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Claire Messud

Das brennende Mädchen

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Baark

Hoffmann und Campe

Liebe ist der Junge, der stand auf dem brennenden Deck

und versuchte aufzusagen: »Der Junge stand

auf dem brennenden Deck.« Liebe ist der Sohn,

der da stand, und stammelte Diktion,

als das arme Schiff in Flammen versank.

… Liebe ist der brennende Junge.

 

Aus: Elizabeth Bishop, »Casabianca«

Erster Teil

Man sollte meinen, es würde mich nicht mehr beschäftigen. Die Burnes sind vor langem weggezogen. Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Aber ich kann immer noch nicht auf den Felsen am Rand des Steinbruchs in der Sonne liegen oder die Zehen ins kalte, klare Wasser baumeln lassen oder die anderen Mädchen dort singen hören, ohne mir die ganze Zeit über bewusst zu sein, dass Cassie nicht mehr da ist. Und dann will ich was sagen – aber es geht nicht, wisst ihr. Es ist, als hätte sie nie existiert.

Also fahre ich entweder gar nicht erst raus, oder ich komme direkt nach Hause, lasse mein Fahrrad im Garten auf den Rasen fallen und mit durchdrehenden Reifen liegen, schmeiße die Fliegengittertür hinter mir so laut zu, dass meine Mutter jedes Mal erschrickt und durch die Küche eilt und mich ansieht, die Augen voller Gefühle, die ich nacheinander wahrnehme – Liebe, Angst, Frustration, Enttäuschung, aber hauptsächlich Liebe. Meist sagt sie nur ein Wort – »Durst?« – mit Fragezeichen, und das Wort ist die Brücke von dort nach hier, und ich sage entweder ja oder nein, und sie schenkt mir Wasser aus dem Krug im Kühlschrank ein oder eben nicht. Und von da aus sehen wir weiter, machen wir weiter.

So vergehen die Tage und werden weiterhin vergehen – war es nicht Cassie selbst, die sagte: »Es ist alles nur eine Frage der Zeit«? –, und wir werden diesen Sommer überstehen, genau wie wir den letzten Sommer überstanden haben, genau wie wir alles, was vor mehr als zwei Jahren passiert ist, überstanden haben. Jeder Tag schafft etwas mehr Abstand zwischen heute und damals, also kann ich glauben – muss ich glauben –, dass ich eines Tages zurückblicken werde und das »Damals« nur noch ein Fleck am Horizont sein wird.

Je nachdem, wo man anfängt, ist es eine andere Geschichte: wer gut ist, wer böse ist, was das alles zu bedeuten hat. Wir alle legen uns unsere Geschichten zurecht, damit sie irgendwie unserem Selbstbild entsprechen. Ich kann da anfangen, als Cassie und ich beste Freundinnen waren; oder ich kann da anfangen, als wir es nicht mehr waren; oder ich kann mit dem düsteren Ende anfangen und das Ganze von hinten aufrollen.

Ein »Davor« gibt es aber nicht: Cassie und ich haben uns im Kindergarten kennengelernt, und ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich sie nicht gekannt habe, in der ich nicht ihren glatten weißen Kopf in einer Menge entdeckt oder genau gewusst hätte, wo im Raum sie sich befindet, und sie auf gewisse Art als mein betrachtet hätte. Cassie war winzig, zart wie ein Vogel. Sie war immer die Kleinste in der Klasse, und ihr Fußgelenk war so schmal wie mein Handgelenk. Sie hatte glänzende weißblonde Haare, fast so hell wie die eines Albinos, und durchscheinende, leicht rosa schimmernde Haut. Aber es wäre falsch gewesen, sie wegen ihrer Größe und Blässe für zerbrechlich zu halten. Man brauchte ihr bloß in die Augen zu schauen – stille blaue Augen, die bei dunklem Wetter grau wurden wie das Wasser im Steinbruch –, um zu sehen, dass sie hartgesotten war. Oder stark – das ist wohl das bessere Wort. Wobei sie natürlich am Ende nicht stark genug war. Aber selbst damals, als wir noch klein waren, hatte sie so eine Art an sich, eine Mir-doch-egal-Haltung; sie hatte einfach vor nichts Schiss.

Laut meiner Mutter und Cassies Mutter Bev freundeten Cassie und ich uns in der zweiten Woche im Kindergarten an, als Vierjährige. Das war immer die Story, wobei ich heute nicht mehr sagen kann, ob ich mich wirklich daran erinnere oder mir die Geschichte nur so oft habe erzählen lassen, dass ich die Erinnerung dazu erfunden habe. Ich spielte mit ein paar anderen Kindern im Sandkasten, und Cassie stand mitten auf dem Spielplatz, die Hände an den Seiten herabhängend wie ein Zombie, und starrte alles an, nicht nervös, nur völlig unbeteiligt. Ich verließ meine Spielkameraden, ging zu ihr hin, berührte sie am Ellenbogen und sagte, so wurde es mir jedenfalls erzählt: »Na, willst du mit mir eine Sandburg bauen?« Und plötzlich erschien das seltene breite Lächeln auf ihrem Gesicht, ein berühmtes Lächeln, das später noch besser wurde wegen der Georgia-Jagger-Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen. Sie kam mit mir zum Sandkasten. »Und das«, sagte meine Mutter immer, »war das.«

Wenn man im Kindergarten ist, macht man sich darüber keine allzu großen Gedanken. Wir waren beide Einzelkinder und sagten uns immer, die andere sei die Schwester, die wir nie hatten. Niemand hätte uns für blutsverwandt gehalten – ich war groß für mein Alter und kräftig, das Gegenteil von Cassie, und ich habe dunkle Locken. Aber blaue Augen hatten wir beide. »Guck dir unsere Augen an«, sagten wir immer. »Im Geheimen sind wir Schwestern.«

Ich kannte ihr Zuhause und ihr Kinderzimmer so gut wie mein eigenes. Cassie lebte mit ihrer Mutter am Ortseingang in einer Sackgasse abseits der Route 29 in einer relativ neuen Wohnsiedlung aus den Neunzigern, als die Wirtschaft boomte. Von außen war es das perfekte Häuschen und sah aus, als wäre es irgendwo aufgehoben und auf dieses bescheidene Grundstück gepflanzt worden; ein weißes Holzhaus mit roten Fensterläden, Dachfenstern, langem, dunklem Schrägdach und einem sorgfältig bemessenen Vorgarten, der ein bisschen mager war und Jahr für Jahr mehr Unkraut hervorbrachte, bis er fast nur noch aus Fingerhirse und Klee bestand, und mit einem komischen weißen Lattenzaun mit Eingangstörchen, der bloß ein U formte, also nicht das ganze Haus umgab – ein Dekozaun, würde man wohl sagen. Jenseits des Zauns und hinter dem Haus begann die unberührte Natur, Wilde Möhre und junger Ahorn, eifrige Akazien und Holundersträucher bis in den Himmel, und jenseits dieser ersten Wildnis kam der dunkle nordöstliche Wald, keine zehn Meter hinterm Haus, ein beständiger Hinweis darauf, dass die Bäume und Falken und Rehe und Bären – einmal sahen wir in der Sackgasse mitten auf der Straße eine Bärenmutter und ihre drei Jungen auf dem Weg zu den Mülltonnen – schon da waren, lange bevor die Menschen auftauchten, und bestimmt auch lange nach ihnen noch da sein würden.

Das Wort, das mir noch heute dazu einfällt, ist »übergriffig«: Es fühlte sich an, als würde der Wald auf das Haus der Burnes übergreifen, obwohl es in Wirklichkeit natürlich genau andersrum war: Die Bauunternehmer hatten den Menschen auf die Natur übergreifen lassen. Rechts und links vom Haus der Burnes standen wieder Häuser, keine kleinen weißen, sondern größere Modelle aus schlichten Zedernschindeln inmitten von aufgeblähten, hungrigen Büschen. Die Familie auf der einen Seite, die Aucoins, hatte zwei Schäferhunde, die oft draußen waren und uns schreckliche Angst machten, als wir klein waren. Cassie hatte immer behauptet, Lottie, die Hündin, hätte mal einem Gast der Aucoins ein Loch in den Hintern gebissen, aber das konnte so nicht stimmen, wie ich heute weiß, denn in dem Fall hätte Lottie ja eingeschläfert werden müssen. Cassie mochte gute Storys, die nicht unbedingt wahr sein mussten.

Cassies Mutter, Bev, war Krankenschwester, aber keine normale Krankenschwester in einem Krankenhaus. Sie arbeitete in einem Hospiz und fuhr jeden Tag mit ihrem zerbeulten, weinroten Honda Civic voller Unterlagen und Gerätschaften zu den Sterbenden nach Hause, um dafür zu sorgen, dass es ihnen gutging oder zumindest so gut wie möglich. Mein Vater, der nicht religiös ist, der nicht mal mit mir und meiner Mutter an Weihnachten in die Kirche geht, sagte, Bev tue »Gottes Werk«.

Bev war immer gut gelaunt – oder fast immer, außer wenn sie es nicht war – und sehr sachlich, wenn es um ihren Job ging. Als gläubige Christin trug sie den Tod – sie sagte immer »das Ableben« – ihrer Patienten mit Fassung und sie redete, als würde sie ihnen helfen, sich auf eine mysteriöse, aber womöglich spannende Reise vorzubereiten statt auf ein Loch in der Erde.

Bev hatte große weiche Brüste und einen breiten Hintern. Sie trug gemusterte lange Röcke aus fließenden Stoffen, die beim Gehen ihre Beine umspielten. Nur ihre zarten Hände und Füße erinnerten mich an Cassie. Bevs größte Eitelkeit waren ihre Hände: Ihre Nägel waren immer perfekt manikürt, oval und zurechtgefeilt und in hübschen Bonbonfarben lackiert. Das und die Haare, eine süß duftende, honigblonde Wolke. Wenn man Bev umarmte, roch man ihre Haare.

Meine Mutter war in keinster Weise wie Bev, so wie es bei mir zu Hause in keinster Weise so ist wie bei Cassie. Und ich habe einen Vater, und in dieser Hinsicht waren wir immer verschieden. Lange Zeit war Cassie gern bei uns zu Hause, weil sie dann so tun konnte, als wären wir wirklich insgeheim Schwestern, als wäre meine Familie auch ihre Familie.

Meine Eltern ließen sich in Royston nieder, kurz nachdem mein Vater sein Studium abgeschlossen hatte, noch vor meiner Geburt. Als sie in unser Haus einzogen, muss es gewirkt haben wie ein Schloss: ein marodes, 150 Jahre altes viktorianisches Haus mit fünf Schlafzimmern, umlaufender Veranda und einem Gebäude dahinter, in dem früher die Ställe waren. Nicht vornehm, nur alt. Die Küche ist älter als meine Mutter – aus den fünfziger Jahren, mit weißen Schränken, die nicht richtig zugehen, und schachbrettgemustertem Linoleumboden –, und wenn der Backofen angeht, klingt er wie ein Kreuzfahrtschiff.

Mein Vater ist Zahnarzt, und er hat seine Praxis in den Ställen. Auf dem großen Rasen verkündet eine wappenschildförmige Schindel in großen schwarzen Lettern: DRRICHARD ROBINSON, ZAHNARZT. Sie quietscht, wenn es windig ist. Wenn er zur Arbeit geht, tritt er durch die Gartentür und ist nach hundert Metern da. Wenn jemand abends um zehn Zahnschmerzen hat, wissen die Leute allerdings auch genau, wo sie ihn finden. Tracy Mann, die Prophylaxe-Frau, ist montags, mittwochs und freitags in der Praxis, und Anne Boudreaux, Papas Sprechstundenhilfe, ist jeden Wochentag da, seit ich mich erinnern kann. Sie ist ungefähr so alt wie meine Eltern, wirkt aber älter, vielleicht weil sie so dick geschminkt ist. Sie hat ein dunkles Muttermal an der Oberlippe wie Marilyn Monroe, aber an Anne ist das nicht gerade sexy.

Meine Mutter ist freie Journalistin, was eher schwammig klingt und anscheinend bedeutet, dass sie Journalistin sein kann, wann es ihr passt. Sie schreibt Restaurantkritiken und Filmkritiken für die Essex County Gazette, und seit ein paar Jahren betreibt sie ein Literatur-Blog mit gar nicht so wenigen Followern, darunter ein Erwachsenen-Englischkurs aus Tokio, der sehr höfliche Kommentare postet. Im Dachgeschoss unseres Hauses befindet sich ihr Büro – der Vater meiner Freundin Karen hat den Umbau gemacht, als ich in der ersten Klasse war. Als wir neun waren, ist Karen nach Minneapolis gezogen.

Mein Zimmer ist das neben dem Bad im ersten Stock, zur Seite raus mit Blick auf das Haus unserer Nachbarn, die Saghafis. Vor ein paar Jahren wurde ein überirdischer Swimmingpool gebaut, und den ganzen Sommer lang höre ich ihre Kinder beim Planschen. Sobald es warm genug ist, dass ich mein Fenster weit öffnen kann, sind sie da draußen zugange. Die Saghafis haben gesagt, wir könnten jederzeit rüberkommen und den Pool mitbenutzen, aber damit habe ich aufgehört, weil die Kinder deutlich jünger sind als ich und ständig im Wasser.

Im ersten Sommer war ich oft drüben. Mein Vater nannte den Pool eine »Beleidigung fürs Auge«, aber meine Mutter sagte: »Lass den Leuten doch ihren Spaß.« Sie meinte, ich solle der Einladung ruhig folgen, andernfalls würden wir für arrogant gehalten. Mit Cassie bin ich in jenem Sommer fast täglich rübergegangen. Ich war gerade zwölf geworden: Es war der Sommer, bevor wir in die siebte Klasse kamen. Die Kinder der Saghafis, die noch zu jung waren, um von der Mutter unbeaufsichtigt zu schwimmen, waren damals längst nicht so oft draußen, und Cassie und ich verbrachten ganze Nachmittage mit Schwimmen, Sonnenbaden und Quatschen und dann wieder Schwimmen, Sonnenbaden und Quatschen, sehr gezielt, als würden wir haargenau nach einem komplizierten Rezept kochen.

Könnte ich noch mal zurück, würde ich alles aufschreiben: die Geheimnisse, die wir austauschten, die Pläne, die wir machten. Sogar die Songs, die wir so laut auf ihrem iPod hörten, dass er wie ein kratziges Transistorradio klang: »California Gurls« von Katy Perry und diesen Hit, den Rihanna zusammen mit Eminem hatte, ein totaler Ohrwurm, aber auch gruselig, wenn man mal auf den Text achtete. »Stand there and watch me burn …« Meine Mutter wechselte immer den Sender, wenn der Song im Radio kam, schüttelte den Kopf und sagte: »Tut mir leid, ihr beiden, aber als Feministin bin ich dagegen.«

Es war der Sommer meines Nationalfarben-Bikinis – Sterne auf dem Oberteil, Streifen auf dem Unterteil –, und ich war stolz, dass sich das Höschen über meinen Hüftknochen spannte, wenn ich flach auf dem Rücken lag. Dazwischen war eine Senke, mein Bauch war eine Senke, und wenn ich den Kopf etwas anhob und nach unten sah, sah ich die geringelten dunklen Haare zwischen meinen Beinen, die neuerdings dort wuchsen. Cassie, hellhäutig, wie sie war, musste tonnenweise Sonnencreme auftragen, und auch dann blieben immer Stellen, an denen sie verbrannte, weil sie sie vergessen hatte. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem sie bei uns übernachtete und die Rückseiten ihrer Oberschenkel fast lila waren. Meine Mutter tauchte Stoffstreifen in Essig und legte sie ihr auf die verbrannten Stellen, um der Haut die Hitze zu entziehen. Cassie kreischte, als der erste Stoffstreifen ihre Haut berührte, aber sie weinte nicht. Cassie weinte fast nie.

Im selben Sommer meldeten wir uns als freiwillige Helfer im Tierheim; es lag außerhalb der Stadt auf der Route 29, und beide nahmen wir ein Kätzchen von dort mit. Die Kätzchen waren Schwestern aus demselben Wurf, zwei Schildpattkatzen, die so klein waren, dass sie auf die flache Hand passten, mit klitzekleinen weißen Zähnchen und schillernden Krallen, die sich einem pulsartig, aber schmerzlos in die Jeans bohrten, wenn man sie sich auf den Schoß setzte. Sie nannte ihre Katze Electra. Ich meine Xena, nach der Kriegerprinzessin, und weil der Name gut zu Electra passte. Heute ist Xena eine dicke und friedfertige Fellkugel auf dem Höhepunkt ihrer mittleren Jahre, deren Kriegernatur sich darauf beschränkt, im Schutz der Dunkelheit Vögel und Mäuse zu jagen – ab und zu bringt sie die geschundenen Opfer in die Küche und legt sie uns vor die Füße, als dächte sie, wir wollten sie uns zum Frühstück in der Pfanne braten. Electra dagegen war noch im selben Jahr, obgleich noch klein, einfach in die Dunkelheit verschwunden.

Sie war eine Abenteurerin und ging von früh auf im Wald hinter Cassies Haus auf Beutezug. Nicht lange, nachdem Anders Shute im Leben der Burnes auftauchte, kam Electra einfach nicht wieder nach Hause. Wäre sie auf der Route 29 überfahren worden, hätten wir ja ihre Leiche gefunden. Wir fragten uns, ob sie vielleicht von einem Menschen gekidnappt oder einem Falken geschnappt worden war oder ob ihr winziges Skelett irgendwo im übergriffigen Wald unter faulendem Laub lag. Cassie stellte sich gern vor, dass Electra abgehauen war, um bei einer anderen Familie zu leben, vielleicht nur ein paar Meilen die Straße runter, und dass sie glücklich aus einem Silberschälchen Thunfisch fraß: dass sie ein neues, besseres Leben führte.

»Wenn man sich schon was vorstellen muss, warum muss es dann was Schlimmes sein?«, sagte sie immer. Ich war es, die sicher war, dass Electra tot sein musste.

In dem Sommer wollten wir beide Tierärztin werden, unter anderem. Ich wollte Tierärztin, Popstar und Schriftstellerin werden – wobei ich manchmal überlegte, dass Popsongs schreiben vielleicht auch schon reichen würde; dann wollte ich nur Tierärztin und Popstar werden – und Cassie wollte Tierärztin, Schauspielerin und Modestylistin werden. Wiederholt blätterten wir uns durch die Tiger Beat – meine Mutter hatte die Zeitschrift für mich abonniert, weil ich an Musik interessiert war und weil sie als junges Mädchen auch ein Abo gehabt hatte. Ich interessierte mich dafür, was die Bands für Musik machten; Cassie bewertete sie danach, wie sie aussahen. Ihre Mutter hatte uns erklärt, drüben in Hollywood oder New York säßen Leute, die davon lebten, den Prominenten die Outfits auszusuchen. Bei Bev klang das so, als wäre das keine gute Sache, nach dem Motto: Wir leben in einer so verrückten Welt, dass Leute so etwas tatsächlich für eine sinnvolle Beschäftigung halten! Aber Cassie sah das anders. Sie begeisterte sich für Mode. Wir trieben uns stundenlang bei Rite Aid in der Kosmetikabteilung herum, und sie testete auf dem Handrücken sämtliche Lidschattenfarben. Ich tat so, als würde ich darauf abfahren, weil sie solchen Spaß dabei hatte. Sie fand Lady Gaga nicht wegen der Songs gut, sondern wegen der Klamotten: diese abgedrehten Schuhe, das Kleid aus Fleisch. Und teilweise vielleicht auch, weil Lady Gaga ungefähr das Gegenteil von Bev Burnes war.

Bev begrüßte unseren Wunsch, Tierärztinnen zu werden. Sie bestärkte uns darin. Sie war es, die meine Mutter ansprach und eine Fahrgemeinschaft vorschlug, damit wir stressfrei im Tierheim arbeiten könnten. Meine Mutter war ebenfalls der Meinung, die Arbeit dort würde uns »Verantwortung beibringen«. »Als ich jung war, in Philadelphia, habe ich im Krankenhaus gearbeitet«, erzählte sie uns. Die freiwilligen Helferinnen trugen alle rot-weiß gestreifte Schürzen. »Ich hab die Leute im Rollstuhl durch die Gegend geschoben«, erinnerte sie sich, »vom Zimmer zum Röntgen oder vom OP zurück zum Zimmer. Zur Physio. Manchmal auch zum Friseur. Eine alte Dame klatschte immer in die Hände, wenn sie mich sah, und rief: ›Mein Mädchen! Mein Mädchen!‹« Sie erzählte uns, wie sie mal etwas zu schwungvoll um die Ecke gebogen und mit dem ausgestreckten Gipsbein einer Frau gegen die Wand geknallt war. Selbst so viele Jahre später musste sie beschämt lachen. »So wie die gejault hat, muss es ganz schön schmerzhaft gewesen sein.« Tiere schienen ihr vermutlich weniger riskant, wenn wir schon »Gutes tun« wollten. Bev und meine Mutter hatten es beide mit »Gutes tun« und »der Gesellschaft etwas zurückgeben«, Ausdrücke, die uns daran erinnern sollten, wie glücklich wir uns schätzen konnten.

Royston ist keine wohlhabende Stadt, trotz der nahegelegenen Henkel-Fabrik und trotz der Tatsache, dass die benachbarten größeren Städte wie Newburyport und Ipswich am Wasser liegen und wohlhabende Leute anziehen, vor allem im Sommer. Wenn auch die Robinsons im Rahmen von, sagen wir, Boston, wenig Gewicht haben, sind wir in Royston ziemlich privilegiert. Sogar Bev und Cassie waren privilegiert, auf ihre bescheidene Art.

Das Tierheim, ein flacher Betonbau, kam mir vor wie eine Mischung aus Tierarztpraxis und Zuchtstation. Im klimatisierten Empfangszimmer standen dunkelblaue Plastikstühle auf den Linoleumfliesen wie in einem Warteraum, und es gab einen Schalter, hinter dem ein oder zwei echte Mitarbeiterinnen mitsamt Computern und Aktenschränken saßen. Es roch nach Heftpflastern, und es war immer kalt, als handelte es sich um einen begehbaren Gefrierschrank. An den graubraunen Wänden hingen Plakate zum Thema Tierhaltung und Impfung (»Hundeherzwurm: Der Tod geht ans Herz«, »Schütz dein Tier vor Borreliose!«) und ein großes schwarzes Brett voller Fotos von Hunden und Katzen an der Seite ihrer neuen Besitzer.

Marj, die Chefin – klein, drahtig und braun –, hatte kurze graumelierte Haare, die wie selbstgeschnitten aussahen, und eine Reibeisenstimme. In ihren schlabbrigen ärmellosen Tops sah man ihre muskulösen Arme. Darunter, irgendwo knapp über ihrem Bauchnabel, baumelten zwei breite, flache Alte-Frauen-Brüste. Cassie und ich hatten uns als Tierärztinnen in weißen Kitteln und schicken klackernden Pumps vorgestellt, und auch wenn Marj keine Tierärztin war (wurde ein Tierarzt gebraucht, kam der schroffe und bärtige Dr. Murphy aus Haverhill in seinem weißen Kittel, der sich über seinem Bauch spannte), gab sie uns ein anderes Bild davon, wie man sein konnte auf der Welt: Man konnte jemand sein, der das, was er tat, aus Leidenschaft tat und dem es egal war, was andere dachten.

Marj liebte die Tiere wirklich. Ihre ledrigen Hände waren mit dicken Adern überzogen, aber wenn sie dem tattrigen einäugigen Mops Stinky den faltigen Bauch massierte, war sie zärtlich, und wenn sie eine launische Katze wie Loulou an ihren Hängebusen drückte, wurde der wilde Blick der Katze auf einmal schwer, sie entspannte sich zusehends und stieß ein tiefes elektrisches Summen der Zufriedenheit aus.

Besonders gut konnte Marj mit den Pitbulls und Pitbullmischlingen umgehen, die in rauen Mengen im Tierheim landeten. Die meisten Leute hatten Angst vor ihnen, zumindest ein bisschen, und Cassie und ich wurden als zu jung angesehen für die Pflege dieser Hunde; Marj hingegen ging mit tiefem Murmeln, vorsichtig, aber selbstgewiss, auf jeden Hund zu, als wäre er ein lang verschollener Freund. Man nannte sie den Pitbullflüsterer, wobei das auch nicht immer gutging. Ihre Narben zeugten davon.

Man betrat das Tierheim durch eine schwere Metalltür neben dem Empfangstresen. Erst kam die Katzenabteilung, zwar klimatisiert, aber nicht ganz so kühl, ein großer Raum mit ungefähr ein mal ein Meter großen Käfigen bis unter die Decke, in denen Katzen in allen Formen, Farben und Größen dösten, sich putzten oder im strengen Ammoniaknebel aus Katzenstreu und süßlichem Desinfektionsmittel auf und ab liefen. Manchmal hockte im hinteren Teil eines Käfigs auch ein Kaninchen mit zuckender Nase, und einmal gab es ein Frettchen namens Fred, das durch seinen Käfig huschte, als hätte es einen dringenden Termin.

Schon von dort aus hörte man durch die Wand hindurch die Hunde – sie bellten ununterbrochen, ein endlos schallender Missklang. Im Tierheim ging es vor allem um Hunde. Kam man zu den Hundezwingern, trat man in eine Welt von Geräuschen, Wärme und Bewegung. Die klebrige Sommerluft schlug einem ins Gesicht, der Krach war ohrenbetäubend. Im Sommer jedoch standen die Seitentüren der Zwingeranlage offen, und es gab Zugluft. Nur ein Schnappriegel trennte jeden Hund vom Auslaufgehege, das so lang war wie das Gebäude selbst und umgeben von einem Maschendrahtzaun. Die Hunde wurden zu zweit oder dritt in einem Zwinger gehalten: Es waren entlaufene oder ausgesetzte Tiere oder solche, die abgegeben wurden, weil ihre Besitzer nicht mehr mit ihnen zurechtkamen. Die kleinen alten Hunde landeten bei uns, weil ihre kleinen alten Besitzer gestorben oder krank geworden oder in Wohnungen gezogen waren, wo man keine Haustiere halten durfte. Es war schwer, ein neues Zuhause für sie zu finden – Stinky gehörte zu ihnen; und Elsie, eine zehnjährige Shih-Tzu-Hündin mit Inkontinenz; oder Fritzl, der schwerhörige Dackel mit dem Hohlkreuz, der fast durchgängig kläffte. Diese kleinen Hunde wohnten am dichtesten an der Metalltür; dann kam das Mittelfeld aus großen elastischen Junghunden, Mischlinge mit wunderschönen Gesichtern, Hunde mit Bewegungsdrang; und schließlich, mit dem größten Abstand zur Tür, die Pitbulls und dergleichen mit ihren kraftvollen Mäulern und dem glatten kurzen Fell, von denen ein paar so bösartig waren, dass sie immer einen Maulkorb trugen.

Cassie und ich waren zweimal die Woche im Tierheim, vormittags von neun bis eins. Unsere Aufgabe war es, die Tiere zu füttern und die Zwinger zu reinigen. Wir trugen Gummistiefel und Gummihandschuhe und gewöhnten uns an die Gerüche; es war immer ein kleiner Triumph, wenn ein ängstlicher Hund sich an einen gewöhnte und nicht mehr den Schwanz einzog, sondern langsam mit gesenktem Kopf auf einen zukam oder sich auf den Rücken rollte, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Die meisten Hunde waren sehr lieb. Sie wollten geliebt werden, und wenn man sie liebte, erwiderten sie diese Liebe.

Wir hatten beide unsere Lieblingshunde – meiner, Delsey, ein schlanker brauner Labradormischling mit glänzendem Fell, gemeißeltem quadratischem Gesicht und traurigen dunklen Augen, war gerade erst dem Welpenalter entwachsen und bewegte sich, als wäre ihm seine eigene Körpergröße noch nicht ganz geheuer. Obwohl seine Augen traurig waren, hatte er ein gutmütiges Wesen; er liebte nichts so sehr, wie draußen auf dem Gelände einem alten Tennisball oder einem Stöckchen hinterherzujagen. Er brachte die vollgeschlabberte Beute zurück, und man sah ihm an, dass er überlegte, ob er loslassen sollte oder nicht, die Trophäe behalten oder weiterspielen. Manchmal lief er damit, Kopf hoch, Schwanz hoch, um den ganzen Auslaufplatz wie ein Sportler, der eine Ehrenrunde dreht.

Cassies Lieblingshund war Sheba, ein Pitbullmischling. Wir durften sie zwar füttern, aber nicht zu ihr in den Zwinger, es sei denn Marj war dabei; nicht wegen Sheba selbst, die mit ihrem gestromten Gesicht fast zu lächeln schien und immer mit ihrem Stummelschwanz wedelte, wenn sie uns sah, sondern wegen ihres Käfiggesellen Leo, eines knurrigen schwarzen Bullterriers, der die Stöckchen lieber zerlegte, als mit ihnen zu spielen.

Cassie mochte Sheba, weil sie schön, aber tough war, eine Überlebenskünstlerin. Offenbar war sie etwa fünfzehn Kilometer Richtung Inland gefunden worden, halbverhungert in einem Zwinger neben einem verlassenen Wohnwagen im Wald. Ihre Besitzer waren abgehauen – Cassie und ich dachten uns verschiedene Geschichten aus, was mit ihnen passiert sein könnte –, und zwei Jäger hatten das Jaulen gehört und beim Tierschutzverein angerufen. Cassie hatte ihre Mutter gefragt, ob sie Sheba nicht aufnehmen könnten, aber Bev war strikt dagegen und meinte, ein Hund sei eine viel zu große Belastung und erst recht einer wie Sheba, denn nach allem, was sie durchgemacht habe, brauche Sheba eine Familie, die Zeit für sie habe, sie verwöhnen und ihr das Gefühl geben könne, geliebt zu werden.

Cassie stellte sich gern vor, Sheba wäre ihr Hund. Daran schien ja eigentlich nichts verkehrt zu sein. Gleich zu Anfang, als Leo eines Morgens unterwegs war, öffnete Cassie den Riegel und ging einfach in den Zwinger. Sheba war außer sich vor Freude, sie wand sich und winselte, und als sich Cassie im Schneidersitz auf den Betonboden setzte, sprang Sheba auf sie zu, um sich streicheln zu lassen. Sie riss die Augen auf und rollte sich auf den Rücken, bot Cassie ihren gefleckten Bauch mit den winzigen unbenutzen Zitzen, und Cassie streichelte sie wie verrückt, und beide stießen kleine Seufzer der Freude und Aufregung aus.

Ich lauerte im Gang und ließ die Metalltür nicht aus den Augen: Wenn sie erwischt würde, würden wir doch mit Schimpf und Schande nach Hause geschickt werden, oder?

Doch als ich ihr leise zurief: »Schnell, Cassie … komm raus … Ich glaube, es kommt jemand!«, schenkte sie mir erst keine Beachtung und war dann genervt.

»Was ist dein Problem, Juju? Sind wir denn nicht hier, um ihnen das Leben schöner zu machen? Sie mag das total – ja, das magst du, mein feines Mädchen, stimmt’s? Du feines Mädchen, du!«

Sie wurde nicht erwischt – wir wurden nicht erwischt –, und als Nancy und Jo aus dem Vorzimmer mit ein paar möglichen Adoptiveltern auftauchten, waren wir längst wieder am hinteren Ende, wo Cassie mit dem Wasserschlauch Stinkys Käfig ausspritzte, während ich den keuchenden kleinen Mops im Arm hielt. Aber Cassie hatte jetzt eine fixe Idee. Von da an suchte sie ständig nach einer Gelegenheit, zu Sheba in den Zwinger zu schlüpfen, als wäre Sheba ihre verhängnisvolle Affäre.

Anfang August, an einem Donnerstag, als wir schon fast zwei Monate im Tierheim arbeiteten und nicht nur wir, sondern auch die Leute dort das Gefühl hatten, wir gehörten zum Inventar, war Leo draußen auf dem Auslaufplatz, um frische Luft zu schnappen, sofern man den feuchtwarmen Sumpf da draußen als frische Luft bezeichnen wollte. Er war allein – keine anderen Hunde, kein zweibeiniger Aufpasser –, und Marj war gerade ins Haus gegangen, um mit einem Lieferanten wegen der falschen Tierfutterlieferung vom Vortag zu telefonieren.

»Einfach weitermachen, ihr beiden«, hatte sie gesagt. »Ich bin sofort zurück.«

Kaum dass die Tür hinter Marj ins Schloss geknallt war, legte Cassie einen heimlichen Besuch bei Sheba ein. Sie hatte ein Kauröllchen in der Tasche, von zu Hause mitgebracht – sogar von ihrem eigenen Geld gekauft. Kauröllchen waren im Tierheim verboten, nicht zuletzt deshalb, weil die Hunde daran ersticken konnten; aber Cassie war das ziemlich egal. Sie hatte Sheba schon öfter welche zugesteckt und wusste, dass Sheba die Kauröllchen so sehr mochte, dass sie sie in weniger als drei Minuten weggeknabbert hatte. Wie so oft schon klappte Cassie den Riegel hoch und stieg in den Zwinger, wobei sie das Leckerli in die Luft hielt, um damit zu spielen. Auch das hatte sie schon öfter getan. Sheba war verspielt, von Natur aus nicht aggressiv; also machten wir uns keinerlei Gedanken.

Was dann geschah, bekam ich im Einzelnen nicht mit. Ich hatte die Metalltür im Blick, weil ich dachte, Marj taucht jeden Moment wieder auf. Ich dachte überhaupt nicht an Cassie und Sheba.

Und erst recht nicht an Leo. Weil die Klappe des Zwingers, die nach draußen führte, aussah, als wäre sie zu, kam es keiner von uns in den Sinn, den Riegel zu überprüfen. Wie groß war schon die Chance, dass Leo ausgerechnet in diesem Moment von seiner einsamen Schnuppertour genug haben würde, dass er sich auf den Rückweg machen und mit der Schnauze die Klappe aufschieben würde? Aber so war es, irgendwie genau in dem kurzen Augenblick, als Cassie das Kauröllchen in der Hand hatte.

Er sprang an ihr hoch, riss das Maul auf und schnappte nach dem Kauröllchen. Er versenkte die Zähne in Cassies rechter Hand und durchbohrte die Innenseite ihres Unterarms. Gott sei Dank hatte sie das Kauröllchen, das sie ihm überlassen konnte. Gott sei Dank. Sie schrie nur leise auf – aufgeschreckt durch Leos Knurren und Shebas schrilles verzweifeltes Kläffen fuhr ich herum und sah hin – von Cassie selbst kam kein Mucks –, und hätte ich sie nicht von hinten aus dem Zwinger gezerrt und die Tür hinter uns zugetreten, keine Ahnung, was noch passiert wäre.

Sie sah aus, als wäre sie mit dem Unterarm in einen Häcksler geraten, die Haut hing in Fetzen vom Handgelenk runter, und das Blut quoll so schnell aus der Wunde, dass es auf den Boden tropfte.

»Kannst du die Finger bewegen?«, fragte ich. Das war es, was meine Mutter mich immer fragte, wenn ich mich verletzt hatte. »Kannst du dein Handgelenk bewegen? Tut es weh?«

»Weiß ich nicht, Mann.« Sie ließ sich gegen den Draht des gegenüberliegenden Zwingers fallen, in dem ein arthritischer Pitbull mit weißen Schnauzhaaren, Opie genannt, ausgesprochen neugierig das Geschehen verfolgte. »Ich weiß nicht mal, wie sehr es wehtut.«

»Scheiße, Scheiße, Scheiße.« Was anderes fiel mir nicht ein. Meine Mutter sagte immer, Fluchen deute auf ein beschränktes Vokabular und Phantasiemangel hin; in diesem Fall schien es mir aber das ideale Wort zu sein. Ich beugte mich über Cassies geschundene Hand, eigentlich wollte ich sie berühren, aber die Hand war ein pochendes blutiges Wrack und ich brachte es nicht fertig. Ich war mir kaum bewusst, dass sich Leo und Sheba direkt neben uns in ihrem mit Mühe und Not geschlossenen Zwinger gegenseitig anknurrten, Cassie hingegen ja. Sie schloss die Augen und begann zu zittern.

»Es ist alles gut. Alles wird gut. Ich lauf und hol Marj.«

Ich rappelte mich hoch und überprüfte vorsichtshalber ein zweites Mal den Riegel an der Gittertür. Eine seltsame Stille umgab mich, als wäre ich nur Zuschauerin, als würde das alles gerade gar nicht mir passieren. Dann, in der Stille in meinem Kopf, hörte ich die Kakophonie sämtlicher Hunde im Gang. Alle bellten gleichzeitig, wild und schallend, und ich stellte erstaunt fest, dass wir uns in diesen kurzen Minuten in einer gruseligen Blase der Lautlosigkeit bewegt hatten.

Ich ging zur Metalltür, ich drehte Cassie den Rücken zu, faktisch hatte ich mich von ihr abgewandt, aber es fühlte sich an, als wäre sie ein Teil von mir. Mitten in dem Chaos aus kläffenden, stinkenden Hunden und dem heißen, nassen Luftzug von draußen mit seinem schwachen Duft nach Heu waren sie und ich durch einen unsichtbaren Faden miteinander verknüpft, und dieser Faden war der Grund, dass Cassie wieder gesund werden würde und nicht mal wirklich allein wäre, wenn ich aus der Tür ins Hauptgebäude ging, denn wir waren durch eine Nabelschnur verbunden und unzertrennlich.

Ich war noch nicht an der Tür, da kam mir Marj schon entgegen. Sie sah sofort, was passiert war, zumindest genug. Noch während sie auf Cassie zurannte, piepste sie mit ihrem Pager Jo an, damit sie ihr den Verbandskasten brachte, und sie legte Cassie eine Decke um die Schultern wegen des Schocks und ließ Cassie den Arm hochhalten, um die Blutung zu stoppen, und als sie sich mehr oder weniger über den Verlauf der Ereignisse im Klaren war, hatte sie für mich nur folgende Worte übrig: »Wieso hast du sie allein gelassen?« Als hätte ich die ganze Sache von Anfang bis Ende durch fehlende Aufmerksamkeit verschuldet.

Nachdem sie Cassie so gut es ging versorgt hatte, beschloss Marj, sie nach Haverhill ins Krankenhaus zu schicken, damit sich jemand die Wunde ansah. Marj versuchte es bei Bev, es ging aber sofort die Mailbox ran, also rief sie meine Mutter an und erklärte ihr die Situation, und meine Mutter erklärte sich bereit, Cassie zu fahren. Logisch. Zu dem Zeitpunkt war keine Rede davon, ob wir wieder zurück ins Tierheim dürften – schließlich hatten wir gegen die wichtigsten Regeln verstoßen, und auch wenn wir es nicht zugaben, konnte Marj sich natürlich denken, dass es nicht das erste Mal war –, aber wir spürten sehr genau die Aura der Erwachsenenkritik, dieses Gefühl, dass man Hilfe bekommt und gleichzeitig bestraft wird.

Als wir schließlich zurück ins Tierheim kamen, war Leo eingeschläfert worden. Er war tot. Als Hund, und vor allem als ungeliebter Hund, konnte man nicht einfach ein Kind attackieren und ungestraft davonkommen. Aber natürlich war uns klar, und Marj sorgte ohne Worte dafür, dass uns klar war, dass Leo nichts falsch gemacht hatte: Wir waren in seinen Raum eingedrungen, ein verlockendes Kauröllchen in der Hand, und er hatte einfach nur im Rahmen seines tendenziell bösartigen und ungeduldigen Wesens genau so reagiert, wie es Jahrtausende genetischer Prägung einem Hund diktieren. Wir sollten nie vergessen, dass Cassies Tat – und vermutlich auch meine, denn ich war die Komplizin, ähnlich wie jemand, der bei einem Bankraub das Fluchtauto fährt – so zweifelsfrei Leos Tod herbeigeführt hatte, als hätten wir ihm mit bloßen Händen den Hals umgedreht.

Aber das kam später. Erst mal tauchte meine Mutter mit dem Kombi auf, um uns zur Notaufnahme zu fahren. Mit grimmiger Miene hörte sie während der ganzen Fahrt lautstark NPR, um sich nur nicht unterhalten zu müssen. Wir verbrachten die Fahrt nach Haverhill mit einer Anrufsendung zum Thema Wanderverhalten der Eulen, bis ein Anrufer berichtete, er habe eine riesige Eule angefahren, als er in der Dämmerung auf einem Feldweg über einen Hügel kam. Das war dann doch zu viel des Guten, und meine Mutter schaltete das Radio aus. Daraufhin lauschten wir dem Gebläse der Klimaanlage. Ich saß auf meinen Händen wie ein Kind mit schlechtem Gewissen, eine reflexartige Haltung, die Cassie aus naheliegenden Gründen in dem Moment schwergefallen wäre.

Die Schwester, die Cassie im Krankenhaus den Verband abnahm, verzog beim Anblick der Wunde das Gesicht. Cassie war so zart, und selbst nach unseren vielen Sonnenbädern war ihre Haut unglaublich hell. Ihre angeschwollene Hand war lila und schwarz von geronnenem Blut, und tiefe Schründe, ja Risse zogen sich den Unterarm hinauf. Die Finger saßen irgendwie schief. Sie konnte sie nicht bewegen, oder zumindest kaum. Die Schwester säuberte sorgfältig die Wunde – das hatte Marj zwar auch schon getan, aber es hatte noch geblutet –, und Cassie jaulte, als das Desinfektionsmittel aufgetragen wurde. Aber nur ganz kurz. Die meiste Zeit blieb sie stumm und beobachtete mit aufgerissenen blauen Augen ihren Arm, fast als hätte sie gar nichts damit zu tun.

Da sind wir zum ersten Mal Anders begegnet, oder Dr. Shute, wie wir ihn zunächst nannten. Anders Shute war der Arzt, der an diesem Nachmittag Bereitschaftsdienst in der Notaufnahme hatte. Im Auto auf dem Heimweg machte ich mich über ihn lustig, um Cassie aufzuheitern – »Meinst du, Dr. Anders Shute ist irgendwie anders?«, und: »Er sieht nämlich ganz schön anders aus.«

Er war groß und sehr dünn, hatte eine extrem blasse Haut, und seine Wangenknochen standen hervor wie bei einem Totenschädel. Seine Lippen waren dünn, seine Nase war dünn, seine langen Finger waren dünn und seine Augen wirkten zusammengekniffen, also ebenfalls dünn. Er hatte kinnlange Haare wie ein Mädchen, und auch die waren dünn und spülwasserfarben, solche Haare, die selbst dann noch fettig aussehen, wenn sie gewaschen sind. In der Notaufnahme war Dr. Shute nicht gerade Balsam für die Seele, er war aber auch nicht schrecklich oder irgendwas, und als er Cassies geschundene Hand nahm, um einen genauen Blick darauf zu werfen, merkte ich, dass sie sich wunderte, wie behutsam er war: Cassie sah ihn an, flehend und erstaunt zugleich, und zum ersten Mal fragte sie: »Wird das wieder was mit meiner Hand?«

Sein Lächeln war nur angedeutet und – was sonst – dünn, aber er gab sich besondere Mühe, seinen frostigen Augen etwas Wärme einzuhauchen. »Ja, Fräulein, das wird wieder was mit deiner Hand. Solange du eine gute Patientin bist – und keine ungeduldige Patientin –, mit viel Geduld wird das wieder was mit deiner Hand.«

Später ging mir auf, dass er eine etwas seltsame Art des Formulierens hatte, als wollte er sagen, es liege ganz an ihr. Wenn sie sich einfach nur richtig verhielt, würde ihre Hand verheilen. Was er damit natürlich (zu Recht) suggerierte: Hätte sie sich nicht erst falsch verhalten, wäre sie nie hier gelandet. So war er eben, Anders Shute. Von Anbeginn an, von dieser ersten Begegnung an, drehte er den Spieß um: Verhielt sie sich richtig, würde alles gut. Und wenn nicht – tja, dann.

Bei örtlicher Betäubung tackerte er Cassies zerfetzte Haut wieder zusammen; er versorgte die Bisswunden an ihrem Unterarm mit spezieller Wundsalbe und einem frischen Verband, und er verschrieb ihr natürlich eine Runde entzündungshemmender Monsterantibiotika. Nicht mehr und weniger als das, was jeder Arzt getan hätte.

 

Später am selben Nachmittag rauschte Bev in unser Fernsehzimmer, das Stethoskop noch um den Hals und schwer atmend, eine blau geblümte Erscheinung, sichtlich hin- und hergerissen zwischen Kummer und Wut. Obwohl sie Cassie als Erstes in den Arm nahm, konnte ich im Gegensatz zu Cassie sehen, dass ihr Gesicht beim Umarmen ihrer Tochter düster war wie ein Himmel, an dem schnelle Wolken vorbeiziehen.

»Mein armes kleines Mädchen«, murmelte sie. »Was hast du dir nur dabei gedacht? Was hast du dir nur dabei gedacht?« Und dann: »Alles ist gut. Na komm, es wird alles wieder gut.«

Meine Mutter stand in der Tür und sah zu, während sie sich mit einem Geschirrtuch die Hände trocknete, und auch ihr Gesichtsausdruck fiel mir auf: von Nachsicht keine Spur. Als hätte sie im Geiste einen Kreis um Bev und Cassie gezogen, und auch wenn sie mitten in unserem Haus standen, hieß das noch lange nicht, dass sie dorthin gehörten. Es war ein Blick, der zu sagen schien: Ihr seid nicht so wie wir. Jedenfalls nicht ganz.

Das war’s dann mit Schwimmen bei den Saghafis, denn Cassie durfte den Arm nicht nass machen. Und zwei ...

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