Logo weiterlesen.de
Das Tal der toten Mädchen

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Prolog
  9. 1
  10. 2
  11. 3
  12. 4
  13. 5
  14. 6
  15. 7
  16. 8
  17. 9
  18. 10
  19. 11
  20. 12
  21. 13
  22. 14
  23. 15
  24. 16
  25. 17
  26. 18
  27. 19
  28. 20
  29. 21
  30. 22
  31. 23
  32. 24
  33. 25
  34. 26
  35. 27
  36. 28
  37. 29
  38. 30
  39. 31
  40. 32
  41. 33
  42. 34
  43. 35
  44. 36
  45. 37
  46. 38
  47. 39
  48. 40
  49. 41
  50. 42
  51. Danksagung

Über dieses Buch

In einem idyllischen Tal im irischen Wicklow werden die Leichen fünf junger Frauen gefunden. Sie alle verschwanden innerhalb der letzten Jahre spurlos. Inspector Tom Reynolds steht vor dem bislang größten Rätsel seiner Karriere. Während er und sein Team versuchen, eine Verbindung zwischen den Opfern herzustellen, wird ein weiteres Mädchen als vermisst gemeldet. Alles deutet darauf hin, dass auch sie dem Serienmörder in die Hände fiel. Die Hoffnung, sie lebend zu finden, schwindet mit jeder Stunde …

Über die Autorin

Jo Spain arbeitet als Journalistin und Beraterin des Irischen Parlaments. Ihr Krimidebüt Tu Buße und stirb avancierte in Irland sogleich zum Bestseller und schaffte es auf die Shortlist des renommierten Richard and Judy Bestseller Competition. Auch Fürchte die Stille, der zweite Band der Serie mit dem sympathischen Ermittlerteam um Inspector Tom Reynolds schaffte den Sprung auf die irische Bestsellerliste. Jo Spain lebt mit ihrem Ehemann und ihren vier gemeinsamen Kindern in Dublin.

Für Julie und Maureen, zwei schöne Damen

Prolog

Fiona, 2012

Wie konnte ich bloß so dämlich sein?

Was für eine erbärmliche, blöde Idiotin ich bin.

Ich bin genau wie diese Frauen, auf die ich immer so verächtlich herabgesehen habe. Ich habe ihm geglaubt, als er sagte, er habe es nicht so gemeint, es täte ihm leid. Beim ersten Mal. Beim zweiten Mal. Immer wieder. Ich dachte, er würde sich ändern.

Aber jetzt ist er zu weit gegangen.

Er bringt mich noch um, wenn ich es nicht beende.

Nein. Das hört jetzt auf.

Ich werde kein stummes Opfer sein.

Das versichert Fiona sich selbst, tapfer und entschlossen, als sie langsam das einsame, schmale, von Hecken gesäumte Sträßchen entlanghumpelt, das zu ihrem Zuhause führt.

Die Sonne sinkt bereits, aber es ist ein warmer, diesiger Sommerabend. Fiona hat ihre dünne gelbe Strickjacke ausgezogen, hält sie locker in der Hand und lässt sie fast über den Boden schleifen. Die Haut ihrer bloßen Arme ist blass. Der Träger ihres Oberteils rutscht ihr bei jedem Schritt, den sie tut, von der Schulter und landet auf einem hässlichen, wie vier Finger geformten Bluterguss. Immer wieder zieht sie den Träger grob hoch und wünscht sich, er würde bleiben, wo er ist.

Sie ist jetzt fast am Fluss angelangt. Wütende Mücken schwirren um ihr Gesicht, und sie schlägt sie weg. Dabei streift sie aus Versehen ihren Mund und zuckt zusammen. Ihre lädierte Lippe brennt noch.

Bei der Brücke wird sie haltmachen und sich ein wenig auf dem Mäuerchen ausruhen, das ihr Großvater mit seinen eigenen Händen erbaut hat, aus Steinen, die er vom Land der Familie genommen hat. Sie hat diese Stelle immer geliebt. Sie wird sich ein bisschen herrichten, das Blut, die Tränen und die verschmierte Mascara notdürftig abwaschen, bevor sie zu ihren Eltern zurückkehrt. Dort wird sie sicher sein. Fiona saugt den süßen Duft der gestutzten Kirschlorbeerbüsche ein und fängt langsam an, sich zu entspannen.

Als hinter ihr eine Hupe ertönt, fährt sie zusammen. Ihr Herz rast. Sie hat das Auto nicht kommen hören, obwohl die Stille über der Landschaft nur durch das Abendlied einer Singdrossel und das Rascheln der Blätter in der leichten Brise unterbrochen wird.

Ängstlich dreht sie sich um – ist er es?

Die Straße ist so schmal, dass sie sich gegen die Hecke drücken muss, damit das Auto an ihr vorbeifahren kann. Die scharfen Zweige zerkratzen ihren Rücken.

Es ist der blaue Ford des Nachbarn, der zwei Meilen weiter die Straße hinauf wohnt. Ein älterer Mann, der gerade in das Haus seiner kürzlich verstorbenen Mutter gezogen ist, um es zu renovieren.

Er hält sich nicht an die Bräuche auf dem Land. Weder winkt er, noch hält er an, um ihr anzubieten, sie mitzunehmen. Er versucht, sie völlig zu ignorieren, keine leichte Aufgabe, da sie nur Zentimeter von seiner Kühlerhaube entfernt ist, als das Auto sie im Schneckentempo passiert. Als er dann doch kurz zur Seite blickt, merkt sie, wie sehr ihn ihr Anblick erschreckt.

Er überlegt, ob er anhalten soll, wird ihr klar, als er nicht beschleunigt, obwohl er an ihr vorbeigefahren ist. Aber nein. Er legt einen Gang ein. Das Mädchen sieht furchtbar aus, denkt er sich wahrscheinlich. Was ist, wenn sie behauptet, dass ich ihr das angetan habe? Er ist kaum eine Woche hier, aber vielleicht hat er bereits alles über Fiona Holland erfahren. Was für eine Art Mädchen sie ist.

Sie weiß nicht, dass er sich später nicht bei der Polizei melden wird, um auszusagen, dass er sie auf dieser Straße gesehen hat. Aus Angst, man könnte versuchen, ihm, einem alleinstehenden, kinderlosen älteren Mann, etwas anzuhängen. Schließlich ist er derjenige, der sie zuletzt gesehen hat. Er wird schweigen, solange die Suche nach ihr läuft.

Beschämt lässt sie den Kopf sinken, als das Auto weiterfährt und Auspuffgase in die schimmernde heiße Luft stößt. Und dann, weil sie sicher ist, dass er einen Blick in den Rückspiegel wirft, zeigt sie ihm trotzig den Mittelfinger.

»Fick dich doch«, ruft sie tonlos dem davonfahrenden Auto hinterher. Ihre Rippen schmerzen von der Prügel, die sie bezogen hat, und an ihren Fersen haben sich Blasen gebildet, weil ihre Schuhe eher schön als praktisch sind. Sie hätte dankbar angenommen, wenn der Mann angeboten hätte, sie mitzunehmen.

Eine einsame Träne rinnt ihr über die Wange, und sie setzt ihren Fußmarsch fort.

Sie ist am Fluss angelangt, als sie das nächste Auto hört. Diesmal wird sie nicht davon überrascht. Sie hatte angefangen, sich etwas zu entspannen, aber nun schreckt sie zusammen und ist auf der Hut. Ihr Puls geht ein wenig rascher, all ihre Sinne sind angespannt. Albern, im Grunde. Ihr Freund ist viel zu besoffen zum Autofahren. Und doch ist sie unruhig, fürchtet Gefahren bei jedem unerwarteten Geräusch, jeder plötzlichen Bewegung. Das hat er ihr angetan, er hat sie zu dieser nervösen, schreckhaften Person gemacht.

Der Wagen hält an, und trotz allem empfindet sie Erleichterung. Sie ist müde. Sie braucht eine kühle Dusche und ihr weiches Daunenbett – und ihre Mutter, die ihr starken Tee und Toast bringen wird, gerade richtig goldbraun geröstet und bis zum Rand mit echter Butter bestrichen. Ihre Mutter wird sie nicht verurteilen, sie liebt ihr kleines Mädchen, egal, was passiert. Das Auto könnte Jack the Ripper gehören, und Fiona würde trotzdem einsteigen. Das denkt sie sich, aber sie weiß, dass kein Risiko besteht. Die wirkliche Gefahr hat sie im Dorf zurückgelassen, wo ihr Freund Whiskey aus einem Becher herunterstürzt, seine wunden Knöchel bewundert und sich wie ein echter Kerl fühlt.

Der Fahrer winkt, aber die Sonne blendet, und sie kann sein Gesicht nicht erkennen – sie sieht nur eine freundliche Handbewegung.

Will sie einsteigen?

Verdammt, ja, und ob sie das will. Sie öffnet die Wagentür und gleitet auf den Beifahrersitz, schnallt sich an und lächelt ihrem Ritter in schimmernder Rüstung zu.

Er sieht sie nicht an, sondern hält den Blick starr auf die Straße gerichtet. Der Zorn, den er ausstrahlt, erfüllt das kleine Auto mit Bedrohung. Sie hört ein Klicken. Er hat die Türen verriegelt. Sie wird nicht mehr aussteigen können.

Erst dann, zu spät, begreift sie, was für einen Fehler sie gemacht hat.

1

»Er will nicht, dass ich meine Mutter besuche.«

»Wie bitte?«

»Sean. Er will nicht …« Die Stimme von June McGuinness erstarb. »Entschuldige, was habe ich gerade gesagt, Liebes?«

Louise Reynolds runzelte die Stirn. Sie wusste, was sie gehört hatte, war aber unfähig, es zu wiederholen. So bürstete sie weiter mit sanften Strichen Junes Haar mit der altmodischen Bürste mit weichen Naturborsten.

»Das ist doch jetzt nicht so wichtig«, sagte sie und hob das Kinn der älteren Frau an, damit sie sich im Spiegel betrachten konnte. »Sieh nur, wie hübsch du aussiehst. Was ist, gehen wir runter und führen es den Männern vor?«

Junes Augen leuchteten auf, als sie ihren ordentlichen Pagenschnitt im Spiegel erblickte. Sie langte nach ihrem Schminktäschchen, das auf dem Frisiertisch lag.

»Aber nicht ohne ein wenig Lippenstift, Liebes.«

Sie fanden Tom und Sean im Wintergarten auf der Rückseite des Hauses, wo sie sich leise unterhielten.

»Nun, was sagt ihr?«

June drehte sich vor ihrem Publikum und strich lächelnd über ihre grauen Haare.

Der Mann, mit dem sie seit fast einem halben Jahrhundert verheiratet war, erwiderte das Lächeln, und man merkte ihm kaum an, unter welcher Belastung er stand.

»Du siehst wirklich elegant aus, Liebling«, rief er mit seinem starken Kerry-Akzent, seiner Frau zuliebe mit gezwungener Fröhlichkeit. »Also, wie wär’s mit etwas zu trinken? Was soll es sein, Jungs und Mädels? Tee oder Kaffee?«

»Ach, du liebe Zeit, Sean. Es ist so ein schöner Sommernachmittag. Warum machen wir nicht eine Flasche Weißwein auf? Ich hole die Gläser.«

June entschwebte in Richtung Küche, eine zierliche tickende Zeitbombe, gefolgt von ihrem über eins achtzig großen Bär von einem Mann.

Louise setzte sich zu Tom auf den Rattan-Zweisitzer und legte den Kopf auf seine Schulter. Die hitzeregulierenden Glasscheiben arbeiteten auf Hochtouren, um die Temperatur in der heißen Mittagssonne erträglich zu halten.

Tom nahm die Hand seiner Frau.

»So schwierig?«, fragte er beunruhigt.

Louise verzog den Mund.

»Einfach furchtbar. Es scheint in Wellen zu kommen. Einen Moment ist sie völlig klar, und im nächsten Moment erzählt sie mir, Sean würde nicht zulassen, dass sie ihre Mutter besucht. Ist ihre Mutter nicht vor dreißig Jahren gestorben? Ich weiß nicht, wie er das aushält.«

Tom seufzte.

Bis vor Kurzem war Sean McGuinness der Chief Superintendent des National Bureau of Criminal Investigation gewesen. Tom Reynolds war Leiter der Mordkommission, ein in Dublin ansässiges Team von Spezialisten, das zur Bundes-Kripo gehörte, und Sean war sein Vorgesetzter gewesen. Zudem waren sie alte Freunde.

Was es umso schwieriger machte, als im vorigen Jahr bei June Alzheimer mit frühem Beginn diagnostiziert worden war.

Ihr Zustand hatte sich schneller verschlechtert als erwartet, und der Chief, ein Mann, der für seine Arbeit lebte, jedoch seine Frau noch mehr liebte, war in Frühpension gegangen, um sie zu pflegen. Keine Sekunde hatte er erwogen, sie in ein Heim zu geben. Schließlich war er sechzig – es war Zeit zu gehen. Obwohl alle bei der Polizei angenommen hatten, der Chief würde irgendwann in einer Kiste aus seinem Büro getragen werden müssen, lange nachdem er sich aus dem Staub hätte machen sollen. Seine Hingabe an seinen Beruf war legendär.

Louise legte die Hände um das Gesicht ihres Mannes und bemerkte den sorgenvollen Blick seiner normalerweise lächelnden grünen Augen. Er hatte sich das Haar in diesem Sommer ganz kurz schneiden lassen, weil so das Grau darin weniger auffiel. Sie fand, dass ihm diese Frisur besser stand, und es störte sie nicht einmal, dass er sich offenbar heimlich den lange gewünschten Bart wachsen ließ. Tatsächlich sah er ausgesprochen gut damit aus.

»Er macht einfach jeden Tag weiter«, antwortete Tom ruhig. »Es ist zu seinem neuen Standard geworden. Alles wiederholen zu müssen, sie an alles erinnern zu müssen, ständig mit dem Unerwarteten zu rechnen.«

»Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.« June kehrte mit einem voll beladenen Holzbrett in den Wintergarten zurück. Darauf türmten sich eine Käseauswahl, Chutney, Obst und Cracker.

Sean folgte ihr mit resignierter Miene. »Ich habe sie nicht versteckt«, verwahrte er sich und stellte eine Flasche Riesling und Weingläser auf dem Tisch ab.

»Oh, deine Begonie ist ja prachtvoll!« Louise lenkte Junes Aufmerksamkeit auf sich.

»Ja, der ganze Garten ist wunderschön dieses Jahr«, bestätigte June. »Würdest du gern sehen, was ich gestern hinten in der Erde gefunden habe?«

Louise versuchte, einen begeisterten Eindruck zu machen. Sie folgte June durch die Tür aus dem Wintergarten, und die beiden Frauen steuerten auf einem gewundenen Plattenweg auf die Bäume und die Wildnis am Ende des Gartens zu.

Der Wintergarten war erfüllt von dem süßen Duft nach Gardenien, Nelken und frischgemähtem Gras, der von draußen hereinwehte. Tom verfolgte, wie die beiden Frauen mit Weingläsern in der Hand nebeneinanderher schlenderten. Die Szene wirkte so friedlich und entspannt, dass er sich fast einbilden konnte, es wäre ein ganz normaler, fauler Samstagnachmittag, so wie früher.

»Und wie kommst du mit Joe Kennedy zurecht?«, fragte Sean und brach damit den Bann. Er brauchte eine Ablenkung von dem täglichen Kampf gegen Junes Krankheit. Als er noch Toms Vorgesetzter gewesen war, hatten sie sich gesiezt, aber jetzt duzten sie sich.

Tom seufzte.

»Mit Chief Superintendent Joe Kennedy, um ihn bei seinem vollständigen Titel zu nennen«, fuhr Sean mit einem Lächeln fort. »So lässt er sich übrigens von mir anreden.«

»Du machst Witze.«

»Er will nicht, dass irgendjemand durcheinandergerät oder sich einbildet, dass immer noch ich der Boss bin.«

Tom fluchte leise. Seiner bescheidenen Ansicht nach war der neue Chief es nicht mal wert, die Stiefel von McGuinness zu lecken. Er wusste, dass Sean diese Ansicht teilte. Er wusste aber auch, wenn er mit dem Thema anfinge, würde Sean ihn tadeln und ihn daran erinnern, dass er seinem neuen Vorgesetzten mit dem Respekt zu begegnen habe, der der Position gebührte.

Das war die Art seines alten Chefs, seine Missbilligung darüber auszudrücken, dass Tom den Posten nicht selbst übernommen hatte.

Er war ihm angeboten worden. Im Frühjahr, kurz nachdem Sean die Bombe hatte platzen lassen, hatte Bronwyn Maher, die stellvertretende Polizeipräsidentin, Tom zu sich bestellt und ihm erklärt, er könne den Job haben.

»Es gibt hochgestellte Persönlichkeiten, die viel von Ihnen halten«, hatte sie bemerkt.

»Sie wurden wohl unter Druck gesetzt«, hatte Tom gescherzt.

Bronwyn Maher lächelte.

»Überhaupt nicht. Ich bin Ihr größter Fürsprecher. Aber woher um alles in der Welt kennen Sie den neuen Taoiseach?«

»Jarlath O’Keefe, den Toaiseach? Oh, wir kennen uns schon ewig. Tja, zumindest seit diesem Fall im Leinster House im letzten Herbst.«

»Ah. Sie haben ihn also zu dem gemacht, was er heute ist. Er hat sich sehr für Sie eingesetzt, Tom. Als Nächstes gibt er Ihnen noch meinen Job. Ich kann nicht behaupten, dass mir das viel ausmachen würde. Ich wäre froh, wenn Sie der neue Leiter des NBCI werden, wissen Sie. Aber nur, wenn Sie bereit sind, sich mit Herz und Seele hineinzuknien. Bei dem Posten kann es keine Halbheiten geben.«

Und das war das Problem gewesen. Der Inspector wollte die zusätzliche Verantwortung und den Druck nicht, die mit der neuen Position einhergehen würden. Er war gern Leiter der Mordkommission, und diese Aufgabe war wahrlich anspruchsvoll genug. Und als er im letzten Jahr fünfzig geworden war, hatte er erkannt, dass er mehr Zeit für seine Familie haben wollte, nicht weniger.

Also hatte er die Beförderung abgelehnt, und Joe Kennedy bekam den Posten.

Kennedy war ein Meister der Selbstdarstellung. Es gelang ihm, gleichzeitig seriös, intelligent und beruhigend zu wirken. Er trug eine Brille im Retro-Look und einen Ausdruck ständiger Sorge um die Sicherheit der irischen Öffentlichkeit im Gesicht. Bei Pressekonferenzen, wenn aufmunternde Floskeln von seinen Lippen tröpfelten wie Honig, war er in seinem Element.

Ein größerer Unterschied zu dem Mann mit den buschigen schwarzen Augenbrauen und der grauen Haarmähne, der Tom gegenübersaß, war kaum vorstellbar. Das Weinglas wirkte direkt zierlich in einer Hand, die so groß war, dass sie ein kleines Bäumchen mit den Wurzeln hätte herausziehen können. McGuinness war brüsk und einschüchternd, aber er hatte Tiefgang.

Die Entscheidung, Sean durch Joe Kennedy zu ersetzen, war so abgeschmackt, dass es Tom ganz übel wurde.

»Alles ruhig an der Westfront«, antwortete er also und behielt seine Ansichten über den neuen Vorgesetzten für sich. »Bei der Hitze läuft niemand rum und bringt Leute um.«

»Ich würde momentan keinen Urlaub planen, Tom. Vielleicht ist gerade nichts los, aber diese Hitze … sie macht die Leute kirre. Ein Mann, der sich sonst nur leicht geärgert hätte, wenn seine Frau ihn drängt, im Garten zu arbeiten oder den Grill anzuwerfen, bekommt jetzt vielleicht Mordgelüste.«

»Wir waren ja schon weg«, sagte der Inspector und dachte wehmütig an ihre Kubareise im Mai zurück. Dort war es noch heißer, aber darauf waren sie vorbereitet gewesen. Während in Irland die Leute mit freudigem Staunen auf den ersten richtig sonnigen Tag reagierten, jedoch nach zwei Wochen Hitzewelle nicht begreifen konnten, wie um alles in der Welt jemand in der Lage sein sollte, in einem solchen Klima zu leben, geschweige denn zu arbeiten. »Aber du hast recht. Es ist zu ruhig. Ich glaube, wenn Louise mir noch einmal nahelegt, den Gartenschuppen zu streichen, begrabe ich sie darunter.«

»Was treiben die da nur?«, fragte Sean abgelenkt und rutschte auf die Stuhlkante, um besser in den hinteren Teil des Gartens spähen zu können. Kaum fünf Minuten waren verstrichen, und er war bereits unruhig wegen seiner Frau.

Louise und June knieten unter einem spätblühenden Judasbaum.

»Wollen wir zu ihnen gehen?«, schlug Tom vor, der selbst neugierig geworden war.

Als sie näher kamen, konnten sie June aufgeregt reden hören. Louise, die in die Hocke gegangen war, sah ihnen mit bleichem Gesicht entgegen.

»Oh, June«, sagte Sean bestürzt. »Sieh dir nur mal deine schönen Hände an. Sie sind ja ganz dreckig. Komm mit ins Haus, dann waschen wir sie.«

»Ich habe nur Louise den Schatz gezeigt«, protestierte June.

Sean half seiner Frau auf und führte sie zurück zum Wintergarten, ohne auf die Gegenstände zu achten, die auf dem Gras neben der aufgewühlten Erde verteilt lagen.

Tom hob fragend eine Augenbraue.

»Sie hat das Besteck vergraben«, erklärte Louise und sammelte Messer und Gabeln zusammen.

Tom machte den Mund auf und klappte ihn wieder zu. Ihm fehlten die Worte.

Das Brummen seines Handys brachte ihn unvermittelt in die Realität zurück.

»D.I. Reynolds«, meldete er sich, ohne vorher nachzusehen, welche Nummer das Display anzeigte.

»Tom? Ich bin’s, Laura. Tut mir leid, ich weiß, Sie haben heute frei, aber in Glendalough ist eine Leiche gefunden worden. Ray und ich sind auf dem Weg, und im Präsidium wird gemunkelt, dass es dieses Mädchen sein könnte, das letzte Woche in Meath als vermisst gemeldet wurde. Offenbar handelt es sich um eine junge Frau.«

»Und es ist ganz sicher, dass es kein Suizid war?«, fragte der Inspector und dachte an die beiden idyllischen Bergseen im Nationalpark.

»Das ist offenbar auszuschließen.«

»Könnten Sie Willie Callaghan bitten, mich abzuholen, Laura? Sagen Sie ihm, ich bin bei Sean McGuinness zu Hause. Ich komme so schnell wie möglich.«

»Tut mir leid«, sagte er zu Louise und zog sie auf die Füße. »Willie holt mich ab, dann kannst du zumindest mit unserem Wagen nach Hause fahren.«

»Nicht zu ändern. Ich bleibe noch eine Weile hier. Ich stelle für Sean die Waschmaschine an und räume ein bisschen auf.«

»Du bist ein Engel.« Tom küsste sie zärtlich auf die Wange.

Sean hatte recht gehabt mit seiner Vermutung, dass der Friede nicht von Dauer sein würde.

Die Frage war nur, wie stark würde er erschüttert werden?

2

Auf dem Besucherparkplatz von Glendalough herrschten chaotische Verhältnisse. Große Touristenbusse und Mittelklassewagen mit schwitzenden, gestressten Familien bemühten sich, zu wenden und sich aus einer Situation zu befreien, die für den einzelnen diensthabenden Schutzpolizisten schnell zum siebten Kreis der Hölle wurde. Die einstige Klosteranlage lag spektakulär in einem von der Eiszeit tief eingeschnittenen Tal mit zwei Seen und war ein beliebtes Ausflugsziel. An diesem schönen Sommertag herrschte Hochbetrieb.

»Meine Alte wollte an diesem Wochenende eigentlich nach Glendalough fahren«, bemerkte Willie Callaghan. »Was für ein Glück, dass wir es nicht getan haben.« Toms Fahrer strich sich über den makellos gestutzten Schnurrbart und schüttelte den Kopf, noch immer fassungslos über dieses knappe Entrinnen.

Tom verzichtete auf den naheliegenden Hinweis, dass er sich ja jetzt genau dort aufhielt, in Glendalough.

»Warum wollten Sie denn nicht mit ihr hinfahren?«, fragte der Inspector, während Willie wiederholt auf die Hupe drückte, damit ein Bus voller erschrockener Rentner ihm Platz machte.

»Glendalough? An einem sonnigen Samstag im Juli?«, rief Willie aus. »Welcher Irre würde sich das wohl antun? Außerdem läuft ein Spiel im Fernsehen. Das ich jetzt verpasse. Toll.«

Er entdeckte den Bereich des Parkplatzes, der für die Einsatzkräfte abgesperrt worden war, und ließ die Hand auf der Hupe, bis sie die Stelle erreicht hatten.

»Meine Güte«, bemerkte Tom, als sein Fahrer den Wagen parkte. »Wir werden dafür sorgen müssen, dass Sie wegen Verkehrsrowdytums behandelt werden.«

Detective Sergeant Ray Lennon, Toms rechte Hand, erwartete sie innerhalb der Absperrung. Er trug ein kurzärmeliges weißes Hemd und eine locker gebundene Krawatte. Anders als Tom hatte Ray in diesem Sommer beschlossen, sein Haar wachsen zu lassen. Als wollte er seinen Boss ärgern mit seinem dunklen Schopf, in dem nicht eine einzige graue Strähne zu sehen war. Tom fand die zusätzlichen Zentimeter mitten in einer Hitzewelle ein bisschen masochistisch, aber für Toms superfitten Deputy war das wohl so etwas wie Bikram-Yoga.

Einige Meter entfernt standen ein paar Frauen Anfang zwanzig in einer Gruppe zusammen, kicherten, flüsterten miteinander und warfen dem hochgewachsenen Detective bewundernde Blicke zu. Ray hatte diese Wirkung auf Frauen, und wie immer bekam er nichts davon mit.

»Wir haben euch gehört, bevor ihr aufgetaucht seid«, begrüßte er Tom.

»Wo ist der Fundort?«, fragte der Inspector. »Und was soll dieser Menschenauflauf? Wurde den Leuten nicht mitgeteilt, dass Glendalough für die Öffentlichkeit gesperrt ist?«

»Die Leiche liegt in einem Waldstück in der Nähe des unteren Sees. Wir bemühen uns seit einer Stunde, die beiden Parkplätze zu räumen, aber es kommen ständig neue Fahrzeuge nach. Mittlerweile wird es im Radio durchgesagt, also werden sich die Besucher jetzt hoffentlich fernhalten. Die normalen unter ihnen jedenfalls.«

»Wer hat sie gefunden?«, fragte Tom, als sie sich in Bewegung setzten.

»Kinder mit ihrem Hund. Zehn und zwölf Jahre alt.«

»Oh, verdammt.«

»Nein, schon gut. Die Eltern sind traumatisiert, klar. Aber die Kinder sind begeistert. Offenbar erinnert es sie an ihre Lieblingsserie – The Walking Dead. Ich glaube, sie werden es überstehen.«

Tom schaute zum Parkplatz zurück, wo noch immer ein Riesenbetrieb herrschte. Alle diese Leute würden heute viel über ihren Ausflug zur größten Sehenswürdigkeit Wicklows zu erzählen haben. Bebend würden sie in ehrfürchtigem Schock berichten: »Es hätte auch mich treffen können, ich hätte sie finden können … wir waren ganz in der Nähe!«

»Wer ist am Fundort?«, fragte er.

»Laura ist mit mir hier rausgefahren, und einige andere aus dem Team sind auf dem Weg. Sie organisiert die Durchsuchung der näheren Umgebung. Wir haben einen Radius von einer Viertelmeile festgelegt, aber wir konzentrieren uns auf den Hauptzugang, den Wanderweg, auf dem wir uns gerade befinden. Wir gehen erst mal von der Annahme aus, dass derjenige, der sie hierhergebracht hat, seinen Wagen auf diesem Parkplatz abgestellt hat. Wenn er bei den Ruinen der Klostersiedlung geparkt hätte, wäre es noch ein Fußmarsch von zwanzig Minuten gewesen. Bis jetzt unterstützen uns zehn Streifenkollegen, aber wir werden mehr Leute brauchen. Moya und Emmet kümmern sich um die Leiche und den Fundort.«

Tom spürte, wie ihn trotz der brennenden Nachmittagssonne ein kalter Schauder überlief. Das ließ nichts Gutes ahnen. Moya Chambers war die neue leitende Rechtsmedizinerin und Emmet McDonagh der Leiter der Kriminaltechnik. Es war ungewöhnlich, dass die Chefs beider Abteilungen höchstpersönlich zu einem Tat- oder Fundort kamen.

Sie brauchten etwa zehn Minuten, um den Fundort zu erreichen, der in dem bewaldeten Gelände unterhalb des Hauptwanderwegs zwischen der Klostersiedlung und dem unteren See lag.

»Er kann unmöglich mit dem Wagen näher an diese Stelle herangekommen sein«, bemerkte Tom, bevor sie von dem Weg abbogen.

»Ich weiß. Deshalb gehen wir ja zu Fuß.«

»Genau das meine ich. Wenn er sie am Fundort ermordet hat, muss sie ihm genügend vertraut haben, um den öffentlichen Wanderweg zu verlassen und diesen Seitenpfad mit ihm einzuschlagen. Er kann sie kaum dazu gezwungen haben, nicht über diese Entfernung, und wenn er sie zum Wald gezerrt hätte, wäre es womöglich jemandem aufgefallen. Und falls er sie nicht hier ermordet hat, muss er die Leiche den ganzen Weg vom Parkplatz hergeschleppt haben. Bei diesem Szenario würden wir von einem körperlich fitten Täter oder aber zwei Tätern ausgehen. Könntest du eine Leiche über eine solche Entfernung tragen?«

Bei allen Dingen, in denen es um Körperkraft ging, war Ray sein Maßstab dafür, was möglich war und was nicht.

Der Detective Sergeant zuckte die Achseln. »Das hinge von ihrem Gewicht ab und davon, wie ich sie tragen würde. Über der Schulter, eine normal große Frau, ja – so gerade mal eben. Aber würde es nicht jemandem auffallen, wenn man eine Leiche mit sich herumträgt?«

»Nicht mitten in der Nacht. Ist sie es, was meinst du?«

»Fiona Holland? Ich weiß es nicht. Ich habe die Leiche noch nicht gesehen. Emmet und Moya waren gerade dabei, den Fundort und die Leiche zu sichern, als wir angekommen sind.«

Keiner der beiden fügte noch etwas hinzu. Was war schlimmer – wenn das vermisste Mädchen tot aufgefunden worden war oder wenn sie noch vermisst wurde, ihr Schicksal unbekannt blieb und es sich um irgendeine andere bedauernswerte Frau handelte?

Sie schlugen sich in den Wald und suchten sich mühsam ihren Weg auf Pfaden mit uralten Baumwurzeln, Felsen und einer wuchernden Moosdecke. Es war dunkler hier, die hohen Bäume dämpften das natürliche Tageslicht. Doch als sie sich dem Fundort näherten, wurde es heller, und sie fanden sich auf einer kleinen Lichtung wieder.

Dort war von Baum zu Baum ein Absperrband gespannt worden, und über dem Leichnam hatte man ein niedriges Zelt errichtet.

Tom und Ray zogen Schutzanzüge über, bevor sie zu den Kollegen traten.

Der liebevolle Spitzname für Moya und Emmet lautete Klein und Groß. Der Leiter der KTU, der sich dem Pensionsalter näherte, war zwar ein gut aussehender Mann, hatte aber mindestens vierundzwanzig Kilo Übergewicht und lief deshalb Gefahr, Opfer von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu werden. Moya war eine kleine, zierliche Frau Mitte vierzig. Sie hatte gebleichtes blondes Haar und eine Dauerwelle, die in eine Seifenoper der Achtzigerjahre gepasst hätte. Zusammen mit ihrem üppigen Busen verlieh ihr das eine gewisse Ähnlichkeit mit Dolly Parton, obwohl sich keiner der Kollegen je trauen würde, ihr das ins Gesicht zu sagen. Moya war scharfsinnig, hoch konzentriert, autoritär und hatte wenig Geduld mit Dummköpfen. Sie war praktisch eine Reinkarnation der Kriegerkönigin Boudicca.

»Tom, Moment mal«, rief Emmet zu ihnen hinüber. Er schwitzte heftig. Seine Brille hing an einer Kette um seinen Hals, da sie sich auf seinem schweißglatten Nasenrücken nicht halten konnte. Allein von der Anstrengung, an einem so heißen Tag arbeiten zu müssen, klebte ihm sein gefärbtes braunes Haar feucht am Kopf.

Der Inspector erwartete eine längere Schimpftirade über den erneuten Wochenendeinsatz und formulierte im Kopf bereits eine Erwiderung, die die Worte »Du kannst« und »mich mal« enthielt. Der Leiter der KTU stand im Ruf, brummig zu sein, doch es empfahl sich, seiner Grobheit mit gutmütiger Chuzpe zu begegnen anstatt mit kriecherischer Kapitulation.

Doch Emmet war heute nicht er selbst. Er wirkte beklommen, ja sogar außer Fassung.

Tom überlegte, was zum Teufel sich wohl unter diesem Zelt verbarg. Es gehörte schon einiges dazu, diesen Ausdruck im Gesicht seines Kollegen hervorzurufen.

»Einfach in einer geraden Linie bis hierher zur Mitte gehen«, wies Emmet die beiden Detectives an. »Meidet die Ränder der Lichtung.«

Tom und Ray, geschult in den Regeln der Forensik, gehorchten.

Die vier schüttelten sich die Hand.

»Was haben wir hier?«, fragte der Inspector, an Moya gewandt. »Ist es das Mädchen aus Meath?«

Die Rechtsmedizinerin presste die dünnen Lippen zusammen, sodass sie noch dünner wirkten, und schüttelte den Kopf.

»Eindeutig nicht. Der Grad der Verwesung lässt vermuten, dass diese Frau seit etwa einem Jahr in der Erde liegt. Es ist schwierig, da genauere Angaben zu machen – der Boden hier ist feucht, was den Verwesungsprozess beschleunigt.«

»Ein Jahr?«, wiederholte Tom. Im Kopf ging er eine Liste von Namen durch. Wer wurde seit Sommer letzten Jahres vermisst? Er konnte sich an keine Vermisstenfälle erinnern, die sich mehr als ein, zwei Tage in den Schlagzeilen gehalten hätten, und damit lange genug, um im Gedächtnis zu bleiben. »Werden Sie eine Obduktion machen müssen, um die Todesursache festzustellen?«

»Definitiv, aber sie scheint weder erstochen noch erschossen worden zu sein. Um die Identifikation der Leiche brauchen Sie sich wohl keine allzu großen Sorgen zu machen.«

»Was meinen Sie damit?«

»Sie trägt noch die Sachen, die sie anhatte, als sie verschwand. Jedenfalls das, was davon übrig ist. Wir glauben, dass es sich um Una Dolan handelt.«

»Una Dolan«, wiederholte Ray. »Una … das war letztes Jahr im Frühjahr, oder?«

»Das ist richtig«, bestätigte Tom. »Ich erinnere mich. Vierundzwanzig Jahre alt. Kam nie von einem Clubbesuch nach Hause. Aber Sie sagen, sie wurde erst im letzten Sommer ermordet, vielleicht später? Bedeutet das …«

»Dass er sie festgehalten hat?«, beendete Moya seinen Satz. »Möglich. Ein exaktes Datum werde ich Ihnen nicht nennen können, aber nachdem ich eine vollständige Untersuchung durchgeführt habe, lässt sich der Todeszeitpunkt sicher näher eingrenzen.«

»Dürfen wir mal sehen?« Der Inspector deutete auf den Waldboden. Emmets untypisches Schweigen machte ihn nervös.

Die beiden Fachleute traten zur Seite, und die Ermittler hockten sich neben dem kleinen Zelt hin. Sie zogen den Reißverschluss auf und nahmen die Überreste der Frau in Augenschein.

Der Leichnam lag auf einer Plastikfolie. Zerschlissene Überbleibsel enger Blue Jeans und eines schwarzen Samt-Kapuzenpullovers hingen daran – Kleidungstücke, verewigt durch die letzten Bilder, die eine Überwachungskamera von Una Dolan aufgenommen hatte. Das Foto war wochenlang in sämtlichen Medien veröffentlicht worden. Es war zu erkennen, dass es sich um eine Frau handelte, und ein paar schwarze Haarsträhnen klebten noch an der Kopfhaut. Aber sie würden auf keinen Fall die Angehörigen bitten, sie zu identifizieren. Ein DNA-Abgleich würde zeigen, ob es sich tatsächlich um Una Dolan handelte.

Emmet brach das Schweigen. »Sie wurde ausgegraben. Bevor sie von dem Hund und den Kindern gefunden wurde, meine ich. Wenn sie ursprünglich so dicht unter der Erdoberfläche verscharrt worden wäre, wäre sie längst entdeckt worden, und es wäre kaum etwas von ihr übrig, dafür hätten schon die wilden Tiere gesorgt. Meine Vermutung ist, dass sie ausgegraben und wieder verscharrt wurde, nur diesmal in einem flacheren Grab.«

Das war zu viel für Ray. Er erhob sich abrupt, presste die Hand vor den Mund und wandte sich vom Zelt ab.

»Nicht kotzen!«, blaffte Emmet ihn an.

Tom richtete sich auf, um seinem Ermittler beizustehen, der einen etwas schwachen Magen hatte.

»Sei nicht so hart«, meinte er. »Es ist kein schöner Anblick. Und du bist ehrlich gesagt selbst ein bisschen blass um die Nase. Was beunruhigt dich so?«

»Ich möchte, dass du dich mal mit jemandem unterhältst. Mark!«

Tom erkannte Mark Dunne, den Mann, den Emmet mit seinem Gebrüll herbeizitiert hatte. Ein freundlicher Typ, seit ein paar Jahren bei der KTU, gut in seinem Job. Soweit Tom sich erinnerte, spielte er in seiner Freizeit Rugby; seine Blumenkohlohren und die schiefe Nase deuteten jedenfalls darauf hin.

»Tom, du kennst Mark, oder? Also, wie sich herausgestellt hat, ist mein Assistent so was wie ein Naturexperte.«

»Okay.« Tom zog das Wort in die Länge und hob fragend eine Augenbraue. »Inwiefern spielt das eine Rolle?«

»Wissen Sie viel über Glendalough?«, erkundigte sich Mark.

»Nur Touristen-Fakten.«

»Gut, also, bevor ich Kriminaltechniker wurde, habe ich Botanik studiert. Mit der Flora und Fauna des Nationalparks Wicklow Mountains bin ich besonders gut vertraut.«

Tom und Ray starrten ihn verständnislos an.

»Äh, lassen Sie mich etwas ausholen. Sehen Sie diese Bäume um uns herum? Es sind hauptsächlich Eichen. Vor Jahrhunderten wurden die Bäume in Glendalough auf den Stock gesetzt, das heißt, durch radikalen Rückschnitt verjüngt. Das war damals eine gängige Praxis zur Bewirtschaftung der Wälder. Aber hier hat man es übertrieben, und eine Menge Bäume sind eingegangen. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wurde wieder aufgeforstet, aber es gibt immer noch kleine Lichtungen wie diese hier, eine Folge des radikalen Rückschnitts. Hauptsächlich jedoch ist Glendalough mit dichten Laubwäldern bestanden. Das Blätterdach ist so wenig durchlässig, dass darunter das Licht und der Platz zum Wachsen knapp werden. Also hat die Pflanzenwelt in diesen Wäldern sich angepasst. Man nennt das vertikale Schichtung.«

»Fahren Sie fort«, sagte Tom, der immer noch keine Ahnung hatte, worauf der Mann hinauswollte.

»Also, die oberste Etage bilden die Baumkronen. Darunter folgt die Strauchschicht, hier sind es hauptsächlich Stechpalmen. Ganz unten wachsen Moose, darüber krautige Pflanzen in Grashalmhöhe. Die müssen sich etwas einfallen lassen, um in dieser schwierigen Umgebung zu überleben. Können Sie mir folgen?«

»Bislang schon, und Hut ab, Sie wissen viel über die Pflanzenwelt von Glendalough«, entgegnete der Inspector trocken. »Aber worauf wollen Sie hinaus?«

Mark präsentierte ihnen einen Asservatenbeutel und entnahm ihm eine zarte blaue Blume. Erde hing noch an den Wurzeln.

»Das hier ist eine Blaue Binsenlilie, auch Blau-Augen-Grasschwertel genannt. Ich habe sie in dem lockeren Erdreich gefunden, mit dem das Opfer bedeckt war. Es war eine geniale Wahl. Wer immer sie hier gepflanzt hat, kennt sich mit Pflanzen aus. Die Blaue Binsenlilie gedeiht in feuchter Erde, und wir befinden uns hier dicht an einem See. Doch diese Pflanze ist in den Marschen und Feuchtgebieten im Westen Irlands heimisch. Nicht hier im Osten, und nicht in Glendalough.«

»Demnach hat jemand die Blume hergebracht und auf das Grab gelegt?«

»Nein. Wie gesagt, sie wurde eingepflanzt«, erwiderte Mark.

»Aber Sie sagten doch …«

»Sieh dich mal um, Tom«, unterbrach Emmet ihn.

Der Inspector runzelte die Stirn und musterte den Waldboden unter den Bäumen. Als er sich auf der Lichtung umsah, krampfte sich sein Magen zusammen.

Eine, zwei, drei, vier. Fünf, wenn man den Erdhügel unter dem Zelt mitzählte.

Tom zählte fünf verschiedene Stellen, an denen dieses zarte blaue Blümchen blühte. Und dann erkannte er es. Die unnatürlichen Parzellen, zu ordentlich, zu kultiviert verglichen mit dem wilden Bewuchs, der den Waldboden außerhalb des Kreises bedeckte. An einigen Stellen hatten sich die blauen Blumen ausgebreitet, aber es sah trotzdem aus, als würde jemand sie pflegen.

Jemand hatte die natürliche Erdschicht entfernt und seine eigenen Blumen gepflanzt.

An fünf Stellen.

Fünf Gräber.

3

Una, 2011

Die Wirkung des Alkohols ließ allmählich nach.

Una begriff jetzt, wie dumm sie gewesen war, aber sie glaubte immer noch, dass es irgendeinen Ausweg geben musste. An diesen Gedanken klammerte sie sich.

Ihr war nicht klar, dass zwar sie zum ersten Mal entführt worden war, es aber nicht seine erste Entführung war.

Sie wusste nichts von den anderen. Noch nicht.

Alles hatte mit einer einzigen unbedachten Entscheidung begonnen. Sie war aus dem Club gestürmt, fest entschlossen, allein nach Hause zu gehen. Una war es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden, was, wie sich herausgestellt hatte, eine bittere Erfahrung war. Und dass jemand ihr Mairead Towell vorziehen konnte … Du liebe Zeit! Sie waren befreundet und alles, aber was hatte Mairead, was sie nicht hatte? Ohne die zentimeterdicke Make-up-Schicht und einen Wonderbra war sie bloß eine dumme Kuh ohne Augenbrauen und mit A-Cups.

Tja, so dumm nun auch wieder nicht. Schließlich war nicht Mairead in diesem Auto gefangen.

Im Grunde war Una schlicht verletzt gewesen. Der Neuankömmling hatte ihr gefallen, auch wenn er etwas älter war. Sie hatte schamlos mit ihm geflirtet, und sie trug ihr knappstes Top und ihre höchsten High Heels. Die Männer hatten sich darum gerissen, ihr an die Wäsche zu gehen, wie immer. Aber sie wollte nur ihn.

Als er sich also so offen für Mairead entschied und ihr mitten auf der Tanzfläche die Zunge in den Rachen rammte, war das wie ein Schlag in den Magen gewesen. Der Seitenblick, den er Una zuwarf, verriet ihr, dass er Spielchen mit ihr spielte, sie provozieren wollte.

Sie hatte sich geweigert mitzuspielen, war aus dem Club gestampft, hatte am Eingang tief die frische Luft eingesogen und die besorgte Reaktion ihrer Freunde mit einem Achselzucken abgetan. Sie hatte den Reißverschluss ihres Hoodies hochgezogen und sich zu Fuß auf den Weg durch die Stadt gemacht. Ihr war klar, wie riskant und töricht das war, aber es war ihr scheißegal. Sie brauchte die Bewegung, um die peinliche Erinnerung loszuwerden.

Als sie auf ihren High Heels und mit zunehmend schmerzenden Füßen die Hauptstraße entlangstöckelte, war sie von ein paar Typen angemacht worden. Sie hatten ihr Angst eingejagt und sie daran erinnert, wie verletzlich sie war, so groß ihre Wut auch sein mochte. Sie war in eine Seitenstraße eingebogen, um den lüsternen Pfiffen zu entgehen.

Als das Auto neben ihr hielt, war sie zunächst dankbar gewesen. Die frische Luft hatte sie wieder nüchtern gemacht, und sie wollte nach Hause.

Anfangs war sie nicht beunruhigt gewesen. Es sah so aus, als würde er sie nach Hause fahren, und sie hatte den Kopf gegen das kühle Glas der Scheibe gelegt und sich wegen ihrer Überreaktion Vorwürfe gemacht. Eine berauschende Mischung aus Wodka und ihrem verdammten Ego. Sie musste unbedingt ruhiger werden und aufhören, so viel wegzugehen. Sogar ihre Freunde waren in letzter Zeit etwas angepisst von ihr. Die hatten gut reden. Alle hatten sie irgendwas vorzuweisen. Universitätsabschlüsse, Berufsaussichten, einen Partner. Alles, was Una vorzuweisen hatte, war ihr Aussehen, und sie musste dringend Kapital daraus schlagen. Ihre Eltern hatten es satt, dass sie noch zu Hause wohnte, sie waren es leid, dass sie ständig Ausbildungen abbrach und es nicht mal schaffte, irgendwelche Scheißjobs im Büro oder als Verkäuferin zu behalten.

Was sie verdammt noch mal brauchte, war ein Mann mit einem anständigen Gehalt, der es als Privileg betrachtete, für sie sorgen zu dürfen. Was nützte es ihr, dass sie eine Schönheit war, wenn es ihr nicht einmal das einbrachte, den bloßen Lebensunterhalt?

Sie hatte aufgeblickt, als er an der Abzweigung zu ihrer Wohnsiedlung vorbeifuhr, und ihn darauf hingewiesen.

Er antwortete nicht. Also hatte sie es wiederholt, mit lauterer Stimme und mit einem flauen Gefühl im Magen. Trotzdem glaubte sie noch nicht, dass es wirklich Grund zur Sorge gab. Vermutlich wollte er einfach sein Glück bei ihr versuchen.

»He!«, rief sie. »Ich sagte, Sie haben die Abzweigung verpasst. Halten Sie an, ja? Ich bin nicht daran interessiert, mit Ihnen irgendwo hinzufahren. Bringen Sie mich einfach nach Hause.«

Aber das hatte er nicht getan. Also hatte sie versucht, bei voller Fahrt die Autotür zu öffnen. Doch sie war verriegelt.

»Wo bringen Sie mich hin?«, hatte sie ruhig gefragt, obwohl Panik in ihr aufstieg. Er ignorierte sie weiterhin.

Es war, als wäre sie bereits nicht mehr da.

Sie war verstummt und hatte überlegt, was sie tun sollte. Langsam hatte sie in ihre Handtasche gegriffen und gebetet, dass er nichts bemerken würde. Ihr Handy lag ganz unten. Wenn sie es schaffte, eine Nummer zu wählen – irgendeine – und zu sprechen begann, würde man wissen, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Vielleicht konnte man ihr Handy orten.

Ohne sie auch nur anzusehen, hatte er ihr die Tasche entrissen und Una dann mit einer Hand in den Sitz gedrückt, während sie versuchte, danach zu greifen. Sie biss ihn fest in den Arm, und da hielt er an und schlug sie ins Gesicht. Als der Schock über den Schmerz nachließ, hatte sie sich gewehrt, sie hatte geschrien und ihn mit ihren Fingernägeln gekratzt.

»Du kommst nicht raus aus diesem Auto«, hatte er gezischt und die Hand um ihre Kehle gelegt, bis sie aufhörte, sich zu wehren.

Jetzt war sie wie betäubt, starrte in die vorbeiziehenden Wälder und fragte sich, was zum Teufel hier vorging. Wenn er sie vergewaltigen wollte, würde sie es geschehen lassen. Sie würde ihn tun lassen, was immer er wollte, solange sie danach aus diesem Auto herauskam und diese entsetzliche Erfahrung überlebte.

Sie würde schon irgendeinen Ausweg finden.

4

Sie arbeiteten bis spät in die Nacht.

Alle Beteiligten, von den einfachen Streifenpolizisten bis hin zu den hart gesottensten Kriminalisten, waren schockiert über das Ausmaß der Entdeckung.

Tom blieb vor Ort, leitete die Operation und bot seinem Team Führung und Unterstützung. Als die Stunden vergingen und Müdigkeit um sich griff, liefen Laura und er zu dem Café am See, um Kaffee für das ganze Team zu holen. Die Inhaberin war geblieben und hatte freundlicherweise angeboten, die Einsatzkräfte mit Snacks und Getränken zu versorgen.

Sie standen am Seeufer, während sie auf ihre Bestellung warteten. Das Wasser des Sees plätscherte leise ans Ufer. Lauras kastanienbraune Locken wehten in der sanften Brise, die am frühen Abend aufgekommen war.

»Ich kann es einfach nicht fassen«, sagte sie leise und voller Entsetzen. »Wir sind in Irland! Ich kann mich noch daran erinnern, dass ein einziger Mordfall monatelang Thema in der Öffentlichkeit war. Seitdem ist die Lage eskaliert, ich weiß, aber ein Serienmörder? Hier?«

Laura war mit Anfang dreißig das jüngste Mitglied von Toms Team. Sie hatte für ihr Alter bereits zu viel gesehen, aber nichts kam an die heutige Entdeckung heran.

»Wir hatten schon Fälle, wo ein Täter mehrfach gemordet hat«, antwortete Tom. »Erinnern Sie sich an Kilcross? Aber es stimmt, bisher gab es nichts Vergleichbares. Obwohl es so überraschend nun auch wieder nicht kommt. Dafür sind in den letzten Jahren zu viele Frauen spurlos verschwunden.«

Er bückte sich, hob einen der glatten Kiesel vom Seeufer auf, warf ihn ins Wasser und verfolgte die konzentrischen Ringe, die sich bildeten. Dann sah er zu den Bergen hinauf, die am oberen Ende des Sees aufragten, gerade noch sichtbar im schwindenden Licht der Sommernacht.

»Als Kinder waren wir immer in Dublin, wenn die Gaelic-Football-Mannschaft aus Kerry im Croke-Park-Stadion um die Meisterschaft spielte«, sagte Laura. »Wenn mein Vater sich den Samstag freinehmen konnte, sind wir das ganze Wochenende geblieben. Unsere Eltern sind mit uns hierher gefahren oder in die Powerscourt Gardens. Ich erinnere mich noch an dieses wunderbare Gefühl von Freiheit. Wir sind in den Bergen herumgelaufen, auf Bäume geklettert, und wenn wir Glück hatten, bekamen wir ein Eis. Und jetzt, als Erwachsene … merke ich erst, wie friedlich es hier ist.«

Sie stieß einen Seufzer aus und zog ihre Strickjacke zum Schutz vor einer imaginären Kühle enger um sich.

»Es ist schwer, sich vorzustellen, dass es hier Gewalt geben könnte. Man kann verstehen, warum die Mönche sich diesen Ort als Zentrum des Gebets ausgesucht haben. Es ist, als …« Sie verstummte.

»Was?«, fragte der Inspector.

»Ich … ich dachte nur gerade, hier ist es so wunderschön, als hätte Gott seinen Daumen auf die Erde gedrückt, um diesen Ort besonders auszuzeichnen.« Sie lief rot an.

Tom lächelte über ihre Offenheit und dachte dabei, dass er es nicht besser hätte ausdrücken können. Und er dachte genauso atheistisch wie sie, wenn nicht mehr.

Ihre Worte hatten ihn auf eine Idee gebracht.

»Hmm«, machte er.

»Worüber denken Sie nach?«

»Ich habe mich gerade gefragt – warum hier? Warum nicht an irgendeinem Ort, wo er etwas näher mit dem Auto hätte heranfahren können, selbst wenn er seine Opfer mitten in der Nacht verscharrt hat? Vielleicht ist ihm die religiöse Bedeutung von Glendalough wichtig.«

»Es gibt doch da einen alten Friedhof, unten bei den Klosterruinen.«

Tom nickte. Er war schon oft dort gewesen, hatte versucht, die Namen und Daten auf den verwitterten Grabsteinen zu entziffern, und verwundert festgestellt, wie sehr sich die Inschriften ähnelten, ob der Tod nun 1750 oder 1950 eingetreten war. Erde zu Erde, Asche zu Asche. Am Ende waren alle gleich.

»Also hat er seinen eigenen Friedhof angelegt, näher am See«, folgerte Laura mit eisiger Stimme. »Vielleicht seine Art, seinen Frieden mit dem zu machen, was er getan hat. Scheißkerl.«

Chief Superintendent Joe Kennedy traf ein, kurz nachdem sie zum Fundort zurückgekehrt waren. Tom hatte ihn früher erwartet; ihm war entfallen, dass sein Vorgesetzter ein Meeting mit seinem Amtskollegen aus Belfast gehabt hatte.

»Wie zum Teufel konnte das so lange unbemerkt bleiben?« Kennedy wippte leicht auf den Fußballen, die Hände fest im Rücken verschränkt. »Fünf Grabstellen in Glendalough, verdammt! Wie kommt es, dass das nicht schon früher entdeckt wurde?«

»Offenbar stimmen die Gerüchte.« Tom zuckte die Achseln.

»Wie meinen Sie das?«

»Dass in Irland ein Serienmörder aktiv ist. Vermutlich wollte es keiner glauben. Und nun …«

»Und nun stellt sich heraus, dass ein gefährliches Individuum jahrelang ungestraft morden konnte, während die Garda Síochána nicht die geringste Ahnung hatte, was vorgeht, wer der Täter ist oder wie man ihn aufhalten könnte.«

Tom spürte Ärger in sich aufsteigen und warf seinem Vorgesetzten einen scharfen Blick zu.

»Wenn eine der Leichen schon früher entdeckt worden wäre, hätten wir alles darangesetzt, den Täter zu finden. Wir können keine Mordermittlungen zu vermissten Personen durchführen.«

Kennedy hob eine Augenbraue.

»Ich habe nicht meine eigene Ansicht wiedergegeben, Inspector Reynolds. Sondern nur das, was sämtliche Talkshow-Moderatoren und Sonderberichtseiten in den nächsten Wochen und Monaten verbreiten werden. Wir werden mit heftiger Kritik und vielen Fragen konfrontiert werden.«

Kein Scheiß, Sherlock, erwiderte Tom im Stillen.

»Ich nehme mal an, Sie werden die Angestellten überprüfen«, fuhr Kennedy fort. »Leute, die die Gegend kennen und freien Zugang zu Glendalough haben? Wir müssen sagen können, dass wir konkreten Hinweisen nachgehen.«

Der Inspector nickte und versuchte, seine wachsende Irritation zu unterdrücken. Auch Sean McGuinness hätte auf die offensichtliche Vorgehensweise hingewiesen, aber er hatte sich dieses Recht verdient. Kennedy war ein paar Jahre jünger als Tom, der gerade fünfzig geworden war, und hatte früh einen Schreibtischjob übernommen. Er besaß sehr wenig praktische Erfahrung – die Art Erfahrung, die zählte.

»Wir werden die Angestellten überprüfen«, entgegnete Tom geduldig. »Aber Glendalough ist ein öffentlicher Park. Es wird kein Eintritt erhoben, und nachts patrouillieren keine Sicherheitskräfte. Wir müssen als Erstes die Identität der Opfer feststellen und dann die Details ihres Lebens durchforsten, um herauszufinden, ob es irgendetwas gibt, das sie verbindet.«

»Hmm«, machte Kennedy. Die Unzufriedenheit strahlte in Wellen von ihm aus. Tom war ihm nicht optimistisch genug. Der neue Chief Superintendent wollte, dass sein Ermittlungsleiter selbstsicher, ja fast arrogant auftrat, und er wollte, dass ihm schnelle Ergebnisse zugesichert wurden. Er hatte nichts dagegen, irgendwelchen Mist aufgetischt zu bekommen, solange es überzeugend klang und mit kurzen, prägnanten Sätzen an die Presse weitergegeben werden konnte.

Als die Nacht fortschritt, kam das heikle Thema zur Sprache, welche Mittel für die Ermittlungen zur Verfügung standen. Der Chief war gerade dabei, zu umreißen, was er seiner Ansicht nach beschaffen konnte – was nicht das war, was Tom brauchte –, als Emmet McDonagh zu ihnen trat. Kennedy nickte ihm kurz zu und ging. Der Chief Superintendent und der Leiter der KTU waren von Anfang an nicht gut miteinander ausgekommen, und bislang hatte Emmet den Krieg, in dem mit kühlen Blicken und abfälligen Bemerkungen gekämpft wurde, gewonnen. Eigentlich hätte Tom Mitleid mit seinem Vorgesetzten haben sollen. Emmet war ein herausragender Gegner. Aber bei Kennedys Talent dafür, anderen Leuten auf den Schlips zu treten, musste er irgendwas gesagt oder getan haben, was Emmets Verhalten rechtfertigte.

»Wir haben hier alles getan, was wir konnten«, erklärte Emmet. Er sackte ein wenig in sich zusammen und ließ die breiten Schultern hängen. »Die Leichen wurden alle aus der Erde geholt und werden in Kürze zu Moya in die Gerichtsmedizin transportiert. Sie lässt ein paar Rechtsmediziner aus London einfliegen, die sie unterstützen sollen. Wir müssen den Todeszeitpunkt eingrenzen. Keine der Leichen ist vollständig verwest, also sprechen wir vermutlich von einer Zeitspanne von ein paar Jahren, nicht Jahrzehnten.«

Emmet gegenüber sprach Tom die Sorge aus, die ihn umtrieb.

»Wo ist Fiona Holland? Unter den Leichen ist sie nicht, aber hat er wieder zugeschlagen? Wird sie von einem Serienmörder festgehalten?«

Emmet seufzte. Er war kein Mensch, der zu Körperkontakt neigte, doch jetzt klopfte er Tom zur Bekundung seiner Solidarität auf den Rücken, und die beiden starrten auf die Lichtung, auf der die fünf Leichname lagen.

»Keine Ahnung, chara. Vielleicht ist sie mit irgendeinem Typen abgehauen. Oder sie hat sich umgebracht. Wer weiß …?«

Sie ließen den Rest unausgesprochen.

»Du solltest nach Hause fahren«, riet Emmet. »Ruh dich ein bisschen aus.«

Tom warf einen Blick auf seine Uhr. Es war fast Mitternacht. Fairerweise musste er zugeben, dass Kennedy die ganze Zeit am Fundort geblieben war und sich geweigert hatte, vor die zahlreich versammelte Presse zu treten, die außerhalb des Parkplatzes wartete, solange sie noch nicht mit Bestimmtheit wussten, wie viele Leichen hier lagen.

Tom wollte nicht gehen. Er könnte ohnehin nicht schlafen. Wie auch, wenn es darum ging, Fiona Hollands Leben zu retten, und ihnen möglicherweise die Zeit davonlief? Seine Leute würden ebenfalls ohne Pause durcharbeiten, wenn er sie dazu aufforderte.

Doch ihm war klar, dass das wenig Sinn hätte. Nach ein paar Stunden Schlaf würden sie sich alle mit wacheren Köpfen im Präsidium treffen, bereit, mit den Ermittlungen in einem Fall zu beginnen, den es so noch nicht gegeben hatte.

»Es wäre besser, weißt du …«, fuhr Emmet fort und setzte zu einem Vortrag über die Bedeutung von ausreichend Schlaf an.

Tom lächelte grimmig und schnitt ihm das Wort ab.

»Ich weiß. Ich habe diesen Rat selbst oft genug erteilt, alter Freund. Du solltest auch nach Hause fahren. Lass dein Team für heute Schluss machen. Macht morgen mit frischen Kräften weiter. Für diese Ermittlungen werden wir alle einen klaren Kopf brauchen, und die Fundstelle wird so lange absperrt bleiben, wie wir es wollen.«

»Tust du mir einen Gefallen, Tom?«

»Was denn?«

»Sprich ein Gebet mit mir.«

Tom blinzelte, überrascht über diese Bitte des KTU-Leiters. Er hatte Emmet nie für einen religiösen Menschen gehalten. Doch als sie jetzt hier standen, zu dieser späten Stunde, die Leichname der ermordeten Frauen nur wenige Meter von ihren Füßen entfernt, hatte er plötzlich das Gefühl, dass ein Gebet absolut richtig und angemessen war.

Also neigte er den Kopf und schloss die Augen, während Emmet ein Ave Maria sprach und die Mutter Christi bat, ihnen zu helfen, den Mörder zu finden. Als er geendet hatte, fügte Tom, obwohl er sich vorkam wie der letzte Heuchler, im Stillen seine eigene Bitte an einen Gott hinzu, an den er schon lange nicht mehr glaubte. Er betete für die Angehörigen der ermordeten Frauen, und er betete darum, dass ihm selbst die Trauer erspart bleiben möge, die sie bald würden durchleben müssen.

*

Willie fuhr ihn zu seinem Haus in der Blackhorse Avenue, die neben der Mauer des riesigen Phoenix Park im Westen Dublins verlief. Beide schwiegen. Tom lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze des Beifahrersitzes. Es kam ihm vor, als hätte er den ganzen Tag den Atem angehalten, und nun, nachdem er den Fundort verlassen hatte, spürte er die Erschöpfung.

Willie saß aufrecht auf dem Fahrersitz, nur gelegentlich schüttelte er den Kopf und hustete, um seinen Hals freizubekommen. Er hatte eine Zigarette nach der anderen geraucht, während er in Glendalough wartete. Er hatte seine Freizeit geopfert, um bereit zu sein, falls Tom ihn brauchen sollte. Auch er war entsetzt gewesen, als sich die Nachricht über die zahlreichen Leichen verbreitete.

Zu Hause sah Tom erst nach seiner Tochter und seiner Enkelin, bevor er ins Bett ging.

Maria hatte die kleine Cáit mit ins Bett genommen. Die beiden lagen nebeneinander, die Köpfe einander zugewandt, das Gesichtchen praktisch ein Spiegelbild der Mutter, abgesehen von der Größe. Das kastanienbraune Haar seiner Tochter lag auf dem Kissen ausgebreitet. Das hellere Haar seiner Enkelin klebte ihr in schlaffeuchten Löckchen am Kopf.

Tom spürte, wie es ihm die Kehle zuschnürte, als er seine beiden schlafenden Prinzessinnen betrachtete. Sie schliefen sicher und glücklich, ohne etwas von dem Bösen zu ahnen, das außerhalb ihrer Träume existierte, einer Niedertracht, deren Geruch er noch an den Fasern seiner Kleidung wahrzunehmen meinte.

Maria war einundzwanzig. Noch war das Alter der Frauen nicht bekannt, die heute aufgefunden worden waren, aber Tom vermutete, dass sie alle zu einer bestimmten Altersgruppe gehörten: von unter zwanzig bis Anfang dreißig. Una Dolan war vierundzwanzig gewesen. Fiona Holland war neunzehn.

Normalerweise gab es einen bestimmten Opfertypus.

Morgen würden sie damit anfangen, die Vermisstenlisten durchzugehen und zu versuchen, die Opfer auf diese Weise zu identifizieren.

Es gab fünf Familien da draußen, sechs, wenn man die Angehörigen von Fiona Holland mitzählte, die auf Nachricht von einer Tochter, einer Schwester, einer Freundin warteten. Jedes der Opfer war von irgendeinem Menschen geliebt worden, war irgendwann mit derselben Inbrunst in den Armen gehalten worden, die Maria für Cáit empfand und Tom für sie beide. Als die Frauen verschwanden, mussten der Verlust und das Leid für die Eltern und alle, die den Opfern nahestanden, unbeschreiblich gewesen sein.

Und nun würden fünf Familien die schlimmste aller möglichen Nachrichten erfahren.

Morgen, dachte Tom seufzend, morgen.

5

Die Leichen waren unter Aufsicht der leitenden Rechtsmedizinerin ins Mater Hospital im Zentrum von Dublin gebracht worden. In dem Komplex mit der viktorianischen Fassade gab es eine große Leichenhalle und ein hochmodernes forensisches Labor. Moya Chambers hatte ihre beiden Stellvertreter herbeigerufen und zwei Kollegen des London Metropolitan Police Service hinzugezogen. Mehrere erfahrene Labortechniker waren zur Vervollständigung des Teams angefordert worden.

Die Rechtsmediziner hatten die Nacht durchgearbeitet, und das Mater-Hospital war der erste Anlaufpunkt des Inspectors an diesem Sonntagmorgen.

»Sie haben also die echten Experten zusammengebracht.« Tom wies mit dem Kopf auf das neue Personal aus dem Ausland.

»Sind gestern Nacht eingeflogen. Klar, alles, was ich über Serienmorde weiß, habe ich aus irgendwelchen Folgen von CSI – Den Tätern auf der Spur

»Meine Güte. Das war nur ein Witz. Sie sehen müde aus.« Er reichte ihr einen Becher mit Kaffee.

»Wollen Sie eine Belohnung dafür, dass Sie etwas aussprechen, das jedem ins Auge springt?«, erwiderte Moya und zog ihren Mundschutz herunter. Der Styroporbecher, den Tom ihr in die Hand gedrückt hatte, war heiß, und sie verzog das Gesicht. »Uh. Früher gab es solche Pappringe, die man um diese Dinger tun konnte, damit man sich nicht die Hand daran verbrannte. Wie viel, glauben Sie wohl, haben diese Affen aus der Buchhaltung eingespart, indem sie uns diesen kleinen Luxus gestrichen haben? Geizige Saubande.«

»Ich hätte ja allen einen Kaffee mitgebracht, aber bei zwei Euro fünfzig pro Becher erschien mir das ein wenig übertrieben.«

Moya machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung ihres Teams.

»Machen Sie sich keine Gedanken wegen der Lakaien. Ich wollte sie sowieso gerade zum Frühstück hochschicken. Gummiwürstchen und angebrannter Toast, und das wird sie vermutlich einen halben Tageslohn kosten. Kommen Sie, ich setze Sie darüber ins Bild, was wir bislang herausfinden konnten.«

Auf ihr Kommando hin leerte sich das Laboratorium. Übrig blieben nur die Rechtsmedizinerin, der Inspector und fünf Leichname in verschiedenen Stadien der Verwesung.

»Unser größtes Problem besteht darin«, begann Moya, »dass sie in feuchter Erde begraben wurden. Der Täter hat sie in Plastikplanen gewickelt, aber das hat nicht ausgereicht, um die Aasfresser fernzuhalten. Sehen Sie selbst – die Maden hatten ganz offensichtlich schon ihre Freude daran, das gilt vor allem für die frühesten Opfer.«

»Ich bin gerade dabei, mein Frühstück zu verdauen«, stöhnte Tom. Er hatte die Vorsichtsmaßnahme ergriffen, sich Eukalyptus-Salbe unter die Nase zu reiben, bevor er das Labor betrat. Es bestand keine Gefahr, dass irgendjemand ihn mit einem hart gesottenen Ermittler verwechselte, dem der Geruch verwester, frisch ausgegrabener und aufgeschnittener Leichen nichts ausmachte.

Sie zuckte die Achseln. »Ich kann das nicht beschönigen, mein Bester. Wie dem auch sei, aufgrund der Insekten und der Feuchtigkeit ist es bei einigen der Opfer unmöglich, den Todeszeitpunkt genau zu bestimmen – ich kann mich nur auf das Todesjahr festlegen. Mit Bestimmtheit kann ich sagen, dass Una Dolan vor weniger als zwölf Monaten umgebracht wurde. Sie hatten also recht mit Ihrer Vermutung: Er hat sie für eine Weile gefangen gehalten. Das muss seine Vorgehensweise sein.«

»Sehr wahrscheinlich«, sagte Tom. »Fahren Sie fort.«

»Wir haben Genproben genommen und Röntgenaufnahmen der Zähne gemacht, das können Sie zur Identifizierung verwenden. Meiner Schätzung nach dürfte das erste Opfer seit fünf oder sechs Jahren tot sein. Es sind noch Fleischreste und Membranen erhalten, keine der Leichen ist vollständig skelettiert. Wir können bestätigen, dass alles Frauen sind, und vermutlich waren alle noch relativ jung. Unter vierzig in jedem Fall. Das ist nur eine Vermutung, wohlgemerkt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass alle weiß sind. Das habe ich heute Morgen schon diesem Mädel aus Ihrem Team mitgeteilt. Die Information wird bei der Sichtung der Vermisstendatei helfen. Die Bestätigung steht noch aus, wir arbeiten dran. Wenn Sie wegen der DNA-Proben Druck machen und die Namen feststellen können, wird das teilweise überflüssig werden.«

»Fünf Opfer in fünf Jahren«, sagte Tom mit zusammengebissenen Zähnen. »Ist Fiona Holland also Nummer sechs im sechsten Jahr?«

»Sieht so aus, aber sonderlich überzeugt klingen Sie nicht.« Moya befreite ihr blondiertes, dauergewelltes Haar aus dem engen Knoten und massierte sich die Kopfhaut an der Stelle, wo eine Spange die Locken festgehalten hatte.

»Linda McCarn wird uns unterstützen«, entgegnete der Inspector. »Und ich vermute, sie wird uns sagen, dass ein derartig strukturiertes, kontrolliertes Vorgehen ungewöhnlich für einen Serienmörder ist. Normalerweise eskaliert die Sache, wenn die Täter nicht gefasst werden.«

Linda war die führende Kriminalpsychologin des Landes. Tom hatte schon oft mit ihr zusammengearbeitet und hatte großen Respekt vor ihr, auch wenn er ihre exzentrische Persönlichkeit ein wenig anstrengend fand. Es war allerdings nicht unproblematisch, sie zu einer Ermittlung hinzuzuziehen. Sie und Emmet McDonagh hatten einmal eine Affäre miteinander gehabt, die böse geendet hatte. Seit vielen Jahren behandelten die beiden sich gegenseitig mit offener Verachtung und waren nur zu gern ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Tal der toten Mädchen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen