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Das Sonnenkreuz

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Inhaltsübersicht

PRÆLUDIUM

VOR TAUSEND JAHREN

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

74. Kapitel

75. Kapitel

76. Kapitel

77. Kapitel

78. Kapitel

79. Kapitel

80. Kapitel

81. Kapitel

Epilog

Nachbemerkung des Autors

Nachbemerkung des Übersetzers

Danksagung des Autors

DAS SONNENRAD

im Verwaltungsbezirk Rangárvallasýsla

PRÆLUDIUM

Reykjavík Weststadt, Mittwoch, 21. März 2007

Mit einem Schlag herrschte Ruhe im Haus. Der ungebetene Besucher lockerte den Griff um den fahlen Hals des Mädchens. Der Aufprall des leblosen Körpers auf dem Holzboden hallte durch die Totenstille im Flur.

Der Eindringling riss die Sturmhaube vom Kopf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und atmete kräftig durch die Nase aus. Es war nicht vorgesehen, Baldurs Hausmädchen umzubringen, aber sie war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Also war es nun mal passiert.

Der Mörder kehrte in Baldurs Arbeitszimmer zurück. Dort war er nur wenige Minuten zuvor gewesen, als das Dienstmädchen aufgetaucht war. Der Kampf mit Baldur Skarphéðinsson, dem bekannten Archäologen und Bewohner des Hauses, hatte ein großes Tohuwabohu hinterlassen. Eine mit Eintragungen vollgekritzelte Karte Südislands, eine zerbrochene Brille mit Goldfassung, eine Tabakspfeife aus Holz und ein Aschenbecher, Relikte aus der Wikingerzeit, Bücher, Notizzettel und vieles andere waren wild durch das Arbeitszimmer geflogen. Jetzt lag das Opfer bewegungslos am Boden. Dunkelrotes Blut sickerte aus einer Halswunde auf das helle Eichenparkett. Neben ihm lag das blutbeschmierte Mordinstrument, ein Ledergürtel.

Während des Kampfes war es Baldur gelungen, seinem Angreifer am rechten Handrücken eine blutende Kratzwunde zuzufügen. Der ungebetene Besucher war sich darüber im Klaren, dass ihm die zum Problem werden konnte. Mit solcherart Beweismaterial wusste die Polizei sehr wohl umzugehen. Deshalb betrachtete er die Leiche und untersuchte genauestens ihre Finger.

Was zum Teufel mache ich jetzt damit?, dachte der Eindringling, aber er schob diesen Gedanken beiseite. Hauptsache, Baldur war tot. Seinetwegen musste man sich den Kopf jetzt nicht mehr zerbrechen. Ebensowenig wegen des Geheimnisses, hinter das der Archäologe gekommen war. Auch das ruhte nun wieder im Dunkel der Vergangenheit, so wie es sein sollte.

Er atmete tief durch und wandte sich einem ausgefransten Leinensack zu, den er mitgebracht und an der Tür zum Arbeitszimmer abgelegt hatte. Höchste Zeit, das eigentliche Werk zu vollenden. Danach konnte er sich Gedanken machen, wie er die Leiche loswurde.

Der Mörder durchtrennte die Schnur und öffnete den Sack. Acht tote Katzen kamen zum Vorschein, alle mit umgedrehtem Hals. Er nahm das oberste Tier heraus, schnitt ihm den Schwanz ab und machte sich an die heilige Zeremonie.

VOR TAUSEND JAHREN

Die Sonne blinzelte über den schneeweißen Gletscher und beschien Lachs-Ketills abgemagertes Gesicht. Wieder einmal erhob sie sich über diesem abgelegenen Eiland hoch im Norden. Zwei Winter hatte Ketill hier zusammen mit seiner Frau Ingunn und seiner Schiffsbesatzung verbracht. Obwohl er seine Heimat im norwegischen Naumudalur vermisste, wusste Ketill, dass er niemals mehr zurückkehren konnte. Nicht, nachdem er die Söhne Hildiríðurs erschlagen hatte. Sie waren nicht nur die Steuereintreiber des Königs Haraldur Schönhaar in der Provinz Hálogaland gewesen, sondern auch gute Freunde des Herrschers. Es machte die Sache auch nicht besser, dass Ketill ihr enormes Vermögen mitgenommen hatte. Auf eine so gut wie unbesiedelte Insel im Nordmeer einige Tagesreisen westlich von Norwegen. Der norwegische Auswanderer Ingólfur Arnarson hatte dort die vorangegangenen Jahre in Wohlergehen gelebt, trotz ihres Namens. Sie hieß Ísland – Land des Eises.

»Worüber denkst du nach?«, fragte Ingunn. Sie hielt ihren wenige Monate alten Sohn Hrafn im Arm. Der kalte Wind spielte mit ihrem blonden Haar, das zu einem Zopf geflochten war.

»Über nichts«, antwortete er, den Blick auf die feuerrote Sonne hinter dem Gletscher geheftet. Erinnerungen vom Angriff auf die Söhne Hildiríðurs jagten durch seine Gedanken. Die Feuerpfeile, die auf ihren Hof zuflogen, die Angstschreie, als sie da drinnen verbrannten, der Geruch versengten Fleisches.

»Norwegen?«, fragte Ingunn. Sie sah es in den Augen ihres Mannes.

»Nein, über den da denk ich nach«, log Ketill und legte die Hand auf den Kopf des Kindes.

»Eine prächtige Schar ist das«, lächelte Ingunn. Vor ihrer Flucht hatte sie ihm bereits vier Söhne geschenkt: Stórólfur, Herjólfur, Helgi und Vestar.

»Hrafn wird sich machen«, meinte Ketill und streichelte den Säugling. »Er wird wahrhaftig ein großer, bedeutender Mann werden. Du wirst schon sehen.«

Ingunn küsste ihren Mann auf die Wange. »Wie sein Vater.« Sie ging zurück in das Langhaus zu den Übrigen, die dort beim Essen saßen. Die Bewohner im Haupthaus des Gehöfts waren an diesem Morgen in aller Frühe erwacht, denn der heutige Tag war ein besonderer. Heute sollte der Grundstein zu ihrem Tempel gelegt werden. Zu diesem Anlass trugen die Männer volle Kampfausrüstung, die Frauen waren in bunte Kleider und Umhänge gehüllt und schmückten sich mit Perlenketten und Broschen.

Auch Lachs-Ketill stand aus diesem Grund heute auf der Hauswiese vor seinem Gehöft. Er hatte seinen Helm aufgesetzt und das Schwert umgegürtet, in der einen Hand hielt er eine Axt, in der anderen einen hölzernen Schild. Dieser war rund und besaß auf der Vorderseite vier von der Mitte ausgehende Furchen, die Ketill über Kreuz eingeritzt hatte: Das zauberkräftige Sonnenrad sollte seinen Feinden entgegenstrahlen. Dieses uralte Symbol bezeichnete den jährlichen Lauf der Sonne über das Firmament. Nach der Zählweise der Wikinger begann das Jahr im Monat Þorri. Er war der vierte und letzte Wintermonat und begann immer an dem Freitag, der im gregorianischen Kalender zwischen den 18. und 24. Januar fiel. Das Sonnenradsymbol hatte Ketill schon von Kindesbeinen an in seinen Bann geschlagen. Als Junge hatte er angefangen, mit verschiedenen Verfahren und Messgeräten den Lauf der Sonne zu bestimmen. Daher wusste er am besten von allen, dass in kurzer Frist die Tage wieder länger als die Nächte würden. Skinfaxi, der Hengst Leuchtmähne, hatte den Sieg über Hrímfaxi, den Nachthengst Reifmähne davongetragen; der lichte Sommer verschlang die finstere Nacht. So beschrieben es die Mythen in seiner nordisch-heidnischen Vorstellungswelt.

Die Sonne löste sich allmählich von dem himmelhohen Gletscher ab, der über dem Südland thronte. Er markierte die südöstliche Grenze des Landbesitzes, den sich Lachs-Ketill im Süden Islands angeeignet hatte: das Gebiet zwischen den beiden reißenden Strömen des Südlandes, die jetzt Þjórsá und Markarfljót hießen. Seinen Söhnen und Schiffsleuten hatte er Land im Umkreis zugewiesen. Für sich selbst hatte er das Grasland westlich des Berges Vatnsdalsfjall zu seinem Hauptsitz erwählt. Hof hatte er ihn genannt – das bedeutete in seiner altnordischen Sprache »Tempel«. Nun war es an der Zeit, die Opferstätte selbst zu erbauen, die Óðinn geweiht würde. Das Heiligtum bekräftigte zugleich, dass Ketill sich für immer auf dieser Insel im Nordmeer niedergelassen hatte. Hier würde er mit anderen Landnehmern, die vor der Tyrannei des Königs Haraldur Schönhaar geflohen waren, am Aufbau einer neuen Gemeinschaft teilhaben. Es sollte eine Gemeinschaft von freien Männern und Frauen sein, in der es keinen König und keine Zentralgewalt gab. Die Landnehmer herrschten über ihr Gebiet als eine Art Gemeindevorsteher mit richterlicher Befugnis. Zudem standen sie dem Tempel in ihrem Landbesitz als sogenannte Tempelgoden, also Priester, vor. Wer einen Tempel besaß, der war in der Regel wohlhabend, aber außerhalb ihres Gebietes hatten die Goden so gut wie keinen Einfluss.

Obwohl Ketill schon vor zwei Wintern nach Island gekommen war, stand ihm die Überfahrt immer noch lebendig vor Augen. Der Sitz der Söhne Hildiríðurs im norwegischen Torgar stand noch in hellen Flammen, als Ketill und sein Ziehbruder Baugur jeder in sein bis an die Reling beladenes Wikingerboot sprangen. Mit sechzig Mann Besatzung fuhren sie auf der Suche nach Island in Richtung Westen. Nach schwierigen neun Tagen auf See erreichten sie die Südküste der Insel und gingen östlich der Þjórsá an Land. Von den Bergen bis an den Strand war das Land trotz der sicherlich großen Kälte bewaldet. Davon abgesehen war Ketill überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Trotz der Schwierigkeiten, die das Leben in dieser Wetterhölle mit sich brachte, war er hier frei – anders als in Norwegen, wo Haraldur über alles und jeden herrschte.

»Halur er heima hver«, zitierte der Tempelgode halblaut einen Vers aus den Aussprüchen Óðinns: »Zu Hause herrscht jeder als eigner Herr.« Er blickte über das Land, das er sich geweiht hatte, wie er die Zeremonie der Landnahme nannte. Er schaute auf die Berge, die ihn umgaben, auf die dunklen Felsgipfel, die sein Weltbild abmaßen und die himmlische Ordnung der Götter auf Erden widerspiegelten. Dies war der rechte Moment, einen Tempel für Óðinn zu bauen. Ketill wusste es. Die Schatten in den Bergflanken zeigten es an. Nun hob Einmánuður an, der Monat des Rabengottes und der letzte des Winters. Ketill wandte sich um und schritt mit wehendem königsblauen Umhang auf das Haupthaus seines Gehöfts zu. Es war an der Zeit, seiner Frau und den Hausleuten zu gebieten, das Silber und die säulenförmigen Götterstelen herauszubringen. Die Säulen standen zu beiden Seiten seines Hochsitz genannten Stuhles, dem Zeichen seiner Godenwürde. Sie waren reich geschmückt und mit metallenen Nägeln, den Götternägeln, beschlagen. Nun sollte der Bau des Tempels unverzüglich beginnen.

Bevor Ketill die Tür zu seinem Haus öffnete, wandte er sich noch einmal kurz nach Südosten um und blickte auf den hoch aufragenden Gletscher. Ein Sonnenstrahl ließ den Nasenschutz seines Helms und die Schneide des Schwertes aufblitzen. Ein goldener Bogen umgab die Sonne. Sie berührte in der Ferne eben noch den hartgefrorenen Firn. Doch im Aufsteigen verwandelte sich der Bogen in gleißende Sonnenstrahlen – in ein funkelndes Sonnenrad hoch oben am Firmament.

Gáttir allar,

áður gangi fram,

um skoðast skyli,

um skyggnast skyli

því óvíst er að vita

hvar óvinir

sitja á fleti fyrir.

 

Alle Eingänge,

bevor er eintritt,

sollt er durchspähen,

sollt sich umsehen,

denn schwer ist’s zu wissen,

wo schon Feinde

auf der Hausbank hocken.

 

(Hávamál – Des Hohen Reden, Vers 1)

1. Kapitel

»Zwei Tage Wochenende nur«, seufzte Embla, während sie einer Schar kreischender Kinder voran die Treppe in den ersten Stock des Nationalmuseums Þjóðminjasafn hinaufstieg. Im Stillen verwünschte sie ihr Schicksal, zehnjährige Grundschulkinder durch die Ausstellungsräume dirigieren zu müssen. Sie war das, was in Island als Museumspädagogin bezeichnet wurde, und führte ausschließlich Schulklassen durch die Ausstellungen.

»Ich habe ja bloß zwölf Jahre Uni hinter mir.« Embla sah die aufgeregte Klasse und setzte ein mattes Lächeln auf. Vielleicht hatte ihr Vater doch recht gehabt. Medizin hätte sie studieren sollen, wie ihre ältere Schwester, anstelle der Archäologie. Dass ihre nur vier Jahre ältere Schwester bereits verheiratet war und zwei Jungs hatte, trug ebenfalls nicht besonders zu einer Steigerung ihres Selbstbewusstseins bei. Embla dagegen war unverheiratet und hatte deswegen noch mindestens neun Monate bis zu einem ersten Kind vor sich.

»Also dann, Kinder.« Sie wischte alle Grübeleien über die Irrwege des Lebens beiseite, mit denen sie ohnehin viel zu viel Zeit verschwendete und positionierte sich vor der ersten Vitrine mit der berühmten Þór-Statue. »Diese Statue aus dem 10. Jahrhundert stellt den Donnergott Þór dar, mit seinem Hammer Mjöllnir in der Hand. Die Gestaltung des Hammers erinnert sehr deutlich an das sogenannte Anch-Kreuz, das die ägyptischen Pharaonen trugen und das ein Hinweis dafür sein könnte, wie ein Motiv von weit aus dem Süden herauf bis auf unsere kleine Insel gelangt ist.«

Ganz offensichtlich war den Kindern dieses Informationshäppchen herzlich egal. Embla hatte hingegen gehofft, damit ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Aber die Kleinen rannten bloß umher, schubsten und neckten sich kichernd.

Embla ließ sich nicht entmutigen. Sie führte die Kinder zu der großen Landkarte von Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. »Hier sehen wir, wie ungeheuer weit die Wikinger herumkamen.« Sie wies auf die bunte Karte. »Das Zeitalter der Wikinger begann im Jahre 793 mit ihrem Überfall auf das Kloster Lindisfarne an der schottischen Ostküste. Sie machten sich bevorzugt über Kirchen und Klöster her, da sie wussten, dass dort die größten Schätze lagerten. Aus Rache beschrieben die Kirchenleute sie daher als ungebildete Barbaren, und leider hat sich dieses Bild bis auf den heutigen Tag erhalten. Tatsächlich aber waren die Wikinger die fähigsten Seefahrer ihrer Zeit: geniale Sternbeobachter, Mathematiker, Militärstrategen, Bildhauer – und vieles mehr. Das war ein richtiges Weltreich.«

Hatte Embla zuvor nur Schwierigkeiten gehabt, die Kinder anzusprechen, so war ihr die Kontrolle über die Gruppe jetzt völlig aus der Hand geglitten. Ein Teil der Klasse hatte sich tuschelnd zusammengerottet, warf ihr immer wieder schiefe Blicke zu und feixte. Unbeirrt fuhr sie fort: »Und wie wir sehen, war ihr Weltreich groß. Sie eroberten Britannien, den Nordteil Frankreichs, Skandinavien und Russland. Ihre Schiffsrouten reichten von Amerika bis nach Konstantinopel und weiter südlich bis Afrika.« Sie lächelte die Klasse an. »Sogar Christoph Kolumbus soll vor seiner ›Entdeckung‹ Amerikas in Island angelegt und dort ein Gerücht gehört haben, dass es jenseits des Atlantiks noch ein großes Land gab. Leifur Eiríksson hatte es entdeckt. Er bekam den Beinamen heppni – ›der Glück hatte‹.«

Umsonst. Die Kinder schienen Emblas vergeblich um Aufmerksamkeit ringender Rede nicht den geringsten Funken Interesse entgegenzubringen. Stattdessen schlenderten ein paar Schüler einfach drauflos zwischen die Ausstellungsstücke, und andere taten es ihnen kurz darauf gleich.

»Ach nein, Kinder. Nicht wegrennen«, stammelte Embla, was aber keinerlei Wirkung zeigte. Sie hatte nun mal keine Druckmittel in der Hand, das wussten die Kinder.

Nur ein Mädchen mit dicken Brillengläsern blieb stehen und studierte mit ernsthaftem Interesse die Landkarte. »Mami hat mir gesagt, dass viele englische Wörter von den Wikingern kommen, stimmt das?«

»Wie?«, entgegnete Embla gedankenabwesend und sah die anderen Kinder in Rekordgeschwindigkeit weiter ausschwärmen. Gleichzeitig hielt sie nach ihren Lehrerinnen Ausschau, aber die schienen schon längst über alle Berge. »Wart mal«, sagte sie zu dem bebrillten Mädchen und ging zur Treppe ins Erdgeschoss. Dort fand sie die eigentlichen Verantwortungsträger mit Zigaretten zwischen den Fingern in einiger Entfernung vor dem Museum herumstehen. Emblas Ärger schwoll merklich an. Die hielten das hier offenbar für eine Art Freizeit, und sie, Embla, sollte sich ganz allein um diese kleinen Monster kümmern.

Sie kehrte ins Museum zurück und ließ den Blick über die durcheinanderwuselnde Kinderschar schweifen. Sie atmete tief ein. Ganz plötzlich überkam sie tiefe Reue über den Lebensweg, den sie gewählt hatte. Doch anstatt in diesem Augenblick vor den Kindern in die Knie zu gehen, riss sie sich zusammen. Plötzlich, so wie ein Geysir ausbricht, schrie sie: »Her mit euch! Aber sofort!«

Die Kinder erstarrten und gehorchten unverzüglich – diesen Ton kannten sie von ihren Lehrern und Eltern – und setzten folgsamere Mienen auf: Sonntagsmienen.

»Danke«, sagte Embla entschuldigend. Um sich zu beruhigen, wischte sie ihre Ponyfransen zurecht und zupfte an ihrem dunkelgrünen, knielangen Rock herum. Sie war es nicht gewohnt, die Fassung zu verlieren. Normalerweise ließ sie es sich nicht anmerken, wenn Ärger in ihr hochzusteigen drohte. Stattdessen zeigte sie lieber eine lächelnde Fassade. Dieser kurze Zornesausbruch hatte aber Erfolg. Im Nu hatte sie den Kindern klargemacht, wer hier das Sagen hatte. Sie war deshalb auch ein klein wenig stolz auf sich.

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet«, beharrte das Mädchen mit der Brille, offenbar die Klassenprima.

»Ach so, stimmt«, antwortete Embla, stellte sich wieder in Positur und zupfte ihre braune Cordjacke zurecht. »Einflüsse der Wikinger kann man immer noch im Englischen beobachten, da die Engländer aufgrund der geringen räumlichen Distanz zu ihnen viele Worte aus dem Altnordischen übernommen haben.« Sie fand allmählich wieder zu sich zurück. Zu der freundlichen und höflichen Embla, auf die sich alle verlassen konnten. »Wie zum Beispiel unser isländisches Wort für Ei, egg, weißt du, wie man dazu auf Englisch sagt?«, fragte sie die Brillenschlange und konnte sogar ein Lächeln hervorquetschen.

Das Mädchen war flink mit der Antwort: »Einfach ›egg‹.«

»Genau. Und Kuchen – kaka? Oder Schwester – systir

»›Cake‹. ›Sister‹«, gab die Schülerin sofort zurück.

»Das sind nur ein paar Beispiele dafür, wie sich der Wortschatz der Wikinger in die englische Sprache eingeschlichen hat.« Embla legte die schmalen Arme übereinander, indem sie die Ellbogen jeweils in eine Hand nahm. Sie fühlte sich jetzt erheblich besser als noch vor ein paar Sekunden. »Ihr Einfluss ist auch bei unserem jól – Weihnachten – zu beobachten, was die Bezeichnung der Wikinger für ihr Winter- oder Julfest war. Man nimmt an, dass es von dem nordischen Wort hjól für ›Rad‹ abgeleitet ist.«

»Jólahjól – Weihnachtsrad«, witzelte ein aufgeschossener Junge mit braunem Haar. Die ganze Klasse prustete los.

Embla lachte mit. »Ja, die Wikinger stellten sich wegen der Jahreszeiten das Jahr als ein vierteiliges Rad oder einen Kreis vor, und am Julfest begann der Kreislauf jeweils aufs Neue. Da gab es Schweinebraten, so wie wir das heute noch machen. Sie zündeten Mittwinterfeuer an und hängten Mistelzweige auf, um sich darunter zu küssen, und sie schmückten Weihnachtsbäume.«

»Hatten die Wikinger Weihnachtsbäume?«, fragte ein dunkelhaariger Junge mit unverhohlener Verwunderung. Seine Oberlippe ragte wie ein kleines Dach vor.

Embla ließ ihren Blick über die Klasse wandern. Plötzlich spürte sie ein Interesse der Kinder an dem Thema. Kleine, neugierige Augen saugten sie förmlich auf. »Ja, sie glaubten an den Immergrünen Baum – den Baum des Lebens, der ihr gesamtes Weltbild umschloss.«

»Meinst du die Weltenesche Yggdrasill?«, fragte das Brillen-Mädchen.

»Haargenau«, bestätigte Embla, hochbeglückt über das Wissen des Kindes. »Der Baum Óðinns, des obersten Gottes der Wikinger. Der erste Weihnachtsbaum der Welt stammte sogar aus heidnischer Zeit und war Þór geweiht.« Sie ging zu einer weiteren Glasvitrine. Jetzt folgten ihr die Kinder auf dem Fuß, neugierig, mehr über ihre Vorfahren zu lernen. »Hier sehen wir verschiedene Waffen der Wikinger und Fundstücke aus Silber. Die Wikinger waren eifrige Sammler und besaßen oft große Schätze.«

»So wie Piraten?«, fragte der dunkelhaarige Junge mit der vorgewölbten Lippe und machte erstaunte Augen. Diese Wikinger waren ja doch viel interessanter, als er geglaubt hatte.

Embla lächelte. Der Vergleich mit Seeräubern kam für sie nach der Piratomanie, die in den letzten Jahren die ganze Welt heimgesucht hatte, nicht unerwartet. »Ja, sie haben ihre Schätze sogar genau so wie die Piraten vergraben, um sie so mit nach Walhalla zu nehmen, in den Wikingerhimmel.«

»Auch hier in Island?«, fragte die Klassenprima, die nicht besonders glücklich darüber war, dass auch ihr Mitschüler Fragen stellte und damit die Aufmerksamkeit der Museumspädagogin auf sich zog.

Emblas Augen funkelten: »Natürlich! Übers ganze Land verstreut sind Schätze vergraben. Man muss sie nur noch finden.«

Ein Raunen ging durch die Kinderschar. Jetzt waren sie richtig fasziniert von ihr, und die nächste Frage überraschte sie deshalb nicht wirklich. »Wie heißt du?«, fragte der aufgeschossene Junge.

»Embla Þöll Vilhjálmsdóttir.«

»Und wie alt bist du?«

»Zweiunddreißig«, gab ihm Embla missmutig Auskunft. Musste er sie unbedingt an ihr Alter erinnern?

»Hast du Kinder?«

»Nein.« Sie antwortete etwas zu hastig.

»Warum nicht?«

»Nun, einfach so«, antwortete Embla und schluckte. Das war jetzt wohl weder der passende Ort noch der Augenblick dafür, den Gören lang und breit auseinanderzusetzen, dass das Thema Nachwuchs zwischen ihr und ihrem Freund Adam Swift ein großer Streitpunkt war. Er wollte jetzt noch keine Kinder. Sie aber schon.

»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du Julia Roberts unheimlich ähnlich siehst?«, fragte der Junge mit der Vordach-Lippe. Die Klasse kreischte vor Vergnügen.

Embla setzte ihr bezauberndes Lächeln auf. Ihr rotes Haar war schuld daran, dass man sie manchmal mit der Schauspielerin verglich. Ihr erschien dieser Vergleich als recht weit hergeholt. Aber wenn andere das so meinten, dann bitte sehr, gerne. Sie ging nicht weiter darauf ein. »Jetzt ist aber gut. Die Exkursion behandelt die Wikinger, nicht mich«, verkündete sie der Klasse.

»Aber du bist viel süßer«, entgegnete der Junge, worauf die Kinder wieder losplatzten.

»Vielen Dank«, sagte Embla und tätschelte dem Jungen freundlich den Kopf. »Aber wir sollten jetzt wirklich mit unserem Rundgang fortfahren. Sonst sind mir eure Lehrerinnen böse.« Sie führte sie zum nächsten Schaukasten, der in den Boden eingelassen war und eine heidnische Begräbnisstätte zeigte. »Das hier ist ein gutes Beispiel für die Totenrituale der Wikinger. Sie bekamen Waffen und andere Gegenstände mit ins jenseitige Leben, die sogenannten Grabbeigaben.«

Der hochgewachsene Junge zeigte auf einen Wikingerhelm, der zuoberst in dem Grab lag. »Der hat ja gar keine Hörner!«, rief er hocherfreut über seine Entdeckung. Die Klasse gackerte wieder und amüsierte sich offenbar aufs prächtigste.

Embla seufzte über diese Bemerkung. »Nein, Wikingerhelme hatten keine Hörner. Das beruht auf einem Missverständnis, wie so vieles andere auch, was die Wikinger betrifft. Erst in den letzten Jahren bekommen die Wissenschaftler allmählich ein genaueres Bild von ihrer Kultur. Etwa wie nahe sie dem kulturellen Erbe anderer großer Weltreiche standen, den Römern beispielsweise, den Griechen und Ägyptern.« Embla blickte über die Klasse und erinnerte sich plötzlich daran, dass sie zu Kindern sprach, nicht zu Erwachsenen. Unzählige verständnislose Augen blickten sie an. Nur die Klassenprima hatte angefangen, Emblas Vortrag mitzukritzeln. »Na, wer möchte mal versuchen, ein Wikingerschwert zu halten?«, bot sie der Klasse an.

Unzählige Hände fuhren in die Höhe, und die Kinder schrien laut um die Wette: »Ich! Ich!«

»Also kommt mit. Wir haben einen Raum voller Wikingersachen zum Spielen.«

Embla ging voran ins Erdgeschoss, die Kinder trampelten ihr aufgeregt hinterher.

In diesem Moment lief eine der Museumswärterinnen auf Embla zu, die schon etwas ältere Ágústa.

»Hier steckst du. Ich hab dich überall gesucht«, schnaufte sie erschöpft.

»Ich war mit den Kindern im Wikingersaal. Was ist denn?«, fragte Embla, als sie die Schweißtropfen auf Ágústas Stirn sah. »So sehr Gas zu geben brauchen wir hier ja wohl nicht. Was wir hier haben, ist alles schon steinalt, vergiss das nicht.« Embla lächelte.

Ágústa verzog keine Miene. »Ein Anruf für dich, dringend«, keuchte sie und reichte ihr das schnurlose Telefon.

Embla nahm es und legte die Hand über die Sprechöffnung. »Wer ist da dran?«, flüsterte sie.

»Polizei«, sagte Ágústa ebenso leise.

Embla verstummte verblüfft.

»Es geht um Baldur Skarphéðinsson«, fuhr Ágústa fort, immer noch ein wenig außer Atem.

»Was?« Embla spürte, wie sie unruhig wurde.

Ágústa zuckte mit keiner Wimper. »Ich glaube, ihm ist was passiert«, flüsterte sie mit ernster Miene.

2. Kapitel

An der Ausfallstraße Sæbraut stand ein Mann Mitte vierzig mit ausgefranstem Wollpullover und verblichener Jeans neben der Metallskulptur des Wikingerschiffes Sólfar. Tief in Gedanken versunken starrte Sæmundur Loftsson auf die Wellen, die in schöner Regelmäßigkeit gegen die Steine der Uferbefestigung donnerten. Mit diesem 21. März war einer der wichtigsten Tage seines Lebens angebrochen. Es war Frühjahrs-Tagundnachtgleiche, und sie fiel auf den Óðinn geweihten Wochentag: Mittwoch. Zum ersten Mal, seit Sæmundur vor einigen Jahren den Orden des Sonnenkreuzes wieder ins Leben gerufen hatte.

Jetzt war es sicher gleich so weit.

Er zog an seinem Zigarillo und seufzte vor Erwartung, aber auch aus Sorge. Ein langer und schicksalsträchtiger Tag stand ihm bevor, der alles verändern sollte. Bereits jetzt waren einige wichtige Aufgaben erledigt, und die nächste wartete schon auf ihn: Tobias abholen. Sæmundur atmete tief durch. Er konnte es kaum erwarten, endlich den Norweger zu treffen, eines der engagiertesten Mitglieder seines Ordens. Nach all der Zeit, den zahllosen Telefongesprächen, geheimen Beratungen und Planungen für den heutigen Tag.

Ein kalter Windstoß kam vom Meer und fuhr durch Sæmundurs blondes Haar. Er war hochgewachsen, hatte breite Finger und einen plumpen Hals. Seine Gestalt ähnelte der eines Bergtrolls. Auch der blonde Vollbart, die buschigen Augenbrauen und das grobschlächtige Gesicht besserten seine unförmige Erscheinung nicht sonderlich auf. Sæmundur war Landwirt im südisländischen Bezirk Rangárvallasýsla, geboren und aufgewachsen auf dem Landgut Stóra-Hof, und war schon von Kind auf an schwere Arbeit gewöhnt.

Ein thailändisches Paar betrat die Aussichtsplattform und setzte sich auf eine Holzbank bei dem metallenen Wikingerschiff. Sæmundur warf ihnen einen scharfen Blick zu und konnte den sofort aufkeimenden Ärger nicht unterdrücken. »Verdammte Schmarotzer«, zischte er leise und zog an seinem Zigarillo. Sæmundur hatte sehr ausgeprägte Ansichten über Asiaten und Slawen, die wie »Ratten von einem sinkenden Schiff« aus ihren Heimatländern flohen. Sie strömten neuerdings ins Land, um hier im Norden ihr Glück zu versuchen. Nicht zuletzt deshalb hatte er den uralten Sonnenkreuzorden der Wikinger wiedererweckt. Er war felsenfest davon überzeugt, dass nur dessen Kraft die Nordhemisphäre »von diesen Blutsaugern reinigen« konnte.

Aber das darf man ja nicht laut aussprechen, dachte er und warf den Zigarillostummel ins Meer. Da wird man sofort als Rassist abgestempelt. Oder als Ausländerfeind. Genau dieses Wort hatte seine Frau Lovísa neulich beim Abendessen in den Mund genommen. »Ausländerfeind« hatte sie ihn vor seiner Tochter genannt und dabei von Psychologen, Irrenärzten, ja sogar von der Klapse in Kleppur draußen gesprochen. Als sei er es, der einen Sprung in der Schüssel hatte – wenn doch die Wahrheit die war, dass die anderen alle nicht ganz dicht waren. Alle Isländer, die Arme und Landesgrenzen weit aufrissen und dieses Pack hereinließen, ohne auch nur einen Mucks zu tun. Aus lauter Angst, irgendwer könnte mit dem Finger auf sie zeigen. Sæmundur konnte einfach nicht begreifen, warum niemand sonst es als ungerecht empfand, wenn die Fremden einfach so in den Genuss aller Vorzüge kamen, die das Leben in Island mit sich brachte. Immerhin hatten seine Vorfahren dafür gekämpft und sogar ihr Leben dafür gelassen. Oder warum wurde einer als Rassist bezeichnet, der gegen das Verschwinden seiner Kultur ankämpfte, die aufgrund ihrer mangelnden geographischen Ausbreitung ohnehin schon bedroht war? Das ergab doch hinten und vorne keinen Sinn. Auf einmal wurde es als Tugend angesehen, den Ausländern stillschweigend zu erlauben, ihre Sitten und Gebräuche einzuschleppen und die von den Isländern über mehr als tausend Jahre aufgebaute Kultur zu verwässern.

Sæmundur schüttelte den Kopf. »Was für ein gigantisches Missverständnis«, flüsterte er und starrte das thailändische Paar unverhohlen an. Er freute sich darauf, wieder nach Hause in die Rangárvallasýsla zu kommen, dort, wo schon seine Vorfahren gewohnt hatten. Dort konnte er sich daranmachen, sich dieses Geschwürs an der isländischen Gesellschaft anzunehmen.

Der junge Thai bemerkte Sæmundurs Aufmerksamkeit. »Was?«, fragte er mit starkem Akzent und runzelte die Stirn.

Sæmundur trat an das Paar heran. »Warum verpisst ihr euch nicht einfach dahin, wo ihr hergekommen seid?!«, schnauzte er.

»Nicht«, sagte das thailändische Mädchen sofort zu seinem Freund. »Komm, wir gehen.«

»Ja, tut das. Schert euch fort!«

Der junge Mann war aber keinesfalls gewillt, das Verhalten des groben Isländers hinzunehmen. »Wir haben das volle Recht hier zu sein, genau wie du«, sagte er mit geballter Faust.

»Was zum Teufel hast du denn schon für Island getan? Oder deine Eltern?« Sæmundur stieß den Thai so heftig, dass der auf den Betonboden stürzte und sich das Handgelenk aufschürfte. »Recht? Ich könnte kotzen«, fuhr er den am Boden liegenden Mann an.

»Gehen wir«, flehte die junge Frau und kniete neben ihrem Freund nieder. Die Aggressivität des Mannes jagte ihr Todesängste ein. Sie wollte nur noch weg. Schon früher hatten sie die Vorurteile der Isländer zu spüren bekommen, aber der Hass dieses Mannes saß ganz offensichtlich viel tiefer.

Drei joggende Frauen in Outdoorjacken näherten sich der Sólfar und sahen sofort, was los war. Sie liefen rasch auf Sæmundur und das Paar zu.

»Was soll denn das hier werden?«, fragte eine von ihnen und kniete sich neben den jungen Thai hin.

»Wie bitte? Sollen wir vielleicht brav den Mund halten und tatenlos zuschauen, wie die sich hier breitmachen?« Sæmundur funkelte die Frauen zornig an. Schlagartig fiel ihm wieder ein, weswegen der heutige Tag so bedeutsam war. Er, Tobias und weitere Mitglieder des Ordens in ganz Nordeuropa würden heute den ersten Schritt tun hin zu etwas ganz Neuem.

»Lass ja den armen Kerl da in Ruhe oder ich rufe die Polizei«, fauchte ihn die Frau an.

»Kapiert ihr denn nicht?« Sæmundur glotzte die Frauen an. »Die nehmen uns unser Land weg, vor unseren Augen.« Er deutete auf das Paar. »Wir müssen uns wehren. Wir müssen die da bekämpfen und uns unser Land zurückerobern.«

»Ich weiß zwar nicht, was du geraucht hast, aber bei dir fehlt es ganz deutlich da oben.«

Sæmundur lachte. »Fehlen? Nein, im Gegenteil. Dieses Gesindel da ist zu viel.« Er deutete wieder auf das thailändische Paar. »Und ihr auch.« Er blickte abwechselnd die drei Frauen an. »Ich bin der Einzige hier, bei dem alles stimmt. Wartet nur. Der Krieg hat begonnen!« Sæmundur marschierte zu seinem dunkelroten Landrover, riss die Tür auf, zog sich hoch und ließ sich schwer auf den Fahrersitz fallen.

»Arschloch!«, schrie ihm eine der Frauen nach und half dem jungen Thai wieder auf die Beine.

Sæmundur überhörte diese Bemerkung. So was war er bereits von seiner Frau gewohnt. Er knallte die Tür des Jeeps zu und ließ den Motor aufheulen. Wie ein Drache hörte es sich für ihn an. Er konnte es kaum erwarten, Tobias abzuholen und das reinigende Werk zu beginnen – durch die Verbindung im Geist des Ordens.

»Jammerschade, dass Baldur bei uns nicht mitmachen wollte«, grummelte er und jagte den Wagen auf die Sæbraut hinaus.

3. Kapitel

Der Polizist beendete das Gespräch. Embla stand wortlos und stocksteif da, das Telefon noch immer am Ohr.

»Was?«, fragte Ágústa.

Embla gab ihr das Telefon zurück: »Die Polizei ist auf dem Weg hierher. Sie brauchen meine Hilfe.« Ihre zartgegliederte Ohrmuschel war noch rot von dem Gespräch.

»Was ist mit Baldur passiert?«, fragte Ágústa.

»Ich weiß es nicht. Der Polizist wollte es mir nicht sagen.« Embla schluckte. »Er hat nur gesagt, dass er unbedingt meine Hilfe braucht und schon auf dem Weg hierher ist.« Sie unterdrückte die aufsteigende Panik und warf einen Blick in das Kinderspielzimmer des Museums. Die Schüler, die sie eben noch herumgeführt hatte, tobten nun wie wild mit den Plastikschwertern herum und stellten Schilder und Wikingerhelme auf harte Bewährungsproben. Sie zupfte an ihrem Ohrring und überdachte den nächsten Schritt.

»Kannst du mal einen Moment auf sie aufpassen?«

»Klar.« Aber als Ágústa einen Blick auf die tobenden Kinder warf, wurde sie unsicher und zog die Nase kraus: »Was soll ich deiner Meinung nach machen?«

»Kurz aufpassen. Ich will nur schnell die Lehrerinnen holen. Die sollen sich gefälligst um ihre Schüler kümmern, wenn die Polizei mich braucht. Oder meinst du nicht?« Plötzlich zögerte Embla, sie hatte nämlich noch nie einfach so ihren Arbeitsplatz verlassen.

»Ja doch, warum nicht?«, stimmte Ágústa zu. »Geh nur die Lehrerinnen holen. Dann müssen die eben das Kind – oder vielmehr die Kinder – schaukeln. Schließlich verlangt die Polizei nach dir.«

»Stimmt.« Embla hatte ihre Sicherheit zurückgewonnen. Fest entschlossen drehte sie sich um und eilte durch den ersten Stock des Museums an unzähligen Wikingerrelikten und anderen archäologischen Fundstücken vorbei und die Treppe zum Ausgang hinunter. Die Absätze ihrer schwarzen Lederstiefel klackten dabei laut.

Die beiden Lehrerinnen standen immer noch vor dem Museum und hatten mittlerweile ihre nächste Zigarettenrunde begonnen. Offensichtlich wollten sie sich diese verlängerte Pause nicht entgehen lassen.

»Na so was, ist die Besichtigungstour schon zu Ende?«, fragte eine von ihnen. Sie war für diese Jahreszeit auffällig sonnengebräunt.

»Es tut mir leid, aber ich muss gehen«, verkündete Embla.

»Aber die Kinder sollten doch bis zum Mittag in deiner Obhut bleiben.« Die Lehrerin mit dem dunklen Teint blickte auf ihr rosafarbenes Handy. »Es ist doch erst elf.«

»Das weiß ich, aber es ist was dazwischengekommen, und ich muss weg«, wiederholte Embla und knöpfte sich die braune Cordjacke zu. Trotz der strahlenden Märzsonne war es ziemlich frisch. »Leider«, fügte sie mit gespieltem Bedauern hinzu.

»Und wohin, wenn ich fragen darf?«, bohrte die andere Frau.

Bevor Embla den Mund öffnen konnte, kam ein Auto angerast, schlingerte über die leicht abschüssige Einfahrt auf den Parkplatz und machte eine Vollbremsung. Der Fahrer ließ sofort das Fenster herunter. »Embla Þöll?«, fragte er und sah die drei Frauen an. Für einen Isländer wirkte er ziemlich dunkel. Er trug einen Kurzhaarschnitt und Bartstoppeln und hatte braune Augen. Gekleidet war er in einen schwarzen, unauffälligen Anzug.

Embla hob die Hand, fast so, als wäre sie selber eine Grundschülerin. »Hier.«

»Hörður mein Name, Polizei. Komm, wir haben keine Zeit zu verlieren.« Er beugte sich zur Beifahrertür und schob sie auf. »Ich bring dich hin.«

Embla sah die Lehrerinnen abwechselnd an. »Wie ihr seht, es ist sehr wichtig. Leider. Die Kinder erwarten euch im Spielzimmer.« Embla warf den beiden beim Einsteigen ein sanftes Lächeln zu. Fast noch im selben Augenblick jagte der Wagen davon. Embla legte hastig den Gurt an. Der Polizeibeamte hatte das Gaspedal durchgetreten und war losgebrettert.

»Entschuldige meine Eile, aber es geht um jede Sekunde«, sagte er, ohne den vor ihnen liegenden Kreisverkehr am Nationalmuseum aus den Augen zu verlieren.

»Kein Problem«, sagte Embla, die eine so rasante Fahrt über die Reykjavíker Straßen nicht gewohnt war, und krallte sich am Handgriff fest.

Hörður fegte mit einem Irrsinnstempo durch den Kreisverkehr und bog in die Suðurgata ab. Dabei kaute er heftig auf seinem Kaugummi.

»Kannst du mir mal sagen, was eigentlich los ist?«

»Wir haben uns an die Universität Islands gewandt, und da hat man uns an dich verwiesen. Du kennst dich doch gut mit dem Asenglauben aus, oder?«

Embla blieb der Mund offen stehen. Die Frage erwischte sie völlig unvorbereitet. »Vielleicht nicht mit allem, aber ein bisschen was weiß ich schon.«

»Uns hat man gesagt, dass du in der Uni am besten darüber Bescheid weißt. Stimmt das etwa nicht?« Hörðurs Stimme klang plötzlich unangenehm hart.

»Na ja, wie gesagt, Ahnung hab ich schon. Ich bin die letzten zwölf Jahre zwischen den Fächern hin- und hergewechselt und weiß deshalb viel über den Asenglauben, das Wikingerzeitalter und die altnordische Mythologie.« Embla machte sich nicht die Mühe, diesem fremden Polizisten zu erläutern, warum sie in Isländisch, Geschichte, Ethnologie und schließlich Archäologie eigentlich nur so herumstudiert hatte. Manche – darunter ihr Vater – würden es Faulheit nennen, aber Embla wusste, dass es eher mit ihrer Unfähigkeit zusammenhing, überhaupt irgendetwas zu Ende zu bringen. Aus demselben Grund war auch die Doktorarbeit immer noch wie ein Alptraum für sie. Diese verflixte Dissertation, die die Hauptschuld daran trug, dass sie etwa ein Drittel ihres Lebens hinter Schloss und Riegel der Universität vergeudet hatte.

»Dann solltest du in der Lage sein, uns zu sagen, was passiert ist.« Der Wagen blieb am Vorfahrtsschild an der Ecke Túngata/Suðurgata stehen. Hörður sah Embla einen Moment in die Augen, bevor er die Túngata hinaufjagte.

»Was meinst du denn? Was ist mit Baldur passiert?« Nach ihrer Meinung war es jetzt endlich Zeit für ein paar klare Antworten.

»Wir wissen es nicht sicher«, antwortete Hörður. Der Wagen raste an der kanadischen Botschaft vorbei, dann an der russischen und schlitterte noch vor der katholischen Kirche rechts in die Ægisgata hinein. »Kennst du ihn?«, fragte er nach einer Weile.

»Ja, kann man so sagen. Ich habe bei ihm studiert.«

Hörðurs Aufmerksamkeit war nun ganz auf sie gerichtet: »Dann weißt du etwas über seine archäologischen Untersuchungen?«

Embla erwiderte eifrig: »Natürlich. Baldur ist bekannt für seine revolutionären Theorien zur Herkunft der Isländer und noch berühmter wegen der Reaktionen seiner wissenschaftlichen Kollegen darauf.«

»Was meinst du damit?«

»Na ja, die Fachleute verwandter Disziplinen halten von seinen Untersuchungen wenig, und es wird sogar gemunkelt, dass er sich nicht freiwillig zur Ruhe gesetzt hat, wenn du verstehst, was ich meine«, erklärte Embla.

»Rausgeworfen wegen archäologischer Theorien? Was es nicht alles gibt«, kommentierte der Beamte.

»Also, was ist denn passiert? Ist ihm etwas zugestoßen?«, fragte Embla besorgt.

Aber Hörður schwieg, den Blick fest auf die Straße gerichtet.

»Kannst du mir nicht einfach mal eine Antwort geben?«, beharrte Embla.

»Leider nein.« Hörður bog in die abschüssige Bárugata ein und verlangsamte die Fahrt. Die Straße war voller Polizeiautos. Weiter unten stand ein Krankenwagen vor einem weißen zweistöckigen Gebäude – Baldur Skarphéðinssons Haus. Der gesamte Verkehr war mit gelbem Band ausgesperrt worden, aber Hörður wurde von einem Polizisten durchgelassen.

»Wer kann mir dann antworten?«, fragte Embla, genervt von der Sturheit des Mannes.

»Mein Chef.« Hörður hielt vor Baldurs Haus. Er deutete auf einen glatzköpfigen Mann, der mit vielen anderen Polizisten und Sanitätern mitten im Garten des Hauses stand. »Aber geh um Gottes willen behutsam mit ihm um«, fügte er hinzu.

»Warum?«, fragte Embla verblüfft.

»Weil Baldur sein Bruder ist«, antwortete Hörður düster.

4. Kapitel

Ungefähr zwei Kilometer entfernt, auf einer Bank vor dem Hótel Reykjavík Centrum, saß Tobias Petersen und wartete auf Sæmundur Loftsson. Tobias ging auf die vierzig zu. Er hatte sein langes, dunkelbraunes Haar zu einem Knoten gebunden und fiel vor allem durch seine ausgeprägten Wangenknochen auf. Seine Augen waren wasserblau, fast durchsichtig, was ihm einen sehr auffälligen Blick verlieh. Er war von kleiner Statur, trug schwarze Winterhosen und einen dicken Pullover. Hier war es definitiv kälter als zu Hause in Oslo.

Tobias war gestern am späten Abend gelandet. Er hatte Sæmundur vor fast genau einem Jahr im Internet kennengelernt, und jetzt war er tatsächlich hier. Erwartung, Zweifel und nicht zuletzt Neugier rangen in ihm. Sollte Sæmundur recht behalten, würde dies eine Reise werden, die sein Leben nachhaltig verändern konnte.

Er stand auf und sah auf die Uhr. Viertel nach elf. Sæmundur müsste jeden Moment kommen. Tobias wartete vor dem Hotel, in dem er übernachtet hatte. Daneben war das Restaurant Fjalakötturinn. Unter einer massiven Glasabdeckung auf dem Boden konnte er sehen, was sich unter seinen Füßen befand: die ältesten Spuren menschlicher Besiedelung in Island von etwa 870 n. Chr. Tobias stellte sich vor, dass hier Ingólfur Arnarson höchstpersönlich gelebt hatte, der erste Landnehmer Islands. Unglücklicherweise lag der Siedlungsort mitten im Stadtzentrum. Das machte es den Archäologen unmöglich, in der nächsten Umgebung nach dem Tempel des Wikingers zu forschen.

Im Gegensatz zum Óðinnstempel, den Sæmundur gefunden haben wollte!

Tobias spürte, wie er eine Gänsehaut bekam. Wenn dieser isländische Landwirt recht behielt, dann hatte seine Suche nach all den Jahren endlich ein Ende gefunden. Tobias war tief in Gedanken versunken, als ein dunkelroter Landrover viel zu schnell die enge Aðalstræti herunterkam und am Bürgersteig vor dem Hotel stehenblieb. Sæmundur stieg eilends aus dem Geländewagen und lief auf ihn zu.

»Tobias Petersen?«, fragte Sæmundur erwartungsvoll.

Wortlos nickte Tobias. Die Bilder im Internet hatten ihm ein völlig falsches Bild vom Körperbau des Isländers vermittelt… Er war bedeutend größer und breiter, als Tobias erwartet hatte. Der knochenweiße Messergriff in einer Lederhülle an Sæmundurs Gürtel trug nicht eben dazu bei, das Klobige seiner Erscheinung abzumildern.

»Willkommen in Island«, sagte Sæmundur auf Dänisch und streckte ihm mit strahlendem Lächeln die Hand entgegen.

»Takk – danke«, antwortete Tobias und lächelte jetzt ebenfalls. »Ich fühle mich sehr geehrt, dich endlich treffen zu dürfen.« Kurzes Zögern. »Den Ordensgründer höchstpersönlich.«

Sæmundur hob augenblicklich den Zeigefinger: »Nicht Gründer. Ich habe ihn lediglich wiederbelebt. Unsere Vorväter, Ingólfur Arnarson, Skallagrímur Kveld-Úlfsson und Lachs-Ketill waren es, die die Bruderschaft ins Leben riefen.« Er sprach die Namen dieser Männer ehrfürchtig aus, als sähe er sich selbst als Glied in einer Kette, die sie vor vielen Jahrhunderten geformt hatten.

»Ja, natürlich«, Tobias bereute seine unüberlegte Wortwahl sofort. »Um die Größenverhältnisse der Sonnenräder geheim zu halten, nicht wahr?«, fügte er hinzu, um seine Kenntnis des altehrwürdigen Ordens unter Beweis zu stellen.

Sæmundur bejahte. »Genau, so wie die Freimaurer die Proportionen der mittelalterlichen Kirchen auf dem europäischen Kontinent auch für sich behielten.« Sæmundur blickte sich um, zuerst auf die Häuser der Stadtmitte, dann in den wolkenlosen Himmel. »Alle Proportionen, die das Sonnenkreuz definieren, sind heilige Zahlen. Es sind von den Göttern selbst gegebene Proportionen, und deshalb mussten sie vor dem gemeinen Volk in Bruderschaften, Geheimregeln und Gilden verborgen gehalten werden.«

»Und du bist sicher, dass es solche Bruderschaften hierzulande gegeben hat?«

»Ich persönlich nicht. Baldur Skarphéðinsson war es, der diese Theorie als Erster aufstellte«, antwortete Sæmundur sofort und blickte seinen Besucher erneut an.

Der Name Baldur bewirkte offenbar etwas in Tobias. »Aber er war nicht zur Zusammenarbeit bereit?«

»Nein.« Sæmundur schwieg. Ihm fielen die zwanglosen Stunden mit Baldur ein. Sie kannten sich seit vielen Jahren und waren anfangs Freunde gewesen, bevor ihr gutes Verhältnis in die Brüche gegangen war. »Leider, schade um ihn«, fügte er hinzu und seufzte. Dann ging er zu seinem Wagen: »Aber komm jetzt, lass uns zum Tempel aufbrechen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Tobias nahm seine schwere Reisetasche und ging auf das Heck des Geländewagens zu. Sæmundur versperrte ihm augenblicklich den Weg: »Nein! Stell die Tasche auf den Rücksitz.«

»Die ist ganz schön groß, soll sie nicht besser in den Kofferraum?«

»Da passt sie nicht mehr rein. Der ist voll.« Sæmundur entriss Tobias die Tasche erstaunlich grob und stopfte sie auf den Rücksitz. Danach hievten sie sich in den hochbeinigen Wagen. Sæmundur schaute seinen Gast an. »Aufgeregt?«, fragte er und lächelte, dass seine Zähne sichtbar wurden. Sie waren gelb vom Rauchen.

»Ich kann noch gar nicht glauben, dass ich wirklich hier bin«, antwortete Tobias und lächelte zurück. »Und dass der heutige Tag endlich gekommen ist.«

»Es wird perfekt«, fügte Sæmundur hinzu. »Nach den Opfern am heutigen Tag wird die Welt endlich aufhorchen. Das verspreche ich dir. So ist es vorausgesagt worden.« Nach dieser Behauptung ließ er den Wagen an und fuhr los Richtung Stóra-Hof in Südisland – zu dem uralten Tempel, der bald zum Zeichen der Vereinigung Nordeuropas werden sollte.

5. Kapitel

Rund um Baldurs Haus herrschte große Aufregung. Polizisten liefen auf dem Gelände herum und durchsuchten Beete und Rasen, Sanitäter standen mit Krankenwagen bereit. Zu allem Überfluss hatte auch noch eine gehörige Anzahl Journalisten von dem Vorfall Wind bekommen. Sie drängten sich in einem Rudel außerhalb des Gartens.

Embla stieg aus dem Polizeiwagen und folgte Hörður. Als Erstes bemerkte sie, dass drei Raben auf dem Dachgesims des benachbarten Hauses krächzend mit ihren pechschwarzen Schnäbeln an der blechernen Regenrinne herumpickten. Das metallische Geräusch schallte über die Straße. Raben waren in Reykjavík zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Eine abergläubischere Person als Embla hätte sie dennoch als übles Omen aufgefasst, war der Rabe im isländischen Volksglauben doch der Todesbote schlechthin.

»Komm«, sagte Hörður und führte Embla an den Journalisten vorbei in den Garten. Beim Anblick des neuen Gesichts ging sofort helle Aufregung durch die Reporterschar.

»Wer ist das?«, fragte eine Frau vom Staatsfernsehen RÚV und reckte das Mikrofon vor.

»Was hat sie mit den Ereignissen des Tages zu tun?«, wollte ein Journalist vom Fréttablaðið wissen, den Schreibblock bereit und den Stift gezückt.

»Wird sie wegen dem Mord verdächtigt?«, forschte ein junger Mann mit eigenartiger Frisur von der privaten Fernsehstation Stöð 2. Der Journalist legte ein bedeutend aufdringlicheres Gehabe an den Tag als die übrigen Berichterstatter.

»Mord?«, wiederholte Hörður gereizt und blieb augenblicklich stehen. »Was für ein Mord denn?«

»Jetzt tu nicht so«, gab der junge Mann zurück und hielt das Mikrofon näher an den Beamten. Immerhin war es ihm gelungen, den Polizisten aufzuhalten. »Auch wenn ihr uns nicht sagt, was los ist, können wir uns doch an fünf Fingern abzählen, was passiert ist. Euch brennt doch was an den Nägeln.«

Hörður blickte ungerührt auf das Mikrofon, das ihm der junge Kerl fast ins Gesicht drückte. Dann auf die Kamera, mit der jetzt auch noch dessen dicklicher Kollege auf ihn zielte. »Das heißt ›auf‹. ›Auf den Nägeln‹ brennt’s für gewöhnlich, nicht ›an‹«, korrigierte er verächtlich, ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, auf die Frage des Burschen einzugehen. Er ließ ihn stehen und ging mit Embla weiter.

Im Garten folgten sie einem plattenbelegten Weg, der zum Hauseingang führte. Dort stand wie ein drohendes Unwetter Grímur Skarphéðinsson. Er war ein überaus erfahrener Kriminalhauptkommissar. Anders als die anderen Mitarbeiter der Ermittlungskommission trug er die schwarze Uniform der isländischen Polizei. Grímur gehörte noch zur alten Generation und vertraute auf die Macht der Uniform.

Hörður trat an seinen Vorgesetzten heran: »Das ist Embla Þöll.«

»Na endlich«, brummte Grímur und reichte ihr die Hand. Er hatte einen buschigen grauen Schnauzer und trug eine schlichte Brille mit Stahlrahmen. Um die sechzig, schätzte Embla. Seine Nase war groß und voll von rötlichen und bläulichen Äderchen.

»Tag«, sagte Embla und schüttelte die feuchte, kühle Hand des Kriminalhauptkommissars. In dem Augenblick, als sie aufmerksam das Gesicht des Bruders von Baldur betrachtete, wurde ihr der Ernst der Angelegenheit bewusst. Obwohl sein Ausdruck Entschlossenheit verriet und er die Rolle des Vorgesetzten innehatte, erahnte sie dennoch einen dunklen Abgrund hinter seiner Fassade.

Trotz des Trubels kam Grímur rasch zur Sache. »Das hier haben wir gefunden«, sagte er und rief einen Polizisten herbei, der in der Nähe stand. »In einem der Beete. Könnte uns einen Hinweis auf den Täter geben.« Der Polizist reichte Grímur einen durchsichtigen Beutel. Darin lag ein ziemlich alt aussehendes geschnitztes Medaillon aus hellem Treibholz.

»Was ist das?«, fragte Hörður.

»Eine Zauberrune, nicht wahr?«, fragte Grímur und blickte Embla an. Ihm schien sehr daran gelegen, sie sofort auf die Besonderheit des Falls zu stoßen.

Embla war sich ihrer Rolle bewusst und nahm den Inhalt des Beutels genauestens unter die Lupe. Das hier war weder ein Höflichkeitsbesuch noch eine Besichtigungstour. Die Polizei brauchte ihre Fachkenntnisse, und zwar dringend. Sie war froh, dass sie Grímur nicht enttäuschen musste, denn sie kannte das in das Holz eingeschnittene Zeichen tatsächlich sehr gut:

»Ægishjálmur?«, fragte Grímur.

»Ja. Die bekannteste der isländischen Zauberrunen und die älteste. Sie soll sehr wirksam gegen alle möglichen Übel sein.«

Hörður betrachtete den Beutel. »Hat Björk sie sich nicht auf den Arm tätowieren lassen?«, fragte er Kaugummi kauend.

»Nimm den verfluchten Kaugummi raus!«, raunzte Grímur scharf. So ein unflätiges Benehmen konnte er angesichts der ernsten Lage einfach nicht hinnehmen.

Wie ein zurechtgewiesenes Kind spuckte Hörður den Kaugummi in ein Stück Papier und steckte es in die Hosentasche.

»Weiter«, sagte Grímur, als ob nichts gewesen wäre.

Obwohl die Atmosphäre mit einem Mal deutlich angespannter war, antwortete Embla dem Jungkommissar: »Nein, Björk hat eine Variante davon namens Vegvísir – Wegweiser, die unter den Anhängern der Asenglaubensgemeinschaft ebenfalls sehr beliebt ist.«

»Der Asenglaubensgemeinschaft?« Grímur ereiferte sich erneut. »Baldur war ein aktives Mitglied dieser Vereinigung.«

»Nein, ich habe damit nicht unbedingt gemeint, dass jemand aus der Gemeinschaft der Asengläubigen die Zauberrune besessen hat«, verbesserte Embla ihn. »Sie ist bei allen möglichen Leuten beliebt, die an Zauberkräfte glauben und nicht christlich sind.« Embla war unsicher, ob sie ihren Ausführungen noch ein Detail hinzufügen sollte. Dann entschloss sie sich aber doch dazu, die Männer über eine dunklere Seite der Zauberrune zu informieren. »Ich weiß nicht, ob das eine Rolle spielt, aber Neonazis interessieren sich ebenfalls besonders für diese Rune.«

»Neonazis?«, wiederholte Grímur mit hochgezogenen Brauen.

Embla wies auf das Holzstück: »Ja, wie ihr seht, sieht das Zauberzeichen aus wie ein Stern und wird von einer acht Mal wiederholten Rune gebildet. Sie heißt Algiz. Ein gewisser Guido von List hat diese Algiz-Rune oft benutzt. Er war einer der Nazi-Chefideologen. Durch ihn hat die Rune eine rechte Symbolik bekommen und wird heute mit verschiedenen rechtsradikalen Gruppierungen in Verbindung gebracht«, erklärte sie und versuchte, einen neutralen Gesichtsausdruck beizubehalten.

Die Polizisten waren beeindruckt. Offenbar war die Entscheidung, eine Fachfrau hinzuzuziehen, richtig gewesen.

»Noch mal. Ich will damit nicht sagen, dass Neonazis in diesen Fall verwickelt sind. Aber die rechtsradikale Symbolik ist ein wichtiges Detail, was die Bedeutung des Ægishjálmur angeht«, fügte sie hinzu, ohne jedoch auch nur die leiseste Ahnung zu haben, worauf das alles hinauslief.

Grímur hob den Beutel dicht an sein wettergegerbtes Gesicht und betrachtete das Fundstück eingehend. »Das erklärt schon mal eine ganze Menge.«

»Wo habt ihr die Zauberrune denn gefunden?«, erkundigte sich Hörður.

Grímur wies auf die Büsche an der Treppe zu Baldurs Wohnung.

»Dort. Der Einbrecher hatte das Medaillon wohl bei sich, denn mir ist nicht bekannt, dass Baldur so ein Stück besessen hätte.«

»Man trägt das Medaillon gewöhnlich um den Hals, so dass die Zauberrune auf der Brust aufliegt«, fügte Embla hinzu.

Die Worte schienen Grímur zu alarmieren. Er stand immer noch da, den Beutel fast ans Gesicht gedrückt und schien wie hypnotisiert von der geschnitzten Zauberrune. »Ich hab Baldur gesagt, er soll sich nicht mit der Bande der Asengläubigen abgeben«, murmelte er. »Ich hab ihm gesagt, dass wir es regelmäßig mit Neonazipack zu tun haben, das mit diesem Verein verbandelt ist.« Er gab den Beutel zurück und senkte den Kopf. Für den Augenblick machte ihm seine Aufgabe offensichtlich schwer zu schaffen.

Hörður legte seinem Chef behutsam die Hand auf die Schulter. »Grímur«, säuselte er. »Du solltest dir freinehmen. Wir kümmern uns um den Fall.«

»Freinehmen?«, wiederholte Grímur. Augenblicklich sprang seine Trauer in Zorn um. »Ich kann mir zum Teufel noch mal nicht freinehmen. Baldur braucht mich.«

»Du brauchst jetzt vor allem Ruhe. Wir sind absolut in der Lage, den Fall ohne dich zu bearbeiten«, erklärte Hörður. Er hatte bereits mehrmals versucht, seinen Chef dazu zu bringen, nach Hause zu gehen und den Fall Baldur ihm zu überlassen. Ohne Erfolg. Grímur war fest entschlossen, den Schuldigen selbst zu fassen.

Grímur seufzte tief und schüttelte Hörðurs Hand ab. »Gehen wir rein«, stieß er hervor und lief die Treppe zur Wohnung seines Bruders hinauf.

Hörður seufzte und wandte sich an Embla. »Also, bist du bereit, uns zu zeigen, was du in den nordischen Wissenschaften zu bieten hast?«

»Was meinst du damit? Ich dachte, ihr habt mich gerade schon in eure Ermittlungen einbezogen«, antwortete Embla.

»Wenn’s denn so einfach wäre.« Hörður betrachtete den Menschenauflauf im Garten. »Die Zauberrune ist nicht der Grund, weswegen wir dich geholt haben.«

»Was denn dann?« Embla wollte endlich Klarheit, warum sie auf einmal mitten in polizeilichen Ermittlungen steckte, die Baldur Skarphéðinsson betrafen.

Ein paar Sekunden vergingen. »Lass uns Grímur nachgehen«, antwortete Hörður schließlich. »Es bringt wenig, das mit Worten zu erklären. Du musst Baldurs Arbeitszimmer mit eigenen Augen sehen.« Dann führte er die Wissenschaftlerin ins Haus.

6. Kapitel

Auf den ersten Blick erinnerte Baldurs Wohnung an ein Museum. Schon im Flur fielen Embla verschiedene Originalgegenstände aus der Wikingerzeit auf. Sie wusste, dass Baldur während Islands Aufstieg zur Finanzmacht mit Aktiengeschäften gut verdient hatte. Sein Vermögen erlaubte es ihm, sich als Privatier ausschließlich seinen archäologischen Untersuchungen zu widmen.

Unter den Sammlerstücken waren Kämme, Spangen und Broschen aus der Wikingerzeit. Außerdem hatte Baldur eine riesige Karte von Island an der Wohnzimmerwand aufgehängt und in den Südwesten des Landes drei große Kreise mit einem Kreuz in der Mitte eingezeichnet. Embla wusste sofort, warum: Die Kreise waren das Herzstück in Baldurs Theorie über die isländischen Landnehmer. Etwas tiefer hing ein historisches Wikingerschwert, dessen Spitze genau auf eine große Blutlache zeigte.

»Großer Gott«, murmelte Embla und schloss die Augen. Das fing ja gut an. »Baldur?«, flüsterte sie.

»Nein, dort hat seine Haushaltshilfe gelegen. Sie hat erst einen Schlag auf den Kopf bekommen und wurde anschließend … erwürgt«, antwortete Hörður mit bewegter Stimme. »Als wir kamen, war sie bereits tot.«

Emblas Herz raste. Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie rang nach Atem, ihr Hals schnürte sich zu. An diese düstere Seite des isländischen Alltags war sie nicht gewöhnt.

Hörður merkte, dass Embla schlecht geworden war. Er konnte es ihr nachfühlen, da er selbst auch lange gebraucht hatte, bis er sich daran gewöhnt hatte, nach einem Arbeitstag wie diesem einfach zu Frau und Kind nach Hause zu kommen. »Es tut mir leid, dass ich dich hier herbringe, aber wir brauchen dringend deine Hilfe. Ohne dich können wir hier wenig ausrichten. Versuch noch etwas durchzuhalten.«

Embla biss die Zähne zusammen und öffnete die Augen.

»Komm«, forderte Hörður sie auf.

Sie gingen an der dunklen Blutlache und der Küche vorbei, weiter den Flur entlang.

Der Rest von Baldurs Wohnung war im gleichen Stil ausgestattet. Es gab Statuen und geographische Karten von Island, Dänemark, England und weiteren Ländern. In alle Karten hatte er seltsame Kreise eingezeichnet, die jeweils ein großes Gebiet umfassten und von zwei Strichen gekreuzt wurden. Schließlich erreichten sie Grímur, der vor einer riesigen aus Holz geschnitzten Tür stand.

»Baldurs Arbeitszimmer«, sagte Grímur gedämpft.

Die Zeichen auf dem Türblatt überraschten Embla nicht, denn sie wusste, womit sich Baldur seit seiner Kinderzeit beschäftigt hatte. Ein Drache, zweifellos Fáfnir, war in das Holz geschnitzt worden. Er war zu einem Kreis gebogen und hielt seinen eigenen Schweif zwischen den Zähnen; ein in der Wikingerkunst häufiges Motiv. An der Stelle, an der sich Fáfnir selbst in den Schwanz biss, waren drei lose verstreute Runen eingeschnitzt und daneben war ein einäugiger Mann mit einem Armreif abgebildet. Zweifellos Óðinn mit seinem Silberreif Draupnir. Innerhalb des von Fáfnir gebildeten Rings hatte Baldur eine Runeninschrift einritzen lassen. Einige Buchstaben fehlten, wie es bei echten Runensteinen der Fall ist, die nach jahrhundertelanger Verwitterung oft nur schwer lesbar sind.

Embla legte ihre feingliedrigen Finger auf die Schnitzereien und zeichnete die alten Schriftzeichen der Wikinger nach.

»Verstehst du das?«, fragte Hörður.

»Ja.« Embla spielte mit einem ihrer Ohrringe. »Das ist eine Runeninschrift für Lachs-Ketill, den ersten Landnehmer in Rangárvallasýsla. Sie wurde von seinem Sohn verfasst. Ich habe sie allerdings bisher noch nie gesehen.« Sie sah die beiden abwechselnd an. »In Island wurde bislang noch keine Runeninschrift aus der Wikingerzeit entdeckt.«

»Du glaubst doch nicht, dass diese Runen auf einer echten Runeninschrift beruhen?«, fragte Grímur trocken und legte die Hand auf den dunklen Türknauf. »Du weißt doch, dass Baldur zu allem bereit war, nur um zu beweisen, dass er recht hatte mit seiner Theorie über die Herkunft der Isländer. Sogar zu Fälschungen«, fügte er hinzu. Offenbar hielt er von den Hypothesen seines Bruders ebenso wenig wie viele von dessen Kollegen. »Außerdem wartet da drin noch etwas viel Wichtigeres auf uns als die Entzifferung irgendwelcher Runen. Bist du bereit?«, fragte Grímur.

»Keine Ahnung«, murmelte Embla. »Möchte ich sehen, was sich da auf der anderen Seite der Tür befindet?«

»Keine Sorge.« Grímur räusperte sich. »Baldur ist nicht im Arbeitszimmer.« Daraufhin öffnete der Kriminalhauptkommissar die dunkelbraune Tür. Sie quietschte laut in ihren Angeln. Ein süßlicher Tabakgeruch kam Embla aus dem Arbeitszimmer entgegen.

Ihr Herz setzte für einen Moment aus. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Trotzdem wusste sie sofort ganz genau, was sie vor sich hatte. »Mein Gott«, flüsterte sie erschüttert.

»Verstehst du jetzt, weswegen wir deine Hilfe benötigen?«, fragte Grímur und betrat als erster Baldurs blutbespritztes Arbeitszimmer.

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