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Das Trostbuch

Über die Autoren

LOU RICHTER ist Moderator und glaubt an das Gute im Ball. Sport, Spiel und Spannung bestimmen seit jeher sein Leben. Richter berichtet mehrmals vom Superbowl und komponierte Gassenhauer. Im Fernsehen war er unter anderem in Sendungen wie RAN, COMEDY FACTORY und GENIAL DANEBEN zu besichtigen. Er lebt gut und meistens auch gerne in Hamburg.

ANDREAS GAW ist Autor und schreibt Drehbücher, Sketche und Romane (z.B. LADY-KRACHER, HARALD SCHMIDT SHOW, SOKO KÖLN). Er isst gerne Philadelphia Cheesesteak und weiß Bescheid. Wenn er nicht gerade schreibt, schaut er über die Ostsee nach Finnland, denn er lebt mit seiner Familie in Schweden.

Lou Richter
Andreas Gaw

DAS TROSTBUCH

Ihnen geht es schlecht,
anderen geht es schlechter

Inhalt

  1. Einleitung
  2. 01 Rockstar
  3. 02 Staranwalt
  4. 03 Topmodel
  5. 04 Lottokönig
  6. 05 Bundeskanzler
  7. 06 Prinzessin
  8. 07 Showmaster
  9. 08 Bestsellerautor
  10. 09 Boxweltmeister
  11. 10 Oscarpreisträger
  12. 11 Vorstandsvorsitzender
  13. 12 Olympiasieger im Springreiten
  14. 13 Fußballprofi
  15. 14 Formel-1-Fahrer
  16. 15 Weltreisender
  17. Praktische Übung

EINLEITUNG

Viele Menschen fühlen sich in größeren Gruppen nicht wohl und haben Hemmungen, vor anderen Lieder zu singen. Sie leiden an mangelndem Selbstwertgefühl und schwören Stein und Bein, regelmäßig mit Außerirdischen zu picknicken. Solchen Menschen kann dieses Buch nur bedingt helfen. Solltest du aber mal den Traum gehabt haben, aus deinem Leben etwas Großes, ganz Besonderes, Herausragendes zu machen, dann bist du hier genau richtig. Wolltest du mal Topmodel, Fußballprofi oder Vorstandsvorsitzender eines multinationalen Mischkonzerns werden? Ganz nach oben? Bist du bereit, hart an dir zu arbeiten, um dein Potential voll auszuschöpfen? Und bist du der Meinung, wenn du ganz feste an dich glaubst, dann bist du nicht zu stoppen?!

Ja, das kann vielleicht klappen. So was gibt’s immer wieder. Fakt ist aber: Träume sind Träume und multinationale Mischkonzerne machen auf Dauer auch nur Ärger. Selbst wenn du härtestens gearbeitet, dein Potential vollstens ausgeschöpft und echt irgendwie hammermäßig an dich geglaubt hast und dann, ja dann, ganz oben angekommen bist – machen Zwiebeln immer noch Blähungen. Der Regen bleibt nass und dein FC wird nie Deutscher Meister. Am schlimmsten aber ist: Was immer du endlich erreicht hast, eine Garantie für Glück ist das nicht. Denn ein Traum verhält sich zur Realität wie Zucker zu Zahnarzt.

Dieses Buch zeigt dir den Weg zu wahrer Zufriedenheit: Hör auf, deinen alten, behämmerten Träumen nachzuhängen! Jammer nicht rum, dass du nie über Catwalks gestöckelt oder in Endspielen umgesenst worden bist. Das »Trostbuch« offenbart die Wahrheit: Viel schlimmer als das Scheitern des Traums ist seine Erfüllung! Solltest du zu den Milliarden gehören, die nie da ankamen, wohin sie sich geträumt hatten – hör auf zu heulen. Dieses Buch befreit die Enttäuschten von der Täuschung.

Du wirst erkennen: Dein Leben ist so, wie es ist, besser als das, was du dir erträumt hast! Dieses Buch macht schlau, stark und glücklich.

Rockstar

Du warst schon als Kind immer etwas lauter als die anderen. Deine Haare waren immer etwas länger. Deine Klamotten immer etwas lederner. Musik war für dich alles. Musik hat dir die Möglichkeit gegeben, deine überbordende Energie in mehr oder weniger geordnete Bahnen zu lenken. Jetzt stehst du im Backstage-Bereich des Dallas Stadiums, das mit 110.000 Zuschauern ausverkauft ist. Sie sind gekommen, um dich zu erleben. Du hörst, wie deine Vorgruppe einen ihrer größten Hits spielt: »Satisfaction«. Du magst diese alten Knaben. Als Keith dich bat, auf deiner US-Stadiontour die Stimmung anheizen zu dürfen, musstest du nur kurz überlegen, weil sich auch U2 aufgedrängt hatten. Aber die Stones haben eindeutig die lustigeren Zigaretten im Gepäck.

Für dein leibliches Wohl ist perfekt gesorgt. Der sogenannte »Tour Rider«, in dem sämtliche deiner Sonderwünsche im Umfeld eines Konzerts aufgelistet sind, ist dicker als das New Yorker Telefonbuch. Weiße Trüffel aus der Toskana, 61er Chateau Latour und auch dieses Walfleisch, das du so gerne magst: alles ausreichend da. Nicht einmal das Glas »Eichsfelder Schweinesülze« hat man vergessen. Perfekt.

Entspannt klimperst du zum Warmwerden auf einer Gibson Gold Top herum, die dir Les Paul damals noch persönlich geschenkt hat. Ein Prachtstück deiner riesigen Gitarrensammlung, für deren Lagerung du einen Flugzeughangar in Arizona angemietet hast. Einer deiner Roadies, die allesamt selber Grammys gewonnen haben, reicht dir das weiße Handy (für VIP-Anrufe, das rote ist für Top-VIPs): Es ist Eddie Van Halen. Er will endlich mal wieder eine Unterrichtsstunde bei dir nehmen. Du musst ihn vertrösten, keine Zeit. Auch die Einladung, in der Halbzeit-Show des Superbowl aufzutreten, musstest du kurz vorher absagen: Am ersten Februarwochenende gehst du traditionell mit alten Kumpels zum »Tontaubenschießen« in Katar. Die Tontauben sind allerdings deine Goldenen Schallplatten.

Jetzt hörst du, wie die Stones ihren Gig beenden. Als Mick deinen Namen ruft, dreht die Masse durch. Du gehst noch einmal in deine Garderobe, um dir von deinem Leibarzt einen »Vitamincocktail« verabreichen zu lassen. Das Medellin-Kartell fühlt sich geehrt, dich mit dieser kleinen Spezialität versorgen zu dürfen.

Vor deinem Auftritt liebst du es, dich noch etwas zu entspannen. Bei Letterman hast du vor ein paar Tagen einen bemerkenswerten Satz gesagt: »Für Sex muss ich mich nicht bewegen!« Das überlässt du in diesem Fall einer Dame, von der du glaubst, sie schon mal im Kino gesehen zu haben – auf der Leinwand, neben Leonardo DiCaprio. Du fragst nicht nach ihrem Namen, denn morgen wirst du schon wieder in einer anderen Metropole sein, in einem anderen Stadion, reglos unter einer anderen Schönheit.

Aber jetzt ist es Zeit, diese niedliche Arena abheben zu lassen. Die ersten Takte deiner Auftrittsmusik ertönen. »Stairway to Heaven«, aber rückwärts. Die gigantische Lasershow beginnt zu zucken. Dich empfängt ein Jubel, als ob Brasilien im WM-Finale 2014 in der Nachspielzeit das entscheidende Tor schießt. Du bekommst eine leichte Gänsehaut und murmelst: »Dafür ham se mich geschickt!« Du klatschst deine Bandkollegen ab, noch ein Küsschen für die Dings äh Bums äh von Leonardo und dann geht es raus …

Abbildung
1

SEX

»Money for nothing and the chicks for free.« Tatsache ist: Die Chicks wollen dein Money und nix ist for free. Groupies würden zwar fast alles für einen ausgewachsenen Rockstar tun, doch das Problem bleibt: Sie sind unreif wie Trauben im Frühling. Minderjährige, minderbemittelte Minderheiten. Wer sie anpackt, kriegt vom Staatsanwalt was zwischen die Hörner. Und willst du dir wirklich zwischen Gefummel und Gerammel noch mal eben den Personalausweis zeigen lassen? Bleiben also zur Triebentspannung die gut ausgebildeten, routinierten Jahrgänge mit Starfucker-Ambitionen. Die aber haben schon mehr Gestänge gesehen als ein emeritierter Urologe. Wenn du deren Wünschen nachgibst, wird ein Venerologe dein neuer bester Freund sein. Er stellt bei dir penicillinresistente, bisher unbekannte Geschlechtskrankheiten fest. Ab da schaust du dir zwanghaft alle paar Minuten in die Hose, weil du das Gefühl hast, dein Gemächt würde dir abfallen.

2

DRUGS

Chemie hält uns am Leben, das weiß jeder Mediziner. Nahrungsergänzungsmittel können einen ausgewogenen Speiseplan abrunden. Aber du hast keinen Speiseplan, nur Ergänzungsmittel. Upper, Downer, Lacher, Heuler – du ballerst alles weg, was man rauchen, schnupfen, schlucken kann. Du bist ein wandelndes Giftschränkchen. Ohne Marschierpulver kannst du nicht mal mehr den Kaffee umrühren. Irgendwann hast du eine Haut wie eine Pizza Quattro Formaggi. Deine Leber ist so groß wie ein Medizinball. Hilfe bietet eine Entziehungskur in der legendären Betty-Ford-Klinik. Aber da wirst du von Kid Rock vergiftet, der neben dir ausgeatmet hat. Verzweifelt versuchst du, dem Ganzen eine positive Seite abzugewinnen: Du brauchst weder Kino noch Fernsehen, denn du machst dir einfach einen schönen Abend daheim – nur du allein, deine Lavalampe und deine Halluzinationen.

3

ROCK ’N’ ROLL

Das sollte der Lebensstil sein, den du immer wolltest: frei, ungezwungen und fernab von überkommenen Normen. Leider bist du nur so frei wie die Kuh beim Almabtrieb. Plattenfirma, Konzertveranstalter und Management hetzen dich von Termin zu Termin. Deine tägliche Frage lautet: »Wo sind wir eigentlich?« Du beneidest den Hamster im Laufrad um seinen aufregenden Tagesablauf. Dein Leben spielt sich ab zwischen Plattenaufnahmen, Touren und Resozialisierungsmaßnahmen sowie psychotherapeutischen Langzeitversuchen. Wenn du zäh bist und durchhältst, spielst du jeden Abend jahrzehntelang deinen einzigen Superhit, bis du ihn irgendwann furzen kannst. Dein Image zwingt dich dazu, rund um die Uhr in Lederhosen und Pogo-Pelle rumzulaufen. Dabei träumst du von einem herrlich kuscheligen, mintfarbenen Lacoste-Pulli …

4

KEIN SEX

Punkt 1 (s.o.) hat dich vielleicht gelehrt, vorsichtig zu werden. Punkt 2 (s.o.) zeigt dir: Es passiert trotzdem. Du wachst morgens auf und fragst dich: »Hatte die Schnitte gestern Abend schon Bartstoppeln?« Als auf YouTube ein Video auftaucht, bei dem alle sehen können, wie dir Mutter Beimer die Glocken läutet, wirst du wählerisch. Fast schon spießig. Du heiratest. Sie ist jung und hübsch. Und wahnsinnig ängstlich, du könntest sie bald gegen eine noch Jüngere, noch Hübschere austauschen. Deshalb begleitet sie dich treusorgend auf Tourneen und Promotion-Reisen und aufs Klo. Du lässt dein Haus umbauen (so Richtung Neuschwanstein) und überredest sie, die Innendekorateurin zu spielen. Dann hat sie wenigstens eine Aufgabe. Bingo. Für die nächste Tour bist du sie los. Doch sie schickt dir stattdessen ihren guten Freund: einen drei Zentner schweren, montenegrinischen Killer, der alles Weibliche um dich herum wegtritt. Sogar deine Mutter.

5

KEINE DRUGS

Viel böses Zeug ist in deinen Körper gedrungen. Dein Arzt sagt dir: »Ihr Organismus ist in einem ganz akzeptablen Zustand – wenn Sie 134 Jahre alt wären!« Er meint damit: Du bist ein Vollwrack und solltest dein Testament machen. Die Wissenschaft unterscheidet fünf wesentliche Blutgruppen: A, B, AB, Null und deine. Dein Zahnarzt offenbart dir, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis du getrennt von deinen Zähnen schlafen könntest. Dein Tinnitus ist lauter als ein Motörhead-Konzert, deine Exkremente haben Verfärbungen, wie sie die Pop-Art nie hervorgebracht hat. Ein Roadie von Peter Maffay lässt dir während einer deiner tiefen Bewusstlosigkeiten auf den Unterarm tätowieren: »Die beste Droge ist ein klarer Kopf«. Da beschließt du, etwas zu ändern. Deine Lieblingsspeise werden homöopathische Globuli. Deine Freunde nennen dich den »Mann der 1000 Kräuter« – aber du hast ja keine Freunde mehr.