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Das Wunder der Organisation: Menschen zwischen Pflichten und Emotionen: Band 2

Das Wunder der Organisation
Menschen zwischen Pflichten und Emotionen

Umfang von Kapiteln und Anhängen Seiten

BAND 2: Interaktionen – Antriebskräfte – Organisationskonzepte

5. Interaktionsanalyse und –beeinflussung

6. Antriebskräfte des Menschen

7. Organisationskonzepte in Theorie und Praxis

8. Nachwort: Das Wunder der Organisation – Menschen zwischen Pflichten und Emotionen

Anhang 10 Konflikte

Anhang 11 Wie steht es heute mit dem Organisationsansatz von Erich Kosiol?

Anhang 12 Stellenbeschreibung „Leiter in der Fertigung“

Anhang 13 Grochlas systemorientierte Organisation

Danksagungen

BAND 1: Formale und psycho-soziale Grundlagen

0. Vorwort: Das Wunder der Organisation – Menschen zwischen Pflichten und Emotionen

1. Verhaltensmuster - Psycho-Soziale Strukturen und Prozesse in Organisationen

2. Formale und psycho-soziale Kategorien (Strukturen und Prozesse)

3. Struktur und Funktionen des menschlichen Gehirns

4. Vom Individuum zur Gruppe

Anhang 1 Risiken und Fehlentwicklungen

Anhang 2 Mensch-Maschine-Systeme

Anhang 3 Beispiel Deutsch-Englisch, ASCII- und Binär-Code

Anhang 4 Zu Einsichtslernen (Zeit online)

Anhang 5 Emotionale Intelligenz

Anhang 6 Bill Gates / PC-Technologien

Anhang 7 Intelligenztest

Anhang 8 Beispiel Signifikanzbestimmung

Anhang 9 Entwicklungen und Fehlentwicklungen (gestern bis heute)

Interaktionsanalyse und –beeinflussung

5.1 Begriffliche Abgrenzung

5.2 Interaktions- und Verhaltenseigenschaften (Kommunikation)

5.3 Interaktionsgefüge als Ausdruck sozialer Organisation

5.4 Interaktion und Argumentation

5.5 Sprecharten-, formen -, absichten bei Lernprozessen

5.6 Dialog- und Diskussionsformen als Lehr/Lernformen im Interaktionszusammenhang

5.6.1 Dialog

5.6.1.1 Logik des Dialogs (Thesen, Antithesen und Gesetzlichkeiten)

5.6.1.2 Dialogwiedergaben und Interpretationsspielraum

5.6.1.3 Prinzipien des Dialogs

5.6.1.4 Zusammenfassung des Dialognutzens

5.6.1.5 Dialogbeispiel (Erlernen des Schachspiels)

5.6.2 Diskussion

5.6.2.1 Die Diskussion als multidimensionale Ausbreitung der Dialogstruktur

5.6.2.2 Weitere Regeln der Diskussion

5.6.3 Wirkungen von Dialog und Diskussion

5.6.3.1 Sprach-, Sprechlogik und Sprechmelodie

5.6.3.2 Diskurstechniken

5.7 Individuelles und kollektives Verhalten (Gruppeninteraktionen)

5.8 Dispositionen und Improvisationen

5.9 Bedeutungsdiskrepanzen

5.10 Interaktonsanalyse (auch Interaktionsprozeßanalyse)

5.10.1 Bales-Beobachtungskategorien

5.10.2 Interaktionen als Elementarformen sozialen Verhaltens (nach George Caspar Homans)

5.10.3 Maßeinheiten der Interaktionsanalyse

5.10.3.1 Behavior Sequence (Interaktionsfolge) und Behavior Set (Verhaltenssatz)

5.10.3.2 Anlässe, Reizverstärkung und Verhaltensrepertoire

5.10.4 Interaktionsfolgen und Souveränität

5.10.4.1 Merkmale der Souveränität

5.10.4.2 Authentizität

5.10.4.3 Identifikation („Man ist mit sich selbst im Reinen“.)

5.10.4.4 Erfahrung

5.10.4.5 Anpassung (Lernprozesse)

5.10.4.6 Konsequenz (persönlichkeitstypisches Verhalten)

5.10.5 Auswirkungen der Interaktion

5.11 Interaktionsfolgen und Souveränität

5.11.1 Merkmale der Souveränität

5.11.2 Authentizität

5.11.3 Identifikation („Man ist mit sich selbst im Reinen“.)

5.11.4 Erfahrung

5.11.5 Anpassung (Lernprozesse)

5.11.6 Konsequenz (persönlichkeitstypisches Verhalten)

5.11.7 Auswirkungen der Interaktion

5.12 Interaktionsbeeinflussung (Interaktionssynthese)

5.12.1 Rewards und Costs (Bewertung von Interaktionen)

5.12.2 Versuch einer Bewertung

5.12.3 Verhaltensabhängigkeiten

5.12.4 Soziale Interaktionen

5.13 Rang-Theorie

5.13.1 Rangdefinitionen

5.13.2 Interaktionsmethodik und -dynamik

5.13.3 Gleichrangigkeit

5.13.3.1 Funktionsschema

5.13.3.2 Formale und informale Einflüsse

5.13.3.3 Gruppenziele und Zielkonkurrenzen

5.14 Rangungleichheit

5.14.1 Funktionsschema: Vorgesetzter und Untergegebener (informaler Führer)

5.14.2 Informale Einflüsse (Beeinträchtigungen durch die formalen Führung)

5.14.3 Führungsarten und -einflüsse

5.14.4 Führungseignung-, -Persönlichkeit und –interaktionen

5.14.5 Führungsrolle und Führungsinteraktionen

5.15 Interaktionen zur Regelung und Klärung von Störungen

5.15.1 Systemkonformismus und Gruppenintegration

5.15.2 Anpassungsprozesse, Glaubwürdigkeit und Konsequenz

5.15.3 Erwartungs- und Kontaktstruktur (Reaktionswahrscheinlichkeit)

5.15.4 Informelle Macht und Bereinigung von Störungen

5.16 Soziale Harmonisierung (Interaktionssynthese, Gruppendynamik)

5.16.1 Ziele, Absichten und methodische Ansatzpunkte

5.16.1.1 Individuum und Gruppe (Interaktion und Kommunikation)

5.16.1.2 Absichten und Stimmungen

5.16.1.3 Interdisziplinäre und Integrale Ansätze des Interaktionsaustausches

5.16.1.4 Interaktionsmethoden aus organisatorischer Sicht

5.17 Interkulturelles Lernen

5.17.1 Globale Betrachtung

5.17.2 Unternehmensbetrachtung (Unternehmenskultur)

5.17.3 Unternehmenskultur und Organisationsanforderungen

5.17.3.1 Organisation und Organisationsansätze

5.17.3.2 Organisation und Anpassungshintergründe

5.18 Bewertung und Steuerung kommunikativer, koordinativer und kooperativer Interaktionen

5.18.1 Kenntnis der Interaktionsstrukturen

5.18.1.1 Übersicht

5.18.1.2 Organisatorische Bestimmungen der Gestaltungssituationen

5.18.1.3 Koordination, Kooperation und Soziale Harmonisierung

5.18.1.4 Gestaltungsinteraktionen zwischen Organisatoren und Organisierten

5.18.2 Verhaltensmuster in Organisationen

5.18.2.0 Funktionsschema

5.18.2.1 Psycho-soziale und emotionale Verhaltensmuster

5.18.2.2 Instrumentale Verhaltensmuster

5.18.2.3 Rationale Verhaltensebene

5.18.3 Beschreibungs- und Auswertungskriterien

5.18.3.0 Funktionsschema Struktur-, Faktoren- und Funktionsanalyse

5.18.3.1 Strukturelle und dynamische Merkmale von Interaktionsverhältnissen

5.18.3.2 Dynamische Strukturanalyse

5.18.3.2.0 Funktionsschema: Dynamische Strukturanalyse

5.18.3.2.1 Fehlerquellen der Operationalisierung

5.18.3.2.2 Wie könnte eine operationale Hypothesen in einem solchen Fall aussehen?

5.18.3.2.3 Fehlerquellen der quantitativen und qualitativen Erfassung von Interaktionen

5.18.3.2.4 Interaktions- und Handlungsorientierung

5.18.3.3 Faktorenanalyse

5.18.3.3.0 Funktionsschema

5.18.3.3.1 Interaktionsverhältnissen in der Faktorenanalyse

5.18.3.3.2 Primäre Faktoren (first-level factors): und Sekundäre Faktoren (second-level factors)

5.18.3.4 Funktionsanalyse

5.18.3.4.0 Funktionsschema Interaktionelle Funktionen

5.18.3.4.1 Interaktionelle Funktionen

5.18.3.4.2 Funktionen und Dysfunktionen

5.18.3.4.3 Funktionsdiagramm als operationale Strukturierungshilfe

5.18.4 Sensibilisierung und Gruppendynamik als „soziale Systemgestaltung“

5.18.4.0 Funktionsschema

5.18.4.1 Individualität, Interaktion und Kommunikation

5.18.4.2 Fehlentwicklungen, Unschärfen und Widersprüche

5.18.5 Charakterisierung der Interaktionsmethoden

5.18.5.0 Funktionsschema Hypothesen, Theorien und Gestaltungsansätze

5.18.5.1 Hypothesen, Theorien und Gestaltungsansätze

5.18.5.2 Interaktiogramm als quantitative Beobachtungsstruktur

5.18.5.3 Bales-Beobachtungskategorien als qualitative Beobachtungsstruktur

5.18.6 Sensitivity Training

5.18.6.0 Funktionsschema

5.18.6.1 Charakterisierung

5.18.6.2 Betroffenheit und Gruppenverhältnisse

5.18.7 Konfrontationstechniken

5.18.7.0 Funktionsschema

5.18.7.1 Charakterisierung

5.18.7.2 „künstliche“ Konfrontation (Reizkonfrontation)

5.18.7.3 Exposition

5.18.7.4 Nochmaliges interaktives Durchleben eines tatsächlichen Konfliktes

5.18.7.5 Konflikteskalation (Steigerung des Konfliktpotentials bis zur Konfliktmüdigkeit)

5.18.8 Psychoanalyse und –synthese

5.18.8.0 Funktionsschema

5.18.8.1 Psychoanalyse

5.18.8.2 Psychosynthese

5.19 Einsatzmöglichkeiten und Transferproblematik von Interaktionsmethodiken

5.19.0 Übersicht (1) Einsatzmöglichkeiten

5.19.0 Übersicht (2) Transferproblematik von Interaktionsmethodiken

5.19.1 Charakterisierung der Interaktionsmethodiken im Zusammenhang

5.19.2 Einsatzmöglichkeiten und Transferproblematik

5.19.2.1 Einsatzmöglichkeiten

5.19.2.2 Eignung zur sozialen Kompetenz

5.19.2.3 Transferproblematik

5.20 Konflikte

5.20.1 Abweichendes Verhalten (Devianz) und Risikoverhalten (Streit- und Konfliktkultur)

5.20.1.1 Individualdevianz oder primäre Devianz

5.20.1.2 Gruppendevianzen

5.20.2 Konfliktmerkmale

5.20.3 Verdeckte und offene Konflikte

5.20.4 Konflikte aus Rollen- und Gruppenbeziehungen

5.20.5 Konfliktkompetenz (Konfliktrichtung)

5.20.6 Appetenz-, Aversions- und Appetenz-Aversions-Konflikte

5.20.7 Konfliktsynthese (Wechselwirkungen aus Konfliktverbindungen)

5.20.8 Sensivity Training, Konfrontationstechniken und Psychoanalyse und –synthese

5.20.9 Zusammenfassung Konfliktstrukturen und –prozesse

Interaktionsanalyse und –beeinflussung

5.1 Begriffliche Abgrenzung

Die Begriffe Interaktionsanalyse und –beeinflussung werden noch von anderen sich überscheidenden Bezeichnungen begleitet – wie Interaktionsarten, Interaktionsformen, Interaktionssystem, Interaktionszusammenhang, Interaktions-Prozess-Analyse, Interaktionsstrukturen und -prozesse, Interaktionsgefüge, Interaktionsmuster, Interaktionsbezüge, Interaktionsnetz, symbolische Interaktionismus, Interaktionssynthese (vor allem bei IT-Termini), Interaktionssteuerung, Interaktionskoordination,

Interaktionen stellen Verhaltensbegrifflichkeiten dar, die inhaltlich im Wesentlichen identisch sind, aber formal unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen angehören und aus dieser Sicht interpretiert werden:

• Wechselbeziehungen zwischen Menschen (Psychologie, Soziologie)

• Verhaltensmuster (Psychologie, Soziologie)

• Rolle, Rollenbezug, -konflikt, -segment, -spezifikation, -spiel, -verhalten (Soziologie)

• Impulspädagogik (Verhaltensäußerungen Lehrender oder Lernender)

• Kommunikation zwischen Menschen (Systemtheorie)

• Austausch von Nachrichten (Informationstheorie)

• sensorische Informationen (Neurologie)

• Dispositionen und Improvisationen (Organisationstheorie)

• Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen (Systemtheorie, Informatik / Vergleiche Anhang 2 - Mensch-Maschine-Systeme)

Das folgende Interaktionsmodell zeigt eine Integration „aller“ Faktoren des Systemzusammenhangs:

https://web.fhnw.ch/plattformen/modkomm/kontaktlektionen/teil-1-kommunikation/3-soziale-interaktion/AO%20soziale%20Interaktion.pdf Fachhochschule Nordwestschweiz; Herausgeber: Prof. Dr. Richard Bührer, Direktionspräsident der Fachhochschule Nordwestschweiz; Redaktion: Jacqueline Keller Borner; Systemverantwortlich: Peter Fuchs, Business Applications; 3. AO Soziale Interaktion:

Der Sozialpsychologe Prof. Joseph P. Forgas, Leiter der Studie (Forschergruppe der University of New South Wales im australischen Sydney) forscht u.a. über die Zusammenhänge von Interaktionen und Stimmungslagen innerhalb menschlicher Kommunikation (Stimmungszustände als evolutionäre Signale).

Hans-Peter Langfeldt lehrt am Institut für pädagogische Psychologie an der Universität Frankfurt, Werner Nothdurft lehrt Theorie und Praxis sozialer Kommunikation an der Fachhochschule Fulda im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften.

5.3 Interaktions- und Verhaltenseigenschaften (Kommunikation)

Hier betrachten wir Interaktionen

• als gemeinsame Teilnahme an einem sozialen Vorgang mit zwei oder mehreren Personen (privat, beruflich, gesellschaftlich usw.).

• Jede für den Menschen wahrnehmbare Verhaltensäußerung (sichtbar, hörbar, fühlbar usw.) gehört dazu, unabhängig davon, ob andere sie so verstehen, wie sie gemeint ist, oder nicht. Direkte (Unterhaltung, Vortrag, Diskussion usw.) und indirekte (Telefon, Email, Briefe usw.) Kontakte gehören dazu.

• Verhalten besteht aus einem Geflecht von Informationen, das durch Interaktionen übertragen wird, die wiederum ein übergreifendes Geflecht von Verhaltensmustern darstellen.

• Eine Sensorische Information wird neurologisch zur Interaktion, wenn sie das Sensorische Gedächtnis erreicht, und zum Verhaltensmuster, wenn diese Interaktion vom Langzeitgedächtnis erfasst und psychologisch zum Bestandteil menschlicher Kommunikation wird.

Interaktionen als „sensorische Informationen“ beschreiben gleichzeitig eine gemeinsame Teilnahme an einem sozialen Vorgang mit zwei oder mehreren Personen (privat, beruflich, gesellschaftlich usw.). Jede für den Menschen wahrnehmbare Verhaltensäußerung (sichtbar, hörbar, fühlbar usw.) gehört dazu, unabhängig davon, ob andere sie so verstehen, wie sie gemeint ist, oder nicht. Direkte (Unterhaltung, Vortrag, Diskussion usw.) und indirekte (Telefon, Email, Briefe usw.) Kontakte gehören dazu.

• Allerdings kommt - im Sinne der Kommunikation - eine Interaktion nicht zustande, wenn zwischen dem Kontaktversuch und der Kontaktentgegennahme zu lange Zeit vergeht (z.B. Ein Glückwunsch zum 30. Geburtstag erreicht den Empfänger als Postirrläufer erst 30 Jahre später.). Der Austausch von Interaktionen, die Verhaltensmuster ausdrücken, ist die Basis menschlicher Kommunikation. Mit der Kommunikation werden grundlegende Einstellungen zum Handeln (Werte, Normen, kollektive Vorstellungen) übertragen und ausgetauscht.

• Dass Interaktionen für die Verhaltensbeeinflussung eingesetzt werden können, ergibt sich schon daraus, dass alle Einflüsse, denen ein Mensch im Lauf seines Lebens ausgesetzt ist und die sein Verhalten und seine Persönlichkeit beeinflussen, anpassen und ändern (Sozialisierung), durch Interaktionen übertragen werden.

• Dazu gehört seine Einbettung in sozialen Gebilde (psycho-soziale Eigenschaften) genauso wie die formellen und informellen (psycho-soziale und emotionalen Eigenschaften) seines Denkens und Handelns.

• Wikipedia: > … Der symbolische Interaktionismus ist eine soziologische Theorie, die sich mit der Interaktion zwischen Personen beschäftigt. Sie basiert auf dem Grundgedanken, dass die Bedeutung von sozialen Objekten, Situationen und Beziehungen im symbolisch vermittelten Prozess der Interaktion/Kommunikation hervorgebracht wird.

• In der Systemtheorie von Niklas Luhmann wird … darunter Kommunikation unter Anwesenden verstanden (etwa im Gegensatz zur schriftlichen Kommunikation) …

• Die Bedeutung der Interaktion für die Pädagogik liegt vor allem in der sozialisierenden Funktion der Interaktion. Indem der Mensch in sozialen Situationen handelt, entwickelt er sich zum Mitglied sozialer Gruppen (Handlungskompetenz); durch Handeln entwickelt er sich auch individuell weiter, was wiederum Konsequenzen für seine Stellung in sozialen Gefügen hat. Ohne Aktivität (Interaktion, Kommunikation) lässt sich eine Sozialisierung (Sozialisation) nicht denken … <

5.3 Interaktionsgefüge als Ausdruck sozialer Organisation

Aus: Georg Schanz, Die Gestaltung der Interaktionen zwischen Trägern der organisatorischen Gestaltung und ´Organisierten‘ – Mögliche Konzepte und ihre Problematik, Wissenschaftliche Arbeit, vorgelegt für die erste Staatsprüfung für das Lehramt an berufsbildenden Schulen, Sommersemester 1976, Seite 2 ff:

> … Soziale Wirklichkeit ist die integrative Summe aller Interaktionen in der Geschichte der Menschheit. Die Zueinanderordnung von Menschen durch mehr oder weniger zufällige Verhaltensfaktoren kann in folgende Kategorien unterschieden werden …

• Gemeinsamkeit der Interaktionen (z.B. Fußballmannschaft)

• Gegeneinander von Interaktionen (z.B. 2 Fußballmannschaften, die gegeneinander spielen)

• Mischformen (z.B. Mehrere Fußballmannschaften sind einerseits Rivalen, andererseits bilden sie gemeinsam die Nationalmannschaft)

In der Praxis besteht jedes reale Gebilde, jede Organisation und jedes soziale System aus solchen Mischformen … <

Verhalten ist die pauschalierte Interaktionsform, die in der Interaktionsanalyse differenziert wird und nach Typen der Verhaltensprägung charakterisiert wird:

• Rollen (z.B. Fußballmannschaft – Ein Spieler sieht sich als Stürmer mit Torschussqualitäten.)

• Rollenspezifizierung (z.B. Fußballmannschaft – Der Trainer setzt ihn im Mittelfeld als Verteiler ein.)

• Rollenwirkung (z.B. Fußballmannschaft – Tarsächlich zeigt er eher Verteidigereignung.)

Der Prozess der Rollenspezifizierung (Rollenzuordnung), in dem Wunsch (Rolle) und Wirklichkeit (Rollenwirkung – Mischform aus informalen und formalen Interaktionen) Zueinanderfinden, ist entscheidend, um einen Beitrag zur sozialen Organisation leisten zu können.

Je nach Rollenverständnis gibt es

• unterschiedliche Gründe (Ziele, Ansichten, Einstellungen)

• unterschiedliche Interaktionsformen (formal, informal, miteinander, gegeneinander) zu praktizieren,

• gesellschaftlichen Einfluss (Gruppenbildung, Gruppendynamik) zu nehmen

• und damit seinen Anteil bei Bildung, Erhalt und Gestaltung sozialer Organisationen zu nehmen.

Originäre Rollen mit sich überschneidenden Teilmengen sind:

• Herkunftsrollen (Abstammung, soziale Schicht, Milieu, Adel, Bürgertum usw.)

• Sozialisierungsrollen (Ansehen, Privilegien, Bekanntheitsgrad, Förderverhalten usw.)

• Familienrollen (Vater, Mutter, Kinder usw.)

• Bildungsrollen (Akademiker, Nichtakademiker usw.)

• Berufsrollen (Architekten, Ingenieure, Mediziner, Handwerke, Verwaltungsberufe usw.)

• Rang-, Status- und Prestigerollen (Geschäftsführer, Professor, Leistungs- und Preisträger usw.)

• Gesellschaftsrollen (Bundespräsident, Bürgermeister, Gewerkschaftsführer usw.)

• Persönlichkeitsrollen (anerkannte Wissenschaftler und Philosophen, kirchliche Würdenträger, Künstler, Schriftsteller, Kritiker, Medienrepräsentanten, Weise und Ratgeber aus Politik, Wirtschaft usw.)… usw.

Ein Beispiel zur Präzision in der Interaktionsdifferenzierung ist z.B. der Vergleich zwischen Experten und Pädagogen.

Der Fußball-Experte sagt zum Libero: Beim Liberosystem müssen die Spieler einer Mannschaft ihre unterschiedliche Funktionen und Positionen auf dem Platz taktisch in einer Verteidiger-Vorstopper-Libero-Verbindung abstimmen, die je nach Spielerqualität und Spielsituation defensiv bis offensiv agieren kann. Liberosysteme basieren alternativ auf der Ausschaltung der gegnerischen Mittelstümer und gestatten dem Libero aus der Abwehr das Spiel nach vorne aufzubauen und sich bedarfsweise in die Offensive der Stürmer (Abwehr-Libero-Stürmer-Verbindung) einzuschalten.

Der Fußball-Pädagoge sagt zum Libero: Ein Libero ist im Prinzip ein frei gehaltener Mann ohne bindende Einzelaufgabe, der sich entsprechend der Spielsituation entweder in die Verteidigung einschalten oder bei möglichen Angriffen die Stürmer in der Offensive unterstützen kann.

5.4 Interaktion und Argumentation

Argumentation ist eine Verkettung von Interaktionen,

• die Aussagen zusammenfügt

• und diese Verbindungen begründet.

• Eine konsequente und anerkannte Begründung gilt als Beweis.

• Zur Begründung gehört auch die Widerlegung einer Behauptung (Hypothese),

• die strukturell den Interaktionsfolge einer Argumentation entspricht,

• aber deren Begründung nicht als konsequent anerkannt wird.

• Das interaktionelle Argumentieren und Widerlegen

sind Schlüsselqualifikation des Lernens.

Die Begründung kann logisch (Wenn A = B und B = C, dann ist A = C.) sein oder als generell anerkannt (Allein sind wir schwach. Wenn wir uns zusammentun, sind wir stark – z.B. Nato). gelten oder als Glaubensgrundsatz (Wenn wir davon ausgehen, dass die Schöpfung einen Auslöser braucht, dann Können wir von der Existenz Gottes ausgehen.). verbindlich vorausgesetzt werden. Entscheidend ist, dass die Argumentationspartner diese Gründe anerkennen.

Der argumentative Unterschied zwischen der Gewissheit (des Einzelnen), der Wahrheit (der Gruppe bzw. des Kulturumfelds) und der Realität (was wirklich ist) ist abhängig vom Kenntnisstand der Argumentationspartner. Wenn die Realität nicht bekannt ist, kann sie durch den gemeinsamen Glauben zur Wahrheit erhoben werden. Die Gewissheit eines Einzelnen, dass die Erde kugelähnlich ist, wurde zunächst als Wahrheit nicht anerkannt, obwohl sie fast der Realität entspricht (Tatsächlich ist die Erde ein Ellipsoid.).

Argumentation ist nicht immer nachvollziehbar, weil sie von Zustimmungserwartungen ausgeht:

Beispiele (Vergleiche Wikipedia Argumentation):

Kompetenz/ Weisheit (Professor „X“ meint…),

Sicherheitstoleranz (z.B. :Bis zum Beweis des Gegenteils gilt die Unschuldsvermutung /Der Bahnvorstand kann wegen Korruptionsvermutung nicht alle Mitarbeiter/Innen unter Generalverdacht stellen.),

Gesellschaftliche Verbindlichkeit (Bei uns gibt es „absolute“ Meinungsfreiheit– außer bei Verboten.),

Ethik / Moral / Religion / Ideologie / Tradition (Wer billigend in Kauf nimmt, dass Menschen von der Nato getötet werden, der stellt sich außerhalb der ethisch-moralischen Gesellschaft; Gottesbezug in einer Europäischen Charta; Karnevalshandlungen /Ereignisse – z.B. Hoppeditz Erwachen in Düsseldorf),

Vermutung (Als Privatpatient wirst Du medizinisch besserbehandelt.),

Unkenntnis (Sind die Eisbären wegen der Erderwärmung gefährdet oder liegt es daran, dass die Menschen ihre Nahrungsgrundlage durch überzogenes Jungrobbenschlachten verringern?),

Zufälligkeiten (Wenn die Anzahl der Geburten in Deutschland zunähmen, muss das nicht zwingend mit der Einführung des Elterngeldes zusammenhängen. Tatsächlich nimmt die Geburtenzahl eher ab.),

Axiomatik/Fiktionen (Axiome gelten als unwiderlegbare Tatsachen – z.B. 1 + 1 = 2; aber es werden auch nicht nachvollziehbare Sachverhalte wie Axiome behandelt – z.B. Der Mensch stammt nicht vom Affen ab, weil es sich um eine eigene Linie handelt. Das ist eine begriffliche Fiktion, weil die vermuteten Vorläufer des Menschen mindestens ebenso „primitiv“ wie Affen waren.),

Doppeldeutigkeiten (z.B. Nebenbeschäftigungen müssen mit dem Arbeitgebervereinbart sein; da es eine Hauptbeschäftigung war, ist diese Vereinbarung nicht wirksam.),

Erfahrung (Kursverläufe im Aktienhandel, Wetterregeln usw.),

Zeugenschaft (z.B. Ich habe die Ufos selbst gesehen.), Erfolg (Da X immer Erfolg hat, sollten wir es genauso machen.),

Relativierung (z.B. Man sollte nicht alles glauben, was erzählt wird./ Der Eindruck, dass es in Deutschland weniger Korruption gibt als in …, kann falsch sein.),

Konsequenz (z.B. Da Sie kein Alibi haben, können Sie der Täter gewesen sein.),

Vorsicht (z.B. Wer nachts nicht in den dunklen Park geht, setzt nicht auch keiner kriminellen Gefahr aus.),

Vorbehalte (Missgunst, Abneigung, Schadenfreude, Diskriminierung, Mobbing usw.),

Selbstbezug (Egoismus, Selbstgerechtigkeit, Protzerei, Selbstdarstellung, Eitelkeit usw.),

Modeerscheinungen (Aktualität, Reiz des Neuen, „Letzter Schrei“, Zeitgeschmack, Fortschritts- und Technologiegläubigkeit usw.) und

Indoktrinierung / Manipulation / Wiederholung (Argumentative Behauptung und Wiederholung von nicht wirklich konkretisierbaren Thesen im Brustton der Überzeugung nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“ – z.B. Glaubt Ihr etwa, dass es mit der Nato für uns Frieden geben kann? – Seid doch nicht naiv!)

und Bedeutungsoptionalitäten (Dazu gehören Vereinbarungen, Mehrheitsbeschlüsse, Operationalisierungen, Kompromisse und eine Vielzahl anderer Bedeutungsbildungen).

Alle diese Arten von Behauptungen im Rahmen der Argumentation können stimmen, müssen es aber nicht und sind oft zweifelhaft.

• Die Überprüfung durch sich ergänzende argumentative Interaktionen

• und Lernprozesse (erweiternde Anpassung des jeweils Erkannten)

• kann Behauptungen absichern (Beweis) oder auch widerlegen (Falsifizierung),

• wobei ein nicht eindeutiger Beweis schon als Widerlegung gilt.

z.B.: Eine Person, die kein Alibi hat, kann Täter gewesen sein, aber andere Hinweise sind erforderlich (Waffenbesitz, übereinstimmende Zeugenaussagen, Identifizierung usw.). Wenn der mutmaßliche Täter nachweisen kann, dass er zum Zeitpunkt der Tat nicht in der Nähe des Tatorts war, ist die Beweisführung nicht eindeutig und bis zu dieser Argumentation nicht schlüssig und damit wiederlegt.)

5.5 Sprecharten-, formen -, absichten bei Lernprozessen

Die im Rahmen der Argumentation beschriebenen Interaktionsmöglichkeiten sind Lernprozesse, weil sie schrittweise (Überprüfung, Ergänzung argumentativer Interaktionen, Beweis- und Widerlegung) zu einer erweiternden Anpassung des jeweils Erkannten führen. Dazu folgendes Beispiel:

1. Lernschritt: Eine Person A, die kein Alibi hat, kann Täter gewesen sein, aber andere Hinweise sind zusätzlich erforderlich (Waffenbesitz, übereinstimmende Zeugenaussagen, Identifizierung usw.).

2. Lernschritt: Wenn der mutmaßliche Täter A nachweisen kann, dass er zum Zeitpunkt der Tat nicht in der Nähe des Tatorts war, ist die Beweisführung nicht eindeutig und bis zu dieser Argumentation nicht schlüssig und damit widerlegt.

3. Lernschritt: Wenn man nachweisen könnte, dass zwar ein Anderer der Täter gewesen ist, aber A ihn beauftragt hat, dann könnte man weiterkommen …usw.

Interaktion und Argumentation müssen in unterschiedliche Kommunikationsformen untergebracht werden, um als Lehr-/Lernimpulse zu wirken.

Die Arten der Kommunikation wird durch verschiedene Informationsziele dargestellt. Rhetorik (Sprachkultur- und -kunstfertigkeit) in Verbindung mit Kinesik (Unterstreichung des Sprechens mit Ausdrucks - formen und Medien) und Dialektik (Überzeugung durch geschickte Argumentation) sind zusammenfassende Begriffe für die Interaktionsarten.

Auch wenn es neben den Sprech- und Schriftformen (verbale Kommunikation) auch nonverbale Ausdrucksformen (Bild- und Bildbewegungssprache wie Piktogramme, Präsentationen, Filme, Videos u.a., Gebärden, Körpersprache, Gestik, Mimik usw.) gibt,

• ist es vor allem das Sprechen, mit dem sich Lernprozesse interaktiv gestalten lassen,

• wobei Sprecharten-, formen -,absichten (Rhetorik, Kinesik und Dialektik)

• und –techniken (Artikulation, Tonhöhe, Klangfarbe, Lautstärke, Betonung, Tempo und Rhythmus)

• die Interaktionsstrukturen und –prozesse bestimmen:

Bei den Sprechabsichten spricht man von Impulsen, die auf unterschiedliche Weise Einfluss nehmen, indem sie Denkanstößen (Fragen, Antworten, Begründungen, Anregungen, Anweisungen, Befehle, Entscheidungen, Vorgaben, Aufgabenstellungen, Lösungen usw.) geben.

Sprechformen verbinden Sprecharten- und -absichten zu dialektischen Blöcken, die sich von der rein sachlich-fachlichen Beschreibung, über erlebnisähnlichen Beispielen (Zeitungsberichte … Reportagen) zu mehr oder weniger künstlerischen Darstellungen (Lyrik, Gedichte, Belletristik, Gebrauchsliteratur usw.) bis zu werbenden und demagogischen Formulierungen (Sales Promotion, Wahlpropaganda, politische Manifeste, Heilslehren verschiedenster Art) erstrecken und auch manipulativen Charakter haben können. Einige Sprecharten werden im Wesentlichen einseitig dargeboten, wenn auch mit unterschied-lichen Zielen.

• Während Referat, Vorlesung, Präsentation, Unterweisung, Beratung, Belehrung, Anleitung, Instruktion u.a. etwas Bleibendes (Lehr-, Lernabsicht) vermitteln wollen,

• haben Ansprache, Vortrag, Bericht, Meldung, Rapport, Reportage, Aussage, Rede, Darbietung, Rezitation, Deklamation, Geständnis u.a. entweder den Sinn zu unterhalten und/oder setzen schon voraus, dass der Zuhörer weitgehend im Thema ist und sein Wissen nur ergänzt.

Zu den mehrseitigen Sprecharten, bei denen Interaktionen zwischen Lehrenden und Lernenden gehören Dialog- und Diskussionsformen.

5.6 Dialog- und Diskussionsformen als Lehr/Lernformen im Interaktionszusammenhang

5.6.1 Dialog

5.6.1.1 Logik des Dialogs (Thesen, Antithesen und Gesetzlichkeiten)

Zu dem Dialogarten gehören Gedankenaustausch, Konversation, Unterredung, Gespräch, Besprechung, Meinungsaustausch, Kolloquium, Diskurs, Aussprache, Erörterung, Zwiesprache, Unterhaltung, Konsultation, Unterhaltung, Gespräch, Konversation, Rede und Gegenrede, Rücksprache, Streitgespräch, Wechselrede, Zwiegespräch, Interview u.a.

Der Dialog setzt eine Folge von Behauptungen und Antworten voraus. Wissenschaftlich spricht man von Hypothesen (These) und Antihypothese (Antithese), wobei im Streitgespräch häufig so getan wird, als wenn die Hypothese bzw. Antihypothese schon beweisfähig seien und dann als These bzw. Antithesen geäußert werden.

Demgegenüber soll eine Theorie ein Modell eines Realitätsausschnittes sein, der als eine Kombination von gesicherten (Funktionalitäten / Gesetze) und/oder ungesicherten (Hypothesen) Kausalitäten besteht.

Gesetze sind immer dann eindeutig, wenn es deterministische Evaluationssicherheit gibt (z.B. physikalische normierte Überprüfbarkeit). Funktionalitäten gelten dann, wenn etwas funktioniert und sich in der Praxis – trotz ungesicherten (Hypothesen) Kausalitäten – bewährt (häufig mit Signifikanzwerten belegt).

Im normalen Dialog spielen diese keine bewusste Rolle, aber innerhalb von Organisationsund Lehr/Lernfunktionen ist es erforderlich, Interaktionsstrukturen und –prozesse zu steuern.

5.6.1.2 Dialogwiedergaben und Interpretationsspielraum

Aus: https://www.nibis.de/nli1/seminar/expertentagung05.pdf Niedersächsisches Landesamt für Lehrerbildung und Schulentwicklung (NiLS Hildesheim), Bundesarbeitskreis der Seminar- und Fachleiter/innen e. V., Dokumentation zur 4. Expertentagung 2005 Standards, Kompetenzen und Module, 03. – 04. Februar 2005, in Bad Salzdetfurth Kooperative Veranstaltung der Länder Niedersachsen, Hamburg, Hessen, Thüringen und Baden - Württemberg, Prof. Dr. Hanna Kiper – Bericht: Prof. Dr. Hanna Kiper, Oldenburg: Was bedeutet das Setzen von Standards für die Unterrichtsarbeit?, Seite 66:

Über Dialogwiedergaben erweitert sich der Interpretationsspielraum.

> … Hier werden normative Konzepte und Zielsetzungen für den Unterricht ebenso angesprochen

• wie die Diagnose der Lernvoraussetzungen,

• die Handlungsplanung,

• die Ausführungssteuerung,

• die Interaktionssteuerung,

• das Klassenmanagement.

Außerdem wird markiert, welche Fragen Lehrkräfte bei der Unterrichtsplanung zu berücksichtigen Haben (wie Inhaltsanalyse, Didaktische Analyse, Lernstrukturanalyse) … <

Was bedeutet das im Interaktionszusammenhang?

Aus: https://www.dialogprojekt.de/ArtikelAdmin/File/Lau-Villinger.pdf
Doris Lau-Villinger Wissensentwicklung im Dialog, Auszug aus: Rump, J. & Lau-Villinger, D. (2001). Management-Tool Knowledge-Management. Köln: Fachverlag Deutscher Wirtschaftsdienst, Dr. Martina Hartkemeyer,
Deutsches Institut für Dialogprozess-Begleitung/Adolf-Reichwein-Gesellschaft Bramsche:

Seite 1: Wissensentwicklung im Dialog

     Inhaltsverzeichnis

Dialog und andere Gesprächsformen
Prinzipien des Dialogs
Phasen des Dialogs
Balance zwischen Plädieren und Erkunden
Handlungsrollen
Handlungskompetenzen
Dialogische Interaktion in Unternehmen

(Einige Merkmale und Zusammenhänge werden dargestellt, weitere Charakteristika können nachgelesen werden.)

Seite 3: (Auszugsweise)

>       … Dialog und andere Gesprächsformen

(1) Monolog

• Selbstauseinandersetzung mit Darlegung der eigenen Gedanken

• Einzelpersonen halten Reden

(2) Generierender Dialog

• Die handlungsleitenden mentalen Modelle werden neu strukturiert

• Gedanken verschiedener Personen fließen ineinander und neue Gedanken entstehen, die kollektiv gehalten werden

• Neue Erkenntnisse und Handlungsimpulse entstehen

(3) Strategischer Dialog

• Einschätzungen und Wirkungszusammenhänge werden gemeinsam überprüft

• Rückkopplungsschleifen und unbeabsichtigte Konsequenzen werden erörtert

• Gemeinsames Verständnis über Sachverhalte/Gegebenheiten wird entwickelt

• Kriterien der Entscheidung sind transparent

(4) Reflektierender Dialog

• Gedankengänge werden offen gelegt und gemeinsam erkundet

• Wahlmöglichkeiten im Denken werden sichtbar

• Umfassende, tieferliegende Fragen kommen zum Vorschein

• Verbindungen der eigenen Gedanken mit der Dynamik der Gruppe werden deutlich

(5) Sachverständige Erörterung

• Aufgaben und Herausforderungen stehen im Mittelpunkt

• Analyse von Sachverhalten/ Gegebenheiten erfolgt, indem Daten begründet und hergeleitet werden

(6) Moderierter Meinungsaustausch

• Wechselseitige Darlegung von Fakten und Standpunkten

• Moderation ermöglicht die Darstellung der vorhandenen Meinungen

(7) Kontrollierte Diskussion

• Durchsetzung der eigenen Standpunkte steht im Vordergrund

• Daten werden nicht begründet^

• Gewinnen oder Verlieren

• Ergebnis- und Entscheidungsorientiert

• Entscheidungsprozesse werden kontrolliert …

5.6.1.3 Prinzipien des Dialogs

Seite 4 bis 5: (Auszugsweise)

> … Prinzipien des Dialogs

Alle Gesprächsformen sind in Organisationen zu finden. Im Hinblick auf die Chance,

• neues Wissen zu generieren,

• Handlungsabläufe und Prozesse zu reflektieren

• und Strategien zu entwickeln,

ist der Dialog eine geeignete Form …

(1) Entfaltung: Dieses Prinzip basiert auf der Annahme, dass Fragen/Themen zu gegebenem Zeitpunkt an die Oberfläche drängen und darauf warten, bearbeitet zu werden.

(2) Mitwirkung: Dieses Prinzip basiert auf der Annahme, dass wir als Menschen ein aktiver Bestandteil eines umfassenden Systems sind und sich in uns die Dynamiken des Umfeldes widerspiegeln. Als Teil des Ganzen erleben wir eine Verbundenheit mit der Welt und können Anteil nehmen.

(3) Zusammengehörigkeit: Dieses Prinzip basiert auf der Annahme, dass während der Bearbeitung von Fragen und Themenstellungen der Wunschnach Stimmigkeit, Sinnhaftigkeit und Vollständigkeit entsteht.

(4) Selbst- und Prozesswahrnehmung: Dieses Prinzip basiert auf der Annahme, dass wir als Menschen die Wirkungsweise und die Muster von Handlungen verstehen wollen und hierzu die Reflexion laufender Prozesse hilfreich ist. Darüber hinaus verfügen wir über die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung, die uns ermöglicht, unser Denken und Fühlen zu beobachten und zu reflektieren, um dadurch unser Verhalten zu steuern.

Der Dialog ist weniger eine Methode als eine Haltung. Im Dialog nehmen die Mitwirkenden eine lernende Haltung ein. Es geht nicht mehr um die Durchsetzung von Einzelinteressen oder Bestrebungen bestimmter Funktions- und Hierarchiegruppen, sondern um die Herausarbeitung von Wirkungszusammenhängen und Rückkopplungsprozessen sowie die ganzheitliche Betrachtung von Gegebenheiten, Fragestellungen, Herausforderungen, Dynamiken etc. Wichtige Aspekte, Aktionsvorschläge, Einschätzungen vieler Personen werden zusammengetragen und erkundet, entfaltet, hinterfragt, ergänzt. Es entsteht ein Fluss von Gedanken, dessen Geschwindigkeit und Richtung kollektiv gesteuert wird, mit engagierten bis chaotischen, mit nachdenklichen bis hin zu stillen Phasen … <

5.6.1.4 Zusammenfassung des Dialognutzens

Seite 13: .. Zusammenfassung

In einem betrieblichen Dialogprojekt habe ich den Nutzen des Dialogs folgendermaßen zusammengefasst:

• Funktions- und hierarchieübergreifender Austausch über Fakten und Einschätzungen (Wissensvernetzung)

• Bereitschaft, die eigenen Gedanken offen zu legen

• Schaffen von Denkfreiräumen, um "nicht hinterfragbare "Selbstverständlichkeiten in Zweifel ziehen zu können

• Überprüfung und Neuausrichtung handlungsleitender Prämissen,

• Aufbrechen von Stereotypen

• Gemeinsame Realitätseinschätzung, Annäherung an die "Realität„

• Standortbestimmung

• Reflexion von Strategien

• Erarbeiten von Beobachtungskriterien und Relevanzkriterien

• Verringern von selbsterzeugten Wissens- und Fähigkeitsillusionen, Überwindung des individuellen und kollektiven "Scheins" (Aufgabe der eigenen Selbstinszenierung)

• Entschleunigung, Verlangsamung des Gesprächsprozesses im Sinne vertiefender Reflexionen, Analysen und damit Verstehensprozesse

• Innovationen durch die Verknüpfung von Gedanken

• Innovationen durch die Aufhebung von Entscheidungs- und Aktionszwängen

• Fördern des Wunsches nach Vergemeinschaftung

… <

Die auszugsweise Darstellung von Doris Lau-Villinger zur Wissensentwicklung im Dialog bietet weitere wichtige Eindrücke von Interaktionen bei Lehr/Lern- und Organisationsaufgaben in Unternehmen, die ich hier zurückstelle.

5.6.1.5 Dialogbeispiel (Erlernen des Schachspiels)

Wer Schach nicht nur als leichte Freizeitbeschäftigung pflegen möchte, sondern professioneller spielen will, begibt sich in einen Schachklub.

Herkömmliche Arten der Vermittlung, wie man Schach am besten erlernt, beginnen mit der formalen Schachtheorie und ebenso formalen praktischen Einweisungen (Überblick, Begriffe, Figuren, Zugregeln, Zeitregeln, Zugerfassung und –verständnis; Vorgabe- und Beendigungsregeln – berührt, geführt, Rochade, Matt, Remis, Patt, Ehrenkodex usw.; Phasen, Strategie und Taktik - Eröffnungen, Figurenbewertung, Formationen, Opfer, Verlagerung, Blockade, Angriffsversionen, Abzugsschach, Mattabwehr usw., Tournierregeln– Schachuhr, Notation, Unterstützungsverbot, Schiedsrichterkompetenz, Etikette usw, …).

Viele Schachlehrer schaffen es aus ihrer Persönlichkeit heraus, diese Lektionen so zu dimensionieren, dass der Lernende Erfolg hat.

Das Lehren und Erlernen des Schachspiels kann als Dialog angelegt werden, indem der Lehrende den Lernenden mit Interaktionsfolgen konditioniert. Das beginnt häufig mit den Eröffnungsregeln, welche Zugfolge auf welchen Anfangszug möglich und wirksam ist. Dabei gibt es eine Vielzahl von Alternativen, die jede für sich gesehen, einen bestimmten Vorteil beinhaltet, aber zunächst keine eindeutigen Erkenntnisse, welche man wann wählen sollte, weil Die Übersicht für den Fortschritt des Spiels fehlt.

Es gibt ausdauernde Anfänger, die sich dieser Art des Lernprozesses unterwerfen und sie auch durchhalten, aber das sind die Wenigsten. Vielleicht wäre manch ein Lernender zu einem sehr guten Schachspieler geworden, wenn er nicht vorher aufgegeben hätte.

Ansatzweise zum Modell von Doris Lau-Villinger zur Wissensentwicklung im Dialog:

• Funktions- und hierarchieübergreifender Austausch über Fakten und Einschätzungen zur Wissensvernetzung

Eine andere Art des Dialogs zum Erlenen des Schachspiels ist die Umkehr der Interaktionsfolgen: Man beginnt nicht mit der Eröffnung, sondern konstruiert Schachstellungen mehrere Züge vor dem Matt, damit der Reiz des Spiels von vornherein deutlich wird. Zwei gleichwertige Anfänger A und B erhalten den Auftrag, eine Stellung „6 Züge vor Matt“ zu spielen. A soll Matt setzen, B soll abwehren. Wenn A es schafft, hat er gewonnen, wenn B ihn veranlasst mehr als 6 Züge zu benötigen, hat B gewonnen. Das erfolgt im Wechselspiel und wird erweitert: von 6 auf 7, von 7 auf 8 Züge usw.

• Bereitschaft, die eigenen Gedanken offen zu legen

Viele Anfänger verzweifeln an den Formalismen, weil sie keine Erfolgserlebnisse haben. Häufig verlassen sie den Schachklub, weil sie die „riesige“ Überlegenheit der anderen Mitglieder verspüren und sich nicht dauerhaft blamieren wollen. Damit solche Entscheidungen möglichst nicht getroffen werden, muss der Schachlehre dem vorheugen – z.B., indem er seine Anfängererlebnisse offen legt, und es damit dem Anfänger leichter macht, seine Befürchtungen auch darzustellen.

• Überprüfung und Neuausrichtung der handlungsleitender Prämissen

Dabei sollen Lehrinteraktionen (Geduld) kooperativ sein und auf den Lernenden zugeschnitten. Das bedeutet, nachsichtig zu sein, Erfolge zu loben und Fehler verständnisvoll aufzuarbeiten.

Folgende Formulierungen zeigen den einfühlsamen Unterschied:

• „Das ist ein typischer Anfängerfehler…“
Der Anfänger weiß zwar, dass er ein Anfänger ist, möchte aber nicht immer daran erinnert werden.

• Deshalb ist z. B. besser: „Ihre Zugvariante ist auf Verteidigung ausgerichtet. Wenn sie mehr auf Angriff spielen wollen, empfiehlt folgende Alternative. Das muss man von Fall zu Fall entscheiden. Probieren wir es gleich aus.“

• Gemeinsame Realitätseinschätzung, Annäherung an die "Realität" / Standortbestimmung

• Was ist für den jeweiligen Anfänger von Vorteil? So sind Eröffnungen für den Anfänger nicht wirklich interessant, weil er zunächst begreift, dass er „nichts“ versteht. Wer eine Schachstellung noch nicht erfassen und bewerten kann, merkt erst sehr viel später, wohin ihn eine gute Eröffnung führen kann.

• Was sollte der Trainer wissen? Wenn auch ein Schachlehrer ein guter Schachspieler sein wird, die Fähigkeit zur Interaktionssteuerung im Lernprozess ist nicht jedem gegeben und muss auch erlernt werden.

• Reflexion von Strategien

Wann die stufenweise Integration zusätzlicher Kenntnisse (wie Beendigungsregeln – berührt, geführt, Rochade, Matt, Remis, Patt, Phase, Strategie und Taktik usw.) erfolgen kann, wird vom individuellen Fortschritt abhängig gemacht, bis auch irgendwann die Eröffnungsregeln für den Lernenden einen Sinn ergeben.

• Verlangsamung des Gesprächsprozesses im Sinne vertiefender Reflexionen, Analysen und damit Verstehensprozesse

Alle Lernenden im Schachspiel brauchen unterschiedliche Zeiten und Fortschrittsdimensionen, um zu lernen, die Dosierung der Interaktionen nach den individuellen Möglichkeiten führt zu einer besseren Konditionierung.

5.6.2 Diskussion

5.6.2.1 Die Diskussion als multidimensionale Ausbreitung der Dialogstruktur

Zur Diskussion gehören Meinungsaustausch, Aussprache, Kongress, Kolloquium, Symposion, Konsilium, Versammlung, Tagung, Konvent, Konversation, Erörterung, Konferenz, Verhandlung, Sitzung, Zusammenkunft, Debatte, Brainstorming, Meeting u.a.

Eine Diskussion ist im Prinzip eine multidimensionale Ausbreitung der Dialogstruktur, die häufig in die Irre läuft, weil nicht zu Ende argumentiert wird.

Beispiel: In Fernsehdiskussionen

laufen unterschiedliche, sich überschneidende Argumentationsfolgen

neben- und durcheinander (sachfremde Streuungen, Unschärfen und Fehlinformationen),

die aus zeitlichen Gründen weder bemerkt, noch korrigiert werden (können).

Dazu kommt, dass der Mangel an Fachkompetenz

(wegen einer Teilnehmermischung aus relativen Laien mit und ohne Fachleute)

sowie mangelndes Verständnis- und Erinnerungsvermögen

zu einer weitgehenden Verfehlung des Themas führen (können).

Diejenigen, die in Diskussionen am besten abschneiden, sind häufig diejenigen, die es schaffen, den/die Moderator/In und eine höhere Anzahl Teilnehmer und ggf. Zuhörer (Beifall, Buhrufe usw.) zu beeindrucken.

Das sind leider nicht immer die fachkompetenten Teilnehmer.

• Übungen in Diskussionen lösen verstärkt Lerntransfer aus, weil die relativ schnelle Reaktion zu einer Intensivierung argumentativer Interaktionen führt.

• Dabei sollte das Ziel die Lösung der Diskussionsaufgabe sein

• und nicht allein die Perfektionierung der Selbstdarstellung (Profilierungsneigung),

• wenn Beides auch zusammenpassen sollte (ausgeglichene Diskussionsbeiträge).

• Diskussionen müssen gut organisiert sein, wenn sie die gewünschten Ergebnissen führen und nicht die „Beifall hungrigen Diskussionshelden“ belohnen sollen.

• Die Teilnehmer sollten sachlich bleiben

• und jedem Anderen gut zuhören, wenn ihm das Wort erteilt wurde.

• Die Diskussionsleitung muss jeden zu Wort kommen lassen

• und dabei auf sachlich-fachliche Thementreue achten.

• Widersprüchlichkeiten sollten sofort geklärt oder – wenn möglich – zurückgestellt werden.

5.6.2.1 Weitere Regeln der Diskussion

Für organisatorische Einheiten gelten weiterhin folgende Regeln:

Aus: https://www.dialogprojekt.de/ArtikelAdmin/File/Lau-Villinger.pdf

Doris Lau-Villinger Wissensentwicklung im Dialog, Auszug aus: Rump, J. & Lau-Villinger, D. (2001). Management-Tool Knowledge-Management Köln: Fachverlag Deutscher Wirtschaftsdienst, Dr. Martina Hartkemeyer,

Deutsches Institut für Dialogprozess-Begleitung/Adolf-Reichwein-Gesellschaft Bramsche:

Seite 11:

> … Ein weiteres Beispiel für dialogische Interaktion in Unternehmen sind Dialog-Konferenzen bzw. interaktive Großgruppenveranstaltungen.

• Hier steht der Dialog zwischen verschiedenen Hierarchie- und Funktionsbereichen im Vordergrund, um Veränderungen zu gestalten.

• Alle Mitwirkenden erhalten eine Einführung in die dialogischen Handlungskompetenzen.

• In Kleingruppen- und Plenumsprozessen werden das vorhandene Wissen, die Erfahrungen, Einschätzungen und Meinungen hierarchie- und funktionsübergreifend erfasst, erörtert und verbunden.

• Ziel ist es, Entwicklungsschritte in Unternehmen unter der Mitwirkung von Mitarbeitern und Führungskräften zu initiieren und wirkungsvoll zu realisieren.

• Offene wie strukturierte Interaktionsformen werden kombiniert.

• Entsprechend dem Thema und der Zielsetzung der Konferenz beschäftigen sich die Mitwirkenden (20 bis 500 Personen)

• mit der Historie der Organisation / der spezifischen Themenstellung der Konferenz,

• der Analyse der Visionen, Ziele, Werte, Erfolgskriterien, Umsetzungsstrategien, Systemdynamiken und strukturellen Fallen/Dilemmata,

• dialogischen Formen der strategischen Reflexion sowie Wissens- und Ideenentwicklung

… <

5.6.3 Wirkungen von Dialog und Diskussion

5.6.3.1 Sprach-, Sprechlogik und Sprechmelodie

Aus: <https://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/5524/pdf/Diplomarbeit_Jasmin_Endversion.pdf Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Psychologie, Diplomarbeit „Das kommt von mein Welt“ Kultur in den Erziehungserfahrungen lateinamerikanischer Mütter in Deutschland vorgelegt von Jasmin Karius, Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Gabriele Lucius-Hoene, Dr. Helmut Wetzel Freiburg im Juni 2008, Seite 46:

>… Im Folgenden soll auf einige sprachlich-kommunikative Verfahren eingegangen werden, Die für die Gestaltung und den Sinn einzelner Äußerungen maßgeblich sind (Lucius-Hoene & Deppermann, 2004, S. 213f.). Zusammenfassend handelt es sich dabei

• um Verfahren der Deskription,

• der Wiedergabe von Stimmen und Perspektiven,

• um Argumentationsstrukturen

• und die Arten der Interaktionssteuerung zwischen Erzähler und Interviewer.

Es hat sich im Verlauf der Untersuchung gezeigt,

• dass das Herausarbeiten von Kategorisierungen

• sowie Kontrastierungen

• einen entscheidenden Beitrag für die Analysen liefern kann. Ebenso

• nehmen Reinszenierungen einen großen Stellenwert in den Erzählungen ein:

• einerseits in typisch szenisch-episodischen Darstellungen,

• andererseits durch die vielfältigen Variationen reinszenierter Stimmen.

• Beachtet man zusätzlich die Prosodie (Betonung, Rhythmus und Intonation / Sprechmelodie) und Paraverbalität (Nebendarstellungen der Sprache – z.B. in Schriftform) der Dialogwiedergaben erweitert sich der Interpretationsspielraum ..

5.6.3.2 Diskurstechniken

Aus: https://www.uni-hamburg.de/fachbereiche-einrichtungen/fb16/absozpsy/HAFOS-66.pdf
Hamburger Forschungsberichte zur Sozialpsychologie HAFOS Hamburger Ausgabe 2006 Nr. 66
Erich H. Witte, Interpersonale Kommunikation, Beziehungen und Gruppen-Kollaboration
Universität Hamburg, Psychology Department. Institute of Social Psychology, Hamburg/Germany, Seite 45-46

>… Neben diesen besonders starken Eingriffen in die Gruppeninteraktion gibt es auch Verfahren, die die Gruppe als solche erhalten, aber die Art der Kommunikation steuern. Hier sind drei bekannte Verfahren, die kurz skizziert werden sollen:

(1) Brainstorming

(2) Teufelsanwalt (advocatus diaboli)

(3) Dialektische Auseinandersetzung (dialectical inquiry)

Der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Brainstoming-Methode war die Unzufriedenheit mit der Produktion von Ideen in den üblichen Konferenzen in Werbeagenturen.

Durch eine Interaktionssteuerung sollte die Leistung beim Produzieren kreativer Ideen erhöht werden. Dabei gibt es die folgenden vier Hauptkriterien für das Brainstorming:

(1) Je mehr Ideen, desto mehr bessere Ideen.

(2) Je ungewöhnlicher die Ideen, desto besser.

(3) Weiterentwicklung von genannten Ideen ist zu fördern.

(4) Kritik an Ideen ist zu vermeiden … <

5.7 Individuelles und kollektives Verhalten (Gruppeninteraktionen)

• Interaktionen finden statt, unabhängig davon, ob andere sie so verstehen, wie sie gemeint sind. Missverständnisse können schwerwiegenden Folgen haben – im Schlechten wie im Guten.

• Die gemeinsame Richtung der Kommunikation bestimmt das Denken, das Verhalten und Handeln einer Gruppe und wird als Gruppenverhalten wahrgenommen. Der kollektive Orientierungsrahmen für das Denken und Handeln Dabei können individuelle Einstellungen und Gruppenvorstellungen durchaus unterschiedlich sein.

• Der Überschneidungsbereich ist das symbiotische und synergetische Potential einer Gruppe mit ihren verbindenden Einstellungen (Überlappung). Innerhalb einer Gruppe gibt es unterschiedliche Kulturen (z.B. Die Partei die „Grünen“ haben einen Realoflügel, einen Fundiflügel und weiter differenzierende Strukturen dazwischen.

• So gibt es in einer Gruppe alternative Handlungsoptionen: Die unterschiedliche Einstellungen sind Bestandteil von Regelungen zum Handeln, wobei sie zwar die Verhaltensvorschriften beinhalten, aber keine Anleitungen zum Handeln selbst sind.

• Die Vorstellung, dass eine politische Partei mit absoluter Mehrheit besser agieren könne, weil sie die absolute Mehrheit hat, ist häufig unrichtig, weil die internen Flügel sich oft stark behindern, wenn es nach außen hin nicht immer sichtbar wird. Im Gegenteil: Knappe Mehrheiten können mehr zusammenschweißen als sichere Mehrheiten.

5.8 Dispositionen und Improvisationen

• Interaktionen, die bewusst in einem Arbeitsprozess gegeben werden (Anweisungen, Nachfragen, Kontrollen, Korrekturen, Rückkopplungen usw.) nennt man Dispositionen,

• Interaktionen, die als Reaktion auf einen nicht erwarteten Reiz spontan erfolgen (ein neuer Behebungsvorschlag für häufige Fehler, eine Rechtfertigung auf einen Vorwurf usw.) nennt man Improvisationen.

• Dispositionen und Improvisationen können

• sowohl deterministisch (innerhalb einer Aufgabe exakt definiert),

• stochastisch (zufallswahrscheinlich: In einer Situation, die an sich unübersichtlich ist, handelt jemand nach einem Erfahrungsmuster „Das hat sich ja in solchen Situationen immer schon bewährt“, häufig etwas zu tun oder zu unterlassen – z.B. auf einen Vorwurf, Beleidung oder verbalen Angriff zu reagieren oder mit „nicht wahrnehmen“ zu handeln)

• und intuitiv („Bauchgefühl“, „Eingebung“ - Das gibt es unter anderem bei Kunstmalern, denen ohne äußere Veranlassung ein einzig artiges Bildmotiv gelingt.

Auch bei Wissenschaftlern, wie Albert Einstein, der u.a. mit der Formel E = m x c2 in neue physikalische Dimensionen der Relativitätstheorien vorstieß.) erfolgen.

Etwas unklarer ist es, wenn Menschen in einer Schrecksekunde das Richtige tun, indem sie beispielsweise ein Kind an der Straße zurückreißen, als es in ein vorbeifahrendes Auto zu laufen droht (= stochastisch: Risiko und Risikovermeidung sind bekannt.).

5.9 Bedeutungsdiskrepanzen

Interaktionen (Argumentationen, Dispositionen, Improvisationen usw.) können bei ähnlicher (manchmal fast übereinstimmender) formaler Struktur zu sehr unterschiedlichen Bedeutungen kommen.

z.B.: Ein Beklagter soll vor Gericht eine Beleidigung zurücknehmen und dreimal sagen:

„Herr X ist kein Betrüger!“ (Betonungsform),

aber er sagt dreimal: „Herr X ist kein Betrüger?“ (Frageform),

und verändert damit den Sinn des Satzes.

• Der Sinngehalt hängt nicht allein von der formalen Übereinstimmung ab, sondern von den zugrunde liegenden Interpretationsregeln und kulturellen Einstellungen (formelle und infomelle Werte- und Normenstrukturen) ab.

• Neben Bedeutungsunterschieden sind es dogmatische Thesen, die wie unwiderlegbare Lehrsätze (Axiome) behandelt werden, ohne dass sie im engeren Sinne beweisfähig sind.

• Viele Missverständnisse werden selbst dann nicht aufgelöst, wenn die Ursachen der Fehlinterpretation bekannt sind / werden. Dazu gehört die Standpunktverteidigung, um nach Möglichkeit Recht zu behalten, auch wenn die wesentliche Argumentation erhebliche Mängel aufweist oder gar falsch ist.

• Die bewusste Inkaufnahme gegensätzlicher Auffassungen und Feindbilder sind häufig Gegenstand von schwer kalkulierbaren Auseinandersetzungen und Konflikten,

• die häufig wegen subjektiver und Gruppenvorhalte (Mangel an Toleranz),

• wegen strenger Glaubensgrundsätze („Verbohrtheit“, „Orthodoxie“)

• und wegen (dogmatisch) mobilisiertem Gemeinschaftsgeist (Parteidisziplin. Indoktrination, Demagogie, Fanatismus u.a.)

entstehen, gepflegt und ggf. verstärkt werden. Dabei werden Verletzungen der grundsätzlichen Auffassungen häufig als Sakrileg (verwerflichste Form der Schändung eines Glaubensgrundsatzes) mit den jeweils „üblichen“ schwersten Strafen geahndet.