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Das bittersüße Spiel der Liebe

1. KAPITEL

Veit hatte seine Maske fallen gelassen. Und es erschütterte Marlene sehr, das wahre Gesicht ihres Vaters zu sehen.

„Der Diamant, das Tagebuch, die Einladung nach Südafrika …“, flüsterte sie fassungslos. „Das war alles nur Show.“

„Irgendwie musste ich dich ja ködern“, erwiderte er zynisch.

„Und ich bin darauf reingefallen.“ Marlene konnte es kaum glauben, wie naiv sie gewesen war. Trotz aller Warnungen.

„Du wirst es überleben“, sagte er gleichgültig. „Im Gegensatz zu mir.“

„Du hättest mich eiskalt ausgenutzt“, stellte sie tonlos fest. „Und wärst hinterher auf Nimmerwiedersehen verschwunden.“ Natascha hatte von Anfang an recht gehabt. „Du bist rücksichtslos und egoistisch.“

„Machst du hier jetzt einen auf großes Drama, weil ich deine ach so heile Märchenwelt kaputt gemacht habe?“, zischte er. Sie schluckte. Es war ihm egal, wie sehr er sie verletzt hatte! „Weißt du, was mir wirklich leidtut? Dass ich mich damals mit deiner Mutter eingelassen habe!“ Marlene schossen die Tränen in die Augen. „Wenn ich eines besonders hasse, dann das Geheule von Frauen“, herrschte er sie an. „Also erspar’s mir!“

„Dass ein Mensch so eiskalt sein kann …“ Sie war so unglaublich enttäuscht von ihrem Vater.

„Entweder man ist anständig oder erfolgreich“, konterte er. Sie konnte nur den Kopf über ihn schütteln. „War’s das? Dann tschüss!“

Tief getroffen wandte sie sich zum Gehen. An der Tür drehte sie sich noch einmal zu ihm um. „Du tust mir einfach nur leid“, stellte sie fest. Und dann ging sie.

Frustriert blieb er zurück. Seine Hoffnung auf Rettung hatte sich zerschlagen.

Vollkommen aufgelöst kam Marlene zurück in ihren Laden. Konstantin hatte dort auf sie gewartet.

„War schlimm, oder?“, fragte er mitfühlend.

Sie setzte sich erst einmal. „Hat Mama dir von unserem ersten Auftritt in Frankfurt erzählt?“ Er verneinte irritiert. „Große Bühne, ein paar Hundert Leute, alles lief super. Bis zum Schlussapplaus. Ich bin aufgestanden, habe mich verbeugt … Und dabei ist mein langer Rock am Hocker hängen geblieben, und ich stand unten ohne da. Dieses Gelächter der Leute …“ Tränen schimmerten in ihren Augen. Das und die Trennung von Gonzalo waren die demütigendsten Momente in Marlenes Leben gewesen. Und sie hatte immer gedacht, sie wären nicht zu übertreffen. Aber ihr Vater hatte das geschafft.

„Er hat also alles zugegeben?“, hakte Konstantin vorsichtig nach.

Sie bejahte unglücklich. „Dieser Kerl ist ein eiskalter Zyniker.“ Veit hatte nicht einmal versucht, alles abzustreiten. „Als ihm klar war, dass er aufgeflogen ist, hat er sich keine Mühe mehr gegeben, sich zu verstellen.“ Wie hatte Marlene nur so blind sein können?

„Jeder wäre auf ihn reingefallen“, versuchte Konstantin, sie zu trösten.

„Aber Mama hat mich gewarnt“, entgegnete sie kläglich. Auch über Natascha hatte Veit so abfällig geredet.

„Soll ich ihm eine reinhauen?“, bot Konstantin an. Sie lächelte matt. „Ich begreife es nicht. Da bekommt er eine Tochter wie dich. Und anstatt überglücklich zu sein …“ Liebevoll sah er Marlene an. „Er muss doch erkennen, was für ein wertvoller Mensch du bist.“

„Er verachtet mich.“ Nun gelang es ihr nicht länger, gegen die Tränen anzukämpfen. Konstantin zog sie an seine Brust. Dort schluchzte sie herzzerreißend, bis sie sich nach und nach wieder beruhigte. „Ich hatte mich so gefreut, einen Vater zu haben“, sagte sie leise. „Aber er ist wirklich ein Monster.“

„Man kann sich seine Familie leider nicht aussuchen“, meinte Konstantin. „Nur seine Freunde.“

„Deshalb habe ich da eine viel bessere Trefferquote.“ Sie versuchte sich an einem zaghaften Lächeln.

„Ein Gutes hat euer Zerwürfnis“, meinte er. „Du musst nicht unters Messer.“ Sie zuckte die Schultern. Das war im Moment zweitrangig. „Werner hat mir von Robert erzählt“, fuhr Konstantin fort. „Er hat auch mal einen Teil seiner Leber gespendet. Und wäre an den Komplikationen beinahe …“ Er ließ den Satz unvollendet.

„Für Veit hätte ich das Risiko gern auf mich genommen. Wenn ich seine Tochter hätte sein dürfen …“ Schon wieder war sie den Tränen nahe.

„Mach einen Haken unter dieses Kapitel!“ Mehr wusste Konstantin ihr auch nicht zu raten.

Einen Moment hingen beide ihren Gedanken nach. Dann fiel Marlene etwas ein.

„Woher hattest du eigentlich die Unterlagen?“ Er verstand sofort, was sie meinte, tat aber ahnungslos. „Veits Recherchen, dass ich die richtige Spenderin bin.“

„Ist das nicht egal?“ Konstantin war das Thema mehr als unangenehm. Schließlich hatte sich Natascha die Unterlagen bereits vor ein paar Tagen besorgt.

„Freunde sind offen zueinander!“, beharrte Marlene.

„Und halten sich nicht von der Arbeit ab. Sorry, aber ich muss …“ Damit verabschiedete er sich.

Traurig stand Marlene in ihrem Laden. Ihr Blick fiel auf das Tagebuch, das Veit gefälscht hatte, um sie zu ködern. Entschlossen warf sie es in den Papierkorb.

„Wir hatten einen Deal!“ Außer sich vor Wut war Veit in Nataschas Hotelzimmer erschienen. „Wieso lässt du mich auflaufen? Dir ist doch wohl klar, welche Konsequenzen deine Aktion hat?!“

Natascha schluckte. Also hatte Konstantin ihrer Tochter die Unterlagen gegeben. Marlene wusste also Bescheid. „Du wärst nicht du, bliebe es ohne Folgen“, meinte sie nur.

„Deinen Auftritt in Paris und anderswo kannst du vergessen“, giftete er. „Und die Solo-CD gleich mit!“

„Der große Zampano!“ Natascha musterte ihn voller Verachtung. „Bekommt einmal nicht, was er will. Blödes Gefühl, oder?“

„Ich dachte, deine Karriere wäre dir wichtig“, erwiderte er.

„Mein Kind ist mir wichtiger“, behauptete sie.

„Ach ja?“ Höhnisch lachte er auf. „Wieso hast du dich dann überhaupt auf unseren Deal eingelassen?“

„Weil ich sehen wollte, ob man sich auf dein Wort verlassen kann“, entgegnete sie.

„Hör auf, mich für dumm zu verkaufen!“ Veit schnaubte. „An erster Stelle kommst du selbst. Und dann lange nichts. Deshalb haben wir uns damals auch so gut verstanden.“

„Ich soll so sein wie du?“, protestierte Natascha. „Lächerlich! Weder heute noch damals.“ Dabei hatte Veit nicht einmal so unrecht mit seinen Worten. „Sonst wäre Marlene nicht so ein wunderbarer Mensch geworden.“

„Ein naives Ding ist sie!“, spottete er. „Edel und gütig. Mir wird ganz schlecht.“ Natascha bedeutete ihm zu gehen. „Du wirst dieser verpassten Chance noch hinterherweinen“, sagte er. „Wenn du in drittklassigen Kaschemmen singen musst für ein paar Kröten … Wie kann man nur so dämlich sein?! Wir hätten alle etwas gewinnen können!“ Erst dann verließ er das Zimmer.

Mike war verschwunden! Und Kira und Martin waren in großer Sorge um ihren Schützling. Mit dem Zug konnte er nicht abgehauen sein – die Zugstrecke von Bichlheim war gerade gesperrt.

„Wahrscheinlich steht er an irgendeiner Straße und trampt“, vermutete Kira. Sie mussten ihn finden, bevor er Richtung Hamburg abdüste.

Doch bevor sie sich auf die Suche machen konnten, erfuhren sie von Herrn Sonnbichler, dass einer der Lieferwagen des Fürstenhofs gestohlen worden war. Natürlich dachten sie sofort, dass Mike dahintersteckte. Und es gelang ihnen, Alfons davon zu überzeugen, noch nicht die Polizei zu alarmieren. Das würde den Jungen nur in noch größere Schwierigkeiten bringen, seinen Ausbildungsplatz würde er dann vergessen können.

„Geben Sie uns eine Stunde“, bat Martin. „Vielleicht holen wir Mike ja ein.“ Er konnte ohnehin nicht weit kommen, der Tank des Lieferwagens war fast leer gewesen. „Ich komme auch für eventuelle Schäden am Wagen auf“, versicherte Martin noch.

Es dauerte nicht allzu lange, bis Kira und Mike den Lieferwagen fanden. Er stand an der Landstraße, am Waldrand. Der Schlüssel steckte. Wenigstens hatte Mike keinen Unfall gebaut. Wieder versuchten sie es auf seinem Handy, vergeblich. Dann entdeckten sie im Gebüsch eine Mütze, die Mike gehörte. Vielleicht versteckte er sich ja ganz in der Nähe.

„Hoffentlich macht er keine Dummheiten“, sagte Kira besorgt.

„Es ist nicht deine Schuld“, versuchte Martin, sie zu beruhigen. Doch sie machte sich Vorwürfe. Mikes Kumpels hatten schließlich gesehen, dass sie ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange gegeben hatte. Und hatten ihn damit aufgezogen. Mikes Stolz war verletzt.

Doris plante eine neue Intrige. Und dafür musste sie sich ein genaueres Bild über die Medikamente verschaffen, die Charlotte Saalfeld erhielt. Unter einem Vorwand erschien sie in Michaels Praxis und behauptete, einer älteren Dame im Wartezimmer gehe es schlecht. Der Arzt eilte hinaus, um nach der Patientin zu sehen. Hektisch wühlte sich Doris durch die Krankenakten, bis sie Charlottes fand.

„Diagnose: Polyneuropathie, Borreliose“, las sie leise. „Therapie: Antibiotika und Morphalin.“ Das wusste sie bereits. Aber bei der Tagesdosis wurde es interessant für sie.

Als Michael zurückkam – verwundert, weil die ältere Dame im Wartezimmer keinerlei Probleme gehabt hatte –, hatte Doris die Akte schon an ihren Platz zurückgelegt.

Immer noch wütend kam Veit zurück in die Fürstensuite, wo Mandy gerade sauber machte.

„Verschwinden Sie!“, schnauzte er sie an.

„Wie Sie wünschen“, entgegnete das Zimmermädchen verdutzt. „Die frischen Handtücher bringe ich …“

„Raus!“, brüllte er.

„Ist ja gut.“ Mandy sah zu, dass sie verschwand.

Veit zückte sein Handy und rief seine Sekretärin an.

„Frau Düwel, sorgen Sie dafür, dass mein Privatjet bereitgestellt wird.“ Er wollte noch heute nach Südafrika fliegen.“

„Lassen Sie die Operation dort machen?“, fragte Frau Düwel. „Kommt Ihre Tochter mit?“

„Nein und nein“, antwortete er gereizt. „Meine Tochter lehnt es ab, mir zu helfen. Ich brauche einen neuen Spender. Forcieren Sie die Suche!“ Damit legte er auf.

Es brodelte in Veit. Sein Blick fiel auf eine Vase. Er nahm sie und warf sie voller Zorn an die Wand.

Mandy, die noch auf dem Flur war, hörte das Scheppern. „Krass“, murmelte sie. „Was geht denn mit dem ab?!“

„Sie sollten mal nach diesem Herrn Bergmann in der Fürstensuite gucken“, meinte Mandy zu Herrn Sonnbichler. „Er scheint einen totalen Ausraster zu haben. Erst schmeißt er mich raus, und dann höre ich, wie es drinnen scheppert und kracht.“

Alfons runzelte die Stirn. „Ich kümmere mich darum.“

In scharfem Ton verlangte Alfons vor der Tür der Fürstensuite, hineingelassen zu werden. Noch immer war von drinnen Scheppern und Klirren zu hören. Wutentbrannt öffnete Veit schließlich die Tür.

„Um Himmels willen!“, entfuhr es Alfons. Herr Bergmann hatte bereits die halbe Suite verwüstet.

„Was wollen Sie?“, knurrte der.

„Ich glaube, es ist besser, wenn Sie sich jetzt erst einmal beruhigen“, antwortete Herr Sonnbichler freundlich, aber bestimmt.

„Lassen Sie mich zufrieden!“, schnauzte Veit.

„Egal, was für Probleme Sie haben: Alles kurz und klein zu schlagen, ist nie eine Lösung.“ Auf gar keinen Fall würde er Herrn Bergmann weiter randalieren lassen.

„Setzen Sie’s auf die Rechnung!“, schnaubte Veit abfällig.

„Das werde ich“, erklärte Alfons. „Gleich, nachdem ich die Polizei alarmiert habe, wenn Sie mit dem Unsinn nicht sofort aufhören.“

„Wie reden Sie denn mit mir?!“, empörte sich Marlenes Vater.

„Auch wenn der Gast bei uns König ist, darf er noch lange nicht einfach so fremdes Eigentum zerstören“, entgegnete Herr Sonnbichler würdevoll.

Veit atmete tief durch und ließ sich dann auf einen Stuhl sinken. „Ich werde bald sterben.“

Alfons schluckte. Damit hatte er nicht gerechnet. „Kann ich irgendwas für Sie tun?“

„Haben Sie einen Organspendeausweis?“, scherzte Veit bitter. Alfons sah ihn verständnislos an. „Vergessen Sie’s! So lange kann ich sowieso nicht warten. Machen Sie mir die Rechnung fertig! Ich reise ab.“ Herr Bergmann war sichtlich am Ende.

Marlene hatte ihre Mutter gebeten, sich mit ihr an der Schneebar zu treffen. Dort erzählte sie Natascha, was sie heute mit Veit erlebt hatte.

„Mein armer Engel.“ Natascha war voller Mitgefühl. „Ich wünschte, ich hätte dir die Enttäuschung ersparen können.“

„Ich ärgere mich über mich selbst.“ Marlene seufzte. „Dass ich seine Lügen nicht durchschaut habe.“

„Veit ist verdammt gut darin, Leute für sich einzunehmen“, entgegnete Natascha.

„Ich hätte ihm sogar seine Lügen verziehen“, meinte Marlene nachdenklich. „Wenn es ihm wirklich leidgetan hätte. Und ich ihm doch etwas bedeuten würde.“

„Veit tut nie etwas leid“, stellte ihre Mutter verbittert fest. „Mit seinem riesigen Vermögen im Hintergrund hat er sein Leben lang bekommen, was er wollte. Alles konnte er sich kaufen. Alles.“ Sie schluckte schuldbewusst. Schließlich hatte auch sie sich von Veit kaufen lassen. „Wenigstens hast du sein wahres Ich noch rechtzeitig erkannt.“

„Dank Konstantin.“ Hätte Marlene die Unterlagen nicht mit eigenen Augen gesehen, würde sie den Lügen ihres Vaters immer noch Glauben schenken.

„Auch wenn es mir unendlich leid für dich tut, bin ich froh, dass die Operation damit vom Tisch ist“, sagte Natascha nun. Ihre Tochter schwieg. „Das ist sie doch, oder?“

Marlene nickte langsam. „Ich frage mich, wie Konstantin an die Unterlagen gekommen ist“, murmelte sie.

„Spielt das denn noch eine Rolle?“, fragte ihre Mutter betont locker. „Wichtig ist doch nur, dass du endlich den Beweis für Veits falsches Spiel hast.“

Marlene sah auf einmal unendlich traurig aus. „Du musst sehr enttäuscht von mir sein“, flüsterte sie. „Weil ich dir nicht geglaubt habe.“

„Vergeben und vergessen“, winkte Natascha ab.

„Du bist mir nicht böse?“ Marlene sah sie verwundert an.

„Schließlich bist du nicht die Erste in der Familie, die diesem Mistkerl auf den Leim gegangen ist“, entgegnete Natascha. „Aber wenn ich damals nicht auf Veit reingefallen wäre, gäbe es dich nicht.“ Liebevoll lächelte sie ihre Tochter an. „Es kann also manchmal auch etwas Gutes dabei rauskommen, wenn man sich in einem Menschen täuscht. Komm mal her, mein Engel.“ Natascha breitete die Arme aus, und Marlene schmiegte sich an ihre Mutter. „Ich habe dich so lieb.“

Martin und Kira hatten das Waldstück nach Mike abgesucht und sahen schließlich auch in Julius’ Hütte nach. Und tatsächlich: Mike saß darin missmutig mit einer Bierflasche am Tisch.

„Was macht ihr denn hier?“, begrüßte er sie verdrossen.

„Sei froh, dass wir dich gefunden haben und nicht die Polizei!“, schimpfte Martin. „Ein Auto klauen, hier einbrechen – das sind Straftaten!“

„Was heißt hier klauen?“, knurrte Mike. „Der Wagen ist nach ein paar Metern einfach stehen geblieben.“

„Deswegen ist es kein Diebstahl, oder was?“, ereiferte sich Martin.

„Provozierend zuckte der Junge die Achseln. „Und eingebrochen bin ich auch nicht. Der Schlüssel lag unter der Matte.“

„Und daneben lag ein Zettel: Bedienen Sie sich, herzlich willkommen?“, bemerkte Kira sarkastisch. Sie war sauer. „Ist dir eigentlich klar, dass du jede Menge Ärger bekommen kannst?“

„Nur, wenn ihr mich verratet“, entgegnete Mike frech.

„Schalt mal dein Hirn ein!“, herrschte sie ihn an. „Hast du eine Vorstellung davon, wie es jetzt weitergehen soll?!“

„Ist ja wohl mein Problem“, gab er bockig zurück.

„Das sehe ich anders“, widersprach sie. „Wir haben dich gedeckt, also hängen wir auch mit drin.“

Verblüfft runzelte Mike die Stirn.

„Weshalb bist du abgehauen?“, wollte Martin nun von ihm wissen.

„Keinen Bock mehr“, antwortete Mike nach einigem Zögern. „Auf diese blöden Sprüche der anderen.“

„Waren die meinetwegen?“, hakte Kira behutsam nach.

Mike nickte und wirkte plötzlich sehr verletzt. „Steffen und Dustin haben sich lustig gemacht“, erzählte er nun. „Das hat genervt. Also wollte ich nach Hamburg zurück. Dumm gelaufen, sorry.“ Sein Blick war nun schuldbewusst.

„Wenigstens siehst du es ein.“ Kiras Stimme ließ Mitgefühl für den Jungen erahnen.

„Was passiert jetzt mit mir?“ Mike wandte sich mit dieser Frage an Martin.

„Darüber reden wir, wenn wir zurück sind.“

Bereitwillig packte Mike seine Sachen zusammen. Da war plötzlich ein Donnergrollen zu hören. Über ihrem Kopf zog sich ein Unwetter zusammen.

„Erst mal ist wohl Hüttenromantik angesagt“, stellte Kira fest, nachdem sie einen Blick aus dem Fenster geworfen hatte. „Da zieht ein übler Sturm auf.“

Mike war froh, noch ein bisschen in der gemütlichen Hütte bleiben zu können. Kira und Martin passte das allerdings gar nicht in den Kram. Es war nicht gut, wenn sie einander zu nahe kamen. Es war zu gefährlich …

2. KAPITEL

Veit stand an der Rezeption und bezahlte seine Rechnung mit der Kreditkarte. Michael kam in die Lobby und wunderte sich darüber, dass Marlenes Vater plötzlich abreisen wollte.

„Fragen Sie Ihre Verlobte“, sagte Veit nur.

„Was ist mit Marlene?“, hakte Michael nach.

„Ich bin Ihnen zwar keine Erklärung schuldig, aber bitte“, antwortete Veit gereizt. „Es wird keine Transplantation geben. Weil meiner Tochter klar geworden ist, dass ich nicht ihrem Wunschbild vom lieben, netten Papi entspreche.“ Er wandte sich zum Gehen, da wurde ihm plötzlich schwindelig. Ansatzlos sackte er in sich zusammen – Michael konnte ihn gerade noch auffangen.

„Rufen Sie einen Krankenwagen!“, sagte der Arzt mit lauter Stimme zu Alfons, bevor er sich fachmännisch um den Bewusstlosen kümmerte.

Nach ihrem Konzert in der Pianobar war Natascha trüber Stimmung.

„Mit Veits Hilfe hätte ich die Konzerthallen erobern können“, beklagte sie sich bei Konstantin.

„Und hättest dich von dem Mann abhängig gemacht, den du verabscheust“, meinte der.

Sie gab ihm seufzend recht. „Es scheint mein Schicksal zu sein. Auf meine Karriere zu verzichten für die Menschen, die ich liebe …“

Konstantin kommentierte diesen Seitenhieb gegen ihn lieber nicht.

Mike hatte sich bereits schlafen gelegt, während Kira und Martin sich leise miteinander unterhielten.

„Meinst du, es ist sinnvoll, ihn wieder in das Projekt einzubinden?“, fragte Kira. „Steffen und Dustin werden ihn weiter hochnehmen.“

Das fürchtete Martin auch. „Wenn Mike darauf besteht, informiere ich das Jugendamt, dass er früher zurückmöchte. Und setze ihn in einen Zug nach Hamburg.“

Kira nickte. Eine lange Pause entstand. Keiner von beiden wusste so recht, was er sagen sollte.

„Als Mike im Gewächshaus einen Kuss von dir wollte …“, begann Martin schließlich zögerlich. „Das habe ich mitbekommen. Ich war da, zufällig.“ Kira machte große Augen. „Und dein Geständnis, dass du auch mal sehr in jemanden verliebt warst, aber leider nicht mit ihm zusammengekommen bist …“ Er sprach nicht zu Ende. Es war offensichtlich, wie unangenehm Kira dieses Thema war.

„Ich bin mit Xaver zusammen und du mit der Kirche“, sagte sie nun energisch. „Und jetzt Schluss damit.“

Aber Martin wollte so schnell nicht aufgeben. Immerhin war es doch merkwürdig, dass sie beide mit aller Macht versuchten, einander aus dem Weg zu gehen – aber dass das nie richtig klappte. „Ich habe gebetet. Und Gott gefragt, ob er wirklich will, dass ich Priester bin. Ob das der Weg ist, den er für mich erwählt hat. Jetzt sitze ich hier mit dir und …“

„Martin, bitte nicht!“, fiel sie ihm ins Wort. Sie kämpfte doch so schon so sehr mit ihren Gefühlen für ihn. Er durfte ihr das alles doch nicht noch schwerer machen.

Michael kam spät in die Scheune, wo Marlene bereits auf ihn wartete.

„Ich muss dir was sagen“, sprudelte sie heraus, kaum dass er eingetreten war. „Wir werden unsere Flitterwochen nicht in Südafrika verbringen. Es ist nämlich so, dass mein Vater …“ Sie brach ab, weil Michael nickte. „Du weißt es schon?“

„Dein Vater ist zusammengebrochen“, erklärte er nun ernst. „Direkt vor mir, in der Lobby.“

Sie schluckte erschrocken, doch dann wurde ihre Miene misstrauisch. „Bist du sicher, dass das echt war?“

„Ja“, erwiderte ihr Verlobter. „Der Kreislaufzusammenbruch war definitiv echt. Dein Vater muss bis auf Weiteres im Krankenhaus bleiben.“

Nun wurde Marlene doch nachdenklich. Zunächst berichtete sie Michael, was zwischen ihr und ihrem Vater vorgefallen war. Wie sehr Veit sie beleidigt und verletzt hatte. Es war ihr nur recht, dass er so schnell wie möglich nach Südafrika abreisen wollte.

„Ich schaue morgen noch mal nach ihm“, sagte Michael. „Möchtest du vielleicht mitkommen?“ Entschlossen schüttelte sie den Kopf. „Ich finde es entsetzlich, was er getan hat“, fuhr ihr Verlobter fort. „Und ich kann verstehen, wie enttäuscht du bist. Aber trotz allem ist er dein Vater. Und ihm bleibt nicht mehr viel Zeit.“ Wahrscheinlich war das die letzte Gelegenheit, um sich von Veit zu verabschieden.

Seine eindringlichen Worte berührten Marlene durchaus. Aber ihr Bedarf an Demütigungen war gedeckt. „Das Kapitel Veit Bergmann ist für mich beendet.“

Trotz aller Entschlossenheit machte Marlene die ganze Nacht kein Auge zu. Sie musste die ganze Zeit an ihren Vater denken. Ob er noch rechtzeitig einen anderen Spender finden würde? Wie hätte sie reagiert, wenn sie wüsste, dass sie bald sterben müsste? Sicherlich hätte sie niemandem etwas vorgespielt, das stand für sie fest. Sollte sie Veit doch im Krankenhaus besuchen? Obwohl er es nicht verdient hatte? Wenn sie es nicht tat, würde sie es womöglich für immer bereuen …

Kira musste Mike wecken, so fest hatte er geschlafen. Sie und Martin hatten bereits alle Sachen zusammengepackt, es sollte jetzt zurück zum Fürstenhof gehen. Der Sturm hatte sich verzogen. Und Kira setzte alles daran, Mike vom Bleiben zu überzeugen. Kneifen sei leicht, sagte sie ihm mit charmantem Lächeln.

„Du nutzt gerade voll aus, dass ich auf dich stehe, oder?“ Grinsend legte der Junge den Kopf schief.

„Nur ein ganz kleines bisschen“, gab sie zu, wurde dann aber wieder ernst. „Ich wünsche mir, dass du deine Chancen nutzt. In deinem eigenen Interesse. Und weil ich dich mag.“

„Wenn ich einen Kuss kriege, denke ich noch mal darüber nach“, meinte er.

Sie knuffte ihn freundschaftlich in die Seite.

Mandy fand es natürlich spektakulär, dass Kira und Martin die Nacht gemeinsam in der Hütte verbracht hatten. Aber Kira behauptete, ihre Gefühle für Martin längst im Griff zu haben. Trotzdem verschwieg sie Xaver, der sich gerade zufällig auf ihrem Handy meldete – er war gerade auf einer Fortbildung in London – das kleine Abenteuer im Wald. Sie redete sich ein, ihn nicht eifersüchtig machen zu wollen. Er reagierte doch immer so empfindlich, wenn es um Martin ging.

Mike kam unterdessen in die Kapelle, um Martin zu berichten, dass er sich bei Herrn Sonnbichler wegen des Lieferwagens entschuldigt hatte. Außerdem hatte er beschlossen, nun doch nicht vorzeitig nach Hamburg zurückzufahren.

„Und wenn die anderen dich wieder aufziehen?“, fragte Martin.

„Die können mich mal“, winkte Mike ab. „Die sind doch nur neidisch, weil Kira mich lieber mag. Und sie voll cool ist für ihr Alter.“

„Stimmt“, bestätigte der Pfarrer und unterdrückte ein Schmunzeln. „Für ihr Alter ist sie wirklich voll cool.“

Mike musterte ihn interessiert. „Ich habe gestern nicht die ganze Nacht gepennt … Kann es sein, dass Sie heimlich auch in Kira verliebt sind?“

Überrumpelt sah Martin ihn an. „Du hast wirklich eine rege Fantasie“, meinte er dann.

„Hey, ich bin keine zwölf mehr!“, erwiderte Mike. „Ich hab doch gesehen, wie Sie sie anschmachten. Total verknallt!“

Martins Ton wurde jetzt streng. „Ich freue mich sehr, dass du dich entschieden hast, weiter an unserem Projekt teilzunehmen. Aber ich verbitte mir jede Einmischung in mein Privatleben, hast du das verstanden?“

Mike ließ sich davon nicht im Geringsten beeindrucken. „Ist es, weil Sie Priester sind? Weil Sie nur den da lieben dürfen?“ Er deutete nach oben.

„Jetzt werde bitte nicht blasphemisch“, stöhnte Martin.

„Blas-was?“ Mike grinste.

„Genug jetzt!“

Mike verzog sich zur Tür. „Ich will Ihnen doch nur helfen“, sagte er noch, bevor er sich endgültig trollte.

Aufgewühlt blieb Martin zurück. Offenbar war es nicht zu übersehen, wie es um ihn stand.

Mike hingegen hatte es ernst gemeint, dass er Martin helfen wollte. Und so bat er André Konopka, ihn zu unterstützen. Er wollte Kira und dem Pfarrer eine kleine Überraschung bereiten, weil sie ihn nicht an die Polizei verraten hatten.

„Ich wollte für die beiden kochen“, erklärte er dem erstaunten Chefkoch. „Also, mit ihrer Hilfe, natürlich. „Ich kann ja bloß ’ne Pilzpfanne.“

„Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig.“ André grinste gutmütig. „Schließlich sollen die beiden das Essen überleben.“

Tatsächlich hatte Marlene sich dazu durchgerungen, ihren Vater zu besuchen, und stand nun in seinem Zimmer.

„Was willst du?“, begrüßte er sie böse. „Sehen, wie dreckig es mir geht?“

„Wie kann man nur so verbittert sein?!“, brach es aus ihr heraus. „Ich bin gekommen, weil du trotz allem mein Vater bist! Und nur weil du dich wie ein Schwachkopf benimmst, muss ich mich nicht auch so verhalten.“ Ihm blieb der Mund offen stehen. „Wie geht es dir?“, fragte sie jetzt.

„Tu mir einen Gefallen und verschwinde“, knurrte er.

„Ich entscheide selbst, wann ich gehe“, erwiderte sie entschlossen. Ob er ihre Anwesenheit ertrug oder nicht, war ihr egal. Sie wollte mit ihm reden. Und sie würde so lange bleiben, bis er sich darauf einließ. Veit drehte sich weg und starrte die Wand an. Marlenes Blick ruhte auf ihm. Sie bedauerte ihn in vielerlei Hinsicht. „Wie gesagt, du bist mein Vater“, wiederholte sie. „Und ich wäre trotz allem bereit, dir einen Teil meiner Leber zu spenden. Um dir damit das Leben zu retten.“

Veit konnte kaum glauben, was er da hörte. „Soll das ein schlechter Scherz sein?“

„Ganz und gar nicht“, antwortete seine Tochter.

„Warum willst du mir immer noch helfen?“, fragte er irritiert. „Nach allem, was ich getan habe.“

„Das wirst du nicht verstehen, fürchte ich.“ Sie lächelte matt.

„Willst du Geld?“, hakte er misstrauisch nach.

Für einen Moment war sie fassungslos. „Ich kann dich nicht sterben lassen, bloß weil du so gar nicht der Vater bist, den ich mir erträumt habe“, meinte sie dann. „Aber du bist eben trotz allem mein Vater. Und ich würde es mir nie verzeihen, dir nicht geholfen zu haben.“ Die Entscheidung lag jetzt bei ihm.

Kurz darauf kehrte Marlene in den Fürstenhof zurück und setzte sich nachdenklich an die Schneebar. Was hatte sie erwartet? Dass Veit sie herzlich in den Arm nahm und sich bedankte? Er hatte ja nicht mal begreifen können, warum jemand so etwas Selbstloses tun wollte. Dass aus ihm noch ein liebevoller Vater würde, konnte sie sich abschminken. Aber es wäre schon schön gewesen, hätte er sich wenigstens ein bisschen gefreut …“

„Da ist ja meine Heldin!“ Michael war von hinten gekommen und umarmte seine Verlobte. Auch er kam gerade aus dem Krankenhaus. „Ich habe gehört, dass du deinem Vater nun doch helfen willst.“

Sie nickte. „Er hat sich nicht mal bedankt“, sagte sie dann leise.

Mitfühlend sah er sie an. „Egal, wie er sich verhält – ich bin sehr stolz auf dich. Dass du unbeirrt auf dein Herz gehört hast. Und dich von seinem miesen Verhalten nicht hast abschrecken lassen.“ In seinen Augen gehörte dazu wahre Größe.

Marlene war dankbar für seinen Zuspruch.

Natascha war entsetzt, als sie von der Entscheidung ihrer Tochter erfuhr, Veit nun doch einen Teil ihrer Leber spenden zu wollen.

„Seit er hier ist, hat er dich nur belogen und betrogen!“, ereiferte sich Natascha.

„Ich weiß“, erwiderte Marlene gefasst. „Aber ich kann meinen Vater nicht einfach sterben lassen.“ Es war bereits alles geplant. „Heute Nachmittag checken sie mich im Krankenhaus noch mal genau durch. Und morgen ist dann die OP.“

„Wenn du dich unbedingt für diesen Mistkerl aufschneiden lassen musst – bitte!“ Ihre Mutter war vollkommen außer sich. „Aber komm nicht zu mir gerannt, wenn das schiefgeht!“ Damit stürmte Natascha davon.

Seufzend blickte Marlene ihr nach. Damit konnte sie sich jetzt nicht auch noch beschäftigen. Sie musste ihre Vertretung für den Laden organisieren. Glücklicherweise erklärte sich Mandy sofort dazu bereit, für die Freundin einzuspringen.

Julius war von seiner Lesung zurück, sie war ein voller Erfolg gewesen. Aber er hatte Charlotte vermisst. Und er machte sich Sorgen um sie, weil sie immer noch die Morphalin-Tropfen nahm. Sie brauchte sie wegen der Schmerzen. Die Antibiotika mussten erst anschlagen, bevor sie die Schmerzmittel absetzte.

„Ich muss die Tropfen langsam reduzieren“, erklärte Charlotte. „Sonst hat mein Körper Entzugserscheinungen. Aber ich werde das schon hinbekommen.“

Julius brummte etwas Zustimmendes. Und dann erklärte er, dass heute Abend etwas Amüsantes bevorstehe: Er sollte einen Live-Chat mit den Lesern seines Buches führen und war schon ganz gespannt.

Martin rang mit sich. Etwas trieb ihn dazu, Kira seine Gefühle für sie voll und ganz zu offenbaren. Nils hielt allerdings gar nichts davon.

„Du hattest deine Chance“, sagte er. „Du hättest mit Kira zusammen sein können. Wenn du eben damals schon bereit gewesen wärst, dein Amt aufzugeben.“

„Jetzt bin ich es“, erklärte Martin entschlossen.

„Xaver ist dein bester Freund!“, fuhr Nils eindringlich fort. „Du hast kein Recht, sein Glück zu zerstören! Hör endlich auf, an Kira zu denken! Sie ist vergeben. Und du musst deine Gefühle für sie in den Griff bekommen.“

Michael klärte Veit gerade über den Ablauf der Transplantation auf und blieb dabei sehr distanziert.

„Haben Sie noch Fragen?“, fragte er, nachdem von seiner Seite alles gesagt worden war.

„Ja.“ Veit lächelte schief. „Allerdings keine medizinischen. Wegen Marlene … Warum hilft sie mir? Was bezweckt sie damit?“

„Sie möchte Ihr Leben retten“, antwortete Michael.

„Aber was erwartet sie dafür?“, forschte Veit weiter.

„Nicht jeder Mensch erwartet eine Gegenleistung, wenn er anderen hilft.“ Michaels Stimme klang beinahe mitleidig. Veit schnaubte nur. „Marlene in jedem Fall nicht.“

„Solche Selbstlosigkeit gibt es nur im Märchen“, meinte Veit. „Und ich kenne die Welt – jeder ist sich selbst der Nächste.“

„Dann ist Marlene vielleicht wirklich so etwas wie eine Märchenprinzessin“, entgegnete Michael, dessen Miene auf einmal ganz weich wurde. „Sie ist für andere da, ohne etwas dafür zu verlangen. Und dafür liebe ich sie.“

Veit sah den Arzt an, als hätte er den Verstand verloren.

Natascha hatte sich natürlich sofort bei Konstantin über Marlenes „Wahnsinnsentschluss“ beklagt. Auch Konstantin machte sich Sorgen wegen des Risikos bei der OP – aber er konnte Marlenes Entscheidung verstehen. Er wollte ihr unbedingt einen Glücksbringer mit auf den Weg geben und brachte ihr einen kleinen Stoff-Gorilla, den er als kleiner Junge von seiner Tante Pilar geschenkt bekommen hatte.

„Er heißt Amigo“, ...

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