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Das Wunder von Bernd

Über den Autor

Volker Keidel, 1969 in Würzburg geboren, verdingte sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs, unter anderem bei Siemens am Fließband, als fahrender Bäcker, Eisverkäufer und Pförtner einer Schwesternschule, bevor er in München Buchhändler wurde. Seit vielen Jahren organisiert er dort Lesungen und liest auch selbst bei der Veranstaltungsreihe Westend ist Kiez, unter anderem aus seinem Buch Bierquälerei, das 2013 erschien. Volker Keidel ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Weiterer Titel des Autors:

Bierquälerei

INHALTSVERZEICHNIS

Über den Autor

Halbzeitknutschen

Mr. Dirty Talk

London calling

Marktsonntag

Der Tag, an dem das Sandmännchen starb

Monsieur Völler

Helli hört auf

Mein erstes BP-Trikot

Los Amigos

Elfmeterkiller

Kopf oder Zahl

Einen Schritt zu spät

Von Löwen lernen

Tiki-Taka-Kurzgeschichten-Feuerwerk

Leichtes Spiel

Elfmeterkiller reloaded

Das Wunder von Bernd

Ein Abgesang

Noch Fragen?

Du Wahnsinn!

Schwarzseher

Schni-Schna-Schnapsi

Hahnsamcanlahm

Niederlage and Destroy

Karwoche

Pippi

Pippo

Eine Nummer zu groß

Langweilig

Tee um 15:30 Uhr

We call it a Klassiker

Lieblicher Weihnachtskick

Zweite Mannschaft

Schönste Momente

Mein erstes Mal

Resturlaub

Scheunentor

Knackpunkt

Time to say goodbye

Mein Traum-HSV

Meine Weltelf

Meistgehörtes auf dem Fußballplatz

Danksagung

Keidels Karriere als Fußballer

Keidels Karriere als Autor

HALBZEITKNUTSCHEN

Ich hatte mir die beiden letzten Auftritte des HSV in München angesehen und daraufhin beschlossen, mal eine Pause zu machen und in dieser Saison nicht ins Stadion zu gehen. Auch um die Spieler zu bestrafen für ihre desolaten Leistungen.

»Was, der Keidel ist heute nicht da?«, würden sie sich gegenseitig fragen, sich deshalb besonders reinhängen, und vielleicht würde es so zum Sieg reichen.

Es hatte damals so gut angefangen in der Allianz Arena mit zwei Siegen und zwei Unentschieden, ich ging schon fast gerne in diese kalte, seelenlose Betonschüssel. Weil es aber zu schön war und höhere Mächte die HSV-Fans regelmäßig bestrafen, gab es daraufhin drei Niederlagen in Folge.

Bei den beiden letzten, einem 5:0 und einem 6:0, hatten alle Hamburger gegen Ende »Oana geht no, oana geht no nei!« gesungen und danach so lange getrunken, bis das Spiel vergessen war.

Dieses Jahr würde es ja kaum noch schlimmer kommen, aber ich war bockig.

Zumal meine Frau mit ihren drei Freundinnen auf die Schnapsidee gekommen war, sich auch endlich mal die Allianz Arena anschauen zu wollen.

Gerade beim Spiel gegen den HSV. Man stelle sich nur vor, seine Frau in der Halbzeitpause zufällig am Bierstand zu treffen.

Obwohl, wir könnten vorher ausmachen, dass sie sich in die Schlange stellt und ich scheinbar zufällig vorbeikomme.

»Wie heißt du?«, würde ich sehr laut fragen.

»Anna. Und du?«

»Volker.«

»Oh, echt, Volker? Das ist ein sehr schöner Name. Und du hast sehr schöne Augen. Hast du Lust, mich zu küssen?«

Dann würden wir uns so lange küssen, bis wir drankämen, Anna würde mir ein Bier in die Hand drücken und sagen: »Das war der schönste Kuss meines Lebens. Zärtlich, aber trotzdem wild und fordernd, wie machst du das bloß? Das Bier geht auf mich. Und hier hast du meine Nummer, ruf mich gerne an, auch wenn du mehr willst.«

Daraufhin würde ich mich wieder in meinen Block stellen und mir von den in Ehrfurcht erstarrten Fans abwechselnd Bier bringen und auf die Schulter klopfen lassen.

Ich war total begeistert von meiner Idee und hatte plötzlich doch etwas Lust, mit Anna zum Spiel zu gehen, aber ich musste die Bestrafung durchziehen.

Anna war die Tage vor dem Spiel total aufgeregt. Sie interessierte sich eigentlich schon lange nicht mehr richtig für Fußball, aber vielleicht hatte sie mit ihren Freundinnen schon ausgemacht, in der Halbzeitpause beim Bierkauf heftig miteinander rumzuknutschen.

Am Vorabend des Spiels sagte Susa ab. Sie habe erfahren, dass der HSV käme, und meinte, dass ihr das dann doch zu langweilig sei.

Also probierte es Anna und schmeichelte mir: »Ach komm schon, Heike und Anja würden sich freuen, wenn du mitkommst. Du könntest uns die Vierer-Abseitskette erklären.«

»Ja, da kenne ich mich schon aus«, sagte ich und machte sie nicht auf ihren kleinen Lapsus aufmerksam, »aber ich habe mich leider schon gegen das Spiel entschieden. Sonst glauben die Spieler, sie können sich alles erlauben.«

Insgeheim freute ich mich bereits auf das Spiel.

Zum einen hoffte ich auf die große Sensation, zum anderen ging mir der Kuss in der Halbzeitpause nicht mehr aus dem Kopf.

»Och bitte«, insistierte Anna, »ich hätte dich so gerne dabei. Außerdem könntest du uns fahren. So könnten wir uns schön wegballern und müssten nicht mit der Bahn fahren.«

Anna wusste, dass sie mich mit so einer Ansage tief beeindrucken konnte.

»Ja, geht klar.«

Dann fiel es mir wieder ein.

»Ihr habt Karten für die Südkurve«, sagte ich, »da darf ich mit meinem HSV-Trikot gar nicht rein.«

»Tja, dann überleg dir eine Lösung für dieses Problem. Und? Kommst du drauf?«

»Hallo?! Glaubst du echt, ich geh ohne Trikot zum HSV

»Das musst du wohl, wenn du mitkommen willst. Und du willst dabei sein. Ich seh doch das HSV-Funkeln in deinen Augen.«

Also zog ich mir am nächsten Tag aus Trotz Bluejeans an, blaues T-Shirt, blaue Socken, schwarz-weiße Unterbüchs, meine schwarz-weiß-blauen Adidas-Schuhe, einen Pulli der Marke Urgestein und eine blaue Jacke.

Außerdem klebte ich mir für den Fall eines Auswärtssiegs ein HSV-Trikot ins Hosenbein.

Dann setzte ich mich aufs Sofa und wartete auf Heike und Anja. Und wartete und wartete. Irgendwann kam Anna dazu, und wir warteten zusammen, weil sogar sie schon fertig war. Wir wollten eigentlich um halb zwei losfahren, aber die beiden trudelten erst um Viertel vor drei ein.

Heike hatte sich rausgeputzt, als ginge sie zu einer Afterwork-Party, Anja trug ein Bayern-Trikot. Wir waren zu Schulzeiten liiert gewesen. Ich möchte nicht sagen, dass die Trennung direkt mit Bayern München zusammenhing, aber Anjas Vorliebe für diesen Verein hat ihr sicher nicht weitergeholfen, nachdem ich erst einmal ins Grübeln gekommen war.

Ich versuchte gar nicht, die beiden zum Umziehen zu überreden, schließlich waren wir spät dran.

Im Dunstkreis des Stadions ging nichts mehr.

»Seht ihr, wie viele Menschen den HSV sehen wollen?«, wandte ich mich an meine Mitfahrerinnen.

»Haben die auch Prosecco im Stadion?«, ignorierte mich Heike.

»Glaubst du auch, dass Bayern das Triple holt?«, legte Anja nach.

Anna mixte derweil drei Hugos und beschwerte sich über meine Fahrweise. Ich gönnte ihnen keinen Schluck, da kam mir das ewige Stop-and-go gerade recht.

Es machte Riesenspaß, drei angetrunkene und gut gelaunte Mädels zu einem Fußballspiel zu fahren, welches man eh verliert.

Zu allem Überfluss hörte ich gegen 16 Uhr, als wir endlich die Drehkreuze passierten, einen markerschütternden Schrei. Ich dachte einen Moment, aus diesem »Jaaaaaaaaaaaa!« einen nordischen Unterton herausgehört zu haben, aber das beknackte Lied hinterher belehrte mich eines Besseren.

Toll, 1:0, und wir waren noch nicht einmal drin. Vielleicht hatte Bayern aber auch nur auf 1:2 verkürzt. Ein weiterer Jubelschrei riss mich aus meinen Gedanken. Ich hoffte, dass die Hohlköpfe im Stadion wegen der Wiederholung auf der Leinwand gejubelt hatten, zog aber auch das 2:2 in Betracht.

Dann kamen uns die ersten HSV-Fans entgegen, die nicht nach einem 2:2 aussahen.

Endlich konnte ich einen Blick auf die Anzeigetafel werfen: 4:0!

Mir wurde schlecht, die angeschickerten Hühner lachten sich kaputt.

Wenn man ins Stadion kommt und es steht schon 4:0, das ist, als komme man ins Kino, wenn gerade der Abspann läuft. Oder wie wenn man zwei Stunden zu spät zu einer wichtigen Prüfung kommt. Der ganze Druck fällt zwar ab, aber es fühlt sich schlimm an.

Bis zur Pause legten die Bayern gnädigerweise nur noch ein Tor nach, trotzdem war ich bedient. Ich sagte den Mädels, die nur noch ab und an losgelacht hatten, wenn sie mich anschauten, dass ich mir die zweite Halbzeit im HSV-Block anschauen würde. Die Jungs brauchten mich jetzt, also machte ich mich auf den Weg. Vor dem Eingang des Gästeblocks standen einige HSVer, also fragte ich sie, ob sie mich reinschleusen könnten.

»Nein, auf keinen Fall«, sagte ein Zwei-Meter-Hüne, »wir haben dich vorhin reinkommen sehen. Mit einer in ’nem Bayern-Trikot. Das ist widerlich. Womöglich hattest du schon mal was mit der. Hau ab!«

Es blieb mir nichts anderes übrig, als wieder zurückzugehen. Ich traf die drei am Bierstand, wo sie in der Schlange einen Flachmann kreisen ließen, ging zu Anna und fragte: »Wie heißt du?«

Anna schaute mich mit großen Augen an.

»Geht’s dir gut?«, fragte sie.

Mist, ich hatte vergessen, sie einzuweihen.

Irgendwie musste ich die Situation retten, denn ungefähr 20 Leute schauten uns an.

»Du hast schöne Augen!«, sagte ich. »Willst du mich küssen?«

»Halt die Klappe und hol Bier, wir gehen solange aufs Klo!«, antwortete Anna und lachte.

Die Männer um mich herum waren begeistert und bewarfen mich mit leeren Bierbechern.

Auch die zweite Halbzeit in der Südkurve war spitze. Die Bayern hatten mittlerweile auf 8:0 erhöht.

Wenigstens konnte ich jetzt gefahrlos mein HSV-Trikot tragen.

Die Bayern-Fans klopften mir auf die Schulter und drückten mir Biere in die Hand. Allerdings nicht – wie ich es mir ausgemalt hatte – wegen der geschicktesten Zunge Süddeutschlands, sondern einfach aus Mitleid. Das war kein schönes Gefühl, ich trank dennoch alle Becher aus, schließlich waren sie von Bayern-Geld bezahlt. Man muss diesen Verein von der Basis her ausbluten lassen.

Auch Anna war inzwischen sauer. Zum einen, weil ich nicht mehr fahren konnte, zum anderen weil ich schon wieder Anja zu ihr gesagt hatte. Immer, wenn ich mit den beiden unterwegs bin, verwechsle ich ihre Namen. Anja und Anna, das ist schon verdammt ähnlich, da kann ich doch nichts dafür. Zudem war ich mit beiden schon zusammen, und beide haben lange Haare.

Warum kann Anna nicht einfach Astrid heißen, dann könnte nichts passieren.

Der Vorvorvorvorvorvoranschlusstreffer brachte mich auf andere Gedanken.

Fast hätte ich gejubelt, doch ich gestand mir ein, dass der HSV das Ding wahrscheinlich nicht mehr würde drehen können.

Am Ende stand es 9:2, der Bremen-Drecksack Pizarro war an sechs Toren beteiligt, und ich saß bedient auf der Tribüne. Heike, Anna und Anja (oder umgekehrt) waren schon mit der S-Bahn weg, ich sollte im Auto warten, bis ich wieder fahren konnte, und dann nachkommen.

Ein Bayern-Fan brachte mir ein letztes Bier und setzte sich neben mich.

»Kopf hoch«, munterte er mich auf, »ihr steigt schon nicht ab.«

Als ich ihn dankbar anschaute, fuhr er fort: »Außerdem hast du schöne Augen. Wie heißt du?«

MR. DIRTY TALK

Objektiv betrachtet hat Materazzi durch seine Provokation gegen Zidane die WM entschieden.

Rekapitulieren wir: Materazzi hält Zidane am Trikot fest.

Zidane sagt: »Du kannst mein Trikot nach dem Spiel haben!«

Guter Spruch, da kann man nix sagen.

Jetzt antwortet Materazzi: »Deine Schwester wäre mir lieber!«

Materazzi hat also noch einen draufgesetzt. Respekt, das ist definitiv sehr lustig.

Den Kopfstoß hat jeder vor Augen, doch warum auch der Italiener gesperrt wird, verstehe, wer will.

Ist auch völlig egal, eines steht jedenfalls fest: Wenn man durch Provokation eine WM entscheiden kann, muss das bei einem Altherrenspiel erst recht möglich sein.

Demnach mache ich mich vor dem Spiel gegen die Senioren des FT Gern nicht warm, sondern bereite mich in der Kabine mit einem Schimpfwörterbuch und Brad Gilberts Buch Winning ugly vor.

Ich nehme mir vor, auf das übliche Fußballervokabular wie Arschloch, Drecksau oder Ähnliches aus der unteren Schublade zu verzichten. Darauf reagiert sowieso kein Schwein mehr, ich muss subtiler vorgehen.

Also stelle ich mich erst einmal hinter das gegnerische Tor und lache über die kläglichen Schussversuche beim Aufwärmen. Ich selbst verzichte vorsichtshalber auf eigene Torschüsse.

Kurz nach dem Anpfiff lasse ich meinen Gegenspieler gleich spüren, was Sache ist. Ich möchte, dass er spätestens nach 20 Minuten vom Platz fliegt.

Ich setze zuerst auf Altbewährtes und halte ihn am Trikot fest.

»Du könntest mein Trikot nach dem Spiel haben, wenn ich es dann nicht meinem Verein bezahlen müsste!«

Das sitzt, ich muss kurz überlegen.

»Deine Schwester wäre mir lieber, die ist auch sicher billiger!«, kontere ich.

»Du hast meine Schwester noch nicht gesehen«, meint er, »ich würde es mir gut überlegen.«

So komme ich nicht weiter, der Typ hat kein Fünkchen Ehrgefühl im Leib. Gott sei Dank spielen wir nächste Woche gegen NK Zagreb. Das sind noch richtige Männer, die setzen sich ein für ihre Familie.

Aber mein aktueller Gegenspieler muss doch auch irgendwie zu knacken sein. Ich lasse mein Bein stehen, als sich unsere Wege kreuzen.

»Oh, sorry, war mein Fehler, ich hab dich nicht gesehen!«, entschuldigt er sich. So ein lammfrommer Typ, langsam werde ich echt aggressiv.

Ich lege eine Schippe drauf, sage: »Ey, stimmt das, dass deine Mutter so schlecht kocht?«

»Allerdings«, sagt er emotionslos, »ich habe schon Jahre nicht mehr bei ihr gegessen.«

Na gut, über Verunglimpfungen seiner weiblichen Familienmitglieder krieg ich ihn wahrscheinlich nicht.

Vielleicht bin ich zu subtil, ich muss direkter werden.

»Spielst du eigentlich jede Woche so schlecht?«, frage ich ihn deshalb. Dummerweise zirkelt er mit seiner nächsten Ballberührung einen 20-Meter-Freistoß zum 3:0 in den Winkel.

Langsam läuft mir die Zeit weg. Was kann einen deutschen Vereinsfußballer beeindrucken? Auch meine letzten Versuche scheitern jämmerlich. Ich mache mich über die Spoiler an seinem Auto und an seinem Hinterkopf lustig und frage ihn, ob er immer noch arbeitslos sei.

»Was ist nur mit dir los?«, fragt er zurück und grinst mitleidig. »Warum bist du nur so derb und krank?«

Jetzt kann ich mich nicht mehr halten. Wie kommt die blöde Sau dazu, mich derb zu nennen? Ich beschimpfe ihn und alle, die mich beruhigen wollen.

»Schiri, du hast dein Spiel nicht unter Kontrolle. Darf mich hier denn jeder provozieren? Der hat gesagt, ich sei krank. Du pfeifst kleinlich wie ein Wirtschaftsprüfer, und die Kapitalverbrechen deckst du nicht auf. Nein, weil du in Gedanken bei deiner Schwester bist, du Depp!«

Stille legt sich über den Fußballplatz. Dann zückt der schwarze Mann Rot.

Aber es ist mir völlig egal, wie lange ich gesperrt werde. Denn das war mit Sicherheit mein letztes Spiel. Warum soll ich mich in meiner Freizeit beleidigen lassen. Das ist es nicht wert, das hab ich nicht verdient.

Ich verlasse den Platz, der Schiri pfeift wieder an. Es sind 17 Minuten gespielt.

LONDON CALLING

Vielleicht habe ich mich letztes Jahr zu weit aus dem Fenster gelehnt. Damals hatte ich großkotzig angekündigt, dass wir in diesem Jahr den Fürch-Cup holen. Der Fürch-Cup ist ein Freizeitturnier, an dem ich seit 1998 mit meiner Mannschaft teilnehme. In den Anfangsjahren haben wir das Turnier dominiert und mehrere Male den Pokal mit nach Hause genommen.

Letztes Jahr wurden wir von einer Studententruppe, den Zua Bulls, lächerlich gemacht. Nicht nur, dass sie uns auf dem Feld schwindlig gespielt haben, nein, sie mussten auch noch souverän den Bierpokal holen, den die Mannschaft bekommt, die am Ende des Tages die teuerste Getränkerechnung vorweisen kann.

Teamchef Keidel hatte also die heikle Aufgabe, das Aufgebot zu benennen. Ich musste Spieler finden, die sowohl sehr gut kickten als auch trinken konnten.

Wäre es nur ums Biertrinken gegangen, wäre mir die Nominierung leichtgefallen. Ich hätte einfach aus meinem Handy-Adressbuch wahllos sieben Leute ausgewählt. Blöderweise ist aber der Fürch-Cup primär ein Fußballturnier.

»Fußball spielen?«, lachte Jörg in den Hörer. »Ich habe mich zufällig erst gestern mit meiner Ärztin über künstliche Kniegelenke unterhalten.«

»Und?«, fragte ich zurück. »Kriegt ihr das bis zum Turnier in zwei Wochen noch hin?«

Ich ahnte aber bereits, dass Jörg nicht derjenige sein würde, der das Endspiel für uns entscheiden würde.

Wenigstens zum Trinken wollte er vorbeikommen.

Tommy dagegen sagte spontan zu. Mit Tommy habe ich zu Studienzeiten in Bamberg in der Uni-Mannschaft gespielt. Das war zwar etwa zur Zeit des Mauerfalls, aber ich hoffte, er würde mir weiterhelfen. Er war mal im Zweitligakader von Union Solingen und deshalb unglaublich gut. Doch so spontan er zugesagt hatte, so spontan sagte er auch wieder ab.

Auch bei der Rekrutierung der meisten anderen Talente lief es nicht so gut.

Knacki kurierte gerade seinen dritten Kreuzbandriss aus, Steve war mittlerweile stärker am Bierkrug als am Ball, Blacky war im Urlaub, und Tobis Achillessehne war seine Achillessehne. Auch Michi B. lief seit Wochen auf Krücken. Michi S. arbeitete seit Jahren in der Geschäftsstelle auf Schalke und hätte zwar Zeit gehabt, aber ich mag Schalke nicht. Außerdem spielen die da immer in dieser Turnhalle, er hätte die Umstellung auf Fußball im Freien wahrscheinlich eh nicht gepackt.

Zwei Tage vor dem Turnier umfasste mein Kader drei Spieler. Inklusive mir.

Immerhin, Bazi hat mal in der Landesliga gekickt. Allerdings als Klaus Fichtel noch in der Bundesliga spielte.

Dazu Breiti, mit dem ich einst aus der B-Klasse in die C-Klasse abgestiegen war.

Dann ließ sich Knacki doch überreden, sich ins Tor zu stellen. Als Torwart habe er zwar noch nie gespielt, aber so schwer könne das ja nicht sein. Außerdem versprach ich ihm eine Abwehrkette vom Feinsten.

Glücklicherweise hatte Breitis Frau Tanja Mitleid mit uns und verpflichtete einen Arbeitskollegen, der jung war und über Bezirksliga-Erfahrung verfügte.

Trotzdem war meine Verzweiflung so groß, dass ich einen Aufruf über Facebook startete.

Ich stellte mir ein kleines Casting vor, bei dem ich mir ein oder zwei Granaten würde aussuchen können.

Leider bekam ich nur zwei Zusagen, überraschenderweise beide von Mitgliedern meiner Lesebühne »Westend ist Kiez«. Alex und Felix sind großartige Literaten und haben schon exzellente Fußballgeschichten geschrieben, aber Fußball spielen?!

Felix habe ich bereits einmal auf dem Platz gesehen. Er ist so ein Klinsmann-Typ, kann sehr viel laufen und technisch … na ja, jedenfalls kann er sehr viel laufen. Spitzenvoraussetzungen für ein Kleinfeldturnier!

Alex wollte Abwehr spielen. Er sagte zwar, er könne nur so mittelgut mit der Kugel umgehen, aber er macht oft einen auf Understatement.

Damit war die Mannschaft auch komplett. Gar nicht mal so schlecht, dachte ich.

Bis zum ersten Spiel. Wir holten ein glückliches 0:0 gegen eine miese Mannschaft in Bayern-Trikots, die zwei Mädchen einsetzte. Wie sich später herausstellte, hatten sie bei der Partie ihre beste Spielerin geschont.

Es ist bezeichnend für unsere Leistung, dass Knacki, der zum ersten Mal in seinem Leben im Tor stand, unser bester Mann war.

Breiti und ich bewegten uns schwerfällig wie immer, Felix lief wie erwartet sehr viel und technisch … na ja, jedenfalls lief er sehr viel, Alex hatte nicht auf Understatement gemacht und war so mittelgut, Andi hatte allenfalls in der Bezirksliga gekegelt, und sogar Bazi passte sich unserem Niveau an.

Unsere schönste Aktion war eine verunglückte Volleyabnahme, die ins Gesicht der Torfrau klatschte.

Das war es aber auch schon mit Klatschen. Wir brachten es fertig, erst am Nachmittag im dritten Spiel unser erstes Tor zu erzielen und die Zuschauer durch Slapstick-Einlagen mehrmals zum Lachen zu bringen. Bei meinem ersten unkontrollierten Tackling trug ich ein so großes Hämatom am Schienbein davon, dass alle zufällig anwesenden Ärzte eine Amputation nicht ausschließen konnten.

Wenig überraschend schieden wir in der Vorrunde sang- und klanglos aus, was uns glücklicherweise ein Aufeinandertreffen mit dem späteren Turniersieger ersparte.

Die Bolzplatz-Legende Eisi lebte schon seit einiger Zeit in London und hatte angekündigt, mit ein paar Jungs, mit denen er sonntags im Park kickt, am Fürch-Cup teilnehmen zu wollen. Sie waren am Vortag mit dem Flieger gekommen, um auf der Anreise möglichst viel Kraft zu sparen.

Sie erkannten recht schnell, dass sie das Turnier auch gewonnen hätten, wenn sie von England nach Gröbenzell gejoggt wären.

Alle außer Eisi sahen aus wie Weltklasse-Sprinter oder American-Football-Stars, eventuell waren sie beides.

Doch sie waren nicht nur unfassbar schnell und im Zweikampf überaus robust, sondern allesamt auch noch mit einem Zauberfüßchen ausgestattet.

Wahrscheinlich hätten sie locker das Zweitligateam der Löwen geschlagen. Zu siebt auf dem großen Platz und vielleicht sogar mit Eisi.

Da sie selbstverständlich nur Wasser tranken und auch die Zua Bulls nicht so viele Mass wie sonst bestellten, witterte ich unsere Chance auf den Bierpokal.

Zum ersten Mal an diesem Tag ließ sich meine Mannschaft mitreißen. Vor allem Knacki rief wie auf dem Feld auch hier eine Weltklasse-Leistung ab.

Als ich gegen 19 Uhr die erste Zwischenrechnung über 240 Euro beglich, fragte ich nach, wie denn unsere Chancen auf den Bier-Pott stünden.

»Theoretisch ganz gut«, versicherte man mir, »allerdings war das mit dem Bierpokal letztes Jahr eine einmalige Sache. Aber vielleicht könnt ihr einen der Trostpreise abstauben. In den Kategorien schlechtester Spieler, hässlichste Verletzung und höchstes Gesamtgewicht sehe ich euch ganz vorne.«

Die letzten Worte verstand ich schon gar nicht mehr, ich trottete enttäuscht zu meiner Mannschaft zurück.

»Egal«, sagte Bazi, »vielleicht können wir uns morgen gar nicht mehr an das Turnier erinnern. Deshalb möchte ich dich schon heute darum bitten, mich nächstes Jahr nicht mehr anzurufen.«

Teamgeist ist etwas anderes. Trotzdem werde ich nächstes Jahr noch einmal die besten Fußballer einladen, die ich kenne, um endlich wieder den Fürch-Cup in den Himmel zu recken. Oder ich ziehe zu Eisi nach London.

MARKTSONNTAG

Manchmal bin ich dran mit der Freizeitgestaltung für die Familie. Ist nicht sonderlich schwer: Zeitung auf – aha, Marktsonntag in Fürstenfeldbruck – Zeitung zu, Abfahrt.

Herrliche Essensstände, schlendern, Luftballons für die Kleinen und hinterher noch ein Weißbier im Stehen. So stellte ich mir das vor. Dann herrschte ein wahnsinniges Gedränge, es gab nur miese Verkaufsstände und miese Verkäufer mit lachsfarbenen Jacketts und Micky-Maus-Krawatten.

Und die Einheimischen! Mann, da fährst du 20 Kilometer aus München raus und bist sofort in der Cowboystiefel-Röhrenjeans-Dauerwellen-Zone. Ich will mich hier nicht elitär aufspielen, aber solche Bauern, mein lieber Schwan.

Erst hab ich noch gelacht, dann traf mich mit einem Schlag die Sonntagsdepression. Denn, oh Gott, egal wie alle hier aussahen, alle verdienten mehr Geld als ich, und Ärger auf der Arbeit hatte ich auch und dazu Rückenschmerzen. Ich wollte meine Familie an mich drücken, aber Anna war schon eine halbe Stunde lang verschwunden, und Tom hatte schlechte Laune. Sicher vom monotonen Cowboystiefelgeklapper.

Ich fand Anna vor einem Spielzeugladen. Ich solle ihr helfen, ein Geschenk für die kleine Franca aus der Krabbelgruppe zu finden. Kaum zu glauben. Ich stand kurz vor dem Suizid, sollte aber Entchen quietschen lassen und Barbiekleidchen auswählen. Ich sagte »schön« und »auch schön« und »natürlich kannst du das verschenken« und verzog mich zu den Tipp-Kick-Spielen.

Meine Laune besserte sich, ich rutschte mit meinen Gedanken in meine Kindheit. Als ich mit Hulge jeden Samstag vom Morgengrauen bis zur Sportschau Tipp-Kick spielte. Wir trugen oft über Monate hinweg komplette Europapokale der Landesmeister aus. Nur wenn uns Hulges Mutter Treets-Schokoklicker und Sunkist hinstellte, schalteten wir den Küchenwecker ab und unterbrachen Hammerpartien wie Dnjepr Dnjepropetrowsk gegen die Grashoppers aus Zürich. Schöne Erinnerungen, aber was sollte ich jetzt in einem Spielzeugladen?

Ich wollte nur noch raus, schließlich war ich 36. Beim Verlassen des Ladens nickten Tom und ich der Dame an der Kasse kurz zu, als mich plötzlich die ach so lustigen Ecstasypillen, ihr wisst schon, unser WM-Logo 2006, von einem Heftchen aus angrinsten.

Wahnsinn, endlich, das Panini-WM-Album war da! Mir wurde ein bisschen schlecht vor Aufregung, und meine Speichelproduktion lief auf Hochtouren. Ich stellte den Kinderwagen zur Seite und kramte in meinen Hosentaschen hektisch nach Geld. Ich fand zehn Euro.

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