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Das Weihnachtspferd

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

White Pony’s Home

Vignette:LaterneKlack, Klack, klack. Vivian liebte das Geräusch, das der schwingende Schaukelstuhl auf den Dielenbrettern verursachte. Es erinnerte an das Klappern von Stricknadeln, den Geschmack von Lammeintopf und an geheimnisvolle Geschichten vor einem rötlich schimmernden Torffeuer, die den Herzschlag beschleunigten. Jedes Mal, wenn Vivian ihren Kopf durch die zerkratzte Tür aus hellem Birkenholz streckte, kam es ihr vor, als würde sie eine unbekannte Welt entdecken, obwohl sie genau wusste, was sie erwartete: Grandma würde ihren Kopf heben und sie aus ihren hellgrauen Augen anblinzeln. Danach würde sie ihr die Arme entgegenstrecken und verwundert ausrufen: »Wie groß du geworden bist!«

Vorsichtig legte das Mädchen die Hand an den alten rostigen Türknopf und atmete tief ein. Es inhalierte den Geruch nach Pferd und gefettetem Leder, der durch eine kleine Ritze zwischen Tür und Türstock drang, gemischt mit dem Aroma von getrockneten Kräutern, die in grau-grünen Büscheln sauber aufgereiht an einer Schnur an der Wand hingen. Seit Vivian denken konnte, war das so, also im Grunde schon immer, denn es hatte noch nie ein Weihnachtsfest gegeben, an dem sie nicht gemeinsam mit ihrer Mutter Grandma besucht hatte. Kein Wind, kein Regen und kein Schneesturm hatten die beiden je davon abgehalten, die »Zeit zwischen den Jahren« am Moor zu verbringen. Es war fast so, als befehle sie eine unhörbare Stimme zu jener knorrigen Farmershütte, die sich an die sanften und von Heidekraut und Ginster bedeckten Hügel schmiegte. Kurz vor jedem Besuch fühlte Vivian eine Unruhe in sich aufsteigen, ein Kribbeln, das allmählich den Körper hochfuhr, sich tief im Herzen einnistete und erst nachließ, wenn sie über die Schwelle von White Pony’s Home – so nannten die hiesigen Bauern Grandmas Farm – getreten waren. Ihr Vater meinte spöttisch, es läge im Moorlander Blut. Die Moorlander bräuchten zuweilen eine Nase voll Torfgeruch, um nicht zu verdorren. Und so winkte er ihnen einfach hinterher, wenn sie sich in der Nacht nach Heiligabend mit gepackten Koffern auf den Weg machten.

Vivians Mutter bestand stets auf einen zeitigen Aufbruch, möglichst kurz nach dem Morgengrauen, damit die Dunkelheit sie nicht auf dem Weg durch das Ödland überraschen konnte. Vivian spürte eine dumpfe Angst, die sich hinter der Eile verbarg. Ihre Fragen wurden jedoch immer mit der barschen Antwort abgefertigt, dass man sich des Nachts im Ödland leicht verirren konnte, besonders in dieser Zeit des Jahres. »Raunächte« nannte sie Grandma mit ehrfürchtiger Stimme, wobei ihre Hand nach dem Anhänger tastete, den sie stets um den Hals trug. Er hatte eine rundliche Form und schien nicht wertvoll zu sein – zumindest nicht, wenn man den Wert eines Gegenstandes danach bemaß, welchen Preis man beim Trödel erzielen konnte. Das Schmuckstück war einfach gearbeitet und wirkte, als hätte ihn ein Anfänger ohne ordentliches Werkzeug gefertigt. Außerdem war es schon ganz abgegriffen und schien Gefahr zu laufen, unter der nächsten Berührung einfach zu zerbröseln. Aber der Anhänger baumelte auch heute von Grandmas faltigem Hals, als sie sich mit leuchtenden Augen zu Vivian herunterbeugte, um deren stürmische Begrüßung über sich ergehen zu lassen.

»Da seid ihr ja!«, rief die alte Frau und gab ihrer Enkeltochter einen dicken Kuss auf die Wange.

Verlegen wischte sich Vivian mit dem Handrücken darüber und sagte: »Aber Grandma, ich bin doch schon fast erwachsen!«

»Gewachsen bist du in der Tat. Ich will beinahe annehmen, du bist weit größer, als ich es in deinem Alter gewesen bin.« Sie senkte ihre Stimme, sodass Vivians Mutter ihre nächsten Worte nicht verstehen konnte, und flüsterte: »Aber eines merke dir: Man ist nie zu groß, um geküsst zu werden, und nie zu alt, um Küsse zu vergeben.«

»Das hab ich gehört, Mama«, kommentierte Vivians Mutter, die nun ebenfalls hereingekommen war und ihren prall gefüllten Schweinslederkoffer neben der Tür abstellte. Ihr Gesicht war gerötet von der anstrengenden Reise, und in ihren Augen zeichnete sich ein Ausdruck ab, der irgendwo zwischen Tadel und Erleichterung lag.

Grandma erwiderte ihn mit einem Lächeln. »Diane, ich freue mich so, dass ihr kommen konntet.«

Die Miene ihrer Tochter wurde sanfter. Sie ging auf die alte Frau zu und umarmte sie: »Ich wünschte, du würdest dich endlich dazu entschließen, zu uns in die Stadt zu ziehen. Hier im Moor in deiner zugigen Hütte, das ist doch nichts mehr in deinem Alter. Und mir wird es auch langsam zu anstrengend, jedes Weihnachten hierherzukommen …«

Grandma überhörte den unüberhörbaren Vorwurf geflissentlich, denn beide wussten, dass alles so bleiben würde, wie es war – zumindest solange White Pony’s Home noch existierte. »Du weißt doch, um diese Zeit kann ich die Farm unmöglich allein lassen. Und überhaupt, was sollte aus Chip werden und all den anderen Tieren?«, wischte Grandma den leisen Tadel beiseite, während sie versuchte, den betagten schwarz-weißen Border-Collie von seinem Schlafplatz am Ofen vorzulocken.

»Genau darin liegt das Problem«, seufzte Vivians Mutter. »Du betreibst hier ein Tierasyl und keine Farm.«

Vivian wusste genau, was ihre Mutter meinte: Steifbeinig erhob sich Chip, stakste quer durch das Zimmer und leckte seiner Herrin über die mit Altersflecken bedeckten Hände. Zum Hüten der Schafe taugte der alte Knabe längst nicht mehr. Jeder andere Farmer hätte dem »nutzlosen Köter« längst eine Kugel durch den Kopf gejagt und all die anderen Tiere dem Schlachter mitgegeben. Wer wollte schon ein klappriges Schaf, dessen braunes Fell aussah, als hätten sich’s die Motten schon bei Lebzeiten darin gemütlich gemacht? Vivian war froh, dass ihre Grandma anders dachte und liebte sie genau deshalb.

»Was hältst du davon, wenn du heute für uns kochst, Diane?«, schlug Grandma vor. »Seit Tagen läuft mir beim Gedanken an dein Hammelstew das Wasser im Mund zusammen. Ich zeige Vivian derweil, was sich auf der Farm getan hat.«

»Als ob sich da jemals etwas verändern würde«, glaubte das Mädchen seine Mutter murmeln zu hören.

»Oh ja, darf ich?«, bettelte Vivian begeistert. Sie brannte auf diese Rundgänge und war neugierig auf all die Tiere, die Grandma diesmal bei sich aufgenommen hatte. Sie fand sie irgendwo im Moor, oder sie standen plötzlich vor ihrer Tür. Dann ließ sie sie herein und päppelte sie wieder auf. Manche blieben für immer, so wie die einäugige Eule, die es sich im Giebel bequem gemacht hatte, andere verschwanden genauso plötzlich, wie sie gekommen waren. Grandma behauptete, es wären die Nebel, die sie wie Strandgut anspülten und wieder forttrugen.

»Ich möchte Donkey besuchen!«, drängte Vivian. »Ich hab ihm extra einen Apfel mitgebracht.«

Den Esel gab es schon, seit das Mädchen denken konnte. Sein Fell hatte inzwischen Form und Struktur der torfbraunen Erde angenommen, in der er sich mit Vorliebe wälzte. Er blinzelte das Mädchen immer mit einem Ausdruck an, als wolle er ihr unbedingt alle Weisheiten der Welt anvertrauen, doch jedes Mal, wenn er sein Maul öffnete, kam nur dieses alberne Geschrei heraus.

»Bitte, bitte«, quengelte Vivian weiter.

»Na gut«, gab Diane nach, warf ihrer Mutter jedoch einen strengen Blick zu. »Aber dass du mir dem Kind nicht wieder irgendwelche Schauergeschichten erzählst. Letztes Weihnachten hat sie nach dem Besuch hier ihre Klassenkameraden mit deinen Geschichten tagelang in Angst und Schrecken versetzt! Die Kinder können Märchen nicht von Wahrheit unterscheiden.«

»Das stimmt doch gar nicht«, protestierte Vivian, »ich habe höchstens …«

Grandma legte verschwörerisch den Zeigefinger auf den Mund, und das Mädchen verstummte.

»Ich will ihr bloß das Fohlen zeigen«, erklärte die alte Frau.

Diane stöhnte. »Noch ein Maul, das du durchfüttern musst. Du weißt doch so schon kaum, wo du die Gerste für all die Viecher hernehmen sollst. Und dann ein Jungtier, mitten im Winter. Wahrscheinlich übersteht es die Kälte nicht.«

»Es ist ein besonderes Fohlen«, deutete Grandma an. »Komm, Vivian, wir besuchen es.«

Das Mädchen verstand, behielt ihren nächsten Kommentar für sich und huschte aus der Tür. Sie hörte, wie Grandma in ihre Holzpantinen schlüpfte und wunderte sich wieder einmal, dass sich die alte Frau hartnäckig weigerte, die pelzgefütterten Stiefel zu tragen, die sie letztes Jahr geschenkt bekommen hatte. Aber Grandma hielt eben nicht viel von Veränderungen, nicht einmal, wenn es Schuhe betraf. Die Tür fiel polternd ins Schloss.

»Ja, ja, es ist wirklich ein besonderes Fohlen«, wiederholte Grandma.

»Was ist denn daran so besonders?«, wollte das Mädchen wissen.

»Wirst schon sehen, Kind. Kannst du dich noch an Isa erinnern?«

Selbstverständlich konnte Vivian das. Kurz vor ihrer Abreise letzte Weihnacht hatte es um die sandfarbene Ponystute große Aufregung gegeben. Eines Morgens war Grandma vollkommen aufgelöst in die Küche gekommen und hatte berichtet, dass sie den kleinen Stall, den sie doch am Abend höchstpersönlich verriegelt hatte, unverschlossen und leer vorgefunden hatte. Sie hatten sich alle auf die Suche gemacht, doch Isa stand weder auf einer der mit wackeligen Mauern umzäunten Weiden von White Pony’s Home noch fand sie sich bei einem Nachbarn. Schließlich hatte man die Suche nach dem Pony aufgegeben und angenommen, dass es ins Moor geraten war. Vivian hatte sehr geweint, doch Grandma hatte lediglich gesagt, dass die Moore sich nähmen, was sie wollten, aber wenn es sich um eine unschuldige Seele handele, würden sie sie eines Tages zurückgeben.

»Willst du sagen, Isa ist wieder da?«, fragte Vivian und strahlte.

Grandma nickte. »Sie stand am Sankt-Nikolaustag einfach vor dem Stall und scharrte ungeduldig wie immer mit den Vorderhufen, dass ich sie endlich reinlassen sollte.«

Nun gab es für Vivian kein Halten mehr. Ihre Füße flogen nur so, und ihr Mantel flatterte wie eine wild gewordene Fahne, bis sie den kleinen Stall erreicht hatte, der seit dem letzten Mal noch maroder geworden zu sein schien. Jemand hatte ein paar Bretter kreuz und quer genagelt, um ihn notdürftig zu stabilisieren, und hatte anschließend ein paar neue Ziegel aufs Dach gelegt, die allerdings weder farblich noch von der Machart zu den restlichen passten. Vivian wartete nicht, bis ihre Großmutter gekommen war, das Schloss aufzusperren, das seit jener Nacht vor dem Tor hing, sondern schlüpfte einfach durch den Lattenzaun. Sie schnappte sich einen Eimer, auf den sie sich stellen konnte, um über die halbhohe Tür zu sehen, hinter der das sandfarbene Pony untergebracht war. Sie kletterte hinauf und spähte in die Dunkelheit. Zunächst hörte sie lediglich Isas freundliches »Blubbern«, ein Ton, in dem so viel mehr Zärtlichkeit lag als in jedem Liebesschwur der Erwachsenen. Vivian schnalzte mit der Zunge. Isa zögerte, dann trippelte sie jedoch heran und schnupperte an Vivians Hand. Das Mädchen spähte an der kleinen Stute vorbei – und tatsächlich, ganz hinten im Stroh rührte sich etwas. Zunächst sah es nur lange Beine, die rasch wieder verschwanden. Dann tauchte ein Kopf mit witziger Lockenfrisur zwischen den Ohren auf. Energisch stemmte das Fohlen seine Vorderbeine ins Stroh, gab sich einen Ruck und stand endlich auf den viel zu langen Beinen. Es schüttelte sich die Strohhalme ab, die sich in seinem Fell verfangen hatten, und tappte nach vorne. Vivian wollte ihren Augen nicht trauen.

»Das gibt’s doch nicht!«, stammelte sie.

»Kaum zu glauben nach all den Jahren«, flüsterte Grandma in ihr Ohr. Der Schlüsselbund klirrte leise, als sie ihn aus der Manteltasche hob. Sie seufzte, bevor sie fortfuhr. »Es ist schon so lange her, dass ein weißes Pony in diesem Stall stand.«

»Das, nach dem die Farm benannt wurde, nicht wahr?«

»Ganz genau.«

»Würdest du mir die Geschichte erzählen, Grandma?«, fragte Vivian. »Ich meine, ich verrate Mama natürlich nichts. Ich kann schweigen.«

Sie legte ihren Finger auf den Mund, genau wie es ihre Großmutter vorhin getan hatte. Die lächelte verschwörerisch.

»Nun, ich glaube, du bist alt genug dafür. Allerdings dauert sie etwas länger. Ich denke, wir machen es uns da drin im Stroh gemütlich.«

Sie schob den Riegel beiseite und schob das Mädchen hinein. Dann schloss sie die Tür wieder. Seite an Seite ließen sie sich in der Ecke nieder, in der bis vor Kurzem das Fohlen geschlafen hatte. Das Stroh fühlte sich noch warm an. Erwartungsvoll kuschelte sich das Mädchen an seine Großmutter.

Kapitel 1

London, 1860

Vignette:Pferd»Nun schau doch mal kläglich drein!«

Agnes’ Stimme war kaum mehr als ein Raunen. Es war zum Verzweifeln! Die Abendmesse war gelesen. Die eifrigen Kirchgänger stoben auseinander, während der eisgraue, verregnete erste Adventssonntag allmählich verblasste, aber noch immer klimperte keine einzige Münze in ihrer Tasche. Agnes und Peter reckten den aus der Kirche stampfenden Bürgern ihre schmutzigen Hände entgegen. Dass man sie nicht zur Seite schlug, war schon alles. Schnaufend schoben sich die Leute an ihnen vorbei, drängten die grauen Granitstufen hinunter und hasteten davon. Zwei Atemzüge später waren sie alle verschwunden. Nur die Kinder kauerten noch vor der Kirche. Das eherne Kirchenportal schlug dröhnend ins Schloss und fauchte einen Hauch Weihrauchduft die Stufen herab. Einen Moment hielt sich der Duft. Dann war er auch schon im allgegenwärtigen Gestank von Pferdemist und Schweiß verpufft. Agnes senkte den Arm, während sie zusah, wie der letzte Kirchgänger in eine wartende Droschke sprang. Das war’s dann wohl. Sie blickte zu ihrem Bruder und zupfte ihm notdürftig den viel zu kurzen Mantel über die Knie. Der Kleine schaute sie an wie ein verlorenes Kätzchen. Als ob sie wüsste, was zu tun sei. Almosen hatten sie keine bekommen – nicht mal einen Kanten trockenes Brot, geschweige denn Münzen. Agnes knurrte der Magen, und das würde wohl auch so bleiben, denn es war nicht zu erwarten, dass sie heute von Mrs. Bones etwas zu essen bekamen. Die Heimleiterin war hart: Zu essen bekam nur, wer ihr Geld nach Hause brachte. John, der bucklige Kirchendiener, schlurfte von seinem kleinen, schrumpeligen Häuschen herüber, einen Reisigbesen fest in der Hand. Er musste die steinernen Stufen abfegen, bevor die Nacht ihr undurchdringliches Tintenblau über den Giebeln Londons ausschüttete.

»Jetzt aber husch, husch und ab mit euch«, forderte der alte Mann die beiden freundlich auf. »Wenn euch die nächtlichen Ratten nicht die Zehen anknabbern sollen, müsst ihr die Beine in die Hand nehmen.«

»Wer hat schon Angst vor Ratten?«, bemerkte Agnes.

John stützte sich nachdenklich auf seinen Besen und sah auf das Mädchen und den bibbernden Jungen herunter. Seit beinahe einem Monat hockten die beiden an diesem Platz und versuchten, die Herzen der Kirchgänger zu erweichen. Aber die Menschen in dieser Gegend wollten lieber den eigenen Reichtum mehren, statt ihn mit anderen zu teilen.

»Kluge Tierchen«, erklärte der alte Kirchendiener, während er die beiden Kinder mit einem Gebiss angrinste, das mehr aus Lücken als aus Zähnen bestand. »Sie kommen bloß raus, wenn’s dunkel ist, beißen dir die Zehen ab und huschen damit schneller davon, als ein kleiner Junge wie du laufen kann.«

»Sie ahnen wahrscheinlich, dass sie sonst auf Mrs. Bones’ Bratspieß landen«, bemerkte Agnes trocken.

»Wenn sie uns nur wenigstens etwas davon abgeben würde«, jammerte Peter. »Ich hab solchen Hunger.«

John runzelte die Stirn. Er mochte das blonde Mädchen, dessen Augen in hellblauem Samt schimmerten. Es war viel zu hübsch, als dass es nicht irgendwann die Gefahr der Straße zu spüren bekommen würde … Er fasste in seine Tasche und holte etwas Kleines, Rundes heraus. Verstohlen schaute er sich um, um sicherzugehen, dass ihn niemand beobachtete.

»Hier, ihr beiden.«

John ließ den Gegenstand in die Hand des Mädchens gleiten.

Agnes ertastete schrumpelige Haut und einen kurzen Stil. »Ein Apfel!«, flüsterte sie glücklich. »Danke.«

»Den hab ich vorhin der Pfarrersköchin stibitzt.«

John kicherte hinter vorgehaltener Hand wie ein Schuljunge. Dann machte er wieder ein strenges Gesicht. »Jetzt verschwindet ihr aber, bevor ich euch mit dem Besen wegscheuche. Ihr wisst, ich muss das.«

»Das würdest du niemals tun«, sagte Peter ernst. »Du bist ein guter Mensch.«

»Hast du eine Ahnung.« John hob seinen Reisigbesen und schwenkte ihn scheinbar drohend, während er die Augen rollte. Dann piekte er den Kleinen vorsichtig mit dem Stil unter den Achseln. Peter gluckste vergnügt. Schließlich aber machte der alte Mann ein ernstes Gesicht. »Es bringt sowieso nichts, länger hier herumzusitzen. Schaut, die Straße ist leer. Unsere wohlbetuchten Mitbürger haben sich an die Kaminfeuer ihrer Stuben zurückgezogen, wo sie heißen Tee mit Milch schlürfen.«

Agnes nickte. Sie kannte das Fünf-Uhr-Ritual. In ihrer Vorstellung glaubte sie, das Schmatzen der feinen Bürger zu hören, wenn sie den Tee über Zunge und Gaumen rinnen ließen, während sie von Ländern träumten, in denen eine freundliche Sonne Herz und Verstand wärmte. Sie redeten über Politik, über die gestrenge Königin Viktoria und tauschten sich über die großen und kleinen Ereignisse des Tages aus, glucksend, gackernd oder grollend, belauscht von Kindern, denen Gebäckkrümel in den Mundwinkeln klebten oder die sich den Milchbart von den Lippen leckten. Für einen winzigen Augenblick erlaubte sich Agnes die Erinnerung, in der sie eine von ihnen war und still am Tisch neben den Eltern saß. Sie bildete sich ein, Teeduft zu schnuppern und die auf der Zunge explodierende Süße von Kandis zu schmecken. Eine Hand streifte zärtlich ihre Wange, während ihre Zehenspitzen behutsam die Wiege zum Schwingen brachte, in der ein blonder Säugling an seinem Daumen nuckelte. Er funkelte sie an, als stünde der Weihnachtsengel höchstpersönlich vor seinem Bettchen …

Agnes schüttelte sich. Das war vorbei. Für immer. Innerhalb weniger Tage war ihr Leben dahingeschmolzen wie die Schneeflocken auf den Mänteln vorm Kaminfeuer. Die schwarzen Pocken hatten ihr Viertel einer Springflut gleich heimgesucht, hatte die Straßen mit Toten überschwemmt, bis selbst Wimmern und Wehgeschrei verstummten, weil niemand mehr da war, um zu klagen. Das Kreischen und Pfeifen des Herbstwindes bildete die letzte Erinnerung an ein entfremdetes Zuhause, eine kalte, leere Stube mit erloschenem Kamin. Fremde Arme hatten sie hochgehoben und fortgebracht, glühend vor Fieber und mit tränennassen Augen. Agnes überlebte die Krankheit, und Peter hatte sie merkwürdigerweise gar nicht erst bekommen. Die Schwestern im Hospiz murmelten etwas von einem Wunder und großem Glück, doch als die beiden Kinder vor der klapprigen Tür des Waisenhauses standen, mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib trugen, wusste Agnes, die Nonnen hatten unrecht. Sie hielt die Hand des kleinen Peter, sah in Mrs. Bones’ abschätzende Augen und die Erkenntnis, dass es niemanden gab, der sie vor dieser Hexe beschützen würde, ergoss sich über sie, wie ein Schwall Eiswasser. Sie umklammerte die Hand ihres Bruders, entschlossen ihn nicht loszulassen – komme, was da wolle.

Jetzt blinzelte Peter seine Schwester an. Er wirkte entsetzlich mager, was seine an sich schon zierliche Gestalt noch feingliedriger machte. Die blauen Adern traten unter der porzellanfarbenen Haut hervor, und seine Augen lagen tief in den Höhlen. Er musste etwas essen, unbedingt. Entschlossen drückte sie ihm die Frucht in die Hand. »Nimm«, sagte sie.

Der Kleine schüttelte den Kopf: »Dann bekommst du ja nichts.«

»Doch, später, im Heim.«

Peter verneinte noch energischer, ließ den Apfel dann aber doch in seiner Hosentasche verschwinden. Zu John gewandt, der seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, sagte er: »Agnes wird verhungern. Mrs. Bones ist eine Hexe. Für sie zählt nur, wer ihr Geld bringt.«

Der alte Mann nickte im Rhythmus des Besenschwungs. »Es ist schon ein Kreuz: Die Herzen so mancher Menschen sind fester verschlossen als die hölzernen Läden ihrer Häuser im Winter. Dabei naht doch das Christfest, was uns eigentlich milde stimmen sollte. Aber ihr habt immerhin Glück. Sie tut euch nichts.«

»Doch, sie schlägt uns«, widersprach Peter.

Der alte Mann schaute ihn traurig an. »Ach, Kindchen, ich hab viel Schlimmeres erlebt, damals, als ich selbst im Heim war.«

Peter blinzelte den Kirchendiener fast mitleidig an. Agnes wusste, was er meinte. Die Kinder im Heim tuschelten des Nachts leise miteinander. Agnes hatte die Berichte mit wachsendem Entsetzen vernommen. Die alte Bones schien keinerlei Hemmungen zu haben, auch einmal ein Kind dem einen oder anderen Seemann zu verkaufen, und es war ihr egal, was der tat, solange er sie nur mit klingender Münze dafür entschädigte. Erst letzte Woche war ein Junge, kaum älter als Peter, plötzlich nicht mehr da gewesen. Angeblich hatte er ein neues Zuhause gefunden. Die anderen Kinder jedoch hatten gemeint, ihn an Deck eines Schiffes an der Reling stehen und bitterlich weinen gesehen zu haben.

In diesem Moment trat ein feiner Herr mit dunklem Gehrock, jung an Jahren, einen Stock mit silbernem Knauf in der Hand, auf den Kirchplatz. Einen Moment blieb er zögernd stehen, dann wandte er sich dem Portal der Kirche zu, während seine Rechte nach einer Börse griff, die er offen am Mantel trug.

»Na, vielleicht habt ihr doch noch Glück«, flüsterte John verschwörerisch.

»Wer ist das?«, wollte Agnes wissen.

John zuckte mit den Schultern. »Kenne ich nicht, aber jemand mit einer offenen Börse, wie mir scheint. Ich drück die Daumen, dass eure Ausdauer doch noch belohnt wird. Nun streng dich mal an, Peter, und mach ein Gesicht, das einem reichen Mann um sein Seelenheil fürchten lässt, wenn er sich nicht mildtätig zeigt.«

Agnes stupste ihren Bruder an. Der Fünfjährige nickte. Er streckte seine mageren Ärmchen aus und öffnete die Hand. John beugte sich erneut zu ihnen herab und flüsterte. »Aber danach verschwindet ihr!«

Agnes’ Blick huschte zwischen John und dem Fremden hin und her. Irgendetwas war seltsam an dem Mann. Sie erhob sich. Auch Peter sprang auf. Plötzlich rannte er auf den Mann zu. Der Junge warf sich ihm förmlich vor die Füße, klammerte sich an sein Bein und wimmerte: »Ein Almosen für die Waisen!«

»He, bist du verrückt geworden?«, schimpfte der Fremde. Agnes stürzte herbei.

»Entschuldigung, mein Herr«, stammelte sie, während sie sich darum bemühte, Peters Finger vom Hosenbein zu lösen.

»Was soll das!«, schnaufte der Mann ärgerlich. Sein Atem schwebte grau über Agnes’ Nacken.

Endlich gelang es ihr, Peter zur Seite zu zerren. Sie sah auf, eine weitere Entschuldigung auf den Lippen, da fing sie einen Blick ein, der ihr eisig durch Mark und Bein fuhr. Die Augen des Mannes flackerten wie glühende Kohlen. Unglaubliche Wut loderte darin und tiefe Abscheu. Das Mädchen erwartete den unweigerlich folgenden Tritt fast bereitwillig, in der Hoffnung, der Mann würde sie im selben Augenblick vergessen. Doch keines von beidem geschah. Stattdessen musterte der Mann die beiden Kinder nun. Instinktiv schlang Agnes beschützend die Arme um ihren Bruder. Weitere eisige Atemwölkchen schwebten auf die Kinder herab, vermischten sich mit hartem, rundem Graupelschnee. Die Spitze des Stockes bohrte sich in Agnes’ Rippen, zwängte sich zwischen sie und Peter, der sich nun an sie zu klammern suchte.

»Wenn du Geld willst, steh auf«, befahl der Mann und klimperte mit seiner Börse. Agnes blinzelte zwischen den Schneeflocken zu ihm hoch und raffte sich auf.

»Nicht du! Der Junge.«

Vorsichtig löste sich Peter aus ihrer Umklammerung und krabbelte auf die Füße. Ganz verloren stand er da in seinen inzwischen viel zu kurzen Hosen und auf strumpflosen Füßen, die in grob behauene Holzpantinen eingekeilt waren. Der Mann schritt um den Jungen herum, während er ihn aufmerksam betrachtete.

»Ihr seid Waisen«, stellte er fest.

»Ja, Sir«, hauchte Peter.

»Und woher?«

»Das Heim unten an der Themse«, gab der Junge treuherzig Auskunft. Agnes hätte ihm am liebsten den Mund zugehalten. Ihr wurde dieser Mann immer unheimlicher.

»Mrs. Bones’ Haus?«, erkundigte sich der Mann, während er Peters Oberarm prüfend mit Daumen und Zeigefinger umfasste.

Nun konnte es Agnes nicht mehr aushalten. Sie sprang vor und streckte fordernd ihre Hand aus.

»Das geht Euch nichts an.«

Sie erntete einen giftigen Blick. »Du hast hier gar nichts zu bestimmen, freche Göre.« Grob stieß er sie mit seinem Gehstock zur Seite. Dann hielt er ihn an Peters Körper, ganz so wie ein Schneider seine Elle. Dabei nickte er und murmelte sichtlich zufrieden mit dem, was er herausgefunden hatte: »Ja, du scheinst mir geeignet. Also sag schon, hab ich recht?«

»Ja, Sir, Mrs. Bones«, antwortete Peter mit zitternder Stimme, woraufhin der Fremde ihn mit einem anerkennenden Klaps belohnte.

»Braver Junge. Das ist gut so.«

Gemächlich zog er seine Handschuhe aus. Seine Hände versanken in seiner Börse, die dem Klimpern nach wohlgefüllt war. Als er sie wieder herauszog, glänzte ein kupfernes Geldstück zwischen seinen Fingern, die rabenschwarz waren. Ihr Bruder öffnete die Hand, um danach zu greifen, da riss Agnes ihn zurück. Das Geldstück fiel klimpernd zu Boden, rollte noch ein Stück und blieb im matschigen Schnee liegen. Wie aus dem Nichts schoss plötzlich ein Junge heran. Agnes erkannte ihn. Er war aus dem Heim. Einer der Großen, Starken. Walter, sein Name war Walter, erinnerte sich das Mädchen. Er musste ihnen heimlich gefolgt sein und sie beobachtet haben. Katzengleich sprang er auf das Geldstück zu, ergriff es und war im nächsten Moment verschwunden.

Selbst der Fremde starrte dem Burschen ungläubig nach. Dann verzerrte sich seine Miene. Er wandte sich Agnes zu und knurrte: »Ungeschicktes Ding! Dann eben nicht.«

Harsch drehte er sich um. Mit wenigen Sprüngen hatte er die Treppenstufen bis zum Kirchenportal überwunden. Seine Hand bereits am Türknopf, drehte er sich noch einmal um. Sein Blick fiel auf Peter, und er lächelte zufrieden.

Dann verschwand er im Inneren der Kirche.

Den ganzen Weg über machte Peter seiner Schwester Vorwürfe. »Warum hast du das getan?«, wollte der Kleine wissen, während er hastig den erbeuteten Apfel herunterschlang. Agnes konnte ihm keine Antwort geben. Sie konnte nicht erklären, woher dieses Gefühl gekommen war, dass sie Peter für immer verloren hätte, hätte er nach der Münze gegriffen. Stattdessen versuchte sie sich einzureden, dass es schon nicht so schlimm sein würde, wenn sie wie so oft mit leeren Händen zurückkamen. Doch sie sollte sich irren.

Hoch aufgerichtet funkelte Mrs. Bones die beiden Kinder aus wässrigen Schweinsäuglein an. Ihr massiger Körper nahm den gesamten Raum des Portals ein, sodass es nicht einmal dem schmächtigen Peter gelingen konnte, an ihr vorbeizuhuschen, ohne gepackt und ordentlich durchgeschüttelt zu werden. Die Heimleiterin zog laut und deutlich den Rotz hoch, fingerte nach einem unglaublich schmutzigen Leinen und hielt es sich vor die hässliche Knollennase, an deren rechtem Flügel eine mächtige Warze prangte. Dann holte sie tief Luft und trompetete mit einer Lautstärke in das Taschentuch, die Big Ben alle Ehre gemacht hätte. Agnes schauderte. Gleich würde ihr die Alte mit ihren klebrigen Wurstfingern in die Taschen fassen, um nach verborgenen Münzen zu suchen.

»Eure Börsen müssen ja prall gefüllt sein, so lange, wie ihr euch in der Stadt herumgetrieben habt.« Grob langte Mrs. Bones den Kindern in die Taschen. Als sie nichts fand, verzog sich ihr Gesicht zu einer wütenden Grimasse. »Wo habt ihr’s?« Ihre Stimme war so schrill, dass es Agnes schmerzte. Sie hielt sich die Ohren zu, empfing jedoch im selben Moment eine Ohrfeige, die sie in den kalten Matsch taumeln ließ. Dann packte die Alte den kleinen Peter am Kragen und schüttelte ihn, bis dieser laut zu schreien anfing. Mrs. Bones ließ das kalt. »Wo habt ihr’s versteckt, ihr Ratten? Ich weiß doch genau, dass ihr es vor mir verbergt! Aber nicht mit mir, sag ich euch, mich betrügt man nicht um mein Geld.«

Agnes sprang wieder auf die Füße. Ihr schwindelte. Trotzdem warf sie sich auf die alte Hexe und zerrte an ihren Röcken. »Aufhören!«, rief sie verzweifelt. »Lass ihn sofort los.«

Einen Moment schien Mrs. Bones nicht zu wissen, ob sie Peter weiter schütteln oder Agnes eine zweite Ohrfeige geben sollte.

»Walter hat uns das Geld abgenommen«, erklärte das Mädchen hastig und erreichte damit immerhin, dass Mrs. Bones Peter losließ. Der Kleine plumpste zu Boden, wo er schniefend sitzen blieb.

»Walter?«, wiederholte Mrs. Bones. Ihr Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen, wobei bräunliche Zahnstummel sichtbar wurden. Dann rief sie laut den Jungen.

»Wie viel war’s?«

»Eine Kupfermünze«, gestand Agnes.

»Eine ganze Kupfermünze? Wie kann das sein, er gab mir doch nur …«

Erneut brüllte sie den Namen des Jungen, wobei es diesmal eher wie das Fauchen eines Raubtieres klang. Agnes dachte, dass sie lieber nicht in Walters Haut stecken wollte, und fühlte sich schlecht, weil sie ihn angeschwärzt hatte. Andererseits war es seine eigene Schuld. Er hätte einfach Mrs. Bones gegenüber ehrlich sein müssen oder noch besser, das Geld gar nicht erst stehlen sollen.

»Wo steckt diese Kröte bloß!«, schimpfte Mrs. Bones. Dann fiel ihr Blick wieder auf die beiden Kinder.

»Dürfen wir jetzt hineingehen?« erkundigte sich Agnes schüchtern. »Wir haben Hunger.«

Damit hatte sie jedoch in ein Wespennest gestochen, denn nun kam Mrs. Bones erst richtig in Fahrt. »Was bildest du dir eigentlich ein, du Taugenichts? Mit leeren Taschen kommen und mir die Haare vom Kopf fressen wollen? Wer hier essen will, muss es sich verdienen.«

Agnes schaute auf die fettigen Zausen der Heimleiterin, die graubraun vom Dreck waren, und stellte sich vor, wie sie eines davon in der wässrigen Linsensuppe finden würde. Da verging ihr der Appetit. Schnell senkte sie wieder den Blick.

»Aber wir hätten doch …«, stammelte das Mädchen.

»Nichts habt ihr, gar nichts habt ihr!«, schrie Mrs. Bones und zerrte die Kinder in Richtung des zugigen Holzschuppens, in dem die Kinder die Nacht verbrachten, die erfolglos vom Betteln zurückkamen. »Und deshalb bekommt ihr genau das, was ihr verdient.«

»Die Leute haben ein hartes Herz«, versuchte Agnes sich zu entschuldigen, Peters Wimmern im Ohr.

»Dann musst du eben andere Möglichkeiten finden, ihnen die Börsen zu öffnen«, erklärte die Alte ungerührt, während sie die beiden Kinder in den zugigen Schuppen schubste. Agnes wusste genau, was sie meinte, aber sie hatte sich bislang nie überwinden können zu stehlen. Das metallische Klicken des schweren Schlosses dröhnte ein herzloses Wiegenlied. Noch nie hatte sich Agnes so sehr nach der leisen Stimme ihrer Mutter gesehnt, wie in diesem Augenblick. Sie hätte alles darum gegeben, ihre Hand zu halten und ihr sagen zu können, wie lieb sie sie hatte und wie sehr sie sie vermisste. Tränen stiegen dem Mädchen in die Augen. Draußen hörte sie Mrs. Bones zetern, die sich mit stapfenden Schritten davonmachte, um sich Walter vorzuknöpfen: »Warte nur Bürschlein, wenn ich dich erwische, sollst du den Ochsenziemen spüren.«

Mit aller Kraft rüttelte Agnes an den Holzlatten der Tür, wohlwissend, dass es zwecklos war. Die Bretter würden nicht nachgeben. Sie hatte es schon oft genug versucht. Es blieb nichts anderes zu tun, als hier zu warten, bis die alte Hexe sie herausließ. Langsam setzte sie sich neben ihren Bruder, der immer noch schluchzte. Die Kälte kroch ihr langsam in die Glieder – und es würde heute Nacht noch kälter werden. Wenn sie sich nicht gegenseitig wärmten, würden sie womöglich erfrieren. Sie wollte ihren Arm um Peter legen, der aber stieß sie wütend von sich.

»Geh weg!«, rief er zornig. »Du bist schuld, dass wir wieder hier festsitzen. Du ganz allein.«

Die Stimme versagte ihm, und Agnes war es, als zerquetschte jemand ihr Herz. Sie hob die Hand, um ihrem Bruder übers Haar zu streichen, zuckte jedoch zurück aus Angst vor einer weiteren Abweisung.

»Warum hast du mir bloß das Geldstück aus der Hand geschlagen?«, jammerte der Junge.

»Der Mann war mir unheimlich.«

»Wir könnten jetzt da drin sein, Suppe bekommen und einen warmen Strohsack! Du hast es verpatzt.« Peters sonst so sanfte Kinderstimme war schrill geworden. So hatte er noch nie mit seiner Schwester gesprochen.

Agnes senkte den Kopf. Sie konnte sich ja auch nicht erklären, was in sie gefahren war. »Ich hatte irgendwie das Gefühl, als ob du im Moment, wo du es ergreifst, einen Vertrag abschließt, der nicht mehr zu lösen gewesen wäre«, sagte sie verzweifelt. »Ich fürchtete, dass du für immer fortgehst.«

Jetzt sah Peter hoch. Er blinzelte die Tränen von seinen blonden Wimpern. »Ich würde dich doch niemals allein lassen«, flüsterte er.

»Es tut mir leid«, antwortete Agnes und schlang die Arme um ihn.

»Zu essen haben wir trotzdem nichts«, stellte er fest, wobei sein Magen lauter knurrte als ein wütender Bär.

»Wenigstens hast du den Apfel gegessen. Der gibt dir bestimmt ein bisschen Kraft.«

»Ich hab aber immer noch Hunger«, wimmerte der Kleine, »riesig großen. Und du hast gar nix bekommen.«

»Ich weiß«, versuchte seine Schwester ihn zu trösten, darum bemüht, nicht ebenfalls in Tränen auszubrechen. »Morgen ist Markttag. Da sind die Menschen spendabel. Du wirst sehen, wir kommen mit vollen Mägen und schweren Taschen zurück.«

»Glaubst du wirklich?«

Peter lehnte seinen Kopf an ihre Schultern. Seine blonden Locken kitzelten sie unter der Nase. Sanft strich sie die Strähnen zur Seite und nickte.

Peter seufzte. »Weißt du, ich wünsche mir so sehr, wieder ein richtiges Zuhause zu haben, so wie früher, verstehst du?«

Wie könnte sie nicht? Jede Nacht vor dem Einschlafen betete sie, dass ein Engel käme und sie von diesem schrecklichen Ort fortführte. Doch jeden Morgen wachte sie auf, und nichts hatte sich geändert.

»Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, Peter. Schau dort«, Agnes deutete zu einem Spalt zwischen zwei Brettern, durch den ein kleines Stück lichtloser Himmel zu erkennen war, »hinter all den Wolken versteckt, steht ein Stern am Himmelszelt. Noch können wir ihn nicht sehen, aber er leuchtet für uns, und eines Tages wird er uns den Weg zu einem Ort weisen, an dem wir wieder glücklich sein werden.«

»Ich hab aber jetzt Hunger«, schluchzte Peter.

Agnes zog ihn an sich, wiegte den Jungen sanft und begann das Lied zu summen, das ihre Mutter immer gesungen hatte.

Peter war gerade eingeschlafen, als Agnes ein lautes Schnaufen und Husten hörte, das vom Hof hereindrang. Im Schuppen war es jetzt stockdunkel. Vorsichtig löste sie sich von dem Jungen und kroch zum Spalt, um nach draußen zu spähen. Links vom Schuppen war nichts zu sehen außer tiefschwarze Nacht. Das Mädchen kniff die Augen zusammen. Da, am Eingang des Hofs, zeichneten sich im schummrigen Licht einer Straßenlaterne die Umrisse eines Mannes ab.

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