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Das Vermächtnis der Runen

ÜBER DEN AUTOR

Michael Peinkofer, Jahrgang 1969, studierte in München Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft. Seit 1995 arbeitet er als freier Autor, Filmjournalist und Übersetzer. Unter diversen Pseudonymen hat er bereits zahlreiche Romane verschiedener Genres verfasst. Bekannt wurde er durch den Bestseller Die Bruderschaft der Runen und der historischen Abenteuerreihe um Sarah Kincaid. Michael Peinkofer lebt mit seiner Familie im Allgäu. Weitere Informationen zum Autor unter www.michael-peinkofer.de

MICHAEL
PEINKOFER

Das
Vermächtnis
der
Runen

HISTORISCHER ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Mädels.
Wo wäre ich ohne Euch?

HANDELNDE PERSONEN

Quentin Hay

Journalist, Neffe Walter Scotts

Mary Hay

seine Ehefrau

James Ballantyne

Verleger, Freund Sir Walters

Lady Charlotte

Sir Walters Ehefrau

Brighid

eine blinde Passagierin

Duke of Albany

ein Mann mit dunkler Vergangenheit

Charlotte, Duchess of Albany

seine Tochter

Winston McCauley

Arzt aus Boston

Milton Chamberlain

Anwalt aus London

Cranston McCabe

Kapitän der Fairy Fay

Jeffrey Pine

Erster Offizier der Fairy Fay

Sean O’Leary

Maat der Fairy Fay

Andrew Frowley

Offizier der Hafenkommandantur von Leith

Desmond Filby

Notar aus Edinburgh

Horatio Bloomfield

Redakteur des Edinburgh Weekly Journal

Mortimer Kerr

Verwalter von Abbotsford

Trevor

Kutscher

John Slocombe

Sheriff von Kelso

Malcolm Graham

junger Mann aus Kelso

Red Molly

eine Kupplerin

Natty

ein Freudenmädchen

Captain Fulton

Hauptmann der Grey Dragoons

Jacques Ferrand

Kapitän der Espérance

Tristan Luriel

sein Erster Offizier

Serena

eine Hausbedienstete

Ginesepina

die Köchin

Manus

ein bereitwilliger Diener

und

Sir Walter Scott

Unternehmer, Anwalt und Romancier

PROLOG

 
 
 
 
 
Ostküste Schottlands
Dezember 1745

»Sacré brouillard.«

Unruhig trat Kapitän Jacques Ferrand von einem Fuß auf den anderen, während er den Mantel um seine Schultern enger zog und die Planken unter seinen Stiefeln knarrten. Er hatte das Gefühl, dass die Kälte und der Nebel nicht nur unter seine Kleider krochen, sondern auch unter seine Haut, und sich direkt auf seine schmerzenden Knochen legten.

Wie er den Norden hasste!

Seine Gedanken schweiften ab, flüchteten aus dem kalten Grau dieser Nacht in das weiche, sonnenwarme Licht des Luberon, wo er geboren war und seine Kindheit und einen Teil seiner Jugend verbracht hatte, ehe er dem Lockruf des Abenteuers gefolgt und zur königlichen Marine gegangen war. In Nächten wie diesen hätte er manches darum gegeben, wieder zu Hause zu sein, in dem kleinen Haus, das er sein Eigen nannte und wo seine Frau und seine vier Kinder auf ihn warteten; im Garten zu sitzen, den Duft der nahen Lavendelfelder zu riechen und auf die ockerfarbenen Felsen zu blicken, die im Licht der untergehenden Sonne …

»Mon capitaine!«

Lieutenant Luriel, sein Erster Offizier, war zu ihm getreten. Die Miene des jungen Mannes war angespannt, beinahe besorgt.

Ferrand nickte. Es war Zeit.

Mit einem Handzeichen gab er Luriel zu verstehen, dass die Fahne eingeholt werden sollte. Es widersprach Ferrands aufrichtigem Wesen, sein Schiff auf diese Weise unkenntlich zu machen und sich wie ein Dieb in dunkler Nacht der Küste entgegenzuschleichen, ohne Hoheitszeichen, die Lampen an Bord sämtlich gelöscht. Doch die Mission erforderte es; die Ladung, die die Espérance an Bord hatte, machte es unumgänglich.

Ferrand blickte am Mast empor, dessen Top sich in Dunkelheit und Nebel verlor, sah die schemenhaften Gestalten zweier Matrosen das Lilienbanner einholen und falten. Niemand sollte sehen, dass es ein französisches Schiff war, das der Küste entgegenhielt. Um das Versteckspiel zu komplettieren, waren Ferrand und seine Mannschaft auch angewiesen worden, ihre Uniformen abzulegen und sich als Handelsschiffer zu tarnen – ein weiterer Winkelzug, der dem Kapitän der Espérance nicht behagen wollte. In seiner langen Karriere als Offizier zur See hatte er zahllosen Stürmen getrotzt und in vielen Gefechten gekämpft, doch diese Heimlichtuerei war ihm zuwider, kaum weniger als der Nebel und die Kälte.

Wie zum Spott lösten sich unvermittelt Schneeflocken aus dem Nachthimmel und fielen lautlos auf das Deck, was Ferrand eine weitere Verwünschung entlockte. Und fast im selben Moment konnte er erkennen, wie Wolken und Nebel für einen Moment aufrissen und den Blick auf ein schwarzes, scharf gezacktes Band freigaben, das am nahen Horizont verlief.

Die schottische Küste.

Leise gab Ferrand Befehl, die Segel zu reffen. Dann ließ er sich vom Maat eine Laterne reichen. Ferrand entzündete sie und trat damit an die Reling, und indem er die Flamme in dicht aufeinander folgenden Abständen mit dem Saum des Umhangs bedeckte, schickte er ein Lichtsignal zur Küste, so, wie es ihm aufgegeben worden war.

Der Kapitän spürte, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte, während er das Signal in die Dunkelheit sandte, nicht nur, weil er damit die Position seines Schiffes preisgab, sondern auch, weil er sich nicht sicher war, ob er die richtige Bucht angesteuert hatte. Wegen der Wolken und des Nebels hatte Ferrand den Kurs zuletzt nur schätzen können und hoffte, dass die um diese Jahreszeit besonders starken Küstenströmungen die Espérance nicht zu weit nach Norden abgetrieben hatten. Und selbst wenn es der vereinbarte Treffpunkt war – würden die Kontaktleute, denen er die Fracht übergeben sollte, tatsächlich auf ihn warten?

Mit zu Schlitzen verengten Augen starrte der Kapitän zum gezackten Band der Küste.

Als dort alles dunkel blieb, wiederholte er das Signal. Und im selben Augenblick, da der Kapitän der Espérance den Umhang einmal mehr enger ziehen und das raue Wetter mit einer Verwünschung bedenken wollte, sah er inmitten der Schwärze etwas aufblitzen.

Es war nur ein schwaches Leuchten und so kurz, dass man schon einen Lidschlag später nicht mehr hätte sagen können, ob es sich womöglich nur um eine Täuschung gehandelt hatte. Aber dann wiederholte es sich, sodass kein Zweifel mehr möglich war.

Die andere Seite antwortete.

Jacques Ferrand war nicht eitel genug, um sich zu der nautischen Meisterleistung zu gratulieren, die er vollbracht hatte. Er gönnte sich noch nicht einmal ein Aufatmen. Sein einziges Ansinnen bestand darin, die geheime Ladung loszuwerden und dann so rasch wie möglich auf die offene See zurückzukehren.

Er wies Luriel an, das Beiboot klarzumachen und die Ladung auf Deck holen zu lassen. Die Matrosen der Espérance, von denen einige schon seit Jahren unter Ferrands Kommando dienten, waren kräftige Burschen. Dennoch waren vier von ihnen nötig, um die mit Wachs versiegelte und mit eisernen Schlössern gesicherte Truhe aus dem Laderaum zu hieven und im Beiboot zu verstauen. Zwei Marinesoldaten, wie Ferrand und der Rest der Mannschaft in zivile Kleider gehüllt, stiegen in das Boot, um die Ladung zu bewachen. Als Ferrand ihnen folgen wollte, hielt Luriel ihn zurück.

»Mon capitaine, sollte nicht lieber ich gehen?«

»Nein.« Ferrand schüttelte den Kopf. »Der Befehl war in dieser Hinsicht eindeutig. Ich selbst soll dafür Sorge tragen, dass die Ladung sicher übergeben wird. Sollten sich die Dinge anders entwickeln als vorgesehen, wissen Sie, was zu tun ist.«

»Aber …« Ferrand sah, wie ein dicker Kloß Luriels blassen Hals hinauf- und wieder hinabwanderte, während der junge Offizier nach passenden Worten rang. »Ich weiß nicht, ob …«

Die vielen Jahre auf See hatten Ferrand zu einem guten Menschenkenner gemacht. Er wusste, wann seine Leute Zuspruch brauchten, wann Ermahnung und wann eine Mischung aus beidem. Kurzerhand legte er Luriel die rechte Hand auf die Schulter und sah ihm fest in die Augen. »Tristan«, sprach er ihm leise zu, »dies ist nicht der Augenblick für Selbstzweifel. Sollte ich nicht zurückkehren, werden Sie das Schiff wenden und unverzüglich nach Brest zurücksegeln, haben Sie verstanden?«

Luriel starrte ihn an.

Und nickte schließlich.

»Ich zähle auf Sie, Tristan. Haben Sie verstanden?«

Luriel nickte abermals.

»Oui, capitaine.«

Ferrand nickte, rüttelte in einer freundschaftlichen, fast väterlichen Geste an der Schulter des Offiziers. Dann wandte er sich ab und bestieg das Beiboot, das ausgebracht und abgefiert wurde. Sechs Matrosen kletterten an den Strickleitern herab und bemannten die Riemen, und schon kurz darauf schwankte das Beiboot von der Dünung getragen der Küste entgegen.

Im selben Maß, wie der Schneefall zunahm, lichtete sich der Nebel, sodass in dem spärlichen Mondlicht, das durch die Wolkendecke drang, die Küstenlinie immer deutlicher sichtbar wurde: steil aufragende, schroffe Felsen, so kalt und ungastlich wie das Land, das sich dahinter befand. Der Gedanke, dass er sich freiwillig für diese Mission gemeldet hatte, befremdete Ferrand plötzlich. Obschon er bereits in den überseeischen Kolonien gedient hatte und viele Male in Ostindien gewesen war, hatte er plötzlich das Gefühl, noch nie zuvor in seinem Leben so weit von zu Hause entfernt gewesen zu sein.

Es war eine unsinnige, überflüssige Empfindung, doch sie war so stark, dass Ferrand seine ganze Disziplin aufwenden musste, um sich ihrer zu erwehren. Er sah nach der Truhe, die im Heck des Bootes verzurrt worden war. Man hatte ihm nicht gesagt, was sich darin befand, lediglich, dass der Inhalt dieser Truhe den unseligen Krieg, der sich an der österreichischen Thronfolge entzündet hatte und seit nunmehr fünf Jahren tobte, zu beenden vermochte, zum Ruhme Frankreichs und zum Verderben Englands und Österreichs. Diese Aussicht hatte Ferrand dazu bewogen, sein Schiff in den Dienst dieser geheimen Mission zu stellen, und sie war es auch, an die er sich in diesem Augenblick klammerte, als Sturmböen eisig über die See fegten und das Boot sich bald aufrichtete, bald in tiefe Wellentäler stürzte.

Die Küste war jetzt nur noch einen Steinwurf entfernt. Ein Strand aus grobem Kies zeichnete sich ab, darüber schroffer Fels, in dem unvermittelt wieder ein Licht aufglomm.

Drei lange Signale und drei kurze.

Ferrand griff seinerseits nach der Laterne und erwiderte das Signal in umgekehrter Reihenfolge.

Das verabredete Zeichen.

»Los, Leute«, zischte er daraufhin seinen Männern zu. »Legt euch in die Riemen. Schon bei Tagesanbruch sind wir auf dem Weg nach Hause.«

Diese Aussicht schien die Männer zu beflügeln. Ohnehin hatte die Überfahrt unter keinem guten Stern gestanden. Unruhige See, ungünstige Winde, eine britische Fregatte und schließlich der dichte Nebel hatten dafür gesorgt, dass die Espérance Umwege hatte nehmen müssen und langsamer vorangekommen war, als die Dringlichkeit der Mission es erforderte. Dass es Ferrand gelungen war, den Treffpunkt dennoch binnen des vereinbarten Zeitraumes zu erreichen, grenzte an ein Wunder. Einmal mehr hatte das Schiff seinem Namen Ehre gemacht.

Je seichter das Wasser wurde, desto steiler türmten sich die Wellen, überschlugen sich und tosten dem Strand entgegen, wobei sie das Boot erfassten und das letzte Stück trugen. Der Kiel hatte den sandigen Grund kaum berührt, als die Matrosen bereits aus dem Boot sprangen und es vollends an Land zogen, dem eisig kalten Wasser zum Trotz. Schließlich ging auch Ferrand an Land, gefolgt von den beiden Soldaten, die ihre Musketen erhoben hielten und sich wachsam in der Dunkelheit umblickten.

Erst in diesem Moment wurde Kapitän Ferrand bewusst, dass er zum ersten Mal in seinem Leben den Fuß auf das Land des Feindes setzte. Doch wenn die Pläne aufgingen, so war dieser Feind womöglich schon bald ein Verbündeter.

Einer der Soldaten stieß einen leisen Warnruf aus und deutete in Richtung der Felsen. Fast im selben Moment erblickte auch Ferrand die Gestalten, die sich von dort näherten.

Wie viele es waren, vermochte er nicht zu sagen. Menschen, Felsen und verkrüppelte Bäume waren inmitten von Dunkelheit und wirbelnden Flocken nicht voneinander zu unterscheiden. Erst als sie sich durch den knirschenden Kies näherten, konnte Ferrand Einzelheiten ausmachen. Gesichter sah er nicht, nur Umrisse, und die sagten ihm, dass die Gestalten bewaffnet waren. Wenn auch wohl nur mit Knüppeln und Entermessern.

Einer der Schotten rief Ferrand etwas zu. Infolge des heulenden Windes und der rauschenden Brandung verstand der Kapitän nicht, was der andere sagte, aber er nahm an, dass er nach der Losung fragte.

»Fhìor rìgh«, presste Ferrand daraufhin ebenso mühsam wie unbeholfen hervor. Die gälischen Worte auszusprechen, bereitete seiner französischen Zunge Probleme. Er konnte nur hoffen, dass sie dennoch verstanden wurden.

Ein banger Augenblick verstrich, dann nahm Ferrand erleichtert zur Kenntnis, dass die Schotten ihre Waffen sinken ließen. »Kommt näher«, forderte ihr Wortführer den Kapitän in leidlichem Französisch auf, worauf sich Ferrand zu seinen Leuten umwandte und sie anwies, die Truhe abzuladen.

Die Matrosen gehorchten wortlos und luden die schwere Truhe ab. Mühsam schleppten sie sie ein Stück den Strand hinauf, ehe sie sie auf Ferrands Geheiß im Kies absetzten.

»Wir sind niemals hier gewesen«, erklärte der Kapitän dazu. »Und Sie haben diese Ladung nie erhalten.«

»Verstanden«, kam es in schlechtem Französisch zurück.

Der Schotte und einige seiner Leute waren bis auf wenige Schritte herangekommen. Ferrand glaubte, bärtige Mienen zu erkennen und Augenpaare, die in der Dunkelheit funkelten, und etwas in ihm drängte ihn, diesen Ort so rasch wie möglich zu verlassen. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt und die Ladung übergeben, was nun geschah, lag nicht mehr in seiner …

Ein hässliches Geräusch ließ ihn herumfahren.

Es war ein helles Flirren, gefolgt von einem gurgelnden Laut, und Ferrand sah, wie einer seiner Matrosen umkippte, den Mund geöffnet und beide Hände auf seine durchschnittene Kehle pressend.

Es ging so schnell, dass Ferrand einen Augenblick brauchte, um zu begreifen. Da krachten bereits die Schüsse.

Zündfeuer leuchtete auf, riss in Mordlust verzerrte Mienen aus der Dunkelheit, und Ferrand hörte die Schreie seiner sterbenden Männer.

Die beiden Soldaten brachen in die Knie, noch ehe sie selbst auch nur einen Schuss abgegeben hatten, ein weiterer Matrose wurde von einem Enterhaken durchbohrt. Empörung, Entsetzen und wilder Zorn, all das ergriff gleichzeitig von Jacques Ferrand Besitz. Mit einem gellenden Schrei auf den Lippen griff er nach dem Säbel, den er unter seinem Mantel trug, und riss ihn aus der Scheide. Die Klinge in der Hand, stürmte der Kapitän der Espérance dem Feind entgegen, der ohne Vorwarnung und aus dem Hinterhalt angegriffen hatte – bis er plötzlich das Gefühl hatte, auf ein unsichtbares Hindernis zu stoßen.

Ferrand prallte zurück, so heftig, dass er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Den Säbel noch immer in der Rechten, blickte er an sich herab – nur um das Loch zu sehen, das in seiner Brust klaffte. Erst in diesem Moment drang der hämmernde Schuss in sein Bewusstsein, der soeben gefallen war.

Jacques Ferrand wankte von einem Bein auf das andere, dann brach er in die Knie und fiel vornüber in den Kies, der sich unter ihm dunkel färbte.

Der Kapitän der Espérance lebte noch lange genug, um zu begreifen, dass er den Luberon, sein Haus, sein Weib und seine Kinder niemals wiedersehen würde.

Dann fiel der nächste Schuss.

Marais, Paris
August 1794

Der Lärm, den der Pöbel in den Straßen entfachte und der einfach nicht abreißen wollte, seit Robespierre die Herrschaft an sich gerissen hatte und blutige Hinrichtungen an der Tagesordnung waren, drang bis in das oberste Stockwerk des alten Mietshauses an der Rue Saint-Antoine, doch die Frau, die in der hintersten Ecke der kleinen Dachkammer kauerte, nahm ihn nicht wahr.

Am ganzen Leib zitternd, mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Mann, der so groß war, dass er unter der schrägen Decke nicht aufrecht stehen konnte. Schwerfällig näherte er sich ihr, das kantige Gesicht ausdruckslos, die schwieligen Fleischerhände drohend erhoben.

»Nein«, kam es tonlos über ihre Lippen, während sie krampfhaft den Kopf schüttelte. »Tu das nicht!«

»Ich habe lange nach dir gesucht«, erwiderte der Hüne mit kehliger Stimme. »Wirklich sehr lange …«

»I-ich weiß«, versicherte sie. Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, seit sie die Sprache zuletzt gesprochen hatte, dennoch fand sie die Worte, selbst in diesem Augenblick. Sie zog die Beine an sich und drängte sich gegen die Mauer, als hoffte sie, dass sich darin eine Öffnung auftun und sie verschlingen würde.

»Hast du ernstlich geglaubt, dass du davonkommen würdest?«, fragte der Hüne. »Hast du gedacht, dass man dich einfach vergessen würde? Dich und dein Kind?«

»Du … weißt es?«

Draußen auf der Straße gab es Geschrei. Vermutlich hatte der Pöbel wieder jemanden entdeckt, der sich noch in den Häusern des Marais aufhielt. Die meisten wohlhabenden Bürger hatten das Viertel schon vor Jahren verlassen und waren aus der Stadt geflohen. Nur ein paar wenige waren geblieben, und es bekam ihnen schlecht, denn das Tribunal kannte keine Gnade. Ein Menschenleben galt nicht viel in diesen Tagen. Ein weiterer Toter auf dem Schafott kümmerte die Leute ebenso wenig, wie es die Leiche einer jungen Frau in einer Dachkammer tun würde …

»B-bitte nicht«, hauchte sie. Tränen lösten sich aus ihren Augenwinkeln und rannen über ihr Gesicht, das einen flehenden Ausdruck annahm. »Ich kann nichts für das, was geschehen ist.«

»Vermutlich nicht«, räumte der Hüne ein. »Aber das spielt keine Rolle mehr. Es hätte niemals sein dürfen.«

»Aber ich habe nie ein Wort darüber verloren«, versicherte sie. »Und ich schwöre dir, dass …«

»Schwüre und Versprechen.« Der Hüne schnaubte verächtlich. »Ich habe so viele davon gehört – und doch wurden sie nie gehalten.« Er trat zu ihr, die Hände noch immer erhoben. Sie schrie auf, in heller Todesangst.

»Schrei nur«, knurrte er. »Niemand wird dich hören. Die Leute dort draußen haben andere Dinge zu tun.«

»Ich will nicht sterben!«, flehte sie, wobei ihre tränengeröteten Augen ihn durchdringend anstarrten.

»Du bist bereits gestorben, Serena«, versicherte er. »Schon vor zehn Jahren.«

»Aber du … du verstehst nicht! Ich bin … Ich habe …«

»Wäre es nach mir gegangen, hättest du das Haus schon damals nicht mehr verlassen. Aber auch das spielt nun keine Rolle mehr.«

Er beugte sich langsam zu ihr hinab und streckte die Hände nach ihrem Hals aus. Dabei fiel der Ärmel seines Mantels zurück, und die hässliche Narbe wurde sichtbar, die er am linken Unterarm trug und die sich vom Handgelenk bis zum Ellbogen zog.

Sie schlug mit ihren Fäusten nach ihm, doch ihre Hiebe prallten wirkungslos von ihm ab, und im nächsten Augenblick schlossen sich seine Pranken um ihre Kehle. Anfangs versuchte sie noch sich zu wehren, zuckte und strampelte, doch seiner überlegenen Körperkraft hatte sie nichts entgegenzusetzen. Der Hüne drückte zu, und indem er seinen Griff immer weiter verstärkte, presste er das Leben aus ihr.

Ihr Widerstand erlahmte rasch, ihre Bewegungen wurden matt und fahrig. In ersterbendem Takt schlugen ihre Fäuste auf den Boden, ihre Beine wischten über die schmutzigen Dielen, während sich ihre Gesichtszüge blau verfärbten. Der Blick ihrer Augen, die in namenlosem Schrecken auf ihn gerichtet waren, wurde leer und leblos – und schließlich fiel der Mantel des Todes.

Der Hüne stöhnte leise, als er von ihr abließ und sich wieder aufrichtete: Ausdruck der Müdigkeit eines Dieners, der seinem Herrn bereits seit langer Zeit zu Gebote stand.

Noch einmal betrachtete er sie, wie sie in ihrer Ecke lag, die toten Augen auf ihn gerichtet, mit einem Blick voll stummer Anklage. Dann wandte er sich ab und sah sich in der Kammer um.

»Wo bist du?«, fragte er leise. »Bist du hier?«

Einen Augenblick lang geschah nichts.

Dann schwang die Tür eines hölzernen Schranks auf, und zwei dünne Stimmen fragten: »Mutter …?«

Soho, London
Mai 1825

Verstohlen blickte er über die Schulter. Die Adresse, die man ihm genannt hatte, lag im Herzen von Soho, einem Viertel, in dem Überfluss und Mangel, Tugend und Laster, Licht und Dunkelheit eng beisammenlagen und nicht selten nahtlos ineinander übergingen. Und in dem gewöhnlich niemand Fragen stellte, die nicht gestellt werden sollten.

Der Mann klopfte an.

Dreimal.

Dann eine kurze Pause.

Dann vier weitere Klopfzeichen.

Das vereinbarte Signal.

Hinter dem massiven, eisengebänderten Eichenholz waren dumpfe Schritte zu hören, dann wurde der Türspion geöffnet. Ein Augenpaar erschien, das den Besucher musterte. Er nannte die Losung, die man ihm übermittelt hatte, ärgerte sich darüber, dass er dabei stotterte wie ein Schuljunge, der ein Gedicht aufsagen musste. Irritiert nahm er wahr, dass ihm das Herz bis zum Hals schlug, als der Riegel zurückgezogen wurde und die Tür sich vor ihm öffnete. Tatsächlich wurde ihm erst in diesem Augenblick bewusst, wie viel auf dem Spiel stand.

Er trat ein, gab Stock und Zylinder dem graugesichtigen Diener, der ihn hinter der Tür erwartete. Dann ließ er sich durch den schmalen, von Gaslicht beleuchteten Gang geleiten. Zu seiner Überraschung führte der Diener ihn nicht hinauf in eines der höhergelegenen Stockwerke des Hauses, sondern hinab in den Keller. Über hohe Stufen ging es in ein finsteres Gewölbe, das einst als Vorratslager angelegt worden sein mochte, inzwischen jedoch anderen Zwecken zu dienen schien.

Obschon alles ihn dazu drängte, verbot es sich der Besucher, dem Diener Fragen zu stellen. Womöglich würde man ihm das als Unsicherheit auslegen, und er durfte keine Schwäche zeigen. Nicht in diesem frühen Stadium des Plans.

Der Kellergang, dessen Wände feucht waren und dessen Decke Schimmel überzog, endete vor einer weiteren Tür.

»Nun?«, fragte der Besucher. »Wollen Sie mir nicht öffnen?«

»Gewiss, Sir«, versicherte der Diener gleichmütig. »Sobald Sie dies hier angelegt haben.« Damit hielt er ihm etwas hin, das aus schwarzem Stoff bestand: eine Haube, der eines mittelalterlichen Henkers nicht unähnlich, aber ohne Öffnungen für die Augen.

Der Besucher hob befremdet die Brauen. »Ist diese Maskerade notwendig?«

»Wenn diese Tür sich öffnen soll – durchaus.«

Der Besucher biss sich auf die Lippen, nur mühsam beherrschte er seinen Zorn. Einen Augenblick lang zögerte er und überlegte, wie er auf diesen Affront reagieren sollte. In einem jähen Entschluss riss er dem Diener die Haube aus der Hand und zog sie sich über den Kopf. Die Welt um ihn herum versank in Dunkelheit, die Geräusche wurden dumpf.

»Sind Sie jetzt zufrieden?«, fragte der Besucher. Seine eigene Stimme klang nun ganz nah, und er konnte hören, wie sie bebte.

Der Diener gab keine Antwort mehr, dafür konnte man hören, wie die Tür entriegelt wurde und knarrend aufschwang. Schritte über feuchten Stein. Dann spürte der Besucher, wie man ihn ergriff und ihm die Hände auf den Rücken fesselte.

»Verdammt!«, rief er aus, sich nicht mehr länger beherrschend. Die Furcht brach sich plötzlich Bahn, der hässliche Verdacht, einen Fehler begangen zu haben! »Was soll das? Was hat das zu bedeuten?«

Erneut bekam er keine Antwort, dafür bugsierte man ihn in die Kammer, die sich jenseits der Tür erstreckte. Dem Widerhall der Schritte nach musste es sich um ein geräumiges Gewölbe handeln, sehr viel größer, als er es erwartet hatte.

»Verzeihen Sie«, sagte eine sonore Stimme, die der Besucher sogleich erkannte. Sie gehörte dem Mann, mit dem er sich vor zwei Tagen im Hyde Park getroffen hatte. Dass er den Sprecher kannte, beruhigte den Besucher ein wenig.

»Was soll das?«, begehrte er dennoch gegen die Behandlung auf. »Ist das eine Art und Weise, einen Gast zu behandeln?«

»Ich bedaure diese Maßnahmen«, versicherte der andere. »Aber wie ich Ihnen schon bei unserem Treffen sagte, legen die hier anwesenden Gentlemen großen Wert darauf, unerkannt zu bleiben.«

»Und deshalb behandeln Sie mich wie einen Verbrecher?«

»Das liegt nicht in unserer Absicht. Doch Sie sollten dem Wunsch unserer Mitglieder nach Anonymität mit Verständnis begegnen. Schließlich haben Sie bislang nichts getan, um ihr Vertrauen zu verdienen. Wir haben nicht um Ihren Besuch gebeten, Sir. Sie sind hier, weil Sie selbst den Wunsch dazu geäußert haben.«

»Und weil Sie sich gewisse Vorteile davon versprechen«, erwiderte der Besucher, wobei er in das Rund der Zuhörer sprach, ohne zu wissen, wie groß es tatsächlich war.

»Das will ich nicht leugnen«, versicherte der andere. »Wie steht es nun also? Wollen Sie den Plan, von dem Sie so überaus vielversprechende Andeutungen gemacht haben, nun etwas näher ausführen?«

Der Besucher holte tief Luft. Auf diesen Augenblick hatte er lange gewartet, doch die unvorteilhafte Verhandlungsposition gefiel ihm nicht. »Sie erwarten, dass ich meine Pläne offenlege, ohne dass ich Gesichter sehe?«

»In der Tat«, kam es zurück.

»Ist Ihnen klar, wie viel ich dabei riskiere?«

»Sie eingebildeter junger Narr!«, zischte daraufhin eine andere Stimme mit ungewöhnlicher Schärfe. »Was immer auch für Sie auf dem Spiel stehen mag – für mich geht es dabei um ungleich mehr. Also fangen Sie schon an, uns Ihren Plan auseinanderzusetzen, oder scheren Sie sich zum Teufel!«

Der Besucher widersprach nicht mehr.

Zum einen beeindruckte ihn die eiserne Entschlossenheit in der Stimme seines gesichtslosen Gegenübers. Zum anderen verunsicherte ihn die Tatsache, dass es kein Mann war, der diese Worte gesprochen hatte, sondern eine Frau. Rache schien fürwahr eine weibliche Domäne zu sein …

»Wie ich hörte«, begann er deshalb, »verfolgen Sie gewisse … Absichten. Absichten, die zum einen wirtschaftlichen Interessen dienen, zum anderen aber auch sehr persönlichen.«

»Und?«

»Erlauben Sie mir, der Schlüssel zu Ihrer Rache zu sein«, erbot sich der Besucher. »Sie geben mir, wonach es mich verlangt, und ich verschaffe Ihnen, wonach es Sie verlangt.«

»Und das wäre?«, fragte die Frau ohne erkennbare Regung.

»Die vollständige und unwiderrufliche Vernichtung von Sir Walter Scott«, entgegnete der Besucher.

Und das Schweigen, das ihm entgegenschlug, verriet ihm, dass er gewonnen hatte.

BUCH 1, TESTAMENT


1


Edinburgh
Anfang Dezember 1825

Schnee.

Lautlos fielen die Flocken aus dem dunklen Himmel: filigrane Gebilde, die flirrend am Fenster vorbeiglitten und im Widerschein des Kaminfeuers glitzerten, ehe sie sich wieder in der Dunkelheit verloren und zu Boden sanken. Die Laternen in den Straßen und Gassen führten einen vergeblichen Kampf gegen das dichte Treiben, das schon weite Teile der Stadt mit einer weißen Schicht überzogen hatte. Bereits nach wenigen Yards verblasste ihr Schein in der Kälte und in einer Dunkelheit, die so undurchdringlich und ungewiss war wie die Zukunft …

»In Gedanken, alter Freund?«

Erst die Stimme seines langjährigen Geschäftspartners und Weggefährten James Ballantyne machte Sir Walter Scott klar, wie sehr er in seinen Grübeleien versunken gewesen war. Ein wenig beschämt wandte er sich vom Fenster ab, durch das er geistesabwesend gestarrt hatte. Das Glas Scotch, das Ballantyne ihm eingeschenkt hatte, hielt er noch immer in der Hand, ohne auch nur einen Schluck daraus getrunken zu haben.

»Verzeih, mein guter James«, bat er.

Die schmalen, spitznasigen Züge Ballantynes, der in einem der beiden Ohrensessel vor dem Kaminfeuer saß, zerknitterten sich zu einem nachsichtigen Lächeln. »Nicht doch«, wehrte er ab. »Gehört es nicht zum ABC eines Schriftstellers, das Hier und Jetzt hin und wieder zu verlassen und in Tagträumen zu versinken? Ich wäre weiß Gott ein schlechter Verleger, wenn ich dafür kein Verständnis aufbringen würde.«

Sir Walter erwiderte das Lächeln, wenn auch ein wenig gequält. Es stimmte ja, er war Schriftsteller – auch wenn er die Bezeichnung Romancier bevorzugte –, und das nicht unbeträchtliche Vermögen, das ihm und seiner Familie nicht nur ein höchst komfortables Leben, sondern auch den Kauf seines Landsitzes Abbotsford ermöglicht hatte, hatte er nicht durch seine juristische Tätigkeit erworben, sondern durch den ungeheuren Erfolg, den seine schriftstellerischen Werke zu verbuchen hatten. Allein sein vor zwei Jahren erschienener Roman »Quentin Durward«, zu dem ihn nicht zuletzt reale Ereignisse inspiriert hatten1, hatte sich tausendfach verkauft. Gleichwohl schämte Sir Walter sich ein wenig für seine schriftstellerische Tätigkeit, für die er hin und wieder verspottet wurde und die so gar nichts mit der seriösen Juristerei gemein hatte; und er misstraute dem Erfolg, den sie ihm eingetragen hatte.

Zumal in Zeiten wie diesen.

Das Scotchglas in der Hand drehend, kehrte Sir Walter zu seinem Sessel zurück. In Nächten wie diesen spürte er sein steifes Bein, das ihm von einer Krankheit aus Kindertagen geblieben war, und das Gehen fiel ihm schwerer als an anderen Tagen. Dankbar dafür, sich wieder setzen und am Feuer wärmen zu können, ließ er sich in den Ohrensessel sinken. Eine Weile lang blickten die beiden ergrauten Männer in die Flammen, deren Widerschein flackernde Schatten auf ihre Gesichter warf.

»Denkst du noch manchmal an früher zurück?«, fragte Ballantyne nach einer Weile.

»Wie weit zurück meinst du? Falls du von unserer gemeinsamen Schulzeit sprichst, an die kann ich mich kaum erinnern.«

»Nein«, wehrte Ballantyne mit einer wegwerfenden Handbewegung ab, »ich spreche von der Zeit, als wir den Verlag gründeten. Als mein Bruder noch lebte. Und als die Welt nicht groß genug für uns zu sein schien.« Ein wehmütiges Lächeln glitt über seine Züge. »Alles schien damals möglich.«

»Und?«, fragte Sir Walter lächelnd. »War es das etwa nicht?«

»Fürwahr, man möchte es meinen.« Ballantyne nickte. »Der ungeheure Erfolg deiner Bücher, das plötzliche Interesse an unserem schottischen Erbe, der Besuch des Königs in unserer Stadt und nicht zuletzt der Fund des Königsschwerts.«

»Erinnere mich nur nicht daran«, bat Sir Walter stöhnend und mit einem Augenzwinkern.

»Willst du leugnen, dass es eine gute Zeit war?«

»Nein«, lenkte Sir Walter ein, »das möchte ich nicht.«

Ballantyne hob sein Glas. Im Schein des Kaminfeuers nahm der bernsteinfarbene Scotch ein verheißungsvolles Leuchten an. »Auf die alten Zeiten«, sagte er. »Und auf John.«

»Auf deinen Bruder«, bestätigte Sir Walter, und beide tranken.

Der Scotch schmeckte stark und erdig, nach Tabak und Honig und nach alter Eiche. Solange er ihnen in der Kehle brannte, schwelgten die beiden Freunde in süßen Erinnerungen. Doch sobald das Brennen nachließ, rückte die Gegenwart wieder ins Bewusstsein.

»Wer hätte damals geglaubt, dass es so weit kommen könnte?«, fragte Ballantyne in die Stille.

»Sieh an.« Mit dem Finger fuhr Sir Walter über den Rand seines Glases und ließ es leise singen. »Du hast mich also nicht nur zu dir bestellt, um über alte Zeiten zu plaudern.«

»Nein«, gab Ballantyne zu. Als ob er sich Mut antrinken müsste, leerte er auch noch den Rest seines Glases und sah seinen Freund dann durchdringend an. »Die Lage ist ernst, Walter.«

»Ist sie das?«

»Selbst dir kann nicht entgangen sein, dass sich dunkle Wolken über Schottland zusammengezogen haben. Die Finanzkrise, die in London ihren Anfang nahm, hat Schottland inzwischen erreicht, und sie macht auch vor uns Büchermenschen nicht halt!«

Sir Walter lächelte, scheinbar gelassen. »Mein lieber Freund, ich mag bisweilen in Gedanken versunken sein und meinen Lebensunterhalt damit verdienen, mir Geschichten aus glorreicher Vergangenheit auszudenken, aber das bedeutet weder, dass ich von gestern noch dass ich ein Träumer bin. Ich weiß sehr gut, was in der Welt dort draußen vor sich geht.«

»Dann weißt du auch, dass wir handeln müssen.«

»Handeln?« Sir Walter hob eine buschige Braue. »Was bedeutet das? Den Verlag verkaufen? Mit allen Rechten an meinem Werk? Damit wäre alles zerstört, was wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgebaut haben.«

»Das weiß ich«, beschwichtigte Ballantyne. »Aber es gibt eine andere Lösung, die …«

»Nein!«, wiederholte Sir Walter, noch lauter diesmal. Es war eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen er die Stimme erhob. Seine von Falten zerfurchte Stirn hatte sich gerötet. »Ich weiß, was du sagen willst, aber das kommt nicht in Frage! Wenn wir Geld brauchen, so finden wir einen anderen Ausweg.«

»Was willst du tun? Dir noch mehr Geld leihen? Von wem? Du wirst in diesen Tagen in ganz Schottland niemanden finden, der …«

»Was ist mit Constable?«

»Constable?« Ballantyne lachte freudlos auf. »Der alte Archibald ist in nicht weniger großen Nöten als wir. Auch er war gezwungen, sich bei privaten Finanziers in London Geld zu beschaffen, und die Zinsen sind dabei, ihn aufzufressen. Wie es heißt, ist er schon jetzt mit einer halben Million Pfund verschuldet. Ich will nicht, dass uns das auch passiert.«

»Das wird es nicht.«

»Woher willst du das wissen? Beinahe täglich erreichen mich Briefe aus London. Unsere Geldgeber werden ungeduldig. Sie drohen, die Kredite zu kündigen, wenn wir mit den Zahlungen nicht nachkommen. Wenn du hingegen bereit wärst, Abbotsford als Sicherheit einzusetzen …«

»Ich habe es dir schon einmal gesagt, und ich sage es jetzt wieder«, unterbrach ihn Sir Walter, sich zur Ruhe zwingend. »Abbotsford steht nicht zum Verkauf. Es ist die Heimat meiner Familie, mein Vermächtnis an sie. Ich werde es nicht an Leute verschachern, deren höchstes Gut eine positive Jahresbilanz und deren einziger Antrieb die nackte Gier ist!«

»Das, mein Freund, hättest du dir überlegen sollen, ehe wir uns mit diesen Leuten eingelassen haben, oder nicht?«

»Wir hatten keine andere Wahl«, stellte Sir Walter klar, »deshalb hat es auch keinen Sinn, damit zu hadern. Ich kenne die Verpflichtungen, die wir eingegangen sind, und ich werde zu meinem Wort stehen. Ich werde den vereinbarten Zahlungen nachkommen und meinen Teil dazu beitragen, die Schulden zu begleichen. Aber ich werde weder an Abbotsford noch an mein Lebenswerk rühren, ist das klar?«

»Walter, ich bitte dich …«

»Siehst du denn nicht, was hier geschieht, James?« Sir Walter sah seinen Freund beschwörend an. »Begreifst du nicht, dass es bei dieser Krise um sehr viel mehr geht als um steigende Zinsen und gekündigte Kredite? Seit achthundert Jahren lassen die Engländer nichts unversucht, um uns unserer Identität zu berauben. Zuerst haben sie es mit Waffengewalt versucht und durch Besatzung, später dann durch Handel und Gesetze, nun durch ihr Geld. Die Methoden mögen feinsinniger geworden sein, die Ziele sind es nicht. Bei allem, was geschieht, ist es wichtig, dass wir das bewahren, was uns wichtig ist – unsere Traditionen, unsere Seele. Ich habe mein Leben lang dafür gearbeitet, das schottische Erbe zu bewahren, ich werde jetzt gewiss nicht damit aufhören. Abbotsford gehört zu Schottland wie ich selbst und mein Werk – es steht nicht zum Verkauf.«

»Ist das dein letztes Wort?«

Als Sir Walter die Furcht in den Augen seines alten Freundes sah, verpuffte sein Zorn. »Ich fürchte ja, James«, sagte er leise, aber bestimmt.

»Und was willst du bezüglich der Zukunft unternehmen?«

Ein schwaches Lächeln glitt über Sir Walters vom Kaminfeuer beleuchtete Züge, während er sich langsam erhob. »Ich werde tun, was man immer tun sollte, wenn man nicht in der Lage ist, die Situation zu überschauen – ich werde abwarten.«

Der Blick, den Ballantyne ihm sandte, war schwer zu deuten. Unglaube und Fassungslosigkeit lagen darin, gepaart mit Furcht und Resignation. »Abwarten«, echote er nur. »Ich hoffe, du weißt, was du tust.«

»Ich hoffe es ebenso, alter Freund.«

Sir Walter wandte sich zum Gehen. Balantyne begleitete ihn persönlich hinab und ließ ihm von seinem Diener Stock, Hut und Mantel bringen. »Der Schneefall hat noch zugenommen«, stellte er mit einem Blick durch das Türfenster fest. »Soll mein Kutscher dich nicht doch nach Hause bringen?«

»Nein, danke«, erwiderte Sir Walter, »ein kleiner Spaziergang wird mir guttun. Gute Nacht, alter Freund.«

»Gute Nacht, Walter.«

Sir Walter nickte dem Diener zu, der die Tür öffnete. Eisig kalter Nachtwind fegte herein, Schneeflocken stoben in den Hausgang. Sir Walter schlug den Kragen seines Mantels hoch und wollte schon hinaustreten, als Ballantyne ihn am Arm fasste.

»Walter?«

»Ja?«

»Ich habe Angst«, sagte Ballantyne leise.

Sir Walter zögerte einen Augenblick. »Ich weiß«, versicherte er dann. »Aber du machst dir wie immer zu viele Sorgen. Das ist schon immer so gewesen, mein guter Aldiborontiphoscophoría.«

Die Erwähnung des zungenbrecherischen Namens nötigte Ballantyne ein Lächeln ab. »So hast du mich früher stets genannt. Nach einem Buch Henry Careys, dessen Namen ich nach wie vor unaussprechlich finde.«

»Chrononhotonthólogos.« Ein jungenhaftes Grinsen spielte um Sir Walters Züge. »Alles wird gut, James. Vertrau mir.«

»Wenn du es sagst.« Ballantyne war offenkundig nicht überzeugt, aber er schwieg. Um des Friedens und ihrer Freundschaft willen.

Damit wandte Sir Walter sich um und ging hinaus in die Nacht und in das dichte Schneetreiben. Er hörte, wie der Diener die Tür hinter ihm schloss, durchquerte den kleinen Garten und trat hinaus auf den Bürgersteig, auf dem der Schnee bereits knöchelhoch lag. Einen kurzen Augenblick lang erwog er, umzukehren und auf Ballantynes Vorschlag mit der Kutsche zurückzukommen, aber dann entschied er sich anders. Gesenkten Hauptes und auf den Stock gestützt, machte er sich zu Fuß auf den Heimweg, die von Wind und Kälte leergefegte Straße hinab und dann nach rechts in Richtung Grassmarket.

Anfangs erhellte noch Laternenschein seinen Weg, aber als er in eine Seitenstraße abbog, um zurück zur High Street zu gelangen, umfing ihn plötzlich Dunkelheit.

Eine Reihe von Laternen war erloschen und hatte die Straße in düsterer Schwärze zurückgelassen, wodurch sich Sir Walter jedoch nicht abschrecken ließ.

Mutig tauchte er in die teerige Schwärze.

In diesem Moment fiel der Schuss.

1  siehe DIE BRUDERSCHAFT DER RUNEN


2


New York
Am darauf folgenden Tag

»Und wie geht es dir heute? Hast du gut geschlafen?«

Quentin Hay saß an dem kleinen Tisch im Speiseraum. Neben einer Schüssel mit Porridge, den Quentin nach alter schottischer Tradition zubereitet hatte und von dem er ab und zu einen Löffel aß, hatte er ein Notizheft liegen, in das er eifrig kritzelte: Ideen für einen neuen Artikel, die er seinem Redakteur anbieten wollte.

»Nicht wirklich.« Mary, seine Ehefrau, schüttelte den Kopf. »Warum hast du mich nicht geweckt?«

»Ich wollte deinen Schlaf nicht stören«, erwiderte er, ohne von seiner Arbeit aufzublicken. Geoffrey Wanamaker, leitender Redakteur der New York Evening Post, war äußerst kritisch, was Themenvorschläge seiner Korrespondenten betraf. Wenn Quentin ihn überzeugen wollte, musste er dabei äußerst gezielt und überlegt vorgehen.

»Lügner«, sagte sie leise. Es war kein Vorwurf, mehr eine Feststellung, und sie lachte milde dabei. Dennoch blickte Quentin auf und sah sie prüfend an.

Sie stand auf der Schwelle zur Schlafkammer und trug den Morgenmantel aus grüner Seide, den er ihr zu ihrem zweiten Hochzeitstag geschenkt hatte. Unwillkürlich fühlte sich Quentin an ihre allererste Begegnung erinnert – damals hatte er auf der Schwelle gestanden und nicht damit aufhören können, auf dieses wunderbare Wesen zu starren. Obwohl nur drei Jahre vergangen waren, kam es ihm wie eine Ewigkeit vor, denn seither war viel geschehen. Gute Dinge. Und weniger gute …

»Was willst du damit sagen?«, fragte er so sanft, wie er es vermochte.

»Nichts«, beteuerte sie weiter lächelnd. Dann gab sie ihren Platz an der Tür auf und gesellte sich zu ihm, setzte sich auf den freien Stuhl am Tisch.

»Hast du Hunger?«, fragte er, auf die Schüssel mit Porridge deutend. Es war das einzige Gericht, das er zubereiten konnte, entsprechend oft kam es auf den Tisch, zumindest in letzter Zeit.

Sie schüttelte abermals den Kopf, worauf sich ihr Haarband löste. Das blondgelockte Haar, das ihr schmales, anmutiges Gesicht umrahmte, fiel offen auf ihre schmalen Schultern. Trotz allem, was geschehen war, sagte sich Quentin, war sie noch immer eine Schönheit, und er brauchte sie nur anzusehen, um zu wissen, warum er sich einst in sie verliebt hatte. Ihr zarter Wuchs, der kleine Mund, die keck nach oben geschwungene Nase, all das war genau wie damals. Das lebendige Leuchten jedoch, das ihre wasserblauen Augen einst erfüllt hatte, war erloschen, seit …

»Ich hatte ihn wieder«, erklärte sie unvermittelt.

»Was, Liebste?«

»Den Traum«, erwiderte sie. Der Blick, mit dem sie ihn bedachte, hatte etwas Herausforderndes, aber er beschloss, diesmal Ruhe zu bewahren.

»Wollten wir das nicht vergessen?«, fragte er.

»Wie kann ich das, wenn dieser Traum jede Nacht wiederkehrt?«

»Immer derselbe Traum? Jede Nacht?« Quentin hob ungläubig die schmalen Brauen.

»Das nicht«, räumte Mary ein, »aber sie ähneln sich. Und immer handeln sie von deinem Onkel.«

»Mein Onkel also.« Quentin seufzte. »Und was will dieser Traum dir sagen?«

»Das weiß ich nicht. Aber es ist eine Tatsache, dass wir lange nichts mehr von ihm gehört haben.«

»Und? Sollten wir deshalb beunruhigt sein? Immerhin liegen ein paar Tausend Meilen Ozean zwischen uns und Schottland.«

»Das weiß ich«, versicherte Mary, »aber …«

Er legte den Stift zur Seite und ergriff ihre Hand, sah sie durchdringend an. »Wir wollten es vergessen, weißt du noch? Wir wollten alles hinter uns lassen, aus diesem Grund haben wir Schottland den Rücken gekehrt. Um ein neues Leben zu beginnen, in dem ich nicht Quentin Hay bin, der Neffe des berühmten Sir Walter Scott, und du nicht Mary of Egton, eine Tochter aus verarmtem englischem Adel.«

»Das weiß ich«, versicherte sie und wich seinem Blick aus. »Aber was, wenn die Vergangenheit uns nicht loslässt? Wenn die Träume zurückkehren? Du weißt, mit ihnen hat alles angefangen.«

Quentin nickte. Natürlich wusste er das.

Marys mysteriöse Träume waren es gewesen, die Sir Walter und ihn auf die Spur der Runenbruderschaft geführt hatten, jener Männer, die der ruchlose Malcolm of Ruthven um sich geschart hatte, mit dem Ziel, eine blutige Verschwörung gegen die britische Krone anzuführen. Marys Hilfe war es zu verdanken gewesen, dass seine Pläne hatten vereitelt werden können. Dabei waren Quentin und Mary sich nähergekommen und hatten sich ineinander verliebt.

»Was geschehen ist, ist geschehen«, sagte er dennoch. »Du musst es endlich hinter dir lassen, darfst dich nicht an die Vergangenheit klammern!«

»Das tue ich nicht«, versicherte sie mit bebender Stimme, und ihnen beiden war klar, dass sie in Wirklichkeit nicht mehr über Sir Walter und die Ereignisse in Schottland sprachen, sondern über das, was danach geschehen war.

»Mary, ich bitte dich!« Quentins Stimme nahm einen beschwörenden, beinahe flehenden Tonfall an. »Du musst dich davon lösen! Du musst aufhören, dich an Dinge zu klammern, die nicht länger sind. Dann hat die Vergangenheit keine Macht mehr über dich, und dann werden auch diese Träume aufhören, verstehst du?«

Mary blickte ihn wortlos an.

Ihre Kieferknochen mahlten, und einen Augenblick lang schien es, als wollten ihre Augen feucht werden. Aber sie beherrschte sich, und schließlich nickte sie.

»Natürlich«, sagte sie leise. »Du hast recht.«

»So ist es schon besser.« Er lächelte und strich ihr zärtlich über die Hand, dann erhob er sich und küsste sie zum Abschied auf die Stirn. »Ich muss jetzt gehen. Mr. Wanamaker duldet keine Verspätung.«

»Ich weiß.« Sie rang sich ein Lächeln ab.

»Bis heute Abend.«

»Bis heute Abend.«

Er nickte und ging hinaus, stieg die schmale Treppe zur Garderobe des kleinen Hauses hinab, das Mary und er bewohnten. Es befand sich unweit des Broad Way, im pulsierenden Herzen der Stadt, ein gutes Stück entfernt von den weiter nördlich gelegenen Vierteln, die in Sumpf und Laster versanken. Eilig schlüpfte Quentin in seinen Mantel und warf sich den Schal über, um sich vor der winterlichen Kälte zu schützen, die die Küste derzeit in den Klauen hielt.

Er wollte das Haus gerade verlassen, als er das leise, verhaltene Schluchzen hörte, das aus dem ersten Stock drang.

Mary …

Quentin stieß eine lautlose Verwünschung aus. Es brach ihm das Herz, sie so zu erleben, von Trauer zerrissen, nur noch ein Schatten der lebensfrohen jungen Frau, die sie einst gewesen war. Einen Augenblick lang erwog er, wieder umzukehren, um sie zu trösten, aber ihm war klar, dass es zwecklos sein würde. Nichts, was er sagen oder tun konnte, würde ihren Schmerz lindern, das hatte sie ihm wiederholt klargemacht.

In einem jähen Entschluss öffnete er die Tür und ging hinaus.


3


Florenz
Mai 1784

Die große Stadt.

Serena hatte von ihr gehört. Unzählige Male war ihr geschildert worden, wie riesig die Zahl der Häuser sei, die sich zu beiden Seiten des Flusses erstreckten; wie strahlend weiß die Mauern der Palazzi und wie himmelhoch der bunt gebänderte Turm der Kathedrale; und wie sich die Menschen auf den Straßen und Plätzen drängten, ungezählt und lärmend, immerzu beschäftigt und scheinbar auf der Suche. Doch als sie tatsächlich über die große alte Brücke schritt, die sich von einem Ufer des Arno zum anderen spannte, hatte sie das Gefühl, eine unbekannte, völlig neue Welt zu betreten.

Nichts hier erinnerte an den Schmutz, aus dem sie kam, nichts an das Elend und die Armut. Im Gegenteil, Reichtum und Überfluss schienen aus allen Poren dieser Stadt zu quellen. Die Goldschmiede, die in den Hütten und Häusern zu beiden Seiten der Brücke ihre Werkstätten und Läden hatten, legten davon ein beredtes Zeugnis ab. Allenthalben sah Serena in den Schaukästen Silber und Gold um die Wette funkeln, brach sich das Sonnenlicht in bunten Gemmen. Die Damen und hohen Herren, die an den Läden vorübergingen, in die hinein wild gestikulierende Händler sie zu komplimentieren suchten, kamen ihr gar nicht wie wirkliche Menschen vor. Vielmehr erschienen sie ihr wie Wesen aus einer höheren und besseren Welt, so anmutig wirkten die Damen in ihren weiten Kleidern und mit den kleinen Schirmen, unter denen sie Zuflucht vor der toskanischen Sonne suchten, und so beeindruckend die Herren in ihren engen Beinkleidern und den langen Rockschößen. Selbst die Sprache, derer sich die Menschen hier bedienten, kam ihr anders vor, ein geradezu himmlisch anmutender Gesang im Vergleich zu dem bäuerisch plumpen Umgang, den man draußen auf den Dörfern pflegte.

Genau das hatte sie sich insgeheim stets erhofft und erträumt – den Staub des Landlebens und den Geruch des Gewöhnlichen abzuschütteln und ein anderes, besseres Leben zu beginnen. Und dieser Traum schien sich für sie erfüllt zu haben, auch wenn sie erst ganz am Anfang stand.

Über die Brücke, die sich in kühnem Bogen über den um diese Zeit wasserreichen und türkisgrün schimmernden Fluss spannte, gelangte sie nach Oltrarno, den Stadtteil der Reichen und Mächtigen. Über Jahrhunderte hinweg hatte die Familie Medici die Geschicke der Stadt und des umliegenden Landes von dort aus gelenkt. Den Herzogspalast zu ihrer Linken lassend, gelangte Serena an einen weiten, von vielstöckigen Stadthäusern umgebenen Platz, der den Namen Santo Spirito trug; der Beschreibung folgend, die Don Alfredo ihr gegeben hatte, folgte sie ein kurzes Stück der Hauptstraße, auf der sich die Menschen drängten: Fliegende Händler hatten Stände aufgebaut, Reiter und Ochsenkarren suchten sich einen Weg durch das dichte Gewimmel. Schließlich bog sie in eine Seitenstraße ab und ging diese bis zum Ende hindurch, vorbei an steinernen Gebäuden, die so hoch waren, dass kaum Sonnenlicht in die Straßen fiel, und an Läden, in denen Waren zum Kauf feilgeboten wurden, die Serena noch nie gesehen hatte – glitzernde Stoffe von einer Beschaffenheit, die ihr gänzlich unbekannt war, dazu kunstvolle Vasen und Krüge aus buntem Glas.

Das Haus, das man ihr genannt hatte, befand sich am Ende der Gasse, vom Sonnenlicht geschützt und mit zwei Eingängen versehen, der eine unter einem hohen Portal, der andere sehr viel unauffälliger in einer dunklen Nische. Vor diese Pforte trat Serena. Mit zitternder Hand schob sie die Kapuze zurück und entblößte ihr schwarzes, zu einem langen Zopf geflochtenes Haar. Dann atmete sie tief durch, nahm ihren ganzen Mut zusammen und klopfte.

Das Klopfen war kaum zu hören, das dicke Holz der Tür schien es zu schlucken. Dennoch waren nach einer Weile von drinnen Schritte zu hören. Das kleine Sichtfenster wurde geöffnet, und das schmale Gesicht eines Mannes erschien, der eine Habichtsnase hatte und dessen Augen im Halbdunkel der Gasse wie glühende Kohlen zu leuchten schienen.

»Ja?«, blaffte er.

Serenas Zögern währte nur einen Augenblick. Sie hatte die Sprache lange nicht gesprochen, dennoch fanden die Worte sofort auf ihre Lippen. »Mein … mein Name ist Serena«, stellte sie sich auf Englisch vor, was den Mann dazu nötigte, eine schmale Braue zu heben. »Ich stamme aus der Gegend von Pistoia.«

»Und?«, wollte er wissen, so barsch, dass sie unsicher wurde. Statt weiterzusprechen, griff sie unter ihren Kapuzenmantel und beförderte das Schreiben zutage, das Don Alfredo ihr mit auf den Weg gegeben hatte.

»Dieser Brief«, sagte sie dazu, »stammt von Don Alfredo. Er sagte, dass es in diesem Haus Arbeit geben könnte für jemanden, der beide Sprachen spricht.«

Der Mann bedachte zuerst sie, dann den Brief in ihren Händen mit einem misstrauischen Blick. Schließlich griff er durch die Öffnung, entriss ihr das Schreiben mit einem mürrischen Grunzen und verschwand im dunklen Inneren des Hauses.

Serena blieb zurück.

Eingeschüchtert.

Besorgt.

Wenn der Mann nicht an die Pforte zurückkehrte, war ihr Traum von einem neuen Leben in der Stadt schon zu Ende; ohne das Empfehlungsschreiben von Don Alfredo war sie nur ein Mädchen von Hunderten, das in der Stadt Arbeit suchte, zumal nach den schlechten Ernten der vergangenen Jahre. Und was ihr blühte, wenn sie in ihr Dorf zurückkehrte, darüber wollte sie lieber gar nicht nachdenken.

Entsprechend erleichtert war sie, als erneut Schritte erklangen und die beiden Glutaugen wieder aus der Dunkelheit auftauchten. »Komm rein«, erklärte der Türwächter so mürrisch, als würde er ihr eine Absage erteilen. Erst als er den Riegel zurückzog und die Dienstbotentür öffnete, wurde Serena klar, dass sie das erste Hindernis überwunden, den nächsten Schritt zur Verwirklichung ihres Traumes getan hatte.

Mit angehaltenem Atem, so, als würde sie im Wasser untertauchen, trat sie in das Halbdunkel. Mit einem dumpfem Knall fiel die Tür hinter ihr zu, schloss die Geräusche der Straße, das Geschrei der Händler, den Hufschlag der Pferde und das Rumpeln der Karren auf dem Straßenpflaster aus. Kühle Stille umfing Serena von einem Augenblick zum anderen, die etwas Ehrfurcht gebietendes, fast Heiliges hatte. Ein Odem schlug ihr entgegen, der nicht zu vergleichen war mit den Gerüchen, die draußen auf der Straße herrschten, Blütenduft mit einer Note von Lavendel und Thymian. Und noch etwas anderes, das schwer in der Luft lag und ihr eine süßlich-bittere Note gab. Tabak, womöglich …

»Folge mir.«

Der Türwächter, der, wie Serena jetzt sehen konnte, eine blaue Livree trug, führte sie einen schmalen Gang hinab in einen kleinen, von einem Säulengang umlaufenen Innenhof, in dessen Mitte ein Brunnen plätscherte; der Boden war aus weißem Marmor, Mosaike übersäten die Wände, grüner Wein rankte an den Säulen empor. Genau so, sagte sich Serena, musste der Eingang zum Paradies aussehen.

Mit einem finsteren Blick bedeutete der Diener ihr zu warten, dann verschwand er abermals und kehrte nicht mehr zurück. Statt seiner kam eine Frau den Säulengang herab.

Sie war vielleicht nur knapp zehn Jahre älter als Serena, aber das schwere Kleid, das sie trug, und die gepuderte Perücke verliehen ihr etwas Herrschaftliches, Einschüchterndes. Bereitwillig senkte Serena den Blick, verbeugte sich, wie Don Alfredo es ihr beigebracht hatte, mit einem Knicks. Ihr war klar, dass sie dabei jeder Eleganz entbehrte und es plump und bäuerisch aussehen musste, aber wenigstens wusste sie, was sich gehörte. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich, während die Dame des Hauses sich ihr näherte und schließlich vor ihr stehen blieb.

»Dein Name ist Serena?«

Die Frage klang scharf und forschend, fast wie bei einem Verhör.

»J-ja.« Serena nickte, wobei sie den Kopf weiter gesenkt hielt.

»Ja, Duchess«, verbesserte die Frau, deren Englisch sich in Serenas Ohren kalt und schneidend anhörte wie ein Messer. »Ich bin die Tochter des Herzogs von Albany, dessen Haus dies ist.«

»Ja, Duchess«, wiederholte sie ohne Zögern. Sie wusste nichts von Adelstiteln, geschweige denn von ausländischen, sprach einfach nur nach, was sie hörte. Don Alfredo hatte ihr eingeschärft, ihre Fragen für sich zu behalten.

»Woher kannst du unsere Sprache?«

»Von meinem Vater«, erwiderte Serena wahrheitsgemäß. »Er war Soldat in Lorenas Diensten.«

»Ein Söldner also«, stellte die Dame fest, während sie sie lauernd umkreiste. Was sie davon hielt, war nicht festzustellen, zumal Serena den Blick weiter gesenkt ließ und ihr nicht ins Gesicht zu blicken wagte.

»Ich verstehe«, sagte sie und entfaltete geräuschvoll das Empfehlungsschreiben. »Don Alfredo ist ein Freund unserer Familie. Nach allem, was er hier berichtet, scheinst du dir sein Vertrauen erworben zu haben. Die Frage ist, ob du auch mein Vertrauen verdienst.«

»Das hoffe ich sehr, Duchess«, versicherte Serena. »Jedenfalls will ich alles tun, um es zu verdienen.«

Die hohe Dame erwiderte nichts, sondern umkreiste sie weiter, bis sie endlich vor ihr stehen blieb. »Sieh mich an, Kind«, verlangte sie.

Gehorsam hob Serena den Blick, sah die Duchess erstmals aus der Nähe. Braun gelocktes Haar umrahmte ein rundes, gelbhäutiges Gesicht mit hervorspringender Nase; die grauen Augen standen weit auseinander, der Mund war dünnlippig und schmal; dennoch erschien sie Serena geradezu überirdisch schön.

»In dem Schreiben steht, dass du dich auf Küchenarbeiten und das Zubereiten von Mahlzeiten verstehst.«

Serena nickte. »Ich kann kochen und vieles Weitere, was in einem Haushalt vonnöten ist. Ich verstehe mich auch auf das Waschen und Nähen von Kleidung sowie auf das Ausbessern von …«

»Tatsächlich brauchen wir eine neue Küchenhilfe«, fiel die Dame ihr ins Wort. »Die alte war nicht mehr tragbar, nachdem sie ihre Pflichten sträflich missachtet hatte.«

»Das werde ich nicht«, versicherte Serena.

»Hast du Familie?«

Serena schüttelte den Kopf. »Mein Vater fiel vor einigen Jahren im Gefecht. Meine Mutter ist im vorletzten Winter gestorben.«

»Und sonst hast du niemanden?«

Serena schüttelte den Kopf, vielleicht ein wenig zu rasch, denn der prüfende Blick der Hausherrin blieb auf ihr haften.

»Bist du sicher?«

»Ja, Duchess«, versicherte Serena, wobei sie abermals das Haupt neigte. »Deshalb schickte Don Alfredo mich zu Ihnen.«

Die Dame schien nachzudenken.

Ihre Blicke pendelten zwischen dem Empfehlungsschreiben in ihren Händen und Serena hin und her, ohne dass zu erkennen gewesen wäre, wie sie sich entscheiden würde.

Schließlich nickte sie.

»Dies ist ein kleiner Haushalt«, gab sie bekannt. »Er umfasst lediglich meinen Vater, den Herzog, und mich, dazu einige Gäste, die uns gelegentlich besuchen.«

»Ich verstehe«, entgegnete Serena, jähe Hoffnung schöpfend. »Bedeutet dies, dass ich …?«

»Du wirst dich in den Hausstand einfügen und das tun, was man dir aufträgt.«

»Natürlich«, versicherte Serena und konnte ihre Freude nicht länger zurückhalten. »Wie soll ich Ihnen nur …?«

»Deine Anweisungen wirst du direkt von mir oder von Manus bekommen«, fuhr die Dame weiter fort.

»Wer ist Manus?«, fragte Serena vorlaut, Don Alfredos Anweisungen zum Trotz. »Ihr Vater?«

»Natürlich nicht, törichtes Ding! Was meinen Vater angeht, so wirst du keinen Kontakt zu ihm unterhalten, hast du verstanden? Er ist alt und gebrechlich und äußerst ruhebedürftig, weshalb er keinesfalls gestört werden darf. Aus diesem Grund ist es dir wie auch den anderen Dienern untersagt, die oberen Stockwerke des Hauses zu betreten. Hast du das verstanden?«

»Natürlich, Duchess.«

Erneut sah die Herrin des Hauses Serena prüfend ins Gesicht. Wankte sie etwa in ihrer Entscheidung? Bereute sie sie gar?

»Ich versichere Ihnen, dass ich alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigen werde«, ergriff Serena ihrerseits das Wort. »Sie werden es nicht bereuen, mich in Ihre Dienste aufgenommen zu haben!«

»Das hoffe ich«, schnarrte die Duchess, und plötzlich schien sich der Blick ihrer Augen zu intensivieren. »Denn andernfalls, Kind«, fügte sie hinzu, »wirst du dir wünschen, deinen Fuß niemals über die Schwelle dieses Hauses gesetzt zu haben.«


4


New York
14. Januar 1826

Quentin Hay stand wie vom Donner gerührt.

Gedankenverloren schloss er die Haustür, während er auf den versiegelten Brief in seinen Händen starrte, den ein uniformierter Bote des United States Postal Service soeben abgegeben hatte.

Selten genug, dass er Post aus der alten Heimat erhielt. Und wenn diese zudem aus der Kanzlei eines Notars stammte, war es noch um vieles ungewöhnlicher – und kein gutes Zeichen.

»Was ist es?«, fragte Mary, die auf der Treppe stand und ihn fragend ansah.

»Nichts«, sagte Quentin, dem Offensichtlichen zum Trotz. »Nur ein Brief aus Schottland.«

»Aus Schottland? Vom wem? Von deinem Onkel?«

Quentin blieb eine Antwort schuldig, betrachtete stattdessen weiter den noch verschlossenen Brief. Er musste an seine Familie denken, die er in Europa zurückgelassen hatte, scheute sich davor, ihn zu öffnen. Aus der Kanzlei eines Notars kamen selten gute Nachrichten.

»Quentin?«

Marys Drängen machte ihm klar, dass es keinen Sinn hatte, das Öffnen des Briefes noch länger hinauszuzögern. Einmal musste er es doch tun, also nahm er seinen Mut zusammen, zerbrach das Siegel und entfaltete das Papier.

Es war in nüchterner, gleichförmiger Handschrift beschrieben, der Duktus eines Menschen, dem Korrektheit über alles ging.

»Hochgeschätzter Mister Hay«, begann Quentin laut vorzulesen, doch schon im nächsten Moment verstummte er, denn seine Blicke überflogen die Zeilen sehr viel schneller, als er die Worte hätte aussprechen können. Schon war er am Ende der Nachricht angelangt. Sein Herz pochte heftig, gleichwohl sackte ihm das Blut in die Beine. Sein Gesicht wurde heiß, er hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

»Quentin«, ließ sich Mary wieder vernehmen, »du wirst ganz blass. Um Himmels willen, was ist geschehen?«

Quentin konnte nicht antworten.

Wollte es nicht.

In dem Moment, in dem er es aussprach, würde es Wirklichkeit werden, unwiderruflich … Noch einmal las er die Zeilen, hoffend, dass er womöglich etwas falsch gelesen oder missverstanden hätte. Doch da war kein Zweifel möglich. Der Brief war so unmissverständlich, wie er es nur sein konnte.

»Mein Onkel«, erwiderte er tonlos.

»Was ist mit ihm?«

»Er … ist tot«, gab Quentin tonlos zur Antwort.

»Was? Aber …«

»Ein feiger Mord, offensichtlich«, fasste Quentin das Wenige zusammen, das er aus dem Schreiben erfahren hatte.

»Aber das … das kann nicht sein!« Beharrlich schüttelte Mary den Kopf, wollte sich das Unfassbare ebenso wenig eingestehen wie Quentin selbst. »Nicht er! Nicht auch noch er!«

Sie starrte Quentin fragend, fast flehend an, doch er wich ihrem Blick aus und blickte nur zu Boden, den Brief noch immer in der Hand. Er hörte ihr Schluchzen, während er selbst in seinem Inneren nur Leere fühlte. Abgrundtiefe, sinnlose Leere.

»Ich soll zur Testamentseröffnung nach Edinburgh kommen«, führte er schließlich weiter aus.

»Und?« Mary blickte ihn fragend an. Tränen rannen über ihr von Schmerz und Trauer gezeichnetes Gesicht.

»Ich denke, ich bin es meinem Onkel schuldig«, stellte Quentin sachlich fest.

»Dann werde ich dich begleiten.«

Überrascht sah Quentin zu ihr auf. Es war der erste Entschluss, den sie seit Monaten fasste, und so anerkennenswert dies einerseits war, so konfus und überstürzt war es andererseits.

»In deinem Zustand?«, fragte er dagegen. »Hast du vergessen, was für eine Strapaze die Überfahrt ist? Noch dazu um diese Jahreszeit! Wir werden stürmische See haben.«

»Wenn ich mich recht entsinne, habe ich den Seegang weit besser vertragen als du«, entgegnete Mary kühl und wischte flüchtig ihre Tränen weg. Sie gab sich Mühe, entschlossen zu wirken und sich als Herrin ihrer Entscheidungen zu zeigen. Aber er wusste es besser …

»Das bestreite ich nicht«, versicherte er, »und ich kann wahrlich nicht behaupten, dass ich mich auf diese Reise freue. Aber es ist unstrittig, dass du der Anstrengung, die eine solche Unternehmung darstellt, im Augenblick nicht gewachsen wärst. Oder willst du das ernstlich bestreiten?«

»Im Augenblick«, wiederholte sie. Ihre Haltung versteifte sich, und ihm war klar, dass sie ihn durchschaute. Er war nie ein guter Lügner gewesen, und sie war entschieden zu klug, als dass er ausgerechnet sie hätte täuschen können. Ihr Zustand währte schon zu lange, von einer momentanen Verstimmung konnte beileibe nicht die Rede sein. Quentin mochte von einem Augenblick gesprochen haben – in Wahrheit bezweifelte er, dass Mary jemals wieder die Frau werden würde, die er kennen und lieben gelernt hatte.

»Es ist besser so, glaub mir«, verharrte er dennoch bei seiner Meinung. »Ich werde Mrs. Bentley bitten, dir regelmäßig Gesellschaft zu leisten. Und natürlich werde ich dafür sorgen, dass es dir in meiner Abwesenheit an nichts fehlt.«

»Aber ich …« Widerstand flackerte in ihren Augen auf, aber nur für einen kurzen Moment. Dann wandte sie sich auf der Treppe um und ging nach oben. Dabei weinte sie wieder, und es war unmöglich zu sagen, ob es der Verlust Sir Walters war, den sie betrauerte, oder der schreckliche Zustand, in den sie verfallen war.

»Es ist besser so, glaub mir«, gab Quentin ihr mit auf den Weg. Jetzt erst merkte er, wie sehr seine Beine zitterten. Er ließ sich auf der untersten Stufe nieder, las noch einmal den Brief des Notars, aufmerksam und Wort für Wort. Erst jetzt sank die Bedeutung des Schreibens ganz langsam in sein Bewusstsein.

Sir Walter Scott war tot – jener Mann, der nicht nur sein Onkel gewesen war, sondern auch sein väterlicher Freund und Mentor, dem er so unendlich viel zu verdanken hatte. Als unerfahrener Jungspund war Quentin einst zu Sir Walter gekommen, um ihm bei seiner Arbeit als Assistent zur Hand zu gehen. Als selbstbewusster junger Mann hatte er Abbotsford wieder verlassen. Obwohl sie einander zuletzt vor drei Jahren gesehen und seither nur einige Briefe gewechselt hatten, hatte sich Quentin seinem Onkel nach wie vor tief verbunden gefühlt – wie sehr, wurde ihm erst in diesem Augenblick klar.

Zu echter Trauer war er dennoch nicht fähig.

Nicht mehr …

Quentin atmete tief ein und aus. Dann faltete er das Schreiben in einem jähen Entschluss wieder zusammen und ging ebenfalls nach oben, um Vorbereitungen für die bevorstehende Reise zu treffen.

Die schemenhafte Gestalt, die draußen vor dem von Eis bedeckten Fenster aufgetaucht war, bemerkte er nicht.

In dieser Nacht fand Mary keine Ruhe.

Wann immer sie in den Schlaf fiel, war er nur leicht und von Albträumen durchsetzt. Wovon sie handelten, vermochte Mary nicht zu sagen; es waren nur flüchtige Eindrücke, in Bilder gekleidete Ängste, die sie weder zu kontrollieren noch zu deuten vermochte. Aber wenn sie dann die Augen aufschlug, galt ihr erster Gedanke Sir Walter.

Noch lange bevor sie ihm persönlich begegnet war, hatte sie ihn bereits gekannt – in Gestalt seiner Romane, die sie als junge Frau geradezu verschlungen hatte, und seiner Heldenfiguren, die aus jeder Pore den Edelmut und die noble Gesinnung ihres Schöpfers atmeten. Schon damals hatte sie das Gefühl gehabt, Walter Scott zu kennen, und eine tiefe Verbundenheit zu ihm gespürt, die sich bestätigt hatte, als sie dem Romancier schließlich tatsächlich begegnet war.

Nie würde sie diese erste Begegnung vergessen. Sir Walter war es gewesen, der ihre Zofe und sie aus einer Kutsche gerettet hatte, die in eine tiefe Schlucht zu stürzen drohte. Dieser Tag, an dem sie ebenso gut hätte sterben können, hatte ihr Leben verändert, in jeder Hinsicht. Denn an diesem Tag war sie auch Quentin zum ersten Mal begegnet.

Quentin …

Sie wusste, dass er sie liebte und es gut mit ihr meinte. Doch in letzter Zeit verstand sie ihn nicht mehr. Wie konnte er nach allem, was geschehen war, einfach so weitermachen? Wie die Trauer hinter sich lassen und den Blick nach vorn wenden? Noch nicht einmal der Tod Sir Walters schien ihm besonders nahezugehen, was also war mit ihm geschehen?

Oder war in Wirklichkeit sie es, die sich verändert hatte? Hatte Quentin recht, wenn er behauptete, dass sie nicht mehr zur Normalität zurückfand? Nur, wie konnte sie das, wenn all diese Dinge geschahen? Dinge, die ganz unleugbar in einem Zusammenhang standen. Schon wiederholt hatte Mary die Erfahrung gemacht, dass Träume – und ganz besonders ihre Träume – bisweilen mehr waren als ein Blick in die Abgründe der eigenen Furcht. Sie konnten mitunter ein Spiegel dessen sein, was geschehen war, an einem anderen Ort oder gar in einer anderen Zeit. War dies der Grund, warum sie von Sir Walter geträumt hatte? Sprach er aus ihren Träumen so wie einst das Mädchen Gwynneth? Die Erinnerung an die Ereignisse von damals ließen Mary erschauern. Und jetzt war Sir Walter tot!

Einer der Gründe, warum sie mit Quentin in die Neue Welt gegangen war, war die Hoffnung gewesen, diesen Träumen zu entfliehen, und eine Zeitlang hatte es auch so ausgesehen, als wäre es gelungen. Bis vor einigen Monaten …

Vielleicht hatte Quentin ja recht, wenn er sagte, dass es an ihrem Zustand lag, an dem, was sie hatte durchleiden müssen. Aber was, wenn nicht? Wenn alles auf eine Weise zusammenhing, die sie nicht durchschauen konnte, weil sie außerhalb ihres Begreifens lag? Oder war dies alles nur ein kindlicher Wunsch, weil sie den Gedanken nicht ertragen konnte, dass es keinen höheren Sinn hinter all dem gab? Keinen tieferen Grund? Keinen Trost?

Sie hielt es im Bett nicht mehr aus.

Schneidend kalte Luft umfing sie, als sie die Decke zurückschlug, dennoch stand sie auf, trat an das von Eisblumen umrahmte Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit und Kälte. Es schien, als wäre selbst die Luft gefroren. Glitzerndes Eis überzog die umliegenden Dächer, die Laternen unten auf der Straße führten einen erbitterten Kampf gegen den Nebel, der von der Battery und den Südbezirken heraufzog. Eine Kutsche fuhr am Haus vorbei, ein Zweispänner, gekrönt von vier Laternen, die an den Ecken des Gehäuses angebracht waren; der Hufschlag der Pferde hallte hohl und unheimlich durch die Straße, während der Laternenschein über die Fassaden wischte – und für einen flüchtigen Moment eine Gestalt aus der Dunkelheit riss.

Mary zuckte zusammen.

Dort unten, auf der anderen Straßenseite … stand da nicht jemand? Eine schmale Gestalt, die geradewegs zu ihr heraufsah?

Instinktiv wich sie vom Fenster zurück. Müde und durcheinander, wie sie war, dauerte es einen Moment, bis ihr dämmerte, dass der Fremde sie unmöglich gesehen haben konnte, schließlich war es im Schlafzimmer völlig dunkel. Dennoch spürte sie ihr Herz pochen, als sie wieder ans Fenster trat und vorsichtig hinabspähte.

Aber sie entdeckte niemanden mehr.

Der Fremde war verschwunden, wenn er überhaupt je …

Sie erschrak, als sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter legte. Ein spitzer Schrei entfuhr ihr. Sie riss sich los, fuhr entsetzt herum – nur um sich Quentin gegenüberzusehen, der sie mit großen Augen ansah.

Seine schlichten, von rotblondem Haar und einem schmalen Kinnbart umrahmten Züge verrieten ehrliche Besorgnis. Die Finger an seiner rechten Hand waren von Tinte geschwärzt, um seine Augen lagen dunkle Ränder, wie immer, wenn er bis spät in die Nacht an einem Artikel arbeitete.

»Verzeih«, bat er, »ich wollte dich nicht erschrecken. Ich hörte nur Schritte auf den Dielen und wollte nach dir sehen.«

»Es … ist nichts«, versicherte sie. »Ich konnte nur nicht schlafen, deshalb bin ich aufgestanden.«

»Sonst geht es dir gut?« Sein Blick war unverhohlen skeptisch.

»Durchaus.« Mary nickte. Sie hütete sich davor, ihm etwas von der Gestalt unten auf der Straße zu erzählen. Zum einen war sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt richtig gesehen hatte, zum anderen wollte sie ihrem Ehemann nicht noch mehr Anlass zur Sorge geben. »Du kannst getrost zu deiner Arbeit zurückkehren«, sagte sie und rang sich ein Lächeln ab, das er erwiderte.

Einen endlos scheinenden Augenblick standen sie voreinander, und sie konnte sehen, wie sein Blick an ihrer zarten, zerbrechlich wirkenden Gestalt hinabwanderte, bis hin zu ihren nackten Füßen. Das Nachtgewand, das sie trug, war aus gerauter Baumwolle, dennoch fröstelte sie.

»Ich werde jetzt wieder zu Bett gehen«, flüsterte sie.

»Natürlich.« Er nickte und schien sich bereits abwenden zu wollen – dann trat er jäh auf sie zu, schloss sie in die Arme und zog sie eng an sich heran.

Sie spürte seinen Atem und seine Wärme, und die Vertrautheit seiner Berührung verschaffte ihr ein wenig Trost. Aber sie war nicht in der Lage, die Zärtlichkeit zu erwidern. Wie ein Stück Holz lag sie in seinen Armen, fühlte sich schlecht und schuldig dabei und konnte dennoch nichts dagegen tun.

»Verzeih«, hauchte er, während er wieder von ihr abließ. »Ich wollte nicht …«

»Das hast du nicht«, versicherte sie. Ihr war klar, dass manch anderer Ehemann es als sein ureigenstes Recht betrachtet hätte, sich ihrer zu bemächtigen, nötigenfalls auch mit Gewalt. Quentin gehörte nicht zu dieser Sorte. Der Blick jedoch, mit dem er sie bedachte, während er langsam von ihr zurückwich, traf Mary bis ins Mark, denn er betrachtete sie wie eine Fremde.

»Verzeih«, sagte er noch einmal, dann verließ er die Schlafkammer und ging wieder nach unten in sein Arbeitszimmer.

Wortlos lauschte sie, wie seine Schritte über die Stufen verklangen, und einmal mehr füllten sich ihre Augen mit Tränen.


5


Hyde Park, London
Tags darauf

»Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, Mr. Ballantyne.«

James Ballantyne sah zu dem Mann auf, der oben auf dem Podest stand. Alles an ihm, von den aus feinstem Leder gefertigten Stiefeln über den grauen, von einem Schultercape umhüllten Mantel bis zu dem hohen Zylinderhut, war Respekt gebietend, ja einschüchternd. Milton Chamberlain war ein Gentleman, wie er im Buche stand, ein arrivierter Anwalt, der zum Inner Temple gehörte. Bei seinen Klienten genoss er einen außergewöhnlich guten Ruf, der schon bis ins Königshaus gedrungen war. Bei seinen Gegnern hingegen war sein Name berüchtigt. Und Ballantyne gab sich keinen Illusionen darüber hin, zu welcher Kategorie er selbst gehörte …

»Kommen Sie, Mr. Ballantyne«,

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