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Das Tier

Andreas Jurat

Das Tier

erotische Geschichten


Für Susanne


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Inhaltsverzeichnis

        Das Tier

        Das Treffen

        November

        Diese besonderen Tage

        Blätterwald

        Das Rote Zimmer

        Guten Morgen, Du Schöne

        Insel unter Sternen

        Valentinstag

        Remote Control

Das Tier

Ich würde dir gern meinen Traum ins Ohr und in den Leib flüstern, damit du mich spüren kannst, unmittelbar auf deiner Haut. Aber leider geht das im Augenblick nicht. So muss ich mich damit begnügen, mir vorzustellen, wie es sein kann und darauf vertrauen, dass du es auch so empfinden kannst.

Ich stelle mir vor, dass ich deine Hand sein könnte, dass ich durch sie dich und deinen Körper entdecken kann. Ich schicke sie auf die lustvolle Reise über unbekanntes Land. Deine Fingerkuppen sind meine Augen. Sie gleiten über die Landschaft, sie sehen den Wind, in dem sich alles sachte wiegt, sich die Härchen deiner Haut leicht aufstellen, wenn sie den Hauch spüren. Deine linke Brustwarze kräuselt sich unter der zarten Berührung der linken Handfläche. Ein Ruf pflanzt sich wie ein Echo fort, findet tief in deinem Inneren einen Widerpart, der erschauert. Ein elegantes kleines Tier erwacht und seine Augen glühen im Dunkeln grünlich. Das Tier heißt Lust und es ist erstaunlich. Es umschleicht dein Innerstes auf ganz leisen Sohlen. Sein regenbogenfarbener Schweif schmeichelt dir und macht, dass du einer leisen Bewegung folgen willst. Deine rechte Hand folgt meinem Wunsch an deiner Lende hinab zu deiner Hüfte. Die Haut ist weich und warm wie Seide im Sommer. Darunter folgt ein lebendiger Körper einer geheimnisvollen Stimme. Die Rechte folgt der Woge, in dem sich dein Bauch hebt und senkt. Der Zeigefinger umkreist mit willkürlichem Vergnügen das Oval des Bauchnabels und widersteht nur knapp der Versuchung, dort einzudringen. Das Tier schnurrt mit leisem Ton und du spürst jeden tastenden Schritt mit den Andeutungen von Krallen. Da pulst überall warmes Blut. Es durchflutet dich, es möchte dich öffnen wie eine Blüte unter den Strahlen einer wärmenden Sonne.

Ich mache, dass deine Linke deine hart gewordene Brustwarze zwischen Daumen und Mittelfinger nimmt und mit dem Zeigefinger leicht auf die Spitze tippt. Das Tier Lust macht einen klagenden Laut und bäumt sich. Katzbuckelnd hebt es dein Becken ein wenig nach vorn. Ich setze die Reise fort und mein Herzschlag pulsiert in den Fingern deiner rechten Hand. Sie hat dein Schambein erreicht und nimmt den leisen kreisenden Tanz auf, den sie dort fühlt. Mit jedem sanften Druck plustert sich das Tier in dir auf. Es findet kaum noch Raum und drängt deine Schenkel auseinander. Die Rechte gleitet hinab in die Wärme und in das Reich des Tieres. Sie berührt die kleine Perle und das Tier erbebt. Seine Krallen fahren dir in die Wände deines Seins. Mein Atem ist ein Sturm in dir und treibt deine Hand vor sich her. Ebbe und Flut im Sekundentakt, das Tier triumphiert und windet sich zugleich in Todesangst. Die Wellen peitschen hoch, überfluten deinen Körper, heben deine Seele aus deiner Brust hinauf, dorthin, wo meine Augen wie Sterne strahlen, bevor auch sie verlöschen. Deine Hände liegen im Tal deines Schoßes und begleiten das Sterben des Tieres wie die Schwingen eines schönen Schwans.

Ein Lächeln öffnet dein drittes Auge, das nur ich im Dunkeln leuchten sehen kann.

Das Treffen (eine Fantasie)

Ich nehme mir sehr viel Zeit und suche uns ein richtiges Liebesnest. Ich mache uns etwas sehr Leckeres zu Essen und wir trinken Champagner. Ich weiß, dass ich wahrscheinlich sehr aufgeregt und schüchtern bin. Ich rede dann viel und versuche, dich zum Lachen zu bringen. Irgendwann stehst du dann vielleicht am Fenster und schaust hinaus auf die Stadt, die langsam im Dämmer versinkt. Straßenlaternen schimmern gelb. Ich trete hinter dich und lege die Hände auf deine Arme. Ich schmiege einfach mein Gesicht an deine Schulter und küsse deinen Hals und deine Schulter. Ich umfange dich und wir stehen einfach nur da und wiegen uns leicht hin und her.

Dann drehst du dich zu mir um, schaust mich an und dein Lächeln verrät etwas von deiner eigenen Verunsicherung. Ich küsse dich vorsichtig und nehme dein Gesicht in meine Hände. Du hast die Augen geschlossen und deine Lider beben ein wenig. Deine Lippen schmecken nach Champagner und nach etwas, das wahrscheinlich nur du sein kannst. In den zweiten Kuss stiehlt sich vorwitzig eine kleine Zungenspitze und berührt mich. Wir küssen uns richtig und sehr innig. Ich habe dich fest im Arm und spüre dich so intensiv, dass es in der Brust weh tut. Mein Herz schlägt bis zum Hals und straft jeden Lügen, der glaubt, einem erfahrenen Mann könnte das nicht mehr passieren. Es passiert immer wieder.

Es dauert eine Ewigkeit, bis ich beginne, die Konturen deines Körpers mit meinem eigenen wahrzunehmen. Ich halte eine wunderschöne, gertenschlanke Frau in den Händen und spüre sie durch unsere Kleidung hindurch. Das durchströmt mich wie Feuer und Eis. Ich lausche auf deinen Atem und entdecke, dass dein Herzschlag wie eine leise Trommel darin widerhallt. Ich knöpfe die ersten zwei Knöpfe deine Bluse auf und sehe den Ansatz deiner Brüste und den Spitzensaum deines BHs. Ich küsse sacht die kleine Kuhle zwischen den Brustansätzen und meine Hände umfassen die beiden kleinen straffen Hügel. Durch den Stoff ertasten meine Fingerspitzen deine Brustwarzen und machen, dass sie sich etwas aufrichten. Inzwischen hast du mein Hemd aufgeknöpft und streichelst meine Brust darunter. Vielleicht kitzeln die kleinen Stoppeln?...

Ich hebe dich hoch und trage dich zum Bett, einem Traum von einer Spielwiese. Du siehst mich mit diesen versonnenen Augen an, wie ich dich dort ablege und mein Hemd abstreife. Dann beuge ich mich zu dir herunter. Du willst deine Bluse ausziehen, aber ich halte deine Hände fest- warme, schmale Hände mit hübsch bemalten Nägeln. "Das ist meine Sache", sage ich und beginne, dich zu entkleiden. Unter den Körbchen des BHs zeichnen sich die Brustwarzen deutlich ab. Ich knöpfe deine Jeans auf und ziehe sie herunter; du hebst das Becken etwas. Da sind die langen, schlanken Beine, weiß und offenbar völlig haarlos, was ich fast wie in Trance registriere. Da ist ein kleiner Leberfleck auf dem linken Oberschenkel, eine Handbreit über dem Knie. Ich bin wie ein kleiner Junge, schüchtern und unbeholfen. Ich schaue auf deinen winzigen Slip und den dunklen Schatten, der dort ist, wo sich deine Schenkel begegnen. Mir ist heiß und ich zwinge mich zur Ruhe. Sehr sacht erkunden meine Hände deine Beine. Du atmest etwas schneller und ich glaube zu spüren, wie du dich langsam um eine Winzigkeit bewegst.

Ich ziehe meine Hose und die Socken aus. Ich weiß, dass meine Erektion in meinem Slip sich mehr als deutlich abzeichnet und ich muss mich zwingen, dass es mir nicht peinlich ist. Dann liege ich neben dir. Ich küsse dich, meine Hand wuschelt dein Haar durcheinander, streift deine Halsschlagader und überquert leichtfingerig die Barriere deines Schlüsselbeins. Wie ein Windhauch begegnen sie deiner Brust. Ich habe die Augen geschlossen und meine Fingerspitzen sind meine Augen. So streife ich durch unbekanntes Land. Dein Bauchnabel, deine Hüfte, die sich sachte wiegt. Ich lasse mir Zeit.

Plötzlich bin ich von tiefer Ruhe durchströmt. Machen wir, dass es ewig bleibt.

Und doch berühre ich die Innenflächen deiner Schenkel. Du öffnest sie etwas. Deine Hände streichen mir über den Rücken hinab zu den Lenden. Mich durchfährt es wie einen Stromschlag und du lachst leise auf. Meine Hand berührt deinen Venushügel und gleitet über den Stoff deines Slips. Ich spüre deine schmalen kleinen Schamlippen und muss an mich halten, nicht fest zuzupacken.

„Sei nicht so zaghaft, ich bin nicht aus Zucker“, sagst du dann. Mir fährt es wie blanke Hitze zwischen die Beine. Ich richte mich auf, ziehe dir den Slip aus. Da liegst du vor mir und ich sehe Dich, ich nehme Dich in mich auf wie türkischen Honig. Ich weiß nicht, ob du das möchtest, aber ich weiß, dass ich nicht anders kann: ich beuge mich herunter und drücke deine Schenkel auseinander. Da ist dieser wahnsinnig erregende Duft, ich sehe die Feuchtigkeit zwischen deinen leicht geöffneten Schamlippen glitzern. Ich tauche mit meinen Lippen darin ein. Deine Hand krallt sich in meinen Arm und du kommst mir entgegen.

Ich schmecke Dich; ich bin gierig nach dir und hemmungslos. Meine Hände fliegen über deinen Körper und meine Linke ertastet deinen Kitzler. Sehr vorsichtig berühre ich ihn, benetze ihn mit meiner Zunge und deiner eigenen Feuchtigkeit. Du selbst bist etwas ungeduldiger. Dann dringen meine Finger in Dich ein. Ich krümme sie leicht und bewege mich immer schneller. Du ziehst die Beine an, klammerst dich an deine Knie. Ich weiß, gleich kann es soweit sein. Ich streife meinen Slip ab und dringe tief in dich ein. Du stöhnst nicht nur, du stammelst etwas, was immer lauter wird und am Ende schreist du deinen Höhepunkt heraus.

November

Ich gehe durch die Stadt und halte die Augen offen. Sehe nicht nur die Reklame und das Licht der Schaufenster. Schaue genauer hin. Da, scharf außerhalb des Lichtkegels sitzt eine Frau auf einer Bank. Es ist November, es ist nebelig und kalt. Diese Art Kälte, die dir das Leben entzieht wie ein Vampir.

Die Frau ist nicht mehr ganz jung. Das Leben, der November und das Warten haben Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen. Diese Frau ist auf diese Entfernung nicht wirklich schön und ganz zu schweigen von interessant. Die Leute gehen achtlos vorüber. Die Leute gehen achtlos an anderen Leuten vorüber und keiner hat ein Gesicht. Die Stadt im November. Die Geschäfte verbreiten hektische Weihnachtsfröhlichkeit; das Fest der Liebe wirft einen langen schweren Schatten in den November.

Ich stehe jetzt nur noch ein paar Meter entfernt hinter der Bank und der Frau, die auf die Uhr schaut, schon wieder. Ihr Blick tastet den Weg der Passanten vor ihr ab. Ich sehe ihre Schultern unter dem dunkelgrauen Mantel etwas nach vorn sacken. So rinnt Hoffnung aus einer Frau. Sie schlingt kurz ihre Arme um sich und ich spüre förmlich ihr Frösteln, das von innen kommt und diese böse Kälte von außen trifft. Seit wann mag sie schon hier sitzen und warten? Zu lange.

Ich setze mich zu ihr. Auf die Bank daneben. In unserem Land setzt man sich nicht auf die gleiche Bank neben einen Fremden. In unseren Bahnen sieht man allenthalben alle Abteile belegt, mit jeweils zwei Leuten. Der Rest steht. Außer im Berufsverkehr.

Sie hat blondes Haar, wirklich blondes Haar, nicht, weil sie es sich wert ist. Sie ist blass und ihr Mund ist nur um Nuancen dunkler, dabei hat er diesen schönen Schwung, wenn man genau hinsieht. Leider kerbt etwas zwei dunkle Linien von den Nasenflügeln zum Kinn hinab und die Mundwinkel liebäugeln mit dieser Richtung. Wie mag dieser Mund ausschauen, wenn er lächelt, gar lacht?

Ihre Augen liegen im Schatten und ich sehe nur das Schimmern angelaufenen Silbers. Dabei sind ihre Brauen dicht und haben noch nie eine Pinzette gesehen, auch wenn sie über der Nasenwurzel fast zusammenstoßen. Zwei klassische Bögen, unverstellt.

Sie schaut wieder auf die Uhr, wendet mit einem Seufzer den Kopf in meine Richtung. Sie schaut durch mich hindurch und ich erkenne endlich den Grund, warum ich hier sitze und fasziniert genug bin, um nicht zu merken, dass ich friere, ihre Augen. Ich kann nicht sagen, welche Farbe sie haben, ich kann nur sagen, ich sehe diese lebendige Traurigkeit; ich sehe sehr viel Kraft und auch Verzagtheit. Der Moment vergeht. Sie hat mein Lächeln nicht bemerkt.

Sie steht auf, unschlüssig. Ihre Haltung erzählt die Geschichte von Hoffnung und Enttäuschung, Wut und Resignation. Sie tritt mit ihren kleinen Stiefeln das Mosaikpflaster, rammt ihre Hände in die Manteltaschen, kommt auf mich zu. Nicht direkt, nur so ungefähr. Sie hat ihren Atem vor dem Gesicht, ein kleines weißes Wölkchen, wie ein Stück Seele, die keinen Platz mehr findet. Dann bleibt sie zwei Schritte vor mir stehen, dreht sich um; ihre Augen wandern ruhelos von einem Passanten zum nächsten.

„Vielleicht ist was dazwischen gekommen“, sage ich, aus einer Laune heraus? Sie wendet mir den Kopf zu, taxiert mich mit kaltem, etwas verärgertem Blick.

„Reden Sie mit mir?“

„Ich meine ja nur. Vielleicht ist mal wieder eine Bahn ausgefallen und er sitzt irgendwo fest.“

„Wovon reden Sie eigentlich? Lassen Sie mich in Ruhe.“ Sie wendet sich ab. Dann, einer Eingebung folgend, fährt sie mich an:

„Was sind Sie, ein blöder Spanner, der andere Leute belauscht?“

„Auf jeden Fall nicht der, der sie hier versetzt hat. Sie müssen nicht gleich ausfallend werden.“

Ich stehe auf, wende mich zum Gehen.

„Blöde Kuh“, entschlüpft es mir.

„Das habe ich gehört!“, ruft sie mir empört nach. Ich drehe mich im Gehen zu ihr um.

„Na und? Ich wollte nur freundlich sein und Sie…“

Dann kriege ich einen derben Schlag ins Kreuz und schlage lang hin. Das Pflaster rast auf mich zu und zerstiebt in einem grellen Blitz.

„Pass doch uff, du Idiot!“ Weg ist er, der Radfahrer. Füße trappeln auf dem feuchten Stein. Ich rappele mich auf. Etwas läuft mir von der rechten Augenbraue ins Auge. Blut.

„Ist alles in Ordnung?“, fragt eine Frauenstimme erschrocken und mit dem linken Auge sehe ich das entsetzte Gesicht der Frau mit dem zum O geformten Mund.

„Wonach sieht es aus?“, erkundige ich mich und setze mich auf. In meinem Hinterkopf höre ich noch eine verstimmte Version der Freiheitsglocke.

Sie reicht mir ein Zellstofftaschentuch und ich drücke es gegen die Platzwunde über der Braue. Ich wäre gern etwas mannhafter, aber mir ist schwindelig und es tut weh. Ich mache eine Grimasse.

Sie hat ein Handy in der Hand.

„Ich rufe die Feuerwehr“, sagt sie. Ich schüttele den Kopf. Die frische schwere Novemberluft klärt meine Sinne. Ich stehe wieder und eigentlich auch ganz sicher.

„Rufen Sie lieber diesen Typen an, der Sie hier warten lässt!“, entfährt es mir ärgerlich. Ich lasse mich auf die Bank fallen, auf der sie eben noch gesessen hat.

„Geht nicht!“, entgegnet sie wütend und reißt temperamentvoll die Arme hoch.

„Mailbox. Schon die ganze Zeit.“ Das klingt nur noch traurig.

„Es tut mir leid“, sage ich. Das vollgeblutete Taschentuch fliegt in Richtung Papierkorb, prallt vom Rand ab und rollt davon. Könner! Ich fange das Stück Zellstoff ein und befördere es in den Müll.

„Wieso? Sie können ja nix dafür!“ sagt sie.

„Die blöde Kuh“, sage ich mit einem schiefen Grinsen.

„Ach so. Ja, schon vergessen. Mir tut es auch leid. Das da“. Sie deutet auf die Blessur auf meiner Stirn.

„Radfahrer…“ sage ich und verdrehe kurz die Augen. Das tut weh. Mir ist plötzlich kalt.

„Wollen wir nicht irgendwo hingehen, wo es warm ist?“ Ich erhebe mich und deute in Richtung der lichtüberfluteten Menschenmenge vor der Passage. Das kommt sehr spontan und ohne irgendwelche Hintergedanken. Sie zögert, wirkt irritiert.

„Na, das ist doch Schwachsinn, hier in der Kälte zu hocken und zu warten. Sie haben ein Handy, er hat auch eines und wenn er es einschaltet, wird er Sie auch finden! Kommen Sie! Auf den Schreck haben wir uns einen Kaffee verdient!“ Ich laufe los. Drei oder vier Schritte später hat sie mich eingeholt.

„Conny“, sage ich und halte ihr meine Rechte hin. Sie versteht erst beim zweiten Zufassen.

„Corinna.“ Sie fasst kurz meine Hand an. Na ja.

Wir tauchen in die Menschenmenge ein, die wie ein Gezeitenstrom durch die Glastüren des Centers hinein und heraus strömt. Lachen, Kinderweinen, Gesprächsfetzen, eine Ansage aus dem Center, die Welt fällt etwas über uns her. Rolltreppen; eine Siebzehnjährige im Outfit einer Bordsteinschwalbe mit einem iPhone am Ohr spricht ungerührt in diesem schrecklichen Gassenjargon mit einer Freundin über eine andere Freundin. Bis wir oben sind, ist diese zur „beschissenen Tussi“ herabgestuft worden, was vermuten lässt, dass es heute Abend in einer Community noch heftig zur Sache gehen wird.

Wir flüchten an einen kleinen Tisch in einem Café. Zwei Kännchen Kaffee, nein, ich brauche keinen Arzt, nur diesen Kaffee. Sie hat ihren Mantel über die Stuhllehne gelegt, dieses tuffige Schalgebirge vor ihrem Busen allerdings nicht. Sie trägt einen bordeauxroten Pullover mit halblangen Ärmeln und ich kann nur ahnen, dass dieser einen etwas weiteren runden Ausschnitt hat. Beim Hinsetzen registriere ich ein kleines Bäuchlein, das die schwarze Hose ausfüllt und schelte mich, meine Augen bei mir zu behalten. Sie kramt in ihrer mausgrauen Handtasche. Frauenhandtaschen sind Mysterien. Sie bergen jede Menge nützlicher Schätze, die mit Langmut darauf warten, zur genau richtigen Gelegenheit ans Licht gebracht zu werden: Kugelschreiber, Eukalyptusbonbons, Pflaster.

Sie lächelt ein wenig verlegen und dann sehe ich endlich, was mit diesem Gesicht geschieht. Es beginnt ein wenig zu leuchten, um die Augen und den Mund.

„Besser als nichts, oder?“ Ich nehme das Pflaster und finde den Grund für ihr Lächeln, Benjamin Blümchen. In mir steigt ein Lachen hoch. Ich reiche das Pflaster zurück.

„Wären Sie so freundlich?“ Sie ist es. Ich rieche ihr Parfüm und ein wenig Traurigkeit.

Wir trinken Kaffee. Ich sehe den Passanten hinterher. Im Hintergrund läuft auf einem Flachbildfernseher ein Fußballspiel ohne Ton.

„Wie lange sind Sie schon in der Stadt?“, will ich dann wissen. Das Schweigen wird ein wenig lästig.

„Wieso? Ich meine…“

„Sie sprechen nicht, wie die Leute hier.“

„Wie sprechen die denn?“

„Manche meinen ja, es wäre ein Dialekt, aber das glaube ich nicht. Es ist so eine Art von sprachlicher Nachlässigkeit. Schnoddrigkeit als Ausdrucksform sozusagen.“

„Aha.“

Was für ein Stuss!

„Und wie spreche ich?“

„Als kämen Sie aus Niedersachsen“, klopfe ich auf den Busch. Ich kenne außer Ex-Kanzler Schröder und Lena niemanden aus Niedersachsen.

„Ich bin aus Chemnitz. Tut mir leid.“ Da ist wieder dieses kleine Amüsement um ihre Augen.

„Wenn also jemand Erfahrungen mit sprachlicher Nachlässigkeit hat, dann wohl ich. Mir Sachsen lassen doch angeblich nur laufen.“ Den letzten Satz sagt sie in jenem unverkennbarem sächsisch, das man mit der Muttermilch aufsaugen muss. Alles andere ist nur antrainiert.

„Sind Sie beim Radio, Fernsehen oder beim Theater?“

„Ganz langweiliger Bürojob im Bezirksamt“, erklärt sie kopfschüttelnd.

Das Gespräch plätschert dahin, gerät ins Stocken. Sie schaut wieder auf die Uhr.

„Ich fürchte, er kommt nicht mehr. Tut mir leid.“

Sie wendet den Kopf weg und doch sehe ich, wie sie mit den Tränen kämpft. Ich reiche ihr nun meinerseits ein Taschentuch. Sie tupft sich die Augenwinkel, aber es hilft nichts. Eine Träne zieht ihre Bahn über die linke Wange. Sie schnäuzt sich. Das Lächeln ist ein Zwitter aus Trotz und Trauer.

„Er hatte es fest versprochen, wissen Sie“, beginnt sie mit dieser kehligen, tränenschwangeren Stimme. Sie schaut auf ihre Finger, die nervös das Taschentuch zerfasern.

„Ach, was erzähl ich ihnen das alles?

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