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Das Sühnehotel

Alfred J. Schindler


Das Sühnehotel


Horrorthriller

 

von

 

Alfred J. Schindler




 

Wichtiger Hinweis:


Dieser Horrorthriller ist frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Orten sind rein zufällig. Ebenso verhält es sich mit Vor- und Zunamen. Sie sind frei erfunden. Gewisse Absätze zur Aufklärung über die Pädophilie sind dem Internet entnommen und in abgewandelter Form wiedergegeben. ( Quelle )


 

VORWORT


 

Die Nachricht der Kriminalpolizei kam damals, vor knapp zwölf Jahren, wie eine riesige, furchtbare Wel­le über unsere kleine Familie: Theodor Münch, ein arbeitsloser Maler, hatte unsere zehnjährige Melanie entführt, misshandelt, sexuell missbraucht, und sie anschließend mit zwanzig Messerstichen ermordet. Ulla, meine Frau, musste für längere Zeit in psych­iatrische Behandlung, um den tiefen Schock richtig verarbeiten zu können. Ja, und ich verlor meine Ar­beit, weil ich mich nicht mehr so recht konzentrieren konnte. Ich hatte schreckliche Albträume, wachte nachts schreiend und schweißgebadet auf, und tags­über war ich müde und abgeschlafft. Es wurde nicht besser. Max, mein einziger Freund, half uns damals sehr. Er stand uns moralisch ungemein zur Seite. Es kam mir fast so vor, als ob er genauso entsetzt und seelisch am Ende war, wie Ulla und ich.


Täglich besuche ich meine auf brutalste Art und Wei­se zu Tode geschundene Melanie an ihrem kleinen Grab. Meistens gehe ich alleine auf den zum Teil ver­wilderten Friedhof, der sich keine hundert Meter von unserem Zuhause befindet, und ab und zu kommt Ulla mit mir. Max begleitet mich öfter als sie.


Ja, es verging kein einziger Tag, an dem ich nicht bei Melanie gewesen wäre. Einige Bekannte und Verwand­te sind zwar immer noch der Ansicht, dass mir diese andauernden Friedhofsbesuche nur schaden würden, aber ich lasse mich davon nicht abhalten. Ich habe eben das dringende Bedürfnis, meine verstorbene Tochter Tag für Tag zu besuchen...


xxx


Ulla und ich befinden uns auf dem Heimweg von unse­rer wöchentlichen Einkaufsfahrt. Unser Häuschen liegt etwas außerhalb von Immenstadt, ungefähr drei Kilometer entfernt. Der Motor unseres alten Peugeot hüstelt verzweifelt, als wir langsam eine Bergkuppe hochfahren.


„Ich befürchte, Erich, dass wir bald einen neuen Wa­gen brauchen!“

„Ja, es sieht so aus. Ich war letztens in einem Auto­haus, das Suzuki führt. Dieser neue Swift, der in der Auslage stand, gefiel mir sehr gut!“

„Da möchte ich aber auch ein Wörtchen mitreden!“

„Ja, sicher, Ulla. Welchen Wagentyp stellst du dir denn vor?“

„Ich weiß es nicht.“

„Dieser kleine Wagen würde dir sicherlich auch gut gefallen. Er ist recht preisgünstig, und außerdem hat er sehr gute Sitze. Lass uns in den nächsten Tagen zusammen eine Probefahrt machen.“

„Wenn ich Suzuki höre, muss ich immer an Motorräder denken, Erich.“

„Ja, sie produzieren Autos und Motorräder.“

„Du hast den Wagen in Immenstadt gesehen?“

„Ja, Ulla.“

Eine kleine Pause entsteht. Ich sehe, als ich ihr ei­nen kurzen Blick zuwerfe, wie abwesend sie schon wieder ist. Denkt sie an Melanie? In ihr ehemals wun­derschönes Gesicht haben sich viele, kleine Fältchen geschlichen und dort für immer eingraviert. Ihre Wangen sind eingefallen, und ihr Blick ist nicht so klar, wie er es eigentlich sein sollte. Er ist leer. Aber das liegt sicher an den starken Medikamenten, die sie zur Unterstützung ihrer angeknacksten Psyche einnehmen muss. Ich komme ja auch nicht ohne Medi­kamente aus.


Plötzlich, und völlig übergangslos, sagt sie, mich von der Seite anschauend: „Erich, in den nächsten Tagen müsste Theodor Münch entlassen werden. Ich weiß aber nicht genau, wann.“

„In den nächsten Tagen?“

„Ja.“

„Woher hast du denn diese Information?“

„Von Max.“


Aha. Von Max also. Ich frage mich ernsthaft, woher er diese Nachricht hat. Es ist doch seltsam: Max sprach in den letzten Jahren, besser gesagt seit Me­lanies Tod, mehr über diesen hinterhältigen Kinder­mörder, als Ulla oder ich. Ich hatte den Eindruck - und ich habe ihn immer noch - dass Max diesen Scheißkerl mehr hasst, als irgendetwas anderes auf dieser Welt. Mein Hass auf Münch hat sich zwar im Laufe der Zeit geringfügig geschmälert, aber das Sprichwort, dass die Zeit Wunden heilen würde, stimmt nur bedingt. In unserem Fall veränderten sich die negativen Gefühle gegenüber Münch nicht we­sentlich. Ja, so könnte man es wohl ausdrücken. Und unsere Trauer ist immer noch sehr intensiv, fast wie damals, vor zwölf Jahren.


Ulla erzählt mir seit Melanies brutalem Tod, dass sie ihr nicht nur nachts, sondern auch in ihren Tagträu­men erscheinen würde. Immer wieder beobachte ich sie, wenn sie irgendwo sitzt oder liegt, und gegen die Wände starrt. Ich weiß, was dann geschieht:


Sie sieht sie.


Ja, ich glaube ihr, dass sie diese Erscheinungen hat. Ich selbst leide nicht darunter, und ich bin, im Grun­de genommen, froh darüber. Es ist irgendwie unheim­lich, zu sehen, wie Ulla mit unserer kleinen, toten Tochter kommuniziert. Sie spricht nicht mit ihr, aber an ihrem, in diesen speziellen Situationen sich ver­ändernden Gesichtsausdruck, merke ich, dass sie Melanie tatsächlich sieht. Ob sie mit ihr wohl spricht, wenn ich nicht mit anwesend bin? Aber wa­rum sollte sie mir etwas vorspielen? Was hätte sie davon? Nichts. Rein gar nichts. Für mich sind Ullas Erscheinungen der Beweis dafür, dass Melanie in ei­ner anderen Sphäre lebt. Und das beruhigt mich sehr. Ja, es macht mich sogar ein wenig zufrieden.


Aber nur ein wenig.


Im Grunde genommen weiß ich aber nicht, wie Ulla unsere Kleine sieht. Erscheint sie ihr als Person, oder ist es mehr eine Silhouette, die sie wahrnimmt? Sieht sie nur einen Schatten, oder kann sie mehr er­kennen? Schon oft nahm ich mir vor, sie danach zu fragen, unterließ es dann aber doch. Ich finde, es wäre pietätlos, wenn ich versuchen würde, Ulla aus­zuhorchen. Und außerdem bin ich mir sicher, dass sie ihr Geheimnis für sich behalten will.


„Du hast es also von Max.“

„Ja, Erich.“

„Wir müssen mit ihm unbedingt reden.“

„Worüber?“

„Über Münchs Entlassung.“

„Wieso?“

„Ich weiß nicht, Ulla. Ich habe so ein seltsames Ge­fühl.“

„Was denn für ein Gefühl?“

„Es ist, wie gesagt, nur ein Gefühl. Aber irgendetwas sagt mir, dass Max...“

Ihr Kopf ruckt herüber: „Du meinst, dass er ihn...“

„Abpasst. Ja, das meine ich.“

„Münch hat die Freiheit nicht verdient, Erich!“ Ihre dunklen Augen glitzern gefährlich.

„Nein. Er hat sie wirklich nicht verdient.“


Eine weitere, kleine Pause entsteht. Wir nähern uns dem Weiler „Am Hardt“. Dies ist der Name unseres Minidörfchens. Wir haben hier draußen nicht einmal eine geteerte Straße. Es befinden sich „Am Hardt“ lediglich dreizehn mehr oder weniger alte Häuser, in denen zum Großteil berentete Ehepaare leben. Keine Geschäfte, keine Kirche: Nur dieser kleine Friedhof mit seiner unauffälligen, verwitterten Kapelle ist vorhanden. Manche von den Häusern könnte man auch als Steinhütten bezeichnen. Und das letzte dieser zum Teil baufälligen Gebäude ist unseres. Alt, etwas heruntergekommen, aber unseres. Ein verwitterter Holzzaun umrahmt das kleine Anwesen. Ich müsste ihn wieder einmal streichen, überlege ich. Auch die Fensterläden sind herunter. Aber diese Reparaturen kosten Geld. Viel Geld.


Ulla hat einige Blumenbeete angelegt, und im eigent­lichen Garten, hinten, an der brüchigen Terrasse, stehen neun oder zehn Kirschbäume. Wie gesagt: Wir sind keine reichen Leute, aber wir sind mit dem, was uns gehört, zufrieden. Seit dem plötzlichen, völlig unverhofften Tod von Melanie waren für uns beide materielle Dinge völlig in den Hintergrund getreten. Geld und Wohlstand interessierte uns nicht mehr. Immer wieder geht mir mein guter - und einziger - Freund Max durch den Kopf. Unzählige Male sagte er:


„Wenn dieser Kerl entlassen wird, schnappe ich ihn mir.“


Eigentlich hätte diese Aussage von mir kommen müs­sen, aber sie kam von ihm. Ich stimmte ihm zwar in­nerlich zu, aber ich konnte mir einfach nicht vorstel­len, einen Menschen zu ermorden. Gut, ich könnte Münch nach seiner Entlassung zusammenschlagen, ihn niederknüppeln, ihn vielleicht mit dem Auto über­rollen, was auch einem Mordversuch gleichkäme, aber ich bin mir einfach nicht sicher, ob das der richtige Weg wäre. Falls überhaupt.


Münch hat also seine Strafe abgesessen. Er kann das Gefängnis als freier Mann verlassen. Was wird er wohl tun, überlege ich, wenn er herauskommt? Er, der pädophilie Bursche? Wird er das nächste Mädchen stehlen, es misshandeln, missbrauchen und ermor­den?


Oder ist er geheilt?


Eine plötzliche Wut kommt in mir hoch: Es ist mir scheißegal, ob er geheilt ist, oder nicht! Zwölf Jahre sind viel zu wenig für einen nachgewiesenen Kinder­mord! Wie oft hatten wir Drei uns darüber aufgeregt. Max ist ja ein etwas extremer Typ. Er sagt:


„In den Vereinigten Staaten, z. B. in Texas, hätte man ihn dafür geschmort! Man hätte ihn wie ein Hähnchen gegrillt, oder ihm eine gepflegte Giftsprit­ze verpasst! Aber was geschieht hier, in diesem ver­weichlichten Deutschland? Man gibt ihm fünfzehn Jahre. Und drei Jahre schenkt man ihm auch noch wegen guter Führung. Ich könnte kotzen! Fünfzehn Jahre! Gute Führung! Dass ich nicht lache! Es ist ein läppisches Fünftel seines voraussichtlichen Lebens! Wenn nicht ein Sechstel! Und natürlich obendrein ohne anschließende Sicherungsverwahrung. Und wie­so? Weil er ein perfekter Schauspieler ist! Diese Psy­chologen und Psychiater können doch gar nicht un­terscheiden, wer wirklich gefährlich ist, und wer nicht! Wie oft hört man, dass sie sich wieder geirrt haben! Schade, dass ich nichts zu sagen habe. Ich wäre jedenfalls für die Todesstrafe!“


Sein Gesicht glüht jedes Mal, wenn er sich derart in Rage redet. Ulla ist immer seiner Meinung, und ich bin es im Grunde genommen auch. Nur finde ich, dass der Mensch nicht berechtigt ist, Gott zu spielen. An­dererseits sollten „Menschen“ wie Theodor Münch nicht mehr auf feien Fuß gesetzt werden.


Nie mehr!


Zuhause angekommen, lade ich die Lebensmittel in unsere Garage. Ganz hinten, an der Rückwand, steht eine alte Tiefkühltruhe, in die ich all das Fleisch, die Pizzen und sonstige Fertiggerichte, packe. Direkt daneben stehen die Getränkekästen. Ulla schleppt zwei große Tüten mit frischen Lebensmitteln ins Haus. Ein Wagen fährt langsam an unser Haus heran. Ich kenne den Motor. Und ich höre ich eine mir sehr vertraute Stimme hinter mir:


„Na, alter Knabe? Habt ihr wieder eingekauft?“

Ich drehe mich um und antworte: „Max, mein Freund. Wie er leibt und lebt. Hast du schon Feierabend?“

„Ich bin seit heute arbeitslos. Unsere Firma hat Kon­kurs angemeldet.“

„Tatsächlich?“

„Ja, Erich, es fehlte in letzter Zeit einfach an Trans­portaufträgen. Die Wirtschaftskonjunktur lässt sehr zu wünschen übrig.“

„Ja, ja, die Wirtschaftskonjunktur...“

„Und den großen Unternehmern ist es leider möglich, günstiger zu fahren, als wir es konnten.“

„Und jetzt musst du nach Immenstadt ins Arbeits­amt.“ Es ist mehr eine Feststellung, als eine Frage.

Er grinst: „Fahrer mit Führerschein-Klasse II sind immer gefragt. Außerdem darf ich auch Schwertrans­porter bewegen.“

„Ja, wie ich dich kenne, Max, wirst du schon bald etwas Neues finden.“

„Und? Hast du schon einen Nebenjob?“

„Leider nicht. Es wird einfach nichts Vernünftiges angeboten. Die meisten 450-Euro-Jobs sind doch das Allerletzte. Reine Ausbeutung.“

„Die Rente reicht euch weder hinten, noch vorne, was, Erich?“

„Ulla hat ja glücklicherweise auch Erwerbsunfähig­keitsrente.“

„Ja, ja. Ich weiß.“

„Irgendwie schaffen wir es schon. Willst du ein Bier? Oder eine Tasse Kaffee?“

„Ja, ein Bier wäre jetzt nicht schlecht.“

„Na, dann folge mir.“


Max ist ein großzügiger Mensch. Jedes Mal, wenn er uns besucht, hat er ein kleines Präsent für uns. Meis­tens sind es nur Kleinigkeiten, aber heute hat er mir eine Stange Gauloises-Zigaretten mitgebracht. Ich werde sie natürlich mit Ulla teilen, das spricht für sich. Er grinst, als er mir die Stange überreicht:


„Die habe ich in der Tschechei gekauft.“

„Danke, Max. Was kriegst du dafür?“

„Nichts.“


Als wir kurz darauf zusammen auf der Terrasse sitzen (es ist heute wieder sehr heiß, das typische Juliwet­ter), frage ich unseren gemeinsamen Freund so ganz nebenbei:


„Wann wird eigentlich Münch entlassen, Max?“

In seinen Augen blitzt es auf: „Habe ich es euch noch nicht erzählt? In zwei Tagen. Wegen guter Führung.“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe meine Beziehungen, Erich.“

Ich bohre weiter: „Du hast diese Information aus dem Polizeicomputer?“

„Ja, ihr kennt doch mein Lieblingshobby.“ Er lacht unverschämt.

„Du, und dein Computer. Lass dich beim Hacken ja nicht erwischen!“

„Aber, ich bitte dich.“

„Ja, ja, Vorsicht ist der Mutter Porzellankiste.“

„Ich habe letztens wieder einen Artikel über Pädophi­le gelesen! Wollt ihr wissen, was darin stand?“

Wir nicken.


Max liebt es, kurze Vorträge zu halten. Er fühlt sich dann ganz wunderbar, wie er immer sagt. Wahr­scheinlich fehlt es ihm nur an einer Bestätigung, besser gesagt, an einer Partnerin, die ihm zuhört.


„Also, hört zu. Ich habe mir den Text ziemlich genau gemerkt, weil er mich so interessiert hat:


Pädophilie nennt man die vorrangig sexuell-erotische Neigung Erwachsener zu Kindern vor der Geschlechtsreife. Für Pädophilie werden folgende Merkmale aufgeführt:

- sexuelles Interesse gilt Kindern vor oder am Beginn der Pubertät

- das sexuelle Interesse ist dabei vorrangig.“


Er holt tief Luft und schaut uns erwartungsvoll an.


„Max, du hast dir diesen Text wohl auswendig gelernt, soweit ich dies als Laie beurteilen kann. Alle Achtung.“, lobe ich ihn.

„Du hörst dich wie ein Professor an, wenn du sprichst.“, fügt Ulla hinzu.

„Danke, danke der Ehre.“ Er lächelt. Und wir wissen, dass er sich freut.

„Es ist unglaublich, Max, dass du dich mit diesem Thema so sehr auseinandersetzt!“, sage ich aner­kennend.

„Über diese Leute kann man nie genug wissen, Erich!“

„Ich wüsste allzu gerne, Männer, was in solch einem Menschen vor sich geht, wenn er zur Tat schreitet.“

„Für mich sind es Bestien. Was kann ein unschuldiges Kind dafür, wenn solch ein Kerl ausrastet, nur weil er sich nicht im Griff hat?“, knurrt Max.

„Ja, das stimmt.“, antworte ich verdrießlich.

„Mein Gott, wie die Zeit vergeht.“, sagt Ulla. Ihr Blick schweift schon wieder ins Leere.

„Ja, Ulla, ein wahres Wort.“, bestätigt er ihr.

„Somit dürfte für Theodor Münch die Sache gegessen sein.“, sage ich.

„Das glaube ich nicht, Erich.“ Er schaut mich seltsam an.

„Wie meinst du das?“

„Wie ich es gesagt habe.“ Seine Augen glitzern.

„Du wirst dich doch hoffentlich nicht ins Unglück stürzen, Max?“

„Wir werden sehen.“


Er nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche. Max trinkt immer aus der Flasche. Ich nippe an mei­ner Kaffeetasse. Nervös ziehe ich an meiner Zigaret­te. Auch Ulla raucht. Ich blicke zufällig in Max’ Ge­sicht, und sehe, wie er plötzlich sehr angestrengt schaut. Ich kenne diesen seltsamen Gesichtsausdruck von ihm! Es kommt mir jedes Mal, wenn es soweit ist, so vor, als ob er wittern würde. Genau wie ein Tier, das auf Beutefang ist. Oder hört er etwas? Ich lausche, kann aber nichts vernehmen. Immer wieder falle ich darauf herein. Es ist völlig still hier drau­ßen. Nur ein Vogel zwitschert aufgeregt in einem der Kirschbäume. Max kommt mir fast wie Ulla vor, wenn sie wieder eine ihrer Erscheinungen hat. Sie wittert zwar nicht wie er, aber ihr Gesichtsausdruck ist fast derselbe. Angestrengt, erwartungsvoll und nervös.


Sieht auch er Melanie?

Wenn ja, warum kann ich sie nicht sehen?


Jedes Mal, wenn er sich so merkwürdig verhält, be­schließe ich, ihn hinterher danach zu fragen. Aber wenn es dann soweit ist, habe ich nicht den Mut da­zu. Ich denke, dass es etwas sehr Persönliches ist, was er in solchen Augenblicken erlebt. Und es steht mir einfach nicht zu, ihn danach zu fragen. Ander­erseits wundere ich mich, dass er mir davon nicht erzählt. Ob Ulla weiß, was er in solchen Momenten empfindet? Ahnt sie, dass auch er Melanie sieht? Ich denke, nicht. Sie würde es mir wahrscheinlich sagen. Andererseits könnte ich mir gut vorstellen, dass Max sich schämen würde, mir davon zu erzählen. Wahrscheinlich hätte er Angst, dass ich ihn für ver­rückt halten würde. Mir ist auch nicht bekannt, ob Max weiß, dass Ulla Melanie gelegentlich sieht. Je­doch wäre es für ihn leicht, diese Hemmschwelle zu überspringen, wenn er wüsste, dass auch Ulla diese Erscheinungen hat.


„Willst du ihn wirklich zur Rede stellen?“

„Mit Pädophilen spricht man nicht, Erich. Man be­straft sie.“


Sein Gesicht entspannt sich. Hat Ulla es auch ge­merkt? Oder geht sie einfach darüber hinweg?


Ihr Gesichtsausdruck verändert sich: „Du willst ihn bestrafen, Max?“

„Ja.“

„Und wie? Willst du ihn töten?“ Ullas Gesicht glüht.

„Nein. Natürlich nicht. Ich erzähle euch jetzt etwas. Aber das muss ganz unter uns bleiben.“


Ulla und ich starren ihn an. Wer weiß, was jetzt kommt...


„Ich werde Münch benutzen.“

„Benutzen?“

„Ja, Erich. Benutzen und demütigen.“

„Ich verstehe nicht.“

„Du kennst doch unsere alte Bärenhöhle. Diese kleine Höhle, drüben am Burgberg, wo wir damals als kleine Jungs Indianer gespielt und unsere Blutsbrüderschaft geschlossen haben. Ich habe sie ein wenig eingerich­tet.“

„Du hast sie - was?“

„Eingerichtet.“

„Womit?“

„Ich werde es euch zeigen. Es ist nichts Besonderes.“

„Was willst du denn in dieser Höhle?“

„Theodor Münch wird mein Knecht sein. Ich verfüge über eine Liste, in der alle Pädophilen Deutschlands aufgeführt sind. Also, diejenigen, die zwar auf frei­em Fuß, aber wegen ihrer Veranlagung doch amts­bekannt sind. Den meisten von ihnen konnte man bis­her noch nichts nachweisen, aber sie stehen, wie gesagt, auf dieser Liste. Ich werde mir einige dieser Typen vornehmen.“

„Du hast dir diese Liste auch aus dem Polizeicompu­ter geholt?“, fragt Ulla.

„Ja. Ich habe sie mir heruntergeladen.“

„Wie hast du das denn geschafft?“

„Mit viel Geduld und großem Durchhaltevermögen.“

„Welche Männer willst du dir denn vornehmen?“

„Nur die, die hier in der Nähe leben, Ulla.“

„Du willst sie in diese Höhle bringen?“

„Ja.“

„Und Münch wird dein Knecht sein?“

„Ja.“

„Was muss er denn tun?“

„Seine Kollegen bedienen. Und natürlich auch mich.“

„Wie - bedienen?“

„Nun, er darf sich um alles kümmern, was die ande­ren Herrschaften von ihm verlangen. Er muss eben all das tun, was ein echter Knecht zu tun hat.“

Ulla schaut mich irgendwie verzweifelt an. Was ist das für ein Ausdruck in ihren Augen? Ablehnung oder Zustimmung? Zweifelt sie an seinem Verstand? Aber ich kenne sie. Sie ist innerlich mit Max’ Vorhaben einverstanden. Ja, sie findet seine Idee gut. Haben die Beiden schon früher darüber gesprochen? Wenn ja, warum haben sie mich nicht eingeweiht? Wollte Ulla mich nicht belasten? Sie weiß, wie schnell ich mich aufrege.

„Max, du überraschst mich immer wieder aufs Neue.“

Er betrachtet mich ernst und sagt: „Wenn der Staat nicht für Gerechtigkeit sorgt, müssen eben wir Klein­bürger diesen Part übernehmen.“

„Wir Betroffenen!“

„Genau.“

„Aber du machst dich dadurch strafbar, Max!“, flüs­tert Ulla.


Ihre Stimme zittert. Sie macht sich um ihn Sorgen. Aber ich erkenne trotzdem eine gewisse Genugtuung in ihrem Blick.


„Das ist mir egal.“

„Egal?“

„Für Melanie mache ich alles.“

„Du hast sie wirklich sehr geliebt.“, sage ich.

„Ja, das habe ich, Erich.“

Ulla will es genau wissen: „Und wie willst du die Männer dorthin bringen? Willst du sie entführen?“

„Ja. Ich schnappe sie mir. Einen, nach dem anderen. Es wäre natürlich sehr angenehm, wenn ich jemanden hätte, der mir dabei helfen würde.“ Er blickt provo­zierend an die Decke.


In meinem Kopf überschlagen sich tausend Gefühle: Rache, Hass, Vernunft, Angst, Bedenken, Unent­schlossenheit... und zuletzt wieder...


... Rache.


Meine Seele schreit nach Rache. Ich hatte jahrelang versucht, dieses furchtbare Gefühl zu unterdrücken, aber genau jetzt, in diesem prekären Moment, kommt mir wieder alles hoch. Ich sehe unsere Melanie vor meinen Augen, auf dem Seziertisch liegend. Niemals werde ich vergessen, wie grauenhaft sie aussah. Blass, geschunden, von diesem Bastard am ganzen Körper zerschnitten. Und sie wirkte so unglaublich durchsichtig und zerbrechlich.


Und so zart.


Kurz entschlossen sage ich zu Max: „Blutsbrüder bleiben Blutsbrüder. Egal, was auch passiert. Und genau das werden wir Beide auch einhalten.“

Ich spüre, wie erleichtert er ist: „Du willst mir also helfen, Erich?“

„Ja.“

„Ich bin auch mit von der Partie, Max. Egal, was auch passieren mag.“, sagt sie ernst.


Ullas Gesicht ist eine einzige Maske. Sie sagt kein weiteres Wort, aber ich weiß, was in ihr jetzt vor­geht. Sie freut sich wahnsinnig über unser Vorhaben. Auch sie will ihre persönliche Rache. Und gerade jetzt kommt es mir so vor, als ob sie etwas aufblüht. Ja, sie wirkt plötzlich um einiges jünger und fri­scher. Aber vielleicht täusche ich mich auch.


„Lasst uns austrinken, und dann zusammen zur Bä­renhöhle hinausfahren!“ Sein Gesicht wirkt ungeheu­er entschlossen. Und hart.


Er reibt sich seine riesigen Pranken. Es sind die Hän­de eines ehemaligen Halbschwergewichtsboxers. Er begann schon mit zwölf Jahren mit diesem Sport. In der Schule beschützte er mich gelegentlich vor kör­perlichen Angriffen anderer Mitschüler, denn ich war einer der körperlich Schwächsten. Ich ließ ihn dafür abschreiben. Und später wurde er Deutscher Meister. Im Boxen, versteht sich. Nicht im Abschreiben. Drei Mal holte er sich diesen Titel, jedoch dann nahm er gewichtsmäßig zu. Als er in der Schwergewichtsklas­se boxte, sah er kein Land mehr. Er kam nicht mehr auf sein Kampfgewicht. Knurrend und widerwillig beendete er seine Aktivitäten. Und heute, nach mehr als zwanzig Jahren, geht er zum Fischen an unseren sumpfigen Dorfweiher. Seine Interessen haben sich etwas verlagert. Ich bin mir aber sicher, dass er das Boxen an sich nicht verlernt hat.


Kurz darauf fahren wir gemeinsam los. Ulla versucht zwar, ihn auf der kurzen Fahrt mit Fragen hinsicht­lich der Höhle zu löchern, aber er wehrt anfangs nur grinsend ab:


„Ulla, du wirst es gleich sehen.“


Schon sehr bald haben wir unser Ziel erreicht. Die Fahrt in Max’ VW-Bus dauerte nicht länger als acht, neun Minuten. Vor uns liegt eine kleine, uns sehr wohl bekannte Bergkette. Max fährt mit seinem Wa­gen vorsichtig den schmalen Waldweg hinauf, der mit ausgewaschenen Löchern übersät ist. Der Wagen springt unwillig auf und ab. Ich frage mich ernsthaft, wie das Fahrzeug das nur aushält. Max versucht zwar, allen Löchern auszuweichen, aber es gelingt ihm nicht. Nach etwa dreihundert Metern stellt er den Kleinbus ab. Ringsum ist dichter Wald. Wir steigen aus und gehen zu Fuß weiter. Es geht jetzt steil auf­wärts. Hier ist kein Waldweg mehr. Wir kämpfen uns durch Gebüsche, die uns den Weg versperren, über riesige Baumwurzeln, die aus dem Boden ragen, und erreichen schließlich unsere ehemals so geliebte Höhle.


Max und ich bleiben stehen.

Ulla blickt sich neugierig um.


Völlig außer Atem meint sie: „Man kann eure Höhle nicht einmal von hier aus sehen! Sie ist doch in der Nähe, oder?“

„Ja, sie befindet sich keine fünfzehn Meter von uns entfernt!“, antworte ich.

„Ich war schon so lange nicht mehr hier, Erich. Ich kann mich kaum noch daran erinnern.“

„Ja, es sind sicherlich schon zwanzig Jahre vergan­gen, seit du sie das letzte Mal gesehen hast.“

Max sagt völlig unverhofft: „Die Höhle hat sich ver­ändert.“

„Wie verändert? Du meinst, seit du sie eingerichtet hast?“

„Ja, Ulla, je öfter ich hier war, desto mehr veränder­te sich...“

... deine Empfindung?“

„Ja. Das Flair der Höhle ist anders, als früher.“


Ulla schaut mich unauffällig an. Ihr Blick will mir sagen, dass sie an den Worten unseres Freundes doch sehr zweifelt. Wie meint er das nur? Eine Höhle kann sich doch nicht von selbst verändern! Außer, man verändert sie. Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, dass Max immer sonderlicher wird. Machen ihm seine Erscheinungen, über die er nicht spricht, so zu schaffen? Ist ihm denn nicht bewusst, dass wir uns über seine merkwürdige Behauptung hinsichtlich un­serer Höhle gezwungenermaßen unsere Gedanken über ihn machen? Machen müssen? Über ihn und sei­nen Geisteszustand? Oder ist an seiner Behauptung doch ein Körnchen Wahrheit? Wir werden es ja gleich sehen...


Ulla fängt noch einmal an: „Max, hör mal. Wie ist denn das jetzige Flair der Höhle? Positiv oder nega­tiv?“

„Ich würde sagen, eher positiv. Jedes Mal, wenn ich hierher komme, habe ich das Gefühl, als ob die Höh­le...“

„...leben würde?“, fährt sie fort.

Überrascht schaut er Ulla an: „Ja, genau das wollte ich sagen. Und exakt diese Empfindung erweckt in mir den Eindruck, als ob ich in der Höhle nicht allei­ne wäre.“

„Du meinst, wenn du alleine in die Höhle gehst?“

„Ja, Ulla. Ich habe monatelang überlegt, was das für eine sonderbare Empfindung ist, und jetzt, wo du es sagst, wird mir klar, dass es genau dieses Gefühl ist: Ich bilde mir ein, beobachtet zu werden. Und dieser Beobachter ist mir gut gesinnt.“

Ulla tippt sich hinter Max breitem Rücken heimlich an den Kopf und sagt: „Dieser imaginäre Beobachter weiß natürlich, warum du die Höhle einrichtest.“

„Ja, sicher. Er weiß es. Und er ist mit meiner Arbeit vollkommen einverstanden.“

„Und mit deinem Vorhaben.“

„Ja, so ist es.“


Ulla gibt mir ein weiteres Zeichen, das ausdrücken soll, dass wir uns jetzt sicher sein können, dass mit Max irgendetwas nicht stimmt. Aber was soll’ s. Jeder spinnt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise. Ich kann mir das Lachen kaum verbeißen. Ulla ergeht es sicherlich genauso. Doch dann überlege ich:


Spielt er etwa auf Melanie an?


Max geht die letzten Schritte voraus. Er biegt die dichten Brombeersträucher zur Seite und plötzlich sehe ich sie. Die Türe. Max hat am Höhleneingang eine dunkelbraune, massive Holztüre angebracht. Er schließt sie mit einem riesigen Schlüssel auf (die Türe knarrt erbärmlich) und ich sage zu ihm:


„Wann hast du sie denn eingesetzt?“

„Ich glaube, letztes Jahr.“


Sieh an. Sieh an. Er hat seinen Coup also schon lange geplant. Dieses Schlitzohr. Nicht ein einziges Wort ließ er uns gegenüber verlauten.


„Es muss ja eine fürchterliche Arbeit gewesen sein, Max! Das ursprüngliche Loch im Fels war doch fast rund, und nur einen guten Meter hoch!“, erkläre ich.

„Ich habe mit meiner Spezialschlagbohrmaschine so lange gebohrt und gehämmert, bis die Türe gepasst hat. Außerdem habe ich den kurzen Eingang in die Höhle, besser gesagt, die Mauerstärke, nach oben hin erweitert, damit man sich nicht den Kopf stößt.“

„Ich hätte dir doch geholfen!“

„Ich wollte dich nicht belästigen. Ich freue mich schon auf Münchs Gesicht, wenn er unsere Höhle sieht, Erich!“

„Dann zeige sie uns doch mal. Ich bin ja gespannt, was du alles hineingetragen hast!“

„Ja. Kommt.“


Max, dieser sicherlich immer noch gefährliche, wuch­tige Mann betritt die Höhle. Ulla folgt ihm, und ich bilde den Schluss. Zuerst sehen wir gar nichts, denn es ist natürlich stockdunkel hier drinnen. Ulla und ich sind auf alles gefasst. Max hat uns zu neugierig gemacht. Doch dann zündet er eine Kerze an, die er aus seiner Jacke hervorzaubert. Er gibt uns zusätz­lich zwei riesige Kerzen, die in der Höhle an der Türe bereitliegen, und zündet sie ebenfalls an. Ich frage mich, wieso er keine Taschenlampe bei sich hat. Will er die Atmosphäre nicht zerstören?


Nun erkennen wir alles recht gut. Die Höhle ist na­türlich noch genau so, wie vor vielen Jahren. Sie nicht sehr groß. Ich schätze ihre Maße auf vier Meter Breite und fünf Meter Länge. Die Höhe beträgt in et­wa drei Meter. Natürlich ist sie nicht absolut recht­eckig, aber man kann schon von Länge und Breite sprechen. Der Boden ist selbstverständlich auch nicht völlig eben, genau wie die Decke. Ganz hinten, in der dun­kelsten Ecke, schlängelt sich ein Wasserrinnsal - wie eh und je - an der Wand entlang. Der Boden besteht nicht aus Stein, sondern aus lehmiger Erde. Max hat einen Bottich aufgestellt, in dem er das Wasser auf­fängt. Wie praktisch! Das überschüssige Wasser läuft darüber hinaus, und versickert im Erdboden, also direkt am Fels. Gleich daneben steht ein großer Glas­behälter, in dem sich irgendeine Flüssigkeit befindet. Ich frage mich, wozu dieses große Gefäß wohl sein könnte. Max wird es uns schon sagen. Die Höhle kommt mir jetzt, nach dieser langen Zeit, etwas klei­ner vor. Sei es drum. Die Empfindungen des Men­schen verändern sich im Laufe der Zeit.


Wir erkennen rechts hinter der Türe einen alten, qua­dratischen Tisch, an dem sich drei Stühle befinden. Auf dem Tisch liegt eine Rosenschere. Seltsam. Was will er denn damit? Hier sind doch gar keine Blumen! Die Felswände glitzern noch genauso geheimnisvoll, wie damals, vor vielen Jahren, als wir uns hier drin­nen - als Indianer getarnt - vor dem bösen, imaginä­ren Sheriff versteckt hatten.


Ich sehe an der hinteren, rechten Seite einige alte Matratzen, die eng nebeneinander liegen. Des weite­ren hat Max folgende Dinge hergeschleppt: Mehrere, verschieden lange Ketten mit Armklemmen, die in einen, in den Boden eingelassenen Betonklotz, einge­gossen sind, Handschellen, einen Kübel mit Deckel und massenweise Kerzen verschiedener Größe und Farben. Und ganz rechts, in der Ecke, lehnt ein Spa­ten an der Wand.


Verflucht. Ein Spaten.


„Es fehlen noch ein paar Kleinigkeiten, Leute.“, knurrt Max.

„Zahnbürsten, Wolldecken und vielleicht ein paar Getränke.“, meint Ulla.

„Meine Gäste kriegen nur das Beste: Wurstsemmeln und dazu frisches Wasser. Sie sollen sich hier drin­nen schließlich wohl fühlen!“

Ich werfe ein: „Man muss ja seinen guten Ruf als Ho­telier bewahren!“

„Richtig.“ Max lacht.

„Und wir Beide setzen uns an den kleinen Tisch, Max, und trinken guten Rotwein. Außerdem rauchen wir ihnen etwas vor.“

Er schaut mich von der Seite an und sagt: „Du willst bei der Sache also wirklich mitmischen?“

„So wahr ich Erich Schneider heiße.“

„Ich bin natürlich auch mit von der Partie!“, bestätigt Ulla noch einmal.

„Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“, kommentiere ich.

Max lacht irgendwie unbekümmert und sagt: „Darauf müssen wir einen guten Schluck trinken!“


Er dreht sich um und geht aus der Höhle. Zwei Minu­ten später (wir bestaunen die Höhle in ihrer Gesamt­heit, obwohl wir sie ja schon lange kennen) kommt er mit einer Flasche Burgunder, inklusive Korkenzieher, zurück. Er öffnet die Flasche und sagt zu Ulla:


„Du, Ulla, kriegst den ersten Schluck!“

„‚Auf die Gäste!“, sage ich.

„Und auf uns!“, erklärt Max.


Gemeinsam trinken wir, an dem kleinen, wackeligen Tischchen sitzend, die Flasche leer. Ohne Gläser, versteht sich. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Ich spüre, wie Ulla in die Höhle hineinhorcht. Sie ver­sucht, das Flair, das angeblich so positiv sein soll, in sich aufzunehmen. Auch ich versuche, irgendwelche Empfindungen zu registrieren. Aber ich kann nichts Außergewöhnliches feststellen. Die Höhle ist - für mich - genauso kalt, so düster und so abenteuerlich, wie vor vielen, vielen Jahren.


Ich höre, wie Ulla leise zu Max sagt: „Deine Empfin­dungen hier drinnen haben sich wahrscheinlich des­wegen verändert, weil du schon so oft hier warst! Es ist wie in einer neuen Wohnung: Anfangs gefällt sie einem nur, aber je länger man darin lebt, desto stärker verändern sich die Gefühle gegenüber der Umgebung. Hinzu kommt, dass man sie nach seinem Geschmack einrichtet.“

Mit völlig ernster Miene antwortet er: „Ja, das kann schon sein, Ulla. Aber ich hatte in letzter Zeit immer wieder das undefinierbare Gefühl, als ob mir jemand beim Arbeiten, oder auch nur beim Herumsitzen, über die Schulter schaut.“


Wir müssen diese Worte erst einmal verdauen. Leidet Max unter einer sich langsam entwickelnden Para­noia? Wir haben jedenfalls nicht das Gefühl, als ob sich in der Höhle noch jemand befindet. Zumindest kann ich das von mir behaupten. Ich denke aber, dass es Ulla genauso geht, wie mir.


Plötzlich sagt Ulla zu Max: „Sag mal, was willst du eigentlich mit dem Spaten?“

„Man weiß nie, wofür man ihn brauchen kann.“, ant­wortet er ausweichend.

„Möchtest du etwa den Boden ebnen?“

„Nein.“

„Willst du den Kerlen damit die Schädel ein­schlagen?“

„Ich brauche keine Waffen oder Gegenstände, Ulla.“

„Und die Rosenschere? Wofür ist sie gedacht?“

„Ich weiß es noch nicht. Aber eine solche Schere kann man immer gut gebrauchen.“


Dieser Spaten erzeugt in mir ein mulmiges Gefühl. Natürlich braucht er ihn nicht als Waffe. Er braucht ihn als Werkzeug. Will er denn die Höhle umgraben und Radieschen anpflanzen?


Oder ein paar Röschen?

Oder...

Was will er damit?

Mir schwant Übles.


Wir rauchen ein paar Zigaretten und Max erklärt uns, wie er sich an Theodor Münch heranmachen will...


xxx


Wir verlassen gerade die Höhle, als Max sagt: „Wisst ihr, wie ich die Höhle getauft habe?“

„Du hast ihr einen Namen gegeben?“, fragt Ulla über­rascht.

„Ja.“

„Und? Wie heißt sie?“

SÜHNEHOTEL.“

„Wahnsinn. Was für eine treffende Bezeichnung. SÜHNEHOTEL.“ Ulla freut sich sichtlich. Sie ist von dem Namen angetan, genau wie ich.

„Wie bist du denn auf diese wundersame Bezeichnung gekommen?“, frage ich ihn.

„Ich weiß auch nicht. Aber ich finde sie so ungemein treffend. Findet ihr nicht auch?“

„Ja.“

„Ja.“

„Ich habe lange überlegt, wie ich es taufen soll.“

„Es?“ Fragt Ulla.

„Es - das Hotel.“


Lautes Gelächter folgt. Max hat Phantasie. Das muss man ihm schon lassen! Er ist also unter die Hoteliers ge­gangen. Und wir werden seine Mitarbeiter.


„Was ist das eigentlich für ein seltsamer Glasbehäl­ter, Max?“, will ich von ihm wissen.

„Darin kann man die verschiedensten Dinge aufbe­wahren.“

„Aber es ist doch eine Flüssigkeit zu sehen!“

„Ja, es handelt sich um eine ganz spezielle Flüssig­keit.“


Ich kenne Max in- und auswendig. Wenn er etwas Be­stimmtes nicht sagen will, ist es besser, ihn nicht länger zu löchern, denn er sagt es sowieso nicht. Irgendetwas verheimlicht er mir. Aber was? Hängt es mit diesem Behälter zusammen? Und was ist das für eine seltsame Flüssigkeit? Ich kann mir darauf kei­nen Reim machen. Ulla wird sich auch ihre Gedanken machen. Und was will er nur mit dieser Rosenschere?


„Wenn Münch entlassen wird, hat er bestimmt seine Bedenken und Ängste. Er wird sehr vorsichtig sein, und das Gefängnis auf dem schnellsten Weg verlas­sen.“

„Meinst du, dass er von jemandem abgeholt wird, Max?“

„Das glaube ich nicht, Erich. Wer soll ihn schon ab­holen?“

„Wenn er vor seiner Entlassung bei der Gefängnislei­tung verlauten lässt, dass er vor einem Rache­anschlag Angst hat: Wird man ihn dann begleiten?“

„Begleitschutz? Ich denke, nicht.“

„Und wieso nicht?“

„Begleitschutz kostet Geld. Und außerdem wird er nur bei Leuten angewendet, die wirklich in höchster Le­bensgefahr schweben.“

„Menschen, die für die Gesellschaft wichtig sind.“

„Genau.“

„Und Münch ist ja nicht wichtig.“

„Völlig unwichtig.“

„Wir müssen trotzdem sehr vorsichtig sein.“, sagt Ulla.

Max mustert sie und sagt: „Ich möchte nicht, dass du dabei bist, wenn wir ihn uns schnappen.“

„Und warum nicht?“

„Zwei Leute genügen. Erich fährt, und ich kümmere mich um den verfluchten Bastard.“

„Willst du ihn dir alleine vornehmen?“

„Ja, sicher, Ulla. Mach dir mal keine Sorgen. Wir kriegen das schon hin.“

„Die Polizei wird sich wundern, wenn plötzlich pädo­phile Männer verschwinden!“, werfe ich ein.

„Soll sie doch.“

„Sie werden niemals auf die Idee kommen, dass je­mand solche Männer entführt! Oder, Max?“

„Nun, sie denken sich sicherlich ihren Teil.“

„Aber woran werden sie denken?“

„Sie werden ihr Verschwinden vielleicht in Verbin­dung mit Münch bringen!“

„Erich, wegen mir sollen sie denken, was sie wollen.“

„Es könnte auch sein, dass sie Erich und mich ver­dächtigen werden!“, sagt Ulla.

„Das macht nichts! Ich werde doch derjenige sein, der diese Typen aus dem Verkehr zieht!“, meint Max ruhig.

„Und wenn sie uns beschatten?“

„So schnell geht das nicht, Ulla. Vielleicht denken sie ja, dass Münch diese Kerle entführt - oder sich mit ihnen zusammentut! Die stille Vereinigung der Pädophilen!“


Wir lachen laut. Münch soll seine Artgenossen entführen. Was für ein ausgemachter Unsinn!


Zwei Tage später...


Theodor Münch hat es endlich geschafft. Er hat seine Zeit abgesessen. Die langwierigen und intensiven psychologischen Tests, auch die ausführlichen, per­sönlichen Gespräche mit diversen Psychologen und Psychiatern - sogenannten Kapazitäten - hatten er­geben, dass er auf dem richtigen Wege ist. Jedoch hat Münch an allen Ecken und Enden getrickst. Er hat sich dabei selbst übertroffen. Und darauf ist er mächtig stolz. In seinem Gehirn rumort es ganz schrecklich. Er hat diesen Moment der Entlassung mehr als herbeigesehnt. Nicht, um nur frei zu sein! Nein! Er denkt schon wieder - bzw. immer noch - über die Vergewaltigung eines kleinen Mädchens nach...


... irgendeines Mädchens,

... und wie er es hinterher ermordet.


Ein kurzer Blick auf seine alte Armbanduhr sagt ihm:

Es ist genau 11.00 Uhr. Vorsichtig späht er um die große, eiserne Ausgangs­türe des Gefängnisses. Weit und breit ist niemand zu sehen.


Münch ging, bevor er entlassen wurde, nicht zum Di­rektor, um ihm seine Ängste mitzuteilen. Er sagte sich tausend Mal, wenn er in seiner Zelle saß: „Theo­dor, damit wirst du alleine fertig. Zuerst besorgst du dir einen Revolver und Munition. Und danach kann kommen, wer will...“


Münch ist beim Verlassen des Gefängnisses felsenfest davon überzeugt, dass er sich wehren kann, falls doch jemand auftauchen sollte, der für den Tod der kleinen Melanie Rechenschaft verlangt. Er hatte all die langen Jahre hindurch fleißig trainiert: Gewicht­heben und Boxen. Sein Körper ist soweit gestählt.


Sein Geist nicht.


Solcherlei Fälle, bei denen die Exhäftlinge bei ihrer Entlassung von rachesüchtigen Angehörigen der Op­fer abgepasst wurden, gab es ja schon des Öfteren. Münch ist von seinen Mithäftlingen gewarnt worden.

Eindringlich.


Er trägt seinen Koffer in der linken Hand. Mit der rechten zündet er sich genüsslich eine Zigarette an. Er blickt sich noch einmal forschend um und mar­schiert dann munter los. Eigentlich hätte er sich ja gerne von einem Taxi abholen lassen, aber er hatte sich dann doch anders entschieden.


Zuerst läuft er Richtung Stadtzentrum. Niemand folgt ihm, wie es scheint. Er ist auf alles gefasst, aber es geschieht nichts. Je weiter sein Weg ihn führt, desto besser fühlt er sich. Man hat ihm in der Innenstadt ein kleines, möbliertes Zimmer besorgt, und dieses sucht er nun auf. Er freut sich über sein neues Zu­hause, das sich in einem alten Backsteinhaus, direkt an der Einkaufsstraße, befindet. Er stellt sich bei der einfältig dreinblickenden Hauseigentümerin vor, die ihn etwas misstrauisch beäugt, und zieht sich dann in sein Zimmer zurück. Er bereitet sich einen löslichen Kaffee zu, den er sich unterwegs gekauft hat, und lümmelt sich genießerisch in einen alten Sessel. Da­bei streckt er die Beine aus. Sogar ein kleiner Fern­sehapparat steht links hinten in der Ecke. Münch geht es blendend. Bis auf diese hintergründige Angst, die in seinem Nacken sitzt.


Er zieht sich die neuen Schuhe an, die er sich eben­falls gekauft hat, und verlässt das Zimmer. Seine Wirtin steht unten an der Haustüre und erklärt ihm freundlich, dass sie erstens keine Damenbesuche dul­den würde, und dass ab zweiundzwanzig Uhr Ruhe herrschen müsse. Sie fragt ihn, ob er sich einen Job suchen würde, und er lächelt sie mitleidig an.


Münch genießt den ersten, freien Tag.


Er geht einkaufen, trinkt hier ein Bier, dort ein Bier und seine gierigen Blicke gelten ausschließlich klei­nen Mädchen im Alter von acht bis zwölf Jahren. Die Jacke und die Hose, die er sich auch gekauft hat, behält er gleich an. Seine alte Kleidung entsorgt er in der nächstbesten Mülltonne. Das Bier steigt ihm schnell in den Kopf, weil er es nicht mehr gewöhnt ist. Und seine grausamen, perversen und abstoßen­den Gedanken verstärken sich zusehends. Von Stunde zu Stunde.


Er erfreut sich seiner Freiheit genau elf Stunden. Um zwanzig Minuten vor zweiundzwanzig Uhr betritt er die Luna-Bar, die sich in der Innenstadt befindet, und setzt sich gut gelaunt an die Theke. Er ist dort völlig alleine. Die Bedienung, eine grünäugige, voll­busige Schönheit aus vergangenen Zeiten, fragt ihn nach seinen Wünschen. Er bestellt ein Gedeck. Ein kräftiger Mann um die Vierzig kommt herein, und setzt sich rechts von ihm auf einen Barhocker. Er trägt einen Overall. Münch hat diesen Mann noch nie gesehen. Was könnte er von Beruf sein? Ein Tank­stellenbesitzer? Ein Ölwagenfahrer? Oder ist er ein getarnter Bulle? Nein. Er sieht wirklich wie ein stin­knormaler Durchschnittsbürger aus. Ein Handwerker­typ. Völlig harmlos. Münch verlässt sich auf seine Boxererfahrung. Auf seine Kraft, seine Schnelligkeit, seine Brutalität, und auf seine Raffinesse. Und na­türlich auf seine Menschenkenntnis.


Der Fremde bestellt sich ein Pils. Er schäkert ein wenig mit der Bardame herum und bezahlt ihr einen Piccolo. Münch registriert alles. Fast alles. Er regi­striert nicht, dass sich die Bedienung und der Mann schon länger kennen. Fast nichts entgeht ihm. Wie gesagt. Wenn er noch nüchtern wäre, würde sich viel­leicht alles etwas anders verhalten. Dieser Kerl ne­ben ihm in seiner alten Kluft dürfte ungefährlich sein. Münch blickt sich immer wieder unauffällig um. Der ungewohnte Alkohol, den er im Laufe des Tages genossen hat, macht ihn leichtsinnig. Nur ein leerer Barhocker befindet sich zwischen den beiden Män­nern. Münch bekommt sein Gedeck - ein Pils und ei­nen Schnaps - und beobachtet die beiden Menschen neben sich. Eine gutturale Stimme im Hintergrund, die aus einer alten Musikbox kommt, singt ein schmalziges Lied.


Türülülalala...


Der kräftige Mann würdigt ihn keines Blickes. Und das gefällt ihm natürlich sehr. Für ihn ist dieser Kerl eine neutrale Person, die ihr kleines Vergnügen sucht. Münch beschließt, ein Gespräch anzuleiern. Die im Laufe des Tages genossenen Biere haben ihn redselig gemacht. Kurz entschlossen schiebt er sei­ne, in den Hintergrund getretene Paranoia zur Seite, und sagt:


„Gefällt es Ihnen hier?“

Der Mann betrachtet ihn uninteressiert und antwortet höflich: „Na ja, auf ein Bierchen kann man es in die­ser Bude schon aushalten.“


Das Mädchen befindet sich gerade in der Küche. Münch gefällt die Art des Fremden.


Er bohrt weiter: „Die Bedienung ist ja ziemlich flott!“

„Ja, sie ist ein scharfer Zahn.“

„Sind Sie von hier?“

„Nee, ich bin Fernfahrer. Mache eine kleine Pause in diesem toten Kaff.“

„Ah ja. Pause muss natürlich sein. Darf ich mich zu Ihnen setzen, oder störe ich Sie?“

„Setz dich herüber.“


Münch rutscht einen Stuhl weiter. Jetzt sitzt er genau neben dem Fernfahrer.


„Ich bin der Theodor.“

„Max, angenehm.“


Sie schütteln sich die Hände.


Nach einer Weile verschwindet Münch in der Herren­toilette. Dies ist seine letzte Tat in der lang ersehn­ten Freiheit.


Inzwischen...


Ich parke hinter dem Nachtlokal in einer Sackgasse und warte. Ich steige aus. Ich rauche eine Zigarette nach der anderen, denn ich bin sehr nervös. Man ent­führt ja schließlich nicht jeden Tag einen Menschen!


Einen Menschen? Das dürfte wohl die falsche Bezeichnung sein!


Die Hintertür des Lokals öffnet sich schlagartig. Ich springe in den VW-Bus und reiße die rechte Seitentü­re auf. Max schleift eine bewusstlose Gestalt neben sich her. Es ist völlig still hier draußen, und niemand kann uns sehen. Keine Fenster, keine weiteren Türen - nichts. Nur dunkle, schmutzige Häuserwände, die uns anstarren. Diese leblose Gestalt ist also der Mör­der meines kleinen Mädchens, überlege ich. Ich kann es fast nicht glauben.


Max wirft Theodor Münch auf die hintere Sitzbank und springt hinterher. Ich schließe die Schiebetüre und lasse den Motor an. Leise. Ruhig. Nur nicht zuviel Gas! Mit Standlicht verlasse ich - rückwärts - im Schneckentempo die dunkle Seitengasse. Es ist auch hier, auf der spärlich erleuchteten Geschäftsstraße, völlig still. Immenstadt schläft schon. Die Fußgän­gerwege sind bereits hochgeklappt. Nur aus der Bar hören wir verschwommene Musikfetzen und lautes Frauenlachen.


Ich fahre los. Nicht zur Höhle, sondern genau in ent­gegen gesetzte Richtung. Nach links.


„Das ging ja flott, Max! Ich dachte, ich müsste län­ger warten!“

„Hat dich jemand gesehen?“

„Du meinst unseren Wagen?“

„Ja.“

„Es war keine Seele da. Ich habe jedenfalls nieman­den bemerkt.“

„Stell dir vor, der Saukerl hat sich doch tatsächlich gewehrt!“

„Ja?“

„Er hat im Knast geboxt. Ganz klar. Aber er ist zu leicht für mich. Außerdem habe ich voll zugelangt. Du verstehst. Und meine Wut gab ihm den Rest.“

„Ja, ich sehe es. Er schläft ja immer noch!“

„Ich habe ihn zwei Mal voll erwischt. Solarus Plexus und am Kinn.“

„Prima. Ich möchte von dir keine bekommen!“

„Das würde mir auch niemals einfallen!“

„Wir sollten ihm die Armbanduhr abnehmen, Max.“

„Genau. Für ihn spielt Zeit ab sofort keine Rolle mehr.“

„Wenn er sich ein Handy gekauft hätte, wäre es uns ja aufgefallen.“

„Sicher, Erich.“


Max nimmt dem Wehrlosen die Uhr ab und steckt sie ein. Und vorsichtshalber schaut er noch in seine Ta­schen. Aber Münch hat kein Handy gekauft.


„Die Bedienung weiß aber jetzt, dass ihr Beide das Lokal zusammen verlassen habt, Max.“

„Sie weiß es schon, aber sie sagt nichts.“

„Du kennst sie?“

„Seit Jahren. Sie ist verschwiegen wie ein Grab. Au­ßerdem habe ich ihr hundert Euro zugesteckt. Einfach so.“

„Du hast ihr nichts gesagt?“

„Natürlich nicht. Sie weiß, das sie schweigen muss.“

„Sie wird sich denken, dass du mit dem Kerl ein schmutziges Geschäft gemacht hast.“

„Ja, wahrscheinlich.“

„Und du glaubst, dass sie wirklich dicht hält?“

„Ja, sie weiß ja nichts. Münch ist hier nicht bekannt. Außerdem kann sie sich an ihren zehn Fingern aus­rechnen, was mit ihr geschieht, wenn sie irgendeinen Mist erzählt. Sie kennt mich, und ihr ist bekannt, dass ich sehr nachtragend sein kann. Diese Bardamen halten sich aber aus unangenehmen Geschehnissen prinzipiell heraus. Man wird denken, dass Münch die Stadt verlassen hat. Und zwar für immer. Ich meine damit, dass das die Behörden annehmen werden. Nur die Wirtin, die ihm das Zimmer gegeben hat, wird sich wundern.“

„Soll sie doch!“

„Dann bin ich ja beruhigt.“

„Außerdem wird die Bardame nie erfahren, was mit diesem Bastard geschehen ist.“

„Es kann ihr ja auch egal sein. Er war für sie ein Fremder, einer von vielen Fremden, der seines Weges ging.“


Über einen Umweg erreichen wir nach etwa zehn, fünfzehn Minuten den Waldweg, der von der Land­straße rechts abbiegt. Zu beiden Seiten sind Wiesen und Felder, die an die Wälder, die weiter oben begin­nen, angrenzen.


Münch bewegt sich. Jetzt stöhnt er laut.


„Halts Maul, Knecht!“, herrscht Max ihn an.

„Wie nennst du mich?“

„Knecht.“


Der Angesprochene dreht sich urplötzlich zur Seite (ich sehe es im Rückspiegel) und verpasst Max mit dem rechten Ellbogen einen Kick. Aber er trifft ihn nicht dort, wo er eigentlich wollte: Im Gesicht. Er streift lediglich seine linke Schulter. Max rastet voll­kommen aus. Er verpasst dem Angreifer einen solch wütenden Schlag auf die Nase, das es kracht, und Münch träumt weiter. Außerdem blutet er stark aus der Nase. Wahrscheinlich träumt er von kleinen, nackten Mädchen, überlege ich insgeheim.


„Am liebsten würde ich ihn umbringen, Erich.“

„Beruhige dich. Aber wenn ich mir diesen Galgenvo­gel so ansehe, kommen in mir dieselben Gefühle hoch.“

„Ich werde ihn zerstören. Ganz, ganz langsam und systematisch.“

„Und ich helfe dir dabei, Max.“


Jetzt haben wir den Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergeht. Ich parke den Wagen direkt am Waldesrand unter dichten Bäumen, deren lange Äste weit nach unten hängen. Und ich schalte das Licht und den Motor aus. Der Bus ist fast verdeckt.


„Soll ich dir helfen, Max?“

„Dieses Leichtgewicht trage ich alleine. Nimm du die Wolldecken und die Zahnbürsten, die hinten im Wa­gen liegen.“


M

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