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Das Spuk-Cottage in Cornwall

Ellen Gaber

Das Spuk-Cottage in Cornwall


Ellen Gaber schreibt seit 1967. Dieser Roman ist auch in englischer Sprache erschienen. "The Haunted Cottage in Cornwall".


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Das Spuk-Cottage in Cornwall

 

 

                                     Das Spuk-Cottage in Cornwall

                                        Ladythriller von Ellen Gaber

 

„Samantha, was ist los? Geht es dir nicht gut?“. Besorgt versuchte Martha im Gesicht ihrer besten Freundin zu lesen.

„Jake geht für ein halbes Jahr nach Australien!“

Samantha Brown legte die Mappe mit den Illustrationen, die sie für Marthas Kinderbuch angefertigt hatte, auf den Schreibtisch und angelte nach einem Taschentuch.

„Nun setz' dich erst mal und erzähle!“ forderte Martha die Freundin auf .

„Warum geht Jake fort? Habt ihr euch gestritten?“

Samantha ließ sich in dem Korbsessel vor Marthas großem unaufgeräumten Schreibtisch nieder und wischte ein paar Tränen weg.

„Gestritten? Nein, natürlich nicht.“

Sie strich die rotblonden Locken aus dem zarten Gesicht. Dabei wurde ein eigenartiges kleines Muttermal vor ihrem rechten Ohr sichtbar. Es hatte die Form einer Schlange.

Auch heute wieder starrte Martha unwillkürlich auf dieses außergewöhnliche Schlangenzeichen. Ob es eine tiefere Bedeutung hatte? War Samantha von einer unergründlichen Vorsehung aus einem bestimmten Grund damit ausgestattet worden?

„Jake soll eine Vortragsreihe über seine Versuche mit Saatgut halten. Die australischen Farmer haben ihn eingeladen. Und auch die Universitäten interessieren sich dafür“, erläuterte Samantha nun.

„Eine tolle Chance für Jake, um beruflich voran zu kommen. Das siehst du doch auch so, Samantha? “

„Ja, sicher. Aber wir sind erst so kurze Zeit zusammen. Ob unsere Liebe diese lange Trennung übersteht?“ zweifelte Samantha.

„Sieh es als Test für eure Beziehung an. Besteht ihr ihn, könnt ihr heiraten“, riet die praktische Martha.

Sie selbst war passionierte Junggesellin und konnte sich einen Mann in ihrem Leben gar nicht vorstellen. In ihrem kleinen Verlag hatte sie genug zu tun und in ihrer Freizeit beschäftigte sie sich leidenschaftlich mit den geheimnisvollen, scheinbar unerklärlichen Dingen dieser Welt, der Parapsychologie..

„Du hast Recht wie meistens und es tut immer wieder gut, mit dir zu reden“, seufzte Samantha.

„Dann lass uns jetzt einen starken schwarzen Tee trinken und dabei schauen wir uns deine Bilder an“, schlug Martha vor und griff nach der Mappe, die Samantha mitgebracht hatte.

 

Als Samantha nach einer gemütlichen Teestunde die Freundin verließ, hatte sie einen Auftrag für eine Buchillustration, die erst im Dezember fertig sein musste und einen Barscheck über einige hundert Pfund in der Tasche.

„Bis Dezember ist noch lang“, dachte sie, als sie auf die belebte Straße vor dem Verlagsgebäude trat. Vorläufig war noch schönstes Sommerwetter, was für London einigermaßen ungewöhnlich war. Sie machte ein paar Einkäufe für das Abendessen im kleinen Supermarkt an der Ecke und betrat dann vollbeladen das Apartmenthaus, in dem sie seit dem Tod ihrer Mutter lebte.

Auf der Treppe kam ihr Helen entgegen, ihre langjährige Flurnachbarin. Helen war ungefähr in Samanthas Alter, stets hilfsbereit, aber leider ziemlich neugierig. Ganz besonders interessierte sie sich für Samanthas Beziehung zu dem attraktiven Professor Jake Appleton. Samantha war ziemlich zurückhaltend, wenn es um Jake ging. Ihre Liebe zueinander war noch so neu und deshalb so zerbrechlich.

Sie hatten sich in der Buchhandlung kennen gelernt, in der Samantha arbeitete. Jake, der attraktive große Mann mit den hellen lustigen Augen und dem kurzgeschnittenen dunkelblonden Schopf hatte sie nach einem bestimmten Bilderbuch gefragt, das er seinem kleinen Neffen schenken wollte.

In dem Moment stieß ein unachtsamer Kunde ein paar ausgestellte Bücher von ihrem Ständer und ging achtlos weiter.

Samantha bückte sich, um die Bücher aufzuheben. Dabei half ihr Jake. Und als seine langen schlanken Hände nach den Büchern griffen, hatte sie sich schon in ihn verliebt. Lachend stellten sie zusammen die frühere Ordnung wieder her.

Jake blieb, bis die Buchhandlung schloss. Er wartete auf Samantha, bis sie aus der großen Glastür auf die Straße trat. Und sein Gesicht sah so lieb verwegen aus, als er sie bat, einen Drink mit ihm zu nehmen, dass sie nicht nein sagen konnte und auch nicht wollte.

Von da an sahen sie sich täglich. Und seit dieser ersten Begegnung waren erst zwei Monate vergangen. Unvorstellbar! Jake gehörte bereits zu ihrem Leben. Ob er genauso empfand?

„Hallo, Samantha, wie geht’s? Ist dein Professor schon abgeflogen ins Kiwiland?“

„Er fliegt nicht nach Neuseeland, sondern nach Australien“, gab Samantha etwas barsch zur Antwort und prompt wurde ihre Miene wieder düster. Sie angelte nach ihrem Schlüssel und hatte keine Lust mehr, das Gespräch fortzusetzen.

„Ist ja ziemlich genauso weit weg von London“, meinte Helen mitleidig.

 

Noch während Samantha die Tür ihres gemütlichen kleinen Zweizimmer-Apartments aufschloss, läutete das Telefon. Ihre Miene hellte sich auf.

„Das ist bestimmt Jake. Vielleicht kann er doch noch zum Abendessen kommen, bevor er fliegt.“

Die Einkaufstüten landeten auf dem Boden. Hastig griff sie nach dem Telefonhörer.

„Spreche ich mit Miss Samantha Brown?“ fragte eine ihr unbekannte weibliche Stimme.

„Ja, das bin ich“.

„Ich rufe im Auftrag der Kanzlei Huxton an. Mr. Huxton möchte wissen, ob Sie sein Schreiben erhalten haben - der Brief wurde Ihnen in der letzten Woche zugesandt - als Eilbrief!“

Die Frauenstimme klang leicht vorwurfsvoll.

Sofort fühlte Samantha sich schuldbewusst. Stimmt, da war ein Brief gekommen. Und er lag immer noch ungelesen auf ihrem kleinen Kirschholzsekretär. Jakes bevorstehende Abreise hatte sie zu sehr mitgenommen, als dass sie sich um ihre Post kümmern konnte.

Sie und Jake hatten noch so viel gemeinsam unternommen, um die letzten Tage unvergesslich zu machen.

Samantha klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter und riss den Brief auf.

Dabei dachte sie an den letzten wundervollen Tag, den sie mit einem Picknick an der Themse gefeiert hatten.

Wie konnte Jake es nur übers Herz bringen, sich so lange Zeit von ihr zu trennen?

„Miss Brown? Sind Sie noch am Apparat“, fragte die fremde Stimme etwas ungeduldig.

„Ja, natürlich!“. Samantha überflog das kurze Schreiben, das sie aufforderte, die Kanzlei wegen einer Erbschaftsangelegenheit baldmöglichst aufzusuchen.

„Wenn es Mr. Huxton recht ist, komme ich morgen vorbei“, schlug Samantha vor. Sie verabredeten einen Termin für den späten Nachmittag.

 

Samantha kannte die Anwaltskanzlei im Londoner Westend. Oft war sie an dem glänzenden Messingschild auf der beeindruckenden Marmorfassade vorbeigelaufen.

Es konnte sich nur um einen Irrtum, vielleicht um eine Namensverwechslung handeln, dachte sie. Denn wer sollte ihr etwas vererben?

Samantha stand ganz allein in der Welt .Als sie sechs Jahre alt war, kam ihr Vater bei einer Flugzeugkatastrophe ums Leben. Ihre Mutter, die den Tod des geliebten Mannes nie überwinden konnte, starb vor drei Jahren, als Samantha gerade zwanzig war. Verwandte gab es nicht, außer Vaters schrulliger Schwester, die irgendwo in Cornwall lebte . Samanthas Mutter kannte sie nicht und sprach nie von ihr.

Von dem Verkauf ihres Elternhauses finanzierte Samantha sich eine Ausbildung zunächst als Buchhändlerin, und kaufte sich das Apartment, in dem sie jetzt lebte.

Zusätzlich nahm sie Zeichenstunden an der Akademie für Bildende Kunst. Ihr Traum wurde es, ganz ihrer Kunst zu leben.

Bei Ihrer Arbeit als Buchhändlerin lernte sie die Verlegerin Martha kennen, die sehr bald zu ihrer besten Freundin wurde und sie ermutigte, ihr Zeichentalent weiter zu fördern. Bald bekam sie kleine, aber regelmäßige Aufträge für Kinderbuchillustrationen, die das spärliche Buchhändlergehalt etwas aufbesserten.

Das Telefon klingelte abermals. Diesmal war es wirklich Jake.

„Samantha, ich schaffe es nicht mehr, zum Abendessen zu dir kommen. Können wir uns auf dem Flughafen sehen?“

„Natürlich, Jake. Ich werde da sein.“

Schnell legte Samantha den Hörer auf, damit er die Enttäuschung in ihrer Stimme nicht hören konnte.

Im belebten Coffeeshop am Flughafen erwartete sie Jake, der sie sogleich in seine Arme schloss.

 

 

 

„Samantha, es fällt mir so wahnsinnig schwer, von dir Abschied zu nehmen!“

„Mir geht es doch genauso, Jake!Wirst du mich auch nicht vergessen? Wir werden so lange getrennt sein!“

Jake umschloss mit seinen starken Armen die zierliche Samantha noch fester, dann bog er ihren Kopf zurück, strich ihr die widerspenstigen roten Locken aus dem Gesicht und küsste zart das kleine Schlangenmal vor ihrem Ohr.

„Es wird mir kaum gelingen, dich zu vergessen. Du bist etwas so Einmaliges, Besonderes, meine Samantha und nicht nur wegen dieses kleinen besonderen Kennzeichens. Wieder küsste er das Mal und wandte sich dann ihrem Mund zu.

„Letzter Aufruf für die Passagiere des Fluges nach Sydney“, riss der Lautsprecher des Flughafengebäudes die Liebenden auseinander. Jake ergriff seine schwarze Aktentasche, küsste sie ein letztes Mal und verschwand dann hinter der Passkontrolle.

Mit tränenfeuchten Augen verließ Samantha das Flughafengebäude und suchte auf dem Vorplatz nach ihrem roten Mini, den sie in der Kurzparkzone abgestellt hatte.

Eine ganze Weile blieb sie im Auto sitzen und starrte, ohne etwas zu sehen, vor sich hin.

„Miss, Sie können hier nicht stehen bleiben!“ Ein Bobby klopfte mahnend an ihre Autoscheibe.

Sie wischte sich ein letztes Mal die Tränen ab. Dunkle Gewitterwolken ballten sich am Horizont auf, als sie den Wagen startete.

„So düster werden jetzt meine Tage sein“, dachte Samantha, als sie sich in den Verkehr einreihte. Ein halbes Jahr Trennung schien ihr wie eine Ewigkeit.

Es war nach Mitternacht, als sie zuhause eintraf. Zum Glück gab es einen Parkplatz in der Nähe ihres Apartmenthauses. Todmüde sank sie endlich auf ihr Bett und konnte trotzdem lange nicht einschlafen. Liebte Jake sie wirklich? Wenn ja, warum war er dann nach Australien geflogen? War ihm seine Karriere wichtiger als sie?

Eigentlich hatte sie von Jake erwartet, dass er über ihre gemeinsame Zukunft sprechen würde. Hatte er es vorgehabt und nur nicht den passenden Moment gefunden?

Sie musste an ihre unglückliche Mutter denken, die den Tod ihres geliebten Mannes nie verwunden hatte. Mutter hatte zu sehr geliebt, ohne ihren Mann fühlte sie sich als Nichts..

„Bin ich genauso?“, fragte sich Samantha. „Muss ich mich an einen Mann klammern um leben zu können? Ich habe meine Kunst, Mutter hatte nichts außer ihrer großen Liebe zu Vater und ihrer Tochter.

Marthas Worte fielen ihr ein: „Es ist ein Test für eure Beziehung. Besteht ihr ihn, könnt ihr heiraten.“

„Martha hat recht“, dachte sie und schlief endlich ein.

Strahlender Sonnenschein am anderen Morgen half Samantha, trotz der verkürzten Nachtruhe, sofort hell wach zu sein. Es war der richtige Tag für ihr blattgrünes Leinenkostüm und die hochhackigen Sandalen. Hatte nicht Martha ihr geraten, sich besonders hübsch zu machen, wenn sie unglücklich war? Samantha steckte noch Pass und Geburtsurkunde ein für den Besuch der Kanzlei Huxton.

Marthas Rezept wirkte. Im Buchladen begrüßte man sie aufmerksamer als sonst.

„Super siehst du heute aus!“ lobte ein Kollege und Maud, ihre Abteilungsleiterin, fragte sie, ob sie etwas Besonderes vorhabe.

„Ja,“ war Samanthas wenig aufschlussreiche Antwort. „Ich muss heute unbedingt pünktlich Schluss machen!“

Dann wandte sie sich der ersten Kundin des Tages zu, die ein Bilderbuch für ihren Enkel kaufen wollte.

Der Betrieb in der großen Buchhandlung war meistens hektisch. Samantha arbeitete in der Kinderbuchabteilung. Sie kannte Hunderte von bunten Bilderbüchern aus eigener Anschauung und war deshalb kauflustigen Eltern und Großeltern eine gute Beraterin .Einige davon hatte sie selbst illustriert. Das wusste aber keiner der Kollegen und auch die Kunden waren ahnungslos. Samantha war der festen Überzeugung, dass sie noch viel lernen musste und eigentlich viel mehr Zeit brauchte, um wirklich gute Illustrationen zu machen. Insgeheim dachte sie, dass Martha ihr nur aus Freundschaft ihre Zeichnungen abkaufte.

„Ich brauchte Zeit, dann könnte ich viel besser werden“, seufzte sie innerlich. Die Betriebsamkeit im Laden war zwar angenehm, aber auch oft sehr anstrengend für Samantha. Am liebsten hätte sie sich ganz ihren Zeichnungen gewidmet, das war Samanthas Traum. Doch zur Zeit konnte sie es sich noch nicht leisten, die Arbeit in der Buchhandlung ganz aufzugeben.

Der Tag zog sich dahin. Wegen des schönen Wetters gab es heute nicht allzu viel Kundschaft. Gegen siebzehn Uhr verabschiedete sich Samantha hastig von den Kollegen und verließ die Buchhandlung.

In der beeindruckenden Marmorhalle des Bürogebäudes studierte sie die blank geputzten Messingschilder. Die Kanzlei lag oben im zehnten Stock. Samantha betrat den Fahrstuhl und betrachtete sich in der verspiegelten Fahrstuhlkabine. Ihr Gesicht wirkte blass, wahrscheinlich war sie doch ein bisschen aufgeregt. Was, wenn sie nun wirklich eine Erbin wäre?

Aber Unsinn, es gab so viele Engländer mit dem Namen Brown. Und auch der Name Samantha war nicht eben selten. Sicher war alles nur eine Verwechslung

Am Empfang saß eine ältere Dame und erhob sich, als Samantha sich zu erkennen gab.

„Mr. Huxton erwartet Sie schon, Miss Brown. Bitte folgen Sie mir“, sagte sie liebenswürdig und führte Samantha in einen holzgetäfelten Raum, der fast zur Hälfte von einem riesigen Schreibtisch eingenommen wurde. Dahinter saß ein weißhaariger Herr, der nun aufstand und Samantha begrüßte. Er forderte sie auf, sich in den gemütlichen Ledersessel zu setzen. Dann nahm er wieder hinter seinem Schreibtisch Platz und räusperte sich und blätterte in dem Stoß von Papieren, der sich vor ihm befand.

„Zunächst einmal, Miss Brown , möchte ich Ihnen mein Beileid zum Heimgang ihrer Tante Mrs. Samantha Brown aussprechen.“

„Meine Tante hatte den gleichen Namen wie ich? Davon hatte ich keine Ahnung.“

Mr. Huxton nickte mit dem Kopf und stellte ihr dann eine Frage:

„Sie sind Ihrer Tante, Mrs. Samantha Brown, nie persönlich begegnet, ist das richtig?“

„Soviel ich weiß, niemals“, entgegnete Samantha . „Mutter hat mir vor ihrem Tod auf meine Frage , ob ich noch irgendwo Verwandte hätte, von einer Tante erzählt, einer Pianistin, die irgendwo in Cornwall leben sollte, aber ich hatte das Gefühl, dass sie nicht gerne über sie sprach. Leider kam ich nicht dazu, noch mehr zu erfahren. Mutter wurde sehr krank und ist kurz danach gestorben.“

Mr. Huxton nickte betrübt und sagte dann etwas ganz und gar Ungewöhnliches

„Darf ich Sie um etwas bitten, Miss Brown? Würden Sie Ihr Haar an der rechten Seite etwas aus dem Gesicht streichen?“

Samantha starrte ihn verblüfft an, aber er lächelte so liebenswürdig. Also tat sie ihm den Gefallen und hob die rotblonde Haarflut ein wenig an , so dass ihr Ohr zu sehen war.

„Unglaublich, dasselbe Mal“, flüsterte er.

„Sie meinen dieses Schlangenmal? Samantha ließ die Haare wieder herunter.

„Ich wurde damit geboren. Eigentlich fällt es nur anderen auf, ich kann es nur sehen, wenn ich mich im Spiegel von der Seite betrachte. Aber was...“ Sie hielt inne, denn Mr.Huxtons Gesichtsausdruck war nun sehr ernst geworden.

Er schlug die Akte auf, die vor ihm lag und entnahm ihr einen weißen länglichen Briefumschlag. .

„Es ist ein persönlicher Brief Ihrer Tante, den ich Ihnen nach ihrem Ableben übergeben soll. Mrs. Samantha Brown, zuletzt wohnhaft in der Gemeinde Borrington, ist am 16. Juli dieses Jahres von uns gegangen. Die Todesursache war Herzversagen. Sie starb im Alter von 73 Jahren“, ließ sich Mr. Huxton nun vernehmen und reichte Samantha den Umschlag, der an Miss Samantha Brown adressiert war. Auf der Rückseite stand als Absender der gleiche Name in altmodisch gepresstem Golddruck.

„Darf ich sie jetzt mit dem Testament von Mrs. Samantha Brown bekannt machen, in dem Sie als Ihre einzige Erbin genannt werden?“

Samantha nickte, legte den Umschlag in ihren Schoß und blickte den Rechtsanwalt aufmerksam an.

Und dann kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hatte ein Barvermögen von einigen tausend Pfund geerbt und dazu ein Cottage in Borrington, einem winzigen Ort an der Küste von Cornwall.

Mr. Huxton nahm ihre Überraschung wohlwollend zur Kenntnis. Er räusperte sich und verlas dann den letzten Teil des Testaments:

„Ich möchte, dass meine Nichte persönlich Rose Cottage für sich nutzt. Auf keinen Fall darf Rose Cottage verkauft werden. Ich habe meine Gründe dafür, die ich in einem persönlichen Brief an meine Nichte erläutern werde,“ lautete der Schlusssatz.

„Und was sagen Sie zu diesem letzten Wunsch Ihrer Tante?“, erkundigte sich Mr. Huxton und nahm seine Lesebrille ab.“ Werden Sie das Haus beziehen? Es ist eigentlich nur ein Cottage mit einer allerdings ganz bevorzugten Lage direkt auf den Klippen über dem Meer. Es gehörte einmal zum Borrington-Herrenhaus, von dem, soweit ich informiert bin, nur noch die Grundmauern stehen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es durch einen Brand völlig zerstört. Das Gelände des Herrenhauses gehört ebenfalls zu Ihrem Erbe. Wenn Sie verkaufen wollen, kann ich Sie mit einem Investor bekannt machen, der dort gerne ein Hotel mit Golfplatz errichten möchte.“

„Ich werde es mir ansehen“, erklärte Samantha und erhob sich.

Mr. Huxton lächelte und stand ebenfalls auf.

„Ich werde den Nachbarn Bescheid sagen, die den Schlüssel für Rose Cottage aufbewahren.“ Er übergab Samantha noch einen genauen Lageplan, auf dem auch der Hof der Nachbarn eingezeichnet war .

„Sie können jederzeit dort eintreffen, bei den Millers ist wegen des Milchviehs immer jemand zuhause. Die Telefonnummer habe ich hier notiert.“

Samantha steckte Lageplan und Brief in ihre Handtasche und bedankte sich bei Mr. Huxton.

„Ich werde gleich am Sonntag hinfahren“, teilte sie ihm mit und verabschiedete sich.

Wie unter einer leichten Narkose fühlte sie sich, als sie den Fahrstuhl betrat.

So sieht also eine Erbin aus, dachte sie und lächelte ihrem Spiegelbild zu. Doch dann wurde sie ganz schnell ernst.

„Ich lese zuerst den Brief, bevor ich mich entscheide, nahm sie sich vor und versuchte vergebens, ihre Benommenheit abzuschütteln. Und zu ihrer Benommenheit gesellte sich noch eine unerklärliche Furcht vor dem, was kommen würde.

 

„Meine liebe Samantha“,

wenn Du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr unter den Lebenden weilen. Vielleicht wirst Du einmal mein Grab auf dem Friedhof von Borrington besuchen und mir ein paar Rosen von unserem Cottage bringen. Denn es ist doch unser, nein Dein Cottage. Du hast das gleiche Zeichen auf der Wange wie ich. Ich weiß es, weil ich Dich einmal gesehen habe vor vielen Jahren.

Du hast mit Deinen Eltern in der Nähe von Borrington Urlaub gemacht und bist an der Hand Deines Vaters, meines Bruders, an meinem Haus vorbei spaziert. Ich kam heraus und redete mit Deinem Vater. Doch er wollte mir nicht zuhören. Er nahm Dich auf den Arm, als wolle er Dich vor mir beschützen. Das hat mir sehr weh getan. Der Wind wehte Deine Locken nach hinten und da habe ich gesehen, dass Du das gleiche Zeichen hast.

Deshalb habe ich Dir Rose Cottage anvertraut, damit Du es hegst und pflegst und vor allem seine Eigenarten respektierst.

Du wunderst Dich, dass ich von einem Haus wie von einem Menschen spreche? Dazu kann ich Dir sagen, dass das Haus lebt. Es hat einen ganz eigenen Charakter, den Du erst noch kennen lernen wirst. Du selbst wirst in Rose Cottage sicher und geborgen sein, andere vielleicht nicht. Du wirst es herausfinden. Nur darfst Du das Haus nicht verkaufen. Fremde haben dort nichts zu suchen!“

Samantha ließ das Briefblatt sinken. Sie saß auf ihrem gemütlichen Sofa, vor sich eine Tasse mit kalt gewordenem Tee.

Ja, sie konnte sich an den Vorfall in Borrington erinnern. Ungefähr vier Jahre war sie damals, als sie mit Vater spazieren ging. Sie erinnerte sich, wie sie vor Entzücken seufzte, als sie die vielen Schafe mit ihren schneeweißen Lämmern auf der Weide am Meer erblickte.

D

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