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Das TALI-Komplott

Frank Pfeifer, geboren 1966, arbeitet als Trailer-Editor in München. »Das TALI-Komplott« ist sein erster Roman, die Rohfassung entstand bereits in den 1990er Jahren.

1

An der Grenze zu Frankreich wollten wir noch einen Kaffee trinken, bevor es weiterging Richtung Paris. Über uns stapelten sich morgendliche Wolkenbänke, keine Drohne war zu sehen. Dass es magische Überwachungstechniken gab, hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen können. Zum Glück. Die Omnipotenz des Magischen hätte mich sonst noch in den Wahnsinn getrieben. Aber bisher hatte es keine Probleme gegeben. Wahrscheinlich hatten sie in Berlin noch überhaupt nicht registriert, dass wir auf und davon waren.

Nana stand allein auf dem verlassenen Parkplatz. Ihre Lippen stülpten sich kirschrot nach vorne wie die Reste einer aufgeplatzten Papiertüte. Ihre Schuhe, die mit den eingerissenen Lederflanken, hatte sie ausgezogen. Wenn ich sie so ansah, ihr blondes Haar flatterte ein wenig im Wind, die Sonne hob ihr ein paar Schatten aus dem Gesicht, dann war sie die schönste Frau der Welt. Endlich, nach Monaten der Unruhe und Ungewissheit, war das unstete Zucken ihrer Augen fast vollständig verschwunden. Auch ich fühlte mich seltsam entspannt. Obwohl mir klar war, dass wir überhaupt keinen Grund hatten, uns so zu fühlen. Ganz im Gegenteil.

*

Berlin, Schlesisches Tor, einige Monate zuvor. Eine dieser Nächte, die mich in ihrer Leere langsam verschluckten. Kalte Herbstwolken trieben feine Regentropfen durch die Straßen. Ich stand am Ufer der Spree. Das Wasser tiefschwarz. Es roch nach Kloake, nach Verwesung.

An einem gesperrten Bootsanleger führten Betonstufen nach unten. Ich bückte mich und kroch unter der rostigen schwarzen Eisenkette hindurch. Dann vorsichtig die Treppe hinab. Als es glitschig unter meinen Sohlen wurde, blieb ich stehen. Ich fühlte das schmierige Polster, das an mir vorsichtig zerrte. Komm, sagte das Wasser, fall in meine Fluten. Dreckbrühe, dachte ich. Grauer Schlamm schlug gegen den Steinstrand. Zwischen leeren Dosen ein Vogelfriedhof. Die Leichen schwammen, den Schnabel im Wasser, unregelmäßig verteilt am Ufer entlang. Giftkotze schoss aus den Schlünden der Kanalisation. Mir war das alles egal. Sollte die Welt die doch verrecken. Ich sog die smogverpestete Luft, die einzige, die man hier kriegen konnte, tief ein und öffnete dann eine schöne Dose FUCKING-BIER-INTERNATIONAL.

Zu dieser Zeit war Nana nur ein Gesicht unter vielen. Ohne Bedeutung. Eine Bekannte, an der man vorbeigeht. So stand ich an diesem Drecksfluss und dachte an das nächste Jahr, in vielen antiken Schriften als eine Epoche des Chaos prophezeit.

Ich rauchte einen FUCKING-JOINT-INTERNATIONAL in hirnloser Gelassenheit. Setzte die Airpods ein. This is the end. Ich liebte diesen alten Scheiß. Dann ging ich zu meinem Bike, setzte mich auf die tiefliegende Sitzbank, schnippte den Filter weg und startete die Maschine. Die Maschine gab Laut. Die Maschine gehorchte zwei Fingern meiner rechten Hand. In den Kolben explodierte das Benzin und zerstörte die Überreste des Millionen Jahre alten Ölplasmas. Sie saugten die Erde aus, produzierten einige tektonische Schwankungen und veränderten das Magnetfeld. Dann kotzten sie ihren Dreck in die Luft. Der blaue Planet verliert sein ewiges Gesicht. Gott Kosmos wartet, um ihn in seine kalte Umarmung zu nehmen. Die Apokalypse war wieder in meinem Kopf. Leck mich. Was sollte man machen? Die da oben machten einfach ihren Scheiß und unsereins kann froh sein, wenn er über die Runden kam. Der Motor blubberte los, geiles Ding, scheiß auf die Luftverschmutzung. Ich fuhr nach Hause.

In meiner Wohnung empfingen mich Bücher, Klamotten, Zeitschriften, Abfall, eine speckige Matratze. Alles war wild durcheinander geworfen, das reinste Chaos. Das einzige Ding, was den Anschein der Ordnung hervorrief, war der Kühlschrank. Der war meist säuberlich leer oder bis zum Rand mit FUCKING-BIER-INTERNATIONAL gefüllt.

Nana sah ich damals eher zufällig. Aber sie war mir bereits aufgefallen. Sie war eines der Gesichter, die ich in meiner inneren Kontaktliste mit einem Herzchen gekennzeichnet hatte. Favoritin! Ich freute mich, wenn sie mir über den Weg lief und ihre Augen klimpern ließ. Ich wusste noch nicht viel von ihr. Dass sie in den Kneipen auftauchte, in denen ich untertauchte, dass sie verdammt hübsch war und ihr Lächeln direkt in den Bauch traf. Dass sie in Supermärkten und Warenhäusern alles mitgehen ließ, was unter ihre Jacke passte.

Außerdem hatten wir beide eine Vorliebe für dunkle Geheimnisse. Während ich mich allerdings für die Rätsel untergegangener Kulturen interessierte, galt ihr Interesse dem Hier und Jetzt. Sie studierte Politologie. An der Universität suchte sie nach Wissen, das sie gegen ihre Feinde richten konnte. Und Feinde, Feinde hatte sie viele. Diskussionen mit ihr kreisten immer wieder um das Gleiche: Unterdrückung von irgendetwas, Unterdrückung durch irgendjemanden. In Büchern und im Internet suchte sie Mittel und Wege, sich von dieser Last zu befreien.

Was ich suchte und ob ich überhaupt etwas suchte, war mir nicht so klar. Mich faszinierte das Unbekannte. Wieso tauchen in einem Dschungel in Südamerika Ruinen von einer gewaltigen Stadt auf, von der heutzutage niemand etwas mehr weiß? Ägypten sowieso. Aber, ach, scheiß darauf, was wollte man da schon herausfinden? Trotzdem stellten sich die Haare auf meinen Unterarmen auf, wenn ich eine Schrift betrachtete, die niemand mehr lesen konnte. Wie konnte es sein, dass Wissen verborgen blieb?

Ich dachte damals, Nanas Hetze sei letztendlich eine Suche nach innerer Ruhe. Auch ich kannte dieses Gefühl, wie eine Laborratte in einem Labyrinth gefangen zu sein. Wie Nana suchte ich einen Ausgang, war verloren in dieser komplizierten Welt, die mehr Fragen als Antworten bot. Aber mir genügte ein schönes kühles FUCKING-BIER-INTERNATIONAL, um all das zu vergessen. Ich meine, scheiß darauf. Wir konnten doch sowieso nichts ändern. Doch bei Nana verursachte diese Ansammlung von Informationen eine nervöse Anspannung, eine zitternde Unruhe, die sie bis zur Schlaflosigkeit durchrüttelte und erst durch eine befreiende Tat gelöst werden konnte.

*

Dieter, ein guter Bekannter, hatte uns eine Adresse in Lissabon genannt, bei der wir neue Papiere erhalten sollten. Den Tatort weit hinter sich lassen, eine andere Identität annehmen, das war der Plan. Die Sache war die, dass wir alle westlichen Rechenzentren des Online-Shopping-Riesen Zamaon ausgeknockt hatten.

Jetzt genoss ich es, Nana stundenlang anstarren zu können. Die letzten Wochen hatten wir kaum einen Blick füreinander gehabt, die Vorbereitungen für das Virus hatten unsere gesamte Zeit ausgefüllt. Inzwischen zierten die Stoppel eines Dreitagebartes mein Gesicht, aber im Großen und Ganzen sah ich einem Fahndungsfoto noch unanständig ähnlich. Ich war mir auch nicht sicher, ob es richtig gewesen war, Berlin so überstürzt zu verlassen. Ich war mir noch nicht einmal sicher, ob sich überhaupt jemand für uns so dringend interessierte. Nana dagegen war fest davon überzeugt, dass alle, von Interpol über CIA und NSA bis zum INTERNATIONALEN POLIZISTEN, hinter uns her waren. Tatsächlich interessierte sich eine weit mächtigere Institution für uns. Jenseits von Wissen und Wahrnehmung existiert die Magie. Hätte mir das damals jemand gesagt, hätte ich ihn für wahnsinnig gehalten.

*

Auslöser war Nanas Kleptomanie gewesen. Ich meine, ok, es hat einen gewissen Reiz, mal etwas zu klauen. Hey, ihr Arschlöcher, jetzt hole ich mir mal was, ohne diesen ganzen Kreislauf von Arbeit und Kapital zu bedienen. Aber eigentlich ist es mir zu stressig. Will ich Ärger mit den Bullen, weil ich eine Packung Kaugummis mitgehen ließ? Oder diese Befragungen von so Oberklugdetektiven, die echt meinen, man wäre ein Schwerverbrecher, weil man eine Dose Erdnüsse in der Tasche hatte. Bleibt doch mal auf dem Boden.

Aber bei Nana ging es um mehr. In Shopping-Malls und Kaufhäusern verlor sie die Kontrolle über sich selbst. Ich meine, ok, dann gehe ich da nicht mehr hin, wenn ich das nicht aushalte. Aber Nana konnte das nicht. Wie eine Motte zum Licht zog es sie in diese magischen Tempel des Konsums, um an der Vielfalt unnötigen Tands zu verbrennen.

In Berlin gibt es das KaDeWe. Von allen Seiten beäugten uns wachsam die Beherrscher der Waren. An den Decken hingen ihre elektronischen Sonden, über den Kassen schwebten gekrümmte Spiegelteppiche, die Augen der Verkäuferinnen und anderer Bediensteter suchten gierig riesige schwarze Taschen, in denen man ganze Regalinhalte heimlich transportieren konnte. An Pfeilern und Wänden sah man kleine grüne Leuchtkästen, auf denen ein fliehender Dieb zu sehen war. Andere Zeichen wiesen auf Feuerlöscher, Nothammer und die Sprinkleranlage hin. Für den Fall, dass diese explodierte, gab es auf jeder Etage geheime Schubladen mit Regenschirmen, eine Auflage der Versicherungen aufgrund gehäufter Meldungen von unerklärlichen Wasserschäden. Außerdem entdeckten wir durch unsere gründliche Recherche, dass auf allen sieben Ebenen in irgendeiner Ecke ein rosa Plüschkaninchen saß.

Nana und das KaDeWe. Das ist die Laborratte, die in einem zerlöcherten Glaskubus herumläuft, von außen beschallt und beobachtet. Die multidimensionale Verwirrung. Und am Ende das große, gelbe Stück Käse. Die Ratte frisst, wenn sie am Ziel ist. Der Mensch bezahlt, oder wenn er das nicht kann oder will, dann klaut er. Nana jedenfalls klaute, was ihr in die Finger kam. Anfangs aus Leidenschaft. Und aus Protest. Sie wollte sich nicht verarschen lassen. Was wollten die auch mit all ihrem Überwachungsschnickschnack, halbblinden Verkäuferinnen und Detektiven, die nicht bemerkten, wenn ihnen ihr Portemonnaie fachgerecht entfernt wurde.

Nana war wie der Blitz. Und wie der Wind. Sie flog durch die Regalschluchten und Unmengen von winzigen Gegenständen verschwanden auf seltsame Weisen in ihren Taschen. Nur manchmal wurde sie etwas unruhig. Dann zuckten ihre Augen von Ware zu Ware, von Angebot zu Angebot, ihr Blick konnte nichts fixieren, als ob sie aus dem Fenster eines fahrenden Zuges sehen würde, nur dass der Zug zwischen Sommerschlussverkaufskörben und Exklusivvitrinen hin und her fuhr. Wenn sie dann an die Decke sah und eine Kamera entdeckte, hob sie manchmal die Hand gegen die Linse, als wollte sie sich gegen den Bann einer magischen Macht schützen.

Außerdem ist das KaDeWe nicht irgendetwas. Das Ka-DeWe ist einer der ersten Konsumtempel auf diesem Planeten. Sein Mysterium erstreckt sich auf sieben labyrinthartigen Ebenen, die hierarchisch von unten nach oben geordnet sind. Im Erdgeschoss befindet sich der Kuchenstand, auf der sechsten Etage dagegen der Feinschmeckerservice. Man sieht, es geht um Genusssteigerung. Diesem Prinzip folgt auch die Anordnung aller anderen Waren, nur dass die Ebenen der Erleuchtung nicht mit den Stockwerken identisch sind, sondern sich vielfältig vernetzen. Überall pulsieren Maximierungsenergien und treiben die Kunden entlang ihrer Ströme. Vom Fressen zum Dinieren, von der Currywurst zu Pralinés. Einerseits über die mystische Zahl sieben als die Anzahl der Konsumebenen mit dem ewigen Rätsel des Kosmos verbunden, lag das KaDeWe in dem nicht weniger rätselhaften Fluss des Geldes. Alle Menschen fühlten diese ungemeine Energieanreicherung, aber alle reagierten verschieden. Nana fiel dabei unter die Kategorie Kleptomanie.

Dann geh da halt nicht mehr hin, sagte ich zu ihr. Trink ein schönes kühles FUCKING-BIER-INTERNATIONAL und lass KaDeWe KaDeWe sein.

Leichter gesagt als getan.

Es gab ja auch noch Gropius-Passage, Potsdamer Arkaden und das Alexa. Irgendwo gab es immer eine Mall, ein Superkaufhaus, ein Ort, an dem sich die Waren in endloser Vielfalt übereinander stapelten. Man kam einfach nicht daran vorbei. Man konnte sich noch nicht einmal zu Hause einschließen und die böse Welt böse Welt sein lassen.

Denn es gab einen Ort, der noch viel schlimmer war, als Luxuskaufhäuser und Einkaufspassagen: Das Internet.

Damals waren wir schon ein Paar. An irgendeinem Morgen waren wir zusammen aufgewacht. Das war das erste Mal, dass sie mir von dem Virus erzählte. Yeah, geiler Scheiß, dachte ich, wir lassen das ganze System in die Luft fliegen. Aber mal ganz ehrlich: Videos streamen, irgendwelchen Idioten auf Youtube folgen und ab und zu mal eine E-Mail schreiben - so schlecht war das Internet auch nicht. Und man konnte FUCKING-BIER-INTERNATIONAL bei Zamaon-Fresh bestellen. Besonders dann gut, wenn man nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen konnte. Also vergiss den Scheiß, sage ich zu ihr, und öffnete die nächste Dose.

Aber sie hörte nicht damit auf.

Gut, dachte ich anfangs. Spielen wir ihr Spiel.

How to hack the Internet?

Als Erstes kauften wir dutzende verschiedene Sonnenbrillen. Überwachungskameras waren ja überall. Versuchten, uns in verschiedenen Tonlagen und Akzenten zu artikulieren. Spracherkennungssoftware, schon mal davon gehört? Gewöhnten uns besondere Gesten und Körperhaltungen an, verzichteten aber letztendlich auf die Manifestation besonderer Kennzeichen wie Narben, Geschwüre und ähnliches. Bodyscans. Körperganganlysesoftware, dieser Mist eben. Unsere Sorge war, dass es jemand mitbekam, was wir vorhatten. Daher wählten wir als Erstes die altmodische Analog-Recherche in Bibliotheken. Was die NSA alles herausbekommen konnte, wenn sie unsere IP-Adresse kannte, wollte ich gar nicht wissen. Unser Ziel, Nanas Ziel, war ziemlich klar. Das Shopping-Monster des Internets, das sie fest im Griff hatte, war Zamaon. Diese Bestie musste zur Strecke gebracht werden.

Ich hielt das anfangs für ein nettes Spiel. Es war ein wenig so, als ob man dem Rätsel einer Geheimgesellschaft auf den Grund ging. Das entsprach ja genau meinen Interessen. Es gab Codes. Gewisse Regeln, die man kennen und beherrschen musste, wollte man hier mitspielen. Eine spannende Sache. Und eben nur ein Spiel. Abends gab es ein schönes FUCKING-BIER-INTERNATIONAL und Welt, leck mich am Arsch.

Um die ominösen virtuellen Feinde nicht aufzuschrecken, suchten wir in Büchern in anonymen Bibliotheksregalen nach Methoden, dem digitalen Feind beizukommen. Aber selbst der analoge Weg war nicht so einfach. Was sollte ich zum Beispiel sagen, wenn ich in der Stabi stand, in einem Buch über das Darknet blätterte und dabei von einem Bekannten erwischt wurde? Ich suche nach Spuren eines geheimen Kultes, hätte ich sagen können. Denn meine Freunde wussten von meiner manischen Besessenheit für rätselhafte Kulturen. Five, würden sie sagen, du spinnst. Den Spitznamen Five hatte ich wegbekommen, weil sie früher zu mir sagten: Du kannst ja noch nicht mal bis fünf zählen. Nur weil ich alles hinterfragte. Ich meine, nur weil alle Leute sagen, dass die Welt eine Kugel ist, muss sie doch keine Kugel sein? Bin ich schonmal um den ganzen Planeten gereist? Bin ich im Weltall gewesen und habe mir die ganze Sache mal von oben angeschaut? Alles nur vermittelte Realität. Eigene Erfahrungen zu machen, ist überflüssig. In Eigenverantwortung über diese Welt nachzudenken obsolet. Vor ein paar hundert Jahren war die Erde noch eine Scheibe. Und weil das alle glaubten, war das die Realität. Also: Realität ist eine Absprache. Wenn alle sagen, es gibt keine Ufos, dann gibt es keine Ufos. Aber was ist mit Roswell? Deswegen werde ich Five genannt. Weil meine Freunde und Kommilitonen meinen, ich könne nicht bis fünf zählen. Kann ich aber! Aber wer zu viele Fragen stellt, muss aufpassen, nicht als Idiot dazustehen. Doch die Wahrscheinlichkeit, einen Kommilitonen in der Analog-Bibliothek zu treffen, war relativ gering. Die nutzten dann doch lieber Laptop und Wlan, um für ihre Doktorarbeiten zu recherchieren. Selbst wenn sie wie ich Archäologie studierten.

*

Paris hatten wir bald hinter uns. Dieses Konglomerat aus Hochhäusern, Schnellstraßen und Untergrundbahnen war der Rückzugsort für die Menschen, die glaubten, in einer Stadt könnte man den Gewalten der Natur irgendwie entgehen. Kinder spielen dieses Spiel. Sie halten die Hand vor das Gesicht und glauben dann, dass ihr Spielkamerad sie nicht sehen kann. Unser Spielkamerad aber war das Weltall. Absoluter Nullpunkt. Sonnenwinde. Kometenregen. Wenn man sich lange genug die Hand vor das Gesicht hält, wird man einfach erschlagen. Dass es eine Macht gibt, die genau das von uns will, erscheint vielen Menschen als abwegig, magisch, wahnsinnig. Denn solange die Neonreklame leuchtet und das Internet funktioniert, kann es ja nicht so schlimm so sein. Dann kann man in Ruhe sein FUCKING-BIER-INTERNATIONAL trinken und den lieben Gott einen netten Mann sein lassen. Der uns nicht retten wird. Aber wer dann?

2

Ich lenkte den Alset auf einen Rastplatz. Wir hatten jetzt unseren Anteil geleistet zur Rettung der Welt. Mehr kann man nicht erwarten. Der Rest der Welt sollte sich gefälligst selbst retten.

Nana kramte ein Brötchen heraus und fütterte damit einige Spatzen, die aus dem Nichts hervorgestoßen kamen, als hätte einer in die Essensfanfare getrötet. Seltsam, was die kleinen Viecher für ein Gespür hatten, wenn es um eine leckere Mahlzeit ging. Emsig, ein bisschen aufgeregt mit den Flügeln schlagend, pickten sie die Krumen auf. Das waren echte Überlebenskünstler.

Die Spatzen waren zum Teil so vertrauensselig - oder war es Risikobereitschaft? - dass sie einem die Brotkrumen fast aus der Hand fraßen. Sie hüpften zwischen Nanas Schuhen umher, als wäre dort ein Restaurant. Einer saß sogar auf einer Schnalle und pickte ihr auf dem Spann herum. Nana redete mit ihnen, als wären sie entlaufene Gartenzwerge.

»Na Kleiner, du hast aber Hunger, einen ganz leeren Magen hast du. Guck mal, wie die den Schnabel aufreißen, gib mir noch ein Stück von dem Brötchen.«

Diese arglosen Besucher aus einem Paralleluniversum bekamen also ihre Happen, es war genug da. Nachdem alles in den Verdauungstrakten verteilt war, hüpften die Vögel wieder davon und ließen die Raste in ihrem Dreck zurück. In den Büschen zwischen Autobahn und Parkplatz hatten sich Papierfetzen und Plastiktüten ein Stelldichein gegeben, die Zivilisation zeigte sich hier von ihrer besten Seite. Selbst die weiß getünchten Wände der Imbissbude erschienen eher grau, an einer Seitenwand hatten anonyme Pisser, die es offensichtlich nicht bis zum Plastikklo geschafft hatten, ihre Zeichen in dunklen Flecken hinterlassen. Die Luft hier roch nach undefinierbarer Fäulnis. Überall lagen die Filter ausgetretener Zigaretten herum und auf den verstreuten Glasscherben funkelte das Licht der sterbenden Sonne.

Ich begann Nana zu massieren. Sie hatte eine wunderbar weiche, leicht gebräunte Haut, aber ihre Nackenmuskulatur war total verspannt. Aus ihrer Kehle kamen einige Entspannungsstöhner als ich sie gleichmäßig knetete. Ein kurzer Moment der Ruhe. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, was uns noch bevorstand.

*

Während ich damals anfing, Wissen zu erlangen, um Shopping-Portale unschädlich zu machen, versuchte Nana genug Wissen zu erlangen, um unsere Tarnung und Flucht vorzubereiten. Darüber gab es wenig brauchbare Daten, neben gründlich recherchierten Spionagethrillern erlangte man die besten Informationen aus den Dokumentationen staatsfeindlicher Umtriebe. Nächtelang saßen wir da und lasen uns die Augen klein, rund und rot.

Zum Glück gab es kühles, herbes FUCKING-BIER-INTERNATIONAL, das durch den Körper direkt in die Seele rann und mir die Begegnung einer mir bis dahin unbekannten Realität erträglicher machte.

Außerdem war so eine Dose FUCKING-BIER-INTERNATIONAL angenehm schweigsam, wenn ich ihr von meinen Ängsten erzählte, die sich nun langsam an die Oberfläche meines Bewusstseins fraßen. Viele Menschen dagegen fühlten sich berufen, meine zitternde Rede, wenn meine Furcht plötzlich nach außen drang, mit überflüssigen Worten zu kommentieren. Dieter war so ein Spezialist. Ich kannte ihn schon ewig, hatte ihn in der »Bar der bekennenden Alkoholiker« kennengelernt. Er war soweit in Ordnung, außer wenn er etwas roch, was er mit seiner hochprozentigen Weisheit kommentieren konnte. Nana hielt er für vollkommen verrückt und begegnete ihr oft mit einem feindseligen, misstrauischen Blick. Mit ihm zu reden war manchmal ein wirklich schwieriges Unterfangen. Dieter war ein wahrer General von Diskussionskriegen, immer auf einen Angriff vorbereitet, immer zum Gegenschlag bereit und sterben für die Idee. Dieter war eben ein Politischer. Er redete und dachte immer in Begriffen der Masse. Ein langer Kerl in Hosenträgern, die seine viel zu weite Jeans unter dem Nabel festhielten. Und dann dieser blonde Vollbart und das schüttere Haar auf dem Schädel. Der Prophet einer neuer Weltordnung.

Die Logik des Diebstahl bestand darin, den begehrten Gegenstand ohne Gegenleistung in Besitz zu nehmen. Wem es wie Nara kaum um das Diebesgut ging, schien einer fremden Welt zu entstammen, in die einzudringen Dieters Fantasie und Intuition nicht ausreichten. De facto war es außerdem ein Verbrechen, welches Dieter gerne als politische Tat deklariert hätte. Am liebsten hätte er hinter der Tat ein höheres Ziel gesehen. Das Subjektive alleine war ihm verdächtig. Trotz allem war er neugierig. Ich erinnere mich an die stundenlangen Gespräche in meiner Küche, bei denen er versuchte, in Nanas Logik des Diebstahls einzudringen. Nanas alles beinhaltende Argument für ihre skurrile Art mit dem Thema Shopping umzugehen, war aber völlig unlogisch und höchst emotional: Ich möchte die Kontrolle haben.

An einem dieser Abende hätte Dieter beinahe seine Augen verloren. Wir waren schon alle drei ein wenig angetrunken. Ich stand etwas gelangweilt in einer Ecke der Küche, nippte an meinem FUCKING-BIER-INTERNATIONAL und sinnierte über mein Lieblingsthema, das Rätsel untergegangener Kulturen.

Wieder waren sie an der Stelle, an der Dieter klagte, es könnte doch nicht jeder machen, was ihm so gefällt. Wo käme man denn da hin? Man musste über den Moment hinausdenken. Für Nana war das viel zu abstrakt und allgemein, schließlich wollte sie nur ihre eigene Angst verdeutlichen und nicht Weltökonomiepläne entwerfen. Dieter aber drängte sie immer wieder in die gleiche Ecke. Was ist, wenn jeder und bla und soziale Gemeinschaft und kategorischer Imperativ und blablabla. Das machte Nana mit der Zeit total aggressiv. Schließlich wollte sie erzählen, wieso sie, Nana, diesen Zwang zum Diebstahl verspürte, und jetzt wollte Dieter hören, dass es Nanas Ziel sei, die gesamte Menschheit zum Verbrechen zu verführen. In ihrer Persönlichkeit offensichtlich vollkommen negiert, genügten Dieters abschließende Worte, dass das Subjektive sich dem Kollektiv unterordnen müsse, ihre Gewaltgrenze zu brechen. Sie schnappte sich den Korkenzieher und wollte mit diesem eines von Dieters himmelblauen Augen entstöpseln, hätte dieser nicht in plötzlichem Entsetzen laut aufgeschrien. Dieses Geräusch band Nana wie ein ungeschriebenes Gesetz die Hände. Fluchend sprang Dieter von dem Stuhl auf, griff sich seine Jacke, schrie noch einiges dummes Zeug und verschwand mit wehendem Bart. Am nächsten Tag war alles schon wieder verziehen, der verdammte Alkohol war daran Schuld, was sonst? Seitdem hielt Dieter einen gebührenden Abstand von Nana.

Trotz solch kleinen Zwischenfälle und diversen Diskussionen gab es aber nie längerfristigen Zwist. Spätestens in der »Bar der bekennenden Alkoholiker« verloren sich alle Unstimmigkeiten und wir zogen wieder lallend, uns brüderlich umarmend und Die Internationale singend durch die nächtlichen Straßen Berlins oder brüllten auf den Demos für Klimaschutz und Menschenrechte die Parolen des Widerstands.

Was mir an Dieter gefiel, war seine Anonymität, die er trotz aller Freundschaft nie ganz verlor. Er hatte Verbindungen zum organisierten politischen Widerstand genauso wie zur professionellen Kriminalität. Er war ein Spezialist in der Beschaffung von Informationen und nach seinen Worten konnte er von Gaspistolen bis zu Atom-U-Booten alles besorgen, wenn er wusste, für welchen Einsatz seine Hilfe benötigt wurde. Nachdem der Entschluss gefallen war, Zamaon lahmzulegen, hatten Nana und ich überlegt, ob wir ihn nach dem Virus fragen sollten, aber für Nanas privaten Wahnsinn schien er nicht die richtige Kontaktperson zu sein.

Das Internet ist vermittelte Realitiät. Entfremdung von der Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen. Aber wir sind ja auch keine Steinzeitmenschen mehr, die Tiere jagen und Pilze sammeln. Wir gehen in den Supermarkt und kaufen Fleischwurst und Champignons. Das fühlt sich ziemlich real an. Im Internet shoppen, dort ein Buch oder ein Paar Schuhe zu bestellen, fühlt sich seltsamerweise immer noch real an. Obwohl wir nichts anfassen, nichts riechen und uns nur an ein paar Bildchen und an einigen Textzeilen orientieren können. Während wir aber im Supermarkt nicht wirklich an die Möglichkeit eines Taschendiebes denken, obwohl uns die theoretische Gefahr durchaus bewusst ist, wissen wir, dass wir im Internet von allen Seiten belauert werden. Aber wenn wir uns ein Anti-Virus-Programm auf den Rechner geladen haben, glauben wir, alles Menschenmögliche getan zu haben. Wir begeben uns freiwillig in die Gefahrenzone.

Umgekehrt müssen auch die Unternehmen, die etwas anbieten wollen, ihre Portale im Internet öffnen. Sonst könnte ja niemand bei ihnen einkaufen. Und so wie es Trojaner, Würmer und Viren gibt, die unseren heimischen Rechner befallen wollen, musste es doch Tools geben, um zum Beispiel Zamaon zu infiltrieren.

Ich hatte rudimentäre Kenntnisse mit dem Kommandozeilen-Tool. In der Archäologie kommt man natürlich nicht an gewissen Messverfahren herum. Um ein Georadar an eine spezifische Geländebeschaffenheit anpassen zu können, war dies die gewöhnliche Programmiermethode. Für mich war es nur ein Spiel, das ich Nana zuliebe spielte. Ich schrieb eine Loop-Datei, die tausende von Anfragen an die IP-Adresse von Zamaon schickte, in der vagen Hoffnung, diesen Internet-Giganten damit in die Knie zu zwingen. Aber das einzige, was geschah war, dass meine eigene IP-Adresse vom Zamaon-Server gesperrt wurde. Trotzdem hatte ich ein seltsames Hochgefühl, das ich mir nicht erklären konnte. Aber schnell stellte sich ein Gefühl der Ernüchterung ein. Zeit, ein FUCKING-BIER-INTERNATIONAL zu trinken.

»Kann man halt nichts machen, Nana. Scheiß darauf. Die haben natürlich ein Sicherheitssystem, das mit solchen Spielchen leicht fertig wird.«

»Ja, Five. Spielchen. Aber dann müssen wir den Einsatz erhöhen. Damit es ein richtiges Spiel wird.«

Ich sah meine Bierdose an. Dann Nana. Es war wirklich anstrengend mit ihr. Wieso gab sie nicht einfach auf?

Den Einsatz erhöhen. Wie sollte ich das machen? Was waren meine Beschränkungen? Das, was ich vorhatte, nannte sich DOS-Angriff. DOS stand für Denial of Service. Das Problem war meine kleine Batch-Datei. Aber mit einer gezielten Suche im gehassten Internet fand ich eine Software, über die man diese DOS-Angriffe wesentlich professioneller durchführen konnte. Ganz offiziell, ganz legal. Nana wollte dabei sein, wenn es geschah.

Man konnte wählen, mit welchem Protokoll man den Server beschoss. Außerdem den Port, die Anzahl der Threads und die Geschwindigkeit, mit der man die Anfragen an den gewünschten Server abschoss. Das ganze Tool war also viel mächtiger als die kleine Batch-Datei, die ich selbst geschrieben hatte. Ich nickte Nana zu. Wir hatten den Einsatz erhöht.

Ich drückte auf den Fire-Button und der Angriff begann. Parallel hatte Nana die Zamaon-Seite geöffnet, um zu sehen, ob unser Angriff, irgendeine Auswirkung hatte. Meine Software schickte tausende von Pings in Richtung der IP-Adresse, unter der ich von meinem Rechner zuletzt die Zamaon-Seite aufgerufen hatte. Beim Abgleich mit Nanas Rechner mussten wir feststellen, dass sie eine ganz andere IP-Adresse hatte. Der Feind, denn das war Zamaon für uns in diesem Moment, arbeitete also unter verschiedenen Masken, die nach Außen alle gleich aussahen.

Ich versuchte die verschiedenen Protokolle - TCP, UDP, HTTP - verschieden Threads, verschiedene Geschwindigkeiten. Mit dem gleichen Ergebnis, wie mit meiner Batch-Datei - meine IP-Adresse wurde irgendwann gesperrt. Der Feind hatte meinen Angriff bemerkt und die Tür zugemacht.

Einsatz erhöht. Keinen Treffer gelandet. Dachte ich jedenfalls. Ehrlich gesagt war ich erleichtert. Das Bier rannte kühl und erfrischend die Kehle herunter.

Aber Nana war alles andere als frustriert.

»Five, die haben deine IP-Adresse gesperrt.«

»So sieht es aus, Nana. Also, komm. Prost. Und vergiss den Scheiß.«

»Nein, nein, Five. Das ist gut. Das ist sehr gut.«

Ich sah sie verständnislos an. Wir waren gerade glorreich gescheitert. Zamaon-Goliath hatte uns Kunden-Davids gerade eins über den Schädel gehauen. Schluss. Aus. Zurück zum Kühlschrank.

»Zamaon hat geantwortet.«

»Ja klar, Nana. Die haben uns den Hahn zugedreht.«

»Genau, Five. Aber genau das ist es, was ich doch will. Ich will in Ruhe gelassen werden. Ich fühle mich doch wie ein Junkie, dem das Heroin unter die Nase gehalten wird, wenn er die Wettervorhersage für seinen Sonntagsspaziergang abrufen möchte. Und jetzt werde ich ignoriert.«

Ich schaute Nana an. Ein sichtliches Zeichen von Entspannung machte sich in ihren Gesichtszügen bemerkbar. Ihre Schultern waren etwas nach unten gesunken. Es tat mir wirklich leid, dass ich ihr das wieder nehmen musste.

»Aber beim nächsten Einloggen in deinen Rechner wird dir eine neue IP-Adresse zugewiesen und Zamaon hat vergessen, dass du der böse Kunde bist, dann bist du wieder der gute, dem man tausend Sonderangebote unterschiebt.«

Nana lächelte. Wissend und traurig.

»Weiß ich, Five. Weiß ich. Aber das ist ein Anfang. Wenigstens für mich. Die ganze Zeit habe ich mich total ohnmächtig gefühlt. Überall wird man mit allem möglichen Scheiß überschwemmt. Man entkommt dem System einfach nicht. Aber es antwortet einfach nicht auf meine Schreie. Lasst mich in Ruhe, schreie ich immer wieder, aber niemand antwortet. Aber eben. Die Bestie hat geantwortet. Mein Schrei ist nicht sinnlos im Nebel verhallt. Ich wurde gehört. Denn die Bestie hat selbst gesagt: Lass mich in Ruhe. Aber das werden wir nicht, Five, oder? Wir lassen die Bestie nicht in Ruhe. Nicht, solange sie uns dauernd anbrüllt.«

Ich zuckte mit den Schultern. Was sollte ich schon sagen? Ich war mit meinem Latein am Ende. Wenn man den Riesen nicht mit den eigenen Waffen schlagen konnte, Software gegen Software, was sollte man denn da noch ausrichten können?

» Und selbst? Was machen die Künste der Feindabwehr?«

» Verschleierung!«

»Was meinst du damit?«

»Wie müssen unsichtbar werden. Vom Spielfeld verschwinden, um richtig spielen zu können. Pokerface. Keine sichtbaren IP-Adressen mehr. Keine GPS-Daten mehr. Rückzug ins Analoge.«

Echt jetzt, dachte ein Teil von mir? Was für ein Aufwand. Mein geliebtes Handy weggeben? Denn damit konnte mich der INTERNATIONALE POLIZIST natürlich überall orten. Und auch Zamaon wusste, ob es mir Südfrüchte oder Schokolade anbieten musste, um meinen maximalen Kaufimpuls zu triggern. Im Schwimmbad die Südfrüchte, im Kino die Schokolade.

Keine sichtbaren IP-Adressen? Die eigene IP-Adresse zu verschleiern war kein Kunststück. Man betrat das Internet einfach durch die anonyme Tür des Tor-Browsers.

Beim Durchsuchen der Einstellungen der DOS-Software konnte man auch das Tunneln der IP-Adresse über den Tor-Browser einstellen. Unser anonymer Angriff auf Zamaon begann. Tausende von Anfragen und Handshakes mit dem fernen Server begannen. Und wie erhofft wurde unsere eigene IP-Adresse nicht gesperrt. Erneute schaute Nana voller Hoffnung auf das Display ihres Laptops, ob der Zusammenbruch des Systems sich offenbaren würde. Aber nichts geschah. Nana suchte nach Parfum bei BRILLE und schon wurde ihr bei Zamaon entsprechende Werbung dargeboten. Sie schrieb eine EMail mit dem Betreff Sonnenschein und schon wurden ihr auf Zamaon Urlaubsangebote unterbreitet. Mein anonymer Angriff lief auf Hochtouren und wurde einfach geschluckt. Mein kleiner Rechner gegen die Serverfarm eines Giganten. Nana hatte inzwischen sieben verschiedene Parfumsorten, eine Kreuzfahrtreise und zwanzig Liter Sonnenöl im Warenkorb. Ich musste sie vorsichtig vom Bildschirm wegziehen, bevor sie auf den Bezahlen-Button klickte.

Ich drückte ihr ein schönes kühles FUCKING-BIER-INTERNATIONAL in die Hand. Sie zitterte. Aber sah mich glücklich an.

»Das ist der richtige Weg, Five, das ist der richtige Weg, ich spüre es.«

Ich nickte ihr zu. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so weit gehen würde. Es war doch nur ein Spiel. Aber die Frau vor mir sah nicht so aus, als ob das ein Spiel für sie wäre. Und auch mich selbst hatte ein gewisses Unbehagen ergriffen, das ich nicht einfach mit ein paar Schlucken kühlen Biers herunterspülen konnte. Wenn wir nicht auf diesem Weg weiterkommen würden, mussten wir uns irgendwo Hilfe besorgen. Und ich wusste auch schon, wo ich anfangen musste, zu suchen. Im Darknet.

3

Heute, nach einiger Erfahrung mit den Mächten dieser Welt, die uns über das Internet kontrollieren, erscheint mir unser kleines Attentat auf Zamaon fast lächerlich. Andererseits war es für mich und Nana zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige gewesen. Die Ruhe, die ich, nachdem alles vorbei gewesen war, gespürt hatte, war unvergleichlich gewesen.

Noch hatte ich keine Angst, obwohl Nanas innere Unruhe fast ansteckend war.

Sie saß am Steuer, ich hatte die Füße hinter die Frontscheibe geklemmt, wir waren auf dem Weg nach Lissabon. Ich trank ein FUCKING-BIER-INTERNATIONAL nach dem anderen. Verirrte Insekten summten in meinen Ohren und nur das Brausen der vorbei rasenden Autos erinnerte mich ab und zu daran, dass unser Weg noch lange nicht zu Ende war. Ich war der Wolf nach dem Fressen, ich hatte meinen Hunger nach Chaos gestillt und verdaute nun meine Impressionen. Der Genuss des Wolfes, der sein Wild endlich geschlagen hatte, statt wie zuvor ziellos durch das Labyrinth des Lebens zu taumeln, ruhte in meinem Körper. Dabei hatte das mit dem Wolf so harmlos angefangen.

*

Bei meinen Recherchen im Darknet war der Wolf, immer häufiger in meinen Nachforschungen aufgetaucht. In URLs wie wolfundwaffen.onion. Als Codewort: canislupus. Oder als CAPTCHA-Login-Rätsel mit Wolfsbildern. Ich fing an, willkürlich Postings und Chateinträge zu sammeln, in denen ich Zusammenhänge mit einem Wolfskult vermutete. Schon nach kurzer Zeit war mir klar geworden, dass das gehäufte Auftreten des Wolfes ein Anzeichen der Macht war, die ihre Spuren nicht nur im Netz, sondern in der Geschichte hinterlassen hatte. Mit etwas Kenntnis über die historisch realen Machtinstitutionen schloss ich, dass der Wolf seine Ursprünge hunderte Jahre vor Christi Geburt haben musste und sich in einem geheimen Kult verkörperte. Das waren alles Vermutungen, Arbeitshypothesen, Modelle. Aber die Fakten passten sich in das Puzzle ein, vielleicht weil ich das so wollte, vielleicht weil die Datenfülle keinen anderen Schluss zuließ. Oder eher die Datenarmut. Aber aus diesem Wenigen baute ich eine famose Struktur. Das Internet, Ort vermittelter Realität, der Suppentopf der tausend Meinungen, war wie ein Baukastensystem. Ich fand dort alles, was ich benötigte, um mir meine eigene Wirklichkeit zu bauen.

Nach wochenlangen Recherchen wusste ich den Namen des Kultes: TALI. Dann kam ich wieder nicht weiter. Ich versuchte es mit Zahlenmystik, Tarot und anderen Entcodierungssystemen, gab immer wieder TALI ein, aber die Maschinen gaben nur unsinniges Zeug heraus. Nicht das, was ich sehen wollte. Aber dann schnupperte ich etwas auf. Es gab eine türkische Geheimsekte, deren Losungswort TALI war. Ihre Ursprünge gingen auf die Zeit der Tataren von Dschingis Khan zurück. Wahrscheinlich eine der herrschenden Kriegerkasten unter Timur Lenk bildeten sie den militärischen Geheimdienst der Tataren. Ihr Ansehen war äußerst positiv, sie galten als die guten Geister des Heeres, die dem Dämon der Niederlage und Konspiration das Handwerk legten. Sie wurden Talismanen genannt. Daher könnte unser heutiger Ausdruck Talisman kommen, der beschützende Kräfte ausstrahlen soll. Das ist der gute Geist des Heeres, der Talisman des Krieges.

Jene Geheimsekte handelte jedenfalls mit Drogen und auch im Wolfskult gab es immer wieder Anzeichen, die ich nur als maßgebliche Bedeutung einer unbekannten Droge deuten konnte. Die Zufälle verzahnten sich und formten langsam das Bild des TALI-Kultes. Wölfe, Drogen, Geheimbünde, die Sache gab mir einen seltsamen Flash.

So lief einerseits die Suche nach dem Virus auf Hochtouren, andererseits konzentrierte sich meine fantastische Wissenschaft auf einen Kult, den meine Neugier anfing auszuhorchen.

Ein einziger Rechner hatte Zamaon noch nicht einmal einen Schluckauf beschwert. Wie eine lästige Fliege waren wir weggewischt worden. Was aber, wenn hunderte oder gar tausende Rechner gleichzeitig auf das Monster losgingen? Wir brauchten ein Botnet!

Mein erster Gedanke war, dass es doch so etwas wie einen Virus oder Trojaner geben muss, mit dem man fremde Rechner kapern kann. Aber es war viel einfacher.

Es gibt Menschen, die ihre Rechner freiwillig zur Verfügung stellen. Digitale Anarchisten, die sich zusammen getan hatten, um der Kontrolle durch den Staat etwas entgegensetzen zu können. Der Tipp dazu kam natürlich von Dieter.

Schau doch mal auf Open Live, hatte er mir vorgeschlagen. Dass Menschen auf Open Live ihr gesamtes Leben ausbreiten, war für mich persönlich nicht nachvollziehbar. Allerdings hatte das seinen Preis. Man gewährte Open Live Zugriff auf all seine veröffentlichten Daten, damit diese dann ein verhaltensorientiertes Kundenprofil weiterverkaufen konnten. Erzählte man also seiner Community vom leckeren Salat, den es zu Weihnachten gegeben hatte, bekam man danach Werbung von Zamaon Food und einer Diät-Firma angeboten.

Und dort, in einer Welt, die nur im Internet existierte, sollte ich jemanden finden, der mir sagen konnte, wie man das Internet hackt? Das hätte mir schon damals verdächtig vorkommen sollen. Wer hält sich denn seinen eigenen Trojaner?

Aber tatsächlich fand ich dort die Zombie-Armee. Eine Community auf Open Live, die ihre Rechner zur Verfügung stellte, um Botnet-Angriffe durchzuführen. Die dazugehörige Software gab es bei einer weiteren Netzwerk-Community: Glit terknot. Glitterknot war ein Zusammenschluss von Program-mierern, der Open-Source-Software entwickelte. Von Textverarbeitung bis Spezialanwendung für die Raumfahrttechnologie. Von Programmierern für Programmierer. Und ein Hacker war was? Genau! Ein Programmierer! Seltsamerweise war Glitterknot Teil von Minipro, dem größten Software-Unternehmen des Planeten. Hallo? Sollten da nicht alle Alarmglocken läuten? Das weltweit größte Software-Unternehmen unterhält eine Plattform für ein Netzwerk von Hackern? Aber, ach, Scheiß darauf, das wird schon in Ordnung sein. Ein kühles FUCKING-BIER-INTERNATIONAL und alles ist wieder normal. Augen zu und durch. Der Zweck heiligt die Mittel. Dann eben der Pakt mit dem Teufel. Nein, nein, der ist nett, der Teufel. Netter Kerl. Echt.

Also egal. Auf Glitterknot gab es ganze Software-Pakete, um sich Botnets zu bauen. Also der linke Arm verkauft mir den PC, der rechte Arm die Software, um diesen PC zu hacken. Logik?

Darüber in diesem Moment nachzudenken, war mir viel zu stressig. Ich hatte ein Ziel. Ich hatte eine Aufgabe. Nach ein paar Schlucken FUCKING-BIER-INTERNATIONAL lief alles wie geschmiert.

Als alles installiert war, rief ich Nana. Auf meinem Bildschirm leuchtete ein großer roter Button. Attack! Daneben die URL: zamaon.com. Ich hatte ungefähr 1800 Zombies rekrutiert. 1800 Rechner, die jetzt darauf warteten, unendlich viele Anfragen an die von mir bestimmte IP-Adresse zu senden.

Nana nahm die Maus in die Hand, führte den Zeiger über den Button. Ihr Atem wurde tiefer. Ihr Blick glasig. Dann zuckte ihr Zeigefinger leicht.

Die Zombies begannen das Einkaufszentrum zu überrennen. Auf einem anderen Bildschirm hatten wir die Webseite von Zamaon geöffnet. Irgendetwas musste gleich passieren.

Ich sah die Anzahl der Pings, die von dem Botnet verschickt wurden. Es waren Millionen. Ein Heer gefügiger digitaler Sklaven, die seelenlos ihre Arbeit verrichteten. Diese Masse von Anfragen konnte der Server unmöglich verarbeiten. Es sollte nur einige Sekunden dauern, bis das ganze System in sich zusammenbrach.

Natürlich wechselte Zamaon die eigene IP-Adresse. Der Angriff unserer Zombie-Armee verlief im Leeren. Aber auch auf diese vorhersehbare Strategie hatte es im Baukasten-System von Glitterknot eine passende Antwort gegeben. Innerhalb weniger Sekunden wechselte auch unsere Zombie-Armee ihr Angriffsziel. Das konnte ja nicht ewig so weiter gehen. Irgendwann musste dieses verkackte System doch mal zusammenbrechen.

Aber die Webseite von Zamaon zeigte ihr unverändertes Bild. Wie das Abbild eines Gottes, das seit Jahrtausenden Wind und Wetter trotzt und von einer unheilvollen Macht kündet.

Vielleicht Anubis? Gott des Todes, der Gott mit dem Schakalkopf. Der Schakal war der Bruder des Wolfes.

Mehr als jemals zuvor verstand ich Nanas Gefühl der Ohnmacht und die Sehnsucht nach Kontrolle.

Auf meinem Bildschirm tauchten nun Werbeangebote für Zombie-Filme und Fischernetze auf. Der Algorithmus des verhaltensorientierten Marketings lag ziemlich genau. Statt mir mit drakonischen Strafen zu drohen, weil ich das System an griff, wurde ich mit passenden Werbebannern beschossen. Ich sollte satt werden. Ich sollte mich satt essen an all dem, was ich begehrte. Ich sollte fressen, bis nichts mehr in mich hinein ging. Bis ich bewegungsunfähig war.

Der Wolf isst nur das, was er braucht, um zu überleben.

Spaßeshalber klickte ich auf ein Banner von der 11. Staffel von »The Walking Dead«.

»Hey cool, Nana, schau mal. Ich glaube, in der Staffel stiehlt Malcolm von den Whistlern die Karte zu ihrem Versteck.« Im gleichen Augenblick hätte ich mir auf die Zunge beißen können. Mist, ich hatte den Köder geschluckt.

Nana starrte nur auf die Seite von Zamaon. In ihrem Warenkorb lagen Schmink-Utensilien, Autozubehör, Spielsachen, Computerteile, Unterwäsche. Die Frequenz der Werbebanner in ihrem Browser war extrem hoch. Im Hintergrund tobte ein wahrer Krieg um ihre Aufmerksamkeit. Jeder wollte teilhaben an ihrem Kaufrausch. Beste Ware, feinstes Dope, versuch doch auch mal Kokain. Resigniert drückte sie auf den Kaufen-Button. In diesem Moment wurde unsere IP-Adresse gesperrt.

Das Sicherheitsteam von Zamaon hatte also nicht nur unsere Botnet-Attacke ohne Mühe abgewehrt, sondern auch den General der Zombie-Armee ausgeschaltet. Ich war mir ziemlich sicher, dass man aufgrund der IP-Adresse nicht unsere physikalische Adresse herausbekommen würde. Wenigstens nicht so schnell. Falls unser Angriff überhaupt zu einer Kategorie gehörte, die der Shopping-Riese erhöhte Aufmerksamkeit schenkte. Aber das Herz der heutigen Gesellschaft war besinnungsloser Konsum. Da war unsere Tat so etwas wie ein Angriff auf die Grundfesten. Eine Art Gotteslästerung. Eine Bedrohung des inneren Friedens.

Nana blickte noch eine Weile auf den Bildschirm. Im grauen Browserfenster war zu lesen, dass keine Verbindung zum Internet bestand. Eine Lüge. Als wir uns mit einer neuen Identität über Tor verbanden, lief alles wie geschmiert.

Nana lächelte. Ein müdes Lächeln, aber immerhin ein Lächeln. Wieder hatte sie eine Antwort bekommen. Ihr Schrei war erhört worden. Zwar wollten sie letztendlich die Bestie zum Schweigen bringen, aber das war ihr in diesem Moment egal.

Scheiß darauf, wollte ich sagen. Vergiss den ganzen Müll. Nimm einen Schluck kühles FUCKING-BIER-INTERNATIONAL und dann zurück in den Alltag. Wen kümmert schon dieses vefickte Shoppingportal. Das Leben hat noch andere Seiten.

Aber ich hielt die Klappe. Nicht nur, weil ich wusste, dass es Nana sowieso nicht interessiert hätte. Sondern auch, weil ich wütend war. Es war die Wut des Ohnmächtigen. Es war die Wut des Kindes, das mit dem Fuß aufstampft, weil es nicht das bekommt, was es will. In einigen Minuten würde ich mich wieder beruhigt haben. Erwachsen sein. Aber irgendwo in meinem Inneren würde dieses wütende Kind weiter seine Runde drehen. Bei Nana mochte es ein anderes Kind sein. Und es war viel mächtiger. Das Gefühl der Ohnmacht bestimmte ihre ganze Existenz. Irgendetwas musste geschehen. Wir waren noch nicht am Ende.

4

Es schien kein Weg daran vorbeizuführen, Spezialisten mit der Konstruktion einer Angriffsstrategie - wir nannten es nur noch das Virus - zu beauftragen. Was bei dem uns notwendig erscheinenden Grad der Verheimlichung ein überaus gewichtiges Problem war. Nana würde es bei Dieter versuchen. Er hatte Kontakte zur linken wie zur rechten Szene. Die sich natürlich auch im Darknet herumtummelte. Das Problem war, dass man einen Leumund brauchte, der für die eigene Integrität bürgte. Wenn man einen Klasse-A-Hacker buchen wollte, gegen den schon eine Spezialeinheit des INTERNATIONALEN POLIZISTEN ermittelte, konnte man nicht einfach Hallo sagen. Und selbst wenn man dann den Kontakt hatte, wäre das eine teure Angelegenheit. Klasse-A-Hacker wurden von internationalen Konzernen und der Mafia gebucht. Der hatte Preise, die weit jenseits unseres Budgets lagen. Aber Nana wollte nicht so schnell aufgeben. Erstmal so einen Typen ausfindig machen. Und dann mal schauen. Immer vorwärts. In kleinen Schritten.

Um das Virus unauffällig bauen zu können, dachte ich meinerseits an meinen alten Freund Manfred, der Informatik studiert hatte und nun bei dem Internetmogul BRILLE arbeitete. Vielleicht hatte er die Kontakte, die wir brauchten? Aber ich konnte ihn ja nicht einfach anrufen und fragen, ob er uns den Kontakt zu einem Superhacker im Darknet verschaffen konnte.

Den Zufall herbeiführen, Vertrauen aufbauen, sich den Mantel der Anonymität fest um die Schulter legen. Nicht der sein, der ich bin. War. Sein werde. Ich bin nicht ich. Eine Strategie zum Schutz gegen einen übermächtigen Gegner. Vielleicht ein bisschen schizophren? Aber der Zweck heiligt die Mittel. Daher schlüpfte ich in das Kostüm des Archäologen, der in der Türkei wissenschaftlich höchst interessante Ausgrabungen zu tätigen hatte, durch gekürzte Forschungsetats aber weitgehend auf spärliche private Spenden angewiesen war. Unbedingt notwendig war dabei das Eindringen in das Darknet. Dort würde ich nach einer Möglichkeit suchen, um mir Zugang zu geheimen Datenbanken zu beschaffen. Manfred sollte mein Leumund sein, der mir die Eintrittskarte zu den wirklich bösen Hackern ermöglichte. Die Datenbank des INTERNATIONALEN POLIZISTEN barg bekanntermaßen nicht nur alle Geheimnisse um Area 51, sondern auch alles Wissen über den von mir entdeckten Geheimkult. Ich suchte, so die Legende, in der Maske des armen Wissenschaftlers Mittel und Wege, mit möglichst geringem Kostenaufwand mein Ziel zu verwirklichen.

Da ich in den letzten Jahren keinerlei Kontakt zu Manfred gehabt hatte, schien mir diese Maske unverfänglich. Die einzige Information, die Manfred von mir haben konnte, war die, dass ich in Berlin am Archäologischen Institut tätig war. Bei meiner ihm bekannten Vorliebe für fremde und untergegangene Kulturen war die Ausgrabung in der Türkei ein glaubwürdiges Arbeitsfeld. Im Netz würde er nichts über mich finden, da ich keine Profile in sozialen Netzwerken angelegt hatte und meine Forschungsergebnisse nur intern an der Humboldt Universität veröffentlicht worden waren.

Manfred arbeitete inzwischen in verantwortungsvoller Stellung im Rechenzentrum von BRILLE in Frankfurt am Main und hatte dort sicherlich auch Zugang zu interessantesten Quellen. Ich war mir relativ sicher, dass er im Darknet unterwegs war. Meine Vermutung stützte sich auf dem Wissen, dass er früher durchaus einige anarchistische Tendenzen gehabt hatte. Damals, in den Anfängen der Kryptowährung, war er ein Anhänger eines unregulierten Marktes gewesen. Ich hoffte, dass sein Herz immer noch für seine alten Leidenschaft schlug. Dass er jetzt bei BRILLE arbeitete, hatte nichts zu sagen. Hoffte ich auf jeden Fall.

Die Sonne schien an dem Tag, an dem ich unter falschem Namen mit dem Zug nach Frankfurt fuhr, um Manfred dort zufällig in einem Café zu treffen. Jedenfalls hatte ich es so geplant. Zuvor war noch ein wenig Spionagearbeit notwendig. Seine Frankfurter Adresse gab es im Online-Telefonbuch. Dann postierte ich mich in der Nähe seines Wohnblocks, in der Hoffnung, ihn zu einem unauffälligen Ort folgen zu können. Manfred direkt anzusprechen schien mir immer noch zu augenfällig, alles sollte so ungeplant wie möglich erscheinen. Ich legte mich auf die Lauer, bewaffnet mit einigen Dosen FUCKING-BIER-INTERNATIONAL.

Die Inszenierung des Zufalls erwies sich als mühselige Angelegenheit. Manfred war nämlich ein ausgesprochener Stubenhocker. Immer alleine führten seine kurzen abendlichen Spaziergänge nur zur Imbissbude. Am liebsten aß er Rindswurst mit Senf und Pommes. Abends schlüpfte er stets aus seinem Nadelstreifenanzug und ging privat in einem blau gestreiften Trainingsanzug umher. Auch änderte er zu dieser Zeit seine Frisur. Er kämmte sein fettiges Haar morgens so, dass der Scheitel links saß, abends dagegen scheitelte er sein Haar auf der rechten Seite. Er besaß pinkfarbene Stofftaschentücher. Ab und zu setzte er sich mit einer INTELLIGENT auf eine Bank und las die letzte Seite, die mit den Witzen und Kuriositäten. Je länger ich ihn beobachtete, desto mehr wuchsen in mir Zweifel, ob er der richtige Mann für unseren Plan war.

Tagsüber, nachdem Manfred hinter den BRILLE-Glastüren verschwunden war, schlenderte ich auf der Zeil hin und her oder saß in Cafés herum und zerfledderte die neuesten Zeitschriften. Alles ganz analog. Ein Smartphone mit eingebautem GPS-Sender besaß ich ja schon eine Weile nicht mehr, der INTERNATIONALE POLIZIST musste ja nicht über jeden meiner Schritte Bescheid wissen. Wenn ich durch die Fensterscheiben der Cafés sah, verfolgte ich die Lichtspiele auf den Gesichtern der Passanten. Die Shoppingmeile wurde hier von mickrigen Bäumchen in trostlosen Betonkübeln gesäumt. Wie ein Opfer, das die Erbauer der Steinwüsten dem niedergeholzten Wald dargebracht hatten, stand die künstliche Vegetation in stiller Agonie. Es war Mitte April, Türen und Fenster der Cafés standen bereits offen und die vollbesetzten Tische leckten wie Zungen in den Zug der hastenden Einkäufer. Mitten zwischen den künstlichen Bäumen standen Bettler und Akrobaten und suchten die Beachtung der Menge. Oder eher gesagt, ein paar Menschen, die für einige Sekunden Zerstreuung ein paar Münzen zurückließen.

Es war noch ein Abenteuer. Einen alten Bekannten besuchen und ihn in ein Komplott einspannen. Der Kitzel der Kriminalität. Das ewige Versteckspiel. Ich schlürfte also meine Kaffees, sah durch die Sonnenbrille neugierig in die Straßen und wartete auf den Feierabend und die Abenteuerlust von Manfred.

Vor den Auslagen eines Schuhgeschäftes stand eine Gruppe musizierender Gypsies, unverbesserliche Naturanbeter, die noch nicht kapiert hatten, dass die Klimakatastrophe längst unabänderlich geworden war. Nur wenige Leute waren stehengeblieben. Die Gypsies betätigten ihre Instrumente mit einer Lautstärke, sodass die Zeit des Vorübergehens ausreichte, um einen lohnenden Eindruck zu erhaschen. Einige warfen ihre Münzen in den Hut, ohne die Gleichmäßigkeit ihrer Bewegungen zu unterbrechen. Ich stellte mich in den Halbkreis der Zuhörer, lauschte auf die Klänge und sah in die Gesichter der Musikanten. Ein seltsames Gefühl kroch meine Wirbelsäule entlang. Ich glaubte, eine unbestimmte Sehnsucht zu spüren. Ihre Augen sahen ruhig in die Menge, ohne dass sich ihr Blick auffangen ließ, da ihre Konzentration der Musik galt. Das Sonnenlicht streifte ihre Kleidung und die farbigen Ornamente leuchteten in wilder Harmonie.

Nachdem ich einige Minuten leicht benommen beobachtet und gelauscht hatte, machten die Gypsies eine Pause. Ich ging gerade zu dem Hut, den sie auf der Straße abgestellt hatten, um ein paar Münzen hineinzuwerfen, als der Älteste ebenfalls nach vorne ging, wohl um zu sehen, wie viel sie schon eingenommen hatten. Der Blick des alten Mannes fiel auf den Ring, den ich am kleinen Finger meiner rechten Hand trug. Er sah mich an.

»Ein schöner Ring!«

»Finde ich auch. Ich habe ihn von einem türkischen Trödler.»

»Ein großer, runder, schwarzer Stein.«

»Soll ein Mondstein sein. Der Trödler hat das gemeint, ich weiß nicht, was das heißen soll.«

»Du weißt es nicht?«

»Nee.«

»Willst du ein wenig mehr darüber wissen?«

»Ja, klar.«

Ich war völlig überrascht, dass mir der Alte so freundschaftlich entgegenkam. Ich fühlte mich plötzlich sehr neugierig.

»Du trägst einen schwarzen Onyx in silberner Fassung. Dieser Ring ist wie der Mond. Du siehst immer nur die eine Seite des Steins, die andere bleibt deinen Augen verborgen. Vielleicht hat die Fassung Verzierungen an der Innenseite?«

»Ich weiß es gar nicht.«

Ich wusste es wirklich nicht und zog mir den Ring vom Finger, aber es war nichts zu sehen, nur einige Verarbeitungsfehler, Unebenheiten in der Oberfläche des Silbers.

»Du trägst den Ring am kleinen Finger? Warum? Nur die mittleren drei Finger gehören dem Mond! Die anderen gehören Sonne und Erde.«

Obwohl ich nicht viel verstand, faszinierten mich die Worte und die Ernsthaftigkeit seine Rede.

»Aber warum ist dieser Ring wie der Mond? Er ist doch schwarz und der Mond ist am deutlichsten bei Vollmond. Bei Neumond sieht man doch gar nichts.«

»Du siehst an dem Ring die schwarze Seite des Mondes, weil die andere die erleuchtete ist. Nicht mit den Augen, mit deinem Körper sollst du sehen. So wie die Augen bei Vollmond in den Himmel schauen und nach den Rätseln der unsichtbaren, der dunklen Seite zu fragen, so kannst du in den Ring sehen und nach den Rätseln der hellen Seite, der Seite des Silbers fragen. Aber frage nicht mit den Augen, frage mit deinem Körper, deinen Gefühlen, deinem Herz!«

Der Alte lachte jetzt und von seinen Augenwinkeln liefen Hautfalten strahlenförmig in die Schläfen.

»Auch du bist wie deine Hand! Mit der Sonne, den drei Phasen des Mondes und der Erde stehst du in deinem Leben.«

Ich sah wohl reichlich verwirrt aus, was ich tatsächlich war. Der Alte klopfte mir auf die Schulter. Dann ging er zurück zu den anderen Gypsies und bald begannen sie wieder mit ihrer Vorstellung. Ich kehrte langsam wieder in den sommerlichen Einkaufsstrom zurück, ließ mich forttragen von der Bewegung. Die Worte des Alten echoten zwischen meinen Ohren hin und her. Mond, Sonne, Erde. Als sich die Bewegung der Gypsies während der Hippiebewegung in den 60ern gebildet hatte, hatten sie sich auf Naturreligionen berufen, daran konnte ich mich erinnern.

Dieses Begegnung schien direkt aus einer anderen Dimension zu kommen. Für die Anhänger einer mythischen Naturphilosophie gehörten die Sterne und Planeten zum Alltag. Ich dagegen überlegte mir, ob ich mir eine Postkarte mit der Frankfurter Skyline bei Nacht kaufen sollte. Und dann: Scheiß auf diese seltsamen Gestalten, die da durch die Welt wandelten. Ich hatte andere Sorgen. Schnell noch ein paar FUCKING-BIER-INTERNATIONAL besorgen und dann wieder auf die Lauer legen.

Am dritten Tag, einem Sonntag, Manfred hatte frei, winkte mir endlich das Glück. Manfred ging ins Museum. Der ideale Ort, um Kontakt herzustellen.

»Hallo Manfred, du hier?«, rief ich laut und deutlich durch die Eingangshalle mit den hohen Decken. Er war erstaunt, mich zu sehen, aber natürlich passt ein Archäologe gut in ein Museum. Ich begann sofort meine Story. Dass ich beruflich in Frankfurt sei und mir im Senckenberg-Museum einige Informationen besorgen müsse. Dass mein wahrer Name ja Wolf sei und Five nur mein Spitzname, wie er ja sicherlich wusste. Weiter ging es mit dem Austauschen von imaginär Persönlichem und der Wiederbelebung der guten alten gemeinsamen Zeit als Studenten in Berlin. Mit List und Tücke flocht ich meine Sorge, die anstehende Expedition in die Türkei aufgrund fehlender Mittel nicht antreten zu können, ein, und dass gerade die Beschaffung unumgänglicher digitaler Informationen das größte Problem sei. Ohne Manfred direkt um Hilfe zu bitten, appellierte ich doch lautlos an seine Solidarität als alter Freund. Ich brachte ihn an diesem Abend immerhin so weit, dass er sich erbot, die ihm eventuell zugänglichen Quellen im Darknet auszukundschaften. Mehr hatte ich auch nicht erwartet. Hauptsache der Kontakt war hergestellt, der in der nächsten Zeit weiter ausgebaut werden musste. Ich hoffte nur, dass sich der Aufwand am Ende auch auszahlen würde.

Ich reiste in den folgenden Wochen immer wieder nach Frankfurt und bereitete das Unternehmen vor, als sei ich ein gesuchter Terrorist. Ich reiste anonym per Zug, sodass meine Reisen im Computer des INTERNATIONALEN POLIZISTEN nicht meiner wahren Identität zugeordnet werden konnten. Tickets am Schalter, Barzahlung. Wobei ich mich anfing zu fragen, wer ich nun in Wirklichkeit war.

(Was bedeutet Identität? Egal, scheiß darauf.)

Auch mein Äußeres tarnte ich gründlich. Stets trug ich die wenigen Male, die ich mich mit Manfred unter vier Augen traf, eine Sonnenbrille. Dies verstörte ihn anfangs, ich erklärte ihm aber, dass ich mir in der glühenden Sonne der Türkei an meinem Ausgrabungsort eine Augenempfindlichkeit zugezogen hatte, mit der auch hier, in der doch recht sonnigen Gegend Frankfurts nicht zu spaßen sei. Manfred, wohl selbst froh, seinem Alltag ein Stückchen entkommen zu sein, zeigte sich überaus kooperativ. Anfangs besorgte er mir nur die Adressen offizieller Hackergruppen, die ich aber großteils schon kannte. In langwierigen und überaus hinterlistigen Gesprächen verdeutlichte ich ihm, dass es mir weniger um Wissen als um eine Person ging, die mir mit ihren Hackerkünsten behilflich sein könnte. Mit der Zeit brachte ich ihm den Vorschlag näher, dass er selbst derjenige sein könnte, der mir als Leumund im Darknet die entsprechenden Kanäle öffnete. Oder dass er sogar selbst diese wichtige Forschungsarbeit übernehmen könnte. Dies wäre für mich das Preisgünstigste und er hätte einmal etwas Abwechslung. Anfangs skeptisch beruhigte ihn meine begeisterte und ausschweifende Rede von den Schätzen der Türkei, wo ich endlich Spuren des Wolfstempels samt Kaninchenrelikten gefunden haben wollte. Ich hatte im Völkerkundemuseum und im Ägyptischen genug Fotos gemacht, um ihn auch die Früchte meiner Arbeit nach gelungener Manipulation mit einem Bildbearbeitungsprogramm sehen zu lassen. Dies, so seufzte ich verloren und hilflos, seien nur die Bruchstücke der Wunder, die zu erwarten wären, falls ich endlich an die Informationen herankäme, die mir den Eingang zu dem einmaligen Tempel öffnen würden. Informationen, die auf geheimen Servern lagen, zu denen mir ein Superhacker Zugang verschaffen sollte.

Neben meiner finanziellen Bedürftigkeit und der wissenschaftlichen Notwendigkeit faszinierten Manfred bald die Möglichkeiten innerhalb seines Unternehmens. Begeistert berichtete er mir eines Tages, dass BRILLE ja selbst Datenbanken für Privatpersonen, Unternehmen und Regierungen hostete.

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