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Chantelle Shaw

Chantelle Shaw

Das Traumschloss

PROLOG

Sein Privatjet landete planmäßig auf dem London City Airport, und nachdem Ramon Velasquez den Zoll passiert hatte, verließ er eilig das Flughafengebäude. Draußen wartete bereits seine Limousine, und sein Chauffeur kam ihm entgegen, um ihm den Koffer abzunehmen.

„Willkommen zurück, Mr Velasquez. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise.“

Gracias, Paul.“ Ramon stieg in den Fond, lehnte den Kopf zurück und atmete hörbar aus. Dann hob er das schon bereitstehende Glas mit dem Whisky Soda an die Lippen, trank einen großen Schluck und entspannte sich zunehmend. „Es ist schön, wieder zu Hause zu sein.“

Als sein Chauffeur losfuhr, dachte Ramon über seine unbewusste Wortwahl nach. England war natürlich nicht sein Zuhause, schließlich war er Spanier und sehr stolz auf sein Land und seine adeligen Vorfahren. Sein Hauptwohnsitz war das Castillo del Toro, und eines Tages würde er der neue Duque de Velasquez sein und im Castillo leben – umgeben von einer großen Dienerschar.

In Anbetracht des Gesundheitszustandes seines Vaters würde es vermutlich auch nicht mehr allzu lange dauern, wie er sich widerstrebend eingestand.

Sein Leben würde dann vom Protokoll und den Konventionen bestimmt werden, genau wie es das schon als Kind für ihn gewesen war. Es würde ein ganz anderes Leben sein als das, was er in London führte, wo er nur wenige Angestellte hatte und eine gewisse Freiheit genoss, weil er nicht auf Schritt und Tritt von den Medien verfolgt wurde.

Ramon verspürte leichte Schuldgefühle, weil er nach seiner Besprechung in New York nicht direkt nach Spanien geflogen war. Seine Eltern bedeuteten ihm sehr viel, doch in letzter Zeit lagen sie ihm ständig damit in den Ohren, dass er bald eine angemessene Spanierin heiraten und für einen Erben sorgen müsste, um den Fortbestand seiner Familie zu sichern. Deswegen hatte er gesagt, er müsste sich in London umgehend um eine dringende geschäftliche Angelegenheit kümmern.

Sein Vater freute sich über sein Engagement für das familieneigene Unternehmen, wäre jedoch alles andere als begeistert gewesen, wenn er geahnt hätte, dass Ramon hierher gekommen war, um sich mit seiner englischen Geliebten zu treffen.

Lauren saß am Schreibtisch und studierte gerade einen komplizierten Mietvertrag, als ihr Handy klingelte. Sofort klopfte ihr Herz schneller, und sie lächelte, als sie sah, dass es Ramon war. Den ganzen Tag hatte sie schon auf seinen Anruf gewartet und jetzt fühlte sie sich wie ein verliebter Teenager, wie sie zerknirscht zugeben musste.

Allerdings gab es auch einen wichtigen Grund, warum sie unbedingt mit ihm sprechen musste. Noch immer hatte sie den Schock, den sie vor einer Woche erlitten hatte, nicht ganz verwunden. Sie musste unbedingt seine Stimme hören, um sicher sein zu können, dass sie beide miteinander inzwischen mehr verband als eine flüchtige Affäre.

Als sie den charismatischen Spanier vor sechs Monaten in einem Nachtclub kennengelernt hatte, hatte ihre Freundin Amy ihr erzählt, dass er als Playboy galt, aber selten etwas über sein Liebesleben an die Öffentlichkeit drang.

Lauren hatte die starke Anziehungskraft zwischen Ramon und sich jedoch nicht leugnen können und sich trotz Amys Warnung auf eine Affäre mit ihm eingelassen. Schließlich wollte sie genauso wenig eine dauerhafte Beziehung wie er, da sie sich auf ihre Karriere konzentrieren wollte und ohnehin nicht an die Liebe glaubte. Und trotzdem verband sie beide inzwischen etwas, das mehr sein musste als fantastischer Sex.

Dennoch wich Ramon allen Fragen über sein Privatleben aus. Sie wusste nur, dass seine Familie ein großes Gut im Weinbaugebiet Rioja in Nordspanien besaß. Ansonsten waren sie jedoch ein ganz normales Paar. Sie genossen die Zweisamkeit, gingen aber auch gern zusammen aus. In letzter Zeit blieben sie jedoch oft allein in Ramons Penthouse, denn immer, wenn er in London war, wohnte Lauren bei ihm.

Doch in Bezug auf seine Gefühle hielt Ramon Lauren stets auf Distanz, und so hatte sie ihm aus Selbstschutz verschwiegen, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Nun vergaß sie allerdings ihren Vorsatz, sich ihm gegenüber souverän zu geben, und nahm das Gespräch sofort entgegen.

Buenas tardes, Lauren.“

Der Klang seiner rauen Stimme mit dem verführerischen Akzent ließ sie erschauern.

„Ramon.“ Verärgert registrierte sie, dass sie ganz atemlos klang. „Wie war deine Reise?“

„Erfolgreich. Du weißt doch, dass ich mich nicht mit weniger zufriedengebe, querida.

Ramon lächelte. Er freute sich, wieder in London zu sein, und vor allem darauf, bald wieder mit seiner schönen englischen Freundin zusammen zu sein, deren zurückhaltendes Lächeln ihr leidenschaftliches Naturell verbarg.

Zwei Wochen hatte er geschäftlich in den USA zu tun gehabt und konnte es kaum erwarten, seinem aufgestauten Verlangen freien Lauf zu lassen. Er hatte öfter an Lauren gedacht, als ihm lieb war, doch er wollte sich jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen, warum sie eine solche Wirkung auf ihn ausübte. Noch nie hatte er eine Frau so begehrt wie sie, und ihm war klar, dass Lauren sich genauso nach ihm sehnte.

Am liebsten hätte er sie gebeten, gleich nach der Arbeit in sein Penthouse zu kommen, aber er widerstand der Versuchung. Bei einem gemeinsamen Essen in einem exklusiven Restaurant würde er seine Vorfreude noch steigern können.

„Ich habe für halb acht einen Tisch im Vine reserviert“, informierte er Lauren. „Wir haben etwas zu feiern.“ Wie immer hatte er nichts dem Zufall überlassen, und die Übernahme war so schnell vonstatten gegangen, dass seine Mitbewerber verblüfft gewesen waren.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus, und einen Moment lang konnte Lauren keinen klaren Gedanken fassen. Dann riss sie sich jedoch zusammen. Da sie niemandem von dem Ergebnis des Schwangerschaftstest erzählt hatte, wollte Ramon offenbar mit ihr darauf anstoßen, dass sie sich vor einem halben Jahr kennengelernt hatten.

Sie betrachtete die Seidenkrawatte, die sie für ihn gekauft hatte, nachdem sie sich die ganze Mittagspause den Kopf darüber zerbrochen hatte, ob sie ihm aus diesem Anlass etwas schenken sollte. Anscheinend hatte sie sich richtig entschieden. Ramon wusste, was heute für ein Tag war, und am Abend würde sie ihm beim Essen von dem Baby erzählen.

„Schön“, erwiderte sie leise und hörte, wie ihre Stimme leicht bebte. Nun, da sie von der Schwangerschaft wusste, fiel es ihr noch schwerer, ihre Gefühle für ihn zu verbergen.

„Wir treffen uns in drei Stunden im Restaurant“, sagte Ramon.

Bei der Vorstellung, ihn wiederzusehen, lief ihr ein prickelnder Schauer über den Rücken. Ramon von dem Baby zu erzählen, stand ihr allerdings bevor. „Ich freue mich schon“, erwiderte sie. „Die Besprechung heute Nachmittag wird mir besonders lang vorkommen.“

Ramon musste sich eingestehen, dass er Lauren vermisst hatte. Er runzelte die Stirn. Keine Frau war ihm je so wichtig gewesen, dass sie ihm gefehlt hatte. Das würde er aber für sich behalten, denn Lauren sollte auf keinen Fall glauben, sie könnte je mehr für ihn sein als seine Geliebte.

Seine Miene verfinsterte sich, als er daran dachte, dass sein Vater einen Rückfall erlitten hatte. Dessen Krebserkrankung war unheilbar. Nun verstand Ramon auch, warum sein Vater in letzter Zeit so darauf gedrängt hatte, dass er sich endlich eine passende Frau suchte – mit Betonung auf dem Wort passend, überlegte Ramon grimmig, als er sich die letzte Unterhaltung mit seinem Vater ins Gedächtnis rief.

Dieser hatte Catalina Cortez erwähnt, ein bekanntes Model, das ständig die Titelseiten bestimmter Magazine geziert hatte und in das Ramon als Achtzehnjähriger unsterblich verliebt gewesen war. Und nun hatte sein Vater ihn fast zwei Jahrzehnte später daran erinnert, dass er damals fest entschlossen gewesen war, sie zu heiraten.

Ramon hatte damals seine Lektion gelernt und würde denselben Fehler nicht noch einmal begehen. Er hatte Catalina in flagranti mit ihrem Liebhaber erwischt und sich eingestehen müssen, dass sie ein Flittchen war und es nur auf das Vermögen seiner Familie abgesehen hatte. Bei dem Gedanken daran verspürte er noch immer einen Stich.

Viel schlimmer als ihre Untreue war allerdings die Erkenntnis gewesen, dass er seine Familie enttäuscht hatte, denn sein Vater hatte ihn von Anfang an vor Catalina gewarnt.

Aber das ist lange her, sagte Ramon sich wütend. Er hatte seinem Vater mehrfach versichert, dass er seine Pflicht erfüllen würde, indem er eine Frau heiratete, die zu ihm passte, und mit ihr einen Erben zeugte. Sein bloßes Versprechen schien seinem Vater jetzt allerdings nicht mehr zu genügen. Er lag im Sterben und wollte die Hochzeit seines einzigen Sohnes noch miterleben. Die Zeiten, in denen Ramon sich mit irgendwelchen Geliebten vergnügte, würden also bald vorbei sein, denn wenn er den Bund fürs Leben einging, wollte er seiner zukünftigen Frau auch treu sein.

„Bist du noch dran, Ramon?“, riss der Klang von Laurens Stimme Ramon aus seinen Gedanken. „Der Empfang ist anscheinend schlecht. Ich habe dich eben nicht gehört.“

„Ja, ich bin noch dran“, erwiderte er schnell. „Bis heute Abend.“ Nachdem er das Gespräch beendet hatte, blickte er starr aus dem Fenster. Plötzlich fühlte er sich nicht mehr so gut wie noch vor wenigen Minuten.

Da Lauren zehn Minuten zu früh im Restaurant eintraf, ging sie zur Bar, um dort zu warten. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch, weil sie Ramon bald wiedersehen würde. In den letzten zwei Wochen hatte sie ihn schrecklich vermisst, außerdem war sie sehr nervös, da sie nicht wusste, wie er auf die Neuigkeiten reagieren würde.

Obwohl sie mit dem Rücken zur Tür stand, merkte sie es sofort, als er kam, denn plötzlich verstummten alle Gäste, um dann neugierig miteinander zu raunen. Sobald sie den Kopf wandte, bekam sie weiche Knie.

Mit einer Größe von eins neunzig, einem umwerfenden Äußeren und einem überwältigenden Sex-Appeal zog Ramon alle Blicke auf sich, vor allem die der Frauen. Lauren bemerkte, wie eine attraktive Brünette, die an der Bar saß, seine Aufmerksamkeit zu erregen versuchte, indem sie die Beine übereinanderschlug, sodass ihr Rock hochrutschte.

Aber wer konnte es ihr verdenken? Auch Laurens Herz pochte schneller, als er auf sie zukam. Er sah ihr in die Augen und schien die anderen Frauen überhaupt nicht wahrzunehmen. Sein maßgeschneiderter dunkler Anzug betonte seinen muskulösen Körper, und sein gebräuntes Gesicht wirkte im hellen Schein der Beleuchtung noch markanter, während sein schwarzes Haar wie Seide schimmerte. Als er näher kam, umspielte ein inniges Lächeln seine Lippen, das sie bis ins Innerste berührte, denn es war nur für sie bestimmt und vermittelte ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Sie hatte nicht vorgehabt, sich in ihn zu verlieben. Bis sie ihm begegnet war, hatte sie in ihren Beziehungen immer die Bedingungen gestellt und auch noch nie mehr für einen Mann empfunden. Ramon hingegen war anders. Bei ihm hatte sie sich von Anfang an wohlgefühlt, denn er war witzig und intelligent, und sie war einfach gern mit ihm zusammen. Außerdem war er ein fantastischer Liebhaber, der ihre leidenschaftliche Seite geweckt hatte.

Er war ihr jetzt so nahe, dass ihr der vertraute Duft seines Aftershaves in die Nase stieg. Am liebsten hätte sie ihm die Arme um den Nacken gelegt und die Lippen auf seine gepresst, doch sie riss sich zusammen, weil sie wusste, wie er Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit hasste. Seine Privatsphäre bedeutete ihm sehr viel und er küsste sie nur, wenn er mit ihr allein war. Als er jedoch vor ihr stehen blieb und sie anlächelte, vergaß sie ihren Vorsatz, sich kühl zu geben, und strahlte ihn offen an.

„Du siehst toll aus, querida.“ Ramon ließ den Blick über ihr enges schwarzes Bustier, das unter der Jacke hervorblitzte, und den kurzen roten Rock gleiten. „Und sehr sexy. Ich frage mich, wie die Anwaltskollegen sich auf ihre Arbeit konzentrieren können, wenn du sie so ablenkst.“

„In der Kanzlei habe ich eine hochgeschlossene Bluse getragen“, versicherte Lauren. „Ich dachte, du würdest dich freuen, wenn ich für dich etwas Schickeres anziehe.“ Das eng anliegende Oberteil mit dem gewagten Ausschnitt hatte ein Vermögen gekostet, war aber jeden Penny wert gewesen, als sie jetzt den verlangenden Ausdruck in seinen Augen sah.

„Ich werde dir die ganze Nacht beweisen, wie sehr ich mich freue“, versprach er rau.

Heißes Verlangen flammte in ihm auf und brachte sein Blut zum Sieden. Mit ihrem langen blonden Haar und den üppigen Kurven war Lauren wirklich unglaublich verführerisch, und es wunderte Ramon nicht, dass er sie so vermisst hatte. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und ihre sinnlichen roten Lippen geküsst, bis sie sich ihm am ganzen Körper bebend entgegendrängte, doch er beherrschte sich.

Da er aus einer der angesehensten und reichsten Familien Spaniens stammte, interessierten sich nicht nur die spanischen Paparazzi für ihn. Die englischen Medien hatten ihn als einen der begehrenswertesten Junggesellen Europas bezeichnet, und er wollte auf keinen Fall mit einem Foto Schlagzeilen machen, auf dem er eine Blondine in einer Bar küsste. Deshalb legte er Lauren den Arm um die Taille und führte sie aus der Bar.

„Komm, gehen wir zu unserem Tisch.“ Während sie dem Ober folgten, beugte er sich zu ihr hinüber und fügte leise hinzu: „Hoffentlich dauert es heute nicht so lange, denn ich bin sehr hungrig, querida.“

Lauren erschauerte, als sie das Funkeln in seinen Augen sah. Doch erst musste sie ihm erzählen, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Bei dieser Vorstellung setzte ihr Herz einen Schlag aus, denn sie wusste nicht, wie er auf die ungewollte Schwangerschaft reagieren würde. Es musste passiert sein, als Ramon und sie sich spontan unter der Dusche geliebt und ausnahmsweise einmal kein Kondom benutzt hatten.

Eine ganze Woche hatte sie zwischen Fassungslosigkeit und Panik geschwankt, aber bei seinem Anblick eben war ihr zum ersten Mal bewusst geworden, dass neues Leben in ihr heranwuchs, gezeugt von ihr und dem Mann, den sie liebte.

Nervös biss sie sich auf die Lippe. Ob Ramon genauso denken würde? Er hatte noch nie von der Zukunft gesprochen, und obwohl er ein wundervoller Liebhaber war, der ihr Achtung und Respekt entgegenbrachte, wusste sie nicht, was er wirklich für sie empfand. Andererseits hatte er sie heute zum Essen eingeladen, weil sie sich seit genau sechs Monaten kannten. Das musste doch etwas bedeuten.

Als der Ober sie dann nach ihren Wünschen fragte und Lauren einen alkoholfreien Cocktail bestellte, wunderte Ramon sich nicht. Schon bei ihrem ersten Treffen hatte sie ihm erzählt, dass sie keinen Alkohol trank, ihm allerdings nicht den wahren Grund dafür genannt. Dass ihre Mutter ihre Sorgen in Gin ertränkt hatte, nachdem ihr Vater sie beide verlassen hatte, war etwas, worüber Lauren mit niemandem sprach.

Der Ober kehrte innerhalb weniger Minuten mit ihren Getränken zurück, und Ramon prostete ihr mit seinem Champagner zu.

„Lass uns anstoßen – auf eine weitere erfolgreiche Übernahme der Velasquez-Firmengruppe.“

Lauren erstarrte. Dann riss sie sich jedoch zusammen und hob schnell ihr Glas. „Oh … Ja, auf die Velasquez-Firmengruppe.“ Sie stieß mit ihm an und lächelte, wurde aber ernst, als er keinen weiteren Grund zum Anstoßen nannte.

„Und, was hast du in den letzten beiden Wochen gemacht?“, erkundigte er sich beiläufig.

Diese Frage hatte er seinen bisherigen Partnerinnen nur selten gestellt, weil ihn die Themen wie Shoppen und Promiklatsch, die die meisten Frauen so faszinierend fanden, nicht interessierten. Lauren hingegen war Firmenanwältin und hochintelligent, und er unterhielt sich gern mit ihr über ihre Jobs oder den letzten Politthriller ihres gemeinsamen Lieblingsautors.

Lauren wusste nicht, was sie antworten sollte, weil die Panik, die sie nach dem positiven Schwangerschaftstest überkommen hatte, die letzten beiden Wochen gänzlich bestimmt hatte. Deshalb nahm sie nun das Geschenk aus ihrer Handtasche und überreichte es Ramon.

„Es ist nur eine Kleinigkeit“, erklärte sie, als er es argwöhnisch betrachtete, und Lauren spürte, wie sie errötete. „Anlässlich unseres Jubiläums.“

Ramon verspannte sich. Das ungute Gefühl, das ihn bei seinem Telefonat mit Lauren beschlichen hatte, verstärkte sich. „Jubiläum?“, wiederholte er kühl.

„Wir haben uns vor genau sechs Monaten kennengelernt. Ich dachte, du hättest mich deshalb hierher eingeladen …“

„Ehrlich gesagt, hatte ich es völlig vergessen.“ Er runzelte die Stirn, als ihm die Bedeutung ihrer Worte bewusst wurde. War wirklich schon so viel Zeit vergangen? Normalerweise wurde er seiner Freundinnen bereits nach wenigen Wochen überdrüssig. Lauren hingegen langweilte ihn nie, wie er sich grimmig eingestehen musste. Er hatte nicht einmal das Bedürfnis verspürt, mit anderen Frauen zu flirten.

Dios! Er war schockiert, weil das, was als eine von vielen flüchtigen Affären begonnen hatte, schon so lange dauerte. Und es schien ihm, als wäre es Laurens Schuld. Hätte sie ihn genervt oder wie einige seiner bisherigen Partnerinnen irgendwelche Besitzansprüche erhoben, hätte er nach kurzer Zeit mit ihr Schluss gemacht. Aber sie war die perfekte Geliebte gewesen, denn sie hatte keine Forderungen gestellt und sich damit abgefunden, sich in der Öffentlichkeit nicht an seiner Seite zu zeigen. Mit ihrem Wunsch, ein Jubiläum zu feiern, hatte sie eine Grenze überschritten.

„Ich lege keinen großen Wert auf irgendwelche Jahrestage“, erklärte er deshalb unwirsch.

Aus Höflichkeit wickelte er das Geschenk trotzdem aus. Es handelte sich um eine gestreifte Seidenkrawatte in Blau- und Grautönen. Dass Lauren damit genau seinen Geschmack getroffen hatte, besserte seine Laune nicht gerade.

Als er aufblickte, stellte er fest, dass sie ihn nervös betrachtete. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie angespannt sie heute war.

„Sie ist sehr schön.“ Ramon rang sich ein Lächeln ab. „Vielen Dank.“

„Wie gesagt, es ist nur eine Kleinigkeit“, meinte sie leise.

Er war beunruhigt, denn sie war nicht der Typ für sentimentale Gesten. Kannte er sie womöglich doch nicht so gut, wie er angenommen hatte?

Zum Glück kam im nächsten Moment der Ober, um den ersten Gang zu servieren, und beim Essen lenkte Ramon das Thema auf die Kritiken über ein neues Theaterstück im Westend.

Obwohl die Gerichte im Vine immer ausgezeichnet schmeckten, wusste Lauren anschließend gar nicht mehr, was sie gegessen hatte. Sie bestellte einen Kamillentee und trank diesen in kleinen Schlucken, um die Übelkeit zu bekämpfen, die der Duft von Ramons Kaffee bei ihr hervorrief.

Das ständige Unwohlsein war ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie tatsächlich schwanger war, und sie musste sich eingestehen, dass sie sorgenvoll in die Zukunft blickte. Am liebsten hätte sie Ramon jetzt von dem Baby erzählt, aber sie konnte seinen schroffen Tonfall von eben nicht vergessen.

Seine Reaktion auf ihr unverfängliches Geschenk war schlimm genug gewesen. Offenbar bedeutet unsere Beziehung ihm nichts, überlegte Lauren traurig. Dennoch würde sie ihm früher oder später sagen müssen, dass sie ein Kind von ihm erwartete.

Beim Essen hatte sie es geschafft, sich nichts anmerken zu lassen und locker mit ihm zu plaudern. Als sie jedoch kurz darauf neben ihm in der Limousine saß und er den Arm um sie legte und den Chauffeur bat, sie zu seinem Penthouse am Hydepark zu bringen, wich ihr Kummer bitterem Zorn. Wenn Ramon und sie keine Beziehung hatten, die Anlass zum Feiern bot, was hatten sie dann?

Der Chauffeur steuerte den Wagen in die Tiefgarage. Wenige Minuten später betraten sie den Lift, und Ramon zog Lauren an sich.

„Endlich allein“, flüsterte er. Der Duft ihres Parfüms erregte seine Sinne, und Ramon atmete schneller, als er die Spange aus ihrem Knoten zog und die Finger durch ihr seidiges blondes Haar gleiten ließ, das ihr nun in weichen Wellen über die Schultern fiel. Dios, er begehrte sie so sehr! Verlangend presste er die Lippen auf ihre, um ein erotisches Spiel mit der Zunge zu beginnen.

Das ungute Gefühl, das er beim Essen nicht losgeworden war, legte sich, als sie genauso leidenschaftlich auf seine Zärtlichkeiten reagierte. Eine Weile hatte er sich gefragt, ob er ihre Affäre beenden musste, und war überrascht gewesen, wie sehr ihm diese Vorstellung missfiel.

Doch sobald eine Geliebte von einem Jubiläum sprach, war es höchste Zeit, sich von ihr zu trennen. Er hatte geglaubt, Lauren würde die Regeln kennen, und war nun erleichtert, dass es tatsächlich der Fall zu sein schien. Sie hatte das Thema nicht mehr angeschnitten, und nun, da er ihren weichen Körper spürte, fegte sein Verlangen alle Zweifel weg.

Ohne den Kuss zu unterbrechen, führte er sie in sein Penthouse, wo er sie bereits im Flur auf dem Weg zum Schlafzimmer auszuziehen begann.

Vor Verlangen bebend, fragte sich Lauren, wie sie Ramon hätte widerstehen können. Das dunkle Haar fiel ihm in die Stirn, sein Jackett und seine Fliege lagen auf dem Boden, und sein Hemd war bis zur Taille aufgeknöpft und gab seinen muskulösen, gebräunten Oberkörper frei. Er war nicht nur wahnsinnig sexy, er bedeutete alles für sie.

Doch sie gehörte nicht zu ihm. Dieser Gedanke ließ ihr keine Ruhe, und ihre Lippen bebten unter seinem verlangenden Kuss. Sie stieß mit den Beinen im selben Moment gegen das Bett, in dem Ramon ihr Bustier öffnete.

„Ich habe dich vermisst, querida“, sagte er heiser.

Prompt verspannte sie sich und löste sich von ihm.

„Hast du mich vermisst oder den Sex mit mir?“ Argwöhnisch beobachtete sie, wie er die Stirn runzelte.

„Das ist doch dasselbe“, erwiderte er ungeduldig. „Natürlich habe ich den Sex mit dir vermisst. Schließlich bist du meine Geliebte.“

Lauren spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. „Das bin ich nicht“, brachte sie hervor. Am liebsten hätte sie ihren Tränen freien Lauf gelassen, wie damals als Teenager, als ihr über alles geliebter Vater einfach gegangen und für immer aus ihrem Leben verschwunden war.

Sie wich einen Schritt zurück und raffte mit zittrigen Händen ihr Bustier zusammen. „Eine Geliebte ist eine Frau, die sich aushalten lässt, und das bin ich nicht. Ich habe eine eigene Wohnung und einen Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt finanziere.“

„Wenn ich in London bin, lebst du in meinem Penthouse“, erinnerte Ramon sie angespannt. Dass Lauren streiten musste, wenn er sein Verlangen kaum noch zügeln konnte, frustrierte ihn.

„Stimmt. Allerdings kaufe ich von meinem Geld ein und bringe deine Anzüge in die Reinigung. Das sind zwar nur Kleinigkeiten, aber ich beteilige mich an den Kosten.“

Aufgebracht strich er sich durchs Haar. Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können, dass Lauren seine Sachen in die Reinigung brachte? So etwas machte normalerweise eine Ehefrau, keine Geliebte. Und wie konnten sie sich mit solchen Dingen auseinandersetzen, nachdem sie gerade noch im Begriff gewesen waren, sich zu lieben?

Nein, Sex zu haben, verbesserte Ramon sich. Liebe war hier nicht im Spiel. Zwar musste er sich eingestehen, dass Lauren ihm wichtig war, aber es änderte nichts daran, dass sie seine Geliebte war. Und sie würde nie etwas anderes sein können, weil sein Leben von Geburt an vorherbestimmt gewesen war und er als Mitglied des spanischen Adels gewisse Verpflichtungen hatte.

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