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Das System

Über Karl Olsberg

Karl Olsberg promovierte über Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Er war Unternehmensberater, Marketingdirektor eines TV-Senders, Geschäftsführer und erfolgreicher Gründer mehrerer Start-ups. Heute arbeitet er als Schriftsteller und Unternehmer und lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Bislang erschienen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller »Das System«, »Der Duft«, »Schwarzer Regen«, »Glanz« sowie »Die achte Offenbarung«.

Mehr vom und zum Autor unter: www.karlolsberg.de

Informationen zum Buch

Hamburg 2007: Bislang ging es Mark Helius, Gründer einer Softwarefirma mit Sitz in der Hafencity, blendend. Seine Firma steht kurz vor der Präsentation einer Weltpremiere: DINA, ein neuartiges Softwaresystem für komplexe Berechnungen, soll den Investoren vorgestellt werden. Doch DINA macht unerklärliche Fehler. Kurz darauf wird Marks Freund und Chefprogrammierer Ludger Hamacher tot aufgefunden. Jemand will Mark den Mord in die Schuhe schieben – Hals über Kopf muss er untertauchen und die Lösung des Falls selbst in die Hand nehmen. Während seiner Flucht vor der Polizei spielen weltweit die Computer verrückt, bis alles im Chaos zu versinken droht. Und schon bald kämpft Mark nicht mehr nur um sein Leben, sondern um das Schicksal der gesamten Menschheit.

»Ein deutscher Thriller von internationalem Niveau.«

Bild am Sonntag

»Wer nach der Lektüre seinen PC anschaltet, wird dies mit gemischten Gefühlen tun.«

FAZ.NET

»Der Roman punktet mit seiner unheimlichen Atmosphäre, immensen Spannung und der Glaubwürdigkeit des technischen Szenarios.«

WDR 5

»Ein absoluter Blockbuster mit unheimlichem Thrill.«

ZeitPunkt Kulturmagazin

Karl Olsberg

Das System

Thriller

Für Carolin

But I gave you life!

What else could you do?

To do what was right!

I’m perfect – are you?

Emerson, Lake & Palmer, »Karn Evil 9«

1.

Internationale Raumstation ISS,

Mittwoch 14:58 Uhr

Das schrille Pulsieren der Sirene gellte durch die Station. Der Ton signalisierte die zweithöchste Alarmstufe: einen schwerwiegenden Systemausfall, der einen sofortigen menschlichen Eingriff erforderlich machte.

Andrea Cantoni zuckte zusammen. Nicht schon wieder! Der Kugelschreiber, mit dem er gerade den aktuellen Zustand seiner Hefepilz-Kolonien notierte, glitt ihm aus der Hand. In einer langsamen Kreiselbewegung schwebte er davon. Cantoni griff hastig danach, versetzte dem Stift aber nur einen Stoß, so dass er umso schneller rotierte und wie eine taumelnde Minirakete davonjagte, gegen einen der Laptops prallte, die an der Wand des Labors befestigt waren, und irgendwo im Chaos aus Apparaturen, experimentellem Material, Werkzeug und Plastikschläuchen verschwand.

Zum Teufel mit dem Kugelschreiber. Es war bereits der dritte, den er an Bord der Internationalen Raumstation verloren hatte, aber Kulis waren eines der wenigen Dinge, von denen hier kein Mangel herrschte. Cantoni hatte immer geglaubt, normale Kugelschreiber könnten in der Schwerelosigkeit nicht funktionieren, und eines dieser teuren, druckbetriebenen Schreibgeräte mit an Bord genommen. Juri Orlov, der russische Kommandant der Station, hatte nur gelächelt und ihm eine billige Plastikvariante mit dem Werbeaufdruck einer russischen Fluggesellschaft in die Hand gedrückt, die tatsächlich tadellos schrieb. Das war vor einhundertvier Tagen gewesen. Bei Gott, er war schon viel zu lange hier!

Er stieß sich mit den Händen vorsichtig ab und versuchte, mit der Eleganz eines Fisches durch den Raum zu schwimmen, aber in all der Zeit hatte er es nicht geschafft, jene fließenden Bewegungen zu erlernen, mit denen sich Orlov in weniger als zwanzig Sekunden von einem Ende der fünfzig Meter langen Station zum anderen begeben konnte, ohne auch nur eines der engen Schotts zu berühren. Er stieß sich die Schulter an dem engen Durchlass, der vom Destiny-Labor in das Unity-Verbindungselement führte. Dann zog er sich durch das Zarya-Modul, das früher einmal das Herz der Station gewesen war, heute jedoch hauptsächlich als Lagerraum benutzt wurde. Es war so vollgestopft mit allen möglichen Dingen, die man zum Leben und Arbeiten an Bord brauchte, dass man sich darin vorkam wie in einem fliegenden Besenschrank.

Endlich erreichte er Zvezda. Der etwa zehn Meter lange und im Durchmesser drei Meter breite Raum war genauso angefüllt mit elektronischem Gerät und durch Klettband befestigten Utensilien wie der Rest der Station. Nur mit Hilfe des Computers war es noch möglich, die Position der mehr als zehntausend Gegenstände an Bord zu bestimmen.

Orlov war nicht da. Sein Schlafsack, befestigt an der Decke des Wohnmoduls, war leer. Verblüfft sah Cantoni sich um, bevor ihm klar wurde, dass der Russe gerade auf der Toilette sein musste, dem einzigen Ort, an dem man so etwas wie eine Privatsphäre hatte.

Sein Blick fiel auf den Bildschirm des Zentralcomputers. »System overload« stand dort. Eine Fehlermeldung, die er noch nie gesehen hatte. Er konnte sich auch nicht erinnern, dass sie jemals beim technischen Training erwähnt worden wäre. Er zog sich zu der Schaltkonsole herab und deaktivierte den blinkenden Alarmknopf. Die Sirene verstummte, aber dafür signalisierte ein mehrstimmiges Piepen, dass Mission Control dringend mit der Besatzung sprechen wollte.

Cantoni wollte gerade den Telefonhörer neben dem Schaltpult aufnehmen, als ein schlürfendes Geräusch ertönte. Kurz darauf öffnete sich die Tür zu der kleinen Toilettenkabine, und Orlov schwebte zu ihm. Sein zerzaustes schwarzes Haar stand in alle Richtungen ab und verlieh ihm einen wilden Ausdruck.

»Was hast du gemacht?«, fragte er mit schwerem Akzent. Seine braunen Augen unter den dicken Brauen funkelten böse.

»Gar nichts habe ich gemacht!«, antwortete Cantoni, eine Spur zu defensiv. Er mochte den grobschlächtigen Russen mit seiner oft unflätigen Art nicht besonders.

Orlov sagte nichts. Er ignorierte das Piepen der Kommunikationsleitungen, schubste Cantoni grob zur Seite, so dass dieser gegen den Klapptisch an der Wand stieß, und machte sich an der Tastatur des Computers zu schaffen. Unter einem Schwall russischer Flüche versuchte er vergeblich, die Fehlermeldung zum Verschwinden zu bringen und in das Hauptmenü zu kommen. Endlich gab er auf und nahm den Hörer ab. »Orlov hier … ja … keine Ahnung, warum … System overload … nein … weiß ich auch nicht … Ich mache jetzt System reset … okay.«

Er legte auf und drückte einen Moment lang einige Tasten gleichzeitig. Nichts geschah. Er fluchte noch einmal, dann öffnete er eine kleine Klappe an der Seite der Konsole und betätigte einen roten Knopf. Endlich verschwand die Fehlermeldung. Der Bildschirm wurde schwarz, und die Startsequenz des Systems erschien.

Orlov wandte sich zu Cantoni um. »Das ist jetzt das dritte Mal in den letzten zwei Wochen, dass der Computer abstürzt!« Seine Stimme klang zornig.

»Ich weiß«, sagte Cantoni. Es war ziemlich schwierig, einen Systemabsturz nicht zu bemerken, wenn man in einem gottverdammten Blechsarg dreihundert Kilometer über der Erde schwebte und das eigene Leben davon abhing, dass die Technik funktionierte.

»Mission Control kann sich die Fehlfunktion nicht erklären«, fuhr Orlov fort. »Die Hardware ist in Ordnung, sagen sie, und ein Softwarefehler kann es auch nicht sein. Die Fehlermeldung tritt nur auf, wenn der Computer mit komplizierten Rechenaufgaben überlastet ist. Das System ist auf die sechzehnfache Rechenkapazität dessen ausgelegt, was im schlimmsten Fall, bei gleichzeitiger Grenzfalloptimierung aller Systeme an Bord, gebraucht werden könnte. Es kann also eigentlich gar nicht überlastet sein.«

Cantoni zuckte mit den Schultern. »Computer …«

»Ich glaube nicht mehr an ein Computerproblem«, sagte Orlov langsam. »Ich denke an Sabotage.«

Cantoni glaubte einen Moment, nicht richtig verstanden zu haben. Aber der Blick des Russen verriet tiefes Misstrauen und kaum im Zaum gehaltene Wut.

»Sabotage? Was … was willst du damit sagen?«

»Was ich sagen will, ist, dass irgendjemand den Computer manipuliert haben muss.«

»Juri, außer uns beiden ist niemand hier.«

»Das stimmt.«

»Meinst du, jemand von außen hat sich irgendwie hier reingehackt? Du weißt, dass das unmöglich ist!«

»Keine Ahnung. Komisch ist nur: Ich war jedes Mal nicht da, als es passierte. Beim ersten Mal habe ich geschlafen. Beim zweiten Mal war ich in Destiny. Und jetzt auf der Toilette. Ist vielleicht Zufall. Aber ich glaube nicht an Zufälle. Nicht mehr!«

Cantoni spürte, wie das Blut aus seinem Gesicht wich. Er ballte seine Hände zu Fäusten und schloss für einen Moment die Augen. Ruhig bleiben. Er atmete tief aus. Dann sagte er: »Juri, warum in Gottes Namen hätte ich absichtlich den Computer zum Absturz bringen sollen?«

Orlov grinste, was sein Gesicht mit dem struppigen schwarzen Bart nur noch wilder wirken ließ. »Du bist Italiener. Schlau, aber feige. Du hast Angst hier oben. Angst vor dem Versagen der Technik. Du willst nach Hause. Du weißt, die Vorschrift sagt, wenn die Technik nicht funktioniert, müssen wir die Station evakuieren und mit der Sojus-Rettungskapsel zur Erde zurückkehren. Mission Control ist kurz davor, den Befehl zu geben. Du hast erreicht, was du wolltest.« Seine Hand schoss vor, packte den Kragen von Cantonis blauem Overall und zog ihn zu sich heran. Cantoni roch Orlovs schlechten Atem und die Ausdünstungen seines ungewaschenen Körpers. »Aber ich bin der Kommandant, und ich sage dir, diese Station wird nicht aufgegeben! Wir bleiben hier, bis die nächste Besatzung uns abholt! Kapiert!«

Cantoni rang mit der Fassung. Er unterdrückte den Impuls, Orlov in sein bärtiges Gesicht zu schlagen. Er durfte sich nicht provozieren lassen. Ein ernsthafter Streit zwischen den einzigen beiden Besatzungsmitgliedern der Station konnte katastrophale Folgen haben.

»Juri, ich habe den Computer nicht sabotiert«, sagte er und konnte das Zittern der Wut über die ungeheure Anschuldigung nicht ganz unterdrücken. »Ich weiß nicht, was schiefgegangen ist, aber ich war es nicht. Das musst du mir glauben!« Er blickte in Orlovs dunkle Augen. »Ja, ich will nach Hause, zu meiner Frau und meinen Kindern. Ich bin schon viel zu lange hier. Aber deshalb riskiere ich doch nicht unser Leben und die Zukunft der Station! Das kannst du mir doch nicht ernsthaft zutrauen!«

Dass er schon viel länger als die ursprünglich geplanten dreizehn Tage an Bord ausharrte, hatte Cantoni dem Umstand zu verdanken, dass das zweite ständige Besatzungsmitglied der Station, der Amerikaner Nick Fletcher, krank geworden und mit Cantonis Shuttle-Mission zur Erde zurückgekehrt war. Bei der Frage, wer stattdessen bis zur nächsten Mission an Bord bleiben sollte, war die Wahl von Mission Control auf ihn gefallen, weil er die Europäische Raumfahrtagentur ESA vertrat, die dank einer Budgetkürzung der Amerikaner nun der wichtigste Geldgeber der Station war.

Alle gingen sie davon aus, er sei begeistert, länger an Bord bleiben zu dürfen. Selbst Cilia hatte sich gefreut und war stolz auf ihn gewesen. Er hatte geschluckt, versucht, fröhlich zu grinsen, und sich dabei mit dem Gedanken getröstet, dass die nächste Shuttle-Mission außerplanmäßig schon nach zwei Monaten starten würde, um ihn abzuholen. Doch die Amerikaner hatten das Shuttle wieder einmal nicht in die Luft gekriegt, und aus den geplanten vierundsechzig Tagen waren inzwischen über hundert geworden. Der nächste Start war in zwei Wochen geplant. Cantoni betete jeden Tag dafür, dass es diesmal klappen würde.

Er hasste die Enge der Station, den Geruch nach Gummi, Desinfektionsmittel, und menschlichen Ausdünstungen. Er hasste die Schwerelosigkeit, die einem hin und wieder die Orientierung raubte und immer noch Übelkeitsschübe bei ihm auslöste. Er hasste die langweiligen Workouts, die seine degenerierten Muskeln straffen sollten, den eintönigen Tagesablauf, die Experimente, die ihm oft wie reine Beschäftigungstherapie vorkamen.

Er hasste das Gefühl, nur durch eine wenige Millimeter dünne Metallschicht von einer absolut tödlichen Umgebung getrennt zu sein. Den meisten Menschen auf der Erde war kaum bewusst, dass Raumfahrt immer noch ein gefährliches Abenteuer war, bei dem man sich ständig an der Grenze des technisch Machbaren bewegte. Dabei genügte schon ein daumennagelgroßer Meteorit oder ein Stück Weltraumschrott, um ein faustgroßes Loch in diese Hülle zu reißen und ihn auf der Stelle zu töten.

Am meisten jedoch hasste er es, mit diesem ungehobelten Grobian Juri Orlov hier eingesperrt zu sein. Der Kommandant war einer der erfahrensten Astronauten der Welt. Er war sogar schon an Bord der MIR gewesen. Aber er war launisch und machte aus seiner Abneigung gegen Cantoni keinen Hehl. Nun wurde er auch noch paranoid und stieß abenteuerliche Verdächtigungen aus, und von Cantoni wurde erwartet, in dieser Situation die Nerven zu behalten. Dabei war er Biologe und kein professioneller Astronaut.

»Verschwinde!«, zischte Orlov.

»Juri, ich …«

»Verschwinde!«, brüllte der Russe. »Ich will dich hier nicht mehr sehen!«

Jetzt reichte es! »Du dämlicher russischer Idiot!«, schrie Cantoni zurück. »Du gehst mir schon lange auf den Geist mit deiner rechthaberischen Art, und jetzt fängst du auch noch an durchzudrehen! Reiß dich zusammen, verdammt noch mal! Nur, weil du der Kommandant bist, heißt das nicht, dass du …«

Orlov stieß einen langen russischen Fluch aus. Dann nahm er eines der Bordhandbücher aus einem Wandschrank und warf es in Cantonis Richtung. »Verschwinde, Saboteur!«, brüllte er, außer sich vor Wut. »Wenn ich dich noch einmal in der Nähe des Zentralcomputers erwische, breche ich dir eigenhändig das Genick!«

Cantoni versuchte, dem schweren Gegenstand auszuweichen, doch da er frei im Raum schwebte, konnte er nur hilflos mit den Armen rudern. Das Plastikbuch traf ihn hart an der Stirn und ließ ihn zurücktaumeln. Ein paar winzige rote Kügelchen schwebten zitternd davon.

Cantoni fasste sich an den Kopf und starrte ungläubig auf seine blutverschmierten Finger. Er warf Orlov einen hasserfüllten Blick zu, doch der hatte sich wieder dem Computer zugewandt und ignorierte ihn. Cantoni unterdrückte den Impuls, das Buch zurückzuwerfen. Langsam zog er sich durch das Schott in das Zarya-Modul, suchte eine Weile nach dem Verbandskasten, fand ihn schließlich unter einem transparenten Wäschesack aus Plastik und klebte sich ein Pflaster auf. Es war nur eine kleine Platzwunde, aber doch ein schwerwiegender Vorfall.

Cantoni wusste, dass er Orlovs Verhalten zu melden hatte, aber er entschied sich dagegen. Hier oben war er den Launen des Kommandanten hilflos ausgeliefert. Die Sesselfurzer von Mission Control konnten rein gar nichts für ihn tun, und eine Meldung würde Orlovs Laune nur noch verschlimmern. Wenn der Shuttle-Start diesmal klappte, würde er bald zu Hause sein. Die letzten Tage würde er schon noch irgendwie überstehen.

Die meisten seiner Kollegen auf der Erde hätten ihr gesamtes Hab und Gut hergegeben, um an seiner Stelle sein zu dürfen. Doch er sehnte sich nur noch nach Cilia und den Kindern, nach seinem kleinen Haus in der Nähe von Lucca in den Hügeln der Toskana, nach einem einfachen Ciabatta, getunkt in kalt gepresstes Olivenöl, und einem von der Abendsonne gewärmten Glas Chianti. Er sehnte sich so sehr danach, dass es weh tat.

Das Einzige, was ihn nach all der Zeit hier oben immer noch begeistern konnte, war der Blick aus dem Fenster. Als er das Destiny-Labor erreichte, ignorierte er seine Experimente für einen Augenblick und warf einen langen, sehnsüchtigen Blick auf die Erde, die so nah erschien und doch so unerreichbar fern war.

Von hier oben sah man deutlich, wie dünn die Atmosphäre war, kaum mehr als die Schale eines riesigen, türkisblauen Apfels. Man konnte die Schönheit dieses einzigartigen Ortes im Universum erst im Vergleich zur bitterschwarzen Kälte und Leere des Weltraums ermessen. Doch die Menschen dort unten interessierten sich kaum für diese Perspektive und führten sich auf, als könnten sie jederzeit auf den Mars umziehen, wenn die Lebensbedingungen auf der Erde endgültig ruiniert waren.

Unter einer Ansammlung von Wölkchen, die aus dieser Höhe tatsächlich wie weidende Schafe aussahen, erkannte er die dänische Halbinsel und die deutsche Nordseeküste, die lautlos unter ihm dahinglitten. Hamburg zeichnete sich als schmutziggrauer Fleck auf dem satten Grün der norddeutschen Tiefebene ab, ein Häufchen Zigarettenasche neben dem dünnen, krakeligen Strich der Elbe.

Was würde er dafür geben, jetzt dort unten zu sein.

2.

Hamburg-Hafencity,

Mittwoch 16:12 Uhr

»Was Sie jetzt sehen, ist eine echte Weltpremiere«, sagte Mark Helius. Er unterdrückte den Impuls, sich durch sein kurzes schwarzes Haar zu fahren, in dem sich, trotz seiner erst dreiunddreißig Jahre, bereits graue Strähnen zeigten. Er durfte sich seine Nervosität nicht anmerken lassen. Mit einem kurzen Blick vergewisserte er sich noch einmal, dass sein graphitfarbener Anzug von Gucci perfekt saß und man den Kaffeefleck auf dem hellblauen Manschettenhemd nicht sah. Die Show heute musste perfekt laufen, sonst war seine Firma Distributed Intelligence AG, kurz D. I., am Ende. Was das für die Mitarbeiter, die ihm jahrelang die Treue gehalten hatten, und für seine eigene Zukunft bedeuten würde, darüber durfte er jetzt auf keinen Fall nachdenken.

Seine Hand zitterte leicht, als er die Enter-Taste drückte, um das Programm zu starten. Das große, helle Rechteck, das der Beamer an die Wand des Konferenzraums warf, beleuchtete die Gesichter der Aufsichtsratsmitglieder. Ihre Skepsis war deutlich zu sehen. Besonders die buschigen Augenbrauen von John Grimes, Vertreter des wichtigsten Investors Change Capital Corporation, waren zusammengezogen. Seine wässrigen Augen unter ihren herabhängenden Lidern blickten auf die Projektion des Computerbildschirms, als erwarte er, dass dort im nächsten Moment ein Systemfehler angezeigt würde.

Mark wandte sich der kabellosen Tastatur zu. »Hallo DINA«, tippte er in ein Eingabefeld. Die Abkürzung stand für »Distributed Intelligence Network Agent«. Es war die Bezeichnung für die Software, die Marks Firma entwickelt hatte.

»Hallo Mark«, erschien im Ausgabefeld von DINA. »Wie geht es dir heute?« Die Worte wurden groß auf die Wand projiziert. Gleichzeitig wurden sie von einer ruhigen, weiblichen Stimme gesprochen, die aus dem Lautsprechersystem des Konferenzraums erklang und der man kaum anmerkte, dass sie von einem Computer erzeugt wurde. Lediglich die Betonung war an einigen Stellen unnatürlich.

»Ich bin etwas nervös«, schrieb Mark. »Wir haben gerade unseren großen Auftritt vor dem Aufsichtsrat.«

»Oh, dann muss ich mir wohl besondere Mühe geben«, sagte DINA.

Mark blickte auf. Andreas Heider, Portfolio-Manager bei der Risikokapital-Gesellschaft Earlystage Venture Capital, schmunzelte. Auch der Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Weseling gönnte ihm ein Lächeln, wenn auch ein eher herablassendes.

John Grimes lächelte nicht. »Was soll das?«, fragte er mit seiner tiefen Stimme, die von einem starken britischen Akzent geprägt war.

»Was ich Ihnen heute präsentiere«, sagte Mark und legte den Rest seines Stolzes in die Stimme, »ist eine neuartige Benutzerschnittstelle für DINA. Unsere Kunden brauchen jetzt für ihre Informationsabfragen keine komplizierte Syntax mehr zu lernen. Sie können ihre Fragen ganz einfach in natürlicher Umgangssprache stellen. Ich werde es Ihnen zeigen.« Er tippte: »Wie ist der Luftdruck in Heidelberg?«

»Der Luftdruck in Heidelberg beträgt zurzeit 1009 Hektopascal«, sagte DINAs synthetische Stimme.

»Wie wird der Luftdruck dort morgen um 15:00 Uhr sein?«

»Der Luftdruck in Heidelberg wird morgen um 15:00 Uhr zwischen 1021 und 1025 Hektopascal betragen.«

»Wie Sie sehen, berechnet DINA gerade ein komplexes Klima-Simulationsmodell«, sagte Mark. »Sie können jede beliebige Frage zum Wetter in Deutschland stellen, und DINA wird versuchen, sie anhand der Simulationsergebnisse zu beantworten.«

Grimes starrte Mark mit seinem Froschgesicht an, als halte er ihn für eine appetitliche Fliege. Er führte die Fingerspitzen zusammen und klappte die Unterlippe nach unten, wie er es immer tat, bevor er eine seiner gefürchteten Fragen stellte. Mark ahnte schon, was jetzt kommen würde: Die Frage danach, wie viel zusätzlichen Umsatz diese neue Technologie in den nächsten sechs Monaten bringen würde.

Grimes beugte sich vor. »Darf ich die Tastatur haben, bitte?«

Überrascht schob Mark Tastatur und Maus auf die andere Seite des Tisches. Bisher hatte sich Grimes noch nie aktiv mit den Produkten von D. I. auseinandergesetzt.

»Wie ist das Wetter in Rio de Janeiro?«, tippte er.

»Dieses Simulationsmodell generiert nur Wetterdaten für Deutschland«, sagte DINA.

Mark lächelte und nickte seinem Mitgründer und Technik-Vorstand Ludger Hamacher zu, der zwischen Grimes und Heider saß. Ludger wirkte blass und angespannt. Auch Mary Andresen, Vorstand für Finanzen, war die Nervosität anzusehen. Sie wusste besser als alle anderen, wann der Firma das Geld ausgehen würde. Es waren wahrscheinlich weniger als acht Wochen bis zu dem Zeitpunkt, an dem Mark den Insolvenzantrag stellen musste. Wenn nicht noch ein Wunder geschah.

»Wie ist das Wetter am 30. Februar 2012?«, tippte Grimes.

»Der Monat Februar hat im Jahr 2012 nur 29 Tage.«

Zustimmendes Nicken von Andreas Heider. Helmut Weseling kritzelte auf seinem Notizblock herum. Wahrscheinlich versuchte er auszurechnen, ob 2012 ein Schaltjahr war.

»Also gut, wie ist das Wetter am 29. Februar 2012?«

»Die Prognosegenauigkeit dieses Simulationsmodells reicht für langfristige Betrachtungen nicht aus. Bitte beschränken Sie den Zeitraum auf die nächsten zehn Tage.«

»Wie ist das Wetter nächsten Donnerstag?«

»Für welchen Ort wünschen Sie eine Prognose?«

»Hamburg.«

»In Hamburg wird es am Donnerstag leicht bewölkt sein, mit gelegentlichen Auflockerungen. Die zu erwartende Niederschlagsmenge liegt zwischen 0,00 und 0,05 Liter pro Quadratmeter.«

Die Mienen der Aufsichtsratsmitglieder hellten sich auf. Mark jubelte innerlich. Dass John Grimes selbst mit DINA kommunizierte, war das Beste, was passieren konnte. Und DINA schlug sich wirklich brillant. Er nahm sich vor, Ludger und sein Team nach der Sitzung zu beglückwünschen.

»Wie ist der Luftdruck in Heidelberg?«, tippte Grimes.

»Der Luftdruck in Heidelberg beträgt zurzeit 1008 Hektopascal.«

»Wie wird der Luftdruck dort morgen um 15:00 Uhr sein?«

»Der Luftdruck in Heidelberg beträgt morgen um 15:00 Uhr zwischen 1087 und 1112 Hektopascal.«

Mark stutzte. Das waren nicht die Zahlen, die DINA vorhin ausgegeben hatte. Er kannte sich nicht besonders gut mit Meteorologie aus, aber die Werte erschienen ihm recht hoch.

»Wie hoch wird der Luftdruck in Heidelberg morgen um 15:00 Uhr sein?«, tippte Grimes noch einmal.

»Der Luftdruck in Heidelberg beträgt morgen um 15:00 Uhr zwischen 212 und 231 Hektopascal«, sagte DINA mit ihrer ruhigen, emotionslosen Stimme.

Mark wurde kalt.

»Ganz schöne Luftdruckschwankungen in Heidelberg«, sagte Grimes. Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Vielleicht sollten wir den Deutschen Wetterdienst anrufen und eine Sturmwarnung herausgeben lassen. Oder besser, wir empfehlen, die Stadt zu evakuieren. 230 Hektopascal, da braucht man schon ein Sauerstoffgerät.«

»Da ist wohl etwas nicht in Ordnung mit eurem Simulationsmodell«, sagte Helmut Weseling, der eine große Begabung dafür hatte, offensichtliche Dinge festzustellen. Andreas Heider schüttelte nur traurig den Kopf.

Mark wandte sich hilfesuchend an Ludger, der schweigend dasaß, den Kopf auf die Hände gestützt. Eine peinliche Pause entstand. »Der Schmetterlingsflügel-Effekt«, improvisierte er. Er hatte einmal in einer Wirtschaftszeitung einen Artikel über Chaosforschung gelesen. »Manchmal kommt es in komplexen Systemen zu merkwürdigen Effekten, wenn sich Rahmenbedingungen nur um eine Kleinigkeit ändern. Die Wissenschaftler nennen das den Schmetterlingsflügel-Effekt. Wenn ein Schmetterling in Tokio mit den Flügeln schlägt, kann das theoretisch in Frankfurt einen Sturm auslösen.«

»Einen Sturm vielleicht, aber kein Vakuum«, sagte Grimes. »Außerdem, ich habe heute mit Herrn Martens von der Universia-Versicherung telefoniert. Er hat mir erzählt, dass DINA häufig Fehler macht und dass die Universia deshalb den Vertrag nicht verlängern wird.« Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Sie klangen wie ein Todesurteil.

Mark hatte John Grimes wieder einmal unterschätzt. Er hatte gehofft, die Schwierigkeiten mit der Universia noch lösen zu können. Auf jeden Fall hatte er die Nachricht, dass der letzte große Kunde von D. I. absprang, so lange wie möglich zurückhalten wollen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Grimes selbst einen D.-I.-Kunden anrufen würde. So etwas gehörte sich einfach nicht. Andererseits hatte er als Mitglied des Aufsichtsrats durchaus das Recht, so etwas zu tun.

Mark brauchte nicht in die Runde zu blicken, um zu wissen, dass er den Aufsichtsrat verloren hatte. Es war undenkbar, dass jemand in dieser Situation weiteres Geld in die Firma investierte, nachdem D. I. in den vergangenen fünf Jahren regelmäßig die Umsatzpläne weit verfehlt hatte. Er konnte die Investoren sogar verstehen – sie hatten nur ihre Zahlen im Kopf und begriffen nichts von der Technik, die hinter den Zahlen stand, von der Brillanz der Programmierer, von der Mühe und Kreativität, die in DINA geflossen waren.

Es sah verdammt schlecht aus für D. I. Aber es hatte schon öfter schlecht ausgesehen, und Mark hatte nie aufgehört zu kämpfen. Er würde sich auch jetzt nicht geschlagen geben. »Ich bin mit Herrn Martens im Gespräch«, sagte er und versuchte, seiner Stimme den Optimismus und die Begeisterung zu verleihen, mit denen er schon früher schwierige Situationen herumgerissen hatte. Doch die Worte klangen selbst in seinen Ohren hohl. »Wir werden die Schwierigkeiten lösen, das verspreche ich Ihnen.«

»Das versprechen Sie!« Grimes schüttelte den Kopf, als könne er diese Aussage nicht fassen. »Sie haben schon so viel versprochen, Herr Helius. Nur gehalten haben Sie es nicht. Ihre Software hat nie richtig funktioniert, und wenn es so weitergeht, wird sie auch niemals funktionieren. Es hat nur zu lange gedauert, bis wir das gemerkt haben.«

»Mark, wie sieht denn die Auftrags-Pipeline aus?«, fragte Andreas Heider. »Steht vielleicht ein großer Kunde vor der Tür, mit dem ihr den Wegfall der Universia ausgleichen könntet?« Wieder einmal versuchte er, einer festgefahrenen Diskussion durch einen konstruktiven Beitrag eine neue Richtung zu geben. Mark liebte ihn dafür.

»Wir haben ein mündliches Okay von Xtragene für eine Simulation komplexer chemischer Reaktionen auf zellularer Ebene«, sagte er. »Das ist zwar nur ein kleiner Auftrag, aber ich bin sicher, dass …«

»Selbst wenn die Universia nicht abspringt«, unterbrach Grimes, »hat die Firma nur noch Geld für, Moment …« Er kramte einen Zettel aus seinem Aktenkoffer hervor. »… für höchstens zehn Wochen. Ich sehe nicht, wie D. I. in dieser Zeit noch auf einen positiven Cashflow kommen will.«

»Heißt das, dass Change Capital nicht bereit ist, einer Kapitalerhöhung zuzustimmen, wie sie das Management vorschlägt?«, fragte Helmut Weseling. Mark hätte ihn würgen können. Es war taktisch äußerst ungeschickt, ausgerechnet jetzt so eine Frage zu stellen und Grimes damit zu einer Festlegung zu zwingen.

»Das heißt es nicht«, sagte Grimes.

Mark blickte überrascht auf. Die Hoffnung ließ sein Herz schneller schlagen.

Grimes sah ihn direkt an, und ein süffisantes Lächeln umspielte seinen breiten Mund. »Aber wenn Change Capital noch einmal in diese Firma investieren soll, dann muss sich etwas Grundlegendes ändern.«

»Ändern?«, fragte Heider. »Was soll sich denn nach Ihrer Meinung ändern?«

»Nach meiner Meinung«, sagte Grimes ruhig, »braucht Distributed Intelligence ein neues Management.«

3.

Hamburg-Hafencity,

Mittwoch 17:15 Uhr

»Das kann er doch nicht machen! Dieses fette Schwein!« Marys sommersprossiges Gesicht, das von einem kaum gebändigten Kranz roter Locken umrahmt war, glühte vor Wut.

»Er kann, verlass dich drauf!« Mark barg das Gesicht in den Händen. Sie saßen zu dritt im Konferenzraum, den die Aufsichtsratsmitglieder längst verlassen hatten. Leere Kaffeetassen, Kekskrümel und zerknüllte Zuckerpäckchen bedeckten den Tisch, die Trümmer einer Schlacht. Alle Rollos waren inzwischen wieder hochgezogen und gaben eine atemberaubende Aussicht auf den Hamburger Hafen und die Elbe frei, die tief unter ihnen träge der Nordsee zufloss. Früher war Mark stolz gewesen auf diesen Blick und auf die Tatsache, dass D. I. sich eines der schönsten Büros Hamburgs im elften Stock des Hanseatic Trade Center leisten konnte. Heute empfand er die teuren Räume nur noch als Klotz am Bein.

Er seufzte. »Er wird sich die Firma endgültig unter den Nagel reißen. Und ich bin raus.« Und ruiniert, fügte er in Gedanken hinzu. Sie werden mir das Haus wegnehmen. Julia wird mir das nie verzeihen.

»Aber du bist der Gründer! Du hast die Firma aufgebaut!«, sagte Mary.

»Na und?«

»Ohne dich fehlt die strategische Linie! Die Vision!«

»Grimes will keine Vision, er will Umsatz.«

»Das ist doch kurzsichtig! Wir haben die weltbeste Software, um …«

»Die weltbeste Software? Dass ich nicht lache!« Wut und Enttäuschung schnürten Mark die Kehle zu. »Einen Scheiß haben wir! Du hast doch gesehen, was DINA für einen Mist gerechnet hat!«

»Ein kleiner Fehler, das kann doch mal passieren …«

»Das passiert aber in letzter Zeit andauernd! Ich kann die Universia verstehen. Was nützen Simulationsergebnisse, denen man nicht trauen kann? Im Grunde hat Grimes recht. DINA funktioniert einfach nicht!«

Stille trat ein. Beide wandten sich Ludger zu, der die ganze Zeit kreidebleich und mit zusammengepressten Lippen dagesessen hatte.

»Sag du doch auch mal was!«, fuhr ihn Mark an.

Ludger schüttelte nur den Kopf.

»Was ist denn los, verdammt noch mal? DINA hat doch früher nie Probleme gemacht. Es kann doch nicht so schwer sein, eine Software zu schreiben, die funktioniert!«

Ludger sah Mark an, und sein schmales Gesicht, das immer so ruhig und beherrscht war, der Inbegriff kühler Vernunft, verzerrte sich plötzlich.

»Nicht so schwer?« Seine Stimme bebte. »Du hast ja überhaupt keine Ahnung!«

»Stimmt, ich hab keine Ahnung.« Mark umklammerte mit beiden Händen die Tischkante, um sich selbst daran zu hindern loszubrüllen. »Ich bin schließlich nur Diplomkaufmann und kein gottverdammtes Informatik-Genie wie du. Ich weiß nur, dass die Firma den Bach runtergeht, weil du und deine Programmierer euren Job nicht hinkriegt!«

»Das reicht!« Ohne ein weiteres Wort stand Ludger auf und verließ den Konferenzraum. Die Tür krachte hinter ihm ins Schloss. Es war ein Gefühlsausbruch, wie er ihn nur sehr selten zeigte.

Mark warf Mary einen betretenen Blick zu. Er wusste, dass er ungerecht gewesen war – Ludgers Team hatte etliche Spätschichten eingelegt, um rechtzeitig zur Aufsichtsratssitzung die neue Version der natürlichsprachlichen Schnittstelle fertigzustellen. Dass unter derartigem Zeitdruck Fehler passierten, war ganz normal. Aber sie konnten sich solche Fehler einfach nicht leisten, gerade jetzt, wo es um ihre Existenz ging!

»Ich werde mich wohl bei Ludger entschuldigen müssen«, sagte er.

»Mach dir keine Gedanken«, sagte Mary. »Ludger weiß, dass du es nicht so meinst. Jetzt geh erst mal nach Hause und ruh dich aus! War ein harter Tag heute. Morgen redest du noch mal in aller Ruhe mit ihm, dann sieht die Welt schon wieder anders aus.«

Mark sah auf seine Uhr – eine goldene Audemars Piguet mit schwarzem Zifferblatt, die er sich vor ein paar Jahren im Überschwang der Begeisterung über die erste große Finanzierungszusage gegönnt hatte. Er nickte. Es war zwar erst halb sechs, aber enttäuscht, müde und abgekämpft, wie er war, würde er vielleicht nur wieder etwas Dummes sagen, wenn er jetzt mit Ludger weiterdiskutierte.

Als er den Konferenzraum verließ, sahen ihn die Mitarbeiter im Großraumbüro mit fragenden Mienen an. Nachdem Ludger kurz zuvor wütend vorbeigestürmt war, war es für sie offensichtlich, dass die Aufsichtsratssitzung schlecht gelaufen sein musste und sie sich gestritten hatten.

Verdammt, Ludger war zu Recht sauer. Dieses Team war einfach großartig. Es zerriss ihm fast das Herz, zu wissen, dass er bald kein Teil mehr davon sein würde. Wenigstens behielten ein paar von ihnen ihre Arbeitsplätze.

Mark suchte nach beruhigenden Worten, einem Scherz, irgendetwas, um den Leuten die Angst zu nehmen. Doch ihm fiel nichts ein, was nicht schrecklich hohl geklungen hätte. Die Kehle schnürte sich ihm zu. Er senkte den Blick und verließ das Büro ohne ein Wort.

4.

Hamburg-Poppenbüttel,

Mittwoch 18:02 Uhr

Mark zögerte einen Moment, die elegante, weiße Haustür seiner modernen Villa in Poppenbüttel im Hamburger Norden aufzuschließen. Er hatte keine Ahnung, wie er seiner Frau klarmachen sollte, dass er im Begriff war, seinen Job zu verlieren. Julia stammte aus einer angesehenen Hamburger Familie und war sehr auf ihren guten Ruf in der Nachbarschaft bedacht. Sie würde die Schmach kaum ertragen, dass ihr Mann plötzlich auf der Straße saß.

Er verdrängte den Gedanken mit aller Macht und versuchte, sich auf die kleinen, angenehmen Dinge zu konzentrieren, die ihm bevorstanden: ein kühles Bier, eine herzliche Umarmung von Julia, die ihn später im Bett vielleicht auf andere Gedanken bringen würde. Er atmete tief durch und drehte den Schlüssel im Schloss.

Julia saß vor dem Fernseher und sah irgendeine geistlose Spielshow im Vorabendprogramm. Als sie ihn hörte, stellte sie den Fernseher ab und posierte kokett vor ihm. »Na?«

Mark sah sie verständnislos an. »Na, was?«

»Fällt dir nichts an mir auf?«

Mark blinzelte. »Du warst beim Friseur. Sieht toll aus!«

Julia zog eine Schnute. »Quatsch! Ich meine das Kleid! Gefällt es dir nicht? Tina sagt, es steht mir irre gut!«

Es war ein elegantes, eng geschnittenes Cocktailkleid aus dunkelroter Baumwolle. Sie hatte recht, es betonte ihre schlanke Figur und harmonierte gut mit ihren blonden, schulterlangen Haaren. »Oh, ja, sehr hübsch.«

»Es war runtergesetzt! Von 1200 auf unter 800 Euro!«

Mark wurde kalt. 800 Euro für ein Kleid, einfach so. Wo sie sowieso schon ein dickes Minus auf dem Konto hatten und hoch verschuldet waren wegen des Hauses. Er schluckte. »Hast du noch mehr gekauft?«

Julia senkte den Blick. Sie sah hinreißend aus, wenn sie sich ertappt fühlte.

»Nur eine Kleinigkeit …« Sie lächelte schuldbewusst. »Eine Tasche. Die musste ich einfach haben! Passt absolut perfekt dazu! Und Schuhe natürlich, ich hab ja keine dunkelroten. Mehr nicht, ehrlich.«

»Wie viel?«, fragte Mark.

Julia erschrak über seinen Tonfall. »Fünfhundert, ungefähr. Und dann noch die Schuhe, aber die waren auch runtergesetzt. Nicht böse sein, ja?«

Mark konnte es nicht fassen. Früher hatte es ihm gefallen, dass sie es verstand, sich gut zu kleiden und elegant aufzutreten. Wenn er mit ihr in der Öffentlichkeit auftrat, erntete er immer bewundernde Blicke und war stolz auf sie. Doch in letzter Zeit hatte das Minus auf ihrem Konto immer bedrohlichere Dimensionen angenommen. Er hatte sogar schon einen Anruf von der Bank erhalten. Daraufhin hatte er Julia mindestens ein Dutzend Mal gebeten, sparsamer zu sein. Aber sie kam aus einer wohlhabenden Familie und hatte nie gelernt, was es hieß, für Geld hart arbeiten zu müssen.

Er atmete tief ein und aus. »Schatz, ich hab es dir schon mehrfach gesagt. So geht es nicht weiter! Wir müssen mit dem Geld haushalten! Ich bin doch kein Millionär!«

»Aber du hast doch die Firma! Du hast immer gesagt, wenn ihr an die Börse geht, dann …«

»Wir gehen aber nicht an die Börse, verdammt!« Seine Stimme wurde schneidend, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Der Frust des heutigen Tages brach sich erneut Bahn. »Niemand geht mehr an die Börse! Du solltest mal hin und wieder Zeitung lesen, statt nur deine dämlichen Shows zu glotzen, dann wüsstest du das! Ich bin nicht reich, und ich werde es auch nicht.« Er seufzte. »Im Gegenteil. So, wie es aussieht, werde ich bald arbeitslos.«

Julia sah ihn mit großen Augen an. »Was?«

»John Grimes will mich als Vorstand ablösen!«

»Aber das kann er doch nicht machen! Die Firma gehört doch dir!«

»Mir gehören ein paar Anteile, ja, aber die Firma ist abhängig vom Geld der Investoren. Sie können mit mir machen, was sie wollen.«

Julia schluckte. Tränen liefen über ihre hübschen Wangen. Ihre Unterlippe zitterte leicht. Sie machte ein paar Mal den Mund auf, brachte aber nichts heraus.

Mark wollte sie in den Arm nehmen, sie trösten, ihr sagen, dass alles gut würde, dass er schon irgendwie auf die Füße fallen würde. Doch in diesem Moment zischte sie: »Ich hätte auf meinen Vater hören sollen! Er hat immer gesagt, dass die Firma nur eine Luftnummer ist. Ich habe dich verteidigt. Ich habe dir vertraut.« Sie schluchzte. »Aber er hatte die ganze Zeit recht. Er hat mich von Anfang an gewarnt, dass ich einen Versager geheiratet habe.«

Mark erstarrte.

Versager. Vor ein paar Tagen noch hätte er über das Wort gelacht. Er war vielleicht noch nicht reich geworden, aber er hatte eine funktionierende Firma aufgebaut und durch schwierige Zeiten gebracht. Er hatte zwei Dutzend Menschen einen Arbeitsplatz gegeben. Da konnte er wohl kaum ein Versager sein.

Doch heute war alles anders. Heute tat dieses Wort weh, wie nur ein Wort weh tun kann, in dem Wahrheit steckt. Jetzt, wo er Unterstützung am dringendsten brauchte, fiel ihm Julia in den Rücken. Er spürte, dass jedes weitere Wort, das er jetzt sagte, irreparablen Schaden anrichten würde, aber er konnte sich nicht zurückhalten.

»Dann geh doch zu deinem Vater und heul dich bei ihm aus!«, brüllte er. »Ich bin sicher, er kauft dir auch noch ein paar schicke Kleider!«

Julias Augen blitzten vor Wut. Eine drückende Stille trat ein. Langsam nickte sie. »Gut. Ich gehe!«

Ihre Eltern wohnten in Fußnähe, in einer schönen Jugendstil-Villa mit zwei großen Gästezimmern. Julia übernachtete manchmal noch dort, wenn Mark beruflich unterwegs war. Hoch erhobenen Hauptes nahm sie den Schlüssel und ging. Als das Krachen der Haustür verhallt war, blieb nur Stille zurück.

5.

Palo Alto/Kalifornien,

Mittwoch 13:03 Uhr

Norman Reed sah auf die Uhr. Kurz nach eins. Nur noch eine knappe Stunde, dann war die Frühschicht zu Ende. Er würde bei Carl’s Jr. ein paar Hamburger essen, nach Hause fahren und sich aufs Ohr hauen, und dann, am Abend, würde er sich wie immer mit seinen Freunden in Eternia treffen.

Er sah kurz aus dem Fenster. Der Himmel war klar, nur ein paar vereinzelte Zirruswolken deuteten an, dass ein stetiger Wind vom Pazifik hereinwehte, der für schöne, gleichmäßige Brandung sorgen würde. Ideale Bedingungen zum Surfen. Doch Norman hatte schon lange nicht mehr auf einem Surfbrett gestanden. Er musste damals sechzehn gewesen sein, und er hatte den Körper eines Athleten gehabt. Mit der enormen Wampe, die er heute mit sich herumschleppte, traute er sich nicht mehr an den Strand. Aber das war egal. Er war längst über den Punkt hinaus, an dem er sich seines Dickseins schämte.

Nach einer unglücklichen Liebe hatte er begonnen, aus Frust zu essen. Als er gemerkt hatte, was mit seinem Körper passierte, war es zu spät gewesen. Seitdem war der Geschmack von Ben & Jerry’s Maple Walnut das, was in Normans Leben gutem Sex am nächsten kam. Aber auch das war ihm egal. Heutzutage musste man nicht mehr auf Partys gehen, um seinen Spaß zu haben – es gab ja das Internet.

Das einzige wirkliche Problem am Dicksein war der Schweiß – und hier in Kalifornien kam man sehr schnell ins Schwitzen, wenn man nicht aufpasste. Deshalb hielt er sich am liebsten in klimatisierten Räumen auf, so wie hier an seinem Arbeitsplatz in einem hochmodernen Glasgebäude mitten im Silicon Valley, dem Herzen des Internet.

Norman war einigermaßen stolz darauf, bei einer der weltweit bedeutendsten Firmen für Suchtechnologie zu arbeiten. Und das schon seit zwei Jahren, was bedeutete, dass seine Aktienoptionen inzwischen ein hübsches Sümmchen wert waren. Immerhin hatte man ihm die Verantwortung über eines der größten Rechenzentren der Welt übertragen, und er verdiente gut. Trotzdem mochte er seinen Job nicht besonders. Er war einfach unterfordert und langweilte sich. Am liebsten hätte er auf einem der Hochleistungsrechner, die er überwachte, den Eternia-Client installiert. Aber das war natürlich strengstens untersagt.

Seine Aufgabe war es, die Leistung der Serverfarm, die das Herz der Suchmaschine bildete, zu kontrollieren. Nicht gerade aufregend, aber das hatte auch etwas Gutes. Kein Stress. Norman hasste Stress. Stress brachte ihn ins Schwitzen.

Suchanfragen aus dem Internet wurden normalerweise innerhalb von weniger als einer Zehntelsekunde bearbeitet, obwohl in den Tausenden miteinander vernetzten Rechnern die Informationen von über fünf Milliarden Websites gespeichert waren. Bei einem großen Benutzeransturm oder einem schwerwiegenden Systemausfall konnte die Wartezeit in den spürbaren Bereich von einigen Sekunden steigen, und das war schlecht für die Akzeptanz der Suchmaschine bei den Usern.

Norman hatte dafür zu sorgen, dass dieser Fall nie eintrat, indem er das System überwachte, Statistiken erstellte, Engpässe analysierte und neue Hardware anforderte, sobald die Rechnerkapazität knapp wurde. Normalerweise lag die Auslastung weit unter der kritischen Schwelle, aber es konnte jederzeit zu einem Ansturm kommen, wenn irgendwo auf der Welt eine größere Katastrophe geschah und rund um den Globus Millionen Menschen gleichzeitig nach Informationen suchten. Doch zurzeit war die Rechnerfarm mit weniger als dreitausend Zugriffen pro Sekunde weit von einer solchen Spitzenlast entfernt.

Norman warf routinemäßig einen Blick auf die Systemstatistik, die jeweils die Auslastung der letzten zehn Sekunden wiedergab.

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Er stutzte. Irgendwas stimmte hier nicht. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit und die Systemauslastung stiegen, obwohl die Zahl der Zugriffe ungefähr konstant blieb. Das konnte eigentlich nicht sein.

Was war da los? Ein Virus? Nein, unmöglich. Nicht bei den Sicherheitsvorkehrungen, die die Firma getroffen hatte, nachdem der gesamte Cluster einmal zusammengebrochen war. Vor mehr als zwei Jahren war das gewesen, vor seiner Zeit, aber noch heute steckte es den Leuten, die damals dabei gewesen waren, in den Knochen.

Ein Hardwareproblem war die einzige Erklärung. Eine Clusterbank musste ausgefallen sein. Aber dann hätte die Auslastung eigentlich sprunghaft steigen und danach konstant bleiben müssen.

Mit zunehmendem Entsetzen beobachtete er, wie die Systemauslastung sich der Zehn-Prozent-Marke näherte, die normalerweise nur zu den Spitzenzeiten am frühen Morgen erreicht wurde, wenn in Europa noch gearbeitet wurde und die Westküste der USA langsam erwachte. Er spürte, wie sich die ersten Schweißperlen auf seiner Stirn und unter seinen Achseln bildeten.

Bei elf Prozent Systemauslastung griff Norman zum Telefonhörer, um Joe vom Hardwaredienst anzurufen. Irgendwo mussten reihenweise Rechner ausfallen. Er befürchtete einen Dominoeffekt.

»Joe Gruner?«

»Hi Joe, hier ist Norman. Ich hab hier eine steigende Systemauslastung bei konstanten Zugriffen. Ihr müsst irgendwo ein massives Hardwareproblem haben.«

»Negativ, Houston«, sagte Joe in seiner schlechten Tom-Hanks-Imitation. »Alle Systeme sind auf Go.«

»Bist du sicher?«

»Hör mal, Stormin’ Norman, mach du deinen Job, und lass mich meinen machen, okay?«

»Schon gut. Es ist nur, ich hab hier …« Er blickte erneut auf die Statistik, blinzelte.

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»Vergiss es, Joe. Mein Fehler. Alles okay hier.«

»Norm?«

»Ja?«

»Du solltest ein bisschen weniger von dem Zeug nehmen, weißt du.«

»Idiot.« Norman legte auf. Seltsam. Was war passiert? Hatte das Statistik-Tool, das die Systemauslastung analysierte, einen Bug? Das erschien ihm unwahrscheinlich; schließlich arbeitete er schon seit mehr als einem Jahr damit, und es hatte immer einwandfrei funktioniert.

Wenn es kein Hardwareproblem war, dann musste irgendein Prozess auf den Maschinen laufen, der ein hohes Maß an Rechenkapazität beanspruchte. Ein sehr hohes Maß. Was konnte das sein? Ein Virus wohl nicht, denn der belastete normalerweise nicht die Hauptprozessoren, sondern die Kommunikationskanäle. Er überprüfte die Datenmengen, die in den letzten Minuten vom System nach außen übermittelt worden waren. Es gab keine Auffälligkeiten. Also definitiv kein Virus.

Aber was dann? Hatte irgendjemand verbotenerweise eine Software auf den Rechnern installiert? Ein Computerspiel vielleicht? Es war eine aufregende Vorstellung, die riesige Rechenleistung von Ultrasearch für die Simulation einer virtuellen Welt zu verwenden. Damit wäre ein ganz neuer Realismus erreichbar. Aber das war natürlich Unfug – ein 3D-Simulationsprogramm, das eine solche Rechenleistung wie die dieses Clusters in Echtzeit nutzen konnte, gab es nicht.

Norman war klar, dass er den Vorfall eigentlich melden musste. Schließlich war es sein Job, auf das System aufzupassen und bei ungewöhnlichen Vorkommnissen sofort Alarm zu schlagen. Andererseits, was hatte er schon in der Hand? Eine kurzzeitige Zunahme der Systemlast, weit unter der kritischen Grenze. Kein Grund zur Beunruhigung. Wenn er wegen dieser Lappalie Alarm schlug, würde er sich möglicherweise lächerlich machen. Außerdem hatte er ja Joe Bescheid gesagt, der sich nur über ihn lustig gemacht hatte. Wenn es zu Schuldzuweisungen kommen sollte, konnte er mit dem Finger in Richtung der Hardwareabteilung zeigen.

Einigermaßen beruhigt, blickte er wieder aus dem Fenster und versuchte, das nagende Gefühl der Sehnsucht zu verdrängen, das irgendwo ganz tief in seinem Inneren glomm wie die letzte Glut eines sterbenden Kaminfeuers. Die Sehnsucht nach dem schwankenden Brett unter seinen Füßen und kühlem Wind in seinem Haar und dem berauschenden Gefühl, an der steilen Flanke eines drei Meter hohen Brechers entlangzujagen.

6.

Hamburg-Poppenbüttel,

Donnerstag 6:58 Uhr

Julia sah ihn mit ihren tiefblauen Augen an. Sie lächelte nicht. Ihr Mund war leicht geöffnet, die Lippen glänzten feucht. Langsam glitten ihre Hände über das neue dunkelrote Kleid, umspielten ihre schlanke Figur, die an genau den richtigen Stellen sehr weibliche Rundungen aufwies. Sie machte eine Bewegung mit den Schultern, und das Kleid fiel von ihr ab wie ein Handtuch. Darunter war sie nackt.

Langsam, mit anmutigen Bewegungen kam sie auf das Bett zu. Sie beugte sich über ihn. Ihre Augen sahen plötzlich anders aus. Sie hatten einen hellgrauen, metallischen Glanz. Ihr Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Hallo Mark. Wie geht es dir heute?« Ihre Stimme war unnatürlich betont, und die Länge der Pausen zwischen den Worten stimmte nicht. Eine Computerstimme.

»DINA!«, hauchte Mark. Eine seltsame Mischung aus Lust und Angst erfüllte ihn.

Sie beugte sich noch weiter herab, so dass ihre großen, festen Brüste ihn fast berührten. Ihre Hand strich zärtlich durch sein Haar, doch es war eine kalte, metallische Hand. Sie glitt über Marks nackten Körper, wanderte an seiner Seite herab bis zum Knie, dann die Innenseite seines Oberschenkels hinauf …

Irgendwo schrillte ein Alarm. Die Tür flog auf. John Grimes stürzte in Marks Schlafzimmer, eine große Axt in der Hand. »Tut mir leid, wir müssen Sie evakuieren!«, rief er und schwang das Beil über dem Kopf. »Der Luftdruck beträgt nur 230 Hektopascal. Das reicht nicht zum Atmen!«

Die Axt sauste herab in DINAs Rücken. Doch es spritzte kein Blut. Stattdessen löste sich ihr anmutiger Körper auf in einen surrenden Insektenschwarm. Plötzlich war das ganze Zimmer von Fliegen erfüllt. Ihr Summen mischte sich mit dem Pulsieren des Alarms.

Mark schreckte hoch. Seine Hand fand von selbst den Weg zum Nachttisch und beendete das Quäken des Weckers. Irgendwo in der Dunkelheit summte eine Fliege.

Er schüttelte den Kopf, um richtig wach zu werden, bereute die Bewegung jedoch sofort. Kein Wunder, dass er solchen Mist zusammengeträumt hatte. Er hatte gestern vor dem Fernseher eine ganze Flasche Rotwein geleert in dem verzweifelten Bemühen, die Geschehnisse des Tages zu verdrängen. Wenigstens hatte er danach schlafen können. Doch jetzt drang die Realität nur umso brutaler auf ihn ein.

Zwei Aspirin, eine ausgiebige heiße Dusche und ein paar Toasts mit Schinken und starker Kaffee stellten zumindest seine gewohnte körperliche Verfassung wieder einigermaßen her. Er durfte sich nicht hängenlassen. Gerade jetzt nicht. Nicht nur seine eigene Zukunft stand auf dem Spiel – er musste auch an das Team denken, die Mitarbeiter, die ihm vertrauten, die ihm durch schwierige Zeiten gefolgt waren, teilweise sogar lukrativere Angebote ausgeschlagen hatten, um der Firma die Treue zu halten. Niemand konnte sagen, was Grimes anstellen würde, wenn Mark nicht mehr da war, um ihn im Zaum zu halten. Irgendwie musste er seine Schwierigkeiten lösen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er das Wunder diesmal bewerkstelligen sollte.

Die Geschichte von D. I. war eine lange Serie von spektakulären Erfolgen und ebenso dramatischen Misserfolgen. Marks Gesicht hatte die Titelseite eines bedeutenden Wirtschaftsmagazins geziert. Er war als einer der Hoffnungsträger der New Economy gefeiert worden. Die Software DINA war auf internationalen Messen mit Preisen überhäuft worden. Doch nach dem Zusammenbruch der New Economy waren die Umsätze weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Ein Investor nach dem anderen war abgesprungen. Es hatte mehr als einmal so ausgesehen, als würde D. I. das Schicksal von Firmen wie Boo.com, Brokat, Kabel New Media und all den anderen untergegangenen New Economy Stars teilen.

Irgendwie war es ihm immer wieder gelungen, doch noch einen Investor zu finden, der ihm sein Geld anvertraute. Mark wusste, dass es seine Begeisterung für die Firma und ihr Produkt DINA war, die auf viele Menschen ansteckend wirkte. Doch noch wichtiger für ihr Überleben war seine Weigerung gewesen, den Misserfolg zu akzeptieren, seine Entschlossenheit weiterzumachen, auch wenn kein Ausweg erkennbar war. Dieser Durchhaltewille war nach seiner festen Überzeugung die Grundvoraussetzung für jeden langfristigen Erfolg.

Er überlegte, ob er Julia anrufen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Es war vielleicht besser, ein bisschen Zeit vergehen zu lassen, damit sie sich wieder beruhigen konnte. Heute Abend würde er sie mit einem großen Blumenstrauß bei ihren Eltern abholen, und alles wäre wieder gut. Zwar war ihre Ehe längst nicht mehr so von Leidenschaft erfüllt wie früher, aber sie waren immer noch ein gutes Team, und er würde all die Jahre bestimmt nicht einfach so wegwerfen wegen eines kleinen Streits.

Er spürte, wie langsam wieder Zuversicht sein Denken bestimmte. Zuversicht war der erste Schritt zum Erfolg. Mark setzte sich in seinen silbergrauen Porsche Boxster und fuhr zur Firma.

Als er das Hanseatic Trade Center erreichte, war es zehn nach acht. Zwei Polizeiwagen standen auf dem Parkplatz vor dem modernen Gebäude aus Glas und Rotklinker, dessen Fensterfront sich zur Elbe hin zu einer elegant gebogenen Spitze verjüngte. Einer der Wagen hatte noch das Blaulicht eingeschaltet. Was war los? War hier gestern Nacht eingebrochen worden?

Mark fuhr in die Tiefgarage und nahm den Aufzug in den elften Stock. Die intelligente Aufzugsteuerung ermittelte, dass kein Zwischenstopp nötig war, um andere Fahrgäste aufzunehmen, und beschleunigte den Fahrstuhlkorb. Mark spürte, wie er einen Moment schwerer zu werden schien. Wenige Sekunden später bremste der Fahrstuhl ab, und es fühlte sich so an, als sacke der Boden unter ihm weg. Eine leichte Übelkeit mischte sich mit dem unguten Gefühl in seinem Bauch, das der Anblick der Polizeiwagen verursacht hatte.

Seine Ahnung bestätigte sich, als sich die Fahrstuhltür öffnete. Mary stand im Eingang des Büros und redete mit zwei Männern, die Zivilkleidung trugen, aber an ihrer Haltung und ihren kritischen Mienen als Polizisten zu erkennen waren. Als sie die Glocke des Fahrstuhls hörte, wandte sie sich zu ihm um. Ihre Augen waren rot, die Wimperntusche bildete schwarze Schlieren darunter. Ihre Wangen glitzerten feucht. Sie machte ein paar Schritte auf Mark zu, hielt dann inne, als wage sie es nicht, sich ihm weiter zu nähern.

»Es ist Ludger«, sagte sie, und Tränen schossen in ihre Augen. »Er ist … er ist …« Sie stockte, als könne sie den Satz nicht über ihre Lippen bringen. Dann vollendete sie ihn doch: »Er ist tot!«

7.

Hamburg-Hafencity,

Donnerstag 8:30 Uhr

Mark sagte kein Wort. Er rannte an ihr vorbei in Ludgers Arbeitszimmer. Sein Freund lag mit dem Oberkörper auf dem Schreibtisch. Der Kopf und eine Hand ruhten auf der Tastatur, die andere hing schlaff herab. Seine leeren Augen waren aufgerissen, als könne er noch nicht ganz glauben, dass er tot war. Der ganze Schreibtisch war mit getrocknetem Blut bedeckt, das aus einer klaffenden Wunde an seinem Hinterkopf ausgeströmt war. Blutspritzer bedeckten den abgeschalteten Bildschirm. Dort, wo das Blut vom Schreibtisch herabgetropft war, hatten sich auf dem Parkettboden Lachen gebildet.

Mark starrte lange auf die Szene. Sein Gehirn verarbeitete die Bilder und zog logische Schlüsse daraus, doch er war unfähig, angemessen auf die Situation zu reagieren. Ludger. In einem See von Blut. Tot. Für immer.

Es war einfach absurd. Wer hatte ausgerechnet Ludger ermordet? Heimtückisch erschlagen, von hinten? Jeder mochte ihn. Er war brillant, aber immer bescheiden gewesen. Er hatte keine großen Ansprüche gestellt, sein Team gefördert, niemandem im Weg gestanden. Es gab keinen Grund, verdammt noch mal!

Ludger war schon in der Schule immer freundlich und zurückhaltend gewesen. Der Klassenbeste natürlich, aber ganz sicher kein Streber. Trotzdem – oder gerade deshalb – hatte er den Neid einiger Mitschüler auf sich gezogen und war immer ein Außenseiter geblieben. Mark hatte sich einmal eingemischt, als Ludger von einer Gruppe Schüler in die Enge getrieben worden war. Es hatte eine Rangelei gegeben. Mark wäre wahrscheinlich ordentlich vermöbelt worden, wenn die Lehrer den Pulk nicht rasch auseinandergetrieben hätten. So hatte er sich nur ein paar blaue Flecken eingehandelt, aber dafür den Respekt des Klassentyrannen gewonnen – und Ludgers Freundschaft. Sie waren Freunde geblieben, auch als Mark nach seinem Examen als Product Manager bei einer großen Computerfirma gearbeitet hatte. Er hatte Ludger einen Job in der Entwicklungsabteilung vermittelt. Dann hatten sie sich beide mit Distributed Intelligence selbständig gemacht.

Es gab vielleicht ein paar Leute, die Ludger einen weltfremden Träumer genannt hätten. Aber ganz sicher niemanden, dem er auch nur den geringsten Grund gegeben hatte, ihn zu hassen.

Eine Fliege summte über Ludgers Kopf, setzte sich nieder und kroch über die kalte Wange. Mark machte einen Schritt vor, um sie zu verscheuchen. Jemand fasste ihn am Arm. »Sie dürfen nichts berühren. Die Spurensicherung hat den Raum noch nicht freigegeben.«

Mark fuhr herum. Es war einer der Männer, die mit Mary geredet hatten: Anfang vierzig, Dreitagebart, kurz geschnittenes Haar. Er streckte die Hand aus. »Hauptkommissar Unger. Ich leite die Ermittlungen.«

Mark nickte nur.

»Können wir vielleicht irgendwo ungestört reden?«

Mark führte ihn in sein Büro. Er fühlte sich seltsam leicht, unwirklich. Er setzte sich an seinen Schreibtisch.

Unger wandte ihm den Rücken zu und sah aus dem Fenster. »Netter Ausblick.«

Mark sagte nichts.

Der Kommissar drehte sich zu ihm um. »Sie sind der Chef hier, nicht wahr?«

»Wir sind … waren ein Team, Ludger und ich. Wir beide haben die Firma gegründet. Er war für die Technik zuständig, ich für das Kaufmännische.«

»Frau Andresen hat mir gesagt, Sie seien der Vorstandsvorsitzende.«

»Formal ist das richtig, aber wir haben das hier nie so gesehen. Wie ich schon sagte, wir sind ein Team und treffen alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam.«

Unger trat dicht an den Schreibtisch heran, setzte sich jedoch nicht auf einen der Besucherstühle. »Haben Sie eine Idee, wer das getan haben könnte? Und warum?«

»Nein. Ludger hatte keine Feinde.«

»Offenbar doch.«

Mark schüttelte den Kopf. »Ich kenne ihn seit der Schule. Er war immer freundlich zu allen. Niemand hier hatte einen Grund, ihn zu ermorden, da bin ich ganz sicher.«

»Und doch hat es jemand getan.«

Mark ließ seine Finger geistesabwesend über die Bronzestatue eines Bullen gleiten, die noch immer auf seinem Schreibtisch stand – Symbol eines längst verblassten Börsentraums.

»Ein Einbrecher vielleicht …«

»Es gibt keine Einbruchsspuren. Außerdem ist Hamacher hinterrücks erschlagen worden. Er konnte von seinem Schreibtisch aus die Tür zu seinem Arbeitszimmer sehen. Wenn ein Einbrecher im Büro gewesen wäre, hätte er sich gewehrt, vielleicht versucht, zu fliehen, doch stattdessen ist er einfach sitzen geblieben. Er muss den Mörder gut gekannt und ihm vertraut haben.« Unger sah ihn mit seinen blaugrauen Augen lange an. »Wo waren Sie gestern Abend zwischen 21 und 22 Uhr?«

Natürlich musste der Kommissar diese Frage stellen. Sie hatten sich gestritten, alle hatten es mitbekommen. Und Ludger war von jemandem erschlagen worden, den er gut gekannt, dem er vertraut hatte. Plötzlich fühlte Mark sich schuldig, so als habe er mit seinem dummen Verhalten diese Katastrophe irgendwie verursacht.

»Zu Hause.«

»Gibt es Zeugen?«

»Nein. Ich war allein. Meine Frau war bei ihren Eltern. Sie wohnen um die Ecke.«

Unger machte ein überraschtes Gesicht.

»Wir hatten Streit. Eine Lappalie. Ich hab mich blöd benommen.«

»Einige Mitarbeiter sagen, dass es gestern auch Streit zwischen Hamacher und Ihnen gab.«

Mark nickte. »Das stimmt.«

»Worum ging es?«

»Wir hatten eine Präsentation vor dem Aufsichtsrat. Ist nicht gut gelaufen.«

Ungers Stimme wurde plötzlich schneidend. »Sie haben sich gestritten. Sie haben wütend das Büro verlassen. Dann sind Sie noch mal zurückgekehrt, vielleicht, um sich zu entschuldigen. Doch der Streit ist erneut eskaliert, und Sie haben ihn erschlagen!«

Mark schüttelte nur traurig den Kopf. »So war es nicht. Ich war den ganzen Abend zu Hause.«

»Können Sie mir bitte genau sagen, worum es in dem Streit mit Hamacher ging?«

»DINA hat in der Präsentation ein paar merkwürdige Dinge gesagt, und …«

»Dina? Wer ist diese Dina?«

»DINA ist unsere Software. D-I-N-A. Das steht für Distributed Intelligent Network Agent. Eine Anwendung für Distributed Computing.«

»Können Sie das so erklären, dass es auch ein Polizist versteht?«

Mark fuhr seinen Computer hoch. »Unter Distributed Computing versteht man die Idee, ein Programm auf mehreren Computern gleichzeitig laufen zu lassen, die miteinander vernetzt sind. Dadurch kann man die Rechenleistung vieler unabhängiger Computer zusammenschalten und bekommt so eine Art Supercomputer, ohne dass man dafür teure Hardware kaufen muss. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Seti-Bildschirmschoner.«

»Der was?«

»›Seti‹ steht für ›Search for Extraterrestrial Intelligence‹. Das Seti Institute ist eine private Organisation in den USA, die von Radioteleskopen empfangene Signale nach Botschaften Außerirdischer durchsucht. Dafür braucht man sehr viel Rechenleistung. Früher war Seti ein Programm der US-Regierung, doch dann wurden denen die Mittel gestrichen. Jemand kam auf die Idee, die Computer von Privatleuten für die Suche zu verwenden, indem er dort ein kleines Programm installierte, das die ungenutzte Rechenkapazität z. B. in Arbeitspausen nutzte. Hier, ich zeige es Ihnen.«

Er öffnete die Windows-System-Steuerung und aktivierte den Seti@home-Bildschirmschoner. Ein buntes Diagramm baute sich langsam auf, das aussah wie ein Meer aus eckigen Wellen in Blau, Rosa und Rot.

Unger trat hinter ihn und beugte sich vor. Ein Schauer lief über Marks Rücken, als ihm klar wurde, dass der Mörder genau so hinter Ludger gestanden haben musste.

»Das da haben Sie entwickelt?«, fragte Unger. »Ihre Firma sucht nach kleinen grünen Männchen?«

»Nein, natürlich nicht. Es ist nur ein anschauliches Beispiel für die Technik, die auch wir nutzen. Der Seti-Bildschirmschoner läuft inzwischen auf über 6 Millionen PCs, die über das Internet mit den zentralen Seti-Servern kommunizieren. Die haben jetzt eine viel größere Rechenkapazität zur Verfügung, als wenn sie weiterhin von der Regierung finanziert worden wären und das Geld in konventionelle Hardware investiert hätten. Seti ist so was wie unser Vorbild.«

»Verstehe. Und was genau macht jetzt Ihre Firma? Haben Sie auch so ein Programm, das auf vielen PCs läuft?«

»Ja, genau. Wir haben ein Internet-Portal entwickelt, von dem man kostenlos verschiedene Spiele herunterladen kann. Einzige Bedingung ist, dass man unsere DINA-Software installiert, die dann, genau wie das Seti-Programm, Pausen nutzt, um Berechnungen für unsere Kunden durchzuführen. Inzwischen haben wir mehr als 500 000 Installationen.«

»Können Sie mir das mal zeigen?«

Mark nickte langsam. Die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse der letzten 24 Stunden ließ seine Finger zittern, als er DINA über die Tastatur startete. »Hallo Mark«, sagte DINAs synthetische Stimme über die PC-Lautsprecher. »Wie geht es dir heute?«

Marks Kehle schnürte sich zu. Ihm wurde plötzlich übel, und die Kopfschmerzen meldeten sich mit neuer Heftigkeit zurück. Beschissen, hätte er beinahe geschrieben. Aber er wollte nicht wissen, welchen witzigen Antworttext Ludger für diesen Fall vorgesehen hatte. »Wie ist der Luftdruck in Heidelberg heute um 15:00 Uhr?«, tippte er stattdessen.

»Der Luftdruck in Heidelberg wird heute um 15:00 Uhr 1017 Hektopascal betragen«, sagte DINAs neutrale Stimme.

Unger wirkte angemessen beeindruckt. »Das Ding – diese DINA – versteht, was Sie schreiben?«

»Nicht alles, aber vieles. Wir haben ihr eine natürlichsprachliche Benutzerschnittstelle gegeben, damit unsere Kunden sie leichter bedienen können.«

»Ich dachte immer, es dauert noch Jahrzehnte, bis Computer denken können.«

»DINA denkt nicht. Man könnte sagen, sie tut so, als ob sie denken könnte. Sie analysiert die Texteingaben, sucht darin nach Worten, die sie kennt, und interpretiert diese anhand vorgegebener Regeln. Dann wertet sie einfach das Programm, das unser Kunde ihr zur Ausführung gegeben hat, danach aus. Das hat mit Denken nicht viel zu tun.«

»Und doch sprechen Sie von dem Programm wie von einer Person.«

Mark zuckte mit den Schultern. »Eine schlechte Angewohnheit.«

»Ihr DINA-Programm hat also gestern Fehler gemacht?«

»Ja. Ich zeige es Ihnen.« Mark fragte erneut nach dem Luftdruck in Heidelberg heute Nachmittag.

»Der Luftdruck in Heidelberg wird heute um 15:00 Uhr 1017 Hektopascal betragen«, gab DINA zurück.

Mark runzelte die Stirn. Er fragte mehrmals nach dem Luftdruck am nächsten Tag an verschiedenen Orten. DINA nannte sinnvolle Werte, die sich auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht änderten.

»Was ist los?«, fragte Unger. »Stimmt etwas nicht?«

»Nein. Das heißt, doch. Das ist ja das Seltsame: Gestern in der Präsentation hat DINA unsinnige Werte geliefert. Dadurch haben wir das Vertrauen unserer Investoren verloren und ich praktisch meinen Job. Jetzt scheint sie wieder zu funktionieren.«

»Sie haben Ihren Job verloren?«

Mark zuckte mit den Schultern. Jetzt, wo Ludger tot war, spielte das kaum noch eine Rolle. »Unsere Investoren sind unzufrieden. Sie wollen mich ablösen.«

»Und deshalb haben Sie sich mit Hamacher gestritten?«

Mark seufzte. Er nahm die Bronzefigur des Bullen in die Hand und betrachtete sie, als müsse er sich für immer von ihr verabschieden.

»Es stimmt, ich habe ihm Vorwürfe gemacht. Ich war frustriert. Aber ich hätte ihn doch nicht umge…« Er stockte. In den Fugen am Sockel der Figur waren dunkelbraune, verkrustete Schmutzspuren zu erkennen. Ihm wurde kalt. Er ließ die Figur mit einem Knall auf den Schreibtisch fallen. Angeekelt zog er seine Hände zurück.

»Was ist los?«, fragte Unger.

»Das … ich glaube, da an der Figur … das ist Blut.«

8.

Hamburg-Hafencity,

Donnerstag 9:01 Uhr

Hauptkommissar Friedemann Unger holte eine Plastiktüte aus seiner Jackentasche und stülpte sie sich über die Finger wie einen Handschuh. Damit fasste er die Bronzestatue an und betrachtete sie genauer. Kein Zweifel, das war Blut, hastig abgewischt. Vorsichtig stellte er die Figur auf den Schreibtisch. Die KTU würde Gewissheit bringen, aber er war auch so ziemlich sicher, dass das schwere, kantige Ding zu der Wunde an Hamachers Schädel passte.

Sein Blick verengte sich, als er Helius’ bleiches Gesicht musterte. Er wurde einfach nicht schlau aus dem Mann. Auf den ersten Blick hatte alles nach einem relativ einfachen Fall ausgesehen: Ein Streit unter den Gründern einer Firma kurz vor der Pleite, der tödlich endete. Aber dieser Helius benahm sich überhaupt nicht wie ein Mörder. Er wirkte nervös und niedergeschlagen, aber nicht ängstlich. Er rief nicht seinen Anwalt an, obwohl diese New-Economy-Fuzzis doch sicher ständig mit Anwälten zu tun hatten. Und jetzt lieferte er ihm auch noch die Tatwaffe frei Haus, mit seinen eigenen Fingerabdrücken drauf.

Als Unger vorhin das Büro mit der grandiosen Aussicht betreten hatte, war ein Anflug von Zorn in ihm hochgestiegen. Er hatte einen beträchtlichen Teil seiner Ersparnisse am Neuen Markt verloren – sein Geld, das wahrscheinlich für so ein schickes Büro wie dieses verpulvert worden war. Aber es war seine eigene Dummheit gewesen, und er durfte sich von seinen persönlichen Problemen nicht in der Ermittlungsarbeit beeinflussen lassen.

»Sie haben wirklich keine Idee, wer das getan haben könnte? Gibt es irgendjemanden, der einen Groll auf Hamacher hatte? Vielleicht jemand, der entlassen wurde? Denken Sie nach!«

Helius runzelte die Stirn. »Nein … das heißt, doch, wir haben eine Programmiererin entlassen. Aber das ist drei Monate her. Und wenn überhaupt, dann müsste sie auf mich sauer sein, nicht auf Ludger.«

»Der Name?«

»Lisa Hogert.«

»Adresse?«

»Die kann Ihnen Frau Andresen geben.«

»Warum wurde sie entlassen?«

»Sie hat Geld gestohlen. Wir hatten hier eine Serie von Diebstählen und haben schließlich einen Geldschein präpariert. Wir fanden ihn dann bei ihr. Ich habe sie fristlos gefeuert.«

Unger nickte. Das sah nicht gerade nach einer heißen Spur aus. »Gibt es sonst jemanden, vielleicht in seinem privaten Umfeld?«

»Ludger lebte allein. Soviel ich weiß, hatte er keine Freundin. Er hat sehr viel Zeit hier in der Firma verbracht.«

»Sie sagten vorhin, diese DINA hätte gestern Fehler gemacht. Heute scheint sie wieder zu funktionieren. Wie erklären Sie sich das?«

Helius runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht. Möglicherweise hat Ludger gestern noch den Fehler gefunden. Aber es kann genauso gut sein, dass der Fehler nur sporadisch auftritt. Die Suche nach Fehlern macht üblicherweise mehr als die Hälfte des Entwicklungsaufwands für Software aus, und am schwierigsten sind die zu finden, die nur manchmal auftreten.«

»Könnte der Mord etwas damit zu tun haben?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich habe keine Ahnung. Ich frage nur.«

»Ich kann mir keinen Zusammenhang vorstellen.«

»Könnte jemand die Software absichtlich sabotiert haben? Um Ihnen zu schaden?«

»Wer sollte das tun? Und warum? Niemand profitiert davon, wenn die Firma pleitegeht. Die Mitarbeiter verlieren ihre Jobs und die Investoren ihr Geld.«

»Ein Konkurrent vielleicht?«

»Es gibt in Deutschland keine Firma, die etwas Ähnliches macht. Und die Amerikaner sind am deutschen Markt bisher nicht interessiert.«

»Gibt es jemanden, der Sie persönlich hasst? Ich meine, vielleicht war Hamacher gar nicht das eigentliche Ziel. Vielleicht wollte jemand Sie …«

Die Tür ging auf, ohne dass es geklopft hatte. Unger fuhr ärgerlich herum und blickte in das grinsende Gesicht von Kriminalkommissar Hinrich Dreek, den alle nur Sir Francis nannten.

»Ich hab was, Chef!«, rief er fröhlich.

»Nicht jetzt, Dreek …«

»Ich weiß, wer zur Tatzeit im Büro war.«

»Was?«

»Die Sicherheits-Schließanlage. Alle Mitarbeiter haben eine elektronische Zugangskarte. Die Anlage zeichnet genau auf, wer wann die Tür auf- oder zuschließt.«

»Und?«

»Nach den Aussagen der Mitarbeiter war Ludger Hamacher allein, als der Letzte gegen acht das Büro verließ. Aber die Schließanlage hat um 21:05 Uhr noch einmal einen Schließvorgang aufgezeichnet. Jemand ist also um diese Zeit ins Büro gekommen.«

»Nun machen Sie’s nicht so spannend, Dreek. Wer?«

»Die Tür wurde um 21:05 Uhr mit der Karte von Mark Helius geöffnet.«

Unger wandte sich zu Helius um und betrachtete lange das schreckensbleiche Gesicht des Mannes.

9.

Hamburg-Hafencity,

Donnerstag 9:38 Uhr

Unger und Dreek standen in einem elegant eingerichteten Konferenzraum, der einen ebenso grandiosen Blick auf die Elbe ermöglichte wie Helius’ Büro.

»Sie haben was?«, fragte Dreek. Man merkte, dass er Mühe hatte, den nötigen Respekt vor seinem Vorgesetzten zu wahren.

»Helius sagte, er fühle sich nicht wohl, und er hat so ausgesehen, als ob das stimmt. Ich habe ihn gehen lassen.«

»Aber, Chef … ich meine, die Schließanlage … er war zur Tatzeit im Büro! Es ist doch völlig offensichtlich, dass er der Täter ist!«

»Eben.«

»Eben? Wie meinen Sie das?« Dreek sah ihn mit großen Augen an. Mit seinen blonden, kurzen Haaren und seinem sommersprossigen Gesicht wirkte er jünger als seine 31 Jahre. Man neigte dazu, ihn zu unterschätzen. Er war ein talentierter und hochintelligenter Bursche, wenn auch etwas ungestüm. Unger war froh, ihn in seinem Kommissariat zu haben.

»Das ist doch alles viel zu einfach. Mal angenommen, Helius ist der Mörder. Er erschlägt Hamacher nach einem Streit im Affekt. Dann realisiert er, was er getan hat. Er wischt die Mordwaffe hastig ab und stellt sie wieder auf seinen Schreibtisch. Er schließt die Bürotür mit seiner Codekarte ab, obwohl er genau weiß, dass der Schließvorgang aufgezeichnet wird, und fährt einfach nach Hause.«

»Vielleicht hat er es vergessen …«

»Möglich. Am nächsten Morgen kommt er seelenruhig ins Büro, als sei nichts geschehen. Er gibt eine oscarreife Vorstellung des entsetzten Freundes des Opfers, und zur Krönung liefert er uns ein Motiv und die Tatwaffe auf dem Silbertablett. Finden Sie, das klingt plausibel?«

»So, wie Sie es gerade erzählt haben, nicht«, sagte Dreek. »Aber denken Sie mal an Folgendes: Vielleicht will Helius, dass wir ihn überführen? Vielleicht hat er unbewusst so offensichtliche Spuren hinterlassen, weil er mit der Schuld am Tod seines Freundes nicht leben kann und bestraft werden möchte? Ich hab im Seminar über Täterpsychologie …«

»Wir sind hier nicht auf der Polizeiakademie, Herr Dreek. Ich kann nicht ausschließen, dass Sie recht haben. Aber wenn, dann besteht keine Fluchtgefahr, und es gibt keinen Grund, Helius zu verhaften, solange seine Schuld nicht bewiesen ist.«

»Welche Beweise brauchen Sie denn noch?« Dreek hatte die Stimme weit über das Niveau gehoben, das im Umgang mit einem Vorgesetzten noch akzeptabel war.

Unger nahm es ihm nicht übel. Er selbst war auch einmal so ein Heißsporn gewesen. Er schlug einen beschwichtigenden Tonfall an.

»Ich brauche ein überzeugendes Motiv. Wenn der Streit der Grund für den Mord gewesen wäre, hätte Helius im Affekt gehandelt. Es hätte wahrscheinlich einen Kampf gegeben. Hamacher wäre nicht seelenruhig an seinem Schreibtisch sitzen geblieben, und Helius hätte ihn nicht hinterrücks erschlagen, mit einer Mordwaffe, die er erst aus seinem Büro holen musste. Nein, wenn Helius der Mörder war, dann muss er einen völlig anderen Grund gehabt haben. Und solange wir den nicht kennen, halte ich es nicht für angebracht, ihn zu verhaften.«

Dreek sah seinen Chef an, als zweifle er an dessen Verstand, sagte jedoch nichts.

»Ich erzähle Ihnen mal, was ich glaube. Ich glaube, jemand will Helius den Mord anhängen. Der Mörder hat die Daten der Schließanlage irgendwie manipuliert. Immerhin sind wir hier in einer Computerfirma, da gibt es sicher genug Leute, die so was können. Er hat gehofft, dass wir die Tatwaffe auf Helius’ Schreibtisch finden, und hat sie absichtlich nur grob abgewischt. Er konnte ja nicht damit rechnen, dass Helius selbst die Blutspuren entdeckt und uns darauf hinweist. Ich meine, wenn Helius der Mörder wäre, hätte er die Statue doch wahrscheinlich in die Elbe geworfen oder sie zumindest gründlicher gesäubert. Und er hätte mich wohl kaum selbst auf die Blutspuren hingewiesen!«

Dreek setzte an, etwas zu sagen, doch Unger stoppte ihn mit einer Handbewegung.

»Der Mörder ist ein Mitarbeiter dieser Firma, da bin ich sicher. Jemand, der Helius was anhängen will. Vielleicht auch ein ehemaliger Mitarbeiter. Helius hat mir da was von einer gefeuerten Programmiererin erzählt …«

Dreek hielt es nicht mehr aus. »Ich sage Ihnen, was ich glaube, Chef. Ich glaube, Sie denken viel zu kompliziert. Bei allem Respekt, Sie machen einen großen Fehler, wenn Sie den Hauptverdächtigen laufenlassen, bloß wegen der Sache mit dem Hühnerbaron!«

Ungers Augenbrauen zogen sich zusammen. Er merkte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Was bildete Dreek sich ein, ihn so zurechtzuweisen!

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