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Das Wunder unserer Liebe

Gina Wilkins

Das Wunder unserer Liebe

1. KAPITEL

„Aha, dann sind Sie also die Hellseherin.“

Caitlin Flaherty musste sich schwer zusammennehmen, um den Mann, der ihr gegenüberstand, weiterhin freundlich anzulächeln.

Das mache ich alles nur für Nic, dachte sie.

Nic, eigentlich Nicole, war ihre beste Freundin – frisch verlobt und bis über beide Ohren verliebt. Und Nic freute sich so sehr über den Besuch ihres zukünftigen Schwagers, dass Caitlin sich nicht traute, schnippisch zu ihm zu werden. So schwer ihr das auch fiel.

„Da hat Ihnen wohl jemand Unsinn erzählt“, erwiderte sie leichthin. „Hellsehen kann ich nämlich nicht, das habe ich auch nie behauptet.“

„Aha.“ Ethan Brannon wirkte wenig begeistert. Caitlin kannte den Mann gerade einmal zehn Minuten. Nic hatte ihn ihr hier, auf ihrer kleinen Dinnerparty, vorgestellt und war dann sofort mit ihrem Verlobten Joel – Ethans Bruder – in der Küche verschwunden, um sich weiter ums Abendessen zu kümmern. Caitlin und Ethan sollten es sich inzwischen im Wohnzimmer bequem machen.

Caitlin ging zur antiken Anrichte, die als Wohnzimmerbar diente. Die Gastgeberin hatte die beiden aufgefordert, sich einfach schon einmal etwas einzuschenken, während sie auf das Abendessen warteten. „Möchten Sie auch einen Drink?“

„Ja, gern. Ich nehme das Gleiche wie Sie.“

Sie schenkte sich ein Glas Weißwein ein, brachte ihm aber einen schottischen Whisky mit.

Misstrauisch sah er vom Glas zu ihr und wieder zurück. „Trick siebzehn, was?“, bemerkte er schließlich.

Sie nippte kurz an ihrem Wein. „Wie bitte?“

„Na ja, ich habe doch eben gesagt, dass ich das Gleiche nehme wie Sie, und jetzt bringen Sie mir genau den Whisky, den ich sonst auch immer vor dem Essen trinke. Das hat Ihnen bestimmt Nic verraten.“

„Über Ihre Trinkgewohnheiten haben Nic und ich uns bestimmt nicht unterhalten“, gab Caitlin etwas schroff zurück, um ein plötzliches Gefühl von Unsicherheit zu überspielen. „Sie sahen mir einfach nicht wie ein Weißweintrinker aus.“

Ohne sie aus den Augen zu lassen, führte er das Glas zum Mund. Ethan Brannon hatte einen ausgesprochen schönen Mund. Überhaupt war er ein ziemlich gut aussehender Mann, eine Art kantigere Ausführung seines Bruders Joel. Beide hatten kurze, braune, leicht wellige Haare, haselnussbraune Augen und eine markante Kinnpartie. Und beide waren knapp einen Meter achtzig groß und kräftig gebaut. Trotzdem gab es Unterschiede: Während Joel entspannt und umgänglich wirkte, machte Ethan auf den ersten Blick einen eher unnahbaren, verschlossenen Eindruck.

Ethan war drei Jahre älter als sein Bruder und arbeitete als selbstständiger Unternehmensberater in Alabama, wo er sich insbesondere um kleinere Betriebe kümmerte. Nic hatte Caitlin erzählt, dass er ziemlich zurückgezogen in einer ländlichen Gegend wohnte. Offenbar war er jetzt zum ersten Mal in der rund 400 Kilometer entfernten Kleinstadt Cabot in Arkansas, um seinen Bruder zu besuchen. Und das, obwohl Joel inzwischen seit fast zwei Jahren hier wohnte. Nic hatte Ethan allerdings schon vorher kennengelernt, als sie mit Joel vor acht Monaten in Alabama gewesen waren.

Caitlin lächelte Ethan an. „Es ist sehr großzügig von Ihnen, dass Sie Joel und seinem Teilhaber helfen, ihre Praxis richtig aufzuziehen“, bemerkte sie. „Die zwei sind ganz tolle Kinderärzte, aber mit der geschäftlichen Seite haben sie nicht viel am Hut, sagt Joel immer.“

„Ich habe meinem Bruder schon damals am College empfohlen, ein paar Seminare in Betriebswirtschaftslehre zu belegen, aber er hat sich immer nur für die Medizin interessiert. Tja, dieses Wissen fehlt ihm jetzt.“

„Zum Glück können Sie ihm unter die Arme greifen“, sagte Caitlin. „Und wenn ich Joel Glauben schenken darf, dann sind Sie richtig gut. Er meinte, Sie hätten schon viele kleine Betriebe aus den roten Zahlen rausgeholt. Einigen soll es inzwischen sogar richtig gut gehen.“

Ethan zuckte mit den Schultern und schwieg.

Herrje, dachte Caitlin. Den ganzen bisherigen Tag hatte sie damit verbracht, eine vierstöckige Hochzeitstorte mit Hunderten von Fondantrosen und Ranken aus Zuckerguss zu verzieren. Das war ganz schön anstrengend gewesen – aber lange nicht so anstrengend wie dieses Gespräch mit dem wortkargen Ethan.

Endlich kam Joel ins Wohnzimmer, um sie zum Abendessen zu holen. Es hatte schon eine gewisse Komik, wie Caitlin und Ethan fast gleichzeitig aufsprangen und ins Esszimmer stürzten.

Dort zündete Nic gerade Kerzen auf dem großen Mahagonitisch an, der ihrer Mutter gehörte – ebenso wie das Haus, in dem sie seit zwei Jahren wohnte. Ihre Mutter, Susan Sawyer, lebte inzwischen in Paris bei ihrem Sohn Paul, der dort für die amerikanische Botschaft arbeitete. Joel hatte das Nachbarhaus gekauft, und so hatten sich die beiden kennengelernt. Aus der anfänglichen Freundschaft war schließlich eine tiefe Liebe geworden. In ein paar Tagen wollten sie heiraten.

Caitlin setzte sich an den prachtvoll gedeckten Tisch und betrachtete ihre beste Freundin. Nics dunkelblaue Augen strahlten vor Glück. Als sie Joel kennengelernt hatte, war sie noch mit einem Mann namens Brad zusammen gewesen, aber Caitlin hatte immer schon geahnt, dass die Beziehung nicht lange halten würde. Bei Joel hingegen hatte sie von Anfang an gewusst, dass die beiden füreinander bestimmt waren.

Während des Abendessens unterhielten sie sich angeregt über die bevorstehende Hochzeit. „Ich wusste gar nicht, was man dafür alles organisieren muss“, stöhnte Nic. „Erst dachte ich, ich brauchte mir bloß ein Kleid zu kaufen und einen Termin mit einem Pfarrer zu vereinbaren. Aber dann haben diverse Leute auf mich eingeredet, und es kamen immer mehr Dinge dazu.“

„Welche Leute denn?“, hakte Ethan nach.

„Na ja, hauptsächlich meine Mutter. Sie kommt morgen aus Paris, und während der letzten Wochen hat sie täglich drei- oder viermal angerufen, um ihre neusten Ideen für die Hochzeit durchzugeben. Manchmal vergisst sie dabei den Zeitunterschied, dann habe ich sie mitten in der Nacht am Apparat. Und auch meine Arbeitskollegen glauben, sie müssten mir ständig irgendwelche Anregungen mitgeben. Ach, und meine Freundin Carole hat sich angeboten, alles zu koordinieren. Dabei hat sie sich zu einer richtigen Tyrannin entwickelt.“

„Warum hast du denen nicht allen einfach gesagt, dass sie sich da raushalten sollen?“, warf Ethan ein. „Wenn du nur ganz klein heiraten wolltest, wäre das doch völlig in Ordnung gewesen.“

Nic zog eine Grimasse und grinste. „Ach, es war aber lieb gemeint, und ich fand es ganz rührend, dass mir so viele Menschen helfen wollten. Auch wenn ich, wie ihr alle wisst, mit dem ganzen Mädchenkram nicht viel am Hut habe.“

„Klingt ziemlich anstrengend“, kommentierte Ethan trocken. „Dabei ist man nach so einem Riesentamtam genauso gut verheiratet wie nach einer ganz simplen Trauung.“

„Schon, aber die meisten Leute feiern so einen besonderen Anlass eben gern mit Familie und Freunden“, konterte Joel die zynische Bemerkung seines Bruders. „Nics Mutter wäre bestimmt enttäuscht gewesen, wenn wir das einfach so unter den Tisch fallen lassen hätten. Und unsere wohl auch. Sie freut sich schon sehr auf die Hochzeit.“

Nic grinste Ethan an. „Verstehe ich dich gerade richtig? Wenn du mal heiratest, gibt’s nur eine nüchterne Trauung, und das war’s?“

Ethan legte die Gabel ab und griff nach dem Whiskyglas. „Ich habe sowieso nicht vor zu heiraten, das habe ich dir ja schon erklärt“, gab er zurück. „Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass es jemand auf Dauer mit mir aushalten würde – und umgekehrt auch nicht.“

Das stimmt nicht, durchfuhr es Caitlin. Sie hatte so eine Vorahnung, dass Ethan bald schon eine Frau finden würde, die zu ihm passte. Und dass die beiden ein Leben lang zusammenbleiben würden.

Ja, irgendwie war sie sich auf einmal sehr sicher, obwohl sie nicht sagen konnte, warum. Aber immerhin hatte sie sich in achtundzwanzig Jahren so gut wie nie geirrt. Dabei weigerte sie sich strikt, von „übernatürlichen Fähigkeiten“ zu sprechen. „Ich habe einfach ein besonders gutes Gespür für solche Dinge, das ist alles“, pflegte sie ihre außergewöhnliche Gabe zu kommentieren.

Nach dem Hühnchen mit Parmesan stand Nic auf, um das Dessert zu servieren. Caitlin räumte die Teller ab und folgte der Freundin in die Küche.

„Und?“, erkundigte Nic sich, als sie gemeinsam den Geschirrspüler einräumten. „Wie findest du Ethan?“

Caitlin zuckte mit den Schultern. „Ganz nett. Ein bisschen reserviert vielleicht.“

„Ja, das ist so seine Art. Aber wenn man ihn erst mal besser kennenlernt, ist er ein wirklich lieber Mensch. Er hat mich von Anfang an voll akzeptiert, während seine Mutter erst ganz schön skeptisch war. Außerdem steht er Joel sehr nah und kümmert sich manchmal richtig rührend um ihn.“

„Ich bin ihm wohl nicht so ganz geheuer“, bemerkte Caitlin.

Nic öffnete einen Küchenschrank. „Ach, neuen Leuten gegenüber ist er anfangs immer zurückhaltend. Das war bei mir auch so, er musste wohl erst mal herausfinden, was ich für ein Mensch bin. Vielleicht hat er schon ein paar Enttäuschungen hinter sich.“

„Allerdings“, bestätigte Caitlin. Ohne die Einzelheiten zu kennen, wusste sie, dass er schon einmal tief verletzt worden war. Vielleicht war er ja wirklich deswegen so reserviert ihr gegenüber? Sie beschloss, ihm noch eine Chance zu geben und ihn besser kennenzulernen – Nic zuliebe.

Ihre Freundin war gerade damit beschäftigt, Schlagsahne auf das Schokoladendessert zu löffeln.

„Bei einem Schälchen würde ich die Sahne weglassen“, murmelte Caitlin geistesabwesend.

Wie selbstverständlich nahm Nic den Hinweis hin und stellte schließlich drei Desserts mit und eines ohne Sahne auf ein Tablett. „Bringst du die Kaffeekanne mit?“, bat sie Caitlin und ging in Richtung Esszimmer.

Die beiden Brüder diskutierten gerade angeregt über verschiedene Arten der Rechnungsstellung. Während Caitlin allen Kaffee einschenkte, verteilte Nic den Nachtisch. „Mag einer von euch vielleicht keine Schlagsahne?“, erkundigte sie sich.

„Ja, Ethan.“ Joel grinste. „Er hasst das Zeug.“

Nic lächelte Caitlin zu und reichte ihrem Schwager sein Dessert. „Wie gut, dass ich ein Schälchen ausgelassen habe.“

Ethan warf Caitlin einen skeptischen Blick zu, sagte aber nichts weiter. Dann begann er, seinen Nachtisch zu löffeln. Sie tat das Gleiche und hoffte, sich möglichst bald verabschieden zu können. Der Abend war irgendwie schrecklich anstrengend.

Ethan sehnte sich nach dem Ende der Dinnerparty. Solche Veranstaltungen lagen ihm sowieso nicht, er stellte sich lieber mit einer Flasche Bier an den Grill. Der ganzen Hochzeitsthematik konnte er auch nicht viel abgewinnen. Und dann war da auch noch diese Hellseherin …

Die Bezeichnung stammte zugegebenermaßen von ihm – Joel und Nic hatten ihm mehrmals eingeimpft, dass Caitlin überhaupt nichts davon hielt, so bezeichnet zu werden. Sie hatte eben einfach ein besonders gutes Gespür für manche Dinge. Wenn sie Vermutungen über die Zukunft anstellte, so erzählte Joel, trafen sie meistens ein.

Um ihn davon zu überzeugen, hatte Joel seinem Bruder von Nics Unfall erzählt: Vor acht Monaten waren die beiden zusammen nach Alabama zu einem Klassentreffen geflogen. Damals hatte Caitlin täglich angerufen und ihre Freundin gewarnt, in den nächsten Tagen extrem vorsichtig zu sein. Und dann war es passiert: Um ein Haar wäre Nic bei einem schlimmen Unfall getötet worden.

Ethan hatte sich die Geschichte geduldig angehört, doch aus seiner Sicht war das reiner Zufall. Woher hatte Caitlin auch wissen sollen, dass Nic zusammen mit einem maroden Balkon sieben Meter in die Tiefe stürzen würde? Wenn diese Caitlin wirklich eine Hellseherin ist, dachte er, dann hätte sie ihre Freundin viel gezielter vor dem Unglück warnen können. Wozu hatte man sonst solche Fähigkeiten?

Tja, und heute hatte sie erraten, dass er gern schottischen Whisky trank und keine Schlagsahne mochte. Na und?

Allerdings lag es nicht nur an ihren angeblich übersinnlichen Fähigkeiten, dass sie ihn beunruhigte. Joel hatte ihm ja schon erzählt, dass sie eine hübsche Frau war … und jetzt hatte Ethan festgestellt, dass sein Bruder damit noch stark untertrieben hatte. Caitlin sah nämlich einfach umwerfend aus.

Warum hielt sie es dann bloß für nötig, den Leuten etwas von ihrer Hellseherei vorzugaukeln? Wer so aussah wie sie, brauchte sich nicht zusätzlich interessant zu machen! Sie zog sich auch eher unauffällig an: Ihr schlichtes Outfit aus beigem T-Shirt und brauner Hose unterstrich ihre natürliche Schönheit.

Ethan trank einen Schluck Kaffee und hoffte, sich nach dem Essen so schnell wie möglich verabschieden zu können. Noch viel länger würde er sich nämlich nicht mehr zusammennehmen und höflichen Small Talk machen können.

„Guten Morgen, meine Schöne.“

Die Frau, die sich selbst Cassandra nannte, schaute lächelnd von ihrem Strickzeug hoch und strich sich durchs Haar. So reagierte sie automatisch, wenn sie Dr. Thomas sah. Obwohl sie seine Mutter hätte sein können, flirtete sie gern mit dem jungen, attraktiven Arzt.

„Hallo, der Herr.“

Dr. Thomas schlenderte durch den Raum und lehnte sich betont lässig gegen das Fenstersims. Cassandra saß in einem Sessel vor dem Fenster, wie so oft. Von ihrem Zimmer im ersten Stock aus hatte sie einen hervorragenden Ausblick auf die perfekt gepflegten Grünanlagen und konnte die Vögel beobachten, die in den Bäumen nisteten. Der Frühling war eine tolle Jahreszeit, er verströmte so ein positives Gefühl von neuem Leben und hoffnungsvollen Neuanfängen … bis der dunkle Winter alles wieder zerstörte.

„Ich habe gehört, dass Sie eine schlimme Nacht hinter sich haben“, begann der Arzt vorsichtig.

Cassandras Lächeln verschwand. Sie ließ den Blick auf ihr Strickzeug sinken und nickte. „Ja, ich hatte einen Albtraum.“

„Kommen sie jetzt wieder regelmäßig?“

„Nein, nicht regelmäßig. Nur manchmal.“

„Möchten Sie darüber reden?“

Einen Moment lang füllte nur das Klicken ihrer Stricknadeln die Stille. „Ich kann mich nicht mehr daran erinnern“, sagte sie schließlich.

„Cassandra …“

Er ist enttäuscht, weil er weiß, dass ich lüge, dachte sie. Und das tat ihr leid – trotzdem wollte sie mit ihm lieber nicht über ihre Träume sprechen … über die Bilder, die sie Tag und Nacht verfolgten. Die Erinnerungen, die dann in ihr hochkamen, waren einfach zu schmerzlich.

„Sie haben heute Abend ein Date, stimmt’s?“, wechselte sie abrupt das Thema. „Sie ist sehr hübsch, passt aber nicht zu Ihnen. Reine Zeitverschwendung.“

„Oje, haben die Schwestern wieder getratscht“, seufzte er. „Man braucht hier ja nur einmal kurz zu husten, und das ganze Haus weiß Bescheid.“

Sie lächelte bloß und strickte weiter.

„Na ja, selbst schuld, wenn ich mich mit einer Arbeitskollegin verabrede“, fuhr er leichthin fort. „Das lässt sich schlecht verheimlichen, aber das war mir auch nicht wichtig. Na ja, eigentlich wollte ich gar nicht über mich sprechen, sondern über Sie. Möchten Sie wirklich nicht mit mir über Ihren Albtraum reden? Vielleicht tut es Ihnen ja gut.“

Sie hob die Augenbrauen und musterte ihn traurig. Er ist noch so jung, dachte sie. Er glaubt immer noch, er wüsste auf alles eine Antwort, könnte all seinen Patienten helfen – selbst mir. Armer Mann!

„Nein, das würde mich nicht weiterbringen“, erwiderte sie ruhig. „Aber vielen Dank für Ihr Interesse, Dr. Thomas. Sie sind ein guter Mensch.“

Der Arzt suchte nach Worten. „Danke“, sagte er schließlich. „Ich schreibe Ihnen noch etwas zum Einschlafen auf. Vielleicht haben Sie dann ja eine ruhigere Nacht.“

„Wie Sie meinen, Doktor.“

„In ein paar Tagen sehen wir uns wieder, ja? Und geben Sie Bescheid, wenn Sie noch etwas brauchen, dann kümmere ich mich darum … oder einer der anderen Ärzte.“

„Vielen Dank.“ Sie wartete, bis er zur Tür gegangen war, dann sagte sie: „Viel Spaß heute Abend – machen Sie das Beste draus.“

Er lachte leise. „Sie sind mir schon eine, Cassandra.“

„Wenn Sie wüssten …“, murmelte sie, nachdem er das Zimmer verlassen hatte. Dann konzentrierte sie sich wieder auf den Pullover, an dem sie gerade strickte.

Vier Tage nach dem gemeinsamen Dinner heirateten Nic und Joel. Caitlin stand in einem roten Kleid und mit einem bunten Frühlingsblumenstrauß vor dem Altar und sah zu Joels Trauzeugen hinüber. Es war sein Bruder Ethan. Ein leichter Schauer rieselte ihr über den Rücken, als sie bemerkte, dass er sie ebenfalls musterte.

Schnell wandte sie den Blick ab und versuchte, sich stattdessen auf das zu konzentrieren, was der Pfarrer sagte. Der hielt gerade eine kleine Rede über die Freuden und Verpflichtungen des Ehelebens. Lange konnte sie ihm dabei nicht zuhören, und irgendwann ertappte sie sich doch wieder dabei, dass sie Ethan beobachtete. Der rabenschwarze Smoking stand ihm ganz ausgezeichnet. Und obwohl er ihren Blick nicht direkt erwiderte, wusste sie, dass er ihn deutlich spürte.

„Willst du diesen Mann …“, hörte Caitlin den Pfarrer sagen, und sie zwang sich dazu, sich wieder auf die Trauungszeremonie zu konzentrieren. Schließlich kam gleich ihr Einsatz.

„Ja, ich will.“ Mit klarer Stimme beantwortete Nic die Frage und sah Joel dabei tief in die Augen, die denen seines Bruders unglaublich ähnlich waren. Und wenn Caitlin sich nicht kräftig zusammengenommen hätte, wäre ihr Blick schon wieder zu ihm hinübergeglitten …

„Ja, ich will.“ Diesmal kamen die Worte von Joel, und sie klangen stolz und sicher.

Jetzt kam der Moment, da Nic und Joel sich die Ringe ansteckten. Caitlin nahm ihrer Freundin den Brautstrauß ab und reichte ihr den Ring für den Bräutigam. Die beiden Frauen lächelten sich einen Moment lang an.

Schließlich wandte sich Nic ihrem zukünftigen Mann zu, und Caitlin spürte einen kleinen Stich in der Herzgegend. Obwohl Nic und sie sich weiterhin sehr nahestehen würden, konnte es nicht ausbleiben, dass sich ihre Beziehung veränderte. Das wusste sie. Nic und Joel hatten noch ein sehr langes, glückliches gemeinsames Leben vor sich und würden auch bald ein Kind bekommen. Einen Jungen. Joel im Miniaturformat.

Schon seit Wochen sah Caitlin dieses Bild immer wieder vor sich, hatte ihrer Freundin aber noch nichts davon erzählt. Es war ja nur eine Vorahnung, sicher konnte sie sich nicht sein. Und obwohl Caitlin mit ihren Ahnungen überwältigend oft richtig lag, erschien es ihr manchmal doch klüger, sie für sich zu behalten.

Sie blickte noch einmal zu Ethan hinüber, der sich seinerseits ganz auf Joel und Nic konzentrierte. Komisch – wenn sie sonst einen neuen Menschen kennenlernte, entwickelte sie schnell ein Gespür für ihn. Bei Ethan war das anders. Bisher hatte sie hauptsächlich herausgespürt, dass sie ihm von Anfang an nicht ganz geheuer gewesen war. Was hatte er bloß über sie gehört?

Ethan sah sich selbst als Skeptiker und als Realisten. Er glaubte nicht an solche Dinge wie Hellseherei, übersinnliche Fähigkeiten, Poltergeister, UFOs, Vampire, den Weihnachtsmann oder Liebe auf den ersten Blick. Mit allem, was er nicht sehen, fühlen, anfassen oder sonst wie überprüfen konnte, konnte er herzlich wenig anfangen.

Trotzdem: Jedes Mal, wenn er in Caitlins fast schwarze mandelförmige Augen sah, überkam ihn ein seltsames Gefühl. In ihrer Gegenwart konnte er sich einfach nicht normal verhalten. Was war bloß mit ihm los?

Reine sexuelle Anziehungskraft, sagte er sich. Mehr nicht. Und kein Wunder: Die Frau war so attraktiv, dass sie einem einfach den Verstand rauben musste, mit ihrem wunderschönen herzförmigen Gesicht und dem glänzenden schwarzen Haar. In ihren dunklen Augen wollte er am liebsten versinken … und er würde umstandslos jedes Wort glauben, das über ihre vollen, sanft geschwungenen Lippen kamen.

Und der Rest? Tja, da musste er sich ständig daran erinnern, dass er gerade in einer Kirche war. Sonst würde er den Blick nämlich immer wieder über ihre sinnlichen Kurven gleiten lassen, die in einem knallroten Kleid steckten …

Ethan erschrak. Was dachte er da eigentlich gerade?

„Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.“

Die Worte des Pfarrers holten Ethan ins Hier und Jetzt zurück. Er zwang sich zu einem Lächeln, als Joel seine frisch angetraute Frau küsste. Einige Gäste seufzten gerührt.

Genau wie alle anderen freute Ethan sich sehr für seinen Bruder – obwohl er anfangs skeptisch gewesen war, ob die etwas burschikose Polizistin Nic Sawyer wirklich die Richtige für Joel war. Doch als er sie näher kennenlernte, war er schnell überzeugt gewesen, dass die beiden perfekt zueinander passten. Natürlich war Nic völlig anders als Heather, Joels erste Frau, die vor sechs Jahren tödlich verunglückt war. Heather war ein sehr weiblicher, sanfter Typ gewesen und hatte ausgesehen wie ein Model. Aber es war offensichtlich, wie glücklich Joel jetzt mit Nic war. Und nur das zählte.

Nic und Joel strahlten die Hochzeitsgäste an, als der Pfarrer sie allen Anwesenden nun als „Dr. und Mrs. Brannon“ vorstellte. Nic nahm ihren Brautstrauß und hakte sich für den Auszug bei Joel unter. Gemeinsam schritten sie den Mittelgang hinunter. Ethan erinnerte sich an die Anweisungen zum Trauungsablauf, trat hinter das Brautpaar und reichte Caitlin den Arm.

Sie stutzte einen winzigen Moment lang, dann hakte auch sie sich bei ihm unter. Wahrscheinlich hatte außer ihm niemand ihr Zögern bemerkt. Doch er hatte ihre Unsicherheit deutlich gespürt.

Und so wenig er von solchen Dingen wie Vorahnungen und Eingebungen hielt – während er mit Caitlin seinem Bruder und seiner Schwägerin zum Kirchentor folgte, überkam ihn ein seltsam unwirkliches, schwer zu bestimmendes Gefühl. Wahrscheinlich habe ich einfach nur Hunger, sagte er sich. Ist ja schon lange her, dass es etwas zu Mittag gab.

Für ihre Hochzeitsfeier hatten Nic und Joel den Tanzsaal des Country Club gebucht. Kein besonders großer Raum, aber definitiv groß genug für eine kleine Familienfeier. Für Livemusik sorgte eine ortsansässige Countryband. Die vier Teenager waren so talentiert, dass sie schon in ganz Arkansas mit ihren selbst geschriebenen Songs auf sich aufmerksam gemacht hatten.

Caitlin ließ den Blick zu der beeindruckenden Hochzeitstorte schweifen – ihrem Werk. Eigentlich hatte Nic sie bloß um einen ganz einfachen Kuchen gebeten, aber für Caitlin war das nicht infrage gekommen. Ihrer besten Freundin zuliebe hatte sie in stundenlanger Arbeit die schönste Hochzeitstorte geschaffen, die sie jemals hergestellt hatte. Dabei hatte sie sich vom Hochzeitskleid ihrer Freundin inspirieren lassen, einem Familienerbstück aus den Vierzigern, in dem schon Nics Großmutter geheiratet hatte.

Caitlin selbst hatte so gut wie keine Familienerbstücke, konnte sich aber gut vorstellen, was das Kleid Nic und ihrer Mutter bedeuten musste. Also hatte sie als Inspiration für die Hochzeitstorte ein paar Fotos davon gemacht und sich außerdem ein paar Tage lang Nics Schleier geliehen. Das Ergebnis war eine weiße Torte mit weißem Zuckerguss-Spitzenmuster und winzigen essbaren Perlen. Als Caitlin Nic ihr fertiges Werk gezeigt hatte, war ihre Freundin regelrecht überwältigt gewesen.

„Haben Sie die Torte etwa gemacht?“

Caitlin fuhr herum. Direkt hinter ihr stand Ethan mit einem Glas alkoholfreier Fruchtbowle.

„Ja, das ist mein Werk.“ Herausfordernd sah sie ihn an.

„Sie ist sehr hübsch geworden.“

„Vielen Dank“, erwiderte sie aufrichtig. „Mir ist noch nie eine Hochzeitstorte so wichtig gewesen.“

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