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Das Zaunprojekt

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Tobias Schaar

Das Zaunprojekt

Mitten unter uns

Im Vertrauen auf Gott, gewidmet meiner lieben Familie

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© 2017 Tobias Schaar

Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7439-2954-8
Hardcover:978-3-7439-2955-5
e-Book:978-3-7439-2956-2
Titelbild: Bernd Kasper / pixelio.de

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Otto Michel befand sich in einer dieser seltsamen Schlafphasen, in denen man zwar wusste, dass man träumte, aber doch nicht die Kraft hatte aufzuwachen. Zunächst war das nicht weiter schlimm, er befand sich in einer surrealen Welt, die nur aus einzelnen Bilder zu bestehen schien, das ganze Leben schien in allen kleinen Augenblicken stehen zu bleiben und eine riesige Collage zu bilden. Dieser Traum war so wenig greifbar und realistisch wie die meisten anderen Träume auch, Otto fragte sich sogar im Unterbewusstsein, was der Blödsinn eigentlich darstellen sollte. Doch dann wechselte die Szene plötzlich. Nun war alles gestochen scharf, so wie im echten Leben. Otto schaute durch die Augen eines kleinen, 13-jährigen, leicht untersetzten Jungen auf ein Schulgebäude. Es war ein typischer 70er-Jahre-Bau, unglaublich groß und klobig, aber auch ebenso hässlich. Es regnete, nein, besser gesagt: Es goss wie aus Eimern. Die anderen Schulkinder um ihn herum rannten schnell ins Innere des Gebäudes. Der Regen perlte von den triefnassen Haaren des Jungen ab. Aufgrund dessen nahm auch er die Beine in die Hände und begann zu rennen, nur schnell auf die Eingangstüren zu.

Otto sträubte sich, er wollte diesen Traum nicht träumen, nicht schon wieder. Er versuchte, sich zu bewegen, wollte aufwachen, doch es gelang nicht. Er nahm die gesamte Kraft seines halb wachen Geistes zusammen und wollte schreien, um sich so selbst zu wecken, doch auch das gelang nicht. Nein, nein, nein !!! schrie er in Gedanken, so laut er konnte. Doch er vermochte nicht, diese Schreie seinen Kopf verlassen, seinen Kehlkopf emporkriechen und durch seine Lippen einen markerschütternden Schrei bilden zu lassen. Er musste es wohl wieder durchleben.

Durch die Augen des Jungen betrat er das Schulgebäude. Direkt hinter der verschmierten Glastür befand sich eine große Pausenhalle, die jetzt, kurz vor Unterrichtsbeginn, aufgrund des schlechten Wetters rappelvoll war. Der Junge machte sich nicht die Mühe, nach seinen Klassenkameraden zu suchen, er würde sie in dem Gewühl ohnehin nicht finden. Er beschloss einfach, hier an Ort und Stelle zu warten, in zehn Minuten würde es sowieso schellen. Der Junge lehnte sich gegen die Wand und packte sein Wurstbrot aus. Eine kleine Stärkung konnte vor dem Unterricht ja nicht schaden. Er beobachtete beim Kauen seines Frühstücks seine Umgebung. Ein paar unreife Kindsköpfe spielten zwischen den Massen Nachlaufen, was zur Folge hatte, dass ungefähr jeder Zehnte angerempelt wurde, so manch einer verschüttete dabei sein Getränk und stieß einen lauten, gewiss nicht jugendfreien Fluch aus. Gut ein Dutzend Schüler jeder Altersstufe stand in einer kleinen Nische auf der Nordseite der Eingangshalle. Sie schrieben in krakeligen Lettern und Ziffern die Hausaufgaben voneinander ab. Der Rest unterhielt sich über mehr oder weniger sinnvolle Themen. Ein ganz normaler Morgen an einer ganz normalen Schule also.

Doch dann kam er. Frank. Frank war einst ein ganz normaler Schüler gewesen, er war nichts Besonderes, nicht im Negativen, aber auch nicht im Positiven. Er war so, wie alle anderen auch waren. Früher, vor der Sache, war er einmal ein Freund des Jungen gewesen, sie hatten sich einst gut verstanden, er war sogar mal bei Frank zu Hause gewesen und auch Frank hatte ihn mal besucht. Doch das schien alles unsagbar lange her zu sein. In der Halle wurde es still, als Frank von der anderen Seite, die durch ein Treppenpodest leicht erhöht war, den Raum betrat. Alle starrten ihn an. Man konnte sofort merken, dass die Stimmung unter der Schülerschaft gekippt war. Von leicht erheitert bis gleichgültig zu offen feindselig. Frank wurde gehasst, von allen. Auch wenn viele gar nicht wussten, warum sie Frank hassten. Und das Schlimmste daran war, so die Meinung des Jungen, durch dessen Augen Otto die Szenerie betrachtete, dass Frank auch noch selbst schuld daran war, dass ihn alle hassten. Alles hatte damals angefangen, als die Schüler gegen den neu eingeführten Nachmittagsunterricht protestiert hatten. Sie hatten zunächst nur in den Pausen Parolen gebrüllt, dann hatten sie die Hausaufgaben verweigert und zum Schluss hatten sie beschlossen, für einen Tag den Unterricht zu verweigern unter dem dümmlichen Einwand, dass es, wenn keiner zur Schule ginge, auch keinen Ärger geben würde. Ihren Plan hatten sie dann auch in die Tat umgesetzt und waren alle an einem bestimmten Tag zu Hause geblieben. Na ja, fast alle. Nur Frank, der Angst vor den Konsequenzen bekommen hatte, war als Einziger zur Schule gegangen. Am nächsten Tag dann, als sich die gesamte Schule in der Aula versammeln musste, hatte der Direktor, ein alter dicker Mann mit ergrautem Haar, vor der gesamten Schule Frank dafür gelobt, dass er als Einziger zur Schule gekommen war. Er mahnte die anderen, sich ein Beispiel an Frank zu nehmen. Seit diesem Augenblick war Frank der meistgehasste Schüler der Schule.

Frank war sich dessen durchaus bewusst, hatte er doch nur allzu schmerzhafte Erfahrungen diesbezüglich gemacht. Deshalb starrte er unwillkürlich zu Boden und hoffte darauf, dass die anderen ihre Gespräche wieder aufnehmen würden, dass sie heute keine Lust hätten, ihm etwas anzutun. Was hatte Frank nicht schon alles erlebt. Sie hatten ihn verprügelt, seinen Kopf in die Toilettenschüssel gesteckt. Und jeden Tag hielten sie ihn fest und schlugen ihn oder sie setzten sich auf ihn drauf, bis er keine Luft mehr bekam. Manchmal folgten sie ihm sogar bis nach Hause, meistens gelang es ihm, die Haustür rechtzeitig vor ihrer Nase zuzuschlagen, aber eben nicht immer. An der Schule gab es zwei Gruppen: die, die Frank piesackten, weil sie Spaß daran hatten, und die, die ihn piesackten, weil sie sich nicht trauten, ihn nicht zu piesacken. Denn es war ja allgemein bekannt, das man Frank übel zurichten musste, und wie konnte man sich gegen etwas so Offenkundiges wehren?

Das Schweigen in der Pausenhalle hielt weiter an. Es begann zu einer gewaltigen Drohkulisse zu werden. Jedem im Raum war klar, dass bald etwas geschehen würde. Frank suchte hilflos den Blick des Wurst essenden Jungen. Dieser jedoch tat so, als müsse er in seiner Tasche dringend nach etwas suchen. Er wollte nicht, dass jemand auf den Gedanken kommen könnte, er sei noch mit Frank befreundet, nein, das war vorbei, es musste vorbei sein. Frank hatte sich selbst in diese Lage gebracht, jetzt sollte er ihn da nicht noch mit reinziehen. Aber andererseits hatte er auch ein Stück weit ein schlechtes Gewissen, seinen alten Freund so leiden zu sehen. Aber wie sein Vater immer sagte: Jeder muss für sich selbst sorgen, wenn wir an andere denken, bleiben wir selbst auf der Strecke. Frank wollte gerade versuchen, die Halle zu durchqueren, um schon einmal Schutz in seinem Klassenraum zu suchen, da trat ihm ein schlaksiger Junge in den Weg. Der Junge mit Namen Marcus hatte einen für die damalige Zeit typischen langen Haarschnitt, an seinem Hals baumelte eine Goldkette mit dem Zeichen der Rolling Stones und bekleidet war er mit einem grünen Sportanzug, den die meisten wahrscheinlich noch nicht einmal für den Weg zur Mülltonne angezogen hätten. Doch Marcus konnte sich so etwas leisten, er war einer von den angesagten Schülern, nicht weil er besonders schlau oder sonst wie begabt gewesen wäre, nein, er hatte ganz einfach die größte und vorlauteste Klappe in der Schule. Was er dachte, dachten auch die anderen, denn man wollte ja kein Außenseiter sein. Und da dieser Marcus, ein Schüler der Oberstufe, der nun schon zum dritten Mal dieselbe Klasse wiederholte, Frank nicht mochte und ihn dauernd verprügelte, taten das auch alle anderen.

„Hey, was willst du denn noch hier, ich dachte, du hättest mittlerweile verstanden, dass du hier nicht mehr willkommen bist“, blaffte er Frank an. Dieser sagte nichts und wollte Marcus ausweichen, doch der hielt ihn abermals auf, indem er Frank eine seiner prankenartigen Hände auf die Schulter legte.

„Hey, ich habe mit dir geredet, du Blödmann, ziemlich respektlos, mir nicht zu antworten, oder nicht?“

Frank antwortete immer noch nicht, er blickte nur betroffen zu Boden. Da traf ihn der erste Schlag.

Marcus hatte ihm mit der Rechten voll eine gescheuert. Durch die Stille der Halle peitschte ein Knall. Frank taumelte, erlangte im letzten Moment jedoch sein Gleichgewicht zurück. Ein paar Schüler zogen erschrocken die Luft ein, ansonsten blieb es weiter still.

„Na, was ist? Mach endlich deine Klappe auf oder es setzt noch mal eine“, blaffte ihn Marcus an. Doch Frank hielt sich nur betroffen seine rot angeschwollene Wange. Da holte Marcus zum nächsten Schlag aus, diesmal auf die andere Wange. Wieder hallte ein Peitschen durch die Halle. Marcus hatte Blut geleckt, das sah man ihm an, dann hatte er immer dieses verrückte Leuchten in den Augen. Er nahm ein paar Schritte Anlauf und rammte Frank dann mit voller Wucht um. Dieser schlug mit einem dumpfen Knall auf. Aus seinem Mund bahnte sich ein Schrei des Schmerzes und der Qual seinen Weg. Die Bücher, die er in seinem abgewetzten Rucksack trug, hatten sich mit ihren spitzen Kanten in sein Rückenfleisch geschnitten, hatten kleine Äderchen und Nerven durchtrennt. Tränen stiegen ihm ins Gesicht, verließen seine Augen und rannen ihm über die Wangen. Das war das erste Mal, dass er vor seinen Peinigern weinte, sonst versuchte er immer, stark zu bleiben.

Dem Jungen mit dem Wurstbrot stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. In seinem Inneren regte sich etwas, etwas, das helfen wollte, dem hier ein Ende bereiten wollte. Auch die Schüler, die neben ihm standen, waren sichtbar schockiert, sie mochten gerade dasselbe wie der Junge denken, durch dessen Augen Otto blickte, doch leider taten sie auch dasselbe, nämlich nichts.

Frank rappelte sich mühsam auf, sein Rücken tat so weh, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. In seinen stahlblauen Augen lag etwas, was man seit Langem bei ihm nicht mehr gesehen hatte, Wut, ja vielleicht sogar Hass. In diesem Augenblick hatte er genug. Genug davon, immer nur mit Gewalt überzogen zu werden. Schnaubend ging er auf Marcus zu, der sich frech grinsend einen Kaugummi in den Mund schob.

„Na, was willst du jetzt tun?“, fragte dieser höhnisch.

„Oh, ich zeig dir, was ich jetzt tun werde“, keuchte Frank. In den Schlag seiner rechten Faust setzte er all die Wut, all den Hass, der sich in den letzten Jahren in ihm angesammelt hatte. Mit unglaublicher Wucht streckte er Marcus nieder. Dieser schien so geschockt, dass er für mehrere Sekunden regungslos am Boden liegen blieb. Auf allen Vieren blickte er ratlos und zugleich zornig in die Runde, neben seinem rosafarbenen Kaugummi lag etwas Weißes, Festes neben ihm auf dem Boden. Ein Zahn. Frank hatte so fest zugeschlagen, dass Marcus einen Zahn verloren hatte.

In der Halle war es nun so still, dass man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. Marcus rappelte sich ächzend auf. Sein Gesicht bildete eine widerwärtige Fratze.

„Spinnst du ?!!!!!!!“, schrie er Frank an. „Sag mal, spinnst du ?!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“ Frank wusste, was ihm nun blühte, doch er blieb regungslos stehen. „Na warte, ich werde dich so stark verprügeln, dass du dir wünschst, nie geboren worden zu sein. Oder hat jemand was dagegen?“

Diese Frage ließ die umstehende Schülerschar zusammenzucken. Wieso fragte Marcus sie das? Sie wollten doch damit gar nichts zu tun haben, sie waren doch vollkommen neutral. Wollte Marcus etwa testen, ob Frank hier noch Freunde hatte? Am liebsten hätten sie fast alle gesagt, ja, hör auf damit, es ist genug, und doch tat es keiner. Ein paar hatten zwar die erlösenden Worte schon auf den Lippen, brachten es dann aber doch nicht über sich, sie auszusprechen. Sollten es doch andere zuerst tun, dann würde man selbst auch helfen. Marcus sah in die Runde, wartete darauf, dass jemand etwas sagte. Die Luft war zum Zerreißen gespannt. Da keiner einen Einwand erhob, fühlte sich Marcus bestätigt. „Los, kommt, helft mit, Jungs“, sagte er zu seinen sechs Freunden, den Einzigen an der Schule, die noch dümmer waren als er. Gemeinsam bildeten sie einen Kreis um Frank herum. Dieser stand aufrecht wie ein Soldat vorm Standgericht, trotzig seinen Peinigern in die Augen sehend, bereit, jede Strafe hinzunehmen. Marcus und seine Kumpanen begannen, Frank zu schlagen. Zu treten, zu bespucken, Frank sackte nach wenigen Sekunden zu Boden. Doch das war kein Zeichen, aufzuhören, im Gegenteil, jetzt ging es erst richtig los. Er verschwand hinter einem Knäuel aus schlacksigen Beinen, die ihn immer und immer wieder traten. Knochen brachen, Adern platzten auf, Organe wurden verletzt, Frank wurde regelrecht zertrümmert.

Die umstehende Menge war entsetzt ob dieses grausigen Schauspiels. Sie schauten betreten zu Boden, fummelten an ihrer Kleidung herum oder taten so, als würden sie lesen. Mancher schüttelte auch empört den Kopf, doch alle verharrten sie in ihrer Position, alle hielten ihre Münder und Seelen verschlossen. Warum? Waren heute nicht alle viel aufgeklärter und couragierter als zu früheren Zeiten? Leistete nicht jeder heute sofort zivilen Ungehorsam, wenn etwas Unrechtes geschah? Aber nur, wenn eine vermeintlich breite Mehrheit dahinterstand, sonst verhielt man sich wie die ersten Säugetiere zu Zeiten der Dinosaurier, man verkroch sich, so war man sicher.

Der Junge mit dem Wurstbrot schaute ebenfalls betroffen zu Boden und tat so, als müsse er den Belag seines fettigen Brotes genau unter die Lupe nehmen. Innerlich war er zum Zerreißen gespannt, jede Sehne seines Körpers war bereit, loszuschlagen. Tief in seinem Inneren schrie es na los, tu endlich was, er ist dein Freund, wie kannst du nur so dastehen und nichts tun? Aber er konnte doch ohnehin nichts ändern, oder? Was sollte er als Einzelner denn schon ausrichten? Wenn noch ein paar andere helfen würden, dann würde er ja auch etwas tun, aber so konnte er nichts ausrichten. Es war also nicht seine Schuld, sondern die der anderen. Unmöglich, wie sich doch manche Leute benehmen, dachte er sich, während er wieder ein kleines Stück Wurst abbiss.

Das Läuten der Schulglocke bereitete der Schlägerei ein Ende. Eine stumme Erleichterung legte sich über die Menge, es war vorbei, endlich. So, als ob nichts gewesen wäre, gingen alle in ihre Klassenräume, dort konnten sie vergessen, das Erlebte als einen bösen Traum verdrängen. Der Junge blieb noch eine Weile stehen, um unauffällig nachzusehen, ob mit Frank auch alles in Ordnung war. Die Halle leerte sich, doch Frank blieb am Boden liegen. Der Junge, und mit ihm auch der träumende Otto, erschraken, als der Blick auf Frank frei wurde. Er lag verdreht und verrenkt in einer großen Lache aus Blut. Rechts neben ihm lagen mehrere ausgeschlagene Zähne, die Gläser seiner Brille waren zersplittert und steckten ihm überall im Gesicht. Der Ärmste musste sämtliche Knochen gebrochen haben. Er gab ein leises, von unglaublicher Qual erfülltes Stöhnen von sich. Der Junge ging langsam auf ihn zu, blickte dabei aber mehrere Male über die Schulter, ob auch ja keiner zusah. Als er sich Frank näherte, musste er aufpassen, dass er nicht durch das ganze Blut zu Fall geriet. Er hatte ja nie gedacht, dass Blut so rutschig sein konnte.

„Frank, alles in Ordnung?“, fragte er, so leise er konnte. Wieder gab Frank ein Stöhnen von sich, entweder hatte er ihn nicht verstanden oder das war seine Antwort. Doch noch ehe er ein zweites Mal fragen konnte, legte ihm jemand von hinten eine Hand auf die Schulter. Es war Marcus, der mal wieder dem Unterricht fernblieb. Der Junge erschrak fast zu Tode.

„Na, willst du dem kleinen Arschloch noch eine reintreten, kleiner Mann?“, fragte er ihn. Als der Junge daraufhin nicht antwortete, sondern nur verlegen zur Decke starrte, fragte Marcus: „Du hast doch nicht etwa vor, ihm zu helfen, oder?“ In dieser scheinbar normalen Frage lag eine offenkundige Drohung, die über die weitere Zukunft des Jungen entscheiden würde. Frank hatte sich mittlerweile mühsam auf seinen linken Ellbogen gestützt, Blut vermischt mit Sabber lief aus seinem Mund und zog einen langen Faden. Der Junge sah nun direkt in seine stahlblauen Augen, in die Augen seines besten Freundes, in denen so viel Leid und so viel Enttäuschung lag, aber auch Hoffnung und Flehen.

Tut mir leid, Frank, dachte der Junge, aber ich muss an mich selber denken, und trat ihn mit voller Wucht in den Bauch. Frank gab ein dumpfes Stöhnen von sich und sackte wieder in sich zusammen. „Gut gemacht, Kleiner, aus dir wird noch was“, sagte Marcus. Er legte eine Hand über die Schulter des Jungen und ging mit ihm aus der Halle hinaus. Der Junge wagte nicht, noch einmal nach Frank zu sehen, er wollte unter keinen Umständen, dass Marcus davon etwas mitkriegte, deshalb ging er in sein Klassenzimmer und versuchte, das eben Erlebte hinter einigen mathematischen Berechnungen zu verdrängen.

Wieder ein Szenenwechsel. Der schlafende Otto atmete innerlich auf. Er hatte zwar immer noch den Drang, aufzuwachen, aber das Schlimmste war immerhin überstanden. Er befand sich nun in einer Welt, die außer Schwärze nichts zu beinhalten schien. Dunkle, finsterste und kalte Nacht. Er wollte hier nicht sein, dieser Ort machte ihm Angst. Das Bild wurde wieder klarer. Er sah wieder durch die Augen des kleinen Jungen, genauso wie vorher. Diesmal war er in einer Sportumkleide. Es roch nach alten Socken und ungewaschenen Füßen. In fünf Minuten würde er Sport bei Herrn Williusen haben. Frank war seit dem Vorfall, der jetzt schon drei Tage zurücklag, nicht mehr in der Schule gewesen. Allgemein interessierte das keinen, aber der Junge konnte nicht anders, als ab und zu an ihn zu denken. Auch wenn er sich sofort danach innerlich rügte, denn Frank war ja schließlich selbst schuld.

Ihr Sportlehrer Herr Williusen betrat auf einmal die Kabine. Einige Jungen protestierten lauthals dagegen, weil sie gerade dabei waren, sich umzukleiden. Herr Williusen bat um Ruhe. „Also, Jungs, Herrgott, wo fange ich bloß an?“ Er fuhr sich mit den Händen durch sein kaum noch vorhandenes Haar. „Also gut. Jungs, euer Klassenkamerad Frank, er, ähm … Er ist tot. Er hat sich gestern Abend von einem Hochhaus gestürzt.“ Schweigen, Entsetzen, Unglauben. Der Junge taumelte und ließ sich auf die Bank hinter ihm fallen, die anderen taten es ihm gleich. „Ich möchte nur noch eins sagen, Jungs, das hat nichts mit euch zu tun, rein gar nichts, Frank hatte schwere psychische Probleme, die offenbar nie behandelt wurden, wie gesagt, ihr habt keine Schuld daran und hättet auch nichts tun können, um das zu verhindern, ich möchte, dass ihr das versteht.“

Noch immer sagte keiner von den Jungen ein Wort, sie waren erschüttert und zugleich erleichtert. Der Lehrer sagte ja, sie hätten nichts damit zu tun, also würde das wohl auch so stimmen.

„Also gut, Jungs, wir sehen uns gleich beim Sport.“ Herr Williusen verließ den Raum. Die Jungen zogen sich weiter um und sprachen dabei kein Wort. Wie Zombies verließen sie die Umkleide und betraten die Sporthalle. Der Satz, dass sie mit diesem schrecklichen Ereignis nichts zu tun hätten, war wie Balsam auf ihrer Seele, an diesem und an den darauffolgenden Tagen hörten sie ihn immer wieder, von allen möglichen Lehrern und sogar von ihrem Direktor auf der Gedenkveranstaltung. Sie begannen, zu glauben und zu vergessen. Denn wenn man eine Lüge nur oft genug wiederholt, so wird sie eines Tages zu Wahrheit.

Kapitel 1

Otto schreckte aus dem Schlaf. Mit einer ruckartigen Bewegung saß er aufrecht im Bett. Ein feuchter, klebriger Schweißfilm bedeckte seine Haut. Sein Atem ging schnell und stoßweise. An diesen Traum, den er seit ein paar Monaten hatte, konnte er sich ganz einfach nicht gewöhnen. Alles, was er eigentlich hatte vergessen wollen, was er so gerne verdrängt hätte, fühlte sich dann auf einmal so real an, so, als ob es erst gestern gewesen wäre. Dabei hatte er geglaubt, dass er dieses Thema schon längst vergessen hatte, aber wie man an seinen Träumen sah, hatte er es nicht vergessen, sondern nur oberflächlich beiseite geschoben. Zitternd holte er Luft und blinzelte. Versuchte, sich zurück in die Gegenwart zu holen. Ihm ging dieser Traum so nahe, weil er die sich dort abspielenden Szenen einmal selbst erlebt hatte, damals, vor fast 30 Jahren, war er der Wurst essende Junge gewesen, der seinem alten Freund feige eine reingetreten hatte, anstatt ihm zu helfen. Natürlich hatte er sich damals Gedanken darüber gemacht, ob er seinen Selbstmord nicht hätte verhindern können, aber da die Lehrer damals alle gesagt hatten, dass dem nicht so wäre, war er nach nur wenigen Tagen wieder zur Tagesordnung übergegangen. Richtige Trauer und Reue hatte er nicht empfinden können, wie auch, sein Vater hatte ihn ja noch in seiner Haltung bestätigt, dass man sich in die Probleme fremder Leute nicht einzumischen habe. Auch an der Schule hatte damals keiner mehr über Frank gesprochen. Nach wenigen Wochen war er nur noch eine Art Phantom, das zwar noch hin und wieder durch die Köpfe der Menschen geisterte, das aber doch irgendwie fremd und surreal war. Otto jedenfalls hatte die Sache mit Frank nach wenigen Monaten komplett vergessen, so hatte er zumindest geglaubt. Er entwickelte im Lauf der Jahre einen recht oberflächlichen, von Konsum geprägten Lebensstil, versteckte seine Schuldgefühle hinter Alkohol und Frauen, sprich, er tat alles, um nur nicht an Frank denken zu müssen, auch wenn er sich das natürlich niemals würde eingestehen können. Dazu war er viel zu sehr in seiner eigenen Welt gefangen, ja man konnte sagen, er war ein Gefangener seiner selbst. Er war heute mehr denn je der Meinung, dass sich jeder nur um sich selbst zu kümmern brauche, dass die Angelegenheiten anderer einen nicht wirklich etwas angingen, sollte doch jeder gucken, wo er blieb. Solange es einem persönlich gut ging, wieso sollte man sich da noch mit den Sorgen anderer Menschen befassen? Das war doch Irrsinn. Da schwelgte Otto doch lieber in der modernen Spaßgesellschaft. Doch trotz allem war Otto ein kranker Mann. Trotz all der Partys, all der kurzen Liebschaften schien ihm sein Leben über den Kopf zu wachsen. Jedes Mal, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, war er so müde, dass er am liebsten sofort geschlafen hätte, aber andererseits war er noch so aufgeregt, dass er nicht schlafen konnte. Nach der Einnahme von mehreren Schlafmitteln, die allesamt nichts bewirkten, hatte ihn sein Arzt nun für sechs Wochen in Kur geschickt. Heute Vormittag würde er aufbrechen. Er war zwar etwas skeptisch, was die Wirksamkeit dieser Methode anbelangte, aber wenn das hieß, nicht zu arbeiten, war es auf jeden Fall schon einmal einen Versuch wert. Die Hauptsache war, dass er nicht in eines dieser kleinen Örtchen gelangte, wo es noch nicht einmal eine Tabledancebar gab. Na ja, er würde sich überraschen lassen.

Er schaute auf den Digitalwecker links neben seinem Bett. 08:04 Uhr. Sehr schön, er hatte noch eine halbe Stunde Zeit. Gerade als er sich noch einmal hinlegen wollte, fiel ihm auf, dass noch jemand neben ihm lag. Er erschrak. Unter der orange geblümten Decke kam ein blonder Haarschopf zum Vorschein. Verdammt, Otto konnte sich an nichts erinnern, wie war es denn nun schon wieder dazu gekommen? Die Frau hob ihren Kopf, dunkelbraune Augen blickten ihn aus schmalen Augenhöhlen an. Das blonde Haar sah verfilzt und gebrochen aus und stand der Frau in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Woher hatte er die denn?

Nur allmählich kehrte die Erinnerung zurück. Er war gestern lange unterwegs gewesen, hatte viel getrunken und vielleicht auch an einer Wasserpfeife gezogen. Gegen drei Uhr morgens war er dann noch in diese schmuddelige Eckkneipe gegangen, dort musste er die Frau wohl kennengelernt haben. Mit vernebeltem Verstand und im Schein einer halb defekten Straßenlaterne hatte sie gar nicht mal so schlecht ausgesehen. Jetzt allerdings, im morgendlichen Sonnenlicht, sah sie eher zum Fürchten aus. Hoffentlich war sie keine von der Sorte Frau, die nach einer Runde Intimitäten gleich eine feste Beziehung wollte. Zu Ottos Leidwesen waren leider die meisten Frauen so gestrickt. Er verstand das einfach nicht, wieso mussten die immer ausrasten, wenn er von intimen Unverbindlichkeiten ausging? Zumal er eigentlich noch nie an etwas anderem interessiert gewesen war. Das war doch auch furchtbar langweilig, immer nur dieselbe Frau an seiner Seite zu haben, das war, als würde man nur einen Schokoriegel im Leben essen. All die Frauen, die Otto dann etwas von Liebe und Glück erzählten, konnte er nicht ausstehen. So ein altmodischer und reaktionärer Quatsch.

Die Frau rekelte sich. „Und, hast du gut geschlafen, mein Engel?“, fragte sie. Na super, da hatte man es schon. Wieso nannte sie ihn Engel? Das konnte nichts Gutes zu bedeuten haben.

„Wollen wir zusammen frühstücken?“ war ihre nächste Frage. Otto musste schnell gegensteuern, je mehr Hoffnung sie sich machen würde, desto länger würde nachher die Disposition dauern.

„Ähm, hör mal, ich habe heute leider keine Zeit, ich muss für sechs Wochen in Kur.“

„Oh, wie schade, aber wir können ja miteinander telefonieren, und nachher, wenn du wieder da bist, dann holen wir alles nach.“ Otto hatte es befürchtet. Das mit der halben Stunde dösen würde wohl nichts werden.

„Ja, ähm, was das anbelangt, ich glaube, du hast da etwas falsch verstanden, versteh mich nicht falsch, es war nett mit dir“, zumindest glaubte Otto das, in Wahrheit konnte er sich ja an kaum was erinnern, „aber ich glaube, wir sollten lieber weiter unsere eigenen Wege verfolgen.“

Erst sagte die Frau, Otto kannte noch nicht einmal ihren Namen, gar nichts, doch dann verzog sie in einer zeitlupenartigen Bewegung den Mund, oh nein, gleich würde sie anfangen zu heulen. Und tatsächlich, die ersten Tränen stahlen sich bereits aus ihren Augenwinkeln.

„Und ich dachte, du liebst mich“, schluchzte sie. Ihr Körper zitterte in einem Weinkrampf. Otto verdrehte genervt die Augen, typisch Frau.

„Vielleicht ist es besser, wenn du jetzt gehst“, schob Otto etwas unwirsch hinterher. Die Frau begann, noch heftiger zu weinen, sagte aber nichts weiter. Quälend langsam zog sie sich ihre Kleidung an.

„Ist das wirklich dein Ernst?“, fragte sie noch, als sie schon vor der Tür stand. Als Otto dies nur mit einem leichten Nicken quittierte, fing sie noch heftiger an zu weinen, rannte aus dem Schlafzimmer und knallte die Eingangstür mit voller Wucht hinter sich zu. Na endlich. Otto hasste solche Weiber. Und die letzte halbe Stunde, die er noch zum Schlafen gehabt hätte, war nun auch vorbei. Er setzte sich langsam auf die Kante seines Bettes. In der Schublade seines Nachttisches hatte er einen Prospekt von seiner Kurklinik verstaut. Er holte ihn heraus. Auf der ersten Seite des Prospektes war ein großes Bild der Kurklinik zu sehen. Sie lag malerisch zwischen zwei begrünten Hügeln. Ansonsten war von der übrigen Umgebung nicht viel zu sehen. Im Inneren befand sich eine kurze Beschreibung der Klinik mit den üblichen Beweihräucherungen. Auf der Rückseite befand sich ein kleiner Anfahrtsplan. Laut Internet würde Otto mit dem Auto etwa fünf Stunden bis zur Klinik brauchen. Die Klinik selbst befand sich in einem Ort namens Gülderhausen. Otto begann damit, sich langsam fertig zu machen. Seine Sachen gepackt hatte er gestern schon, das Auto war beladen und die Post war abbestellt. Er schloss die Türe hinter sich und stieg in sein Auto. In das Navigationsgerät gab er die Adresse der Klinik ein. Ein letztes Mal noch warf er einen Blick über die Schulter, hin zu seiner Wohnung in der dritten Etage eines grauen Mehrfamilienhauses. Abschiedsschmerz überkam ihn. Warum, das vermochte er nicht so recht zu sagen, er war ja schließlich nur sechs Wochen weg. Doch irgendwie spürte er, dass sein Kuraufenthalt nicht ganz so normal verlaufen würde wie angenommen. Man könnte dies getrost als düstere Vorahnung bezeichnen, aber Otto glaubte nicht an so was.

*

Die Fahrt nach Gülderhausen verlief bisher ohne größere Zwischenfälle. Laut Navigationsgerät würde er noch etwa eine halbe Stunde unterwegs sein. Zuvor hatte er ein paarmal Rast gemacht und etwas gegessen. Die Straße wurde nun etwas holpriger. Schlaglöcher bedeckten die Straße in immer kürzeren Abständen und sorgten dafür, dass Ottos Auto kräftig durchgeschüttelt wurde. Er verließ die Autobahn und gelangte zu einem Kreisverkehr. Die Insel des Kreisverkehres war mit hübschen Nelken und Tulpen bepflanzt, in deren Mitte standen zwei Schilder. Rechts ging es nach Schwalbenstadt und links nach Gülderhausen. Dem Schild nach zu urteilen in etwa fünfzig Kilometern Entfernung. Otto bog also nach links ab. Eine von Belaubung überwucherte düstere Landstraße erwartete ihn dort. Entweder war hier schon seit geraumer Zeit keiner mehr langgefahren oder es hatte in der vergangenen Nacht einen kräftigen Sturm gegeben, denn überall auf der Fahrbahn lagen größere und kleinere Zweige herum. Einem besonders großen musste Otto sogar ausweichen, was jedoch kein Problem war, da ihm in der ganzen Zeit noch kein einziges Auto entgegengekommen war. Der dichte Wald machte nach und nach brachliegenden, von Gras bewachsenen Feldern Platz. Es schien so, als hätte sich ab dem Kreisverkehr vorhin keiner mehr um irgendetwas gekümmert, ja die Gegend wirkte regelrecht verlassen. Na, das konnte ja heiter werden.

Da, das nächste Schild, noch ein Kilometer bis Gülderhausen. Ottos Hoffnung, der Kurort würde kein kleines, verlassenes Kaff sein, schwand mit jedem Meter, den sein Auto über die holprige Straße zurücklegte, ein bisschen mehr. Er konnte nur maximal dreißig fahren, mehr ließ die Straße nicht zu. Vorne machte die Straße eine scharfe Kurve nach rechts, Otto bremste etwas ab und fuhr langsam um die Kurve. Er wurde etwas von der Sonne geblendet, die hinter der Kurve durch das dichte Laubdach brach, deshalb erschrak er etwas, als er nur knapp hundert Meter vor sich, ja, was eigentlich sah? Etwas schien die Straße zu blockieren. Er bremste abrupt ab und kniff die Augen zusammen. Was mochte das nur sein? Es schien etwas Längliches, in der Sonne leicht Blitzendes zu sein. Es sah aus wie Metall. Otto wurde stutzig, das konnte doch nicht sein, oder? Langsam fuhr er näher an das mysteriöse Teil heran, welches die Straße blockierte. Wenige Schritte bevor er mit dem Gegenstand kollidierte, bremste er und stieg aus dem Auto. Er stand vor einer riesigen Stahlwand, die mindestens drei Meter an Höhe hatte. Genauer gesagt, war es ein Stahltor. In der Mitte konnte Otto nämlich ein Schloss erkennen. Er schaute nach rechts und nach links. Neben dem Tor waren mehrere gleich hohe Stahlplatten angebracht, weiter hinten im Wald jedoch schienen die Platten einfachem Maschendrahtzaun zu weichen. War Otto etwa falsch abgebogen? Aber er hatte doch vorhin das Schild gelesen, ein Kilometer bis Gülderhausen. Oder hatte er in der Kurve eine Abzweigung verpasst? Er beschloss, ein Stück in den Wald hineinzugehen, um zu sehen, was sich hinter diesem massiven Eisentor verbergen mochte. Er kämpfte sich also mühsam durch das Gestrüpp, wobei er mehrmals an Dornenbüschen hängen blieb, die sich mit ihren Widerhaken ähnlich Stacheln in sein Fleisch bohrten. Nach ungefähr zwanzig Metern verschwand die Stahlwand tatsächlich und ging in einen Maschendrahtzaun über. Otto spähte zwischen den schmalen Öffnungen hindurch. Auf der anderen Seite sah alles ganz genauso aus wie auf seiner. Er versuchte zu erkennen, ob die Straße hinter dem Tor weiterlief, und das tat sie tatsächlich. Nun gut, aber die Frage, ob er hier richtig war oder sich verfahren hatte, bestand nach wie vor. Hinter den zahlreichen Ästen auf der anderen Seite erblickte er plötzlich etwas Gelbes. Ein Straßenschild. Otto kniff die Augen zusammen, um zu lesen, was darauf stand. Ein plötzlich aufkommender Windhauch sorgte dafür, dass sich die Äste ein Stück zur Seite schoben, sodass Otto lesen konnte, was auf dem Schild stand. Gülderhausen 500 Meter.

Also war er doch richtig. Dies war, dem Prospekt nach zu urteilen, die einzige Straße, die nach Gülderhausen führte. Doch warum war sie gesperrt? Wobei „gesperrt“ nicht das richtige Wort gewesen wäre, besser konnte man da schon „abgeriegelt“ oder „verbarrikadiert“ sagen. Otto verstand das alles ganz und gar nicht. Er beschloss, sich erst einmal wieder zu seinem Auto durchzukämpfen. Dort angekommen, rüttelte er probehalber an dem Tor, doch wie zu erwarten, war es verschlossen. Entnervt ließ er sich auf seinen Fahrersitz fallen. Das konnte doch alles nur Einbildung sein, so etwas war doch unmöglich, die konnten doch nicht einfach die einzige Zufahrtsstraße absperren! Ihn hätte ja nur zu sehr interessiert, wie weit der Zaun ginge, aber um das herauszufinden, musste er wahrscheinlich noch tiefer in den Wald rein, und dazu hatte er nun nicht die geringste Lust. Zum allerersten Mal in seinem Leben fühlte er sich vollkommen hilflos. Was um alles in der Welt sollte er jetzt nur tun? Er raufte sich verzweifelt sein immer karger werdendes Haar. Da kam ihm eine Idee. Er hatte doch, falls sein Navigationsgerät ausfallen sollte, den Prospekt der Kurklinik dabei.

Dort würde doch bestimmt auch eine Telefonnummer stehen. Er kramte ein bisschen in seinem Handschuhfach und zog dann das zerknitterte Heftchen heraus. Auf der zweiten Seite wurde in der Tat eine Telefonnummer angegeben. Otto zog sein neues, überteuertes Handy aus seiner Hosentasche und tippte die Nummer ein.

Es klingelte. Eine Minute. Zwei Minuten. Otto wollte gerade wieder auflegen, als er hörte, wie am anderen Ende der Leitung jemand den Hörer abhob. Gesagt wurde jedoch nichts, er hörte nur ein schnelles, rasselndes Atmen. Die Person am anderen Ende der Leitung schien nicht den Wunsch zu haben, etwas zu sagen. Nach wie vor war nur ihr schneller, tiefer Atem zu hören. Otto wurde ein wenig flau im Magen. Sollte er etwas sagen? Wollte er wirklich, dass die Person, die da am anderen Ende schwer wie ein Grizzlybär ins Telefon atmete, mit ihm sprach? Wollte er wirklich hinter diesen Zaun? Wer wusste schon, was da los war. Er schluckte. Aber es musste doch weitergehen, er war doch nicht fünf Stunden umsonst gefahren. Also nahm er allen Mut zusammen und sagte: „Hallo, ist da jemand?“

Am anderen Ende der Leitung sog die Person nur zischend die Luft ein, so, als habe sie sich unheimlich erschreckt oder verbrannt. Dann wieder Stille.

„Guten Tag, hier ist Otto Michel, ich würde gerne nach Gülderhausen, mit wem spreche ich bitte?“

Wieder nur Schweigen. Dann, als Otto schon glaubte, sein Gesprächspartner hätte aufgelegt, sagte doch jemand etwas: „Ähm, äh, Thomas Wissmart hier, was, ähm, kann ich, ähm, für Sie tun?“ Während er diese Frage stellte, klang seine Stimme so angsterfüllt, dass Otto sich Sorgen machte, ob es ihm auch gut ginge. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen, werter Herr?“, fragte er deshalb erst einmal.

„Ja, mir geht es gut, was kann ich für Sie tun?“, sagte sein Gesprächspartner diesmal so abgehetzt, als würde er sich auf der Flucht befinden. Otto beschloss, dies jedoch zunächst zu überhören. „Wie ich eben bereits sagte, würde ich gerne nach Gülderhausen, aber die einzige Zufahrtsstraße ist gesperrt, können sie mir weiterhelfen?“ Der Mann am anderen Ende der Leitung sog wieder scharf die Luft ein. Die folgenden Worte schrie er fast, wobei seine Stimme so panisch klang wie die einer Frau, welche sich vor einer Maus auf einen Stuhl flüchtete. „Gülderhausen?! Was wollen Sie denn da?!!“ Otto erschrak ob der heftigen Reaktion des Mannes. Was hatte er denn bloß?

„Geht es Ihnen auch wirklich gut?“, fragte daher Otto noch einmal. Doch der Mann, wie hieß er gleich noch? Thomas Wissmart?, antwortete nicht, man hörte nur sein hektisches rasselndes Atmen. „Soll ich Ihnen einen Krankenwagen rufen?“ Thomas Wissmart schien wieder Schnappatmung zu bekommen. „Nein, nein, bloß nicht, keinen Krankenwagen !!!!!!!!!“ Am liebsten hätte Otto wieder aufgelegt, aber was sollte er tun? Dieser warum auch immer furchtbar aufgeregte Mann war offenbar der einzige freie Gesprächspartner in der Klinik. Otto nahm all seine Kraft zusammen, um nicht ungehalten zu werden.

„Hören Sie, ich muss in die Kurklinik, meine Behandlung beginnt dort heute, aber wie gesagt, die Straße ist gesperrt.“ Thomas Wissmart schien erneut in Panik auszubrechen. „In die Kurklinik von Gülderhausen?! Aber das ist unmöglich, das kann nicht sein!!!!!!!!!“ Thomas’ Stimme schwoll an zu einem schrillen Kreischen.

„Ich habe sogar die Einladung dabei, ich werde doch wohl wissen, wann ich wohin muss“, hielt Otto Thomas entgegen. Dieser brach nun in einen nervösen Lachanfall aus. Irgendetwas stimmte doch hier nicht, ging es Otto durch den Kopf. Als Thomas sich wieder etwas gefasst hatte, sagte er, diesmal mit betont ruhiger und leiser Stimme: „Aber sicher wissen Sie das, es ist nur so, wir haben eigentlich allen Kurgästen abgesagt, weil wir zurzeit ähm … umbauen. Genau, die Klinik wird umgebaut. Nun, offenbar haben wir vergessen, Ihnen abzusagen, das tut uns natürlich sehr leid, und … Warten Sie, ich bespreche kurz mit meinem Kollegen, wie es weitergeht.“ Stille. Thomas hatte den Hörer offenbar beiseitegelegt. Otto konnte es nicht glauben. Na, das ging ja schon mal gut los. Warum konnte er nicht einfach an eine ganz normale Klinik in einem ganz normalen Ort geraten, so wie die meisten anderen Menschen auch? Während er sein Handy weiter an sein Ohr drückte, hörte er im Telefon, wie sich weit entfernt zwei Menschen unterhielten. Thomas hatte seinen Kollegen offenbar gefunden. Das Gespräch wechselte schnell in einen rauen Tonfall. Sie schienen sich zu streiten. Auch wenn Otto leider nichts verstehen konnte, so hörte er jedoch, dass sich nach einer Weile eine dritte Person in das Gespräch einmischte. Doch diese besänftigte die beiden Streithähne nicht etwa, sondern schien das Gespräch noch anzuheizen. Am Ende schrien sich alle an. Man, dachte Otto, da fühlt man sich ja gleich richtig willkommen. Plötzlich endete das Gespräch. Thomas war wieder am Hörer. „Also gut, ich habe mich mit meinen Kollegen besprochen. Die räumlichen Kapazitäten geben es durchaus her, dass Sie hier behandelt werden können. Ich komme Sie in zehn Minuten am Tor abholen, bis dann …“

Thomas hatte aufgelegt. Otto ließ noch das Freizeichen eine Weile in sein Ohr piepsen, dann legte auch er auf. An was für seltsame Leute war er da nur geraten? Als Thomas ihm zum Schluss gesagt hatte, dass er ihn abholen käme, hatte er so schwer geatmet, als hätte er einen Marathon hinter sich. So was war doch nicht normal, oder?

Aber sollte er wirklich warten, bis ihn dieser komische, nervöse Typ abholte? Wenn er es sich recht überlegte, dann konnte er doch auch einfach wieder fahren. Einfach den Schlüssel im Zündloch herumdrehen, den Wagen wenden und abhauen. Dann würde dieses seltsame Telefonat von vorhin nur eine kurze Randnotiz in seinem Leben sein. Aber andererseits: Wovor hatte er eigentlich Angst? Gut, der Start mochte etwas holprig verlaufen sein, aber für alles gab es ganz bestimmt eine logische Erklärung, und schon heute Abend würde er über all das hier lachen können. Aber dennoch, das Gefühl, hier besser nicht zu sein, blieb.

Bis dieser Thomas kam, würde es noch gut fünf Minuten dauern, also beschloss Otto, sich ein wenig die Beine zu vertreten, und stieg aus dem Auto. Die Vögel des Waldes sangen in wundersamer Weise ihre natürliche Melodie. In der Ferne vernahm Otto das verhaltene Plätschern eines Bächleins. Sein Blick schweifte zu dem massiven Stahltor. Was es wohl damit auf sich hatte? Dieses Tor wirkte in der sonst so friedlichen Natur wie ein Fremdkörper, wie etwas, was störte, etwas, was diesem Ort nicht guttat. Von der anderen Seite hörte Otto das Geräusch eines näher kommenden Motors. Das war wahrscheinlich sein Gesprächspartner von vorhin. Das Motorengeräusch erstarb. Auf der anderen Seite des Tores waren nun Schritte zu hören. Ein Schlüssel wurde in ein Schlüsselloch gesteckt. Es klickte und klackte gewaltig in dem kleinen Tor. Dann wurde noch ein Schlüsselloch bedient, dann noch eins und noch eins. Insgesamt zählte Otto sieben Schlösser, die betätigt wurden. Das Tor öffnete sich ächzend. Das Metall schrappte über den Boden und hinterließ dabei Schleifspuren. Hinter dem Tor kam ein großer, dünner, ja fast schon schlacksiger Mann zum Vorschein. Bekleidet war er mit einem blau-weiß karierten Holzfällerhemd und einer grauen Hose. Sein Haar war eine Mischung aus hellem Braun und einem altersgemäßen Grauton. Er lächelte nervös.

„Guten Tag. Mein Name ist Thomas, Thomas Wissmart. Wir haben vorhin telefoniert.“ Seine Stimme klang betont freundlich und gelassen. Zu gelassen. Eben so, wie ein Schauspieler gelassen klingt, wenn er Lampenfieber hat und einen entspannten Charakter spielen muss.

„Ja, guten Tag, Otto Michel mein Name.“ Thomas schüttelte ein wenig zu heftig seine Hand. „Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, dies war keineswegs von uns beabsichtigt, Herr Michel.“

„Was hat das denn hier alles zu bedeuten?“, wollte Otto wissen. Thomas begann zu schwitzen. Er lächelte verlegen und beugte sich dann zu Otto rüber. „Wissen Sie, was ich Ihnen jetzt erzähle, ist streng geheim und darf auf gar keinen Fall an Dritte weitergeleitet werden.“ Er schluckte. Dann holte er aus:

„Es ist nämlich so. Die Sperrung, die Sie hier vorfinden, betrifft nicht nur die ganze Straße, sondern den ganzen Ort. Ja, Sie hören richtig, der ganze Ort ist von diesem Zaun umgeben. Und dies hat einen ganz besonderen Grund. Wir sind nämlich die offiziellen Veranstalter des Zaunprojektes.“ Als er Ottos irritierten Blick bemerkte, hob er beschwichtigend die Hände und fuhr fort: „Es wundert mich nicht, dass Sie noch nie etwas davon gehört haben, es ist nämlich streng geheim. Die Bundesregierung hat uns nämlich damit beauftragt, herauszufinden, inwieweit sich die Lebensverhältnisse ändern, wenn eine Gemeinschaft vollkommen autark lebt. Dies ist vor allem für die Vorbeugung von Naturkatastrophen interessant, aber auch Soziologen interessieren sich für die veränderte Denkweise der Menschen. Auch die Vertreter der Biolandwirtschaft erhoffen sich davon neue Erkenntnisse. Insgesamt sind wir der dritte Ort, der dieses Projekt durchführt. Eines der Kriterien war natürlich die Abgelegenheit dieses Ortes, in einem Ballungsgebiet lässt sich so etwas nicht durchführen. Da haben wir es hier natürlich sehr viel besser, der nächste Ort ist fünfzig Kilometer weit entfernt, verstehen Sie?“

Otto brummte der Schädel. Er hatte mindestens die Hälfte von dem schon wieder vergessen, was ihm gerade erzählt wurde. „Aber wozu denn das Tor, und der Zaun? Und warum ist der ganze Ort abgesperrt?“, fragte Otto irritiert. Thomas rann mittlerweile der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Aus seiner Hosentasche holte er ein verwaschenes Stofftaschentuch, mit dem er sich einmal übers Gesicht fuhr, ehe er fortfuhr: „Nun ja, wissen Sie, um das Leben in einer autarken, also eigenständigen Welt zu simulieren, muss gewährleistet sein, dass dem auch so ist. Wir konsumieren zurzeit zum Beispiel nur Lebensmittel aus eigener Produktion. Das ist nicht immer das Beste und Schmackhafteste, aber es genügt. Aber nun stellen Sie sich vor, die Leute, denen das Essen nicht schmeckt, lassen sich Essen von außerhalb kommen, das würde alles ruinieren. Oder ein paar Anwohner haben auf einmal keine Lust mehr, mitzumachen, und wollen sich einfach vom Acker machen. Oder man denke an die neugierigen Presseleute, die würden auch alles kaputt machen, deshalb dieser Zaun.“

„Und das lassen die Leute einfach so mit sich machen?“, wunderte sich Otto.

„Nun ja“, sagte Thomas, während er sich mit seinem Tuch erneut den Schweiß von der Stirn wischte, „das Zaunprojekt musste vorher mit einer Zweidrittelmehrheit bei einem Volksentscheid ratifiziert werden, zudem konnten jene, die sich gegen das Projekt entschieden hatten, für die Dauer des Zaunprojektes entscheiden, ob sie woanders leben möchten. Der Rest musste die Teilnahmebedingungen unterschreiben. Von daher wird hier niemand zu irgendetwas gezwungen.“

Otto glaubte langsam zu verstehen. Auch wenn er das Ganze immer noch für absurd hielt. Thomas war mittlerweile so fertig, dass er sich an einem nahe stehenden Baumstamm abstützen musste. „Ziemlich heiß heute, oder?“, fragte Thomas keuchend. „Ähm, nein, nicht sonderlich“, gab Otto erstaunt zurück. „Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht, sie wirken recht, nun ja, angespannt.“

„Ich, angespannt?! Nein, nein, mir geht es gut, wirklich.“ Erneut holte er sein Taschentuch heraus und benetzte es. „Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt. Wenn Sie tatsächlich Gülderhausen betreten wollen, dann müssen Sie zunächst die Teilnahmebedingungen akzeptieren. Dazu gehören unter anderem der Verzicht auf Fahrzeuge jeder Art sowie die Abgabe aller funkfähigen Geräte, dazu gehört auch Ihr Mobiltelefon. Sie kriegen die Bedingungen nachher natürlich auch noch mal schriftlich.“

Otto war perplex. Sie konnten doch nicht einfach sein Auto wegschließen, wenn auch nur für sechs Wochen. Und auf sein Handy konnte er schon gar nicht verzichten. Er war nun einmal ein Kind der Moderne, für ihn gehörte es zu den kulturellen Bedürfnissen, mehrmals am Tag mit seinen 586 Onlinefreunden, von denen er kaum welche tatsächlich kannte, nutzloses Zeug wie Bilder seiner letzten Mahlzeit zu teilen. Aber er erkannte natürlich die Zwangslage, in der er sich befand. Würde er diesen dämlichen Bedingungen nicht zustimmen, dann würde man ihn nicht reinlassen. Und das wäre gleichbedeutend damit, für die nächsten Wochen wieder zu arbeiten, zumindest bis man eine neue Klinik gefunden hatte, und das wollte Otto auf gar keinen Fall. So schwer es ihm auch fiel, er stimmte zu. Seine Autoschlüssel überließ er Thomas, der versprach, das Auto nachher in die große Tiefgarage zu bringen, wo auch die anderen Autos untergebracht waren. Auch sein Handy händigte er ihm aus, von dem er sagte, dass er es in der Klinik in einen Safe einschließen werde. Es bestand also wirklich keine Chance, vor dem Ende der sechs Wochen an sein Handy zu kommen. Sozialleben ade.

Thomas führte ihn hinter das Tor, wo er erst einmal die sieben Schlösser wieder verschloss. In dem Moment, in dem Otto die Schwelle des Tores überquerte, spürte er in seinem Inneren wieder dieses tiefe Unbehagen, den Wunsch, solange es noch ging, diesen Ort wieder zu verlassen.

Als Thomas das siebente Schloss verriegelt hatte, war Ottos Schicksal besiegelt.

Thomas bat ihn, in sein Auto zu steigen, wobei es kein richtiges Auto war, das hätte ja gegen die Regeln verstoßen, sondern ein Golfauto. Der Wagen zuckelte mit höchstens zwanzig Stundenkilometern dahin, doch auch mit dieser geringen Geschwindigkeit erreichten sie Gülderhausen relativ schnell. Als sie um die letzte Ecke bogen, war Otto fast schon erleichtert, einen ganz normalen Ort vorzufinden. Nichts deutete darauf hin, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Was hatte er denn auch erwartet ? Ein zweites 45er Dresden? Thomas sprach während der knapp 15 Minuten langen Fahrt fast überhaupt nicht. Mindestens dreimal wischte er sich den Schweiß von der Stirn, ansonsten wirkte er, für seine Verhältnisse, relativ entspannt. Nachdem sie den ganzen Ort durchquert hatten, bogen sie links in einen Feldweg ein, an dessen Ende die Klinik lag. Das Klinikgebäude war ein zehngeschossiges graues Hochhaus, das in dieser ländlichen Gegend, wo ein Haus aussah wie das andere und jedes einen gepflegteren Vorgarten hatte als das andere, vollkommen deplatziert wirkte. Als Thomas Ottos Blick bemerkte, sagte er: „Wie gesagt, wir bauen gerade um. Diese Gelegenheit bot sich uns jetzt, da wir allen, oder zumindest fast allen, Kurgästen aufgrund des Zaunprojektes abgesagt hatten.

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