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Das Versagen der Kleinfamilie | Kapitalismus, Liebe und der Staat

Mariam Irene Tazi-Preve

Das Versagen der
Kleinfamilie

Kapitalismus, Liebe und der Staat

2., durchgesehene Auflage

Verlag Barbara Budrich
Opladen • Berlin • Toronto 2018

Das Leiden an der Liebe bis in alle Trostlosigkeit.
Erika Pluhar

Die Familie ist die kleinste terroristische Einheit.
Pier Paolo Pasolini

Inhalt

Vom Leiden an der Kleinfamilie. Eine Einführung

Was hat die Liebe damit zu tun. Grundbegriffe und Theorie

Kapitel 1 Die Mutterfalle

Kapitel 2 Politik und Familie. Die kleinste Zelle des Staates und das Tabu der Gewalt

Kapitel 3 Die Vereinbarkeitslüge

Kapitel 4 Die Wirtschaft mit der Familie

Kapitel 5 „Neue“ oder „alte“ Väter?

Kapitel 6 Die Sache mit der Sexualität

Kapitel 7 Familie als matrilineare Verhältnisse

Kapitel 8 Warum versagt das System Kleinfamilie wirklich?

Und was sollen wir jetzt tun, fragen meine Freundinnen und Freunde

Nachwort. Mein Familienname. Vom Exil durch Patrilinearität

Danksagung

Literatur

[9] Vom Leiden an der Kleinfamilie. Eine Einführung

Rufen wir uns den österreichischen Autor Thomas Bernhard und die Geschichten seiner Kindheit in Erinnerung. Wütend und schmerzvoll kommt in ihnen die Demütigung der unehelichen Geburt hoch, die Würdelosigkeit, in der er aufwachsen musste, und die Scham, die die Mutter zeitlebens verfolgte. Der Vater bestritt die Vaterschaft, obwohl der Sohn sein Ebenbild war.

Die Aufarbeitung der eigenen Kindheit und Jugend ist oft Stoff literarischen Erzählens. Bei den Tagen Deutschsprachiger Literatur in Klagenfurt gab es 2012 eine große Zahl von Texten, die Familiengeschichten erzählten. Interessant, befand die Jury, aber gesellschaftspolitisch wenig relevant. „Die Familie als Ort von Neurosen“, kommentierte eine Jurorin die mal mehr, mal weniger tragischen Geschichten und sprach damit aus, was Therapeuten und Therapeutinnen hinlänglich bekannt ist. Dem Glauben an die Kleinfamilie als Ideal privater Lebensführung tut dies jedoch keinen Abbruch.

Befasst man sich mit Mutter- und Vaterschaft und der Forschung zur Privatheit, so ist es unvermeidlich, die Nöte und das Leid wahrzunehmen, die Menschen in der gegenwärtigen Familienkonstellation erleben oder in ihrer Kindheit erfahren haben. Dieses Leid äußert sich in westlichen Gesellschaften in Depressionen, Aggressionen und Suchtverhalten. Die ungestillte Sehnsucht verlagert sich nach außen, in die Arbeitswelt und den Konsum, wo die Bedürfnisse nach Anerkennung und Ganzheit befriedigt werden sollen.

Das, was von der historischen „familia“ aus römischer Zeit übriggeblieben ist, ist die Kleinfamilie, die sich als brüchig erweist. Die Idylle ist nur eine vermeintliche, sie hinterlässt in und außerhalb der Ehe alleingelassene und überforderte Mütter (Tazi-Preve 2004), in ihrer väterlichen Identität verunsicherte Väter (Tazi-Preve et al. 2007) und Kinder, die ohne das soziale Korrektiv einer Gemeinschaft aufwachsen. Die engen Eltern-Kind-Beziehungen geraten zu Traumata, wenn Kinder psychischer, physischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt sind, die nicht nur gravierende Narben hinterlassen (Hermann 2006). Sie setzen sich auch fort, wenn diese Kinder selbst Familien gründen. SozialarbeiterInnen, Jugendämter und PsychiaterInnen sind täglich mit der Realität der Tragödie Kleinfamilie konfrontiert (z.B. Standard 8/2010).

[10] In den vergangenen Jahren habe ich zahlreiche Vorträge zum Thema Familie gehalten und eine unglaublich große Resonanz gefunden.1 Da habe ich begriffen, dass meine Rolle darin besteht, auszusprechen, was Frauen und Männer2 selbst empfinden und begriffen haben. Ich bin mehr und mehr zum Sprachrohr der an den Familienverhältnissen leidenden Generationen geworden. Auf einem Kongress wurde ich nach meinem Vortrag zum Versagen der Kleinfamilie von einer Therapeutin angesprochen, die mir empathisch schilderte, wie sehr meine Darlegungen dem entsprechen, was sie täglich mit ihren KlientInnen3 erlebt. In meinem Ansatz habe sie endlich die Erklärung für das Leiden an neurotisierten und neurotisierenden Familien gefunden.

Trotz aller Leiden bleibt das Ideal der Kleinfamilie aber stabil. Der Wunsch nach ihr steht immer noch ganz oben auf der Beliebtheitsskala und in den Lebensvorstellungen von Jugendlichen. Obwohl sich ihre Eltern immer öfter scheiden lassen oder vielleicht gerade deswegen. Sie glauben daran, dass sie es besser machen würden. Als Erklärung für die aktuelle Re-Familialisierung gilt neuerdings auch die sich verschärfende Wirtschaftslage, in der ein stabiler Rückzugsort umso bedeutsamer wird.

Und dann gibt es den normativen Diskurs, also die Diskussion darum, wie Familie angeblich zu leben sei. Er wird hauptsächlich von kirchlicher und politischer Seite geführt, besonders dann, wenn mit der Kindererziehung etwas schiefläuft. Auch Psychologinnen und Pädagoginnen appellieren in diesem Fall an die Eltern, für ein „ordentliches“ Familienklima zu sorgen.

Der Diskurs zur Familie stellt sich also so dar, als gäbe es nur zwei Blickwinkel, auf die Familie (zurück) zu schauen: in wütender Reminiszenz oder in idealisierter Verklärung.

Das Grundschema der Kleinfamilie beruht auf einer juristischen Finte der Römer. Es sollte etwas sichergestellt und amtlich besiegelt werden, das gar nicht sicher sein konnte, nämlich die Vaterschaft – während die Mutterschaft ja immer augenscheinlich war. Die Ehe begründete rechtlich die Hoheit des [11] „pater familias“ über die Früchte seines Landes, seines Haushalts und „seiner Lenden“.

Nur scheinbar unterliegt die Debatte heute keinem „Vater-Diskurs“, also dem patriarchalen Herrschaftsdogma des römischen Rechts, mehr. In den 1970er Jahren wurde überall in Europa das Familienrecht reformiert. Das patrilineare Prinzip der Trennung der Mutter-Tochter-Bindung zugunsten der ehelichen Verbindung mit einem Partner, an den von nun an – zumeist vergeblich – alle Sehnsüchte und Wünsche adressiert werden, bleibt aber bestehen. An die Stelle des Rückhalts aus der Herkunftsfamilie und der weiblichen Genealogie ist der Partnerschaftsmythos getreten. Der Mann aber erweist sich nur dann als der richtige Adressat, wenn es um die erotische Anziehung, selten aber dann, wenn es um Unterstützung für die Frau und die beständige Betreuung und Fürsorge für ihre Kinder geht.

Theoretisch begründet wurde die Struktur Vater-Mutter-Kind in der Triangulierung durch Freud. Aber selbst dieser zeigte sich pessimistisch, was das Funktionieren von Familiensystemen betrifft.

Wer überhaupt weiß, von welchen Spaltungen oft eine Familie zerklüftet wird, der kann auch als Analytiker nicht von der Wahrnehmung überrascht werden, dass die dem Kranken Nächsten mitunter weniger Interesse daran verraten, dass er gesund werde, als dass er so bleibe wie er ist. (Freud 1917, o.S.)

Freud konzediert, dass die Gesundung des/der Einzelnen das ganze System zu Fall bringen könnte. Aus seinen Schriften geht hervor, dass die Ehen der Wiener Oberschicht seinerzeit häufig der Konvention geschuldet waren. Sie wurden arrangiert, hatten wenig mit Liebe zu tun, Affären waren üblich und die Ehe in der Konvention erstarrt. Aber obwohl Freud das erkannte, hielt er doch an der Kleinfamilienstruktur als unabänderlich fest.

Es handelt sich bei der Kleinfamilie also um ein Glaubenssystem, das in der Freud’schen Theorie der „Triangulierung“ normativ fixiert wurde. Und dies, obwohl der „Vater der Kleinfamilie“ erkannt hatte, dass das Aufwachsen in ihr eine potentiell traumatisierende, weil unausweichliche Situation auf kleinstem Raum darstellt. Die emotionale Grundstruktur jedes Menschen resultiert aus dieser Konstellation und den Folgen, die eine unglückliche Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Beziehung hat. Diese weitreichende psychische Dimension aber wird im politischen und sozialen Diskurs um Familie gemeinhin ausgespart.

Erst im therapeutischen Prozess treten Risse, das Leid und die Angst zutage, ausgelöst durch das „Nichtfunktionieren“ der Herkunftsfamilie, besonders [12] durch als verlassend, distanziert oder übermächtig erlebte Mütter; aber auch durch Väter, die sich häufig aus der Verantwortung für ihre Kinder stehlen, wenig Anteil an ihrem Alltag nehmen oder Kinder aus früheren Beziehungen gänzlich verlassen. Narzisstische Verletzungen entstehen aus dem Gefühl der Nichtbeachtung, der fehlenden Wertschätzung durch Vater oder Mutter oder aber durch die schlechte Beziehung der Eltern zueinander.

Mit auf der Therapeutencouch liegt immer die Mutter, und zwar, weil sie zumeist die einzige ist, die präsent war.

Früher oder später wird sie immer Thema: die Mutter, die Nervtöterin, die Egomanin, die ewige Vorgesetzte mit dem Meinungsmonopol. (Wienerin 5/2011, 197)

Die Verbindung zwischen Mutter und Tochter, so heißt es, sei häufig kompliziert und emotionsgeladen. Töchter litten unter Kritik und Kontrolle oder Mütter suggerierten ihnen Schuldgefühle. Populärwissenschaftliche Bücher und Magazine sind voll von solchen Berichten. Oft und allenthalben ist vom Leiden an der Familie, an der Mutter und am Vater die Rede. Die Familien-Opfer treffen sich in Selbsthilfegruppen oder eilen in die Therapiepraxen.

Und zahlreich sind die Menschen, die glauben, im Falle einer Scheidung bzw. Trennung persönlich zu versagen. Doch es geht nicht um individuelles Scheitern. Es sind nicht die Einzelnen, die den Ansprüchen nicht genügen. An den Ansprüchen des Systems ist etwas zutiefst falsch. Es gibt nämlich „kein richtiges Leben im Falschen“, wie Adorno sagt.

Gerade aus der jüngsten Zeit sind aus Österreich etliche Dramen der sexuellen Ausbeutung von Kindern durch Väter und Stiefväter bekannt. Dokumentiert sind die Schäden, die die Kinder durch das Ausgeliefertsein – zu Hause, in Internaten und Heimen – davontragen. Wo immer Kinder in einer ausweglosen Situation sind, wenn sie sich in ihrer Not an niemanden wenden können, haben die Täter leichtes Spiel. Nie vergeben wird der furchtbare Verrat am Kind durch die oft mitwissende Mutter. Sie opfert den Schutz des Kindes einer vermeintlichen Sicherheit der Ehe und einer vermeintlichen Liebe zu einem missbrauchenden (Ehe)Mann. Solche Verhaltensweisen können nur durch ihre eigene emotionale Abhängigkeit erklärt werden. Wenn die Mutter also selbst dann noch an Liebe und Sicherheit glaubt, wenn der Partner ihr eigenes Kind missbraucht.

Es gilt also zu verstehen, dass hier nicht „Normalität“ am Werk ist. Das Familiensystem folgt vielmehr einer „Norm“, also einer konstruierten Form, an der individuell gelitten wird. Dieses Buch ist dem Hinterfragen und [13] Neudenken dieser Organisation privater Beziehungen gewidmet. Und darüber hinaus den Wechselwirkungen zwischen dieser Form von Privatheit und dem öffentlichen Raum, also Ökonomie und Politik. Breiter Raum ist den Themen Politik zu und Wirtschaft mit der Familie gewidmet

In diesem Buch wird keiner politischen Partei das Wort geredet, keiner Ideologie und keiner konfessionellen Zugehörigkeit. Im Gegenteil ist es mein Anliegen aufzuzeigen, dass über alle Parteigrenzen hinweg das Denken von Familie zutiefst ideologisiert ist und auf falschen Grundannahmen beruht. Es geht darum, den gewohnten Blickwinkel auf Familie aufzuheben zugunsten einer Sichtweise, die davon ausgeht, dass Menschen von Anfang an ein Leben in Würde, in Freiheit und Sicherheit zusteht, statt in Unfreiheit, Scham und Leid. Wir müssen aufhören mit der Verniedlichung und Verharmlosung von Familie, der Beschwörung einer phantasierten heilen Familienwelt und auch damit, der „Zerrüttung“ von Familie das Wort zu reden.

Tatsächlich sind die Erosionserscheinungen beträchtlich, die Scheidungs- und Trennungsraten hoch, die Geburtenraten relativ niedrig und die Gewalt in der Familie ist alarmierend. Diese Phänomene werden aber meist ideologisch gedeutet – „Niedergang der Werte“ – oder praktisch-politisch – der Geburtenrückgang bedrohe das Sozialsystem. Von familienpolitischer Seite wird wiederum argumentiert, dass man Frauen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser unterstützen müsse. Die hohen Trennungsraten wiederum seien der mangelnden Reife oder der zunehmenden Individualisierung oder aber egoistischen Bedürfnissen geschuldet. All diese Argumente gehen am Kern des Problems völlig vorbei. Nicht nur das, sie stabilisieren das enge Verständnis von Familie als Kleinfamilie.

Auch angesichts des schleichenden Verlusts an Glauben an das (neo)liberale Wirtschaftssystem ist eine Diskussion um die privaten Beziehungen unerlässlich und ganz besonders dringlich. Soll doch die „Familie“ nun noch jene Menschen auffangen, die unter die Räder der Arbeitswelt kommen.

Die Frage, wie wir mit der Erde, den Rohstoffen, der Natur und der Arbeitskraft, also den Menschen, umgehen, hat zutiefst mit einer ursprünglichen Emotionalität zu tun. Im Umgang mit den Mitmenschen und der Welt drückt sich nämlich unsere psychische Befindlichkeit aus: wie freundlich oder feindlich uns die Welt als Kind und Heranwachsende/r erschien, wie viel wir davon kompensieren müssen durch Ringen um Anerkennung und Status in einer sich verschärfenden Arbeitswelt. Entwicklungspsychologische Untersuchungen (Ahnert 2010 u.a.) zeigen, wie sehr unsere psychische Struktur von den ersten [14] Lebensjahren bestimmt ist, und diese ist es, die sich tagtäglich in der Art des Umgangs mit Familienangehörigen und in der Arbeitswelt zeigt. Die Wirkungen des familiären Ausgesetztseins des Kindes auf den erwachsenen Menschen und die Gestaltung der Welt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die Schilderungen einer brutalisierten Arbeitswelt, in der extrem hierarchisches Denken und Konkurrenzdruck vorherrschen und für normal gehalten werden, zeugen von einer pervertierten Logik, in der gerade die emotional zu kurz Gekommenen ihre Defizite kompensieren können. Sind die Fähigkeiten der Arbeitskraft zur Empathie unterentwickelt, führen sie zur Herausbildung eines übersteigerten Willens zur Selbstbehauptung und Selbstdarstellung.

Wenn man alle Menschen der Industriegesellschaft, die in irgendeiner Form süchtig und psychisch beeinträchtigt sind, zusammennimmt, so erweist sich nach Schätzungen Rengglis (1992) etwa die Hälfte als psychisch gestört, entweder offen oder durch irgendeine Form von körperlichem Leiden verdeckt. Das Verlangen nach der Mutter wandelt sich in nie zu stillende Bedürfnisse – die Sucht nach Konsum ersetzt die menschliche Nähe. Dieser universell süchtige Menschentyp ist Motor unserer heutigen (post)industrialisierten Welt. Es ist diese Sucht, mit welcher wir langsam, aber unerbittlich unseren Planeten plündern.

Fragmentiertes wieder zusammenbringen, dafür plädierte die ägyptische Feministin und Friedensaktivistin Nawal El Saadawi 2008 auf der Weltfrauenkonferenz in Madrid. Wenn das fragmentierte Wissen wieder zusammengesetzt würde, entstehe Wissen erst wirklich. Diesem Verständnis folgend, erweitere ich den Blickwinkel auf die Familie um weitere Bereiche, die unsere Lebenswirklichkeit bestimmen. Dazu gehören Politik, Wirtschaft und Sexualität.

Es ist mir ein Anliegen, das Leiden an der Kleinfamilie aufzuzeigen, es zu benennen, aus dem Unterbewusstsein, dem Schatten und aus den psychotherapeutischen Praxen herauszuholen. Ich möchte es ins Licht der gesellschaftspolitischen Analyse stellen. Es geht darum, das zu artikulieren, was in der üblichen Rhetorik zu und über Familie unsichtbar bleibt. Und natürlich kommen wir um den Feminismus nicht herum.4 Wenn ich hier eine feministische Familientheorie vorschlage, so meine ich, dass es nicht nur um das individuelle Hickhack um die Verteilung der Hausarbeit geht. Es geht um eine viel weiter reichende systemische Sichtweise darauf, dass die gesamten politisch-ökonomischen [15] Strukturen und Institutionen auf dem Ungleichgewicht in der Geschlechterfrage, z.B. der unbezahlten Familienarbeit, gegründet sind. Und ohne die Infragestellung jener kann es keine gerechte, nicht-ausbeuterische Gesellschaft geben.

Daran knüpfen sich zahlreiche Fragen: Was bedeutet es, dass die Kleinfamilie die Norm ist und sich alternative Lebenskonzepte nicht durchsetzen konnten? Und: cui bono, also wem nützt dieses Familienbild? Warum überlässt die politische Linke dieses Feld gänzlich der konservativen Seite? Und wo sind die Alternativen?

Ich verstehe meine Arbeit als patriarchatskritische5, die sich mit einer umfassenden Deutung von Familie befasst, d.h. mit Implikationen für das Individuum, für Gesellschaft, Politik und Ökonomie. Es geht eben nicht nur um die individuelle Frau und den individuellen Mann, sondern um die Geschlechterfrage als systemische. Diese Herangehensweise zeigt, dass sich die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und familialen Strukturen entlang strikter Geschlechterzuschreibungen entwickelt haben, in denen einem Ansatz Vorrang und Deutungsmacht zukommt, der patriarchal oder androzentrisch genannt werden kann. Ich werde zeigen, dass sich die „patriarchale Denkgewalt“ weiter ausbaut, anstatt verringert, wie allgemein behauptet wird.

Das Reden über Familie, Intimes, über Emotionen und das tägliche Leben, wird gering geachtet gegenüber dem Reden über Zivilisation, Politik und Ökonomie. Das eine scheint zu klein, zu eng, zu trivial gegenüber dem angeblich wirklich Wichtigen, das zumeist mit großem Gestus vorgebracht wird, erinnern wir uns an den Titel „The Clash of Civilizations“ (Huntington 1996). Auf der anderen Seite haben die moralischen Instanzen sehr wohl erkannt, wie bedeutsam es ist, in welcher Weise verwandtschaftliche Strukturen gestaltet sind und wie die „Menschenproduktion“ (Heinsohn/Knieper/Steiger 1979) stattfindet, und sich historisch früh des Themas bemächtigt. Die Kirche gibt seit Jahrhunderten vor, unter welchen Bedingungen Sexualität stattfinden darf. Und im Spätmittelalter setzten die politischen Bemühungen um die Steuerung der Nachwuchsproduktion durch eine militante Bevölkerungspolitik ein.

Die liberalisierte Wirtschaft wiederum führt zu einer sich verschärfenden Situation, in der es Müttern und wohlwollenden Vätern erschwert, wenn nicht verunmöglicht werden soll, überhaupt noch Kinder aufzuziehen. Das führt in Folge zur Ausweitung des Phänomens der Alleinerziehenden, die unter völliger [16] psychischer Überforderung und materieller Benachteiligung leiden. Alternative Lebensformen bleiben dagegen marginal.

Man muss sich also die Frage stellen, ob das Gebären durch die Mütter zum Erliegen kommen soll, um mithilfe der mittlerweile gängigen Reproduktionstechnologie durch eine zersplitterte Mutterschaft ersetzt zu werden. Ob es also das Ziel ist, die Integrität der Mutter zu zerstören. Platon hatte dies in seiner „Politeia“ schon im Sinn, als er die von der Mutterschaft abgetrennte Aufzucht unter staatlichen Bedingungen plante. Das ist ein Szenario, das sich abzeichnet. Das Zerbrechen der Kleinfamilie nicht in Richtung „Befreiung“, sondern in Richtung kontrollierter Ersetzung durch Technik.

Meine These besagt, dass die Vorstellung von Privatheit in Form der Kleinfamilienstruktur selbst das Problem darstellt. Sie funktioniert nicht, weil sie gar nicht funktionieren kann. Nicht nur das, es drängt sich vielmehr der Verdacht auf, dass genau dieses Nichtfunktionieren und seine Folgen durchaus erwünscht und geplant sind. Ich gehe also davon aus, dass die Kleinfamilie Ort der Zurichtung des Menschen in die patriarchale Zivilisation ist. Das Thema dieses Buches ist daher die Kritik, die Analyse und der Aufruf zur notwendigen Abkehr vom „Glaubenssystem Kleinfamilie“. Im Vater-Mutter-Kind-Dreieck sind erotische Anziehung, ökonomische Abhängigkeit und das Aufziehen von Kindern miteinander verknüpft. Die Grundannahme dieser Konstellation – die lebenslange Liebesbeziehung – hält aber der Realität des Alltags nachweislich nicht stand. Nur weil die Kleinfamilie die einzige Familienform ist, die wir kennen6, muss sie noch lange nicht richtig und bedürfnisgerecht sein. Und obwohl hinlänglich bekannt ist, dass die Familie der Ort der Entstehung von Neurosen ist, wird nur die Verfasstheit und Ausgestaltung des Ortes, aber nicht seine Existenz selbst in Frage gestellt.

Meine These impliziert „das Abfallen vom Glauben“ (Werlhof), dass das westliche Verständnis von Familie das einzig mögliche sei. Wir müssen also aufhören mit diesem permanenten Kolonialismus innerhalb der Gesellschaft, die damit in ihren Möglichkeiten beschränkt und auf eine einzige Form von Familie fokussiert bleiben soll. Wir müssen auch aufhören zu glauben, dass an der Familie nur leichte Abänderungen notwendig seien oder dass mit dem „Hineintherapieren“ der Familienmitglieder das Problem gelöst sei.

[17] Meine These besagt des Weiteren, dass Familie – verstanden als wichtigste soziale Gemeinschaft, in der Kinder behütet aufwachsen können und Erwachsene Rückhalt finden – nicht die Kleinfamilie ist, sondern die in manchen Gesellschaften übliche matrilineare Sozialordnung7 darstellt. Familie unter patriarchalen Vorzeichen muss naturgemäß scheitern, weil sie die matrilineare Generationenfolge negiert und auf den Kopf stellt. An die Stelle von Verantwortlichkeit und Fürsorge für die Nachkommen ist historisch jene von Obrigkeit, Herrschaft und Inbesitznahme getreten. Wenn sich die Familienformen und das Familienrecht auch seither wesentlich gewandelt haben, ist die Charakteristik von Familie in ihrem ideologischen Kern doch erhalten geblieben.

Das Buch umfasst daher nicht nur eine Analyse westlicher familialer Verhältnisse, sondern bezieht in einem weiteren Schritt alternative Sichtweisen, Konzepte und Lebensweisen mit ein. So werden die familialen Strukturen außereuropäischer, matrilinear lebender Gesellschaften skizziert und darüber hinaus Spuren matrilinearer Lebensweisen hierzulande aufgezeigt. Diese können modellhaft für neue Formen familialen Lebens stehen.

Der wissenschaftliche Anspruch impliziert für mich den Wunsch nach Veränderung, um nicht nur bei der Beforschung gesellschaftlicher Missstände stehen zu bleiben. Um die Destruktivität des familialen Systems zu verstehen, nachhaltig analysieren und letztlich die Lebensbedingungen verändern zu können, ist es unerlässlich, eine patriarchatskritische Haltung einzunehmen. Es erfordert, andere Modelle privaten, emotionalen und auch ökonomischen Zusammenlebens als Visionen heranzuziehen. Nötig ist die Sprengung des ideologischen Panzers, den das patriarchale Familienkonzept bedeutet, hin zum Weg in eine Freiheit der Rückbesinnung, aber auch des Neuschaffens von familialen Beziehungen.

[19] Was hat die Liebe damit zu tun. Grundbegriffe und Theorie

Wie steht es um die romantische Liebe und was hat sie mit der Familie zu tun? Wovon sprechen wir, wenn wir „Familie“ sagen? Was ist mit der patriarchalen Verfasstheit einer Gesellschaft gemeint und was mit Matriarchat und Matrilinearität? Diese zentralen Begriffe werden hier vorweg erklärt. Zudem wird das theoretische Konzept dargelegt, auf dem meine Arbeit basiert, die Kritische Patriarchatstheorie.

Von der Liebe

In Zagreb gibt es ein Museum der zerbrochenen Beziehungen (Standard 7/2012). Dort werden Artefakte gesammelt, die von einer gescheiterten Beziehung, einer verlorenen Liebe zeugen. Es ist ein Friedhof der romantischen Liebe und gibt Raum für Rache, Sehnsucht und Trauer um verlorene Intimität. Es scheint heute schwerer denn je „die Liebe zu finden“, heisst es im Zeit Dossier (Pham 2016), und trotz exzessivem Online Dating sei die „Beziehungsunfähigkeit“ weit verbreitet.

Die romantische Liebe ist in der Moderne ein Sehnsuchtsort. Sie führe angeblich zu einer lebenslangen Beziehung und die aus ihr hervorgehenden Kinder seien die „Frucht der Liebe“. Diese Botschaft wird unablässig transportiert, in Medien8, in Filmen, im Alltag, aber auch in der Gesetzgebung. Mit ihr gehe angeblich auch die lebenslange Treue einher.

Dieser Liebesmythos ist ein historisch junges Phänomen. Er trägt Züge der (früh)mittelalterlichen „Minne“, bei der Troubadoure der Geliebten in Versen huldigten. Nur, diese Liebe hatte nichts mit der Realität einer Liebesbeziehung zu tun, es wurde eine unerreichbare Fürstin verehrt. Es war eine Art abstrakte Liebe in die eigene Liebesfähigkeit, ihr weibliches „Liebesobjekt“ – psychoanalytisch gesprochen – ein überhöhtes Ideal.

Seit dem 20. Jahrhundert wird suggeriert, dass die romantische Liebe real wäre und in eine Ehe münden müsse. Diese Norm hält aber der Realität nicht stand, die von hohen Scheidungs- und Trennungsraten zeugt.9 Dennoch [20] dominiert der Glaube an das Dasein als liebendes Paar. Obwohl ihn nicht nur die Musikerin Christiane Rösinger (2012) demontiert, wenn sie behauptet, „Liebe wird oft überbewertet“. In Wirklichkeit ist die lebenslange Dauer einer Beziehung die Ausnahme, die zeitliche Limitierung dagegen die Regel.

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Abbildung: Autorin

Die Statistik zeigt, dass realiter die „Lebensabschnittspartnerschaft“ gelebt wird. Leidenschaft überdauert selten viele Jahre oder gar Jahrzehnte. Eine empathische, gefühlsmäßige Liebesbeziehung kann hingegen ein Leben lang halten, aber auch sie wird sich über die Jahre verändern. So erklären sich zahlreiche Trennungen, die der Einsicht folgen, dass man sich „auseinandergelebt“ habe. Das Ausmaß von Liebe, Sexualität und Leidenschaft sind von der Qualität des täglichen Zusammenlebens zu unterscheiden, davon gehen auch Paartherapeuten aus (Profil 30/2012). Nur in Ausnahmefällen sind sie dauerhaft miteinander verknüpft.

Dies führt uns zur Frage, warum eigentlich die Erwartungen an den Partner so hoch sind? Der Partner soll gegenüber der Partnerin und gegenüber den Kindern mütterliche Fähigkeiten entwickeln, er soll von früh bis spät das Leben mit ihr teilen und die Herkunftsfamilie ersetzen. Für Männer stellt sich die Liebes-Frage anders: Zum einen neigen sie eher dazu, sexuelle Anziehung und Gefühle zu trennen. Zum anderen suchen sie die Sicherheit und mütterliche Fürsorge bei einer Frau, indem sie diese sexualisieren. Ein „Zuhause haben“ und die Befriedigung von Sexualität werden miteinander vermischt.

[21] Die Ehe sollte in der Moderne emotionale Bedürfnisse nach Zuwendung und Wärme befriedigen, die eigentlich der mütterlichen Fürsorge entsprechen. Dies kann der Partner/die Partnerin aber nie leisten. Die historisch junge romantische Liebe, so eine These, die nicht nur von Autorinnen matrilinearer Familienbilder (z.B. Rathmayr 1993) vertreten wird, stellt eine verkehrte Mutterliebe dar, die sich vom Kind ab- und zum Mann hinwendet.

In der Paartherapie wird davon ausgegangen, dass sich in der Partnerschaft folgende Prozesse abspielen: Gelernte Reaktionen aus der Kindheit und unerledigte Konflikte des eigenen Elternhauses werden unbewusst in der Partnerschaft weiter ausagiert, selbst wenn diese ganz und gar unpassend sind. Therapeuten sprechen von der fehlenden „reifen“ Ablösung von der Herkunftsfamilie (Ingwersen 1996). Und auch die Eltern der Partner/innen selbst litten bereits an psychischen Störungen und Symptomen, die auf nicht erfüllte Bedürfnisse nach Nähe, Sicherheit oder Eigenständigkeit zurückzuführen sind. Sie sind daher nie unbelastet von ihrer Herkunftsfamilie und ihrem eigenen Aufwachsen und tragen alle unbewältigten Konflikte aus Kindheit und Jugend in die Beziehung hinein.

Es war Sigmund Freud, der die Kleinfamilie theoretisch begründete und als universell gültig erklärte. Die „Freud’sche Triangulierung“ besagt, dass das natürliche Aufwachsen des Kindes innerhalb des Dreiecks Vater-Mutter-Kind stattzufinden habe. Wolf zitierend nennt Rendtorff (2007) dies die „Matrix“ in der inneren Welt des Kindes. Die Ebene der Liebesbeziehung der Eltern wird mit jener zum Kind in Beziehung gesetzt und als Basis für die Entwicklung des Kindes erachtet. Was laut Freud das traute Familiendreieck störte, war die Liebesbeziehung der Mutter zum Kind, mit der die zum Partner nicht konkurrieren konnte. Deshalb war er bestrebt, die anfängliche Symbiose – besonders die des männlichen Kindes – mit der Mutter zu beenden. Und er suggerierte, dass die Liebesorientierung des Kindes auf den Vater als „Vermittler von Welt“ zu richten sei. Auch die Frau sollte lernen, der Liebe und Loyalität zu ihrem Ehemann Priorität einzuräumen. Dies erkläre auch die oft beobachtete „Eifersucht“ des Vaters auf das neugeborene Kind, mit dem er um Aufmerksamkeit konkurrieren müsse.

Für Freud ist Liebe in erster Linie Sexualität (Mees/Schmitt 2000), in zweiter Linie spricht er von Zärtlichkeitstrieben. Nach Bowlys Bindungstheorie (Mees/Schmitt 2000) hingegen setzt sich Liebe aus Bindung, Fürsorge und Sexualität zusammen. Dieser Theorie zufolge müsse – trotz nachlassender [22] sexueller Anziehungskraft – die Partnerschaft zumindest so lange halten, wie für den gemeinsamen Nachwuchs zu sorgen ist.

Eben hier zeigt sich der grundlegende Konflikt innerhalb der Kleinfamilie. Die Liebesbeziehung der Eltern sei, so wird behauptet, mit der Liebe der Eltern zum Kind verquickt. Und Familientherapien folgen dem engen Konzept der Kleinfamilie und ignorieren folglich den Konflikt zwischen den erotischen Bedürfnissen und den Verpflichtungen, die sich aus dem Aufziehen von Kindern ergeben.

Der Psychotherapeut Bernd Hellinger geht in seinem therapeutischen Ansatz des Familienstellens von einem simplizistischen Ansatz von Partnerschaft aus (Neuhauser 1999), der besagt, ein Mann „brauche“ eine Frau und eine Frau einen Mann. Durch die Sexualität blieben Mann und Frau unauflöslich aneinander gebunden, was auch der Grund für die schmerzlichen Gefühle von Versagen und Schuld bei einer Trennung sei. Hellinger gibt dieser Paarbeziehung Ewigkeitscharakter, indem er postuliert, das ganze Leben steure angeblich auf sie hin. Auch er stellt innerhalb des Familiensystems die Paarbeziehung über die Elternrolle (Hellinger 2000).

Dass Partner/innen auch nach dem anfänglichen Liebesrausch zusammenbleiben, hat in der Realität viel mehr damit zu tun, dass die Paarbeziehung eine sozial erwünschte Lebensform ist, und damit, dass Kinder und Besitz sie aneinander ketten. Eine Rolle spielt auch, dass sie kaum auf alternative soziale und emotionale Unterstützungssysteme zurückgreifen können. Und eine eventuelle Rückkehr in den elterlichen Haushalt wird wiederum in der Kleinfamilienkultur als Mangel an Erwachsensein und Autonomie interpretiert.

Trotzdem bleibt das Bedürfnis nach einer solchen Rückkehrmöglichkeit, nach der Empathie und Fürsorge, die aus der emotionalen, oft verwandtschaftlichen Nähe stammt, bestehen. Seit den 1970er Jahren gibt es zahlreiche Versuche, familienähnliche Gemeinschaften aufzubauen, entweder, weil der Weg zur Kleinfamilie per se versperrt war (z.B. die Gay Community), oder gerade, um die Kleinfamilie aufzubrechen (Gründung von Kommunen in den Anfängen alternativer Bewegungen).

Familie. Begriff und Historisches

Sozialwissenschaftliche Disziplinen gehen von unterschiedlichen Bedeutungen von „Familie“ aus. Die Statistik hält primär am „Haushalt“ fest, in dem ein [23] Paar oder zwei Generationen zusammenleben. Die Familiensoziologie erforscht alle Familienmitglieder im Sinne der Herkunfts- bzw. Generationenbeziehungen (Kern et al. 2000). Die Familiendefinition in der Bevölkerungs- und Politikwissenschaft und in weiten Teilen der Geschlechterforschung wiederum beschränkt sich auf die Kleinfamilie – die eheliche oder nichteheliche Lebensgemeinschaft mit oder ohne Kinder. In der Alltagssprache wird der Begriff Familie oft nur dann verwendet, wenn aus einer Ehe bzw. Partnerschaft ein Kind hervorgeht.

Begriff

FamilienwissenschaftlerInnen, insbesondere FamiliensoziologInnen sind sich darin einig, dass es keine einheitliche Definition von Familie gibt. Dennoch halten sie an der Kleinfamilie fest, wenn Themen empirisch erforscht werden oder wenn generell von „Familie“ die Rede ist. Zum Beispiel führt Rendtorff (2007) aus:

Definieren wir zunächst Familie sehr weit gefasst als eine Gruppe von Menschen, die mindestens zwei Generationen umfasst. (…) Dennoch wird der Einfachheit halber im Folgenden von „Erwachsenen bzw. Eltern“ und „Kindern“ die Rede sein. (Rendtorff 2007, 94)

Für Österreich (Kaindl/Schipfer 2015) und Deutschland (DESTATIS. 2016) zeigen die statistischen Zahlen, dass unter 15-jährige Kinder in den meisten Fällen mit ihren (Stief-)Eltern im Haushalt leben. Die Elternpaare sind größtenteils verheiratet (68 bzw. 69 %), 17 bzw. 10 % leben unverheiratet zusammen. Die Zahl der Dreigenerationenhaushalte ist gering. Das Phänomen der Patchworkfamilien ist relativ neu und statistisch nicht durchgängig erfassbar, weil deren Mitglieder selten vollständig im selben Haushalt leben. So haben z.B. die neuen Partner/innen der Eltern einen eigenen Wohnsitz.

Die Familien-Definitionen reichen vom engen Verständnis der Vater-Mutter-Kind-Beziehung bis zur Anerkennung vielfältiger Familienformen wie Patchwork, Getrennt-Zusammenlebend etc. Auch die Generationen- und Geschwisterbeziehungen werden berücksichtigt sowie Ahnen/Ahninnen und Herkunft, zum Beispiel in der Forschung zu Familienstammbäumen. Stets wird aber daran festgehalten, dass Mutter und Vater die wichtigsten Bezugspersonen für das Kind seien, und das Ideal der lebenslangen Paarbeziehung propagiert, insbesondere dann, wenn aus ihr Kinder hervorgehen. Diese Vorstellungen sind nicht nur Teil der Rhetorik populärwissenschaftlicher und [24] medialer Darstellungen von Familie. Sie finden auch Eingang in die Gestaltung familienpolitischer Maßnahmen.

Es wird zwar Forschung zu Großeltern und Geschwistern betrieben, „Untersuchungen zu Verwandten, Tanten und Onkel etc. findet man aber so gut wie gar keine“, wie Ecarius (2007, 222) feststellt. Dem liegt die „These von der Bedeutungslosigkeit der Verwandten“ seit Beginn der industriellen Gesellschaft (Ecarius 2007, 222) zugrunde. Damit trägt die Familienforschung selbst zur Perpetuierung eines bestimmten Verständnisses von Familie bei.

Erstmals kritisch zur Familie äußerte sich die Frankfurter Schule in den 1930er Jahren in ihren Studien über Autorität und Familie (Wiggershaus 1991). Im Mittelpunkt des Interesses stand der Zusammenhang von sozialer Struktur, also Klasse, dem Staat und der Familie, die die autoritätsgläubige Persönlichkeitsstruktur produzieren. Der autoritäre Staat sei sowohl Folge als auch Produkt des in der Kleinfamilie erzeugten „sado-masochistischen“ Charakters. Die Vertreter der Kritischen Theorie, die unter dem Eindruck der ersten Schriften zum Matriarchat standen (Bachofen, Engels u.a.), sahen den Niedergang der patriarchalen Autorität in der Familie, meinten aber, dass die erstarkende ,matrizentrische“ Stellung der Mutter ohne positive Folgen bliebe, weil Frauen über keine ökonomische Macht verfügen.

Familie hat, laut Rendtorff (2007), Funktionen in drei voneinander zu unterscheidenden Feldern. Da sei einmal das materielle Aufgabenfeld, das den Haushalt umfasst. Ein weiteres Aufgabenfeld sei die „Sorge“, die Rendtorff das „Denken vom Anderen aus“ nennt – heute wird von der Care-Ethik gesprochen. Das „edukative“, erzieherische, Aufgabenfeld wiederum mache Familie zum Ort der Kindererziehung. Die Familienforscherin Nave-Herz (2004) beschreibt die Familie erstens als Ort der „biologischen Reproduktionsfunktion“ und der Nachkommenschaft; zweitens als Ort der „sozialen Reproduktionsfunktion“, also als Ort der Regeneration; drittens als Ort der „Sozialisationsfunktion“ für Kinder, an dem sie zu Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden; viertens als Ort der „Plazierungsfunktion“ in der sozialen Hierarchie für die Kinder, an dem sich entscheidet, ob Kinder der Ober-, Mittel- oder Unterschicht angehören werden; sowie zuletzt als Ort der Freizeitfunktion sowie der „Spannungsausgleichsfunktion“.

Diese Vorstellungen davon, was Familie zu leisten habe, gelten in Form der Ehe als institutionalisiert und rechtmäßig. Namhafte – meist männliche – Familienforscher halten weiter an der Rede von Ehe und Familie als „Keimzelle“ des Staates fest (vgl. z.B. Wingen 1997) und trotz der Vervielfältigung [25] der Lebensformen bleibt die institutionalisierte Form der Familie einer der wesentlichen staatspolitischen Grundpfeiler. So arbeiten Forschung, Rechtsprechung und Politik zusammen, um die Kleinfamilie als politisches und individuelles Leitbild zu stabilisieren.

Oft geht die Wissenschaft vermeintlich objektiv an ihren Gegenstand heran. Das heißt, sie beschreibt, analysiert, katalogisiert. Sie ist aber normativ, wenn sie beschreibt, dass Menschen sich innerhalb der Familie regenerieren sollen, dass die gesamte Kindererziehung und -betreuung sowie die empathische Beziehung zu den Eltern in ihrem Rahmen stattfinden sollen. Auffällig sind die Auslassungen: Was ist mit dem Wohl der Eltern? Und wo bleibt die Geschlechterperspektive? Für Frauen gilt so manches nicht im gleichen Maße wie für Männer. Aus der Geschlechterperspektive betrachtet, hat die Kleinfamilie höchst unterschiedliche Bedeutungen. Statistiken und Studien bestätigen (z.B. Neuwirth 2007), dass für Frauen „Familie“ primär einen Arbeitsplatz und Ort der Verantwortung für Kinder darstellt. Frauen regenerieren sich selten im familialen Raum. Für Männer steht „Familie“ dagegen oft für Erholung und Freizeit. Und Familie dient ihnen als Rückhalt und Energieressource, damit sie kontinuierlich erwerbstätig sein können. Wie Beck-Gernsheim (1985) bereits in den 1980er-Jahren festgestellt hat, setzt der Arbeitsmarkt eineinhalb Personen voraus, nämlich den Arbeitenden selbst plus eine halbe Kraft, die Haushalt und Kinder betreut. So wird die „männliche Normalbiographie“ der Berufstätigkeit bei lebenslanger Freistellung von Familien- und Hausarbeit ermöglicht.

Aus den zu Ende gegangenen Beziehungen lernen wir, woran sie scheitern. Kinder, ökonomische Schwierigkeiten und generell Stress bzw. mangelnde Kompetenzen zur Konfliktlösung sind laut Scheidungsforschung die Hauptauslöser (z.B. Bodenmann 2005). Amerikanische Langzeitstudien (Kurdek 1998) fanden heraus, dass nach 10 Jahren praktisch jede Ehe in einer Scheidung endet oder emotional am Ende sei. Für Männer zeigen Gesundheitsdaten, dass sich der Ehestand als gesundheitsfördernd erweist und die Lebenserwartung erhöht, für Frauen dagegen ist eine solche Wirkung nicht feststellbar.

In der Familienforschung gibt es daher Stimmen, die erkannt haben, dass es sich beim Familienbild um „Vorstellungsmythen“ (Böhnisch/Lenz 1996) handelt. Fuhs (2007) spricht von einem dreifachen Mythos: dem „Harmoniemythos“, also die Vorstellung einer – auch historisch – verklärten harmonischen Familie; auch die Größe der Familie sei ein Mythos, da es in der [26] Vergangenheit die angeblich verbreitete Dreigenerationenfamilie kaum gegeben habe; „Konstanzmythos“ nennt Fuhs wiederum die Vorstellung, dass es sich bei der Familie um eine Art Naturkonstante handle.

Historisches zur Ehe

Hilfreich ist der Blick auf die historischen Anfänge dessen, was wir unter Familie verstehen. Im hellenischen Griechenland war mit „Oikos“ die Haushaltsgemeinschaft des freien Mannes, die die Ehefrau, die Kinder und die Bediensteten umfasste, gemeint und die auch die Wirtschaftsgemeinschaft umfasste. Die Ehe diente der Sicherstellung der leiblichen Nachkommenschaft, die für die Weitergabe des Erbes wichtig war.

Die historische Bezeichnung „Familia“ bedeutete im antiken Rom zum einen Haus, Hausstand, Vermögen und Besitz, zum zweiten Geschlecht und Familie und zum dritten Dienerschaft, Leibeigene und Hörige (Petschenig 1971). Das römische Patriarchat, gleichbedeutend mit „Herrschaft des Vaters“, unterwarf die Ehefrau, die Kinder und Sklaven dem Willen des „pater familias“. Dies schloss historisch seine sexuelle, rechtliche und ökonomische Verfügungsgewalt über die gesamte Haushaltsgemeinschaft ein. Der römische Mann heiratete, um sich die Mitgift der Frau zu sichern – ein beliebtes Mittel, um wohlhabend zu werden – und um in „rechtmäßiger Ehe“ Nachkommen zu zeugen, die als legitime Kinder das Erbe antraten (Veyne 1989). Es galt, für den Fortbestand des Staates zu sorgen; Kinder zu zeugen war „staatsbürgerliche Pflicht“.

Während die Vorstellung von der ehelichen Liebe später durch die christliche Doktrin eingeführt wurde, machte man sich im antiken Rom keine Illusionen über die Partnerliebe, wie das folgende Zitat zeigt:

Um das Jahr 100 v.u.Z. äußerte ein Zensor vor einer Versammlung von Bürgern: „Die Ehe ist, wie wir alle wissen, eine Quelle des Verdrusses; dennoch muss man heiraten, und zwar aus Bürgersinn.“ (Veyne 1989, 49)

Die Griechen verordneten dem antiken Oikos nicht nur die Ab- und Unterordnung unter das Gemeinwesen, sondern machten die Privatheit zum Ort der Bewahrung von Sittlichkeit. Auch kirchliche Theoretiker verbanden von Anfang an die Familie mit der christlichen Moral. Die Ehe wurde zum einzigen Ort der erlaubten Ausübung von Sexualität erklärt, was unzählige Probleme [27] verursacht hat. Darüber hinaus wurde sie als heilig erklärt und damit gefeit gegen alle rationalen Gegenargumente.

Kennzeichen von Familie in vorindustrieller Zeit war die Haushaltsgemeinschaft, zu der auch nichtverwandte Personen gehörten, da sich die Familie primär als Produktionsgemeinschaft verstand. Mitterauer (1978) hat zwar analysiert, dass es die Drei-Generationen-Familie früher nicht in dem Ausmaß gegeben habe, wie gemeinhin angenommen, die Kleinfamilie also nicht erst ein Produkt der Moderne sei. Trotzdem gilt, dass sie als exklusiver Ort der emotionalen Versorgung und Erziehung historisch neu ist.

In Österreich war die Ehe lange Zeit ein Privileg der Besitzenden und damit dem Bürgertum vorbehalten. Es galten zahlreiche Heiratsverbote für die mittellosen Klassen: Knechte, meist Geschwister der Bauernhof-Erben, durften nicht heiraten. In der Habsburgermonarchie galt für über der Hälfte der Untertanen ein Heiratsverbot, was auch die hohe Zahl der unehelich Geborenen besonders in landwirtschaftlichen Gebieten erklärt. Heiraten als Privileg der Oberschicht wurde daher zum ersehnten Ziel, das diesen Kindern und deren Eltern, die per Gesetz rechtlos und sozial sanktioniert waren, vorenthalten blieb.

In den letzten Jahrhunderten haben sich in Bezug auf die Funktionen von Familie einschneidende Veränderungen vollzogen. Einerseits verlor die Familie als Produktionsgemeinschaft an Bedeutung, dieser Bereich wurde in die Ökonomie verlagert. Außerhäusliche Berufstätigkeit wurde für Frauen aus der Arbeiterschaft seit Beginn der Industrialisierung üblich. Nur bürgerliche Frauen waren nicht berufstätig. Andererseits gewann der Zugriff des Staates durch den Ausbau des öffentlichen Erziehungswesens und der Sozialpolitik an Bedeutung – bisher familiale Aufgaben wurden zunehmend verstaatlicht. Und nach wie vor geriert sich das Eherecht als Garant für Privilegien, die dem unverheirateten Paar vorenthalten bleibt.

Mythos Kleinfamilie und die Geschlechterfrage

Noch vor einem Jahrhundert glaubte man keineswegs, dass ein erfülltes Liebesleben auf den Ehepartner beschränkt sei. Man hatte Affären, auch Frauen hatten den in Wiener bürgerlichen Kreisen beliebten „Hausfreund“10. Dass es sich beim Familienbild um einen Mythos handelt, wurde also schon früh [28] erkannt. Warum aber dieser Mythos überhaupt existiert und wem er nützt, diese Fragen hat erst die Geschlechterforschung aufgegriffen. Deren Vertreterinnen identifizierten die Zwänge, und mit dem Slogan „das Private ist politisch“ wurde die Trennung von Familie und Politik aufgehoben.

Der Staat muss also ein Interesse daran haben, dass die Produktionseinheiten innerhalb seines direkten Organisationsbereichs (Agrarsektor, Familie) so funktionieren, als wären sie selbst kleine Staaten, und die jeweiligen „Oberhäupter“ sich so verhalten, als wären sie kleine Staatschefs. (…) So ist das historisch Neue an der modernen Kleinfamilie und der neu entstehenden Großfamilie im Gegensatz zu den älteren Formen womöglich darin zu sehen, dass sie letztlich von oben oktroyierte, im Prinzip staatsähnliche Institutionen sind, während ihre älteren Vorgänger eher oder zum Teil noch von unten gewachsen und gerade antistaatlich orientiert waren. (Werlhof 1991, 34)

An die Erkenntnisse der Frauenforschung knüpfte die Familienforschung an, wenn Fuhs konstatiert, dass mit dem

Entwurf einer Geschichte der Familie (…) immer auch eine Legitimation oder ein Angriff auf die herrschenden Machtverhältnisse in einer Gesellschaft einhergehen (Fuhs 2007, 19).

Fuhs bricht damit den vermeintlich neutralen Familienraum auf und zeigt in seiner Geschichte der Familie, dass es um das Legitimationsbedürfnis des Geschlechterungleichgewichts und um Fragen von Männermacht geht. Dies gelte auch und gerade bei jenen Familienforschern, die durch eine Überhöhung und

Idealisierung der Familie in Erscheinung treten, insbesondere dann, wenn sie sie als Naturgegebenheit apostrophieren. (Fuhs 2007, 18).

Riane Eisler (2006) geht in ihrer Arbeit der kulturübergreifenden Geschichtswissenschaft von zwei grundlegend unterschiedlichen kulturellen Mustern aus. Das „dominatorische(n) Modell(s)“ der „traditionelle(n) Familie“ sei durch die autoritäre Sozial- und Familienstruktur gekennzeichnet. Familienstrukturen können nämlich matrilinear oder patrilinear gestaltet sein, d.h. Lokalität und Name folgen entweder der Mutter oder dem Vater.

Die Theoretikerin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray (1989) hat das Schicksal der in Patrilinearität lebenden Frau anschaulich nachgezeichnet; in einem ersten Schritt gelte es anzuerkennen, dass unsere Ordnung und Moral darauf beruhe, dass die Tochter von der Mutter getrennt und quasi-exiliert in die Familie des Ehemannes gepflanzt wird. Wie in der Tragödie des Sophokles beschrieben, beruhe dieser Vorgang auf einem gewaltsamen Raub einer Frau [29] durch einen Mann. Die Liebe der Mutter zur Tochter werde im Patriarchat unmöglich gemacht und in einen „Zwangskult“ umgewandelt, einen Kult gegenüber den Kindern ihres rechtmäßigen Ehemanns und gegenüber ihrem Ehemann als männlichem Kind. Die Auslöschung der weiblichen Genealogie in der männlichen sei nach Irigaray eine Schuld, die eine Ethik zwischen den Geschlechtern verunmögliche. Die solcherart konstruierte Familie diene allein dem Erhalt von Besitz, dem Eigentum an Vermögen und Kindern. Sie könne daher kein Ort des Respekts vor individuellen Unterschieden sein. Hier verkehren sich die Rechte von Frauen vollständig in Pflichten: die Pflicht zu gebären, sexuelle Pflichten etc.

Zur „Modernisierung“ von Familie kam es in den letzten Jahrzehnten, als die häuslichen Tätigkeiten als Arbeit bezeichnet wurden – ohne die „Hausfrau“ allerdings dafür entlohnen zu müssen. Ihr Schmuddelimage sollte verschwinden. Seither ist die Rede von den „soft skills“, die innerhalb der Familienarbeit eingeübt und als besonders ehrenwerte Eigenschaften und nützlich für den Arbeitsmarkt anerkannt werden sollten. In der neoliberalen Wirtschaftslogik erfährt die Hausfrauentätigkeit ein neues Wording: da ist die Rede von „care work“, „care economy“ und „social skills“.

Aufgrund der Modifikationen des Familienrechts in den 1970er Jahren nimmt die Dominanz des Mannes in der Familie in der Moderne ab. Realiter bleibt das Machtungleichgewicht aber auf verschiedenen Ebenen bestehen, sei es durch die Einkommensdifferenz, durch die ungleiche Aufteilung der Kinderbetreuung oder Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Kleinfamilie.

Die Vervielfältigung der Lebensformen – also Alleinerziehende, Patchworkfamilien oder getrennt Zusammenlebende – gilt als progressiv. Und die Anerkennung homosexueller Beziehungen und ihre rechtliche Legitimierung sind geradezu zum Gradmesser für eine fortschrittliche Gesellschaft geworden. Der Widerspruch ist augenscheinlich – ist doch die konservative Kleinfamilie, inklusive Kinderwunsch, zum Ideal gleichgeschlechtlicher Beziehungen geworden.

Definition von Patriarchat

Der Begriff Patriarchat war von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre Bestandteil feministischer Analysen sowohl im Kontext eines radikal-feministischen Ansatzes als auch der marxistischen Kapitalismuskritik. Damals ging es [30] in erster Linie um die Kritik am Sexismus der Institutionen und den Ausschluss der Frauen aus allen öffentlichen Bereichen.

Mit Anfang der zweiten Frauenbewegung ab den 1970er Jahren wurden die Hierarchisierung und die Ausbeutungsverhältnisse innerhalb der Hausfrauen-Ernährer-Ehe thematisiert und der Slogan vom „Politischen“ des „Privaten“ geprägt. Aktivistinnen und Forscherinnen identifizierten die herrschaftliche Machtausübung und die Kontrolle über weibliche Sexualität und Fortpflanzung als Kennzeichen des Patriarchats. Als soziale Grundlagen des hierarchischen Geschlechterverhältnisses wurden die ungleiche Arbeitsteilung und die politische Nicht-Repräsentanz erkannt, also der Zusammenhang von Ökonomie und Politik.

Lerner (1991) und Walby (1990) untersuchten das Patriarchat aus historischer und soziologischer Perspektive und verstanden es als System patriarchaler Dominanz, das sämtliche Strukturen und Institutionen umfasst. Walby definierte es als System sozialer Strukturen und sozialer Praktiken, in dem Frauen systematisch untergeordnet werden. Herrschaft und Machtausübung werden in solchen Systemen als notwendig definiert.

Dann verschwand der Ausdruck für einige Zeit. Auch die Frauenforschung wurde nun – aufgrund der Vorherrschaft des Poststrukturalismus11 – nicht mehr als solche benannt. Der Vorwurf ist seither, dass der Begriff Patriarchat zu verallgemeinernd sei und man auch nicht mehr von den Frauen als allgemeinem Referenzpunkt ausgehen dürfe. Das Konzept des Patriarchats würde modernen Gesellschaften nicht mehr gerecht, da es die Vormachtstellung des „pater familias“ nicht mehr gäbe. Geschlechterbeziehungen seien ab nun im Kontext von Klasse, Rasse und neuen Strukturmerkmalen wie sexueller Orientierung, Behinderung etc. zu sehen. Lehrgänge, die das Machtungleichgewicht in den Geschlechterverhältnissen im Blick hatten, werden seit den 1990er-Jahren umbenannt und wurden nun Lehrveranstaltungen zu „Gender und Diversity bzw. Intersectionality“12 genannt.

Auch die feministische Politikwissenschaft ist sich über den Patriarchatsbegriff nicht einig. Daly und Rake (2008) verwenden ihn in ihrer Analyse des europäischen Wohlfahrtsstaats unter dem Blickwinkel der Machtbeziehungen [31] zwischen Männern und Frauen. Sie legen dar, dass Männer und Frauen – vielfach aufgrund der unausgewogenen Betreuungspflichten für Kinder – ungleiche Einkommenschancen hätten und daher auch ungleiche Beträge aus dem Sozialsystem ausbezahlt bekämen. Dass sich die Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates entlang des männlichen Lebenszusammenhangs entwickelt hat, wird also von manchen Politologinnen als Patriarchat bezeichnet.

Insbesondere in den Sozialwissenschaften kommt eine systemische Herangehensweise am Patriarchatsbegriff nicht vorbei. So erweiterte Sylvia Walby (2009) ihr Konzept, indem sie „varieties of gender regimes“ unterscheidet und Patriarchat im Zusammenhang mit Intersektionalität neu verortet. Es tauchen auch weitere Bezeichnungen auf: androkratisch/dominatorisch (Eisler 2006) oder androzentrisch (Meier-Seethaler 1988). Kurz-Scherf (2009) argumentiert etwa für die Verwendung des Begriffs Androzentrismus für eine auf Männer fokussierte Forschungs- und Theorieperspektive, da in nahezu allen Politikfeldern androzentrische Problemdiagnosen vorherrschten und Ungleichheiten aufgrund des Geschlechts ignoriert werde.

Interessanterweise hält die kritische Männlichkeitsforschung am Begriff Patriarchat fest. Ehnis und Beckmann definieren es

als hegemoniale Männlichkeit nach Connell: ,jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis (…)

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