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Das Wunder, das sich Liebe nennt

1. KAPITEL

Natalie Briggs hängte sich ihr Namensschild um. Gelangweilt überflog sie die Namen auf den Schildern, die vor ihr auf dem Tisch lagen.

Als ihr Blick auf das von Josh Carlson fiel, zuckte sie zusammen. Rasch wandte sie sich ab und versuchte, sich die plötzlich aufkommende Panik nicht anmerken zu lassen. Wie konnte das sein?

Melissa hatte ihr versichert, dass Josh nicht kommen würde. Vor einigen Jahren war er in der Anwaltskanzlei in Houston, für die er seit dem Examen arbeitete, zum Partner aufgestiegen. Da hatte er unmöglich Zeit für ein albernes Klassentreffen. Das zumindest hatte Melissa behauptet.

Natalie hegte keinen Groll mehr gegen Josh. Dennoch verspürte sie keine Lust, ihn nach all den Jahren wiederzusehen.

„Natalie!“

Noch bevor sie sich umdrehen konnte, fand Natalie sich in einer stürmischen Umarmung wieder. Auch ohne das Gesicht zu sehen, wusste Natalie, dass die kräftigen Arme zu Melissa Bailey Pelton gehörten – dem einzigen Menschen im winzigen Camden in Texas, zu dem sie nach der Schulzeit Kontakt gehalten hatte.

Mit ihrem leuchtend roten Haar und den schelmischen grünen Augen strahlte Melissa eine Jugendlichkeit aus, die sie vermutlich auch mit Hundert nicht verlieren würde.

„Natalie, du siehst toll aus! Ich kann nicht glauben, dass du tatsächlich gekommen bist!“

„Aber ich habe doch gesagt, dass ich komme!“ Natalie senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Aber du hast mir gesagt, dass Josh auf keinen Fall kommt!“

„Er hat in letzter Minute auf die Einladung geantwortet“, erwiderte Melissa achselzuckend. „Also, ich freue mich. Wir haben die letzten Jahre hin und wieder telefoniert und E-Mails geschrieben, aber gesehen habe ich ihn nicht mehr, seit ihr zwei euch getrennt habt. Wie lange ist das jetzt her? Zwanzig Jahre?“

„In diesem Monat sind es genau zwanzig Jahre, ja.“

„Aha, du zählst also noch.“

Bevor Natalie antworten konnte, zog Melissa sie zu einem Tisch, an dem einige Mitschüler von damals saßen. Sie tranken Bier und knabberten an Chicken Wings. „Seht mal, wen ich gefunden habe!“

„Hey, das ist ja Bohnenstange!“

Fröhliches Stimmengewirr kam auf, und Natalie begrüßte ihre Freunde von damals. In der Highschool waren sie die Klugen gewesen. Diejenigen, die in Englisch die Bücher wirklich lasen und sogar Spaß daran hatten. Die aufs College wollten, auch wenn später nicht alle studiert hatten.

„Du siehst gut aus, Bohnenstange“, sagte Tommy. Er war es, der ihr damals den wenig schmeichelhaften Spitznamen verpasst hatte, weil sie so mager gewesen war.

„Ich habe zugenommen“, entgegnete Natalie lächelnd.

Sie umarmte ihre ehemaligen Klassenkameraden und schüttelte den Ehepartnern die Hände. Erinnerungen an die Schulzeit kamen auf. Da war Diane Helms, die in der Marschkapelle Flöte gespielt hatte. Bud Conklin, der Bücher über theoretische Physik verschlungen hatte. Tommy Garrett, der Streiche liebte. Obwohl sie weniger Haare, einen runderen Bauch oder mehr Lachfalten hatten, erkannte Natalie alle sofort wieder.

Inmitten ihrer Freunde bereute es Natalie, dass sie die Verbindung hatte abreißen lassen. Aber nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie keinen Grund mehr gesehen, hierher zurückzukehren.

Camden und ihre alten Freunde hätten sie nur schmerzhaft daran erinnert, wie glücklich sie alle gewesen waren – wie glücklich sie und Josh gewesen waren, bevor die Wirklichkeit sie eingeholt hatte.

Ein anderer ehemaliger Mitschüler trat vor, um Natalie zu begrüßen – und plötzlich fand sie sich Nase an Kinn mit Josh Carlson wieder.

Ihrem Exmann.

Natalie machte einen Schritt zurück.

„Natalie.“ Seine Stimme war warm, sexy und fast ein wenig herausfordernd. „Melissa hat behauptet, du würdest nicht kommen.“

Natalie brachte kein Wort heraus. Stattdessen warf sie ihrer Freundin einen vernichtenden Blick zu. Aber Melissa tat so, als ob sie es nicht bemerkte.

„Ich habe mich erst in letzter Minute entschieden“, sagte Natalie ein wenig atemlos. Du meine Güte, warum war er nicht so gealtert wie ihre Freunde – wie sie selbst? Josh Carlson in Fleisch und Blut war … ein Angriff auf ihre Sinne.

Er war kräftiger als früher, aber, soweit sie erkennen konnte, ohne auch nur ein einziges Gramm Übergewicht. Das Haar war so dunkel und dicht wie eh und je, auch wenn er es jetzt etwas kürzer trug. Die leicht ergrauten Schläfen schmälerten seine Attraktivität kein bisschen.

Natalies Knie wurden weich.

„Du siehst großartig aus“, sagte Josh. „Die Männer werden Schlange stehen, um mit dir zu tanzen, genau wie früher.“

Natalie lachte. Das Kompliment war natürlich übertrieben. Aber es tat gut, und sie entspannte sich. Das hier war der Josh von damals, auch wenn er jetzt ein erfolgreicher Anwalt war. Und er schien sie nicht zu hassen. Vielleicht hatte sie davor am meisten Angst gehabt.

„Setzt euch, ihr zwei!“, befahl Melissa. „Hier, nehmt ein Bier.“

Jemand hatte ein paar Flaschen aus der Kühlbox geholt. „Hey, das ist ja wie auf den Schulbällen, nur dass wir den Alkohol nicht mehr reinschmuggeln müssen.“

Natalie spürte, wie sie errötete. Jede Klasse der Camden High veranstaltete ihren Ball in der Halle des Veteranenvereins. Nur die war groß genug für so viele Gäste. Natalie erinnerte sich gut an ihren ersten Ball. Es war der Abend, an dem sie und Josh zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten, am Ende der elften Klasse.

Natalie warf ihm einen Blick zu und bemerkte, dass er sie nachdenklich betrachtete. Dachte er auch gerade daran?

Viele ihrer Freunde waren auf dem Parkplatz gewesen, um härtere Sachen zu trinken, oder sie nippten heimlich an mitgebrachten Flachmännern. Natalie und Josh brauchten keine anregenden Substanzen, sie waren auch so high genug.

Sie waren erst ein paar Monate zusammen, wussten aber schon, dass ihre Beziehung etwas Besonderes war. Deshalb hatten sie beschlossen, bis zum Schulball zu warten.

Über eine Stunde war Natalie bis nach Austin gefahren, um sich die Antibabypille verschreiben zu lassen. Was für eine Ironie, dachte sie jetzt, denn sie hatte sie gar nicht gebraucht. Sie würde die Pille niemals brauchen.

Als wäre die Stimmung nicht schon nostalgisch genug, hatten die Organisatoren des Klassentreffens auch noch die Band engagiert, die auf den Schulbällen aufgetreten war. Kaum zu glauben, dass sie noch zusammen spielten. Einige der Musiker waren inzwischen ergraut und standen kurz vor der Rente, aber ihre Musik war noch so gut wie vor fünfundzwanzig Jahren. Zu einem Plattenvertrag hatten sie es zwar nie gebracht, aber sie waren laut, ihre Songs waren die Hits von früher und weckten Erinnerungen.

„Lasst uns tanzen!“

Josh stand auf, und Natalie erstarrte.

„Komm schon! Du tanzt für dein Leben gern.“ Melissa zog an ihrem Arm.

„Aber …“

„Sei kein Trauerkloß“, unterbrach ihre Freundin sie. „Trink dein Bier, dann ab auf die Tanzfläche.“

„Komm schon, Nat“, sagte Josh. „Es ist doch nur ein Tanz.“

„Na gut.“ Wenn sie nicht mitmachte, würde Melissa sie nicht in Ruhe lassen. Außerdem würden sie in einer großen Gruppe tanzen, die Mädchen wie früher miteinander, während die Jungs herumstanden und nur die Füße bewegten.

Es war voll auf der Tanzfläche. Melissa erkämpfte ihnen eine Stelle am Rand, und bald fielen die Jahre von ihnen ab. Es war, als wären sie wieder siebzehn – bloß, dass keiner um Mitternacht zu Hause sein musste.

Unweigerlich wechselte die Band zur Countrymusic, und fast ohne es zu bemerken, landete Natalie zu einem Twostepp in Joshs Armen. Er lächelte. „Ich freue mich, dich wiederzusehen, Nat. Du hast mir gefehlt.“

Natalies Mund wurde trocken. Sie suchte nach einem unverfänglichen Gesprächsthema, möglichst einem, das sie beide daran erinnerte, wie gewaltig die Kluft zwischen ihnen war. „Und wie geht’s deinen Jungs?“

Joshs Lächeln wurde breiter. „Den Jungs geht’s großartig. Sean kommt in die zwölfte Klasse. Er spielt Football und Gitarre und hat eine Freundin, was mir höllische Angst macht.“

„Dass er mit ihr durchbrennt und heiratet?“ Genau das hatten Josh und Natalie getan, gleich nach der Highschool.

„Ja. Oder dass sie von ihm schwanger wird. Die beiden schlafen schon miteinander.“

„Hat dein Sohn dir das erzählt?“

„Ich habe es ihm entlockt. Ich wollte sicher sein, dass er verantwortungsvoll damit umgeht.“

Natalie wusste, dass auch sie bald solche Sorgen haben würde. Ihre Tochter Mary war letzten Monat sechzehn geworden.

„Und was ist mit deinem jüngeren Sohn? Doug, richtig?“, fragte sie.

Erstaunt sah Josh sie an.

„Hey, ich lese den Rundbrief.“

„Doug ist der Ernstere und etwas schüchtern, hat aber viele Freunde. Und er ist ein Musterschüler.“

„Ich wette, sie sehen beide gut aus.“

„Sie kommen nach ihrer Mutter. Blondes Haar, blaue Augen.“ Josh zögerte. „Du hast eine Tochter, habe ich gehört.“

Von Melissa zweifellos. Und bestimmt fand er es nicht gut, dass Natalie ein Kind adoptiert hatte, ohne einen Ehemann zu haben. Aber sie hatte auch als alleinerziehende Mutter gute Arbeit geleistet. „Ja. Mary ist sechzehn und in jeder Hinsicht perfekt“, antwortete sie lächelnd.

„Kein Teenager ist perfekt.“

„Nein, das stimmt.“

„Meine Kinder sind auch toll, aber ich habe permanent Angst um sie.“

„Das verstehe ich. Obwohl Mary mir noch nie einen Grund dazu gegeben hat.“

„Du wärst nicht normal, wenn du dir keine Sorgen machen würdest.“

Damit war das Thema Kinder abgehakt. „Und deine Eltern? Geht’s ihnen gut?“

Joshs Eltern hatte die Camden National Bank gehört. Vor einigen Jahren hatten sie sie verkauft und waren an den Golf von Mexiko gezogen. Sie hatten Natalie nie gemocht, trotzdem fühlte sie sich verpflichtet, nach ihnen zu fragen.

„Sie wohnen direkt am Strand, und mein Vater spielt jeden Tag Golf. Das mit deiner Mum tut mir leid. Ich wollte zur Beerdigung kommen, aber …“

„Melissa hat mir erzählt, dass du mich nicht in Verlegenheit bringen wolltest. Die Blumen, die du geschickt hast, waren wunderschön.“

„Deine Mutter war immer freundlich zu mir.“

„Bist du gern Rechtsanwalt?“ Noch ein harmloses Thema.

„Sehr gern, obwohl ich noch immer viele Überstunden machen muss. Was einem alleinerziehenden Vater das Leben nicht gerade erleichtert.“

„Ich weiß, was du meinst.“

„Arbeitest du immer noch als Krankenschwester?“

„Ja.“

„Wenn ich ins Krankenhaus müsste, würde ich dich als Krankenschwester haben wollen.“

Du meine Güte, er flirtete mit ihr. „Dazu bist du etwas zu alt.“

„Wie bitte?“

„Ich arbeite auf der Säuglingsstation.“

Josh lachte. „Ich kann mir vorstellen, dass dir das gefällt.“

Natürlich konnte er das. Seit sie laufen und sprechen konnte, fand Natalie Babys faszinierend. Wie oft hatte Josh auf sie warten müssen, während sie in irgendeinem Einkaufszentrum ein Baby bewunderte?

Sie hatte sich riesig auf den Tag gefreut, an dem sie ihr eigenes Neugeborenes in den Armen halten würde.

Nach der Heirat hatte sie die Pille abgesetzt. Josh war einverstanden gewesen. Obwohl sie beide weder Geld noch große Zukunftspläne hatten, wussten sie beide, dass sie Kinder wollten.

Doch Natalie war nie schwanger geworden.

Sie gingen zu einem Spezialisten, der bei Natalie eine Unterfunktion der Eierstöcke feststellte. Wenn es überhaupt zum Eisprung kam, dann äußerst unregelmäßig. Sie versuchten es mit einer Hormontherapie, die nicht wirkte, und für den nächsten Schritt, eine künstliche Befruchtung, hatten sie nicht genug Geld.

Die dauernde Anspannung und die Enttäuschung, wenn der Schwangerschaftstest wieder negativ ausfiel, belasteten ihre Ehe. Finanzielle Engpässe setzten sie zusätzlich unter Druck. Sie studierten beide noch und hatten nebenher mehrere Jobs. Hinzu kam, dass Joshs Eltern sie nicht unterstützten, denn sie waren von Anfang an gegen ihre Beziehung gewesen.

Natalie gab nicht auf. Sie wollte ein Baby und war bereit, alles dafür zu tun. Sie entschied sich, ein Kind zu adoptieren, und ließ sich und Josh auf eine Warteliste setzen. Aber Josh wollte ein eigenes Kind und bestand darauf, dass sie es weiter versuchten – in der Hoffnung, dass doch noch ein Wunder geschah.

Inzwischen verstand sie, warum er gegen eine Adoption gewesen war. Damals hatte sie ihn einfach nur für engstirnig gehalten.

Als das Licht gedämpft wurde und die Band mit einem langsamen Titel begann, kehrte Natalie abrupt in die Gegenwart zurück.

„Vielleicht sollten wir diesen Tanz auslassen“, sagte sie nervös.

„Ach, komm schon, Nat, bleib locker. Das hier ist ein fünfundzwanzigjähriges Klassentreffen. So etwas gibt es nur einmal im Leben. Da darf man ruhig ein wenig verrückt sein.“

„Sagt wer?“, entgegnete sie, protestierte jedoch nicht, als er die Arme fester um sie legte.

Als der Song zu Ende ging, hatte Natalie sich weit genug entspannt, um den Kopf an Joshs Schulter zu legen und an Dinge zu denken, die eigentlich tabu sein sollten.

Es war lange her, dass sie mit einem Mann intim gewesen war. Nach der Scheidung hatte sie ein paar Affären gehabt, aber sobald daraus etwas Ernstes zu werden drohte, machte Natalie Schluss.

Die Vorstellung, sich in einen Mann zu verlieben und ihm zu sagen, dass sie keine Kinder bekommen konnte, war ihr unerträglich.

Dann hatte sie die kleine Mary adoptiert und keine Zeit mehr für eine Beziehung gehabt. Das war nicht schlimm, denn es war kein Gerücht, dass die meisten Männer alleinerziehende Mütter scheuten wie der Teufel das Weihwasser. Aber das hatte Natalie nichts ausgemacht – sie brauchte keinen Mann in ihrem Leben.

Oder doch?

Natalie hatte vergessen, wie gut Josh duftete. „Oh“, entfuhr es ihr.

„Was denn?“

„Du trägst Stetson.“

„Stimmt.“ Sie hörte an seiner Stimme, dass er lächelte.

Das Aftershave war eins ihrer ersten Geschenke für ihn gewesen. Mit siebzehn war ihr der Duft unglaublich maskulin erschienen. Erst nach einigen Jahren hatte Josh ihr gestanden, dass er am liebsten einfach nur nach Seife duftete.

Aber heute Abend nicht. „Ist das immer noch die Flasche, die du von mir bekommen hast?“

„Die hat sich in Terpentin verwandelt. Ich habe mir eine neue gekauft.“

„Aber du magst Aftershave doch gar nicht.“

„Doch.“

Nein, ganz sicher nicht. „Lass uns etwas trinken.“

Auf dem Weg zu ihrem Tisch baute sich Bobby Salazar vor ihnen auf. Er war betrunken. „Ich dachte, ihr zwei habt euch scheiden lassen.“

Josh klopfte ihm auf die Schulter. „Hey, Bobby, ich dachte, du bist nüchtern geworden.“

Grinsend wankte Bobby davon.

„Ich glaube, wir sorgen hier für große Verwirrung“, sagte Natalie.

„Das kann sein, aber da wir unsere Klassenkameraden frühestens in zwanzig Jahren wiedersehen, stört es uns nicht, oder?“

Natalie zuckte mit den Schultern. „Nein.“

„Ich hole uns ein Bier.“

Kaum war Natalie allein, eilte Melissa zu ihr. „Sieht aus, als würdet ihr euch glänzend verstehen.“

Natalie warf ihr einen wütenden Blick zu. „Du hast uns beide angelogen!“

„Nat, ihr gehört zusammen, das habe ich dir immer gesagt. Und jetzt gibt es nichts mehr, das euch trennt. Er ist seit einer Ewigkeit von Beverly geschieden, und du bist Single.“

„Uns trennt eine ziemlich schmerzhafte Vergangenheit“, erinnerte Natalie ihre Freundin.“

„Ihr wart jung. Jetzt würdet ihr es besser machen.“

Würden sie das? Natalie war reifer geworden. Sanfter. Für sie war nicht mehr alles entweder schwarz oder weiß.

„Jeder führt sein eigenes Leben“, sagte Natalie leise.

„Na und? Euer großes Problem hat sich doch mittlerweile erledigt.“

Warnend runzelte Natalie die Stirn. „Hör auf.“

Ihre Freundin seufzte. „Du lässt dir eine großartige Gelegenheit entgehen.“

Josh kehrte mit dem Bier zurück, und damit war das Gespräch beendet. Natalie schwitzte und hatte Durst. Die Klimaanlage in der Halle kam gegen die Hitze nicht an. Längst hatten die Männer Jacketts und Krawatten abgelegt. Natalie war froh, nur ein leichtes Sommerkleid angezogen zu haben.

Sie trank einen Schluck und sah verstohlen zu Josh. In seinem weißen Oberhemd sah er verteufelt gut aus.

Es dauerte nicht lange und Melissa lotste sie alle wieder auf die Tanzfläche. Erleichtert stellte Natalie fest, dass die Band einen Line Dance anstimmte. Als Teil einer Formation kam sie Josh nicht so nahe.

Doch als sie nach einigen Takten ein Paar bilden mussten, legte Josh den Arm um ihre Taille und ließ die Hand kurz auf die Hüfte gleiten.

Es kribbelte bis in die Zehenspitzen. „Josh!“

„Entschuldigung.“ Aber Josh sah nicht aus, als würde er sich schuldig fühlen.

Und wenn Natalie ehrlich war, tat es auch ihr nicht leid. Im Gegenteil, sie wollte, dass er sie wieder berührte.

Nach zwanzig Minuten auf der Tanzfläche sehnte sich Natalie nach etwas frischer Luft. Als die Band eine Pause machte, schlüpfte sie durch eine Seitentür auf den Parkplatz.

Es war Anfang Juni und in Texas nicht gerade kühl. Immerhin wehte eine leichte Brise, und Natalie hielt das Gesicht in den Wind. Sie überlegte, ob sie einfach zu Melissa fahren sollte, wo sie übernachtete. Aber das Bier war ihr zu Kopf gestiegen, also musste sie noch ein paar Stunden bleiben.

„Hier bist du.“

Natalie zuckte zusammen. „Josh!“

Wie er es beim Tanzen getan hatte, legte Josh den Arm um ihre Taille. Aber diesmal waren sie allein und im Dunkeln.

„Ich bin froh, dass es dir gut geht“, sagte er. „Jahrelang habe ich mir Sorgen gemacht, weil du ganz allein in der Großstadt lebst.“

Wie selbstverständlich schlenderten sie zu den Picknicktischen hinter der Halle.

„Ich bin nie allein gewesen“, widersprach Natalie. „Meine Schwester ist in Dallas.“ Deshalb hatte sie dort und nicht in Houston die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Außerdem hatte sie nicht in Versuchung geraten wollen, zu Josh zurückzukehren. Sich scheiden zu lassen war die schmerzhafteste Entscheidung ihres Lebens gewesen, und sie wollte nicht riskieren, sich ein zweites Mal trennen zu müssen.

„Ja, aber mich hattest du nicht.“

„Das ist wahr. Aber wie durch ein Wunder habe ich es ohne dich geschafft. Und ohne irgendeinen anderen Mann.“

Josh nahm ihre Hand und zog sie zu einem der Tische. Suchend beugte er sich über die Tischplatte.

„Was tust du da?“, fragte Natalie erstaunt.

„Da sind sie.“ Josh holte sein Schlüsselbund heraus, an dem eine winzige Taschenlampe befestigt war.

Das Licht fiel auf ein Herz, das die Buchstaben J.C. und N.B. umschloss. Josh hatte sie ins Holz geschnitzt, als sie das erste Mal zusammen ausgegangen waren.

„Verunstaltung öffentlichen Eigentums. Schäm dich.“

„Alle sollten wissen, dass du zu mir gehörst.“ Er strich ihr das Haar zurück. „Du siehst noch genauso aus, wie ich dich in Erinnerung hatte. Nein … besser.“

„Das liegt am weichen Licht“, scherzte Natalie, aber ihre Stimme zitterte.

Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, wenn er sie berührte. Sie wusste, dass es einen guten Grund gab, hier draußen nicht mit Josh Carlson allein zu sein. Aber ihr fiel keiner ein.

Alles, was sich in ihr regte, war ein Verlangen, wie sie es seit ihrer Jugend nicht mehr verspürt hatte.

Dann küsste er sie, und sie hörte ganz auf zu denken.

2. KAPITEL

Josh konnte nicht fassen, wie herrlich es war, Natalie in den Armen zu halten und zu küssen. Er hatte gewusst, dass sie zum Klassentreffen kommen würde. Melissa hatte ihn vorgewarnt. Aber für ihn war es keine Warnung gewesen. Er hatte sehen wollen, was aus ihr geworden war. Als sie sich getrennt hatten, waren sie gerade mal dreiundzwanzig gewesen.

Insgeheim hatte Josh gehofft, dass Natalie heute dick und matronenhaft war, mit vielen Falten und grauem Haar. Aber äußerlich war sie so, wie er sie in Erinnerung hatte. Sicher, sie hatte ein wenig zugenommen – aber das war gut so. Als Teenager war sie viel zu dünn gewesen.

Sie hatte dieselben vollen Lippen, dasselbe dichte, dunkle und leicht wellige Haar, das ihr locker bis auf die Schultern fiel.

Und sie küsste noch immer leidenschaftlich. Josh fragte sich, ob er sie auch jetzt noch so leicht erregen konnte wie damals. Er wusste, wo er sie berühren musste.

Aber selbst nach einigen Flaschen Bier war er nicht sicher, ob es klug wäre, in ihr ein Feuer zu entfachen. Sie waren erwachsen, Sex war kein Spiel mehr.

Trotzdem konnte er nicht aufhören sie zu küssen.

Eine Tür wurde geöffnet, und wilde Rockmusik drang nach draußen. Josh nahm die Hand von Natalies Brust, wohin sie auf rätselhafte Weise gewandert war.

„Wir sollten das hier wirklich nicht tun.“

„Warum nicht?“, fragte Josh, obwohl er die Antwort kannte.

„Weil man manche Erinnerungen besser in Ruhe lässt.“

„Und manche sollten überprüft werden“, entgegnete er. „Um festzustellen, ob es wirklich so schön war, wie man es in Erinnerung hat.

Natalie lächelte matt. „Und, war es das?“

„Das weiß ich nicht. Die Überprüfung ist noch nicht abgeschlossen.“

Natalie erlaubte ihm, sie wieder zu küssen. Küssen war harmlos. Schließlich konnten sie einander hier nicht die Kleider vom Leib reißen und auf einem Picknicktisch miteinander schlafen.

Aber genau das ging Josh durch den Kopf. „Ich habe ein Zimmer im Holiday Inn“, flüsterte er und rechnete damit, dass sie ihn empört zurechtwies. Aber sie blieb erstaunlich ruhig.

„Das geht nicht. Ich übernachte bei Melissa.“

„Glaubst du wirklich, sie hätte etwas dagegen, wenn wir ins Hotel gingen? Seit unserer Scheidung will sie, dass wir wieder zusammenfinden.“

„Ja. Zusammenfinden, heiraten und glücklich alt werden.“

Natalie zog sein Hemd aus der Hose und strich über den Rücken. Die Berührung ließ ihn vor Verlangen zittern.

„Sie fände es nicht gut, was wir hier … worüber wir reden“, wand Natalie ein.

„Es ist ein Klassentreffen.“

„Das sagst du dauernd.“ Sie nahm seine Hand und legte sie wieder auf ihre Brust. „Als wäre das ein Freibrief, sich gehen zu lassen.“

Josh küsste die rosige Haut auf ihrem Schlüsselbein. „Tun wir doch gar nicht. Noch nicht.“

Aber wenn sie sich nicht bald etwas einfallen ließen, würden sie hier und jetzt für einen Skandal sorgen. Josh hatte ganz vergessen, wie verrückt Natalie ihn machen konnte.

Er zwang sich, sie loszulassen, und schob den Träger ihres Sommerkleids zurück auf die Schulter. „Mein Wagen steht nur zwanzig Schritte entfernt von hier. Du kannst Melissa auf dem Handy anrufen. Oder noch besser, hinterlass ihr zu Hause eine Nachricht.“

„Bei einem ihrer Kinder? ‚Sag deiner Mummy, dass ihre hemmungslose Freundin Natalie nicht nach Hause kommt, weil sie mit einem Mann ins Bett will.‘“

Josh schmunzelte. „Komm schon, Nat. Ich habe heute extra dein Lieblings-Aftershave aufgetragen. Das Zeug fasse ich normalerweise nicht an.“ Aber der Duft hatte viele Erinnerungen geweckt. Schöne Erinnerungen.

Als er sah, dass Natalie noch immer zögerte, küsste er sie, bis ihre Muskeln sich einer nach dem anderen entspannten. Schließlich schmiegte sie sich eng an ihn.

„Na gut“, gab Natalie schließlich mit blitzenden Augen nach. „Vergiss Melissa. Ich bin ihr ohnehin böse, weil sie mich angelogen hat.“

Josh schnappte nach Luft. Sie hatte Ja gesagt. Natalie und er würden miteinander schlafen.

Er war nicht hergekommen, um sie zu verführen. Sicher, er hatte das Aftershave benutzt, aber nur weil er wissen wollte, ob sie sich erinnerte – nicht nur an die schlechten Zeiten, sondern auch an die guten.

Aber dann hatte er sie gesehen und festgestellt, wie sehr sie auch jetzt noch dem jungen Mädchen ähnelte, in das er sich damals verliebt hatte. Und seitdem wollte er sie in seinem Bett haben.

One-Night-Stands hatte Josh schon vor langer Zeit aufgegeben. Und da zwei gescheiterte Ehen bewiesen, dass er kein guter Ehemann war, kam eine Heirat auch nicht mehr infrage.

Aber das hier war anders. Das hier war Natalie, die Frau, die er mal geliebt hatte, vermutlich mehr als jeden anderen Menschen. Eine Nacht mit ihr wäre mit irgendeinem schnellen, flüchtigen Abenteuer nicht zu vergleichen.

Es wäre ein Ausflug in die Vergangenheit, eine nostalgische Oase in einem Leben, in dem es nur noch Arbeit und Kindererziehung gab, in dem er nie Zeit für sich selbst hatte.

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Viel Spaß!



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