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Das Unbekannte

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Inhaltsverzeichnis

  • Das Unbekannte
  • Copyright
  • Prolog
  • Kapitel Eins
  • Kapitel Zwei
  • Kapitel Drei
  • Kapitel Vier
  • Kapitel Fünf
  • Kapitel Sechs
  • Kapitel Sieben
  • Kapitel Acht
  • Kapitel Neun
  • Kapitel Zehn
  • Kapitel Elf
  • Kapitel Zwölf
  • Kapitel Dreizehn
  • Kapitel Vierzehn
  • Kapitel Fünfzehn
  • Kapitel Sechzehn
  • Kapitel Siebzehn
  • Kapitel Achtzehn
  • Kapitel Neunzehn
  • Kapitel Zwanzig
  • Kapitel Einundzwanzig
  • Kapitel Zweiundzwanzig
  • Kapitel Dreiundzwanzig
  • Kapitel Vierundzwanzig
  • Kapitel Fünfundzwanzig
  • Kapitel Sechsundzwanzig
  • Kapitel siebenundzwanzig

Das Unbekannte

Mystery-Thriller von Linda Pendleton


Der Umfang dieses Buchs entspricht 378 Taschenbuchseiten.


John Warren und Denise Fellini werden mit ihren hochbegabten Kindern Emily und Billy, zusammen mit sieben anderen Eltern und deren hochbegabten Kindern nach Lake Arrowhead eingeladen, um an einem Forschungsprojekt teilzunehmen.

Bei einem Ausflug der Kinder nach Disneyland verschwinden diese urplötzlich.

John und Denise machen sich trotz des Verbots seitens der Regierung und des FBI auf eigene Faust auf die Suche nach ihren Kindern.

Dabei werden sie immer wieder von einem Mitglied des Geheimdienstes namens Erickson verfolgt und bedroht. Es gelingt ihnen, einen der Wissenschaftler, den Russen Boris Parnov, für sich zu gewinnen, der sie bei ihrer Suche unterstützt...

Dass die Wahrheit über die Aliens so lange Zeit unterdrückt werden konnte, ist einer geheimen Behörde innerhalb der US-Regierung zu verdanken, in deren Auftrag Erickson unterwegs ist. Er scheut auch nicht vor Mord zurück, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt.

Und John und Denise könnten seine nächsten Opfer sein, wenn sie nicht davon ablassen, das Labyrinth aus Intrigen, Lügen, Mord und staatlicher Vertuschung niederreißen zu wollen!



Prolog

Des Nachts in der Wüste hörst du die Götter sprechen. Und manchmal siehst du sie auch.

Genau das war es, was Leon Runnig Deer in dieser Augustnacht auf dem abgelegenen Tafelberg in der Wüste im Hopi-Reservat des nördlichen Arizona nicht erleben wollte.

Das Abendlicht war so gut wie verblasst. Am fernen Horizont wich ein immer schmaler werdender Streifen eines gedämpften Purpurrots, Überrest eines lebhaften Sonnenuntergangs im Südwesten, der herannahenden Dunkelheit, während die einbrechende Nacht die Silhouetten der umliegenden Landschaftsformationen verschlang. Eine Reihe von Tafelbergen erstreckte sich wie gigantische Finger von der Black Mesa nach Norden. Dieses zerrissene Terrain war weit und gefurcht genug, um jedes Anzeichen für das Vorhandensein der modernen Zivilisation abzublocken.

Leon Running Deer und Tommy Batts lungerten Seite an Seite an den verrosteten, eingedellten Kühler von Tommys uralten Chevy Pickup gelehnt herum und tranken gelegentlich einen Schluck Bier aus der Dose. Seit mehreren Minuten herrschte ein uneingestandenes, kontemplatives Schweigen zwischen den beiden Männern, das seinen Ursprung in einer Freundschaft hatte, die bis in ihre Kindheit zurückreichte.

Irgendwie hatte Leon vergessen, wie spirituell dieses Land seiner Herkunft war. Hin und wieder fühlte es sich tatsächlich wie der Mittelpunkt des Universums an, wie es die Legende der Hopi nahelegte. Er war allzu lange ein Stadtbewohner gewesen, begriff er. Er hatte die Berührung zu diesem Teil seines Erbes verloren. Oder zumindest sein Bewusstsein dafür. Aber seine Psyche erfuhr den untergründigen Pulsschlag einer spirituellen Erfahrung. Etwas tief in ihm war dabei zu erwachen und sich zu rühren.

Er fragte sich, ob es hier draußen, an diesem so spirituellen Ort, überhaupt anders sein konnte. Die Welt oben war die dunkle Unendlichkeit funkelnder Sterne. Näher zur Erde hin trug eine kühle, nächtliche Brise, so seidig und angenehm nach der Hitze des Tages, den Duft eines Mesquitebaums und das Krächzen eines Nachtvogels mit sich. Kojoten heulten.

Ja, dachte Leon, diese Tierlaute könnten als Stimmen von Göttern missverstanden werden – oder von Dämonen.

Er durchbrach das Schweigen. „Weißt du ganz bestimmt, Tommy, dass es nicht diese Kojoten da draußen waren, die du gehört hast, und keine Gespräche von Göttern?“

Grinsend erwiderte sein Freund: „Vielleicht ist das ein- und dasselbe.“ Er trank einen Schluck Bier und fügte hinzu: „Warte einfach ab.“

Vom äußeren Erscheinungsbild her hätten die beiden Männer kaum unterschiedlicher sein können. Leon Runnig Deer war ein adretter Sechsundzwanzigjähriger, locker, jedoch modisch gekleidet in Jeans, Stiefeln und Westernhemd. Fein geschnittene Züge machten ihn für die Frauen anziehend, auch für seine Verlobte in Albuquerque, New Mexico.

Tommy, gleichaltrig wie Leon, erschien auf den ersten Blick mindestens zehn Jahre älter. Stämmig, mit gewaltigem Oberkörper. Er trug eine schmutzige Jeans, ein fadenscheiniges T-Shirt, und sein rundliches Gesicht zeigte einen mehrtägigen Bartwuchs. Offensichtlich war ihm sein äußeres Erscheinungsbild ziemlich unwichtig. Er arbeitete hin und wieder als Automechaniker im Reservat, konzentrierte sich jedoch hauptsächlich auf sein kulturelles Erbe und seine Gabe, als Schamane zu wirken, was ihm ebenso leicht fiel wie das Atmen. Fast sicher würde er in die Fußstapfen seines Großvaters treten und Ältester des Bear-Clans werden.

Anfangs – vor zwanzig Minuten, nachdem Tommy den zerbeulten Pickup von der rauen Schotterstraßen hierher gelenkt und den Motor abgestellt hatte – hatte sich Leon eingeredet, dass er bescheuert gewesen war, sich von seinem Freund aus der Kindheit dazu überreden zu lassen, ihn hier hinaus mitten ins Nichts zu begleiten. Leon und Tommy hatten sich über die dazwischen liegenden Jahre hinweg weit, weit auseinander gelebt. Als er sich jedoch an die Abgeschiedenheit dieses Orts, zu dem Tommy sie gebracht hatte, gewöhnt hatte, wurde Leon klar, dass es tatsächlich genau das war, was er brauchte.

Leon Running Deer war keine fünfzehn Kilometer von hier, wo er jetzt stand, geboren worden und aufgewachsen. Und es war die letzte Nacht seines Besuchs im Reservat, weil seine Mutter, die plötzlich im Alter von sechsundsechzig Jahren verstorben war, beerdigt worden war. Gleich am folgenden Morgen würde er für das Sommersemester an die juristische Fakultät in Albuquerque zurückkehren.

Den größten Teil der vergangenen Woche hatte er mit seinen Brüdern und Schwestern sowie deren Familien über den Verlust ihrer Familienmatriarchin getrauert.

Aber hier draußen zu stehen, mit einem Freund aus der Kindheit und unter den Sternen, und nur die Kojoten und den Nachtwind als Gefährten zu haben, das Einssein mit dem Universum zu erfahren, das Generationen seiner Vorfahren unter eben diesem Nachthimmel erfahren hatten, oder auf eben diesem Tafelberg ... ja, seine Mutter hätte genau das von ihm während seines kurzen Besuchs im Reservat gewollt.

Hier auf diesem Tafelberg entdeckte er, dass er den spirituellen Sinn eines Kreises entdeckte, der sich schloss. Ein Gefühl von Abgeschlossenheit in diesem Stadium des Trauerprozesses um seine Mutter.

Er hatte den Eindruck, dass es viel zu lange her war, seitdem er das letzte Mal zugelassen hatte, diese spirituelle Verbindung zu erfahren.

Ja, er musste öfter zurückkehren.

Aber er wollte die Götter nicht sehen oder hören. Nicht in dieser Nacht, nein, vielen Dank.

Leon stand kurz vor dem Abschluss in Albuquerque. Seine Verlobte Elaine war eine Jüdin aus New York und eine Kommilitonin, eine helle, musisch begabte junge Frau mit einem starken Willen, deren Vater zufällig Seniorpartner einer der renommiertesten Anwaltskanzleien auf der Wall Street war. Leon und Elaine waren erst vor einem Monat zusammengezogen, und eine Heirat war in den Plänen für ihre Zukunft vorgesehen. Ein Mann könnte es viel schlimmer treffen, als eine Ehefrau wie Elaine zu haben. Und sie zu heiraten würde Leon Running Deer so gut wie sicher eine Position in der Kanzlei ihres Vaters verschaffen. So lief das in der Welt des weißen Mannes, in der Welt, in der er unbedingt Erfolg haben wollte. Er wünschte, er könnte Tommy Batts das Potenzial zeigen, das sie beide hatten – dass es möglich war, durch Konzentration und harte Arbeit hoch steckte Ziele zu erreichen. Leon sah sich auf der Gewinnerstraße, und das hatte er dadurch erreicht, dass er seine Vergangenheit hinter sich gelassen und sich auf die Zukunft konzentriert hatte. Mit fünfunddreißig wollte er Millionär sein, und er wollte verdammt sein, wenn seine Chancen dazu nicht gut wären.

Er schämte sich in keiner Weise seiner Wurzeln. Sein angeborener Stolz auf sein Erbe als Ureinwohner Amerikas zeigte sich äußerlich in kaum merklicher, jedoch bedeutsamer Weise, und dennoch wusste er intuitiv, und es wurde ihm unmissverständlich klar gemacht, als er hier auf diesem Berg mit Tommy stand ... dass er in der Tat mehr im Reservat zurückgelassen hatte als bloß die Erinnerungen an eine chronologisch abgelaufene Vergangenheit. Er hatte einen Teil seiner Seele zurückgelassen, und heute Nacht würde er diesen Raum erneut berühren. Sein Leben in der Stadt war so geschäftig verlaufen, um sich seine Chance auf besagte erste Million zu angeln, bevor er auch nur die juristische Fakultät verlassen hatte, und diese unbedingte, tunnelblickartige Konzentration, immer den Fuß auf dem Gaspedal, hatte ihn, ja, tatsächlich, vergessen lassen, wie das hier war.

Das Problem für Leon bestand natürlich darin, dass er diese gewaltigen Ziele, die er sich gesteckt hatte, tatsächlich auch erreichen wollte: die erste von hoffentlich vielen Millionen Dollars und alles, was damit einherging. Die wunderschöne Ehefrau, den renommierten Job in einer erstklassigen Anwaltskanzlei.

Auf der Gewinnerstraße, ja.

Genau deswegen hoffte er, dass sein Kumpel Tommy einfach zu viel Bier intus hatte, als er von Göttern sprach, die im Dunkel der Nacht erschienen und zu ihm sprachen.

Nein, Leon wollte definitiv nicht hören, wie die Götter heute Nacht sprachen. Oh, nein. Wenn die Götter zu ihm sprachen, verspürte Leon eine unbestimmte Furcht vor dem, was sie vielleicht sagten. Er hegte ein gewisses Schuldgefühl, dass er dem falschen Pfad im Leben folgen könnte.

Nachdem er seinen Abschluss hätte, seine Zulassung als Anwalt erhalten hätte ... na ja, da konnte ein Anwalt viel Gutes hinsichtlich des Reservats und der Vertretung von Stammesdingen erreichen. Der Haken war jedoch der, dass Stammesanwälte keine Millionäre wurden und noch viel weniger Power-Suits in renommierten New Yorker Anwaltskanzleien trugen.

Dieser innere Konflikt machte Leon zu schaffen. Bislang jedoch nicht ausreichend, um seine Karrierestrategie oder seine Ziele zu ändern, zu denen auch ein Hochhaus-Appartement in Manhattan und Winterferien irgendwo an der Sonne gehörten, und nicht nur Geld scheffeln mit Öl in Second Mesa, Arizona.

Wäre den Göttern der alten Sitten das genehm?

Leon wusste nicht so recht, ob er es herausfinden wollte.

Dann kam ihm ein Gedanke. Vielleicht hatte Tommy recht. Vielleicht hatten die Götter bereits im Jaulen dieser Kojoten und im Nachtwind gesprochen.

Da entschloss sich Leon Runnig Deer, dass er wirklich häufiger ins Reservat zurückkehren würde, gleich, wohin ihn sein Leben auch bringen würde. Er würde weitermachen, ohne seine Karrierestrategie oder seine Wurzeln aufzugeben, oder seine Wertschätzung der alten Sitten und Gebräuche, die lehrten, dass die Götter sprechen konnten. Er würde anfangs vielleicht einmal im Monat zurückkehren und so wie jetzt mit Tommy und mit seinen Geschwistern und deren Familien herumhängen. Er würde das Grab seiner Mutter besuchen und über diese Gründe seiner Stammesvorfahren wandern.

Seine Gedanken reisten zu einer Zeit vor fast zwanzig Jahren zurück, zu jenem Sechsjährigen, der seine Initiation in die Gesellschaft der Kachina erfuhr – die Kachinas -, die respektierten Geister sämtlicher unsichtbarer Kräfte des Lebens, die bei den Hopis waren, seitdem diese aus dem Leib der Mutter Erde gekommen waren. Er erinnerte sich an die Gefühle von Aufregung, Verwunderung und Furcht, allesamt bunt gemischt zu einer Emotion, während er und die anderen Kinder sich versammelt hatten und die Gesichter zur Leiter der Kiva oben gerichtet hielten, der unterirdischen Zeremonienkammer, und erwartungsvoll dem Klopfen ans Dach der Kiva geharrt hatten. Sein Herz klopfte heftig, als er den seltsamen Falsettruf und das Rasseln hörte. Die Geister waren aus dem Nachthimmel gestiegen und machten sich an den Abstieg über die Leiter. Farbenfrohe maskierte Gestalten, einige grotesk und seltsamen, andere fast wunderschön in ihrer Verkleidung, tanzten und sangen in perfektem Einklang, und er hörte immer noch das Lied der Geister, wie sie in die Welt der Sterblichen hinabstiegen.

Die Adlerfeder, die er in jener Nacht während seiner Initiation erhalten hatte, war immer noch in seinem Besitz.

Er leerte seine Bierdose, ließ sie fallen und trat sie mit dem Stiefelabsatz flach, bevor er sie auf die Ladefläche des Pickups warf.

„Schätze, ich bin dir noch etwas schuldig, Tommy.“

Tommy hatte gerade eine neue Dose geöffnet. „Wie meinst du das, Kumpel?“

„Ich bin dir bereits mein Leben schuldig.“

Verlegen sah Tommy zu Boden. Seine leicht verwaschene Aussprache verriet, wie angetrunken er war. „Och, Leon. Das ist lange her, du Blödmann. Wir waren bloß Kinder, Mensch.“

Leon nickte. „Ja, waren wir, und wir hatten in diesem alten Bergwerksschacht nichts verloren. Als ich reingefallen bin und mir das verdammte Bein gebrochen habe, war nichts mehr mit rauskommen, und ich werde die Rüttler nur ein paar Meter unter mir auf der Kante nie vergessen. Ich würde heute hier nicht stehen, wenn du nicht Hilfe geholt hättest. Ich schulde dir mein Leben, Tommy. Aber mich heute Nacht hier rauszubringen ...“ Leon legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter und drückte sie brüderlich. „Es ist gut, hier draußen mit dir zu sein, Mensch. Da muss ich über ein paar Sachen nachdenken, über die ich mal nachdenken musste.“

In Erwartung einer Antwort hielt Leon inne, und da begriff er, dass Tommy nicht mehr angetrunken wirkte ... und nicht mehr länger auch nur ein Wort hörte, das er sprach. Wie gelähmt stand er da und starrte in die Dunkelheit, als würde er etwas sehen, das Leon nicht sehen konnte.

„Es geschieht“, sagte Tommy.

Es geschah, bevor Leon eine Erwiderung hätte formen können.

Am Horizont zuckte ein heller Schein, der anscheinend von einem Punkt stammte, den Tommy angestarrt hatte.

Und jetzt starrte Leon ebenfalls in diese Richtung.

Alles geschah unglaublich schnell. Aus dem hellen Lichtblitz wurde eine Gruppe farbiger Lichter, die pulsierten und blitzten – tief am Himmel, und sie näherten sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit.

Es blieb keine Zeit, auch nur einen Finger zu rühren. In dem darauf folgenden Augenblick war Leons Kopf voller wirrer Gedanken. Sollte er sich zu Boden werfen? Diese pulsierenden Lichter jagten direkt auf sie zu und waren fast über dem Pickup, bevor Leon auch nur einen klaren Gedanken hätte bilden können.

Tommy lehnte weiterhin ruhig am Kühlergrill seines Pickups, hielt seine Bierdose in der Hand und sah dem näher kommenden Etwas entgegen, als hätte er absolut erwartet, dass es geschehen würde.

Leon, der gewiss nichts in dieser Hinsicht erwartet hatte, blieb die Zeit, den Kopf einzuziehen, während etwas Riesiges und Unglaubliches über ihn hinweg fegte. Das gigantische Was-auch-immer kreuzte auf etwa Baumhöhe umher. Leon verdrehte den Hals, und es strich nahe genug an seinen großen Augen vorüber, dass er erkennen konnte, dass die pulsierenden Lichter um eine silberfarbene Kugel kreisten, deren Durchmesser Leon Running Deers Schätzung nach fast zweihundert Meter betrug. Es folgte ein unheimliches Schweigen. Leon konnte kaum das leiseste Geräusch vernehmen, während das Ding auf sie zu jagte.

Dann schwebte es fünf oder zehn Sekunden lang auf der Stelle.

Und dann, noch bevor das Staunen über das alles so richtig in Leons verblüfftes Bewusstsein einsinken konnte, war das Was-auch-immer-Ding wieder auf und davon, auf einem schnurgeraden Pfad aus Licht, der Richtung Südwesten führte, und es verschwand in kaum einmal weiteren fünf oder zehn Sekunden völlig in der Dunkelheit.

„Heilige Scheiße“, murmelte Leon Running Deer in einem Tonfall aus Ehrfurcht und Verehrung.

„Die Götter sprechen“, sagte Tommy nüchtern. „Die alten Sitten sind lebendig.“

Leons rationales Bewusstsein kämpfte um das Verständnis dessen, wobei er gerade Zeuge gewesen war. „Als Kinder haben wir immer Militärflugzeuge in der Luft gesehen“, sagte er. „Die Bombenabwurfgebiete in Utah und New Mexico ...“

„Du meinst, das war ein Militärflugzeug, Kumpel?“

„Ich weiß nicht, was es war.“

„Ich sage dir, was es war“, sagte Tommy. „Es war zwei betrunkene Indianer mit zu viel Bier intus.“ Sein Blick konzentrierte sich auf Leon. „Du willst sauber bleiben, junger Anwalt? Das ist nie passiert.“

Leon ertappte sich bei der Frage, was tatsächlich geschehen war.

Das ganze Ereignis hatte von Anfang bis Ende kaum mehr als dreißig Sekunden gedauert.

Die Nacht gehörte wieder der Brise, die den Duft von Mesquitebäumen und das Geheul der Kojoten unter einer schwarzen Unendlichkeit voller Sterne mit sich trug.

Es war, als wäre nichts weiter geschehen.

Und was genau war denn geschehen?, überlegte Leon. Etwas, etwas, das sehr über die Sphäre der normalen menschlichen Erfahrung hinaus ging, war heute Nacht hier geschehen. Waren heute Nacht die Götter auf diesem Berg erschienen und hatten sie zu ihm gesprochen? Ihm waren bloß flüchtige Eindrücke dessen geblieben, was er gesehen und gehört hatte.

Er konnte seinen Augen und Ohren trauen, nicht wahr?

Er ertappte sich bei der Frage, wie oft Menschen so etwas sahen wie das, bei dem er und Tommy gerade Zeuge geworden waren, und niemand ihnen glaubte. Oder fürchteten sich solche Menschen davor, etwas zu sagen, weil sie wussten, dass ihnen niemand glauben würde?

Leon wandte den Blick von dem Punkt ab, an dem das „Was-auch-immer“ verschwunden war. Er nahm sich eine weitere Bierdose.

„Ja, du hast recht“, sagte er nüchtern, nachdenklich, und starrte erneut zu dem fernen Punkt, wo die Lichter verschwunden waren. „Bloß zwei betrunkene Indianer.“

Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte, was gerade geschehen war. Aber etwas war eindeutig geschehen, ja. Teufel noch eins, ja.

Und Leon Running Deer ertappte sich bei der Frage, wann es wieder geschehen würde.



Kapitel Eins

Da war eine süße Traurigkeit, gemischt mit einem fröhlichen Abschied, ein Gefühl gezwungener Fröhlichkeit oder verborgener Unruhe, und John Warren war diesem Gefühl gegenüber bestimmt nicht immun. Einen einzigen Augenblick lang dort im strahlenden Licht der Morgensonne, umgeben von plappernden, lachenden Kindern und Erwachsenen, spürte er, wie ein Unbehagen an seinem Unterbewusstsein nagte.

Einen Herzschlag lang hielt er inne, nicht länger. Ein kaum merkliches Zögern angesichts all dessen, was sonst um ihn her vor sich ging.

Aber Emily bemerkte es. Natürlich.

„Daddy, hast du etwas?“

Sie sprach mit der Besorgnis eines Erwachsenen seines eigenen Alters. Er hatte sich nie daran gewöhnt, seine hochbegabte Vierjährige mit dem intellektuellen und emotionalen Scharfsinn einer Erwachsenen sprechen zu hören, und noch dazu eine schlauen und sensiblen Erwachsenen.

Emily Warren war ein dunkelhaariges Kind mit funkelnden Augen, nur neunzig Zentimeter groß, aber sie konnte in jedem Gespräch mit erwachsenen Gelehrten bestehen. Sie hatte in der Wiege angefangen zu sprechen, noch bevor sie gelernt hatte zu krabbeln, und sie hatte seit dem Alter von zehn Monaten gelesen. Sie hatte ein verblüffendes Verständnis für literarischen Wert, konnte kenntnisreich viele klassische Autoren diskutieren und vergleichen, und sie konnte über jedes Thema spontan in metrischen Reimen sprechen.

„Mir geht's gut, Emily“, versicherte ihr Warren. „Ich habe bloß an ein Problem auf der Arbeit gedacht.“

Sein Unbehagen verging ebenso rasch, wie es gekommen war, und er schloss sich wieder der Welt rings umher an, einer Welt des wunderbar hellen Sonnenscheins, warm und behaglich, trotz der frühen morgendlichen Stunde und der Höhe von 1.500 Metern, in welcher der Lake Arrowhead lag, einhundertzehn Kilometer nördlich von Los Angeles, einer Welt des fröhlichen Geplauders neun lebhafter Kinder verschiedenen Alters und kulturellen Hintergrunds, die sich bereit machten, mit ihren Begleitern einen Bus für einen Tagesausflug nach Disneyland zu besteigen, zwei Stunden entfernt vom Konferenzzentrum.

Warren wusste nicht, ob ihm seine Tochter seine kleine Notlüge über Probleme auf der Arbeit abkaufte oder nicht, aber sie ließ den Augenblick verstreichen und verstrickte eines der anderen Kinder in eine lebhafte Diskussion. Warren war das nur recht. Es war nicht immer leicht, Alleinerziehender zu sein und mit einer vierjährigen Hochbegabten mitzuhalten.

John Warren war ein vierunddreißigjähriger Luftfahrtingenieur, der bei einer größeren Vertragsfirma der Regierung in Denver angestellt war. Gutaussehend auf eine Weise, die manche als kräftige Gestalt mit kantigem Kinn bezeichnet hätten, also kein verschrobener Nerd. Warren war trotz allem schlank und sportlich, Anzeichen für das Durchhaltevermögen eines Überlebenskünstlers, das er sich als Cross-Country-Skifahrer und Freiluftmensch erworben hatte.

Emily und ihr Vater sowie die anderen acht Kinder und deren Eltern waren spezielle Gäste hier im International Center for the Advanced Study of Gifted Children, also dem internationalen Zentrum für vertiefende Studien hochbegabter Kinder, einer privaten Stiftung.

Die neun hochbegabten Kinder und deren Eltern waren aus der ganzen Welt eingeflogen worden. Das Alter der Kinder lag zwischen vier und neun Jahren, und sowohl die Eltern als auch die Kinder wurden einer sorgfältigen Überprüfung seitens einer Vielzahl von Experten unter der Schirmherrschaft der Stiftung unterzogen.

Joshua Lazare war das älteste der neun besonderen Kinder. Seine Eltern waren Professoren an der Universität von Tel Aviv. Seine ersten Jahre hatte er in einem Kibbuz verbracht. Seine außergewöhnliche Begabung manifestierte sich in seinem fünften Lebensjahr, als er seine Lehrer mit einer klaren Kenntnis der alten Geschichte Israels überraschte. Im Alter von sieben Jahren sprach er flüssig drei größere Sprachen des Nahen Ostens und erstaunte Gelehrte mit seiner Fähigkeit, Schrift in Keilschrift aus dem alten Sumerisch zu übersetzen und Übergangsformen zwischen dem Post-Sumerischen und den Alt-Babylonischen Perioden zu identifizieren.

Diese spezielle Sprachbegabung teilten offenbar sämtliche Kinder, obwohl in unterschiedlichen Zusammenhängen und Graden, aber jedes war gleichfalls auf verschiedenen anderen Gebieten begabt.

Yohiku, ein sechs Jahre altes zierliches japanisches Mädchen, war Violinvirtuosin und Komponistin. Zusätzlich glänzte sie als Lyrikerin, darunter auch im Haiku.

Stefan, ein bärenstarker, achtjähriger Junge aus der Ukraine, fertigte verblüffende Bilder, sowohl Aquarelle als auch Ölgemälde, und konnte kenntnisreich die Techniken der Renaissance-Meister mit jedem Kurator eines Kunstmuseums besprechen.

Die siebenjährige Indira, geboren in einem abgelegenen Dorf nahe der indisch-pakistanischen Grenze, demonstrierte ein phänomenales Verständnis von Sozioökonomie und Geopolitik.

William Fellini, der fünf Jahre alte Sohn einer geschiedenen Lehrerin aus Massachusetts, war ein Mathematikgenie und Computerfreak.

Die drei anderen Mädchen, alle sechs Jahre alt, repräsentierten Afrika, Südamerika und Südost-Asien in der Konferenz von Lake Arrowhead und erstaunten die Experten mit Kunststücken in Psychokinese und zusätzlichen sensorischen Wahrnehmungen. Weiterhin verfügten sie über andere Talente.

Die junge Afrikanerin Soja Unace stammte aus Kenia, und sie verblüffte Experten mit ihrer Kenntnis wissenschaftlicher Konzepte, insbesondere in Physik und Biologie.

Angelina Flores aus Peru verfügte über die Gabe, die Werke von Meisterkomponisten am Klavier wiederzugeben, praktisch unbesehen, und ihre eigenen Komposition hätten wahrscheinlich die meisten klassischen Komponisten beschämt. Sie kannte auch die alten ägyptischen und griechischen Gesellschaften und Philosophien vorwärts und rückwärts.

Astronomie und herausragende mathematische Fähigkeiten waren die Stärke von Wina Naygen, sehr zur Überraschung der Einwohner ihres kleinen thailändischen Dorfs.

Also war es eine außergewöhnliche Schar von Kindergenies, die da unter dem sommerlichen Himmel Südkaliforniens versammelt war.

Das Areal der Stiftung umfasste ein 40.000 Quadratmeter abgeschlossenes, direkt am See liegendes Gebiet, ein gutes Stück entfernt von dem geschäftigen Gebiet auf der anderen Seeseite, wo die Andenkenläden und Restaurants überquollen von Touristen und Stadtbewohnern, die es in die Berge zog, um der Hitze der Stadt zu entrinnen. Das Areal hier im Zentrum war idyllisch, das Hauptgebäude und ein halbes Dutzend weitere Gebäude standen inmitten eine Kulisse eines unberührten Waldes aus dicken Fichten.

Es war der dritte Tag der Konferenz. Während die Kinder sich ihrem besonderen Vergnügen widmeten, konzentrierten sich die Studien der Experten an diesem Tag einzig und allein auf die Eltern.

Die Zusammensetzung der Eltern war natürlich ebenso bunt gemischt wie die ihrer Kinder. Es gab die japanischen Eltern, Hindus aus Indien in traditionellen Gewändern, bäuerliche Ukrainer und so weiter. Das Zentrum stellte für die Sitzungen Dolmetscher zur Verfügung, aber die übrige Zeit hielt sich der Austausch zwischen den Erwachsenen sehr in Grenzen.

Warren hatte tatsächlich etwas heikle Probleme von seiner Arbeit mitgebracht und kämpfte des Nachts damit, wenn Emily schlief. Weswegen seine kleine Notlüge, dass ihn etwas bei seinem Job beschäftigte, plausibel erschienen war.

Er glaubte, die Sache sei damit erledigt.

Er begriff, dass er es bei Emily hätte besser wissen sollen.

Als sie gerade in den Bus einsteigen wollte, löste sie sich kurz von den andren Kindern und kehrte zu ihm zurück. Er hockte sich hin, und seine Tochter umarmte ihn zum Abschied ungewöhnlich heftig.

„Schon okay, Dad“, piepste sie mit dieser jung-alten Stimme. „Du hast auch eine gute Zeit.“

Er erwiderte die Umarmung auf dieselbe Weise.

Er lachte leise. „Oh, bestimmt habe ich eine großartige Zeit heute, wenn diese ganzen Ärzte und Wissenschaftler in meinem Gehirn und meinem Körper herumstochern.“ Dann richtete er sich auf, nahm sie bei der winzige Hand und führte sie zu der kürzer werdenden Schlange von Kindern zurück, die den Bus bestiegen. „Zeit, loszufahren, Kindchen“, sagte er mit einem Grinsen. „Grüße Micky Maus von mir.“

Sie drückte ihm ein letztes Mal die Hand, bevor sie ihn losließ. „Und auch Minnie“, sagte sie nüchtern.

Was für eine Selbstsicherheit bei einer Vierjährigen! Aber dann wiederum war sie schon immer so gewesen. Wie ihre Mutter. Mein Gott, wie sehr wünschte er, dass Janey am Leben geblieben wäre, um dieses Kind kennenzulernen. Vielleicht war dies Teil des Gefühls, die Traurigkeit. In seinen glücklichsten und stolzesten Augenblicken mit Emily waren die Gedanken an Janey immer die stärksten. Janeys Seele und Geist lebten gewiss in ihrer Tochter weiter. Emily hatte die wunderschönen Augen ihrer Mutter, und so viel mehr. Ja, Janey, dachte Warren zum vielleicht zehn Millionsten Mal mit einem Kloß in der Kehle. Du wärst bestimmt stolz.

Dann schloss der Busfahrer die Türe, und der Bus fuhr los, entzog sich der Gruppe von Eltern.

Der weiße, mit den Kindern und ihren Begleitern beladene Schulbus nahm die Kurve der Zufahrt und verschwand zwischen einigen Fichten.

Die Eltern standen dort und sahen ihm nach, bis der Bus auf die Straße am See abbog. Mehrere winkten immer noch fröhlich, selbst nachdem der Bus außer Sicht verschwunden war.

Warren merkte, dass er feuchte Augen hatte, als er sich umdrehte und sich dem gehetzten Blick von Denise Fellini gegenübersah. Er versuchte, sie zuversichtlich anzulächeln, und sagte zu ihr: „Sie sind bestimmt in guten Händen.“

„Das ist nicht das Problem“, log sie nüchtern. „Ich bin bloß neidisch“, fügte sie hinzu. „Ich war nämlich auch noch nie in Disneyland.“

Warren lächelte, spürte jedoch, dass Denise ebenso unbehaglich zu Mute war wie ihm.



Kapitel Zwei

Daraufhin gingen sämtliche Eltern ihrem individuellen Tagesablauf nach, und Warrens Morgen verstrich ziemlich schnell.

Wie die Kinder bei diesem einwöchigen Programm wurden auch die Eltern von Experten in mehreren Disziplinen studiert. Es gab medizinische und psychologische Untersuchungen, Intelligenztests und erschöpfende Befragungen über politische, ideologische und kulturelle Einflüsse.

Heute gab Warren Blut- und Gewebeproben ab, unterzog sich einer Vielzahl von Intelligenztests und kämpfte mit einer detaillierten Befragung über sich selbst, seine verstorbene Frau und ihr Kind.

Die Befragung holte viele schmerzliche Erinnerung in scharfen Fokus, und er fühlte sich hinterher etwas erschlafft, aber beim Mittagessen traf er wiederum mit Denise Fellini zusammen.

Diesmal war sie damit an der Reihe, eine Reaktion auf etwas zu bemerken, das sie in seinen Augen sah. „Sie sehen erschöpft aus, John. Erzählen Sie mir nicht, dass sie Sie zuerst genervt haben, und dass sie mich heute Nachmittag an ein paar Elektroden anschließen und High-Tech-Sonden in mich hineinstecken.“

Der scharfe Verstand der Lehrerin aus Boston holte ihn aus seiner Erschöpfung. Er lachte leise. „Keine Elektroden. Bloß zu viele Erinnerungen, die aus der Vergangenheit raufgeholt wurden.“

„Schlimme Zeiten?“

„Es waren gute Zeiten damals“, erwiderte er. „Aber es schmerzt, jetzt an sie zu denken.“

„Also sind wir vielleicht denselben Tests unterzogen worden. Ich fürchte nur, dass die Erinnerungen, die heraufgeholt wurden, dafür sorgten, dass ich froh war, nicht mehr dort zu sein. Ich war mit einem Lump verheiratet. Seitdem er mich verlassen hat, hat er weitere zwei Frauen verschlissen. Zwei Monate nach Williams Geburt habe ich ihn dabei erwischt, wie er mich in unserem eigenen Bett betrogen hat.“ Sie zuckte die Achseln, und dabei fiel ihr kastanienbraunes Haar nach vorn. Sie schob es sich leicht aus dem Gesicht zurück, wodurch die haselnussbraune Augen etwas deutlicher zu erkennen waren, deren Blick etwas weicher geworden war. „Das einzig Gute, was aus diesem Fehler in meinem erwachsen ist, war mein Sohn“, fügte sie warm hinzu.

Warren bemerkte, dass er immer noch die Art und Weise bewunderte, wie sich ihre Schultern beim Achselzucken bewegt hatten, dass das Achselzucken richtig feminin und stark und attraktiv gewesen war, und zwar alles gleichzeitig, und er begriff ebenfalls leicht schockiert, dass Denise Fellini die erste Frau war, die er vom Äußeren her als Frau bewunderte, seit ... nun ja, seit Janey.

Er war immer gern sowohl in Gesellschaft von Frauen als auch Männern gewesen, und das hatte sich nicht geändert. In Denver waren die wenigen Menschen, in denen er gute Freunde sah, gleichmäßig zwischen den Geschlechtern aufgeteilt. Genügend Geld nach Hause zu bringen, eine Vierjährige großzuziehen, insbesondere eine wie Emily, reichte mehr als aus, dass ein Mann am Abend völlig erschöpft war. Nun war es nicht so, dass er eine Liebesbeziehung völlig aus seinem Leben ausgeschlossen hätte. Es war nur so, dass er eine solche Beziehung einfach nicht erwogen hatte. Und da der Geist Janeys in ihrer Tochter und in seinem Herzen derart lebendig war, sah sein Lebensplan in nächster Zukunft auch keine Liebesbeziehung vor.

Abgesehen davon, redete er sich ein, ist es nicht so, dass man, wenn man die attraktive Bewegung eines weiblichen Schulterzuckens bewundert, sich gleich in sie verliebt.

Um das nicht zu vertiefen, und um seine Gedanken von solchen wahnwitzigen Ausflügen abzuhalten, grinste er und sagte: „Einige Dinge der Befragung haben bei mir für ein gutes Gefühl gesorgt. Ich schätze mal, ich werde es niemals müde, auf die Entwicklung meines Kindes stolz zu sein.“

Denise hatte dabei innegehalten, mit der Gabel in ihrem Dessert zu stochern, und überlegte: „Ihre Tochter kann mit Experten über Literatur sprechen. William ist ein Jahr älter, und letztes Jahr hat er einem meiner Freunde, einem Programmierer, ein paar unglaubliche Einsichten in das allerneueste Programm für eine nationale Krankenkasse verschafft. Mit fünf? Wie kann so etwas sein?“

„Die Ergebnisse dieser Konferenz hier sollten definitiv interessant sein, was auch immer herauskommen mag.“

„Wissen Sie, sie machen anscheinend eine große Sache aus der engen Beziehung, die ich zu meinem Sohn habe.“

„Ist dasselbe mit mir und Emily.“

Er warf einen Blick hinaus auf den See, der silbrig hell in der mittäglichen Sonne glänzte. Umgeben war er von Hängen, deren Baumbestand bis hinab zum Ufer reichte, und Warren achtete für einen Moment nicht weiter auf das Klirren des Bestecks im Raum und die Gespräche in einer Vielzahl von Sprachen ... und Denise Fellini, die schöne Frau, die ihm gegenüber saß und Antworten auf eben dieselben Fragen wollte, die ihn während seines Aufenthalts hier im Zentrum gequält hatten.

Er wandte sich wieder ihr zu. „Emily und ich sind auf irgendeiner tiefen psychischen Ebene miteinander verbunden, aber ich glaube, das trifft auf die meisten Eltern und deren Kinder zu, ob sie es anerkennen wollen oder nicht.“

Sie nickte zum Einverständnis. „Ja, William und ich liegen auf derselben Wellenlänge.“ Ganz nüchtern als Tatsache ausgesprochen. „Wir haben oft eine Antwort auf die Gedanken des anderen ausgesprochen, bevor der ursprüngliche Gedanke laut ausgesprochen war.“

Warren gefiel ihre präzise Sprache, die Art und Weise, wie sie etwas ausstrahlte, das offensichtlich ein sensibler, blitzgescheiter Intellekt war. In dieser Hinsicht gefiel ihm der Klang ihrer Stimme, ihr Timbre, und ihm gefiel die attraktive, ruhige, feste Selbstgewissheit, die sie verströmte.

„Haben Sie irgendwelche Schlüsse aus den Beweisen gezogen, die wir zu Gesicht bekommen durften?“, fragte er.

„Es hat nicht viele gegeben, nicht wahr? Ich weiß, von Seiten einiger der Forscher hier wird spekuliert, dass diese Kinder vielleicht eine neue genetische Sequenz gemeinsam haben.“

Warren nickte. Er hatte tags zuvor denselben Vortrag gehört. „Eine neue genetische Sequenz, die sich beim Menschen im Zuge evolutionärer Entwicklung herausgebildet hat.“

„Haben Sie gewusst, dass William das einzige Kind hier ist, das einer gewissen medizinischen Überprüfung unterzogen wurde, bevor er hierher gekommen ist?“, fragte sie.

„Nein, wirklich?“

„Nun ja, eine CT-Untersuchung seines Gehirns deutete auf eine sehr kleine, ungewöhnliche Wucherung irgendwelcher Art hin, die anscheinend die Frontallappen des Gehirns miteinander verband, und zwar ziemlich unabhängig von der normalen Verbindung zwischen der linken und rechten Gehirnhälfte über das Corpus callosum, das bei William normal erschien.“

„Sie kennen sich offenbar gut im technischen Jargon aus.“

„Ich habe ein gutes Gedächtnis“, korrigierte sie. „Ich habe die Testergebnisse wiedergegeben.“

„Da fragt man sich doch, wie viele weitere Kinder es da draußen in der weiten Welt gibt wie die neun, die sie haben auffinden und herbringen können.“

„Da fragt man sich eine Menge Dinge“, pflichtete sie bei. „Das Einzige, was ich sicher weiß, ist, dass die Ergebnisse dieser Test-Woche sehr interessant sein sollten, wenn sie veröffentlicht werden.“

„Emily ist so normal wie die meisten Kinder. Sie mag ihre Puppen und Freundinnen, verbringt ihre Zeit jedoch lieber mit Lesen. Das Problem ist aber immer gewesen, dass sie Kindern ihres eigenen Alters hinsichtlich der Denkfähigkeit dermaßen weit voraus ist, dass es viele von ihnen abstößt. Sie ist nicht immer nett von ihnen behandelt worden.“

„Sie erscheint so liebenswert. Ich glaube, es tut allen diesen Kindern gut, einander kennenzulernen, meinen Sie nicht? Wahrscheinlich haben sie alle dasselbe Problem, von dem Sie gesprochen haben. Sie müssen mit Neid und Feindseligkeit seitens ihrer Altersgenossen zurechtkommen.“

„Ja. Die Kinder sind überragend gut miteinander zurechtgekommen, wenn man ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergrund berücksichtigt“, bemerkte Warren. „Das ist wahrscheinlich sogar eine Lektion für uns Erwachsene.“

„Das ist eine Sache, die die Erziehung mich wahrhaft gelehrt hat“, sagte sie. „Und ich vermute, das trifft besonders auf Kinder wie die unsrigen zu.“

Er versuchte vorwegzunehmen, was sie sagen wollte. „Dass wir von ihnen so viel lernen wie sie von uns?“

In ihren dunklen Augen blitzte es humorvoll, und ein Lächeln sagte ihm, dass er richtig geraten hatte. „Ich mag es, wie Sie denken, John.“

„Gilt auch für Sie, meine Dame.“ Er grinste.

„Schön, einen Mann mit einem Funken Sensibilität zu treffen“, bemerkte sie.

Er lächelte. „Vielen Dank für die Blumen. Ich gebe mir Mühe.“

„Ich kenne mehrere Männer, die sehr sensibel und ehrlich mit ihren Gefühlen sind. Mein Vater war so einer, und es gibt ein paar wenige andere, die ich über die Jahren hinweg kennengelernt habe. Vermutlich war es die Erfahrung mit Williams Vat ...“ Sie brach ab, als ob sie außerstande wäre, das Wort „Vater“ auszusprechen. „Na ja, was da mit meinem Ehemann passiert ist, hat mich zu der Überlegung veranlasst, dass das Großziehen eines Kinds ohne die Anwesenheit eines Manns insgesamt gesehen vielleicht keine allzu schlechte Sache war.“ Denise streckte die Hand über den Tisch aus und berührte Warren leicht am Arm. Mit einem entwaffnenden Glanz in den Augen fügte sie hinzu: „Soll keine Beleidigung sein.“

„Habe ich auch nicht so aufgefasst.“

Ihre Berührung war flüchtig und federleicht. Aber Warren spürte sie wie einen ganz leichten elektrischen Schlag. Er ertappte sich bei der Überlegung, auf wie vielen Ebenen genau dieses Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau ablief, die kaum mehr als Fremde für einander waren und einander am Mittagstisch gegenüber saßen.

„Finden Sie meine Position hinsichtlich der Erziehung extrem?“

Warren wählte seine Worte sehr sorgfältig. „Vielleicht ist es bloß so, dass meine Lebensumstände andere sind“, erwiderte er. „Ich bin nicht geschieden. Emilys Mutter ist bei der Geburt gestorben.“

„Das tut mir leid. Ich wollte nicht unsensibel sein.“

„Waren Sie nicht. Sie haben es nicht gewusst.“ Wiederum erfuhr er ihre leichte Berührung am Arm.

„Na ja, es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht wünsche, dass Janey bei uns wäre, um mir ein paar Ratschläge hinsichtlich der kleinen Dinge des Alltags zu erteilen, die mit Emmy einhergehen. Ich vermisse sie, ich vermisse ihren Anteil an der Erziehung unseres Kindes, daher begreife ich, wie wichtig zwei Elternteile sind. Nennen Sie mich politisch inkorrekt, wenn Sie wollen, aber es bestehen grundlegende, immanente Unterschiede zwischen Männern und Frauen.“

„Da werde ich Ihnen kaum widersprechen“, warf sie ein.

„Und für ein Kind ist es besser, beide Seiten der Spezies zu haben, das Jin und das Jang, gewissermaßen, das ihnen in den Jahren ihrer Formung aufgeprägt wird. Ich habe das Gefühl, dass die Aufgabe von Eltern darin besteht, in ihrem Kind ein grundlegendes Wertesystem zu installieren, einen Kodex des Verhaltens und der Moral, so dass es beim Heranwachsen hoffentlich eine informierte Wahl treffen kann. Ich kenne viele Alleinerziehende, die eine unglaubliche, heroische Arbeit beim Großziehen ihrer Kinder leisten.“

„Hoffen wir, dass Sie und ich solche heroischen Eltern sind“, sagte sie lächelnd.

Er erwiderte ihr Lächeln. „Ja, hoffen wir es. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich wollte damit nicht sagen, dass Alleinerziehende keine herausragende Arbeit bei der Erziehung ihrer Kinder leisten können. Ich sage bloß, dass es aus meiner Sicht ideal ist, wenn Elternteile beider Geschlechter Teil beim Heranwachsen eines Kindes sind.“

„Also, es fällt schwer, Idealzuständen zu widersprechen“, bemerkte sie. „Das Problem besteht darin, dass Sie hinsichtlich der fundamentalen Unterschiede zwischen Männern und Frauen recht haben. Es ist eine Sache davon, welche Werte wir als Eltern weitergeben möchten, so dass wir zumindest im Kleinen in der Zukunft auf der Seite des Guten sind, auf der Seite der Engel, so dass die Welt vielleicht nach und nach ein besserer Ort wird.“

„Das ist die Zukunft, die ich für mein Kind möchte“, stimmte er zu.

„Dann hat Ihnen Emily vielleicht mehr beigebracht, als Sie glauben.“

„Was meinen Sie damit?“

„Männer betrachten das Leben als Kampf, der zu gewinnen ist, die Welt als Ort, der zu erobern ist. Frauen betrachten das Leben als Gemeinschaft, die zu bewahren ist – die zu nähren ist. Das ist der fundamentale Unterschied, von dem wir sprachen, und es ist letzteres, mit dem mein Sohn aufwachsen soll.“

„Dagegen kann ich nichts einwenden“, entgegnete er. Das waren tiefe Wasser für ein Gespräch, weitaus tiefer, als Warren in seinem Alltagsleben gewohnt war, obwohl er über die Jahre hinweg einige Gedanken an diese Dinge, über die sie sprachen, verschwendet hatte. Denise Fellini war leidenschaftlich hingegeben an ihre Überzeugungen. Das gefiel ihm. Sie gefiel ihm.

Ihre Augen sprühten Funken, als sie sagte: „Es ist schön, mit jemandem zu reden, der gut durchdachte Ansichten vertritt und einen klugen Kopf auf den Schultern trägt.“

Warren wusste, dass er wegen des Kompliments wie ein Honigkuchenpferd grinsen musste. Er wusste nicht, ob es die richtige Zeit oder der richtige Ort wäre, um ihr zu sagen, dass er sich gern einmal mit ihr treffen würde. Was das betraf, so wusste er nicht recht, ob er irgendetwas in dieser Hinsicht überhaupt erwähnen sollte. Vielleicht hatte sie einen Freund in Boston. Vielleicht würde sie ihn sofort als Mann einstufen und zurückweisen, der ein nettes Gespräch als sexuelle Aufforderung interpretierte. Oder er war vielleicht einfach nicht ihr Typ, selbst wenn sie sich geistig verstanden. Er entschloss sich, nichts zu sagen.

In diesem Augenblick betrat Dr. Nicholson, der Leiter des Zentrums, den Speisesaal. Nicholson hatte die besondere Forschungswoche an Kindern und Eltern geleitet. Er hatte die Begrüßungsansprache bei einer kleinen Party am Sonntagabend gehalten, nachdem alle eingetroffen waren, und seitdem am Ende jeden Tags eine halbstündige Frage-Antwort-Sitzung für die Eltern organisiert, bei der die einzige Bedingung darin bestand, dass es unfair wäre, erste Testergebnisse zu verlautbaren, bevor die wochenlange Studie vollständig war und die gesammelten Daten gründlich analysiert und Schlüsse gezogen werden konnten. Das persönliche Verhalten des Direktors war stets herzlich, jedoch forsch. Unpersönlich und professionell. Distanziert war das Wort, das Warren in den Sinn gekommen war.

Nicholson schritt in die Mitte des Speisesaals und hob beide Arme, eine Geste, die als solche schon die Aufmerksamkeit aller auf sich zog.

„Meine Damen und Herren, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?“

Von der anderen Seite des Speisesaals aus nahm Warren augenblicklich eine körperliche Erregung an Nicholson war, wie eine sichtbare Aura. Wie gewöhnlich trug der Direktor einen weißen Medizinerkittel, hatte aber nicht sein übliches Klemmbrett dabei. Sein üblicher würdevoller Gesichtsausdruck war ernster als sonst, auf seiner Glatze glitzerten Schweißperlen, trotz der klimatisierten Atmosphäre im Saal.

Rasch erstarben sämtliche Geräusche.

„Ich muss etwas berichten, das ein wenig ungewöhnlich ist“, verkündete Nicholson auf seine steife, formelle Weise.

Warren bemerkte, dass Denise sich scheinbar in ihren Stuhl auf der anderen Seite des Tischs zurückzog und ihren Körper anspannte. Er erwartete, dass sie dieselbe Angst verspürte, die ihm ebenfalls die Eingeweide zusammenzog.

Nicholson räusperte sich.

„Bitte, ich bin mir sicher, dass kein Grund zur Sorge besteht, aber ich habe das Gefühl, dass ich Ihnen von einem gewissen Durcheinander berichten muss. Die Leute vom Disneyland ... wie Sie wissen, hatten wir besondere Vorkehrungen für unsere Kinder treffen lassen ... nun ja, es ist bestimmt irgendein Durcheinander.“

Auf seine Worte erfolgte anfangs keinerlei Reaktion. Die Eltern saßen lediglich wie gelähmt da und warteten auf weitere Auskünfte. Aber im Augenblick gab es nicht viel mehr mitzuteilen. Nicholson stand einfach völlig verwirrt und bestürzt da, was ihm ganz und gar nicht ähnlich sah.

John Warren erhob sich und äußerte die Frage, die jedem Elternteil im Saal durch den Kopf gegangen sein musste. „Was ist unseren Kindern zugestoßen?“

Die fordernde Frage hatte denselben Effekt auf den verwirrten Nicholson wie ein echter Schlag ins Gesicht. Er richtete sich gerade auf, und als er dieses Mal das Wort ergriff, war es auf sehr formelle Art.

„Die Leute vom Disneyland sagen, dass sie nicht angekommen sind.“



Kapitel Drei

Mehrere Augenblicke lang erfolgte auf diese Verlautbarung keinerlei Reaktion, da es etwa eine Minute benötigte, bis alle Nicholsons Worte wirklich verstanden hatten. Dann begannen sämtliche Eltern wie aufs Stichwort einander und dem Direktor Fragen zu stellen, so dass ein Höllenlärm aus wachsender Sorge und Verwirrung entstand.

Warren blieb stehen. Die übrigen Eltern saßen immer noch auf ihren Plätzen. Warren und Nicholson sahen einer über den Speisesaal hinweg an. John erhob seine Stimme, um die anderen Stimmen zu übertönen.

„Sie müssen uns mehr sagen können.“

Nicholson stand einfach da und wirkte verwirrt und bestürzt. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich nichts weiter zu berichten.“

Das Stimmengewirr war abgeflaut, als ob ein allgemeiner Konsens unter den Eltern entstanden wäre, Warren als ihren Sprecher zu bestimmen.

„Sie hätten vor drei Stunden dort sein sollen“, sagte Warren zum Direktor. „Haben Sie die Polizei informiert? Haben Sie überprüft, ob ...?“

„Ja, natürlich“, beeilte sich Nicholson zu antworten. Er vollführte eine beruhigende Geste mit den Händen und wandte sich jetzt an sämtliche versammelten Eltern. „Bitte, seien Sie versichert, dass wir alles tun, um die Kinder zu finden.“

„Was bedeutet alles im Detail?“, verlangte Warren zu wissen. „Haben Sie im Park nachgesehen? Ist es möglich, dass irgendwem einfach irgendwo Signale entgangen sind?“

Warren wusste, dass er nach Strohhalmen griff, und irgendetwas in ihm wollte, völlig verrückt, nicht sofort reagieren, aber er schleuderte Nicholson seine Fragen entgegen wie ein Polizist, der einen Tatverdächtigen verhörte.

Nicholson wirkte nervöser denn je und sah so aus, als ob er bereit wäre, eine weitere dumme, nichtssagende Antwort zu liefern, da betrat ein weiterer Mann den Saal.

Sogleich entspannte sich Nicholson und trat einen Schritt zurück, wie jemand, der mächtig dankbar darum war, seiner Pflichten ledig zu werden. Für Warren war es offensichtlich, dass der Direktor selbst den Neuankömmling als Mann betrachtete, der das Kommando übernehmen sollte.

Warren erinnerte sich nicht daran, den Mann zuvor schon gesehen zu haben – er war kein akademischer Typ, sondern hatte etwas Kaltes und Heißes, Bedrohliches und Beruhigendes an sich, alles zugleich. Zudem wirkte er glatt und fähig und trug einen streng geschnittenen Anzug, dazu eine amerikanische Flagge am Jackenaufschlag.

Der Mann ging zu Nicholson hinüber, und der eisige Blick konzentrierte sich auf Warren, der immer noch stand.

„Ich heiße George Erickson, Geheimdienst der Vereinigten Staaten, und ich bin verantwortlich für die Sicherheit bei dieser Konferenz.“

Denise Fellini ergriff das Wort. „Damit würde ich mich an Ihrer Stelle nicht so groß tun.“

Erickson überhörte sie. Er wandte sich an die Gruppe.

„Bitte, seien Sie versichert, dass wir in dieser Sache rasch und kompetent vorgehen.“

Ein weiteres Elternteil, der Vater des japanischen Mädchens, murmelte: „Kompetent? Man hat uns gerade gesagt, dass unsere Kinder verschwunden sind. Also, das ist die inkompetenteste ...“

Ein Chor der Zustimmung übertönte seine Worte. Besorgtes Gemurmel kreiste durch die Menge, als sie die volle Wucht dessen traf, was sie gerade hörte. Die Mutter des Kindes aus Peru stieß Klagelaute aus und begann zu weinen, fast hysterisch, und wurde sogleich von ihrem Ehemann und anderen in der Nähe getröstet.

Erickson erhob die Stimme. „Der Fahrer und die Begleiter Ihrer Kinder sind alle in unseren Diensten, und alles, was für die Sicherheit der Kinder nötig war, wurde im Voraus sorgfältig geplant.“ Die Worte kamen schneidig heraus, zuversichtlich, wie eine Art Befehl. „Wir haben das Gefühl, dass es einfach ein Durcheinander gegeben hat und dass kein Grund zur Besorgnis besteht.“

Die Menge beruhigte sich etwas.

„Vielleicht wären Sie besorgter, wenn es Ihre Kinder wären“, sagte Denise Fellini.

Erneut ignorierte Erickson sie.

Zur Versammlung sagte er: „Wir denken, dass Sie das Recht haben zu erfahren, dass es ein Durcheinander gegeben hat und dass es in solchen Situationen stets ein Element der Sorge gibt. Wir sind besorgt, und wir unternehmen jede Anstrengung, die Tatsachen zu erfahren. Wir werden Sie über alle Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Bleiben Sie bitte in der Nähe, bleiben Sie ruhig und lassen Sie uns Zeit, die Fakten zu ermitteln.“

Warren war stehengeblieben. Ericksons Worte waren alles andere als beruhigend. Ganz im Gegenteil. Sie hatten die stille Illusion zerschmettert, dass die Woche am Lake Arrowhead nichts weiter als ein bezahlter Familienurlaub war, während neugierige Akademiker wohlwollend in den Ursprüngen der Wunderkinder herumstocherten – und er verwarf sogleich die sehr große Möglichkeit irgendeines „Durcheinanders“. Die bloße Tatsache der Anwesenheit des Geheimdienstes war hinsichtlich der Implikationen angsteinflößend, und im Augenblick fühlte sich John Warrens Herz an wie in einer eiskalten Schraubzwinge.

„Warum sollte Ihr Dienst an unseren Kindern interessiert sein?“, fragte er scharf.

„Ich denke, das sollte offensichtlich sein“, entgegnete Erickson.

„Für mich nicht“, sagte Warren. „Wir sind keine Personen des öffentlichen Interesses. Jemand hätte uns mitteilen sollen, dass Sie in diese Sache verwickelt sind. Niemand hat mir gesagt, dass die Teilnahme meiner Tochter an diesem Programm ein Risiko für sie darstellen könnte. Was, zum Teufel, versuchen Sie eigentlich abzuziehen?“

„Bitte, Mr. Warren“, sagte Erickson glatt – und nannte seinen Gegner überraschend beim Namen. „Niemand hier versucht, „etwas abzuziehen“. Wir sind hier, um einen solchen Versuch durch andere zu verhindern.“

Jetzt wurde Emilys Vater verteufelt wütend. Er schrie zurück: „Das ist genau das, was ich meine! Was ist das für ein Wahnsinn? Diese Kinder können keine Atomwaffen bauen. Warum sollten sie überhaupt irgendwie in Gefahr sein?“

„Anscheinend sind sie es“, erwiderte Erickson rasch.

Warren wandte sich ab und stolperte blindlings aus dem Saal. Er zitterte vor Wut und Angst und ging ins Freie, um etwas frische Luft zu schnappen. Als er sich umdrehte, sah er Denise Fellini auf sich zukommen.

„Mein Gott, John, was geht da vor sich?“, rief sie ihm zu.

„Wir sind reingelegt worden“, brummte er ärgerlich. „Diese Bastarde haben uns unsere Kinder weggenommen!“

„Wie konnten sie das tun?“, schrie sie.

„Sie haben es gesehen, verdammt! Haben sie in einen Schulbus verfrachtet und sie direkt vor unseren Augen weggefahren. Er hat selbst gesagt, dass es Leute vom Geheimdienst waren. Sollen wir jetzt also sagen, dass sie das nicht die ganze Zeit über vorgehabt haben?“

„Aber das ist verrückt! Es ist einfach ... verrückt.“

Vielleicht war es so. Aber die Welt wurde immer verrückter. Und John Warren wusste, dass seine eigene Regierung in der Vergangenheit verrücktere Dinge getan hatte.

Sein Ärger wandelte sich in tödliches Entsetzen und ein Gefühl völliger Hilflosigkeit. Denise versuchte anscheinend, mehr sich selbst zu beruhigen als ihn, und rang um ihre Fassung, als sie sagte: „Ich glaube, Sie fürchten sich vor dem eigenen Schatten. Warten wir ab und sehen wir mal. Wahrscheinlich ist das alles nur ein blöder Irrtum. Bloß weil sie die Kinder vom Radar verloren haben, heißt das noch nicht ...“

Er wusste es besser, spürte es in den Knochen. Die ganze Sache war eine Scharade gewesen, ein Vorwand, um all diese besondere Kinder zur selben Zeit an ein und demselben Ort zu versammeln – und der Geheimdienst schwebte über der ganzen Sache, um Gottes willen!

Sie hatten sich die Kinder geschnappt. Das wusste er. Aus irgendeinem verrückten, verblüffenden Grund hatte die Regierung der Vereinigten Staaten neun kleine Kinder gekidnappt – und nur zwei von ihnen waren Bürger der USA. Meine Güte!

Warren erlebte das Trauma auf zwei unterschiedlichen Ebenen des Bewusstseins – einmal als Vater, das andere Mal als Bürger der Erde -, und er fand an beiden Orten nur Entsetzen, sonst nichts.

Was, im Namen eines geistig gesunden Gottes, konnte das möglicherweise bedeuten?



Kapitel Vier

Die bemerkenswerten Kinder, ihre Eskorte und der Bus waren scheinbar spurlos verschwunden, ohne einen einzigen brauchbaren Hinweis darauf, warum, von wem und wohin sie weggebracht worden waren. Benommene Eltern und aufgelöste Regierungsbeamte konnten bloß hilflos daneben stehen, während örtliche, bundesstaatliche und föderale Strafverfolgungsbehörden eine gewaltige Suche nach den verschwundenen Kindern auf die Beine stellten.

Sobald die Nachricht sich verbreitet hatte, gab es natürlich einen gewaltigen Medienzirkus. Niemand konnte das Leck genau festmachen, aber in jenen ersten lähmenden, überwältigenden Augenblicken, bevor die Behörden ihre Sicherheitsmaßnahmen aktivieren konnten, hatte jede beliebige Anzahl verwirrter Eltern die Gelegenheit gehabt, daheim anzurufen, und sie hatten es getan. Jemand hatte es jemandem weitererzählt, und jemand hatte einen Nachrichtendienst angerufen, und das war's dann.

So etwas ließ sich nicht unter Verschluss halten.

Das Zentrum wurde von den föderalen Behörden abgeriegelt. Eine kontrollierte Mediensperre eingerichtet. Eltern und Forscher blieben abgesondert und unter Bewachung. Binnen kurzem stürzten sich die elektronischen Medien mit voller Kraft auf Lake Arrowhead. Trucks mit Satellitenschüsseln und Lastwagen mit den Logos der Nachrichtendienste ballten sich in dem normalerweise geschäftigen kleinen Bergort, über den gleichfalls Horden derer hereinbrachen, die bloß neugierig waren.

Der Sheriff des San Bernadino County, Tim McKay, hatte alle Hände voll zu tun.

McKays Meinung nach waren die TV-Shows das größte Ärgernis, obwohl die mit den örtlichen Netzwerken verbundenen Netzwerke aus Los Angeles nicht viel besser waren. Bei zwei Gelegenheiten waren Medienhubschrauber, die über dem Ort und insbesondere über dem Areal des Zentrums kreisten, fast mit Such- und Rettungshubschraubern zusammengestoßen.

Wie üblich bei einer Suchoperation bestand McKays Aufgabe darin, die Ressourcen aus dem County und dem Ort zu koordinieren, was ihr eigenes offizielles Such- und Rettungsteam mit einschloss sowie Freiwillige, die zum Glück ebenso schnell aufgetaucht waren wie die Gaffer und Medienleute, die ständig im Weg standen.

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