Logo weiterlesen.de
Das andere Tier

Taavi Soininvaara

Das andere Tier

Ratamo ermittelt

Thriller

Aus dem Finnischen
von Peter Uhlmann

logo_digital.jpg

Hauptfiguren sowie wichtige Institutionen

Adamski, Marek. Polnischer Kernphysiker.

Aitaoja, Jukka. Hauptkommissar, Chef der Personenschutzeinheit der Verkehrspolizei. In Finnland war der Personenschutz u. a. des Staatspräsidenten bis Ende 2013 Aufgabe einer speziellen Einheit der Verkehrspolizei.

Baranski, Richard. Commander, Special Operations Group der CIA

Botting, Gordon. Vater von Emily Jarvi.

Boyd, Claire. Kriminalkommissarin der National Crime Agency Großbritanniens.

CIA. Central Intelligence Agency der USA.

EXE International. Internationales Recruiting-Unternehmen, Headhunting-Firma.

Hirvonen, Otto. Amtierender Chef der Finnischen Sicherheitspolizei SUPO.

Jarvi, Emily. Hauptmann, Stabsoffizierin. Adjutantin der Kommandeure einer von Großbritannien geführten Division im Irakkrieg. Verheiratet mit John Jarvi.

Jarvi, John. Oberbootsmann, Angehöriger einer Gruppe für spezielle Operationen. Ehemaliger Scharfschütze einer Spezialeinheit der US-Marine. Verheiratet mit Emily Jarvi.

Ketonen, Jussi. Ehemaliger Chef der SUPO. Ehemann von Nelli Ratamos Großmutter.

Kokko, Essi. Freie Journalistin.

KRP (Keskusrikospoliisi). Eigenständige zentrale Behörde der finnischen Kriminalpolizei, deren Hauptaufgabe in der landesweiten Bekämpfung der organisierten und der besonders schweren Kriminalität besteht.

Kujala, Vesa. Leiter des Operativen Bereichs der SUPO.

Lamennais, Daniel (Pater Daniel). Kaplan der Katholischen Gemeinde der Heiligen Maria in Helsinki.

Linden, Elina. Kriminalkommissarin der Abteilung für Gewaltverbrechen der KRP.

Lukander, Arttu. Kriminalhauptkommissar, Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen der Helsinkier Polizei.

Navabi, Aref. Neda Navabis Sohn, illegaler Einwanderer.

Navabi, Neda. Illegale Einwanderin.

Navabi, Shirin (Siiri). Neda Navabis Tochter, Nelli Ratamos Freundin, illegale Einwanderin.

Navy SEALs. Spezialeinheit der US-Marine.

NCA (National Crime Agency). Nationales Kriminalamt Großbritanniens.

ONI. Nachrichtendienst der US-Marine.

Oravisto, Tuula. Kernphysikerin.

Oravisto, Valtteri. Tuula Oravistos Sohn.

Pentagon. Verwaltungsgebäude des US-Verteidigungsministeriums.

Piirala, Mikko. Chef der Abteilung für Informationsmanagement der SUPO.

Ratamo, Arto. Oberinspektor der SUPO.

Ratamo, Nelli. Arto Ratamos Tochter.

Roshan Ali, Serena. Consultantin bei EXE International.

Şentürk, Ercan. Killer der kriminellen Organisation Şentürk.

Siltanen, Pauliina. Kriminalpsychologin, Spezialistin der KRP.

Terpin, Michael. Generalmajor, Befehlshaber der US-Kommandozentrale Europa für Spezialeinsätze.

Toikka, Ville-Veikko. Kriminalhauptwachtmeister in der Aufklärungsabteilung der KRP.

Töre, Hakan. Helfer der kriminellen Organisation Şentürk.

Veräjä, Tiina. Ministerialrätin, Finnische Botschaft in der Türkei.

Virta, Markus. Kriminalinspektor, Chef der Abteilung für Gewaltverbrechen der KRP.

»Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.«

Robert Oppenheimer in einem Fernsehinterview 1965.

Der Physiker war der leitende Wissenschaftler des Manhattan-Projekts, in dem die Atomwaffe der Vereinigten Staaten entwickelt wurde.

PROLOG

Die Geburt des Hasses

Irak, 3. August 2010

Die Frau öffnete die Augen, doch sooft sie auch die Lider zusammenkniff und wieder aufriss, die Dunkelheit wollte nicht weichen. Sie lauschte: Nur das Böse war da, sie spürte es um sich herum, es lag schwer wie ein Umhang aus Blei auf ihren Schultern. An den Fußgelenken war sie so straff an einen massiven Metallstuhl gefesselt, dass ihr die Füße einschliefen. Sie hatte schon alles versucht, sich heiser geschrien, an den Stricken gezerrt und sich die Haut blutig gescheuert. Diese Teufel kümmerte das nicht. Die Frau drückte ihre an den Handgelenken zusammengebundenen Hände auf ihren Bauch, obwohl sie wusste, dass sie das Wunder, das in ihr wuchs, nicht schützen konnte.

Sie wollte in die Dunkelheit fliehen, sich in Sicherheit bringen. Nie zuvor hatte sie sich etwas so sehr gewünscht, so intensiv, dass es weh tat. Lähmende Angst wogte durch ihren Körper. Aufständische hatten sie in der Nähe des Stützpunkts Camp Victory gekidnappt und in ihr staubiges Auto geschleppt. Und nun saß sie an einen Stuhl gefesselt in einem Raum, der nach Beton, Waffen und Urin stank, irgendwo im Irak. Sie war in der Gewalt ihrer Feinde, deren Vernichtung seit sechs Jahren ihr Ziel als Angehörige der britischen Armee war. Und sie wusste nur zu genau, was mit den Menschen passierte, die sie entführten.

Sie konnte nicht verhindern, dass die Videos in ihrem Bewusstsein abliefen: Die Aufständischen hatten im Laufe der über sieben Jahre anhaltenden Kämpfe viele von ihnen verschleppte Soldaten und Zivilisten enthauptet. Keiner ihrer Kameraden hatte sich die Hinrichtungsfilme anschauen wollen, und dennoch hatten sie sich die Videos angesehen. Sie alle hatten wissen wollen, was sie im schlimmsten Fall erwartete. Der Ablauf der Ereignisse war fast immer der gleiche: drei bis sechs Männer mit Sturmgewehren und Kapuze, Kommandomütze oder Kufija-Tuch, an der Wand ein Laken mit Parolen in Arabisch, das misshandelte und gefesselte Opfer sitzt auf dem Fußboden oder einem Stuhl, das Gesicht zur Kamera. Die Aufständischen stehen hinter dem Opfer, das gezwungen wird, etwas über sich selbst zu sagen. Dann liest einer von ihnen eine Erklärung vor und stellt Forderungen. Und zum Schluss die Allāhu-akbar-Rufe, ein riesiges Schwert, der Kopf wird abgeschlagen ...

Saß sie jetzt in so einem Raum? Sie und ...

Die Frau fühlte, wie sie innerlich zusammenbrach. Ihr wurde übel. Die Angst zerfraß ihre Eingeweide, zerfleischte sie von innen. Alles Schreckliche, was sie in ihren dreißig Jahren erlebt hatte, schien hier in diesem Raum zu lauern, von dem eine Bedrohung ausging, die alles erfasste.

Sie spürte den salzigen Geschmack der Tränen auf ihren Lippen. Der Kopf schmerzte von einem Schlag mit dem Gewehrkolben. Ihr Herz hämmerte. Warum ausgerechnet sie? War sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, oder hing das mit John zusammen? Es war ihr Geburtstag, und ihr Mann hatte unbedingt gewollt, dass sie zu ihm ins Camp Victory der Yankees kam, damit er ihr sein Geschenk überreichen konnte. Sie war einverstanden gewesen, weil sie sich als Stabsoffizierin freier in Bagdad bewegen konnte als ihr Mann.

John Jarvi, der Satan von Falludscha. Was für ein grauenhafter Spitzname. Ihr Mann war still, ruhig und loyal sowohl ihr als auch der US-Marine gegenüber; es war nicht seine Schuld, dass er sich hier im Irak zu einem der besten Scharfschützen aller Zeiten entwickelt hatte.

Die Frau schaute im Dunkeln auf ihren Bauch. Zuweilen bildete sie sich ein, in ihrem Leib Bewegungen zu spüren, obwohl ihre Schwester felsenfest behauptet hatte, man könne die Bewegungen eines drei Monate alten Embryos noch nicht wahrnehmen. Die Erinnerungen brachen ungehemmt über sie herein. Sie schloss die Augen und fand sich sofort in ihrem Elternhaus wieder, im Londoner Stadtteil Shepherd’s Bush. Sie sah das Esszimmer und den Tisch, an dem sie sich, sobald es auch nur den geringsten Anlass gab, etwas zu feiern, immer versammelten: Vater, Mutter, die Großeltern und ihre Schwester Helen mit ihren drei allzu lebhaften, aber ungeheuer süßen Kindern und ihrem griesgrämigen Mann. Auf dem Tisch stand eine riesige Geburtstagstorte, und das Geburtstagskind musste die Kerzen ausblasen, obwohl es nie jemandem gelang, alle auf einmal auszupusten. Vater füllte mit der von ihm selbst gemixten Bowle die Gläser der Gäste, am eifrigsten sein eigenes, bis er übers ganze Gesicht strahlte. Sie sah die lachenden Kinder ihrer Schwester und spürte einen schneidenden Schmerz, als sie daran dachte, was ihr alles versagt bleiben würde. Sie bereute ihre Entscheidung, eine Laufbahn in der Armee zu wählen und den Kinderwunsch hinauszuschieben  ... Dann schoss ihr durch den Kopf, dass John bestimmt immer noch im Camp Victory auf sie wartete.

Im selben Moment ging die Tür auf, das Licht wurde eingeschaltet, und die Frau drückte ihre Lider noch fester zu. Sie wollte die Männer nicht sehen, sie wollte nicht ihr Schicksal daran ablesen, was sie bei sich hatten, sie wollte die auf dem Boden stehende Videokamera, die Fahne oder das Laken an der Wand nicht sehen ... In dem Raum verbreitete sich der Geruch von Waffen, Zigaretten und Aufständischen. Es waren mehrere Männer, sie redeten auf Arabisch alle durcheinander und wie immer sehr erregt.

Der Schlag mit der flachen Hand traf die Wange der Frau ohne Vorwarnung und voller Wucht, sie öffnete die Augen und sah den Tod.

Es waren drei Männer, die sich schwarzweiß gemusterte Kufija-Tücher um den Kopf gewickelt hatten, zwei trugen Sturmgewehre in der Hand und einer ein riesiges Schwert ... Alles war genau so, wie sie es befürchtet hatte.

Die Zeit. Schien. Stehen. Zu. Bleiben. Alles andere verschwand, es blieb nur das lähmende Entsetzen und das abgrundtiefe Böse im Menschen.

Jemand sprach die Frau auf Englisch an und sie hörte sich ihren Namen, ihren Dienstrang, den Namen ihrer Eltern, den Namen ihres Ehemannes, ihre Adresse zu Hause sagen  ... es schien so, als spräche jemand anders mit ihrem Mund. Ihr Herz klopfte im ganzen Körper, sie zitterte.

Die Männer stellten sich hinter sie. Sie starrte in das schwarze Auge der Videokamera, die auf einem Dreibein stand, und wünschte, sie wäre fähig, sich in bewegte Bilder zu verwandeln und die Flucht zu ergreifen ... Einer der Männer verlas mit fanatischer Stimme eine Erklärung auf Arabisch, von der sie nicht viel verstand. Geschah das alles wirklich ihr? Hing das damit zusammen, was sie ihrem Mann angetan hatte, würde John die Wahrheit erfahren?

Der Aufständische mit dem Schwert in der Hand trat vor sie hin. Die Frau sprach so leise, dass sie ihre Worte selbst kaum hörte. »Vater unser, der du bist ...«

ERSTER TEIL

Die Titanhüfte

26.–28. August, Gegenwart

1

Montag, 26. August

Ich fahre den VW-Käfer von der Vihdintie auf die Zufahrt zum Ring III und merke, wie der Regen zum Schneetreiben wird. Und das mit Sommerreifen. Bis zum Einrichtungshaus in Petikko sind es noch einige Kilometer. Ich erhöhe die Geschwindigkeit vorsichtig auf siebzig, der Asphalt wirkt glatt, ich werfe einen Blick über die Schulter, um zu sehen, ob der Weg frei ist, und lenke den Käfer dann von der Beschleunigungsspur auf den Ring III. Aus den Lautsprechern erklingt J. J. Cales Titel Fate of the fool von seinem fünften Album. Ein Schneeschleier legt sich auf die Straße, alles ist weiß; die Fahrbahn kann man nur erahnen. Das ist seit Jahren der schlimmste Schneesturm, in den ich geraten bin. Die Scheibenwischer laufen auf vollen Touren, der Wind ist so heftig, dass der Käfer schaukelt. Achtzig Stundenkilometer sind anscheinend zu viel, durch die Ritze zwischen Dach und Karosserie weht es eisig herein.

Plötzlich ein gewaltiger, ohrenbetäubender Knall – oh, verdammt. Das Verdeck des Käfers ist weg, der Wind schlägt mir mit voller Wucht ins Gesicht. Ich muss die Lider zusammenkneifen, damit der Schnee nicht in die Augen dringt, wo zum Teufel ist die Straße? Mir bleibt nichts anderes übrig, als auf den Standstreifen zu lenken, Blinker an und bremsen, verflucht, die Vorderräder blockieren, der Wagen gerät ins Schleudern. Fuß runter von der Bremse, gegensteuern, die Bremse pumpen, jetzt gehorcht er wieder, die Geschwindigkeit lässt nach  ... Herzrasen.

Endlich bleibt das Auto stehen, zum Glück auf dem Standstreifen und nicht auf der Fahrspur, aber die Stelle ist trotzdem gefährlich – direkt neben dem lebhaften Verkehr und bei einer Sicht gleich null. Der Käfer ist in eine Schneewehe gerutscht, wohl oder übel muss ich durch die Tür aussteigen, an der die Autos vorbeirauschen. Ich zucke zusammen, als mir nasser und eiskalter Schneematsch ins Gesicht spritzt, keiner von denen, die vorbeifahren, verringert etwa seine Geschwindigkeit, und Hilfe leistet erst recht niemand. Ich wische mir das Gesicht ab, wende mich dem Käfer zu und fluche, als ich sehe, dass die Halterungen des Stoffdachs versagt haben. Wieder eine teure Reparatur.

Jetzt muss ich den Abschleppdienst und ein Taxi anrufen. Ich stehe zwischen Auto und Straße und will hier weg, und als ich mich dem Verkehr zuwende, sehe ich vor mir eine hohe Metallwand, die mit großer Geschwindigkeit auf mich zurast  – ein Lastzug. Es bleibt keine Zeit, ich muss springen, ein Schritt, noch einer ...

Arto Ratamo wachte auf. Sein Herz schlug heftig. Den Lastzug mit fünfunddreißig Tonnen Ladung, der ihn vor knapp einem Jahr umgefahren hatte, sah er jede Nacht im Traum.

Morgens war es am schwersten. Da drangen all die schlimmen Folgen seines Unfalls stets so intensiv wie damals in sein Bewusstsein, und er war mit seinen Schatten hilflos allein. Ratamo legte die Hand auf die leere Hälfte seines Doppelbetts, dachte aber nicht an seine ehemalige Lebensgefährtin Riitta Kuurma, sondern an sein Kind, dem das Leben versagt geblieben war. Er würde nie erfahren, ob Riitta die Fehlgeburt letztlich wegen des Schocks über die Nachricht von seinem Unfall gehabt hatte. Sie waren erst einige Monate vor dem Unfall wieder zusammengekommen. Den Stolz, Vater zu werden, hatte er nur fünf Tage genießen können. Bei Riitta hatte sich ein Hormonungleichgewicht entwickelt und das Einwachsen der Plazenta verhindert.

Ratamo ächzte und verzog das Gesicht, als er sich zur Bettkante schob und aufrichtete. Er hatte Kopfschmerzen und musste an die mit Whisky hinuntergespülten Biere denken, die er sich am Vorabend zu Ehren des letzten Tages seiner Krankschreibung mit seinem Freund Timo Aalto gegönnt hatte. Sie trafen sich nur noch äußerst selten, seit Himoaalto im Ausland arbeitete und weggezogen war. An den späten Abend erinnerte sich Ratamo nur lückenhaft, leider fiel ihm auch ein, dass er seiner Kollegin Saara Lukkari von der SUPO über den Weg gelaufen war. Blieb nur zu hoffen, dass er keinen absoluten Schwachsinn geredet hatte.

Er nahm vom Nachttisch die Dose mit dem Snus und schob sich zwei Portionen Tabak unter die Oberlippe. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn fluchen, als er die Ziffern 08:41 sah, warum zum Teufel hatte er vergessen, den Wecker zu stellen? Die Abschlussuntersuchung bei der Ärztin würde in zwanzig Minuten beginnen. Ratamo erhob sich und richtete den Rücken langsam auf, aus Angst vor einer Welle des Schmerzes. Zuweilen tat das künstliche Hüftgelenk morgens so weh, dass er auf nüchternen Magen Schmerztabletten nehmen und bewegungslos im Bett liegen bleiben musste, bis ihre Wirkung einsetzte. Nötig wäre das jetzt, aber die Zeit dafür fehlte.

Ratamo biss die Zähne zusammen und humpelte nackt zum Medizinschrank im Badezimmer.

»Zieh dir was an, verdammter Idiot!«, kreischte Nelli so laut und schrill, wie es nur ein vierzehnjähriges Mädchen kann, das von seinem Vater halbnackt überrascht wird.

Ratamo musste tief durchatmen, um nicht die Nerven zu verlieren. »So redest du hier nicht. Und auch nicht irgendwo anders.«

»Haha«, erwiderte Nelli ungehalten, sie hatte ihm den Rücken zugekehrt und zog sich ein T-Shirt über.

»Heute ist Montag, fängt die Schule nicht um acht an?«, fragte Ratamo.

»Ja.«

»Es ist gleich neun.«

»Sag bloß.«

Plötzlich durchfuhr Ratamos Hüfte ein anhaltender stechender Schmerz, der ihn fast in die Knie gehen ließ. Er murmelte ein »Entschuldigung«, schob Nelli vom Medizinschrank weg und suchte aus seiner mittlerweile stattlichen Pillensammlung das Schmerzmedikament heraus, das am schnellsten wirkte. Rasch warf er sich die Tabletten in den Mund und spülte sie mit Wasser runter. Der Mann mit kurzem Haar und unrasiertem Kinn, der ihn im Spiegel anstarrte, sah deutlich älter aus als zweiundvierzig. Er war längst nicht mehr der junge Arzt, schlank und rank, dem einst beim Praktikum in einer Poliklinik die Omas hinterhergeschaut hatten.

»Wenn man wenigstens ein eigenes Klo hätte«, murrte Nelli beim Hinausgehen.

Zum Glück kam das Mädchen nach ihm, sie beruhigte sich genauso schnell wieder, wie sie sich aufregte, dachte Ratamo, während er sich anzog. Aus Nelli war ein ganz normaler Teenager geworden, aufbrausend und rebellisch. Aber immerhin nahm sie keine Drogen und verprügelte keine alten Leute auf dem Narinkkatori im Zentrum. Das war schon ganz gut für ein Mädchen, das mit sechs Jahren seine Mutter verloren hatte und dessen Vater halt so war, wie er war. Ratamo empfand Stolz, in jedem Fall war Nelli das Beste, was er in seinem Leben zustande gebracht hatte. Das Lernen fiel ihr leicht, sie war in der Schule erfolgreich und hatte von klein auf, ohne dass man sie dazu drängen musste, viele der ungeschriebenen Regeln des Lebens verstanden. Wie zum Beispiel die, dass man keine Klamotten trug, die zwei Nummern zu klein waren, wie manche ihrer Freundinnen.

Ratamo ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Sein Blick fiel auf eine Bierflasche. Das Frühstück ist der wichtigste Drink des Tages, dachte er, begnügte sich dann jedoch mit einem Obstsaft. Er stellte einen Literkarton Joghurt auf den Tisch, legte Müsli, Käse, eine Tomate, Butter und eine Packung Aufschnitt daneben, knallte die Kühlschranktür zu und holte aus dem Brotkasten die Tüte mit Roggenbrot. Ohne seine Tochter und seine Arbeit wäre er nur eine leere Hülle, dachte Ratamo.

»Das Frühstück steht auf dem Tisch!«, rief er im Gehen.

* * *

Arto Ratamo stellte seinen Käfer im Forum-Parkhaus ab und lief, so schnell er konnte, den Verbindungsgang entlang zum Fahrstuhl, der ihn hinauf zum Kukontori bringen sollte. Er kam eine Viertelstunde zu spät und hätte rennen müssen, aber die Titanhüfte erlaubte ihm lediglich, zügig zu gehen, und auch das nur mit zusammengebissenen Zähnen. Im Fahrstuhl drückte er auf den Knopf neben dem Schild »Mehiläinen. Dienstleistungen für die Arbeitswelt. Außenstelle am Kukontori« und überlegte, wie oft er schon bei der Arbeitsmedizinerin gewesen war und seine Hüfte vorgezeigt hatte. Zum Glück befand er sich auf dem Wege der Genesung nun schon auf der Zielgeraden. Nach der Operation war er nahe daran gewesen durchzudrehen: endlos lange auf dem Rücken liegen, Gymnastikprogramme, Aufsteh- und Gehübungen, fast täglich bei der Physiotherapeutin antanzen müssen ... Auch für zu Hause hatte man ihm Übungen verordnet; vielleicht ginge es ihm schon wieder besser, wenn er sie irgendwann probiert hätte.

Ratamo traf im Empfangsbereich des Ärztezentrums in der sechsten Etage ein. Die SUPO sicherte ihre betriebliche Gesundheitsversorgung heutzutage über ein privates Unternehmen für Gesundheitsdienstleistungen ab, das dafür bezahlt wurde. Ratamo blieb am Tresen stehen, um sich bei der rothaarigen und stark geschminkten jungen Frau anzumelden, mit der er sich beim Warten auf seinen Termin ein paarmal unterhalten hatte. Die Frau lächelte schadenfroh und zeigte mit dem Finger auf eine offene Tür am Ende des Flurs.

Die Fachärztin für Orthopädie und Traumatologie Sirkka Vuori, bekannt als unverbesserlich humorlos, hob den Blick vom Bildschirm, als Ratamo das Zimmer betrat, und schaute dann verärgert auf die Wanduhr. »Du kommst zu spät.«

»Lieber zu spät als schwanger«, witzelte Ratamo.

Sirkka Vuori lächelte nicht. Sie bedeutete Ratamo, neben ihr Platz zu nehmen, und drehte den großen Bildschirm zu ihrem Patienten hin.

»Auf den Röntgenbildern deiner Hüfte von letzter Woche fanden sich keine Überraschungen. Da ist der Oberschenkelteil zu sehen, da die Gelenkpfanne und dort der auswechselbare Gelenkkopf. Alles aus einer Titanlegierung, wie du weißt.« Sie zeigte mit dem Kugelschreiber die verschiedenen Bereiche auf dem Röntgenbild.

»Ein Mann mit Titanhüfte«, murmelte Ratamo.

»Bei dir wurde eine muskelschonende Operationstechnik gewählt, das heißt, deine Hüftprothese wurde eingesetzt, ohne die Muskeln zu lösen. Eine Oberflächenprothese konnten wir nicht verwenden, weil deine Hüfte zu schwer beschädigt war. Deine Prothese ist zementfrei eingesetzt, weil die erforderliche Nutzungsdauer bei über zwanzig Jahren liegt. Ungefähr so lange wirst du ja hoffentlich noch am Arbeitsleben teilnehmen. Auch die Gleitfläche der Gelenkpfanne besteht aus Titanlegierung, sie dürfte sich also selbst bei starker Beanspruchung nicht so schnell abnutzen. Die Prothese scheint fest im Knochen zu sitzen, das heißt, der Knochen ist schon an der Oberfläche der Prothese angewachsen.«

Nur im Kopf ist noch alles wund, dachte Ratamo, sagte aber: »Das hört sich gut an.« Er fragte sich, ob Sirkka Vuori überhaupt wusste, dass er ausgebildeter Arzt war. Oder hörte sich die Frau immer so an, als würde sie einem Vorschulkind das Abc-Buch vorlesen?

»Hast du die Erkrankung der Herzkranzgefäße und den Blutdruck weiter im Griff ?«

»Die Medikamente wirken«, sagte Ratamo, und ihm wurde plötzlich auf beängstigende Weise bewusst, was für ein kranker Mann er war. »Allerdings liegen im Medikamentenschrank jetzt schon so viele Pillen, dass ich mir bald so ein Dosierding besorgen muss. Vier Fächer für jeden Tag, die Morgenmedizin, die Tagesmedizin, die Entwurmungsmedizin ...«

Sirkka Vuori unterbrach ihn: »Und du gehst weiter zur Physiotherapeutin?«

Ja, ich gehe mit der Physiotherapeutin ein Bier trinken, dachte Ratamo, sagte aber nur das erste Wort.

Sirkka Vuori zuckte die Achseln. »Gibt es mit der Hüfte irgendwelche Probleme, starke Schmerzen ...«

Ratamo schüttelte den Kopf. »Leichte Schmerzen und so ein Klopfen gehören vermutlich dazu.«

Sirkka Vuori schrieb etwas in ihre Unterlagen. »Der Prozess der Knochenbildung müsste schon abgeschlossen sein, also melde dich sofort, wenn die Schmerzen zunehmen«, sagte die Ärztin und schlug die Mappe auf ihrem Schreibtisch zu.

»Ist das alles?«

»Alles ist in Ordnung. Die nächste Kontrollaufnahme wird erst in zwei, drei Jahren gemacht, wenn alles gut verläuft, und warum sollte es das nicht. Du bist in ausreichendem Maße arbeitsfähig, um deine Aufgaben als Vorgesetzter wahrzunehmen, von mir aus kannst du auch sofort wieder zur Sicherheitspolizei zurückkehren.«

* * *

Arto Ratamo saß in einer Loge des Traditionsrestaurants Sea Horse in der Kapteeninkatu ganz in der Nähe seiner Wohnung und starrte abwesend auf die Seepferdchen des Gemäldes, das im Hauptsaal die ganze hintere Wand einnahm. Er hatte zu Mittag gegrillte Leber gegessen, weil er die nicht selbst zu Hause zubereiten konnte, und dazu ein großes Bier getrunken. In einer Hand bewegte er routiniert zwei Eisenkugeln mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern. Er konnte die schweren Kugeln nun schon so schnell drehen, ohne dass sie sich berührten. Die Chinesen verwendeten Baodingkugeln bereits seit Hunderten, wenn nicht Tausenden Jahren, um Stress abzubauen – man glaubte, dass sie die Akupunkturpunkte der Hand aktivierten. Bei dem Unfall waren zwei Knochen in Ratamos linker Hand gebrochen, und nach dem Abnehmen des Gipses wirkte die Hand schwach und wie verkümmert, deshalb hatte Riitta Kuurma ihm die Baodingkugeln geschenkt in der Hoffnung, dass die Handmuskeln gekräftigt wurden, wenn er mit ihnen hantierte. Ratamo wusste nicht, ob er sie wegen ihrer therapeutischen Wirkung in der Hosentasche mit sich herumtrug oder als Erinnerung an Riitta.

Er schaute auf seine Uhr, runzelte die Stirn, leerte sein Glas und verließ das Lokal, das auch bekannt war unter dem Namen »Schweinestall«. Bis zur Zentrale des Finnischen Roten Kreuzes in der Tehtaankatu am Kaivopuisto-Park waren es nur ein paar hundert Meter, die er zu Fuß zurücklegte. Er war auf dem Weg zu Meri Jaakkola, der Leiterin der Krisenpsychologengruppe des Finnischen Roten Kreuzes, einer Frau, die ihm vielleicht mehr geholfen hatte als jeder andere Mensch zuvor. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus hatten sie mehrmals stundenlang über den Unfall geredet, über sein Privatleben und die Gefühle, die damit einhergingen, und über die Methoden, mit denen er künftig alles bewältigen könnte. Meri Jaakkola nannte diese Treffen psychologische Debriefings, Ratamo nannte sie seine Rettung.

Er ging am massiven, wuchtigen Gebäude der russischen Botschaft vorbei und bemerkte erst jetzt, dass die Möwen schrien. Der Tag war heiter, im Gegensatz zu seinem Gemüt.

Als Ratamo das rote Ziegelgebäude erreichte, in dem das Finnische Rote Kreuz SPR seinen Hauptsitz hatte, drückte er auf den Knopf der Sprechanlage am Aufgang A, gelangte in die Räume des SPR-Zentralbüros und suchte sich selbst den Weg zum Arbeitszimmer der Krisenpsychologin.

Die Tür stand offen. Meri Jaakkola hielt eine lange Holzstange mit beiden Händen im Nacken und bog ihren Oberkörper nach links und nach rechts.

»Stabgymnastik ist gut für den Rücken«, erklärte die etwa fünfzigjährige, leicht übergewichtige Psychologin und lächelte verlegen. »Du kommst zu früh.«

Ratamo setzte sich. »Ich war gerade bei der Arbeitsmedizinerin. Ich will die beiden Nachuntersuchungen an einem Tag erledigt haben.«

»Das ist eine Folgesitzung. Und zwar die letzte«, erwiderte Meri Jaakkola und setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie betrachtete Ratamo in aller Ruhe, als könnte sie von seiner äußeren Erscheinung seinen psychischen Zustand ablesen.

»Die SUPO wird vermutlich deine Meinung über meine Arbeitsfähigkeit hören wollen?«, sagte Ratamo.

Meri Jaakkola schnupperte hörbar, bemerkte eine leichte Bierfahne und lächelte. »Was denkst du? Bist du in Ordnung?«

Ratamo verzog den Mund. »Angstzustände habe ich noch, aber selten. Meist in Alpträumen und im Straßenverkehr.«

»Ängste beherrschen und mit ihnen umgehen kann nur, wer sich seine Ängste eingesteht und fähig ist, mit jemandem über sie zu reden. Du kannst beides. Angstzustände zu verneinen und zu unterdrücken wäre der schlimmste aller möglichen Fehler.«

Ratamo schwieg.

»Hast du angefangen, Situationen zu meiden, in denen Ängste auftreten?«

»Im Gegenteil.«

»Gut, das würde auch nur dazu führen, dass die Angstzustände zunehmen«, sagte Meri Jaakkola. »Und wie sieht es mit dem Privatleben aus, mit dem Alleinsein und ... Riittas Fehlgeburt? Wie bist du nach deinem Empfinden mit all dem fertig geworden?«

Ratamo wandte den Blick von der Krisenpsychologin ab und beobachtete eine Bachstelze, die auf dem Fensterbrett mit dem Schwanz wackelte.

Meri Jaakkola musterte Ratamo erneut. »Du willst nicht mehr so offen wie bei unseren ersten Treffen über deine Privatangelegenheiten reden. Ich kann daraus nur nicht so recht ableiten, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist. Kommt allmählich wieder deine alte, zurückhaltende Art zum Vorschein, oder bist du dabei, deine Traumata tief in dir drin einzukapseln?«

»Wir haben doch schon alles durchgesprochen.«

»Man würde dich, falls du es wünschst, problemlos noch weiter krankschreiben. Du hast schließlich genug Schlimmes durchgemacht. Ein fast verhängnisvoller Verkehrsunfall, eine äußerst schwere Verletzung, der Verlust deines ungeborenen Kindes, das Ende einer Partnerschaft ...«

»Ich will arbeiten«, verkündete Ratamo mit fester Stimme.

2

Montag, 26. August

Der Mann war bereit. Er fühlte eine überirdische Kraft, als das Fadenkreuz des Zielfernrohrs seiner Armbrust auf dem Herzen des Opfers lag. Mitten in der ostfinnischen Wildnis hörte man nur das Seufzen der Nadelbäume und in der Ferne das Kullern eines Birkhahns. Im Morgendunst roch es nach Harz und Heidekraut. Das Opfer stand fünfzig Meter entfernt am Rand des Sumpfes und ahnte nicht im mindesten, dass es schon sehr bald sterben würde. Der Mann, der sein Gesicht mit zerdrückten Pflanzen grün gefärbt hatte, lag gegen die Windrichtung unter Moosbüscheln zwischen zwei Steinen und atmete die drückend warme Luft des Spätsommers langsam und ruhig ein. Er fühlte sich eins mit diesem Wald, weil er schon seit drei Jahren in dessen Rhythmus lebte, sich von all dem, was er zu bieten hatte, ernährte und mit ihm den Sauerstoff teilte. Jetzt gab es nur den Mann, die Waffe und das Opfer.

Der Kohlefaserbolzen der tarnfarbenen Armbrust vom Typ Barnett Predator zischte mit einer Geschwindigkeit von hundertvierzehn Metern pro Sekunde los, durchschlug die dicke Haut des fünfhundert Kilo schweren Elchbullen und drang in den Herzmuskel ein. Das Tier zuckte zusammen wie durch einen Elektroschock und raste dann in vollem Galopp in das Gehölz zwischen Kiefern und abgestorbenen Föhren des Urwalds.

John Jarvi schloss die Augen und versuchte, sich an Stelle des Elches jene Männer vorzustellen, die für den Tod seiner Frau und des Würmchens verantwortlich waren. Für einen flüchtigen Augenblick empfand er eine überirdisch wohltuende Befriedigung. Er tötete Tiere, um seinen Hass abreagieren zu können. Jarvi sprang in seinem Versteck auf, schüttelte sich die meisten Moosbüschel ab und stürmte dem Elch hinterher. Er fluchte innerlich, als er sah, dass der Bulle in die falsche Richtung abgebogen war: Wenn das zwei Meter hohe und fast drei Meter lange Tier es bis zum Sumpf schaffte, könnte es einsinken, und er wäre auf keinen Fall imstande, es allein rauszuzerren.

Nach gut hundert Metern wurde der Elch langsamer, schließlich blieb er keuchend stehen und senkte sein Geweih mit neunzehn Enden. Es dröhnte dumpf, als der massige Körper des Tieres am Rande des Sumpfes zusammenbrach. Dann zog am Nordufer des Koiterejärvi-Sees im Nationalpark Patvinsuo wieder Stille ein, eine so vollkommene Stille, wie sie nur in einem unbewohnten Einödwald an einem sonnigen Morgen möglich war, wenn sich kein Lüftchen regte.

Jarvi blieb vor seiner Beute stehen, er bewunderte den majestätischen Anblick des Tiers und wartete – er wollte sichergehen, dass der Bulle tot war. Schon ein einziger Stoß mit dem Geweih würde ihn durchlöchern wie ein Sieb. Er zog ein Elchmesser aus der Scheide an seinem Gürtel und statt eines Gnadenschusses stieß er die zehn Zentimeter lange Klinge in den Nacken des Tieres. Nun musste er den Elch abstechen. Er suchte mit den Fingern eine Vertiefung an der Brust des Bullen, bohrte das Messer in den Körper und bewegte die Klinge hin und her, bis die großen Blutgefäße rissen. Dann zog er das Messer heraus, und das Blut strömte aus dem Körper. Das Abziehen, Ausweiden und Zerlegen des Tieres nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Die Arbeit war wie Medizin für seine Wunden: Er stellte sich dabei vor, einen der Verantwortlichen zu zerschneiden, die an allem schuld waren. Schließlich holte Jarvi seinen Ackja, der neben der Feuerstelle stand, und belud ihn randvoll mit Bratenfleisch. Um den Elchkadaver würden sich die Bären kümmern, die ungehindert über die fünfundzwanzig Kilometer entfernte Staatsgrenze zu Russland kamen und gingen. Für Meister Petz existierte nur eine, ungeteilte Wildnis. Jarvi machte sich auf den Rückweg zu seiner abgelegenen Hütte im Wald, der Schlitten aus Plastik glitt über die Mooshöcker, die feucht vom Morgentau waren.

Der Nationalpark von Patvinsuo war hervorragend geeignet für ein Versteck, solange man im Urwald blieb und sich von den Vogelbeobachtungstürmen und den gekennzeichneten Pfaden fernhielt. Von Jarvis Blockhütte in der Nähe des Koiterejärvi waren es bis zum nächsten Sandweg fünf und bis zum nächsten Lebensmittelladen etwa vierzig Kilometer. Kennengelernt hatte er die Gegend in seiner Kindheit, als er mit dem Großvater hier gewesen war. Die Familie seiner Mutter besaß immer noch einen alten Hof mit Waldwirtschaft nahe am Pielinen-See.

Jarvis Tarnanzug war schweißdurchtränkt. Er öffnete die Tür der Hütte und lächelte beinahe, als er sah, wie sich Lady über seine Rückkehr freute. Er hatte den Rotfuchs als verwaistes Junges gefunden, und am Ende war es ihm gelungen, das Tier zu zähmen. Lady war drei Jahre lang sein einziger Gesprächspartner gewesen, wenn man die Verkäuferinnen im Dorfladen von Uimajärvi nicht mitzählte; mit ihnen konnte Jarvi ein-, zweimal im Monat schwatzen. Wanderern und anderen Naturfreunden war er absichtlich aus dem Weg gegangen. Je weniger von dem Einsiedler am Ufer des Koiterejärvi wussten, desto besser.

Jarvi schnitt das Elchfleisch kleiner, streute grobes Salz auf den Boden großer Holzbottiche, legte die Fleischklumpen hinein und streute eine zweite Schicht Salz darauf. Morgen würde er das Fleisch zum Räuchern auf die Stange in der Rauchsauna hängen. Die Hütte besaß keinen Stromanschluss, und er hatte darauf verzichtet, eine Kühltruhe oder einen Kühlschrank mit einem Generator zu betreiben, dessen Geräusch über das Wasser kilometerweit getragen würde. Jarvi wollte keine Werbung für sein Versteck machen.

Er holte sich aus der Stube einen Emaillebecher mit selbstgebranntem Schnaps und dazu Quellwasser und setzte sich in den Sand am Seeufer. Von dieser Stelle aus pflegte er oft Singschwäne und Gänse zu beobachten und Kraniche, die auf den Uferwiesen umherstelzten. An diesem warmen Morgen sah man draußen auf dem Koiterejärvi nur einen Haubentaucher mit seinem Federbusch.

Heute jährte sich der Tag, an dem er untergetaucht war, er hielt sich jetzt seit genau drei Jahren hier versteckt. Und wartete. Die Gegend erinnerte ihn sehr an seine Heimat in Nord-Minnesota nahe der kanadischen Grenze, er stammte aus dem Zweitausend-Seelen-Dorf Lakewood. Es lag auch direkt am Rand einer Wildnis, in der Nachbarschaft riesiger Naturschutzgebiete und des Lake Superior, den die Finnen Yläjärvi nannten. Der Vater seines Großvaters, Artturi Vuorijärvi, war in den dreißiger Jahren aus Mittel-Österbottnien in diese Region gekommen. Jarvi erinnerte sich, dass sein Großvater erzählt hatte, in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts seien über eine Viertelmillion Finnen nach Amerika ausgewandert. Im Laufe der Zeit hatte sein Familienname der leichteren Aussprache wegen eine kürzere Form angenommen  – Jarvi. Auch John sprach Finnisch, aber nicht aus Interesse daran, die Sprache von seinen Verwandten zu lernen oder in der Hauptstadt von Nord-Minnesota, in Duluth, finnische Sprachkurse zu besuchen, sondern weil sein Großvater ihn gezwungen hatte, schon als kleiner Junge die Sprache des alten Landes zu lernen. Und dem Großvater hatte man gehorchen müssen, der Alte besaß nämlich die Angewohnheit, Meinungsverschiedenheiten mit seinem Ledergürtel beizulegen. Dieser Scheißkerl hatte ihn gezwungen, auf seinem Hof zu schuften wie ein Sklave. Jarvis einzige angenehme Erinnerungen an seine Kindheit hingen ohne Ausnahme mit ihren Jagdausflügen zusammen, mit der Waffe in der Hand waren sie gleichberechtigt gewesen. Er hatte damals nur den Großvater gehabt. Mutter war viel zu jung an Brustkrebs gestorben, und der Vater hatte ihn verlassen. Er war zum Militär gegangen und hatte sich danach nie wieder gemeldet. Seine ganze Kindheit und Jugend hatte John mit dem Großvater verbracht, begraben auf dem Lande.

In Gedanken kehrte er zu Emily zurück, und der kurz eingeschlafene Hass erwachte wieder. Er hatte Lust, auf irgendetwas zu schießen, egal auf was. Das war seit der Zeit als kleiner Junge sein Mittel, sich abzureagieren. Schon sein ganzes Leben lang hatte er gejagt: erst Ratten, Eichhörnchen und Hasen mit einem Gewehr mit Geradezugverschluss von Springfield, das ihm sein Großvater zum achten Geburtstag geschenkt hatte, danach Flugwild mit der Schrotflinte und später Elche und wilde Rentiere mit dem Gewehr. Nie hätte er als Junge geahnt, dass seine Jagdleidenschaft einmal für sein ganzes Leben richtungsweisend sein würde.

Jarvi erhob sich abrupt, er ging mit der Hacke in den Gemüsegarten, erntete eine Schüssel voll Kartoffeln und ein halbes Dutzend Möhren und schnitt sich dann vom Elchfleisch ein reichliches Stück für ein Steak ab. Im Keller unter den Dielenbrettern der Stube fand sich eine Büchse Sahne. Er setzte die Kartoffeln für sein Festessen auf, goss sich erneut Selbstgebrannten und Wasser in den Emaillebecher, ging zurück ans Ufer und ließ die Gedanken wieder in seine Kindheit wandern.

Seine Leistungen in der Schule waren eher schlecht gewesen, hauptsächlich deshalb, weil er das Herumsitzen in geschlossenen Räumen und den Zwang, sich ständig an der gleichen Stelle aufzuhalten, nicht ertragen konnte. Er war es gewöhnt, seine Zeit in der Natur zu verbringen. Zur Überraschung des Großvaters –  und in gewisser Weise auch zu seiner eigenen – ließ er sich sofort nach dem Ende der Schulzeit von der Marine anwerben. Vermutlich hatte er sich eingebildet, dort in aller Ruhe über seine Zukunft nachdenken zu können. Es erschien unbegreiflich, dass seitdem erst elf Jahre vergangen waren. Frustriert vom gemächlichen Rhythmus bei der Marine, hatte er sich nach einem knappen Jahr mit Erfolg für den Basistrainingskurs der Spezialeinheit SEALs beworben und das begehrte Dreizackabzeichen der Truppe erhalten, und natürlich war er bei der Scharfschützenausbildung gelandet. Damit fing die Hölle an. Er hatte an fast allen Kämpfen der Operation Iraqi Freedom in den Jahren 2003–2010 teilgenommen und hundertsechs bestätigte Tötungen auf seinem Konto. Er bereute sie nicht – das Töten war sein Job gewesen –, mit einer Ausnahme, vielleicht. Am 16. Oktober 2005 hatte er am Stadtrand von Falludscha eine schwangere Frau erschossen. Sie war mit einer Granate in der Hand auf die Stellung der Marineinfanterie zugegangen, die tödliche Kugel war in einer Entfernung von tausendvierhundert Metern abgefeuert worden. Wegen dieser Tötung hatten die Aufständischen ihm den Namen Al-Shaitan Falluja gegeben, der Teufel von Falludscha, und eine Prämie von 20 000 Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt.

Ende 2005, nach den Ereignissen in Falludscha, hatte er die Nase voll gehabt vom Krieg und seine Versetzung aus der Scharfschützeneinheit beantragt – und war beim Nachrichtendienst CIA gelandet. Er hatte Häftlinge verhört oder besser gesagt gefoltert. Die CIA hatte in Europa, im Nahen Osten, in Asien und Nordafrika etwa dreißig geheime Antiterror-Aufklärungszentren, CTI-Zentren und viele geheime Gefängnisse besessen.

Schon nach einem Jahr hatte Jarvi das Foltern sattgehabt, aber diese kurze Zeit reichte aus, alles kaputtzumachen. Die Ereignisse dieses Jahres hatten ihm Emily und sein Kleines genommen und ihn gezwungen, sich hier zu verstecken. Ein gesichtsloser Apparat hatte sich sein Leben angeeignet, es nach seinem Gutdünken ausgenutzt und ihn schließlich aufs Abstellgleis geschoben und warten lassen, wie einen Weihnachtsschmuck, der nicht verkauft worden war.

Plötzlich spitzte Jarvi die Ohren. Das Geräusch war schwach und kam aus der Hütte, hatte er vergessen, das Transistorradio auszuschalten? Er ging zur Tür des Blockhauses und begriff, woher das Surren kam – es war der Piepser des Satellitentelefons. Es kündigte mit seinem Alarm einen bevorstehenden Anruf an. Das erste Mal seit drei Jahren.

Jarvi holte das Telefon aus einer Holzkiste unterm Bett hervor, zog die Antenne heraus und ging vor der Hütte zu der Stelle mit dem besten Empfang. Je länger er auf das Klingeln des Telefons warten musste, umso nervöser wurde er.

Endlich erklang der Rufton des Telefons, und Jarvi meldete sich.

»Ich habe sie gefunden«, verkündete der amerikanisches Englisch sprechende Anrufer sehr ruhig, aber stolz.

Jarvi erkannte die Stimme von Commander Rick Baranski, seinem Vorgesetzten, sofort, obwohl er sie drei Jahre lang nicht gehört hatte. Es schien so, als wären die letzten Jahre auf einen Schlag gelöscht. Er dürfte unter die Lebenden zurückkehren.

»Es sind sieben, und du darfst sie alle erledigen. Die zwei ersten sind derzeit aus beruflichen Gründen in Finnland, deswegen wurde dieser Zeitpunkt gewählt«, erklärte Commander Baranski und nannte Jarvi den Namen der ersten Zielperson.

»Auf dem Hinrichtungsvideo waren nur drei Männer zu sehen«, erwiderte Jarvi.

Es dauerte eine Weile, bis Baranski antwortete. »Diese beiden haben die Aufständischen für die Hinrichtung Emilys bezahlt. Deswegen wurde für sie nie eine Lösegeldforderung gestellt. Genauere Informationen habe ich auch nicht. Mach dich auf den Weg, geh wieder unter die Leute und melde dich«, sagte Baranski und brach die Verbindung ab.

Auf diesen Tag hatte Jarvi seit langem gewartet. Diese Hoffnung war für ihn Anreiz gewesen, weiterzuleben. Er hatte seinen Hass gepflegt und gehegt wie sein Kind; der Hass hatte ihn am Leben gehalten.

Jarvi ging in seine Blockhütte, öffnete den Laptop, der Strom aus dem Autoakku bekam, und startete das Hinrichtungsvideo der Aufständischen. Er hatte es sich in den drei Jahren kein einziges Mal angesehen, und auch damals nicht richtig. Jetzt zwang er sich, das vor Entsetzen bleiche Gesicht seiner Ehefrau anzuschauen, stellte das Bild schärfer ... Der Hass drang in seinen Kopf spitz wie ein Eispickel. Jarvi kannte die Redewendung, Rache würde kalt am besten schmecken, aber diese Lebensweisheit könnte er nicht auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen. Sein Hass war im Laufe der Zeit keinen Deut abgekühlt. Es war seine Schuld, dass Emily entführt und getötet worden war – und mit ihr das Kind, das Ungeborene, das nur ein Zukunftsversprechen war. Wenn er nicht von Emily verlangt hätte, zu ihm ins Camp Victory zu kommen ... Er war genauso schuld wie diese drei Scharfrichter mit ihren schwarzweißen Tüchern.

Aber jetzt wollte er das alles sühnen.

3

Montag, 26. August

Arto Ratamo stand im K-Market Pietari in Ullanlinna an der Kasse und packte seine Einkäufe in eine Plastiktüte. Er selbst wäre mit Konserven und indischer Gewürzpaste ausgekommen, aber Nelli musste etwas Richtiges essen. Er schaute verstohlen zu einer etwa siebzigjährigen Frau, die mit einem irren Glanz in den Augen Münzen in Spielautomaten stopfte. Sie spielte gleichzeitig an drei verschiedenen Geräten und überwachte ihr Revier mit argwöhnischen Blicken wie eine Wölfin ihren Bau. Es schien so, als hätten die munteren Melodien und die rotierenden Bilder der Automaten die Frau in Trance versetzt. Ganz offensichtlich eine Casino-Oma, überlegte Ratamo, garantiert steckt die ihre ganze Rente in diese Kästen, und wenn das Geld alle ist, dann steht sie da und beobachtet die anderen beim Spielen. Ratamo vermutete, dass die Frau ihren Platz als Diensthabende am Automaten erst räumen würde, wenn die Jungs vom Wachdienst sie mit Gewalt hinausschleppten, sobald der Laden in einer Viertelstunde seine Pforten schloss.

Er trat auf die Straße und ging zu seinem VW, für den ausnahmsweise ein Parkplatz direkt neben dem Geschäft frei gewesen war. Natürlich hatte er seinen Käfer nach dem Unfall reparieren lassen, immerhin waren sie bereits seit Jahrzehnten Weggefährten. Und bei dem Schneesturm im vergangenen Herbst standen sie gemeinsam schon mit einem Bein in der letzten Tiefgarage, der mit dem Leichengeruch und ohne Ausgang. Er würde zusammen mit seinem Käfer rosten, dachte Ratamo, obwohl er wusste, dass Titan nicht rostete. Bei der Reparatur war es nicht mehr gelungen, den VW vom Baujahr 1972 mit seinem Stoffverdeck in Bestform zu bringen, also hatte er den Wagen einer Änderungsprüfung unterziehen und in einen Oldtimer umwidmen lassen. Mit dem Auto durfte man an dreißig Tagen im Jahr fahren, was bei dem Klima in Finnland mehr als genug war – vor allem da die Behörden generell nicht in der Lage wären, Buch darüber zu führen, wann er seinen treuen Gefährten tatsächlich benutzte.

Ratamo stellte den Beutel mit den Lebensmitteln auf den Rücksitz, setzte sich ans Steuer und startete erst den Wagen und dann die Stereoanlage. Aus den Lautsprechern strömten die Töne einer Geige von Guarneri del Gesù, gespielt von einem Spitzenviolinisten, der auf einem Album der Klezmer-Band Kroke gastierte. Ratamo schob sich zwei Snusbeutel aus seiner letzten Dose in den Mund. Eine neue Dose General wollte er sich nicht mehr holen, es war einfach zu anstrengend, diese Gewohnheit vor Nelli geheim zu halten.

Er beschloss, seinem Auto etwas frische Luft im Grünen zu gönnen und nahm Kurs auf das Meeresufer und die Insel Hernesaari, ohne sich darum zu kümmern, dass sein Tiefkühlgemüse auftaute. Den schönen Abend musste man genießen. Die Sonne war gerade am Horizont verschwunden, aber die offene See glänzte immer noch im rötlichen Licht. Es war kurz vor neun Uhr abends, und Nelli kam nur selten vor der von ihm auf zehn Uhr festgelegten Deadline nach Hause. Ratamo hatte sich immer wohl gefühlt, wenn er für sich war und seine Ruhe hatte, aber nun stellte er fest, dass er sich, seit Riitta weg war, immer öfter davor drückte, in seiner Wohnung allein zu sein. Das war kein gesunder Zug, aber schließlich war er auch kein gesunder Mann. In dieser Wohnung in der Korkeanvuorenkatu hatten er und Riitta von der Schwangerschaft erfahren, fünf Tage waren ihnen geblieben, dort über ihr Kind zu reden, und dort hatte Riitta das Kind auch verloren.

Ratamo stellte den Wagen auf dem Innenhof seines Wohnhauses an der Ecke von Korkeanvuorenkatu und Vuorimiehenkatu ab, stieg die Treppe hinauf bis zu seiner Wohnung. Dass am Namensschild immer noch Riittas Familienname stand, ignorierte er bewusst. Er ließ seine Schuhe in der Flurecke fallen und brachte gerade die Einkäufe in die Küche, als irgendwo ein helles Lachen erklang.

Er ging ins Wohnzimmer und sah Nelli und ein anderes Mädchen, sie standen an den Fenstern des Erkers und schauten hinüber zum kleinen Park an der Vuorimiehenkatu. »Du bist aber früh nach Hause gekommen«, sagte Ratamo zu seiner Tochter, die mit Kopfhörern im Rhythmus der Musik wackelte. Keine Reaktion. Er legte die Hand auf Nellis Schulter.

Das Mädchen zuckte so zusammen, dass sie mit der Hand Lenins Gipsbüste vom Fensterbrett fegte. Ratamo bückte sich instinktiv, fing die herabfallende Büste auf und fluchte, als der Schmerz durch seine Hüfte schoss.

»Warum zum Teufel jagst du mir auch so einen Schreck ein?«, rief Nelli sichtlich wütend.

»Ich habe mich nur gewundert, dass du schon um diese Zeit zu Hause bist«, erwiderte Ratamo zu seiner Verteidigung, er hielt sich das Kreuz und betrachtete neugierig Nellis Freundin. Das Mädchen war dunkel und schön, vielleicht stammte sie aus dem Nahen Osten oder der Türkei. Sie wirkte ein wenig älter als Nelli und schaute ihn selbstbewusst an. Die Arme des Mädchens waren mit Hennatattoos bedeckt und ihre Augen im Gothic-Style geschminkt.

»Shirin Navabi. Man nennt mich Siiri«, sagte das Mädchen auf Finnisch, reichte ihm aber nicht die Hand.

»Arto. Nellis Vater.« Ratamo wandte sich seiner Tochter zu. »Wollt ihr etwas essen?«

»Das bestimmt nicht. Ich hab gedacht, du bist wieder saufen«, antwortete Nelli. Sie nahm ihre Freundin am Arm, und ehe Ratamo etwas sagen konnte, waren beide in Nellis Zimmer verschwunden.

Ratamo wischte den Staub von Lenins kahlem Scheitel und setzte die Gipsbüste wieder zurück aufs Fensterbrett neben die von Elvis und Urho Kekkonen. Die Hüfte schmerzte. Auf dem Weg in die Küche verpasste er dem uralten Sandsack, der neben der Badezimmertür hing, vor Wut einen derart heftigen Schlag, dass die Sägespäne stoben.

Die Wohnungstür wurde gerade in dem Moment zugeknallt, als Ratamo die Einkaufstüte auf den Tisch hob, um sie auszupacken.

»Ist alles in Ordnung ?« Der grauhaarige Ex-SUPO-Chef Jussi Ketonen, der in seinem jetzigen Zustand nur knapp zwanzig Kilo Übergewicht hatte, war auf der Schwelle der Küche erschienen.

Ratamo nahm eine Packung mit acht 0,33-Liter-Flaschen aus der Plastiktüte, und Ketonens Miene hellte sich auf. »Ich habe es geahnt, dass man hier den Fußball zu schätzen weiß.«

»Hast du immer noch die Schlüssel?«, raunzte Ratamo. Er hatte schon wer weiß wie oft darum gebeten, dass Ketonen, der ständig ungeladen hier auftauchte, die Ersatzwohnungsschlüssel endlich zurückgab. Ketonens Frau war Nellis Großmutter, und das Rentnerehepaar hatte in den vergangenen Jahren bei ihnen öfter als gesetzlich erlaubt das Kindermädchen gespielt.

»Im Fernsehen kommt eine Zusammenfassung von den gestrigen Spielen aller europäischen Spitzenligen. Marketta lässt mich immer noch nicht diese Sportkanäle im Bezahlfernsehen bestellen«, klagte Ketonen. »Wollen wir nicht die Sauna anheizen? Ich kann zu Hause nicht aufgießen, weil Marketta im Laufe des Sommers aus der Sauna für sich einen neuen Ankleideraum gemacht hat. Für mich würde die Sauna in der Ferienhütte reichen, sagt sie, und die im Haus, einmal in der Woche, wenn wir dran sind. Und beim Zustand meiner Pumpe sowieso. Ich habe übrigens Elchwurst mitgebracht, frisch aus der Markthalle.«

Ratamo antwortete nicht.

»War die Untersuchung beim Arzt unerfreulich?« Ketonen wurde ernst und schob die Hände unter seine Hosenträger.

Ratamo schüttelte den Kopf. »Ich fange morgen an zu arbeiten. Es gibt jetzt nur noch ziemlich viel, worüber ich nachdenken muss.«

Ketonen schob die Elchwurst in den Kühlschrank und setzte sich auf den Hocker. »Bei der SUPO sind während deiner Krankschreibung merkwürdige Dinge passiert. Der Chef wurde ausgetauscht, es gibt den Verdacht des Amtsmissbrauchs, Mobbing, Sex im Auto und das im Dienst ... Alte Bekannte sagen, die Stimmung sei ziemlich chaotisch.«

»Bestimmt nicht so chaotisch wie bei mir«, entgegnete Ratamo schroff. »Und bei der SUPO hat es doch in der letzten Zeit auch interessante Fälle gegeben. Terrorismus, Menschenhandel, die Ermittlungen zu den Flügen des CIA mit Gefangenen ...«

»Weißt du schon, ob du an deine alte Arbeit zurückkehren kannst? Wenn jemand krankgeschrieben ist, dürfen seine beruflichen Aufgaben eigentlich nicht geändert werden, aber in der Praxis sieht das natürlich etwas anders aus. Meines Wissens hat die Einheit zur Terrorismusbekämpfung bereits einen neuen Chef.«

»Na ja, zumindest werden sie mich ja schließlich kaum in die Abteilung versetzen, wo ich draußen irgendjemanden überwachen muss. Mit dieser Hüfte macht man nicht allzu viel Sport.« Ratamo klopfte auf seine Titanhüfte, die hohl klang.

»Otto Hirvonen ist jetzt der Chef. Zumindest bis Wrede aus dem EU-Lagezentrum nach Finnland zurückkehrt. Wenn er zurückkehrt. Nimm dich vor dem Mann in Acht.«

Jetzt erwachte Ratamos Interesse. »Vor welchem von beiden?«

»Vor beiden. Aber im Moment vor allem vor Otto Hirvonen. Angeblich mag er dich nicht besonders. Otto Hirvonen ist einer von denen, die auch mit der Dienstvorschrift aufs Scheißhaus gehen. Und dein Ruf ist halt so, wie er ist.«

Ratamo zuckte die Achseln. Er hatte während des vergangenen Jahres so viel Schlimmes erlebt, dass ihn irgendwelches Tauziehen auf seiner Arbeitsstelle nicht sonderlich beunruhigte.

»Hirvonen ist ein machthungriger Mann.« Ketonen sprach wie zu sich selbst. »Und die Machtfülle der SUPO hinter den Kulissen ist in der letzten Zeit erheblich gewachsen. Wir reden jetzt nicht von der Zwangsgewalt der Polizei des Präsidenten, sondern von etwas viel Wertvollerem – vom Einfluss. Die SUPO berichtet heutzutage den höchsten Entscheidungsträgern des Staates, dazu den Ministern und weiteren wichtigen Politikern mehr als je zuvor. Für die Machthaber werden pro Jahr weit über hundert geheime Berichte ausgearbeitet und ihnen zugeschickt, und das Tempo nimmt weiter zu. Der Präsident, der Ministerpräsident, der Außenminister und der Innenminister erhalten natürlich fast täglich einen Aufklärungsbericht der SUPO, aber heute werden die Berichte schon viel umfassender an Politiker verteilt. Die Botschaft der SUPO, die von ihr gezeichneten Bedrohungsbilder insbesondere in Hinsicht auf Russland und den Terrorismus, breiten sich schon in den politischen Reden und in den Medien aus. Du solltest im Bilde sein, Junge, da du nun wieder arbeiten gehen willst.«

»Na, dann heizen wir mal die Sauna an.«

4

Montag, 26. August – Dienstag, 27. August

Das zur artenreichen Unterordnung der Mücken gehörende Stechmückenweibchen besaß zwei Flügel, ein Paar Schwenkkölbchen, einen schlanken Leib, einen Saugrüssel und etwas längere Beine als ihre Artgenossen. Das Individuum war eine Waldmücke (Aedes cantans) und genau einen Zentimeter lang, sie wog in ihrem jetzigen Zustand 2,1 Milligramm, war zwei Wochen alt und hatte damit so gut wie die Hälfte ihres Lebens hinter sich. Das Mückenweibchen saugte bei jedem beliebigen Lebewesen Blut, das es brauchte, um Nachwuchs zu entwickeln. Sich selbst ernährte die Mücke mit Blütennektar. Das schrille Summen verstummte, als sie auf dem behaarten Arm landete. Auch dieses Opfer hatte das Mückenweibchen dank des ausgeatmeten Kohlendioxids, des Schweißgeruchs und der Wärmeausstrahlung der Haut gefunden. Von Milliarden anderer Mücken, die in Finnland herumschwirrten, unterschied sich die Mücke nur insofern, als gerade sie es war, die ihren Saugrüssel in die Haut eines Mannes namens John Jarvi bohrte.

Jarvi erschlug das Insekt auf seinem Bizeps und wünschte sich, er könnte seine Zielperson genauso leicht erledigen. Vierunddreißig Stunden nach dem Satellitentelefonat am Ufer des Koiterejärvi stand Jarvi in neuen Jeans und einem schwarzen Pikeehemd in Espoo am Haupteingang des Kongresszentrums Dipoli in Otaniemi, rauchte eine Zigarette und trat unruhig von einem Bein aufs andere. Er hatte Commander Baranski sofort nach seiner Rückkehr ins normale Leben angerufen, von ihm Anweisungen erhalten und war dann mit seinem uralten Renault Mégane nach Helsinki gefahren. Den gestrigen Abend und den ganzen heutigen Tag hatte er seine Zielperson beobachtet, einen etwa vierzigjährigen Polen, den er nie zuvor in seinem Leben gesehen und dessen Namen er seines Wissens nie gehört hatte. Der Mann nahm an einer Konferenz des Technologieforschungszentrums zum Thema »Die Herausforderungen der Renaissance der Kernkraft« teil, auf der laut Programmflyer die Mechanik der Strukturen in der Reaktortechnologie behandelt wurde, was auch immer das bedeutete. Ihm blieb beängstigend wenig Zeit, der Pole würde Finnland schon am nächsten Tag verlassen.

Es ärgerte Jarvi, dass Baranski nicht bereit gewesen war, ihm zu sagen, wieso der Pole damals wollte, dass Emily umgebracht wurde. Vertraute der Commander ihm nicht? Aber er war doch 2005 auf Vorschlag eben von Baranski bei der CIA gelandet. Das war der größte Fehler seines Lebens gewesen; das Jahr in den Antiterror-Aufklärungszentren hätte beinahe seine ganze Menschlichkeit abgetötet. Die CTI-Zentren wurden in Kooperation mit den Aufklärungsbehörden der jeweiligen Gastländer betrieben, aber der Hauptgeldgeber war die CIA, die auch die Entscheidungen traf. Die Mitarbeiter der CTI-Zentren verfolgten, entführten, verhörten und folterten Terrorismusverdächtige und ließen sie mit illegalen Gefangenenflügen und geheimen Gefängnissen überall in der Welt wie durch Zauberkraft verschwinden. Wenn die CIA jemanden mit harten Bandagen verhören wollte, schickte sie den Gefangenen nach Jordanien. Wenn sie foltern wollte, schickte sie den Gefangenen nach Syrien. Wenn sie jemanden verschwinden lassen wollte, schickte sie den Gefangenen nach Ägypten. John Jarvi hatte in all diesen Ländern gearbeitet. Anscheinend war man bei der CIA der Ansicht gewesen, er sei gefühllos oder abgestumpft genug, um alles zu tun, was ihm befohlen wurde.

Jarvi drückte seine Zigarette in einem Säulenaschenbecher aus, als sich die Tore von Dipoli öffneten. Laut Programmheft hätte die Abschlusssitzung der Konferenz schon vor einer halben Stunde, um sechs Uhr, enden müssen. Vielleicht fühlten sich die Kernforscher in den Seminaren wohl. Hass und Rachsucht nagten so heftig an Jarvi, dass es für ihn eine noch größere Qual als sonst war, untätig herumzustehen. Er wollte nur noch eins: Vergeltung. Und es war ihm dabei völlig egal, dass er kaum über Erfahrungen im Kampf Mann gegen Mann verfügte. Als Scharfschütze hatte er all seine Opfer aus der Distanz, aus einer Entfernung von Hunderten Metern, getötet. Terrorverdächtige Gefangene der CIA hatte er natürlich mit eigenen Händen gefoltert, aber das war absolut nach seinen Bedingungen und ohne Angst vor Widerstand abgelaufen. Zwar hatte er bei den SEALs eine Nahkampfausbildung erhalten, die zu den weltweit besten gehörte, aber die Praxis neigte nun mal fast ausnahmslos dazu, von der Theorie abzuweichen. Das hatte er in seiner Laufbahn als Scharfschütze gelernt, als er sah, wie der Kopf des ersten Opfers in Stücke zerfetzt wurde.

Nun strömten korrekt gekleidete Männer und Frauen aus dem Dipoli heraus. Die meisten steuerten den wenige Meter entfernten Taxistand an. Jarvi wartete, bis er seine Zielperson auf dem Weg zum Ende der Taxischlange sah und ging dann zu seinem Wagen auf dem Parkplatz. Er setzte sich hinein, startete den Motor und fuhr zu einer Stelle am Rand der Ausfahrt, von der er aus nächster Nähe alle Dipoli verlassenden Taxis sehen konnte. Als Soldat war es John Jarvi gewöhnt, Befehle auszuführen, aber das hinderte ihn nicht daran, sich zuweilen über sie zu wundern. Natürlich hatte er Baranski gegenüber am Telefon nachdrücklich betont, er sei schließlich Scharfschütze – als wüsste der das nicht –, und nachgefragt, warum er den Polen nicht durch Schüsse umbringen konnte. Die Liquidierungen dürften auf keinen Fall wie geplante Morde aussehen, hatte der Commander geantwortet und dann eine Viertelstunde lang einen Vortrag gehalten, wie man einen Mord wie eine Tötung im Affekt aussehen ließ.

Jarvi gab Gas und beschleunigte seinen Renault auf den Otakaari, als er den polnischen Physiker auf dem Rücksitz eines vorbeifahrenden Audi-Taxis erkannte. Er lauerte schon entnervend lange auf eine günstige Gelegenheit. Am Vorabend hatte der Pole sein Zimmer im Hotel Torni nur für einen kurzen Abstecher in die Foyerbar verlassen, und heute im Dipoli waren einfach zu viele Leute gewesen, um unbemerkt zuschlagen zu können. Jarvi wollte den Polen nicht in dessen Hotelzimmer töten, das Risiko, auf frischer Tat ertappt zu werden, war zu groß. Und hochentwickelte, tödliche und im Organismus schwer nachweisbare Chemikalien konnte er sich in der kurzen Zeit nicht beschaffen.

Vor dem Eingang des Hotels Torni auf der Yrjönkatu stieg die Zielperson aus. Jarvi wusste schon, dass man in der näheren Umgebung keinen freien Parkplatz fand, also ließ er seinen Wagen ungeniert auf dem Fußweg vor dem Lilla Theater und dem Einrichtungsgeschäft stehen. Jarvi betrat das Hotel, nahm sich von einem kleinen Tisch eine Zeitung und setzte sich in einen Sessel an der Wand des Raumes neben dem Foyer. Von hier aus sah man ungehindert den Aufzug und das Treppenhaus. Es war allerdings äußerst unwahrscheinlich, dass der Pole zu Fuß in die siebente Etage ging. Jarvi hatte unter falschem Namen selbst ein Zimmer genommen, um sich frei im Hotel bewegen zu können.

Marek Adamski, der Name ging Jarvi durch den Kopf. Warum hatte der polnische Physiker gewollt, dass Emily starb, in wessen Auftrag hatte der Mann gehandelt? Reue, Sehnsucht, Scham und Hass überkamen ihn, wie immer, wenn er an seine Frau dachte. Sie hatten sich im April  2003 in Bagdad kennengelernt, kurz nach Kriegsbeginn, und noch im selben Sommer in der Kaserne des 26. Regiments der Königlichen Artillerie der Briten in Gütersloh in Deutschland geheiratet. Über ihre Hochzeit war in England sogar in den Zeitungen berichtet worden. Gleich am Anfang hatten sie vereinbart, so lange im Irak zu dienen, wie der Krieg dauern würde, und dabei finanziell das Fundament zu legen, um nach dem Krieg eine Familie gründen und sich niederlassen zu können. Plötzlich hielt der Fahrstuhl im Foyer des Hotels an und Jarvis Gedankengänge brachen ab. Ein junges Pärchen kam Hand in Hand aus dem Aufzug heraus, und Jarvi warf frustriert einen Blick auf seine Uhr. Die Zeit lief ihm davon. Die Zielperson musste doch irgendwo zu Abend essen; blieb nur zu hoffen, dass der Pole nicht ins Hotelrestaurant ging.

Jarvi lehnte sich in seinem Sessel zurück und konnte die Bitterkeit seiner Selbstvorwürfe fast auf der Zunge schmecken. Emily war seinetwegen gestorben. Im August 2005 hatte er in Haditha mit einem tollen Schuss aus einer Entfernung von über einem Kilometer einen Aufständischen getötet, doch der war, wie sich dann herausstellte, der Schwager von Muktada al-Sadr, dem einflussreichsten irakischen Schiitenführer. Und als wäre das nicht schon genug gewesen, hatte er ein Jahr später in einem gemeinsamen Aufklärungszentrum der CIA und des thailändischen Nachrichtendienstes NIA einen Kommandeur der von al-Sadr gegründeten Mahdi-Armee verhört. Er hatte den Mann zwölf Tage lang wach gehalten und zehn Tage an einen Stuhl gefesselt, er hatte sein Opfer an die Wand geworfen und seinen Kopf unter Wasser gedrückt, gerade so lange, dass er nicht ertrinken konnte ... Es war schlimm, sich an den Gestank in der Zelle des Gefangenen, der in seinem eigenen Kot lag, zu erinnern. Am Ende hatte man den Mann in das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba geschickt, und durch irgendeinen freigelassenen Häftling war al-Sadr zu Ohren gekommen, was Jarvi getan hatte. Von da an war er gebrandmarkt. Jarvi war sich absolut sicher, dass Emilys Hinrichtung die Rache für seine Taten war.

Er legte die Zeitung auf seinen Schoß, als der uralte Fahrstuhl wieder polternd im Foyer ankam. Adrenalin strömte durch seinen Körper, als er die Zielperson erblickte, aber zugleich erlebte er eine Enttäuschung – der Pole steuerte zielstrebig die Tür zum Hotelrestaurant an. Jarvi schluckte seinen Fluch hinunter, wartete einen Augenblick, folgte Marek Adamski dann ein Stockwerk hinunter und sah, wie er an einem Ecktisch der Gaststätte eine dunkelhaarige Frau umarmte, die aufgestanden war. Jarvi ging hinaus auf die Kalevankatu, um wieder klar denken zu können. Der Verkehrslärm wirkte berauschend, er merkte, dass er sich zurück nach der Stille der Wildnis sehnte. Er stand lange da, spürte den Geschmack der Abgase und war frustriert. Was würde er tun, wenn er sich an all denen gerächt hatte?

Jarvi ging ins Hotel zurück, bestellte an der American Bar eine Cola und setzte sich auf ein Sofa, von dem er freie Sicht auf die Türen des Restaurants hatte. Wie zum Teufel brachte er den Polen nur dazu, das Hotel zu verlassen? Es war kurz vor acht Uhr abends und Adamskis Maschine flog am nächsten Mittag. Es konnte gut sein, dass sich der Physiker nach dem Abendbrot in sein Zimmer zurückzog. Womit könnte er Adamski aus seinem Zimmer hinausekeln? Alles, was ihm einfiel, waren nur Ideen aus der Verzweiflung geboren: Feueralarm, eine anonyme Nachricht an der Rezeption ...

Commander Baranski hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass der Anschlag nicht wie ein geplanter Mord aussehen durfte. Einen Grund dafür hatte man ihm natürlich nicht genannt, er war bloß einer, der Befehle ausführte, vollstreckte. Das war er immer gewesen. Zu Hause hatte er nach der Pfeife des Großvaters getanzt und bei der Marine und der CIA nach der seiner Vorgesetzten.

Die Wut verwandelte sich in Hass, als ihm plötzlich wieder das Video der Scharfrichter in den Sinn kam: Drei Männer in Zivilkleidung und mit einem Kufija-Tuch um den Kopf stehen vor einer Ziegelwand in einem niedrigen Raum, der wie ein Keller aussieht. Emilys gefesselte Gliedmaßen und ihre vor Entsetzen geweiteten Augen. Die Hoffnung, die sie in ihrem Schoß trägt. Der Hieb mit dem riesigen Schwert, die Allāhu-akbar-Rufe und die ewige Dunkelheit. Jarvi wollte, dass den Polen das gleiche furchtbare Entsetzen befiel, wie es Emily gefühlt haben musste.

Wutentbrannt stand er auf, erstarrte aber im selben Augenblick, als er seine Zielperson erblickte. Der Pole kam mit der dunkelhaarigen Frau am Arm aus dem Restaurant heraus und steuerte die Tür an, die zum Hotelfoyer führte.

Jarvi verbrachte die Nacht damit, in der Umgebung des Hotels Torni, auf der Yrjönkatu und der Kalevankatu herumzuspazieren. Es gelang ihm problemlos, wach zu bleiben, auch ohne Amphetamine; er hatte während der letzten drei Jahre in seiner Waldhütte mehr als genug geschlafen. Die Begleiterin des Polen verließ das Hotel gegen elf Uhr abends, und der Mann war danach nicht mehr aufgetaucht.

Gegen halb sieben Uhr betraten bereits Gäste das Frühstückslokal im Erdgeschoss des Hotels, und zu Jarvis großer Freude erschien der polnische Physiker als einer der Ersten. Marek Adamski setzte sich mit einem voll beladenen Teller und einer Zeitung an einen Tisch. Falls die Zielperson nach dem Frühstück nicht in die Stadt ging, würde Jarvi vor dem Hotelzimmer des Mannes zuschlagen, sobald der zum Flughafen aufbrach, das nahm er sich vor. Er ging auf der Yrjönkatu hin und her und warf von Zeit zu Zeit einen Blick hinein durch die großen Fenster des Raumes im Erdgeschoss, bis der Teller des Polen fast leer war, dann kehrte er in die American Bar zurück.

Jarvi hatte sich noch gar nicht richtig hingesetzt, da verließ die Zielperson schon das Restaurant, ging zum Hotelausgang und trat hinaus auf die Kalevankatu. Jetzt würde es geschehen, jetzt musste es geschehen, dachte Jarvi voller Erregung. Er musste sofort zuschlagen, sobald sich eine Gelegenheit ergab. Rasch holte er dünne Lederhandschuhe aus seiner Hosentasche und zog sie an. Ihm musste etwas einfallen, verdammt noch mal, aber was? Natürlich kannte er etliche Arten, wie man einen Menschen schnell mit bloßen Händen umbrachte, aber keine von ihnen könnte er anwenden.

Der polnische Physiker ging zügig die Yrjönkatu entlang und bog nach links in die Eerikinkatu ab. Jarvi musste losrennen. In seinem Kopf schrillten die Alarmglocken: Die Straße wurde von Wohnhäusern gesäumt, man sah ein Restaurant und Geschäfte, die Straßenränder waren mit Autos vollgestellt, überall gab es neugierige Blicke. Doch der Damm des angestauten Hasses begann zu brechen, er wollte den Polen zu fassen kriegen ...

Jarvi sprintete los, packte sein Opfer am Arm und riss es zu einer Hauseinfahrt und in den Torweg. Der Physiker wurde zu Boden geschleudert und fiel bäuchlings auf den Asphalt. Jarvi schaute sich hastig um, er musste jetzt sofort eine Waffe finden, mit der er den Mann töten konnte ... Er griff nach einem Halteverbotsschild und riss es mit solcher Wucht aus dem offenen Eisentor heraus, dass die Schrauben durch die Gegend flogen. Der Pole hatte sich gedreht und aufgesetzt. Jarvi wartete, bis er sich aufrichtete und stand. Er sah, wie in Marek Adamskis Gesicht Angst, Erstaunen und Wut miteinander kämpften – das war das erste Mal, dass Jarvi einem seiner Opfer aus Nahdistanz in die Augen schaute.

»What the hell are you ...«, konnte der Pole noch sagen, dann sah er das wutverzerrte Gesicht des Angreifers.

Jarvi seinerseits sah das Schwert, wie es ins Genick seiner Frau eindrang, und vor sich einen der Schuldigen. Er trat nach vorn und schlug dem Polen mit der scharfen Kante des Metallschildes ins Gesicht. Man hörte einen Schmerzensschrei, und der Mann fiel auf die Knie. Ein zweiter Schlag warf ihn rücklings auf den Asphalt. Jarvi stellte sich über den Polen und schlug zu, noch einmal, ein drittes Mal  ... Er hämmerte weiter auf das Gesicht seines Opfers ein und spürte, wie der Hass aus ihm herausströmte, es musste so aussehen, als wäre der Täter rasend vor Wut gewesen ...

Schließlich hörte er auf und warf die Mordwaffe stöhnend auf den Asphalt des Torwegs. Das Gesicht des Polen sah grauenhaft aus  – Kugeln konnten einen Menschen nicht so zurichten. Jarvi schaute zur Seite, als er dem Mann die Lider zudrückte. Dann nahm er die goldene Halskette seines Opfers und legte das Kruzifix, das daran hing, sichtbar auf seine Brust. Während Jarvi die Hände des Toten auf der Brust faltete, entdeckte er am Ringfinger der rechten Hand einen Ring. Er musste sich eine ganze Weile abmühen, ehe er den Ring vom schlaffen Finger abgezogen hatte. Dann steckte er ihn dem toten Polen in den Mund.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das andere Tier" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen