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Das Tränenhaus

1. Kapitel

Das kleine Haus lag in einer freundlichen Wiesengegend Württembergs. Oben auf dem höchsten Punkt des lang hingestreckten Hügels hob ein graues Grafenschloss seine Dächer über das Grün der Parkbäume, die Dorfstraße mit den Bauernhöfen zog sich über den Rücken der Erdhebung. Unten, wo der helle junge Fluss durch Weidengebüsch und über weiße Kiesel plätscherte, gab es noch eine zweite Straße. Hier wohnten nur arme Weiblein in bescheidenen Hütten, mit winzigen, blumenreichen Vorgärten.

Das kleine Haus aber lag ganz allein und abseits von den beiden Dorfstraßen, am linken Abhang des Hügels, in seine Flanke gleichsam verschüchtert hineingedrückt. Der Weg, der vom Dorf zu ihm hinunter führte, war steil und steinicht, voller Löcher und Pfützen. Rechts und links neben den Schlehdornhecken wuchs ein Gestrüpp von Brennnesseln. Alles zeigte, dass niemand ein Interesse daran nahm, den Pfad in gangbarem Zustande zu erhalten. Er führte ja auch nur zu einem Gehöft notorisch verkommener armer Leute, und weiter zu dem kleinen Häuschen, von dem die Frauen im Dorf mit einem gewissen halblauten Ton der Scheu redeten, und die Männer mit einem zweideutigen Grinsen.

Freundlich genug schaute es aus unter dem großen blühenden Birnbaum, durch den die Bienen summten. Helle Gardinen hingen vor allen Fenstern, und seine stattliche Eigentümerin stand meistens würdevoll vor ihrer Türe, irgend etwas Gutes zwischen ihren großen weißen Zähnen behaglich kauend, während die kleine Schar ihrer Gäste um sie her auf der Schwelle oder auf der Bank an der Hauswand zu hocken pflegte, gähnend, träumend oder schwatzend, wie es sich eben fügen mochte.

Die Gäste waren das Bedenkliche in diesem kleinen Hause, von dessen Türe man unendlich weit ins Land schauen konnte, über das heitere Flüsschen hinweg, bis zu den duftigen Umrissen der Schweizeralpen fern am wolkigen Horizont, und das doch trotz dieser weiten und freien Aussicht so schüchtern sich hinter der Hügelflanke versteckte.

Scheue und stille Gäste waren es, die das kleine Häuschen beherbergte. Meistens trafen sie in der Dämmerung bei der stattlichen Frau Uffenbacher ein. Ein trübes Geheimnis umgab sie, die blassen Mädchen mit unförmigen Gestalten, die zu zweien und dreien in den einsamen Feldwegen spazieren gingen, bis sie eines Tages wieder verschwunden waren. Nach solchem Verschwinden tauchte in der unteren Straße bei den armen Witwen in einem der bunten Vorgärtchen ein neuer Kinderwagen auf, und der scheue Gast ließ dem Dorf einen munter krähenden Erdenbürger als Pfand seines Besuches zurück.

Frau Uffenbacher aber zählte zufrieden einige Goldstücke und schloss sie in ihre Kommode. Sie hatte kürzlich, um mit der Neuzeit fortzuschreiten und ihrer Anstalt einen höheren Aufschwung zu verleihen, Inserate in verschiedenen großen Blättern erscheinen lassen. Es waren auch Prospekte gedruckt worden. Gebildeten Damen höherer Stände, welche sich für eine Zeitlang von der Welt zurückzuziehen wünschten, waren darin alle Vorteile, die ein mehrmonatlicher Aufenthalt in dem gastlichen Hause von Frau Uffenbacher bot, mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit auseinandergesetzt worden.

Frau Uffenbacher suchte einen dieser Prospekte aus der Schublade ihres Wohnzimmertisches hervor, wo sich zwischen Brotrinden und Wurstschalen, Haarnadeln und sehr fettigen Spielkarten ein Fläschchen Tinte, ein Löschblatt und ein Federhalter befanden. Sie setzte ihre gewichtige Brille auf, und rief die zur Zeit bei ihr weilenden jungen Mädchen, das Annerle von Pfaffenhofen, die Schweizer-Mari und die bayerische Toni herbei sowie ihre Magd, die Hanne, die ein dickes rotes Ziehkind auf ihren dicken roten Armen schaukelte.

Ohne diese Hilfe wäre es Frau Ursula Uffenbacher nicht möglich gewesen, einen so bedeutungsvollen Brief zu schreiben, wie es jetzt geschehen musste. Sie legte sich feierlich einen Papierbogen auf dem Löschblatt zurecht, rückte ihn rechts und rückte ihn links, leckte die Feder, putzte die Brille, schaute darüber hinweg auf das Annerle von Pfaffenhofen, ein molliges blondes Fräulein, das schmunzelnd in dem Prospekte las, und fragte etwas unsicher:

»Sag, Annerle, meinscht, die Anfrag ischt von einem Herrn? Ja, soll ich da adressieren: Sehr geehrter Herr oder sehr geehrtes Fräulein? Eine bessere Herrschaft ischt's jedenfalls – da müsst ihr euch schon zusammennehme, das sag ich euch, ihr Baggasch!«

»Zeigen Sie den Brief her, Frau Uffenbacher!«

Cornelies Anfrage, die sie auf das in der Zeitung gefundene Inserat hin an Frau Uffenbacher gerichtet hatte, ging von Hand zu Hand und erregte eine lebhafte Meinungsverschiedenheit.

»So sachgemäß fragt nur ein Herr – und zwar ein Geschäftsmann«, erklärte Annerle, »ich kenn mich da aus! Und die Handschrift – ja – und doch, wenn ich's recht bedenk ...«

Die Schweizer-Mari meinte bedächtig:

»Das hat gewiss einen lieben Herrn, der sich um sie kümmert ...«

»Am End ihr Vater!«, überlegte Annerle. »Wisset's – so nach allem fragen – nach dem Bad und so – das tut schon kein Liebhaber – macht mir nix weiß ...«

»Am End die Mutter!«

»Ach geh – kennst die Mütter! – Was tun denn die, als weine und schimpfe! Die kümmern sich doch den Teifi drum, was ihre Kinder gut täte in dere Zeit ... Ja, die verheirateten Töchter – die werde gepflegt und gehegt – aber mir arme Luder ... Ha!«

Das Annerle schwang sich auf die Tischkante, baumelte mit ihren Füßen, die in grauen Filzpantoffeln steckten, und las den Brief noch einmal aufmerksam von Anfang bis zu Ende durch. Ihre hellen und klugen, etwas hervorstehenden Augen bekamen dabei einen gesammelten Ausdruck von Nachdenklichkeit.

»Ich mein doch, es ischt eine Frau«, sagte sie dann bestimmt. »Vielleicht eine Verheiratete. Eine Dame. Mädeles passt auf! Das wird interessant!«

»Die macht doch kehrt, wann's die Räuberhöhlen hier sieht!«, bemerkte die bayerische Toni.

Hanne puffte sie sofort in die Seite und murrte:

»Ihr tut auch gerad, als wär't ihr anders gewöhnt!«

»Sind wir auch!«, entgegnete Annerle scharf, während die Toni den Kopf wandte und schwieg.

»Für eure sechzig Mark, dafür ischt's lange gut«, schimpfte Frau Uffenbacher. »Soll ich euch Schneegäns eine extra Wurscht brate? Ich möcht mir mehr bezahlen lassen von der hier!«

»Ja, Frau Uffenbacher, da müssten Sie aber auch mehr geben ...«

»Mehr gebe – mein, ich geb mehr als genug! Ein Brot und ein Backsteinkäs – anders gibt's Sommer und Winter nit bei der Frau Wurzler in Ulm, und die hatte die feinschten Fräuleins. Was wird dann die Neue viel sein? Wird auch nur ...«

Sie brauchte einen sehr derben und volkstümlichen Ausdruck, die gute Frau Uffenbacher. Die Mädchen quiekten ein bisschen aus Schadenfreude und vor Vergnügen an der Unanständigkeit.

Und dann wurde unter der energischen Beihilfe des klugen Annerle, die von Beruf Buchhalterin in einem Warenhause war, die Antwort an die rätselhafte und aufregende Persönlichkeit verfasst.

»Vergesse Sie nit »Diskretion Ehrensache«. Das verlange die Leut!«, rief Annerle zum Schluss, »Ehrensach mit einem »H««. Sie baumelte vergnügt mit den grauen Filzpantoffeln. Hier unter all den Frauenspersonen – warum sollte man sich's nicht bequem machen?

»Ich werd als wissen, wie »Ehrensach« geschrieben wird«, sagte Frau Uffenbacher würdig, zeichnete ihren Namen und schob die Antwort, nebst einem der verheißungsvollen Prospekte in den Umschlag. Drauf lehnte sie sich im Stuhl zurück, strich befriedigt mit beiden Händen über ihre gestärkte weiße Schürze, und blickte triumphierend im Kreise umher. »Nu wolle wir veschpern.« Sie nahm Cornelies Brief aus Tonis Hand und legte ihn in die Tischlade, wo ihre diskrete Korrespondenz bei Brotresten und Wurstschalen, Bindfaden, Haarnadeln und den sehr fettigen Spielkarten ihren Platz fand.

Einige Tage später traf Cornelie Reimann in Schopfingen ein. Der verheißungsvolle Prospekt hatte seine Wirkung getan. Sie ging in ihrem langen, sandfarbenen Mantel den Weg vom Bahnhof, vorüber an den kleinen Häuschen der Witwen, in deren Vorgärten je ein bis zwei Kinderwagen standen.

Wo die Hütten zu Ende waren, fragte sie eine knochige rothaarige Frau mit einem freundlichen Gesicht nach der Besitzung von Frau Uffenbacher. Ihre Stimme war leise und tonlos.

Die Frau blickte sie erstaunt an und sah dann schüchtern zur Seite, während sie Auskunft gab. Eine zweite Frau gesellte sich zu ihr.

»Ja – will denn die zur Uffenbacherin – das ischt doch eine Dam'?«, fragte die andere, und die Rothaarige schüttelte bestürzt den Kopf.

»Am End für ein Verwandtes?«

»Nein, schau – sie ist in der Hoffnung.«

»Ja, ja – schon ... Das sind Geschichte! Da wird die Uffenbacherin sich arg wichtig tun! Gel' sie kommt schon und verzählt! Sie kann doch nichts bei sich behalte! Wirst schon alles höre, Fischerin!«

»Da schau ich heut Abend noch bei dir ein!«, flüsterte die Freundin, und die Rothaarige lachte über den Eifer der anderen.

»Komm, Lisle, geh her, hole ein Brot zur Veschper. Und bring ein Bier mit!«

Das zierliche Kind hüpfte mit dem Krug davon und hatte die langsam schreitende Cornelie bald überholt.

Cornelie sah die reizend gebildeten nackten Füßchen der Kleinen mit den feinen Gelenken vor sich her über den Staub der Dorfstraße tanzen und freute sich der Schönheit ihres leichten Ganges.

»War das deine Mutter?«, fragte sie freundlich das Kind. Es schüttelte den Kopf.

»Meine Ziehmutter«, sagte es verlegen, am Schürzenzipfel drehend.

»So – deine Ziehmutter«, wiederholte Cornelie. Sie sprach nicht weiter, die Kleine lief davon. Corneliens Schritte wurden müder und müder.

Nur Ruhe finden ...

Nur einen Winkel, der außerhalb, ganz außerhalb ihrer eigenen Welt lag – zu dem gar keine Fäden mehr hinüberführten. Wie dieser Winkel beschaffen sein mochte, war gleichgültig.

Ein warmer Nachmittagssonnenschein wob um die windschiefe Hütte der Uffenbacherin einen feinen Märchenduft, und Tausende von Bienen, die durch die Zweige des blühenden Birnbaumes aus- und einschwärmten, summten friedlich sommerliche Melodien.

Eine »Anstalt« in irgendeinem Sinne von modern hygienischem Komfort war dies nun freilich nicht, aber Cornelie war es lieber so. Die Uffenbacherin in ihrer breiten mütterlichen Würde einer »weisen Frau« des Dorfes missfiel ihr nicht, das Bett des kleinen Zimmers war gut und sauber.

So wurde sie schnell mit ihr handelseinig und beschloss, den Sommer über zu bleiben und ihre Stunde hier zu erwarten. Die Mahlzeiten wollte sie auf ihrem Zimmer nehmen.

Ein oder das andere Fräulein, das vielleicht im Laufe der Zeit noch einkehren würde oder jetzt schon hier war – o nur bessere Damen, dafür garantierte Frau Uffenbacher – ja, von denen würde die gnädige Frau nicht das Mindeste zu sehen bekommen. Denn ...

Gewiss – das machte Cornelie zur Hauptbedingung, sie durfte in keinerlei Beziehung zu diesen anderen Damen gebracht werden, sie musste ganz einsam für sich leben können.

»Aber das ischt ja selbstverständlich«, beteuerte die Uffenbacherin treuherzig. »Sehen Sie, gnädige Frau, die Damen sind ja alle auf Dischkretion angewiese, wie sollte denn eine solche Anstalt bestehe, wenn sie nicht auf Dischkretion gebaut wäre – und überhaupt mein Beruf – eine Hebamm' – da könnte ich ja Geschichte erzähle – da erfährt man ja die Geheimnisse von ganze Familie! Schau'n Sie, da ischt jetzt so ein junges Fräulein bei mir« – sie hob die Hand an den Mund, ihr breites Gesicht erglänzte vor Wichtigkeit, sie senkte die Stimme: »Der Vater besucht sie jeden Sonntag – niemand darf ihn sehen! Der Mann verliert seine Stellung, wenn was verlautet! – Das Ding war siebzehn Jahr – gnädige Frau – da geschehen Verbrechen, wenn man davon reden dürfte ...«

»Also, dann lassen Sie meinen Koffer holen«, sagte Cornelie ungeduldig.

»Darf ich Ihnen auch die Laube zeige? Der Schlosspark steht den Damen gleichfalls zur Verfügung, die Herrschafte sind nie anwesend.«

Frau Uffenbacher schritt Cornelie voran, das Treppchen hinunter über den kleinen Flur, rechts aus der Tür guckten blonde und braune neugierige Köpfe. Cornelie ging abgewendeten Hauptes vorüber. Sie fragte sich, ob sie dies werde ertragen können? Aber war nicht schließlich alles gleich unerträglich?

Einige Augenblicke später sah sie vor sich ein Bild, das sie seltsam bewegte. Die Laube auf dem Hügel, eine Bretterhütte mit schrägem Dach, von jener einfachen Form, wie altdeutsche Darstellungen aus der Heiligen Schrift sie zeigen, war erfüllt von goldenem Abendlicht. Auf der Wiese, die sie umgab, standen blaue und weiße Blumen auf schlanken Stängeln, die von den schrägfallenden Sonnenstrahlen zu einer unirdischen, gläsernen Schönheit verklärt wurden.

In dem goldenen Duft saß ein junges Weib von einer holden Lieblichkeit der Erscheinung. Ihre schmalen und bleichen Hände lagen ihr müde im Schoß, ihre braunen, durchsichtigen Augen blickten durch Tränen über die frühlingsblühende Weite in ein Tal von Schmerzen, das nur ihrem Blicke sichtbar wurde.

Und über ihr, am blauen Himmel, unter den schneeglänzenden, goldumsäumten Sommerwölkchen flog gemächlichen Flügelschlages ein großer schwarz-weißer Storch.

»Der hält sich immer hier in der Näh«, sagte Frau Uffenbacher mit einem fröhlichen Stolz. »Die Freilen füttern ihn. Er gehört ja auch zu uns.«

»Wer ist das Mädchen?«, fragte Cornelie leise.

»Das ischt die Rose von Ulm. Hat letzte Woche entbunden. Morgen geht sie heim. Das Kind ischt vor einer Stunde geholt.«

Cornelie stürzten die Tränen aus den Augen.

»Ja freilich«, sprach Frau Uffenbacherin in einem strengen Ton. »'s ischt so – ich sag's alleweil: Ein Wochenbett ischt kein Brautbett! Das bedenkt so ein Mädle nit vorher. Ei – Rösle, muscht nit heule! Kanscht doch jede Woche herüber und das Kleine sehen! Gut hat's das Ding bei der Frau Lebzelter – sauber – da ischt nichts zu sage! Der Herr Papa wird ja doch einmal nachschauen! Na ja ... Denket Sie an die Freilein Toni – das ischt ein Elend ... Ihne wollte doch die Eltern von Eurem Herrn was gebe fürs Kindle ...«

»Ja, Frau Uffenbacher«, sagte die Rose von Ulm in einem gereizten Ton, »ich weiß schon – aber ich will ihr Geld nicht – ich will einen Vater für mein Kind!«

Ihr feines Mädchengesicht zog sich zusammen zu der krampfhaften Energie eines Entschlusses, der mit der Wucht einer fixen Idee ihre Zukunft regieren würde: Ich will einen Vater für mein Kind!

Die Rose von Ulm ... Wie sie dort saß im goldenen Licht, im holden Blühen ihrer unschuldsvollen Schönheit, hätte man der jungen Madonna gern den Göttersohn geglaubt – den Jupiter, der aus Himmelshöhen sich zu ihr niedergesenkt hatte. Doch Frau Uffenbacher flüsterte Cornelie ins Ohr:

»'s ischt ein Leutenant – die Eltern wollen's nit leide – er soll eine reiche Baas freien, eine Tuchfabrikantenstochter aus Reutlingen.«

2. Kapitel

Cornelie war auf dem Postamt gewesen und hatte dort einen Brief empfangen. Die skurrile Handschrift mit dem großen Schwung der Anfangsbuchstaben, gegen die sie eine leise Abneigung nie hatte überwinden können, auch als sie die Briefumschläge mit dieser Schrift noch in Zärtlichkeit an die Lippen gedrückt hatte ...

Rudi Imgart versicherte sie seiner Freundschaft und bot ihr seine Hilfe an für den Fall, dass sie sie bedürfen sollte!

Ein Almosen ... Cornelie knirschte mit den Zähnen, zerknitterte das Blatt – eine Welle heißen Hasses schlug über sie hin – sie spie aus vor würgendem Ekel. Sie zerriss den Brief in kleine Stücke und streute sie in die Luft. Ihre Glieder zitterten in nervösem Froste. – Auch dieses war nun erlitten und konnte so nicht noch einmal gelitten werden.

Hatte sie immer noch geglaubt, unter allen Irrungen und Krämpfen der Liebe müsse ein Unzerstörbares sie mit diesem Manne ewig verbinden – müsse sich gerade jetzt in seiner Kraft offenbaren ...?

Vorbei – vorbei – vorüber ...

Nun durfte sie den Namen des Mannes aus ihrer und ihres Kindes Zukunft löschen.

Nun lag das Leben vor ihr als ein leeres Blatt, mit frischen, noch nie versuchten Schriftzügen zu bedecken.

Ein neu Beginnen. Cornelie atmete tief. Jetzt wollte sie das Dasein wieder leben. Wollte es mit ganzem Willen auf sich nehmen.

In die Einsamkeit hatte Cornelie flüchten wollen und war, wie in alten Märchen, gleichsam in Schlaf und Traum in ein anderes Leben hinabgesunken, das unter dem hellen Tagesschein, in dem sie bisher gewohnt hatte, sich regte und bewegte, erfüllt war von Gestalten und Schicksalen, von denen sie vorher nicht das Mindeste ahnte. Sie war sich ein Einzelfall gewesen – ein Unerhörtes, Niedagewesenes, nie wieder Seiendes, ausgestoßen aus der Gemeinschaft alles Menschlichen, von dem sie wusste, und das ihr bis heut allein als Menschliches gegolten hatte.

Wie weit dahinten lagen nun alle bekannten Begriffe ...

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