ein blanker Fußboden und Feldbetten aus Segeltuch. Es roch nach schlechtem Kaffee und Feuchtigkeit, so wie Hospital- und Wohltätigkeitsreinheit eben riecht. Mit einem Wort, Gorkis »Nachtasyl« auf Amerikanisch.

In dem schäbigen Gebetsraum saßen auf Bänken, die sich wie in einem Amphitheater zu einem kleinen Podium hinabsenkten, stumm etwa zweihundert Obdachsuchende. Das Singen war gerade zu Ende. Man ging zum nächsten Programmpunkt über.

Zwischen der amerikanischen Nationalflagge auf dem Podium und Bibeltexten, die an den Wänden aufgehängt waren, hüpfte ein rotbäckiger alter Mann in schwarzem Anzug wie ein Clown hin und her. Er redete und gestikulierte so heftig, als hätte er etwas zu verkaufen. Dabei erzählte er nur lehrreiche Geschichten aus seinem Leben, vor allem von dem segensreichen Wandel, der über ihn gekommen sei, als er sein Herz Gott zuwandte.

Er war ein Streuner (»genau so ein abscheulicher wie ihr alten Gauner!«), benahm sich fürchterlich, lästerte Gott (»denkt an eure Gewohnheiten, meine Freunde!«), und stahl. Ja, das hatte es leider alles gegeben. Aber jetzt war damit Schluss. Jetzt habe er sein eigenes Haus und lebe wie ein anständiger Mann (»Hat uns nicht Gott nach seinem Bilde erschaffen?«). Vor kurzem habe er sich sogar ein Radio gekauft. Und all das mit direkter Hilfe Gottes.

Der Mann redete wie entfesselt, offenbar tat er das bereits zum tausendsten Mal, wenn nicht noch öfter. Er schnipste mit den Fingern, ließ hin und wieder ein raues Lachen hören, trällerte eine Strophe aus einem Kirchenlied und endete schließlich mit dem überschwänglichen Ausruf:

»Lasst uns also singen, Brüder!«

Wieder der eintönige, stumpfe Singsang.

Die Anwesenden boten einen jämmerlichen Anblick. Die meisten waren nicht mehr jung. Unrasiert, mit erloschenem Blick, wiegten sie sich auf den rohen Bänken hin und her. Ihr Gesang war schicksalsergeben und träge. Einige konnten sich der Müdigkeit des Tages nicht länger erwehren und schliefen ein.

Wir stellten uns vor, wie sie durch die jämmerlichsten Gegenden New Yorks gezogen waren, ihren Tag unter Brücken und vor Lagerhäusern, im Müll und ewigen Dunst menschlichen Verfalls zugebracht hatten. Nach alledem in diesem Nachtquartier zu sitzen und Hymnen zu singen musste die reine Folter sein.

Dann trat vor den Leuten ein Kerl auf, blühend und gesund wie ein Polizist. Er hatte eine rotviolette Nase und eine Stimme wie ein Schiffer.

Der Mann schien überhaupt keine Hemmungen zu kennen. Auch er erzählte davon, wie nützlich es sei, sich Gott zuzuwenden. Der Schiffer war zuvor ebenfalls ein schlimmer Sünder gewesen. Aber mit seiner Fantasie schien es nicht weit her zu sein, denn auch er endete damit, dass er dank Gott nun ein Radio besitze.

Noch einmal wurde gesungen. Der Schiffer fuchtelte mit den Armen herum wie ein echter Kapellmeister. Zweihundert Mann, vom Leben zu Pulver zerrieben, mussten sich auch diese gewissenlose Schwafelei anhören. Den bettelarmen Menschen bot man keine Arbeit, nur einen Gott, böse und fordernd wie der Teufel.

Die Leute, die ein Nachtlager suchten, widersprachen nicht. Ein Gott mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Brot – das war doch wenigstens etwas. Singen wir also, Brüder, zum Ruhme des Kaffeegottes!

Und aus Kehlen, denen seit undenklicher Zeit die schlimmsten Flüche entstiegen, erklang schläfrig das Lob Gottes.

Weiter ging es durch andere Elendsviertel. Wir wussten absolut nicht, wo wir waren. Mit Blitz und Donner sausten die Züge der Hochbahn vorüber. Junge Männer in hellen Hüten standen vor Drugstores beisammen und warfen sich knappe Bemerkungen zu. Sie bewegten sich so wie die Kerle auf der Krachmalnaja-Straße von Warschau.3 Ein Mann von der Krachmalnaja gilt bei Gott nicht als Gentleman. Er kann nur ein Dieb sein, vielleicht auch Schlimmeres.

3 Vor dem Zweiten Weltkrieg im jüdischen Viertel der Stadt – d. Ü.

Spätnachts kehrten wir in unser Hotel zurück, nicht enttäuscht und nicht begeistert von New York, eher verstört von seinen gewaltigen Dimensionen, seinem Reichtum und seiner Armut.

3. Kapitel

Was aus dem Hotelfenster zu sehen ist

Die ersten Stunden in New York, der Gang durch die nächtliche Stadt und die Rückkehr ins Hotel werden uns stets in Erinnerung bleiben.

Dabei war gar nichts Besonderes passiert.

Wir betraten die sehr schlichte, mit Marmor ausgekleidete Hotelhalle. Rechts hinter einer hölzernen Barriere arbeiteten zwei junge Angestellte. Beide hatten blasse, sorgfältig rasierte Wangen und ein dünnes schwarzes Schnurrbärtchen. Hinter ihnen war eine Kassiererin an einer automatischen Rechenmaschine zu sehen. Links stand ein Tabakwarenkiosk. Auf dem Ladentisch lagen unter Glas dicht an dicht geöffnete Zigarrenkisten. Jede einzelne Zigarre war in Zellophan verpackt und trug eine rotgoldene Banderole. Auf den Deckeln der Kistchen waren altmodisch gekleidete gut aussehende Männer mit rosigen Wangen, Gold- und Silbermedaillen, Orden oder grüne Palmen mit Negerinnen beim Tabakpflücken abgebildet. In einer Ecke des Deckels der Preis: 5, 10, 15 Cent das Stück. Auch 15 Cent für zwei oder 10 Cent für drei Zigarren. Noch enger lagen Zigarettenpäckchen, die mit Zellophan zu Stangen zusammengepresst waren. Offenbar rauchen die Amerikaner zumeist Lucky Strike in der dunkelgrünen Schachtel mit einem roten Kreis in der Mitte, Chesterfield in der weißen Schachtel mit goldener Schrift und Camel in einer gelben Packung mit einem braunen Kamel darauf.

Die ganze Wand gegenüber dem Eingang nahmen geräumige Lifte mit vergoldeten Türen ein. Wenn diese sich am linken, mittleren oder rechten Fahrstuhl öffneten, dann schaute dort, die Hand am Türgriff, ein Neger in heller Hose mit goldenen Biesen und grüner Jacke mit geflochtenen Epauletten heraus. So wie auf dem Moskauer Nordbahnhof die Datschenbesitzer per Lautsprecher darüber informiert werden, dass der nächste Zug bis Mytischtschi ohne Zwischenhalt fährt und danach an jeder weiteren Station hält, verkündeten hier die schwarzen Liftboys, dass ihr Aufzug nur bis zur 16. Etage fährt oder – ein anderer – dort zum ersten Mal hält und dann auf jeder weiteren Etage bis zur 32. Bald hatten wir begriffen, was dieser kleine Trick der Hotelverwaltung bedeutete: In der 16. Etage befanden sich Restaurant und Cafeteria.

Wir stiegen ein, und der Lift fuhr nach oben. Bei jedem Halt öffnete der Boy die Tür, rief: »Up!« (nach oben!), und die einsteigenden Fahrgäste nannten die gewünschte Etage. Als eine Frau einstieg, nahmen alle Männer den Hut ab und fuhren barhäuptig weiter. Wir taten es ihnen nach. Dies war die erste amerikanische Sitte, die wir kennenlernten. Aber die Gewöhnung an die Bräuche eines fremden Landes ist nicht leicht und fast immer von einiger Konfusion begleitet. Ein paar Tage später fuhren wir in einem Lift zu unserem Verleger hinauf. Als eine Frau einstieg, nahmen wir wie alteingesessene New Yorker den Hut ab. Aber die anderen Männer folgten unserem ritterlichen Beispiel nicht. Sie warfen uns sogar befremdete Blicke zu. So erfuhren wir, dass nur in den Aufzügen von Privathäusern und Hotels der Hut abgenommen wird. In Bürogebäuden dagegen kann man ihn aufbehalten.

Wir verließen den Lift auf der 27. Etage und gingen über den schmalen Korridor zu unserem Zimmer. Die riesigen zweitklassigen Hotels im Zentrum von New York sind sehr wirtschaftlich gebaut – enge Gänge, die ziemlich teuren Zimmer klein und nur durchschnittlich hoch, also recht niedrig. Der Auftraggeber fordert von der Baufirma, so viele Zimmer wie möglich in einen Wolkenkratzer hineinzupressen. Die kleinen Räume sind allerdings sauber und komfortabel. Stets sind sie mit fließend heißem und kaltem Wasser sowie einer Dusche ausgestattet. Aber man findet dort auch Briefpapier, Telegrammformulare, Ansichtskarten vom Hotel, Papiertüten für die schmutzige Wäsche mit vorgedruckten Formularen, in die man nur die Zahl der abgegebenen Wäschestücke einzutragen braucht. Gewaschen wird in Amerika schnell und ungewöhnlich gut. Die gebügelten Hemden sehen besser aus als die neuen in den Auslagen der Geschäfte. Jedes kommt in einer Papiertüte mit einer Banderole zurück, die das Logo der Wäscherei trägt. Die Ärmel sind akkurat mit Stecknadeln fixiert. Wenn die Wäsche geliefert wird, ist sie sogar ausgebessert, und die Socken sind gestopft. Komfort ist in Amerika durchaus kein Zeichen von Luxus. Er gehört zum Standard und ist erschwinglich.

Als wir in unser Zimmer kamen, suchten wir nach dem Lichtschalter und konnten lange Zeit nicht begreifen, wie hier der Strom eingeschaltet wird. Zuerst tappten wir im Dunkeln durch das Zimmer, dann zündeten wir Streichhölzer an, tasteten alle Wände ab, untersuchten Türen und Fenster, aber ein Schalter war nirgends zu finden. Völlig verzweifelt setzten wir uns mehrmals im Dunkeln nieder, um zu verschnaufen. Schließlich fanden wir das Gesuchte. An jeder Lampe hängt ein feines Kettchen mit einer kleinen Kugel am Ende. Wenn man daran zieht, geht das Licht an. Beim zweiten Mal Ziehen geht es wieder aus.

Unsere Betten waren nicht für die Nacht vorbereitet. Wir suchten nach der Klingel, um die Zimmerfrau zu rufen. Aber wir fanden keinen Klingelknopf. Wir schauten überall nach, zogen an allen verdächtigen Schnüren, aber nichts half. Erst da begriffen wir, dass man das Personal per Telefon rufen muss. Wir läuteten beim Portier und baten, uns die Zimmerfrau zu schicken. Kurz darauf erschien eine Negerin. Sie blickte ziemlich erschrocken drein, und als wir sie baten, unsere Betten für die Nacht vorzubereiten, schaute sie uns fassungslos an. Zwar tat sie, wie ihr geheißen, aber man konnte ihr ansehen, dass sie glaubte, etwas Unerlaubtes zu tun. Dabei sagte sie dauernd: »Yes, Sir.« Während der wenigen Minuten, da sie in unserem Zimmer verweilte, hörten wir dieses »Yes, Sir« mindestens zweihundert Mal. Später erfuhren wir, dass der Hotelgast sich das Bett selber für die Nacht bereitet und ein nächtlicher Anruf wie unserer in diesem Hotel noch nie vorgekommen war.

Den Möbeln in unserem Zimmer begegneten wir später in fast allen Hotels Amerikas, ob nun im Osten, Westen oder Süden des Landes. Im Norden waren wir nicht. Aber es gibt Grund anzunehmen, dass wir auch dort exakt diese New Yorker Möbel vorgefunden hätten – eine braune Kommode mit Spiegel, Metallbetten mit einem Anstrich, der Holz vortäuschen sollte, ein paar Polsterstühle, einen Schaukelstuhl und mehrere Stehlampen mit Stecker auf sehr hohem, dünnem Fuß mit einem großen Schirm aus Pappe.

Auf der Kommode fanden wir ein dickes Buch in schwarzem Einband mit dem goldgeprägten Logo des Hotels darauf. Es war eine Bibel. Das altehrwürdige Werk war für Geschäftsleute bearbeitet, die sehr wenig Zeit haben. Auf der ersten Seite fand sich ein von der fürsorglichen Hotelverwaltung für diesen Zweck hergestelltes Inhaltsverzeichnis:

»Zur Besänftigung seelischer Zweifel – Seite …, Absatz …

Bei Ärger in der Familie – Seite …, Absatz …

Bei Geldschwierigkeiten – Seite …, Absatz …

Für geschäftlichen Erfolg – Seite …, Absatz …«

Diese Seite war ziemlich abgegriffen.

Wir öffneten die Fenster. Auch das geschieht auf amerikanische Weise, nicht so wie in Europa. Sie müssen nach oben geschoben werden wie in einem Eisenbahnwaggon.

Unsere Fenster gingen nach drei Seiten hinaus. Unter uns lag das nächtliche New York.

Was kann verlockender sein als die Lichter einer fremden Stadt, dicht gedrängt in dieser riesigen fremden Welt, die sich an der Küste des Atlantiks schlafen gelegt hat! Vom Ozean her wehte ein warmer Wind. Ganz in unserer Nähe ragten mehrere Wolkenkratzer auf. Es schien, als seien sie mit den Händen zu greifen. Die erleuchteten Fenster darin konnte man zählen. In der Ferne rückten die Lichter immer enger zusammen. Darunter waren besonders helle, die schnurgerade oder leicht geschwungene Ketten bildeten, wahrscheinlich Straßenlaternen. In noch weiterer Ferne blinkten zahllose Lichter wie feiner Goldstaub. Dahinter kam ein dunkler, völlig unbeleuchteter Streifen. Der Hudson? Oder vielleicht der East River? Und erneut der goldene Nebel noch fernerer Bezirke, des Gewirrs unbekannter Straßen und Plätze. In diesem Lichtermeer, das zunächst stillzustehen schien, bemerkten wir eine gewisse Bewegung. Da glitt das rote Licht einer Barkasse langsam über den Fluss. Unten auf der Straße fuhr ein winziges Auto vorüber. Manchmal begann am jenseitigen Flussufer ein winziges Lichtlein, wie ein Staubkörnchen, zu flackern und ging aus. Wahrscheinlich hatte einer der sieben Millionen New Yorker sein Licht gelöscht und sich schlafen gelegt. Wer mochte das sein? Ein Büroangestellter? Oder einer, der bei der Hochbahn arbeitete? Möglicherweise eine einsame Verkäuferin, von denen es in New York so viele gibt. Vielleicht lag sie nun unter zwei dünnen Decken, hörte im Schlaf die Dampfer auf dem Hudson tuten und träumte von einer Million Dollar.

New York ruhte, und Millionen Glühbirnen wachten über seinen Schlaf. Es schliefen Menschen aus Schottland, aus Irland, aus Hamburg und Wien, aus Kowno und Belostok, aus Neapel und Madrid, aus Texas, Dakota und Arizona, aus Lateinamerika, Australien, Afrika und China. In tiefem Schlaf lagen Schwarze, Weiße und Gelbe. Als wir auf die blinkenden Lichter schauten, drängte es uns, so schnell wie möglich zu erfahren, wie diese Menschen arbeiten, sich vergnügen, wovon sie träumen, worauf sie hoffen, was sie essen.

Schließlich legten auch wir uns völlig erschöpft nieder. Für den ersten Tag waren es zu viele Eindrücke gewesen. New York kann man unmöglich in solchen Dosen zu sich nehmen. Ein schreckliches und zugleich angenehmes Gefühl: Der Körper liegt auf einem bequemen amerikanischen Bett im Zustand völliger Ruhe, aber in Gedanken schaukelt uns noch die Normandie, fahren wir in der Taxi-Hochzeitskutsche, laufen über den Broadway und sind in ständiger Bewegung, ohne innehalten zu können.

Als wir am Morgen auf unserer 27. Etage erwachten und aus dem Fenster schauten, erblickten wir New York im durchsichtigen Morgennebel.

Vor uns lag sozusagen eine friedliche, ländlich anmutende Idylle. Ein paar weiße Rauchsäulen stiegen zum Himmel auf, und an der Spitze einer kleinen, nur zwanziggeschossigen Hütte prangte sogar ein putziger Wetterhahn. Die sechziggeschossigen Wolkenkratzer, die gestern Abend so nahe schienen, waren mindestens zehn rote Blechdächer sowie Hunderte hoher Schornsteine und Hunderte Dachluken von uns entfernt. Dazwischen flatterte Wäsche und ganz gewöhnliche Katzen streunten herum. Brandmauern trugen Werbesprüche. Die Wolkenkratzer bestanden aus langweiligen Ziegelwänden. Die meisten Gebäude New Yorks sind aus rotem Backstein erbaut.

Die Stadt öffnete sich uns auf mehreren Ebenen zugleich. Die oberste bildeten die Dächer der Wolkenkratzer, die höher waren als unserer. Auf ihnen saßen hohe Spitzen, gläserne oder goldene Kuppeln, die in der Sonne blitzten, zuweilen auch Türmchen mit großen Uhren. Diese Aufbauten konnten die Höhe eines vierstöckigen Hauses erreichen. Auf der nächsten Ebene, die wir ganz überblicken konnten, gab es außer Schornsteinen, Dachluken und Katzen Flachdächer, auf denen kleine eingeschossige Aufbauten mit Gärtchen, verkümmerten Bäumchen, mit Platten ausgelegten Wegen, kleinen Springbrunnen und Korbsesseln zu sehen waren. Hier konnte man wunderbar, fast wie an der Kljasma bei Moskau, seine Zeit verbringen, den Benzinduft der Blumen einatmen und dem melodischen Geheul der Hochbahn lauschen. Sie fuhr auf der nächsten Ebene der Stadt New York. Ihre Gleise ruhen auf eisernen Pfeilern und verlaufen in Höhe der zweiten und dritten Etage der Häuser. Nur an manchen Stellen schwingen sie sich bis zur fünften und sechsten Etage auf. Dieses merkwürdige Gefährt lässt von Zeit zu Zeit ein unheimliches Dröhnen hören, von dem einem das Blut gefriert. Gesunde Menschen werden nervös, nervöse verlieren den Verstand, verrückte springen in ihren Gummizellen umher und brüllen wie Löwen. Um die unterste Ebene zu erblicken, die der Straße, muss man sich aus dem Fenster lehnen und direkt nach unten schauen. Dort war wie durch ein umgedrehtes Fernglas eine Kreuzung mit winzigen Autos, Fußgängern und auf dem Asphalt verstreuten Zeitungen zu sehen. Sogar die zwei Reihen glänzender Knöpfe waren zu erkennen, die die Stelle markieren, wo Fußgänger über die Straße gehen dürfen.

Aus dem anderen Fenster erblickten wir den Fluss Hudson, der den Staat New York vom Staate New Jersey trennt. Die Häuser bis zum Hudson gehören zur Stadt New York, die am anderen Flussufer dagegen zu Jersey City. Man sagte uns, diese auf den ersten Blick merkwürdige administrative Einteilung habe durchaus ihre Vorteile. Man kann zum Beispiel in einem Staat wohnen und im anderen arbeiten. Man kann auch in New York spekulieren und in Jersey Steuern zahlen, wo sie niedriger sind. Das bringt etwas Farbe in das sonst so eintönige Leben des Börsenmaklers. Man kann in New York heiraten und sich in New Jersey scheiden lassen. Oder umgekehrt. Je nachdem, wo das Scheidungsgesetz einfacher und der Scheidungsprozess billiger ist. Als wir zum Beispiel das Auto kauften, mit dem wir unsere Reise durch das Land unternehmen wollten, versicherten wir es in New Jersey, was ein paar Dollar billiger war als in New York.

4. Kapitel

Der Appetit schwindet beim Essen

Der Neuankömmling kann ohne Sorge sein Hotel verlassen und sich in den Dschungel von New York stürzen. Sich dort zu verirren ist schwer, obwohl viele Straßen einander erstaunlich ähnlich sind. Das Geheimnis ist schnell gelüftet. Die Straßen teilen sich in zwei Arten: Die Avenues verlaufen längs und die Streets quer. So ist die Insel Manhattan angelegt. Dort verlaufen parallel zueinander die First, Second und Third Avenue. Daneben liegen die Lexington Avenue, die Fourth Avenue, deren Verlängerung ab dem Zentralbahnhof Park Avenue genannt wird und die Straße der Reichen ist, die Madison Avenue, die Fifth Avenue, eine wunderbare Einkaufsstraße, die Sixth, die Seventh Avenue usw. Die Fifth Avenue trennt die Stadt in zwei Teile – Ost und West. Alle Avenues, deren Zahl begrenzt ist, werden von Streets gekreuzt, von denen es einige hundert gibt. Während die Avenues noch bestimmte Besonderheiten aufweisen (einige sind breiter, andere schmaler, über der Third und der Seventh Avenue verläuft die Hochbahn, die Park Avenue hat in der Mitte einen Grünstreifen, an der Fifth Avenue liegen das Empire State Building und die Radio City), gleichen sich die Streets wie ein Ei dem anderen, sodass es selbst alten New Yorkern schwerfällt, sie nach äußerlichen Merkmalen zu unterscheiden.

Diese Geometrie New Yorks stört der gewundene Broadway, der die Stadt in einer Länge von mehreren Dutzend Kilometern diagonal durchschneidet.

Die Hauptströme der Fußgänger und Fahrzeuge bewegen sich über die breiten Avenues. Unter ihnen verlaufen wie Kohleschächte die schwarzen, feuchten vierspurigen Tunnel der U-Bahn. Über den Avenues donnert die Hochbahn. Alle Verkehrsmittel sind hier versammelt, auch die etwas altmodisch wirkenden Doppelstockbusse und die Straßenbahn. In Kiew, wo man die Straßenbahn von der Hauptstraße genommen hat, wäre man sicher sehr erstaunt darüber, dass diese sogar auf dem Broadway fährt, der belebtesten Straße der Welt. Wehe dem, der die Stadt nicht längs, sondern quer durchfahren muss und der auch noch auf die verrückte Idee kommt, dafür ein Taxi zu benutzen. Sobald dieses in eine Street einbiegt, gerät es unweigerlich in einen Dauerstau. Während Polizisten die fauchende Herde der Automobile die Avenues entlangtreiben, sammeln sich in den engen Streets die wütenden Massen der Pechvögel und Wahnsinnigen, die die Stadt nicht längs, sondern quer überwinden wollen. Der Stau wächst über mehrere Häuserblöcke, die Fahrer rutschen auf ihren Sitzen hin und her, die Passagiere stecken den Kopf ungeduldig zum Fenster hinaus, um sich dann gequält zurückzulehnen und ihre Zeitung aufzuschlagen.

Man mag es nicht glauben, aber vor kaum siebzig Jahren stand an der Ecke von Fifth Avenue und 42. Straße, wo sich binnen fünf Minuten mehr Autos ansammeln können, als es in ganz Polen gibt, eine aus Holz erbaute Herberge, die für die Herren Reisenden zwei bedeutsame Bekanntmachungen aushängte:

Es ist nicht gestattet, in Stiefeln ins Bett zu gehen.

und

Es ist verboten, dass mehr als sechs Gäste

in einem Bett liegen.

Wir verließen das Hotel, um irgendwo zu frühstücken, und fanden uns bald auf der 42. Straße wieder. Wohin wir während der ersten Tage in New York auch gingen, am Ende landeten wir immer wieder auf der 42. Straße.

In der Menge, die uns mit sich nahm, hörten wir Fetzen des schnellen New Yorker Slangs, der nicht nur für ein Moskauer, sondern auch ein Londoner Ohr fremd klingen muss. Längs der Häuserwände saßen Schuhputzer-Jungen, die mit ihren Bürsten auf grob gezimmerten Holzkisten nach Kunden trommelten. Straßenfotografen richteten ihre Leicas auf die Passanten, wobei sie vor allem Kavaliere mit Damen und Leute aus der Provinz aufs Korn nahmen. Wenn die Kamera geklickt hat, tritt der Fotograf an sein Opfer heran und überreicht ihm ein Kärtchen mit der Adresse seines Ateliers. Für 25 Cent kann der Fotografierte ein wunderbares Bild von sich selbst erhalten, auf dem er gerade ein Bein hebt.

Unter den verrußten Brückenbogen, wo die blanke Erde noch vom Regen der letzten Nacht aufgeweicht war, stand ein Mann mit schief sitzendem Hut und offenem Hemd und hielt eine Rede. Zwei Dutzend Neugierige hatten sich um ihn versammelt. Er setzte sich für die Ideen des kürzlich in Louisiana ermordeten Senators Huey P. Long ein. Er sprach über die Verteilung des Reichtums. Die Zuhörer stellten ihm Fragen. Er antwortete. Offenbar bestand seine Hauptaufgabe darin, das Publikum zu belustigen.

Nicht weit von ihm baute sich auf dem sonnenüberfluteten Gehsteig eine dicke Negerin von der Heilsarmee auf. Sie trug einen altmodischen Hut und abgetretene Schuhe. Einem Köfferchen entnahm sie eine Glocke, die sie laut erschallen ließ. Das Köfferchen legte sie vorsichtig auf den Gehsteig. Sie wartete etwas ab, bis einige Verehrer des verstorbenen Senators zu ihr wechselten, und begann, in die Sonne blinzelnd, etwas zu schreien, wobei sie mit den Augen rollte und sich an die mächtige Brust schlug. Noch einige Häuserblöcke weiter war das Geschrei der Negerin aus dem Tosen der lärmenden Stadt deutlich herauszuhören.

Vor einem Konfektionsgeschäft ging ein Mann gemessenen Schrittes auf und ab. Auf Brust und Rücken trug er das gleiche Schild mit der Aufschrift »Hier wird gestreikt«. Auch auf der nächsten Straße begegneten uns mehrere Streikposten. Über der großen Auslage eines Eckgeschäfts strahlten selbst an diesem sonnigen Morgen blaue Neonleuchten. Cafeteria stand da in riesigen Lettern zu lesen. Diese war groß, sehr hell und sehr sauber. An einer Wand erblickten wir einen langen verglasten Tresen, auf dem allerlei hübsche, appetitliche Dinge aufgebaut waren. Links vom Eingang war die Kasse. Rechts stand ein Metallkasten mit einem kleinen Schlitz wie bei einer Sparbüchse. Daraus schaute das Ende eines blauen Pappkärtchens heraus. Jeder, der eintrat, zog daran. Das taten auch wir. Ein Glöckchen erklang, wir hielten einen Bon in der Hand, und der nächste schaute aus dem Schlitz heraus. Nun machten wir es einfach so, wie es die New Yorker taten, die in die Cafeteria kamen, um rasch etwas zu frühstücken. Von einem Tischchen nahmen wir jeder ein leichtes braunes Tablett, legten Gabel, Löffel, Messer und Papierserviette darauf und traten, sehr unbehaglich in dickem Mantel und Hut, an das Ende des verglasten Tresens zu unserer Rechten heran. Der war in seiner ganzen Länge mit drei vernickelten Rohren ausgestattet, auf denen man das Tablett bequem abstellen und, mit dem Gewünschten belegt, vor sich her schieben konnte. Der Tresen erwies sich als eine riesige abgedeckte elektrische Wärmeplatte. Darauf standen Teller mit Suppe, mit gebratenem Fleisch, mit Würstchen verschiedener Dicke und Länge, Rouladen, Kartoffeln als Püree, gebraten, gekocht und zu merkwürdigen Bällchen geformt, Rosenkohl, Spinat, Möhren und noch viele weitere Beilagen.

Weiß gekleidete Köche in hohen Mützen und sehr hübsche, geschminkte und frisierte Mädchen mit rosa Häubchen stellten die Teller mit den Gerichten auf den Tresen und lochten mit einer Zange den Preis in unseren Bon ein. Weiter kamen Salate und verschiedene Vorspeisen, Fisch in Mayonnaise und in Gelee. Dazu Brot, Brötchen und die traditionellen runden Pastetchen mit Apfel-, Erdbeer- oder Ananasfüllung. Daneben wurden Kaffee und Milch ausgeschenkt. Wir schoben unsere Tabletts immer weiter den Tresen entlang. Auf einer dicken Schicht von zerstoßenem Eis standen Schüsselchen mit Kompott und Eis, Teller mit Apfelsinen und aufgeschnittenen Grapefruit, Saft in großen und kleinen Gläsern. Eine beharrliche Werbung hat die Amerikaner dazu gebracht, vor Frühstück und Mittagessen stets ein Glas Saft zu sich zu nehmen. Er enthält Vitamine, ist gesund für die Verbraucher und sein Verkauf für die Händler ein gutes Geschäft. Diese Gewohnheit der Amerikaner übernahmen wir rasch. Zunächst hielten wir uns an den dicken, gelben Orangensaft. Dann gingen wir zum klaren, grünlichen Grapefruitsaft über. Bald aßen wir vor jeder Mahlzeit eine ganze Frucht. Man bestreut sie mit Zucker und isst das Fruchtfleisch aus der Schale. Sie schmeckt ein wenig nach Apfelsine und Zitrone, ist aber saftiger als beide. Schließlich, mit einigen Bedenken und nicht sofort, nahmen wir ganz gewöhnlichen Tomatensaft zu uns, den wir zuvor mit Pfeffer gewürzt hatten. Ihn fanden wir am leckersten und frischesten. Auch unseren südrussischen Mägen bekam er am besten. Gar nicht gewöhnen konnten wir uns in Amerika daran, vor dem Essen ein Stück Honigmelone zu uns zu nehmen, die unter den amerikanischen Vorspeisen einen Ehrenplatz einnimmt.

Im mittleren Teil der Cafeteria standen polierte Holztische ohne Tischdecken. Auch Kleiderhaken sahen wir nicht. Wer wollte, konnte seinen Hut auf einem kleinen Ständer unter seinem Stuhl ablegen. Auf den Tischen standen Flaschen mit Öl, Essig, Tomatensoße und verschiedene scharfe Gewürze. Auch Zucker war da in einer gläsernen Dose, die mit den Löchern im Metalldeckel an einen Pfefferstreuer erinnerte.

Das Bezahlen ist für die Gäste ganz einfach. Jeder, der die Cafeteria verlässt, muss an der Kasse vorbeigehen, wo er seinen Bon mit der Summe vorlegt, die er schuldet. An der Kasse kann man auch Zigaretten kaufen und sich einen Zahnstocher nehmen.

Der Vorgang des Essens war genauso hervorragend rationalisiert wie die Herstellung von Autos oder Schreibmaschinen.

In dieser Richtung noch weiter gegangen sind die Automatenrestaurants. Äußerlich den Cafeterias ähnlich, haben sie den Vorgang des Nahrungstransports in die Mägen der Amerikaner geradezu ins Virtuose gesteigert. An den Wänden stehen dort reihenweise verglaste Schränkchen. Jedes hat einen Schlitz, in den Nickel (5-Cent-Münzen) eingeworfen werden können. Hinter der Glasscheibe steht traurig ein Teller mit Suppe oder Fleisch, ein Glas Saft oder eine Pastete. Glas und Metall blitzen, aber die ihrer Freiheit beraubten Würstchen und Frikadellen machen einen merkwürdigen Eindruck. Sie tun uns leid wie Katzen auf einer Ausstellung. Der Mensch wirft eine Münze ein, darf ein Türchen öffnen, nimmt die Suppe heraus, trägt sie zu seinem Tisch und isst sie dort, nachdem er wiederum seinen Hut auf einem Ständer unter dem Stuhl abgelegt hat. Dann tritt er an einen Hahn heran, wirft wieder einen Nickel ein und aus dem Hahn läuft exakt so viel Milchkaffee, wie ihm zusteht. Der Vorgang hat für den Menschen etwas Kränkendes, Demütigendes. Uns beschleicht der Verdacht, dass der Besitzer sein Etablissement nicht dafür eingerichtet hat, um der Gesellschaft eine angenehme Überraschung zu bereiten, sondern um die armen frisierten Mädchen mit den rosa Häubchen zu entlassen und so noch mehr Dollars zu verdienen.

Aber Automatenrestaurants sind in Amerika gar nicht so beliebt. Offenbar spüren selbst ihre Besitzer, dass die Rationalisierung Grenzen haben muss. Daher sind vor allem normale kleine Restaurants für Menschen mit schmalem Geldbeutel stets gut gefüllt. Sie gehören zu mächtigen Trusts. Der beliebteste, Childs, ist in Amerika ein Inbegriff für preiswertes Essen von guter Qualität. »Er isst bei Childs.« Das bedeutet, er verdient 30 Dollar die Woche. An jedem beliebigen Ort in New York kann man sagen: »Lass uns bei Childs essen«, und man wird nicht mehr als zehn Minuten zu gehen haben. Bei Childs erhält man das gleiche saubere, appetitliche Essen wie in der Cafeteria oder aus dem Automaten. Nur gönnt man dem Menschen dort das kleine Vergnügen, die Speisekarte zu studieren, »Hm« zu sagen, die Kellnerin zu fragen, ob das Kalbfleisch gut ist, und als Antwort zu hören: »Yes, Sir!«

New York ist dadurch bemerkenswert, dass es dort alles gibt. Dort trifft man Menschen aller Nationen, dort kann man jedes Gericht erhalten und jeden Gegenstand – vom gestickten ukrainischen Hemd bis zum chinesischen Stöckchen mit einer geschnitzten Hand am Ende, mit dem man sich den Rücken kratzt, von russischem Kaviar und Wodka bis zu chilenischer Suppe oder chinesischen Nudeln. Es gibt keine Delikatesse der Welt, die New York nicht zu bieten hätte. Aber für all das muss man Dollars hinblättern. Wir möchten jedoch von der überwiegenden Mehrheit der Amerikaner sprechen, die nur Cents zahlen können, für die Childs, die Cafeteria und die Automaten da sind. Wenn wir diese Einrichtungen beschreiben, dann können wir mit Fug und Recht sagen, dass sich so der Durchschnittsamerikaner verpflegt. Darunter verstehen wir einen Menschen, der eine ordentliche Arbeit hat, ein anständiges Gehalt bekommt und vom Standpunkt des Kapitalismus das Beispiel für einen gesunden, wohlhabenden Bürger, einen Glückspilz und Optimisten darstellt, der alle Güter des Lebens relativ preiswert genießen kann.

Die hervorragende Organisation der Gastronomie scheint das zu bestätigen. Mustergültige Sauberkeit, Produkte von guter Qualität, die riesige Auswahl an Gerichten, die geringe Zeit, die für das Essen aufgewandt werden muss – all das ist Tatsache. Aber leider sind all die so hübsch hergerichteten Dinge nicht sehr lecker, ziemlich fade im Geschmack. Diese Nahrung ist nicht schädlich für den Magen, vielleicht sogar gesund, aber sie bietet dem Menschen keinerlei Vergnügen. Wenn du dir im Automaten oder am Tresen der Cafeteria ein appetitliches Stück Fleisch ausgesucht hast und es dann an deinem Tisch mit dem Hut unter dem Stuhl zu dir nimmst, dann kommst du dir vor, als hättest du Schuhe gekauft, die zwar hübsch, aber wenig dauerhaft sind. Die Amerikaner sind das gewohnt. Sie essen sehr schnell und sitzen nicht eine Minute zu lange am Tisch. Sie essen nicht, sondern füllen sich den Magen, so wie der Motor mit Benzin betankt wird. Der französische Gourmet, der vier Stunden beim Essen sitzen kann, der jeden Bissen Fleisch genüsslich kaut und mit Wein hinunterspült, der jedes Schlückchen Kaffee und Cognac lange auskostet, ist nicht gerade ein Ideal. Aber über den kalten amerikanischen Esser, dem der natürliche menschliche Trieb abzugehen scheint, dass Essen auch Vergnügen bereiten soll, können wir uns nur wundern.

Lange begriffen wir nicht, weshalb die amerikanischen Gerichte bei ihrem so appetitlichen Aussehen nicht besonders gut schmecken. Anfangs glaubten wir, die Amerikaner könnten einfach nicht kochen. Dann aber wurde uns klar, dass es nicht nur daran liegt, sondern an der Organisation, ja an der ganzen Natur der amerikanischen Wirtschaft. Die Amerikaner essen schneeweißes Brot ohne jeden Geschmack, Gefrierfleisch, gesalzene Butter, Konserven und unreife Tomaten.

Wie ist es gekommen, dass das reichste Land der Welt, das Land der Ackerbauern und Viehzüchter, des Goldes und einer erstaunlichen Industrie, dessen Ressourcen ausreichen, um ein Paradies zu schaffen, nicht in der Lage ist, sein Volk mit schmackhaftem Brot, frischem Fleisch und Butter oder reifen Tomaten zu versorgen?

In der Nähe von New York haben wir von Unkraut überwuchertes Ödland, aufgegebene Ackerflächen gesehen. Dort wurde nicht gesät und kein Vieh gehalten. Nirgendwo sahen wir Glucken mit Küken oder Gemüsegärten.

»Wissen Sie«, sagte man uns, »das rechnet sich einfach nicht. Gegen die Konkurrenz der Monopolisten aus dem Westen kommen wir nicht an.«

In den Schlachthöfen von Chicago wird Vieh geschlachtet und in gefrorenem Zustand durchs ganze Land gefahren. Aus Kalifornien werden gefrorene Hähnchen und grüne Tomaten antransportiert, die unterwegs reifen sollen. Und niemand wagt es, den Kampf gegen die mächtigen Monopolisten aufzunehmen.

4 Der bekannte sowjetische Politiker Anastas Iwanowitsch Mikojan (1895–1978) war 1934–1938 Volkskommissar (Minister) für die Lebensmittelindustrie der UdSSR – d. Ü.

In einer Cafeteria lasen wir Mikojans4 Rede darüber, dass in einem sozialistischen Land die Nahrung wohlschmeckend sein und den Menschen Genuss bereiten soll, wie ein poetisches Werk.

In Amerika dagegen ist die Volksernährung wie alles andere nach dem Prinzip organisiert, ob es sich rechnet oder nicht. In der New Yorker Gegend bringt es nichts ein, Vieh zu halten oder Gemüse anzubauen. Also isst man Gefrierfleisch, gesalzene Butter und halbreife Tomaten. Für einen Geschäftsmann war es profitabel, Kaugummi zu verkaufen, also gewöhnte man das Volk an Kaugummi. Film bringt mehr ein als Theater. Daher wächst die Zahl der Kinos, und das Theater ist im Niedergang, obwohl vom kulturellen Standpunkt gesehen, das amerikanische Theater viel größere Bedeutung hat als der Film. Die Hochbahn bringt einem Unternehmen Profit. Daher hat man die New Yorker zu Märtyrern gemacht. Über den Broadway kriecht durch den dichtesten Verkehr mit höllischem Kreischen die Straßenbahn, weil das für einen Mann einträglich ist – den Besitzer der uralten Straßenbahngesellschaft.

Immerzu verspürten wir den dringenden Wunsch, uns zu beschweren, und, wie es sowjetischen Menschen eigen ist, Vorschläge zu machen. Wir wollten an die Kontrollkommissionen des Staates und der Partei, an das ZK oder an die Prawda schreiben. Aber wir konnten uns nirgendwo beklagen. Nicht mal ein Beschwerdebuch gibt es in Amerika.

5. Kapitel

Wir suchen einen Engel ohne Flügel

Die Zeit verging. Wir befanden uns immer noch in New York und wussten nicht, wohin und wie wir weiterfahren sollten. Dabei planten wir, das ganze amerikanische Festland von Ozean zu Ozean zu durchqueren.

Das war ein sehr schöner, aber im Grunde völlig unbestimmter Plan. Wir hatten ihn bereits in Moskau gefasst und auf dem ganzen Weg nach Amerika heftig darüber diskutiert.

Auf den von den Spritzern des Ozeans feuchten Decks der Normandie waren wir Dutzende Kilometer hin und her gegangen, während wir über Einzelheiten dieser Reise stritten und uns gegenseitig mit geografischen Begriffen traktierten. Wenn wir beim Mittagessen den reinen, aber schwachen Wein aus den Kellern der General Transatlantic Company tranken, der die Normandie gehört, murmelten wir fast sinnentleert Worte wie »Kalifornien« oder »Texas« vor uns hin, eines schöner und verlockender als das andere.

Der Plan verblüffte durch seine Einfachheit. Wenn wir in New York ankamen, wollten wir ein Auto kaufen und dann fahren und fahren, bis wir in Kalifornien angekommen waren. Dann wollten wir umkehren und wieder fahren und fahren, bis wir New York erreicht hatten. Alles war einfach und wunderbar wie in einem Andersen-Märchen. »Täterätä!«, tönt die Hupe, »Tuk-tuk-tuk«, tuckert der Motor, wir fahren über die Prärie, wir überwinden hohe Bergketten, wir tränken unser treues Gefährt mit dem eiskalten Wasser der Kordilleren, und die strahlende Sonne des Pazifiks wirft ihr gleißendes Licht auf unsere gebräunten Gesichter.

Sie verstehen, wir waren nicht ganz bei uns und knurrten einander zu wie Kettenhunde: »Sierrra Nevada«, »Rrrocky Mountains« und so weiter.

Als wir dann amerikanischen Boden betraten, stellte sich heraus, dass das alles nicht so einfach und romantisch war.

Erstens sprach man hier den Staat Texas nicht »Techas« wie in Russland aus, sondern »Teksas«. Aber das war nicht weiter schlimm.

Gegen den Kauf eines Autos hatte von unseren neuen New Yorker Freunden keiner etwas einzuwenden. Im eigenen Wagen zu reisen ist die billigste und interessanteste Art, sich in den Staaten fortzubewegen. Mit der Eisenbahn wird es um ein Mehrfaches teurer. Und Amerika kann man nicht aus dem Fenster eines Eisenbahnwagens anschauen, kein Schriftsteller tut so etwas. Was also das Auto betraf, so stellten sich alle unsere Annahmen als zutreffend heraus. Das Problem bestand darin, einen Mann zu finden, der mit uns fahren wollte. Allein konnten wir das nicht tun. Unser Englisch reichte aus, um im Hotel ein Zimmer zu nehmen, im Restaurant zu bestellen, ins Kino zu gehen und den Inhalt des Films ungefähr zu verstehen. Auch dafür, um mit einem angenehmen und geduldigen Menschen über dieses und jenes zu reden, aber nicht mehr. Doch auf dieses Mehr kam es uns gerade an. Außerdem war da noch etwas zu bedenken. Eine amerikanische Autostraße ist ein Ort, wo man, wie es bei den Kraftfahrern heißt, geradewegs ins offene Grab fährt. Wir brauchten einen erfahrenen Chauffeur.

Völlig unerwartet tat sich ein Abgrund vor uns auf. Wir standen bereits an seinem Rand. Wir brauchten einen Mann, der hervorragend Auto fahren konnte,

der die USA in- und auswendig kannte, um sie uns qualifiziert vorzuführen,

der gut Englisch sprach,

der gut Russisch beherrschte,

der ausreichend gebildet war,

der einen guten Charakter besaß, weil er uns sonst die ganze Reise verdarb,

und der nicht hinter dem Geld her war.

Der letzte Punkt war uns besonders wichtig, weil wir nicht viel Geld hatten. Nicht viel hieß im Klartext: wenig.

Faktisch benötigten wir also ein ideales Wesen: eine Rose ohne Dornen, einen Engel ohne Flügel, im Grunde eine Kreuzung aus Reiseführer, Chauffeur, Dolmetscher und Altruist. Da hätte selbst Mitschurin kapituliert. Um sie zu züchten, wären wohl Jahrzehnte nötig gewesen.

Solange wir dieses Wesen nicht hatten, war es sinnlos, ein Auto zu kaufen. Je länger wir aber in New York fests

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