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DAS SPIEL DES LEBENS UND DIE KUNST DES SPIELENS

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© 2017 Shamsey Oloko

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7439-5326-0
Hardcover: 978-3-7439-5327-7
e-Book: 978-3-7439-5328-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

ABSTRACT

Der vorliegende Essay nutzt die Analogie eines Spiels, um darauf aufbauend eine Orientierungshilfe für das Leben zu entwickeln. In diesem Zusammenhang werden verschiedene Erkenntnisse der Menschheitsgeschichte aus Wissenschaft, Philosophie und fernöstlichen Weisheitslehren in die unterschiedlichen Bestandteile eines Spiels gegossen, woraus das SPIEL DES LEBENS entsteht.

Diese vier Bestandteile umfassen erstens das SPIELFELD, d.h. die Fragen nach Form, Beschaffenheit und Wesen der Wirklichkeit, in der das Leben stattfindet und wahrgenommen wird. Zweitens sind es die SPIELREGELN, welche die Gesetzmäßigkeiten und Bedingungen darstellen, nach denen das Leben gespielt werden muss. Drittens das SPIELZIEL, welches sich thematisch mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und damit dem Zweck des Spielens auseinandersetzt. Und zu guter Letzt der SPIELER, der als zentraler Akteur sowohl den Ausgangspunkt als auch den Mittelpunkt eines jeden Spiels darstellt.

Die daraus entstehende Struktur ermöglicht es dem Leser, sich in dem Dickicht der Ideenvielfalt zurechtzufinden, ohne dabei jedoch zwingend einem vorgegebenen Pfad aus Meinungen und Glaubenssätzen folgen zu müssen. Da die Analogie zum Spiel die Orientierung vereinfachen soll, handelt es sich beim SPIEL DES LEBENS in erster Linie um ein ideologiefreies Angebot an den Leser, um seine eigenen Gedanken und Erfahrungen mithilfe der vertrauten Struktur eines Spiels zu ordnen.

Um zudem den geistigen Dialog des Lesers mit sich selbst anzuregen und ihm beim Transfer der eigenen Gedanken in die Struktur des SPIEL DES LEBENS zu unterstützen, enthält der vorliegende Essay in den einzelnen Kapiteln auch Aussagen, die die begründete aber dennoch rein subjektive Sicht des Autors widerspiegeln. Sie sollen den Leser einladen, sich kritisch mit ihnen auseinander zu setzen. In zweiter Instanz setzt dieser Essay also Impulse, mit denen der Leser in Resonanz oder Widerstand gehen und dabei Klarheit über seine eigenen Ansichten erhalten kann.

Damit die Ausführungen zum SPIEL DES LEBENS nicht in kalter Theorie erstarren und ein bloßes Gedankenkonstrukt ohne konkreten Anwendungsbezug bleiben, folgen schlussendlich noch die Ausführungen zur KUNST DES SPIELENS, welche dabei helfen, die Schwelle zur alltäglichen Lebenspraxis zu überschreiten. In diesem Abschnitt werden dem Leser einige Anregungen aufgezeigt, mithilfe derer er die zuvor gewonnenen Erkenntnisse in praktische Entscheidungen und Handlungen für das tägliche Leben übertragen kann. Das dritte Ziel dieses Essays ist es also, eine Brücke zu schlagen, die die Struktur des SPIELS sowie das Wissen um die Inhalte und Zusammenhänge auf der einen Seite mit der Lebensund Erfahrungswelt des Lesers auf der anderen Seite verbindet.

EIN PAAR EINFÜHRENDE ANMERKUNGEN

Die zahlreichen Gedankengänge wissenschaftlicher Theorien, philosophischer Strömungen und spiritueller Weisheitslehren erwecken nicht selten den Anschein, miteinander unvereinbar und inhaltlich gar unvergleichbar zu sein. Wie lose Enden hängen die großen Ideen der Menschheitsgeschichte in der Luft und stiften Verwirrung unter denjenigen, die sich ihnen unbedarft nähern. Was für Gedankengänge gibt es? Wie hängen sie zusammen und wie voneinander ab? Welche konkrete Bedeutung haben sie für das Leben? Der vorliegende Essay ist daher im wahrsten Sinne des Wortes der Versuch, einige dieser losen Enden zu einem roten Faden zu verknüpfen, der dem eigenen Leben Struktur und Orientierung verleiht. Diesen Faden bezeichne ich als das SPIEL DES LEBENS.

Ein SPIEL macht Spaß, ist positiv konnotiert und holt jedermann trotz unterschiedlicher Vorstellungen in seiner eigenen Lebenswelt ab. Der Kulturhistoriker Johann Huizinga hat den Begriff wie folgt definiert: „Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‚Andersseins‘ als das‚gewöhn-liche Leben‘.“ Die wesentlichen Bestandteile eines SPIELS sind daher SPIELFELD, SPIELREGELN, SPIELZIEL sowie SPIELER, und im SPIELEN selbst findet ein SPIEL seinen finalen Zweck.

Sowohl die einzelnen Bestandteile als auch der Akt des SPIELENS umfassen einzelne, zum Teil völlig unterschiedliche und unabhängige Themengebiete, die erst in ihrer Gesamtheit das vollständige SPIEL bilden. Ohne SPIELREGELN gäbe es bspw. keine zusammenhängende Struktur und ohne SPIELFELD fehlte es dem SPIELER an Aktionsradius. Analog dazu behandeln auch die verschiedenen Gedankengänge der Menschheitsgeschichte zum Teil völlig unterschiedliche Themengebiete. Die Ethik des Konfuzius sagt bspw. nichts über die Beschaffenheit des Universums aus, während sich aus der Metaphysik des Demokrits keine Verhaltensregeln für ein erfülltes Leben ableiten lassen. Der erste Schritt zur Vorbereitung dieses Essays bestand also darin, die verschiedenen Gedankengänge der Menschheitsgeschichte auf ihre Zuordnung zu den Bestandteilen eines SPIELS zu überprüfen. Die losen Enden wurden identifiziert und kategorisiert. Das SPIEL DES LEBENS entstand.

Einige Gedankengänge werden als inhaltlich verschieden betrachtet, obwohl sie im Grunde ähnlich oder sogar identisch sind. Nicht selten haben sie lediglich in einer anderen Form und zu einer anderen Zeit das Licht der Welt erblickt. Bspw. lehrten sowohl Siddhartha Gautama, der Begründer des Buddhismus in Indien, als auch Zenon von Kition, der Begründer der Stoa im antiken Griechenland, dass es innerhalb ihrer Lehre ein erstrebenswertes Ziel sei, sich nicht von Emotionen und Begierden beherrschen zu lassen. Zwischen beiden Persönlichkeiten liegen allerdings rund zweihundert Jahre Menschheitsgeschichte und mehrere tausend Kilometer Fußweg. Auch die Goldene Regel „Behandle jeden so, wie Du selbst behandelt werden möchtest“ ist seit dem 7. Jh. v. Chr. Bestandteil von unterschiedlichen Religionen und Philosophien auf der ganzen Welt und hat sich in das Gewand der jeweiligen Sprache, der jeweiligen Kultur und des jeweiligen Zeitgeistes eingekleidet. Der zweite Schritt zur Vorbereitung dieses Essays bestand also darin, die kategorisierten Gedankengänge auf ihre Gemeinsamkeiten zu überprüfen. Die losen Enden wurden analysiert und sortiert. Das SPIEL DES LEBENS erhielt Kontur.

Es gibt Gedankengänge, die gefallen mir besser als andere. Daher nehme ich die einen auf und lege die anderen respektvoll zur Seite. Dieses Vorgehen entlarvt mich als Eklektiker, da ich mir aus den verschiedenen Gedankengängen jeweils die heraussuche, von deren Wahrheitsgehalt ich entweder aus rationalen Gründen überzeugt bin oder die ich in einer persönlichen Bewertung als gut oder nützlich empfinde – und das völlig unabhängig von ihrem ideologischen Ursprung. Ich esse also nur die Pralinen, die mir persönlich schmecken und lasse die anderen respektvoll in der Schachtel, ohne sie deshalb per se als ungenießbar zu brandmarken. Anders als der eine oder andere Kritiker des Eklektizismus sehe ich in diesem Vorgehen prinzipiell mehr Vor- als Nachteile.

Nicht zuletzt deshalb, weil sich der Mensch auf diesem Wege seines eigenen Verstandes bedient und nicht blindlings einer heiligen Schrift, einem charismatischen Guru oder einer dogmatischen Tradition folgt bzw. folgen muss. Nur, weil einzelne Ausschnitte einer Lehrmeinung überzeugend klingen, muss das nicht zwangsläufig auch für alle anderen Aussagen aus diesem Umfeld gelten. Nachdem die losen Enden also zunächst identifiziert und kategorisiert sowie anschließend analysiert und sortiert wurden, erfolgte in einem letzten Schritt meine persönliche und völlig subjektive Auswahl favorisierter Gedankengänge. Die losen Enden wurden selektiert und kombiniert. Ein roter Faden entstand. Aus dem SPIEL DES LEBENS wurde mein SPIEL DES LEBENS.

In insgesamt acht Kapiteln werden die zentralen Bestandteile meines SPIEL DES LEBENS und auch der KUNST DES SPIELENS, d.h. der Frage, wie sich dieses SPIEL eigentlich spielen lässt, näher ausgeführt. Analog zu einem Mosaik, das erst durch das Zusammenfügen verschiedenfarbiger Teile und Formen sein wahres Muster offenbart, kann auch mein SPIEL DES LEBENS erst in seiner Ganzheitlichkeit sinnvoll verstanden werden und seinen von mir angestrebten Erkenntnismehrwert entfalten. Ich möchte den Leser daher gerne auf eine Reise in meine Gedankenwelt mitnehmen, deren Ziel und auch Nutzen sich womöglich erst am Ende offenbaren. Inspiriert von René Descartes und Michel de Montaigne habe ich mich dabei für die literarische Form des Essays entschieden. Dies ermöglicht es mir erstens, meine Gedanken aus dem strengen Korsett der wissenschaftlichen Fachsprache zu befreien und in eine angenehme, klare Alltagssprache zu gießen. Ich bin davon überzeugt, dass einem Mehr an kompliziert anmutender Begriffsakrobatik kein Mehr an gedanklicher Tiefe oder gar an zusätzlichem Wahrheitsgehalt gegenübersteht. Im schlimmsten Fall entzieht sich ein komplizierter Gedankengang sogar der Überprüfbarkeit durch den Leser, wodurch „Scheinwahrheiten“ aufgrund von Missverständnissen oder Autoritätsgläubigkeit entstehen – oder aber der Leser tritt in einen unreflektierten Widerstand und versperrt sich selbst neuem Wissen und Erkenntnissen. An der einen oder anderen Stelle wird es jedoch nicht zu vermeiden sein, auf einen fachspezifischen Begriff zurückzugreifen, um die für eine sachliche Kritik notwendige Anschlussfähigkeit meiner Gedanken zu gewährleisten.

Zweitens erlaubt es mir der Essay, meine Ausführungen ohne Anspruch auf inhaltliche Vollständigkeit darzulegen. Denn nicht nur die Halbwertszeit des Wissens nimmt ab, wodurch das, was heute aktueller Konsens ist, morgen bereits überholt sein könnte, sondern auch die Wissensgebiete selbst sind so mannigfaltig und ausgefranst, dass es schier unmöglich wäre, alles und jeden in gebührendem Maße zu berücksichtigen. Demzufolge zollen auch die vorliegenden, eher kurzen Ausführungen zum SPIEL DES LEBENS meinem begrenzten Wissensstand zum Zeitpunkt der Niederschrift sowie meiner Präferenz für ausgewählte Gedankengänge Tribut, ohne dass dies – wie es bei einem wissenschaftlichen Aufsatz der Fall wäre – einen substanziellen Makel darstellt.

Drittens erheben meine persönlichen und damit rein subjektiven Ausführungen zum sPIEL DES LEBENS keinen Anspruch auf irgendeine „Universelle Absolute Wahrheit“, die für jeden Menschen und für alle Zeiten verbindlich gelten sollte. Jeglicher Anspruch auf „Universelle Absolute Wahrheit“ wirft in meinen Augen und mit den Worten des Philosophen Gianni Vattimo unausweichlich einen „Schatten von Gewalt"‚ denn das „Absolute“ ist zugleich automatisch auch die Wurzel von Fundamentalismus und Dogmatismus, indem es abweichende Wahrheiten per se für falsch erklärt und die Anhänger der eigenen Wahrheit über andere Menschen erhöht. Da wir über die „Universelle Absolute Wahrheit“ aufgrund unserer subjektiven Weltanschauung jedoch an sich gar nichts mit letzter Gewissheit wissen können, sehe ich mich hier in der Tradition des Skeptizismus bzw. des Ontologischen Relativismus. Stellvertretend dafür steht bspw. der berühmte Ausspruch von Sokrates: „Ich weiß, dass ich nicht weiß"1. Im Buddhismus gibt es hierzu eine schöne Parabel, die diesen Grundgedanken humorvoll aufgreift:

Es waren einmal fünf weise Gelehrte. Sie alle waren blind. Diese Gelehrten wurden von ihrem König auf eine Reise geschickt und sollten herausfinden, was ein Elefant ist. Und so machten sich die Blinden auf die Reise nach Indien. Dort wurden sie von Helfern zu einem Elefanten geführt und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen. Als sie zurück zu ihrem König kamen, sollten sie ihm nun über den Elefanten berichten. Der erste Gelehrte hatte den Rüssel des Elefanten betastet. Er sprach:

„Ein Elefant ist wie ein langer Arm.“ Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: „Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein großer Fächer.“ Der dritte Gelehrte sprach:

„Aber nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule.“ Er hatte ein Bein des Elefanten berührt. Der vierte Weise sagte: „Also ich finde, ein Elefant ist wie eine kleine Strippe mit ein paar Haaren am Ende“, denn er hatte nur den Schwanz des Elefanten ertastet. Und der fünfte Weise berichtete seinem König: „Also ich sage, ein Elefant ist wie eine riesige Masse, mit Rundungen und ein paar Borsten darauf.“ Dieser Gelehrte hatte den Rumpf des Tieres berührt.

Nach diesen widersprüchlichen Äußerungen fürchteten die Gelehrten den Zorn des Königs, konnten sie sich doch nicht darauf einigen, was ein Elefant wirklich ist. Doch der König lächelte weise: „Ich danke Euch, denn ich weiß nun, was ein Elefant ist:

Ein Elefant ist ein Tier mit einem Rüssel, der wie ein langer Arm ist, mit Ohren, die wie Fächer sind, mit Beinen, die wie starke Säulen sind, mit einem Schwanz, der einer kleinen Strippe mit ein paar Haaren daran gleicht und mit einem Rumpf, der wie eine große Masse mit Rundungen und ein paar Borsten ist. ” Die Gelehrten senkten beschämt ihren Kopf, nachdem sie erkannten, dass jeder von ihnen nur einen Teil des Elefanten ertastet hatte und sie sich zu schnell damit zufriedengegeben hatten.

Aus diesem Grund möchte ich in diesem Essay weder „Universelle Absolute Wahrheiten“ begründen und für alle als verbindlich erklären, noch alternative, mir unbequeme Gedankengänge als absolut falsch abtun.

Dennoch vertrete ich die Ansicht, dass jeder Mensch zwingend seine eigene persönliche absolute Wahrheit benötigt, anhand derer er sein Weltbild ausrichten kann. Sie stellt das Fundament dar, auf dem er bauen kann. Den Standpunkt, auf dem er im wahrsten Sinne des Wortes stehen kann. Schon Archimedes sagte: „Gib mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich bewege die Erde“. M.E. ist es prinzipiell unmöglich, keine persönliche absolute Wahrheit, d.h. keinen festen Standpunkt zu haben. Selbst ein Solipsist, der davon ausgeht, dass nur das eigene Bewusstsein und nichts außerhalb davon mit Gewissheit existiert, baut mit diesem Weltbild auf einer persönlichen absoluten Wahrheit auf. Das gleiche gilt für den Nihilisten, der bspw. die Gültigkeit moralischer Werte verneint. Im Akt der Verneinung ihrer Gültigkeit offenbart sich auch hier die persönliche absolute Wahrheit, die dem Nihilisten diese Verneinung überhaupt erst ermöglicht.

Diese persönliche absolute Wahrheit, die ein jeder Mensch zwingend benötigt, ist jedoch eine andere als die zuvor beschriebene „Universelle Absolute Wahrheit“, denn ihr Wahrheitsanspruch beschränkt sich lediglich auf das eigene Weltbild und braucht für ihre Gültigkeit innerhalb dieses Weltbildes nicht auf andere Menschen ausgedehnt zu werden. Daher möchte ich auch wann immer angebracht die Formulierung „ich“ vor eine Aussage setzen, um sie als meine Aussage zu kennzeichnen und mich nicht hinter vermeintlich allgemeingültigen Phrasen wie „es ist so" oder „wie man weiß" zu verstecken. Gerade letzteres ist ein beliebtes und verführerisches rhetorisches Stilmittel, um mithilfe des „man“ seinen eigenen Ansichten und Verhaltensweisen im Sinne Martin Heideggers den unreflektierten Schein der Allgemeingültigkeit zu verleihen.

Mit dieser Haltung im Geiste möchte ich in den nachfolgenden Kapiteln behutsam meine Gedankenwelt ausbreiten. Sollte sich der eine oder andere Leser von meinen Worten dennoch verletzt fühlen, so bitte ich bereits im Vorfeld um Entschuldigung für missverständliche Aussagen und ungeschickte Formulierungen und hoffe auf Nachsicht und Verständnis für unbeabsichtigte Kränkungen.

Zu guter Letzt möchte ich einigen Freunden und Wegbegleitern an dieser Stelle meinen tiefsten Dank aussprechen. Sie haben maßgeblich zur Schärfung meiner Gedanken beigetragen, und ohne sie hätte ich diesen Essay wohl niemals geschrieben. Darunter zählen u.a. Stephan Ehrich, Diana Dengler, Claude Mannewitz, Florian Methner, Philippe Bahlburg, Sara Schlegel, Min-Ju Kim, Patrick Schopohl und Roy Matthes. Einen besonderen Dank möchte ich auch meiner Seelenpartnerin im Geiste, Gökce Schimmelpfennig, aussprechen. Ihr Dasein in meinem Leben ist eine unermessliche Bereicherung.

Ich wünsche dem Leser viel Spaß auf der Reise durch die Welt meiner Gedanken und hoffe, mit diesem Essay auch die eine oder andere Inspiration für das eigene SPIEL DES LEBENS setzen zu können. Denn nur das eigene Leben lässt sich unmittelbar erfahren und verändern, weshalb letztendlich auch jeder für sich alleine spielen muss.

Berlin, im September 2017 Shamsey Oloko

KAPITEL I – DER BEGINN MEINER REISE

Bereits als Jugendlicher haben mich Lebensregeln und Weisheiten aus aller Welt fasziniert. Die kunstvollen Verdichtungen von mehr oder weniger tiefsinnigen Wahrheiten in nur wenigen Worten und Sätzen versprachen bereits in frühen Jahren Orientierung im Leben – und gaben dem, der sie angemessen rezitierte, den oberflächlichen Anstrich von tiefgründiger Weisheit. Insbesondere drei Weisheiten haben mich in meinen Jugendjahren nachhaltig geprägt:

Werde erst selbst gesund, bevor Du anfängst andere zu heilen

Behandle andere so, wie Du von ihnen selbst behandelt werden möchtest

Do it right, or don't do it at all

In der ersten Weisheit betrachtete ich es als Pflicht, zunächst mit mir selbst ins Reine zu kommen, bevor ich sowohl Energie als auch Ratschläge an meine Mitmenschen verteilte. Die zweite Weisheit ist eine Variante der Goldenen Regel, die mir die Grenzen meiner eigenen Freiheit deutlich vor Augen hielt, denn – um es mit den Worten von Immanuel Kant zu formulieren – „die Freiheit des einzelnen endet dort, wo die des anderen beginnt.“ Die dritte und letzte Weisheit bezieht sich auf den Vorsatz, Handlungen, für die ich mich entschieden hatte, konsequent und entschlossen durchzuführen, denn – mit den leicht abgewandelten Worten des Dichters Ezra Pound – „ist ein Mensch nicht bereit, für seine Überzeugungen einzustehen, dann taugen entweder der Mensch oder die Überzeugungen nichts."

Während mich dieses Weisheits-Trio wohlbehütet durch die Schulzeit und anschließend auch durch das Studium und die Promotion manövrierte, hatte ich im Jahr 2012 ein Schlüsseljahr, in dem das vermeintlich unzerstörbare Fundament meines Trios krachend zusammenbrach und mir seine Unzulänglichkeit in den großen Lebensfragen schonungslos offenbarte. Zum einen war da der Tod meines Großvaters. Bis dato hatte der Tod in meinem Leben lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt und kaum an meiner Bewusstseinsschwelle gekratzt. Spätestens jedoch auf der Beerdigung wurde mir deutlich bewusst, dass ich dem Tod bislang nur mit konsequenter Ignoranz und Verdrängung begegnet war und mich noch nie ernsthaft mit ihm auseinandergesetzt hatte. Quasi in der absurden und einer stückweit vielleicht sogar arroganten Annahme, dass er mich definitiv erst im hohen Alter ereilen wird und ich bis dahin mit Sicherheit noch ein langes und schönes Leben vor mir haben werde. Doch was ist eigentlich der Tod? Der böse Gegenspieler vom Leben? Oder gar Leben aus einem anderen Blickwinkel? Der Beginn von etwas Neuem oder das Ende von Allem? Warum fürchten wir ihn? Und wurde er schon immer, zu jeder Zeit und von allen Kulturkreisen und Menschen gefürchtet?

Zum anderen führte eine unerfüllte Liebe dazu, dass mich der Liebeskummer in schmerzhafter Umklammerung festhielt. Doch wie kann das, was eigentlich wunderschön sein sollte und Menschen auf der ganzen Welt zu intensiven Erlebnissen und künstlerischen Hochleistungen inspiriert, auf der anderen Seite so viel Leid und Kummer erzeugen? Bedarf es der Fähigkeit zu leiden, um überhaupt lieben zu können? Und ist der Mensch komplett machtlos gegenüber dem, was er fühlt? Ein Sklave seiner Emotionen? Ist er dann überhaupt frei? Und wofür trägt er dann noch die Verantwortung?

Die dritte leidvolle Erfahrung in diesem Schlüsseljahr war ein gefühlter Quasi-Burnout im Rahmen meiner Tätigkeit als geschäftsführender Gesellschafter einer Marketingagentur, die ich einige Jahre zuvor gemeinsam mit zwei Freunden gegründet hatte. Seit Jahren ohne Urlaub und angetrieben durch die fiebrige Hoffnung, dass sich meine Anstrengungen irgendwann mal auszahlen würden, stieß ich in dem besagten Jahr an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Wie der berühmte Hamster im Hamsterrad stellte ich mir daher Fragen nach der Sinnhaftigkeit der tagtäglichen Tortur. Auf wie viel sollte man im Hier und Jetzt verzichten, damit das Leben in ferner Zukunft besser wird? Was ist, wenn diese Zukunft niemals kommt oder das vermeintliche Glück sich als reine Illusion entpuppt und nach einiger Zeit von neuen Begierden zerfressen wird? Was genau macht mich eigentlich glücklich und zufrieden?

Mit diesen drei Mühlsteinen im Gepäck nutzte ich die Feiertage zum Jahresende, um mich erstmals systematisch mit der Suche nach Antworten auf meine verschiedenen Fragen zu beschäftigen. Ich wollte nicht darauf vertrauen, dass die Antworten ihren Weg schon von alleine zu mir fänden bzw. dass ich irgendwann später in meinem Leben, wenn ich erstmal dies und jenes erreicht hätte, die Zeit dazu fände, mich ausgiebig mit der Thematik zu beschäftigen. Ich wollte selbst und jetzt aktiv werden.

Bereits nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass mir das Buffet der Antworten der großen Weltreligionen aus verschiedenen Gründen nicht genügte. Es fiel mir schwer, einfach nur an ein Tröstungsversprechen zu glauben und darauf zu vertrauen, dass alles in einem der Erfahrung nicht zugänglichen Jenseits irgendwann schon irgendwie durch irgendwen für alle Zeiten letztendlich gut werden würde. Ich wollte nicht einfach nur beten, mich zurücklehnen und auf ein göttliches Zeichen oder Wunder hoffen – und ein Ausbleiben dieses Wunders mit dem Totschlagargument „Gottes Wege sind unergründlich“ erklären, um meine Zweifel mit Dogmen und Glaubenssätzen zu ersticken. Ich wollte meine Vernunft einsetzen, Zusammenhänge erkennen und Verantwortung übernehmen. Kurzum: Ich wollte mich im Sinne des Orakels von Delphi „selbst erkennen“ und gleichzeitig im Sinne des Schlachtrufes der Aufklärung „mutig meinen eigenen Verstand benutzen“, um Glauben von Wissen sowie gut von schlecht unterscheiden zu können.

Nach dem Einlesen in verschiedene Ideen und Gedankengänge der Menschheitsgeschichte, erweckte insbesondere der Buddhismus mein Interesse. Allerdings nicht als tumbe Reaktion auf eine hochgepeitschte Modeerscheinung in westlichen Ländern, sondern aufgrund der sehr rationalen und klaren Weltanschauung einerseits sowie des selbstkritischen Anspruchs des Buddhas andererseits, nur das für wahr zu halten, was der eigenen Erfahrung und Erkenntnis zugänglich und damit überprüfbar ist.2 Ein Anspruch, mit dem ich mich auch 2.500 Jahre später noch identifiziere. Mit dem Beginn des Jahres 2013, das mich für einige Zeit in ein tibetisches Kloster in Kathmandu, Nepal führte, begann meine vertiefte Auseinandersetzung mit mir selbst. Seither habe ich unzählige Bücher und Artikel gelesen, zahlreiche spannende Diskussionen geführt und intensive körperliche und geistige Erfahrungen gemacht – wobei sich meine Leidenschaft mit der Zeit nicht nur auf den Buddhismus, speziell den säkularen Buddhismus,3 beschränkte, sondern verschiedene Themengebiete miteinschloss, die sich im Kern den großen Fragen des Lebens aus verschiedenen Blickwinkeln nähern. Darunter insbesondere Gedankengänge aus der Philosophie, der Psychologie, der Psychonautik und der Mystik.4

Auf diese Art und Weise reifte im Laufe der Jahre die Idee, meine Erkenntnisse in die Struktur des SPIEL DES LEBENS einzugießen und für mich selbst aber auch für andere eine Orientierungshilfe und Diskussionsgrundlage zu schaffen. Den Bestandteilen eines SPIELS folgend, führte dies zu folgenden Fragestellungen:

SPIELFELD: Was sind Form, Beschaffenheit und Wesen der Wirklichkeit? (Kap. III)

SPIELREGELN: Welche Gesetzmäßigkeiten gelten für das Leben? (Kap. IV)

SPIELZIEL: Was ist der Sinn des Lebens? (Kap. V)

SPIELER: Wie ist die Beziehung zwischen Körper, Geist und Seele? (Kap. VI)

SPIELEN: Wie lässt sich das Leben aktiv gestalten? (Kap. VII)

Um innerhalb dieser einzelnen Bestandteile auch verschiedene Gedankengänge miteinander vergleichen und bewerten zu können, bedurfte es jedoch zunächst eines nachvollziehbaren Bewertungsmaßstabs. Ein Prüfstein musste her.

KAPITEL II – MEIN PRÜFSTEIN

Wie bereits an einigen Stellen deutlich herausschimmert, bin ich im Grunde meines Herzens ein Skeptiker, der nicht viel von „Universellen Absoluten Wahrheiten“ hält – jedoch jede Menge von persönlichen absoluten Wahrheiten. Um letztere zu erkennen, bedarf es der Ausarbeitung eines individuellen Prüfsteins, anhand dessen die Welt geordnet werden kann. Auch ich habe so einen Prüfstein, der aus zwei Wahrheitskriterien und zwei Bewertungskriterien besteht. Dieser Prüfstein ist die Grundlage für die Auswahl meiner persönlichen absoluten Wahrheiten, und dieser Prüfstein ist es auch, anhand dessen sich diese Wahrheiten immer wieder aufs Neue kritisch messen lassen müssen.

A. Wahrheitskriterien

(1) Wahr & Falsch: Descartes sagte einst: „Akzeptiere nur als wahr, was unbezweifelbar gewiss ist“. Ein sehr schönes, wenngleich auch schlichtweg unmögliches Wahrheitskriterium, da fraglich ist, was tatsächlich für alle Zeiten unbezweifelbar ist und ob und wie dies durch mich überhaupt ermittelt werden kann. Kant wies daraufhin, dass wir über die Welt, dem „Ding an sich“, eigentlich nichts mit Gewissheit sagen können, da bereits die Art unserer Erkenntnisgewinnung keinen gesicherten Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Es gibt kein Wissen, das nicht durch den Filter des menschlichen Bewusstseins gegangen ist und daher frei von menschlicher Erkenntnisgewinnung ist. Dennoch steckt in Descartes‘ Aussage ein wichtiger Aspekt, nämlich der konstruktive Zweifel als Treiber der Erkenntnisgewinnung. Er ist der natürliche Feind von dogmatischen Aussagen und zugleich Motor der modernen Wissenschaft. Die Herausforderung liegt also darin, diesen konstruktiven Zweifel als Grundprinzip beizubehalten und zugleich die strengen Anforderungen an die Wahrheit abzuschwächen.

In diesem Zusammenhang favorisiere ich eine modifizierte Variante als mein Wahrheitskriterium ersten Ranges, die auf der Idee des Falsifikationsprinzips aufbaut. Da ich keine absolute Gewissheit haben kann, gilt eine Theorie (über die Welt) für mich immer dann als (vorläufig) wahr, wenn sie erstens rational, d.h. vernünftig hergeleitet wurde, zweitens falsifizierbar, d.h. durch empirische Methoden überprüfbar und widerlegbar ist sowie drittens bislang empirisch noch nicht falsifiziert werden konnte. Mit anderen Worten und in Anlehnung an Descartes: „Akzeptiere nur als vorläufig wahr, was vernünftig und empirisch überprüfbar ist und bislang noch nicht falsifiziert wurde". Hier folge ich dem von Karl Popper begründeten Kritischen Rationalismus. Dieser setzt voraus, dass Theorien zwingend empirisch überprüfbar sein müssen, damit sie als (vorläufig) wahr oder falsch bewertet werden können. Damit unterscheiden sie sich klar von metaphysischen Spekulationen mit unüberprüfbaren Dogmen und Theorien zu bspw. Gott, Paradies, Nirvana, Reinkarnation, Walhalla etc. Über all diese Dinge kann ich zwar trotzdem eine Meinung haben – und laut Kant gehört es auch zum Wesen des Menschen, sich stets eine Meinung darüber zu bilden – aber ich kann sie empirisch nicht überprüfen, weshalb sie wahr oder falsch sein können, ohne dass es mir vielleicht jemals möglich sein wird, hierzu eine eindeutige Aussage zu treffen. Es ist der Bereich des reinen Glaubens ohne Überprüfbarkeit durch ein Wahrheitskriterium.5

(2) Plausibel & Unplausibel: Eine schwächere Form des Wahrheitskriteriums ersten Ranges basiert auf der Plausibilität und bildet für mich das Wahrheitskriterium zweiten Ranges. Grundlage für die Plausibilität ist die Vernunft, die auch schon im Wahrheitskriterium ersten Ranges enthalten ist, hier jedoch ohne zusätzliche empirische Fundierung auskommen muss. Die Vernunft entscheidet über den Grad der Plausibilität, wodurch andere Ansätze wie bspw. göttlichen Offenbarungen, überlieferte Dogmen oder willkürliche Bauchentscheidungen zum Gegenstand des Wahrheitskriteriums werden, nicht jedoch zu dessen Ursprung. Die Plausibilität kommt stets dann zur Anwendung, wenn eine Theorie noch nicht empirisch überprüft wurde oder aber – wie bei metaphysischen Spekulationen – auch nicht überprüft werden kann.

Konkret heißt das bspw., dass ich zwar nicht sagen kann, ob es einen christlichen Himmel gibt, da er mir empirisch nicht zugänglich ist. Ich kann jedoch eine Aussage darüber treffen, ob und warum ich die Annahme eines Himmels prinzipiell für plausibel oder unplausibel halte. Ich könnte in diesem Fall bspw. argumentativ ins Feld führen, dass das Konzept des christlichen Himmels von Annahmen ausgeht, die inhaltlich unlogisch sind, historisch fehlerhaft überliefert und aus machtpolitischen Gründen nachträglich eingeführt wurden, so dass zwar nicht die Idee des christlichen Himmels per se als wahr oder falsch beurteilt wird (Wahrheitskriterium ersten Ranges), jedoch die zugrundeliegenden Annahmen als unplausibel eingestuft werden (Wahrheitskriterium zweiten Ranges), weshalb ich wiederum auch die Idee als unplausibel verwerfe.6 Nehmen wir als weiteres Beispiel die Annahmen zur Existenz von Außerirdischen. Bislang konnte deren Existenz empirisch nicht belegt werden, weshalb die Annahmen nicht als wahr bestätigt werden konnten (Wahrheitskriterium ersten Ranges). Gleichwohl gibt es zahlreiche Gründe wie bspw.

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