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Das Spiel der Wünsche

Inhaltsverzeichnis

TEIL I Die Hekamistinnen

1 Ari

2 Kay

3 Markos

TEIL II Nebenwirkungen

4 Win

5 Ari

6 Markos

7 Kay

8 Ari

9 Win

10 Ari

11 Kay

12 Markos

13 Ari

14 Markos

15 Win

16 Kay

17 Ari

18 Markos

19 Win

20 Kay

21 Ari

22 Markos

23 Win

24 Markos

25 Ari

26 Kay

27 Markos

28 Ari

29 Kay

30 Markos

TEIL III Die Kosten

31 Kay

32 Ari

33 Win

34 Kay

35 Markos

36 Ari

37 Kay

38 Markos

39 Win

40 Ari

41 Kay

42 Markos

43 Win

TEIL IV Alle Dinge

44 Ari

45 Markos

46 Kay

47 Ari

48 Markos

49 Kay

50 Markos

51 Ari

52 Markos

53 Kay

54 Ari

55 Win

56 Ari

57 Kay

58 Ari

59 Markos

60 Kay

61 Ari

62 Markos

63 Kay

64 Ari

Dank

1

ARI

FÜNF TAGE DANACH

In einem der heruntergekommenen Häuser hinter der Highschool wohnt eine Hekamistin. Alle wissen das. Viele haben in den letzten Jahren Zauber bei ihr gekauft – Zauber für Erfolg in der Schule und für Schönheit und mehr Glück. Ich nicht. Den einzigen Zauber, den ich je genommen habe, vor fast zehn Jahren, hat eine Hekamistin in Boston für mich gemacht. Ich erinnere mich noch an ihr nüchternes Arbeitszimmer und den Teller mit einer Scheibe trockenem Toast, den sie vor mich hinstellte. Und dass ich damals so heftig weinte, dass ich diesen Toast fast nicht runterbekam.

Aber der Zauber hat geholfen, ich hörte auf zu weinen und nun sitze ich hier.

Diese Hekamistin arbeitet in ihrer Küche. An der Decke sind Wasserflecken und die Vorhänge sehen billig aus, aber irgendwie wirkt es trotzdem gepflegt. Sie selbst trägt einen abgetragenen Morgenrock. Sie bietet mir eine Tasse Tee an und ich nicke, obwohl ich weiß, dass man von Fremden nie etwas annehmen soll – schon gar nicht von einer Hekamistin. Aber abzulehnen, kommt mir unhöflich vor.

Mein linkes Handgelenk schmerzt. Innendrin, unter dem Muskel und dem Knochen. Ein alter Schmerz. Meine Nebenwirkung. Unter dem Tisch umfasse ich das Gelenk fest mit der anderen Hand.

»Also, Liebeszauber funktionieren nicht«, sagt die Hekamistin und tunkt zwei ganz normal aussehende Teebeutel in zwei knallbunte große Tassen. »Egal, wer die Person ist, sie küsst dich, sie spricht die Worte, sie glaubt daran. Aber du nicht. Für die Liebe muss man kämpfen.« Sie lächelt mir zu, ein verstörtes Lächeln, als sei sie sich für einen Moment nicht sicher, wer ich bin oder warum ich hier in ihrer Küche sitze, und ich richte meinen Blick auf die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, um ihr nicht in die Augen zu schauen, und denke dabei an Win und an die Liebe und ans Kämpfen. »Natürlich verkaufe ich ihn dir. Aber ich übernehme keine Haftung.«

»Ich bin nicht wegen eines Liebeszaubers hier«, sage ich.

Mit erstaunt hochgezogenen Brauen reicht sie mir eine der Tassen. »Oh, dann habe ich mich wohl getäuscht. Wie dumm von mir. Also, verrate es. Eine Verschönerung für den Schulabschlussball? Mathewissen fürs Examen?«

Die heiße Tasse in meiner Hand ist angenehm. Sie lenkt mich von dem Schmerz in meinem Handgelenk ab und hilft mir, nicht am ganzen Körper zu zittern. Ich könnte es mir anders überlegen – irgendetwas sagen. Zum Beispiel, ich wünsche mir Glück mit den Noten oder Selbstvertrauen. Ich könnte um ein wenig Hilfe bei den Aufnahmetests für die Uni bitten. Oder um ein Geschenk für Jess oder Diana, um etwas, das vorübergeht und Spaß macht. Aber ich habe es bis hierher durchgezogen, ich bin so kurz vorm Ziel. Nicht mehr lange und ich muss mich nie mehr so fühlen.

So, als würden die Wände über mir einstürzen, selbst wenn ich draußen bin. Als wäre die Luft dünner als sonst, als würde mit jedem Atemzug immer weniger Sauerstoff in meiner Lunge ankommen. Ich möchte heulen, aber ich habe Angst davor, was passiert, wenn ich es tue. Angst davor, was aus mir wird.

Diana hat mich immer damit aufgezogen, dass ich nicht über meine Gefühle reden will. Ja, aber das bedeutet nicht, dass ich keine Gefühle habe. Sondern nur, dass ich sie nicht alle auf einmal rauslassen, dass ich nicht von ihnen überwältigt werden wollte. Und jetzt – jetzt kann ich es einfach nicht mehr aushalten.

Ich brauche den Zauber, genau wie damals, vor neun Jahren.

Mit einem tiefen Seufzen dränge ich die Tränen zurück. »Ich will, dass Sie mir helfen, meinen Freund zu vergessen.«

Die Hekamistin nippt an ihrem Tee. Sieht mich an. Ich bringe es nicht fertig, meine Tasse zum Mund zu führen. »Für immer«, sage ich. »Nicht nur für eine Zeit lang oder so.«

»Für immer, das ist teurer. Sagen wir … fünftausend Dollar.« Ich nicke. Perfekt. »Also gut, wenn du das Geld hast, dann kann ich es machen. Natürlich. Ich kann sogar jetzt auf der Stelle etwas aufbrühen – du trinkst es, bevor du zu Bett gehst, und hast ihn vergessen – für immer.«

»Danke.« Eine Welle der Erleichterung durchströmt mich, beinahe so stark, dass sie mich umwirft. Nicht mehr an Win denken zu müssen …

Er wird mich nicht mehr mit seinem Truck zur Schule fahren. Mir nicht mehr beim Schulball in die Augen schauen und mir sagen, dass er mich liebt. Bei meinen Auftritten nicht mehr wie gebannt in der ersten Reihe sitzen und mich anhimmeln. Keine Küsse, keine Versprechungen mehr, keine Pläne. Und keine Liebe.

Keine letzte Nacht mehr am Strand. Nie mehr zornige Worte. Nie vom Anruf seiner Mutter aufgeweckt werden. Kein langer Nachhauseweg mehr vom Strand, die Haare voller Sand und Tang, innerlich aufgewühlt und die Augen zu sehr zusammengekniffen und zu trocken, um weinen zu können. All der Schmerz der vergangenen fünf Tage – aus und vorbei.

Die Hekamistin klopft auf den Tisch. »Aber das kostet.«

»Ich habe schon gesagt, dass ich bezahlen kann«, erkläre ich. Das Geld steckt in meiner Jackentasche, noch immer in dem gefalteten braunen Briefumschlag, in dem ich es fand. Ich spüre ihn an meinen Rippen. Genau fünftausend Dollar. Ich habe es gestern in einem eingedrückten Schuhkarton ganz hinten in meinem Schrank entdeckt, als ich etwas zum Anziehen suchte, das mich nicht an Win erinnern würde. Ich hatte nichts davon gewusst und ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich mir gehört, aber ich weiß auch nicht, wer sonst es dort versteckt haben könnte. Und ich dachte spontan, es sei ein Zeichen, dass ich dieses Geld finde, eine Bestätigung dafür, dass ich mir diesen Zauber holen soll.

»Ich meine nicht das Geld. Der Zauber fordert seine eigene Abgeltung. Ein Schönheitszauber könnte zum Beispiel ein paar Gehirnzellen abtöten. Und für so was?« Sie mustert mich und ich versuche, so zu tun, als sei mir das neu. Was es aber nicht ist. Das ganze Gerede über Nebenwirkungen habe ich schon beim ersten Mal gehört und der beste Beweis dafür ist der Schmerz in meinem Handgelenk. »Die meisten bekommen nach einem Erinnerungszauber Kopfschmerzen, wenn nicht sogar mehr. Es könnten auch Muskeln oder Nerven angegriffen werden. Das kann ich nicht genau vorhersagen.«

Diese erdrückende Last nicht mehr ertragen zu müssen, wird das Geld und so einen Kollateralschaden wohl wert sein. Ich stelle mir vor, es ist, wie einzuschlafen und im Körper eines anderen aufzuwachen. Erleichtert. Leer. Glücklich. Frei.

»Oh!«, ruft die Hekamistin plötzlich und hämmert sich mit der Faust an die Stirn. »Das muss ich dich natürlich noch fragen, wie dumm von mir, wie dumm. Hast du dir früher schon mal einen Zauber geholt?«

»Nein.«

»Wenn mehrere Zauber zusammenkommen, geht nämlich alles drunter und drüber. Alles kommt durcheinander. Denn die Nebenwirkungen verdoppeln oder verdreifachen sich nicht nur, sondern sie nehmen exponentiell zu.« Sie sieht mich aus kleinen Augen an, die in den Falten ihres Gesichts fast zu verschwinden scheinen. »Wie dumm, wie dumm. Du kommst mir bekannt vor.«

»Ich verspreche, ich habe mir noch nie einen Zauber geholt.« Ich sprudle die Worte rasch heraus, damit sie meine Lüge nicht bemerkt. Ich bin eine miserable Lügnerin. Wenn sie mir Druck macht, hat sie mich sofort ertappt. Ich widerstehe dem Drang, mein schmerzendes Handgelenk erneut zu massieren. Es hat die ganze Woche über verrücktgespielt, als wollte es mich warnen: Das passiert, wenn du dir noch einen Zauber holst. Stattdessen starre ich auf meine Turnschuhe. Die Füße darin sind gerötet und wund. Den einen großen Zehennagel habe ich schon verloren, jetzt ist offenbar der zweite dran. Abgelöste Zehennägel – der »Stolz« jeder Balletttänzerin.

Wenn sie die Wahrheit wüsste, würde sie mir den Zauber zu meinem eigenen Besten nicht verkaufen, wegen der diversen sich potenzierenden Nebenwirkungen. Aber ich kann mehr solcher Schmerzen wie die in meinem Handgelenk verkraften – im Ballett muss ich tagtäglich Qualen ausstehen. Schmerz. Kampf.

Physischen Schmerz und körperliche Qualen allerdings. Aber was sind schon ein paar gezerrte Muskeln im Vergleich zu dem Schmerz, Win zu verlieren?

Wenn mein Körper diesen Preis bezahlen muss, dann soll es so sein.

»Also gut«, sagt die Hekamistin.

Sie steht auf und geht in die kleine Küche, sucht in Schränken und kramt in Schubladen. Wirft Zutaten in einen zerbeulten Topf auf dem Herd. »Wie wär’s mit Hühnersuppe mit Nudeln?«

Während sie vor sich hin arbeitet, hole ich den Briefumschlag mit dem Geld heraus, lege ihn vor mir auf den Tisch und reibe verstohlen mein schmerzendes Handgelenk. Sie schaut herüber, sieht das Geld und nickt.

»Du bist noch in der Highschool?«, fragt sie, über den Topf gebeugt. Als die Suppe anfängt zu kochen, hält sie den Topf über die Arbeitsfläche – er scheint dort auf halber Höhe zu schweben. Wenigstens sieht es von da, wo ich sitze, so aus.

»Ja«, antworte ich. »Das heißt, eigentlich jetzt nicht mehr. Die Schule ist gerade zu Ende gegangen.«

»Ich habe eine Tochter. Sie ist ein bisschen älter als du.«

»Aha.«

»Sie ist ein besonderes Kind, meine Tochter. Ich weiß, alle Eltern denken das, aber es stimmt.«

Und gerade als ich denke, schlechter kann es mir nicht mehr gehen, spüre ich diesen plötzlichen Stich, der mit meiner Mutter zu tun hat. Auch ein alter Schmerz. Normalerweise spüre ich ihn wochenlang nicht – der Schmerz im Handgelenk ist viel öfter da –, aber dann und wann kommt er eben doch. Ein Foto in einem Geschenkkatalog. Ein weinendes Kind am Strand. Familien, die im Sweet Shoppe zusammensitzen. Und jetzt bin ich neidisch auf die Tochter einer Hekamistin.

Gerade als ich dieses Gefühl mit einem tiefen Seufzer unterdrücke, wird es in der Wohnung dunkler. Aus den Rissen in den Wänden und im Boden strömt kalte Luft. Der Schmerz in meinem Handgelenk pulsiert im Rhythmus mit meinem Herzschlag. Die Hekamistin am Herd hat mir den Rücken zugewandt. Sie schiebt einen Ärmel hoch und macht mit der anderen Hand, in der sie einen Stein hält, eine rasche Bewegung. Ich sehe nicht, was mit dem Topf Suppe passiert, ihr Körper verdeckt ihn.

»Anscheinend bist du sehr entschlossen. Das ist gut. Wer seine Gedanken kennt, der kennt sich selbst. Aber die jungen Leute denken nicht jeden Gedanken zu Ende und niemand spricht darüber, was Magie bewirkt. Nicht mehr. Du glaubst jetzt, dass sie gefährlich ist. Wenn es illegal ist, eine Hekamistin zu werden, dann muss es etwas Schlechtes sein, nicht wahr? Unanständig. Wie dumm, wie furchtbar dumm.« Es ist fast stockdunkel in der Wohnung, bis auf einen Schein, der von dem durch ihre Gestalt verdeckten Topf ausgeht. Sie beobachtet ihn. »Es ist nicht gefährlich, so wie du es dir vorstellst. Aber Erinnerungszauber können prekär sein, besonders wenn du diesem Freund wieder begegnest. Du läufst die Straße runter, er grüßt dich, aber du kennst ihn nicht und er ist verwirrt oder wird sauer – oder so etwas in der Art.«

»Das ist kein Problem.« Ich atme tief ein und nippe an meinem Tee. Er schmeckt wie von Lipton – etwas Milch wäre gut. In der Dunkelheit und der Kälte, und während meine Erlösung gebraut wird, fällt es leicht, sogar das Schwerste auf der Welt zu sagen. »Er ist tot.«

2

KAY

FÜNF MONATE DAVOR

Bei Cape Cod denken die meisten Leute an Strände und Promenaden, Sand und Sonne, Verwandte und Freunde oder an Eis essen oder Volleyball spielen. Und für vier, fünf Monate im Jahr ist Cape Cod genau das. Touristen bevölkern die Städte, Restaurants und Strände, die Sonne scheint, die Wellen donnern und wir haben einen Grund, auf der Welt zu sein.

Aber Mitte Januar ist es ganz anders. Die Hotels und Ferienwohnungen sind leer. Es ist kalt. Der Strand ist kein Strand, sondern lediglich die Küste und das Meer ist immer da und schließt uns ein. Cape Cod ist nämlich eine Insel. Zwei Brücken verbinden sie zwar mit dem Festland, aber im Grunde genommen sind wir dort gefangen, eingeschlossen auf einem dünnen Streifen Land, den niemand hätte entdecken und erst recht nicht besiedeln sollen. Windig, flach, braun und gelb und grau, der Himmel ebenso wie das Land.

Diana, Ari und ich waren in der Düsternis und der früh einbrechenden Dunkelheit Anfang Januar am Feiern. Ich hatte aus dem geheimen Vorrat meiner Schwester Mina eine Flasche französischen Wodka geklaut und wir stießen miteinander an und fröstelten im Wind. Auf der Straße lag halb geschmolzener Schnee und totes Laub. Wir schlitterten und schlurften in unseren Turnschuhen darüber, lachten und stützten uns gegenseitig.

»Auf New York!«, Diana prostete Ari zu.

»Auf den Reiterhof!«, schrie Ari zurück, obwohl die beiden dicht beieinanderstanden.

»Auf den Sommer!«, erwiderte Diana ebenso laut.

»Auf die Freiheit!«

»Jouh!«, rief ich. Mir fiel nichts ein, worauf wir trinken sollten, aber wenn ich nichts sagte, war ich nicht Teil der Feier.

Und eigentlich hatte ich auch gar nichts zu feiern. Aber ich war froh, mit Diana und Ari unterwegs zu sein, und freute mich für sie. Sie würden gleich nach dem Ende des Schuljahrs jede in ihren Traumsommer aufbrechen. Ihr Glück hätte für mich nach den letzten paar Jahren Grund genug zum Feiern sein sollen.

»Du wirst die größte dieser eingebildeten Pferdetussis«, sagte Ari. »Vielleicht findest du ja einen hübschen Stallburschen zum Verführen.«

Diana errötete und legte eine Hand über die Augen. »Eher verbringe ich wohl eine Menge Zeit mit meinem Pferd, und wenn der Sommer schon halb vorbei ist, merke ich, dass keiner von diesen Menschen meinen Namen kennt.«

»Ihre eigene Schuld.«

Diana zeigte mit der Flasche auf Ari. »Die Größte, das bist sowieso du. Du wirst es diesen anderen Mädels zeigen. Sie fertigmachen.«

»Die Ballettmörderin. Das bin ich.« Sie nahm Diana die Flasche ab, drehte sich auf der Spitze und ließ dann das andere Bein wie die Sehne eines Bogens waagrecht nach hinten schnellen. Nahm erneut einen Schluck und wackelte dabei nicht einmal.

»Wie wäre es, wenn ich mir die Haare färbe?« Diana hielt eine Strähne ihres dicken Haars hoch und blinzelte in den trüben Himmel. »Irgendwas Helles.«

Ich wollte zustimmen, doch Ari unterbrach mich.

»Nein, mach das nicht«, sagte sie, beendete ihre Ballettfigur und reichte mir die Flasche. »Du bist perfekt so, wie du bist.«

»Kann sein«, meinte Diana und ließ ihre Strähne fallen.

»Wo ist Win?«, fragte ich. Ari verbrachte die Nächte am Wochenende meistens mit ihrem Freund Win Tillman. Deshalb hatte Diana im September angefangen, sich bei mir zu melden.

»Er ist krank, zu Hause. Markos schmeißt ’ne Party, aber ich wollte mit euch anstoßen.«

»Hätten wir nicht bei Markos anstoßen können?« Diana versuchte, möglichst beiläufig zu klingen.

»Aber nur wir zusammen macht mehr Spaß.«

Diana sagte nichts mehr. Sie war in Markos Waters, Wins besten Kumpel, verknallt, aber Ari behauptete immer, er würde als Freund nicht taugen. Ari war ständig mit ihm und Win zusammen, wenn sie nicht gerade mit uns ihre Zeit verbrachte, also wusste sie wohl, wovon sie sprach.

Ich spürte eine Gesprächspause aufkommen. Eine Pause, die ich fürchtete, in der jemand sagen könnte »Es ist Zeit heimzugehen« oder »Ich habe genug getrunken«. Ich wollte nicht, dass der Abend schon vorbei war. Ich war erst seit vier Monaten mit Diana und Ari befreundet, seit Diana und ich in Englisch nebeneinandersaßen und begonnen hatten, abends miteinander abzuhängen, wenn Ari mit Win zusammen war. Ari und Diana waren jahrelang unzertrennlich gewesen, sie hatten in der Schule zusammen getuschelt und sich gegenseitig im Auto mitgenommen und ich hatte mich gefragt, wie es wäre, eine solche Freundin zu haben. Jemand, den man sich aussucht, anstatt mit ihm oder ihr in eine Familie hineingeboren zu werden, wie ich und meine Schwester Mina.

Ich hatte mich zuerst mit Diana angefreundet, aber schon bald war auch Ari mit von der Partie und wir wurden eine Dreiergruppe. Vier Monate Freundschaft. Sechs Monate seit meinem Schönheitszauber, der mir das Selbstvertrauen gab, mit Diana überhaupt zu reden. Und zwei Jahre, seit es Mina besser ging und sie mich verlassen hatte. Ich konnte mich an jedes wichtige Datum genau erinnern.

Ich wollte nicht, dass der Abend schon vorbei war, und so beeilte ich mich, das Schweigen zu beenden.

»Schaut, das Haus der Hekamistin«, sagte ich und zeigte die Straße hinunter.

Diana und Ari drehten sich danach um. Von außen sah es ganz normal aus, nur ein wenig heruntergekommen. Damals in der Grundschule erfand jemand die Geschichte, dass das Haus von einem Kraftfeld umgeben sei, das einen auslöschen oder verfluchen würde, wenn man zu nahe herankam. Erst Jahre später kam jemand darauf, dass Magie so überhaupt nicht funktioniert. Du musst etwas essen, um verzaubert zu werden. Also wurde die Geschichte geändert. Nun hieß es, man müsse Gras aus dem Vorgarten der Zauberin essen. Als ich vor sechs Monaten wegen meines Schönheitszaubers dort war, sah ich noch Stellen, die kahl aussahen, so als würden neue Generationen von Kids sich gegenseitig anstacheln, sich in die Nähe des Hauses zu wagen.

»Wie sieht es drinnen aus?«, fragte Diana.

»Diana!«, rief Ari, als hätte diese etwas Anstößiges gesagt.

»Ist schon okay«, erwiderte ich. »Alle wissen, dass ich mir einen Zauber geholt habe. Das tun ja eigentlich viele, man sieht nur nicht immer, was dabei herauskommt.«

Ari rieb sich das Handgelenk und ich erinnerte mich zu spät an die Sache mit ihren Eltern und dem Brand und ihrem alten Zauber. Diana wollte Ari anscheinend trösten, doch Ari wich ihr aus. Ich hatte noch nie gesehen, dass Ari jemanden umarmte oder berührte – außer Win.

»Der Zauber war in einem Mikrowellen-Burrito«, sagte ich. Dumm. Das Schweigen griff um sich und ich tappte blindlings hinein. »Ich fand das so komisch. Habt ihr jemals so etwas Komisches gehört? Ari, worin war eigentlich dein Zauber – nein, vergiss es, das wollte ich nicht – äh – es ist doch so verrückt, für was sich die Leute alles einen Zauber holen. Ich wollte ja nur einen kleinen, ihr wisst schon.« Ich deutete auf mein Gesicht und verdrehte eine Strähne meiner stets geschmeidigen Haare. »Eigentlich war die Hekamistin ja total nett. Hat nicht versucht, mir zu schmeicheln und mir einzureden, dass ich es nicht nötig hätte. Das fand ich gut. Wenn man hässlich ist, dann ist man eben hässlich, oder?«

Manchmal, wenn ich rede, wünsche ich mir, ich hätte nicht nur einen Schönheitszauber bekommen, sondern auch einen für Scharfsinn, zum Beispiel. Ari redete so schnell, dass ich ihr gar nicht immer folgen konnte. Und wenn ich dann mitzuhalten versuchte, laberte ich nur Unsinn.

»Du warst nicht hässlich«, bemerkte Diana.

»Jaja, schon gut, das musst du ja sagen.« Ich lachte, doch der Wind riss mein Lachen mit sich fort.

»Hey!« Aris Miene wurde finster und obwohl sie ein gutes Stück kleiner ist als ich, zuckte ich zurück. »Tu nicht so. Du bist toll. Wir sind alle toll, okay?«

Diana kicherte. »Ich bin so fantastisch, dass ich es kaum aushalte.«

»Genau! Diana hat es kapiert.« Ari wandte sich mit unbewegter Miene mir zu. »Die Sache ist die, Kay, ich bin fantastisch und ich bin nicht mit Leuten befreundet, die nicht fantastisch sind, ergo, und so weiter und so fort. Kannst du das akzeptieren?«

Ich wusste nicht recht, was sie meinte, aber es klang wunderbar, was immer es war – es klang wie ein Versprechen –, und so nickte ich. »Ja.«

Wir gingen weiter, drei Freundinnen, die auf unserer elenden Insel spät unterwegs waren und feierten.

Und ich hatte die nächsten paar Monate so klar vor Augen, dass ich von dieser Vorstellung zum Bersten voll war. Ich hatte Freundinnen, die mich mochten und die für mich da sein und mich verteidigen würden – sogar gegen mich selbst.

Wir hatten uns schon fast vom Haus der Hekamistin entfernt, als ich mit einem Mal das ganze Bild der Zukunft vor mir sah. Wir würden die besten Freundinnen sein und dann würde der Sommer kommen und sie würden mich verlassen. Diana würde auf den Reiterhof gehen. Ari zum Manhattan Ballet.

In der Zwischenzeit würde es in Cape Cod Sommer werden. Glückliche Menschen, die aus den Hotels und Ferienwohnungen strömten und die Strände und Geschäfte bevölkerten.

Nur ich würde allein sein.

Ich hielt inne.

Sie blieben ein, zwei Schritte später stehen. Drehten sich nach mir um, sahen mich an. Aris kleines, markant geschnittenes, aufregendes Gesicht und Diana mit ihrer samtigen Haut, den großen Augen und dem langen blonden Haar. Beide waren von Natur aus schön, sie würden nie wirklich verstehen, wie es war, nicht schön zu sein. Aber weil sie es nicht verstanden, deshalb liebte ich sie, weil sie ihre Sicht der Welt für die richtige hielten, obwohl ich der jahrelange personifizierte Gegenbeweis war.

»Alles okay, Kay?«, fragte Ari, stieß Diana scherzhaft einen Ellbogen in die Rippen und grinste über ihr Wortspiel.

»Alles gut«, antwortete ich. »Alles bestens. Ich bin fantastisch. Das weiß ich jetzt.«

Sie gingen zufrieden weiter. Ich schaute zum Haus der Hekamistin zurück und traf eine Entscheidung.

Sobald es hell war, wollte ich zu ihr gehen. Ich würde anklopfen, ohne Angst. Ich würde das Geld aus der Brieftasche meiner Mutter nehmen und exakt um das bitten, was ich brauchte.

Und das tat ich. Vier Tage darauf gab ich Ari und Diana je ein Cookie mit dem Zauber, der sie für immer zu meinen besten Freundinnen machen sollte.

Wenn sie den Zauber gegessen hatten, konnten sie mich nicht mehr verlassen. Noch in derselben Woche musste Dianas Reiterhof wegen Ungeziefer zumachen und Aris Tante beschloss, erst Anfang August nach New York zu ziehen, kurz vor Beginn von Aris Ausbildung.

Ich wollte nicht verändern, wer sie waren – ich wollte sie nicht zwingen, Dinge zu fühlen, die sie nicht von sich aus fühlten. Es ging bei dem Zauber nicht darum, aus nichts etwas zu machen und eine Beziehung neu zu erfinden. Vielmehr konnte ich ich sein und sie sie selbst, doch der Zauber würde sie mindestens alle drei Tage zu mir führen und sie würden sich nicht weiter als fünfzig Meilen von mir entfernen können. Glück und Zufall würden sie mir gewogen machen wie Blumen, die zur Sonne hin wachsen. Die Hekamistin nannte das einen Zauber mit »Haken«, einen Hook.

Sie würden loyal sein. Sie würden immer zu mir halten. Sie würden mich nicht verlassen und die Welt bereisen. Sie konnten mich nicht verlassen – der Zauber band sie an meine Nähe.

Meine Zauberformeln funktionierten besser, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich hatte Diana und Ari und ein schöneres Gesicht und ich war glücklich. Solange das Leben für sie ein wenig schlechter lief, waren wir zusammen.

3

MARKOS

AM TAG DAVOR

Sie fiel mir auf, wie einem »heiße« Mädchen eben auffallen: ein Blick aus dem Augenwinkel, ein kurzes Erhaschen dunkler Haare und Augen, ein Impuls, sich umzudrehen und hinzusehen. Erst als ich diesem Impuls nachgab und genauer hinschaute, erkannte ich sie. Die Tochter der Hekamistin.

Die alte Hekamistin kam oft am Haushaltswarenladen meiner Eltern vorbei, manchmal zusammen mit diesem Mädchen – sie lief immer hinter ihr her und beäugte alle voller Argwohn. Und sie trug immer schwarzen Eyeliner und einen langen schwarzen Mantel mit vielen Knöpfen, der um ihre Hüften wedelte, und sie hatte kurze, unordentliche schwarze Haare.

Ich sah sie hinter der Tribüne entlanggehen. Sie sah gut aus, aber wer hatte schon die Zeit und Energie, mit der Tochter einer Hekamistin auszugehen? Da müsstest du ja ständig auf der Hut sein und auf dein Essen aufpassen. Außerdem waren an der Schule hundert andere Mädchen, die keine Töchter von Hekamistinnen waren und auch super aussahen und mit denen es nicht so schwierig war. Ich kann also absolut sicher sagen, dass ich sie nicht ansprach, weil sie heiß war. Meine Gründe waren total selbstlos. Größtenteils jedenfalls.

Win verschwand gleich nach dem Training und winkte kaum, als ich ihm »Morgen Abend!« zurief. Als sein bester Freund hatte ich seine Samstagabende gepachtet, auch wenn er faul war und nicht kommen wollte oder wenn er zu mir kam und dann nur grübelte.

In letzter Zeit hatte er viel gegrübelt und ich wusste, dass es als sein bester Freund meine Aufgabe war, ihn aufzumuntern. Auch Ari hatte es versucht und mit vereinten Kräften schafften wir es normalerweise, ihn aus dem Sumpf zu ziehen. Er war schon immer leicht in düstere Stimmungen verfallen, schon seit unserer Kindheit, und deshalb kannte ich das Geheimnis, seine Laune aufzubessern: Man konnte ihn nicht darum bitten, glücklich zu sein. Man musste etwas tun.

Zufällig besaß ich fast tausend Dollar, die mir ein Loch in die Tasche brannten. Wenn ich das Geld nicht loswurde, würde meine Mutter es bestimmt finden und mich umbringen. Aber als ich Win sah, wie er schweigend, den Kopf gesenkt und mit quietschenden Reifen in seinem Pick-up vom Parkplatz düste, wusste ich genau, wie ich es loswerden wollte.

Die Tochter der Hekamistin wollte anscheinend auch gerade aufbrechen, deshalb lief ich zu ihr hin. Die anderen Jungs blieben auf Abstand, sie störten mich lieber nicht, wenn ich ein Mädchen ansprach.

»Wie geht’s?«, sagte ich.

Sie sah mich leicht erstaunt an.

»Ich bin Markos. Und du?«

»Ich frage mich, was du willst.« Sie sagte es nicht ärgerlich, aber ich verstand. Sie war auf ein Geschäft aus.

»Ich hatte eigentlich darauf gehofft, dass du mir helfen kannst.«

»Oh, das bezweifle ich. Du kommst doch allein offenbar gut klar«, erwiderte sie und ging los über das Baseballfeld. Ich wohnte in der entgegengesetzten Richtung, aber ich folgte ihr trotzdem.

»Du bist doch die Tochter der Hekamistin.«

»Ja, und?«

»Und ich möchte ihr einen Auftrag geben.«

Ich legte eine Hand auf ihren Arm, doch sie zuckte zurück, als würde ich ihr wehtun. Dann wandte sie sich zu mir um und taxierte mich. Ihre Attraktivität hatte etwas leicht Einschüchterndes, so als könnte sie sich jederzeit in einen Drachen verwandeln und Feuer auf einen spucken, aber auf eine sexy Art und Weise. Das Baseballfeld und der Fußballplatz lagen bereits hinter uns. Wir waren an dem mit Gestrüpp bewachsenen Niemandsland zwischen der Schule und einem heruntergekommenen, tief liegenden Teil der Stadt mit schäbigen Holzhäusern angekommen. Er erinnerte mich an die Orte, an denen Win sein ganzes Leben lang gewohnt hatte. Vertrocknete Rasen. Abbröckelnde Farben. Schiefe Fenster. Neben der Hintertür immer ein kaputtes Dreirad und in der Einfahrt ein verhedderter Gartenschlauch.

»Ich will morgen Abend eine kleine Party schmeißen«, erklärte ich. »Ich und mein bester Freund und seine Freundin.«

»Klingt nach ’ner Menge Spaß.«

»Ich will, dass es eine besondere Party wird«, fuhr ich fort und zog das Geld heraus. Die Tochter der Hekamistin verdrehte die Augen, als sie das Bündel Scheine sah. »Ich wette, deine Mutter könnte mir helfen, diese Party absolut genial werden zu lassen.«

Sie biss sich auf die Lippe und rieb sich, wo ich sie festgehalten hatte, den Arm. »Hast du irgendeine besondere Vorstellung?«

Ich erklärte ihr meine Idee und sie nickte wie geistesabwesend, den Blick auf das Geld geheftet.

»Also, sagst du ihr Bescheid?«

Ihr Blick traf wieder den meinen und sie kniff die Augen zusammen. »Du bist Markos Waters, nicht wahr? Vom Waters’ Haushaltswarengeschäft? Der mit den vielen Brüdern?«

»Genau.«

»Ihr seht euch alle irgendwie ähnlich.«

Sie meinte wohl, dass wir alle schwarze Haare, blaue Augen und eine Adlernase haben. Wenn man uns vier nebeneinanderstellt, sehen wir aus wie auf einem Zeitraffer-Foto. »Danke schön.«

Sie legte grinsend den Kopf schief. »Das war kein Kompliment.«

Ich lächelte sie an. Das Gespräch war vom Thema abgekommen und sie konnte sich in jedem Moment in einen Drachen verwandeln. Gegen ein bisschen Geplänkel hatte ich eigentlich nichts, aber mein Eindruck war zunehmend der, dass sie vielleicht gar nicht flirtete, sondern mich wirklich nicht mochte, und das war komisch. Ich war ein ziemlich guter Typ. Alle wussten das. »Du kannst ganz schön kratzbürstig sein, weißt du.«

»Warte mal, das muss ich mir erst in mein verheultes Tagebuch schreiben.«

»Was hast du eigentlich gerade beim Training gemacht, wenn es nicht ein Versuch war, Aufträge an Land zu ziehen?«

»Das geht dich nichts an«, konterte sie und nahm mir das Geld aus der Hand. »Aber ich bin auch eine Hekamistin. Ich erledige das für dich.«

»Oh, verdammt«, sagte ich. »Na gut.«

Sie sah absolut nicht wie eine Hekamistin aus. Gar nicht alt wie die Weiber, die man im Fernsehen für die Rechte von Hekamistinnen streiten sieht, oder die abgefeimten oder verkannten Hekamistinnen im Kino. Nicht wie die altersschwachen und verrenkten und gackernden und klapperdürren Hekamistinnen, die ohne BH herumlaufen und auf die Natur abfahren. Junge Hekamistinnen sollte es eigentlich gar keine mehr geben. Vor zwanzig Jahren versuchten ein paar von ihnen, die Regierung von Frankreich zu stürzen, seither werden die Supermärkte und Restaurants dort ständig kontrolliert und es ist praktisch überall illegal, einem Zirkel beizutreten. Deshalb werden die, die noch übrig sind, alle verrückt und sterben aus.

Also war das Leben dieses Mädchens praktisch komplett illegal.

Langsam zählte sie die Scheine, ohne aufzusehen. »Du wirst mich nicht verpfeifen, nicht wahr?«, fragte sie und versuchte, dabei ganz locker zu klingen.

»Aber klar. Das hier ist ein Undercovereinsatz. Mein Bruder hört mit – er ist ’n Bulle – und er ist ganz wild darauf, endlich die minderjährige Hekamistin zu fassen, die versucht, das gesamte Baseballteam der Highschool zu ihren Sexsklaven zu machen.«

»Im Ernst jetzt.«

»Im Ernst, das würde ich nie tun. Ich bin kein Moralapostel; was du tust, ist mir egal. Und das hier ist ein Geschäft.«

Die Hekamistin steckte das Geld in eine ihrer Jackentaschen. Ihr Feuer speiender Blick wurde weicher. »Weißt du etwas über Magie?«

»Nein.« Ich grinste. »Bringst du’s mir bei?«

»Wenn du willst.«

»Dann haben wir also einen Deal?«

Sie nickte und ich verabschiedete mich und ging. »Macht Spaß, Geschäfte mit dir zu machen.«

»Echo«, sagte sie. »So heiße ich.«

»Echo. Dann bis morgen also.«

Ich wusste, sie würde tun, was ich wollte, und zwar nicht nur wegen des Geldes. Sie kam mir vor wie jemand, der tat, was er sagte, und sagte, was er meinte.

Außerdem hatte ich damals eine Menge bescheuerter Vorstellungen. Ich glaubte, die Welt würde sich nach mir richten. Wenn ich mir etwas ausdachte, dann tat ich es. Wenn ich etwas wollte, nahm ich es mir. Wenn die Realität nicht ganz mit dem übereinstimmte, was ich in meinem Kopf hatte, dann war die Realität das Problem, nicht ich, und schließlich würde sie sich nach mir richten, genau so, wie es die Tochter der Hekamistin getan hatte.

Ich hatte noch nichts kapiert. Ich hatte die ganze Zeit über nur Glück gehabt. Die Welt richtet sich nach niemand, nicht einmal nach Markos Waters.

Am nächsten Abend war Win tot.

TEIL II

Nebenwirkungen

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4

WIN

Meine liebste Erinnerung an Ari ist die an einen Tanzabend – das ist nicht überraschend. Aber nicht an eine ihrer Ballettaufführungen, die schön und kompliziert waren wie bewegte Skulpturen, sondern an den Schuljahrsball in der elften Klasse. Wir waren damals schon ein paar Monate lang zusammen und ich wusste, ich mochte sie, sehr sogar, aber dieser Ball veränderte alles.

Dabei hatte er ganz und gar nicht gut angefangen. Der Anzug, den meine Mutter im Secondhandladen gekauft hatte, und dieses selbst gebastelte Anstecksträußchen, das meine Schwester Kara für Ari vom Rosenstrauch eines Nachbarn gebrochen hatte – ich kam mir vor wie ein Betrüger, ein Hochstapler, der sich seinen Weg ins Leben eines anderen Menschen erschlichen hatte. Ich sah das als den Grund für die schwarze Wolke, die mir in die Turnhalle folgte, auch wenn sie in Wirklichkeit schon seit Tagen – vielleicht Wochen – über mir schwebte.

(Vielleicht sogar schon mein ganzes Leben lang. Denn solange ich zurückdenken konnte, hatte ich gespürt, dass ein Gewicht auf mir lastete. Manchmal war es kaum wahrnehmbar, an anderen Tagen aber war es mir vorgekommen wie ein schwerer Sandsack. So ein Tag war auch dieser gewesen.)

Dass sich das Zusammensein mit Ari anfühlte wie der größte aller Schwindel, half mir auch nicht weiter. Sie war so schön und talentiert und stark und so weiter. Das alles hatte mich zu ihr hingezogen, aber nun, da wir zusammen waren, schienen mich ihre Schönheit und ihr Talent und ihre Stärke auf Distanz zu ihr zu halten. Ich war in jeder Hinsicht Durchschnitt. Ein annehmbarer Shortstop beim Baseball, ja, aber Trompete spielte ich miserabel. Ich hatte eine Schwester und eine Mutter, die ich liebte, und ich hatte gute Noten und echte Freunde. Aber Ari war besonders. Sie war eine der besten Balletttänzerinnen der Gegend. Sie hatte eine tragische Vergangenheit überwunden. Sie hatte Ausstrahlung, sie war die Figur im Gemälde, auf die der Maler einen ganzen Tag verwendete, bevor er mich dann flugs in eine Ecke hineinmalte.

Als wir an diesem Abend in die Schule kamen, lief Ari mit ihren Freundinnen sofort auf die Tanzfläche. Markos und ich standen in einer Ecke und ließen die Flasche, die er mitgebracht hatte, hin und her wandern.

»Das heißeste Mädchen in der Klasse?«, fragte er.

»Ari.«

»Na komm. Mal ehrlich.«

»Ich meine es ehrlich. Pass auf, was du über meine Freundin sagst!«

Er verdrehte die Augen. »Also gut, ich probier’s noch einmal: Das heißeste Mädchen, das ich abschleppen könnte?«

»Serena Simonsen.«

»Jetzt warst du aber schnell! Bist du sicher, dass du die nicht selbst anmachen möchtest?«

»Hör mal, Alter. Du weißt doch, dass ich das nicht tun würde.«

Er prostete mir mit der Flasche zu. »Was bist du nur für ’n guter Junge!«

Auf der anderen Seite des Raums sah ich Ari tanzen und ich sah, dass sie wirklich versuchte loszulassen – keine Takte mehr zu zählen und nicht mehr darauf zu achten, wie sie sich bewegte. Dass sie versuchte, zu uns Normalen zu gehören. Dass ich sie gut genug kannte, um zu wissen, was sie dachte, traf mich wie ein Schlag in die Rippen und ich bedauerte Markos dafür, dass er meinte, ein »guter Junge« zu sein, sei etwas Schlechtes.

»Wie wär’s mit Kay Charpal?«, sagte ich, weil sie gerade neben Ari tanzte.

Markos schüttelte den Kopf. »Zu künstlich aufgepeppt.«

»Die Hälfte der Mädchen hier haben sich per Zauber aufhübschen lassen. Wen kümmert das schon?«

»Die meisten von ihnen haben davor schon gut ausgesehen. Erinnerst du dich noch daran, wie Kay früher aussah … » Er verzog sein Gesicht zu einer Sauregurkenmiene.

»Du bist ein echtes Arschloch.«

»Ich bin ehrlich. Ist doch nicht mein Fehler, wenn die Leute nicht mit der Wahrheit klarkommen.«

»Ich würde sagen Diana, aber dann würde Ari dich umbringen.«

»Und ich brauche auch wenigstens ein Minimum an Persönlichkeit.« Er sah lachend auf seine Uhr.

»Oh nein«, stöhnte ich.

»Was denn?« Er riss die Augen auf, als würde ihn das unschuldig aussehen lassen.

»Bitte sag mir jetzt nicht, du hast was ausgeheckt.«

Markos grinste. »Ich muss doch unserem Ruf gerecht werden!«

Markos’ ältere Brüder hatten uns jahrelang von ihren Streichen beim Schulabschlussball erzählt. Brian hatte eine Ziege in einem Smoking als sein »Date« mitgebracht, Dev hatte an einen Basketballkorb einen Laserprojektor montiert, der Beleidigungen an eine der Wände warf, und Cal hatte sämtliche Musik des DJs einfach mit »ABC« von Jackson Five überspielt.

»Haben die das nicht immer in der Abschlussklasse gemacht?«

Markos legte einen Finger an die Nase. »Im Abschlussjahr wird mich die Verwaltung mit Argusaugen beobachten. So viel zum Überraschungselement.«

Er blickte angespannt in die Menge und ich beobachtete sie ebenfalls, um herauszufinden, wonach er Ausschau hielt. Mir kamen alle normal und gut gelaunt vor. Als ich mich wieder zu Markos umdrehte, war er plötzlich verschwunden. Ich dachte daran, ihn zu suchen, aber das hätte wahrscheinlich die Überraschung zunichtegemacht, deshalb drängte ich mich durch die Leute zu Ari vor. Sie rief meinen Namen und hakte sich bei mir ein, ohne mit dem Tanzen aufzuhören. Ich bewegte mich vor und zurück und versuchte, ihr möglichst nicht auf die Zehen zu treten.

Sie trug ein schulterfreies blaues Kleid, das hinten länger war als vorne. Ihre bloßen, mit kleinen Sommersprossen bedeckten Schultern hatte ich zuvor schon gesehen, bei ihren Auftritten, und vielleicht stellte ich mir deshalb vor, wie sie mit durchgedrücktem Rücken hochgehoben wurde und über allen Köpfen zu schweben schien. Ich konnte das nicht mit ihr machen und tanzte einfach weiter.

Als ein langsames Lied kam, sah sie mich an und legte dann die Hände auf meine Schultern. Ich umfasste ihre Taille und wiegte mich mit ihr im Takt der Musik. Der blaue Stoff ihres Kleids war warm von ihrem Körper, aber so glatt, dass ich fürchtete, meine Hände würden daran abrutschen. Ich hatte Angst, sie zu dicht an mich zu ziehen; nicht, weil ich befürchtete, ihr wehzutun – ich wusste ja, dass sie viel stärker war als ich –, sondern, weil ich damit verraten könnte, wie sehr ich sie begehrte. Dann würde sie auf Abstand gehen und man würde sehen, dass sie mich nicht so begehrte wie ich sie. Unser Tanz – unsere Beziehung – balancierte gleichsam auf einer Wippe. Brachte ich mein ganzes Gewicht ein, dann würde ich auf der Nase landen und sie davonfliegen.

»Spüre die Musik in deinem Inneren«, sagte Ari mit einem europäischen Akzent – sie imitierte ihre Ballettlehrerin. »Was sagt sie dir?«

Ich horchte. »Sie sagt, ich bin eine Ballade von einer Boy-Band mit einem unsinnigen Text.«

Ari lachte. »Wie kannst du nur so was sagen! Ich überlege, mir diese Zeile auf den Hintern tätowieren zu lassen!«

»›Waking this spire for you‹?«

»Nein, sie heißt ›quaking desire for you‹ – ich halt es ohne dich einfach nicht aus!«

»Na, so wie du das sagst, klingt es gleich wie Poesie.«

Sie lächelte mich an, was einer Einladung gleichkam. Bevor ich mich wieder nicht traute, schnellte ich vor und gab ihr einen raschen Kuss. Danach lächelte sie noch immer, aber vielleicht waren ihre Wangen röter als zuvor.

»Du bist so ziemlich der Allerbeste, Win Tillman«, sagte sie.

Das war es – ich wollte etwas erwidern, das verriet, wie sehr ich sie mochte, doch dann würde die Wippe nach unten sausen. Ich spürte, wie Worte aus mir herausdrängten, und wusste nicht, wie ich sie aufhalten konnte oder ob ich das überhaupt wollte.

Von der Decke tropfte etwas Nasses, Seifiges und lief mir in die Augen. Ich ließ Ari los, um es abzuwischen, und im selben Augenblick begann das Geschrei. Als ich wieder etwas sah, starrte Ari lachend an die dunkle Decke der Halle hinauf. Aus den Belüftungsschlitzen über uns fielen große Tropfen Seifenlauge herunter. Die Mädchen um uns herum versuchten, ihre hochgesteckten Haare zu schützen, und viele Jungs kamen mit ihren vornehmen Schuhen auf dem nassen Boden ins Rutschen.

»Das ist ja super, aber ich kapier nicht, was hier läuft«, rief Ari. »Wo ist denn Markos?«

Ich nahm sie an der Hand und wir rutschten und schlitterten in Richtung Ausgang. Die meisten beeilten sich, auf den Parkplatz hinauszukommen, doch wir liefen weiter in das dunkle Schulgebäude hinein. An einer Gabelung im Korridor blieben wir stehen und dann hörten wir Stimmen.

Am Ende des rechten Gangs stand Markos, den Kopf an einen Spind gelehnt und die Arme verschränkt. Vor ihm hatte sich ein Bulle aufgebaut.

»… von Glück reden, dass ich in der Schule Dienst habe und nicht jemand anders. Das ist einfach unglaublich blöd, Markos«, sagte der Polizist gerade und ich wusste schon, bevor wir nahe genug kamen, um ihn zu erkennen, dass es Markos’ Bruder Brian war. Ich lief die letzten zehn Meter auf die beiden zu, gefolgt von Ari. Brian drehte sich zu uns um. »Win, geht auf die Tanzfläche zurück.«

»Was ist denn los?«, fragte ich.

»Markos hat Seifenblasenmaschinen in die Lüftungsschlitze gestellt.«

»Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst«, erklärte Markos.

»Ach ja? Wenn ich also im Geschäft nachsehe, dann werde ich nicht feststellen, dass eine ganze Menge Sachen fehlen?«

»Viel Spaß dabei.« Jeder wusste, dass der Haushaltswarenladen von Markos’ Familie nie aufgeräumt war; wahrscheinlich setzte Markos genau darauf. Auch Brian wusste das natürlich. Womöglich legte sich seine Stirn deshalb noch stärker in Falten.

»Ich sollte dich festnehmen, Markos. Vielleicht wäre dir das eine Lehre.«

»Hör mal, Brian! Was ist denn mit all den Sachen, die du und Dev und Cal angestellt habt?«

Brian funkelte ihn wütend an. »Das ist doch etwas völlig anderes! Du hast die Halle unter Wasser gesetzt!«

»Unter Wasser gesetzt? Das sind doch bloß ein paar Seifenblasen!«

»Das sind keine Blasen mehr, wenn das Zeug durch die Lüftungsschlitze läuft, du Vollpfosten! Dann ist es einfach nur Seife!«

»Du bist so ein Heuchler.«

»Und du bist so ein Arschloch! Das ist ein Schaden von ein paar Tausend Dollar und keiner weiß, was es überhaupt sein soll! Noch nicht mal einen simplen Scherz kannst du richtig austüfteln!«

Markos zuckte zurück. Ich trat instinktiv zu ihm – meinem besten Freund durfte niemand etwas tun –, aber noch ehe ich ihn erreichte, drückte sich Ari zwischen ihn und seinen Bruder. »Das war nicht Markos«, erklärte sie. »Er ist den ganzen Abend mit uns zusammen gewesen.«

Brian verdrehte die Augen. »Ich hab ihn hier draußen gefunden, nicht dadrinnen bei euch!«

»Er ist gerade eben rausgegangen, ich schwöre! In der kurzen Zeit hätte er das niemals machen können!«, beharrte sie. »Und es ergibt auch keinen Sinn, Brian – ich meine, Officer Waters. Denn ihr habt eure Scherze immer im letzten Schuljahr gemacht, richtig? Also wieso sollte Markos seinen jetzt machen?«

Brian brauchte einen Moment, um diesen logischen Gedanken zu verarbeiten, dann wandte er sich wieder Markos zu. »Stimmt das?« Markos sah niemanden an, doch er nickte. »Was hast du dann hier draußen gemacht?«

Markos räusperte sich und schaute den Korridor auf und ab. Für den Bruchteil einer Sekunde begegnete er meinem Blick und zwinkerte. »Ein Mädchen getroffen. Du hast sie wahrscheinlich weggescheucht. Vielen Dank dafür, nur so nebenbei.«

Brian prustete angewidert. »Du stehst also für ihn ein«, sagte er schroff zu Ari.

Ari baute sich vor ihm auf und blickte ihm geradewegs in die Augen. »Markos war es nicht, Officer.«

Brian sah mich an. Markos und Ari ebenfalls. Jetzt war es an mir, eine Entscheidung zu treffen.

Aber was mich und Markos angeht, braucht es nie eine wirkliche Entscheidung. Ich kann mich immer auf ihn verlassen und er sich auf mich. »Ari sagt die Wahrheit.«

Brian starrte uns einen Augenblick lang an, dann machte er auf dem Absatz kehrt und stapfte den Korridor hinunter.

»Das war lustig«, meinte Markos grinsend, sobald sein Bruder außer Sicht war.

Ari gab ihm einen Boxhieb auf die Brust. »Du Idiot! Du hast gerade einen Bullen angelogen!«

»Er wollte dir glauben. Also habe ich es gar nicht so ganz vermasselt.« Markos drückte sich von dem Spind ab und strich sein Jackett glatt. »Habt noch einen fantastischen Abend, ihr Turteltauben.«

»Wo willst du hin?«, fragte ich ihn.

»Oh, meine Familie belüge ich nie.«

Hinter uns hörte ich ein Kichern – aus der Tür eines dunklen Klassenzimmers winkte Serena Simonsen und Markos winkte zurück. Ari verdrehte die Augen und Markos legte im Vorbeigehen eine Hand auf meine Schulter und beugte sich zu mir. »Sie ist okay. Du kannst sie behalten«, murmelte er mir ins Ohr, als sei es seine Entscheidung oder auch meine, ob Ari bei mir blieb oder nicht.

Ich packte ihn rasch am Arm. »Vielleicht ist sie ja damit gar nicht einverstanden.« Vielleicht will sie mich ja nicht. Mich Durchschnittsmenschen. Mich Hochstapler.

»Machst du Witze? Sie fährt voll auf dich ab. Du hast wohl keine Augen im Kopf!«

Ari und ich sahen zu, wie Markos und Serena in einem leeren Klassenzimmer verschwanden, und dann gingen wir wieder in die Halle zurück. Auf dem Weg dorthin tat ich, was Markos gesagt hatte, und betrachtete sie. Nicht mein Bild von ihr. Nicht die Ari, die schwerelos auf Zehenspitzen über die Bühne schwebte. Nicht die, deren Eltern starben, als sie noch ein Kind war. Sondern das Mädchen vor mir, das sich gerade zu mir beugte und mich strahlend ansah.

Zurück in der Halle schlangen wir sofort die Arme umeinander. Aus den Heizungsschlitzen an der Decke tropfte immer noch Seifenlauge herunter. Aris Kleid war so glatt und der Boden so glitschig, dass ich sie so fest an mich drücken durfte, wie ich wollte, da sie mir sonst entgleiten und wir beide hinfallen würden. Meine Hände trafen sich hinter ihrem Rücken. Und sie hielt mich ebenso fest – ihre Hände verschränkten sich an meinem Nacken, vergruben sich in meinen Haaren, sie drückte ihre Wange an mein Schlüsselbein – und ich spürte durch den Stoff meines Secondhandanzugs ihr Herz schlagen.

Die, die sich über ruinierte Klamotten und Frisuren ärgerten, waren längst gegangen, aber viele waren auch geblieben. Die Beleuchtung war ausgeschaltet worden, wahrscheinlich aus Angst vor einem Stromschlag, und so war die Halle dunkel bis auf den Schein vieler Handys, der vom Glitzern und Glänzen der Ballkleider reflektiert wurde. Ein Geruch wie im Waschsalon lag in der Luft, und da auch der DJ längst weg war, konnte man hören, wie die Leute lachten und versuchten, zur Musik aus einem kleinen Lautsprecher, den jemand an sein Handy angeschlossen hatte, zu tanzen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Brian oder sonst jemand, der etwas zu sagen hatte, uns hinausschmeißen würde, und so nutzten wir diese letzte Chance.

Ari ließ sich entspannt gegen mich sinken. Bemühte sich nicht mehr, auf eigenen Beinen zu stehen. Wir verschmolzen miteinander.

»Du hast Markos den Arsch gerettet«, sagte ich zu ihr.

»Brian ist zu hart mit ihm.«

»Ich habe gar nicht gedacht, dass du ihn magst. Markos, meine ich.«

Mit einem Seufzer sank sie noch schwerer in meine Arme. Ihre Haare waren nass und zerdrückt, ihr Make-up war verlaufen und rieb sich jetzt in meinen Anzug und ihr Kleid hatte seine Form eingebüßt und war schmutzig geworden. Aber sie war so schön wie nie zuvor, als sie den Kopf gerade so viel anhob, um mir ins Ohr flüstern zu können.

»Nicht so sehr, wie ich dich mag.«

Mit ihrer seifigen Haut schmiegte sie sich eng an mich. Hielt mich fest in ihren Armen, als wollte sie mich nicht mehr loslassen. Sie zitterte ein wenig, ein Schauder vielleicht. Nein, sie war nicht aus Stein und Marmor. Und auch nicht perfekt und unerreichbar. Sie war hier, direkt bei mir, und sie hatte sich für mich entschieden.

»Ich liebe dich«, murmelte ich.

Sie sah mich an, ein strahlender Blick. Erleichtert bemerkte ich, dass keine Überraschung darin lag. »Ich liebe dich auch.«

Wir wiegten uns hin und her. Tanzten. In der Dunkelheit und Nässe, wir beide zusammen, ganz für uns.

Das ist aus Tausenden von Erinnerungen an Ari meine liebste. Die, die mir immer gewärtig ist, mein Talisman. Dies war das Mädchen, das ich liebte.

5

ARI

Alle sagten mir ständig, wie sehr ich Win geliebt hatte. Tante Jess, Diana. Sogar ich selbst: Da war dieser Zettel, den ich unter meinem Kissen fand. Manchmal dachte ich, ich würde anfangen, es zu spüren. Als würde ich eines Tages aufwachen und wieder traurig sein. Als sei der Kummer ein Virus und meine Impfung lediglich von vorübergehender Wirkung.

Der Zettel. Wenigstens hatte ich daran gedacht, den Zettel zu schreiben.

Am Freitagmorgen wachte ich auf – der erste Freitag im Juni, nachdem die Schule zu Ende gegangen war – mit schmerzendem Handgelenk, was zum Teil von der alten Nebenwirkung kam und zum Teil, weil ich mit dem Arm unter dem Kissen geschlafen hatte, mit einem Stück Papier in der Hand. Ich las den Zettel wieder und wieder. Er war aus einem gebundenen Tagebuch gerissen und hatte einen ungeraden Rand. Ich erkannte die Handschrift – meine –, und wenn ich mich stark konzentrierte, konnte ich mich daran erinnern, dass ich die Worte darauf geschrieben hatte. Aber es war eine seltsame Erinnerung, eher, als würde ich einen Film ansehen, als dass die Bilder aus meinem Inneren stammen würden. Ich konnte mich daran erinnern, wie ich den Stift über die Seite bewegte, aber nicht an das, was ich dabei gedacht hatte.

Du hattest einen Freund. Win Tillman. Du hast ihn geliebt. Über ein Jahr lang. Er starb. Es ist zu schwer. Wenn dieser Zauber funktioniert, wirst du dich nicht mehr an ihn erinnern.

Win. Win Tillman. Win, Win, Win …

Ich konnte dem Namen kein Gesicht zuordnen.

Ich erinnerte mich, wieder so, als würde ich einen Film anschauen, wie ich zum Haus der Hekamistin hinter der Schule gegangen war und mit dem in meinem Schrank gefundenen Geld für einen Zauber bezahlt hatte. Ich konnte mich sehen, wie ich es tat. Ich sah dabei so traurig aus. Aber wieder war die Erinnerung nicht etwas, das ich erlebt hatte. Das Einzige, was sich wahr und wirklich anfühlte, war der Moment, als sie mir von ihrer Tochter erzählt hatte, und ich hatte an meine Mom gedacht. Dieser Austausch setzte sich auf dreifache Weise fort.

Ich konnte mich an niemanden mit dem Namen Win erinnern. Soweit ich zurückdenken konnte, hatte ich nie einen Freund gehabt. Letztes Jahr im Summer Institute hatte ich ein bisschen mit meinem Pas-de-deux-Partner herumgemacht, aber das war nur flüchtig gewesen, nichts Ernstes.

Ich muss so traurig gewesen sein. Ich erinnerte mich daran, dass ich weinen wollte und mich fühlte, als würde ich zerbrechen. Aber ich wusste nicht mehr, warum.

Ich war nicht mehr traurig. Nur durcheinander.

Also rief ich Diana an. Sie hob sofort ab, ihre Stimme klang seltsam leise und ernst. »Wie geht es dir?«

»Hm. Gut.«

»Möchtest du, dass ich zu dir komme?«

»Nein, nein, ist schon okay.«

»Die Beerdigung ist morgen.«

»Wie? Ach so. Natürlich.«

»Weißt du, was du sagen wirst?«

»Ich … ähh …«

Es schien Diana nichts auszumachen, dass ich keine Worte fand. »Jeden Tag wache ich auf und kann es einfach nicht glauben, dass er gegangen ist. Ich … ich kann es einfach nicht glauben. Also, wir müssen nicht drüber reden, wenn du nicht willst. Vielleicht lassen wir es besser. Tut mir leid, dass ich das Thema angeschnitten habe. Aber ich möchte nicht, dass du denkst, ich klammere es einfach aus. Denn ich denke darüber nach. Gott, ich kann nicht mal … ich kann es nicht glauben.«

Ich schaute auf den Zettel und dann zum Fenster hinaus und bog geistesabwesend mein Handgelenk ab. Offenbar hatte ich Diana nichts von dem Zauber erzählt. Sollte ich? Auf dem Zettel stand nichts darüber. So wie sich mein Kopf anfühlte – voller Starts und Stopps, schwarzer Löcher und verschwommener Konturen –, konnte ich anscheinend keine Entscheidung fällen. Diana und ich machten alles zusammen, wir verschwiegen einander nichts. Oder doch?

Draußen schien hell die Sonne und das Gras war grün. Ein herrlicher Tag. In einer halben Stunde hatte ich Ballettunterricht und ich wollte hingehen. Dort musste ich wenigstens nicht reden.

Ich konnte Diana auch später erzählen, was ich gemacht hatte.

»Ich auch nicht«, sagte ich.

»Kay ruft die ganze Zeit an. Will dir Aufläufe backen.«

»Nett von ihr.«

»Ja. Wenn ich rüberkommen soll, muss sie mich wahrscheinlich fahren.« Dianas Auto ging oft kaputt und dann musste sie Kay bitten, sie zu chauffieren.

»Vielleicht kommst du besser nicht.«

»Ach, Ari, ich weiß nicht, was ich machen soll.«

»Ja. Ich auch nicht.«

»Du musst gar nichts machen. Ich meine, du kannst machen, was du willst.«

»Ich will ins Ballett gehen«, erwiderte ich.

Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause. »Du solltest dich für eine Weile schonen. Dir nicht so viel abverlangen.«

»Das Ballett ist im Moment das Einzige, was ich wirklich will.«

Es war Freitag. Das letzte Mal hatte ich vor über einer Woche getanzt. Ich erinnerte mich an die Kombination, an der wir gearbeitet hatten, an die Musik, an jeden Schritt. Ich erinnerte mich an mein Körpergefühl … wie ein einziger Muskel. Mein Arm, mein Knöchel, meine Hüfte, mein Augenlid – alles eins, fest verbunden und bereit.

Alles war okay, wenn ich nur tanzen konnte.

Ich sagte Diana Tschüss und zog, so schnell ich konnte, meine Tanzklamotten an. Etwas fühlte sich sofort seltsam an. Ich konnte nicht genau sagen, was, aber ich fühlte mich insgesamt komisch. Vielleicht hatte ich Muskelkater, aber nichts tat mir wirklich weh, abgesehen von dem Schmerz in meinem Handgelenk.

Ich bekam ein seltsames Gefühl im Bauch. Schlimmer als Nervosität, aber vielleicht nicht ganz so schlimm wie Panik. Noch nicht. Ich hielt mein schmerzendes Handgelenk vor die Brust, als wollte ich es schützen.

Tante Jess schien überrascht, als ich, die Haare zu einem Knoten drehend, die Treppe hinunterstolperte.

»Fährst du weg?«, fragte sie.

Ihre Augen waren gerötet. Ich berührte die Haut um meine Augen: verquollen, weich. Ich hatte auch geweint.

Sie trug dieselbe Arbeitshose und das karierte, kurzärmlige Button-down-Hemd wie immer, aber zum ersten Mal kam sie mir alt vor. Sie war nur fünfzehn Jahre älter als ich, doch ihre Traurigkeit vertiefte die Falten in ihrem Gesicht und ich hätte schwören können, dass sie mehr graue Haare hatte als beim letzten Mal, als ich darauf geachtet hatte. Bald schon vielleicht würde jemand in ihrem Café sie eine alte Schachtel nennen und damit auch noch recht haben.

»Ich dachte, wir könnten miteinander reden«, sagte sie. »Ein wenig Zeit miteinander verbringen. Ich habe mir freigenommen.«

»Das ist nett von dir. Danke.«

»Ist doch selbstverständlich, dass ich mir freinehme.« Dass ich ihr dankte, schien ihr nicht recht zu sein.

Es war offensichtlich, dass ich auch Jess nichts von dem Zauber erzählt hatte. Sie glaubte, ich würde noch immer trauern, so wie sie. Ich musste es ihr sagen.

Meine Beine begannen zu zittern.

Später.

Zuerst tanzen. Tanzen, und dann würde ich wieder klarkommen.

»Ich möchte wirklich tanzen«, erklärte ich. »Das ist … das Einzige, was ich möchte.«

Jess starrte mich an, als wollte sie sagen: Tatsächlich?! – dieser Blick, bei dem sie für gewöhnlich ihren Bizeps mit den Tattoos darauf anspannte. Dann wurde ihre Miene sanfter und sie nickte. »Komm danach gleich wieder nach Hause.«

»Mache ich.«

Ich umarmte sie und sie zog mich fest an sich. In unserer Mini-Familie aus zwei Personen kam das nicht allzu oft vor. Aber es war nicht nur meine mangelnde Erfahrung, die mir ein komisches Gefühl gab. Dieses Gefühl, das ich in meinem Zimmer gehabt hatte – dieses seltsame Irgendetwas-stimmt-Nicht, kroch mir über die Arme wie eine Gänsehaut.

»Ich liebe dich«, sagte sie.

»Ich dich auch«, antwortete ich und eilte zur Tür. »Bis dann.«

Das komische Gefühl in meinem Bauch wurde noch stärker.

Die anderen Tänzerinnen starrten mich an, als ich den Umkleideraum betrat.

»Mein aufrichtiges Beileid«, sagte eine und daraufhin murmelten die anderen alle etwas Ähnliches. Dann schauten sie auf ihre rosafarbenen Schuhe und versuchten, den Blickkontakt mit mir zu vermeiden.

Rowena, eine ehemalige Primaballerina am Royal Ballet und seit neun Jahren meine Lehrerin, umarmte mich (ebenso unbeholfen und gutmeinend wie Jess), als ich den Saal betrat, aber sie schien nicht überrascht, mich zu sehen. Vielleicht war es ja doch das Richtige gewesen, tanzen zu gehen. Hierher gehörte ich, in diesen Übungsraum mit seinem Holzboden, drei verspiegelten Wänden und einer Fensterwand. Der alte Pianist spielte in seiner Ecke leise vor sich hin wie immer und wie immer roch es nach Schweiß und Talkum.

Ich schloss die Augen und versuchte, mich auf das Tanzen zu konzentrieren, darauf, meinen Körper in Bewegung zu bringen. Aber mein Kopf gab mir keine Ruhe. Ich konnte keine konkreten Gedanken fassen, sie irrten in einem großen weißen Raum umher, unfähig, irgendwie und irgendwo zur Ruhe zu kommen. Ich versuchte, Kontakt zu meinen Muskeln und Gelenken herzustellen, doch alles, was ich spürte, war der ständige, pulsierende Schmerz in meinem Handgelenk. Normalerweise konnte ich ihn ignorieren – damit hatte ich jahrelange Erfahrung –, doch dieses Mal wollte es mir nicht recht gelingen, ihn auszublenden.

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