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Das Spiel der Wellen

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte und sich zu einer außergewöhnlichen Erzählerin entwickelte, die THE TIMES als »eine authentische Stimme ihrer Zeit« feierte.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Südengland, dem Schauplatz vieler ihrer Romane.

Marcia Willett

Das Spiel der Wellen

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Sonja Schuhmacher
und Rita Seuß

BASTEI ENTERTAINMENT

EINS

Es war Frühherbst, und im strahlenden Licht, das durch die offene Tür fiel, tanzten Sonnenstäubchen. Der Glanz überflutete die alte Sitzbank, ließ den großen Kupferteller auf dem Eichentisch leuchten und warf einen zarten Schimmer auf den großen, schon etwas verblichenen Seidenteppich an der Wand unterhalb der Galerie. Ein Paar knöchelhohe Gummistiefel lagen, achtlos abgestreift, auf dem Granitfußboden, und auf dem abgewetzten Kissen der Sitzbank stand wie vergessen ein Weidenkorb mit Bindfaden, einer Gartenschere, einer alten Pflanzkelle und Papiertütchen mit wertvollem Saatgut.

Das ferne Zirpen der Grillen und das Murmeln des Bachs untermalten die friedliche Stille. Bald würde die Sonne hinter der zum Meer abfallenden Klippe verschwinden und lange Schatten auf den Rasen werfen. Es war fünf Uhr: die Vorlesestunde.

Der Rollstuhl löste sich aus dem Schatten. Lautlos glitten die Gummireifen über den Fußboden mit den gesprungenen Mosaiksteinchen, ehe sie vor dem Salon zum Stillstand kamen. Die Gestalt im Rollstuhl saß regungslos, den Kopf geneigt, und lauschte Stimmen, die aus der Vergangenheit zu ihr drangen. Sie sah kleine Füße, die über die Chintzbezüge von Sofa und Sesseln kletterten, einen Stickrahmen mit einem halb fertigen Bild 

Pscht! Jemand liest eine Geschichte vor. Die Kinder scharen sich um die Mutter. Zwei größere Mädchen nehmen das Kleinste zwischen sich auf das Sofa; ein anderes liegt bäuchlings auf dem Boden, in ein Puzzlespiel vertieft, mit einem Bein in der Luft strampelnd – einziges Zeichen mühsam unterdrückter Energie. Ein anderes Kind sitzt auf einem Hocker neben der Mutter, eifrig bedacht, die Bilder zu betrachten, die die Geschichte illustrieren.

»Ich werde euch eine Geschichte erzählen«, sagt die Stimme, »aber ihr dürft nicht rascheln, husten oder euch ständig die Nase putzen … und hört auf, euch die Lockenwickler aus den Haaren zu ziehen. Und wenn ich fertig bin, ist es Zeit, ins Bett zu gehen.«

Die Stimme der Mutter klingt kühl und melodisch wie der Bach und so bezaubernd, dass die Kinder sofort in Bann geschlagen sind. Die Welt um sie herum verschwindet, eine andere Welt taucht vor ihnen auf, die Welt der Phantasie und des Märchens.

Im Flur vor der Tür hatte Nest die Augen geschlossen. Die Lehnen ihres Rollstuhls umklammernd, sah sie die vertraute Szene vor sich und lauschte angestrengt den längst verklungenen Worten nach. Da störte das schrille Läuten des Telefons die Stille. Der Zauber war gebrochen. Eine Tür öffnete sich, Schritte huschten über den Flur. Nest hob den Kopf, und als sie hörte, dass aufgelegt wurde, drehte sie langsam ihren Rollstuhl, sodass sie die Galerie überblicken konnte. Ihre Schwester Mina trat auf den Treppenabsatz und sah zu ihr hinunter.

»Wenigstens hat dich das Läuten nicht geweckt«, sagte sie erleichtert. »Wolltest du gerade hinaus in den Garten? Sollen wir unseren Tee im Sommerhaus trinken? Es ist immer noch ziemlich warm draußen.«

»Wer war dran?« Nest ließ sich durch die verlockende Aussicht auf eine Tasse Tee nicht beirren. In der Stille lag ein dumpfer, warnender Nachhall. Sanft wie eine Feder hatte die Angst ihre Wange gestreift und sie innerlich erschaudern lassen. »Am Telefon. Lyddie etwa?«

»Nein, nicht Lyddie.« Mina gab sich fröhlich und zuversichtlich, wusste sie doch, dass Nest stets um ihre jüngste Nichte besorgt war. »Nein, es war Helena.«

Die Tochter ihrer ältesten Schwester schien in ernsthaften Schwierigkeiten zu stecken – gar nicht typisch für Helena, die doch sonst immer alles im Griff hatte. Mina war beunruhigt.

Sie lief die Galerie entlang und die Treppe herunter. Über ihre Stoffhose in marineblauem Schottenmuster hatte sie dicke Socken gestreift. Ihr grüner Pullover, in dem sich Reisig verfangen hatte, war ausgeleiert. Das silberweiße Haar umrahmte ihren Kopf wie ein Heiligenschein, doch trotz der feinen Fältchen wirkten ihre graugrünen Augen noch immer jugendlich. Drei kleine weiße Hunde tapsten geräuschvoll hinter ihr her, ängstlich bemüht, den Anschluss nicht zu verlieren.

»Ich habe die Hecken gestutzt«, sagte sie zu Nest, »und plötzlich habe ich gemerkt, wie spät es schon ist. Also habe ich den Wasserkessel aufgesetzt.«

»Ich würde gern eine Tasse Tee trinken«, erwiderte Nest. »Aber für das Sommerhaus ist es wohl zu spät. Die Sonne geht bald unter, und außerdem ist es viel zu umständlich, alles rauszutragen. Trinken wir den Tee lieber im Wohnzimmer.«

»Gute Idee.« Mina war sichtlich erleichtert. »In zwei Minuten ist er fertig. Das Wasser kocht bestimmt längst.«

In Socken lief sie über die gemusterten Fliesen des Flurs, vorneweg die Sealyham-Terrier. Nest wendete den Rollstuhl und rollte langsam ins Wohnzimmer. Es war ein langer schmaler Raum mit einem Kamin auf der einen und einem tiefen Erkerfenster auf der anderen Seite.

»So dämlich geschnitten«, sagt Ambrose zu seiner jungen Frau, die das Haus kurz nach dem Ersten Weltkrieg geerbt hat. »Kaum Platz, um sich vor den Kamin zu setzen.«

»Für uns beide reicht es«, antwortet Lydia, die Ottercombe House fast so sehr liebt wie ihren gut aussehenden jungen Ehemann. »Wir können die Ferien hier verbringen. O Schatz, wie himmlisch, dass wir die Möglichkeit haben, aus London rauszukommen!«

Mina, ihre Tochter, hatte vierzig Jahre später den Raum umgestaltet und in eine Sommer- und eine Winterhälfte aufgeteilt. Im Halbkreis um den Kamin waren jetzt bequeme Sessel und ein kleines Sofa gruppiert, während ein zweites, sehr viel größeres Sofa mit der hohen Rückenlehne zum Raum stand und den Blick auf den Garten erlaubte. Nest blieb neben der Verandatür stehen und schaute hinaus auf die Terrasse mit den Terrakotten, wo zwischen den Pflastersteinen rote und gelbe Kapuzinerkresse leuchtete, eine Blütenpracht, die sich den Hang hinunter bis zum Rasen erstreckte.

»Bald werden wir im Kaminfeuer Toastbrot rösten.« Mina stellte das Tablett auf den niedrigen Couchtisch, aufmerksam beäugt von den Hunden. »Nein, Boyo, Platz! So ist’s brav. Es ist noch etwas Kuchen übrig, und die Kekse hab ich auch mitgebracht.«

Nest manövrierte ihren Rollstuhl neben das Sofa, schüttelte den Kopf – nein, sie wollte kein Gebäck – und nahm dankend ihren Tee. »Und was wollte unsere liebe Nichte?«

Mina ließ sich in die weichen Sofakissen sinken. Der Augenblick der Wahrheit ließ sich nicht länger hinauszögern. Sie blickte durch das Fenster zu den bewaldeten Hängen der Schlucht. Zwei der drei Hunde hatten sich bereits auf ihrem Lager im Erkerfenster niedergelassen, aber der dritte sprang aufs Sofa und rollte sich neben seinem Frauchen zusammen. Mina strich mit der Hand über das warme weiße Fell des Tieres.

»Es geht um Georgie«, sagte sie. »Helena meint, dass man sie nicht mehr allein lassen kann. Letzte Woche sind zwei Wasserkessel durchgeschmort, die sie auf dem heißen Herd vergessen hatte, und gestern ist sie spazieren gegangen und wusste plötzlich nicht mehr, wo sie war. Man hat Helena im Büro angerufen, sie musste alles stehen und liegen lassen und sie abholen. Die arme Georgie war völlig durcheinander.«

»Wegen ihrer Tochter oder weil sie sich verlaufen hatte?«, fragte Nest beiläufig, ließ dabei aber Mina nicht aus den Augen, denn sie ahnte, dass das Entscheidende noch nicht gesagt war.

Mina kicherte. »Beides ist denkbar, da hast du Recht«, stimmte sie zu. »Aber die Sache ist die: Helena und Rupert haben beschlossen, Georgie in ein Pflegeheim zu geben. Das ist schon seit längerem geplant. Jetzt haben sie offenbar eines gefunden, das mit dem Auto gut zu erreichen ist, sagt Helena.«

»Und was sagt Georgie dazu?«

»Allerhand, wie es scheint. Sie findet, dass sie bei ihnen einziehen kann, wenn sie schon ihre Wohnung aufgeben muss. Schließlich ist das Haus groß genug, jetzt, da die beiden Kinder im Ausland sind. Georgie wehrt sich natürlich.«

»Natürlich.« Nest nickte. »Wenn ich die Wahl hätte zwischen Rupert und Helena oder einem Heim, wüsste ich, wofür ich mich entscheiden würde. Aber warum ruft Helena uns deswegen an? Das tut sie doch sonst nicht. Allerdings ist Georgie auch nicht viel mitteilsamer, es sei denn, sie hat was auf dem Herzen.«

»Helena hat sich, glaube ich, sehr bemüht, Georgie ihre Selbstständigkeit zu lassen – nicht nur, weil es ihr und Rupert das Leben erleichtert.« Mina bemühte sich um Fairness. »Aber wenn Georgie nicht mehr unbeaufsichtigt bleiben kann, kann man sie ja auch nicht allein in Helenas Haus lassen. Wie dem auch sei, Helena sagt, dass im Heim momentan kein Platz frei ist, und fragt, ob wir Georgie nicht vorübergehend bei uns aufnehmen könnten.«

Woher kommt bloß diese Angst?, überlegte Nest. Georgie ist schließlich meine Schwester. Und sie wird langsam alt. Was ist nur los mit mir?

Sie trank einen Schluck Tee, stellte die Tasse wieder ab und verkniff sich die Frage: Was heißt »vorübergehend«?

Stattdessen fragte sie: »Und was hast du Helena geantwortet?«

»Dass ich erst mit dir darüber sprechen muss«, erklärte Mina. »Schließlich ist es auch dein Zuhause. Was meinst du, könnten wir ein, zwei Monate mit Georgie auskommen?«

Ein, zwei Monate. Nest kämpfte die aufsteigende Panik nieder. »Du hättest die Hauptlast zu tragen«, sagte sie ausweichend, »deshalb frage ich dich, was du davon hältst.«

»Ich würde es wohl schaffen. Bilde ich mir jedenfalls ein.« Mina machte eine Pause und holte tief Luft. »Ich glaube, wir sollten es versuchen.« Sie sah ihre Schwester an. »Aber du wirkst nicht gerade begeistert.« Sie zögerte. »Oder hast du irgendwelche Befürchtungen?« Ohne weiter zu erläutern, was sie meinte, streichelte sie Polly Garters Kopf, teilte einen Keks und hielt dem Hund ein Stückchen hin. Wie der Blitz war Nogood Boyo aufgesprungen. Jetzt stand er neben Mina und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz. Sie gab ihm ein Krümelchen, und im nächsten Augenblick saßen alle drei Hunde neben ihr auf dem Sofa.

»Du bist ein hoffnungsloser Fall.« Nest beobachtete wohlwollend, wie Mina ihren Lieblingen etwas zumurmelte. »Vollkommen hoffnungslos. Aber du hast ja Recht. Schon den ganzen Tag habe ich so ein merkwürdiges Gefühl. Ich höre Stimmen und denke an die alten Zeiten. Mich plagt so eine Ahnung, dass etwas Schreckliches geschehen könnte. Ein flaues Gefühl in der Magengrube.« Sie lachte. »Aber wahrscheinlich ist das reiner Zufall. Schließlich gibt es keinen Grund, warum die arme Georgie Unheil bringen sollte, was meinst du?«

Sie stellte Tasse und Untertasse auf das Tablett und sah Mina erwartungsvoll an. Ihre Schwester blickte mit gefurchter Stirn hinaus in den Garten. Für einen Augenblick wirkte sie so alt, wie sie war: vierundsiebzig.

»Du machst einem nicht gerade Mut«, sagte Nest besorgt. »Weißt du etwas über Georgie, was du mir all die Jahre verschwiegen hast?«

»Aber nein.« Mina hatte die Fassung wiedergewonnen. »Möchtest du noch Tee? Nein, ich habe nur überlegt, ob ich mit Georgie zurechtkommen würde, das ist alles. Immerhin bin ich nur ein Jahr jünger als sie. Da führt dann der Lahme den Blinden oder so ähnlich.«

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Nest, durch Minas Antwort keineswegs beschwichtigt. »Du lässt schließlich keine Wasserkessel auf dem heißen Herd stehen. Und wenn du spazieren gehst, weißt du immer, wo du bist.«

»Zum Glück.« Mina musste lachen. »Denn da droben in Trentishoe Down würde mich kaum jemand finden.« Sie hielt inne. »Wie kommst du eigentlich darauf, dass Lyddie am Telefon war?«

»Lyddie?« Nest warf ihr einen forschenden Blick zu. »Was meinst du damit?«

»Der Anruf vorhin. Du hast gefragt, ob Lyddie dran gewesen ist. Hat sie etwas mit deinen bösen Ahnungen zu tun?«

»Nein.« Nest schüttelte den Kopf, während sie versuchte, ihr Gefühl in Worte zu fassen. »Es ist schwer zu erklären. Oft stehen mir die Erinnerungen so deutlich vor Augen.« Sie zögerte. »Manchmal weiß ich nicht, ob ich diese Dinge tatsächlich erlebt oder ob ich nur davon gehört habe. Du hast mir ja immer Geschichten erzählt und dabei den Leuten die Namen literarischer Figuren gegeben. Das tust du bis heute.«

Mina lächelte. »Es macht mir solchen Spaß«, sagte sie, »obwohl es ganz schön peinlich war, wie du Enid Goodenough als ›Lady Sneerwell‹ angesprochen hast. Die arme Mama war richtig entsetzt. Ich habe zum Himmel gefleht, dass Enid nicht kapiert, was du da von dir gegeben hast. Trotzdem, das war eine heikle Situation.«

»Es war der Schock«, verteidigte sich Nest lachend. »Als sie so plötzlich vor mir stand – nach allem, was du über sie erzählt hattest.«

»›Lady Sneerwell‹ und ›Sir Benjamin Backbite‹. Die Goodenoughs waren wirklich unangenehm.« Weitere Erinnerungen wurden wach, und Minas Miene verdüsterte sich.

»Vorhin, als ich durch den Flur kam«, sagte Nest, »ist mir wieder eingefallen, wie wir vor all den Jahren auf dem Sofa saßen und den Geschichten lauschten. Weißt du noch?«

»Dickens’ Weihnachtsgeschichte an Heiligabend, während wir den Baum schmückten. Wie könnte ich das vergessen! Dann bist du also nicht wegen Lyddie beunruhigt?«

»Eigentlich nicht. Glaube ich zumindest.«

»Gut.« Mina gab Captain Cat den letzten Krümel und wischte sich die Brösel vom Schoß. »Also, was machen wir mit Georgie? Wollen wir es wagen? Vielleicht sollten wir Lyddie um Rat fragen?«

»Warum nicht? Aber lass uns zuerst das Teegeschirr spülen und aufräumen.«

»Gute Idee. Bis dahin ist sie bestimmt mit ihrer Arbeit fertig.« Mina stellte das Teegeschirr auf das Tablett und trug es in die Küche, die Hunde trotteten hinter ihr her. Nest folgte langsam im Rollstuhl.

ZWEI

Lyddie machte einen letzten Korrekturstrich in dem Kapitel, klemmte die Manuskriptblätter in einen Schnellhefter und stützte beide Ellbogen auf den Schreibtisch. Schwarzes seidiges Wuschelhaar umrahmte ihr kleines, hübsches Gesicht mit dem elfenbeinernen Teint und dem spitzen Kinn. Obwohl ihre weiche Mohairjacke fast bis zu den Knien reichte, fror sie. In ihrem winzigen Arbeitszimmer hinter dem Schlafraum war es kalt, das Tageslicht erlosch allmählich, und sie sehnte sich nach Bewegung. Der große Hund, der zwischen dem Schreibtisch und der Tür lag, hob den Kopf und sah sie fragend an.

»Ich bin so weit«, sagte sie zu ihm. »Wir machen einen Spaziergang. Aber nur einen kurzen.«

Bosun, ein Berner Sennenhund, stand auf und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz. Lyddie beugte sich hinunter und küsste ihn auf die Schnauze. Auf Vorschlag ihrer Tante Mina hatte er den Namen Bosun bekommen – nach Byrons Lieblingshund, dessen Denkmal in Newstead die folgende Inschrift trug: »Ein Wesen, das Schönheit ohne Eitelkeit besaß, Kraft ohne Übermut, Mut ohne Grausamkeit und alle Tugenden des Menschen ohne dessen Laster.« Lyddie war fest davon überzeugt, dass ihr Hund exakt Byrons Beschreibung entsprach.

»Du bist ein hübscher Kerl«, sagte sie zu ihm, »und brav bist du außerdem. Also komm, aber Vorsicht auf der Treppe! Gestern hätten wir uns beide fast den Hals gebrochen.«

Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter, und Bosun wartete geduldig, bis sie sich eine lange warme Wolljacke übergezogen hatte und in ihre halbhohen Wildlederstiefel geschlüpft war. In den Straßen und Gassen von Truro war Lyddie vollauf damit beschäftigt, den Hund im Zaum zu halten, ehe sie ihn draußen vor der Stadt endlich von der Leine lassen konnte. Sie beobachtete, wie er außer Rand und Band lossauste. Sein Ungestüm entlockte ihr ein Schmunzeln, und sie dachte an den süßen wuscheligen Welpen, der am Morgen ihres ersten Hochzeitstags unten auf sie gewartet hatte. Ein Geschenk von Liam.

»Du brauchst jemanden, der dir Gesellschaft leistet«, hatte er gesagt und sich über ihre begeisterte Reaktion amüsiert, »wenn du den ganzen Tag allein zu Hause sitzt und arbeitest, während ich in der Kneipe bin.«

Vor gut zwei Jahren hatte sie ihre Stelle als Lektorin beim größten Verlagshaus Londons aufgegeben, um Liam zu heiraten und zu ihm nach Truro in sein kleines Reihenhaus zu ziehen. Das Lokal, das er mit seinem Partner Joe Carey betrieb, lag voll im Trend, aber weil er sich nicht genügend Personal leisten konnte, hatten Liam und Lyddie nur selten einen ungestörten Abend für sich allein. Meistens war er zwischen drei und sieben zu Hause, wenn in der Kneipe »tote Hose« war, wie er es nannte. Aber diese Woche war einer seiner Mitarbeiter in Urlaub, und Liam übernahm seinen Dienst. Es würde ein sehr langer Tag werden.

»Komm, sobald du fertig bist«, hatte er zu Lyddie gesagt, »sonst sehen wir uns überhaupt nicht. Entschuldige, Schatz, aber es geht nicht anders.«

Erstaunlicherweise hatte sie gar nichts dagegen, ins Place zu gehen. Meist saß sie an dem Tisch in der gemütlichen Nische, die für das Personal reserviert war, beobachtete die Gäste, scherzte mit Joe, aß etwas zu Abend und freute sich, wenn Liam sich ein paar Minuten zu ihr setzte.

»Von nichts kommt nichts«, pflegte Liam zu sagen. »Wir müssen einfach präsent sein. Die Gäste schätzen das, und das Personal weiß, woran es ist. Das ist das Geheimnis des Erfolgs, obwohl es natürlich bedeutet, dass wir keine geregelten Arbeitszeiten haben.«

Das hatte Lyddie nie gestört. Nach der häuslichen Stille und dem konzentrierten Brüten über dem Manuskript war das Stimmengemurmel im Place genau das Richtige. Dass Liam so leidenschaftlich um sie geworben hatte, tat ihrem geknickten Selbstvertrauen gut. Zuvor war sie drei Jahre lang mit einem Mann befreundet gewesen, der ihr eines Tages eröffnete, er könne sich nicht vorstellen, mit ihr ein Haus zu kaufen und Kinder zu haben, von Heirat ganz zu schweigen. James hatte einen Job in New York angenommen, und Lyddie war ein Jahr allein gewesen, bis sie Liam kennen lernte und sich ihr Leben mit einem Schlag veränderte. Ihre Arbeit und ihre Freunde hatten ihr sehr gefehlt, aber sie liebte Liam viel zu sehr, als dass sie ihre Entscheidung bereut hätte. Und das Exmoor, wo ihre lieben alten Tanten lebten, war kaum zwei Stunden entfernt.

Als Tante Minas Anruf kam, hatte sie noch zehn Minuten am Manuskript zu arbeiten, aber sie beteuerte, dass sie ihr Tagespensum bereits erledigt hatte. Mina und Nest waren so entzückend. Sie waren Lyddie ans Herz gewachsen, erst recht nach dem schrecklichen Autounfall, bei dem sie ihre Eltern verloren hatte und Nest zum Krüppel geworden war. Noch heute, zehn Jahre später, spürte Lyddie einen stechenden Schmerz, wenn sie an diese Zeit zurückdachte. Damals hatte sie gerade ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und ihre erste Stelle bei einem Verlag angetreten. Sie musste sich in ihren Job einarbeiten, regelmäßig zu Tante Nest ins Radcliffe-Hospital nach Oxford fahren und mit dem Schmerz über den Tod ihrer Eltern fertig werden. Ohne Tante Minas Unterstützung wäre das alles über ihre Kräfte gegangen.

Lyddie kuschelte sich in die Jacke, schlug den Kragen hoch und hing ihren Erinnerungen nach. Die Wochenenden hatte sie in ihrem Elternhaus in Iffley bei ihrem älteren Bruder Roger verbracht. Sie hatten sich nie sonderlich gut verstanden, und es war Tante Mina gewesen, die mit ihrer Liebe, ihrem Mitgefühl und ihrer Energie die Familie zusammenhielt. In ihrer Trauer vergaß Lyddie bisweilen, dass auch Tante Mina litt: Ihre Schwester Henrietta war tot, ihre andere Schwester körperbehindert. Lyddie und ihr Bruder wussten sich in ihrer Trauer nicht zu helfen, und Tante Mina war ihre einzige Stütze gewesen. Das hübsche Häuschen gehörte ihnen nach dem Tod der Eltern gemeinsam, und sie vereinbarten, dass Roger, der wie sein Vater Akademiker war, hier wohnen bleiben durfte und Lyddie ausbezahlen sollte, sobald er das Geld beisammen hatte. Bevor Lyddie Liam kennen lernte, war dieses Haus ihr Zufluchtsort gewesen, aber als Roger Teresa heiratete, beschloss das junge Paar, eine Hypothek aufzunehmen und Lyddie mit hundertfünfzigtausend Pfund abzufinden.

Liam war beruflich so eingespannt, dass er und Lyddie nur selten Zeit fanden, nach Oxford zu kommen. Aber Roger und Teresa hatten in den Ferien ein paar Tage hier in Truro verbracht, und die Geschwister standen in lockerem Kontakt. Trotzdem hatte Lyddie ein schlechtes Gewissen, weil sie und Liam sich mit Joe und seiner Freundin Rosie, die ebenfalls im Place arbeitete, besser verstanden als mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin.

»Die beiden sind mir zu klug«, hatte Liam fröhlich gesagt. »Und viel zu ernst. Es ist schwierig, mit Leuten dieses Kalibers Spaß zu haben. Roger geht ja noch, aber Teresa ist nicht gerade mit Humor gesegnet, findest du nicht auch?«

Lyddie musste ihm beipflichten, spürte aber das Bedürfnis, ihren Bruder zu verteidigen.

»Roger wirkt vielleicht manchmal unsensibel«, meinte sie. »Er ist ein ernster Mensch, aber arrogant ist er nicht.« Dann fügte sie rasch hinzu: »Damit will ich nicht sagen, dass Teresa …« Sie hielt inne, denn sie wollte nichts beschönigen, ihre Schwägerin aber auch nicht bloßstellen.

Liam musterte sie amüsiert. »Vorsicht, Schatz«, warnte er. »Wenn du nicht aufpasst, könnte dir leicht etwas Unfreundliches herausrutschen.«

Die Bemerkung war ihr unangenehm, aber Joe, der mit ihnen am Tisch saß, kam ihr zu Hilfe. Er gab Liam einen Klaps auf den Hinterkopf.

»Lass sie in Ruh«, sagte er. »Hol ihr lieber was zu trinken. Du weißt einfach nicht, was wahrer Geistesadel ist …« Und Liam war, noch immer grinsend, zur Bar gegangen und hatte Lyddie und Joe allein gelassen.

Als Lyddie jetzt, an ein Holzgatter gelehnt, die in der Dämmerung funkelnden Lichter der Stadt betrachtete, überlegte sie, was sie für Joe empfand. Er verhielt sich ihr gegenüber wie ein Kavalier – ganz anders als der eher derbe, ruppige Liam. Seine unverhohlene Bewunderung stärkte ihr Selbstvertrauen, das Liam, der von allen umschwärmt wurde, immer wieder ins Wanken brachte. Die Feindseligkeit, die ihr von Liams Exfreundinnen entgegenschlug, überraschte Lyddie. Sie spürte deutlich, dass die Rivalinnen seiner Ehe keine besondere Bedeutung zumaßen. Manche verhielten sich so, als hätten sie noch immer ein Anrecht auf ihn, und behandelten Lyddie wie einen Eindringling. Liam ging gewöhnlich mit einem Achselzucken darüber hinweg, und Lyddie merkte rasch, dass sie keine Unterstützung von ihm erwarten durfte. Mit ihrer Heirat hatte er ein Signal gesetzt und erwartete nun von ihr, dass sie sich diesen Frauen gegenüber korrekt verhielt. Doch das fiel ihr gar nicht so leicht. Dass James sie verlassen hatte, war ein schwerer Schlag gewesen. Liam war ein ausgesprochen attraktiver Mann, und das wusste er auch. Er war schlank und sportlich. Sein Haar war fast so dunkel wie Lyddies seidig glänzender Wuschelkopf und er hatte kluge braune Augen. Wenn er im Lokal war, schien alles gleich viel aufregender. Mit seinem unbeschreiblichen Charme schlug er beide Geschlechter in seinen Bann. Die Männer fanden ihn einen »prima Kerl«, die Frauen flirteten mit ihm. Wenn er an einem Tisch länger blieb als für den üblichen Smalltalk, sahen die Gäste darin eine persönliche Auszeichnung.

Lyddie war Joe dankbar dafür, dass er ihr in dieser peinlichen Situation beigesprungen war. Außerdem gefiel es ihr, wenn Liam sich bei Joe beschwerte, weil er Lyddie so viel Aufmerksamkeit schenkte. Freilich war da noch Rosie. Lyddie hatte gehofft, mit ihr Freundschaft zu schließen, aber Rosie war leicht gekränkt und hielt Lyddie mit ihrem forschenden Blick auf Abstand. Für ihre Distanziertheit gab es mehrere Erklärungen. Vielleicht fühlte sich Rosie verunsichert, weil Lyddie mit Liam verheiratet war und sie mit Joe nur liiert; vielleicht ärgerte sie sich auch darüber, wie zuvorkommend Liam, Joe und die anderen Mitarbeiter im Lokal mit Lyddie umgingen. Rosie war eine von mehreren Kellnerinnen, mehr nicht. Aber Lyddie achtete darauf, mit Joe nicht zu sehr zu flirten, wenn Rosie in der Nähe war. Wenn Liam sich jedoch an einen attraktiven weiblichen Gast heranmachte, fiel es Lyddie oft schwer, ihm das nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen, um ihr Selbstbewusstsein ein wenig aufzumöbeln.

Lyddie rief ihren Hund, der sie wie immer vorwurfsvoll ansah, weil er den Ausflug gerne noch ausgedehnt hätte, und trat den Rückweg in die Stadt an. Sie dachte an ihre beiden Tanten. Wie unfair es doch von Helena war, Tante Mina die Sorge um ihre ältere Schwester für einen so langen Zeitraum aufzubürden!

»Zwei Monate?«, hatte sie ungläubig gefragt. »Das ist eine lange Zeit, Tante Mina, vor allem, wenn Tante Georgie ein bisschen verwirrt ist. Ich würde dir gern helfen, aber ich fürchte, ich habe in den nächsten sechs Wochen viele Termine …«

Da sie spürte, dass Tante Mina mit widerstreitenden Gefühlen kämpfte, versuchte sie, die Sache praktisch anzugehen. Sie sah durchaus die Schwierigkeiten, mit einem älteren, eigensinnigen Menschen zurechtzukommen, der womöglich an Alzheimer litt, zumal Tante Mina keine andere Stütze hatte als ihre an den Rollstuhl gefesselte Schwester. Andererseits konnte Lyddie gut verstehen, dass Tante Mina Georgie helfen wollte.

»Schließlich ist sie unsere Schwester«, hatte sie gesagt, und Lyddie musste wieder einmal daran denken, welche innere Stärke Mina zehn Jahre zuvor bewiesen hatte, als Henrietta umgekommen war und sich herausstellte, dass Nest den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen musste.

Mit einem Mal fühlte sich Lyddie tieftraurig.

»Du musst tun, was du für richtig hältst«, hatte sie gesagt, »aber vergiss nicht, mich anzurufen, wenn es dir zu viel wird. Gemeinsam werden wir es schon schaffen, wenn Helena und Rupert nicht ein Einsehen haben. Notfalls komme ich nach Ottercombe und arbeite dort.«

»Das weiß ich, mein Schatz«, hatte Mina geantwortet, »aber wir werden schon zurechtkommen. Für uns beide bedeutet es eine Abwechslung. Und jetzt erzähl von dir. Ist bei dir alles in Ordnung?«

»Alles bestens«, hatte sie erwidert, »Liam geht es auch gut.«

Als sie sich verabschiedeten, beschlich Lyddie das merkwürdige Gefühl, dass Tante Minas Entschluss, Georgie aufzunehmen, längst feststand. Mit ihrem Anruf hatte sie sich wohl nur vergewissern wollen, dass es ihrer Nichte in Truro gut ging. Demnächst, beschloss Lyddie, werde ich wieder einmal ins Exmoor fahren und nach dem Rechten sehen. Sie nahm den Hund an die Leine, und während sie durch die engen Gassen ging, dachte sie an den Abend, der vor ihr lag, und freute sich auf das Abendessen im Place mit Liam und Joe.

Wie jeden Abend nach dem Essen stand Mina in der Spülküche von Ottercombe und wusch ab, während Nest mit dem Geschirrtuch in der Hand wartete. Das abgetrocknete Geschirr stellte sie auf einen Wagen neben ihrem Rollstuhl, und wenn alles fertig war, schob Mina den Wagen in die Küche, während Nest Vorbereitungen für die Abendunterhaltung traf. Sie würden Scrabble oder Backgammon spielen, eine Fernsehserie oder das Video eines Musicals ansehen, was Mina besonders liebte. Auch ihr Talent zum Vorlesen hatte sie in all den Jahren nicht eingebüßt. Sie und ihre Schwester liebten Bücher. Zu ihrer Standardlektüre zählten neben Klassikern wie Jane Austen, Dickens und Trollope auch moderne Autorinnen und Autoren wie Byatt, Gardam, Keane und Godden, Reiseberichte, gelegentlich auch ein Thriller oder The Wind in the Willows, je nach Stimmung. Lyddie brachte hin und wieder den neuesten Bestseller mit oder den jüngsten Roman von Carol Ann Duffy.

Mina trocknete sich die Hände ab. Hinter der Küchentür leckten die Hunde ihre Fressnäpfe aus.

»Ihr habt ja kein Krümelchen übrig gelassen«, meinte sie.

Polly Garter und Captain Cat trotteten hinter ihr her in die Küche, Nogood Boyo dagegen beschnupperte den Fußboden. Ob nicht doch noch irgendwo ein Restchen liegen geblieben war?

Während Mina die Teller auf die Anrichte stellte und Messer und Gabeln in die Schublade räumte, überlegte sie noch einmal, was bei Georgies Ankunft zu bedenken war. Im Grunde war sie von Anfang an entschlossen gewesen, ihre Schwester aufzunehmen. Sie abzuweisen, hätte sie einfach nicht übers Herz gebracht. Trotzdem war sie unruhig. Mit ihren vagen Ahnungen hatte Nest ihre Zweifel genährt, ob sie der Herausforderung wirklich gewachsen sein würde. Waren diese Ahnungen tatsächlich aus der Luft gegriffen? In jeder Familie gab es Dinge, die besser im Dunkeln blieben. Und Georgie hatte es stets verstanden, Geheimnisse als Waffe zu benutzen, um ihre Stellung als die Älteste zu untermauern und sich wichtig zu machen.

»Ich kenne ein Geheimnis« – das war Georgies Devise, ein Satz, den man immer wieder von ihr hörte. Bei diesem Gedanken pochte Minas Herz schneller. Hastig stellte sie das Teegeschirr aufs Tablett, nahm den kochenden Wasserkessel vom Herd und goss den Tee auf. War es möglich, dass Georgie Nests Geheimnis kannte?

»Mach dich bloß nicht verrückt«, hörte sie sich selbst sagen. Die Hunde spitzten die Ohren und legten erwartungsvoll den Kopf schief.

Wenn Georgie etwas ahnte, hätte sie es längst gesagt. Und wenn sie mehr als dreißig Jahre lang geschwiegen hatte, warum sollte sie ausgerechnet jetzt reden? Mina schüttelte den Kopf und verscheuchte die bösen Ahnungen. Sie hatte sich von Nests Angst anstecken lassen und damit die Gespenster der Vergangenheit heraufbeschworen. Es gab keinen Grund für diese alberne Panik. Doch als sie jetzt den Wasserkessel erneut füllte, überkam sie plötzlich eine merkwürdige Sehnsucht nach der Vergangenheit, und sie glaubte die Stimme ihrer Mutter zu hören, die aus A Shropshire Lad vorlas und Laurence Housmans »blaue Hügel der Erinnerung« beschwor.

Den Kopf zur Seite geneigt, den Wasserkessel in der Hand, stand Mina ganz versonnen da. Das Land des verlorenen Glücks, die fröhlichen, von Lachen erfüllten Jahre der Kindheit. Die Tränen kamen erst später … Sie stellte den Wasserkessel auf den Herd, tätschelte die Hunde und murmelte ihnen liebevolle Worte  zu. Als sie die Fassung wiedergewonnen hatte, nahm sie das Tablett und ging zu Nest in den Salon.

DREI

Auch beim Backgammon schweiften Minas Gedanken immer wieder in die Vergangenheit zurück, zu jenen Jahren, als Papa die meiste Zeit in London verbrachte und die Kinder ihre Mama, die ihnen vorlas und mit ihnen an den Strand ging und im Moor wanderte, ganz für sich hatten. Das strenge Reglement des eleganten Hauses in London besaß hier in Ottercombe keine Geltung. Hier herrschte eine heitere Ferienstimmung.

Mina ist acht Jahre alt, als ihre Mutter Lydia zu einem längeren Erholungsurlaub nach Ottercombe aufbricht. Josephine, die Jüngste – Timmie und Nest sind noch nicht geboren –, ist gerade vier geworden, und in den zurückliegenden drei Jahren hat die Mutter drei Fehlgeburten gehabt. Ambrose glaubt, die Meeresluft würde Lydia gut tun und dafür sorgen, dass sie ihm endlich den lang ersehnten Sohn schenke.

»All diese Töchter!«, ruft er jovial, aber Lydia hört seinen Ärger deutlich heraus. Angst beschleicht sie. In zwölf langen Ehejahren hat sie die versteckte Grausamkeit hinter Ambroses gespielter guter Laune gründlich kennen gelernt. Er ist nicht gewalttätig, nein, das nicht, aber er stichelt und verletzt mit Worten. Und Lydia hat gelernt, dass auch das Wort, der Ton, eine Waffe sein kann.

Dagegen klingt ihre Stimme rein, liebevoll und ruhig. Sie singt ihren Babys ein Lied, wiegt sie mit Kinderreimen in den Schlaf und liest ihnen Geschichten vor.

»Immer diese Bücher«, sagt Ambrose. »Wenn ich einen Sohn hätte, könnte ich Cricket mit ihm spielen.«

Ambrose ist ein attraktiver Mann mit braunem, kurz geschnittenem Lockenhaar. Er hat helle, leuchtend blaue Augen und eine ungezwungene Art, sodass sich andere Menschen in seiner Gegenwart zunächst ausgesprochen wohl fühlen. Er ist es, der den Kindern ihre Namen gibt: Georgina, Wilhelmina, Henrietta, Josephine. Erst später erkennt Lydia, dass diese hübschen Namen seinem sonderbaren Sinn für Humor geschuldet sind – und seiner Enttäuschung darüber, dass er der Vater von Töchtern ist. Er ist kein Mann, der sich für Babys interessiert. Lydia hält es für einen Scherz, wenn er sich nach George oder Will erkundigt. Als die Mädchen größer werden, klingt dieser Scherz abgeschmackt. Lydia hasst es, wenn der Vater seine bildhübschen Töchter George, Henry und Jo ruft, aber er lässt sich nicht davon abbringen.

»Sei nicht so empfindlich, Liebling«, sagt er, und seine funkelnden blauen Augen blicken jetzt ein wenig härter. Sie wird sich hüten, ihn zu verärgern. Offenbar wünscht er sich einfach nur einen Sohn – wie die meisten Männer. Sie fühlt sich als Versagerin und hofft, dass das Kind nach Josephine ein Junge wird. Nach ihrer ersten Fehlgeburt bekommt Lydia Asthmaanfälle, und im Winter 1932 schickt man sie nach Ottercombe, damit sie dem Londoner Nebel entkommt. Sie kann ihr Glück nicht fassen: Schon als Kind war dieser Ort für sie das Paradies gewesen. Obwohl Ambrose ihr versprochen hat, die Sommermonate in dem alten Haus am Rand der Schlucht zu verbringen, lässt er sie nur ungern dort zurück, wenn er wieder nach London fährt. Er ist ein hoher Staatsbeamter, und seine reizende Frau ist für ihn ein großes gesellschaftliches Plus. Lydia ist schön, beliebt – und nützlich. Deshalb ist sie tief gerührt, als er ihr eröffnet, er sei einverstanden, dass sie so lange wie nötig dort bleibe. Er werde versuchen, ohne sie zurechtzukommen. Doch die Sorge um die Gesundheit seiner Frau ist nicht der einzige Grund für Ambroses unerwartete Güte. Ambrose hat die Bekanntschaft einer reichen Witwe gemacht, die mit ihrer robusten Sinnlichkeit und ihrem eisernen Ehrgeiz gut zu ihm passt. Und nun ergreift er die Gelegenheit, sie näher kennen zu lernen.

Dabei ist er viel zu klug, um Lydias Verdacht zu erregen. Er sorgt dafür, dass sie sich schuldig fühlt, weil sie ihn sich selbst überlässt. Sie ist ihrem Mann unendlich dankbar, als sie mit ihren Kindern in den Südwesten aufbrechen kann. Er selbst chauffiert sie in seinem über alles geliebten Citroën nach Ottercombe. Das junge Paar aus der Nachbarschaft, das sich mit der Pflege des Hauses ein Zubrot verdient, wird beauftragt, für Lydia und ihre Kinder einzukaufen, zu putzen und andere Dinge zu erledigen. So kann sich Ambrose am nächsten Morgen, als er abfährt, ungestört dem Gedanken an ein gewisses Haus in St. John’s Wood hingeben.

Als das Geräusch des Motors in der Ferne verhallt, stößt Lydia einen Seufzer der Erleichterung aus. Ihre Kinder rennen kreischend und lachend über den Rasen, und Wilhelmina zupft ihre Mutter am Arm.

»Dürfen wir runter zum Strand, Mama? Wenn wir uns warm anziehen?«

Lydia umarmt die Kleine. »Aber natürlich gehen wir an den Strand. Nach dem Essen. Nachmittags ist die beste Zeit für den Strand, auch im Winter.«

»Und wenn wir zurückkommen, trinken wir Tee am Kamin, und du liest uns vor, nicht wahr?«

»Ja, mein Schatz. Wenn ihr alle einverstanden seid, werde ich euch etwas vorlesen.«

So fängt es an.

In ihrem Schlafzimmer, dem ehemaligen Frühstücksraum, war Nest fast bettfertig. Das Zimmer, auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten, wirkte nüchtern und schmucklos. Hier fand sich nichts, was die Vergangenheit heraufbeschwor, keine Fotografien oder andere Erinnerungsstücke; nichts Persönliches, was in irgendeiner Weise Aufschluss über sie gab. Nur auf dem Nachtkästchen neben ihrem Walkman stapelten sich die Bücher. Zwar konnte sie kurze Zeit stehen und sich an den Möbelstücken entlanghangeln, aber sie ermüdete schnell, und die Schmerzen riefen ihr in Erinnerung, wie stark ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. In den ersten hoffnungslosen Monaten nach dem Unfall hatte sie sich überhaupt nicht mehr rühren wollen. Das Leiden empfand sie als eine gerechte Strafe für ihre Schuld. Sie lag im Bett, starrte an die Decke und vergegenwärtigte sich immer und immer wieder jenen einen schrecklichen Augenblick: Henrietta am Steuer, Connor neben ihr, den Kopf zu Nest auf dem Rücksitz gewandt. Wenn sie nichts gesagt hätte, wenn sie nicht ihr Geheimnis preisgegeben hätte, wäre Henrietta diesen einen entscheidenden Augenblick vielleicht nicht abgelenkt worden.

Ihre Schwester Mina hatte Nest ins Leben zurückgeholt, körperlich und seelisch. Mina hatte sie in den Rollstuhl gesetzt und durch den Garten geschoben, hatte sie samt Rollstuhl in einen speziell ausgestatteten Kleinbus verfrachtet und sie gezwungen, wieder am Leben teilzunehmen.

»Ich kann nicht«, hatte Nest gemurmelt. »Bitte, Mina. Ich will niemanden sehen. Versuch doch zu verstehen. Ich habe kein Recht …«

»Der Tod von Henrietta und Connor gibt dir nicht das Recht, dich lebendig einzumauern. Und außerdem, Lyddie braucht dich …«

»Nein«, hatte sie erwidert und sich in ihrem Stuhl aufgebäumt, den Kopf von ihrer unnachgiebigen Schwester abgewandt. »Nein! Begreifst du das denn nicht? Ich habe sie getötet.«

»Lyddie und Roger wissen lediglich, dass Henrietta die Kurve verfehlt hat, sie wissen nicht, warum. Und sie brauchen dich.«

Lyddies Liebe und Mitgefühl waren die schwerste Bürde gewesen.

»Du wirst feststellen«, hatte Mina später einmal gesagt, »dass Leben und Lieben nicht weniger grausam sind als Rückzug und Verzicht. Du bist gestraft genug, keine Sorge.«

Und so hatte sich Nest wieder auf das Leben eingelassen, so gut sie konnte. Ohne etwas festzuhalten und indem sie alles hinnahm – fast alles. Beispielsweise wollte sie sich noch immer nicht von Mina hinunter ans Meer fahren lassen. Das Meer war der Inbegriff der Freiheit, der Ferien. Die Belohnung nach der langen Fahrt von London. Schon allein der Geruch! Das kühle, seidenweiche Nass auf den erhitzten Händen und Füßen. Die ruhelose und doch so besänftigende Bewegung des Wassers.

Als sie jetzt, erschöpft von der Anstrengung, endlich im Bett lag, sah sie den Weg hinunter ans Meer deutlich vor sich. Zwischen Blackstone Point und Heddon’s Mouth, an der steilen, mit verkrüppelten Eichen, Birken und Lärchen dicht bewachsenen Schlucht, schneidet dieser Weg eine tiefe Kerbe in die Klippe. Oben, am Rande der Schlucht, kaum vierhundert Meter vom Meer entfernt, steht gut geschützt Ottercombe House mit seinem exotischen Garten. Ein steiniger, von Wurzeln durchzogener Pfad verläuft neben dem Bach, der im Exmoor, auf Trentishoe Down, entspringt. Das Bächlein eilt fröhlich dahin, stürzt die Felswand herab und ergießt sich in einem kleinen Wasserfall in einen Graben hinter dem Haus, strömt durch den Garten in das enge Tal und mündet schließlich ins Meer.

Wenn Nest die Augen schloss, konnte sie sich jede Wegbiegung bis hinunter an den Strand genau vorstellen. Sie sah die Rhododendren, die trotz des kargen, felsigen Bodens prächtig gedeihen; die Morte Slates, die sich in einem schmalen Band von Morte Point über Devon bis nach Somerset ziehen. Anfang Mai blühen unter den Bäumen der Terrassen die rundblättrigen Glockenblumen – ein himmelblaues Farbenmeer. Wenn im August das Heidekraut blüht, schimmern die Hügel des Moors, die selbst die höchsten Bäume überragen, in der Nachmittagssonne bläulich-purpurn. Der Pfad bietet je nach Jahreszeit unterschiedliche Kostbarkeiten: hellgrüne Farne, Schneeglöckchen, Schnecken mit ihrem gelben Haus auf dem Rücken. Wie die Kinder diesen wunderbaren Moment hinauszögern, den Anblick des Meeres, wenn sich die Schlucht endlich öffnet, die den sichelförmigen Strand förmlich umschließt, und die Klippen steil zum grauen Wasser abfallen. Der Bach, der sie auf ihrem Weg begleitet hat, stürzt jetzt in ein tiefes Felsbecken und bahnt sich dann seinen Weg durch den schieferhaltigen Sand, bevor er in den kalten Fluten des Bristolkanals verschwindet.

Nest und ihr Bruder Timmie lernen in diesem Felsbecken schwimmen. Mit Garnelennetzen und glänzenden Blecheimern paddeln sie darin herum. Beide lieben sie die Tiere und die Pflanzen an dieser steinigen Küste.

»Wenn wir groß sind, werden wir hier zusammen leben«, sagt er zu ihr, und seine sandverklebten Hände umklammern den Henkel seines Eimers, in dem ein Krebs und zwei winzige Garnelen zappeln.

»Aber wer wird für uns sorgen?« Die Jüngste der Familie kann sich nicht vorstellen, dass sie eines Tages ihr Leben selbst in die Hand nehmen muss.

»Mina«, antwortet er zuversichtlich. Die neun Jahre ältere Mina ist vierzehn und kommt ihm bereits wie eine Erwachsene vor.

»Ja«, pflichtet Nest ihm bei, »Mina wird für uns sorgen.«

Während Nest sich im Bett unruhig hin und her wälzte, kam ihr diese prophetische Äußerung wieder in den Sinn. Mina hatte tatsächlich für sie gesorgt – und jetzt musste sie sich auch noch um Georgie kümmern. Nest spürte, wie mit den Erinnerungen die Angst wiederkehrte, und stieß einen Seufzer aus. Auch in dieser Nacht würde sie wieder von Albträumen heimgesucht werden, die sie krank machten. Aber sie wusste ein erprobtes Mittel dagegen. Sie setzte sich in ihren Kissen auf, schaltete das Nachttischlämpchen ein und griff nach Bruce Chatwins Reisebericht In Patagonien.

In ihrem Schlafzimmer im ersten Stock war Mina noch immer auf den Beinen. Die Hunde, die sich schon zum Schlafen in ihren Körben zusammengerollt hatten, sahen zu, wie sie mit vergnügter Miene hin und her lief, und spitzten die Ohren, als sie leise murmelte: »Brave Hunde, brave kleine Kerlchen. Jetzt wird geschlafen, und morgen machen wir einen hübschen kleinen Spaziergang. Wer ist mein gutes Kind? Wer ist ein braver Boyo?« Und dann stieß sie einen Seufzer aus: »Puh, puh, puh«, während sie innehielt und sich das seidige weiße Haar bürstete.

Das ehemalige Schlafzimmer ihrer Mutter war das genaue Gegenteil von Nests spartanischer Zelle. Hier war Mina befreit von den Zwängen, die ihr die Fürsorge um ihre Mutter und später um Nest auferlegten. Hier ließ sie ihrer Phantasie freien Lauf. Froh, dass Mina ihre Kreativität wenigstens in ihrem eigenen Zimmer ausleben konnte, überhäufte die Familie sie mit Geschenken: mit Kunstdrucken, Seidenkissen, dekorativen Gegenständen, ja sogar kleinen Möbelstücken – Dinge, über die  sich Mina freute und für die sie stets einen geeigneten Platz fand: Klimts Die drei Lebensalter und Der Kuss hingen neben Paul Colins La Revue Nègre, und neben einer Serie von Drucken mit Szenen aus Jack Vettrianos Gangsterwelt hing Jackson Pollocks Seidensiebdruck von Summer Time. Eine Chaiselongue mit einem Seidenüberwurf und zahllosen Kissen stand unter dem Fenster, an der gegenüberliegenden Wand eine mit exotischen Vögeln bemalte Lombok-Kommode und ein halbrunder Rattansessel.

Auf den glänzend polierten Möbeln fanden sich eine Vielzahl faszinierender Objekte: hübsch gerahmte Fotos, zwei chinesische Cloisonné-Vasen, eine reizvolle Sammlung von Pappmaché-Enten. An einem Haken hing eine langgliedrige Puppe, ein Zauberer, dessen kluges Gesicht vom sanften Schein einer eleganten Messinglampe mit blauem Glasschirm beleuchtet wurde.

Der Raum sprühte nur so von Farben. Über das breite Doppelbett war eine Samtdecke gebreitet, deren erlesene Farbtöne – Amethyst, Saphirblau und Rubinrot – in den langen, schweren Vorhängen wiederkehrten. Drei lange Regale waren voller Bücher. Alte, in Leder gebundene Ausgaben standen einträchtig neben modernen Paperbacks mit gebrochenem Rücken. Der dicke graue Teppich war fast vollständig mit schönen alten Kelims bedeckt, und ein hoher Lackwandschirm verdeckte den Alkoven in der hinteren Zimmerecke.

Nach dem farbenprächtigen, extravaganten Spiel von Materialien und Farben traf den unvorbereiteten Besucher der Anblick des kleinen Alkovens wie ein Schock. Auf einer schlichten Arbeitsfläche, die an der Wand montiert war, stand ein Computer samt Bildschirm, Tastatur und Drucker, davor ein drehbarer Bürostuhl. Nichts lenkte hier von der nüchternen Arbeitsatmosphäre ab. Mina setzte sich an das Gerät und schaltete es ein, während sie leise vor sich hin summte. Das Internet war ihre Verbindung zur Außenwelt. Zufrieden zog sie ihren langen Morgenrock aus Fleece noch enger um sich. Sie tippte ihr Passwort ein und wartete gespannt, die graugrünen Augen konzentriert auf den Monitor gerichtet. Endlich wurde ihre Geduld belohnt: »Sie haben vier neue Nachrichten.« Neugierig bewegte sie die Maus hin und her und öffnete mit einem freudigen Seufzer die erste E-Mail.

VIER

Als Lyddie aufwachte, war Liam schon auf den Beinen. Sie hörte ihn im Badezimmer leise pfeifen, während er heißes Wasser ins Waschbecken laufen ließ, um sich zu rasieren. Zwischen Tag und Traum, räkelte sich Lyddie zufrieden in ihrem Bett und kuschelte sich in die Kissen, bis die Tür aufging und Liam hereinkam.

»Ausgeschlafen?« Seufzend schüttelte er den Kopf, während er in seine Jeans schlüpfte und sich ein Sweatshirt überstreifte. »Und ich denke, du bist längst unten und kochst Kaffee. Der arme Hund wartet sicher schon sehnsüchtig.«

»Du hast ihn doch längst rausgelassen. Und Kaffee hast du auch schon getrunken.« Sie fühlte sich viel zu wohl, um sich ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. »Wie spät ist es denn eigentlich?«

»Zehn vor acht. Für jemanden, der das Privileg hat, zu Hause zu arbeiten, ist natürlich alles bestens …«

»Sei bloß still«, sagte sie träge. »Du würdest es gar nicht ertragen, zu Hause zu arbeiten. Du hältst es keine halbe Stunde aus, ohne mit jemandem zu reden.«

»In meinem Job ist das nicht weiter tragisch«, gab er fröhlich zurück. Er begutachtete sich im Spiegel auf der kleinen Kiefernholzkommode und pfiff erneut vor sich hin, während er sich mit einem Kamm durch das dichte dunkle Haar fuhr.

»Wer schließt heute das Lokal auf?« Sie hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und musterte ihn anerkennend. »Ist nicht Joe an der Reihe?«

»Richtig. Wir könnten den Tag also gemächlich angehen lassen. Allerdings muss ich zur Bank.« Er fing ihren Blick auf und lächelte. »Du bist sehr schön, wie du so daliegst.« Er küsste sie sanft, und sie schlang ihre Arme um ihn und zog ihn zu sich herab. »Wenn dein verflixter Hund nicht wäre«, flüsterte er ihr ins Ohr, »wäre ich noch gar nicht auf den Beinen. Und du bist heute Morgen so aufreizend. Bin ich nicht ein Pechvogel?«

Kichernd ließ sie ihn los. »Du brauchst dich wirklich nicht zu beklagen. Deine Frau vergöttert dich, und die weiblichen Gäste umschmeicheln dich.« Inzwischen hatte sie gemerkt, dass ihre freundlichen Sticheleien gut ankamen. »Die meisten Männer würden alles dafür geben, wenn sie so viel Bewunderung ernten würden wie du.«

»Ja, ja, die Masse macht’s«, gab er zurück und hockte sich auf die Fersen. »Und was ist mit dir und Joe? Ihr schmust in der Ecke, während ich mich wie ein Hund abrackere. Worüber redet ihr beide eigentlich die ganze Zeit?«

»Joe ist ein netter Kerl.« Es tat ihr gut zu wissen, dass Liam ihr besonderes Verhältnis zu Joe nicht entgangen war. »Ein prima Kumpel. Mit ihm kann man über Dinge sprechen, die du langweilig findest, beispielsweise über Bücher und Filme. Wir unterhalten uns über die Geschichten und die Beziehungen zwischen den Figuren. Er kann sich so gut in die Personen hineinversetzen, dass es mir vorkommt, als würden wir über reale Menschen sprechen. Und Mitgefühl hat er auch. Er mokiert sich nicht über die Schwächen anderer, so wie du.«

»Ach so, damit wickelt er dich um den Finger, der raffinierte Kerl. Nimm dich vor ihm in Acht, das kann ich dir nur raten. Aber er bringt dich bestimmt nicht so zum Lachen wie ich.«

»Nein«, gab sie fast unwillig zu, »nein, das nicht. Aber er flirtet auch nicht so hemmungslos wie du …«

Er küsste sie auf den Mund und schnitt ihr damit das Wort ab. Im nächsten Augenblick hatte sie Joe völlig vergessen, und ihr Stirnrunzeln wich einem Ausdruck reinsten Wohlbehagens. Dann entwand er sich sanft ihrer Umarmung. Gern hätte sie ihn festgehalten, aber ihr Instinkt warnte sie, sich nicht allzu besitzergreifend zu zeigen. Mit einem Seufzer schlug sie die Decke zurück und fuhr sich durch das schwarze Haar.

»Machst du mir einen Kaffee, Liam, während ich dusche? Und sag Bosun, dass ich gleich komme.«

»Wird gemacht.« Er zögerte und sah sie nachdenklich an. »Wenn du dich beeilst, könnten wir raus nach Malpas fahren und einen Spaziergang am Fluss machen. Es ist ein wunderbarer Morgen. Hast du Lust?«

»Große Lust.« Sie strahlte vor Glück. »Und der Hund würde sich auch freuen. Bist du wirklich sicher, dass du Zeit hast?«

Er zuckte die Schultern. »Natürlich bin ich sicher. Joe kommt problemlos eine Stunde ohne mich zurecht. Erst gegen Mittag wird es voll, und bis dahin sind wir längst zurück.«

»In fünf Minuten«, versprach sie. »Na gut, sagen wir zehn.«

Sie eilte durch den Flur ins Bad. Liam runzelte die Stirn und ging hinunter, um Bosun zu eröffnen, was für eine Überraschung auf ihn wartete.

»Ein herrlicher Morgen.« Mina öffnete die Küchentür, um die Hunde ins Freie zu lassen. »Wie wär’s mit einem kleinen Ausflug?« Sie sah Nogood Boyo zu, der den Boden unter dem Vogelhäuschen beschnupperte, während Polly Garter auf dem bemoosten Pflaster saß und sich heftig am Ohr kratzte. Der kleine Hof erstrahlte im Sonnenschein, der Kleefarn und das rundblättrige Nabelkraut leuchteten in den Spalten der steilen Klippen, die hinter dem Haus aufragten.

Nest, die gerade eine saftige Zwetschge aus dem Obstgarten aß, drehte ihren Rollstuhl vom Frühstückstisch weg und blickte hinaus.

»Wir könnten zum Fuchsia Valley fahren«, schlug Mina vor, »und dort einen Kaffee trinken. Oder zum Hunter’s Inn. Oder übers Moor nach Simonsbath.«

»Simonsbath«, sagte Nest, ließ den Kern in ihre Müslischale fallen und leckte sich genüsslich die Finger. »Heute ist genau das richtige Wetter für eine Fahrt übers Moor.«

»Oder wir machen einen Ganztagsausflug«, meinte Mina. »In Simonsbath einen Kaffee trinken, dann weiter nach Dunster und zurück über Countisbury. Und den Tag so richtig genießen.«

Sie verkniff es sich hinzuzufügen: »solange Georgie noch nicht da ist«, aber die Schwestern wechselten einen viel sagenden Blick.

»Hast du Helena inzwischen erreicht?«, fragte Nest betont beiläufig.

»Ja.« Jetzt sah Mina in den Garten hinaus. »Sie war wirklich erleichtert. Und dankbar. Sie bringen Georgie am Samstag.«

»Samstag schon?«, rief Nest. »Du meine Güte, die haben’s aber eilig.«

Mina wandte den Kopf und blickte ihre Schwester mit verlegener Miene an. »Offenbar haben sie einen Käufer für Georgies Wohnung gefunden. Die Gelegenheit wollen sie sich nicht entgehen lassen.«

»Donnerwetter, sie lassen wirklich nichts anbrennen.« Nest fing an zu lachen. »Hoffentlich ist Georgie einverstanden. Es klingt, als hätten sie alles bis ins kleinste Detail geplant.«

»Helena sagt, sie brauchen das Geld von der Wohnung, um das Pflegeheim zu finanzieren.« Mina versuchte fair zu sein. »Sie wollen nur das Beste für sie.«

»Ganz bestimmt!«, gab Nest trocken zurück. »Und was wäre, wenn wir sie nicht aufnehmen könnten?«

Mina zuckte die Achseln. »Dann müssten sie sich etwas anderes überlegen.« Sie sah unglücklich aus. »Ich hätte vermutlich nicht gleich zusagen sollen, aber immerhin –«

»Sei nicht albern«, unterbrach Nest. »Ich bin überzeugt, es ist das Richtige. Mich ärgert nur, dass Helena und Rupert sich so leicht aus der Affäre ziehen konnten. Aber das ist mein Problem. Wo soll sie denn sonst hin, die arme Georgie?«

Mina schwieg. Sie wusste, dass Helena sich auch an ihren Cousin Jack gewandt hatte, den Sohn von Georgies Bruder Timmie. Mina war klar, dass Nest darüber nicht erbaut sein würde. Aber irgendwann würde sie es ja doch erfahren, denn Jack hielt engen Kontakt zu seinen geliebten Tanten. Also beschloss Mina, es ihr gleich zu sagen.

»Ich habe gestern Abend eine E-Mail von Jack bekommen. Er schreibt, dass Helena ihn gefragt hat, ob er und Hannah sich um Georgie kümmern würden, falls wir ablehnen.«

»Das ist nicht dein Ernst!« Nest konnte es nicht fassen. »Die beiden haben doch wirklich genug am Hals. Gerade hat das neue Schuljahr begonnen, die Neuen müssen sich im Internat einleben, und dazu haben sie noch ihre eigenen Kinder zu versorgen. Georgie inmitten einer Schar von Grundschülern! Mir wird ganz schwindlig.«

»Jack hätte es gemacht«, sagte Mina lächelnd.

»Er kann einfach nicht nein sagen. Genau wie sein Vater. Und die gute Hannah hätte sich natürlich auch darauf eingelassen.«

»Er macht sich Sorgen, ob es uns nicht zu viel wird. Meine Güte, ich weiß nicht, was wir ohne ihn und Hannah anfangen würden. Und Lyddie würde uns auch nicht im Stich lassen. Wir können von Glück reden.«

»Findest du nicht auch«, begann Nest zögernd, »d

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