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Das Weihnachtsversprechen

Donna VanLiere

Das
Weihnachts-
versprechen

Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Anita Krätzer

BASTEI ENTERTAINMENT

WIDMUNG

Mein herzlicher Dank geht an Troy, Gracie und Kate, die mein Leben bereichern.

Vielversprechenden Schriftstellern sage ich immer, dass es wichtig ist, sich mit einem hervorragenden Team zu umgeben, und ein solches habe ich um mich. Zu ihnen gehören meine Agenten Jennifer Gates und Esmond Harmsworth, meine Lektorin Jennifer Enderlin und viele Mitarbeiter von St. Martin’s Press – einschließlich Matt Baldacci, John Karle, Carrie Hamilton-Jones, Lisa Senz, Matthew Shear, Nancy Trypuc, Mike Storrings, die gesamte Vertriebsabteilung und Sally Richardson, die den Weg weist.

Ich bedanke mich bei den Anonymen Alkoholikern aus Franklin, Tennessee, die mir freundlicherweise erlaubt haben, an ihren Zusammenkünften teilzunehmen.

Ein herzliches Dankeschön Nate Larkin, Rusty Owens, Mike O’Neill und seinem Sohn Michael O’Neill, die mir höchst wertvolle Einblicke vermittelt haben.

Danke der Orchard Church in Franklin.

Und ganz besonders danke ich Chris Carter für das Lesen einer frühen Manuskriptversion und der Rückmeldung dazu.

Dankbar bin ich auch Sarah und Carrie Drumheller für ihre Genialität, »Miss« Pam Dillon, »Miss« Jamie Betts und »Mrs.« Laurie Griffith vom Kindergarten für ihren Mut.

Mein Dank gilt außerdem Lindsey Wolford, deren Hilfe während der vergangenen Jahre unbezahlbar war. Nur damit es klar ist: Du sagst den Mädchen, dass du nach Irland umziehst, nicht ich!

Und ich bedanke mich bei Bailey, der an meiner Seite blieb, solange er konnte.

Welchen Sinn hat unser Leben,

wenn nicht den, uns gegenseitig den Aufenthalt

in dieser Welt etwas zu erleichtern.

George Eliot

PROLOG

In der vergangenen Nacht hat sich eine frische Schneedecke gebildet. Auf den Sträuchern vor meinem Küchenfenster hocken funkelnde weiße Kappen. Ich lasse mich auf den Stuhl am Tisch sinken und gieße Sahne in meinen Kaffee.

Mein Freund Jack arbeitet an einem Auto in der Auffahrt; ich kann seinen Atem in der Luft sehen. Ich kenne Jack noch nicht lange, erst seit einem Jahr. »Das Jahr der Wunder« nenne ich es. Ich versuche noch immer, mir einen Reim aus dem zu machen, was passiert ist, aber ich glaube nicht, dass mir das je gelingen wird. Vielleicht soll ich das auch nicht; das ist das Schöne am Unerklärlichen.

Als junge Mutter freute ich mich immer auf den Beginn der Weihnachtszeit. Am Tag nach Thanksgiving schob ich meine Lieblingsliederkassette mit Bing Crosby, Rosemary Clooney und Burl Ives in den Recorder, und die Weihnachtsklänge erfüllten unser Heim, während ich die hölzerne Krippe und unseren lädierten künstlichen Baum vom Dachboden herunterschleppte. Meine Kinder, mein Mann und ich schmückten ihn. Wenn wir fertig waren, war er stets mit zu vielen Eiszapfen beladen und hatte zu wenige Lichter. Aber wir machten Fotos von ihm, als würde er auf dem Rasen des Weißen Hauses stehen.

In einem Winter presste Matthew, mein jüngster Sohn, seine Nase an das Wohnzimmerfenster und beobachtete, wie der herabfallende Schnee unseren Rasen bedeckte.

»Jetzt ist Weihnachten«, sagte er.

»Schnee bedeutet nicht Weihnachten«, antwortete ich. »Es gibt zahlreiche Länder, in denen nie eine Schneeflocke fällt. Es ist das Weihnachtsversprechen, das Weihnachten zu dem macht, was es ist.«

Matthew sah zu, wie der Schnee den Rasen bedeckte. »Was für ein Versprechen ist das?«

Ich setzte mich neben ihn auf den Boden. »Nun, es ist das Versprechen der Liebe und der Gnade. Weihnachten wurde uns die Gnade gegeben. Das ist das größte Versprechen von allen.«

Mein Mann Walt war in jenem Jahr der Meinung, dass es ein Abenteuer sein würde, wenn sich unsere Familie aufmachte, einen eigenen Baum zu fällen. Wir packten die Kinder ins Auto und fuhren zur Farm eines Freundes. Dort führte uns Walt über scheinbar kilometerweites Weideland, bevor wir an ein kleines Walddickicht kamen.

Unser Sohn Daniel entdeckte den perfekten Baum, und Walt entfernte die unteren Äste, damit er zum Fällen gut an den Stamm kam. Aber er hatte nicht daran gedacht, die Axt vor unserem Aufbruch an jenem Morgen zu schärfen, und nach ein paar Hieben war Walt erschöpft. Nach Atem ringend lehnte er sich gegen einen Baum. Jedes unserer Kinder versuchte, auf den Baum einzuschlagen, aber natürlich waren sie alle zu klein, um viel auszurichten. Walt ärgerte sich über sich selbst, weil die Axt unbrauchbar war.

Ich bemühte mich zwar, mein Lachen zu unterdrücken, aber es gelang mir nicht. Walt legte sich auf den Bauch und schnitzte wie mit einem Taschenmesser am Stamm herum, und ich lachte noch heftiger, weil ihn die Nadeln der Tanne pieksten. Er stand wieder auf, trat mehrere Male gegen den Stamm, stolperte und landete auf dem Boden.

Die Kinder begannen zu kreischen, rannten ausgelassen um den Baum herum und ahmten ihren Vater nach, indem sie kichernd gegen den Stamm traten. Walt hackte, schnitt und schlug auf den Baum ein, bis er endlich nachgab und fiel.

Wir lachten die ganze Zeit, während wir über die Weiden zurück zum Auto gingen.

Sieben Jahre meines Lebens graute mir vor dem Nahen des Weihnachtsfestes. Ich hatte meinen Mann und meinen jüngsten Sohn im Abstand von zwei Wochen verloren, und jene süßen Erinnerungen an meine Familie erwiesen sich als zu schmerzlich, um sie in mir aufsteigen zu lassen, aber auch als zu machtvoll, um sie zu vergessen.

Es ist beängstigend, wenn man sein Herz an die Menschen um sich herum in dem Wissen verschenkt, dass sich die Beziehung zu ihnen verändern kann – dass einem eines Tages das Herz gebrochen werden und man zerstört werden kann. Das ist der risikoreichste Teil dieser menschlichen Reise.

Ich glaube, im vergangenen Jahr habe ich schließlich gelernt, dass es einige Dinge gibt, die uns Gott nicht vergessen lassen will. Er macht es uns möglich, zu jenen Erinnerungen zurückzukehren und sie uns ins Gedächtnis zurückzurufen – nicht jeden Tag, aber gelegentlich. In jenen Augenblicken entdecken wir, dass Gott das Erinnern und das Vergessen auf irgendeine Art miteinander verbindet und zu etwas Schönem gestaltet; zu etwas, das dem Durcheinander in unserem Leben einen wirklichen Sinn verleiht.

Es fällt mir noch immer schwer, diese Art der Gnade zu begreifen, und obwohl es Tage gibt, an denen ich mich unwürdig fühle, sie anzunehmen, tue ich es. Wenn ich es nicht täte, würde ich verrückt werden. Wir alle würden verrückt werden.

Diese Geschichte handelt von vielen Menschen; ich bin nur ausersehen worden, sie zu erzählen. Es gibt Tage, an denen ich auf das vergangene Jahr zurückblicke und denke: Wie ist das nur alles zusammengekommen? Und es gibt Zeiten, in denen ich mich frage, warum das alles nicht früher hat geschehen können. Aber ich weiß jeden Tag, dass die Gnade unabhängig von uns die Oberhand behalten wird.

Das ist das Weihnachtsversprechen.

ERSTES KAPITEL

Ich glaube noch immer, dass das größte Leid, das ein

menschliches Wesen je erleiden kann, darin besteht, einsam zu sein,

sich ungeliebt zu fühlen und niemanden zu haben …

Mutter Teresa

An jenem Novembermorgen ein Jahr zuvor spähte ich durch die Küchengardinen aus dem Fenster und lief sofort los, um mir einen Eimer und einen Lappen zu holen. Sieht nach einem guten aus, dachte ich und sah erneut hinaus. Jemand hatte einen Kühlschrank in meine Auffahrt gestellt.

Ich drückte ein wenig Geschirrspülmittel auf den Boden des Eimers und füllte ihn mit warmem Wasser. Dann rührte ich kräftig mit der Hand um, bis sie im Schaum versank. Ich band meine Laufschuhe zu – die kecken in Neonrosa mit den grünen Streifen – und schob eine Flasche mit Haushaltsreiniger in meine Manteltasche. Eine durchgebrannte Glühbirne über der Eingangstür ließ mich auf dem Weg nach draußen auf der Treppe innehalten. Ich sah hoch.

»Du meine Güte! Die Birne hat nicht sonderlich lange gehalten. Ich muss eine von denen besorgen, die ein Jahr lang funktionieren«, murmelte ich vor mich hin.

Ich ging in die Küche zurück und nahm vom obersten Bord des Vorratsschranks eine neue Glühbirne. Als ich wieder am Eingang war, drehte ich die verbrauchte aus dem Gewinde.

»Weg mit dir«, rief ich und schraubte die neue hinein.

Ich wandte mich dem Kühlschrank in der Einfahrt zu und schätzte seine Größe ab. Er war nicht allzu groß. Ich öffnete die Tür und wich, die Hand vor die Nase haltend, zurück.

»Bis zum Mittag werde ich dich gesäubert und ein neues Heim für dich gefunden haben«, sagte ich und zog mir ein Paar gelbe Latexhandschuhe über.

Ich war es gewohnt, Selbstgespräche zu führen; ich war seit sieben Jahren Witwe. Es beunruhigte mich nie, dass ich mit mir selbst sprach. Was mich beunruhigte, war die Art, wie ich mir selbst antwortete. Und wirklich besorgt war ich, wenn ich mit mir selbst stritt.

Ich zog eine Ablage nach der anderen heraus, tauchte meinen Lappen in das Spülwasser und schrubbte die eingetrockneten Überreste von nicht mehr zu identifizierenden Nahrungsmitteln weg. Dann besprühte ich die Innenwände mit dem Reiniger und bearbeitete sie mit aller Kraft.

»Hören Sie, es gibt ein Abfallgesetz!«

Ich zuckte zusammen, als ich die vertraute Stimme hörte, und schloss die Augen. Vielleicht würde sie ja gar nicht da sein, wenn ich sie nicht sehen konnte.

»Die Stadt hat Vorschriften erlassen.«

Ich schrubbte noch kräftiger.

»Gloria Bailey, ich spreche mit Ihnen.«

Wie ich diesen Tonfall verabscheute. Ich atmete tief durch und hob den Kopf, um meine auf der anderen Seite des Gartenzauns stehende Nachbarin anzusehen.

»Guten Morgen, Miriam.«

»Gloria, hat sich je jemand die Mühe gemacht, Ihnen das mitzuteilen, bevor er diesen Müll hier abgeladen hat?«

Ich steckte meinen Kopf wieder in den Kühlschrank und schrubbte weiter. Zu meiner Freundin Heddy hatte ich einmal gesagt, dass der Kosmos zu klein für Miriams Ego sei. Ihr affektierter britischer Akzent war ebenso »beeindruckend« wie ihr blondes Haar und ihr Name. Miriam Lloyd Davies. Na dann.

»Bis Mittag wird er weg sein, Miriam«, sagte ich und wrang den Lappen aus.

»Das bezweifle ich, so wie er aussieht«, entgegnete Miriam. »Aber wenn er bis dahin noch nicht weg ist, muss er von hier wegtransportiert werden. Ich zahle keine Steuern, um neben einem Schrottplatz zu wohnen.«

Es ist erstaunlich, wie perfekt die eigene Körperhaltung wird, wenn man beleidigt wird. Jeder meiner Rückenwirbel richtete sich senkrecht auf, während ich die Auffahrt hochging.

»Ich zahle keine Steuern, um neben einem Schrottplatz zu wohnen«, wiederholte ich flüsternd.

Als ich sechs Jahre zuvor in mein Haus gezogen war, hatte ein wunderbares junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern im Nachbarhaus gewohnt. Sie waren immer freundlich gewesen, hatten gelächelt und mir jeden Tag zugewunken – mir sogar jedes Weihnachtsfest ein Geschenk auf die Treppe gelegt. Falls sie sich über meine Arbeit ärgerten, hatten sie es nie gezeigt.

Miriam war drei Jahre später eingezogen, als das junge Paar ein drittes Kind erwartete und ein größeres Haus benötigte. Sie war anmutig und von klassischer Schönheit – was zu einer Bühnenschauspielerin und der Frau eines Professors passte –, aber ich empfand sie als kalt und distanziert. Ihr Mann Lynn, stets freundlich und herzlich, war ein Jahr nach ihrem Einzug bedauerlicherweise gestorben.

Ich versuchte bei mehreren Gelegenheiten, mich mit Miriam anzufreunden, weil ich annahm, dass unser Witwenstatus eine gewisse Verbindung zwischen uns herstellte. Aber nur weil einem jemand ins Leben platzt, mit dem man etwas gemeinsam hat, heißt das noch nicht, dass eine Freundschaft entsteht.

Im Vergleich zu Miriams eleganter Erscheinung kam ich mir oft zusammengeflickt vor. Ich akzeptierte mein Alter (ich war sechzig und stolz darauf), während Miriam ihres verleugnete. Ich bin nie das gewesen, was man als modebewusst bezeichnen könnte, aber mir gefällt mein Aussehen. Ich mochte es, wenn meine Kleidung zusammenpasste, in Baumwolle und Jersey fühlte ich mich am wohlsten. Ich trug nichts, was einzwängte.

Miriam trug am liebsten lange Hosen mit einer Designerbluse oder einem Kaschmirpullover, und sie sah immer gepflegt aus; nichts an ihr war unordentlich. Ihr Haar – sie trug einen Pagenschnitt – hatte die Farbe goldenen Honigs und umrahmte ihr Gesicht schmeichelhaft. Pünktlich fünf Wochen nach ihrem letzten Haarschnitt und ihrer letzten Färbung ging sie wieder in den Schönheitssalon. Mein Haar war schwarzgrau meliert (mehr grau als schwarz) und hing mir in weichen oder eher lästigen Locken ums Gesicht. Wenn es zu lang wurde, steckte ich es einfach mit Klammern nach hinten, bis ich die Zeit fand, es mir selbst zu schneiden.

Ich ging in die Küche, wählte eine Telefonnummer und wartete, während der Rufton erklang. Ich wollte gerade auflegen, als es am anderen Ende der Leitung klickte.

»Hallo! Heddy?«, rief ich. »Ich habe einen Kühlschrank. Kannst du die Liste durchgehen und nachsehen, wer einen braucht?«

Ich hörte es rascheln, als Heddy die Unterlagen durchsah, dann klackerte die Tastatur ihres Computers. Dalton Gregory war Schulleiter im Ruhestand, und seine Frau Heddy gehörte in dem Krankenhaus, in dem mir vor vier Jahren die Gallenblase herausgenommen wurde, zum Pflegepersonal. So habe ich sie und ihre Wohltätigkeitsorganisation kennengelernt. Ohne die beiden könnte ich meine Arbeit nicht tun. Sie besaßen die Organisationsfähigkeit, die mir in hohem Maße fehlte. Ich verließ mich auf bunte Haftnotizen, um mich an Verabredungen oder Anrufe zu erinnern, und meine Vorstellung von Ablage bestand darin, alles auf dem Küchentisch zu stapeln. Dalton und Heddy speicherten Termine und Informationen im Computer ab und konnten sie mit einer Fingerbewegung abrufen. Ich wusste noch immer nicht so recht, wie man mit einem Computer umging.

»Gestern hat eine Familie mit drei Kindern angerufen«, teilte Heddy mir mit. »Ihr Kühlschrank ist vor vier Tagen kaputtgegangen, und der Vater liegt im Krankenhaus. Die Mutter hatte noch keine Zeit, sich nach einem neuen umzusehen.«

Ich spähte durch die Vorhänge und sah, wie Miriam um den Kühlschrank herumstrich. Kopfschüttelnd beobachtete ich sie.

»Kann Dalton ihn abholen und hinbringen?«

Ich klopfte ans Fenster, und Miriam sprang erschrocken zurück, sodass ich lachen musste. Sie warf den Kopf in die Luft und marschierte in ihren eigenen Garten zurück.

»Besser früher als später, Heddy. Miriam Lloyd Hochnäsig reitet wieder auf ihrem Besen.«

Als ich vor Jahren eines späten Winterabends nach Hause fuhr, bemerkte ich in der Nähe der Brücke im Stadtzentrum einen obdachlosen Mann mit einer roten Mütze, der keine Socken trug. Ich konnte das Bild von dem Mann nicht mehr aus meinem Kopf bekommen. Was, wenn das mein eigener Sohn gewesen wäre? Hätte ihm irgendjemand geholfen?

Einige Tage später ging ich ins Kaufhaus Wilson’s und fand auf einem Wühltisch im hinteren Verkaufsbereich Socken für neunundneunzig Cent das Paar.

»Was kostet es, wenn ich die gesamte Ware, die auf dem Tisch liegt, kaufe?«, fragte ich den Besitzer Marshall Wilson.

»Wissen Sie was?«, meinte Marshall. »Ich spende all die hier und Mützen und Schals für Ihre Sache.«

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich für eine »Sache« eintrat, aber als ich die Kleidungsstücke hinten aus meinem Kofferraum holte und bei der Hilfsorganisation ablieferte, wusste ich, dass die Sache mich gefunden hatte. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft benötigten Menschen Hilfe. Ich hatte mich lange genug hängen lassen und bemitleidet und musste etwas dagegen unternehmen.

»Danke, Miss Glory«, sagte der Mann mit der roten Mütze, als ich ihm ein Paar Socken brachte. Der Name Miss Glory – Miss Lichterglanz – blieb mir.

Seit jener Zeit habe ich alles genommen, was ich bekommen konnte, und es an Obdachlose und in Not geratene Familien weitergegeben – vor allem an junge alleinstehende Mütter mit Kindern. Mein Mann und ich hatten vier Kinder, und ich konnte mir nie vorstellen, dass ich sie allein hätte großziehen können.

In meinem Haus gab ich Kochkurse sowie Unterricht in so einfachen Dingen wie Führung eines Haushaltsbuchs oder Grundlagen der Kinderpflege. Dalton gab Computerunterricht und führte Bewerbungstrainings durch. All unsere Gruppen waren klein, ich hatte in meinem Haus nicht viel Platz, aber das machte nichts.

»Er kommt bald«, versprach Heddy. »Dann hat Miriam keinen Grund, sich zu beschweren.«

»Das bezweifele ich«, erwiderte ich.

»Gloria?« Heddys Tonfall hatte sich geändert, und ich fragte mich, was los war. »Wir haben gehört, dass Rikki Huffman gestern Abend wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde.«

Ich ließ mich auf einen Küchenstuhl fallen. Rikki war eine alleinstehende Mutter, die ich während der vergangenen zwei Jahre betreut hatte und die nun allmählich Boden unter die Füße zu bekommen schien.

»Nein! Sie hat sich so gut gemacht. Wo ist sie?«

»Im Bezirksgefängnis.« Heddy schwieg kurz und fuhr schließlich fort: »Sie wird wegen dieses Vergehens eine Gefängnisstrafe bekommen, Gloria.« Das vermutete ich, aber ich hoffte, dass Heddy noch etwas anderes sagen würde. »Ist alles mit dir in Ordnung?«

»Nicht wirklich«, antwortete ich und fuhr mir über die Stirn. »Bei wem sind ihre Kinder?«

»Im Heim. Das Jugendamt wird sie unterbringen. Möglicherweise haben sie das bereits gemacht. Du hast alles in deiner Macht Stehende für Rikki getan. Das weißt du doch, oder?«

Ich seufzte. »Mein Verstand weiß das, klar.«

»Rikki kann den Kreis einfach nicht durchbrechen«, sagte Heddy. Ich war still. »Gloria? Gloria!«

Ihre Stimme ließ mich zusammenfahren. »Ja.«

»Gib dir nicht die Schuld dafür.« Das war für mich immer leichter gesagt als getan. »Du kannst nicht jeden retten. Das ist nicht deine Aufgabe.«

Ich legte den Hörer auf, blieb aber noch lange am Tisch sitzen und dachte über Rikki nach. Bevor ich wieder nach draußen ging, trank ich eine Tasse Kaffee.

»Ich mache fünf Tage Urlaub, Gloria.« Ich drehte mich um und sah Miriam hinter dem Zaun stehen. Das klang wunderbar für meine Ohren. Nachdem ich von Rikkis Inhaftierung erfahren hatte, war ich nicht in der Stimmung, mich mit Miriam wegen Nichtigkeiten auseinanderzusetzen.

»Das ist großartig«, sagte ich. »Es tut Ihnen doch immer gut wegzugehen.« Ich spürte jäh, dass dies nicht die richtige Formulierung war. »Ich meine, es tut Ihnen gut zu verreisen.« Ich machte es noch schlimmer, indem ich das freundlichste künstliche Lächeln aufsetzte, das ich zustande bringen konnte.

»Ich habe Geburtstag«, teilte sie mir mit. »Meine Tochter und ihre Familie haben mich eingeladen, ihn mit ihnen gemeinsam zu feiern. Man wird schließlich nur einmal fünfzig, nicht wahr?«

Es verschlug mir den Atem.

»Ha!«, stieß ich aus, bevor ich mich zügeln konnte. Miriam sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Fünfzig! Na, dann … herzlichen Glückwunsch … mal wieder«, fügte ich – die letzten beiden Worte flüsternd – hinzu.

»Würden Sie für mich auf das Haus aufpassen?«

»Natürlich«, antwortete ich.

»Halten Sie einfach die Augen auf, und benachrichtigen Sie die Polizei, wenn irgendjemand hässlichen Müll abstellt.«

Ich zog die Schultern zusammen. Es war wirklich schwer, diese Frau zu mögen.

Der Bus war an jenem Morgen voll. Einige Fahrgäste hatten ihre Rucksäcke an die Fenster gedrückt, um zwischen den Haltestellen ein paar Minuten Schlaf herauszuschinden. Der vierundzwanzigjährige Chaz McConnell saß neben einem dicken Mann, der irgendwie der Auffassung war, dass er das Recht hatte, auch noch den Sitz von Chaz einzunehmen. Den größten Teil der Fahrt verbrachte Chaz damit, seine Armlehne und seinen Fußraum zu verteidigen, während er zusah, wie draußen der Schnee fiel.

Der Bus fuhr über den Marktplatz und hielt an einer Bushaltestelle, die lediglich aus einer Bank vor einer kleinen, ein paar Blocks vom Stadtzentrum entfernt liegenden Geschäftsfassade bestand. Chaz griff nach seinem Rucksack und zwängte sich aus seinem Sitz. Der dicke Mann dachte gar nicht daran, aufzustehen.

Chaz zog sich die Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf und machte sich auf den Weg. Etwas weiter die Straße hinauf entdeckte er das Apartmenthaus. Ein Einzimmerapartment war frei, und er konnte sofort einziehen, nachdem er die Kaution und die Miete für den ersten Monat bezahlt hatte. Sein ganzer Besitz steckte in seinem Rucksack.

Später an jenem Tag entdeckte Chaz eine Matratze mit dem dazugehörigen Bettgestell neben dem Müllcontainer der Apartmentanlage. Er ging hin, um sich seinen Fund anzusehen. Der Besitzer des Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite tauschte gerade einige Lämpchen der Weihnachtsbeleuchtung an der Vorderfront aus.

»Diese Lichter waren das ganze Jahr an«, meinte eine Frau in der Nähe, als sie sah, dass Chaz zu dem Mann hinüberblickte.

Die Frau sprach weiter über die Lichter, aber Chaz ignorierte sie. Er begutachtete das Bettgestell. Ein Bein war abgebrochen, doch ihm war klar, dass er es nur entsprechend abstützen musste, um ein geeignetes Bett zu haben. Er trug Matratze und Rahmen die drei Treppenabsätze zu seinem Apartment hinauf und stellte beides gegen die hellbeige Wand in seinem Zimmer.

Einige Tage später fand er einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher neben dem Müllcontainer. Er hatte einen schlechten Empfang, aber das störte Chaz nicht. Eine Woche danach entdeckte er am gleichen Ort einen alten Kartentisch. Chaz verwendete Milchkisten als Stühle für den Tisch sowie als Ablage für die wenigen Kleidungsstücke, die er besaß. Was ihn anging, so hatte er nun alles, was er brauchte.

Als sich Chaz am Morgen des kommenden Tages zum Kaufhaus Wilson’s aufmachte, nieselte es kaum merklich, als er am Marktplatz ankam, goss es in Strömen. Die Straßenlampen waren mit Immergrün umwickelt und mit roten Bögen geschmückt. Die Geschäftsfassade war weihnachtlich dekoriert. Der Friseur hatte in sein vorderes Schaufenster einen winkenden Weihnachtsmann bugsiert, der das spezielle Haarschnitt- und Rasurangebot der Woche anpries.

Als Chaz den Platz in Richtung Kaufhaus überquerte, sah er einige Leute aus der Kirche kommen und zu ihren Autos rennen. Er schlängelte sich zwischen ihnen hindurch, zog die Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf und eilte zum Eingang vom Wilson’s.

Innen drängten sich die Menschen, aber das war unmittelbar vor Thanksgiving zu erwarten gewesen. Chaz zog sein Sweatshirt aus und fuhr sich mit den Fingern durch die nassen Haare.

»Guten Morgen«, sagte eine Verkäuferin hinter einem Stapel von Damenpullovern auf ihren Armen. »Kann ich Ihnen helfen, etwas zu finden?«

»Mr. Wilson hat mir gesagt, dass ich heute Morgen kommen soll, um Personalunterlagen für die Stelle auszufüllen, auf die ich mich beworben habe.«

»Das Personalbüro liegt oben, gleich hinter der Lederwarenabteilung die Treppe hinauf.«

Der Pulloverstapel fiel auf den Boden, aber Chaz bemerkte es nicht. Er ging an der Verkäuferin vorbei zu dem schmalen Treppenaufgang.

Das Kaufhaus war alt. Chaz schätzte, dass es Anfang der 1950er-Jahre gegründet worden war. Aber im Laufe der Zeit war viel umgebaut worden. Der Boden des Eingangsbereichs, wo die Kosmetik- und Schmuckabteilung untergebracht war, war weiß gekachelt. Über jedem Stand hingen übergroße beleuchtete Sterne und anderer Weihnachtsschmuck von der Decke.

Die Herren- und die Damenabteilungen lagen zu beiden Seiten des Mittelgangs und waren mit Teppichböden in Weinrot und Grün ausgelegt. Im hinteren Bereich befand sich die Schuh- und Handtaschenabteilung und die zum Büro führende Treppe.

Chaz nahm je zwei Stufen auf einmal zu dem kleinen Büro. Dort saß eine Frau in einem roten Pullover, der mit grünsilbernen Perlen und Pailletten bestickt war. Sie telefonierte. Auf ihrem Schreibtisch stand ein kleines Schild, auf dem JUDY LUITWEILER zu lesen war.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie, als sie den Hörer auflegte. »Meine Tochter kann jeden Tag ihr Baby bekommen, und ich rufe sie regelmäßig an. Sie wissen schon, eine besorgte Großmutter!«

Sie fuhr mit den Händen durch die Luft, und Chaz versuchte zu lächeln, aber er war zu nass, um wirklich darauf eingehen zu können.

»Ich soll heute zu arbeiten anfangen. Mir wurde gesagt, dass ich hier heraufkommen soll, um die Unterlagen auszufüllen.«

»Ja, sicher«, sagte Judy und zog hinter ihrem Schreibtisch eine metallene Schublade mit Akten auf. »Wie heißen Sie?«

»Chaz McConnell.«

Judy stöberte in den Akten wie ein Eichhörnchen nach einer Nuss. »Und in welcher Abteilung werden Sie arbeiten?«

»Security.«

»Ja, gewiss«, nickte sie und zog eine Mappe aus Manilapapier aus dem Schrank. »Haben Sie Kinder?«, fragte sie, während sie die Unterlagen zusammenstellte und sie Chaz herüberreichte. »Wir haben es gern, wenn Kinder hier sind.«

»Nein, das habe ich nicht.«

»Guten Morgen, Chaz.« Marshall Wilson kam aus dem hinter Judys Arbeitsplatz liegenden Büro heraus. Er trug Jeans und ein Baumwollhemd. »Wie geht es Ihnen, mein Sohn?«

Seit Jahren hatte Chaz niemand mehr Sohn genannt, und das Wort kam ihm merkwürdig vor.

»Gut. Und Ihnen?«

»Besser, als ich es in meinem Alter verdiene, da bin ich mir sicher«, antwortete Marshall. »Haben Sie eine Bleibe gefunden?« Chaz nickte. »Wir bereiten uns auf ein lebhaftes Weihnachtsgeschäft vor, deshalb sind wir froh, dass Sie hier sind.«

»Sie müssen Chaz sein.«

Chaz drehte sich um und sah einen dunkelhäutigen Mann, der sich in das schon fast überfüllte Büro zwängte. Er trug eine dunkle Hose und ein graues Hemd, an dessen linker Brustseite ein Ausweis befestigt war. Der Mann streckte seine Hand aus, und Chaz wischte seine an seiner Jeans ab, bevor er sie schüttelte. »Ich bin Ray Burroughs. Ich werde Sie ausbilden.«

Chaz musterte ihn. Ray hatte etwa seine Größe, war jedoch möglicherweise etwas schwerer. Er wusste, dass er in der Uniform genauso idiotisch aussehen würde wie Ray.

»Kommen Sie mit runter ins Securitybüro. Da können Sie die Formulare ausfüllen und bekommen etwas Trockenes zum Anziehen.«

Chaz folgte Ray, der zwei Treppenabsätze zum Pausenraum hinunterlief. Sein Ausbilder zeigte auf die Stempeluhr an der Wand. »Stempeln Sie hier, wenn Ihre Schicht beginnt.«

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