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Das Vermächtnis des Will Wolfkin

Inhalt

 

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. ERSTER TEIL · TRÄUME
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. ZWEITER TEIL · GOLD
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. DRITTER TEIL · FREIHEIT
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. Epilog

Steven Knight



DAS VERMÄCHTNIS DES
WILL WOLFKIN

Aus dem amerikanischen Englisch
von Ulli und Herbert Günther

Für meine Kinder

ERSTER TEIL

TRÄUME

1. Kapitel

Ich heiße Toby Walsgrove, und bevor ich anfange, euch meine Geschichte zu erzählen, sollte ich vielleicht kurz erklären, wer ich bin.

Ich wurde vor vierzehneinhalb Jahren im Royal Free Hospital in Hampstead, London, geboren. Meinen Namen habe ich von den Krankenschwestern dort bekommen. Eine von ihnen muss einen Kater namens Toby gehabt haben, und da bei meiner Geburt meine Ohren leicht zugespitzt waren wie die einer Katze, gaben sie mir den Namen Toby. Aber das ist schon in Ordnung. Ich empfinde es kein bisschen als Kränkung. Ich mag Katzen. Eine Katze hat mir einmal das Leben gerettet, aber davon erzähle ich später.

Meinen Namen habe ich deshalb von den Schwestern bekommen, weil sich meine Mutter wenige Stunden nach meiner Geburt aus dem Staub gemacht hat. Ich weiß nichts über sie, man hat mir nur gesagt, es sei ihr nicht gut gegangen und sie sei nicht in der Lage gewesen, für mich zu sorgen. Ich war also kaum in dieser Welt aufgetaucht, da ließ sich bereits ahnen, dass ich kein gewöhnlicher Junge war. Die meisten Babys zappeln und ballen ihre kleinen Fäuste, als wären sie empört darüber, dass sie der Geborgenheit im warmen Bauch ihrer Mütter entrissen werden. Ich dagegen rührte mich nicht, als ich auf die Welt kam.

Ich war am ganzen Körper gelähmt.

Aber ich werde mich nun nicht in langweilige Einzelheiten meines Gesundheitszustandes verlieren, nur so viel: Man stellte fest, dass bei mir von Geburt an praktisch nichts funktionierte. Die lateinische Bezeichnung für meine Krankheit ist Statische Enzephalopathie, was in Wahrheit einfach heißt: »Nichts funktioniert.« (Warum fangen Ärzte plötzlich an, lateinisch zu reden, sobald es darum geht, jemandem die entscheidende Information zu geben? Man muss sich mal vorstellen, Automechaniker würden das auch so machen! Wenn sie in dem Moment, in dem sie erklären sollen, was an dem Wagen kaputt ist, plötzlich mohikanisch reden würden!) Aber wie auch immer, die Ärzte hatten zwar einen Namen für meine Krankheit, aber keine Ahnung, wie man sie heilen könnte.

Aber bitte, so ist das Leben. Es besteht sowieso zum größten Teil aus Tja nun hier und Ach, du meine Güte dort.

Es ist komisch. Man ist in einem bestimmten Zustand geboren und versteht überhaupt nicht, wie es ist, anders zu sein. Bevor diese Geschichte anfing, hatte ich nur absolute Passivität und Machtlosigkeit gekannt. Ich war wie ein vom Frost überzogenes Fenster, durch das Passanten gerade mal so hindurchblinzeln konnten. Drinnen nur dunkle Möbel und irgendwo ein schwacher Schein … vielleicht ein Computermonitor, auf dem der Bildschirmschoner lief.

Ich konnte hören, aber nicht sprechen, ich konnte mich berühren lassen, aber selbst niemanden berühren. Doch ich konnte denken.

In den ersten vierzehn Jahren meines Lebens war ich nichts weiter als ein Denkprozess außer Kontrolle. Die ganze Kraft und die Energie, die meine Muskeln hätten stärken sollen, flossen in mein Vorstellungsvermögen. In Gedanken flog ich zum Mars, verwandelte mich in eine Ligusterhecke, tanzte auf einem Stecknadelkopf, gründete eine Stadt, leuchtete im Dunkeln wie ein Glühwürmchen … Lauter solche Dinge. Alles, um die Zeit totzuschlagen.

Ich »lebte« (man beachte die Anführungszeichen) in einem Kloster der Karmeliterinnen, das an einer belebten Straße in East Finchley, London, hinter hohen Mauern verborgen lag. Es wirkte wie ein leicht heruntergekommenes Schloss oder ein düsteres Gefängnis mit wohlmeinenden Wärterinnen. Das ganze Haus roch nach Feuchtigkeit, ausgebratenem Speck und besonders nach Kohl. Die Böden in den Gängen waren aus Stein, es gab billige Lampenschirme und helle Glühlampen, die die Nonnen immer in Mengen einkauften, weil durch die schmalen Fenster nicht genug Licht einfallen konnte.

Ich saß Tag für Tag neben einem dieser Fenster, den Kopf von einem Metallgestell gestützt, und bombardierte die Scheiben mit meinen Gedanken. Es wundert mich, dass sie nicht zersprangen …

Ich wurde von Nonnen versorgt, und man könnte leicht auf die Idee kommen, alle Nonnen wären gleich. Aber das stimmt nicht. Freundlich waren die meisten, das schon, nur wenn es um echtes Mitgefühl ging, versagte ihr Gespür manchmal. Sie trugen dieses übliche Nonnenoutfit, lange schwarze Gewänder aus schwerem Stoff, die nach Kleiderschrank und manchmal (heilige Mutter Gottes!) nach Zigarettenrauch rochen. Da war Schwester Cremer, die älter war als der Mond, Schwester Bagshott, die schon einmal einen Engel gesehen hatte, aber nicht darüber sprach, Schwester Ubo, deren Stimme sich wie ein Reibeisen anhörte, und die Wichtigste von allen: Schwester Mary.

Oh, wie liebte ich Schwester Mary! Sie war meine tägliche Betreuerin, ihre sanften Hände wischten mir Milch vom Mund, und ihre weiche Taille wippte gegen meine Knie, während sie diese kleine Melodie summte, die ich sonst nirgendwo gehört habe. Wer weiß, vielleicht hat sie sie selbst erfunden. Schwester Mary war wie ein zierlicher Fink mit kleinen runden Brillengläsern.

Eines Tages im Sommer stieß sie weit das Fenster auf und zeigte auf einen Baum, dessen Blätter im leichten Wind raschelten. »Schau doch mal, Toby! Die Sonne auf den Unterseiten der Blätter. Ist das nicht wie Feuer?«

»Ja«, wollte ich schreien, »genau so sieht es aus! Wie Feuer! Und, Schwester Mary, der Mond, wenn der Mond nur halb am Himmel steht, sieht er aus wie ein griesgrämiger Opa, der gerade in eine Zitrone beißt, und … und … und …«

Aber natürlich konnte ich nichts von all dem schreien. Ich konnte nicht einen einzigen Ton hervorbringen. Es war eine einseitige Unterhaltung, und so konnte ich nur hoffen, dass Schwester Mary aussprechen würde, was ich dachte. Und im Lauf der Jahre gelang ihr das auch meistens.

Schwester Mary war zuständig für meinen Unterricht, der im Wesentlichen darin bestand, dass sie mich fernsehen ließ und dass sie mir Bücher vorlas, die sie aus der örtlichen Leihbücherei holte. Da sich außer ihr niemand darum kümmerte, was ich lernte, machte Schwester Mary es einfach so, wie sie es für richtig hielt. Wir fingen mit Kinderreimen an, als ich zwei Jahre alt war, gingen zu Kinder- und Märchenbüchern über, dann kamen Gedichte an die Reihe, geschichtliche und naturwissenschaftliche Bücher. Ich liebte den Geruch, wenn Schwester Mary die Seiten aufschlug, besonders den der ganz alten wissenschaftlichen Werke, die seit Jahren niemand mehr geöffnet hatte. Mein Geruchssinn war fast genauso gut ausgebildet wie meine Vorstellungskraft. Schwester Mary erkannte schnell, dass ich den Geruch von modrigem Papier mochte, und so schleppte sie immer wieder dicke, verstaubte Lehrbücher aus der (kaum frequentierten) Wissenschaftsabteilung an, nur damit ich die Seiten riechen konnte, während sie mir mit leiser Stimme daraus vorlas.

Mit der Zeit entwickelte ich auf diese Weise ein wenig Interesse für Physik, was wiederum Schwester Mary dazu brachte, mir von Stephen Hawking zu erzählen. Das sei ein Mann, sagte sie, der wie ich an einen Rollstuhl gefesselt war, und dennoch sei er zweifellos der intelligenteste Mensch der Welt. Als sie merkte, wie sehr mich das beeindruckte, las sie mir von da an jeden Tag mindestens einen Abschnitt aus seinen Büchern über Physik vor, auch wenn die nicht besonders interessant rochen – sie waren zu neu. Ich verstand natürlich längst nicht alles, aber die große Linie seiner Ideen nahm ich trotzdem auf. Stephen Hawking sagt, dass die Zeit nicht linear verlaufe, dass das Universum gekrümmt und nichts wirklich real oder fest sei – und das bedeutet, absolut alles ist möglich. Wenn man an den Rollstuhl gefesselt ist, kann das eine sehr tröstliche Vorstellung sein.

Im Kloster gab es auch einen Kater, ein zappeliges schwarzes Ding namens Shipley, dem es oft gelang, sich in mein Zimmer zu schleichen, wenn niemand da war. Im Lauf der Jahre kam ich zu der Überzeugung, dass ich eine Art gefühlte Verbindung zu dieser scheuen kleinen Katze hatte, und so wurde Shipley mein bester Freund. Ich spürte schon immer ein paar Minuten vorher, dass er gleich kommen und mich besuchen werde, und wenn er dann mit seiner rauen Zunge über meine Hand leckte, war mir, als wolle er eine Botschaft auf meiner Haut hinterlassen, die ich lesen sollte (die merkwürdigsten Dinge können einem normal erscheinen, wenn man sie von Geburt an nicht anders kennt). Shipleys Botschaften waren manchmal ganz praktische Warnungen, zum Beispiel: »Schwester Ubo im Anmarsch! Will sehen, ob sie irgendwo Unordnung entdeckt, über die sie sich aufregen könnte!« In diesem Fall machte ich mich dann sozusagen ein bisschen kleiner, und kurz darauf hörte ich unweigerlich Schwester Ubos Sandalen über die Steinfliesen auf dem Gang schlappen: das gewohnte Geräusch, wenn sie auf Kriegspfad war. Andere Botschaften von Shipley brachten mich zum Lachen, wie zum Beispiel damals, als er mir erzählte, er habe Pater Reece unter seinen Priesterrock geschaut und gesehen, dass seine Beine so rosa wie die eines Flamingos seien. Und manchmal, wenn ich das Gefühl hatte, das Leben sei einfach nur ungerecht, leckte Shipley immer wieder »ist ja gut, alles ist gut« in meine Hand.

Im Sommer hielt er mit seinem Schwanz die Fliegen von meinem Gesicht fern, im Winter rollte er sich auf meinem Schoß zusammen und wärmte mich, schnurrend und fast elektrisch vibrierend, wie es Katzen so an sich haben. Ich wünschte mir mehr als alles auf der Welt, ihn zu streicheln, aber ich glaube, er verstand, dass ich es nicht konnte – und wer weiß, vielleicht war er sogar froh darüber.

Manchmal war ich sicher, dass ich meine Gedanken auf ihn übertragen konnte. Dann dachte ich mir Kommandos aus wie »springen«, »kratzen«, »schnurren«, und ab und zu schien Shipley tatsächlich zu verstehen. Wenn er den Kopf schräg hielt und mich mit diesen grünen Augen – grün wie ein Eichenblatt – ansah, dann war es, als erhelle ein sanfter Lichtstrahl meinen Kopf, um all das Düstere daraus zu vertreiben. Ich grübelte oft, warum ich mit spitzen Ohren auf die Welt gekommen war. Vielleicht hatte ich ja bei meiner Geburt etwas von einer Katze in mir und vielleicht erklärte das meine enge Beziehung zu Shipley.

Oft begleitete Shipley mich in meinen Träumen und verwandelte sich, wenn ich in Gefahr war, in einen Säbelzahntiger. Ein andermal marschierten wir Seite an Seite in den Kampf und unterhielten uns wie richtige Freunde. Nie konnte ich mich so genau erinnern, wie es zuging, dass er in meinen Träumen mit mir sprechen konnte, wo er doch eine Katze war, aber ich hatte gelernt, meine Träume nicht weiter zu hinterfragen. Träume waren schließlich die einzigen echten Abenteuer, die ich erlebte.

Der schönste Augenblick im Jahr war, wenn die Schwalben zurückkehrten und ihr Nest hinter der Regenrinne vor der Klosterküche wieder in Besitz nahmen. Dann wusste ich, dass nun auch das warme Wetter zurückkehrte (mein Zimmer war ziemlich zugig). Die Schwalben waren zu zweit und ich hatte sie »Look« und »Leave« genannt. Schwester Mary erzählte, dass sie in Afrika gewesen waren, und ich wünschte, ich wäre als Schwalbe und nicht als Mensch geboren. Das war freilich damals, als ich noch glaubte, ich sei ein ganz gewöhnlicher Mensch.

Der Tag, an dem diese Geschichte beginnt, war zufällig auch der Tag, an dem Look und Leave aus Afrika zurückkamen. Sie beginnt damit, dass Schwester Mary in mein Zimmer stürmte, einen Brief in der Hand und einen Ausdruck höchsten Erstaunens im Gesicht.

»Toby!«, sagte sie und der Umschlag zitterte in ihrer Hand, »… ein Brief! Und er ist … an dich gerichtet!«

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Soweit ich wusste, hatte ich keinen einzigen Verwandten auf der Welt, zumindest keinen, der sich zu mir bekannte. Und meine einzige Freundin war Schwester Mary, die jetzt den Briefumschlag aufriss und dabei alle möglichen Erklärungen vor sich hin murmelte.

»Wahrscheinlich Reklame … oder vielleicht wegen der Mehrfachimpfung … sieht aus wie etwas Offizielles vom Krankenhaus … aber die Adresse handgeschrieben …«

Sie unterbrach ihr Tun und zeigte mir den Umschlag.

»Sieh mal die Briefmarke! Der Brief kommt aus Island …«

»Dann mach das verdammte Ding doch endlich auf!«, schrie ich stumm, und irgendwie hörte mich Schwester Mary tatsächlich.

Ärgerlicherweise fing sie aber an zu lesen, ohne mir vorzulesen, und je weiter sie kam, desto größer wurden ihre Augen. Am liebsten hätte ich eine Vase gepackt und sie Schwester Mary über den Schädel geschlagen. Sie schnappte förmlich nach Luft, schüttelte den Kopf wie ein Hund, der gerade durch eine Pfütze gerannt war, las noch einmal … Am Ende legte sie die Hand an die Brust.

»Toby!«, rief sie fast schrill, »der Brief ist von einem Arzt …« Sie unterbrach sich und nahm meine Hand. »Er schreibt, er hat etwas …« Sie ließ meine Hand los und atmete heftig ein. »Er schreibt, er möchte ein neues …«

Die Stimme versagte ihr, und ich sah, wie ihre Gedanken rasten. Plötzlich faltete sie den Brief hastig zusammen und sprang auf.

»Ich muss sofort zur Mutter Oberin«, sagte sie und stürmte aus dem Zimmer.

So konnte Schwester Mary sein! Manchmal, wenn sie mir vorlas, machte sie sich einen Spaß daraus, absichtlich im entscheidenden Moment aufzuhören; dann klappte sie einfach das Buch zu und ließ mich die ganze Nacht schmoren. »Ein gutes Training für deine Fantasie«, sagte sie bei solchen Gelegenheiten. Aber diese Sache mit dem Brief war anders, und ich sah Schwester Mary an, dass es dieses Mal kein Spiel war.

Es dauerte zwei volle Stunden, ehe sie wieder in mein Zimmer kam, und schon als sie die Tür öffnete, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich kannte Schwester Mary so gut, wie wahrscheinlich nur sie sich kannte, und sie konnte unmöglich etwas vor mir verbergen. Sie kam herein, gelassen lächelnd, in der Hand eine Schüssel mit diesem weißen Proteinpapp, den ich immer essen musste, und tat, als käme sie nur wegen des Essens zu mir. Ihr weißes Geschirrtuch unter den Kunststoffgürtel geklemmt, setzte sie sich neben mich und fing an: »Also …«

Sie wollte mir den Brei in den Mund löffeln, musste aber schon an meinem Blick erkennen, dass ich mich weigern würde zu schlucken. Nur Schwester Mary konnte in meinem Gesicht lesen, und sie wusste, dass ich unbedingt mehr über diesen Brief erfahren wollte. Endlich stellte sie die Schüssel beiseite und wischte sorgfältig den Löffel ab, als wäre das im Augenblick das Wichtigste auf der Welt.

»Du willst wahrscheinlich wissen, was in dem Brief steht«, sagte sie schließlich.

»Ja doch!«, schrie meine lautlose Stimme.

Schwester Mary warf rasch einen Blick zur Tür, wie immer, bevor sie mir etwas sagte, was sie nicht sagen sollte.

»Die Mutter Oberin hat mich angewiesen, den Mund zu halten. Aber ich denke, die Katze ist nun schon ein Stück weit aus dem Sack, und deshalb sollte ich ihn wohl vollends öffnen …«

Wenn Schwester Mary nervös war, konnte sie auf ziemlich überzeugende Art Unsinn reden.

»Verstehst du, Toby, da schreibt ein Spinner von einem sogenannten Doktor aus Island – ausgerechnet Island! –, er hätte von dir und deiner Krankheit gehört und glaubt, er könnte dir vielleicht helfen.«

Mary sah mich prüfend an und las in meinem Gesicht wie in einem Buch.

»Siehst du«, sagte sie leise. »Es ist genau, wie die Mutter Oberin sagt. Falsche Hoffnung ist etwas Gefährliches.«

Sie legte ihre Hände auf die Knie, eine Geste, die sie immer machte, wenn sie eine Erklärung abgeben und sie gleichzeitig als abschließende Bemerkung verstanden wissen wollte.

»Wir haben zwei Stunden zugebracht, um diesen sogenannten Arzt im Internet ausfindig zu machen. Er ist leider nicht aufgetaucht. Auch das Institut, in dem er angeblich arbeitet, existiert nicht. Wir haben sogar mit einem netten Mann in Island telefoniert, der in einer Einrichtung wie der unseren arbeitet, und er sagt, er habe nie von diesem Doktor gehört … oder seinem sogenannten Heilmittel

Das Wort Heilmittel brach wie eine wohldosierte Explosion aus Schwester Mary heraus, und da nur sie die kleinste Veränderung in meinem Gesichtsausdruck sehen und deuten konnte, bemerkte sie sogleich den Schaden, den dieses Wort bei mir hervorgerufen hatte.

»Wir glauben jedenfalls, dass es sich um Betrügerei handelt. Da versucht einer, sich mithilfe unglücklicher Menschen, die mit einer ähnlichen Krankheit geschlagen sind wie du, zu bereichern.«

Sie blinzelte nervös, ihre Hände lagen immer noch auf ihren Knien.

»Also«, sagte sie. »Ein übler Trick. Die ganze Aufregung umsonst. Wenn du willst, hebe ich den Umschlag und die Briefmarke für dich auf.«

Wieder blickte Schwester Mary in mein Gesicht und hatte im Nu meine Gedanken gelesen. Sie bemühte sich um einen geringschätzigen Ton und redete wie jemand, der Krümel vom Tisch wischt.

»Nein, Toby, es hat absolut keinen Sinn, ihm zu antworten. Dieser Mann ist eindeutig ein skrupelloser Mensch. Wer weiß, welchen Schaden er anrichten würde?«

Sie folgte meinem Blick durch die Fensterscheibe.

»Oh, schau doch«, sagte sie, »die Schwalben sind aus Afrika zurück.«

Nur noch einmal wagte sie einen raschen Blick in mein Gesicht und erkannte den stummen, wilden Protest hinter meinen Augen. Diesmal aber war sie, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, nicht so entgegenkommend, meine Gedanken in Worte zu fassen. Sie nahm die Breischüssel und ging zur Tür. Kurz darauf schlüpfte Shipley ins Zimmer, sprang auf meinen Schoß und fing an, sanft meine Hand zu lecken.

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Inzwischen hatten Look und Leave drei Junge zu versorgen. Ich sah ihre grauflaumigen Köpfchen immer wieder über dem Nestrand auftauchen, wenn ihre erschöpften Eltern Fliegen und Würmer aus dem Gemüsegarten für sie heranschafften. Ich sah auch, wie eins der Kleinen von den andern aus dem Nest geschubst wurde, wie es zu Boden fiel und eine Weile reglos auf dem Kiesweg liegen blieb – bis Shipley kam und den kleinen Vogel vertilgte.

Ich wünschte mir in diesem Sommer oft, eine Art himmlischer Shipley würde kommen und mich ebenfalls vertilgen. Ich hatte genug. Dieses Dahinvegetieren war doch nur Zeitverschwendung. Die Sache mit dem Brief hatte sich tiefgreifend auf meine Stimmung ausgewirkt, genau wie die Mutter Oberin es vorhergesagt hatte. Mit einer aussichtslosen Situation kann man sich abfinden, aber ein Hoffnungsschimmer, und sei er noch so schwach, kann Folter sein. Selbst Schwester Mary konnte mich nicht mehr trösten. Unsere telepathischen Schachspiele endeten meistens in griesgrämigem Schweigen. Sie konnte die Hoffnungslosigkeit in meinen Augen lesen, und als die kleinen Schwalben flügge waren, fiel auch ihr nichts mehr ein.

Schließlich versuchte sie es mit einer Produktion von Schwester Marys fantastisches Theater der rätselhaften Begebenheiten. Das tat sie sonst nur bei besonderen Anlässen wie zu Weihnachten, an meinem Geburtstag oder wenn die Mutter Oberin wieder mal in Urlaub nach Polen fuhr. Dann brachte Schwester Mary mich in den Garten, wo die Vorstellungen stattfanden, und als ich klein war und mein Rollstuhl über die Schwelle der Hintertür ins Freie ruckelte, wurde ich so aufgeregt, dass ich jedes Mal das Gefühl hatte, meine Stimme sei plötzlich kräftig genug zum Schreien.

Draußen im Garten brachte Schwester Mary mit einem Griff in ihre Taschen zwei Handpuppen zum Vorschein, die in der klösterlichen Waschmaschine anscheinend einen Schleudergang zu viel abbekommen hatten. Da gab es eine Art Teddybär, der nur ein Ohr hatte, für ihre linke Hand und ein Ding, das aussah wie ein Skunk oder ein Dachs, für ihre rechte Hand. Die Idee dieser kleinen Stücke ging immer davon aus, dass der einohrige Bär Schwester Mary war und der Dachs ich. Die Geschichten dachte sie sich vorher aus, und zu zweit reisten wir dann an abenteuerliche Orte mit Namen, die Schwester Mary witzig fand, zum Beispiel »Doktorhut« in Kanada oder »Walla Walla« in Australien oder ein winziges Dorf in Afrika mit dem Namen »Ewige Hoffnung«. Ich glaube, sie hat diese Namen von Schwestern, die einmal zu Besuch im Kloster waren.

In allen Geschichten begegneten Schwester Mary und ich einem Bösewicht, der aber im Grunde gar nicht so böse war. Meistens handelte es sich um einen Straßenräuber, einen Piraten oder einen traurigen alten König. Doch anders als in meinen Mondabenteuern mit Shipley ging es in Schwester Marys Abenteuern friedlich zu, weil wir im entscheidenden Moment immer eine Möglichkeit fanden, den Bösewicht zur Umkehr zu überreden. In meinen eigenen Abenteuern wurden Bösewichte einfach erledigt – und fertig.

Ich wusste, es war ein letzter Versuch, als sich Schwester Mary im Gemüsegarten auf einen harten Stuhl setzte und vor meinem ausdruckslosen Gesicht ihre zwei ramponierten Handpuppen aus der Tasche zog. Sie tat es wie ein Pistolenheld im Wilden Westen, wenn er unerwartet seine Revolver zieht. Fast bedauerte ich die zwei armseligen Stofffetzen, weil ihnen eine so unmögliche Aufgabe gestellt wurde. Schwester Mary fing an, eine Geschichte von einem »bösen Doktor« zu erzählen, der in einer Höhle weit weg in Island wohnte und der armen Kindern ihr Geld abknöpfte, wenn sie zufällig an seiner Höhle vorüberkamen oder seine Brücke überquerten. Sehr aufmerksam hörte ich nicht zu. Ich glaube, am Ende konnten wir ihm seine üblen Angewohnheiten »ausreden« und er wurde ein grundanständiger Doktor.

Die gute Schwester Mary beendete die Aufführung mit einem kleinen Lied, das sie sich ausgedacht hatte, und während sie sang, wanderten meine Augen zu dem Nest an der Dachrinne, wo Look und Leave saßen und auf uns herabschauten. Es sah fast aus, als lauschten auch sie Schwester Marys Lied. Ich sehnte mich so sehr danach, dass die Geschichte und das Lied alles besser machen würden, aber der schwere Felsblock in meinem Innern wollte sich nicht von der Stelle rühren. Ich begriff, dass ich inzwischen zu groß war für Schwester Marys fantastisches Theater der rätselhaften Begebenheiten. Dieser Gedanke machte mich noch trauriger.

Schwester Mary beendete ihr Lied und sah mich erwartungsvoll an, die Handpuppen an die Wangen gepresst. Der Augenblick zog sich hin. Freilich änderte sich nichts an meinem Gesichtsausdruck, doch Schwester Mary kannte mich gut genug, um zu wissen, dass auch die Magie ihres Theaters, diese letzte Möglichkeit, mich nicht erreicht hatte. Schweigend streifte sie die Handpuppen ab und verstaute sie wieder in ihren Taschen, und ich glaube, sie wusste genau, dass sie sie nie wieder über die Hände ziehen würde. Dann schob sie mich wortlos zurück in die Dunkelheit meines Zimmers. Ihre Munition war aufgebraucht.

Und ausgerechnet in dieser Nacht, es muss ungefähr Mitternacht gewesen sein, geschah es, dass meine Welt explodierte …

Es war Vollmond. Ich erinnere mich, weil ich in meiner Vorstellung einen halbherzigen Kampf mit einem Trupp seltsamer Mondmonster ausfocht und Shipley mir dabei half. Der Kampf lief nicht gut für uns, und ich machte mich gerade bereit, zu einem der Krater zu fliehen, die von den Augen des Mannes im Mond gebildet wurden.

Da öffnete sich leise meine Zimmertür. Man muss wissen, dass sonst um diese Zeit meine Tür nie geöffnet wurde. Schwester Mary schlief längst. Und Schwester Ubo kam gewöhnlich hereingepoltert wie eine aufgescheuchte Giraffenherde. Dieser nächtliche Besucher aber war jemand auf leisen Sohlen … mit kleinen Schritten … schwerem Atem …

Natürlich konnte ich den Kopf nicht drehen, deshalb musste ich mir ein Bild aus den Geräuschen machen, und das wiederum konnte ich gut. Drei kleine Schritte, Einatmen, Räuspern, ein Geruch nach Regen und kalter Luft, der den Eindringling umgab. Meine Augen wurden groß, füllten sich mit Mondlicht.

Plötzlich spürte ich, dass sich meine Nackenhaare sträubten. Härchen, von denen ich bis zu diesem Augenblick überhaupt nichts gefühlt hatte!

Die leisen Schritte näherten sich und dann spürte ich einen fremden Atem auf meinem Hals. Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter, eine kleine Hand, sanft und kühl. Ich spürte den Druck von Fingern auf meiner Haut und ein eigenartig schmerzhaftes Prickeln in meiner Wirbelsäule, das sich langsam ausbreitete.

Wieder das Ausatmen und dann eine Stimme: »Toby Walsgrove«, sagte jemand, und ich erkannte in diesen zwei Worten die Stimme eines Jungen mit fremdem Akzent. Etwas Triumphierendes lag darin, als ob der, der da gesprochen hatte, schon seit Hunderten von Jahren darauf wartete, meinen Namen so auszusprechen.

»Wer bist du?«, sagte ich, und ich schwöre, ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass meine Stimme tatsächlich zu hören war!

2. Kapitel

Als der Fremde aus der Dunkelheit ins Mondlicht trat, konnte ich sehen, dass es ein etwa sechzehnjähriger Junge war, schmächtig, mit schwarzen, eng anliegenden Sachen und einer Art Mütze mit zwei Hörnern, die fest auf seinem Kopf saß. Als er sie abnahm, um sich zu zeigen, fiel eine Fülle dichter schwarzer Haare in alle Richtungen auseinander. Erst jetzt konnte ich ein Paar grüne Augen erkennen, die mit großer Eindringlichkeit auf mich herunterschauten.

»Beeil dich, Toby«, flüsterte der Junge. »Wir müssen hier weg sein, bevor der Mond untergeht.«

Mit der freien Hand fuhr er durch sein Haar, dann kratzte er sich mit dem Handgelenk schnell hinter dem Ohr. Auf einmal irrte der Blick seiner ungewöhnlich grünen Augen im Zimmer hin und her – er verfolgte einen Nachtfalter.

»Aber wer bist du?«, fragte ich noch einmal, und vor Verblüffung über den Klang meiner eigenen Stimme bekam ich fast Schluckauf.

»Wer ich bin, ist nicht wichtig, Toby Walsgrove«, sagte der Junge mit ernster Miene, ließ aber den Nachtfalter nicht aus den Augen. »Wir zwei Krieger müssen jetzt machen, dass wir zum Mond kommen und schwimmen, was das Zeug hält. Basta. Fragen bei Sonnenaufgang.«

Ich spürte, wie seine knochigen Finger meine Hand drückten. Und als er endlich seinen Blick von dem Nachfalter löste, bemerkte er die Verwunderung in meinem Gesicht. Er las meine Frage genauso mühelos, wie es Schwester Mary getan hätte.

»Mein Großvater hat dir einen Brief geschrieben«, flüsterte er. »Aber als er keine Antwort bekam, fand er es an der Zeit, dich …«, er drückte besonders heftig, »dich ein für alle Mal aus diesem trägen, traurigen, armseligen Leben zu reißen.«

Auf einmal – als wäre es das Natürlichste der Welt – spürte ich, wie meine Finger langsam gegen seine Hand drückten, ganz so, wie er die meine drückte!

Ich schrie auf. Ein dummes kleines Keuchen vor Schreck. Mein sonderbarer Besucher lächelte.

»Toby, ich möchte am liebsten tanzen, so froh bin ich, dass dieser Augenblick endlich gekommen ist. Warum tanzt du nicht mit mir?«

Inzwischen klammerte ich mich mit meiner ganzen Kraft an seine Hand, als hinge ich an einer Klippe und als wäre diese Hand das Einzige, was mich vor dem Sturz bewahren könnte. Nach einer Weile löste der nächtliche Besucher meine Finger von seinen und schob sein Kinn vor. Er legte seine Hand auf meinen Hals, an die Stelle, wo mein Herzschlag pulsierte.

»Setz dich auf, Toby«, sagte er leise.

Eine Wolke zog am Mond vorüber. Eine Eule schrie. Und plötzlich lief es mir warm durch den Körper, schwer und träge wie dicke Milch. Es war kein Schmerzgefühl, nichts Elektrisches oder Befremdliches – es war eine Art Welle, die mich trug.

Meine nächste Erinnerung ist, dass ich frei und aufrecht in meinem Stuhl saß …

»Au«, rief ich, als ich den Kopf drehen wollte und gegen das Metallgestell stieß, das ihn zwölf lange Jahre gestützt hatte.

»Warte«, sagte der Junge, »ich helfe dir.«

Mit dem Geschick einer Nonne löste er die Klammern auf beiden Seiten meines Kopfes. Dann zog er die Metallstütze weg …

Unmöglich lässt sich dieses Gefühl beschreiben, als plötzlich kühle Luft an die verschwitzte Haut hinter meinen Ohren kam. Es war wie eine Explosion. Es war, als würde mein Kopf klar und frei werden in diesem Luftzug und von einer kalten Strömung fortgetragen wie eine Kokosnussschale in einem reißenden Fluss.

»Gib nicht auf«, sagte der Junge, aber mein Kopf war schon wieder kraftlos auf meine Brust gesunken. Er hob ihn mit seinen langen, dünnen Fingern an, richtete ihn präzise aus, bis er wieder in der Balance war, und zog dann ganz langsam die Hand weg.

»Konzentriere dich jetzt darauf, deine gute alte Traumbüchse auf der Wirbelsäule zu balancieren wie eine Melone auf einem Speer«, sagte er, und ich war zu durcheinander, um zu merken, wie komisch er sich ausdrückte.

Ich spürte einen dumpfen Schmerz in Nacken und Rücken. Mit aufgerissenen Augen starrte ich den fremden Jungen an. Kurz darauf spürte ich ein fürchterliches Zerren und Reißen im ganzen Körper, es war, als würde etwas brechen … und wieder sank mein Kopf auf die Brust.

»Hör auf zu zweifeln«, sagte der Junge, »hol tief Luft und atme das Mondlicht ein.«

Mein Besucher fing an, meine Arme zu rubbeln, um sie aufzuwärmen. Dann hob er mit dem Zeigefinger noch einmal mein Kinn an. Diesmal blieb mein Kopf in Position.

»So«, sagte er. »Und jetzt lass den Klebstoff wirken.«

Unsere Gesichter waren nah beieinander. Die Augen des Jungen blickten direkt in meine, und in dem grünen Schimmer, der von ihnen ausging, lag etwas Vertrautes. In seinem Kehlkopf vibrierte der Atem wie sanftes Schnurren. Ich schnappte vor Schreck nach Luft.

»Du bist Shipley, der Kater!«, sagte ich, und meine Verwunderung darüber, dass ich sprechen konnte, war nichts gegen den Schock, dass ich plötzlich genau wusste: Ich hatte recht.

»Diesen Namen konnte ich noch nie leiden, noch nie!«, sagte der Junge. »Nenne mich von jetzt an bitte Egil. Das ist ein viel passenderer Name für einen Krieger. Und jetzt, Toby, unser Tanz …«

Er nahm meine Hand und fing an zu ziehen, als könnte ich einfach aufspringen und Pirouetten drehen. Ich reagierte nicht und blieb reglos in meinem Stuhl sitzen, schon aus reiner Vernunft.

»Warte, warte!«, sage ich, »Katzen verwandeln sich nicht einfach so in Jungen. Wie kommt es, Shipley, dass du ein Junge bist? Wir sind doch in keinem Traum. Ich weiß, dass es kein Traum ist, weil ich Kohl rieche, und in Träumen rieche ich nie Kohl …«

(Während ich so weiterredete, hob mein Besucher gelassen das Handgelenk, warf einen Blick auf eine imaginäre Uhr und gab mir damit zu verstehen, dass ich mit meinen Fragen nur Zeit verschwendete.)

»… und überhaupt, wieso kann ich auf einmal sprechen und mich bewegen? Ich verstehe das nicht. Shipley! Was um Himmels willen geht hier vor?«

Shipley, der Kater, und Egil, der Junge, waren vollkommen zu einem einzigen Wesen verschmolzen, das nun mit gekrümmtem Rücken vor mir im Mondlicht stand. Als ich aufhörte zu reden, ließ er vorsichtig meine Hand los, und mein Arm fiel nicht einfach schlapp auf meinen Schoß, wie er es noch vor wenigen Minuten getan hätte. Stattdessen ballten sich meine Finger zur Faust und ich starrte sie ungläubig an – es war ja schon ein Wunder, dass ich den Arm überhaupt frei in der Luft halten konnte.

»Erstens heiße ich nicht Shipley, sondern Egil, wie ich dir eben erklärt habe«, sagte er. »Und zweitens, was hier vorgeht, wird bei Sonnenaufgang beantwortet. Wir müssen jetzt das Halbwahre des Mondlichts nutzen, um auf das Boot zu kommen.«

»Was für ein Boot?«

Er lächelte und sah mir in die Augen.

»Statt dauernd Fragen zu stellen«, sagte er, »freu dich doch einfach mal am Geschmack der Worte auf deiner Zunge. Du kannst sprechen! Ist das nicht ein Knaller? Sprich laut deinen Namen, Toby Walsgrove. Stell dich der Welt vor.«

Einen Moment blieb ich stumm. Dann, ohne groß darüber nachzudenken, tat ich, was er sagte.

»Ich heiße Toby Walsgrove«, sagte ich leise. »Ich heiße Toby Walsgrove«, sagte ich wieder und wieder und noch einmal, und meine Stimme wurde allmählich immer lauter.

So lange hatten meine Gedanken wie Seifenblasen stumm in meinem Kopf gekreist und nun waren sie plötzlich frei. Ich schraubte sozusagen den Verschluss von einer Colaflasche, die vierzehn Jahre geschüttelt worden war.

Es dauerte nicht lange und meine Stimme wurde so laut, dass Egil erschrak. Um mich zum Schweigen zu bringen, drückte und knetete er mit beiden Händen die Haut auf meinem Arm, etwa so, wie man ein nasses Tuch auswringen würde. Es tat weh.

»Au!«, sagte ich und zog den Arm weg.

»›Au‹ ist ein prima Wort«, sagte Egil. »Du sagst es jetzt schon zum zweiten Mal. ›Au‹ ist besser als Stillschweigen. So, jetzt musst du aber schnell aufstehen, Toby.«

Ich starrte ihn an. Meine Beine hatten bis jetzt nicht einmal das Gewicht eines Rotkehlchens getragen. Egil sah den Zweifel in meinem Blick, aber er kümmerte sich nicht darum.

»Verzeih mir, Toby, ich will dich nicht hetzen, aber wir müssen wirklich vor dem ersten Tageslicht hier raus sein.«

»Wohin gehen wir?«

»Meinen Großvater besuchen«, sagte er. »Doktor Felman.«

»Den Doktor aus Island?«, riet ich.

»Menschen nennen es Island, ja.«

»Was meinst du mit ›Menschen‹?«

Egil sah kurz aus dem Fenster zum Mond hinauf.

»Das Schiff wartet nicht auf uns. Wenn wir nicht an Bord sind, bringt mich Großvater um.«

Plötzlich riss Egil an meinem Arm und zog mich ein Stück vor. Ich dachte, ich würde aufs Gesicht fallen, aber schon wurde ein unbekannter Mechanismus in meinem Kopf in Gang gesetzt und meine Beine schnellten vor, um den Sturz abzufangen. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich tatsächlich auf meinen eigenen zwei Beinen.

Egil sah mich aus schmalen Augen prüfend an und nickte. Ich wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort heraus – es gab schlichtweg keine Worte, um dieses Gefühl auszudrücken. Ich wusste nur, dass meine Augen irgendwo zuoberst auf einem baufälligen Gerüst balancierten und dass dieses Gerüst aus Teilchen von mir bestand. Ich spürte, dass die einzelnen Teile von Empfindung und von Knochen zusammengehalten wurden, und mithilfe dieses neuen Empfindens würde ich die Knochen bewegen können, da war ich mir auf einmal sicher. Es war ein weiteres Wunder, und fast hätte ich mich wieder hingesetzt, um das Ereignis zu überdenken.

»Du schaffst es«, sagte Egil schließlich. »Und jetzt lass uns von hier verschwinden.«

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Jedes Kind weiß, dass man nicht mit Fremden geht. Nicht mitten in der Nacht. Nicht Gott weiß wohin und warum. Aber man muss auch verstehen, dass ich meine ganze Aufmerksamkeit für das höchst sonderbare und unbekannte Geschäft des Laufens brauchte.

Stellt euch vor, ihr sollt eine flüchtig zusammengebastelte Vogelscheuche aus Stroh, Besenstielen, nassem Stoff und alten Schuhen über eine mit Schweinefett geschmierte Rutsche steuern! Und das bei Dunkelheit. Ich war so hin und her gerissen zwischen Entsetzen und fassungsloser Freude, dass ich die ganze Zeit schrie. Egil hielt meine Hand und beschwor mich, ruhig zu sein.

Ich fing an zu kichern und warf meine Füße nach vorn, mal den einen, mal den andern. Ich hatte schon oft Leuten beim Laufen zugesehen und immer gedacht, wie leicht es doch aussah. Jetzt stellte ich fest, dass das gar nicht stimmte. Und schon verlor ich die Balance und machte eine Drehung um dreihundertsechzig Grad.

Der Junge Egil war so verspielt wie der Kater Shipley und presste seine dünne Hand auf den Mund, um das Lachen zu unterdrücken. Wir waren jetzt auf dem langen Gang vor meiner Zimmertür und gingen auf ein mondbeschienenes Fenster zu. Wenn wir an diesem Fenster links abbogen und weiter dem Gang folgten, vorbei an der Statue der heiligen Bernadette, würden wir zu der großen Doppeltür kommen, die zur Klosterpforte und dann … hinaus in die Welt führte.

Eine schrecklich lange Reise, dachte ich, während Egil mich hochzog und wieder auf die Beine stellte. Und was schlimmer war: Ich wusste nicht, ob ich sie tatsächlich machen wollte. Die Dinge waren so schnell passiert, dass mein Verstand kaum mitkam. Egil raunte mir zu, ich müsse einfach nur den einen Fuß vor den andern setzen und bald wäre ich frei.

»Frei wofür?«, keuchte ich, während ich gegen die Tür des Besenschranks stolperte.

»Frei, alles zu tun«, sagte er. »Statt nichts

Ich drehte mich nach Egil um und der Blick seiner grünen Augen beruhigte mich. Shipley und ich hatten zusammen viele Abenteuer erlebt und immer waren wir als Sieger aus ihnen hervorgegangen. Warum sollte es diesmal anders sein?

Allmählich ging es mit dem Laufen besser und ich näherte mich dem mondbeschienenen Fenster. Trotzdem konnte ich die Angst, jeden Moment zu stürzen und aufs Gesicht zu fallen, nicht so schnell überwinden. Ich hielt mich an Egils Arm fest, aber er versicherte mir immer wieder, dass ich seine Unterstützung nicht mehr brauche. Als wir das Fenster erreicht hatten, sagte er, ich solle einen Augenblick stehen bleiben und das Mondlicht in mich aufnehmen.

»Wozu soll das gut sein?«, fragte ich.

»Mondlicht macht alles leicht und geschmeidig, sogar für Menschen«, sagte Egil, als wäre das die einleuchtendste Sache der Welt. »Bei Vollmond können sich die Dinge leichter verwandeln. Jetzt nimm ein paar tiefe Atemzüge und dann lass uns weitergehen.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, doch während ich mich am Fensterrahmen abstützte und tief einatmete, spürte ich meinen Körper mit jedem Atemzug kräftiger werden. Egil schien zufrieden mit meinem Fortschritt.

»Die Kraft des Mondes wirkt in dir wie eine unsichtbare Lunge«, sagte er und klopfte gegen meine Brust. »Wir werden große Abenteuer erleben.«

Die Erwähnung von Abenteuern ließ wieder Zweifel in mir aufkommen, und während wir so am Fenster standen, wurde ich von der Vernunft eingeholt.

»Was für Abenteuer?«, fragte ich. »Und wenn dein Großvater Arzt ist, wie du behauptest, warum stehlen wir uns dann so von hier weg?«

Draußen schlug die Kirchenuhr drei Uhr morgens. Egil holte tief Luft, es fiel ihm sichtlich schwer, Worte zu finden. Als er schließlich sprach, war alle jugendliche Unbekümmertheit aus seiner Stimme verschwunden und sie klang fast verängstigt.

»Toby Walsgrove, du hast ein großes Vermögen geerbt«, sagte er. »Mein Großvater ist nicht nur Arzt, sondern auch der Vollstrecker eines Testaments, und er hat mir eingeschärft, dass ich dich zu einer bestimmten Stunde an einen bestimmten Ort bringen muss, damit du anwesend bist, wenn dieses Testament verlesen wird.«

In diesem Augenblick hörten wir in einem der entfernteren Gänge das Klatschen von Schwester Ubos Pantoffeln. Drei Uhr – Zeit für die Morgengebete. Das Geräusch der Schritte erschreckte Egil, und so legte er, statt weitere Erklärungen abzugeben, die Hand auf meine Schulter und blickte mir tief in die Augen.

»Toby, wenn du wirklich absolut nicht mit mir gehen magst, dann ziehe ich jetzt meine Kraft aus deinem Körper zurück. Auf der Stelle. Dann werden sie dich wieder in deinen Rollstuhl bringen, du wirst für den Rest deines Lebens darin sitzen und nie mehr einen Muskel rühren. Wenn du dich aber jetzt dafür entscheidest, mit mir zu gehen, wirst du rennen, tanzen, kämpfen und fallen, du wirst dich anstrengen und tausend Dinge erleben.«

Die Schritte verklangen, aber bald würden weitere folgen. Ich dachte an den pappigen Brei, an die Langeweile und an die Schwalben, die mich jedes Jahr im Herbst verließen. Einen Moment blieben meine Gedanken bei der guten Schwester Mary hängen. Aber gegen die jähe Freude, dass ich aufrecht auf meinen eigenen Beinen stand, kam nicht einmal meine Liebe zu ihr an.

»Toby? Es wird Zeit, dass du dich entscheidest!«, flüsterte Egil.

3. Kapitel

Draußen in der kalten Nachtluft torkelte ich ungeschickt über den Gehweg, stieß gegen Mauern und fiel seitwärts in Hecken – wacklig wie ein neugeborenes Reh. Ich hatte nur meinen Baumwollschlafanzug an und einen Morgenmantel mit Zickzack- und Sternenmuster, aber im Augenblick spürte ich die Kälte nicht. Egil verfolgte meine Vorstellung mit prustendem Gelächter, das sich fast wie das Schreien einer Eule anhörte. Ich schurrte an einem parkenden Auto vorbei und löste dabei die Alarmanlage aus.

»Toby, auch wenn es langweilig ist, aber du musst dich wirklich bemühen, einen Fuß vor den andern zu setzen. Und zwar abwechselnd«, sagte er, während er mich hastig weiterzog. »Als Katze kann man über Autodächer laufen und dabei hochnäsig den Schwanz rotieren lassen, aber mit zwei Beinen ist das Laufen nun mal eine Sache von sturem Links, Rechts, Links, Rechts, bis man am Ziel ist.«

Ich klammerte mich an einen Laternenpfahl, um Halt zu finden.

»Shipley … ich meine Egil … erklär mir doch, wie du dich von einem Kater in einen Jungen verwandelt hast.« Ich blickte in das gelbe Licht der Laterne über meinem Kopf, wie berauscht von all diesen Wundern.

»Bitte, Toby, wir müssen uns beeilen.«

»Ich glaube nicht, dass ich meine Beine sortiert kriege …«

Egil sprang um die Laterne herum und hakte meinen Fuß los. Ich taumelte weiter.

»Sich von einem Kater in einen Jungen zu verwandeln ist ganz einfach«, sagte er. »Nicht schwerer als ein Sprung über eine Pfütze.«

»Aber warum hast du’s gemacht?«

»Weil die Zeit gekommen ist«, sagte er.

»Was für eine Zeit?«

»Die Zeit für dein Leben, Toby«, sagte Egil, gab ein fauchendes Geräusch von sich und stieß mich dabei unsanft in den Rücken. Ich dachte, ich würde aufs Gesicht fallen, aber da schnellten meine Beine spontan nach vorn und verhinderten den Sturz. Von da an ging es mit dem Laufen wie von selbst. Nachdem ich erst einmal in Schwung war, kam ich gut voran und Egil trabte neben mir her.

»Ich bin sieben Jahre lang ein Kater gewesen«, erzählte er, »und meine Aufgabe war es, dich gedanklich auf das vorzubereiten, was vor uns liegt. Deshalb habe ich dich mit auf all die Abenteuerreisen zum Mond genommen. Ich habe dir die edle Kunst des Kriegers bisher nur in der Vorstellung beigebracht. Jetzt ist es meine Aufgabe, auch deinen Körper darauf vorzubereiten.«

»Egil, ich glaube, ich kann sogar rennen!«

»Macht Spaß, oder?«, grinste er. »Fang mich!«

Plötzlich sprintete Egil los und war im Nu zehn Meter voraus.

»Warte«, rief ich ängstlich. »Wenn ich zu schnell atme, tut mir die Nase weh.«

»Wer zuletzt am Klubhaus ist, ist ein Schisser!«, rief er.

»Was für ein Klubhaus?«, schrie ich, aber Egil war schon auf und davon. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich jetzt, wo ich einen leistungsfähigen Körper besaß, große Lust hatte, meine Kräfte zu messen. Ich wollte Egil einholen. Anfangs setzte ich ungeschickt jeden Fuß mit der Ferse auf, doch als ich nach einer Weile herausfand, dass die Zehen den Schritt viel besser abfedern konnten, sprintete ich richtig los. Ein Auto fuhr vorbei, ich erhaschte einen kurzen Blick auf den Fahrer, aber er schaute nicht zu mir her.

Hinter der nächsten Kurve begann ein weißer Holzzaun und dahinter war ein Kricketfeld mit einem schäbigen alten Klubhaus und einer halb zerfallenen Anzeigetafel. Ich blieb am Zaun stehen, um zu verschnaufen. Hinter mir knarrte ein Eisentor im Wind. Ich drehte mich danach um und konnte einen von Brennnesseln überwucherten Weg erkennen, der an dem Kricketfeld entlangführte. Im Mondlicht sah ich den Schatten von einem Etwas, das ich für ein großes Tier mit Buckel hielt. Erst als es näher kam, merkte ich, dass es Egil mit einem Sack auf dem Rücken war.

»Also wirklich, diese kleinen Teufel sind so was von eingebildet«, sagte er und ließ seine Last vor meine Füße fallen. Der Sack war aus einem schweren, glänzenden Material und mit rotem Band zugebunden »Hinter dem Klubhaus war eben eine Ratte, und ob du’s glaubst oder nicht, sie hat mir einfach frech ins Gesicht gelacht! Nur weil ich nicht mehr Shipley, der gefürchtete Jäger bin.«

Unvermittelt schossen Egils Blicke in die Dunkelheit …

»Da rennt sie! Dieser kleine aufgeblasene Teufel!«

Egil wollte schon hochspringen, um nach Art der Katzen mit allen vieren auf seiner Beute zu landen, aber er riss sich gerade noch zusammen.

»Sieben Jahre Meisterrattenfänger ist eine lange Zeit«, sagte er leise. »Das hinterlässt seine Spuren, verstehst du?«

Und während er mich mit seinen ungewöhnlich grünen Augen ansah, fiel mir ein, dass es genau sieben Jahre her war, seit der Kater Shipley als Streuner ins Kloster gekommen und von den Nonnen aufgenommen worden war.

»Willst du sagen, du bist nur meinetwegen ins Kloster gekommen?«, fragte ich.

»Aber sicher. Großvater hat mich geschickt. Seitdem stehst du unter meinem Schutz.«

Ich kniff die Augen zusammen und sagte durch aufeinandergepresste Zähne: »Weißt du was, Egil, wenn ich über das, was hier vor sich geht, logisch nachdenke, werden mir die Beine schwach.«

»Dann denk lieber nicht darüber nach«, sagte er. »Hier, ich habe was zum Anziehen für dich …« Er tauchte mit dem Kopf in den Sack. »Es wird dich erstens wärmen und zweitens vom Grübeln abhalten.«

Egil zog einen dicken Pelzmantel aus dem Sack und eine Hose aus glattem pelzartigem Material, das glänzte, als wäre es in Tierfett getränkt worden. Mantel und Hose schienen mir viel zu groß zu sein, aber ehe ich etwas sagen konnte, sprach Egil schon weiter.

»Es sind magische Kleider«, sagte er. »Sie ändern ihre Größe, je nachdem, wer sie trägt.«

Vor dem Mond zog eine Wolke vorbei. Egil neigte seinen Kopf ein wenig, wie Katzen es tun, wenn sie etwas interessiert.

»Was hast du gegen das Wort ›magisch‹?«, sagte er.

Egil hatte meine Gedanken gelesen. Wenn er von magischen Kleidungsstücken oder magischem Was-weiß-ich-für-Dingen redete, beschlich mich sofort die Vorstellung, es könnte wieder nur ein Traum sein – und ich wollte nicht, dass es ein Traum war. Es sollte Wirklichkeit sein, denn wenn ich auch erst vor einer knappen Stunde meinem Rollstuhl entkommen war, so wollte ich schon jetzt mehr als alles andere auf der Welt laufen, rennen und die kalte Luft in der Nase spüren.

Egil sprach leise.

»Wenn dir das Wort ›magisch‹ nicht gefällt«, sagte er, »werde ich das richtige Wort dafür benutzen. Es sind Fel-Kleidungsstücke. Und es war Fel-Kraft, mit der ich dich zum Gehen und Sprechen gebracht habe. Fühlst du dich mit diesem anderen Wort nun wohler?«

»Nein, weil ich nicht weiß, was Fel sein soll.«

Egil musterte mich eine Weile und dabei schwankte sein Blick zwischen Mitleid und leichter Belustigung.

»Großvater ist sehr streng«, sagte er. »Ich musste ihm versprechen, dass ich dir nichts von den wichtigen Dingen erkläre, bevor wir in Island sind.«

»Aber Island ist doch … meilenweit entfernt«, sagte ich schließlich, obwohl ich gar nicht sicher war, wo Island lag. Ich hatte nur eine leise Ahnung, dass es irgendwo ganz oben auf dem Globus war. Egil hörte nicht hin. Er hatte im Schein des Mondes eine Fledermaus entdeckt und folgte mit ruckartigen Kopfbewegungen ihrem Flug.

»Hast du gewusst, dass Fledermäuse nicht viel besser schmecken als Ledersandalen?«, sagte er.

Er warf einen raschen Blick hinauf zum Mond, dann drückte er mir den Pelzmantel in die Hände.

»Wenn wir in Island sind, kannst du Großvater fragen, was du willst«, sagte er. »Aber jetzt … sieh mal, der Mond ist fast untergegangen. Bitte zieh die Sachen an und dann lass uns aufbrechen.«

Ich schaute zurück auf die gewundene Straße, die am Kloster vorbeiführte. Sie glich einem silbernen Fluss aus Mondlicht, wenn man sich all den Müll und die geparkten Autos wegdachte. In meinem Rollstuhl war ich oft auf dieser Straße gewesen, hinter mir Schwester Mary, die mich geschoben und dabei ihre Liedchen gesungen hatte, um mir Fröhlichkeit vorzugaukeln. Wie hatte ich mich danach gesehnt, wenigstens ein einziges Mal aus meinem Rollstuhl springen und unbeschwert rennen zu können.

Jetzt war es Wirklichkeit geworden! Wenn ich jetzt nach Vernunft und Logik fragte, würde das vielleicht nur zu vernünftigen logischen Ereignissen führen, und das, so dachte ich, war das Letzte, was ich gebrauchen konnte.

Ich zog die Hose über meinen Schlafanzug und es war, wie Egil gesagt hatte: Sie schrumpfte auf meine Größe zusammen. Auch der Mantel schien sich zusammenzuziehen, als ich meine Arme hineinsteckte und die feucht-wohlige Wärme von Tierfell spürte. Ich beugte den Arm, und da bewegte sich das Fell so komisch, dass ich fast das Gefühl hatte, der Mantel sei lebendig.

»Du siehst aus wie ein großes, intelligentes Nagetier«, sagte Egil. Dann griff er zu meinem Erstaunen in seine Tasche und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. Es waren normale Autoschlüssel. Er drehte sich um und ging rasch auf einen uralten rostigen Zweisitzer zu, der mit der Kühlerhaube tief in einer Weißdornhecke neben uns stand. Egils grüne Augen funkelten, als er mir winkte.

»Mit diesem Wagen bin ich vor sieben Jahren hierhergekommen, bevor ich mich in eine Katze verwandelt habe«, sagte er. »Aber ich bin sicher, er springt sofort an.«

Ich zögerte. Es gab so viele Fragen, aber ausgerechnet die dümmste fiel mir zuerst ein.

»Bist du überhaupt alt genug zum Fahren?«, fragte ich.

»Ach so, warte mal«, sagte er und legte nachdenklich einen Finger an das Grübchen in seinem Kinn. »An meinem nächsten Geburtstag werde ich … fünfhundertsieben Jahre. Das ist doch alt genug, oder?«

Mir blieb der Mund offen stehen. Egil öffnete die Beifahrertür – sie quietschte wie ein Sargdeckel – und drängte mich einzusteigen. Ich gehorchte und Egil steckte den Schlüssel in die Zündung.

»So, jetzt wollen wir aber mal ordentlich aufdrehen«, sagte Egil, und noch bevor der Motor in Gang kam, hörte ich dieses aufgeregte Rasseln in seiner Kehle – wie ich es von Shipley kannte, wenn er etwas im Schilde führte. Am Ende war dann immer etwas verschüttet, umgekippt oder kaputt.

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Ich weiß nicht, ob Egil das Auto mit magischen Kräften auf Touren brachte oder ob es ganz einfach der letzte glorreiche Tag eines uralten Autos war. Wir fuhren mit hundert Stundenkilometern durch die nassen, leeren Straßen Londons, trotzdem strich sich Egil fortwährend das Haar zurück, schnurrte oder kratzte sich hin und wieder mit der hochgezogenen Schulter am Ohr.

Ich war es nicht gewöhnt, in einem Auto zu sitzen. Natürlich war ich schon mit dem Klosterbus gefahren, aber der Busfahrer hielt sich an ein angemessenes Tempo, beachtete die Verkehrszeichen und konnte Rot, Grün und Gelb unterscheiden. Egil kümmerte sich nicht um Farben. Ich meinte, ich hätte irgendwo gelesen, Katzen seien farbenblind. Egil, der Mensch, war allerdings verrückt und farbenblind. Es interessierte ihn auch nicht, dass noch andere Autos unterwegs waren. Wenn er ein Hindernis sah, drückte er einfach auf die Hupe, und wenn jemand wagte, genauso zu reagieren, leckte er sich ungeduldig über die Lippen oder fauchte.

Als wir am Fleischmarkt in Smithfield vorbeifuhren, sah Egil eine Ratte über die Straße laufen und raste instinktiv hinterher. Das Auto krachte in eine Reihe Plastikmülltonnen, schrammte haarscharf an einem Laternenmast vorbei und holperte schließlich über Kopfsteinpflaster in eine dunkle Seitengasse hinein. Sie wurde immer schmaler und vor einer Art Kneipe kamen wir abrupt zum Stehen. Eine Frau und ein Mann standen vor dem Eingang; sie hatten sich gerade geküsst und drehten sich nun überrascht nach uns um.

»Sorry«, sagte Egil zu sich und mir, während er den Rückwärtsgang einlegte und wieder Richtung Hauptstraße steuerte.

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