Logo weiterlesen.de
Das blaue Feuer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Erstes Kapitel
  8. Zweites Kapitel
  9. Drittes Kapitel
  10. Viertes Kapitel
  11. Fünftes Kapitel
  12. Sechstes Kapitel
  13. Siebtes Kapitel
  14. Achtes Kapitel
  15. Neuntes Kapitel
  16. Zehntes Kapitel
  17. Elftes Kapitel
  18. Zwölftes Kapitel
  19. Dreizehntes Kapitel
  20. Vierzehntes Kapitel
  21. Fünfzehntes Kapitel
  22. Sechzehntes Kapitel
  23. Siebzehntes Kapitel
  24. Achtzehntes Kapitel
  25. Neunzehntes Kapitel
  26. Zwanzigstes Kapitel
  27. Einundzwanzigstes Kapitel
  28. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  29. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  30. Vierundzwanzigstes Kapitel
  31. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  32. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  33. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  34. Achtundzwanzigstes Kapitel
  35. Danksagung

Über die Autorin

Janice Hardy wurde in Pennsylvania geboren und wuchs in Florida auf. Sie machte einen Collegeabschluss in Grafikdesign und arbeitete als Gestalterin für verschiedene Zeitschriften. Während dieser Zeit machte sie einen Kurs als Rettungstaucherin und lernte dabei ihren Mann kennen. Gemeinsam entdeckten sie eine Leidenschaft für das Fallschirmspringen. Zwischen Wasser und Himmel leben die beiden heute auf dem trockenen Land in Georgia, zusammen mit vier Katzen.

PROLOG

So viele Dinge in meinem Leben endeten im Feuer.

Meine Eltern, in Seide gehüllt auf dem Scheiterhaufen. All meine Habe verbrannt von den Soldaten, nachdem sie unser Haus gestohlen und meine kleine Schwester Tali und mich auf die Straße geworfen hatten. Und jetzt meine Stadt, Geveg. In Flammen, weil Menschen den Verstand verloren haben.

Gestern hat uns der Erhabene belogen. Er hat behauptet, dass die Heiler in der Gilde der Heiler gestorben seien, obwohl er sie in Wirklichkeit gefangen hielt. Mit ihnen experimentierte. Sie mit Schmerzen vollstopfte, um zu sehen, ob sie spezielle Fähigkeiten entwickelten, wie die, über die ich verfüge.

Gestern habe ich diese Lügen entlarvt.

Aber ich habe auch meine Geheimnisse preisgegeben.

Schon bald wird der Herzog von Baseer von mir erfahren. Man wird ihm von meinen Fähigkeiten berichten und dass ich es war, die die Experimente der Gilde zunichte gemacht hat, welche sie an meiner Schwester – und an meinem Volk – auf seinen Befehl hin durchführten.

Noch schlimmer, man würde ihm auch berichten, wie ich das geschafft hatte.

Ich schloss die Augen, aber die Bilder von dem roten Nebel an den Wänden verschwanden nicht. Wahrscheinlich würden sie nie verschwinden. Ein Leben – ausgelöscht durch mich.

»Nya?«, flüsterte Aylin und legte mir die Hand auf die Schulter. »Wir können hier nicht viel länger bleiben. Die Menschen fangen an, uns anzustarren.«

Ich schaute auf, fort von der Marmorstatue der heiligen Saea. Das Heiligtum war gefüllt, aber still. Die Menschen im Gebet versunken. Nun, nicht alle. Augen betrachteten mich, flüsterten hinter vorgehaltenen Händen. Ich konnte mir vorstellen, was sie sagten.

Sie ist es. Die Schifterin. Das Mädchen, das Schmerz leiten kann, von einem Menschen zum anderen. Das die Lehrlinge gerettet hat. Das den Erhabenen getötet hat.

Mehr konnte ich mir nicht vorstellen. War ich für sie eine Heilige oder eine Sünderin? Ich war mir selbst nicht sicher.

Ich stand von der Bank auf und zog Tali mit. Wir folgten Aylin zur Tür und warteten, während sie die Straße überprüfte.

»Alles sauber«, sagte sie und steckte den Kopf wieder herein. Rauch quoll herein.

Draußen stand Danello und hielt Ausschau nach Soldaten. Er lächelte und nahm meine Hand, dann strich er mit dem Daumen über meine Fingergelenke. »Bist du-« er zögerte, »hungrig?«

Er fragte nicht »Alles in Ordnung?«, wie mich jeder seit gestern Nacht fragte. Erleichtert seufzte ich. Hungrig war eine Frage, die ich beantworten konnte.

»Ich könnte etwas essen.«

»Dann wollen wir dich mal nach Hause bringen.«

Zuhause war Aylins Zimmer in einer Herberge. Es war kaum groß genug für sie, ganz zu schweigen von mir und Tali, aber es musste genügen, bis wir ein sichereres Versteck fanden.

Draußen war der Rauch dichter geworden, und der Wind trug das Prasseln des Feuers sowie Asche herüber. Die Soldaten des Generalgouverneurs patrouillierten die Straßen auf und ab und trieben jede Gruppe, die aus mehr als fünf Menschen bestand, auseinander. Wer sich wehrte, bekam Schläge. Heilige, sie schlugen sogar diejenigen, die nichts Schlimmeres verbrochen hatten, als dazustehen und die Flammen zu betrachten. Derartige Schläge hatten bisher einen Aufruhr verhindert, aber das würde wohl nicht so bleiben. Mein Bauch sagte mir, dass Geveg noch vor Ende der Woche in Flammen stehen würde.

Und dann würden die Soldaten nach mir suchen.

Unwillkürlich fragte ich mich, ob meine Freiheit auch im Feuer enden würde.

ERSTES KAPITEL

Verantwortungsbewusstsein ist völlig überbewertet. Klar, es klingt gut – nimm die Kontrolle über dein Leben in die Hand, triff deine eigene Wahl –, aber es bedeutet auch, für seine Fehler bezahlen zu müssen. Und wenn dein Leben nicht so läuft, wie du geplant hast; naja, dann reißen deine Fehler tiefere Löcher in die Taschen als du es dir leisten kannst.

Ich hoffte, meine Taschen waren groß genug für den Mist, den ich gebaut hatte.

»Ist Aylin zurück?«, fragte mich Tali leise von der Schwelle zum Sonnenraum. Hinter ihr kauerten einige Mädchen; ein paar Schmerzlöser, die wir letzte Woche gerettet hatten und bis jetzt nicht von den Inseln hatten schmuggeln können.

»Nein«, antwortete ich. »Sie ist immer noch auf der Suche.« Ebenso Danello, aber nach ihm hatte sich Tali nicht erkundigt.

»Ist es so schlimm?«

»Keine Ahnung. Es hängt von den Anwerbern ab.«

Die Löser hinter Tali wurden blass und wichen zurück. Keine war von den Anwerbern der Heilergilde gefasst worden, aber wir alle kannte welche, denen das passiert war: Aus den Häusern geholt, zur Gilde geschleppt und gezwungen, einen Menschen zu heilen, der sich einen Dreck darum scherte, ob wir lebten oder starben.

Die Gilde rekrutierte früher nur Löser mit starken Heiltalenten, jetzt aber nicht mehr. Das neue Gesetz des Herzogs verlangte, dass jeder Löser, der auch nur eine Spur von Talent zum Heilen hatte, in der Gilde lernen musste, ein Heiler zu werden. Den Glücklichen gelang das, aber die Unglücklichen endeten irgendwo in einem kleinen fensterlosen Loch. Mit ihnen wurde experimentiert.

Schließlich musste der Herzog von Baseer seinen Krieg gewinnen.

Eigentlich durfte man Heiler nicht so behandeln. Die Gilde der Heiler sollte Schmerzlösern beibringen, wie man heilte und half und sich um die Kranken kümmerte. Früher hatte jeder Löser von dieser Ausbildung geträumt, wie auch Tali. Und auch ich, obgleich man mich nie zugelassen hatte.

Tali hatte sich nicht gerührt, aber die anderen waren jetzt verschwunden. »Sollen wir nach ihr suchen?«

»Wir können das Stadthaus nicht verlassen.« Sie wusste ganz genau, dass ich mich draußen nicht sehen lassen konnte. Bei unserer letzten Mission hatte man mich erkannt, und jetzt war es draußen nicht mehr sicher für mich. Nicht, als ob es in Geveg während der letzten fünf Jahre seit der Invasion durch die Baseeri sicher gewesen wäre; aber vom Herzog, Gevegs Generalgouverneur und von wer weiß wie viel Greifern gejagt zu werden, erhöhte die Gefahr um etliche Dimensionen.

Tali verschränkte die Arme vor der Brust. »Du kannst nicht, aber ich kann!«

Richtig, aber bestimmt nicht ohne mich! Es war schwierig genug gewesen, sie ein Mal vor der Gilde zu retten, und ich würde sie nicht noch mal in deren Hände fallen lassen; so sicher wie Schweine nicht fliegen konnten! »Warum hilfst du nicht Soek in der Küche?«

Sie schmollte und runzelte die Stirn, wie immer, wenn sie versuchte zu entscheiden, ob sich eine Diskussion lohnte oder nicht. »Er kocht wieder diese Fischsuppe«, sagte sie. »Beim letzten Mal habe ich drei Tage gebraucht, um den Geruch aus den Haaren zu kriegen.«

»Vielleicht kannst du …«

»Meinetwegen, ich kann ihm helfen.« Sie schaute mich mit trotzigen braunen Augen an und steckte eine Locke hinters Ohr. Sie hatte ihre blonden Haare rot gefärbt, wie Aylins früher waren, und es hatte sie auch feuriger gemacht. Immer wieder wollte sie beweisen, dass sie ihre große Schwester nicht mehr brauchte, um sie zu beschützen, aber ich hatte noch nicht herausgefunden, wem sie es beweisen wollte – mir oder sich selbst.

»Geh schon und hilf Soek«, sagte ich noch mal. »Oder sieh nach den anderen und vergewissere dich, dass es ihnen gut geht. Du weißt, was für furchtbare Angst einige haben.«

Sie sagte nichts, aber der Trotz war verschwunden und hatte Sorge Platz gemacht. Seit ihrer Rettung aus dem Turmzimmer wechselte ihre Stimmung schneller als man eine Münze werfen konnte. »Geht’s dir gut?«

»Alles bestens.«

»Du benimmst dich aber nicht so.«

»Das liegt daran, dass jemand mich nervt, während ich Pläne schmiede, wie man Leute von Geveg wegschmuggelt.«

»Du machst keine Pläne. Du sitzt einfach da, starrst die Veilchen am Wasser an und siehst hundeelend aus.«

»Ich kann beides.« Schwierig, nicht hundeelend in Zertaniks Stadthaus zu sein, wo alles ringsum mich ständig daran erinnerte, was ich getan hatte, wen ich getötet hatte. Aber der Schmerzhändler brauchte es nicht mehr und für uns war es das perfekte Versteck. Außerdem bestand eine gewisse Gerechtigkeit darin, einige seiner gestohlenen Sachen zu verkaufen, um denselben Schmerzlösern zu helfen, denen er wehgetan hatte.

Aber warum fühlst du dich dann schuldig?

»Du sorgst dich völlig umsonst«, sagte Tali. »Barnikoff wird sie in seinem Boot verstecken, genauso wie immer.«

Ich seufzte. »Letztes Mal hat mich jemand mit ihm gesehen. Jetzt beobachtet ihn der Generalgouverneur womöglich.« Das bedeutete, dass noch ein Mensch wegen mir in Schwierigkeiten geraten konnte. Und wenn wir nicht mehr mit seiner Hilfe rechnen konnten, musste ich jemand anderen finden und riskieren, den ebenfalls in Schwierigkeiten zu bringen. Ich steckte die Hände in meine Taschen.

Aber längst nicht tief genug.

»Also dann …«

»Tali, bitte, iss Fischsuppe oder mach sonst was.«

Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. »Du bist diejenige, die essen muss!«

Was ich wirklich dringend brauchte, war eine Möglichkeit, mich von meiner Schuld zu befreien. Aber ich hatte den Preis für Talis Leben freiwillig bezahlt, und es sollte nicht schwierig sein, diese Schuld über Bord zu werfen.

An der Vordertür des Stadthauses wurde gerüttelt. Ich sprang hoch und rannte ins Foyer. Tali folgte. Diesmal blieb sie der Tür fern, ohne dass ich es ihr hätte befehlen müssen.

Aylin trat ein. Ein Junge von vielleicht etwa zwölf Jahren folgte ihr. Er war ziemlich dreckig. Wahrscheinlich hatte er sich eine Zeitlang versteckt. Er war auch zaundürr, und sein Gesicht erhellte sich bei dem Geruch von Fischsuppe. Wahrscheinlich hatte er nichts gegessen, während er sich versteckte. Als letzter kam Danello herein. Er warf noch einen übervorsichtigen Blick auf die Straße, ehe er die Tür schloss.

Kein gutes Zeichen. »Langsam habe ich mir Sorgen gemacht.«

»Wir waren auf dem Rückweg besonders vorsichtig«, sagte Aylin. Sie warf Tali einen Blick zu und schaute mich so an, dass ich auf Anhieb wusste, dass etwas nicht stimmte. So viele Dinge konnten nicht stimmen. Ich wagte kaum zu raten, worum es sich diesmal handelte. »Aber wir haben ihn gefunden.« Sie schob den Jungen vorwärts.

»Winvik!«, stieß Tali hervor und rannte zu ihm. Er schien ebenso froh zu sein, sie zu sehen. »Ich dachte, du hättest Geveg verlassen.«

»Hab’s versucht, aber ich konnte kein Boot zu den Marschhöfen bekommen.«

»Ihr kennt euch?«, fragte Aylin.

Tali nickte. »Winvik war in meiner Klasse in der Heilergilde.«

»Und auch im Turmzimmer?«, fragte ich leise.

»Ja.« Ein Anflug von Angst lief über ihr Gesicht. Also hatte die Gilde Winvik auch gezwungen zu heilen, bis er so viel Schmerzen aufgenommen hatte, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Kein Wunder, dass er das Risiko zu verhungern auf sich genommen hatte, um frei zu bleiben.

»Willkommen, Winvik«, sagte ich lächelnd. Weder Aylin noch Danello lächelten.

Winviks Magen grummelte. »Und jetzt bin ich in Sicherheit?«

»So sicher, wie wir sind.« Schritte kamen die Treppe herunter und Gesichter lugten übers Geländer auf uns hinunter. »Noch ein Gast«, rief ich.

Im Augenblick hatten wir vier weitere Löser im Stadthaus, Menschen, die wir davor gerettet hatten, dass der Herzog Experimente an ihnen vornahm, indem er sie mit Schmerzen anfüllte, um zu sehen, ob sie spezielle »Fähigkeiten« entwickelten, die er für seine Zwecke einsetzen konnte. Bis jetzt war es mir noch nicht gelungen, diese Zwecke zu erraten, aber das war Teil unseres Plans.

Schritt Eins: So viele Löser wie möglich retten und sie vom Herzog fernhalten.

Schritt Zwei: Herausfinden, was der Herzog mit ihnen bezweckt.

Schritt Drei: Dem Einhalt gebieten.

Selbstverständlich waren die Schritte Zwei und Drei viel schwieriger als wir erwartet hatten, aber mit Schritt Eins kamen wir recht ordentlich voran. Und um ehrlich zu sein: Dieser war am wichtigsten.

Danello räusperte sich.

Ein Gefühl im Bauch sagte mir, dass das, was er uns erzählen würde, unseren Plan zunichte machen würde.

»Tali«, sagte ich. »Warum bringst du Winvik nicht in die Küche für ein bisschen Suppe?«

Einen Herzschlag lang runzelte sie die Stirn. Sie wusste, dass ich sie loswerden wollte. »Klar. Komm, hier entlang.«

Aylin sah ihnen nach und trat näher. Danello ebenso.

»Was ist passiert?«, fragte ich.

»Das.« Danello gab mir ein zusammengefaltetes Blatt Papier.

Ich breitete es aus, und mir blieb die Luft weg.

Ein Steckbrief mit meinem Gesicht und darunter eine Belohnung von fünftausend Oppa.

Fünftausend Oppa!

Ihr Heiligen! Für das Geld würde ich mich selbst melden.

SCHIFTERIN MERLAINA OSKOV WEGEN MORDES GESUCHT

Ich wurde wütend. Es war kein Mord. Es war ein Unfall gewesen …

Zertanik hatte sich gierig die Hände gerieben, der Erhabene hatte mit ungläubigen Augen alles beobachtet. Beide hatten mir die Leben von Tali und den anderen angeboten, wenn ich den Pynvium-Block der Gilde blitzte und die Schmerzen darin freisetzte, damit sie ihn stehlen und an die verkaufen konnten, welche seiner bedurften.

Ich holte tief Luft. Nein, das war eine Lüge.

Ich hatte keine Wahl gehabt. Geveg brauchte diesen Block, das einzige Pynvium, das in der ganzen Stadt noch vorhanden war. Ohne Pynvium hätten wir niemanden heilen und dann die Schmerzen in dem Metall abladen können, wo es keine Schmerzen mehr verursachte. Zertanik hatte das nie interessiert. Er war nur ein Schmerzhändler, der gierig alle ausnutzen wollte, die sich keine richtige Heilung leisten konnten. Aber der Erhabene hätte Sorgfalt walten lassen müssen. Er war das Oberhaupt der Gilde, daher war es seine Verantwortung, die Heiler zu schützen, nicht sie zu benutzen.

Nein, die beiden waren schreckliche Männer. Ich sollte keine Schuld empfinden, weil ich sie getötet hatte.

Wieder sah ich vor meinem geistigen Auge den roten Nebel an den Wänden des Amtszimmers des Erhabenen. Das war alles, was von ihm und Zertanik nach dem Blitz übrig geblieben war, aufgelöst durch die Schmerzen, die ich aus dem Block freigesetzt hatte. Meine Schuld blieb. Ich hatte gewusst, dass es uns töten würde, hatte es aber dennoch getan, um Tali und die anderen Lehrlinge zu retten.

Ich hatte nur geglaubt, es würde auch mich töten.

»Wenigstens kennen sie deinen richtigen Namen nicht«, sagte Aylin, aber ihre Stimme zitterte.

Ich zitterte auch ein bisschen. »Sieht mir das Bild so ähnlich, wie ich glaube?«

Danello nickte, obgleich offensichtlich ungern. »Aber jetzt siehst du anders aus.«

Wie Tali hatte ich meine blonden Locken kurz geschnitten und dann braun gefärbt. Aylin hatte ihre Haare baseerischwarz gefärbt, aber das hatte ich nicht übers Herz gebracht. Danello hatte sein blondes Haar behalten, da ihn weniger Menschen zu Gesicht bekommen hatten. Diese kleinen Veränderungen waren keine Spitzentarnung, aber nur wenige Gildenmitglieder hatten unsere Gesichter wirklich deutlich gesehen. Zumindest jene nicht, die noch lebten.

»Vielleicht erkennt dich keiner«, sagte Aylin.

»Vielleicht.« Ich verfluchte mich, weil ich das gesagt hatte. Für mich sollte es kein Vielleicht mehr geben. Aber vielleicht war nie Schluss mit den Vielleichts.

»Die Steckbriefe sind in der ganzen Stadt verteilt«, sagte Aylin und warf ihren Hut auf den Tisch. Aus Holz geschnitzt, mit Intarsien aus Onyx. Ein Vermögen wert. Vielleicht genug, um für die Bestechungen zu zahlen, die wir für die Überfahrt zum Festland brauchten, wenn wir flohen. Mit der ausgesetzten Belohnung war eine Flucht noch schwieriger geworden.

Aber wovor fliehst du?

»Soldaten schlagen sie an«, fügte Danello hinzu. »Viele Leute sind darüber nicht glücklich. Wir haben gesehen, wie einer der Händler den Steckbrief direkt vor den Soldaten runtergerissen hat. Er hat dich eine Heldin genannt.«

Heldin und Mörderin, alles am selben Tag.

»Sie haben das Bild wieder angenagelt, und er hat es wieder abgerissen.« Danello schüttelte den Kopf. »Du hättest ihn sehen sollen.«

»Und dann haben sie ihn zusammengeschlagen, und wir sind schleunigst abgehauen«, sagte Aylin.

Menschen, die ich nicht einmal kannte, wurden verletzt, weil sie mich verteidigten. Eine schöne Heldin. Ganz gleich, was ich tat, irgendjemand musste leiden.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Danello.

Überhaupt nicht. »Damit habe ich nicht gerechnet.«

»Du hast gewusst, dass der Herzog dich sucht.«

»Nein, das meine ich nicht. Es ist der Händler. Menschen, die sich für mich einsetzen.«

Aylin war empört. »Du hast dreißig Heilern das Leben gerettet, hast verhindert, dass der Erhabene Gevegs Pynvium klaut und im Prinzip dem Herzog ins Auge gespuckt. Völlig logisch, dass sich Leute für dich einsetzen.«

»Ich wäre glücklicher, wenn sie es nicht täten.« Ich hatte bereits mehr Verantwortung als Taschen dafür. Aber das konnte ich ändern. Ich musste nur alle von Geveg fort in Sicherheit bringen. Ich wollte nichts mehr, als bei ihnen zu stehen und zu kämpfen. Wie Mama. Wie Papa. Wie Großmama.

»Du bist jetzt eine Heldin. Gewöhn dich ruhig daran.«

Ich betrachtete das Bild erneut. Oder eine Mörderin, das hing davon ab, wen man fragte.

Heftiges Klopfen an der Vordertür.

»Erwartest du jemanden?«, fragte Danello leise.

»Soldaten, die uns festnehmen wollen?«, meinte ich scherzend, aber es klang nicht lustig. Danello tätschelte meine Hand und bedeutete mir zu bleiben. Ich stellte mich mit Aylin hinter einen Türstock, während er aus dem Fenster spähte.

»Es ist das Weib, das die Miete kassiert«, flüsterte er.

Mein Magen verkrampfte sich. Wir hatten vorige Woche für den gesamten Monat bezahlt.

»Vielleicht geht sie wieder«, sagte ich.

Erneutes, lautes Klopfen widersprach.

Danello streckte beide Hände aus. »Was soll ich machen?«

Noch mehr Klopfen. Wenn das Weib so weitermachte, würde sie Aufmerksamkeit erregen. Soek kam mit einem tropfenden Löffel aus der Küche. Er hielt ihn wie eine Waffe und mit gutem Grund. Er war auch mit Tali in dem Turmzimmer gewesen.

»Ich weiß, dass ihr da drin seid«, rief die Frau. »Es wäre besser, wenn ihr mit mir redet.«

O heilige Saea, das brauchte ich heute wirklich wie ein Loch im Kopf.

»Macht auf«, sagte ich und trat in die Halle.

Sie wartete nicht, bis sie hereingebeten wurde, sondern marschierte an Danello vorbei direkt zu mir. »Miete ist fällig.«

»Wir haben schon bezahlt.«

»Sie ist wieder fällig. Und sie ist jetzt höher.«

Ich verschränkte die Arme und unterdrückte einen Schrei der Frustration. Eine Hand voll Juwelen hatte sie überzeugt, dass Aylin, Tali und ich Zertaniks Töchter waren. Sie hatte die Miete verdoppelt, wahrscheinlich wollte sie die Hälfte in die eigene Tasche stecken, ließ uns aber bleiben. Wenn sie wollte, konnte sie uns rausschmeißen, und wir hatten keinen Ort, an den wir hätten gehen können. »Wie viel?«

Sie grinste und reichte mir einen Steckbrief. »Fünftausend Oppa.«

ZWEITES KAPITEL

Ich wusste nicht, ob ich zittern oder schreien sollte.

»Wie kannst du sie verraten?«, fuhr Danello sie wütend an. »Sie ist Gevegerin, genau wie du.«

»Jetzt hört mal zu! Ich hätte zum Generalgouverneur gehen und von ihm die Belohnung kassieren können. Das habe ich aber nicht getan. Andererseits kann ich mir aber die fünftausend Oppa nicht entgehen lassen.« Mit gierig glitzernden Augen schaute sie sich im Stadthaus um. »Euch gehört ohnehin nichts von alledem. So, was schert es euch, wenn ich etwas abbekomme? Wir machen alle Gewinn.«

Nicht, wenn sie so viel mitnahm, dass es in den Läden in den Seitengassen Aufmerksamkeit erregte. Sie waren die einzigen Plätze, wo man gestohlene Ware verkaufen konnte. Die Soldaten waren bestochen, um ein Auge zuzudrücken. Wenn aber zu viele teure Sachen auf dem Markt auftauchten, fiel das auf, und sie mussten es melden. Wenn sie nicht allzu raffgierig war, konnten wir auch profitieren. Sie brauchte uns, um dem Baseeri-Eigentümer gegenüber als Mieter aufzutreten. Sobald er entdeckte, dass Zertanik tot war, würde er alles im Haus für sich in Besitz nehmen. Dann bekam die Frau nichts, nicht einmal das Kopfgeld für mich, weil wir fliehen müssten.

ich schaute Danello an. Er hatte ein rotes Gesicht und schüttelte in ihrem Rücken den Kopf.

»Kann ich dir etwas aus Teak aus Verlatta anbieten?«, fragte ich und deutete auf die Einrichtung im Wohnzimmer. Wenn sie unbedingt Geld haben wollte, sollte sie das Zeug doch selbst wegschleppen.

»Nein, ich glaube, diese blauen Kristallkaraffen entsprechen eher meinem Stil. Und vielleicht diese Statuetten?«

Sie lief an mir vorbei und strich mit den Fingern über die Figuren der Sieben Schwestern aus Goldstein. »Das dürfte reichen.«

Und mehr als reichen!

»Bitte, alles dein!«

»Eine Menge, für eine Person zu tragen.«

Ich biss die Zähne zusammen. »Ich bin sicher, wir finden ein Bündel, in dem du alles wegtragen kannst. Aylin? Könntest du oben mal nachsehen?«

Aylin schlug mit der Hand aufs Treppengeländer und murmelte etwas über einen Sack, der groß genug war, um einen Kopf hineinzustecken. Dann verschwand sie.

Das Weib schürzte die Lippen und blickte sich im Raum um. »Jetzt leben hier mehr als ihr drei.«

Ich verschränkte die Arme. »Wir haben Gäste zum Abendessen.«

»Naja, ich würde sagen, schon etwas länger als nur zum Abendessen.« Sie beugte sich vor und schaute die Treppe hinauf. Die Löser flohen in ihre Zimmer. »Was macht ihr alle eigentlich hier?«

»Wir versuchen zu überleben, genau wie du.«

Sie nickte gedankenverloren. »Schönes Haus. Ich wünschte, ich könnte selbst hier wohnen, aber der Baseeri-Mistkerl, dem es gehört, würde misstrauisch werden, und dann wären all diese hübschen Sachen im Eimer, oder?«

Ich zeigte keine Regung. Sie musterte prüfend den Raum, die Wände. Ich malte mir aus, wie sie die Oppa addierte. Die Nachbarn würden auch misstrauisch werden, wenn sie sahen, dass sie eine Beuteladung nach der anderen herausschleppte. Wie Großmama zu sagen pflegte: Reichtum kann die Weisen schwach machen. Und ich bezweifelte, dass das Weib, das die Miete kassierte, von Haus aus besonders weise war. Sie konnte alles ruinieren.

Aylin stapfte die Treppen herunter und warf ihr einen schweren Leinensack zu. »Da müsste alles reingehen.«

»Nichts zum Einwickeln?« Sie runzelte die Stirn. »Was ist, wenn etwas abplatzt?«

»Bei Goldstein platzt nichts ab. Deshalb ist er so wertvoll.«

Ihre Augen leuchteten auf. O ihr Heiligen, hatte sie überhaupt eine Ahnung von dem Wert der Dinge, die sie mitnahm?

»Wirklich? Noch was aus …«

»Wir haben jetzt doch alles bezahlt, oder?«, sagte ich und stemmte die Hände in die Hüften. Ich gab mir Mühe, bedrohlich zu schauen, aber darin bin ich noch nie gut gewesen. Danello gelang das besser und Aylin konnte so Furcht einflößend wie ein Krokodil schauen, wenn sie wollte.

»Naja«, sagte sie langsam und schaute wieder auf die Kristallkaraffen. »Nur um sicher zu sein, könntet ihr ja überlegen, schon die Miete für den nächsten Monat zu zahlen.«

»Ich glaube, die haben wir bereits gezahlt«, erklärte Tali von der Treppe aus. Alle standen hinter ihr – alle Löser, sogar Danellos Familie. Sein Vater wirkte sehr beeindruckend, als er böse auf uns herabschaute.

»Vielleicht sogar drei Monate«, sagte er. Die Frau hätte eine Närrin sein müssen, die Drohung in seinem Ton nicht zu hören. Das Problem war, dass sie uns sofort zurückdrohen konnte, und dass ihre Drohungen weitaus mehr Zähne hatten.

Das wusste sie genau. Sie verzog spöttisch die Lippen, warf noch einen Blick nach oben und verstaute ihren Schatz im Sack. »Ach, ich glaube, dann seid ihr längst weg und für mich ist nichts mehr übrig. Warum sollte ich nicht jetzt alles mitnehmen, was ich kann?«

»Weil es jemand auffallen wird«, sagte ich. »Und wenn wir fliehen müssen, werden wir dafür sorgen, dass der Eigentümer erfährt, dass Zertanik ausgezogen ist.«

Sie funkelte mich empört an und band den Sack zu.

Ich lächelte. »Warum kommst du nicht nächste Woche mal wieder? Ein wöchentlicher Besuch ist für uns alle sicherer.«

Sie zögerte, musterte mich und überlegte wohl, ob meine Betonung auf Sicherheit eine Drohung sein sollte. Wenn sie dem Steckbrief glaubte, war ich eine Mörderin.

»Na, gut.«

Danello riss die Tür auf. Sie zuckte zusammen, erholte sich aber schnell und grinste wieder höhnisch.

»Nächste Woche ist für mich auch viel besser.«

Dann schlurfte sie hinaus, und Danello knallte die Tür hinter ihr zu.

»Das ist nicht richtig!«, sagte er, als ich mich auf die Treppe niederließ. »Sie kann doch nicht einfach reinkommen und …«

»Doch, sie kann.« Ich wusste aber, wie er sich fühlte. Besonders, seit ich gesehen hatte, wie die Baseeri das Gleiche meinem Elternhaus angetan hatten. Aber sie hatten alles genommen. O Heilige! Es war nicht fair.

»Es wäre besser, wenn wir jetzt alles verkaufen, was wir können«, sagte Tali und klang genau wie Mama. Wir hatten sie eine Menge derartige Dinge sagen hören, ehe der Krieg begann. Es wäre sinnvoll, Essensvorräte anzulegen. Ohne Fassung verkaufen sich Juwelen leichter. Ihr seid bei der Gilde sicherer als bei Großmama. »Sie war nie oben, deshalb kann sie nichts nehmen, was sie nicht kennt.«

»Wir müssen uns auch nach einem neuen Zuhause umschauen«, meinte Aylin.

»Wer vermietet uns schon etwas?«, sagte Danello ziemlich laut. »Und wie sollen wir ein Haus finden, in dem wir alle Platz haben?«

Die Chancen standen gegen uns. »Vielleicht ist es an der Zeit, Geveg zu verlassen.«

Schockiertes Schweigen. Aber keiner konnte etwas gegen diese Idee einwenden. Im Stadthaus steckte eine Menge Geld. Genug, um einen Fischer zu bestechen, uns von der Insel fortzubringen, ganz gleich, wie verführerisch das Kopfgeld war.

»Wir könnten auf die Marschhöfe gehen«, sagte Danello. »Braucht dein Freund nicht Hilfe, Da?«

Sein Vater nickte. »Braucht er. Er kann den Hof nur mit Mühe halten. Geld und zusätzliche Arbeitskräfte würden ihm helfen, den Hof zu halten, und uns auch.«

Dem Herzog waren Schmerzlöser und Pynvium wichtig, nicht Süßkartoffeln und Zucker. Ich hatte noch nie auf einem Bauernhof gearbeitet, aber es klang gut. Ehrliche Arbeit, frisches Essen, offene Felder mit vielen Orten, zu denen man fliehen und sich verstecken konnte, wenn nötig. Die Soldaten würden auch kaum auf den Marschhöfen nach uns suchen. Mama brachte früher alle paar Monate Heiler dorthin, da die Bauern keine eigenen hatte, und sie brauchte immer mindestens eine Woche, um alle zu besuchen.

»Solltest du ihn nicht zuerst fragen?«, sagte ich. »Mit fünfzehn Leuten unvermittelt vor der Tür zu stehen, ist vielleicht eine etwas zu große Überraschung.« Ich wollte außerdem das Stadthaus nicht aufgeben, bis wir wussten, dass wir eine andere Zuflucht hatten.

»Vielleicht keine schlechte Idee. Ich habe nicht mehr mit ihm geredet, seit wir uns versteckt halten. Vielleicht hat er inzwischen den Hof verloren.«

»Wie schnell kannst du hingehen und zurückkommen?« Wir brauchten Zeit, um das Stadthaus zu durchsuchen und so viele Wertsachen wie möglich mitzunehmen.

»Zwei Tage oder so. Es ist nicht weit von den Marschdocks.«

Danellos kleine Schwester, Halima, rannte zu ihm und umarmte ihn.

»Ich bin nicht lange weg, keine Bange«, sagte der Vater, dann schaute er Danello an. »Schaffst du es, auf alle aufzupassen?« Etwas in seiner Stimme verriet mir, dass er mehr als nur die Familie meinte.

Danello nickte. »Ich behalte alle im Auge.«

»Sorg für ihre Sicherheit. Morgen Abend bin ich wieder da.«

»Sei vorsichtig, Da.«

»Bin ich.« Er klang stark, aber mir entging die Sorge in seinen Augen nicht.

Bahari funkelte mich an, als würde ich absichtlich seinen Vater fortschicken. Jovan nickte stoisch wie immer, und Halima hatte einfach Angst. Danellos Vater umarmte seine Familie noch einmal und schlüpfte aus der Tür.

»Was ist mit den Schmerzlösern?«, fragte Tali nach einer Minute.

»Sie kommen mit uns.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich meine diejenigen, die wir noch nicht gefunden haben. Da draußen sind noch Dutzende.«

»Tali, ich kann nicht alle retten.«

»Ich weiß, aber …«

»Wenn wir hier bleiben, riskieren wir, dass alle anderen erwischt werden.«

»Vielleicht können wir draußen verbreiten lassen, dass wir weggehen, damit uns noch mehr finden können?«

»Außer den Lösern werden es noch andere erfahren. Die Soldaten suchen jetzt gezielt nach mir.«

Sie seufzte und nickte. »Ich hatte nur gehofft, noch ein paar Freunde zu finden, die mir fehlen.«

»Ich auch. Vielleicht finden wir ja noch einige, ehe wir weg müssen«, sagte ich zu der Gruppe, die sich auf der Treppe versammelt hatte. »So, und jetzt geht alle in eure Zimmer und sucht nach Wertsachen. Klein ist besser, weil wir alles tragen müssen. Aber wenn man es verkaufen kann, sackt es ein.«

»Wer soll’s verkaufen?«, fragte einer der weniger vertrauenswürdigen Löser, die wir gefunden hatten. Aber ich konnte ihm keinen Vorwurf machen. Wächter der Gilde waren mitten in der Nacht in sein Zuhause eingedrungen und hatten nach ihm gesucht. Er war nur mit knapper Not entkommen.

»Ein paar von uns gehen gleich morgen früh auf den Markt. Wenn mehrere von uns bei den Händlern auftauchen, ist es nicht so auffällig, dass wir einen Haufen Sachen auf ein Mal verkaufen wollen, und dann senken sie nicht gleich die Preise. Danach teilen wir die Oppa auf, damit jeder von uns genügend hat, falls wir getrennt werden.«

Das schien alle glücklich zu machen.

»Ein Freund, der Boote repariert, hat uns geholfen, Menschen von der Insel zu schmuggeln. Für gewöhnlich arbeitet er mit mehreren Booten gleichzeitig. Daher hat er bestimmt genug Platz, um uns alle ans Festland zu bringen.« Es war riskant, wieder Barnikoff zu nehmen, denn die Chancen standen gut, dass er beobachtet wurde, aber wir konnten ihm trauen. Er hatte ein gutes Herz und keine Liebe für den Herzog. »Mit ein bisschen Glück können wir morgen Nacht losfahren, sobald Danellos Vater zurückkommt.«

Wohl eher mit sehr viel Glück! Es würde nicht im Mindesten so leicht sein, die Insel zu verlassen, wie ich es geschildert hatte. Aber die anderen sollten sich nicht noch mehr Sorgen machen.

»Was ist, wenn dieser Bauer uns nicht bei sich haben will?«, fragte ein anderer Löser.

»Dann finden wir einen anderen Hof. Aber darüber wollen wir uns jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Sobald wir aus der Stadt raus sind, haben wir mehr als genug Zeit, uns zu überlegen, wohin wir gehen, ohne dass die Soldaten uns in den Nacken pusten.«

Aylin blickte mich mehrmals verstohlen an. Sie hatte bestimmt eine Menge eigener Fragen, sobald sie mich allein erwischte. Was zweifellos auch für Tali galt.

Aber die anderen? Einige schauten zweifelnd drein bei diesem Plan, und ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie ihren Anteil am Geld genommen hätten und weggerannt wären. Und bei allen Heiligen, ein paar weniger Menschen, um die ich mir Sorgen machen musste, wären mir durchaus recht gewesen.

Aber was, wenn wir nirgends willkommen sind? Flüchtlinge der Belagerung Verlattas durch den Herzog konnten nicht einfach in die Stadt Geveg fliehen. Also könnten sie die Bauernhöfe des Umlands überflutet haben. Vielleicht würden wir dort ankommen und feststellen müssen, dass kein Platz für uns war.

Oder noch schlimmer. Wir würden herausfinden, dass der Herzog sich doch für Süßkartoffeln interessierte und es keinen Ort gab, zu dem wir fliehen konnten.

»Können wir auch etwas davon für uns behalten?«, fragte Tali, als wir die Schubladen in Zertaniks Arbeitszimmer durchstöberten. Sie ließ eine Kette aus rosenfarbenen Perlen von den Fingern baumeln.

»Wir müssen so viel verkaufen, wie wir können. Wir wissen nicht, wen wir bestechen müssen oder wie lang es dauert, ehe wir Arbeit finden, nachdem wir einen Platz zum Leben gefunden haben.«

»Was ist, wenn wir keinen Platz finden?«

»Wir werden. Gib mir bitte das Messer. Diese Schublade ist verschlossen.«

Tali streifte die Kette über den Kopf und gab mir das Messer. »Die Hälfte der Schubladen und Schränke in diesem Haus sind verschlossen. Zertanik hat den Menschen wirklich nicht getraut, richtig?«

Ich stemmte das Messer ins Schloss. »Er war selbst ein Dieb.«

»Ja, das erklärt so Einiges.«

Das Schloss ging auf, und ich zog die Schublade auf. Auf dem Boden lag ein Stapel Papiere, alle fein säuberlich beschrieben. Wie Papa zu schreiben pflegte.

Das sind komische Briefe, Papa. Was tun die?

Sie helfen mir, dem Pynvium beizubringen, Schmerzen zu halten, Nya-Schätzchen.

Pynvium redet mit dir?

Nein, aber es hört zu.

»Nya?« Tali berührte meinen Arm, und ich ließ die Seiten sinken. Sie flatterten auf den Teppich. »Was ist denn los?«

»Nichts. Es ist … nichts.« Ich griff nach den Seiten, ehe sie diese sah, aber sie hob eine schnell auf.

»Papa hat so geschrieben.«

»Ich weiß.«

»Zauberzeichen.«

Es überraschte mich, dass sie sich daran erinnerte. Sie war sieben, als er starb, und im Jahr davor hatte er nur wenig Magie betrieben. Wie alle in Geveg war er damit beschäftigt gewesen, in einem verlorenen Krieg zu kämpfen.

Sie starrte auf die Seiten. Tränen traten ihr in die Augen. Sie wischte sie weg. »Sind die etwas wert?«

»Ich weiß nicht. Schätze, das hängt vom Zauber ab.«

»Sie sind so leicht zu tragen. Wir sollten versuchen, sie zu verkaufen.« Sie sammelte die Papiere vom Boden auf und glättete sie. »Gibt es noch mehr?«

»Ich habe nicht geschaut.«

Sie wühlte in der Schublade und zog eine dünne Pynviumplatte heraus, so groß wie ein Buch. In das Metall waren Zeichen eingraviert, eine ebenso fein säuberliche Handschrift wie die auf den Papieren. Mir lief es eiskalt über den Rücken.

»Ooo, wie hübsch.« Sie fuhr mit den Fingern über die Zeichen. »Das ist viel wert, allein schon für das Pynvium. Sieh mal, wie blau das Metall ist. Es muss rein sein.« Sie reichte mir die Platte.

Ich wich zurück. »Schon gut.«

»Was ist los?« Sie blickte mich komisch an, dann das Pynvium. »Es beißt nicht.«

»Ich …« Ich wollte es nicht berühren. Wollte nicht einmal im selben Raum damit sein, aber ich konnte nicht sagen, weshalb. »Leg es zurück.«

»Zurück? Hast du eine Ahnung, wie viel das wert ist?«

Bei der bestehenden Knappheit an Pynvium war es wohl mehr wert als alles andere im Haus. Trotzdem wollte ich es nicht in meiner Nähe haben. »Aber es ist … falsch.«

Tali schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren. So wie ich fühlte, mochte das stimmen. »Gut, jetzt ist es weg«, sagte sie, legte es in die Schublade und schloss sie.

Trotzdem vermochte ich es zu fühlen, obwohl ich nie im Leben imstande gewesen war, Pynvium zu fühlen. Ich hatte ja nicht einmal das hier gefühlt, bis ich es gesehen hatte. Ich fühlte nicht, was Tali beschrieben hatte, als sie versucht hatte, mir beizubringen, Schmerzen in Pynvium zu schieben, wie ein echter Heiler. Kein Ruf, kein Summen, nur ein leichtes Flattern am Boden meines Magens.

Es konnte auch nicht meine Fähigkeit zu schiften sein. Schmerzen von einem Menschen zu einem anderen zu schieben, hatte nichts mit diesen Zeichen zu tun. Aber irgendwas war todsicher nicht in Ordnung.

»Ich gehe und untersuche die Bibliothek«, sagte ich und sprang auf die Beine.

»Nya!«

Ich ignorierte sie. Ich wollte nur weg aus diesem Raum, weg von dem Pynvium. Ich schloss die Tür zur Bibliothek und ließ mich in einen Sessel sinken, der groß genug für Tali und mich war. Das Zittern ließ nach, aber mein Unwohlsein blieb.

Was stimmte nicht mit diesem Pynvium? Noch nie hatte ich so in seiner Gegenwart empfunden.

Eine Truhe mit eingeschnitzten Zauberglyphen und einem blauen Band um die Klappe. Männer vom Pynvium-Konsortium hatten sie gebracht, und Papa hatte sie angebrüllt. »Ihr habt das hierher gebracht? In mein Heim? Ihr habt ja keine Ahnung, was es bewirkt!«

Nie zuvor hatte ich gesehen, dass Papa vor Geheimzeichen Angst hatte. Hatten sie ihn auch gequält? Ich hatte mich versteckt, weil ich bei dem Gebrüll Angst hatte und weil mein Bauch sich so komisch fühlte, nachdem ich die Truhe gesehen hatte. Großmama hatte mich im Schrank gefunden und mich ins Bett gebracht. Sie wiegte mich und sang Schlaflieder, bis ich eingeschlafen war.

»Nya, bist du da drin?« Die Tür ging auf, und Aylin steckte den Kopf herein.

»Ja, ich bin hier.«

Sie überflog die Bücher, die in den Regalen standen, nahm diesmal aber keines heraus. Ziemlich viele Bücher fehlten, demnach hatte sie genug zu lesen, zumindest für eine Zeitlang. »Wir haben einen ziemlich hohen Berg mit Schätzen unten zusammengetragen. Ich habe alles auf den Esstisch legen lassen.«

»Danke.«

»Alles in Ordnung? Du siehst aus, als ob dir nicht gut ist.«

»Alles bestens.« Ich stand auf und legte die Handflächen über den Bauch. »Ich glaube, Soeks Fischsuppe mag mich nicht besonders, aber das geht vorbei.«

Sie nickte und durchsuchte eine Schreibtischschublade. »Willst du alles durchsehen oder soll ich?«

»Du kannst das machen. Du hast ein besseres Auge dafür, was sich gut verkauft.«

»Kaufmannstochter.« Sie grinste, war aber gleich darauf wieder traurig. Das war immer so, wenn sie über ihre Mutter sprach. Nicht, dass Aylin überhaupt viel geredet hätte. Keiner von uns sprach über unsere Familien. »Übrigens, ich glaube nicht, dass alle abgeben, was sie finden. Ich habe Kneg erwischt, wie er einen Goldrahmen in seine Tasche steckte.«

»Schon in Ordnung. Wir haben mehr als genug und ich mache ihnen keinen Vorwurf, wenn sie ein bisschen mehr haben wollen. Würdest du nicht auch etwas stibitzen?«

»Wer sagt, dass ich das nicht habe?« Sie streckte mir die Zunge raus und wirbelte zur Tür. »Ich sortiere die Schätze nach Wert. Wir verpacken sie und bewahren sie in deinem Zimmer über Nacht auf.«

»Klingt gut.«

Aylin schloss die Tür hinter sich. Ich seufzte und machte mich daran, die Schubladen und Regale durchzusehen. Aber dort gab es außer Büchern nicht viel. Ein paar Kerzenhalter könnten einen guten Preis einbringen, eine Vase, die wie Wasserkristall aussah, aber ansonsten …

Mein Magen verkrampfte sich, genau wie im Arbeitszimmer. Meine Hand wurde vor einem Bücherregal steif und fiel nach unten. Noch mehr Pynvium mit Zauberzeichen? Aber nicht nur in einer Schublade eingeschlossen. Dieses steckte hinter Büchern.

Warum eines einschließen und das andere verstecken?

Ich holte tief Luft und riss ein Buch heraus. Dann noch eins, dann ein drittes. Bis das Fach leer war und nur ein kleines Kästchen dastand. Kein blaues Band, den Heiligen sei Dank, nur ein schlichtes eisernes Kästchen mit einem Schloss daran.

Wieder verkrampfte sich mein Magen.

Mach’s einfach auf!

Meine Hand bewegte sich nicht.

Nimm es!

Ich schob die Bücher zurück ins Regal und rannte aus dem Raum.

DRITTES KAPITEL

Der Flohmarkt war keineswegs einer meiner Lieblingsplätze. Nicht nur, weil ich zuvor nie etwas besessen hatte, das ich hätte verkaufen können. Dort waren alle Diebe – gestohlene Ware wurde gekauft und verkauft. Außerdem suchte man dort nach gestohlenen Sachen. Man musste die Taschen und die Zunge hüten. Machte man einen Fehler, wurde man unweigerlich beklaut.

Wir entschieden, dass sechs von uns gehen sollten: Ich, Danello, Aylin, Tali, Soek und Jovan. Mehr würden wahrscheinlich Aufmerksamkeit erregen, weniger konnten nicht genug tragen oder verkaufen, um uns ein Weilchen über Wasser zu halten. Wir wollten paarweise verkaufen, um Rückendeckung zu haben.

»Weiß jeder, wie viel er herausschlagen soll?«, fragte ich einen Blick vom Markt entfernt. Aylin hatte gute Arbeit geleistet, als sie den Wert unserer Bündel eingeschätzt hatte. Wahrscheinlich würden wir nicht die gesamte Summe bekommen, aber je näher wir drankämen, desto besser wäre es.

»Ich weiß es genau.« Jovan machte schon sein Pokergesicht. Gestern Abend hatte er uns alle überrascht, als wir ausprobierten, wer am besten lügen konnte. Tali war längst nicht so gut, aber sie hatte eine listige Art, einen dazu zu bringen, ihr zu geben, worum sie bat. Sie nannte es ihr »Hungriges-Welpen-Gesicht« und meinte, sie habe damit viele zusätzliche Nachtische in der Gilde ergattert.

Das glaubte ich ihr. Und ich musste mich daran erinnern, wenn sie mir nächstes Mal irgendetwas aufschwatzen oder ausreden wollte.

»Wir gehen getrennt. Schaut euch nicht an, und sobald ihr die Sachen verkauft habt, treffen wir uns hier wieder.«

Aylin runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nicht hier. Sollte uns nach dem Verkauf irgendwer folgen, könnte er uns hier erwischen.« Sie blickte umher und deutete auf die Bäckerei. »Das ist besser. Kauft etwas und trödelt ein bisschen rum.«

»Und wenn ihr Soldaten seht«, fügte ich hinzu, »dann macht euch aus dem Staub; aber gehen, nicht rennen!«

»Kapiert! Los, gehen wir!«, sagte Soek. Er und Tali sollten Danello und mir folgen, Aylin und Jovan als letzte.

Danello nahm meine Hand und wir marschierten den letzten Block zum Flohmarkt, ständig nach Soldaten und Dieben Ausschau haltend. Der Markt wechselte den Ort, aber man fand ihn immer im ärmsten Teil von Geveg. Er unterschied sich nicht sehr von den regulären Märkten, aber hier bot niemand seine Waren zur Schau, und alle wickelten die Geschäfte flüsternd ab. Heute fand er gleich in der Nähe der Docks statt.

Unser Bündel war voll Silberzeug und Metallarbeiten. Deshalb gingen wir zu einer Bude, an der ein Schild mit Hammer und Esse hing.

»Was kann ich für euch tun?«, fragte die Händlerin. Sie lächelte, aber ihr Blick wog das Bündel, als könne sie den Wert durch Augenschein bestimmen.

»Meine Tante hat mir Silber vererbt, und es ist so hässlich.« Ich zog einige Stücke heraus. »Ich möchte das verkaufen und mir selbst was Hübsches kaufen.«

Die Händlerin nahm einen Kerzenhalter und drehte ihn hin und her. Dabei runzelte sie die Stirn, als sei der Halter nicht aus reinem Silber, was er war, wie wir wussten. »Der ist wirklich scheußlich!«

»Da solltest du erst die Gabeln sehen.«

»Ihr habt ein vollständiges Besteck? Ich kenne eine Frau, die ihrer Schwiegermutter ein scheußliches Geschenk machen will.«

Ich holte den Teakholzkasten aus Verlatta heraus. Ihre Augen weiteten sich geringfügig.

»Das Kästchen ist nicht übel.«

Es war alles andere als nicht übel. Das Holz glänzte, die Maserung war dunkel und wunderschön.

Aylin und Jovan gingen an uns vorbei zu einem Juwelier. Aylin hatte uns gestern Abend verblüfft, als sie uns die tieftraurige Geschichte erzählte, wie ihr Geliebter bei einem Fährunglück ums Leben gekommen war und sie mutterseelenallein zurückgelassen hatte. Deshalb müsse sie jetzt alle seine Geschenke verkaufen. Und wie ihre Herrin ihr ein paar Kleinigkeiten geschenkt hätte, um ihr durch diese Tragödie zu helfen. Sie klang genau wie eine Zofe, die ein paar Stücke aus dem Schmuckkasten ihrer Herrin stibitzt hatte.

Die Händlerin fuhr mit den Fingern über den Holzdeckel und öffnete den Kasten. Das Silber glänzte in ordentlichen Reihen. »Ich gebe euch zweihundert für alles.«

»Allein die Kerzenleuchter sind so viel wert.«

Einen Herzschlag lang verzog sie die Mundwinkel. »Ich würde sagen, eher einhundert.«

Ich zuckte mit den Schultern und tat uninteressiert. Es war schwierig, innen ruhig zu bleiben. Zweihundert Oppa war mehr Geld, als ich je auf einem Haufen gesehen hatte.

»Sagt dein Junge auch mal ein Wort?«

»Nur wenn jemand versucht, Fische aus unserem Netz zu stehlen.« Danello verschränkte die muskulösen Arme und warf ihr einen finsteren Blick zu.

Einen Moment lang glaubte ich, ein Lächeln zu sehen. »Was für ein Glück für dich, Mädel. Mal sehen, wahrscheinlich kann ich …« Sie musterte die Stücke langsam. Kein Zweifel. Sie überlegte krampfhaft, wie sie uns ungestraft übers Ohr hauen könnte.

»Aber das ist Goldstein!« ertönte eine vertraute Stimme. »Das muss doch viel mehr wert sein.«

Ich warf einen verstohlenen Blick auf die nächsten Buden. Mir blieb fast die Luft weg. Das Weib, das die Miete kassierte, stritt mit einem Händler und schwenkte eine Statue vor seinem Gesicht. Ich zwang mich wegzuschauen und hoffte, sie sei zu beschäftigt, um uns zu bemerken.

»Dreihundert«, erklärte die Händlerin schließlich.

»Sie sind wenigstens sechs wert.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ihr könnt sie ja jederzeit dem Silberschmied verkaufen.« Aber sie nahm die Hände nicht von dem Kasten.

»Dieser Baseeri-Ratte das Silber meiner Tante geben?« Ich spuckte auf den Boden. »Nie und nimmer.«

Die Frau, die die Miete kassierte, blickte in meine Richtung und dann auf das Silber auf dem Tisch. Ihre Augen verengten sich, als würde ich ihr Eigentum verkaufen.

Hinter ihr verließen Tali und Soek den Kunsthändler. Tali grinste, sobald sie dem Mann den Rücken zudrehte. Demnach hatten sie gut abgeschnitten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das blaue Feuer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen