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Das Thomas West Western Roman-Paket Nr. 1 (8 Romane)

Thomas West

Das Thomas West Western Roman-Paket Nr. 1 (8 Romane)

Acht Cassiopeiapress Western, so hart wie ihre Zeit





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Thomas West Western Roman-Paket

Dieser Band enthält folgende, auch unabhängig erschienene Romane:

Pony Express Rider

Warrington - Ein Mann aus Granit

Weidekrieg

Tötet Shannon

Jagd auf den Ladykiller

Wer tötete den Marshal?

Verraten für 1000 Dollar

Eine Stadt voller Abschaum

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Pony Express Rider

von Thomas West

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Teil 1

Zwei auf drei Meter – mehr maß der Raum nicht. Und er war nicht besonders hell. Nur auf den Rücken des Mannes neben der schmalen Pritsche malte sich ein kleiner quadratischer Lichtfleck. Vier dünne Linien durchkreuzten das helle Quadrat auf dem grauen Hemd – zwei senkrechte und zwei waagrechte. Nur morgens und am frühen Vormittag schien die Sonne durch das vergitterte Fenster. Etwas, woran Spencer Wallace sich nie gewöhnt hatte. Die ganzen Jahre nicht. Überhaupt war er ein Mann, der sich nur schwer an Dinge gewöhnte, die nicht so waren, wie sie sein sollten.

Auf die geballten Fäuste und die nackten Zehen gestützt, stemmte er seine knapp hundertzwanzig Pfund vom Boden hoch. Wieder und wieder. Vierzig Mal insgesamt. Wie jeden Morgen seit sieben Jahren. Damals, als er damit anfing, hatte er noch gut zwanzig Pfund mehr auf den Knochen gehabt.

Wallace war nicht besonders groß. Und auffällig schlank. Regelrecht mager sogar. Sein wirr nach allen Seiten abstehendes, dunkelblondes Haar und sein struppiger Bart waren so lang, dass sie den feuchten Steinboden sogar dann noch berührten, wenn er bei den Liegestützen die Arme durchdrückte.

Irgendwo knarrte eine Tür. Schwere Schritte näherten sich. Schlüssel klimperten, Metall schabte über Metall, zweimal schnappte das Schloss – die Zellentür öffnete sich quietschend.

Ein Mann mit Armeekappe und in ausgebleichter, ehemals schwarzer Uniformjacke stand im Türrahmen. Kein junger Mann mehr – Mitte fünfzig oder älter. Ein Infanterieveteran.

"Alles hat seine Zeit, Spence", sagte er. "Deine Zeit hier ist um." Sam Dully liebte es, die Bibel zu zitieren. Er war ein frommer Mann. An manchen Tagen war er mit dem dicken schwarzen Buch unter dem Arm sogar in Wallace' Zelle aufgekreuzt. Doch seine Versuche, den dreißig Jahre Jüngeren zu bekehren, blieben fruchtlos.

Spencer Wallace unterbrach seine Liegestützen. Ungläubig betrachtete er den Gefängniswärter. Die Stirn über seinem eingefallenen Gesicht legte sich in Falten. "Heute schon?"

Er sprang auf und trat neben die Zellentür. Unzählige schwarze Striche bedeckten die Backsteinwand neben dem Eichenholztürbalken. Die Stelle, die Tag für Tag als erstes von der Morgensonne beschienen wurde. Zweitausendfünfhundertsechsundfünfzig Striche insgesamt. In Zehnerblocks zusammengefasst.

"Tatsächlich", flüsterte der struppige, abgemagerte Mann. "Ich muss mich um einen Tag verzählt haben."

"Kann schon vorkommen, wenn man jeden Tag so viel zu zählen hat", feixte der Wärter. "Von mir aus kannst du auch gern noch einen Tag bleiben."

Er drehte sich um und schlurfte den Gang zwischen den Zellentüren entlang. Der Häftling raffte seine Habseligkeiten zusammen – Tabaksbeutel, ein Pokerblatt, ein paar Briefe, das vergilbte Foto einer Frau – und folgte ihm.

"Ich werde den Teufel tun und auch nur eine gottverdammte Stunde länger als nötig in diesem feuchten Loch bleiben", sagte er gleichmütig. Ein strafender Blick Dullys traf ihn.

Im Office des Gefängnisses händigte der Wärter ihm seine Sachen aus. Eine dunkle Leinenhose aus grobem Stoff, eine schwarze Lederweste, Stiefel, Wäsche, Patronengurt und so weiter. Und seinen Revolver. Einen Colt-Walker von 1847. Kaliber 44. Das einzige Erbstück seines Vaters. Der Texas Ranger war kurz vor Wallace' Prozess von Viehdieben erschossen worden.

"Kannst du einem Museum an der Ostküste verkaufen, falls du je in die Gegend kommst", brummte Sam Dully.

"Komme ich nicht." Wallace stieg in seine Hosen. Er ließ sich ein Messer von dem alten Soldaten geben, um ein Loch in den Gürtel zu bohren – die Hose war ihm viel zu weit. In der Trommel des alten Revolvers steckten noch drei Patronen. Drei hatte er damals abgefeuert. Als sie nachts sein Haus umstellten. Das hätte er nicht tun sollen. Glenn Powell, der Sheriff von Saint Joseph, hatte die drei Schüsse als Beweis für Wallace' Schuld gewertet.

Dully griff in die Innentasche seiner Uniformjacke und zog ein paar zusammengerollte Dollarnoten heraus. "Hier." Er warf das Geld auf den Tisch.

"Was soll das?"

"Von der Wells Fargo Company. Sie haben ihre Schulden an dich bei uns beglichen."

Wallace hatte der Wells Fargo acht Pferde verkauft. Kurz vor seiner Verhaftung. Er zählte die Scheine. Fünfzig Dollar. "Nur fünfzig!?" Zorn blitzte in seinen blauen Augen.

"Sei froh, dass du überhaupt was kriegst. Die Pacific Traffic Bank, die du überfallen hast, hat den Löwenanteil pfänden lassen. Das hier habe ich für dich gerettet. Gegen die Dienstvorschriften übrigens."

"Ich hab' keine Bank überfallen, Sam", knurrte Wallace. Er steckte das Geld ein und setzte seinen verstaubten Biberfellhut auf.

"Wie du meinst, Spence." Dully wandte sich zur Tür. "Aber du weißt ja – nur den, der seine Sünden bekennt, liebt der Herr."

"Leck mich am Arsch und bring mich endlich raus aus diesem Rattenloch."

Über den Gefängnishof führte der alte Soldat Wallace zum Außentor des ehemaligen Forts.

"Was wirst du als erstes tun, wenn du nun als freier Mann deiner Wege ziehen kannst?", wollte er wissen.

"Drei Dinge, von denen ich sieben Jahre lang Tag und Nacht geträumt habe: Endlich wieder ein Pferd reiten, endlich wieder eine Frau ficken, und endlich die Leute jagen, die mir sieben Jahre in diesem gottverdammten Knast eingebrockt haben!"

Der Gefängniswärter schüttelte trübsinnig den Kopf. "Du wirst noch in der Hölle braten, wenn du nicht umkehrst zum Herrn..."

"Besser als in einem Himmel ohne Pferde und Frauen singende Engel anglotzen."

Dully schnalzte tadelnd mit der Zunge und öffnete das Gefängnistor. "Gott segne dich trotzdem, mein Sohn..."

"Auf Nimmerwiedersehen, Sam." Er warf sich Felljacke und Ledertasche über die Schulter und stapfte durch den Staub des breiten Reitwegs, der von der Stadt ins alte Fort führte. Nach ein paar Schritten blieb er stehen, weil er die Blicke des Veteranen in seinem Nacken spürte. "Was ich dir noch sagen wollte, Sam..." Er drehte sich nicht um, wandte nur den Kopf ein wenig. "Bist ein netter Bursche, yeah, das bist du."

Er hörte Dully seufzen; das Tor schlug zu. Wallace setzte sich in Bewegung. Zunächst schleppend, als würde ihn ein unsichtbares Band mit dem Gefängnisfort verbinden. Dann immer schneller. Und mit jedem Schritt, den er sich von seinem Kerker entfernte, schob sich die unbegreifliche Wirklichkeit ein Stück weiter in sein Hirn: Er war ein freier Mann...


*


Bevor der Weg hügelabwärts zur Stadt hinunterführte, blieb er stehen. Fast andächtig betrachtete er die riesige Ansammlung von Häusern und Dächern. Kansas City war gewachsen in den sieben Jahren.

Rechts des Hügel wälzte sich der Missouri der Stadt entgegen. Ein riesiger Raddampfer schob sich flussaufwärts, viele kleinere Frachtkähne glitten über das Wasser.

Eine Stunde später stelzte Wallace über die dichtbevölkerte Mainstreet der Stadt. Vor der Filiale der Pacific Traffic Bank blieb er stehen. Ein blaues, unauffälliges Gebäude. In ihm hatte sich vor mehr als sieben Jahren das Drama abgespielt, das ihn aus seinen Träumen von einem ganz normalen Leben gerissen hatte. Zwei Männer waren damals erschossen worden. Ein Bankkunde und ein Kassierer. Beide Männer hatte er nie gesehen. Und trotzdem hatten sie ihn ins Gefängnis geschickt...

Die ersten fünfzig Cent seines Barvermögens investierte Spencer Wallace in eine Rasur und einen Haarschnitt. Als er danach auf die Straße trat, sah er ungefähr so alt aus, wie er war – neunundzwanzig Jahre.

Sein Magen knurrte, aber noch drängender brannte die Sehnsucht in ihm, endlich wieder ein Pferd zu besteigen. Wie von selbst trugen ihn seine Beine zum Viehmarkt.

Vor sieben Jahren noch pflegten die Cowboys aus Texas ihre Herden in den weitläufigen Koppeln unten am Hafen zusammenzutreiben. Dort wurde das Vieh in Schiffe verladen und Richtung Mississippi nach Saint Louis und bis nach New Orleans hinunter transportiert, um die Ostküste mit Steaks zu versorgen.

Wallace nahm an, dass sich das nicht geändert hatte.

Und vor sieben Jahren boten am Missouri-Hafen von Kansas City auch die Pferdezüchter aus Kansas ihre Pferde an. Wallace selbst hatte dort den ersten Hengst für seine Zucht gekauft.

Lange her. Ein ganzes Leben lang.

Je näher er dem Hafen kam, desto deutlicher hörte er das Gebrüll des Viehs. Und bald kroch ihm der scharfe Geruch der Tiere in die Nase. Er beschleunigte seinen Schritt.

Die breite, leicht abschüssige Straße war von Billardkneipen, Hotels, Friseurläden, Banken und Saloons gesäumt. Reiter preschten zum Hafen hinunter. Kutschen polterten an ihm vorbei. Wallace' sowieso schon feierliche Stimmung steigerte sich noch. Bald hatte er den Mund voller Staub.

Endlich kam das Ende der Straße in Sicht. Und das dunkle Band des Missouri – der Flusshafen.

Vieh stand dicht zusammengedrängt in engen Koppeln. Cowboys ritten hin und her. Menschen liefen daran entlang – und endlich entdeckte Wallace eine kleine Koppel, deren Zäune von einer dichten Traube johlender Cowboys belagert waren. Innerhalb der Koppel tobte ein Pferd herum und versuchte seinen Reiter abzuwerfen.

Wallace' Herz schlug höher. Er fiel in Laufschritt. Es war ihm gar nicht bewusst, dass er rannte.

Aus den Augenwinkeln nahm er einen hellen Fleck auf dem Bürgersteig wahr – das Blondhaar einer Frau. Sie stieg eben auf die Straße hinunter. Fast bis zu den Knien raffte sie ihr langes Kleid hoch, um es vor dem Staub zu schützen.

Wallace Schritte verlangsamten sich – wieder wie von selbst. Die Frau überquerte die Straße. Wenn er stehen blieb, würde sie keine zwei Schritte an ihm vorbeigehen. Er blieb stehen.

Ungeniert sah er der Frau entgegen. Sie trug ein blaues, schwarzgestreiftes Kleid, das nicht ganz billig gewesen sein konnte. Der Saum und das tief ausgeschnittene Dekolleté war in weiße Spitzen gefasst – Wallace Augen saugten sich an den Ansätzen ihrer Brüste fest. Sein Mund wurde trocken.

Die Frau bewegte sich mit großen, energischen Schritten – als wäre sie es gewohnt, ungehindert dorthin zu gehen, wo sie hingehen wollte. Wallace sah die Brüste unter ihrem Kleid auf und ab wippen, und er sah die wiegende Bewegung ihrer Hüften. Wie festgewachsen stand er mitten auf der Straße.

Jetzt entdeckte ihn die Frau. Weder änderte sie ihre Richtung, noch verzögerte sie ihren Schritt, noch wich sie seinem Blick aus. Nur ihre schmalen Brauen zuckten leicht.

Wallace schluckte. Er hatte seit sieben Jahren keine Frau mehr gehabt. Und höchstens zweimal im Jahr eine Frau gesehen – Kate Bloomdale. Sie hatte ihn ein oder zweimal im Jahr besucht. Ein Gitter hatte sie jedesmal getrennt. Und Kate pflegte weite Jacken und Hosen zu tragen, die ihre Figur nicht übermäßig betonten.

Diese Frau hier aber schien ihr Kleid ausschließlich zu diesem Zweck zu tragen. Und so ähnlich bewegte sie sich auch – als wollte sie die Rundungen ihrer Weiblichkeit zur Schau stellen.

Als sie an ihm vorbeirauschte, lächelte sie herausfordernd. Und er roch ihr schweres Parfüm. Er wollte etwas sagen, ihr einen Gruß, einen Scherz zurufen – aber seine Stimme gehorchte ihm nicht. Wie gebannt starrte er ihr hinterher. Ihr Kleid war so eng, dass er das Muskelspiel ihrer Oberschenkel und ihres Hinters sehen konnte...

"Hey, Mann – zur Seite!" Wallace fuhr herum.

Eine Kutsche! Er machte einen Satz, und der Vierspänner bretterte dicht an ihm vorbei. Eine Staubwolke hüllte Wallace ein.

"Was ham sie dir in den Whisky geschüttet?", rief der Kutscher.

Die Kutsche rollte zum Hafen hinunter, auf die Vieh- und Pferdekoppeln zu. Die Pferde – verdammt... Er klopfte sich den Staub von Hut und Kleidung und ging weiter – langsam und zögernd. Die Pferde würde er auch heute Nachmittag noch unten am Hafen finden. Aber die Frau...

Er drehte sich um. Die Frau stieg die beiden Stufen zum Bürgersteig hinauf und drückte die Schwingtür eines Saloons auf. Kurzentschlossen folgte Wallace ihr...


*


"Es ist ein Fehler, wenn er zurückkommt." Der alte Bloomdale stand auf der Vortreppe zum Haupthaus seiner großen Ranch. Strähnen schlohweißen Haares hingen ihm ins sonnenverbrannte Gesicht. "Ich spür's in allen Knochen, dass es ein Fehler ist."

Seine Tochter, Kate Bloomdale, schien ihm gar nicht zuzuhören. Seelenruhig spannte sie zwei Pferde vor den offenen Einachser.

"Hörst du nicht, was ich sage, Kate?" Amos Bloomdale stieg die Treppe hinunter und pflanzte sich vor seiner Tochter auf.

Der Viehzüchter war ein hochgewachsener Mann. Eine goldene Uhrkette hing aus der Westentasche unter seinem dunklen, fast knielangem Gehrock. Seitdem er zwei Jahre zuvor den Sturz von einem Pferd nur knapp überlebt hatte, stieg er kaum noch in den Sattel. Die Lederkluft und die harte Arbeit auf den Weiden überließ er seitdem ganz seinen Cowboys. Und seinem Sohn.

"Ich habe ein schlechtes Gefühl, wenn er zurück nach Saint Joseph kommt. Ein verdammt schlechtes Gefühl! Verstehst du das, Kate?"

"Ich bin nicht taub, Dad." Kate lief die Treppe hinauf zum Eingangsportal. Auf der mit Schnitzereien verzierten Sitzbank neben der Tür lag ein Gewehr. Ihr Vater schlurfte hinter ihr her.

"Warum musstest du ihm die ganzen Jahre Briefe schreiben? Ihn sogar besuchen?" Die Frau griff sich das Gewehr und lief zurück zur Kutsche. Der alte Bloomdale hinter ihr her. "Glaubst du, die Leute in Saint Joseph hätten das nicht spitzgekriegt? Die zerreißen sich schon die Mäuler!"

Sie schob das Gewehr unter den Bock und drehte sich um. "Jeder tut, was er tun muss, Dad!"

Aus dunkelbraunen Augen blitzte sie ihn an. Ihr braungebranntes Gesicht war schmal und kantig. Über dem schmallippigen Mund saß eine kleine, scharfgeschnittene Nase. Die Bloomdale-Tochter war schlank, fast drahtig. Ihre Gesten und Bewegungen wirkten zielstrebig und sicher.

Man musste nur drei Sätze mit ihr sprechen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wer Kate Bloomdale war: eine Frau, die wusste, was sie wollte.

"Ich bitte dich, Kate." Amos Bloomdale verlegte sich jetzt aufs Betteln. "Ich bitte dich inständig – spann die Pferde wieder aus und bleib hier! Bleib hier und streich den Mann aus deinem Gedächtnis."

"Nein." Sie schwang sich auf den Kutschbock. Anders als die meisten Frauen in der Gegend trug sie Rindslederhosen und hohe Schaftstiefel. Das schwarze Haar trug sie zu einem Knoten zusammengebunden im Nacken.

"Du bist wie deine Mutter", jammerte der alte Bloomdale. "Warum zum Teufel kannst du dir nicht einmal was sagen lassen?" Kate stülpte sich einen hellen Stetson über und griff stumm nach den Zügeln. Dabei hätte sie eine Menge antworten können. Zum Beispiel, dass ihr alter Herr sonst gottfroh war, jemanden auf der Ranch zu haben, der ihrer verstorbenen Mutter ähnelte.

Jemanden, der etwas von Zahlen verstand und die Geschäfte führen konnte. Jemanden, der den Cowboys Dampf machte, wenn sie nach durchzechten Nächten nicht von den Matratzen kamen. Und jemanden, der Rob auf die Finger sah.

"Fahr wenigstens nicht allein." Bloomdale gab auf. Wie schon so oft. "Dein Bruder soll dich begleiten."

"Rob wird nicht mit nach Kansas City fahren!", sagte sie scharf.

"Dann Jimmy!" Bloomdale winkte zwei Cowboys, die auf der anderen Seite des Hofes vor der Schmiede mit einem Pferd beschäftigt waren. "Ruft Jimmy!"

"Ich kann auf mich selbst aufpassen", sagte Kate.

"Verdammt, Kate – es sind fast fünfzig Meilen bis nach Kansas City! Und die Gegend ist unsicher in letzter Zeit."

Kate Bloomdale tat ihrem Vater den Gefallen und wartete. Sie wollte nicht, dass er sich Sorgen machte.

Ein paar Minuten später lief Jimmy McMillan über den großen Hof. Robs Busenfreund und Saufkumpan. Er trug weiten Lederschutz um die Hosenbeine. Aus Holstern an beiden Seiten seiner Hüften ragten die hölzernen Kolben von Revolvern. Das lange dunkle Haar klebte ihm schweißnass im Gesicht.

"Sattle dein Pferd!", blaffte Bloomdale. "Du begleitest Kate nach Kansas City."

Das verschwitzte Gesicht hellte sich auf. "Gern, Sir." Kaum jemand war unter den Cowboys, der die gutaussehende Bloomdale-Tochter nicht schon mit den Augen ausgezogen hätte. Und keiner, der sie nicht fürchtete.

Wenig später rollte Kates Wagen unter dem ausgestopften Bisonschädel des Torbogens hindurch aus der Farm. Jimmy McMillan ritt hinter ihr her.

Sorgenvoll blickte Bloomdale seiner Tochter nach. "Es ist ein Fehler, sag' ich", murmelte er. "Ein verdammter Fehler..."


*


"Zehn Dollar", sagte die Frau.

Wallace verstand nicht gleich. Er hatte sich neben sie an die Theke gesetzt und Speckbohnen mit Bratkartoffeln bestellt. Es war ihm schwergefallen, sie anzusprechen. Sieben Jahre Knast, und man vergisst die selbstverständlichsten Dinge.

Die Frau allerdings erwies sich als sehr gesprächig. Kontaktschwierigkeiten schienen nicht zu ihren Schwächen zu gehören. Schnell entwickelte sich eine zwanglose Plauderei.

Jetzt schlürfte er einen Becher Kaffee und rutschte sogar noch einen Barhocker näher an sie heran. "Zehn Dollar...?" Wenn er nur seine Augen in Schach halten könnte. Die ganze Zeit glitten sie über die prallen Wölbungen in ihrem Ausschnitt, über ihren schlanken Hals und über die Konturen ihrer Oberschenkel unter ihrem Kleid bis hinunter an dessen Saum, wo ein Stück ihrer Wade zu sehen war. Sie trug schwarze Netzstrümpfe.

Ihre vollen Lippen spitzten sich zu einem spöttischen Lächeln. Sie trank ihren Kaffee aus und rutschte vom Barhocker. Ihre Schenkel berührten sein Knie, so nah stand sie neben ihm. Wallace erschauerte.

Er hatte sich die Felljacke über die Schenkel gelegt. Aus lauter Angst, sie könnte die Ausbeulung in seiner Hose sehen. Unruhig rutschte er auf dem Barhocker hin und her. Sein Schwanz brannte vor Verlangen.

"Ja, Mister – zehn Dollar. Alles hat seinen Preis."

Ein paar Sommersprossen zogen sich von ihren Augenschatten bis zu ihren Wangenknochen. Ihre Augen waren grün – ein grüner Sumpf. Wallace versank rettungslos darin...

Sie wandte sich ab und schritt aus dem Saloon. Er starrte ihr hinterher. Und begriff.

"Zehn Dollar...", murmelte er. Er angelte ein paar Münzen aus seiner Lederweste, um ihren Kaffee und sein Essen zu bezahlen. Grußlos verließ auch er den Saloon.

Zehn Dollar – das war der halbe Wochenlohn eines gutbezahlten Cowboys. Oder eines Hafenarbeiters.

Er entdeckte sie zwischen den Passanten auf der breiten Straße. Bei jedem Schritt schwenkte sie ihr hochgerafftes Kleid hin und her, als wollte sie ihn locken. Er lief los. An der Tür des Hotels drehte sie sich um und wartete, bis er den Bürgersteig auf der anderen Straßenseite erreicht hatte. Dann verschwand sie in dem Gebäude. Die Tür schwang hinter ihr zu.

Wallace drückte sie auf. Die Frau stand an der ersten Stufe einer Wendeltreppe und blickte ihm entgegen. Die Lippen leicht geöffnet, so dass man ihre weißen Zähne sehen konnte, die Augenlider verengt und den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, schien sie ihn zu belauern. Sie lächelte nicht. Ein angriffslustiger Zug lag auf ihrem schönen Gesicht.

Hinter ihr her stieg er die knarrenden Stufen empor. Das Rauschen ihres Kleides, ihre wiegenden Hüften, die Parfümwolke, die sie hinter sich herzog, selbst das Klappern ihrer Stiefel auf der Treppe – gierig sogen seine Sinne all das auf. Auch wenn er gewusst hätte, dass sie ihn direkt in die Hölle führte, wäre er ihr gefolgt.

Aber sie führte ihn in ein geräumiges, sauberes Hotelzimmer. Koffer standen neben einem Schrank, eine Tagesdecke war über dem Bett ausgebreitet, Narzissen standen in einer Glasvase auf dem Tisch. Und daneben ein rotes Metalldöschen, dessen Aufschrift Wallace nicht lesen konnte.

"Schließ die Tür ab", sagte sie. Wallace gehorchte. Mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt, verschlang er sie mit seinen Blicken. Sein Atem flog.

Die Frau musterte ihn. Schweigend. Und fast kühl. Etwas wie Spott blitzte in ihren grünen Augen auf. Hinter ihrer Stirn schien sich eine Menge abzuspielen. Nichts davon spiegelte sich auf ihrer Miene wider.

Es interessierte Wallace auch nicht, was sie dachte. Sein ganzes Interesse, jeder Gedanke, seine gesamte Willenskraft war aus seinem Hirn zwischen seine Beine gerutscht und pochte und brannte in seiner Hose.

Sie senkte den Blick und betrachtete die Beule neben seinem Hosenschlitz. Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf die Kommode am Fußende ihres Bettes. "Leg die zehn Dollar da hin."

Umständlich fummelte er eine Zehn-Dollar-Note aus seiner Hosentasche und warf sie neben eine Hutschachtel auf der Kommode.

Die Frau drehte sich um. Mit einer flinken Handbewegung löste sie ihr blondes Langhaar und zog es vom Rücken über die Schulter nach vorn. Die Knopfleiste ihres Kleides lag frei. Wallace starrte ihren Rücken an. Selbst die Umrisse ihrer Schulterblätter unter dem Kleid erregten ihn.

"Worauf wartest du? Zieh mich aus."

Langsam näherte er sich ihr. Mit ungeschickten Fingern löste er Knopf für Knopf ihres Kleides. Die weiße Haut ihres Rückens wurde sichtbar, ihr Nacken, ihre Wirbelsäule, der Verschluss ihres dunkelblauen Mieders. Er streifte ihr das Kleid über ihre Schultern. Wie über warmen Samt glitten seine Hände über die Haut ihrer Oberarme.

Das Kleid rutschte an ihr hinunter und fiel auf die Holzdielen des Zimmerbodens. Seine Hände strichen über ihre Schulterblätter, ihre Rippen entlang bis zu ihrer Taille hinunter – langsam, ganz langsam, als wollte er jeden Quadratzentimeter ihrer Haut genießen. Sein Herzschlag pulsierte unter seiner trockenen Zunge.

Als er ihre Taille mit beiden Händen umfasste, begannen ihre Hüften sanft zu kreisen. Eine Glutwelle schien durch seinen Körper zu schießen. Als würde eine ganze Flasche Whisky auf einmal sein Blut überschwemmen.

Er ging in die Knie, umfasste ihre Hüften und betrachtete verzückt den hin- und herschwingenden Frauenhintern zwischen seinen Händen. Ein dunkelblaues Seidenhöschen bedeckte ihn knapp. An kurzen Strumpfbändern waren die Netzstrümpfe daran befestigt.

Wallace zog ihren Hintern heran und küsste die Haut zwischen dem Höschenstoff und dem Saum der Stümpfe. Gleichzeitig zog er das seidene Stück über ihre Hüften. Wieder ganz langsam – wie einer, der ein Geschenk auspackt und die Überraschung so lange wie möglich hinauszögern will.

Er streifte den Stoff bis zu ihren Kniekehlen hinunter. Die Außenseiten ihrer Schenkel fühlten sich an wie das feuchte Fell eines neugeborenen Fohlens.

Nackt und prall schwebten ihre Gesäßbacken dicht vor seinen Augen. Er bohrte seine Finger in die kühlen Wölbungen und stöhnte. Dann zog er ihren Po heran und grub seine Zähne in das weiche Fleisch. Sie stieß einen leisen Schrei aus. Ihr Gesäß wollte wegzucken von seinem Gesicht, doch seine Hände schossen vor, umfassten ihre Hüftknochen und zogen ihr Becken wieder heran.

Seine Lippen saugten sich an ihren Backen fest, sein Kiefer bewegte sich kauend, als wollte er den Hintern verschlingen, seine Zunge bohrte sich in die Kerbe dazwischen und arbeitete sich hinunter bis zu den Ansätzen ihrer Schenkel.

Die Frau drückte ihr Becken gegen ihr Gesicht, ließ es kreisen, ließ es auf und ab tanzen – alles schweigend, keinen Ton gab sie von sich.

Er ließ seine Hände von ihren Hüftknochen hinuntergleiten, bis auf die Vorderseite ihrer festen Schenkel. Er spürte ihre Muskeln beben, während sie ihr Becken bewegte; seine Handflächen schoben sich zwischen ihre Schenkel. Statt Schamhaar ertasteten seine Finger die nackte Haut ihres gespaltenen Hügels, glitten zwischen ihre prallen Schamlippen und bohrten sich in die Höhle ihres Körpers.

Wieder stieß sie einen unterdrückten Schrei aus, presste aber ihr Becken wie verlangend gegen sein Gesicht. Für Wallace gab es kein Halten mehr. Sein Schwanz glühte und schrie nach Erlösung – er sprang auf und riss sich die Hose auf.

Die Frau beugte ihren Oberkörper nach vorn, stützte sich mit der Linken auf den Tisch und griff mit der Rechten nach dem Metalldöschen. Ihr Rücken bog sich durch wie der Rücken eines sich streckenden Pferdes, ihr Hintern kreiste wie ein angriffslustiges exotisches Tier.

Wallace ließ dieses weiße runde Tier keine Sekunde aus den Augen, während er Hose und Stiefel abstreifte. Sein Pfahl stand wippend und feucht von seinen Lenden ab. Er packte das weiße runde Tier und zog es über sein Glied.

Er bekam kaum mit, wie die Frau ein kirschgroßes Stück Fettsalbe aus dem roten Döschen bohrte. Er spürte, wie sich ihr Finger zwischen seinen Schwanz und ihre Schamlippen bohrten und die Salbe in ihren Schoß drückte und um seinen Schwanz rieb.

"Ich will dich...", keuchte er. Er presste ihren Oberkörper auf den Tisch. "Ich will dich ficken, verdammt noch mal..."

"Dann tu es doch! Tu es endlich...!" Ihre Rechte umklammerte die hintere Tischkante, ihre Linke hielt die schwankende Blumenvase fest.

Er fasste nach seinem Schwanz und schob ihn in sie hinein. Seine Finger quetschten das Fleisch seitlich ihrer Gesäßbacken zusammen, so fest hielt er sie, als er zustieß und zustieß, immer tiefer immer wilder. Wie rasend riss er ihr Becken gegen seine Lenden, schnell und kraftvoll, bis an die Schmerzgrenze.

Er bäumte sich auf und schrie laut. Feuer schien ihm von den Haarwurzeln bis in die Zehenspitzen zu schießen. Das brennende Verlangen aus sieben verzweifelt einsamen Jahren ergoss sich in ihren Schoß...


*


Der große bärtige Mann hatte schon den einen oder anderen Whisky intus, obwohl es erst Mittag war. Er lehnte schräg gegen den Tresen des "Green Water Billard Rooms" und hielt sich an seinem Glas fest, während er dem kleineren und älterem Gentleman neben sich wortreich erklärte, warum er die Bundesregierung für einen Haufen kleinkarierter Hohlköpfe und geldgieriger Bürokraten hielt. So ungefähr drückte er sich aus.

"Die Yankees sind neidisch", donnerte er, "das ist der schlichte Grund, warum sie die Sklaverei abschaffen wollen!" Die meisten Männer an der Theke nickten beifällig.

Der Bärtige bestellte einen weiteren Whisky. Den fünften oder sechsten an diesem noch jungen Tag. "Und ich will Ihnen genau erklären, warum sie neidisch sind, Sir." Die Gespräche an den Tischen verstummten nach und nach. Selbst die Pokerspieler hinter den Billardtischen sahen von ihren Karten auf.

Die meisten der Cowboys und Flussschiffer in Saint Josephs beliebtesten Saloon kannten den bärtigen Hünen mit der schwarzen Bärenlederjacke, dem breitkrempigen Biberfellhut und dem vierschrötigen Gesicht. Wenn sein rollender Bass durch den Saloon dröhnte, konnte man darauf wetten, dass nach den derben Worten die Stühle und dann die Fäuste flogen.

Der Mann hieß Jefferson Kelly. Nach seinem Heimatstaat nannten sie ihn Virginia-Jeff. Ein nagelneuer Colt-Karabiner mit Trommelmagazin hing über seiner Schulter. Und aus dem Holster an seinem Patronengurt ragte der abgegriffene Kolben eines Remington-Revolvers.

Sie kannten ihn, obwohl er höchstens einmal im Monat im "Green Water Billard Room" abstieg, um sich volllaufen zu lassen. Immer dann, wenn er eine Postkutsche von San Francisco über die Rockys durch die Wüste und die Prärie heil nach Saint Joseph gebracht hatte. Jefferson Kelly verdiente sein Geld als Begleitschutz bei der Wells Fargo Company.

"Hören Sie gut zu, Sir." Der Angesprochene – ein dicklicher Endfünfziger mit hellem Zylinder und großkariertem, dunklen Frack nickte. "Die Sache ist so..."

"Auf die Erklärung bin ich aber gespannt." Die jugendliche Stimme kam vom Pokertisch. Sie gehörte einem hageren Cowboy mit langem, zu einem Zopf zusammengebundenem Haar – blauschwarzes Haar. Ein herausforderndes Grinsen lag auf seinen Zügen. Robert Bloomdale kannte Virgina-Jeff noch nicht. Der Sechsundzwanzigjährige hatte erst vor drei Wochen seinen Abschied von der Kavallerie genommen.

Jefferson Kelly drehte sich kurz um und bedachte Bloomdale mit einem gelangweilten Blick. Dann wandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu. "Also – die Sache ist so: Mein Vater hat eine Tabakplantage in Virginia. Oben an der Grenze. Seine Nigger bewirtschaften ihm locker zwanzig Morgen. Und seine Nachbarn drüben in Kentucky krebsen auf ihren winzigen Farmen herum und arbeiten sich die Seelen aus dem Leib. In manchen Jahren können sie ihren Kindern nicht genug zu fressen geben, nur weil sie glauben, Nigger seien Menschen wie wir, die man nicht umsonst für sich arbeiten lassen dürfte." Er schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. Gläser und Flaschen klirrten. "Deswegen, Sir, sind sie neidisch, die Yankees!"

Bloomdale knallte die Karten auf den Tisch und stand auf. "Du redest einen großen Scheißdreck, Mann!" Wie ein sprungbereiter Berglöwe bewegte er seinen drahtigen Körper zwischen den Billardtischen hindurch. Kelly betrachtete ihn gleichmütig.

"Wo der Mann recht hat, hat er recht", sagte einer der Männer am Tresen, ein Flussschiffer aus Louisiana. Und ein anderer rief. "Ich kauf' ein Joch Ochsen, ich kauf' einen Nigger – wo zum Teufel ist der Unterschied?!" Zustimmende Rufe der Männer am Tresen.

"Es geht nicht um die Schwarzen, ihr Idioten!" Breitbeinig blieb der junge Bloomdale vor den Billardtischen stehen. "Es geht um die Einheit unseres Landes!"

"Hast du diese dämlichen Sprüche bei der Army gelernt?", knurrte Jefferson Kelly. "Ein Grünschnabel wie du sollte sich ein wenig zurückhalten, wenn Männer diskutieren."

Er streckte den Arm nach seinem Whiskyglas aus. Im nächsten Moment explodierte ein Schuss, und das Glas zersprang unter seiner Hand in tausend Splitter.

Für Sekunden Totenstille im Saloon.

"Einen neuen Whisky auf die Rechnung dieses verdammten Grünschnabels", knurrte Kelly schließlich.

"Man sollte sie hängen, die Yank-Freunde!", schrie der Flussschiffer. "Hängen, wie sie John Brown gehängt haben!" Der militante Sklavenbefreier war wenige Monate zuvor in Georgetown, West-Virginia hingerichtet worden.

Einige Männer rutschten von den Barhockern. In drohender Haltung schoben sie sich auf Bloomdale zu. "Steck deine Bleispritze weg, Grünschnabel. Wir wollen sehen, was du in den Fäusten hast."

Der Wirt, ein langaufgeschossener Glatzkopf namens Phil Jenkins, huschte an der Theke entlang zu dem Gentleman mit dem Zylinder.

"Hol den Sheriff, Will", flüsterte er. "Um Gottes willen, hol den Sheriff, bevor sie mir wieder den Saloon zerlegen..."

Rückwärts schlich der Angesprochene aus dem Saloon.

Inzwischen hatten sich die Pokerspieler vom Tisch erhoben. Revolverhähne klickten.

"Setzt euch wieder auf eure verdammten Ärsche", zischte Hoss Woolback. Er arbeitete als Cowboy auf der Bloomdale-Ranch. In Saint Joseph war er wegen seiner schnellen Revolverhand und seines undurchdringlichen Pokergesichts gleichermaßen berüchtigt. "Ihr sollt euch hinsetzen!"

Einer der Flussschiffer riss seinen Revolver aus dem Holster. Ein Schuss – Holzsplitter spritzten zwischen Bloomdales Stiefelspitzen hoch. Dann krachten drei oder vier Waffen auf einmal los. Die Flussschiffer warfen sich flach auf den Boden. Einer wälzte sich stöhnend in seinem Blut. Und schließlich flogen Stühle und Flaschen durch den Saloon.

Als der Sheriff durch die Schwungtür trat, gab es keinen Mann im Saloon, der nicht mit Gewehrkolben, abgeschlagen Flaschenhälsen oder Fäusten auf einen anderen eindrosch. Abgesehen von Phil Jenkins, dem Wirt.

"Aufhören!", brüllte Glenn Powell, der Sheriff. "Verflucht noch mal – ihr sollt aufhören!" Niemand hörte auf ihn. Da zog er seinen Colt-Revolver und hieb wahllos mit dem Kolben auf die Streithähne ein. Erst als er Hoss Woolback und den hünenhaften Virginia-Jeff voneinander getrennt hatte, ließen auch die übrigen Männer voneinander ab.

Ein toter und ein verletzter Flussschiffer lagen zwischen umgekippten Tischen. Powell schickte den Wirt nach dem Arzt. "Was ist hier los, zur Hölle?!"

Beschuldigungen flogen hin und her. Der Sheriff nahm Jefferson Kelly und einem der Flussschiffer auf der einen Seite und Bloomdale und Woolback auf der anderen Seite die Waffen ab und die Männer vorläufig fest.

Eine halbe Stunde später kam er aus dem Office zurück in den Saloon. Der Totengräber und William Goldsmith – der dicke Gentleman mit dem Zylinder – trugen den erschossenen Flussschiffer aus Georgia heraus.

Auf einem Tisch lag der Verletzte. Er brüllte, während ihm der Arzt die Kugel aus dem Oberschenkel schnitt. Und er brüllte noch lauter, weil Jenkins ihm scharfen Rum in die Wunde goss. Glenn Powell winkte den Wirt zu sich an die Theke. "Was hat sich abgespielt?" Er sprach leise.

"Rob hat zuerst geschossen", flüsterte Jenkins. "Wer den Matrosen erwischt hat, kann ich nicht sagen. Aber Rob hat zuerst..."

Der Sheriff winkte ab. "Behalt es für dich, kapiert?" Der Wirt nickte stumm.


*


Sie lagen auf dem Bett und rauchten. Spencer Wallace in Hosen und mit nacktem Oberkörper, die Frau in die Tagesdecke gewickelt.

"Wird Zeit, dass du gehst", sagte die Frau, ohne ihn anzublicken.

"Sind die zehn Dollar schon ausgeschöpft?" Er blies den Rauch seiner Zigarette an die Decke.

"Schon seit über einer Stunde."

"Zwei Stunden Paradies für zehn Dollar", murmelte Wallace. "Nun gut – alles hat seine Zeit."

"Und seinen Preis. Geh jetzt."

"Wie heißt du?"

"Was spielt das für eine Rolle – du sollst jetzt verschwinden."

"Ich will es wissen." Wallace richtete sich auf und betrachtete die Frau. Ihre grünen Augen wirkten wie verschleiert, und ein bitterer Zug lag auf ihrem Mund.

"Sue."

"Okay, Sue." Er schob sich aus dem Bett. "Mich nennen sie Spence. Und Spence wird jetzt tun, was du verlangst: Er wird gehen." Wallace fischte Hemd und Weste vom Boden neben dem Bett und zog sich an.

Sie beobachtete ihn. "Entweder haben sie dich gerade aus der Armee entlassen, oder du kommst aus dem Gefängnis."

Verblüfft sah Wallace sie an. "Was hat dich auf diesen Gedanken gebracht?"

"Du hast mich angestarrt, als hättest du eine Ewigkeit keine Frau mehr gesehen. Unten, auf der Straße. Und im Saloon drüben. Und genauso bist du über mich hergefallen. Wie ein ausgehungerter Wolf."

"Hat es dir also nicht gefallen?" Er stülpte seine Stiefel über und sah sich nach seinem Hut um.

Sue stieß ein bitteres Lachen aus. "Gefallen? Von zehn Dollar lebe ich eine Woche lang. Das gefällt mir." Sie drückte ihre Zigarette in einem Teller auf dem Nachttisch aus. "Also – Army oder Gefängnis?"

Er stülpte sich den Hut auf den Kopf und ging zur Tür. "Was spielt das für eine Rolle?"

"Wohin gehst du jetzt?"

Er zuckte mit den Schultern. "Wer weiß schon, wohin er geht?" Seine Hand griff das kalte Metall des Schlüssels. Er schloss die Tür auf.

"Spence?"

Wallace drehte sich nach ihr um. "Du hast dir meinen Namen gemerkt?" Ein spöttisches Lächeln spielte um seine schmalen Lippen.

"Nimm deine zehn Dollar", sagte sie leise, "ich will sie nicht."

Sekundenlang musterten sie sich. Wallace fragte sich, was hinter ihre hübschen Stirn vor sich gehen mochte. Ihre grünen Augen klammerten sich in seinem Blick fest, als wollte sie ihn um etwas bitten. Doch ihre Lippen blieben stumm.

"Leb wohl, Sue." Wallace ließ die Zehn-Dollar-Note liegen, wo sie lag, und schloss die Tür hinter sich.


*


Unten am Hafen wurden Rinder über zusammengenagelte Holzrampen auf einen Dampfer getrieben. Wallace sah dem Spektakel eine Zeitlang zu. Wie lange hatte er keine Rinder mehr zu Gesicht bekommen!

Bis in die Nachmittagsstunden hinein waren die Cowboys damit beschäftigt, das Vieh zu verladen. Nach und nach sammelten sie sich wieder an der kleinen Pferdekoppel. Fast alle überragten Wallace um mindestens einen halben Kopf.

In der Nachbarkoppel standen etwa zwei Dutzend Stuten. Prächtige Pferde. Wallace' Kennerblick registrierte sofort, dass sie vor Kraft und Gesundheit strotzten.

Die Ähnlichkeit der Pferde fiel ihm auf – alle waren grau und hatten schwarze Hufe. Und keins war höher als vierzehn oder fünfzehn Handbreiten.

"Was sind das für Pferde?", fragte er einen der Cowboys.

"Was weiß ich?", antwortete der hochgewachsene Mann. Er musterte Wallace von oben bis unten. Die Geringschätzung in seinem Blick war nicht zu übersehen.

"Postpferde, hab' ich gehört", sagte ein anderer, der die Frage mitbekommen hatte. "Zwei Verrückte wollen eine Postlinie quer durch den Westen einrichten." Er tippte sich die Stirn. "Bis zum Pazifik. Unserm Boss soll's recht sein."

Wallace erfuhr, dass die fünfundzwanzig Stuten einen weiten Weg hinter sich hatten. Sie entstammten einer Pferdezucht in Alamo, Texas. Von dort hatte man sie nach New Orleans getrieben und dann den Mississippi und den Missouri hinauf nach Kansas City transportiert.

"Wir haben vier Wochen Zeit, sie einzureiten", sagte der Lange mit dem arroganten Blick. Er schwang sich über die Koppel, in der eine der grauen Stuten auf und ab tänzelte. Ein schneeweißer Fleck glänzte zwischen den Augen des Pferdes.

Der Cowboy stieg auf den fast mannshohen Zaun auf der anderen Seite der Koppel. Zwei Männer zerrten das widerspenstige Pferd an den Zaun, und der Cowboy sprang auf seinen Rücken.

Die Stute tobte in der Koppel herum, als hätte sich eine Schlange in ihrer Hinterteil verbissen. Kaum eine Minute lang konnte sich der Lange auf ihr halten. Die Männer grölten.

"Mistviech!" Er rappelte sich aus dem Staub, nahm Anlauf und schwang sich erneut auf den Rücken des Pferdes. Sofort warf es ihn wieder ab. Schadenfrohes Gelächter begleitete den Cowboy, als er zum Zaun hinkte und umständlich auf die Außenseite der Koppel kletterte.

"Lasst mich mal", sagte Wallace.

Ungläubige Blicke trafen ihn. "So verhungert, wie du aussiehst, wirst du es nicht einmal schaffen, auf den Rücken des Biests zu klettern", sagte einer. Gelächter kam von allen Seiten.

Wallace zog eine Zehn-Dollar-Note aus der Westentasche und klemmte sie zwischen den Zaunpfahl und ein Rundholz des Gatters. "Zehn Dollar, dass ich mich auf dem Pferd halten kann, bis es müde ist."

Wieder Gelächter. Der arrogante lange Bursche, der gerade an der Stute gescheitert war, zog ebenfalls zehn Dollar aus der Tasche. "Ich will nicht, dass man dich in einem Holzkasten hier wegträgt – aber ich wette zehn Dollar, dass du im Staub liegst, bevor die besten Schützen von uns zehn leere Flaschen getroffen haben, die hundert Schritte entfernt auf dem Zaun der Viehkoppel stehen!"

Die Männer johlten vor Begeisterung. Aber nur drei Cowboys trieben den Spaß soweit, dass sie auf Wallace setzten.

Zehn leere Flaschen wurden besorgt und auf den Zaunpfählen der leeren Viehkoppel gestellt, etwas mehr als hundert Schritte entfernt von dem Reitplatz. Drei Männer zogen ihre Revolver und spannten die Hähne. Ausschließlich die Cowboys, die auf Wallace gewettet hatten.

"Los, Kleiner!", schrie der Lange. "Lass sehen, was hinter deinem großen Maul steckt!"

Spencer Wallace schluckte die Kränkung herunter und kletterte über den Zaun. Von vorn näherte er sich der Stute.

"Okay, Mädchen", murmelte er, "es ist Scheiße, geritten zu werden, wenn man es nicht ums Verrecken will." Das Pferd beäugte ihn wachsam. "Ich weiß, wovon ich rede."

Er streckte seine Hand nach dem Pferd aus. Es schnappte danach. Gelächter klang vom Koppelzaun herüber.

"Du sollst den Gaul reiten und ihm keine Ammenmärchen erzählen!", rief der Lange.

Wieder streckte Wallace den Arm nach dem Pferd aus. "Wart doch ab, bis ich auf dir sitze – vielleicht magst du es ja..." Er tätschelte den Hals der Stute und arbeitete sich behutsam bis zu ihrer Vorderflanke vor. "Du wirst es nicht glauben, aber du bist nicht die erste, die ich heute reite", flüsterte er sanft. "Und wenn mich nicht alles täuscht, hat es der auch besser gefallen, als sie erwartet hat..."

Er duckte sich, sprang ab und saß auf dem Rücken der grauen Stute. Sofort peitschten Revolverschüsse über das Hafengelände.

Die Stute bäumte sich auf, und Wallace musste sich in ihrer Mähne festkrallen, um nicht sofort wieder herunterzurutschen. Er presste sich auf flach auf den Pferderücken, drückte die Schenkel zusammen und tastete nach dem Strick, der mit der Gebissstange des Pferden verbunden war.

Ein Schuss nach dem anderen pfiff über die leere Viehkoppel. Der Lärm machte die Stute noch nervöser, als sie sowieso schon war. Verzweifelt keilte sie aus, warf ihr Hinterteil hoch und galoppierte wie rasend durch die enge Koppel. Wallace hörte drei Flaschen zerspringen. Die Männer schrien laut, feuerten ihn an.

Endlich erwischte Wallace den provisorischen Zügel. Seine Faust schloss sich darum. Er konnte sich aufrichten und seine Bewegungen denen des Pferdes anpassen. Es machte Bockspünge, drehte sich im Kreis, bog den Rücken durch und warf das Hinterteil so hoch, dass Wallace bis auf seinen Hals geworfen wurde.

"Du Prachtgaul!", rief er. "Weißt du, wie ich dich nenne? Sue nenn' ich dich – Lady Sue!"

Schüsse krachten, Flaschen zersprangen, und Spencer Wallace tanzte mit der Stute. Irgendwann preschte sie zum Zaun. Ein Aufschrei ging durch die Menge der Cowboys – sie sprangen vom Zaun, um sich vor dem herangaloppierenden Pferd in Sicherheit zu bringen.

Wallace begriff sofort, was das Tier vorhatte. Bevor sein rechtes Bein zwischen Zaun und nassen Pferdeleib geriet, schwang er es über den Pferderücken und ließ sich auf die linke Seite des Pferdes rutschen. Vergeblich scheuerte das aufgeregte Tier seinen Leib gegen die Querhölzer des Zaunes. Die Cowboys applaudierten Wallace. Als er sich mit letzter Kraft zurück auf den Rücken des Tieres zog, sah er noch drei Flaschen auf den fernen Zäunen stehen. Die drei Männer, die auf ihn gewettet hatten, füllten gerade die Trommeln ihrer Revolver nach.

Wallace spürte, wie der Widerstand der Stute allmählich nachließ. Aber auch er konnte sich kaum noch auf dem Pferderücken halten. Noch einmal bäumte sich das Tier auf, warf den Kopf hoch, stellte sich auf die Hinterbeine und versuchte den lästigen Reiter abzuwerfen. Wallace spürte seine Finger kaum noch.

Nur beiläufig registrierte er die schwarze Kutsche, die seitlich der Koppel hielt.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Lange sich den drei Männern, die auf ihn gewettet hatten, in die Schusslinie stellte. Als das Pferd sich wieder gegen den Zaun stemmte, riss Wallace seinen alten 45er aus dem Holster.

Kanonendonner gleich hallte der Schuss aus der großkalibrigen Waffe über die Viehkoppel. Eine Flasche zersprang. Die anderen drei Schützen nutzten die Überraschung des Langen und zertrümmerten die letzten beiden Flaschen mit ihren Schüssen.

Vielstimmiger Jubel erhob sich, als Wallace vom Pferd rutschte. Mit hängendem Kopf und Schaum vor dem Maul stand das Tier still. Seine Flanken zitterten. Wallace tätschelte ihm den Hals. "Dank dir, Lady Sue."

Seine Knie drohten nachzugeben, während er zurück zum Zaun stelzte. Anerkennende Ausrufe erklangen von allen Seiten, hilfreiche Hände streckten sich ihm entgegen und halfen ihm über den Zaun.

Er zog die beiden Zehn-Dollar-Noten aus dem Rundholzkreuz und steckte sie ein. Stumm nickte er dem Langen zu. Die Cowboys bildeten eine Gasse, um den Weg zur Straße hin freizumachen. Er spürte die vielen Hände kaum, die auf seine Schultern eindroschen.

Dann sah er den schwarzen Einspänner und die Frau auf dem Kutschbock. Als wäre er gegen eine unsichtbare Wand geprallt, blieb er stehen.

"Kate...", flüsterte er.

Sie sprang aus dem Wagen, lief im entgegen und warf sich an seinen Hals. Die Cowboys grölten laut. Einige applaudierten.

Kate kümmerte sich nicht darum. Sie hielt Wallace fest, schloss die Augen und drückte ihre Wange an seine.

"Ich war sicher, dass ich dich hier finde", seufzte sie.

Wallace wusste nicht recht, wie ihm geschah. Die Dutzend Mal, die sie sich im Gefängnis gesehen hatten, waren sie nie allein gewesen. In ihren Briefen hatte sie zwar nie einen anderen Mann erwähnt – ja sogar dass sie auf ihn warten würde, hatte sie geschrieben. Aber er hatte noch nie dazu geneigt, sich Illusionen zu machen.

Und nun hielt ihn diese Frau fest, als hätte sie jahrelang von diesem Augenblick geträumt. Nein – Wallace wusste wirklich nicht, wie ihm geschah. Offenbar gab es doch noch so etwas wie Liebe in dieser beschissenen Welt.

Zärtlich strich er ihr über das Haar und den Rücken.

"Dass du hier bist...", flüsterte er. Das Gesicht der blonden Hure erschien für einen Augenblick auf seinem inneren Auge.

Kate machte sich von ihm los. "Steig ein, Spence. Ich bin gekommen, um dich abzuholen."

Ohne nachzudenken, kletterte er in den Zweisitzer. Sie trieb die Pferde an und lenkte das Gespann die Straße hinauf.

Wallace drehte sich nach dem Reiter um, der ihnen folgte. Das Gesicht kannte er, aber der Name wollte ihm nicht mehr einfallen.

"Abholen? Wohin...?"

"Nach Saint Joseph."

"Was soll ich in diesem Nest? Es hat mir nichts als Unglück gebracht."

"Hab' ich dir etwa Unglück gebracht?"

Er hatte sie ein halbes Jahr nicht gesehen. Er beobachtete sie von der Seite. Als sie ihn zuletzt im Gefängnis besucht hatte, hatte sie älter ausgesehen als jetzt.

"Nein", murmelte er. "Du nicht."

"Siehst du." Zum ersten Mal lächelte sie. "Und außerdem habe ich in Saint Joseph einen Job für dich gefunden..."


*


Glenn Powell stieß die Schwingflügel der Eingangstür zum Saloon auf. Er sah sich kurz, und sofort traf sich sein suchender Blick mit dem eines stämmigen Mannes am Tresen. Edward Sucker hieß er. Der Sheriff hatte ihn vor zwei Wochen wegen einer Schießerei einbuchten müssen. Seit ein paar Tagen war er wieder auf freiem Fuß – Powell hatte die Bürgerwehr Saint Joseph überreden können, ihn für unschuldig zu halten.

Die Männer nickten sich einen Gruß zu. Powell schlenderte zum Tresen und orderte einen Whisky.

"Hör zu, Eddy", sagte er leise. "Es wär' gut, wenn du für ein paar Wochen aus der Stadt verschwindest. Ich hab' mit dem alten Bloomdale gesprochen – er ist einverstanden."

Sucker hatte bis zu der Schießerei auf Bloomdales Ranch gearbeitet. Er trug eine flache schwarze Melone und einen bis zu den Stiefelschäften reichenden Wildledermantel. Er war einer dieser grob wirkenden Männer, die man spontan für einen Metzger oder einen Schankwirt hielt, wenn man sie zum ersten Mal sah. Ein buschiger Schnurrbart wucherte in seinem roten quadratischen Gesicht, und auf den Speckwülsten im Nacken seines kurzen Halses sprossen vereinzelte Haare, wie Borsten auf einem Schweinebauch.

Ein 50er Spencergewehr lag quer über dem Barhocker neben ihm, und aus den Knopfleisten seines Mantel lugten die umgedrehten Kolben zweier Revolver hervor.

"Und wohin soll ich mich verdrücken?", fragte er. Seine Stimme klang ein bisschen, als würde ein Hund in einen leeren Blecheimer kläffen.

"Warte hier auf mich." Powell leerte seinen Whisky. "Ich hab' da eine Idee. Besuch aus Kansas City hat sich angesagt. Wenn er wieder weg ist, weiß ich mehr." Der Sheriff ließ eine Münze auf die Theke fallen. "Es kann ein Weilchen dauern."

Er ging zurück zu seinem Office. Auf der Holzbank neben der offenen Tür saß der alte Bloomdale. Er rauchte eine Zigarre und machte ein finsteres Gesicht.

Powell ließ sich neben ihm auf die Bank fallen.

"Wenn Rob nicht heute auf die Ranch zurückkehrt, bist du die längste Zeit Sheriff gewesen", raunte der weißhaarige Mann.

"Keine Sorge, Amos." Der Sheriff zündete sich eine Zigarette an. "In einer Stunde ist er frei. Und Hoss auch."

Nach ein paar Minuten sahen sie vier Reiter von Süden her in die Stadt galoppieren. Die Männer hielten ihre Pferde vor dem Office des Sheriffs an und banden sie fest. Es waren der Marshal von Kansas City, zwei seiner Assistenten und der Coroner des Bezirksgerichts.

Glenn Powell führte die Männer in den Zellentrakt. Zwei der vier Zellen waren besetzt. Eine mit dem jungen Bloomdale und Hoss Woolback, die andere mit Jefferson Kelly und einem Flussschiffer. Die Gefangenen erhoben sich von ihren Pritschen, als sie den Marshal und den Untersuchungsbeamten sahen.

"Ich hab' sie gestern festgenommen", sagte Powell. "Wegen einer Schießerei im Saloon. Ein Mann wurde getötet." Der Sheriff reichte dem Coroner ein Stück Papier. "Hier die Aussage von zwei Augenzeugen. Sie beschwören, dass Kelly das Feuer eröffnet und den Flussschiffer getötet hat. Mr. Bloomdale und Mr. Woolback haben in Notwehr geschossen..."

Jefferson Kelly stürzte sich auf die Gitterwand. "Verfluchte Lügner!" Wie ein Tobsüchtiger rüttelte er an den Gitterstäben. "Kein Wort ist wahr!" Der Sheriff und die Männer aus Kansas City zogen sich ins Office zurück. "Ich hab' ein paar Whisky zuviel gekippt und ein bisschen rumpolitisiert!" Kellys Bass donnerte aus dem Zellentrakt. "Der verdammte Grünschnabel hat mir das Glas unter der Hand weggeschossen...!"

Eine halbe Stunde später lag der Fall für den Coroner und den Marshal klar. Bloomdale und Woolback nahmen ihre Waffen in Empfang und schlenderten grinsend auf die Straße hinaus. Der Flussschiffer rannte hinunter zur Anlegestelle am Missouri, um sein Schiff noch zu erwischen. Und Jefferson Kelly sollte in Saint Joseph hinter Schloss und Riegel bleiben, bis der Richter in Kansas City den Fall geprüft hatte.

Zufrieden kehrte Powell in den Saloon zurück. Sucker blickte ihm erwartungsvoll entgegen. Der Sheriff schwang sich neben ihn auf den Barhocker.

"Zwei doppelte Whisky, Phil!", rief er dem Wirt zu. "Auf die Rechnung des Gentleman hier!" Er machte eine Kopfbewegung zu Sucker hin.

"Was soll das?", knurrte der.

"Die Wells Fargo Company sucht einen neuen Begleitschutz für die Strecke nach San Francisco", grinste Powell. "Morgen sitzt du auf dem Bock..."


*


Kate hatte ihm ein Zimmer in Saint Joseph besorgt. Für fünfzig Cent die Nacht. Zwei Tage lang lungerte Wallace in der mehr als schlichten Bude herum, bevor er sich endlich auf die Straße traute.

Es gab praktisch niemanden in der Stadt, der nicht wusste, wo er die letzten sieben Jahre verbracht hatte. Und ein paar Leute gab es, da war Wallace sicher, die würden ihn jetzt noch gern im Gefängnis von Kansas City eingekerkert wissen.

Kate hatte ihm immer noch nicht verraten, welche Art von Job sie für ihn aufgetan hatte. Er wusste nur, dass es um eine Arbeit ging, die mit Pferden zu tun hatte. Ansonsten tat sie sehr geheimnisvoll. Sie würde noch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber verhandeln und so weiter.

Wallace konnte sich schon vorstellen, um was es in diesen sogenannten Verhandlungen ging. Niemand stellte freiwillig einen Mann ein, der sieben Jahre wegen Bankraubes gesessen hatte.

Am Morgen des dritten Tages nach seiner Rückkehr nach Saint Joseph also verließ Wallace sein Zimmer und ging hinunter auf die Straße. Kaum einer der Leute, denen er begegnete, grüßte ihn.

Der Sheriff hockte neben der offenen Tür seines Office und beobachtete ihn schweigend, während er vorbeiging. Aus dem Inneren des Office hörte er das heisere Gebrüll eines Gefangenen.

Vor dem "Green Water Billard Room" packten zwei Männer Koffer und Kisten auf die Gepäckpritsche einer Postkutsche. Sie befestigten das schwere Schutzleder über dem Gepäck.

Einen der Männer kannte Wallace – Eddy Sucker. Ein Revolvermann der übelsten Sorte. Vor sieben Jahren noch hatte er als Cowboy bei Kates Vater gearbeitet. Er stutzte, als er Wallace erkannte. Schnell wandte er sich ab und stieg auf den Kutschbock.

Während die Kutsche anrollte, betrat Wallace den Saloon. Er war noch menschenleer, bis auf den Wirt. Wallace setzte sich an die Theke und bestellte Kaffee und Eier mit Schinken.

Phil Jenkins, der Wirt, sprach kein Wort mit ihm. Dabei hatten sie früher nächtelang gepokert.

Nach und nach fanden sich ein paar Gäste im Saloon ein. Lauter Leute, die Wallace nicht kannte. Flußschiffer und Durchreisende. Und dann schaukelte ein dicker Mann mit Zylinder und in Schlips und Kragen durch die Schwingtür. Noch kleiner als er selbst. William Goldsmith. Wallace erkannte ihn sofort.

Der Geschäftsmann zögerte, als er Wallace sah. Doch dann setzte er sich neben ihn an die Theke. "Bring uns zwei Whisky, Phil!" Er betrachtete Wallace aufmerksam. "Bist schmal geworden, Spence."

"Und du noch fetter als vor sieben Jahren."

Goldsmith feixte. "Werd nicht frech, Spence, sonst bleibt's bei einem Whisky." Ob er wollte, oder nicht – Wallace war froh, dass in diesem verdammten Nest überhaupt jemand mit ihm sprach.

Mit grimmiger Miene knallte Jenkins die Gläser vor die Männer auf die Theke. Sie stießen an.

"Ich nehm' an, du brauchst Arbeit, Spence." Goldsmith wischte sich seinen kleinen Mund mit dem Handrücken ab. "Ich würd' dir gern eine geben, aber im Augenblick laufen die Geschäfte nicht. Ich kann kaum die Arbeiter in meiner Silbermine in Colorado bezahlen."

"Ich find' schon was, Will."

"Mal ehrlich, Spence – mir hat immer die Phantasie gefehlt, mir dich als Bankräuber vorzustellen."

Wallace senkte betroffen den Kopf. "Danke, Will. Du bist nicht der Einzige, der weiß, dass ich es nicht war. Bald werden es alle wissen. Ich finde die Schweine, die mir den Überfall in die Stiefel geschoben haben, glaub's mir."

"Lass gut sein, Spence – es hat keinen Sinn, in dem alten Dreck zu wühlen. Man muss nach vorne blicken, sonst kommt man auf keinen grünen Zweig." Goldsmith bestellte die nächste Runde Whisky.

"Manchmal kann man nur nach vorne blicken, wenn man den Mist, der hinter einem liegt, aufgespürt und im Missouri oder sonstwo versenkt hat."

"Schon möglich, Spence." Der Geschäftsmann wirkte nachdenklich. "Was mich immer beschäftigt hat, war die Sache mit dem Pferd. Einer der Bankräuber benutzte einen Hengst, der einem deiner Gäule aufs Haar glich."

Wallace starrte in sein leeres Glas und nickte. "Es war mein Pferd, Will. Diese getüpfelten Tiere sind sehr selten. Es war mein Pferd. Sie haben es mir gestohlen und nach ein paar Tagen wieder in meinen Stall gestellt. Das war's, was mir das Genick gebrochen hat. Und dass ich nicht beweisen konnte, dass ich zur Tatzeit unterwegs nach Texas war, um Pferde für meine Zucht einzukaufen."

"Das klingt so, als hätte dich jemand gezielt zur Hölle schicken wollen."

Wallace nickte. "Das klingt nicht nur so, das ist so."

"Und nach wem willst du nun suchen?" Der Wirt stellte zwei Gläser Whisky vor sie auf den Tresen.

"Ich weiß es nicht, Will." Wallace starrte in irgendeine Ferne. "Nach jemandem, der meine Pferde kannte, und nach einem Mann mit einer schlecht verheilten Narbe an der Hüfte."

Während des Überfalls hatte einer der Bankkunden den Helden spielen wollen und sich auf einen der vier Bankräuber gestürzt. Im Handgemenge war dem Banditen das Hemd aus der Hose gerutscht, und die auffällige Narbe war sichtbar geworden. Der Mann mit der Narbe hatte den mutigen Angreifer kaltblütig erschossen.

"Was soll ich sagen, Spence", seufzte Goldsmith. "Jeder Mann tut, was er tun muss." Er hob sein Glas. "Ich wünsch' dir mehr Glück als damals beim Prozess." Sie stießen an und tranken.

"Eines muss ich noch loswerden, Spence." Goldsmith knallte sein Glas auf die Theke.

"Sprich dich aus, Will. Wenn wir schon mal dabei sind."

"Ich bin nicht der Einzige, der an deine Unschuld glaubt."

"Ich weiß."

"Die Bloomdale-Tochter hat eine Menge Männer abblitzen lassen in den letzten sieben Jahren."

"Ich weiß."

"Und dass unser Sheriff ein Auge auf sie geworfen hat, weißt du das auch?"

Wallace schüttelte den Kopf.

"Es ist aber so, Spence", sagte Goldsmith. "Ihr wolltet heiraten damals, das war kein Geheimnis. Wenn mich nicht alles täuscht, hat sie sieben ganze Jahre lang auf dich gewartet."

Wallace starrte in sein Whiskyglas. "Aber daraus wird nichts. Ihr Vater wird seine Ranch keinem Mann in die Hände geben, den er für einen Bankräuber hält."

"Unterschätz Kate nicht", sagte Goldsmith. "Jeder weiß, dass sie die Hosen auf der Bloomdale-Ranch anhat." Er winkte dem Wirt. "Noch eine Runde, Phil."

"Dein Wort in Gottes Ohren, Will." Wallace kramte den Tabaksbeutel aus seiner Westentasche und drehte sich eine Zigarette.

Eine Stunde später stapfte Wallace zurück in sein Quartier. Seine Beine fühlten sich reichlich schwer an. Auch das Saufen konnte man verlernen. Er hatte an diesem Vormittag mehr Whisky getrunken als in den ganzen vergangenen sieben Jahre zusammen.

Vor dem Office des Sheriffs blieb er stehen. Glenn Powell hockte noch immer in seinem Schaukelstuhl unter dem Vordach seines Büros.

"Ich bin wieder da, Glenn!", rief Wallace mit schwerer Zunge. "Willst du mich nicht begrüßen?"

"Freut mich, Spence", sagte der Sheriff mit ausdrucksloser Miene. "Herzlich willkommen in unserer schönen Stadt." Er sagte das so dahin, als würde er mit sich selbst sprechen, und ohne den anderen anzuschauen.

Noch immer drang das Gebrüll des Gefangenen aus der offenen Tür des Office.

"Was hast du denn da für lautstarke Gäste in deinem gastfreundlichen Hotel, Glenn?", rief Wallace.

"Einen von diesen Hunden, die sich nicht an Recht und Ordnung gewöhnen können."

Wallace lachte bitter. "Na dann sieh zu, dass du ihn möglichst lang hinter Gitter bringst. Oder am besten an den Galgen, damit er nicht eines Tages zurückkehrt und sich bei dir bedankt, weil du ihn an Recht und Ordnung gewöhnt hast."

Das Gesicht des Sheriffs schien sich in Stein zu verwandeln. Er antwortete kein Wort.

Wallace tippte sich an den Hut und wankte in sein Hotel.


*


Es war schon dunkel, als die drei Männer sich am Ufer des Missouri trafen. Ein paar hundert Schritte von der Anlegestelle entfernt setzten sie sich ins Gras. Streichhölzer flammten auf, Zigarettenrauch stieg in die Nachtluft.

"Er ist seit drei Tagen wieder in der Stadt", sagte einer der Männer.

"Der Teufel soll ihn holen", antwortete der zweite. "Warum ist er nicht in diesem Rattenloch verrottet?"

"Vielleicht gibt er ja Ruhe", sagte der dritte. "Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Eine Menge Wasser ist seitdem den Missouri hinunter geflossen."

"Du kennst Spencer Wallace nicht, der gibt nie Ruhe."

"Stimmt. Erst wenn er ins Gras gebissen hat."

Eine Zeitlang schwiegen die Männer. Sie rauchten und starrten in das vom Mondlicht glitzernde Band des Missouri.

"Dann müssen wir dafür sorgen, dass er so schnell wie möglich ins Gras beißt", brach einer von ihnen endlich das Schweigen.

"Und wie willst du das anstellen? So klein wie er ist – mit dem Schießeisen war er immer einer der schnellsten."

"Während sieben Jahren hinter Gittern kommt auch der schnellste Schütze aus der Übung."

"Wir können ihn nicht einfach abknallen", wandte der jüngste der drei Männer ein.

"Kate..."

"Stimmt. Aber wie wollen wir es anstellen?"

Vom Anlegesteg her drang lautes Gelächter. Betrunkene Flussschiffer kehrten auf ihren Kahn zurück. Hinter ihnen, auf der Uferböschung, schnaubte eines der Pferde der drei Männer. Eine Stunde und länger hockten sie zusammen und brüteten über ihren teuflischen Plänen.

Irgendwann stiegen sie auf ihre Pferde und ritten in die Nacht.


*


Der Mann hatte einen hellen steifen Hut mit einer seidenen Binde auf und trug die feine Garderobe eines Geschäftsmannes von der Ostküste. Der Vollbart um sein schmales Kinn war sorgfältig gestutzt. Aus hellwachen Augen musterte er Spencer Wallace.

"Das ist Mr. Wallace." Kate machte die Männer miteinander bekannt. "Und das ist Mr. Russell, Spence."

Sie trafen sich in einem neueingerichteten Büro am Rande von Saint Joseph. Ein frisch gemaltes Holzschild hing über dem Vordach. "Pony-Express" stand auf dem Schild. Und die Namen der Männer, denen das neue Posttransport-Unternehmen gehörte: Russell, Major & Wadell.

"Tja, Mr. Wallace – Kate ist eine hartnäckige Frau", sagte Russell. "Sie hat mir die Tür eingerannt, um mir von ihren Vorzügen zu erzählen." Wohlgefällig glitten seine Augen über die schlanke Gestalt der Bloomdale-Tochter. Sie hatte sich für dieses Gespräch in ein hochgeschlossenes rotes Kleid gezwängt.

"Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Freundin, Mr. Wallace – es ist ihr gelungen, mich davon zu überzeugen, dass Sie trotz..." Er unterbrach sich und suchte nach Worten. "...dass Sie trotz ihrer Vergangenheit ein zuverlässiger Mann sind."

Wallace hörte schweigend zu. Aus den begehrlichen Blicken des Mannes schloss er, dass Kate nicht nur den guten Ruf ihres Vaters in die Waagschale geworfen hatte. Vermutlich waren es vor allem ihre weiblichen Reize gewesen, denen er den Job bei Russell zu verdanken hatte.

"Wir brauchen dreißig Reiter, Mr. Wallace", sagte der Mann von der Ostküste. "Erstklassige Reiter. Sie sollten mager und drahtig sein. Und bereit, täglich dem Tod ins Auge zu sehen. Am liebsten nehmen wir Waisen. Und Leute, die nicht älter als achtzehn sind."

"Bis auf das letzte trifft alles auf mich zu", sagte Wallace.

"Ich weiß, ich weiß – Sie sind zehn Jahre älter als unsere Wunschkandidaten..." Wieder das wohlgefällige Schmunzeln in Kates Richtung. "Aber für eine schöne Frau macht man schon mal eine Ausnahme."

Er erhob sich von seinem Stuhl hinter dem schweren Schreibtisch und trat an die Wand. Dort hing eine Karte der Vereinigten Staaten. Als wäre es das Selbstverständlichste unter dem Himmel, erklärte er dem staunenden Wallace das waghalsige Unternehmen, das er und seine Kompagnons geplant hatten.

Eine Poststrecke zwischen Saint Joseph und dem zweitausend Meilen entfernten Sacramento sollte eröffnet werden. Dreißig Reiter sollten Tag und Nacht unterwegs sein, um die Post, die über den Missouri von der Ostküste kam, über hundertneunzig Stationen an die Pazifik-Küste zu transportieren.

Die Stationen lagen etwa fünfzehn Meilen weit voneinander entfernt. Jeder Reiter hatte täglich vier Stationen anzureiten, und an jeder musste er sein Pferd wechseln.

"Da geht's durch Indianergebiete, durch die Prärie, über die Rockys und durch die Salzwüste." Der Stolz stand Russell auf dem Gesicht geschrieben. "Keine Aufgabe für Weicheier, Mr. Wallace." Erwartungsvoll blickte er ihn an.

"Ein Job für mich", sagte Wallace kurzentschlossen. "Pony-Express – die Idee ist genial, Mr. Russell. Das wird ein Volltreffer." Er war ehrlich begeistert.

"Ich hoffe, der Kongress wird das genauso sehen", Sorgenfalten erschienen auf Russells Gesicht, "und uns die Unkosten erstatten und eine Konzession für andere Strecken erteilen."

Mit Kates Kutsche fuhren sie zum Missouri hinunter. Dort hatte man an der Anlegestelle eine Pferdekoppel errichtet. Dreißig graue Stuten weideten innerhalb der Zäune. Keine höher als fünfzehn Handbreiten, und alle hatten schwarze Hufe.

"Die meisten Pferde haben wir schon auf die Pony-Express-Stationen verteilt", sagte Russell stolz. "Suchen Sie sich ein Pferd aus, Mr. Wallace. Das Pferd, mit dem Sie ihren ersten Ritt für uns machen werden."

Wallace erkannte die Pferde wieder, die er im Hafen von Kansas City gesehen hatte. Langsam ging er um die Koppel herum – bis er die Stute mit der weiße Blesse zwischen den Augen entdeckte hatte. Er schwang sich über den Zaun und schritt langsam auf die Herde zu.

"Hallo, Lady Sue." Er streckte die Hand nach seiner Bekannten aus. "So sieht man sich wieder..." Zärtlich streichelte er ihren Hals und kraulte sie an der Kehle. Schließlich wagte er es – und schwang sich auf das ungesattelte Pferd.

Widerstandslos ließ sich die Stute zum Zaun reiten. "Brav, Lady Sue." Er klopfte dem Pferd auf den Hals. "Mit dem hier mach' ich meinen ersten Ritt, Mr. Russell."

"Wunderbar! In drei Tagen geht es los!"

Mit Handschlag wurden sie sich einig.

"Wir lassen uns nicht lumpen, Mr. Wallace – schwere Arbeit wird gut bezahlt", erklärte Russell. "Unsere Reiter bekommen fünfundzwanzig Dollar die Woche."

Wallace staunte nicht schlecht. Fünfundzwanzig Dollar die Woche! Ein geradezu fürstlicher Lohn!

Beim Abschied spürte er den prüfenden Blick des Mannes. Kein Zweifel – Russell war skeptisch. Er würde ihm genau auf die Finger sehen. Einen Fehler würde Wallace sich nicht erlauben können.


*


Später saßen sie in seinem Hotelzimmer zusammen. Kate hatte eine Flasche Champagner besorgt. Wallace sah schweigend zu, wie sie die Whiskygläser mit dem schäumendem Getränk füllte. Den Bloomdales schien es noch besser zu gehen als vor sieben Jahren.

"Ein Stilbruch, aber in ganz Saint Joseph sind keine Sektkelche aufzutreiben." Sie reichte ihm das Glas. "Doch wir sind ja gewohnt zu improvisieren. Auf deine Zukunft, Spence." Sie stießen an. "Auf unsere Zukunft...", korrigierte sie sich.

Wallace hatte in seinem ganzen Leben noch keinen Champagner getrunken. Das Zeug schmeckte ein wenig wässrig und etwas zu süß nach seinem Geschmack. Trotzdem leerte er das Glas auf einen Zug.

"Das kommt aus Europa, stimmt's?"

Sie nickte.

"Und ist ziemlich teuer."

"Die Ranch wirft viel Geld ab, Spence." Kate schmunzelte. "Ich bin eine gute Partie."

"Du willst mich noch immer?"

"Dummkopf!" Eine zornige Falte erschien zwischen ihren schwarzen Brauen. "Was glaubst du, warum ich noch nicht verheiratet bin? Was glaubst du, warum ich dir den Job besorgt habe? Es hat sich nichts geändert zwischen uns, Spence – all die Jahre nicht. Du wirst als Pony-Express-Reiter gutes Geld verdienen und dir die Anerkennung verschaffen, die dir zusteht. Mein Vater wird froh sein, wenn er die Ranch einem Mann wie dir in die Hände legen kann."

"Und dein Bruder?"

"Dieser versoffene Hohlkopf!" Kates braungebranntes Gesicht wurde noch kantiger. Eine Mischung aus Bitterkeit und Zorn flog über ihre energischen Züge. "Wenn ich ihn nicht an der kurzen Leine führen würde, hätte er schon die ganze Ranch auf den Kopf gehauen. Wir werden ihn auszahlen und fertig." Sie stellte das Glas ab und stand auf. "Du liebst mich doch noch, oder?" Sie setzte sich auf seinen Schoß und schlang die Arme um seinen Nacken.

"O ja..." Er zog sie an sich und küsste sie. "Dieses Kleid steht dir tausendmal besser als die Reithosen und die weiten Jacken."

Sie zog die Spange aus ihrem Dutt. Die schwarzen Haare fielen über ihre Schulter.

"Küss mich noch einmal." Sie drängte sich an ihn. Während er sie küsste, zog sie sein Hemd aus der Hose. Ihre Hände streichelten die Haut seines Rückens. "Wer ist Sue?", fragte sie unvermittelt.

"Wie kommst du auf diese Frage?"

"Weil du das Pferd so genannt hast."

"War nur eine spontane Idee", log er. "Hat nichts zu bedeuten." Seine Finger begannen die Knöpfe ihres Kleides zu lösen.

"Dann ist es gut", hauchte sie. Sie fasste nach seiner Hand an ihrer Knopfleiste. "Was machst du da, Spence?"

"Vielleicht möchte ich sehen, was du für Unterwäsche trägst." Er schüttelte ihre Hand ab und fuhr fort, das Kleid aufzuknöpfen. Der spitzenbesetzte Ausschnitt eines weißen Unterrocks wurde sichtbar. Wallace öffnete die Knöpfe des Kleides bis zu ihrem Bauch. Dann streifte er es ihr über die Schultern.

"Was tust du, Spence...?" Sie hielt seine Hände auf ihren Oberarmen fest. "Ich weiß nicht...", hauchte sie.

Zusammen mit ihren Händen schob er den Stoff des Kleides über ihre Arme. Bis knapp über den Ellenbogen waren sie weiß. Bis dahin pflegte sie während der Arbeit auf der Ranch ihr Hemd hochzukrempeln.

"Was weißt du nicht, Kate?", flüsterte er, während er ihre Arme mit Küssen bedeckte. Sie leistete keinen Widerstand, als er ihr die Ärmel des Kleides abstreifte.

"Ich weiß nicht, ob wir das tun sollen..." Die sonst so energische Frau wirkte plötzlich verunsichert. Fast ängstlich flog ihr Blick zwischen der Zimmertür und seinen sehnigen Händen hin und her.

"Wir dürfen tun, was wir tun wollen..." Seine Lippen wanderten über ihre Schlüsselbeine. Weit und hart traten sie unter ihrer Haut hervor. Mit den Zähnen zog er ihr den rechten Träger des Unterrocks über die Schulter, mit der Hand den linken.

Sie spannte die Arme an, als wollte sie verhindern, dass er ihr die Träger abstreifte. Doch ihr Widerstand war nur halbherzig, und er schaffte es, ihr die Träger über die Handgelenke zu ziehen und das Oberteil des Unterrocks bis auf die Hüften hinunter zu streifen. Sie trug ein cremefarbenes Mieder, und ihr flacher Bauch war so weiß wie ihre Schultern und Oberarme.

Er umfasste ihre schmale Taille und küsste ihren Bauch.

"O Gott, Spence...", hauchte sie, "wir gehen zu weit..."

"Wer sagt denn, wie weit man gehen darf?" Seine Finger griffen nach den Ösen, die ihr Mieder zusammenhielten.

Sie presste beide Hände auf seine Finger und blickte ihn aus erschrockenen Augen an. "Nicht, Spence... wir sind noch nicht verheiratet..."

"Muss man verheiratet sein, um sich was Gutes zu tun?", schmunzelte er.

"Meine Mutter hat das gesagt. Und der Reverend..."

Er drückte ihre Hände nach oben und löste die erste der drei Ösen. "Damals, in unserer ersten gemeinsamen Nacht, hat dich die Meinung deiner Mutter und des Reverends nicht interessiert."

"Ich habe kaum etwas mitbekommen von dieser Nacht – du hattest mir eine halbe Flasche Whisky zu trinken gegeben..."

"Anders hätte ich dich nicht ins Bett gekriegt", schmunzelte er. Er glaubte ihr kein Wort. Mit der Rechten hielt er sie fest, mit der Linken griff er nach der Champagerflasche auf dem Tisch und schenkte beide Gläser voll ein. Er reichte ihr eines. "Trink." Er grinste. "Aber nicht zu viel – es wäre schade, wenn du wieder nichts mitbekommst."

Sie trank hastig und schielte dabei auf seine Hand auf ihrem Mieder. Wallace löste die zweite und die dritte Öse und klappte das Mieder auseinander. Ihre Brüste fielen heraus wie zwei überreife Früchte. Sie hatte spitze lange Brüste mit kleinen dunkelbraunen Höfen und schmalen Warzen.

Unverhofft tauchten andere Brüste vor seinem inneren Auge auf. Runde pralle Brüste – die Brüste der Hure in Kansas City. Er schob das Bild beiseite, ganz schnell...

Kate starrte auf ihren Busen herunter, als hätte sie ihre eigenen Brüste noch nie gesehen. Ganz sanft legte er seine Handflächen auf die Warzen und begann sie mit kreisenden Bewegungen zu massieren. Er spürte ihre Schenkel auf seinem Schoß zusammenrutschen.

"O Gott, Spence..." So hastig beugte sie sich zum Tisch, um das Glas abzustellen, dass der Champagner überschwappte und sich auf ihre Brüste ergoss. Ihr Körper spannte sich an, ihre Schenkel pressten sich zusammen – als würde ein plötzlicher Schmerz sie durchzucken. "O Gott, Spence..." Sie schloss die Augen und warf den Kopf in den Nacken. "Ich muss jetzt gehen... Dad wartet... Eine Menge Arbeit..."

Sie packte seine Handgelenke und versuchte sie wegzudrücken. Er ließ es geschehen und beugte seinen Kopf über ihre Brustwarzen. Abwechselnd leckte er an der rechten und an der linken. Langsam richteten sie sich auf und wurden steif. Ihre Schenkel begannen auf seinem Schoß zu zittern, so heftig presste Kate sie zusammen.

"Wovor hast du Angst, Kate", flüsterte er.

"Ich weiß nicht, Spence..." Ihre Hände vergruben sich in seinen blonden Haaren und zogen seinen Kopf näher an ihre Brüste. "Ist er groß, dein Schwanz?"

"Groß und hart..."

"O Gott, Spence..." Während er an ihren Brustwarzen saugte, tastete sich seine Hand über ihre Schenkel bis zu ihren Schnürstiefeln hinunter. Mit flinken Fingern löste er die Schnürsenkel.

Plötzlich rutschte sie von seinem Schoß. "Ich muss jetzt gehen, Spence..." Sie wandte ihm den Rücken zu und machte Anstalten, ihr Mieder zu schließen. Er fasste ihre Hüften, zog sie zu sich und küsste ihr Steißbein. Sie hielt still, und er spürte, wie ihr Körper sich allmählich entspannte.

Er griff zu und zog ihr mit einer einzigen Bewegung den Stoffwust aus Kleid, Unterrock und Schlüpfer über die Hüften bis zu ihren Kniekehlen hinunter. Sie stieß einen spitzen Schrei aus.

Wallace packte sie, drehte sie um und legte sie über seine linke Schulter.

"O Gott, Spence...", hauchte sie.

"Ich bin ein Mann und kein Gott", grinste er. Er streifte ihr die vielen Kleidungsstücke ab. Ihre Schnürstiefel fielen polternd auf den Boden. Seine Hände glitten über die festen Muskeln ihrer Beine.

Während er sie zum Bett trug, öffnete er seine Hose. Kate schien ihm leicht wie eine Feder zu sein. Er legte sie aufs Bett. Sie spreizte die Beine. "Ich muss doch auf die Ranch, Spence... wir sollten es wirklich noch nicht tun... lass uns noch warten..." Sie zog ihn über sich. "Sei ganz sanft..."

Er schob seine Hände unter ihr Becken und drang vorsichtig in sie ein. Ihr Schoß war nass wie die Nüstern eines erschöpften Pferdes. Steif wie eine Fieberkranke lag sie unter ihm. Ihr Stöhnen klang abgehackt, als würde sie bei jedem seiner Stöße erschrecken.

Bald aber begann sie sich zaghaft zu bewegen und schob ihm ihr Becken entgegen. Zunächst zögernd, dann immer schneller, und jedesmal stieß sie ihr heiseres "O Gott" aus.

Wallace riss sich zusammen und nahm sie, wie man eine Jungfrau nimmt – so behutsam er konnte. Als sie kam, schlug sie die Fäuste gegen ihre Schläfen und schrie: "O Gott, o Gott, o Gott..."


*


Glenn Powell trat an die Gitterstäbe der Zelle. Der Schein der Petroleumlampe in seiner Hand warf einen schummrigen Lichtkegel auf die Pritsche an der Außenwand der Zelle. Der Gefangene stierte ihn an.

"Na? Hast du dich beruhigt, Kelly?", grinste der Sheriff.

"Wenn ich dir das Hirn aus dem Schädel gepustet habe, dann werde ich mich beruhigt haben, du verfluchter..."

"Gemach, gemach, Virginia-Jeff", unterbrach Powell den Gefangenen. "Ich tu' weiter nichts als meine Pflicht in diesem Nest. Was kann ich dafür, wenn die Zeugen dich belasten? Die Leute hier halten nun mal zusammen wie Pech und Schwefel."

Jefferson Kelly schob seinen massigen Körper von der Pritsche und stand auf. Er umklammerte die Gitterstäbe und spuckte dem Sheriff ins Gesicht. "Ich glaub' dir kein Wort, du Hund."

Glenn Powell wich einen Schritt zurück. Mit dem Hemdsärmel wischte er sich den Speichel von der Wange. "Vorsicht, Kelly – du vergisst, wer von uns beiden den Finger am Abzug hat!"

Der Hüne schnaubte verächtlich, drehte sich um und streckte sich wieder ächzend auf seiner Pritsche aus. "Leck mich am Arsch, Sheriff."

"Ich wollte dir eigentlich ein Angebot machen", sagte Powell.

Kelly richtete sich auf der Pritsche auf. "Dann mach mir ein Angebot."

"Vielleicht kann ich ja den Wirt und den zweiten Mann, der dich schießen sah, davon überzeugen, dass ihre Phantasie mit ihnen durchgegangen ist."

Jefferson Kelly schwang die Beine über die Kante der Pritsche. "Und was kostet mich das?"

"Nicht viel." Der Sheriff trat an das Gitter. Er hob die Petroleumlampe, um das Gesicht des anderen zu sehen. "Eine Kugel, oder zwei."

"Du musst deutlicher werden, Hüter der Gerechtigkeit." Wieder stand Virginia-Jeff auf und kam an die Gittertür. "Ich hab' manchmal eine lange Leitung."

"Da läuft einer frei in unserer Stadt herum, der nicht frei herumlaufen sollte", sagte Powell. "Er ist gefährlich, und ich hab' nichts gegen ihn in der Hand. Und er ist schneller als ich."

"So, so...", brummte Kelly. "Gefährlich, schneller als du..." Er schabte sich das Gestrüpp in seinem vierschrötigem Gesicht. "Und wie soll das laufen?"

"Ich spreche mit den ehrbaren Bürgern, die glauben, dich schießen gesehen zu haben, dann schick' ich einen Brief nach Kansas City, und zwei Tage später bist du ein freier Mann."

"Und erschieße diesen Burschen in Notwehr."

"Du bist ein kluger Junge, Kelly." Die kalten Augen des Sheriffs bohrten sich in das Gesicht des Gefangenen. Der kratzte sich den Schädel und schien fieberhaft nachzudenken. "Glaub mir, Kelly – ich kenn' die Richter von Kansas City." Glenn Powell schlug einen bekümmerten Ton an. "Die ritzen sich Kerben in die Bibel für jeden, den sie an den Galgen bringen."

"Was ist das für ein Bursche, der schneller ist als du, Sheriff?"

"Ein Hänfling – klein und verhungert. Hat jahrelang wegen Mordes gesessen. Du wirst ihn abschießen wie eine leere Whiskyflasche."

"So, so... und wie heißt er?"

"Spencer Wallace..."


*


"Du kommst spät, Kate." Der alte Bloomdale saß neben dem Kamin in seinem Schaukelstuhl. "Wir haben auf dich gewartet."

Kate schloß die Tür hinter sich und nahm ihren Hut ab. "Ich hatte in Saint Joseph zu tun." Sie wich dem fragenden Blick ihres Vaters aus. Am runden Esstisch sah sie ihren Bruder hocken. Wie immer ein Glas und eine Flasche vor sich. Der Schein des Wandleuchters flackerte auf seinem lauernden Gesicht.

"So lange?", bohrte ihr Vater.

"Niemand fragt dich oder Rob, was ihr getrieben habt, wenn ihr spät nach Hause kommt."

"Sie war bei ihm, Dad, ich weiß es genau, sie war bei diesem Scheißkerl..." Rob Bloomdale beugte sich über den Tisch. Feindselige Blicke trafen Kate.

Kate blitzte ihn an. Er senkte den Kopf und griff nach der Flasche. "Ja – ich war bei ihm. Ich hab' ihm einen Job besorgt. Bei der neuen Postlinie, dem Pony-Express. Es gab allerhand zu besprechen..."

"Du willst ihn heiraten!", schrie ihr Bruder. "Du willst diesen Pferdefloh ums Verrecken zum Boss dieser Ranch machen! Du willst mich ausbooten! Gib's endlich zu..."

"Schweig!", herrschte sie ihn an. "Es gibt Männer, und es gibt mit Schnaps vollgesogene Waschlappen!"

Rob Bloomdale presste die Lippen zusammen, zog scharf die Luft durch die Nase ein und blickte sie aus schmalen Augen an. Dann goss er sich das Glas so voll, dass der Whisky auf den Tisch schwappte. Er stürzte die bernsteinfarbene Flüssigkeit herunter, sprang auf und stürmte aus dem Raum. Krachend fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Der alte Bloomdale seufzte tief. "Du fasst deinen kleinen Bruder zu hart an, Kate."

"Meinen 'kleinen Bruder'." Sie schnaubte verächtlich. "Mein 'kleiner Bruder' sollte ein ganzer Kerl sein, der diese Ranch schmeißt!" Sie lief zum Tisch und schnappte sich die Whiskyflasche. "Und was ist er?!" Sie setzte die Flasche an die Lippen und trank. "Ein versoffener Tagedieb ist er! Nicht mal bei der Armee haben sie einen Mann aus ihm machen können! Wenn ich ihn die ganzen Jahre seit Mutters Tod nicht so hart angefasst hätte, wäre diese Ranch schon längst über den Jordan gegangen!"

Wieder ein tiefer Seufzer des alten Mannes. Kate lief zu ihm, beugte sich über ihn und stützte die Arme auf die Lehnen seines Schaukelstuhls. "Dad! Sieh die Dinge doch mal, wie sie sind!" Sie fixierte ihn mit zornigen Augen. "Mom und du, ihr habt euch diese Ranch aufgebaut! Sie ist eine Goldgrube! Überlasse sie Rob, und sie wird in wenigen Jahren zu einer öden Ruine werden!"

Die Augen des alten Bloomdale füllten sich mit Wasser. Kate nahm seine Hand und küsste sie. Sie wusste, wie sehr ihr Vater an ihrem Bruder hing. Der Junge war sein ganzer Stolz gewesen. Früher, als Rob noch keine Waffen trug und man ihn aufs Pferd heben musste, damit er reiten konnte. Aber seit ihm die ersten Barthaare sprossen, bescherte er dem alten Herrn weiter nichts als Kummer und schlaflose Nächte.

"Du hast ja recht, Kate", krächzte Amos Bloomdale mit tränenerstickter Stimme. "Mach du nur." Linkisch tätschelte er die Hand seiner Tochter. "Du bist wie deine Mutter – die hatte auch meistens recht..." Er wischte sich die Tränen aus den Augen. "Wenn du Spence heiraten willst, dann tu es. Du bekommst die Ranch. Bei dir und Spence ist sie in guten Händen, das weiß ich..."

Kate ließ seine Hand los und ging zum Fenster. Der Vollmond stand am Himmel. Auf dem Zaun der Pferdekoppel sah sie die Gestalt eines Mannes sitzen. Ihr Bruder.

"Und was machen wir mit Rob?"

"Ich weiß es nicht, Darling", krächzte der alte Bloomdale. "Ich weiß es wirklich nicht..."


*


Wallace' Tod war beschlossene Sache, als er seinen Job bei Russell und Kompagnons antrat. Aber wie hätte er das ahnen sollen? Und zunächst mal führte ihn seine Arbeit weg von Saint Joseph, und von den Leuten, die ihm das Lebenslicht ausblasen wollten.

Sechzig bis achtzig Meilen täglich jagte er durch die Wälder und die Prärie von Kansas. Sechs bis acht Stunden im Sattel. Ununterbrochen. Manchmal auch länger. Je nach Gelände. Die fünfundzwanzig Dollar waren sauer verdient. Der Job war härter, als Wallace ihn sich vorgestellt hatte.

Man hatte ihn für die Strecke zwischen Saint Joseph und Fort Kearney eingeteilt. Nach drei Wochen hätte er den etwa zweihundert Meilen langen Weg im Schlaf reiten können.

Manchmal kam er auch über Fort Kearney hinaus. Von diesem Fort aus führte die Strecke des Pony-Express' über siebenhundert Meilen weit am Platte River entlang parallel des Overland Trails. Über Fort Laramie bis nach Fort Bridger. Aber Wallace ritt nur ein einziges Mal bis nach Fort Laramie.

Meistens trat er von Fort Kearney aus mit der Post von der Westküste den Rückweg nach Saint Joseph an.

An jeder Station wurde das Pferd gewechselt. Nach ein paar Tagen war das eine Sache von dreißig Sekunden: Schon von weitem sah Wallace dann einen Pferdepfleger der Station neben dem frischen, bereits gesattelten Pferd stehen. In vollem Galopp hielt er auf den Wartenden zu. Wenn er dann vom Pferd sprang und die Mochila vom Sattel riss, hatte der Pferdepfleger das frische Pferd schon losgelassen. Im Laufen warf Wallace die Mochila über dessen Sattel und schwang sich auf das bereits lostrabende Pferd. So lief das.

Sie machten einen regelrechten Sport aus dem Pferdewechsel.

Außer der ledernen Mochila – eine Satteltasche mit Schlitzen für Sattelknauf und Sattelgriff und vier abschließbaren Fächern – durfte Wallace nur ein Messer und einen Colt-Navy-Revolver mit sich führen. Und eine Reservetrommel in der Gürteltasche. Abgesehen natürlich von den Briefen, die in Öltuch eingeschlagen in den abschließbaren Taschen der Mochila verstaut wurden.

Nicht mal ein Gewehr hatten die Reiter dabei. Russell und seine Partner achteten mit Argusaugen darüber, dass kein Gramm zuviel transportiert wurde.

Die magere Bewaffnung mußte eben durch Schnelligkeit wettgemacht werden. Wallace machte in den ersten Wochen kein einziges Mal von seinem Colt Gebrauch. Die Indianer, die ihn einmal in der Gegend von Fort Kearney ein Stück weit verfolgten, kamen nicht mal auf Schussweite an ihn heran.

Etwa vier Wochen nach seinem ersten Ritt für den Pony-Express galoppierte er mit der Mochila voller Post nach Saint Joseph hinein. Im Büro der Hauptstation wurden die Briefe durchgesehen. Fast alle gingen per Schiff und dann per Eisenbahn weiter an die Ostküste. Nur einer nicht.

"Der hier ist für William Goldsmith." Russell hielt den Brief hoch.

"Ich bringe ihn Will." Wallace wollte sowieso in den "Green Water Billard Room". Kaum ein Abend, an dem der Geschäftsmann nicht dort anzutreffen war.

Er nahm den Brief entgegen und betrachtete ihn. Links oben die rote Marke mit dem dahinfliegenden Pony-Express-Reiter, rechts der grüne Aufdruck mit dem Wert des Briefes – fünf Dollar. Und dazwischen der Schriftzug der Wells Fargo Company. Ein ganz normaler Brief.

Wallace steckte ihn in seine Jackentasche. Später würde er sich wünschen, ihn in den Platte River geworfen zu haben.

Der "Green Water Billard Room" war gut gefüllt, dafür dass der Abend erst begonnen hatte. Flussschiffer, Cowboys, Reiter des Pony-Express und zwei, drei Frauen. Eine Menge Leute eben. Wallace hatte keinen Blick für sie, er wollte den Brief loswerden.

An seinem Stammplatz an der Theke entdeckte er den Zylinder des Geschäftsmannes. Goldsmith plauderte mit einem hünenhaften, bärtigen Burschen. Er war in eine schwarze Jacke aus Bärenleder gehüllt. Wallace kannte Jefferson Kelly zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber er sollte ihn bald kennenlernen.

"Für dich, Will."

Goldsmith riss den Brief sofort auf.

Der große Mann auf dem Barhocker neben ihm stank gewaltig nach Whisky. Für einen Moment sah ihm Wallace ins Gesicht – dicke, vom Bart fast zugewucherte Lippen, rotgeäderte Haut auf der Knollennase, die schwarzen Brauen ein dichtes Gestüpp, darüber eine breite, auffällig gewölbte Stirn und darunter weit auseinanderstehende braune Augen, die Wallace gleichgültig anglotzten. Wallace musste an einen Bison denken.

Sofort wurde er abgelenkt.

"Bei allen Heiligen!", stöhnte Goldsmith. "Ich bin ruiniert!" Er schlug die Hände vors Gesicht und stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Tresen auf. "Bring mir einen doppelten Whisky, Phil, aber schnell..."

"Was ist los, Will?" Wallace wandte sich dem Geschäftsmann zu. "Schlechte Nachrichten?"

"Irgendwelche Strauchdiebe haben eine Wells Fargo Kutsche überfallen und die Lohngelder für meinen Minenarbeiter geraubt", stöhnte Goldsmith. Seine Handfläche klatschte auf den Brief neben seinem Glas. "Wenn meine Leute in einer Woche ihren Lohn nicht bekommen, laufen sie weg."

"Tut mir leid für dich, Will." Eine Ecke in Wallace Hirn registrierte die Berührung des Hünen neben sich zwar, aber er achtete nicht weiter darauf. "Die Mine liegt im Norden Colorados?" Goldsmith nickte, die Hände immer noch vor seinem runden Gesicht. "An der Grenze zu Kansas?" Wieder ein Nicken. "Geh zu Russell, Will. Unsere Strecke führt ein kurzes Stück durch Colorado."

Goldsmith nahm die Hände vom Gesicht. Es war aschfahl. Begriffsstutzig blickte er Wallace an. "Der Pony-Express reitet durch Colorado?" Seine hohe Stimme klang heiser.

Wallace nickte. "Es sind nicht ganz vierhundert Meilen bis zur Grenze. In einer Woche könnten wir das schaffen." Der Wirt stellte ein gutgefülltes Whiskyglas vor Goldsmith auf den Tresen. Der stürzte es hinunter. "Los! Gehen wir zu Russell!" Er zog Goldsmith vom Barhocker und hinter sich her zum Ausgang des Saloons.

"Stehenbleiben, du Mistkerl!", donnerte plötzlich eine Bassstimme durch den Raum. Augenblicklich verstummten die Gespräche an den Tischen und am Tresen. Wallace drehte sich um. Am Tresen stand breitbeinig der bärtige Hüne mit dem Bisongesicht, in der Pranke einen Remington-Revolver. Ungläubig blickte Wallace in den Lauf der Waffe.

"Du gibst mir mein Geld zurück, oder der Totengräber wird dich hier raustragen!", röhrte Jefferson Kelly. Er fuchtelte mit dem Remington. "Los! Her mit dem Geld!"

Mehr als drei Dutzend Augenpaare richteten sich auf Wallace.

"Von was sprichst du, Mann?", sagte der. "Du hast wohl in Whisky gebadet!"

"Raus mit dem Geld, du mieser kleiner Taschendieb!" Virginia-Jeffs Blicke flogen zu den Leuten rechts und links von sich. "Er hat es mir geklaut, während er mit Goldsmith quatschte und den Samariter mimte! Es ist in seiner Jackentasche!"

"Was zum Teufel willst du mir anhängen, du Hohlkopf?"

Aus den Augenwinkeln sah Wallace einen Mann von einem der Tische rechts neben sich aufstehen. Eddy Sucker. Er näherte sich Wallace von der Seite und griff in seine Jackentasche. Im nächsten Moment hielt er einen kleinen abgegriffenen Lederbeutel hoch. So, dass alle ihn sehen konnten.

"Du bist und bleibst ein gottverdammter Dieb, Spence!", rief er mit seiner Blechstimme.

"Und Diebe sollten wir von Gottes Erdboden tilgen!", röhrte Kelly.

Wallace sah den Remington hochzucken und warf sich zur Seite. Ein Schuss explodierte, die Kugel pfiff an ihm vorbei. Der zweite Schuss kam aus Wallace' Colt-Navy-Revolver. Kelly schrie auf, seine Waffe polterte zu Boden, mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich den Oberarm fest.

"Was zum Teufel ist hier los?!" Plötzlich stand der Sheriff in der Tür. Wie vom Himmel gefallen.

"Wallace hat diesen Gentleman bestohlen und dann auf ihn geschossen", schnarrte Sucker. Er deutete auf Kelly, der sich vor Schmerzen krümmte.

Ein Mann hinten am Pokertisch stand auf. "Ich kann's bestätigen, Glenn." Es war der Cowboy, der Kate begleitet hatte, als sie ihn aus Kansas City abholte – Jimmy McMillan.

Der Sheriff zog seine Waffe und richtete sie auf Wallace. "Revolver weg, Wallace! Mitkommen!" Wallace glaubte zu träumen.

"Verdammt, Powell", sagte er heiser. "Dieser Typ hat mir einen Beutel mit Dollars in die Tasche geschmuggelt und dann auf mich geschossen..."

"Glaub ihm kein Wort, Glenn!" Eine jugendliche Stimme vom Pokertisch. Wallace hatte Rob Bloomdale seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Aber er erkannte ihn sofort. "Ohne Vorwarnung hat er auf Virginia-Jeff geschossen!" Der junge Bloomdale sah sich im Saloon um. "Oder hat das etwa irgend jemand anders gesehen?"

"Ich." Eine Frauenstimme vom hinteren Ende des Tresens. Eine blonde Frau drängte sich durch die gaffende Menge. Mit energischem Schritt kam sie auf den Sheriff zu. Wallace hielt den Atem an – es war Sue.

"Diese Banditen lügen, Sheriff", sagte sie. "Ich hab' gesehen, wie der betrunkene Bursche in der schwarzen Jacke den Lederbeutel diesem Mann in die Jackentasche steckte." Sie deutete auf Wallace. Der war vollkommen sprachlos. "Und ich hab' gesehen, dass der Kerl zuerst geschossen hat."

Einige Flussschiffer bestätigten das. Der Sheriff wurde unsicher.

"Es ist wahr, was sie sagen, Glenn", mischte Goldsmith sich ein. "Ich kann es beschwören, denn ich hab' die ganze Zeit mit Spence gesprochen. Irgend jemand hier will ihm eine Schlinge um den Hals legen."

An William Goldsmiths Aussage konnte Powell nicht vorbei. Der Geschäftsmann war einer der angesehensten Bürger von Saint Joseph.

"Du bist verhaftet, Kelly", sagte er schließlich. Virginia-Jeff ließ sich widerstandslos von ihm abführen.

Gemurmel erhob sich. Rob Bloomdale stieß einen Fluch aus. Eddy Sucker zog sich murrend an seinen Tisch zurück. Nicht ohne Wallace mit einem feindseligen Blick zu bedenken.

"Vorsicht, Spence..." Goldsmith schob sich an Wallace heran. "Irgendwas läuft hier gegen dich", flüsterte er. "Pass auf dich auf..."

"Mach' ich, Will." Wallace steckte seinen Colt ein. "Du musst allein zu Russell gehen." Er hatte nur noch Augen für Sue.


*

Teil 2

"Danke." Seite an Seite überquerten sie die Straße. Wallace war die Lust vergangen, den Rest des Abends im "Green Water Billard Room" zu verbringen.

"Schon okay", sagte Sue.

Sie gingen in einen kleineren Saloon am anderen Ende der Stadt. Fast ausschließlich Flussschiffer hingen hier an der Theke. Sie setzten sich an einen kleinen runden Tisch am hinteren Ende des schlauchartigen Schankraums.

"Was führt dich nach Saint Joseph?", wollte Wallace wissen.

"Vielleicht will ich hier arbeiten?" Herausfordernd sah sie ihn an. Sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte.

"Arbeiten... so, so..."

"Vielleicht hat mir auch einer der Cowboys im Hafen von Kansas City erzählt, dass der kleine Blonde, der wie ein Teufel reitet, nach Saint Joseph abgeholt wurde." Als wollte sie sich keine Regung in seiner Miene entgehen lassen, belauerte sie ihn. "Du bist also verheiratet."

"Nein." Wallace zog den Tabaksbeutel heraus und drehte sich eine Zigarette. "Hast du nichts anderes gelernt, als deine Titten und deinen Arsch hinzuhalten?"

Eine steile Falte erschien zwischen ihren schmalen Brauen. Der Zorn trieb ihr das Blut ins Gesicht. Oder war es Scham? "O doch, Spencer Wallace. So heißt du doch, oder?" Ihre Stimme klirrte vor Kälte. Er nickte betroffen.

"Vor vielen Jahren, in einem anderem Leben und auf einem anderen Kontinent, habe ich mein Geld als Schneiderin verdient. Ich war ein blutjunges Ding damals. Ein Mann in einem teuren Anzug und mit einem schönen Gesicht hat mir in London erklärt, dass gute Schneiderinnen in seiner Fabrik in Baltimore reich werden könnten."

"Und dann?"

Sie stieß ein bitteres Lachen aus. "Bist du so dumm, oder weißt du wirklich nicht, was sie mit naiven europäischen Mädchen machen, nachdem sie sie an die Ostküste der neuen Welt gelockt haben?"

Schweigend musterte sie ihn. Auch er sprach lange kein Wort.

"Sie sperren sie in ein dunkles Zimmer." Sie beugte sich über den Tisch zu ihm hinüber und senkte die Stimme. "Und alle drei Stunden kommen Männer in das dunkle Zimmer. Männer, die nach Schweiß und Schnaps stinken. Schleichen herein und vergewaltigen die naiven Mädchen. Und wenn die dummen Dinger die dunklen Zimmer verlassen, sind sie plötzlich Huren..."

Er senkte den Blick und starrte seine glimmende Zigarette an.

"Das tut mir leid...", stammelte er.

Sie lachte spöttisch. "Aber nur solange, bis du eine von ihnen auf der Straße siehst und dein Schwanz dich hinter ihr her in ihr Hotelzimmer treibt." Er antwortete nicht. "Vergiss es, Spencer Wallace. Mir scheint, du musst in diesem Nest höllisch auf deine Haut aufpassen?" Er nickte langsam. "Wer hat es auf dich abgesehen?"

"Wenn mich nicht alles täuscht, die Männer, an deren Stelle ich sieben Jahre lang im Knast gesessen habe." Wallace gab sich einen Ruck und erzählte seine Geschichte.

"Du weißt also nicht mehr über die Männer, als dass einer sich in deiner Stallung ausgekannt haben muss, und dass ein anderer eine Narbe in der Hüftgegend hat?", fragte Sue, als er geendet hatte.

Er nickte.

"Das ist verdammt wenig, Spencer Wallace." Sie legte eine Münze zwischen ihre Whiskygläser und stand auf. "Pass auf dich auf. Und wenn du mich suchst – ich wohne in dieser Spelunke. Frag den Wirt nach Suzanne Cohen."

Sie kramte in ihrer Handtasche herum. "Du hast neulich was bei mir vergessen." Sie legte eine Zehn-Dollar-Note auf den Tisch und rauschte in Richtung Treppe davon.


*


"Wir transportieren nur Briefpost, Mr. Goldsmith – es tut mir aufrichtig leid." Russell saß mit verschränkten Armen hinter seinem Schreibtisch.

"Jetzt vergessen Sie doch dies eine Mal Ihre Prinzipien, Mann!" Goldsmith tänzelte aufgeregt in Russells Büro auf und ab. "Es geht um meine Existenz!"

"Ich kann keine Ausnahme machen, wirklich nicht..."

"Bei allen Heiligen!" Goldsmith schlug die Hände über dem Kopf zusammen. "Selbst der Papst macht manchmal eine Ausnahme! Erklären Sie mir, warum Sie das Geld nicht transportieren wollen!" Er stützte sich auf Russells Schreibtisch auf und beäugte den Unternehmer mit grimmiger Miene.

"Es ist einfach zu schwer, Mr. Goldsmith."

"Zu schwer? Ich hör' wohl nicht recht!" Mit erstaunlicher Beweglichkeit drehte Goldsmith seinen kurzen dicken Körper einmal um sich selbst und riss dabei die Arme in die Luft. "Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Mr. Russell." Er zog sich einen Stuhl an den Schreibtisch und ließ sich daraufplumpsen. "Ich habe dreißig Arbeiter in meiner Mine beschäftigt. Die wollen von mir den Lohn der letzten vier Wochen. Jeder von ihnen bekommt zwanzig Dollar die Woche. Wieviel Dollar macht das insgesamt?"

Russell drehte die Augen zur Decke und überlegte. "Zweitausendvierhundert Dollar."

"Sehr gut, Russell!" Der Dicke schlug mit seiner fleischigen Faust auf den Schreibtisch. "Und dazu will ich ihnen den Lohn der laufenden Woche auszahlen – das sind noch einmal sechshundert Dollar. Macht zusammen...?!" Wie ein Dorfschullehrer stach sein Zeigefinger nach Russell.

"Ungefähr dreitausend Dollar...", lächelte der Unternehmer.

"Ganz genau!" Wieder ein Faustschlag auf die Tischplatte. "Und dreitausend Dollar in Hundert-Dollar-Noten sind nicht mehr als dreißig Scheine, Russell! Dreißig lächerliche Scheine! Verdammt noch mal, Russell, begreifen Sie das?!"

Russell rieb sich grübelnd seinen gepflegten Vollbart.

"Dreißig Scheine", fuhr Goldsmith unbeirrt fort. "Nicht mehr Papier als zehn Briefe, selbst wenn man die Verpackung mitrechnet! Zehn Briefe, Russell! Zehn Briefe nach Colorado!"

Russell rutschte unruhig auf seinem Schreibtischstuhl hin und her.

"Zehn Briefe...", murmelte er.

"Ich zahl' Ihnen vierzig Dollar für den Transport!"

"Fünfzig Dollar..." Schon schnellte ihm Goldsmiths ausgestreckte Hand entgegen. Russell schlug ein.

"Ich versuch' das Geld bis morgen Abend aufzutreiben!" Goldsmith drückte sich den Zylinder auf die Glatze und spurtete auf seinen kurzen Beinen aus der Pony-Express-Station.

"Aber ich nehme nur druckfrische Hundert-Dollar-Noten", rief ihm Russell hinterher. "Die sind noch nicht so schwer wie die abgegriffenen", murmelte er.


*


Die Nacht war kurz für ihn, und Wallace machte kein Auge zu. Ein Mühlrad schien in seinem Kopf zu rotieren. In allen Variationen rauschten die Szenen des vergangenen Abends auf seiner inneren Bühne vorbei – das Büffelgesicht dieses Kellys, Eddy Suckers rostige Stimme, der junge Bloomdale und sein Saufkumpan McMillan. Die Schüsse, der Lederbeutel und der Sheriff – und dazwischen immer wieder die Gesichter der beiden Frauen: Kate und Sue.

Wallace machte sich nichts vor: Ein paar Leute in Saint Joseph wollten ihn kaltstellen. Fragte sich nur, warum. Die vage Idee, dass es mit dem Bankraub vor sieben Jahren zu tun haben könnte, verdichtete sich zu einem Verdacht, den er nicht mehr aus seinen Hirnwindungen herausbekam.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang stand er auf. Er fühlte sich nicht, wie man sich fühlen sollte, wenn man einen Ritt von fast achtzig Meilen vor sich hatte.

Wallace zog sich an und lief durch die dunkle Stadt zur Pony-Express-Station. Sein Pferd war bereits gesattelt. Auch die prallgefüllte Mochila hing schon über dem Sattel. Er schwang auf das Pferd und preschte aus der Stadt.

Zwei Meilen nach der Stadtgrenze gabelte sich der Weg. Dort musste man abbiegen, wenn man zur Bloomdale-Ranch wollte. Es dämmerte noch nicht einmal – deswegen entdeckte Wallace den Reiter erst, kurz bevor er die Gabelung erreichte.

"Spence! Warte einen Moment!"

Er riss die Zügel an sich, die Stute bäumte sich auf und stand still. Die Umrisse eines Pferdes schälten sich aus der Dunkelheit – im Sattel saß Kate.

"Was war los gestern Abend im Saloon?"

"Ich habe keine Zeit, Kate", sagte Wallace. "Und glaub mir, wenn ich sie hätte, würde ich mir deinen Bruder und seine sauberen Freunde vorknöpfen."

Obwohl er wegen der Dunkelheit ihr Gesicht kaum sah, spürte er die Angst in ihrem Blick. "Rob...?"

"Ich werde ihn mir zur Brust nehmen, sobald ich zurück bin", blaffte Wallace. "Richte ihm das aus. Und frag ihn schon mal, wo er war – damals an dem Tag als die Bank in Kansas City überfallen wurde..."

"So etwas darfst du nicht sagen, Spence!", rief sie erschrocken. "Rob ist ein Taugenichts, aber niemals würde er eine Bank ausrauben! Er war noch nicht mal neunzehn Jahre alt damals!"

"Ich weiß nur, dass er und der junge McMillan mir geholfen haben, meine Stallung zu bauen. Und die scheckige Stute ließ sich von ihm ohne Sattel reiten..."

Er riss sein Pferd herum und galoppierte in das Morgengrauen.

"Spence!", schrie sie ihm hinterher. Er hörte nicht mehr.

Im fliegenden Galopp ging es erst durch die Wälder, dann durch das weite Grasland. Ein Gewitter braute sich zusammen, als er nach anderthalb Stunden die erste Station erreichte. Blitz und Donner begleiteten ihn bis zur dritten Station. Als er nach fast acht Stunden die vierte Station erreichte, rutschte er völlig erschöpft aus dem Sattel und übergab die Mochila seiner Ablösung. Bis auf die Knochen durchnässt wankte er in die Baracke mit den Schlafstellen.

Vom späten Nachmittag bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages schlief er durch. Es war dunkel, als er neben seinem gesattelten Pferd stand. Die Stute rieb ihre feuchten Nüstern an seiner Wange und schnaubte leise. Wallace streichelte sie – und sah die Blesse zwischen ihren Augen. Es war Lady Sue.

Er hörte die Hufschläge des herandonnerden Pferdes, bevor er Tier und Reiter sehen konnte.

Der Reiter warf ihm die Mochila zu.

"Auf geht's, Spence!", keuchte der Mann. "Und lass dir die Tasche nicht unter dem Arsch wegziehen! Da sind dreitausend Dollar für ein Bergwerk in Colorado drin...!"


*


Das Waldstück lag ungefähr fünfzig Meilen von Fort Kearney entfernt. Ein Hohlweg führte hindurch. An zwei Stellen kreuzte ein schmaler Nebenfluss des Platte River den Weg. Ungesicherte Holzbrücken führten an diesen Stellen über den von dichtem Laubwald zugewucherten Fluss.

Der Reiter, der den leicht abschüssigen Weg zu einer dieser Brücken heruntergaloppierte, schien es eilig zu haben.

"Er kommt!", brüllte er schon von weitem.

Genau wie der Reiter trugen die drei Männer auf der anderen Seite des Flusses graue Halstücher vor den Gesichtern.

"Es geht los", zischte einer von ihnen.

Zwei der Männer führten ihre Pferde ein paar Schritte in den Wald hinein. Dann kletterten sie links und rechts der Brücke auf zwei Eichen. Beide zogen das Ende eines Lassos mit auf den Baum hinauf.

Der dritte Mann lief über die Brücke, dem Reiter entgegen. Sie warfen sich am Wegrand ins Unterholz und luden ihre Gewehre durch. Hufschlag näherte sich...


*


Lady Sue hatte einen besonders guten Tag. Sie galoppierte so leichtfüßig wie selten. Als ob sie es genießen würde, von Wallace geritten zu werden.

"Brave Lady!", rief er von Zeit zu Zeit und klopfte ihr auf den Hals.

Der Wald war fast durchquert, die nächste Station lag keine acht Meilen entfernt. Seine letzte für diesen Tag.

Das Gelände neigte sich ein wenig, der Weg wurde leicht abschüssig, Lady Sue legte noch an Geschwindigkeit zu. Die Brücke über den Fluss rückte in Wallace' Blickfeld – kurze, zusammengenagelte Baumstämme. Wie ein Trommelwirbel hörte es sich an, als die Hufe der Stute über das Holz donnerten.

Das Seil schien aus dem Nichts zu kommen. Plötzlich spannte es sich vor Wallace über den Weg. Instinktiv wollte er die Zügel zu sich reißen – aber das Seil schlug ihm die Arme nach hinten weg, als er dagegenritt. Er klammerte sich für Sekunden an dem Seil fest, und schlug dann auf der Brücke auf.

Lady Sue wieherte erschrocken, bremste ihren Galopp und bäumte sich etwa hundert Schritte von der Brücke entfernt auf. Zwei maskierte Männer auf Pferden brachen aus dem Wald. Einer griff nach ihren Zügeln. Der zweite zielte mit einem Revolver auf Wallace.

Wie von selbst glitt der Colt-Navy in seine Hand. Schüsse peitschten durch den Wald. Holzsplitter spritzten ihm ins Gesicht.

Fast zu spät merkte er, dass er auch von hinten beschossen wurde. Blitzschnell rollte er sich ab und stürzte etwa eine Pferdehöhe tief in den Fluss hinab.

Der war flach, und es gelang Wallace irgendwie, den Colt über Wasser zu halten. Er kletterte die Böschung hinauf – doch die beiden Reiter und sein Pferd waren längst hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden.

Ein Schuss explodierte und sprengte nicht weit von ihm ein Stück Gestein aus der felsigen Böschung. Wallace erwiderte das Feuer nicht – es gab kein Ziel, das er anvisieren konnte. Seine Gegner lagen irgendwo am Wegrand im Unterholz in Deckung. Und er hatte nur zwölf Schuss zur Verfügung.

Er watete ans andere Ufer, kletterte dort die Böschung hinauf und robbte durch das Gestrüpp in den Wald hinein. Doch bevor er die Schützen ausmachen konnte, hörte er plötzlich Äste brechen und Laub rascheln. Für kurze Zeit sah er die Schatten zweier Pferde zwischen den Baumstämmen dahinfliegen. Er jagte ihnen aufs Geratewohl drei Schüsse hinterher. Aus verzweifelter Wut und ohne Hoffnung zu treffen.

Später schleppte er sich den Waldweg hinunter. Die Verletzungen durch den Sturz vom Pferd und in den Fluss waren kaum der Rede wert – ein paar Schürwunden, ein paar schmerzhafte Prellungen, weiter nichts. Er hätte sich genauso gut den Hals brechen können.

Aber der Schock saß tief. Jedes Gefühl in Wallace schien abgestorben und sein Brustkorb mit Steinen ausgefüllt zu sein.

Dreitausend Dollar – einfach weg. Sein Hirn weigerte sich, es zu begreifen.

Eine halbe Stunde stolperte er den Hohlweg entlang, seinen Colt mit gespanntem Hahn in der Rechten. Bleiern fühlten sich seine Beine an.

Am Waldrand fand er Lady Sue. Mit dem Hinterteil lag sie im niedrigen Gras, die Vorderläufe stützte sie in den Boden und versuchte sich aufzurichten. Und immer wieder fiel ihr Hinterteil seitlich ins Gras. Sie warf den Kopf hoch und wieherte kläglich, als sie Wallace entdeckte.

Wie vom Donner gerührt blieb er stehen. Er sah die jämmerlichen Bemühungen des Tieres, sich aus dem Gras zu erheben – und wusste sofort, was die Stunde geschlagen hatte.

"Ihr Schweine", zischte er.

Sein Verdacht bestätigte sich in grausamster Weise: Sie hatten der Stute die Sehnen beider Hinterläufe durchgeschnitten.

"Ihr gottverdammten Schweine", flüsterte er. "Und wenn ich in die Hölle hinabsteigen muss – ich werde euch kriegen."

Er ging vor dem Tier in die Hocke. Der Zorn trieb ihm die Tränen in die Augen. Und die Trauer. Zärtlich streichelte er Kehle und Nüstern der Stute. "Danke für alles, Lady Sue."

Er stand auf, stellte sich hinter das Pferd und schoss ihm in den Schädel....


*


Vier Tage später. Der Chef des Pony-Express stand vor dem Eingang des "Green Water Billard Rooms". Gelächter, Stimmen und Gläserklirren klangen aus dem erleuchteten Saloon.

Russell zog seine Hände, die schon auf den Flügeln der Schwingtür lagen, zurück und lockerte den Knoten seines Halsbinders. Ein paar Mal holte er Luft, räusperte sich und zog dann endlich die Flügel der Tür auf.

Niemand beachtete ihn, während er durch die Tische schritt und sein Blick über die Männerköpfe an der Theke wanderte. Er war noch nie zuvor im "Green Water Billard Room", sonst hätte er gewusst, welcher Barhocker William Goldsmiths Stammplatz war.

Schließlich entdeckte er den Zylinder des gedrungenen Mannes. Mit steifen Knien stelzte er zu ihm. Goldsmith nuckelte an einer Zigarre, plauderte mit dem Sheriff und schien bester Laune zu sein.

"Verzeihen Sie, Mr. Goldsmith...", sprach er ihn an.

"Hey, Russell!" Goldsmith schlug ihm auf die Schulter. "Trauen Sie sich auch mal in den Sündenpfuhl hier?", grinste er. "Irgendwann tut man alles zum ersten Mal, stimmt's, Glenn? Na, setzen Sie sich schon, ich geb' einen aus!"

Russell räusperte sich. "Ich hab' eine schlechte Nachricht für Sie, Mr. Goldsmith", sagte er heiser.

Goldsmith nahm die Zigarre aus dem Mund. Aus schmalen Augen sah er Russell an.

"Einer unserer Reiter ist überfallen worden. Man hat ihr Geld geraubt..."

Goldsmiths Unterkiefer sank langsam nach unten. Mit weit aufgerissenem Mund starrte er Russell an. Als würde das, was er zu sagen hatte, nicht durch seinen Hals passen. Die Gespräche rechts und links verstummten.

Plötzlich sprang Goldsmith vom Barhocker und packte Russell am Kragen. "Sofort sagen Sie, dass das nicht wahr ist!" Er schüttelte ihn. "Los! Sagen Sie es!" Seine Stimme überschlug sich.

Der Sheriff trennte die Männer. Während einige Gäste den tobenden Goldsmith bändigten, führte Powell den Chef des Pony-Express aus dem Saloon.

"Wann ist das geschehen?", wollte er wissen.

"Vor drei Tagen." Russell zog ein weißes Taschentuch aus seiner Anzugjacke und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. "Keine fünfzig Meilen südlich von Fort Kearney. Sie waren zu viert."

"Hat das der überfallene Reiter ausgesagt?"

Russell nickte.

"Kenn' ich ihn?", bohrte der Sheriff weiter.

"Ja, Sie kennen ihn – Spencer Wallace."

Der Sheriff zog die Brauen hoch. Dann zog er eine Zigarette aus der Hemdtasche und zündete sie an. "Sie wissen, dass Wallace sieben Jahre wegen Bankraubes gesessen hat."

Russell seufzte tief. Wieder wischte er sich mit dem Tuch über die Stirn. "Ja, Mr. Powell – ich weiß es..."


*


Kate sah ihn vom Fenster aus in den Hof der Ranch reiten. Sie stürzte aus der Tür hinaus auf die Veranda. "Spence!" Über den halben Hof lief sie ihm entgegen. "Spence!" Er stieg vom Pferd, und sie schlang ihre Arme um ihren Hals. "Ich dachte schon, die Kerle hätten dich erschossen!"

"Ich hab' Glück gehabt", sagte Wallace mit tonloser Stimme.

"Es gab so viele Gerüchte, weißt du? Ich hatte solche Angst um dich..."

"Russell hat mich ausgezahlt."

Sie machte ein ungläubiges Gesicht. "Ausgezahlt? Was soll das heißen?"

"Ich hab' ihn noch nicht fragen können", knurrte Wallace. "Es klingt nach Rausschmiss. Hast du in Saint Joseph nichts gehört?"

"Ich war schon eine Woche nicht mehr dort."

"Und eure Cowboys?" Sie merkte, dass seine Stimme vorsichtig klang. Misstrauen blitzte in seinen Augen.

"Die sind fast alle mit Rob in Kansas City. Sie verladen dort eine Viehherde für New Orleans. Heute oder morgen kommen sie zurück."

"Und seit wann sind sie in Kansas City?"

"Seit mehr als einer Woche", sie stutzte. "Warum fragst du, Spence? Du glaubst doch nicht etwa, dass unsere Cowboys..."

Er winkte energisch ab. "Ich glaub' gar nichts, Kate! Nichts glaub' ich mehr." Er stieg wieder aufs Pferd. "Ich reite jetzt nach Saint Joseph und spreche mit Russell. Irgendwas braut sich dort zusammen."

"Ich werde dich begleiten." Diesmal verzichtete sie auf Kleid und Hütchen. In Reithosen und weiter Lederjacke schwang sie sich aufs Pferd. Seite an Seite ritten sie nach Saint Joseph.

Russell zeigte sich zugeknöpft. Kein Augenzwinkern mehr in Richtung Kate, keine lüsternen Blicke. Er gab sich kühl und geschäftlich.

"Verstehen Sie es als vorläufige Beurlaubung, Wallace", sagte er.

"Vorläufig?", knurrte Wallace.

"Bis der Fall aufgeklärt ist." Mehr sagte er nicht, aber Wallace verstand. O ja – er verstand sogar sehr gut.

Grußlos verließen sie das Büro der Pony-Express-Station. Im "Green Water Billard Room" saßen nur ein paar Durchreisende an den Tischen. Am einen Ende der Theke erkannte Wallace den Postkutschenbegleitschutz. Eddy Sucker musterte ihn kalt.

Am anderen Ende der Theke, auf seinem Stammplatz, saß William Goldsmith. Kate und Wallace gingen zu ihm und setzten sich auf die freien Barhocker neben ihn.

Der Geschäftsmann war vollkommen betrunken. Aus geröteten Augen sah er Wallace an. Sein Blick war apathisch.

"Ich kann nichts dafür, Will", sagte Wallace leise. "Sie haben mich ins Messer laufen lassen." Fast körperlich spürte er den lauernden Blick Suckers.

"Nichts mehr zu ändern, Spence", lallte Goldsmith. "Ich bin fertig. Das Geld ist futsch, meine Arbeiter, meine Minenwächter – längst über alle Berge..." Er griff nach seinem Whiskyglas und nahm einen Schluck

Wallace bemerkte, dass Goldsmith sich seit Tagen nicht mehr rasiert hatte. Er stank nach altem Schweiß. Sein Frack war fleckig. "Wahrscheinlich haben sich schon irgendwelche Banditen über meine Mine hergemacht...", krächzte er.

"Hör auf zu trinken, Will!" Wallace schüttelte ihn. "Wir reiten nach Colorado. Wir heuern ein paar Männer an und schauen nach dem Rechten..."

Sein Blick traf sich mit dem Suckers. "Was glotzt du mich so an, Eddy?" Er ließ Goldsmith los und näherte sich Sucker. "Wo warst du in den letzten fünf Tagen?" Suckers kalte Augen zuckten nicht mal. "Ich will wissen, wo du warst, verdammt noch mal bist du schwerhörig?!" Wie ein sprungbereiter Puma stand er neben der Theke. Seine Rechte schwebte über seinem Gürtelholster.

"Lass das, Spence." Kate tauchte neben ihm auf und umklammerte seinen Arm. "Das hat doch keinen Sinn..."

"Er hat eine Postkutsche nach Fort Laramie begleitet!", kam die laute Stimme des Sheriffs vom Eingang her. Wallace fuhr herum. Zwei Männer tauchten hinter Powell im Türrahmen auf. Einer trug den Stern eines City-Marshals.

"Und wo du warst, pfeifen schon die Spatzen von den Dächern der Stadt!" Powells Stimme klang kalt und hart. "Du warst mit dreitausend Dollar in einem Wald südlich von Fort Kearney unterwegs. Und seitdem fehlen die dreitausend Dollar!"

Wallace hörte, wie Kate erschrocken nach Luft schnappte, er hörte, wie Goldsmith rülpste, und er hörte, wie Sucker hinter ihm vom Barhocker rutschte und den Hahn seines Revolvers spannte.

Plötzlich fühlte er sich um siebeneinhalb Jahre zurückversetzt. Bis zu jener Nacht, als Powell mit seinen Leuten sein Haus umzingelte und er vergeblich versucht hatte, sich den Weg freizuschießen.

Er unterdrückte den Impuls, seinen Colt zu ziehen. Du hast nichts zu befürchten, versuchte er sich zu beruhigen. Diesmal können sie dir nichts anhaben...

Der Marshal stand auf einmal vor ihm.

"Los, Wallace!", herrschte er ihn an. "Wir wollen Ihr Hotelzimmer sehen!" Ehe er sich versah, war Wallace seinen Revolver los.

"Glenn!", rief Kate. "Das ist doch Wahnsinn!"

Der Sheriff speiste sie mit einem kalten Lächeln ab. "Du solltest dir deine Freunde sorgfältiger aussuchen..."

Der zweite Begleiter entpuppte sich als Assistent des Marshals. Er hielt einen Coltkarabiner im Anschlag. Was blieb Wallace übrig? Sie waren bewaffnet. Sie waren zu viert. Und sie hatten das Gesetz auf ihrer Seite.

Alle drei Männer gingen hinter ihm, als er sie zu dem kleinen Hotel führte, in dem Kate ihm ein Zimmer gemietet hatte. Sie lief neben ihm und hielt die ganze Zeit seinen Arm fest. Wallace platzte fast vor Wut. Aber er schwieg verbissen.

Die Leute auf der Straße und auf dem Bürgersteig blieben stehen und sahen ihnen nach. Plötzlich entdeckte er Sue. Sie stand vor dem Schaufenster des Schneiders von Saint Joseph. Für Sekunden begegneten sich ihre Blicke. Wallace registrierte, wie sie vom Bürgersteig herunterstieg. Ein paar Minuten später, als sie die Vortreppe zu seinem Hotel erklommen, sah er sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie war ihnen gefolgt.

Wallace stieg die schmale Treppe hinauf und schloss seine Zimmertür auf. Marshal und Hilfsmarshal drängten sich an ihm vorbei und begannen sofort Schrank, Tischschubladen und Bett zu durchsuchen. Wallaces beobachtete sie mit zusammengebissenen Zähnen. Hinter sich spürte er die Nähe des Sheriffs.

"Glenn, du kannst doch nicht im Ernst glauben, dass Spence das Geld geraubt hat..." Kates Stimme klang flehend. Wallace ertrug es kaum noch.

Der Assistent des Marshals hob die Matratze.

"Na also...", grinste er.

Zwei Schritte, und Wallace stand neben ihm. Das Bett, die Matratze, das Geld auf dem Bretterrost – alles verschwamm vor seinen Augen. Der Boden unter seinen Füßen schien zu wanken.

"Druckfrische Hundert-Dollar-Scheine", sagte der Marshal und griff nach dem Geld. "Genau zehn Stück. Tausend Dollar." Er hielt es sich unter die Nase und schnüffelte daran. "Riecht nach Öltuch..."

Ein Revolverhahn klickte. Der Lauf einer Waffe bohrte sich in Wallace' Rücken. "Los, Wallace." Die Stimme des Sheriffs. "Gehen wir."

Kate starrte ihre Stiefelspitzen an, als Wallace an ihr vorbeitaumelte. Ihre Gesichtshaut hatte die Farbe verbrannten Kerzenwachses angenommen.

Unten, auf der Straße, wartete Sue vor dem Hoteleingang. "Was ist los, Spencer Wallace?"

"Sieh selbst", krächzte er.

Während er von Powells Revolverlauf angetrieben die Straße hinunterging, verflog der erste Schock. Und machte kaltem Hass Platz.

"Hör zu, Powell." Wallace wandte den Kopf. Er sah nur die Hutkrempe des Sheriffs hinter sich. "Wenn du auch nur das Geringste mit dieser Schweinerei zu tun hast, wirst du von deinem Office auf den Friedhof umziehen. Das schwör' ich dir..."

Glenn Powell antwortete nicht – er stieß nur ein kurzes heiseres Lachen aus. Es klang höhnisch und gehässig.


*


Die Verhaftung Spencer Wallace' war innerhalb weniger Stunden das Stadtgespräch. An allen Tischen des "Green Water Billard Rooms" zerrissen sich die Bürger von Saint Joseph die Mäuler über den gescheiterten Coup des kleinen blonden Pony-Express-Reiters.

Auch die Männer rechts und links neben Sue am Tresen sprachen über nichts anders. So erfuhr sie nach und nach, was geschehen war.

"Wallace hat schon einmal ein Ding gedreht. Wisst ihr noch? Die Sache mit der Traffic Pacific Bank vor sieben Jahren", hörte sie einen Mann neben sich sagen.

Suzanne Cohen gehörte nicht zu den Frauen, die an das Gute im Menschen oder an ähnliche Märchen glaubte. Dazu hatte das Leben ihr nie einen Anlass gegeben. Sie traute grundsätzlich jedem alles zu. Und dass jemand mit dreitausend Dollar unterwegs war und nicht widerstehen konnte, schien ihr nicht einmal besonders verwerflich zu sein.

Kurz und gut: Es hätte sie nicht gewundert, wenn Spencer Wallace tatsächlich das Geld geraubt hätte.

Aber die Szene, als der Betrunkene Wallace seinen Geldsack in die Tasche geschmuggelt hatte, wollte ihr nicht aus dem Kopf. Und wie er ihn dann erschießen wollte... als hätte er es darauf angelegt gehabt.

Sie versuchte sich vorzustellen, was passiert wäre, hätte sie diesem jungen schwarzhaarigen Burschen nicht widersprochen, der behauptete, dass Wallace zuerst geschossen hatte. Der Sheriff hätte Wallace eingebuchtet, ohne Zweifel.

Und dann die Sache mit dem Banküberfall vor sieben Jahren... Sue hatte unzählige Männer kennengelernt. Berufsbedingt sozusagen. Niemand konnte ihr so schnell etwas vormachen – sie merkte schnell, ob einer die Wahrheit sagte oder mit gezinkten Karten spielte.

Spencer Wallace mochte gelogen haben, als er behauptete, nicht verheiratet zu sein. Aber er was er ihr über den Banküberfall erzählt hatte, das war die Wahrheit gewesen. Darauf hätte Sue mehr als nur zehn Dollar gewettet.

Solche Gedanken gingen ihr durch ihren hübschen Kopf, während sie am Abend nach Wallace' Verhaftung am Tresen des "Green Water Billard Rooms" hockte und stundenlang an einem einzigen Whisky nippte. Und je länger sie über alles nachdachte, desto überzeugter wurde sie, dass in diesem merkwürdigen Nest etwas vollkommen schräg lief.

Es war bereits stockdunkel, als eine Menge Männer lautstark in den Saloon einfielen. Cowboys. Sue erkannte jenen Schwarzhaarigen unter ihnen, der neulich behauptet hatte, Wallace hätte zuerst geschossen. "Rob" nannten sie ihn. Er schien so eine Art Anführer der Horde zu sein.

Kaum schwang die Tür hinter ihm zu, erspähte er sie am Tresen. Und keine fünf Minuten später drängte er sich zwischen sie und den Mann, der neben ihr saß.

"Ich geb' einen aus, Süße – wie findest du das?" Er roch nach Whisky.

"Selbstverständlich", sagte sie.

"Nachdem, was du hier neulich abgezogen hast, wäre eine Tracht Prügel selbstverständlich." Er bestellte zwei Whisky. "Du kannst Rob zu mir sagen."

"Und du kannst den Whisky allein trinken." Sie rutschte vom Barhocker. Verdutzt sah er sie an. Sue ließ ihn stehen und verließ den Saloon. Er kam hinter ihr hergelaufen.

"War nicht so gemeint!", rief er. Dann war er neben ihr. "Du hast eben was anderes gesehen als ich, kommt doch vor, so was, oder? Wo gehen wir übrigens hin?"

"Ich gehe in mein Hotelzimmer", sagte Sue kühl.

"Ich habe da was gehört." Er grinste. "Ich habe gehört, du würdest es für Geld machen..."

Sie spielte die Überraschte und schnalzte mit der Zunge. "Was nicht alles geredet wird in diesem Nest..."

"Wie viel nimmst du – fünf Dollar, zehn Dollar?" Sie lachte ihn aus. Doch er ließ nicht locker. "Zwanzig? Fünfundzwanzig? Doch nicht soviel!?"

Sie blieb stehen und blickte ihm ins Gesicht. "Du kannst mich nicht bezahlen – ich koste fünfzig Dollar."

Die Kinnlade fiel ihm herunter. Sie ließ ihn stehen und ging in ihr Hotel.

Keine zehn Minuten war sie in ihrem Zimmer, da klopfte es an der Tür. Der schwarzhaarige Bursche stand auf dem Gang und streckte ihr eine Hundert-Dollar-Note entgegen. "Kannst du rausgeben?" Er drängte sich durch die Tür, und ehe sie sich versah, saß er auf ihrem Bett. "Zieh dich aus."

Ihr Blick flog zwischen dem Hundert-Dollar-Schein auf dem Tisch und dem Mann auf dem Bett hin und her. Sie konnte sich nicht helfen, aber der Kerl gefiel ihr nicht. "Ich kann nicht rausgeben."

"Dann betrachte es als Vorauszahlung", grinste Rob. "Zieh dich aus."

Ein kalter Schauer kroch über Sues Rücken. Der Hafen von Baltimore tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Das dunkle Zimmer, die groben Männer. Mehr als fünfzehn Jahre lagen diese schrecklichen Tage zurück. Und waren manchmal doch so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen. Jetzt zum Beispiel. Ihre Nackenhaare richteten sich auf.

"Ich bin wählerisch, was meine Kunden betrifft", sagte sie heiser.

"Du bist wählerisch, was ihre Brieftasche betrifft." Rob zog seinen Revolver und spannte den Hahn. "Fünfzig Dollar hast du gesagt." Er machte eine Kopfbewegung zum Tisch. "Dort liegen hundert. Und jetzt genug gequatscht – zieh dich aus!"

Sue riss ihre Augen von der Waffe los. Sie atmete ein paar Mal tief durch, um den Schreck zu verdauen. Dann begann sie ihr Kleid aufzuknöpfen. Sie streifte es über ihre Schultern, hielt es einen Augenblick über ihrem Mieder fest und ließ es dann los. Es fiel auf ihre Schnürstiefel herab.

"Na also", grinste Rob. Er stand auf und legte den gespannten Revolver auf den Tisch neben den Hunderter. "Weiter!" Er riss sich die Weste herunter und zog sein Hemd über den Kopf. Mit nacktem Oberkörper stand er vor ihr. "Nun mach schon." Gierig flackerte sein Blick über ihre in Netzstrümpfen steckenden Beine, ihre Höschen, ihren nackten Bauch und den prallen Busen.

Sue löste das Mieder und streifte es ab. Robs Augen wurden groß und starr, als er ihre vollen Brüste sah. "Bei allen Teufeln...!", krächzte er. "Was trägst du denn da Schönes mit dir herum...?"

Er trat auf sie zu und griff nach ihren Brüsten. Als wollte er ihr Gewicht prüfen, hob er sie hoch und wog sie in seinen Händen.

"Da kriegt der kleine Rob aber einen Bärenhunger", flüsterte er. Er presste ihre Brüste zusammen. Ihr Rücken wurde steif. So nah zerrte er sie zu sich heran, dass sie seinen Whiskyatem roch. "Und jetzt mach meine Hose auf..."

Mit steifen Fingern löste Sue seinen Gürtel und die Knöpfe seines Hosenschlitzes. Sie spürte die harte Ausbuchtung in seiner Unterhose.

Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Zwei flinke Handgriffe, und seine Stiefel flogen neben das Bett, Hose und Unterhose hinterher. Er richtete sich auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. Völlig nackt stand er vor ihr. Sein Schwanz ragte steif und groß aus dem schwarzen Gestrüpp seines Schamhaares. Er wippte auf und ab. Sue starrte auf seine Hüften.

"Ziemlich großer Spieß, was?", grinste Rob. "Eigentlich müsstest du mir was bezahlen."

Sue konnte den Blick nicht von seiner Hüfte losreißen. Eine dunkle Narbe zog sich vom linken Hüftknochen fast bis zu seiner Leiste hinunter. "Weißt du was, Rob?", sagte sie leise. "Du bist weiter nichts als ein stinkender Kotzbrocken..."

Das Grinsen fiel ihm aus dem Gesicht. Er duckte sich, um sich auf sie zu stürzen. Blitzschnell trat Sue ihm zwischen die Beine. Er schaffte es nicht einmal, dem Tritt auszuweichen – Whisky und Geilheit lähmten seine Reaktionsfähigkeit. Er krümmte sich stöhnend und fiel zuckend zur Seite.

Sue stand schon am Tisch. Den Kolben mit beiden Händen umklammert, richtete sie den Revolver auf ihn. "Pack deine Sachen zusammen und zieh ab!", zischte sie.

Er hob den Kopf. Sein Atem ging rasselnd und schnell. Hass brannte in seinen Augen.

"Glaub mir, Rob..." Sue hob die Waffe. "In meinem Job benutzt man so ein Ding vielleicht genauso oft wie in deinem. Du kannst es drauf ankommen lassen, wenn du willst. Aber dann war das dein letzter Abend...!"

Er ließ es nicht darauf ankommen. Stöhnend vor Schmerz raffte er Kleider und Stiefel zusammen und zog sich an. Sue knüllte den Geldschein zusammen und warf ihn Rob vor die Füße. "Vergiss deine hundert Dollar nicht."

Er bückte sich nach dem Geldschein. Zögernd blickte er auf den Revolver in ihren Fäusten.

"Der bleibt bei mir", sagte Sue. "Betrachte es als Schmerzensgeld. Wag dich künftig näher als zehn Schritte an mich heran, und du stirbst an Kugeln, die du selbst bezahlt hast."

Rückwärts wich er zur Tür. Seine Lippen waren nur noch blutleere Striche. Seine Kaumuskulatur bebte.

"Glaub mir", flüsterte er, "die Rechnung kannst du nicht bezahlen..." Dann huschte er aus der Tür.


*


Es war dunkel. Und Wallace sah nur die dunklen Umrisse des massigen Burschen zwei Zellen weiter. Der Mann stand an der Gitterwand und lauschte zu Wallace herüber. "Schläfst du?"

Seit fast fünf Stunden lag Wallace auf der Zellenpritsche und starrte an die Decke. "Nein." Noch kein einziges Wort hatten sie bisher gewechselt. Den Namen des anderen Gefangenen kannte er durch Will Goldsmith.

"Haben sie dich also doch gekriegt", brummte Jefferson Kelly. Wallace antwortete nicht. "Sorry wegen der Sachen neulich Abend im Saloon. War weiter nichts als ein großer Haufen Bullshit."

Wallace horchte auf. "Warum wolltest du mich töten?"

"Glaub mir, Wallace – ich hab' nichts gegen dich persönlich. Kenn' dich ja nicht mal. Aber das Hemd ist einem nun mal näher als die Jacke."

Wallace schwang sich von der Pritsche und trat an die Gitterwand. Durch eine leere Zelle getrennt, standen sie sich gegenüber. "Wie meinst du das?"

"Dieser Höllenhund von Sheriff hatte falsche Zeugenaussagen gegen mich in der Hand. Er hat mir den Strick in Aussicht gestellt. Nicht schön vom ihm, was?" Er stieß ein tiefes, galliges Lachen aus. "Wenn ich dich erledigt hätte, wär' ich jetzt ein freier Mann. Aber du warst einfach zu schnell..."

Wallace Finger verkrampften sich um die kalten Gitterstäbe.

"Was sagst du da?", flüsterte er. "Powell wollte, dass du mich tötest...?"

"So ist es, Wallace. Es gibt in diesem Nest ein paar Leute, die mächtig Angst vor dir haben..."

"Wirst du diese Geschichte auch dem Richter erzählen?"

"Darüber zerbreche ich mir schon seit Tagen den Kopf. Vielleicht werd' ich's tun..."

"Es ist unsere einzige Chance, Powell die Maske vom Gesicht zu reißen." Wallace schöpfte Hoffnung – wenn das stimmte, was Virginia-Jeff da erzählte, dann steckte der Sheriff mit den Männern, die ihn überfallen hatten, unter einer Decke! Und nicht nur das...

Eine Türangel quietschte. Flackerndes Licht fiel vom Office in den Zellentrakt. Holzdielen knarrten unter Stiefelschritten.

"Na? Kleine Plauderei?" Powells Gestalt erschien vor den Zellen. In der Rechten hielt er eine Petroleumlampe. Ihr flackernder Schein fiel auf sein Gesicht. Wallace sah sein kaltes Grinsen – und plötzlich begriff er.

Der Sheriff schloss seine Zelle auf und stellte ihm einen Krug Wasser auf den Zellenboden. "Sollst hier nicht verdursten." Er schloss wieder ab. "Morgen früh holen sie euch ab. Dann geht's nach Kansas City. Da sind die Zellen nicht ganz so groß, aber dafür hat man seine Ruhe. Aber wem erzähl' ich das..."

Er schloss Kellys Zelle mit einem einzelnen Schlüssel auf und stellte auch ihm einen Krug Wasser hin. Er schloss zu und ließ den Schlüssel stecken.

"Gruß von Kate, übrigens", wandte er sich wieder an Wallace. "Sie wollte nach dir schauen. Ich hab' ihr gesagt, dass das nicht nötig ist. Dir geht's doch gut, oder?"

"Du Schwein...", zischte Wallace ohnmächtig vor Wut.

Powell zog ab, die Tür schloss sich, es war wieder dunkel.

"Ich bring' ihn um..." Wallace war außer sich. "Ich werd' dich töten, Powell!", schrie er. Schritte auf der Straße vor dem Zellenfenster. Wallace schob die Pritsche unter das Fenster, stieg hinauf und hängte sich an die Metallstäbe des Fensters. Powell überquerte die Straße und schlenderte Richtung Saloon. "Ich werd' dich töten, du Schwein!"

"Hör auf!", knurrte Kelly. "Sie werden dir das vor Gericht aufs Butterbrot streichen!"

Wallace ließ sich an der kalten Wand auf seine Pritsche hinuntergleiten. Keuchend blieb er liegen.

"Er hat den Schlüssel an deiner Zellentür stecken lassen...", krächzte er.

"Waas?!" Er hörte, wie Kelly an seiner Tür herumfummelte. "Tatsächlich!" Die Tür scharrte über den Holzboden.

Der hünenhafte Schatten Kellys tauchte vor Wallace' Zelle auf.

"Vielleicht hat er die restlichen Zellenschlüssel im Office", flüsterte Kelly. Er war ganz aus dem Häuschen. "Dann hol' ich dich raus."

"Vorsicht, Jeff – das ist ein Trick. Sie brauchen einen Grund, um mich zu erschießen..."

"Ich passe schon auf!" Jefferson Kelly schlich über den kurzen Gang des Zellentraktes zum Office. Wallace hörte, wie er die Tür öffnete. Und kurz darauf wurden Schubladen aufgezogen. Alle Fasern seines Körpers spannten sich an, während er durch die Dunkelheit in Richtung Office starrte.

Dann der Blitz eines Mündungsfeuers! Ein Schuss explodierte, ein schwerer Körper schlug dumpf auf dem Holzboden auf. Licht flammte auf. Powell erschien im Türrahmen zum Office.

"Fluchtversuch", grinste er. "Schade. Er hätte dem Gericht sicher ein paar spannende Storys erzählen können." Er zuckte mit den Schultern. "Kann man nichts machen. Lass es dir eine Warnung sein, Spence."

Er hatte die Tür schon halb geschlossen, als sein Kopf noch einmal im Türspalt erschien. "Übrigens, mach dir keine Sorgen um Kate – ich werd' mich um sie kümmern. Irgendwann braucht sie einen starken Mann auf der Bloomdale-Ranch. Du weißt ja, wie das mit Rob aussieht. Schade, dass du nicht zu unserer Hochzeit kommen kannst..."

Stundenlang schrie Wallace seinen verzweifelten Zorn zum Zellenfenster hinaus. Niemand schien ihn zu hören.

Am nächsten Morgen holte ihn der City-Marshal von Kansas City ab und brachte ihn in das Gefängnis im alten Fort, außerhalb der Stadt...


*


Kate fand den Sheriff in seinem Schaukelstuhl vor dem Office sitzend. Er hatte sich den Hut ins Gesicht gezogen und döste vor sich hin. Wie ein Mann, der einen schweren Arbeitstag hinter sich hat. Dabei stand die Sonne noch nicht einmal im Zenit.

Als sie ihr Pferd festband, wachte er auf. "Hey, Kate – so oft wie in den letzten vierundzwanzig Stunden hast du mich die ganzen letzten Wochen nicht besucht..." Er grinste und streckte sich. "Hab' 'ne anstrengende Nacht hinter mir."

Sie stieg die Vortreppe hinauf. Ihr Gesicht war blass.

"Was ist passiert, Glenn?", flüsterte sie. Sie schien außer sich zu sein. "Die Cowboys erzählen, einer der Gefangenen wollte fliehen."

"Wollte, ja – der Totengräber beschäftigt sich bereits mit ihm."

Sie schlug beide Hände vor den Mund. "Spence...?"

"Nein", sagte er knapp. Das "Leider" lag ihm auf der Zunge. Er war klug genug, es herunterzuschlucken.

"Lass mich endlich zu ihm."

"Dann musst du nach Kansas City fahren."

"Er ist wieder im Gefängnis...?"

"Hör zu, Kate." Powell stand auf und griff nach ihrer Hand. "Du hast dich in Wallace getäuscht. Sie werden ihm den Prozess machen, und du wirst ihn vergessen..."

Sie riss sich los von ihm. "Du weißt genau, dass ich mich nicht in ihm getäuscht habe!" Zornig blitzte sie ihn an. "Wer hat das Geld in sein Bett geschmuggelt?"

Seine Gesichtszüge verhärteten sich. "Denke nach, bevor du den Mund aufmachst! Du sprichst mit einem Sheriff!"

"Ich weiß, mit wem ich spreche! Hat Rob mit der Sache zu tun?!"

"Mit welcher Sache?" Er wandte sich ab und ging auf den offenen Eingang seines Office zu. "Du bist eine Bloomdale – und deswegen werde ich dieses Gespräch aus meinem Gedächtnis streichen. Und das gleiche rate ich dir auch."

Kate band ihr Pferd los und stieg in den Sattel. Sie spürte die Blicke in ihrem Nacken und drehte sich um. Auf der anderen Straßenseite stand die blonde Frau. Gestern nach seiner Verhaftung hatte sie Spence angesprochen. Einfach so, als wäre sie eine alte Bekannte von ihm. Kate riss ihr Pferd herum und lenkte es zu der Frau.

"Warum beobachten Sie mich?"

"Ich beobachte das Gefängnis. Was ist mit Spencer Wallace?"

"Sie haben ihn nach Kansas City gebracht", sagte Kate kühl. "Was haben Sie mit ihm zu schaffen?", herrschte sie dann die Blonde an. "Wer sind Sie?"

"Suzanne Cohen. Mr. Wallace und ich kennen uns eben."

Aus schmalen Augen blitzte Kate die Frau an. "Suzanne Cohen...", murmelte sie. Die graue Stute mit der Blesse auf der Stirn kam ihr in den Sinn. "Lady Sue" hatte Spencer sie genannt...

Sie hieb ihrem Pferd die Sporen in die Flanken. In gestrecktem Galopp jagte sie aus Saint Joseph.

Nicht einmal eine Stunde später jagte sie unter dem Büffelkopf des Torbogens über dem Eingang der Bloomdale-Ranch durch. Ihr Vater döste unter dem Vordach des Hauptgebäudes auf seiner Eichenbank.

Er riss die Augen auf, als ihre schweren Stiefel die Vortreppe hochpolterten. "Kate? Was ist los mit dir?" Der alte Bloomdale bemerkte sofort, dass seine Tochter sich in höchster Erregung befand.

"Nichts", blaffte sie. "Ist jemand im Haus?"

"Rob und die Jungs sind auf den Weiden."

Verblüfft sah er sie ins Haus stürmen. Kate nahm zwei Stufen auf einmal, als sie die Treppe hochlief. Robs Zimmer war nicht abgeschlossen. Sie krempelte es vollständig um – räumte die Schränke aus, schüttete den Inhalt der Schubladen auf dem Boden aus, riss das Bettzeug auseinander.

Sie fand Mengen von leeren Whiskyflaschen, sie fand Zeichnungen nackter Frauen, sogar Fotos, und als sie einen zerschlissenen Sessel umkippte, fand sie in dessen Federkern das, was sie suchte: Im Drahtgeflecht unter der Sitzfläche des Sessels steckte ein Röllchen aus Geldscheinen.

Sie zog es heraus. Drei Hunderter. Druckfrische Banknoten.

Kate rannte aus dem Haus. Quer über den Hof, zu den Stallungen. Auf deren Rückseite befanden sich die Quartiere der Cowboys. Zwei Schlafstellen durchwühlte sie – McMillans und Woolbacks. Sie musste nicht lange suchen. In einem Paar alter Stiefel McMillans fand sie vier druckfrische Hundert-Dollar-Scheine, und unter Woolbacks Matratze ebenfalls vier Banknoten.

Der alte Bloomdale erschrak, als seinen Tochter an seiner Ruhebank vorbei ins Haus rannte. Ihr Gesicht wirkte wie versteinert. Mit einem Winchestergewehr kehrte sie zurück. "Was hast du vor, Kate. Um Gottes willen..."

Kate schien ihn überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie steckte das Gewehr ins Sattelholster, schwang sich in den Sattel, und preschte vom Hof.

"Kate...!", brüllte Amos Bloomdale hier nach. Er sah sie Richtung Weiden davonjagen.


*


"Mit der Sünde ist das wie mit dem Whisky, mein Sohn." Sam Dully machte ein bekümmertes Gesicht. "Wer lang genug davon getrunken hat, kann nicht mehr ohne sein." Er schloss die Zellentür auf und schob Wallace in den engen Raum. "Kehr um zum Herrn, dann wirst du gerettet werden." Er seufzte betrübt und schüttelte den Kopf. "Auch wenn du in den Augen der Menschen ein hoffnungsloser Fall bist, in den Augen des Herrn aber..."

"Leck mich am Arsch, Sam." Wallace sank auf die Zellenpritsche und vergrub das Gesicht in den Händen. Er fühlte sich uralt. "Lass mich allein, bitte."

Der Armeeveteran betrachtete ihn traurig. "Sieben Jahre Zeit hast du gehabt, um endlich auf die Stimme des Herrn zu hören. Du bist taub geblieben. Mal sehen, wie viele Jahre der Herr dir jetzt..."

"Lass mich in Ruhe!", brüllte Wallace. Er sprang auf. "Geh endlich und lass mich allein!"

Dully machte, dass er aus der Zelle kam.

"Barmherzig und gnädig ist der Herr", murmelte er, während er die schwere Zellentür abschloss. "Geduldig und von großer Güte."

In der Zelle hockte Wallace auf seiner Pritsche und starrte die Zellentür an. Als hätten sie den Deckel über seinen Sarg geschoben, so kam er sich vor.


*


Die Cowboys saßen um ein Lagerfeuer und löffelten heißgemachte Bohnen aus Aluminiumtellern. Jimmy McMillan blickte von seinem Teller auf. "Ein Reiter." Der schwarze Punkt am Horizont des Graslandes wurde schnell größer. "Scheint es eilig zu haben."

"Es ist eine Frau." Hoss Woolback stellte seinen Teller ab und stand auf. Das lange Haar der Reiterin flatterte im Wind. "Lady Bloomdale persönlich."

"Vorsicht, Rob", grinste McMillan. "Deine große Schwester ist im Anmarsch."

Rob Bloomdale schnitt eine angewiderte Grimasse. "Reiß dein dummes Maul nicht so weit auf, Jimmy!", bellte er. Der junge Bloomdale hatte eine üble Laune an diesem Tag. Sein jämmerlicher Auftritt gestern Abend bei der blonden Hure steckte ihm in allen Knochen. Seine düsteren Gedanken kreisten schon den ganzen Vormittag um Rachepläne.

Kate hielt ihr Pferd einen Steinwurf vor dem Lagerfeuer an. Sie machte keine Anstalten, aus dem Sattel zu steigen.

"Ich hab' mit dir zu reden, Rob!", schrie sie. "Komm her!"

Die Männer sahen sich feixend an. Robs Gesicht wurde dunkel vor Zorn.

"Komm du zu mir, wenn du was willst!", brüllte er. Er wandte den Blick von ihr ab und stocherte in seinen Bohnen herum.

Ein Schuss peitschte über die Weide. Erde und Asche spritzte zwei Schritte vor Rob am Rande des Feuers auf. Fast alle Männer sprangen auf. Robs Teller fiel ins Gras. "Der nächste Schuss trifft deinen verfluchten Arsch!"

Rob sah, dass Kate ein Gewehr auf ihn anlegte. Die Männer wichen zurück. Einige legten ihre Hände auf die Revolverkolben. "Los, du Bastard! Komm endlich zu mir! Es ist besser, wenn die Jungs nicht mitbekommen, was ich dir zu sagen habe!"

Rob wechselte lauernde Blicke mit McMillan und Woolback. Dann stapfte er zu Kate. Die Männer sahen im schweigend hinterher. Einige ließen sich wieder um das Feuer herum nieder.

"Kann nicht einer von euch Schlappschwänzen sie nicht endlich mal richtig durchbumsen?", sagte McMillan mit gehässiger Stimme.

"Tu du's doch", brummte einer der Männer.

Vom Rücken ihres Pferdes aus blickte Kate auf ihren Bruder hinunter. Sie zog die Banknoten aus der Jackentasche. "Das hab' ich bei McMillan und Woolback gefunden", zischte sie. "Und in deinem Zimmer! Zehn druckfrische Hundert-Dollar-Noten!"

Rob wurde blass. Er sperrte den Mund auf, doch kein Wort wollte ihm über die Lippen kommen.

"Ich weiß, dass Goldsmith genau solche Geldscheine für den Transport nach Colorado an Russell ausgeliefert hat. Und einer von euch hat genau solche Scheine unter Spencers Matratze geschmuggelt."

Rob sah sich nach seinen Leuten um. "Verdammt, Kate – du bist eine Bloomdale, genau wie ich einer bin. Wir werden uns doch nicht gegenseitig das Grab schaufeln..."

"Ich werde dich sogar eigenhändig erschießen, wenn du nicht genau das tust, was ich dir sage." Kate sprach plötzlich ganz ruhig und leise. Gefährlich leise. "Ich weiß, dass Glenn mit euch unter einer Decke steckt. Ich hab' noch keine Beweise dafür, aber ich weiß es. Du und deine beiden Freunde...", sie machte eine verächtliche Kopfbewegung zum Lagerfeuer hin, "ihr habt genau drei Tage Zeit. Sprecht mit Glenn und seht zu, wie ihr aus der Sache rauskommt! Aber wenn Spence in drei Tagen nicht wieder auf freiem Fuß ist, werd' ich das Geld dem City-Marshal von Kansas City bringen..."

"Das bringst du nicht fertig, Kate..." Rob breitete beschwichtigend die Hände aus. "Ich bin doch dein Bruder..."

"Darauf habe ich lange genug Rücksicht genommen!"

"Denk an Dad, denk an Mom, denk an..."

"Schweig!", herrschte sie ihn an. "Ich werde dem Marshal vorschlagen, unsere Cowboys zu fragen, ob du tatsächlich mit ihnen in Kansas City warst! Du, McMillan und Woolback! Und bevor er hier aufkreuzt, um euch gefangenzunehmen, werde ich dich erschießen! Das werde ich tun, Rob, ich schwör's dir!"

Sie steckte ihr Gewehr ins Sattelholster und gab ihrem Pferd die Sporen...


*


Einen Tag später. Wallace hatte den Gefängnisfraß nicht angerührt. Und schlecht geträumt. Als die Zellentür sich am frühen Nachmittag öffnete, drehte er sich auf seiner Pritsche zur Wand um. Er wollte niemanden sehen. Niemanden.

Sam Dully entdeckte den vollen Teller auf dem Tisch. "Magst du keinen Maisbrei?"

"Lass mich in Ruhe." Wallace starrte die Wand an und rührte sich nicht.

"Du fällst uns noch ganz von den Knochen, wenn du nichts isst, Spence..."

"Du sollst mich in Ruhe lassen, Sam", sagte Wallace. Seine Stimme klang tonlos.

"Ist ja gut, ist ja gut..." Der Gefängniswärter nahm den Teller vom Tisch. "Wollte dir ja nur sagen, dass du Besuch hast."

"Ich will niemanden sehen."

"Okay. Ich sag's deiner Frau. Hättest mir ruhig verraten können, dass du in den paar Wochen auch was Vernünftiges gemacht hast. Man heiratet ja schließlich nicht allzu oft im Leben..."

Wallace hob den Kopf. "Was quatscht du da?"

Dully schob sich zur Zellentür hinaus. "Hübsche Frau übrigens." Endlich drehte Wallace sich nach ihm um. "Ich steh' auch auf blond." Dully zwinkerte ihm zu. "Schade, dass du nichts mehr davon haben wirst..."

"Warte!" Wallace sprang von der Pritsche. Er war plötzlich hellwach. "Ich will sie doch sehen."

"Na also", brummte der Gefängniswärter. Er ließ Wallace vor sich her gehen. "Ist zwar keine Besuchszeit, aber die arme Frau hat erst heute Morgen von deiner Verhaftung erfahren. Ist ganz aufgelöst. Könnte wetten, sie hat keine Ahnung, wie du dein Geld verdienst..."

Der Besucherraum im Erdgeschoss des Zellentraktes war fast menschenleer. Nur eine Frau stand an der Gitterwand, die Besucher und Häftlingsbereich voneinander trennte. Es war Sue. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und einen Hut mit einer geschwungenen und unglaublich großen Krempe.

Als sie Wallace die schmale Treppe herunterkommen sah, stimmte sie ein wehleidiges Gejammer an. "Darling! Um Himmels willen, Darling, was ist bloß passiert?"

Dully schüttelte fassungslos den Kopf, murmelte sein Mitleid mit der Frau in seinen Bart hinein, und ließ Wallace zu ihr gehen. Er selbst hielt sich einige Schritte abseits.

Sue, mit schmerzverzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen, streckte beide Arme durch die Gitter und zog ihn an sich. "Darling, o Darling!" Ihre Münder fanden sich zwischen den Stäben.

"Ich hab' den Mann mit der Narbe gefunden", flüsterte sie zwischen zwei Küssen. "Es ist dieser Rob, der Kerl mit den langen schwarzen Haaren..."

"Bloomdale", zischte Wallace. "Wie kommt dieser Scheißkerl dazu, dir seine Narbe zu zeigen?"

"Später." Ihr Mund drängte sich an sein Ohr. "Unter dem Hut in meinem Haar steckt eine kleine Derringer. Küss mich und schnapp sie dir..."

Wallace äugte zur Seite. Den Rücken zu ihnen gewandt, tänzelte Dully von einem Fuß auf den anderen und schien sich auf seine Stiefelspitzen zu konzentrieren.

Wallace streckte beide Arme zwischen den Gitterstäben hindurch.

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