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Das Schwert des Sehers

Über den Autor

Daniel Loy ist das Pseudonym eines erfahrenen deutschen Fantasy-Autors. Neben einer Vorliebe für Gothic Rock und Kampfsport zählt der studierte Historiker vor allem Zeitreisen und Ausflüge in fremde Welten zu seinen Hobbys. In seinen zahlreichen bereits veröffentlichten Erzählungen und Romanen nimmt er die Leser gern dorthin mit.

Daniel Loy

DAS SCHWERT
DES SEHERS

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Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

ERSTES BUCH

EIN GOTT UNTER DEN MENSCHEN

Schwert

Vor tausend Jahren war das Reich zwischen den Flüssen vereint unter einem Gott. Doch die Ronurer kamen und unterwarfen es, bis die Menschen sich erhoben und die Eroberer vertrieben. Das ist es, was man uns erzählt.

Doch ist es auch die Wahrheit?

Ich kenne viele alte Schriften, und ich weiß nun: Die meisten meiner Mitbürger tragen Namen, die einst ronurisch waren. Und wenn die Ronurer alle vertrieben wurden, warum habe ich den Namen Callindrin, den Namen unserer kaiserlichen Familie, auf einer ronurischen Karte gefunden?

Ich glaube also, die Ronurer, das sind in Wahrheit wir, all die Menschen, die am westlichen Strom siedeln. Es gab niemals dieses große, einheitliche Reich in ferner Vergangenheit – bis die Eroberer aus Barrat kamen und uns ihre Geschichte und ihren Gott aufzwangen.

Aus der »Neuen Geschichte des Omukchar«, von Japur an Lasken, Priester des Gotor in Horome

PROLOG

Aredrel Callindrin, Kaiser des Omukchar, Graf von Horome und weltlicher Gebieter über alle Lande der Menschen, erwachte wie aus einem Albtraum – und tauchte in einen Albtraum ein!

Als Erstes stieg ihm dieser Geruch in die Nase, ein Gestank nach Erbrochenem, nach Schweiß, nach verschüttetem Wein. Die Luft war zum Schneiden schwer. Aredrel hörte keuchende Atemzüge und das Schnarchen von Betrunkenen. Er schlug die Augen auf.

Eine Handvoll Kerzen brannten in der Dunkelheit. Ihr Leuchten drang schwach aus roten Glaszylindern. Von irgendwoher sickerte ein schmaler Streifen Tageslicht in den Raum. Das Licht reichte aus, sodass Aredrel seinen privaten Bankettsaal erkannte und die Umrisse der Zecher, die über der niedrigen Tafel zusammengesackt waren.

Übelkeit stieg in ihm auf, Übelkeit und Scham. Eine brennende, eine würgende Scham! In diesem Augenblick war der Kaiser froh, dass die Dunkelheit das Schlimmste verhüllte. Er war froh, dass er seine Gefährten nicht sehen musste, seine Getreuesten.

Er schob die nackte Magd zur Seite, die über seinen Schenkeln lag. Sie regte sich müde und schlief dann weiter. Aredrel erhob sich von dem gepolsterten Nest, das er sich aus großen Kissen vor dem kurzbeinigen Tisch bereitet hatte. Auf schwankenden Beinen stakste er zu einer Seitentür.

Diener huschten herbei. Sie hatten im Schatten der Hallenwand auf ihn gewartet. Aredrel wehrte ihre Hilfe ab. Eigenhändig zog er den Umhang aus schwerem Goldbrokat fester um sich. Es war das einzige Kleidungsstück, das er am Leibe trug. Er war sich nur allzu bewusst, was für ein Bild er abgab: ein dicker, kleiner, krummbeiniger Mann mit dünnen Haaren, die ihm fettig in der Stirn klebten, dazu die würdelose Nacktheit unter einem losen Mantel, der zweifelsohne befleckt war von den Ausschweifungen der vergangenen Nacht.

Aredrel, der Kaiser des Omukchar, fühlte sich gedemütigt vor seinen Dienern. Gestern hätte er über diese Vorstellung nur gelacht. An die Lakaien und Wachen in seinem Palast hatte er nie einen Gedanken verschwendet. Heute spürte er, dass er seine Person, sein Amt und seinen Titel und das Reich selbst entweiht hatte.

»Bponur, hilf …«

Er taumelte durch den Raum und murmelte vor sich hin.

Zu gern wollte er glauben, dass dieser Augenblick ein einmaliger Ausrutscher war, eine durchzechte Nacht am Tag des Lebens vielleicht, wo man derlei Ausschweifungen vergeben konnte.

Er hätte sich gern eingeredet, dass er in ein neues Leben erwacht war und vergessen hatte, was vorher gewesen war. Doch leider erinnerte er sich an alles, an jeden einzelnen Tag in diesen letzten zwanzig Jahren, in denen er sich selbst Schande gemacht hatte. An jedes Gelage, an jeden … Wahnsinn.

Wie konnte es sein, dass er gestern nichts von alledem empfunden hatte und dass er es mit einem Mal so schmerzhaft spürte? Lauerte der Wahnsinn tatsächlich in jenen Erinnerungen, die ihn quälten? Oder war das jetzt der Wahnsinn, dieser Augenblick, der sich anfühlte wie eine Erkenntnis?

Bponur, mach, dass es vorbei ist, dachte er nur.

Aredrel erreichte die Tür. Er sah den grellen Streifen, der darunter hindurch ins Zimmer fiel. »Bleibt zurück«, befahl er den Dienern. Er wollte nicht, dass sie ihn im gnadenlosen Licht des Tages erblickten.

Er schlurfte auf den Flur, der von einer Reihe hoher Fenster gesäumt war. Mit den Händen beschirmte er die Augen und huschte weiter, so schnell seine zitternden Beine ihn trugen.

Er wollte sich waschen. Sich ankleiden. Da tauchte neben ihm ein Schatten auf, wie aus der Wand gewachsen. Aredrel zuckte zurück. Fast hätte er seinen Umhang verloren. Dann erkannte er die schwarze, hagere Gestalt seines Hofmagiers.

Runnik.

Aredrel dachte an ihre gemeinsamen Ausflüge in die Gewölbe unter dem Palast, an die Magie, die Runnik ihm dort zu ihrer beider Vergnügen vorgeführt hatte. An die blutigen Opfer. An grotesk verzerrte Körper, deren Fleisch sich formen ließ wie Lehm. An Tote, die an kupfernen Fäden hingen und zuckend tanzten zur Kurzweil des Kaisers.

Runnik war ihm wie ein Bruder gewesen, ein Bruder im Geiste. Und jetzt, bei Gott, jetzt fürchtete er diesen Mann!

»Eure Majestät sind wach.« Eine leichte Falte zeigte sich auf Runniks Stirn.

Aredrel bot seine ganze Entschlossenheit auf und ließ sich nichts anmerken. »Runnik. Du hast mich erschreckt. Du solltest nicht aus finsteren Winkeln herabschweben wie eine Fledermaus.«

»Es tut mir leid, Majestät.« Der Hofmagier neigte den Kopf. »Ich habe unten in meinen Labors ein kleines Schauspiel für Euch vorbereitet. Wenn ich Euch einladen darf …?«

»Nein … Nein«, stammelte Aredrel. »Nicht jetzt.«

Er floh den Flur hinunter und in sein Schlafgemach. Er schlug die Tür zu und blieb dahinter stehen. Endlich allein. Durch die Glasfenster und die Vorhänge aus ockergelber Seide sickerte das Licht eines klaren Morgens in den Raum. Es wirkte so freundlich. Runnik folgte ihm nicht, und Aredrel atmete auf.

Ich muss diesen Hofmagier loswerden, dachte er.

Ihm wurde bewusst, dass er über jeden seiner Gefolgsleute dasselbe sagen könnte. Er wusste gar nicht, wo er anfangen sollte.

Aredrel wischte sich die Stirn und stöhnte.

Der Mann, der er noch gestern gewesen war, hatte keine Angst vor Runnik gehabt. Aredrel war Herr über all die Wölfe gewesen, die er an seinem Hof versammelt hatte. Hatte er da nicht mehr von einem Kaiser an sich gehabt als jetzt?

Unruhig ging er in seinem Schlafzimmer auf und ab, zwischen den uralten Möbeln, von denen er allein das breite Bett mit dem hohen Himmel jemals benutzt hatte. Er öffnete die Schubladen seines leeren Sekretärs, als könnte er darin eine Antwort auf seine Fragen finden.

Nein, ich bin nicht schwach geworden!

Er würde sein Reich neu ordnen.

Aber wem konnte er vertrauen, an diesem Hof, den er in den letzten Jahren mit allem Gesindel besetzt hatte, das es in seinem Reich gab?

Seiner Frau?

Aredrel schnaubte verächtlich. Sie war ein Püppchen, das ihm aus gutem Grund aus dem Weg ging. Er hatte von ihr nie als der »Kaiserin« gedacht, und er tat es auch jetzt nicht, was immer sich sonst verändert haben mochte.

Bertin von Ebran, sein Erzkaplan?

Dieser Priester mochte ein Anfang sein. Aber Aredrel musste zugeben, dass er den Mann kaum kannte. Hatte er je ein Wort mit ihm gewechselt?

Bei diesem Gedanken erinnerte er sich an jenen anderen Menschen, der fast vergessen in seiner Nähe gelebt hatte. Aruda!

Aredrel stöhnte leicht. Er strich sich die schütteren braunen Haare aus der Stirn. Das war sein schlimmstes Versäumnis! Wie ein Geist war sie stets an seinem Hof gewesen, und dann hatte er sie fortgeschickt.

Er würde dem Erzkaplan einen Brief diktieren und seine Tochter zurückholen. Was auch immer er in der Vergangenheit getan hatte, was auch immer die Zukunft brachte – er wünschte sich, dass seine Tochter während der kommenden Tage an seiner Seite stand.

Und dass sie ihm verzieh.

26.9.962 – UNDERVILZ, ZWEI TAGESREISEN NÖRDLICH DER HAUPTSTADT

Undervilz war so unbedeutend und provinziell, wie der Name vermuten ließ. Eine Handvoll zweistöckiger Häuser aus Fachwerk, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie ein Dorf sein wollten oder ein Städtchen. Dennoch lag Undervilz im Einzugsgebiet der großen Metropole Horome und am Ufer des gewaltigen Stroms, den die Bewohner am Oberlauf schlicht den »Rhod« nannten.

Dauras liebte solche Orte. Es verirrten sich genug Fremde hierher, dass es für seinen Lebensunterhalt reichte, und zugleich blieb es so ruhig, dass niemand ihn mit Dingen behelligte, die unter seiner Würde waren. Das war eine ganze Weile gut gegangen – jetzt aber saß Dauras der Schwertkämpfer an einem Tisch in der »Silberforelle«, über einen Krug dünnen Biers gebeugt, und fragte sich, ob es an der Zeit war, weiterzuziehen.

Es gab einen guten Grund, warum er noch darüber nachdachte: Der Wirt der »Forelle« kannte ihn, und Dauras genoss hier uneingeschränkten Kredit. Zudem passte das Haus perfekt zu seinen Geschäften. Es war keine dieser verrauchten Kneipen, in denen man kaum aufstehen konnte, ohne sich den Kopf zu stoßen. Der Gastraum war groß, mit langen Tischen und Bänken und mit viel lichter Weite unter der Decke.

Dauras hatte lange nach einem Ort wie diesem gesucht, und er gab ihn nur ungern wieder auf.

Doch vielleicht musste er das gar nicht.

Zwei Männer traten in die Stube, und Dauras zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Er trug ein geschlitztes Wams aus grünem Tuch und eine leichte helle Hose, dazu Stiefel aus weichem Leder – reisefeste und zugleich bequeme Kleidung von guter Qualität. Aber der Kapuzenmantel, den er darüber anhatte, war schäbig und fleckig und verbarg alles. Es war ein Umhang, in dem er aussah wie ein Landstreicher oder wie ein bäuerlicher Tagelöhner.

Er musterte die beiden, ohne den Kopf zu heben. Der eine war ein großer ungeschlachter Typ mit viel zu schweren Muskeln, die immer zu langsam reagieren und bei jedem Kampf nur im Weg sein würden. Sein schmächtiger Begleiter hielt klugerweise bereits eine gespannte Armbrust in der Hand, weil er sonst wohl ohnehin zu nichts zu gebrauchen war.

Dauras betrachtete prüfend ihre Ausrüstung: Kleidung, Waffen und ein etwas wahlloses Sammelsurium von Rüstungsteilen aus Eisen und Leder. Alles zusammen mochte etwa dreißig Goldmark einbringen. An baren Münzen im Säckel trugen die Männer kaum mehr als ein paar Bronzemark. Armselig. Dauras nahm einen Schluck aus seinem Krug.

Zu dieser frühen Nachmittagsstunde saßen nicht viele Gäste in der »Forelle«. Die Einheimischen erhoben sich rasch, als die Fremden hereinkamen, andere Reisende waren klug genug, ihrem Beispiel zu folgen. Nur Dauras blieb sitzen und starrte in sein Bier.

Die beiden Neuankömmlinge bauten sich vor seinem Tisch auf. Der Muskelprotz stand direkt neben ihm, und Dauras roch dessen Schweiß und das fettige Leder. Der Kerl mit der Armbrust wartete zwei Schritte dahinter.

»He, du da«, hörte Dauras den Kräftigen sagen.

Er vernahm eine leichte Unsicherheit in der Stimme und grinste. Die Männer hatten sich ohne Zweifel vergewissert, dass er hier war, bevor sie die Schenke betraten. Aber die Kapuze verbarg sein Gesicht, und sie waren sich noch nicht sicher, ob er es war.

Sie wussten nichts über ihn.

»He, ich rede mit dir.« Der Große zog sein Schwert. Dauras hörte, wie der Stahl über das Leder schabte, er spürte die Bewegung vor seiner Stirn, nur durch eine Schicht dünnen fleckigen Tuchs von seiner Haut getrennt. Der Krieger schob Dauras’ Kapuze mit der Schwertklinge nach hinten.

»Wohl taub, oder was?« Er legte die linke Hand unter Dauras’ Kinn und zog den Kopf nach oben. »Schau mich gefälligst an, wenn ich …«

Er erstarrte. Dauras wusste, was der Fremde in seinem Gesicht sah, obwohl er selbst es niemals so wahrnehmen würde. Doch man hatte ihm den Anblick oft genug beschrieben, seit er die Mauern des Klosters verlassen hatte: starre graue Augen, wie mit einem nebligen Schleier überzogen. »Die Augen eines Toten«, so hatte ein Söldner ihm einmal ins Gesicht gesagt.

»He, der ist blind!« Der muskelbepackte Krieger drehte sich zu seinem Gefährten um.

»Scheiße, kann nich’ sein«, antwortete der Mickerling. Er hielt die kleine Armbrust mit einer Hand und nestelte mit der anderen ein Blatt Papier hervor.

Dauras atmete aus. Er packte den kräftigen Schwertkämpfer an beiden Handgelenken und riss ihn zur Seite. Mit dem Fuß sichelte er ihm die Beine weg. Der Mann taumelte nach hinten, auf seinen Begleiter zu und genau in die Schussbahn des Bolzens hinein, den der Armbrustschütze vor Schreck fliegen ließ. Das Geschoss traf den bulligen Schwertschwinger an der Schulter.

Dauras sprang auf. Er fing das Schwert, das dem Getroffenen aus der Hand fiel, setzte über den Stürzenden hinweg und stieß dem Schützen die Klinge in die Kehle, bevor der überhaupt bemerkt hatte, dass er seinen Bolzen längst verschossen hatte.

Der Mann ließ das Papier los, das er in der Linken hielt. Er brach zusammen und wedelte dabei immer noch mit der nutzlosen Armbrust in Dauras’ Richtung, die Finger um den Abzug verkrampft.

Dauras fuhr herum und hieb dem ersten Gegner die Klinge in den Nacken.

Er atmete ein. Der Kampf war vorüber. Diese Männer waren so langsam gewesen – so langsam wie alle Menschen, denen er jemals begegnet war. Verächtlich verzog Dauras das Gesicht.

Der Wirt lief herbei, ein freundlicher, schmächtiger Mann jenseits der fünfzig. Er rang die Hände. »Bitte, Herr!«, sagte er. »Nicht in meinem Gasthaus! Nicht immer in meinem Gasthaus!«

Mit geübten Bewegungen drehte Dauras die noch zuckenden Leichen auf den Rücken und pflückte alles von ihrem Körper, was einen Wert hatte.

»Was beklagst du dich bei mir, Wirt?«, knurrte er. »Sie haben mich zuerst angegriffen, oder nicht?«

»Aber nur, weil Ihr sie mit diesen Dingern zu Euch lockt!« Der Wirt wies auf das Blatt, das der Armbrustschütze im Augenblick seines Todes verloren hatte.

Dauras hob das Papier auf. Wie durch ein Wunder war kaum Blut darangekommen, man konnte es gut noch einmal verwenden. Die Steckbriefe waren teuer genug gewesen, und der Kupferstich darauf, so hatte er sich sagen lassen, sah ihm verblüffend ähnlich. Dauras bedauerte fast, dass er selbst niemals sehen würde, wofür er sein Geld ausgegeben hatte.

Er faltete den Bogen Papier sorgfältig zusammen und steckte ihn ein. »Mein Steckbrief lockt nur Kopfgeldjäger an, Abschaum, den niemand vermissen wird. Und es sind immer Fremde, die keiner hier kennt. Kein Einheimischer würde auf die Zettel reinfallen. Und am Ende landet das Geld in deiner Kasse. Also, was jammerst du herum?«

Dauras beeilte sich mit der Arbeit. Seine Sinne verrieten ihm, dass neue Gäste vorgefahren waren. Er wollte mit den Toten fertig sein, bevor sie hereinkamen. Nicht, um den Wirt zu schonen, sondern um die Hände und den Kopf freizuhaben für die Neuankömmlinge, wenn es sich als nötig erweisen sollte.

»Ich weiß, Herr. Und niemand hier will Euch verärgern.« Der Wirt senkte den Kopf. »Aber warum müsst Ihr diese Halunken immer in meinem Haus erwarten? Die Toten sind nicht gut für mein Geschäft.«

»Dann rate ich dir, Wirt, schaff die Toten weg. Du wirst den Platz gleich für die Lebenden brauchen.« Dauras schob seine Beute unter den Tisch. Dann setzte er sich entspannt wieder vor den Bierkrug und zog die Kapuze tief in die Stirn. Seine Sinne jedoch waren bis zum Äußersten geschärft.

Die neuen Gäste auf der Straße vor dem Gasthaus waren von einem anderen Schlag als die beiden Kopfgeldjäger. Dauras spürte Stahl – eine Menge Stahl! Das waren nicht nur Waffen, er nahm auch Kettenhemden wahr, und Schilde an den gut bepackten Pferden. Zwanzig schwer bewaffnete Krieger versammelten sich um einen geschlossenen Wagen, aus dem zwei Frauen stiegen.

Dauras fühlte durch die Mauern, wer die Herrin war – ein zierliches junges Mädchen, das sich leicht bewegte, obwohl es bedrückt wirkte und Gewänder trug, die ein wenig zu zweckmäßig waren für jemanden von hohem Stand. Ihre Begleiterin war älter und schwerfälliger, eine Magd vermutlich.

Die Tür sprang auf, die Schar drängte herein. Der Wirt, der sich gerade mit zwei Burschen um die Leichen kümmerte, fuhr überrascht auf.

»Eh, Wirt«, rief der Anführer der Neuankömmlinge. Leder und Kettenringe knirschten, wenn er sich bewegte, und seine Ausstrahlung verriet den erfahrenen Krieger. Ein Ritter, schätzte Dauras, und gewiss schon über vierzig.

»Ein Zimmer für die Dame. Und Platz für meine Männer … was ist denn das?«

Er hatte die toten Kopfgeldjäger erspäht.

Der Wirt eilte auf ihn zu und nahm den grau gefleckten Lappen in die Hand, den er sich als Kopftuch um die schwitzende Stirn gebunden hatte. »Verzeiht den Anblick, Herr«, sagte er eilfertig. »Zwei auswärtige Herumtreiber, die mit dem falschen Gast Streit gesucht haben. Ich versichere Euch, wir sind für alle ehrbaren Besucher ein sicheres Haus.«

»Der falsche Gast, so, so«, wiederholte der alte Ritter. Sein Blick wanderte zu Dauras und blieb an dem schäbigen Umhang haften. »Auf den ersten Blick hätte ich eher den für einen auswärtigen Herumtreiber gehalten.«

Ein paar der Krieger aus der Schar hinter ihm schnaubten abfällig. Dauras hörte sogar ein leises Kichern unter den Männern. »Bauer gegen Bettler«, murmelte ein Jüngling, den Dauras für einen Knappen hielt. »Welch epische Schlachten hier geschlagen werden.«

Ganz im Hintergrund der fremden Schar bemerkte Dauras allerdings ein Augenpaar, das sich mit neu erwachtem Interesse in seine Richtung wandte, eine kleine schmale Gestalt, die sich streckte, um einen Blick auf ihn zu erhaschen.

Die junge Dame, die mit den Rittern gekommen war.

Die Reisegesellschaft nahm eine große Tafel in Beschlag. Ein halbes Dutzend Krieger hockten sich abseits der übrigen an einen Tisch bei der Tür. Der Wirt ließ auftragen, und Dauras lauschte den Gesprächen beim Essen. Die Männer lärmten und scherzten, aber wann immer persönliche Dinge zur Sprache kamen, das Ziel ihrer Reise oder der letzte Ort, an dem sie gewesen waren, herrschte der alte Ritter sie an, und sie wechselten zu unverfänglicheren Themen. Die junge Dame saß still zwischen ihnen, neben dem alten Ritter und ihrer Magd, und kritzelte etwas auf ein Stück Papier.

Diese Reisenden hüteten ein Geheimnis, so viel war klar. Aber sie hüteten es gut und gaben auch nichts davon preis, nachdem sie gespeist hatten und der Wirt Bier und Wein auftrug. Dauras überlegte, ob er gezielter nachforschen sollte.

Er entschied sich dagegen. Die banalen Geheimnisse der Menschen interessierten ihn nicht. Es gab so viele Heimlichkeiten den Fluss hinauf und hinunter, wenn er allen hinterherjagen wollte, würde er ordentlich seine Zeit verschwenden.

Dann löste die Gesellschaft sich auf. Die Dame gab ihren Begleitern zu verstehen, dass sie sich zurückziehen wolle, und ein größerer Tross setzte sich in Bewegung. Der alte Ritter und ein gutes halbes Dutzend seiner Männer geleiteten die junge Herrin nach oben zu ihrem Zimmer. Sie kamen an Dauras’ Tisch vorbei, und er bemerkte eine verstohlene Geste. Die Dame streifte mit den Fingern über die Tischplatte und ließ einen kleinen zusammengeknüllten Zettel darauf zurück.

Dauras nahm das Papier an und strich es glatt, während der Rest der Schar an ihm vorüberging. Er schnaubte belustigt, und mit einem Mal war ihm danach, die Dinge ein wenig in Bewegung zu bringen.

Er hielt das Papier in die Höhe. »He«, rief er. »Ich glaube, die Dame hat etwas verloren.«

Der Zug hielt inne. Dauras spürte, wie die junge Dame zwischen den Männern zusammenzuckte, erschrocken, verlegen, fassungslos. Ihr Herz pochte rascher, und das Blut schoss ihr ins Gesicht.

Dauras genoss den Augenblick, der mehr Unterhaltung versprach als die üblichen tumben Kopfgeldjäger.

»Was willst du, Bauer?« Der Knappe am Ende der Schar wandte sich um. Er konnte kaum dem Knabenalter entwachsen sein, aber dem Auftreten nach hielt er sich für einen Mann, und zwar für einen großen.

»Gib her, den Fetzen. Und wenn du uns belästigen willst …«

Der Jüngling streckte die Hand aus, doch Dauras zog das Blatt zurück. Er reichte es dem Wirt, der eifrig zu den Herrschaften hinlief.

»Hier, Wirt …« Er konnte sich den Namen des Mannes einfach nicht merken, obwohl er schon seit einem halben Jahr unter dessen Dach logierte. »Lies vor!«

»Herr …«, stammelte der Wirt. Er warf einen entschuldigenden Seitenblick zu den anderen Gästen, aber Dauras wusste, dass der Mann es nicht wagen würde, sich seinem Befehl zu widersetzen.

Der junge Knappe wandte sich an seinen Anführer. »Dieser Herumtreiber hat eine Tracht Prügel verdient, was meint Ihr, Herr?«

Der alte Ritter antwortete nicht. Sein Blick glitt von der Dame zu dem Wirt und weiter zu Dauras, der sich unter seinem schäbigen Kapuzenumhang verbarg. Dauras wusste, der erfahrene Krieger fing etwas auf, was dessen Aufmerksamkeit weckte. Er war klug genug, die Sache ernst zu nehmen, auch wenn er nicht wusste, was er davon halten sollte.

»Hier steht …«, stammelte der Wirt und verstummte.

»Was ist, Mann?«, herrschte Dauras ihn an. »Erzähl mir nicht, dass du plötzlich das Lesen verlernt hast.«

»Hier steht …«, fuhr der Wirt tonlos fort. »Helft mir. Ich werde entführt.«

Die Zeit schien so träge zu fließen wie das Abwasser aus den Kloaken der Hauptstadt.

»Was bedeutet das?« Die Stimme des Knappen drang durch die Stille. Er riss dem Wirt das Papier aus der Hand, warf aber keinen Blick darauf. Vermutlich konnte der Jüngling genauso wenig lesen wie Dauras selbst. »Ist das eins von diesen Spielen bei Hofe, von denen man so viel hört? Oder will der Landstreicher die hohe Dame in Verlegenheit bringen?«

Dauras spannte sich an. Es war an der Zeit, die Sache zu beenden, wenn er sich nicht in etwas hineinziehen lassen wollte. Konnte er die Sache überhaupt noch beenden, ohne in etwas hineingezogen zu werden?

Bislang hatte keiner der fremden Krieger eine Waffe gezogen. Sie mochten zornig sein, verwirrt, aber sie waren unentschlossen und fühlten sich nicht bedroht. Sie vertrauten auf ihre Zahl und auf ihre Waffen.

Dauras entschied, dass er eine bessere Gelegenheit nicht mehr bekommen würde.

Sein Schwert lehnte neben ihm an der Bank. Er griff danach und sprang auf. Er riss die Klinge in einem Bogen hoch. Sie fuhr dem Knappen in den Oberschenkel und ging durch bis auf den Knochen.

Dauras stand im Gang und schob den Jüngling zur Seite. Schmatzend glitt der Stahl aus dem Fleisch. Dauras trat dem nächsten Mann kraftvoll gegen das Schienbein, und das Knie sprang aus dem Gelenk. Dem Mann daneben trieb er die blutverschmierte Klinge ins Bein und durch die Arterie. Er tat einen Satz über die stürzenden und blutenden Krieger hinweg und zog dem einen im Vorübergehen einen Dolch aus dem Gürtel.

Erst jetzt fand der Knappe, der zuerst verletzt worden war, die Zeit für einen Schrei.

Dauras’ Gegner trugen Kettenhemden. Die Rüstung hätte seine Schwertklinge behindert. Aber der Dolch in seiner Hand war schmal genug, und Dauras stieß seinem vierten Gegner die Klinge durch die Eisenringe hindurch ins Herz. Dem nächsten Gegner stach er das Schwert so kraftvoll durch die Kehle, dass er den Mann dahinter noch ins Auge traf. Es war kein Zufall, er hatte den Stoß so präzise geführt.

Er ließ sein Schwert los und griff nach der Waffe des Mannes, der mit dem Dolch im Herzen dastand, obwohl er schon tot war. Es war den Rittern schwer gefallen, ihre Waffen zu ziehen. Der enge Gang zwischen den Tischen behinderte sie. Aber Dauras vollendete mühelos die Bewegung, die der Besitzer des Schwertes nie mehr fortführen würde.

Er sprang über einen der Tische, vorbei an der Dame, die den Zettel geschrieben hatte und die jetzt wie erstarrt inmitten der fallenden Leiber stand.

Im selben Schwung hieb er dem nächsten Krieger die Klinge in den Hals, umfasste mit der Linken dessen Hand und streckte mit der Waffe darin dessen Nachbarn nieder.

Jetzt stand nur noch der alte Ritter vor ihm. Dauras hatte für den Weg durch all die Männer nicht länger gebraucht, als ein normaler Krieger brauchte, um sein Schwert zu ziehen. Der Ritter hielt seine Waffe in der Hand – Dauras war trotzdem schneller. Er rammte ihm das Schwert mit einem wuchtigen Stoß durch das Kettenhemd und in die Brust, bevor der Ritter zum Hieb ausholen konnte.

Dann hielt er inne.

Die Hälfte seiner Gegner war tot, die übrigen wanden sich mit zerschlagenen Beinen hilflos am Boden. Die Gaststube war erfüllt von ihren Schreien. Blut sprudelte aus den Oberschenkelwunden wie Wein aus einem aufgeschlagenen Fass.

Die junge Dame verharrte immer noch wie gelähmt in dem Durcheinander. Dauras fasste sie an den Hüften und hob sie auf eine Bank, ehe die Lache aus Blut ihre Füße erreichte. Beiläufig nahm er die feinen Pelzstiefelchen wahr, die sie trug. Er packte sein eigenes Schwert. Die Klinge hatte sich in der Augenhöhle verkantet und ließ sich nur widerstrebend wieder herausziehen.

Er schritt in den vorderen Teil der Gaststätte.

Die Krieger, die dort noch saßen, griffen zu den Waffen. Mit aufgeregten Rufen sprangen sie auf und stellten sich neben die Tische. Es waren mehr Männer übrig, als Dauras bereits besiegt hatte. Aber fünf von ihnen wichen zurück, als er auf sie zuging, bis zur Türe, und dann flohen sie hinaus auf die Straße. Es waren dieselben fünf, die zuvor schon abseits der anderen gesessen hatten.

Dauras stieß einen Schrei aus. Er stürmte auf die letzten sechs an der großen Tafel zu. Einer hob erschrocken das Schwert und stellte sich ihm entgegen. Dessen Kameraden dahinter suchten das Weite, noch bevor Dauras den Mann erschlagen hatte.

Es wurde still in der Gaststube. Dauras drehte sich um und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Zu langsam, dachte er. Sie sind einfach alle zu langsam!

Er fühlte einen Hauch von Hochgefühl nach dem gewonnenen Kampf, doch es lag auch eine bittere Note darin. Enttäuschung.

Er bedauerte es beinahe, dass er seinen Gegnern nicht die Zeit gegeben hatte, sich auf den Kampf vorzubereiten. Hätte er sie alle dann genauso besiegt, in einem offenen Kampf?

Vielleicht hätte er es darauf ankommen lassen sollen.

Seine Sinne erfassten die stumme Präsenz des Wirts, und er hielt inne. Der Mann wirkte aufgebrachter denn je, aber auf eine ruhige Art. Erschüttert. Steif lehnte er inmitten des Gemetzels an einem Tisch, nicht weit von der immer noch reglosen Dame entfernt.

Dauras fuhr den Mann an: »Willst du mir wieder Vorhaltungen machen? Du hast es gehört: Die Dame wurde entführt. Ich habe ihr nur geholfen!«

Seine Worte rissen den Wirt aus der Benommenheit. Langsam wandte er sich Dauras zu. Seine Stimme zitterte.

»Nein, Herr …« Der Wirt räusperte sich. Er rang die Hände. »Wenn Ihr nur sehen könntet!«

Dauras stieß einen verächtlichen Laut aus. »Ich sehe besser als jeder andere, Wirt. Und ich brauche keine Augen dafür. Frag diese Krieger da, wenn du an meinen Worten zweifelst.«

»Ihr seht es nicht!« In der Stimme des Wirtes lag ein Entsetzen, das selbst Dauras innehalten ließ. »Diese Männer, sie trugen Wappen und Farben. Die Soldaten, die geflohen sind, trugen die Farben des Kaisers! Diesmal, Herr, seid Ihr zu weit gegangen.«

Zu weit gegangen.

Zwei Wegstunden entfernt auf einer menschenleeren Heide dachte Dauras über diese Worte nach.

Dauras wusste, dass viele seiner Feinde überlebt hatten. Er war kein Risiko eingegangen und hatte die Silberforelle sofort verlassen. Die Dame – besser gesagt: das Mädchen – folgte ihm so willenlos wie eine Puppe, sobald er sie an der Hand nahm. Niemand hatte sich ihnen in den Weg gestellt.

Im Stall hatte er unter den Pferden seiner Feinde die besten herausgesucht. Doch dann hatte das Mädchen überraschend zwei bessere gewählt. Sie war weit geschickter auf dem Pferd als er und erwies sich nicht als Bürde, während sie nach Westen ritten, fort von dem Fluss und hinein in das spärlich besiedelte Hinterland.

Dauras war nicht allzu besorgt wegen der entkommenen Krieger. Allerdings wollte er Abstand gewinnen und an einem sicheren Platz alles Weitere überdenken.

Das Tageslicht reichte noch eine Wegstunde, eine weitere Stunde ritten sie durch Dämmerung und Dunkelheit. Jetzt waren sie hier, in einem öden Streifen Brachland zwischen den Dörfern. Sie hockten in einer Kuhle unter den herabhängenden Ästen des einzigen Baumes weit und breit, und Dauras stocherte in dem kleinen Feuer, das er aus den Resten vertrockneten Buschwerks entfacht hatte.

Das Mädchen hatte die ganze Zeit kein Wort gesprochen. Aber Dauras wollte wissen, worauf er sich da eingelassen hatte.

War er zu weit gegangen?

»Diese Männer, sie haben dich also entführt, Mädchen?« Er rückte ein Stück vom Lagerfeuer weg und hockte sich bequemer hin.

Ihr Nicken war kaum zu bemerken, auch nicht für seine geschärften Sinne.

»Wie heißt du, Kleine?«

Sie zögerte kurz. »Aruda.«

Dauras wartete, aber das war alles. Dauras wunderte sich. Sie war eine Dame von Stand, das bewies die Art, wie diese Ritter mit ihr umgegangen waren. Und für gewöhnlich posaunten diese Edlen den Namen ihrer Familie gern laut in die Welt hinaus, weil sie so stolz darauf waren.

Er tastete sich weiter vor. »Was wollten diese Ritter … diese Entführer von dir? Ein Lösegeld von deiner Familie?«

Sie sah zu Boden. Ihre Stimme war so leise, dass Dauras sie kaum verstehen konnte. »Ich sollte heiraten. Einen Barbaren aus dem Norden.«

»Und was sagt dein Vater dazu?«

»Er hat mich hingeschickt. Mich verschenkt, aus einer Laune heraus.«

Scheiße! So viel zu der einfachen Lösung – dass er das Mädchen der Familie zurückbringen und eine Belohnung für die Rettung kassieren könnte.

»Was hast du dir dabei gedacht, Kindchen?« Dauras schüttelte den Kopf. »Du kannst doch nicht einfach Anschuldigungen in die Welt setzen und fremde Leute in deine Familiengeschichten hineinziehen. Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast?«

Aruda hob den Kopf. Ihre Stimme war immer noch leise, aber sie klang fester. »Was hast du angerichtet?«

»Was?«

»Was hast du angerichtet?«, wiederholte das Mädchen. »Du hast sie alle getötet. Das Blut in dem Gasthaus … Ich habe diese Männer nicht erschlagen! Und das habe ich auch von dir nicht verlangt.«

Dauras beugte sich empört zu ihr hin. Er nestelte in seiner Gürteltasche, fühlte Papier zwischen den Fingern und zog es heraus. Mit einer Handbewegung faltete er es vor den Augen des Mädchens auseinander. »Was hast du denn erwartet, was passieren würde, nachdem du mir das da hingelegt hast?«

In dem Moment, als er das Blatt glatt streichen wollte, merkte Dauras bereits, dass er das falsche erwischt hatte. Es war der Steckbrief mit seinem Gesicht darauf, den er den beiden Kopfgeldjägern abgenommen hatte. Einen Augenblick lang hielt er den Arm verlegen ausgestreckt und wusste nicht, was er tun sollte. Dann wedelte er das Papier zur Seite und ließ es ins Feuer fallen. Die Flammen loderten auf und verzehrten den teuren Kupferstich.

»Wie dem auch sei«, murmelte Dauras. »Nicht wichtig. Du weißt, was ich meine.«

Aruda schwieg. Dauras spürte, dass sie erschrocken war, obwohl sie den Steckbrief nur kurz gesehen hatte und gar nicht gelesen haben konnte, was für Anschuldigungen darauf standen.

»Da war dein Gesicht darauf«, sagte sie schließlich.

»Nein«, antwortete Dauras. »Ja. Ich meine, es ist nicht wichtig. Das Blatt ist ohnehin eine Fälschung.«

»Du kannst nicht sehen.«

Aruda stellte das Offensichtliche fest. Dauras sagte nichts. Er wandte nicht einmal die Augen von ihr ab, die Augen, die – wie er wusste – für jeden Menschen mit normalem Augenlicht grau wirkten und trübe und starr.

»Du kannst nicht sehen«, wiederholte sie. »Ich habe das gar nicht bemerkt, bevor du von dem Tisch aufgestanden bist. Aber wie kannst du kämpfen, wenn du blind bist?«

»Ich kann sehen«, widersprach Dauras. »Sogar besser als die meisten. Im Tempel nannten sie mich Dauras den Seher. Ich kann keine Farben unterscheiden, keine Schrift und keine Bilder wahrnehmen, das ist wahr. Je kleiner und feiner etwas ist, umso leichter entgeht es mir – die Linien im Gesicht eines alten Menschen, der Unterschied zwischen Gold und Blei. All das sind Dinge, über die ich die anderen reden höre. Aber was für eine Bedeutung hat das in einem Kampf?

Dafür erkenne ich die wirkliche Welt. Den Schatten, den ein jedes Ding in den Äther wirft. Ich sehe mit den Augen meines Geistes, und die taugen mehr als jene des Fleisches. Sie sehen in der Finsternis genauso gut wie am Tage, sie sehen nach hinten genauso gut wie nach vorn. Ich sehe den Schwertstreich, der auf meinen Rücken zielt. Ich sehe den Mann hinter meinem Gegner so gut, als stünde er vor mir. Ich sehe die Dinge, die hinter Türen und Wänden auf mich lauern, wenn sie nur bedeutsam genug sind, um einen schweren Schatten zu werfen. Ich sehe den Herzschlag meines Gegenübers genauso wie die Münzen in seiner geschlossenen Börse.

Nein, Mädchen. Ich bin nicht blind. Ich bin ein Sehender in einer Welt von Blinden.«

Aruda zog ihr Kleid enger um sich, und Dauras bemerkte, dass ihr wieder das Blut ins Gesicht schoss.

Sie räusperte sich. »Was ich erwartet habe …« Sie stockte, ehe sie weitersprach: »Ich habe gehofft, du würdest mir helfen. Der Wirt schien dich für einen mächtigen Kämpfer zu halten, wie die umherziehenden Helden in den alten Sagen. Ich dachte, du würdest einen schlauen Plan ersinnen und mich unbemerkt aus dem Wagen befreien, wenn wir weiterreisen, so wie es die edlen Gesetzlosen oder die Schelme in den Dichtungen des Volkes tun. Du hättest herbeieilen, mich auf dein Pferd heben und davonreiten können, wie die Ritter in der Legende, oder mit Gottes Hilfe zwischen meine Wachen treten und mich in die Freiheit führen, wie die Heiligen Bponurs in den Liedern.

Ich habe gehofft, du könntest etwas Großartiges tun, oder zumindest etwas Wohlüberlegtes. Ich habe nicht erwartet, dass du noch im Gasthaus auf alle losgehst und sie kurzerhand erschlägst.«

»Nun«, sagte Dauras. »Es kommt nicht immer so, wie man es erwartet.«

Sie saßen da und schwiegen neben den prasselnden Flammen. Das Feuer aus dünnem Geäst brannte allzu schnell herunter.

»Wenn ich ehrlich bin«, fügte Aruda hinzu, »habe ich gar nichts erwartet. Ich habe einfach nur diese Botschaft geschrieben, weil ich verzweifelt war und auf ein Wunder hoffte.«

»Du hast entschieden zu viele Legenden gehört, Kindchen … Aber was soll’s, es ist nun einmal geschehen. Lass uns überlegen, wie wir das Beste daraus machen.«

Aruda nickte schweigend.

»Also gut«, fuhr Dauras fort. »Wie wäre es damit: Ich bringe dich zu deinem Bräutigam, und wir klären das Missverständnis …«

Aruda schüttelte den Kopf. »Der Herr von Rottengrund war seine rechte Hand und sein Vertrauter.«

Dauras blickte auf. »Der Herr von Rottengrund?«

»Das war der alte Ritter, den du erschlagen hast. Der Anführer der Reisegesellschaft. Dieser Graf … dieser Kerl, der im Norden auf mich wartet, würde dir das niemals verzeihen. Da können wir uns unmöglich blicken lassen.«

Dauras hätte schwören mögen, dass dieses freche Gör dabei triumphierend und selbstzufrieden klang. »Was würdest du uns dann raten«, fuhr er sie an. »Wie sollen wir aus diesem Sumpf wieder herauskommen, in den du uns hineingeritten hast?«

»Ich dachte mir … wir könnten in den Süden gehen … oder weit in den Osten, wo mein Vater mich nicht findet. Dort kann ich mir einen richtigen Bräutigam suchen. Einen sanftmütigen Grafen oder einen jungen Ritter, der sich um mich sorgt. Ich habe lange darauf gewartet, dass jemand zu mir kommt und mich … befreit. So erzählen es die alten Legenden. Aber vielleicht muss ich selbst aufbrechen, um den Prinzen zu finden, den Bponur für mich bestimmt hat. Womöglich hat das Schicksal dich zu mir geführt, als mein Begleiter bei dieser Queste.«

Bei allen Göttern des Schwertes.

Dauras wusste nicht, ob er froh sein sollte oder gekränkt, weil er selbst offenbar nicht als »strahlender Ritter« für sie infrage kam. Dann überlegte er. Das Mädchen mochte naiv sein, und doch verrieten ihre Worte ihm einiges. Ihre Familie musste bedeutend sein, so viel war klar. Ihm war zuvor schon aufgefallen, wie die Ritter in ihrem Gefolge mit ihr umgegangen waren und dass sie ihn ganz gedankenlos duzte. Jetzt jonglierte sie spielerisch mit Grafen und Prinzen als Bräutigam, und ihn selbst plante sie beiläufig als Knecht mit ein, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie ihn damit kränkte, und ohne jede Sorge, dass er etwas anderes tun könnte, als ihr zu Diensten zu sein.

Sie war naiv, gewiss. Aber diese Sorglosigkeit bewies mehr als alles andere, dass sie noch nie im Leben das Knie vor einem Höhergestellten gebeugt hatte.

Dennoch hatte sie keine Erziehung genossen, das wurde ebenso deutlich. Sie hatte wohl nicht viele Lehrer gehabt, nur ein paar Bücher, die sie selbst nach Neigung auswählte. Und vielleicht eine alte Amme, die ihr den Kopf mit Märchen füllte.

So hochgestellt … und so vernachlässigt. Was sollte er damit anfangen? Womöglich sollte er hoffen, dass dieses Mädchen seiner Familie weiterhin gleichgültig blieb. Andererseits, es lag gewiss auch eine Aussicht auf Gewinn darin, wenn er nur den richtigen Hebel fand. Noch gab er die Sache nicht verloren.

»Bevor wir nach einem besseren Bräutigam suchen, den wir vielleicht finden werden, vielleicht aber auch nicht«, sagte er, »was haltet Ihr davon …«

Dauras hielt inne. Ganz von allein war er diesem Kind gegenüber in die respektvollere Anrede gefallen. Er ärgerte sich über sich selbst. Was sagte es über ihn aus, dass er immer noch so empfänglich dafür war, wenn jemand irgendwie von Stand war?

»Würde Euer Vater es zu schätzen wissen, wenn ich seine Tochter wohlbehütet wieder nach Hause bringe?«

»Nein!«

Dauras fuhr auf, als dieses verträumte und stille Dämchen so überraschend die Stimme erhob. Sie ballte die Fäuste. »Glaub mir, zu meinem Vater willst du ganz bestimmt nicht

Aruda stand neben dem Feuer und zitterte. Dauras spürte ihren Herzschlag. Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass sie Angst hatte. Der bloße Gedanke an ihren Vater erschreckte sie mehr als das Gemetzel im Gasthaus und als ihre »Entführung« zu einer unerwünschten Hochzeit.

»Also gut«, sagte er. »Damit wir beide wissen, worüber wir reden. Wer ist Euer Vater? Und wer genau seid Ihr

Aruda zögerte. Sie holte Atem und sagte: »Ich bin Prinzessin Aruda … Aruda Callindrin Beahad. Aredrel Callindrin ist mein Vater. Der Kaiser in Horome. Der wahnsinnige Kaiser … so nennt ihr ihn alle, nicht wahr?«

30.9.962 – HOROME

Meris wartete in der Halle vor dem Kontor des Hofrats. Kuriere eilten an ihr vorbei, über der Schulter versiegelte Satteltaschen mit dem aufgeprägten Abzeichen des kaiserlichen Botendienstes. Schreiber saßen in langen Reihen unter den hohen Fenstern. Das Kratzen von Federn und hin und wieder geflüsterte Gespräche hallten in dem Saal wider.

Ennod von Reinenbach hatte sie zu sich gerufen, der Hofrat für Kurierwesen. Ein Amt, das so unscheinbar klang und doch so bedeutend war, dass von Reinenbach im ganzen Palast als der Hofrat bekannt war. Die Kuriere, die in ihren uniformartigen Röcken aus braunem Leder durch den Raum hasteten, zu den Stallungen und von dort aus weiter in alle Winkel des Reiches, machten nur einen kleinen Teil seines Dienstes aus. Die meisten Boten, die unter von Reinenbachs Kommando standen, waren weitaus unauffälliger: Männer und Frauen wie Meris, die dorthin gingen, wo der Hofrat es ihnen befahl, die Augen und Ohren offenhielten und Bericht erstatteten, und die taten, was immer nötig war, um den Worten des Kaisers Gewicht zu verleihen. Und es waren stets die Worte des Kaisers, auch wenn es der Hofrat war, der sie auf den Weg schickte.

Einst hatte das Heer des Kaisers im ganzen Reich für Ordnung gesorgt. Heute waren die Boten des Hofrats die Einzigen, die Briefe und Dolche ans Ziel brachten, die Respekt für Krone und Reich einforderten, und sei es getarnt als Händler oder Kaufleute, als fahrende Ritter, Spielleute oder als der Bauer oder der Apotheker von nebenan.

Der Hofrat hatte seine Helfer überall, und Meris gehörte zu ihnen. Die letzten Monate hatte sie auf einem Amt in der Hauptstadt verbracht. Sie erfüllte die Arbeit dort so gut sie es vermochte, und sie erhielt den Sold, der dieser Stellung zugedacht war. Aber nichts von dem, was sie dabei tat, war so wichtig wie die Berichte, die sie an jedem Zehnttag ihrem wahren Herrn übergab. Berichte über ihre Kollegen, über ihre Begegnungen und über alles, was sonst für die Kanzlei des geheimen Botendienstes von Interesse sein mochte.

Für Meris bedeutete das vor allem, dass sie an jedem Abend nach Hause gehen konnte, in ihre kleine Wohnung in der Oststadt. Es war ein Luxus für sie, dass sie diese Stunden in ihrem anderen Leben verbringen durfte, in ihrem privaten Leben. Einem Leben, das ihren Herrn nicht kümmerte, solange es nicht ihren Pflichten entgegenstand.

Aber jetzt hatte von Reinenbach sie zu sich gerufen, und Meris ahnte, dass die ruhige Zeit auf dem Warteposten zu Ende ging.

Sie hatte für den Anlass ein einfaches, geschlitztes Reisekleid aus graubraunem Filzstoff angezogen, das Schutz bot und doch nicht zu sehr behinderte. Mit der weißen Seidenbluse darunter wirkte sie vornehm, aber auf eine unauffällige und bürgerliche Weise. Ihr langes braunes Haar hatte sie zurückgebunden, den passenden Hut hielt sie in der Hand. Wenn es um eine Audienz beim Hofrat ging, war sie immer ein wenig unsicher, was ihre Garderobe betraf.

Sie wollte nicht respektlos wirken und nicht nachlässig. Auf der anderen Seite wollte sie sich auch nicht so herausputzen, dass sie nicht mehr ernst genommen wurde – immerhin war sie eine der erfahrensten Beauftragten für besondere Einsätze, die der geheime Dienst des Kaisers aufzubieten hatte. Meris hatte sich also Mühe gegeben für ihren Auftritt, doch Ennod von Reinenbach würde es vermutlich, wie jedes Mal, kaum bemerken.

Andererseits, wer wusste das schon so genau?

Ein Kanzleibote trat zu ihr. »Botin … Meris? Folgt mir.« Er führte sie durch eine schwere Eichentür in den persönlichen Empfangsraum des Hofrats. Das geräumige Zimmer erinnerte an eine Bibliothek, nur dass in den Regalen an den Wänden weder Bücher noch Folianten aufbewahrt wurden, sondern Mappen mit Berichten. Ein wuchtiger Schreibtisch nahm die Mitte des Raums ein, ein paar bequeme Ledersessel standen darum herum.

Ennod von Reinenbach stand neben dem Tisch, ein dürrer Mittfünfziger mit einem schwarzen Haarkranz und mit scharfen Zügen. Er war kein großer Mann, aber einen vollen Kopf größer als Meris. Er begrüßte sie mit einem Lächeln, das kaum mehr war als ein Kräuseln im Mundwinkel, und wartete ab, bis der Laufbursche das Zimmer wieder verlassen hatte.

Dann wies er auf einen Sessel. »Setz dich, Meris.«

Sie gehorchte wie von selbst, aber ihre Gedanken überschlugen sich. Ihre Unterredungen beim Hofrat hatten nie länger als ein paar Minuten gedauert, und nie zuvor hatte er sich die Mühe gemacht, ihr einen Platz anzubieten. Was für ein Auftrag mochte so wichtig sein, dass er ein ausführliches Gespräch dafür einplante?

»Ist dir der Name Dauras ein Begriff?«, fragte der Hofrat. »Dauras der Schwertkämpfer.«

»Ja«, gab Meris zurück. »Ich habe von ihm gehört.«

Man kannte Dauras in ihren Kreisen. Dennoch, hätte von Reinenbach nicht ausdrücklich von einem »Schwertkämpfer« gesprochen, dann wäre ihr zu dem Namen nichts eingefallen. Sie hätte einfach nicht damit gerechnet, hier an diesem Ort von ihm zu hören. Dauras der Schwertmönch war eine Figur, über die man in den Schlafsälen der Schule in Sir-en-Kreigen flüsterte, eine etwas obskure Gestalt, um die sich zahlreiche unglaubwürdige Geschichten rankten. Keine ernsthafte Person, über die ein Hofrat sprach.

Meris hatte Gerüchte gehört, dass Dauras einst in Horome gewesen war, damals, vor langer Zeit, kurz nachdem er das Kloster in Sir-en-Kreigen verlassen hatte. Es hieß, der Mönch habe alle bekannten Schwertschulen der Hauptstadt aufgesucht und die Besten zum Zweikampf gefordert. Dann habe er sie kurzerhand abgestochen, einen nach dem anderen, ohne dass es überhaupt zu so etwas wie einem Kampf gekommen wäre.

Auf dieselbe Weise, so erzählte man sich, hatte er sich der bezahlten Schurken, Meuchelmörder und Söldner entledigt, die von den besorgten Schulen angeheuert worden waren und die ihm in den Gassen der Stadt auflauerten. Am Ende hatte Dauras das Gold genommen, das die Schwertschulen ihm anboten, damit er nicht mehr ihren Ruf bedrohte und ihre Meister umbrachte. Er war weitergezogen – vor allem, so sagte man, weil er ohnehin nicht mehr damit rechnete, in der Hauptstadt einen Gegner zu finden, der einen Kampf wert war.

Meris war noch ein Kind gewesen, als all das geschehen sein sollte. Sie kannte nur diese Geschichten, die wohl eher Märchen waren, aufgeblasene Legenden, wie Kinder sie untereinander erzählten.

»Aber ich fürchte, Herr«, fügte sie deswegen hinzu, »was ich von diesem Dauras gehört habe, war arg übertrieben.«

Die Stimme des Hofrats war kühl und ohne jede Spur von Humor, als er ihr antwortete: »Keineswegs. Glaube lieber, was du gehört hast. Sonst könnte dein nächster Auftrag schneller beendet sein, als wir beide es uns wünschen würden.«

»Auftrag?«, fragte Meris. »Ihr wollt, dass ich mich um diesen Dauras … kümmere? Warum? Warum jetzt?«

»Weil er jetzt die Tochter unseres Kaisers entführt hat«, erwiderte von Reinenbach.

Meris richtete sich in ihrem Sessel auf. »Aber Prinzessin …« Sie stellte fest, dass sie den Namen nicht kannte. Niemand wusste etwas über diese Tochter, die vergessen im Palast lebte, ein bloßes Überbleibsel aus einer längst vergangenen früheren Ehe des wahnsinnigen Kaisers, einer Ehe, die mit dem gewaltsamen Tod der Mutter des Mädchens geendet hatte. »Sie ist verheiratet worden, habe ich gehört. Mit irgendeinem Grafen aus dem Norden. Hat sie nicht deswegen den Palast verlassen?«

»In der Tat«, gab der Hofrat zurück. »Und zwei Tage darauf bereute der Kaiser diesen Entschluss schon wieder. Er schickte einen Zug der Adler aus, um seine geliebte Tochter zurückzurufen. Die Soldaten waren gerade einen Tagesritt aus der Stadt hinaus, da stießen sie auf zwei der Wachen, die zum ursprünglichen Zug der Prinzessin gehörten. So erfuhren sie von der Entführung.

Die beiden Gardisten kehrten danach in die Hauptstadt zurück und haben auch hier Bericht erstattet. So habe ich gestern Mittag von der Geschichte erfahren. Die Männer von der Adlerkompanie sind noch dort draußen und suchen nach der Entführten.«

»Und Dauras ist der Entführer?«, fragte Meris. »Er hat wohl kaum allein alle Wachen der Prinzessin überwältigt?«

»Wenn man den geflohenen Gardisten glauben kann, dann ist genau das geschehen. Natürlich wussten sie nicht, wer dieser Mann war, der die Prinzessin mitgenommen hat, das musste ich erst herausfinden. Aber inzwischen bin ich überzeugt davon: Dauras der Schwertkämpfer hat den Zug der Prinzessin überfallen, in einem Gasthaus in Undervilz. Er hat wenigstens ein halbes Dutzend der Ritter und Knappen erschlagen, die der Graf von Guthügeln für seine Braut geschickt hatte. Mehr konnte ich dem Bericht unserer tapferen Legionäre leider nicht entnehmen. Sie waren, fürchte ich, sehr schnell weg vom Ort des Geschehens.« Der Hofrat lächelte freudlos.

»Mir scheint«, stellte Meris fest, »dass der Kaiser sich nicht viel Mühe gegeben hat mit dem Schutz seiner Tochter. Mich wundert, dass er sie überhaupt zurückhaben will.«

Der Hofrat hob missbilligend die Brauen.

Meris senkte den Kopf. »Verzeiht. Eine solche Bemerkung steht mir nicht zu.«

Von Reinenbach verzog das Gesicht. »Leider hast du recht. Die Sicherheit der Prinzessin oblag weitestgehend ihrem Bräutigam, der im Rahmen seiner Möglichkeiten vermutlich getan hat, was er konnte. Der Kaiser gewährte ihr zwar eine Ehrengarde, aber er ließ die entbehrlichsten Männer dafür auswählen.

Doch in den letzten Tagen hat sich seine Haltung in dieser Angelegenheit geändert. Seit einer halben Dekade ruft der Kaiser nach seiner Tochter, so laut, als hinge das Schicksal des Reiches davon ab, dass sie an seiner Seite ist. Er will sie von ihrem Bräutigam zurückholen. Und er wird die gesamte kaiserliche Legion in Marsch setzen, wenn wir es ihm nicht ausreden.

Deswegen möchte ich, dass du dich der Sache annimmst.«

»Was könnte ich tun?«, fragte Meris. »Ein ganzer Zug der Adlerkompanie sucht schon nach ihr, vierzig berittene Soldaten. Reicht das nicht aus, um mit einem Schwertkämpfer fertig zu werden?«

»Ich möchte es ungern darauf ankommen lassen«, erwiderte der Hofrat. »Nach allem, was ich gehört habe, sind gewöhnliche Menschen in Dauras’ Augen nur Vieh, das wie betäubt herumsteht, während er es abschlachtet.«

Meris sah ihn zweifelnd an. Sie hatte viele gute Kämpfer kennengelernt, aber eine hinreichend große Übermacht hatte bisher jeden zur Strecke gebracht.

Von Reinenbach hob den Finger und bedeutete ihr zu schweigen. »Es ist auch gleichgültig, ob die Gardisten am Ende gewinnen können. Selbst wenn die Adler Manns genug sind, es mit diesem abtrünnigen Schwertmönch aufzunehmen, könnte die Prinzessin bei einem Kampf zu Schaden kommen. Möglicherweise finden sie ihn gar nicht, weil er einer lärmenden Schar von Kriegern leicht aus dem Weg gehen kann. Vieles könnte schieflaufen, wenn man die Angelegenheit nicht richtig anpackt.

Darum will ich, dass du das Kommando übernimmst und die Sache mit Verstand angehst. Vielleicht solltest du nur einen Trupp behalten und den Rest des Zuges nach Hause schicken. Das ist keine Aufgabe für Soldaten, sondern eine für Jäger. Je weniger die Männer sich auf ihre Stärken verlassen, umso besser wird es sein. Die sichere Rückkehr der Prinzessin steht über allem.«

Von Reinenbach nahm eine geöffnete Ledermappe vom Tisch und warf sie Meris auf den Schoß. Eine Handvoll akkurat beschrifteter Blätter rutschte heraus. »Hier ist Dauras’ Akte. Alles, was wir über ihn wissen, aus seiner Zeit im Kloster und danach. Setz dich nach draußen in die Halle und studiere sie, bevor du aufbrichst. Brich heute noch auf. Mein Sekretär hat ein versiegeltes Schreiben für dich, das die Adler deinem Befehl unterstellt.«

»Was, wenn dieser Dauras ein Lösegeld fordert? Werdet Ihr mir Mittel geben, um das Problem auch auf diese Weise zu lösen?«

Von Reinenbach blickte missmutig drein. Er griff in eine der Schubladen seines Schreibtisches und holte eine Börse heraus. Sie landete schwer und klimpernd auf Meris’ Schoß, auf der Mappe mit dem Bericht über Dauras. »Zweihundert Goldmark, das sollte reichen«, sagte er. »Nach allem, was wir über Dauras wissen, könnte er sogar gekränkt sein, wenn er das Gefühl bekommt, dass du ihn kaufen willst. Wenn er auf Geld aus wäre, hätte er seine Fähigkeiten längst gewinnbringend verkaufen können. Ich erwarte das überzählige Gold wieder hier in meiner Kanzlei. Zusammen mit der Prinzessin.«

»Hat er aus demselben Stolz auch Euer Angebot abgelehnt?«, fragte Meris.

Von Reinenbach sah sie fragend an. »Was für ein Angebot?«

Meris geriet ins Stottern. »Ich meine, er kommt aus dem Kloster in Sir-en-Kreigen. Das unter dem Patronat des Kaisers steht. Der geheime Botendienst nimmt gern jeden Kämpfer in seine Dienste, der das Kloster aus welchem Grund auch immer verlässt. Dauras hat doch gewiss ein solches Angebot erhalten? Wenn er so gut ist, wie ihr erzählt …«

»Meris«, sagte von Reinenbach. »Was weißt du über den Kult des Schwertes?«

Meris zuckte die Achseln. Sie war selbst in der Schule erzogen worden, die neben dem Tempel des Schwertes lag. Die Brüder unterwiesen die geheimen Boten des Kaisers in der Kampfkunst, das war der Preis für das kaiserliche Privileg, das dieser fremde Kult auf dem Boden des Reiches genoss.

Aber die künftigen Kuriere lernten dort nur die Kampfkünste und nichts über die Religion. Meris musste zugeben, sie wusste kaum etwas von dem Kult, in dessen Schatten sie aufgewachsen war, und es hatte sie auch niemals interessiert.

»Die Kampfkulte des südlichen Kontinents glauben nicht an die personifizierte Gottheit«, erklärte von Reinenbach. »Sie glauben an eine geheimnisvolle Geisterwelt, von der unsere stoffliche Welt nur ein Schatten ist. Der Umgang mit der Waffe soll den Mönchen dabei helfen, den stofflichen Leib vollkommen zu beherrschen. Und wenn sie das erreichen, so kann der reine Geist hervortreten und … alles bewirken.

Diese Mönche wollen durch ihre Disziplin den göttlichen Funken im Menschen selbst erwecken.«

»Nun gut«, sagte Meris. »Es sind Ungläubige. Aber das hindert uns sonst auch nicht daran, ihre Dienste zu nutzen. Warum also nicht die Dienste dieses Dauras? Hätten wir nicht vermeiden können, dass er derart außer Kontrolle gerät, wenn wir ihn frühzeitig dem Kaiser verpflichtet hätten?«

»Dauras war der beste von ihnen allen. Das hat sein Abt uns geschrieben, nachdem Dauras das Kloster verließ. Er beherrschte seinen Körper und seine Waffe in höchster Vollendung, und was er damit zustande brachte, galt selbst nach dem Maßstab der Mönche als übermenschlich.

Kannst du dir vorstellen, was ein Mann wie Dauras daraus für Schlüsse ziehen mag?«

Rückblick – 27 Jahre zuvor

Dauras war vierzehn, als er zum ersten Mal mit scharfer Waffe und im Freikampf gegen den Abt antrat. Sie standen einander in Grundstellung gegenüber in der großen hellen Halle mit dem Holzboden, umringt von zwanzig weiteren Mönchen, die im Kreis um die beiden hockten. Der Abt hatte die »Säule« gewählt, eine offene Stellung, bei der das Schwert gerade nach oben wies.

Dauras’ Sinne konzentrierten sich auf das hagere Gesicht neben der Klinge. Er nahm den Bart wahr, der bereits ergraut sei, wie es hieß. Dauras konnte sich darunter ebenso wenig vorstellen wie unter den Augen des Meisters, von denen die anderen Schüler sprachen – braune Augen, die niemals ihren Fokus verloren. Für ihn waren die Augen nichts weiter als neblige Eindrücke in dem schweren Schatten, den der Schädel seines Gegenübers in Dauras’ Wahrnehmung hinterließ. Es gab Tage, an denen er über diesen Widerspruch grübelte – dass die Menschen, wenn sie über den Kopf eines Mannes sprachen, vor allem die Augen erwähnten oder die Gedanken, die hinter der Stirn lebten, wo doch genau das die Dinge waren, die in Dauras’ Welt kaum eine Substanz hatten. Er nahm sie als das wahr, was sie in Wirklichkeit waren: substanzlose Löcher hinter den schweren Knochen, die den Schädel ausmachten.

Dauras griff als Erster an. Als er die Parade des Abtes bemerkte, veränderte er die Richtung seines Hiebes. Die Klingen verfehlten einander, Dauras riss die seine zurück, und der Abt parierte sie dicht vor der Hüfte.

Dauras wich dem Gegenangriff mühelos aus, und der Abt musste zur Seite springen und Dauras’ Klinge mit dem Knauf seiner Waffe nach unten schlagen, damit sie ihn nicht traf.

»Wie lange lernst du an unserer Schule?«, fragte der Abt.

»Was?«

Dauras war einen Moment lang abgelenkt. Im letzten Augenblick bog er sich nach hinten. Die Klinge des Abtes wischte über seinen Kopf, und Dauras fühlte noch, wie ein paar feine Haarspitzen vor seinem Gesicht zu Boden sanken.

»Konzentriere dich«, sagte der Abt.

»Ich wurde in meinem vierten Lebensjahr aufgenommen«, sagte Dauras. Er griff wieder an. »Seit … zehn Jahren also.«

Die Schwerter klirrten aufeinander, so schnell, dass Dauras ihre Schatten als Nachbilder in seinem Geist sah. Zusammen mit dem Klang der Waffen verschmolz der Tanz der Schwerter zu einer einzigen Wolke von Stahl, die zwischen dem Abt und dem Novizen schwebte.

Dauras konzentrierte sich auf die Eindrücke und ließ die Waffe noch rascher wirbeln. Die Handgelenke taten ihm weh.

»Schon so lange«, sagte der Abt. »Und ich vermisse die Eleganz in deinen Bewegungen. Du schlägst zu, wie es dir gerade in den Sinn kommt. Hast du denn gar keine Figuren gelernt?«

»Habe ich.« Dauras keuchte jetzt. Er biss die Zähne aufeinander und ließ einen Hagel von Schlägen auf den Abt niedersausen, sodass der alte Mann zurückwich. Der Abt parierte jeden Angriff mit den genau abgezirkelten Kombinationen, den Bildern, von denen Dauras die meisten kannte. Zumindest hatte er sie bei seinen Lehrern mitbekommen, auch wenn er nie die Notwendigkeit verspürt hatte, sie zu lernen. Der Meister allerdings kannte einige neue Kniffe und wechselte so schnell zwischen den Bildern, wie Dauras es noch nie erlebt hatte.

Dennoch fand der Abt nie die Zeit, um selbst anzugreifen. Er wehrte nur ab. Dauras führte bei diesem Tanz, und er drängte den Abt zurück.

Der Abt stolperte über einen der Mönche, die im Kreis hockten, und sprang über das Bein des Mitbruders hinweg. Dauras nutzte die Ablenkung sofort. Er stieß mit dem Schwert vor, und der Abt parierte die Klinge zu spät.

Sie wischte über seine Kehle, und ein feiner roter Strich blieb zurück.

Dauras hielt inne. Er triumphierte. Jeder Muskel tat ihm weh, seine Handgelenke vibrierten noch von den vielen Schlägen, die sie hatten ausfedern müssen. Seine Lungen brannten. Aber er nahm das Schwert in beide Hände, verneigte sich und grüßte mit einem breiten Grinsen.

»Ich bedanke mich für diesen Kampf.«

Der Abt stand vor ihm und ließ das Schwert sinken. Er fasste sich mit der Linken an den Hals und wischte mit der Fingerspitze einen Blutstropfen von dem Kratzer.

»Du hast vieles gezeigt, junger Schüler«, sagte er. »Mehr, als du kontrollieren kannst.«

Dauras fühlte, wie sein Triumph umschlug in Wut. »Immerhin habe ich gewonnen.«

»Der Sieg im Kampf ist nicht alles«, sagte der Abt. »Wolltest du mich verletzen?«

Dauras errötete. »Das ist doch nur ein Kratzer«, sagte er trotzig.

»Also gut, Dauras: Wolltest du mich kratzen

»Natürlich nicht«, sagte Dauras. »Ich kenne die Regeln für den Freikampf: Man hält inne mit dem Schlag, wenn er die Haut berührt, aber bevor er sie ritzt. Doch welcher Fehler ist bedeutsamer: dass Ihr meinen Schlag nicht mehr parieren konntet oder dass ich ihn um die Breite eines Haares zu weit geführt habe?«

Der Abt lächelte. »Für mich sollte es wohl wichtiger sein, deinen Schlag zu parieren. Dir allerdings sollte vor allem daran gelegen sein, dass du mit deinem Schwert genau das erreichst, was du erreichen willst. Nicht irgendetwas, was knapp daneben liegt. Über dem Sieg im Kampf steht die Kontrolle der eigenen Bewegung, die Einheit von Wille und Körper.«

»Was für eine Rolle spielt das, solange man gewinnt?«

»Vielleicht wirst du das erkennen, wenn du es versuchst«, erwiderte der Abt. »Etwas gering zu schätzen, was man niemals gemeistert hat, ist nicht der Weg unseres Tempels. Es hat seinen Grund, dass wir die Bilder lernen. Diese festgelegten Bewegungsfolgen verleihen dir Sicherheit und Präzision. Von da aus magst du eigene Bilder schaffen, oder auch einmal ganz freie Züge. Du jedoch führst dein Schwert wie eine Waffe.«

»Aber es ist eine Waffe«, sagte Dauras. »Und ich führe sie gut. Kein Lehrer kann etwas anderes behaupten.«

Der Abt seufzte. »Kein Lehrer behauptet etwas anderes. Sie haben mir nur berichtet, dass du an deinen Stärken arbeitest und nicht an deinen Schwächen. Du musst nicht besser werden mit dem Schwert, du musst eins werden mit dem, was du tust.«

Dauras blickte auf sein Schwert. Wieder regte sich Trotz in ihm. Es ist gut, dass ich nicht mehr besser werden muss, dachte er bei sich. Hier ist ohnehin niemand, der mir das beibringen könnte.

Dennoch neigte er den Kopf und sagte laut: »Ich bedanke mich für die Unterweisung, Meister.«

In seinem sechzehnten Jahr stand Dauras dem Abt ein weiteres Mal gegenüber. Der Boden der Halle vibrierte unter ihren Tritten. Ihre Klingen sausten durch die Luft, aber es war ein anderer Kampf als beim letzten Mal. Im Grunde war es überhaupt kein Kampf mehr.

Dauras wollte sich nicht nachsagen lassen, dass er nicht lernte. Wie der Abt es ihm geraten hatte, hatte er sich mit den Bildern der Kampfkunst beschäftigt. Diese einstudierten Bewegungen mit genau festgelegten Übergängen, die im Drill fast zu einem Reflex wurden, erlaubten es dem Kämpfer, mit einer Schnelligkeit und Präzision zu agieren, die für gewöhnliche Menschen schier unvorstellbar war.

Doch er war auch ohne diese Bilder schneller als jeder andere Mensch. Und er hatte bemerkt, dass seine Gegner im Kloster rascher auf seine Angriffe reagierten, wenn er nach den Bildern kämpfte – sie erkannten die vertraute Bewegung im Ansatz und konnten sich darauf einstellen.

Darum hatte er sich diesen Techniken schon früh verweigert. Und als er älter wurde und seine Lehrer ihm nur noch Wissen voraushatten, das ihnen im Kampf kaum einen Vorteil brachte, da sah er immer weniger einen Grund, sich ihren Regeln zu unterwerfen.

Dennoch, eines hatte er aus der ersten Lektion des Abtes mitgenommen: dass sein Widerstreben ihm vielleicht auch im Weg gestanden hatte. Er hatte es abgelehnt, nach den Bildern zu kämpfen. Aber er hätte es nicht ablehnen dürfen, sie intensiver zu studieren!

Das hatte er in den vergangenen beiden Jahren nachgeholt.

Jetzt stand er dem Abt gegenüber, und jede ihrer Bewegungen war ein ganzer Kampf. Der Abt griff an, und Dauras konterte so schnell wie ein Gedanke. Seine Klinge landete präzise vor der Kehle, vor dem Herz, vor dem Auge des Abtes. Keiner seiner Schläge war zu parieren.

Sie gingen vor und zurück wie in einem einstudierten Tanz. Jeder Angriff von Dauras schnitt durch die Lücken in den Bildern, und das Schwert des Abtes berührte seine Klinge nicht ein einziges Mal. Er lief durch die Angriffe des Abtes hindurch, als wäre dessen Waffe gar nicht vorhanden.

Sie beendeten den Kampf, und der Abt neigte den Kopf vor Dauras.

»Du hast geübt«, sagte er.

Dauras strahlte. »Ich habe mir Eure Lektion zu Herzen genommen. Ich habe mich noch einmal mit den Bildern beschäftigt – und meine eigenen geschaffen.«

»Du hast also Bilder geschaffen, mit denen ein Mann die klassischen Bilder kontern kann«, stellte der Abt fest. »Ein Mann jedenfalls, der deine Fähigkeiten mitbringt.«

»Hm, ja«, sagte Dauras. »Ich habe einen Kampfstil geformt, der genau auf meine Fähigkeiten zugeschnitten ist. Es fühlt sich so mühelos an wie gehen oder atmen. Ist es nicht das, was ein Priester des Schwertes erlangen muss? Eine solche Selbstverständlichkeit, dass das Schwert eins ist mit ihm.«

Der Abt strich sich über den Bart. Er sah müde aus, fand Dauras. »Das ist wohl so«, erwiderte der Abt. »Doch das ist nicht alles. Die Bilder weisen uns den Weg, aber wir müssen darüber hinausgehen, um Priester des Schwertes zu werden.«

»Ich bin darüber hinausgegangen!« Dauras fühlte sich an die Begegnung vor zwei Jahren erinnert. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, dass es für die Rätsel des Abtes überhaupt keine Lösung gab, dass es nur Worte waren, mit denen der Meister einen Kampf gewinnen wollte, den er mit dem Schwert bereits verloren hatte. »Immerhin hat mein Kampfstil alles besiegt, was die Bilder zu leisten vermögen.«

Ein feines Lächeln kräuselte die Mundwinkel des Abtes. »Das ist es eben. Dein Kampfstil hat die Bilder niemals hinter sich gelassen, er ist bei ihnen stehen geblieben. Du hast nichts als Spiegel-Bilder erschaffen, einen Kampfstil, der nur darauf abzielt, den Stil des Klosters zu kontern.

Aber die Bilder des Klosters führen uns in die Welt hinaus. Selbst die Schüler, die wir nur in den niedrigen Klassen unterrichten und die dann fortgehen und zu gewöhnlichen Kriegern werden, sie haben mehr gelernt, als nur mit ihren Mitbrüdern zu tanzen. Jedes Bild gibt ihnen eine Antwort auf die Gefahren der Welt, jedes Bild ist offen, sodass der Schüler es mit der Erfahrung aus hundert Schlachten verbinden und seinen ganz eigenen Weg darin finden kann.

Haben deine Bilder eine Antwort auf das Chaos der Welt?«

Dauras schnaubte. »Die Menschen außerhalb des Tempels sind ohne Bedeutung. Sie sind ohnehin zu langsam. Ich besiege sie nach Belieben. Die besten Kämpfer im Tempel sind die Einzigen, die …« Dauras rang die Hände. Ihm fehlten die Worte, um auszudrücken, wie er die Welt wahrnahm. »Die sich überhaupt bewegen

Der Abt hob das Schwert vor die Brust und verneigte sich vor Dauras. »Es tut mir leid, Dauras, wenn mein Rat dich in die falsche Richtung geführt hat. Wir alle haben unsere Schwächen und müssen hart an ihnen arbeiten. Der Kampf ist deine Stärke. Und ich habe die Befürchtung, was sonst zum Weg des Schwertes gehört – das übersiehst du einfach!«

Das war es also! Am Ende warf man ihm wieder vor, dass er angeblich »blind« war. Obwohl er bewiesen hatte, dass die Augen für einen Priester des Schwertes überhaupt keine Rolle spielten.

»Was wollt Ihr damit sagen?« Seine Stimme wurde laut und zornig. Er konnte nichts dagegen tun. »An welchen Schwächen soll ich denn arbeiten? Tauge ich nicht zum Priester, weil ich die Schriften in der Bibliothek nicht lesen kann? Soll ich etwa daran arbeiten

»Es wäre ein Anfang«, erwiderte der Abt ungerührt. »Deine Augen lassen dich nicht lesen. Aber du hast gemeinsam mit den anderen Schülern den Unterweisungen der Lehrer gelauscht, wenn diese aus den Schriften vortrugen. Du hattest die Möglichkeit, viele Texte mit deinen Ohren zu studieren … und doch habe ich nicht gehört, dass du dabei denselben Eifer gezeigt hättest wie auf dem Kampfplatz.«

»Ich habe sehr wohl zugehört, wenn die Lehrer aus den Schriften vorgelesen haben.« Dauras spie die Worte hervor. »Sie sprachen davon, dass wir die Vollendung in der Kampfkunst suchen. Dass derjenige, der seinen Körper und seine Waffe vollkommen beherrscht, der eins wird mit dem Schwert, auch eins werden kann mit allem im Universum. Und beherrsche ich meine Waffen nicht vollkommener als alle anderen hier? Habe ich nicht gezeigt, wie ich die ganze Kampfkunst des Klosters überwunden habe?

Ich habe Meister-Bilder erschaffen! Und ich glaube, ihr seid blind. Ihr alle! Weil ihr nicht sehen wollt.«

»Was wollen wir nicht sehen, Dauras?«, fragte der Abt sanft.

»Dass ich euch besiegt habe. Dass ich schon als Schüler auf dem Weg des Schwertes weiter gekommen bin als alle Meister. Ihr wollt einfach nicht sehen, wer ich wirklich bin!«

Mit 21 stand Dauras auf dem Dach des lang gezogenen Übungsgebäudes, drei Manneslängen über dem Boden. Unter ihm lag der sorgfältig geharkte Innenhof. Er nahm die Steine wahr, die im Hof runde und eckige Muster bildeten, die zugeschnittenen Bäume und Büsche mit ihren geometrischen Formen. Die Linien im Kies waren zu fein, als dass er sie hätte wahrnehmen können. Er hätte sie mit den Fingern ertasten müssen, um sie zu erfassen.

Er trat an die Kante, in jeder Hand ein schmales Schwert und die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt wie Flügel. Er ging in die Knie, stieß sich kraftvoll ab und sprang mit einem Überschlag in die Tiefe. Die hölzerne Veranda vor dem Gebäude raste auf ihn zu. Nach einem doppelten Salto um eine Achse, die von den ausgestreckten Schwertern gebildet wurde, kam Dauras sauber auf den Füßen auf. Er federte in den Beinen, um den Aufprall mit seinen Muskeln abzufangen, bevor der Stoß in seine Hüften oder in seine Wirbelsäule durchschlagen konnte. Dann schnellte er wieder hoch, schlug aus bloßem Übermut einen Salto aus dem Stand und landete formvollendet auf dem Kies vor der Veranda. Dann senkte er langsam die Arme.

»Warum hast du das getan?«

Die Stimme des Abtes ertönte überraschend hinter ihm, und Dauras zuckte zusammen. Er hatte nicht bemerkt, wie der Abt sich genähert hatte, auch wenn das eigentlich ganz unmöglich war.

»Weil ich es kann.« Er drehte sich um. Er glaubte zu spüren, wie sehr der Abt in den letzten Jahren gealtert war, obwohl er den immer weißer werdenden Bart, das immer dünnere Greisenhaar und die Linien auf dem Gesicht nur aus den Erzählungen der Schüler kannte. Aber er vermeinte, das Alter des Abtes an dessen Bewegungen zu fühlen – oder vielleicht lag es auch nur daran, dass er selbst jeden Tag besser wurde.

»Nutzt es dir im Kampf?«

»Wer weiß?«, gab Dauras zurück. »Jede Möglichkeit, seinen Körper zu beherrschen, kann im Kampf nützlich sein.«

Sie hatten nur wenige Worte gewechselt in diesen letzten Jahren. Es gab überhaupt wenig, was Dauras mit den Lehrern noch zu bereden hatte. Mitunter maß er sich mit den Meistern, doch das war eine langweilige Demonstration seiner Überlegenheit geworden.

Es gab Tage, da fragte sich Dauras, warum er überhaupt im Kloster blieb. Worauf wartete er? Aber er kannte kein anderes Leben, und so unzufrieden er auch war: Der Weg des Schwertes respektierte den Willen des Einzelnen, und auch wenn er noch so wortkarg war im Umgang mit den Brüdern, ließ das Kloster ihm Raum, den eigenen Weg zu gehen.

Er wandte sich dem Abt zu, der immer noch auf der Veranda stand.

»Wollt Ihr mir noch eine Lektion erteilen?«, fragte er. »Oder mir endlich eine Aufgabe geben? Ich kann Schüler unterrichten. Ich bin der beste Kämpfer des Klosters, und es ist eine Schande, dass ich meine Fertigkeiten nicht weitergeben darf.«

»Wer hat es dir verboten?«, fragte der Abt.

Dauras schnaubte. »Ihr wisst genau, wie es ist. Welcher Schüler würde bei mir lernen wollen, solange ich auf diese Weise abseits stehe und die Meister mich mit Missachtung strafen?«

»Niemand straft dich. Du bist einfach noch nicht so weit«, sagte der Abt. »Du beherrschst den Schwertkampf – aber kannst du wirklich lehren, was du beherrschst?«

»Warum sollte ich es schlechter lehren können, als jene Meister, die mir unterlegen sind? Ich habe deren Kunst studiert, und ich habe eine Kunst entwickelt, um sie zu besiegen. Ich könnte beides an die Schüler weitergeben.«

»Was bleibt von deiner Kampfkunst, wenn du deine speziellen Gaben verlierst?«

»Was meint Ihr?«, fragte Dauras zurück. »Was bleibt von Eurer Kampfkunst, wenn Ihr Eure Arme und Eure Beine verliert und wenn Ihr so langsam werdet wie eine Raupe? Wir alle kämpfen mit dem, was wir gelernt haben, und mit den Kräften, die unser Körper mitbringt.«

»Nun«, sagte der Abt. »Und mit unseren Sinnen. Komm, Dauras, kämpf mit mir.«

Er hob den Arm. Ein Priester eilte herbei und reichte ihm sein Schwert – es war die heilige Klinge des Ordens, das Symbol des Tempels. Sie wurde nur selten im Kampf geführt und nur bei rituellen Anlässen hervorgeholt. Dauras konnte sie nicht sehen, aber sie warf einen mächtigen Schatten in seinem Geist.

Was der Abt auch vorhatte – das heilige Schwert würde ihm jedenfalls nicht helfen, Dauras zu besiegen.

Dauras wollte zurück auf die Veranda treten und in den Übungssaal. Stattdessen stieg der Abt zu ihm herab.

»Hier, im Garten der Formen?«, fragte Dauras überrascht.

»Warum nicht?«, fragte der Abt. »Bist du nicht der meisterhafteste Kämpfer unseres Ordens? Wenn jemand so behutsam durch den Garten springen kann, dass nicht ein Zweig geknickt wird und nichts aus der Form gerät, dann du, nicht wahr?«

»Wenn Ihr wünscht, Meister.«

Sie nahmen die Grundstellung ein. Dauras bewegte sich so leicht zwischen Steinen und Sträuchern wie der Wind, der sich hinter die Mauern des Klosters verirrte. Wenn er es wollte, knirschte kaum ein Kiesel unter seinen bloßen Füßen. Der Abt dagegen bewegte sich plump und langsam, noch unbeholfener, als Dauras es von ihrem letzten Kampf her in Erinnerung hatte.

Er war selbst überrascht, wie sehr es ihn schmerzte. Das war der Meister aller Meister des Klosters, und doch hatte Dauras das Gefühl, als würde er allein durch den Garten tanzen. Er setzte seine Klinge, wo immer es ihm beliebte.

Doch Dauras empfand keinen Triumph dabei. Der Garten der Formen kam ihm leer vor und leblos, und er ertappte sich dabei, wie seine Gedanken abschweiften.

Sie hielten inne. Weder Dauras noch der Abt atmeten rascher nach der kleinen Übung.

Der Abt hob wieder eine Hand. »Und jetzt«, sagte er, »wollen wir sehen, was von meiner Kampfkunst bleibt, wenn ich auf einen meiner Sinne verzichte.«

Der Priester brachte ein schmales Tuch, und der Abt verband sich die Augen. Dauras runzelte die Stirn. Was sollte das beweisen? Der alte Mann war doch mit all seinen Sinnen schon unterlegen gewesen.

»Weiter«, sagte der Abt, und Dauras begann erneut.

Er hielt sich zurück und ließ auch den Abt einmal angreifen. Dessen Klinge stieß immer genau dorthin, wo Dauras längst nicht mehr war. Er wehrte sie mit einem seiner beiden Schwerter ab und traf mit dem zweiten. Der Abt parierte, aber Dauras fand die Lücken in den Bildern des Abtes wie in dem früheren Kampf Jahre zuvor.

Wieder hielten sie inne.

»Wie war dieser Kampf.«

Dauras suchte nach höflichen Worten. »Hm, Ihr habt Euch gut gehalten.«

Der Abt lachte. »So gut, wie man sich gegen dich nur halten kann, meinst du.«

»Ja«, sagte Dauras. »So ähnlich. Es macht keinen Unterschied. Verzeiht, Meister, aber ich habe das Gefühl, es macht schon seit Langem keinen Unterschied mehr. Gegen wen ich kämpfe, wie gut oder wie schlecht er sich hält.«

»Sehen wir, ob es einen Unterschied macht«, sagte der Abt. Wieder hob er die Hand, und der Priester brachte ihm noch etwas. Dauras hatte Mühe, die winzigen Gegenstände auf der Handfläche des Mannes zu erkennen. Aber als der Abt sie sich in die Ohren steckte, kam Dauras zu dem Schluss, dass es sich um Wachspfropfen handelte.

Sie kämpften ein drittes Mal. Dauras verstand den Sinn nicht, er setzte seine Hiebe nur halbherzig. Doch er war überrascht, wie sicher der Abt sich bewegte – taub und blind, griff er Dauras weiterhin an, und auch wenn er weder treffen noch parieren konnte, schlug er nach wie vor in die richtige Richtung und wich geschickt allen Hindernissen in dem Garten aus.

Andererseits, Dauras selbst trug jeden seiner Kämpfe ohne Augen aus, und auch die Ohren benötigte er nicht dafür. Warum sollte er den Abt bewundern, wenn dieser einen Schatten jener Fähigkeiten zeigte, die für Dauras ganz selbstverständlich waren?

Sie hielten wieder inne. Der Abt atmete schneller. Er legte die Augenbinde ab und nestelte die Pfropfen aus den Ohren. Dann reichte er beides an den Priester zurück.

»Hast du nun einen Unterschied bemerkt?«, fragte er Dauras.

Der zuckte die Achseln. »Ihr kämpft gut mit verbundenen Augen«, räumte er ein. »Wenn man bedenkt, dass Ihr nicht daran gewöhnt seid. Was für eine Fähigkeit nutzt Ihr?«

Dauras hörte das Lächeln in der Stimme des Abtes. »Ich versuche, die Welt mit meinem Geist zu sehen. Vielleicht ein wenig so, wie du es ständig tust. Aber es ist eine Kunst, die ich erlernt habe, nichts, was ich von Anfang an eingebracht hätte.«

»Wollt Ihr mir erzählen, dass eine Fähigkeit mehr wert ist, wenn sie erlernt wurde, als wenn sie angeboren ist? Nun, Ihr könnt lernen, so viel Ihr wollt, Ihr werdet doch niemals so gut darin, wie ich es schon bin. Wenn Ihr mir also den Wert des Lernens nahebringen wolltet, dann habt Ihr ein schlechtes Beispiel gewählt.«

»Wir hatten nicht über das Lernen geredet, sondern über das Lehren«, sagte der Abt. »Du hattest mich gefragt, warum ich dich für einen schlechteren Lehrer halte als jene Meister, die dir unterlegen sind. Du hast die Antwort selbst gegeben: Wie willst du etwas lernen, wenn du selbst nie erfahren hast, wie man es lernt?

Ohne meine Augen, ohne mein Gehör bin ich weit hilfloser als du. Doch alles, was ich dann noch zuwege bringe, habe ich mir mühsam angeeignet. Ich habe einen Weg zurückgelegt, und nun kenne ich diesen Weg und kann andere führen.«

»Meine Sinne sind mir angeboren«, sagte Dauras. »Aber den Schwertkampf habe ich gelernt. Also kann ich ihn anderen beibringen.«

Der Abt seufzte. »Dreimal haben wir heute miteinander gekämpft. Hast du einen Unterschied bemerkt? Hast du mich leichter besiegt, als ich Augen und Ohren verschlossen hatte?«

»Leichter als mühelos geht nicht«, sagte Dauras. »Wie sollte ich einen Unterschied bemerken?«

»Und das ist die Frage«, erwiderte der Abt. »Es gibt gewiss einen Unterschied, ob ich mit allen meinen Sinnen kämpfe oder taub und blind. Und doch bleibt etwas, was ich in allen drei Fällen beherrsche, und das ist meine Kampfkunst. Das, was unabhängig ist von all dem, was ich von Natur aus bereits ins Kloster mitgebracht habe. Und das ist es auch, was ich einem jeden Schüler beibringen kann, gleichgültig, was die Natur ihm mit auf den Weg gegeben hat.

Ich frage dich also noch einmal, Dauras: Was bleibt von deiner Kampfkunst, wenn man alles fortnimmt, was du von Natur aus schon beherrschst?«

Dauras schnaubte. »Ich kann mir nun einmal die Augen nicht verbinden. Meine Sinne sind zu gut – man kann sie mir nicht nehmen. Doch es bleibt gewiss genug, was ich einem Novizen beibringen könnte.«

»Genau das ist die Frage.

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