Logo weiterlesen.de
Das Sommerbuch

Über dieses Buch

Das Sommerbuch ist fast magisch zu nennen, Tove Jansson schreibt in einfach Sätzen und gleichzeitig mit viel Nachhall. Die Lektüre ist wie ein Blick in ein reines, klares Gewässer, bei dem man plötzlich in die Tiefe schaut.“

The Guardian

Über die Autorin

Tove Jansson (1914–2001) wuchs in Helsinki als Tochter eines finnlandschwedischen Bildhauers und einer schwedischen Illustratorin auf. Sie studierte Malerei, bevor sie sich dem Schreiben widmete und durch die MUMIN-Geschichten international bekannt wurde. Ihre Bücher erscheinen in über dreißig Ländern.

Tove Jansson wurde mehrfach für ihr literarisches Werk ausgezeichnet, u.a. mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis und dem Finnischen Staatspreis.

Das Sommerbuch ist einer von zehn Romanen, die sie für Erwachsene geschrieben hat. Es ist inzwischen ein Klassiker. Es atmet den Sommer und steckt voller Weisheiten. Dank der klaren und poetischen Sprache Tove Janssons erleben wir mit einer Großmutter und ihrer sechsjährigen Enkelin eine rundum glückliche Zeit auf einer finnischen Sommerinsel.

www.moomin.com

Tove Jansson

Das
Sommerbuch

Roman

Übersetzung aus dem Schwedischen
von Birgitta Kicherer

Mit einem Vorwort
von Esther Freud

Inhalt

  1. Vorwort von Esther Freud
  2. Der Bademorgen
  3. Mondschein
  4. Der Geisterwald
  5. Die Gagelente
  6. Berenice
  7. Die Wiese
  8. Das Venedigspiel
  9. Flaute
  10. Die Katze
  11. Die Höhle
  12. Die Landstraße
  13. Mittsommer
  14. Das Zelt
  15. Der Nachbar
  16. Der Schlafrock
  17. Die große Plastikwurst
  18. Das Schurkenboot
  19. Der Besuch
  20. Regenwürmer und andere
  21. Sophias Sturm
  22. Der gefährliche Tag
  23. Im August

Vorwort
von Esther Freud

Das Sommerbuch lässt sich in keine literarische Schublade stecken: Es ist eine Erzählung voller Abenteuer, Humor und Weisheit, und sie folgt auf wunderbar beobachtete Art und Weise dem Verlauf der Sommermonate. Es ist eine lebensbejahende Geschichte über jede Blume, über jedes empfindliche Moos, über alles, was sich auf einer abgelegenen Insel im Finnischen Meerbusen behaupten kann, über die unausgesprochene Liebe zwischen einer alten Frau und ihrer Enkeltochter. Gleichzeitig sind jedoch auch Tove Janssons Gedanken über das Sterben darin eingestreut.

Das Sommerbuch beginnt im Frühling, die sechsjährige Sophia wacht mitten in der Nacht auf und erinnert sich, dass sie ein Bett für sich alleine hat, weil ihre Mutter gestorben ist. Ihre Großmutter ist immer in ihrer Nähe, und obwohl sie alt, gebrechlich und ein bisschen tüdelig ist, steckt sie voller lebendiger Weisheit und Vorstellungskraft. In den kommenden Monaten wird sie Sophias Begleiterin sein. Die beiden streifen über die Insel, schlafen unter Sträuchern ein, plaudern über Religion – »Gibt es im Himmel Ameisen?« – und diskutieren über das zweifelhafte Vergnügen, in einem Zelt zu schlafen. (Janssons Mutter hatte in Schweden dafür gekämpft, dass auch Mädchen das Recht bekamen, in der freien Natur zu zelten.) Sie verbringen viele Stunden im »Geisterwald«, sammeln rundherum alles vom Boden auf, räumen bis zu dem kleinsten Zweig alles auf. Sie finden einen Seehundschädel und legen ihn dorthin, wo er mit all seinen Zähnen in der Sonne glänzt. »Wann stirbst du?«, fragte das Kind. Und die Großmutter antwortete: »Bald. Das geht dich aber überhaupt nichts an.«

Tove Jansson schrieb Das Sommerbuch 1972, ein Jahr, nachdem ihre Mutter gestorben war. Zuerst war sie auf Reisen gegangen, um ihre Trauer zu verarbeiten, aber nach einigen Monaten kehrte sie auf ihre Insel im äußeren Schärengarten zurück, um zu schreiben. Das Sommerbuch war, soweit man es beurteilen kann, ihr Lieblingsbuch, und um es schreiben zu können, griff sie auf das zurück, was ihr am wertvollsten war. Ihre geliebte Mutter Signe Hammarsten, eine Grafikerin und Illustratorin, ihre junge Nichte Sophia, und das Haus auf der Insel, das sie gemeinsam mit ihrem Bruder Lars, Sophias Vater, gebaut und in dem sie so viele Sommer ihres Lebens verbracht hatte. Mittlerweile war sie bereits berühmt für ihre Mumin-Bücher und Comics, aber mit dem Sommerbuch, das im Norden als ein moderner Klassiker gefeiert wurde, gelang ihr der Durchbruch bei einem ganz neuen, erwachsenen Publikum.

Es ist ein freundlicher, warmer Tag auf der Halbinsel Pellinge, als ich an der Hafenmauer stehe und auf die echte Sophia warte, die mich mit ihrem Boot zur Insel hinüberfahren wird. Ich fühle mich unglaublich privilegiert, die Welt betreten zu dürfen, die diesem Buch als Inspiration gedient hat, und gehe mit großer Vorfreude an Bord. Die See sieht ruhig aus, als wir ablegen, aber der Wind weht uns entgegen, der Seegang wird rau, und das Boot stürzt hinter jedem Wellenberg hinab, tränkt uns in Gischt. Sophia, längst eine erwachsene Frau, ist in jedem Sommer ihres Lebens auf die Insel zurückgekehrt und kennt, wie nicht anders zu erwarten, keine Angst. »Ist es schon einmal gekentert?«, will ich fragen, aber da ich nur eine Antwort wirklich hören möchte, schweige ich lieber.

Zwanzig Minuten später legen wir an. Sophia geht routiniert zwischen langen Tauen vor Anker und hält gekonnt das Gleichgewicht, während sie das Boot festmacht. Wir laden die Schwimmwesten, die Zeitungen, die Lebensmittel und das Trinkwasser aus und waten zum Strand. »Geh nur vor«, ruft Sophia, also gehe ich über weiche graue Steine, betrete die Kühle einer Kiefernlichtung und stoße auf das Haus. Es ist das Haus, das Tove und Lars Jansson im Jahr 1947 gebaut haben, nachdem sie die Insel entdeckt hatten. Hier spielt das Sommerbuch, und ich erkenne sofort den Brennholzstapel und die steile Treppe wieder, die zum Zimmer der Großmutter hinaufführt, die verblichene blaue Farbe, das Fenster, das zu groß ist für die Wand, der Dachboden, in dem der Bademantel des Vaters aufbewahrt wird und in den Sophia sich zum Schmollen verkriecht. Dort ist die Schiebetür, der Ofen, der so wichtig für ihr Leben ist, und dahinter ein Fenster, das sich zu einem anderen Meeresarm öffnete. Ich gehe um eine Ecke des Hauses, und dort ist wieder das Meer. Ich habe nie erwartet, dass die Insel so klein ist.

Sophia setzt einen Kessel Wasser auf. Sie füttert die Katze und gießt gewissenhaft ihren Blumengarten. Ich lasse meine Tasche vor dem Haus stehen und gehe auf Entdeckungstour. Ich halte mich an die äußersten Ränder, umgehe die Felsen an der Nordspitze, klettere über Felsbrocken, kämpfe mich durch Gestrüpp, komme an einer winzigen Blumenwiese vorbei, dann an einer Trockengraswiese, gehe durch den Kiefernhain wieder hinauf und bin am Haus. Mir ist etwas seltsam zumute. Fast klaustrophobisch. Mein Spaziergang hat viereinhalb Minuten gedauert.

Um mich selbst zu beruhigen, denke ich an all die Dinge, die Sophia und ihre Großmutter in den langen, langsamen Monaten zwischen Frühling und Herbst auf dieser kleinen Insel unternehmen. Sie stellen Tierskulpturen her, schnitzen Boote aus Rinde, sie sammeln Beeren, Treibholz und Knochen. Sie zeichnen »Schreckliches«, erzählen Geschichten, bauen Venedig im Moortümpel nach, rudern zu den anderen Inseln hinüber, schlafen und schwimmen und reden. Die Großmutter lässt ihren Stock ins Wasser fallen, und Sophia klettert von einer Bake herunter, die zu betreten ihr Vater verboten hat, um ihn wieder herauszufischen: »Du kannst sehr gut klettern«, sagte die Großmutter streng. »Und mutig bist du auch, ich hab nämlich gesehen, dass du Angst gehabt hast. Soll ich es ihm erzählen, oder soll ich das bleiben lassen?« Sophia schob die eine Schulter hoch und guckte ihre Großmutter an. »Vielleicht reicht es, dass du es weißt«, sagte sie. »Aber auf dem Sterbebett kannst du es ja erzählen, damit es nicht verloren geht.«

Sophia hat Tee gemacht und sitzt auf der Terrasse. Sie erzählt mir von der Insel Klovharun, die weiter draußen am Rande des Archipels liegt und auf die Tove Jansson umgezogen war, als immer mehr Verwandte und Freunde auf die Insel ihrer Familie kamen. Sie zeigt auf etwas, und ich blinzele gegen die Sonne. Beinahe direkt voraus mache ich einen baumlosen Felsbrocken aus. Man könnte dort eine Flagge hissen, und es gäbe nichts, was den Blick davon ablenken würde. Ich kann gerade noch ein kleines, quadratisches Haus erkennen. Jansson hat dort von 1964 bis 1991 zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Tuulikki Pietelä jeden Sommer fünf Monate gelebt, bis ein Sturm die See so weit aufgepeitscht hatte, dass ihr Boot dabei zerstört wurde und sie sich im Alter von siebenundsiebzig Jahren ganz nach Helsinki zurückzog. Mittlerweile ist das Haus eine Art Museum, und bevor sie es verließen, haben die beiden Frauen ihre Becher und Teller und Kunstwerke arrangiert und die beiden Tische aufgeräumt und geputzt, nachdem sie das letzte Mal daran gearbeitet hatten. Sie haben sogar nützliche Hinweise für diejenigen, die es interessieren könnte, an die Wand geheftet, etwa ›Die Abzugsklappe bitte nicht schließen, da sie sonst rostet‹.

Sophia imprägniert die Gartenmöbel, ruft ihre Söhne mit dem Handy an (sie besuchen gerade Freunde auf einer Nachbarinsel) und bereitet geräucherten Fisch für das Abendessen vor. Ich sitze auf der Terrasse, lese noch einmal Das Sommerbuch und bewundere, wie Jansson Gebrauch von ihrer Umgebung macht, wie genau sie sich jedem Detail auf dem kleinsten Fleckchen Erde widmet. Ich erkenne die Landmarken wieder, die Schären, den Steinhaufen, die Insel, auf der ein Geschäftsmann ein neues Haus errichtet, was der Großmutter die Zornesröte ins Gesicht treibt.

Ganz spät noch gehen wir schwimmen. Schon seit wir angekommen sind, habe ich daran gedacht, im Meer zu baden, aber im Bewusstsein, dass es zu dieser Jahreszeit praktisch nie ganz dunkel wird, kann man sich dermaßen der Muße hingeben, dass wir es bis fast zehn Uhr abends vor uns herschieben. Die Luft ist grießig, das Wasser seidig und kalt. Um Mitternacht gehe ich nach draußen, um einen letzten Blick auf den Himmel zu werfen. Die Sonne hängt tieforange über dem Horizont, das Wasser funkelt azurblau, und ich begreife, warum die Finnen die Mittsommernacht mit Freudenfeuern und Feuerwerken feiern und keine einzige Minute dieses kostbaren Lichts dem Schlaf opfern wollen.

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Boot nach Klovharun. Sophias Insel ist geradezu ein Paradies an Abwechslungsreichtum und Komfort, wenn man es mit der Schlichtheit von Toves letztem Refugium vergleicht. Das Haus besteht aus einem einzigen, quadratischen Raum, von dem eine Treppe hinunter zur Sauna führt, die sich über eine Felsspalte zum Meer öffnet. Über dem Haus, als hielten sie Wache, kreischen Seeschwalben bedrohlich, ihre Schnäbel gestreckt, jederzeit bereit, sich hinabzustürzen. Was für ein Mensch kann hier leben? Jemand, der von seiner Vorstellungskraft so sehr befeuert wird, den die See so inspiriert, der so grenzenlos kreativ ist, dass er Trost und Eingebung an einem Ort findet, den andere nur als einen nackten Felsen wahrnehmen. Der Schlüssel zum Haus hängt an einem Haken, und im Inneren befindet sich ein Gästebuch. Wir blättern es durch und betrachten die Namen und die Kommentare. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendjemand zu Besuch kommt, um seiner Bewunderung Ausdruck zu verleihen.

Das Sommerbuch wird im ganzen Norden immer wieder aufgelegt. Für diese Menschen, die einen so großen Teil des Jahres in der Dunkelheit verbringen, ist sein Zauber der Zauber des Sommers selbst. ›Wir sind gefangen, betört, süchtig, sagt Janssons finnischer Verleger. Aber es liegt auch an ihrer Mischung aus Humor und Philosophie, am Charakter der Insel und an der fürsorglichen Liebe, die sie so offensichtlich dafür hegt. Sophia erzählt mir, dass manchmal japanische Touristen mit einem Motorboot in ihre Bucht fahren. Sie möchten, dass sie Kieselsteine für sie signiert, und sie muss ihnen erklären, dass sie nicht Tove Jansson sei, ja, dass sie im Grunde auch nicht die Sophia aus dem Sommerbuch sei, aber am meisten Sorgen macht sie sich darüber, dass es irgendwann keine Kieselsteine mehr auf der Insel geben könnte, wenn zu viele von ihnen vorbeikommen.

Ich habe jetzt zwei Tage hier verbracht, gefaulenzt, die leuchtenden, importierten Blumen gegossen, die Fische inspiziert, die Katze gestreichelt, bin herumspaziert, geschwommen und habe mich an den Rhythmus der Insel angepasst. Ich untersuche die verschiedenfarbigen Moose und halte mich an die Mahnung der Großmutter: ›Nur Bauern und Feriengäste gehen durchs Moos. Sie wissen nicht, dass Moos das Allerempfindlichste ist, was es gibt, das kann man gar nicht oft genug wiederholen. Wenn man einmal aufs Moos tritt, richtet es sich bei Regen wieder auf, beim zweiten Mal bleibt es liegen. Beim dritten Mal ist das Moos tot. Das ist wie bei den Eiderenten; wenn sie zum dritten Mal von ihrem Nest aufgeschreckt werden, kehren sie nie mehr zurück.‹ Sehr vorsichtig steige ich auf die höchste Spitze der Insel. Dort sind silberne Flecken, farbige Nähte schweißen die Felsen zusammen, auf denen sich kleine Landschaften aus senfgelben Flechten angesiedelt haben. Auf dem entgegengesetzten Ufer steht eine Wiese versunkener Blumen, das Seegras wogt hin und her, wie sanfte Konfettilocken. Eine Schaukel hängt von einem Ast, und Kinder haben unzählige Lager und Höhlen hinterlassen.

Ich stehe auf einem breiten Stein und frage mich, ob man einmal um die Insel herumschwimmen könnte. Meine Perspektive hat sich inzwischen verändert. Die Insel ist nicht mehr ganz so klein. Aus den Felsen sind Kliffe geworden, aus der Spalte eine Schlucht. Aber Sophia ruft mich, es ist Zeit zu gehen, und mir wird bewusst, dass ich einen ganzen Sommer bräuchte, all das zu entdecken, was es hier zu entdecken gibt.

(übersetzt aus dem Englischen von Thorsten Alms)

Der Bademorgen

ES WAR EIN FRÜHER, SEHR WARMER MORGEN im Juli, in der Nacht hatte es geregnet. Von dem nackten Fels stieg Dampf auf, das Moos und die Felsspalten waren getränkt von Nässe, und alle Farben leuchteten tiefer. Unterhalb der Veranda, noch ganz im Morgenschatten, bildeten die Pflanzen einen Regenwald, dichte, hinterhältige Blätter und Blüten, und sie musste aufpassen, dass sie sie während ihrer Suche nicht abbrach. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und war ängstlich darauf bedacht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

»Was machst du?«, fragte die kleine Sophia.

»Nichts«, antwortete ihre Großmutter. »Das heißt«, fügte sie ärgerlich hinzu, »ich suche mein Gebiss.«

Das Kind kam von der Veranda herunter und fragte sachlich: »Wo hast du es verloren?«

»Hier«, sagte sie. »Genau hier habe ich gestanden. Es ist irgendwo zwischen die Pfingstrosen gefallen.«

Sie suchten gemeinsam.

»Lass mich das machen«, sagte Sophia. »Du bist so wacklig auf den Beinen. Mach mal Platz.« Sie tauchte unter das blühende Dach des Gartens und kroch zwischen die grünen Stämme. Ein schöner und verbotener Ort, schwarze weiche Erde, und dort lag das Gebiss, weiß und rosa, ein ganzer Mund voll alter Zähne. »Ich hab es!«, schrie das Kind und richtete sich auf. »Tu es rein.«

»Aber du darfst nicht zuschauen«, sagte die Großmutter. »Das hier ist privat.«

Sophia hielt das Gebiss hinter dem Rücken.

»Ich will zugucken«, sagte sie. Da setzte die Großmutter ihr Gebiss mit einem Schnapp wieder ein, eine geübte Bewegung und eigentlich nichts Bemerkenswertes.

»Wann stirbst du?«, fragte das Kind.

Und die Großmutter antwortete: »Bald. Das geht dich aber überhaupt nichts an.«

»Warum nicht?«, fragte das Enkelkind.

Die Großmutter antwortete nicht, ging auf den Felsen hinaus und weiter zur Schlucht hinüber.

»Das ist doch verboten!«, schrie Sophia.

»Ich weiß«, antwortete die alte Frau verächtlich. »Du und ich, wir beide dürfen nicht zur Schlucht gehen, aber jetzt tun wir es trotzdem, dein Papa schläft nämlich und wird nichts davon erfahren.«

Sie gingen über den Felsen, das Moos war glitschig, die Sonne war ein gutes Stück gestiegen, und inzwischen dampfte alles. Die ganze Insel war in Sonnennebel gehüllt und sah sehr schön aus.

»Wird dann eine Grube gemacht?«, fragte das Kind freundlich.

»Ja«, antwortete die Großmutter. »Eine große Grube.« Und fügte tückisch hinzu: »So groß, dass wir alle miteinander hineinpassen.«

»Warum denn das?«, fragte das Kind.

Sie gingen weiter auf die Inselspitze zu.

»So weit bin ich noch nie gegangen«, sagte Sophia. »Und du?«

»Ich auch nicht«, antwortete ihre Großmutter.

Sie gingen bis auf die äußerste Spitze der Insel hinaus, wo der Fels sich in immer dunkler werdenden Terrassen senkte. Jede Stufe, die tiefer in die Dunkelheit hinabführte, war von hellgrünen Fransen aus Seegras gesäumt, die mit den Bewegungen des Wassers vor- und zurückwogten.

»Ich will baden«, sagte das Kind und wartete auf Widerspruch, der aber nicht kam. Da zog sie sich aus, langsam und ängstlich. Auf jemand, der einfach alles geschehen lässt, kann man sich nicht verlassen. Sie steckte die Beine ins Wasser und sagte: »Es ist kalt.«

»Natürlich ist es kalt«, antwortete die alte Frau zerstreut. »Was hast du denn erwartet?«

Das Kind glitt bis zur Hüfte hinein und wartete angespannt.

»Schwimm jetzt«, sagte ihre Großmutter. »Du kannst doch schwimmen.«

Es ist tief, dachte Sophia. Sie hat vergessen, dass ich noch nie allein im Tiefen geschwommen bin. Also kam sie wieder heraus, setzte sich auf den Felsen und erklärte: »Sieht aus, als würde es heute schön werden.«

Die Sonne war noch höher gestiegen. Die ganze Insel glitzerte, das Meer ebenfalls, die Luft war sehr leicht.

»Ich kann tauchen«, sagte Sophia. »Weißt du, wie das ist, wenn man taucht?«

Die Großmutter antwortete: »Klar weiß ich das. Man lässt alles los, holt tief Luft und taucht einfach. Man fühlt die Tangbüschel an den Beinen entlangstreichen, sie sind braun, das Wasser ist klar, nach oben hin wird es heller, mit Blasen. Man gleitet. Man hält die Luft an und gleitet, dreht sich um und steigt auf, lässt sich nach oben tragen und atmet aus. Und dann liegt man auf dem Rücken im Wasser und lässt sich einfach treiben.«

»Und immer mit offenen Augen«, sagte Sophia.

»Natürlich. Kein Mensch taucht mit geschlossenen Augen.«

»Glaubst du mir, dass ich es kann, auch wenn ich es dir nicht zeige?«, fragte das Kind.

»Ja, ja«, sagte die Großmutter. »Zieh dich jetzt an, damit wir nach Hause kommen, bevor er aufwacht.«

Die erste Müdigkeit näherte sich. Wenn wir zu Hause sind, dachte die Großmutter, wenn wir wieder im Haus sind, werde ich wohl noch ein Stündchen schlafen. Und ich darf nicht vergessen, ihm zu sagen, dass dieses Kind sich immer noch vor tiefem Wasser fürchtet.

Mondschein

EINES NACHTS IM APRIL, es war Vollmond, und Eis bedeckte das Meer, wachte Sophia auf. Ihr fiel ein, dass sie auf die Insel zurückgekehrt waren und dass sie ein eigenes Bett hatte, weil ihre Mutter tot war. Im Herd brannte noch ein Feuer, und an der Decke, wo die Stiefel zum Trocknen hingen, flackerte der Feuerschein. Sie stand auf und sah aus dem Fenster. Der Fußboden war sehr kalt.

Das Eis war schwarz, und mitten auf dem Eis sah sie die offene Herdluke und das brennende Feuer, zwei Herdluken ganz nah beieinander. Im zweiten Fenster brannten die beiden Feuer draußen auf der Erde, und im dritten Fenster sah sie das ganze Zimmer doppelt gespiegelt, Koffer, Kisten und Kästen mit aufgerissenen Deckeln, sie waren voller Moos, Schnee und trockenem Gras, alles gähnte offen, vor einem kohlschwarzen Hintergrund. Draußen auf dem Felsen sah sie zwei Kinder, durch die die Eberesche wuchs. Der Himmel hinter ihnen war dunkelblau.

Sie legte sich wieder ins Bett und sah dem Feuerschein zu, der über die Zimmerdecke tanzte, und unterdessen rückte die Insel näher an das Haus heran. Die Insel kam immer näher und näher. Die beiden Kinder schliefen auf einer Wiese am Ufer, auf der Bettdecke waren Schneeflecken, und unter ihnen verdunkelte sich das Eis und begann auseinanderzugleiten, ganz sachte öffnete sich eine Fahrrinne im Fußboden, und alle Koffer schwammen ins mondhelle Wasser hinaus. Jeder einzelne Koffer war offen und voller Dunkelheit und Moos und kam nie mehr zurück.

Sophia streckte die Hand aus und zog ihre Großmutter sehr vorsichtig am Zopf. Die Großmutter wachte sofort auf. »Du«, flüsterte Sophia. »Ich habe zwei Feuer im Fenster gesehen. Warum sind da zwei Feuer und nicht nur eins?«

Die Großmutter überlegte und antwortete: »Das liegt daran, dass wir Doppelfenster haben.«

Nach einer Weile fragte Sophia: »Bist du sicher, dass die Tür geschlossen ist?«

»Die Tür ist offen«, antwortete ihre Großmutter. »Sie ist immer offen, du kannst ganz beruhigt schlafen.«

Sophia wickelte sich in ihre Decke. Sie ließ die ganze Insel aufs Eis hinaustreiben und immer weiter, bis zum Horizont. Kurz bevor sie einschlief, stand der Vater auf und legte noch Holz in den Herd.

Der Geisterwald

HINTER DEM FELSEN, ZUM OFFENEN MEER HIN, erstreckte sich ein Waldgürtel mit abgestorbenen Bäumen, der ständig dem Wind ausgesetzt war. Seit vielen hundert Jahren versuchte der Wald, gegen die Stürme anzuwachsen, dadurch hatte er ein ganz eigenes Gesicht erhalten. Im Vorbeirudern sah man deutlich, dass die Bäume sich vom Wind wegstreckten, sie duckten und verknoteten sich, ja, viele von ihnen krochen geradezu. Nach und nach brachen die Stämme, oder sie vermoderten und versanken, das abgestorbene Holz stützte oder erdrückte jenes, das noch grüne Spitzen hatte, und alles zusammen bildete eine verfilzte Masse aus hartnäckiger Ergebenheit. Der Boden glänzte von braunen Nadeln, bis auf die Stellen, wo die Tannen beschlossen hatten zu kriechen, anstatt zu stehen, dort wucherte ihr Grün in einer Art üppiger Raserei, feucht und leuchtend wie in einem Urwald. Der Wald wurde Geisterwald genannt. Er hatte sich selbst langsam und mühselig geformt, und das Gleichgewicht zwischen Überleben und Sterben war so empfindlich, dass nicht einmal die geringste Veränderung vorstellbar war. Eine Lichtung zu schlagen oder die zusammengesunkenen Stämme zu trennen hätte zum Untergang des Geisterwaldes führen können. Das sumpfige Wasser durfte nicht abgeleitet, hinter der dichten, schützenden Mauer nichts gepflanzt werden. Tief im Gestrüpp, in den stets dunklen Höhlen, hausten Vögel und Kleingetier, bei ruhigem Wetter konnte man Flügelrascheln oder hastig rennende Pfoten hören. Die Tiere selbst zeigten sich nie.

Zu Beginn ihrer Zeit auf der Insel versuchte die Familie den Geisterwald noch unheimlicher zu machen, als er ohnehin schon war. Auf den umliegenden Inseln sammelten sie Baumstümpfe und dürre Wacholderbüsche und ruderten sie herüber, gewaltige Exemplare verwitterter und verblichener Schönheit wurden über ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Sommerbuch" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen