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Das Zwanzigtausend-Dollar-Date

Emily McKay

Das Zwanzigtausend-Dollar-Date

1. KAPITEL

„Es geht das Gerücht um, dass du dich dieses Wochenende als eine der Single-Frauen auf der Auktion versteigern lässt.“

Claire Caldiera, die gerade Rudy Windon, einem der Stammkunden in ihrem Diner, Kaffee einschenkte, sah hoch. Victor Ballard stand, einen Ellbogen auf den Tresen gestützt, da und grinste sie an. Sie verkniff es sich, die Augen zu verdrehen – heute Morgen hatte sie wirklich keine Zeit, Vics Annäherungsversuche abzuwehren –, nahm den Lappen, den sie unter den Schnürbändern ihrer Schürze stecken hatte, und wischte über den Tresen.

„Sag Bescheid, falls du noch was brauchst. Okay, Rudy?“ Sie lächelte dem älteren Farmer und Mitglied des Schulaufsichtsrats freundlich zu.

„Nein, meine Li, mit meinem Donut hier bin ich wunschlos glücklich.“

Claire nickte kurz und stellte die Kaffeekanne zurück auf die Wärmeplatte der Kaffeemaschine. Vic folgte ihr ans Ende des Tresens.

In der Kleinstadt, in der sie beide aufgewachsen waren und immer noch lebten, hielt Vic sich für die beste Partie überhaupt. Schade, dass sie wusste, dass er ein richtiger Fiesling war.

„Ist es ein Gerücht, oder bekomme ich endlich eine Chance, mit dir auszugehen?“, hakte Vic nach.

Sie drehte sich zu ihm um und blickte sich dabei in ihrem Restaurant „Cutie Pies“ nach einer Ablenkung um. Leider frühstückte das halbe Dutzend Gäste, das sie an diesem Vormittag hatte, zufrieden, was sie ihnen serviert hatte. Claire zwang sich zu lächeln. „Stimmt. Ich werde morgen Abend an der Versteigerung teilnehmen.“

Auf Vics Gesicht breitete sich ein träges Lächeln aus, bei dem der Hälfte der Einwohnerinnen der Stadt heiß geworden wäre. Nur, sie gehörte zur anderen Hälfte, zu den Frauen, die seine aalglatte Art satthatten. Vic mochte das markante Kinn eines Superhelden und die klaren blauen Augen eines Chorknaben haben, aber sein routinierter Charme ging ihr auf die Nerven.

„Dann ist es ja gut, dass ich mein Kleingeld gespart habe.“

„Wahrscheinlich.“

Als ob er Geld für irgendetwas ansparen müsste. Vic kam aus einer der reichsten Familien ihrer kleinen Stadt Palo Verde in Kalifornien. Aber das war das, was sie an Vic noch am wenigsten störte.

Der wahre Grund, warum sie nie freiwillig mit Vic Ballard ausgehen würde, war, dass er sie viel zu sehr an seinen Bruder Matt erinnerte. Matt sah genauso gut aus wie Vic, hatte aber nichts von dessen Aufdringlichkeit. Für sie war Matt sehr viel attraktiver. Oder vielmehr, er war es damals gewesen, als sie jung und dumm gewesen war. Mit achtzehn hatte Matt sie sechs kurze Wochen lang glauben lassen, dass ein Mann wie er wirklich jemanden wie sie lieben konnte. Er hatte sie davon überzeugt, dass es die märchenhafte Liebe gab, von der sie immer geträumt hatte. Und das würde sie ihm nie verzeihen.

Vic Ballard war einfach ein Widerling, aber Matt hatte ihr das Herz gebrochen.

Sie war froh, dass es Vic war, der mindestens einmal am Tag in ihrem Diner erschien, denn Matt kam nie zurück nach Palo Verde. Er hasste ihre kleine Heimatstadt fast so sehr, wie er vermutlich sie hasste. Nach ihrer Trennung war Matt zu einem der Gründer und später zum Chefingenieur und technischen Vorstand von FMJ Inc. geworden, einer äußerst erfolgreichen Firma in der Bay Area.

Matt und seine Freunde aus der Highschool, Ford Langley und Jonathon Bagdon, hatten die Firma gegründet, als sie noch auf dem College gewesen waren. Sogar noch bevor FMJ offiziell eingetragen worden war, hatten sie mit ihren Ideen erfolgreich Geschäfte gemacht. Das alles hatte Matt zu einem sehr reichen Mann gemacht – und dadurch stand er gesellschaftlich noch höher über ihr als zu ihrer Highschool-Zeit. Damals war er nur der zweite Sohn der reichsten Familie der Stadt gewesen, sie dagegen kam aus einfachen Verhältnissen.

„Die Gerüchte sind also wahr? Du brichst endlich mit deinem Grundsatz, mit niemandem auszugehen?“

„Was soll ich dazu sagen?“ Claire zwang sich wieder zu lächeln. „Es ist für einen guten Zweck.“

Der Wohltätigkeitsverein von Palo Verde gab eine Gala, um Geld zugunsten der Kinderbuchabteilung in der neuen Bücherei zu sammeln. Versteigerungen von Single-Frauen waren eher etwas für junge Frauen um die zwanzig als für hart arbeitende Geschäftsfrauen wie sie. Claire wusste, dass sie nicht so ganz in die Gruppe passte. Doch als eine der jungen Teilnehmerinnen wegen eines gebrochenen Beins abgesagt hatte, hatte der Wohltätigkeitsverein Claire überredet einzuspringen. Wie hätte sie ablehnen können, wo sie doch selbst in ihrer schwierigen Jugend so oft Zuflucht in der alten Bücherei gefunden hatte? Es ging um eine Sache, die ihr am Herzen lag, selbst wenn das bedeutete, dass sie einen Abend mit einem Mistkerl wie Vic Ballard würde durchstehen müssen.

Warum er sie überhaupt ersteigern wollte, war ihr schleierhaft. Vic hatte das Leben ihrer Schwester ruiniert. Er konnte nicht ernsthaft glauben, dass sie an ihm interessiert wäre. Natürlich hatte ihn das nicht davon abgehalten, sich im Laufe der Jahre wiederholt an sie heranzumachen. Tatsächlich war er der Grund für ihre eiserne Regel, sich nicht zu verabreden. Aber anscheinend kannte sein Ego keine Grenzen. Außerdem hätte es schlimmer sein können. Statt Vic hätte nämlich Matt Ballard damit drohen können, sie zu ersteigern. Dann hätte sie ein echtes Problem gehabt.

Wenn sie sich zwischen Mistkerlen entscheiden musste, würde sie mit Freuden den wählen, der nicht ihre erste große Liebe gewesen war.

„Du bietest tausend Dollar … für was? Muffins?“ Die Frau, die das sagte, stand direkt hinter Matt. „Für jemanden, der heute Abend gar nicht kommen wollte, gibst du ganz schön viel für Muffins aus.“

Matt trug seine Bieternummer in das Formular der verdeckten Versteigerung ein. Dann drehte er sich um. Schließlich kannte er Kitty Biedermann, die die spöttische Bemerkung gemacht hatte. Anfang des Jahres hatte FMJ Kittys Firma, Biedermann Jewelry, aufgekauft. Normalerweise kaufte FMJ Technikfirmen auf, seltener Firmen, die mit Schmuck handelten. Doch die Entscheidung hatte sich für FMJ ausgezahlt. Außerdem hatte Ford sich unsterblich in die temperamentvolle Kitty verliebt. Matt konnte das gut verstehen.

Sie sah, wie immer, hinreißend aus. In ihrem hautengen tiefroten Cocktailkleid stach sie jede andere Frau auf der Auktion aus. Er gab ihr ein Küsschen auf die Wange. „Es sind leckere Muffins.“

Sie lächelte kokett zurück. „Darauf möchte ich wetten.“

Kitty war eine tolle Frau. Er wäre vielleicht versucht gewesen, sich an sie heranzumachen, wenn sie nicht schon mit einem seiner besten Freunde verheiratet gewesen wäre. „Also, wann wirst du Ford verlassen und mit mir durchbrennen?“

Ihr Blick wanderte zur Bar hinüber, wo Ford für Getränke anstand. Sie befanden sich auf der Terrasse des Countryklubs. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick auf den Golfplatz und die Ausläufer der Sierra Nevada dahinter.

Die tiefe Liebe für ihren Mann, die sich für einen Moment in Kittys Augen widerspiegelte, versetzte Matt einen Stich, aber er wollte das Gefühl nicht weiter ergründen. Anscheinend bekam es ihm nicht gut, wieder einmal in dieser verdammten Stadt zu sein.

Dann zeigte Kittys Miene gespieltes Mitleid. „Ach, konntest du keine Begleitung für den ganzen weiten Weg hierher finden?“ Sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Du verabredest dich ja immer mit diesen spindeldürren Models. Deren Hintern taugen einfach nicht für lange Autofahrten.“

Matt lachte leise, obwohl ihm nicht nach Lachen war. „Ja, es ist die reinste Seuche. Models, die viel zu dünn sind.“

„Dafür sollten sie einmal eine Spendengala veranstalten.“

„Ich würde sie glatt selbst organisieren, wenn ich dafür diese hier verlassen könnte.“

In dem Augenblick kam Ford mit den Getränken und reichte Matt ein Bier. „Lass mich raten. Er versucht, dich rumzukriegen, indem er dir vorjammert, seine Eltern hätten ihn nicht genug geliebt und so weiter.“

Matt steckte seine kleine Bietertafel in seine Gesäßtasche, ehe er Ford die Bierflasche abnahm. „He, würde ich je versuchen, deine Frau zu bezirzen?“

„Ja, und zwar genau jetzt.“

Ehe Matt eine passende Antwort einfiel, gesellte sich seine Mutter zu ihnen.

„Da bist du ja, Darling! Der Präsident des Wohltätigkeitsvereins hat mich angefleht, eine kleine Begrüßungsrede zu halten.“ Sie sagte das mit übertriebener Begeisterung, während sie Matt flüchtig küsste.

„Hallo, liebste Mommy.“

Sie runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts. Erst nachdem sich Ford und Kitty nach kurzer Begrüßung entschuldigt hatten, raunte sie ihm zu: „Bitte nenn mich nicht so.“

„Es ist ein Ausdruck von Zuneigung“, erwiderte er trocken und trank einen Schluck von seinem Bier. Er hätte Ford bitten sollen, ihm etwas Stärkeres zu bringen.

„Ist es nicht. Es ist eine Beleidigung. Du weißt genau, dass ich es nicht mag, wenn du mich so nennst.“

„Und du weißt genau, dass ich es nicht mag, wenn du mich deinen Freunden vorstellst, als wäre ich dein preisgekröntes Pony.“

Sie sah ihn scharf an, dann nickte sie. „Na schön. Dann stelle ich dich eben niemandem vor.“ Sie hakte sich bei ihm unter, weil sie offenbar mit ihm herumspazieren wollte, um ihn wenigstens vorzuzeigen. „Ich hoffe, du hast bei der verdeckten Versteigerung ein großzügiges Angebot gemacht.“

„Du ja ganz bestimmt.“

Als sie seinen Eintrag in die Liste sah, schüttelte sie den Kopf. „Wirklich, Matt. Tausend Dollar für Muffins sind wohl kaum angemessen.“

„Eben hast du doch von einem großzügigen Angebot gesprochen.“

„Du verstehst mich absichtlich falsch.“

„Mir schmecken die Muffins vom ‚Cutie Pies‘ nun mal.“ Im Diner der Stadt herumzuhängen gehörte zu den wenigen schönen Erinnerungen seiner Teenagerzeit.

Seine Mutter schüttelte erneut den Kopf. „Wie, um alles in der Welt, soll dir Chloe denn jeden Tag ein Muffin liefern, wenn du drei Autostunden von hier entfernt lebst?“

„Sie wird schon einen Weg finden.“ Matt sah sich um in der Hoffnung, Ford und Kitty zu entdecken, um sich dann schnell aus den Fängen seiner Mutter zu befreien. Aber sie mussten schon vom Buffet zum Essen in den Ballsaal gegangen sein, wo später auch die Versteigerung stattfinden würde. Durch die Ablenkung dauerte es einen Moment, bevor Matt die Bemerkung seiner Mutter voll erfasste. „Wer? Betreibt denn nicht mehr Doris Ann das ‚Cutie Pies‘?“

Er hatte vorgehabt, am Morgen dort vorbeizuschauen, um ein wenig mit der geschäftigen älteren Frau zu plaudern, die für ihn wie die Mutter gewesen war, die er sich gewünscht hätte. Großmütig und liebenswürdig, trotz ihrer schroffen Art.

„Nein, Doris Ann ist schon vor Jahren in Rente gegangen. Ihre Nichte hat den Diner übernommen. Chloe oder so ähnlich. Oder Clarissa.“ Als Estelle merkte, dass Matt stehen geblieben war, wandte sie sich zu ihm um. „Stimmt etwas nicht, Darling?“

Er nahm sich zusammen. „Claire. Sie heißt Claire Caldiera.“ Dann lächelte er und zuckte beiläufig mit den Schultern. „Sie war in der Schule ein paar Klassen unter mir.“

Seine Mutter schien seine Erklärung zu akzeptieren und hängte sich erneut bei ihm ein. „Du hattest schon immer einen Sinn für Details.“

„Ich wusste gar nicht, dass sie wieder hier lebt.“ Er hoffte inständig, dass ihm die Neugierde nicht anzuhören war. Als er Claire das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie gerade nach New York gewollt und von einem aufregenden neuen Leben mit ihrem Freund Mitch geträumt.

Sie hatte Mitch ganze sechsundsiebzig Stunden gekannt, bevor sie Matt den Laufpass gegeben und sich zu Mitch aufs Motorrad geschwungen hatte, um das Abenteuer zu suchen. Kein Wunder, dass er sich so genau daran erinnerte, denn er hatte ja so einen Sinn für Details.

„O ja, schon seit Jahren.“

Weil er in Gedanken so mit Claire beschäftigt war, hatte er gar nicht gemerkt, dass seine Mutter ihn in den Saal führte, wo bald die Versteigerung der Single-Frauen stattfinden würde. Als er ihr die Tür aufhielt, zwang er sich, ihr wieder zuzuhören.

„… aber du kennst deinen Bruder ja. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er nicht mehr davon ab.“

„Ja, er ist stur wie ein Bock.“

Der Conférencier stand schon auf der Bühne und erzählte überschwänglich, wie viel Arbeit es gewesen war, diese Versteigerung zu organisieren.

Seine Mutter sah Matt böse an. „Das ist nicht nett von dir.“

„Es sollte auch kein Kompliment sein. Weshalb ist er denn diesmal halsstarrig?“

„Wegen dieser Versteigerung.“

Matts Blick ging zur Bühne, wo sechs elegant gekleidete, perfekt frisierte Frauen wie Teilnehmerinnen eines Schönheitswettbewerbs in einer Reihe hinter dem Conférencier standen. Fünf von ihnen waren nichtssagend hübsch und vollkommen unspektakulär. Die letzte in der Reihe war Claire Caldiera.

Ihr Anblick nahm ihm nach all den Jahren den Atem und schärfte zugleich seine Wahrnehmung.

„Warum er derart versessen darauf ist, diese Chloe zu ersteigern, ist mir schleierhaft.“

„Claire“, murmelte Matt, während er einen dumpfen Schmerz in der Brust verspürte.

„Ja, Claire. Chloe. Wie auch immer, der springende Punkt ist …“

Aber Matt hatte schon wieder aufgehört, seiner Mutter zuzuhören. Nicht nur, dass Claire zurück in der Stadt war, sie war heute Abend hier. Direkt vor ihm. Dort oben auf der Bühne.

Und dieser widerwärtige Blödmann von einem Bruder war also darauf versessen, eine Verabredung mit Claire zu ersteigern? Tja, da würde er erst einmal Matt ausbooten müssen.

Schließlich hatten Matt und Claire noch ein paar Dinge zu klären.

Die Bühnenscheinwerfer, die auf den Conférencier und die Teilnehmerinnen der Auktion gerichtet waren, strahlten so hell, dass Claire im Ballsaal fast nichts erkennen konnte. Das war eine unangenehme Erfahrung für jemanden, der nicht daran gewöhnt war, im Rampenlicht zu stehen. Sie wünschte, sie wäre die Erste in der Reihe, nicht die Letzte.

Sie bemühte sich, während des endlosen Wartens, bis die anderen jungen Frauen versteigert waren, nicht nervös zu werden. Als sie dann endlich an der Reihe war, ging sie nach vorn und stellte sich neben den Conférencier Rudy Windon.

Er senkte das Mikrofon, damit das Publikum ihn nicht hörte, und raunte ihr zu: „Du siehst so ängstlich aus, Claire.“

Sie versuchte zu lächeln. „Was soll ich sagen? Es ist das erste Mal, dass ich mich für die Wohlfahrt verkaufe.“

Er lachte leise und drückte aufmunternd ihren Arm. „Du wirst das schon machen, meine Liebe.“ Sein freundliches Lächeln half ihr, sich zu entspannen.

Dann nahm er das Mikrofon wieder vor den Mund und wandte sich ans Publikum. „Als Nächstes, meine Herren, haben wir hier die Stadtschönheit Claire Caldiera.“ Als geklatscht wurde, hielt er einen Moment inne. „Es ist ja stadtbekannt, dass Claire sich grundsätzlich nicht verabredet.“ Das Publikum lachte. „Möchtest du uns erzählen, warum die Männer von Palo Verde bei dir praktisch keine Chance haben?“

Einen Augenblick starrte Claire unschlüssig das Mikrofon an, das er ihr vors Gesicht hielt, während ihr mögliche Antworten durch den Kopf schossen. Ich habe es satt, gehänselt zu werden, nur weil ich beim ersten Rendezvous nicht gleich ins Bett steigen wollte. Ja, das würde gut ankommen. Oder vielleicht: Die Frauen in meiner Familie sind leider fruchtbarer, als gut für sie ist, und haben, was Männer angeht, einen fürchterlichen Geschmack. Also habe ich beschlossen, es nicht zu riskieren. Diese Antwort würde die Angebote wirklich hochtreiben. Und dann wäre da noch: Vor einer Ewigkeit hat mir ein Kerl das Herz gebrochen, und ich bin immer noch nicht ganz darüber hinweg. Diese Antwort würde sie nicht laut sagen, nicht einmal zu sich selbst. Sie war armselig.

Schließlich zuckte sie mit den Schultern und lächelte, wie sie hoffte, kokett. „Ich stehe fast jeden Tag um vier auf, um die Donuts zu backen, die du so gern isst, Rudy. Die meisten Männer wollen die Lady, mit der sie ausgehen, nicht schon um acht nach Hause bringen.“

Rudy verzog gespielt gequält das Gesicht. „Da habt ihr’s, Männer. Das ist eure einzige Chance, Claire davon abzuhalten, früh ins Bett zu gehen.“

Als das Publikum in Gelächter ausbrach, entspannte sie sich etwas mehr. Okay, vielleicht wurde das Ganze doch kein komplettes Desaster.

Rudy zwinkerte ihr zu. „Fangen wir mit fünfhundert Dollar an.“

Claire wurde ganz anders. Fünfhundert Dollar? Sicher würde kein Mann, der noch bei Trost war, fünfhundert Dollar für ein Date mit ihr zahlen.

Gerade als ihr vor Nervosität der Schweiß auf die Stirn trat, hob jemand im Publikum sein Bietertäfelchen.

„Fünfhundert“, sagte Rudy. „Fünfhundert sind geboten. Höre ich fünf fünfzig?“

Claire wurde von Erleichterung ergriffen, und dann sofort von Neugier. Wer hatte geboten? Es gelang ihr, trotz des Scheinwerferlichts im dunklen Saal den Mann mit erhobenem Täfelchen auszumachen. Vic Ballard. Das hätte sie sich denken können.

„Wer bietet fünf fünfzig?“, versuchte es Rudy erneut. „Zum Ersten. Zum Zweiten.“

Claire seufzte und stellte sich in Gedanken auf einen sportlichen Abend ein, weil sie ständig Vics Annäherungsversuchen würde ausweichen müssen.

„Zum … Fünf fünfzig von dem Gentleman ganz hinten.“

Der Bieter hatte sein Täfelchen so schnell hochgehoben, dass Claire es fast nicht mitbekommen hatte. Und, geblendet durch das grelle Licht, erkannte sie nur schemenhafte Umrisse des Mannes. Aber wer auch immer er war, einige Leute im Publikum erkannten ihn, und es ging ein Raunen durch den Saal.

„Höre ich sechshundert? Sechshundert?“

Vic, der in der vordersten Reihe saß, wandte sich um. Als er wieder zur Bühne blickte, konnte Claire erkennen, dass er äußerst entschlossen wirkte. Sein Täfelchen schoss in die Höhe.

„Sechshundert!“, jubelte Rudy. „Was ist mit sieben…“ Doch noch ehe er die Frage beenden konnte, wurde das Täfelchen hinten im Saal gezückt. „Siebenhundert! Achthundert? Acht.“

Ab da wurden die Gebote in derart rasantem Tempo abgegeben, dass Claire ganz schwindelig wurde. Eintausend. Fünfzehnhundert. Zweitausend. Fünftausend.

Als die Gebote immer astronomischer wurden, wurde es mucksmäuschenstill im Publikum. Schon bald flogen die Blicke der Anwesenden zwischen Vic und dem mysteriösen Bieter hinten im Saal hin und her. Claire hatte nun keinen Zweifel mehr daran: Bei dieser Versteigerung ging es überhaupt nicht mehr um sie.

Es ging um die Rivalität zwischen diesen beiden Männern. Irgendeine alte Fehde wurde hier vor der ganzen Stadt ausgetragen. Und sie war die Siegestrophäe.

Bei dieser Erkenntnis überkam sie ein beklemmendes Gefühl, und ihr Atem ging schneller. Ihr fiel nur ein einziger Mensch ein, den Vic als Widersacher betrachtete.

Aber es konnte nicht Matt sein. Er würde nie für ein Rendezvous mit ihr bieten. Keine zehn Dollar, geschweige denn zehntausend.

Was, wie sie jetzt erst merkte, das Gebot war, dem Vic soeben zugestimmt hatte.

Der Druck in ihrer Brust wurde stärker. Zehntausend Dollar. Das war so viel Geld. Eine Wahnsinnssumme.

Der Bieter hinten im Saal musste das auch so sehen. Denn sein Täfelchen blieb eine endlose Sekunde lang unten. Und dann noch eine. Und noch eine.

Neben Claire redete Rudy pausenlos. Pries ihre Tugenden, versuchte, den Bieter dazu zu verleiten, sein Gebot zu erhöhen. Doch das Bietertäfelchen des Mannes blieb unten.

„Sie wollen sie gehen lassen, mein Lieber?“

Falls der Mann darauf reagierte, konnte Claire es nicht erkennen.

Rudy setzte die Versteigerung fort. „Das letzte Gebot kam von Mr Vic Ballard. Über zehntausend Dollar. Zum Ersten. Zum Zweiten.“

„Zwanzigtausend Dollar.“

Das hatte der Mann hinten im Saal gerufen, und dieses Gebot würde ohne Zweifel den Zuschlag bekommen. Während er sprach, trat er vor, heraus aus dem Schatten.

Er trug einen Smoking, der für seine hochgewachsene, schlanke Gestalt maßgeschneidert schien. Er hatte einen Kurzhaarschnitt, während er sein Haar das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, schulterlang und zerzaust getragen hatte. Trotzdem erkannte Claire ihn sofort. Nicht nur, weil er gelegentlich in Zeitschriften abgebildet war.

Egal, wie er gekleidet war oder welche Frisur er hatte, sie würde Matt Ballard überall erkennen.

2. KAPITEL

Als Claire am Morgen nach der Spendenauktion morgens um vier aufstand, grübelte sie über ihre Feigheit nach.

Sie war regelrecht von der Bühne geflohen, nachdem Rudy mit seinem Hämmerchen das Bieten beendet und ihr Rendezvous besiegelt hatte. Sie hatte das perplexe Schweigen des Publikums nicht ertragen. Oder dessen brennende Neugierde. Sie war nach Hause geeilt, hatte die Tür abgeschlossen, ihr Telefon ausgestöpselt und ihr Handy ausgeschaltet, um sozusagen den Kopf in den Sand zu stecken.

Geschlafen hatte sie jedoch nicht. Zum ersten Mal, seit sie „Cutie Pies“ von ihrer Großtante Doris Ann gekauft hatte, war Claire froh, um vier aufzustehen, um die Buttermilch-Schoko-Donuts zu backen, für die das „Cutie Pies“ berühmt war.

Nach der Bieterschlacht der beiden Ballard-Brüder auf der Auktion würde sich jeder in der Stadt fragen, was denn an Claire Caldiera so besonders war, dass ein Date mit ihr die uralte Rivalität zwischen Vic und Matt neu befeuert hatte. Ein paar von diesen Neugierigen kamen vielleicht in ihrem Diner vorbei, um Näheres zu erfahren. Denen konnte sie dann ja ein paar Donuts verkaufen.

„Cutie Pies“ war ein klassischer Diner aus den Fünfzigerjahren an der Main Street, genau gegenüber dem Luna, einem noblen Restaurant, das vor ein paar Jahren eröffnet hatte. Entlang der Fensterfront gab es Sitznischen, von denen aus man auf die Hauptstraße sehen konnte. Dort standen rote Resopaltische, aber die wahren Nostalgiker saßen auf Lederhockern an der Bar, wo sie dem frisch gebrühten Kaffee am nächsten waren und sie ihre Eier nur Sekunden, nachdem sie fertig waren, serviert bekamen. Von der Küche hinten gab es eine Durchreiche für die Speisen, durch die Claire gute Sicht auf die Straße hatte, während sie backte.

Ab und zu huschte das Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Autos durch den Gastraum, aber ansonsten hätte sie mutterseelenallein auf der Welt sein können. Während sie den Teig aus dem Mixer nahm und einen Oldie im Radio mitsummte, konnte sie so tun, als wäre ihr Leben in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht völlig durcheinandergeraten.

Tatsächlich hatte sie es fast geschafft, sich einzureden, dass der Ausgang der Auktion am Vorabend keine so große Sache war. Es ging schließlich nur um ein Rendezvous. Um einen einzigen Abend mit einem Mann, den sie hasste.

Nein, das war zu hart. Sie hasste ihn nicht.

Sie wollte ihn ganz einfach nie mehr wiedersehen.

Er war der erste Mann, dem sie ihr Herz anvertraut hatte, und er hatte es ihr gebrochen. Er verkörperte jede falsche Entscheidung, die sie in ihrem Leben getroffen hatte. Jeden Fehler. Jedes Opfer, das sie gebracht hatte. Ihn wiederzusehen erinnerte sie einfach an die tausend Möglichkeiten, die sie nicht ergriffen hatte. Und das war das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnte.

Lustlos stocherte sie mit ihrem Spatel im Donut-Teig herum. In letzter Zeit war sie so rastlos. Sie fühlte sich so eingeengt durch ihre Entscheidungen und die Verantwortung, die sie übernommen hatte. Während sie vom Teig probierte, überlegte sie, welche Möglichkeiten sie hatte.

Erstens: Sie konnte die Zähne zusammenbeißen und das Date durchstehen.

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