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Das Schweigen der Schwestern

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Seven Sisters
  7. Die Familie Brown
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. Dank

Über dieses Buch

Hochspannung aus Kalifornien: Ein Mitglied der wohlhabenden Brown-Familie wird erschossen, während Benni Harper bei den Browns zu Gast ist. Benni beginnt sofort zu ermitteln. Sie stellt fest, dass die Familie ein Geheimnis hat und erpresst wird, und schnell wird klar, dass der Mörder kein Problem damit haben wird, eine neugierige Ermittlerin umzubringen, wenn sie ihm auf die Schliche kommen sollte. Aber Benni lässt sich nicht einschüchtern und stößt schließlich auf das schreckliche und unsagbar traurige Geheimnis der Brown-Familie.

Über die Autorin

Earlene Fowler lebt mit ihrem Mann, einer Unmenge von Quilts und dreiundzwanzig Paar Cowboystiefeln im kalifornischen Fountain Valley. In Amerika hat die Benni-Harper-Serie mittlerweile Kultstatus.

Earlene Fowler

Das Schweigen der Schwestern

Ein Benni-Harper-Krimi

Aus dem amerikanischen Englisch von Berthold Radke

Für

Debra Jackson, meine wundervolle kleine Schwester
und die echte Quilterin der Familie,

und

Helen May,
liebe Freundin und eine der tapfersten Frauen,
die ich kenne

Seven Sisters1

Das Design für das Quiltmuster »Seven Sisters« wurde, wie viele andere Muster auch, höchstwahrscheinlich der Natur abgeschaut. Die »Seven Sisters«, oder Plejaden, sind eine lose Gruppierung von Sternen in der Konstellation Taurus. Obwohl man mit bloßem Auge sieben Sterne erkennen kann, enthüllen Ferngläser oder Teleskope, dass sie in Wirklichkeit aus einigen hundert mehr besteht. Das Quiltmuster selbst, ein einzelner, sechszackiger Stern, der von sechs identischen Sternen umgeben ist, wurde erstmals im Jahre 1845 gesehen. Während der Zeit der Depression, als handgefertigte, schwierige und herausfordernde Muster beliebt waren, gewann es erneut an Popularität. Die »Seven Sisters« sind auch bekannt als »Seven Stars«, »Evening Star« und »Seven Stars in a Cluster«. Ein interessantes Phänomen dieser Gruppierung ist, dass die Sterne nah beieinander zu stehen scheinen, obwohl sie in Wirklichkeit recht weit voneinander entfernt sind.

Die Familie Brown

Erste Generation

JOHN MADISON BROWN – Richter, Vater und Ehemann
(verstorben)

ROSE JEWEL BROWN – 96 Jahre alt, Ehefrau von John Madison Brown, Mutter von sieben Töchtern

Zweite Generation

CAPITOLA »CAPPY« JEWEL BROWN MATTHEWS –
75 Jahre alt, älteste Brown-Schwester (nahm nach der Scheidung von ihrem Ehemann ihren Mädchennamen wieder an)

WILLOW JEWEL BROWN D’AMBROSIO – 74 Jahre alt, zweite Brown-Schwester

ETTA JEWEL BROWN – 73 Jahre alt, dritte Brown-Schwester

DAISY JEWEL und DAHLIA JEWEL BROWN – (erstes Zwillingspaar – verstorben)

BEULAH JEWEL und BETHANY JEWEL BROWN – zweites Zwillingspaar – verstorben)

Dritte Generation

SUSANNA »SUSA« JEWEL MATTHEWS GIRARD – 47 Jahre alt, Cappys Tochter

CHASE MADISON BROWN – 48 Jahre alt, Cappys Sohn

PHOEBE JEWEL BROWN D’AMROSIO, Willows Tochter (verstorben)

Vierte Generation

BLISS JEWEL GIRARD – 22 Jahre alt, Susas Tochter

JOY JEWEL GIRARD – 22 Jahre alt, Susas Tochter

ARCADIA JEWEL D’AMBROSIO NORTON – 29 Jahre alt, Phoebes Tochter und Willows Enkeltochter

GILES NORTON – 35 Jahre alt, Arcadias Ehemann

1

Aber wir lieben uns«, sagte mein Stiefsohn, dessen dunkle Augen mit der leidenschaftlichen Angst eines feurigen, neunzehnjährigen Jungen brannten.

»Ach, Sam«, meinte ich und versuchte, meine Worte gut zu wählen. »Du bist noch so jung.« Ich griff nach unten und kraulte meinen Hund hinter seinen weichen braunen Ohren. Scout war eine Mischung aus einem Labrador und einem Schäferhund und hatte vermutlich einen herumstreunenden Kojoten als Großvater. Er sah mich mit schmachtenden ockerfarbenen Augen an.

»Du warst neunzehn, als du Jack geheiratet hast«, erwiderte Sam.

Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Ich hatte meinen ersten Ehemann tatsächlich geheiratet, als wir beide gerade neunzehn gewesen waren, und es war eine herzliche, liebevolle Beziehung gewesen. Fünfzehn Jahre hatten wir auf unserer Ranch zusammen gearbeitet, bis er vor zweieinhalb Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Danach war ich in die Stadt gezogen, hatte Sams Vater, Gabriel Ortiz, den Polizeichef von San Celina, geheiratet und ein neues Leben begonnen. Ein Leben, das – zumindest den Versuch – beinhaltete, die anständige Frau des Polizeichefs zu sein, Leiterin des Celina-Folk-Art-Museums, mich gelegentlich mit Rindern auf meiner Familienranch herumzuschlagen und oft als Puffer zwischen meinem vulkanähnlichen Mann und seinem gleichermaßen explosiven Sohn zu fungieren.

Nun lag offenbar Liebe in der Luft. Oder etwas Ähnliches. Dabei war es noch nicht mal Frühling. Wie die Kehrseiten alter Berglöwen waren die Hügel um San Celina herum mit einem frühen Septembergold und -braun gesprenkelt und blieben dem alten Witz der kalifornischen Central Coast treu, dass diese Region im Grunde nur zwei Jahreszeiten kannte, eine grüne und eine braune. Die Straßen im Stadtzentrum wimmelten von neuen Studenten der Cal-Poly-Universität, in deren erhitzten Gesichtern sich aufgeregte Vorfreude, Hoffnung und gut gefüllte Girokonten widerspiegelten. Es war eine ganz natürliche Tatsache, dass die Hügel ihre staubigen Farben um einiges länger beibehalten würden als die Studenten ihre Freude oder ihre ausgeglichenen Konten.

»Wer ist denn nun diese geheimnisvolle Frau?«, fragte ich und lehnte mich auf dem Sofa in unserem spanisch anmutenden Bungalow zurück, den Gabe und ich seit Beginn unserer anderthalbjährigen Ehe unser Zuhause nannten. Vor kurzem hatten wir mit der frustrierenden Aufgabe begonnen, ein Haus für uns zu suchen, da dieser Bungalow zwar Platz genug für eine ein Meter sechzig große Witwe mit Minimalgepäck bot, doch für ein Ehepaar mit wachsendem Besitz eine echte räumliche Herausforderung darstellte. Dummerweise hatten wir bei den zwanzig Häusern, die wir uns bisher angesehen hatten, herausgefunden, dass unsere individuellen Ansichten über das perfekte Heim sich so sehr unterschieden wie sein graumeliertes schwarzes Haar und mein rotblondes. Eine weitere Herausforderung in einer Beziehung in der Mitte des Lebens.

»Sie ist so toll«, schwärmte Sam und ließ sich neben mir aufs Sofa fallen. »Du wirst sie ganz bestimmt mögen. Im Grunde seid ihr euch schon mal begegnet.« Das breite, hinreißende Grinsen in seinem ingwerkeksfarbenen Gesicht machte mich umgehend misstrauisch.

»Ach ja?« Ich zermarterte mir das Hirn bei dem Versuch, mich daran zu erinnern, welches Mädchen in seinem Alter ich kannte, das in Frage käme. Das rothaarige mit der gepiercten Augenbraue, das an den Wochenenden in Blind Harry’s Buchladen jobbte, wo auch Sam arbeitete? Die süße Kellnerin mit den leuchtendblauen Augen in Liddie’s Café? Die Vegetarierin in Hanfkleidung bei Kinko’s, mit der ich ihn hatte flirten sehen, als ich meine Bestellungen fürs Museum abgeholt hatte? Sam war, genau wie sein Vater, ein äußerst attraktiver Mann, daher waren die Möglichkeiten endlos.

»Jawohl.«

Ich sah ihn zweifelnd an und drückte mir ein Wildlederkissen, das mit einem sich aufbäumenden Hengst verziert war, an die Brust. »Ich hasse Ratespielchen. Sag’s mir einfach.«

Er fuhr mit seinen langen Fingern durch die Haare an Scouts Nacken, die sich daraufhin aufstellten. Scouts Schwanz wedelte zustimmend auf dem braunen Teppich. »Es ist ein wenig kompliziert.«

Eine Vorahnung krabbelte meine Wirbelsäule hinunter. »Wie kompliziert?

»Sie ist schwanger.«

Ich stöhnte laut auf und schmiss das Kissen nach ihm. »Sam, wie konntest du nur?«

Er duckte sich und spielte wieder mit Scouts Haaren, wobei er meinem Blick auswich. »Dad wird mich umbringen.«

Ich widersprach seiner Aussage nicht, da ich für die Reaktion seines Vaters nicht garantieren konnte. Wenn schon nicht der Tod, so war doch Teeren und Federn auf jeden Fall eine Möglichkeit. Meine Rolle in diesem Szenario war, wie schon so oft zuvor, dafür zu sorgen, dass sich diese beiden engstirnigen, emotionalen Männer zusammensetzten und das Problem rational besprachen. Ein Kopfschmerz – wohl der erste von vielen, wie mir klar war – begann an die Innenwände meines Schädels zu klopfen. Ich berührte meine Schläfen und begann, sie mit kleinen Kreisen zu massieren.

»Na schön«, sagte ich schließlich. »Was hast du denn jetzt vor?« Da er gerade sein zweites Studienjahr an der Cal Poly begonnen hatte, im Buchladen meiner besten Freundin Elvia Teilzeit arbeitete und im Arbeiterhaus auf der Ranch meiner Familie wohnte, waren seine Mittel, um für Frau und Kind zu sorgen, gelinde gesagt mickrig.

»Vermutlich nehme ich jeden Tag so, wie er gerade kommt.«

Ich unterdrückte den Drang, ihm seinen gebräunten, muskulösen Hals umzudrehen, und sagte: »Sam, du bist um einiges darüber hinaus, jeden Tag so zu nehmen, wie er gerade kommt. Ein Kind von dir ist unterwegs, das Fläschchen und Windeln und Gesundheitsvorsorge und einen Autositz und …«

»Mensch, Benni, das weiß ich doch alles. Ich hatte auf etwas mehr Unterstützung von dir gehofft. Standpauken kann ich von meinem Vater kriegen.«

Und das wirst du auch, versprach ich im Stillen. »Wie steht denn das Mädchen, in das du verliebt bist, zu ihrer Schwangerschaft? Hat sie es schon ihren Eltern gesagt?«

»Sie hat’s ihrer Mutter erzählt. Ihre Mutter ist so ein Hippie-Typ und findet’s völlig cool. Ihr Vater lebt oben im Norden in einer Kommune oder so was. Er ist Schreiner und züchtet Zeug in seinem Garten, um es nebenher zu verkaufen.«

Ich wagte nicht zu fragen, was für Zeug. In was für eine Familie heiratete er da bloß hinein? »Ihre Mutter lebt hier in San Celina?«

»Ja, auf einer Ranch drüben in Amelia Valley. Es ist außerdem ein Weingut.«

Amelia Valley befand sich etwa fünfzehn Meilen südlich von San Celina, auf der östlichen Seite der Interstate 101, hinter dem Eola und Pismo Beach und Port San Patricio. Berühmt für sein gemäßigtes Klima und den ausgezeichneten Boden, gehörte es zum schönsten und wertvollsten Land im San Celina County.

Falls es sich um Rancher handelte, waren es vermutlich Leute, die ich kannte, wenn auch nur flüchtig. Die Rancher unseres Countys war eine verschworene, kleine Gruppe. »Aus welcher Familie stammt sie denn nun? Wer ist sie?«

Er ließ den Kopf hängen und murmelte einen Namen.

Ich näherte mich mit dem Kopf, um ihn hören zu können. »Was hast du gesagt?«

»Bliss Girard.«

»Was?! Bitte sag mir, dass du mich auf den Arm nimmst.« Hätte ich ein weiteres Kissen zur Hand gehabt, hätte ich es ihm aufs Gesicht gedrückt.

Die nackte Angst in seinen Augen war echt. Das sollte sie auch sein. »Es tut mir leid«, flüsterte er. »Aber wir lieben uns. Wirklich, das tun wir. Wir wollen heiraten.«

»Sam, wie um alles in der Welt soll ich deinem Vater erklären, dass du eine seiner besten Nachwuchsbeamtinnen geschwängert hast? Möchtest du mir das beantworten?«

»Lieber nicht«, sagte er.

2

Sam verschwand mit dem Versprechen, gegen fünf Uhr nachmittags wieder zurück zu sein, damit wir uns die freudige Aufgabe teilen konnten, seinem Vater mitzuteilen, dass er Großvater werden würde. Ich hoffte, Gabe wäre in einer zuträglichen Stimmung, da dies das erste Mal seit Wochen war, dass er es geschafft hatte, einen Tag blauzumachen, um an seiner Magisterarbeit in Philosophie zu arbeiten. Eins war schlau von Sam gewesen – Sonntag war auf jeden Fall der beste Tag, um seinem Vater diese Bombe auf den Kopf zu schmeißen. Hoffentlich hallte noch etwas von der Predigt, die Gabe und ich heute Morgen in der Kirche über Vergebung und Toleranz gehört hatten, in seinem Kopf nach. Aber um ganz sicherzugehen, begann ich, M&M-Kekse zu backen. Gabe war ganz wild auf M&M-Kekse, und ich schätzte, dass er sich nach seinem Lieblingsessen aus Chili-Rellenos mit geräucherten Pintobohnen, gekrönt von einem heiß geliebten Dessert, in einer sanftmütigen, cholesterin- und zuckergesättigten Trägheit befände, bevor Sam die Neuigkeiten verkündete. Während ich den zähen Keksteig rührte, dachte ich über Bliss Girard und ihre Familie nach.

Obwohl sie eine wichtige Größe in San Celinas landwirtschaftlicher Gesellschaft darstellte, kannte ich sie nicht so gut, da sie nie Rinderzüchter gewesen waren. Ihre Kombination aus Quarter-Horse-Zucht und Weinkellerei trug den Namen Seven Sisters, vermutlich wegen ihrer Lage. Von ihrem prächtigen, von Julia Morgan entworfenen Haus, das ich vor Jahren einmal während einer Wohnhaus-Besichtigungstour in den Ferien besucht hatte, hatte man einen atemberaubenden Blick über die alten vulkanischen Berggipfel Seven Sisters, die sich zur Morrow Bay hinunter erstreckten und dessen letzter Gipfel Morrow Rock war.

Erst kürzlich hatte ich Gabes jüngste und neueste Beamtin mit dem Seven-Sisters-Clan in Verbindung gebracht. Bei einem Picknick seiner Abteilung im letzten Juni hatte ich mich kurz mit ihr darüber unterhalten, wie man bei Pferden am besten verletzte Schienbeine behandelt. Sie hatte mit angehört, wie ich mit Gabes Assistentin Maggie, die mit ihrer Schwester eine Rinderranch in North County besaß, darüber gesprochen hatte, und steuerte ihre Meinung zur Überdosierung von entzündungshemmenden Mitteln ohne Rücksicht auf die ernsthaften, langfristigen Konsequenzen bei. Das führte zu einer interessanten Unterhaltung über die wachsende Beliebtheit und die kontroverse Debatte über einen ganzheitlicheren Ansatz in der Gesundheitsfürsorge bei Pferden und Rindern. Während dieses Gesprächs offenbarte sie ihre Beziehung zur Seven-Sisters-Dynastie, wie man sie in San Celina nannte. Tatsächlich war ihre Großmutter mütterlicherseits die bekannte Capitola »Cappy« Brown, ein früherer Rodeostar und angesehene Quarter-Horse-Züchterin.

»Du bist nicht in dieser Gegend aufgewachsen, oder?«, hatte ich sie gefragt. Sie war viel jünger als ich, zweiundzwanzig im Gegensatz zu meinen sechsunddreißig Jahren, aber die Agrargemeinschaft in San Celina ist nicht besonders groß, und ich war sicher, dass ich ihren Namen beim Landjugendverein gehört oder sie bei einer Veranstaltung des Farmbüros oder einer von Großmutter Doves eklektischen Gruppen gesehen hätte, bei denen Cappy Brown oder eine ihrer beiden Schwestern Mitglieder waren.

Bliss schüttelte den Kopf. Sie war eine zierliche, durchtrainierte Frau mit dicken blonden Haaren, die durch einen ordentlichen französischen Zopf zurückgehalten wurden. Feine Züge und große graue Augen verliehen ihr ein zartes, behütetes Aussehen, und ich fragte mich, ob ihr dies wohl als Polizistin Schwierigkeiten bereitete. »Ich bin in einer Kommune außerhalb von Garberville aufgewachsen. Das ist nördlich von San Francisco.« Diese Information gab sie uns mit einem gequälten, leicht verlegenen Tonfall preis und sah dabei zu Boden, während ihre blasse Haut bis an den Rand ihres flaumigen Haaransatzes errötete.

»Ich hab gehört, da oben soll es sehr hübsch sein«, sagte Maggie.

»Das stimmt auch. Mein Vater lebt immer noch dort«, fuhr Bliss fort, »aber meine Mutter ist wieder nach Seven Sisters gezogen, als Grandma Cappy vor sechs Monaten vom Pferd gefallen ist und sich den Arm gebrochen hat. Mom ist Geburtshelferin. Ich hab die Kommune verlassen, als ich achtzehn wurde, und als Pferdepflegerin für meine Großmutter gearbeitet, während ich aufs Alan Hancock College in Santa Maria gegangen bin. Seit ich zurückdenken kann, wollte ich Polizistin werden. Mit acht war ich mal mit meinem Vater unterwegs, als er angehalten und wegen des Besitzes einer kleinen Menge Marihuana verhaftet wurde. Ich hatte ziemliche Angst, aber dieser ältere Polizist war wirklich nett zu mir. Er hat mir gesagt, dass sie meinem Vater nicht wehtun würden, und mit mir gewartet, bis meine Mutter kam und mich abholte. Er hat mich nicht so angesehen, als ob ich ein Stück Dreck wäre und, na ja, da hab ich mir vorgenommen, dass ich so werden wollte wie er. Sein Name war Lyle, mehr weiß ich nicht.« Sie schloss den Mund, als ob ihr klar würde, dass sie vor der Frau ihres Vorgesetzten zu viel aus ihrem Leben ausgeplaudert hatte. Ihr Gesicht war rosig, und der aufgesetzte, todernste Blick ließ sie noch verletzlicher wirken.

Ich machte weiterhin ein seriöses Gesicht und hoffte, ihr versichern zu können, dass ihre Offenbarungen meinen Respekt vor ihr nicht beeinträchtigen würden. »Wir alle haben Menschen in unserem Leben, von denen wir behaupten können, dass sie uns beeinflusst haben. Im Grunde war deine Großmutter für mich als Kind eine echte Inspiration.«

»Wieso denn das?«, fragte Maggie.

»Cappy Brown war während der Vierziger- und Fünfzigerjahre Kunstreiterin beim Rodeo und hat eine Zeit lang auf ihrer Ranch Barrel Racing unterrichtet. So hab ich sie auch kennen gelernt. Sie ist mit ihren Schülern im Staat herumgefahren, um an Amateurrodeos teilzunehmen. Die beste Show, die ich je gesehen habe, hat sie eines Morgens für vier von uns Mädchen in einer leeren Arena in Bishop hingelegt. Sie hat Sachen auf ihrem Pferd gemacht, die ich niemals versuchen würde, und sie war Mitte fünfzig. Sie hat uns immer gesagt, dass alles, was wir tun wollten, auch möglich sei, und dass es keine ›Jungs‹-Jobs oder ›Mädchen‹-Jobs gäbe, sondern lediglich Jobs.«

Maggie nickte zustimmend. »Solche Frauen mag ich.«

Durch das Gespräch über ihre Großmutter wurde Bliss’ Gesichtsausdruck wieder sanfter. »Sie hat uns Enkelinnen immer gesagt, stets aufrecht im Sattel zu sitzen. Ich wette, das hab ich bestimmt eine Million Mal gehört.«

»Und, Mädchen, diesen Ratschlag musstest du sicher auch schon so manches Mal bei der Arbeit beachten«, sagte Maggie.

Der finstere Ausdruck kehrte auf Bliss’ Gesicht zurück. »Die haben gelernt, mich in Ruhe zu lassen.«

»Die?«, wollte ich wissen.

Maggie kicherte. »Dieses arme, kleine Mädchen ist schon öfter angemacht worden als so mancher Salat. Das kann man diesen geilen Trotteln auf dem Revier noch nicht mal vorwerfen. Sieh sie dir doch an.«

Bliss blickte noch finsterer drein. »Ich will nur eine gute Polizistin sein. Ich hab keine Zeit für einen Freund.«

Tja, dachte ich, während ich die M&Ms unter den Keksteig rührte, anscheinend hat sie doch ein bisschen Zeit gefunden.

Gabe war, gesegnet sei sein erfahrenes, kleines Polizistenherz, umgehend misstrauisch, sobald er sich zum Abendessen an unseren Küchentisch aus Kiefernholz setzte.

»Also, was ist los?«, fragte er und machte sich über die dampfenden Chili-Rellenos her. »Hast du ein Haus gefunden, das ich todsicher nicht leiden kann?«

»Nö.«

»Ernsthaft, du willst mich hier doch einwickeln. Wieso?«

Ich verriet ihm kein Sterbenswörtchen und wechselte jedes Mal das Thema, wenn er das Gespräch wieder darauf zurückführte. Als er beinahe aufgegessen hatte und ich gerade das letzte Haus beschrieb, das der Makler mir gezeigt hatte, klopfte Sam an die Fliegengittertür am Eingang.

»In der Küche«, rief ich und strahlte meinen Mann übers ganze Gesicht an.

Gabes wachsame, blaugraue Augen wanderten von meinem Gesicht zu dem seines Sohnes, dann wieder zurück zu meinem. Ein kleines Knurren rumpelte in seiner Brust. »Ich hätte es wissen müssen. Was habt ihr beide vor?«

»Ich verhungere«, sagte Sam, öffnete den Schrank und nahm sich einen blauweißen Steingutteller heraus.

»Lasst uns aufessen«, sagte ich und klopfte Gabe auf den Handrücken.

Gabe schüttelte den Kopf und nahm mit strengem Blick einen weiteren Bissen zu sich. »Du wirst besser nicht wieder die Schule schmeißen oder mir erzählen, dass du Drogen nimmst oder Schwierigkeiten mit dem Gesetz hast.«

»Es ist nichts dergleichen«, sagte Sam hastig und setzte sich Gabe gegenüber. »Ich schwöre es.«

Gabes Gesicht entspannte sich, während er seinen leeren Teller zur Seite schob. »Dann ist alles Übrige ein Kinderspiel.«

Ich nahm die Folie von der Servierplatte und hielt sie ihm hin. »Nimm einen Keks.«

Beim Anblick seines Lieblingsnachtischs leuchteten seine Augen auf.

»Nimm lieber zwei«, ermunterte ihn Sam.

3

»Ich werde was?«, bellte Gabe.

Sam brüllte zurück, das Timbre seiner Stimme war eine unheimliche jüngere Version von der seines Vaters. »Ich sagte, du wirst Großvater. Kapier’s doch endlich.«

Ich schob mich zwischen die beiden böse dreinblickenden Ortiz-Männer und legte meine Hände fest auf Gabes Brust. »Gabe, das kriegen wir schon hin. Es kommt vielleicht ein wenig ungelegen, aber …«

»Das war ja zu erwarten«, sagte Gabe über meinen Kopf hinweg. »Und wer ist nun dieses Mädchen, das du in Schwierigkeiten gebracht hast?«

»Sie ist nicht in Schwierigkeiten«, blaffte Sam. »Sie ist schwanger, und wir werden heiraten. Ganz einfach.«

»Heiraten! Und was habt ihr dann vor? Wo wollt ihr leben? Was wollt ihr essen? Wie willst du dieses Mädchen und ihr Baby unterstützen?«

»Dad«, sagte Sam mit gesenkter Stimme. »Ich liebe sie, und es ist auch mein Baby.«

Ich ließ die beiden stehen und sah zu, wie Gabe begriff, was Sam gesagt hatte. Sein Kehlkopf bewegte sich, als er krampfhaft schluckte. Er räusperte sich und fragte dann mit weniger harscher Stimme: »Wer ist sie?«

Sam sah mich verzweifelt an. Ich nickte ihm ermutigend zu, hielt aber eine Hand auf Gabes Unterarm.

Sam stellte sich aufrecht hin und sagte mit gelassener Stimme: »Bliss Girard.«

Gabes linkes Auge zuckte einmal, danach wurde sein Gesicht starr. Ich wusste, dass er schockiert war, aber mir war ebenfalls klar, dass er jedes Quäntchen seiner Polizeierfahrung zusammenkratzte, um ja nicht zu reagieren.

Sam trat von einem Bein aufs andere und errötete unter seiner tief gebräunten Surferhaut. »Ich werde dich nicht um Geld bitten. Bliss und ich werden das schon hinkriegen.«

Gabe starrte seinen Sohn eine ausgedehnte Minute lang an, dann drehte er sich um und ging aus dem Zimmer.

Sam wischte sich eine Schweißperle von der Oberlippe und kräuselte verwirrt die Stirn. »Ich dachte, er würde völlig ausrasten, wenn er rauskriegt, wer sie ist.«

Ich zuckte mit einer Schulter, unfähig, die Reaktion seines Vaters zu erklären. »Er ist müde, Sam. Die letzten Wochen auf dem Revier waren sehr anstrengend. Er steht unter enormem Druck.«

»Er ist wirklich sauer, oder?« Über Sams Gesicht zog ein Schatten. Dann wurde es, so rasch wie ein Sommergewitter, wütend. »Das ist mir völlig egal. Es ist schließlich nicht sein Leben. Bliss arbeitet für ihn, aber sie gehört ihm doch nicht.«

Ich schlang ihm kurz die Arme um die Hüfte und drückte ihn. »Das Schlimmste ist vorbei, Stiefsohn. Es wird ein bisschen dauern, aber Gabe wird sich daran gewöhnen. Und – merk dir meine Worte – dann wird er der vernarrteste Großvater sein, den du je gesehen hast.«

»Danke, madastra«, sagte er und benutzte den zärtlichen spanischen Ausdruck für Stiefmutter. Er fuhr sich mit den Fingern durch die kurz geschnittenen, schwarzen Haare. »Einen Elternteil hinter mir, einen noch vor mir.«

»Du hast es deiner Mutter noch gar nicht erzählt?«

Gabes Exfrau war eine prominente Strafverteidigerin, die sich vor kurzem hatte scheiden lassen und anschließend von Newport Beach weggezogen war, nachdem sie eine Stelle in einer Rechtsanwaltskanzlei in Santa Barbara angenommen hatte, hauptsächlich, um näher an ihrem Sohn Sam zu sein. Wegen ihres vollen Terminkalenders waren wir uns immer noch nicht begegnet. Sam fuhr jeden Monat ein paarmal nach Santa Barbara, um sie zu besuchen. Das einzige Foto, das ich bisher von ihr gesehen hatte, zeigte sie mit Sam bei seinem High-School-Abschluss vor zwei Jahren. Hätte man mir fünfundzwanzig oder weniger Worte zugestanden, um sie zu beschreiben, hätte ich gesagt: schwarze Haare, schwarze Augen, schlank, groß, reizend, mit dem Chic von Saks Fifth Avenue. Es war leicht zu sehen, wie der Mix aus ihren und Gabes Genen einen derartigen Parade-Stopper wie Sam produzieren konnte.

»Was glaubst du, wie sie reagieren wird?«, fragte ich.

»Sie wird verärgert sein, aber nicht so sehr wie Dad. Sie hat sich immer mehr um Schadensbegrenzung gekümmert. Prävention ist eher sein Ding.«

Ich hob die Augenbrauen, erwiderte aber nichts. Prävention wäre, in diesem Falle, sicherlich die besonnenere Handlung gewesen, doch ich wollte mich mit meinem neunzehnjährigen Stiefsohn nicht auf eine Diskussion über Geburtenkontrolle oder Abstinenz einlassen. Das war definitiv das Privileg der biologischen Eltern. »Wann wirst du’s ihr erzählen?«

»Morgen. Bliss und ich essen morgen mit ihr in Santa Barbara zu Mittag. Danach wird sie schätzungsweise mit Dad ein Palaver halten.«

Das erste von vielen, zweifelsohne. Bei diesem Gedanken zog sich mein Magen leicht zusammen. »Na dann, viel Glück. Und, Sam …«

Er seufzte übertrieben und fand sich damit ab, sich noch einen Ratschlag anzuhören.

»Das wird schon alles. Du und Bliss, ihr werdet tolle Eltern. Das wird ein glückliches Baby.«

Ein Lächeln breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus. »Danke, Benni. Das musste ich wirklich mal hören.«

Im Schlafzimmer saß Gabe auf unserem Bett und starrte zu Boden. Ich setzte mich neben ihn und streichelte ihm in kleinen Kreisen seinen starken Rücken. »Gabe, es ist ein Baby. Es ist nicht das Ende der Welt.«

»Er ist noch so jung und verantwortungslos. Und eine meiner eigenen Beamtinnen! Das ist einfach zu viel des Zufalls. Was hat er sich bloß dabei gedacht? Was hat sie sich dabei gedacht? Was …?«

Ich lachte laut los, packte ihn am Nacken und drückte ihn. »Gedacht? Die haben sich auch nicht mehr dabei gedacht als wir, als wir vor anderthalb Jahren so lüstern waren. Weißt du noch, wie viele Leute über uns getuschelt haben, als wir so schnell geheiratet haben? Hat uns das gestört? Überhaupt nicht, weil wir nur einander gesehen haben. Wir waren blind vor Liebe, genau wie Sam und Bliss. Es ist reiner Zufall, dass sie für dich arbeitet. Ich hab noch nicht erfahren, wie die beiden sich kennengelernt haben, aber ich vermute, dass sie sich erstmals begegnet sind, als wir letztes Jahr versucht haben, diese Schwachköpfe daran zu hindern, das Auto deines Vaters zu demolieren. Außerdem wette ich, dass sich die beiden irre Sorgen gemacht haben, wie sie dir von ihrer Beziehung erzählen sollen. Ich hab mich ein paarmal mit Bliss unterhalten, und sie kommt mir nicht vor wie eine leichtsinnige Frau.«

»Das ist sie auch nicht«, sagte Gabe mit nachdenklichem Gesicht. »Ich kann mir vorstellen, dass es schwer für sie gewesen ist. Sie scheint Sam wirklich gern zu mögen, wenn sie das riskiert.«

»Das ist ja auch nicht schwer. Ihr Ortiz-Männer neigt dazu, unwiderstehlich zu sein.«

Er drehte sich um, drückte mich aufs Bett hinunter und bedeckte mich mit seinem schweren, warmen Körper. »Und überhaupt, was meinst du eigentlich mit lüstern waren? Was soll denn die Vergangenheit hier?« Er beugte sich herunter und küsste mich innig, seine Zunge war fest und süß und stimulierend.

»Okay, okay, lüstern sind«, murmelte ich, während seine Lippen an meinem Hals hinunterwanderten und eine Reihe elektrischer Funken auf meiner Haut verursachten.

»Vergiss das ja nicht«, sagte er und knöpfte meine Bluse auf.

»Hmm, das ist ja mal ganz was Neues. Ich hatte noch nie Sex mit einem Großvater.«

Er öffnete den letzten Knopf und zog meine Bluse aus. Seine mahagonifarbene Haut ließ seine blauen Augen noch mehr strahlen. »Das, niña«, meinte er, »wirst du in einer Stunde nicht mehr behaupten können.«

4

Bevor ich mich am nächsten Morgen im Museum über den angestauten Papierkram hermachte, rief ich auf der Ranch an.

»Hat Sam es dir schon erzählt?«, fragte ich meine Großmutter Dove. Ich hatte bereits letzte Nacht mit ihr telefoniert und ihr, nachdem ich sie hatte Stillschweigen schwören lassen, von dem Baby erzählt.

»Ja, er hat es mir und deinem Daddy beim Frühstück gesteckt«, sagte sie. »Ich hab ganz überrascht getan, aber ich hatte schon so was vermutet. Er hatte eine Woche lang kaum was gegessen. Als er gestern Morgen ein zweites Bananen-Zimtröllchen ausgeschlagen hat, wusste ich, dass etwas im Busch war. Ich durchsuche bereits meine Muster nach einem Wiegenquilt. Was hältst du von Tumbling Blocks?«

»Könnte mir kein passenderes Muster vorstellen, aber vielleicht solltest du zuerst über einen Hochzeitsquilt nachdenken.« Ich kritzelte ineinander greifende Kreise auf den Zeichenblock vor mir. »Vielleicht das Eheringmuster.«

»Das ist viel zu offensichtlich. Das Broken Dishes ist ganz schön, und das könnte ich auch viel schneller herstellen.«

Ich lachte und begann einen der Kreise mit Farbe auszumalen. »Ganz zu schweigen davon, dass es eine Vorhersage über ihre Zukunft sein könnte. Kommst du heute in die Stadt? Willst du zum Mittagessen gehen?«

»Ich wünschte, das ginge, Zuckerschnecke, aber ich muss mir den ganzen Tag lang im Seniorenzentrum den Kopf darüber zerbrechen, wie wir die siebentausend Dollar verdienen können, die wir brauchen, um die Küche erneuern zu können.«

»Hat die Versicherung den Feuerschaden denn nicht bezahlt?« Ein Mitglied (ein Mann, wie Dove und die Damen sofort bei jedem, der fragte, betonten), hatte versucht, ein paar Tacos zu braten und ein Ölfeuer entfacht, das die Küche ausgebrannt hatte.

»Sie hat zwar gehaftet, aber nur für die billigstmögliche Lösung. Wir brauchen das Geld, um aufzurüsten und unsere Kapazitäten zu vergrößern.«

»Und, habt ihr schon ein paar Ideen, wie ihr das Geld verdienen könnt?«

»Das ist doch die erbärmlichste und einfallsloseste Gruppe von Wichtigtuern, die ich je gesehen habe. Die können einfach nicht über Kuchenverkäufe und Quilt-Tombolas hinausdenken. Wir brauchen schnell viel Geld. Wie ich schon sagte, machen wir heute ein Brainstorming. Ich hab ihnen gesagt, dass dieses blöde Komitee auf sechshundert Jahre Erfahrung zurückblicken kann. Menschenskind, uns sollte doch wohl etwas Besseres einfallen als Napfkuchen zu verkaufen.«

»Na dann, viel Glück.«

»Glück ist für die Vögel. Wir brauchen kaltes, hartes Bargeld.«

»Plan mich mit zwanzig Dollar ein.«

»Huh, sehr großzügig«, sagte sie und legte während meines Gelächters auf.

Als Nächstes rief ich Elvia im Buchladen an und erzählte ihr von Sam und Bliss.

»Hast du Gabe seine Waffe abgenommen, bevor ihr’s ihm gesagt habt?«, fragte sie nicht nur im Scherz.

»Was gesagt?«, hörte ich die Stimme meines Cousins Emory im Hintergrund.

»Was macht denn dieser Schmierenjournalist so früh am Morgen da?«, wollte ich wissen. Seit etwa einem Jahr ging sie mit meinem Cousin Emory aus, einem Journalisten der San Celina Telegram Tribune. Er war letztes Jahr aus Sugartree, Arkansas, nach Kalifornien gezogen, um sie fürstlich auszuführen, und viel mehr war anscheinend auch nicht geschehen. Wir hatten fest damit gerechnet, demnächst einer Hochzeit beizuwohnen, aber gehofft, es wäre die von Emory und Elvia. Emory war bis über beide Ohren in meine beste Freundin verliebt, und ich war ziemlich sicher, dass sie ihn ebenfalls liebte, doch – sie sträubte sich mit Händen und Füßen, es zuzugeben.

»Er probiert es, mich mit Mandelgebäck in Versuchung zu führen«, sagte sie.

»Funktioniert es?«, fragte ich hoffnungsvoll.

»Wir werden sehen. Und, was ist mit Mittagessen?«

»Um zwölf im Liddie’s. Bring den Journalisten mit, wenn du willst.«

»Damit er bezahlen kann?«, fragte Elvia lachend.

»Natürlich, wozu ist er sonst gut?«

Jetzt war Emory an der Strippe. »Was ist da los, Ladys? Meine Ohren klingeln so.«

»Erzähl du’s ihm, Elvia«, sagte ich. »Ich sehe euch beide heute Mittag.«

Schließlich widmete ich mich meiner Büroarbeit und verfasste gerade ein weiteres Zuschussgesuch, als JJ Brown, eine der letzten Neuzugänge in unserer Künstler-Co-op, an meinen Türrahmen klopfte.

»Hast du ’ne Minute, Benni?«

Ich sah von meinem neuen Laptop auf und war dankbar für die Unterbrechung. »Na klar«, sagte ich und deutete auf den schwarzen Kunstlederschwinger vor meinem Schreibtisch. »Seit einer Viertelstunde fummle ich auf diesem blöden Ding am Zeilenabstand herum und stehe kurz davor, es in den Müll zu schmeißen und ’nen Bleistift anzuspitzen. Jede interessante Ablenkung ist hochwillkommen.«

Beim Anblick des grauen Plastikteils auf meinem Schreibtisch verzog sie das Gesicht. »Ich hab ’ne echte Technophobie. Ich bin bestimmt der einzige Mensch in meiner Altersgruppe, der nie gelernt hat, mit Computern umzugehen.«

»Im Moment weiß ich genau, wie du dich fühlst. Was kann ich denn für dich tun?«

Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und sah mich nachdenklich an. JJ war ein willkommener, wenngleich auch manchmal kontroverser Neuzugang in der etwa vierzigköpfigen, wechselnden Künstlergruppe, die der Kooperative angehörte, die vom Folk-Art-Museum gesponsert wurde. In den drei Monaten, denen sie der Co-op angehörte, hatte ihre Haarfarbe mindestens viermal gewechselt. Sie stand auf Röcke im ostindischen Stil, Sechzigerjahre-Schlaghosen und Kunstseidenkleider, die meine Lehrerinnen in der Grundschule getragen hatten, wenn ich mich recht erinnerte. Natürlich sahen sie an JJ entschieden flotter aus, wenn man die hochtoupierten Haare, ihre blau, grün oder schwarz lackierten Nägel und die Schönheitsflecke aus falschen Bergkristallen hinzunahm, die sie an überraschende Stellen ihres Körpers klebte. Ein paar der eher konservativen Co-op-Mitglieder fanden sie zunächst ein wenig abstoßend, doch ihr feiner Sinn für Humor, ihre Großzügigkeit und die Bereitschaft zu arbeiten, ganz zu schweigen von den wunderschönen und exakten Details ihrer handgenähten, Geschichten erzählenden Crazy Quilts ließen die Leute rasch wieder umdenken. Ihre echte Dankbarkeit, als Mitglied der Kooperative aufgenommen zu werden, berührte mich. Ich hatte sie sofort gemocht.

»Kann ich die Tür zumachen?«, fragte sie.

Ich nickte und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. Das hörte sich ernst an. Ich hoffte, dass niemand ihre Gefühle ernsthaft verletzt hatte und sie die Co-op verlassen würde. Wir brauchten unsere jüngeren Künstler, um zu verhindern, dass die Co-op zu eingefahren wurde. Ihre ungewöhnlichen Crazy Quilts hatten in Kunsthandwerkskreisen für einige Kontroversen gesorgt. Sie lehnte traditionelle Seide und Baumwollsamt gleichartiger Quilts ab und benutzte lieber eine Kombination aus alten und neuen Stoffen, Genre-Drucke, Leder, Knochen und antike Knöpfe, um einen modernen Crazy Quilt zu kreieren, der sich sogar über das kontroverse Muster selbst hinwegsetzte. Sämtliche ihrer Kreationen beinhalteten ein Thema, das die wichtigsten Momente im Leben zelebrierte – Geburt, erster Schultag, Heirat, Scheidung, Tod –, und wurden allmählich von einigen Leuten in professionellen Kunsthandwerkskreisen wahrgenommen. Eine Künstlerin musste lediglich von einem respektierten Folk-Art-Sammler mit guten Verbindungen »entdeckt« werden, und schon lief ihre Karriere an. Ich hoffte, dass ihr ganz genau dies widerfahren mochte, nicht nur, weil sie es verdiente, sondern eigennützigerweise auch, damit unser Folk-Art-Museum von ihrer Publicity profitierte und es etwas einfacher war, die stets schwer erhältlichen Fördermittel zu erlangen.

Sie setzte sich hin und kreuzte die Beine unter ihrem dünnen, fließenden Rock. »Ich spuck’s wohl am besten einfach aus. Ich hab dir in meiner Bewerbung nicht ganz die Wahrheit gesagt.«

»Ach ja?«, sagte ich, beugte mich vor und legte die Finger zusammen.

Sie sah auf ihre Hände, und ihr Gesicht färbte sich rosa. Ihre steifen, olivgrünen, stacheligen Haare erinnerten mich daran, dass ich Gabe versprochen hatte, diese Woche zum Abendessen Spargel zu kochen. »Es ist mir so peinlich«, sagte sie.

»Was stimmt denn nicht?«, warf ich ein und war ein wenig alarmiert.

»Nichts bezüglich meiner Kunst«, erwiderte sie rasch und sah mich aus klaren, zinnfarbenen Augen an.

»Was war es dann: dein Alter? Bist du in Wirklichkeit fünfundsechzig?«, lachte ich, um uns beiden die Spannung zu nehmen. Sie konnte nicht älter als zwei- oder dreiundzwanzig sein. Worüber sie auch die Unwahrheit gesagt hatte, konnte wohl nicht so dramatisch sein.

Sie fiel in mein Lachen ein. »Nein, ich bin wirklich zweiundzwanzig. Ich … es ist so … Also, die Person, die ich als meinen nächsten Verwandten angegeben habe, meinen Vater oben im Norden … Er ist es schon … aber nicht mein nächster Verwandter …« Schließlich platzte sie heraus: »Bliss Girard ist meine Zwillingsschwester.«

»Oh.« Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Keine ernste Lüge, aber ganz bestimmt eine überraschende. Ihre Zwillingsschwester? Darauf wäre ich nie gekommen. Die beiden hätten nicht unterschiedlicher aussehen können. »Dann nehme ich mal an, du hast die Neuigkeiten schon gehört.«

Sie setzte sich aufrecht hin. »Bliss und Sam sind gestern Abend vorbeigekommen. Sie haben gesagt, sie hätten es dir und seinem Vater gestern erzählt, und da hab ich mir gedacht, ich mache besser reinen Tisch.«

»Warum denn das große Geheimnis? Du schämst dich doch nicht wegen deiner Familie, oder? Cappy ist eine tolle Frau.«

Sie nickte nachdrücklich. »Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine Familie und bin sehr stolz auf sie. Deshalb benutze ich auch Brown als beruflichen Namen. Manchmal überrollt sie einen nur. Das war wohl auch der Grund, weshalb meine Mutter mit meinem Vater abgehauen ist, als sie siebzehn war, und oben im Norden gewohnt hat, während Bliss und ich aufwuchsen. Sie hat sich stets überrannt gefühlt von Großmutter Cappy und ihren beiden Schwestern, vor allem von Urgroßmutter Rose.«

Ich nickte verständnisvoll. Rose Jewel Brown war mehr als nur die Stammesmutter einer der vermögendsten und einflussreichsten Familien in unserem County, sie war praktisch eine Ikone. Jahrelang hatte sie Wohltätigkeitsveranstaltungen geleitet, ohne die der Kinderflügel des Allgemeinen Krankenhauses nie hätte gebaut oder unterhalten werden können. Selbst heutzutage war der Ernteball, den sie schon in den Vierzigerjahren ins Leben gerufen hatte, noch immer eine der herausragendsten Wohltätigkeitsveranstaltungen im San Celina County. Ich hatte nur einmal, letztes Jahr, daran teilgenommen, da zuvor nicht nur die Leute der Gesellschaft, die ihn unterstützten, weit über meinem sozialen Rang lagen, sondern auch der Eintrittskartenpreis von zweihundertfünfzig Dollar pro Person meine finanziellen Möglichkeiten bei weitem überstieg.

»Wie geht’s denn deiner Urgroßmutter?«, fragte ich.

»Sie ist vor kurzem in ein Seniorenheim etwas außerhalb von San Celina gezogen. Das, das auf dem Weg nach Morro Bay liegt, weißt du?«

Ich nickte. Seit über zwei Jahren gab ich Quiltunterricht im Oak-Terrace-Seniorenheim. Zumindest hatte ich dort für die ohnehin talentierten Quilterinnen Nadeln eingefädelt. Bevor ich Gabe geheiratet hatte, war ich außerdem über einen Mord unter den Bewohnern gestolpert, einen Vorfall, über den die Damen in meinem Quilter-Kreis noch immer gerne sprachen.

»Wieso hat sie denn die Ranch verlassen?«, fragte ich. Die Browns waren extrem wohlhabende Leute und hätten sich für Rose Jewel durchaus eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung für zu Hause leisten können.

JJ zuckte mit den Schultern. »Urgroßmutter Rose wollte das so. Sie sagt, sie wolle nicht auf der Ranch sterben. Sie will nicht mal mehr zu Besuch kommen. Sämtliche Schwestern – Großmutter Cappy, Großtante Etta und Großtante Willow – waren davon überhaupt nicht begeistert, aber Urgroßmutter Rose setzt immer ihren Willen durch.«

»Wie seltsam. Die meisten Leute wollen doch zu Hause sterben. Wie alt ist sie denn jetzt?«

»Sechsundneunzig.« JJs zierliches, junges Gesicht wirkte erstaunt angesichts eines Menschen solchen Alters. »Ich glaube jedenfalls, dass meine Mutter in Anbetracht der perfekten Rose Jewel, Cappy und ihren Pferden, Willow und ihrer Politik und Etta mit ihrer Weinkellerei bloß irgendwohin verschwinden wollte, wo sie frei atmen konnte. Ganz zu schweigen von den stets präsenten stummen Schwestern, wie Bliss und ich sie immer nannten.«

»Die stummen Schwestern?«

»Die Schwestern, die verstorben sind. Zwei Zwillingspärchen. Wenn man alle zusammenrechnet, erhält man die sieben Schwestern, nach denen die Ranch benannt ist.«

»Ich dachte, sie wäre nach den vulkanischen Bergen benannt.«

»Tja, das hatte sicher auch was mit dem Namen zu tun. Als mein Urgroßvater gleich nach dem Ersten Weltkrieg aus Virginia hierher kam, nannte er sie einfach die Brown-Ranch. Die beiden Zwillingspaare starben, nachdem sie hierher gezogen waren. Damals war Cappy etwa acht, meine Großtanten ein paar Jahre jünger. Urgroßvater Brown änderte ihnen zu Ehren den Namen. Sie starben ganz jung – gleich nach ihrer Geburt. Niemand in der Familie bekam wieder Zwillinge, bis Bliss und ich geboren wurden.«

»Das stimmt«, sagte ich, während ich mich an etwas erinnerte – als ich Bliss zum ersten Mal begegnet war, hatte ich sie nach ihrem Namen gefragt. »Bliss hat mir erzählt, sie hätte eine Zwillingsschwester namens Joy.«

JJ grinste. »Das bin ich. Mein voller Name ist Joy Jewel. Sie heißt Bliss Jewel. Alle Brown-Frauen tragen den Zweitnamen Jewel, zu Ehren meiner Urgroßmutter. Mir gefällt JJ besser. So nennt mich mein Vater.«

»Daher kommt also Seven Bars Jewel«, sagte ich. Der Zuchthengst ihres Gestüts war wohlbekannt und sehr gefragt, da er nicht nur siegreiche Rennpferde, sondern auch erstklassige Cutting Horses hervorbrachte. »Er ist ein Prachtkerl.«

»Oh ja, er ist der Grundstein von Großmutter Cappys Zuchtunternehmen. Er stammt direkt von Three Bars ab.«

Obwohl ich nicht viel über die Zucht von Quarter Horses wusste, hatte selbst ich schon von Three Bars gehört, einem der berühmtesten Quarter-Horse-Pferde, das je gelebt hatte. Von ihm stammten außergewöhnliche Fohlen ab, die sich bei Rennen, Halter- und Cutting-Wettbewerben hervorgetan hatten. Ich suchte in ihren zierlichen Zügen nach einer Ähnlichkeit mit Bliss. »Seid ihr zweieiige Zwillinge?«

Sie lachte, stellte ihre Füße wieder nebeneinander und entspannte sich erneut. »In Wirklichkeit sind wir eineiig, aber wir haben alles unternommen, um nicht gleich auszusehen. Unsere Eltern haben uns immer zur Individualität ermuntert.«

Nun sah ich mir ihr Gesicht genauer an, das mit gewagtem, hellem Make-up versehen war, und fand überrascht heraus, dass sie darunter tatsächlich die gleiche Knochenstruktur, Augenfarbe und den gleichen Augenbrauenschwung wie Bliss hatte.

»Ich passe voll in den Hippie-Lebensstil unserer Eltern«, fuhr JJ fort, »aber Bliss hat rebelliert, seit sie ein Kind war. Sie hat unsere Dosennahrung alphabetisch sortiert und sich von Cappys Geburtstagsgeld Aktenordner gekauft, um ihre Schulunterlagen abzuheften. Sie hat Susa und Moonie fast wahnsinnig gemacht.«

»Susa und Moonie?«

JJ errötete wieder leicht. »Meine Mutter und mein Vater. Ihre herkömmlichen Namen sind Susanna und Brad. Jedenfalls ist Bliss bei Cappy eingezogen, sobald sie achtzehn wurde. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sie ihr schon eher erlaubt hätten, bei Großmutter zu wohnen. Sie wäre vermutlich viel glücklicher gewesen, aber meine Eltern waren nun mal der Meinung, die Familie zusammenhalten zu müssen. Es ist nicht so, wie die Leute denken. Wir sind nicht ohne Moral aufgewachsen. Meine Mutter hat uns jede Woche zur Volksmesse in eine kleine mexikanische Kirche in der Nähe der Kommune mitgenommen, und sie und mein Vater haben sich wirklich geliebt. Selbst ihre Trennung war nicht rachsüchtig. Ich hatte eine wunderbare, wenn auch etwas ungeordnete Kindheit.« Den letzten Satz sprach sie mit einem Anflug von Trotz aus. Offenbar hatte sie den Lebensstil ihrer Eltern schon früher verteidigen müssen.

»Stehst du Bliss denn nahe?«, fragte ich neugierig. Es gab keine eineiigen Zwillinge, die verschiedener hätten aussehen und handeln können, daher konnte ich mir auch nicht vorstellen, wie ihr Verhältnis zueinander war.

»Wir sind immer bestens miteinander ausgekommen. Was sie an unseren Eltern ohne Ende nervt, scheint sie an mir nicht weiter zu stören. Wir haben uns einmal pro Woche gesehen, seit ich wieder hierhergezogen bin, als auch Susa zurückkam. Bliss und Susa wohnen draußen auf der Ranch, aber das ist mir ein bisschen zu viel Familie, deshalb habe ich ein Haus in der Stadt gemietet. Manchmal übernachtet Bliss bei mir, wenn sie eine Doppelschicht hat und zu müde ist, um nach Hause zu fahren.«

»Wie nimmt denn deine Familie die Nachricht mit dem Baby auf?«

»Susa ist ganz aufgeregt, natürlich. Sie sucht ja was, auf das sie sich konzentrieren kann, seit sie Moonie verlassen hat. Cappy steckt mitten in der Rennsaison und trainiert ständig irgendein Pferd, daher ist sie abgelenkt. Sie sagt bloß, sie vertraut darauf, dass Bliss schon das Richtige tun wird und die Sache gut macht. Sie und Bliss sind sich sehr ähnlich. Ich kann mir vorstellen, dass Großmutter Cappy morgens ein Baby auf die Welt bringt und nachmittags ein Jungpferd einreitet, ohne mit der Wimper zu zucken. Großtante Willow und ihre Enkelin, meine Cousine Arcadia, sind empört, da sie den konservativen Zweig der Familie vertreten, und Großtante Etta ist viel zu beschäftigt mit der Weinlese und dem Pressen, um sich mit irgendetwas zu befassen, das nicht mit Wein zu tun hat.«

»Wie funktioniert das eigentlich, gleichzeitig Weinkellerei und Pferdezucht zu betreiben?« Der Kampf zwischen Rinderzüchtern und Weinbauern um verfügbares Land war in diesen Tagen ein heißes Thema im San Celina County.

»Das läuft jetzt schon neun Jahre, und die Seven-Sisters-Weinkellerei nimmt immer schneller die Familie in Beschlag, was eine Menge Probleme zwischen meiner Großmutter und ihren Schwestern verursacht.« Sie bewegte sich auf ihrem Stuhl und kratzte um einen aufgeklebten, roten Schmuckstein an ihrem Hals herum. »Die Ranch wird von einer Treuhand verwaltet, die mein Urgroßvater bestimmt hat, und es gab so lange keine Konflikte, bis Großtante Etta mit dem Weinanbau begonnen hat. Der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Chase, steckt auch in der Weinkellerei mit drin und hat beizeiten gegen Großmutter Cappy gestimmt. Sie missgönnen ihr jeden Penny, den sie für die Pferde ausgibt.«

Chase Brown, Cappys Sohn, ein hiesiger Anwalt, ehemals Mitglied des Stadtrats, nahm regelmäßig an den politischen Veranstaltungen teil, die ich neuerdings oft mit Gabe besuchen musste. Er war Ende vierzig, noch nie verheiratet gewesen und gutaussehend, wie ein alternder Filmstar, auf diese vom Alkohol gezeichnete, dekadente Art, die manche Frauen anspricht.

»Wollte dein Urgroßvater denn ursprünglich nicht nur eine Pferdezuchtfarm betreiben?«

»Schon, aber trotz Cappys tollem Ruf brach das Interesse an Quarter-Horse-Rennen Anfang der Achtziger ziemlich ein, und das hat sie als Züchterin getroffen. Sie hat das Geschäft Schritt für Schritt wieder aufgebaut, aber es war nie mehr so wie früher. Die Weinkellerei hat, wie es scheint, genauso ihre Höhen und Tiefen. Beides verschlingt eine Menge Geld, aber wie es aussieht, wird der Weinanbau allmählich das Hauptgeschäft der Familie.«

»Wein gewinnt im County langsam die Oberhand, so viel steht mal fest«, sagte ich. Es war ein wunder Punkt bei den Ranchern, wie ich ständig von Daddy zu hören bekam, das schien sich im letzten Jahr noch verstärkt zu haben. Daddy und seine Freunde nannten die Weinleute »diese Trauben-arschlöcher«, wenn Dove nicht in der Nähe war, um sie zu tadeln.

JJ stand auf und strich sich den Rock glatt. »Tja, die Zeiten ändern sich. Wir können entweder mit dem Strom schwimmen oder untergehen, wie Großtante Willow gern zu sagen pflegt. Mir gefällt das zwar nicht unbedingt, aber da wird sie schon recht haben.«

Ich wollte nicht weiter über etwas reden, mit dem ich selbst so haderte. Die vielen Veränderungen der letzten beiden Jahre reichten mir für ein ganzes Leben.

»Also«, sagte sie. »Was ich eigentlich tun wollte außer zu beichten, war, dich und Gabe für heute Abend zum Essen auf die Ranch einzuladen. Großmutter Cappy hielt es für klug, dass wir uns alle mal treffen und kennenlernen, wo wir doch schon bald miteinander verwandt sein werden. Ich weiß, dass es sehr kurzfristig ist, aber sie hat gemeint, wir sollten lieber anfangen, Pläne zu schmieden.«

»Haben Bliss und Sam denn schon ein Datum festgelegt? Er hat uns nichts davon gesagt.«

»Ich glaube, das steht heute Abend auf dem Programm. Kommt ihr? Ach, und frag auch Dove und deinen Vater.«

»Das würden wir uns um nichts in der Welt entgehen lassen. Ich rufe Dove gleich an.«

Ich erwischte Dove gerade noch beim Gehen und erzählte ihr rasch von der Einladung. »Habt ihr schon was vor?«

»Wir werden da sein und Glöckchen tragen. Ich habe Cappy schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Jetzt gehören wir bald zur Familie. Das finde ich witzig.«

»Es wird auf jeden Fall interessant werden, so viel steht mal fest«, erwiderte ich.

Ich schrieb mein Zuschussgesuch zu Ende und goss meinen dürren Farn, bevor ich mich in den zentralen Raum der Kooperative begab. Die Co-op-Werkstätten, die früher mal die Ställe der Sinclair-Hacienda gewesen waren, waren in kleinere Lager- und Arbeitsräume unterteilt worden, in denen die Holzarbeiter, Maler, Töpfer und andere Volkskunsthandwerker untergebracht waren. Die Hauptwerkstatt war gewöhnlich voller Quilter, da sie der einzige Raum war, der ausreichend Platz bot, um unsere beiden Quilt-Rahmen anzubringen, die man mit ein paar Schraubeneinstellungen von ganz klein bis zur King-Size-Größe verändern konnte. Wir waren dazu übergegangen, den Raum und die Quilt-Rahmen für eine geringe Stundengebühr an verschiedene Quilter-Gruppen zu vermieten. Es war eine kleine Möglichkeit, wie das Museum seine wenigen, unsteten Einnahmequellen ergänzen konnte. Ich mochte es sehr, wenn sich örtliche Quilter-Gruppen einmieteten, da sie stets mit herrlichen Snacks hier eintrudelten – Quilter sind oft preisverdächtige Köche. Natürlich hatte sich der Raum mit Quiltern gefüllt, seit ich vor drei Stunden mein winziges, hinteres Büro betreten hatte, doch ich widerstand den Zitronenschnittchen auf dem Tresen und sagte mir, dass ich in wenigen Minuten zu Mittag essen würde. Vielleicht waren ja noch welche übrig, wenn ich gegen drei Uhr meine Zuckerdröhnung brauchte.

Die San-Celina-Baumwollflicken-Quilter arbeiteten an einem riesigen Quilt in den vorherrschenden Farben Lila, Burgunder, Weiß, Gold und Grün. Jedes Quadrat war eine applizierte Szene aus Weinreben, Trauben und Blättern, die verschiedene Traubensorten repräsentierten, die im San Celina County angebaut wurden. Die exotischen, romantisch klingenden Namen der Trauben waren unter jedem Quadrat eingestickt – Zinfandel, Cabernet Sauvignon, Chardonnay, Pinot Noir, Grenache, Viognier, Merlot, Syrah.

»Der ist ja schön«, sagte ich. »Für wen ist der?«

»Für eine Quilt-Tombola«, antwortete eine weißhaarige Frau in einer Hopi-Weste und sah von ihrer Arbeit auf. »Das Weinlesefestival in Mission Plaza findet dieses Wochenende statt, und der Erlös geht an die freien Kliniken in Paso Robles und San Celina. Der Gewinner wird am Sonntag bei der Zin-und-Zydeco-Veranstaltung verkündet.«

»Gabe und ich haben Karten dafür«, sagte ich. »Er liebt Zydeco-Musik. Ganz zu schweigen vom Wein.«

»Dann kauf dir lieber ein paar Tombolalose«, riet mir die Frau. »Ein Dollar das Stück oder fünf für fünf Dollar.«

»Super Geschäft«, meinte ich und zog einen Fünfer aus meiner verwaschenen Wrangler.

Sie nahm das Geld und überreichte mir fünf nummerierte Lose. »Wir haben schon überlegt, fünf für sechs Dollar zu verkaufen, um zu sehen, ob jemand darauf reinfällt, aber Edna hier hat uns zurückgehalten. Sie glaubt immer noch, sie wäre Wärterin im County-Gefängnis.«

Edna, eine Dame mit tizianroten Haaren, hob ihre passend roten Augenbrauen. »Man muss die Ladys hier gut im Auge behalten. Die würden alles tun, um bedürftigen Kindern eine gute Gesundheitsfürsorge zu verschaffen.«

»Was für ein gesetzloser Haufen«, sagte ich lachend.

In Liddie’s Café in der Innenstadt schob ich mich durch eine Gruppe Touristen, die sich die Tageskarte auf der Tafel in der vollgestopften Lobby im Stil der Fünfzigerjahre durchlasen. Liddie’s »Rund-um-die-Uhr«-Café war schon das Lieblingsrestaurant der Einheimischen gewesen, bevor meine Familie Anfang der Sechziger nach San Celina gekommen war. Schicke Restaurants und angesagte Cafés sind aufgetaucht und wieder verschwunden, und trotzdem hat Liddie’s überlebt. Mit seinen roten Vinylsitzecken, Resopaltischen, verblichenen Lämmerfotos des Landjugendvereins an den Wänden und den Country-Klassikern in der Jukebox war es mehr als bloß Tradition; es war beinahe ein Schrein für die alten Tage. Buck, der achtzigjährige Inhaber, glaubte nicht, dass nach den besten Zeiten von Tammy Wynette und George Jones noch irgendjemand annehmbare Lieder aufgenommen hatte, obwohl er – nachdem sich ein paar von uns jüngeren Stammgästen beschwert hatten – eingewilligt hatte, Dwight Yoakam, Emmylou Harris und Dale Watson laufen zu lassen.

Und dann war da noch Nadine.

Sie stand hinterm Tresen und beäugte mich über ihr spitzes rosa Brillengestell hinweg. Ihre dazu passende rosa Uniform war sauber und gestärkt und hatte eines dieser Namensschilder aus Stoff, die man bei heutigen Kellnerinnen nicht mehr findet, außer im Fernsehen. Oder im Liddie’s.

»Die sind in eurer üblichen Nische«, sagte sie und nickte zum hinteren Teil. »Frag Emory, wie lange er das Mädchen noch so mit sich rumspielen lässt, wie ein Kätzchen mit ’nem sprungbehinderten Grashüpfer.«

»Nein, danke«, lehnte ich fröhlich ab. »Diese bedeutende und neugierige Frage überlasse ich lieber dir.« Jeder – allen voran Nadine – wollte nur allzu gerne wissen, wann Emory und Elvia die Bande der Ehe knüpfen würden. Sie hatte ja keine Ahnung, dass zuvor noch eine weitere Hochzeit bevorstand. Diesen Informationsvorsprung kostete ich mit Wonne aus.

»Ich geb dir gleich bedeutend und neugierig«, rief sie mir nach. »Was soll’s denn heute sein, Miss Zimperlich? Die beiden haben schon bestellt.«

»Ist das Chili gut?«

»Du wirst schon nicht dran sterben, wenn es das ist, was du wissen willst.«

»Mit extra Käse und Zwiebeln, Miss Nadine. Ich danke dir auch sehr.« Ich drehte mich um und warf ihr noch ein Kusshändchen zu.

Sie grummelte vor sich hin und blaffte dann die Touristen an. »Herrgott noch mal, Leute, ihr habt zwei Möglichkeiten – nehmt es oder lasst es bleiben.« Dann rief sie dem Koch meine Bestellung zu.

In der Sitzecke saßen Emory und Elvia schweigend nebeneinander.

»Alles klar?«, fragte ich und rutschte auf die Bank ihnen gegenüber. Nadine hatte mir bereits mein Wasser und eine große Cola gebracht. Ich nippte an meinem Wasser und blickte von Emorys Gesicht in Elvias – sie schaute gleichgültig drein, er beunruhigt.

»Bestens«, erwiderte Elvia, doch der Klang ihrer Stimme verriet mir etwas anderes. Ihr voller, roter Mund verzog sich nach unten.

Emorys grüne Augen blickten unglücklich und leicht resigniert drein. Ich fragte mich, wie lange mein blonder, urbaner, von den Arkansas Razorbacks besessener und äußerst wohlhabender Cousin meiner hübschen, aber zögerlichen Freundin wohl noch nachstellen würde. Seit elf Monaten hieß es einen Schritt vorwärts, fünf Schritte zurück, und obwohl er ein geduldiger und optimistischer Mann war, schien sein Tankanzeiger sich bedrohlich gegen Null zu neigen. Ich kannte den Grund, weshalb sie bei Männern so argwöhnisch war: eine verheerende Beziehung im Alter von dreiundzwanzig Jahren mit einem Aushilfsprofessor, der ihr erzählt hatte, er sei Single. Später hatte sie herausgefunden, dass er verheiratet war, fünf Kinder hatte und keinerlei Absichten hegte, seine Familie zu verlassen. Seitdem hatte es ein paar Beziehungen gegeben, die jedoch allesamt keine Macht über ihre Gefühle gehabt hatten. Bis Emory kam. Er war anders, was sie auch wusste, und es ängstigte sie zu Tode. Es gab so vieles, das ich ihm Elvia betreffend hätte erklären können, aber das tat ich nicht. Ihre Geschichte … und ihre Gefühle für ihn musste sie ihm schon selber darlegen.

Oh ja, die Straße zur Liebe war voller Schlaglöcher – das wusste ich genau. Gott sei Dank war es für Gabe und mich in den letzten Monaten glatt gelaufen. Vielleicht würde ja etwas Klatsch die beiden von ihren persönlichen Problemen ablenken. »Ihr erratet nie, was ich erst vor wenigen Minuten über Bliss herausgefunden habe.«

Elvia setzte einen gespielt interessierten Gesichtsausdruck auf und richtete den Kragen ihres waldgrünen Wollanzugs. »Erzähl’s uns.«

Emory nippte an seinem schwarzen Kaffee und schwieg weiterhin.

»Sie ist ein eineiiger Zwilling. Ihre Schwester ist Mitglied in unserer Co-op, und ich hatte keine Ahnung, dass die beiden verwandt sind.«

»Falls sie ein eineiiger Zwilling ist …«, begann Emory.

Ich hob die Hand. »Ich sag’s dir, Emory, die sind wie Schäferhund und Pudel. Mir fiel die Ähnlichkeit erst auf, nachdem JJ es mir erzählt hatte, aber ehrlich, es war eine Überraschung für mich. JJ ist Quilt-Künstlerin. Vielleicht habt ihr einige ihrer Arbeiten schon mal in der Stadt gesehen. Sie macht sehr untraditionelle Crazy Quilts, die irgendwie Geschichten erzählen.«

»Meinst du JJ Brown?&

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